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Notärztin Andrea Bergen - Folge 1299

Aus den Aufzeichnungen der Notärztin

Fotografen, Presseleute, erwachsene Fans und kreischende Teenies – der Vorplatz des Elisabeth-Krankenhaus gleicht einem Bienenstock, seit der viel umschwärmte, blendend aussehende Schauspieler Frederik Lucca bei uns behandelt wird! Unglaublich, auf welche Ideen die Frauen kommen, um sich in sein Zimmer zu schleichen! Und die »Liebes-Epidemie« hat nun auch unsere ledigen Pflegerinnen und Schwesternschülerinnen erreicht! Alle laufen sie mit verklärten Gesichtern umher und nutzen jede Gelegenheit, um einen Blick auf den Traummann zu werfen. Außer mir scheint nur eine gegen diese um sich greifende Liebeskrankheit immun zu sein, und das ist Elena Vossberg, unsere junge Physiotherapeutin, die gerade eine große Herzensenttäuschung hinter sich und den Männern abgeschworen hat. Doch ausgerechnet auf sie scheint unser Casanova ein Auge geworfen zu haben! Mal sehen, ob seine Charme-Offensive am Ende nicht doch noch erfolgreich ist …

Aus den Aufzeichnungen der Notärztin

Es war dieser schreckliche Augenblick zwischen Leben und Tod. Dr. Markus Menzini gab nicht auf und fuhr mit der Herzmassage fort.

»Ben!« Die hübsche Frau presste beide Hände gegen ihren Mund. Tränen liefen über ihre Wangen. »Bitte, Ben, verlass mich nicht!«

Dr. Menzini arbeitete verbissen weiter, bis sich die Gesichtszüge des Patienten verkrampften und er plötzlich aufstöhnte.

»Sein Herz schlägt wieder!« Dr. Menzini richtete sich auf, ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen.

Die Frau flog auf ihn zu und umarmte ihn. »Danke! Sie haben meinem Mann das Leben gerettet, Dr. Menzini.« Sie hielt inne, und es war ihr anzusehen, dass sie mit sich selbst rang, bevor sie die nächsten Worte flüsternd hervorbrachte: »Trotz allem, was er Ihnen angetan hat.«

Dr. Markus Menzini tätschelte ihren Rücken, schaute sie aber nicht an. Er war einen ganzen Kopf größer als sie, richtete seinen Blick in die malerische Bergwelt und erwiderte: »Ich folge stets meinem Gewissen! Als Arzt und als Mensch!«

Der Abspann lief zur Erkennungsmelodie, die ebenso kitschig war wie die Serie selbst.

»Was für ein Mist!«, stieß Andrea Bergen hervor.

Werner lachte.

»Das war doch spannend!« Hilde klang eingeschnappt, weil ihre Lieblingsserie weder bei ihrer Schwiegertochter noch bei ihrem Sohn Anklang fand.

»Wenn Andrea ihre Notfallpatienten so behandeln würde wie dieser Dr. Menzini, würden die das nicht überleben«, sagte Werner.

Hilde winkte ab. »Die Serie dient doch nicht der medizinischen Fortbildung, sondern ist ausschließlich als Unterhaltungsserie gedacht.«

Werner schüttelte den Kopf. »Das entschuldigt nicht alles, was da an medizinischen Fehlleistungen gezeigt wird. Wie kannst du dir so etwas nur jede Woche ansehen?«

»Und mit Hilde Millionen anderer Menschen«, kam Andrea ihrer Schwiegermutter zu Hilfe. »Die Quoten müssen gigantisch sein.« Sie grinste. »Übrigens hast du dir die Folge bis zum Schluss angesehen. Gib zu, du fandest es auch ganz spannend.«

»Ich war eher fasziniert von so viel Schwachsinn«, behauptete Werner und erhob sich. »Und jetzt ärgere ich mich über neunzig Minuten verschwendete Lebenszeit.«

»Also ich werde meine Lebenszeit auch nächste Woche wieder verschwenden«, erwiderte Hilde. »Ich freue mich jetzt schon darauf. Du guckst doch mit, oder?« Fragend schaute sie Andrea an.

»Nächste Woche habe ich Nachtdienst.«

»Aber sonst würdest du es dir auch ansehen?«

Andreas Blick wechselte von ihrer Schwiegermutter zu ihrem Mann und wieder zurück. Hilde erwartete offensichtlich ihre Zustimmung, während Werner sie spöttisch angrinste. Sie zuckte mit den Schultern, dann nickte sie.

»Wahrscheinlich schon«, gab sie zu. »Werner hat natürlich recht, diese Serie braucht dringend einen medizinischen Berater, aber ich fand die Geschichte nicht unspannend.« Andrea erwiderte das Grinsen ihres Mannes. »Und du offensichtlich auch nicht, sonst wärst du nicht sitzen geblieben.«

»Ich sage dazu nichts mehr.« Werner schüttelte den Kopf.

»Es ist mir egal, was du sagst«, erwiderte Hilde. »Dr. Markus Menzini ist meine Lieblingsserie. Ich brauche keine medizinische Realität, davon liefert ihr beide mir schon genug. Und jetzt gehe ich ins Bett.« Hilde erhob sich und zwinkerte ihrer Schwiegertochter zu, bevor sie zu Werner sagte: »Ich habe mir heute nämlich eines der Bücher zur Serie gekauft, und das werde ich jetzt lesen.«

Werner lachte laut auf. »Wenn du noch nicht genug hast von Dr. Markus Menzini, dann sei es dir gegönnt.« Er wartete, bis Hilde das Wohnzimmer verlassen hatte. »Und was machen wir?«, fragte er Andrea.

»Ich weiß nicht, was du machst.« Andrea erhob sich ebenfalls. »Aber ich gehe auch ins Bett.«

Werner verzog das Gesicht. »Ohne Dr. Menzini, hoffe ich.«

Andrea trat auf ihren Mann zu und schmiegte sich an ihn.

»Was will ich mit Dr. Markus Menzini, wenn ich Dr. Werner Bergen haben kann?«

»Genau die Antwort wollte ich hören.« Werner lachte und drückte seine Frau ganz fest an sich.

***

»Ich bin Arzt! Das ist nicht nur mein Beruf, sondern meine Berufung«, erklärte Dr. Menzini und schaute versonnen auf die blaue Studiowand. In der Nachbearbeitung wurde dort die Berglandschaft eingefügt, in der Dr. Menzini lebte und praktizierte.

»Klappe!«, rief Thorwald Frings, der in dieser Staffel Regie führte.

»Wer schreibt eigentlich diese schwachsinnigen Texte?« Frederik Lucca alias Dr. Markus Menzini hatte die Augenbrauen zusammengezogen. »Es wird immer theatralischer …« Er hielt kurz inne, bevor er wütend ergänzte: »Und dämlicher!«

Niemand nahm Notiz von ihm. Wahrscheinlich hatte sich das gesamte Team inzwischen an sein Gemecker gewöhnt. Das ärgerte ihn besonders, diese offensichtliche Missachtung.

Ihr werdet euch alle wundern, schoss es ihm durch den Kopf.

Er suhlte sich in der Vorstellung, wie er dem Produzenten und dem ganzen Team mitteilte, dass er als Dr. Markus Menzini nicht mehr zur Verfügung stehen würde, weil er ein weitaus besseres Angebot hatte.

Die Realität war allerdings ernüchternd. Es gab kein besseres Angebot, und inzwischen drehten sie die dritte Staffel dieser unsäglichen Arztserie, die von den Zuschauern geliebt, von den Kritikern jedoch ziemlich verrissen wurde.

Anfangs war es Frederik egal gewesen, aber inzwischen hatte er feststellen müssen, dass er schon viel zu sehr auf diese Arztrolle festgelegt war. Zusammen mit den miesen Kritiken verhinderte das neue Angebote.

Ich hätte nach der ersten Staffel aufhören müssen!

Diesen Vorwurf machte er sich nicht zum ersten Mal, auch wenn er sich selbst sagte, dass es nichts brachte. Er hatte diese Entscheidung getroffen und konnte sie nicht mehr rückgängig machen.

»Hörst du mir zu, Frederik?« Die Stimme des Regisseurs durchdrang laut und ungeduldig seine Gedanken.

»Ja«, log Frederik.

Er sah es Thorwald Frings deutlich an, dass der ihm nicht glaubte. »Dein Dreh beginnt morgen um sechs«, wiederholte der Regisseur.

Frederik schüttelte den Kopf. Er hatte den Drehplan für die nächsten Tage im Kopf.

»Ich habe die nächsten beiden Tage drehfrei.«

»Das habe ich doch gerade lang und breit erklärt.« Thorwald Frings schloss die Augen, seine Brust hob und senkte sich, als müsste er tief durchatmen, um nicht vollends die Geduld zu verlieren. Er öffnete die Augen wieder. »Wir mussten den Drehplan ändern, weil Britta morgen einen wichtigen Termin hat.«

»Das ist mir egal«, erwiderte Frederik hart. »Ich habe morgen Vormittag auch einen wichtigen Termin.«

»Den wirst du verschieben müssen!«

Auf keinen Fall! Frederik bemerkte selbst nicht, dass er den Kopf schüttelte. Morgen war das wichtigste Casting seines Lebens. Es ging um eine Rolle, die ihn endgültig vom Image des Fernseharztes befreien sollte.

»Dann soll Britta gefälligst ihren Termin verschieben. Ich bin morgen nicht da!« Damit drehte er sich um und verließ das Set. Er hörte zwar, dass Thorwald ihm etwas nachrief, verstehen konnte er die Worte allerdings nicht.

Frederik wusste, dass Thorwald sauer war, aber das interessierte ihn nicht. Er spielte die Hauptrolle in der Serie Dr. Markus Menzini, er war der Held der Serie, der Schwarm aller Zuschauerinnen und wusste genau, dass der Produzent eher den Regisseur als ihn austauschen würde, wenn Thorwald jemals eine solche Forderung stellen sollte.

Aber selbst dieser Gedanke versöhnte ihn nicht mit seiner Rolle.

***

»Was für ein Mann!« Martina Grunert seufzte tief auf und betrachtete das Titelbild auf der Illustrierten, die sie selbst mitgebracht hatte.

Elena Vossberg warf einen Blick auf das Foto. »Muss man den kennen?«

Martina Grunert schaute fassungslos zu ihr auf. Sie saß auf einem der drei Stühle im Wartebereich und war Elenas nächste Patientin.

»Das ist Dr. Markus Menzini. Oder vielmehr Frederik Lucca. Er spielt Dr. Menzini. Sie müssen die Serie doch kennen! Jeder kennt die.«

Elena schüttelte leicht den Kopf. »Ich sehe nicht oft fern«, gab sie zu. »Ich lese in meiner Freizeit lieber oder treibe Sport. Außerdem habe ich eine Tochter.«

»Sie müssen sich das unbedingt ansehen!« Martina Grunert schien fassungslos zu sein, weil es tatsächlich jemanden gab, der ihre Lieblingsserie nicht kannte. »Sie müssen sich das unbedingt ansehen. Für Sie ist das doch sozusagen Pflichtprogramm!«

»Wieso das denn?«, fragte Elena überrascht.

»Weil es eine Arztserie ist.«

Elena hielt das für einen Witz, lachte laut auf, bis ihr klar wurde, dass Martina Grunert das offensichtlich ernst meinte.

»Wenn ich mal Zeit habe, schaue ich mir eine Folge an«, versprach sie diplomatisch und hatte es bereits in dem Moment vergessen, als Martina Grunert auf der Behandlungsliege lag.

Martina Grunert war eine Brustkrebspatientin, die nach der OP und der daran anschließenden Behandlung mit Chemotherapie und Bestrahlungen unter Lymphödemen litt. Seit einem halben Jahr kam sie regelmäßig zur Lymphdrainage.

Elena war Physiotherapeutin, aber durch ihre Zusatzausbildung zur Lymphologin konnte sie ihren bisherigen Halbtagsdienst ausweiten. Nun arbeitete sie drei Tage in der Woche ganztags.

Sie brauchte das Geld, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Tochter bestreiten zu können. Till hatte sich zwar verpflichtet, Unterhaltszahlungen für Fiona zu leisten, aber bisher hatte sie keinen Cent von ihm erhalten.

Wie immer, wenn Elena an ihren zukünftigen Exmann dachte, spürte sie einen Kloß in ihrer Kehle. Er ließ sich nicht runterschlucken, sondern breitete sich zusätzlich in ihrem Bauch aus, als sie es versuchte.

Es tat immer noch weh!

Till und Nathalie! Die beiden hatten neben ihrer Tochter zu den wichtigsten Menschen in ihrem Leben gezählt. Die Erkenntnis, dass Till sie ausgerechnet mit ihrer ehemals besten Freundin betrogen hatte und jetzt mit ihr zusammenlebte, ließ Elena nicht zur Ruhe kommen.

Oft wachte sie nachts tränenüberströmt auf, weil sie von Till und der gemeinsamen Zeit mit ihm geträumt hatte. Wie hatte es passieren können, dass sich eine andere Frau, ausgerechnet Nathalie, zwischen sie drängen konnte? Sie waren doch glücklich gewesen …

Das war der Punkt, an dem Elena stets innehielt, in sich horchte und sich die Frage stellte, ob sie wirklich noch glücklich gewesen waren. Oder hatte sie sich die ganze Zeit etwas vorgemacht und nicht bemerkt, dass es bis auf Fiona nicht mehr viel Gemeinsames zwischen ihr und Till gegeben hatte?

»Frau Vossberg?«

Elena schreckte aus ihren Gedanken auf. Martina Grunert lag mit entblößtem Oberkörper auf der Liege. »Ich wäre dann so weit.«

»Entschuldigung, ich war mit meinen Gedanken ganz woanders.« Elena lächelte.

»Wenn er so blendend aussieht wie Dr. Menzini, kann ich das gut verstehen.«

Dr. Menzini? Elena runzelte die Stirn, dann fiel es ihr wieder ein. Martina Grunert sprach von diesem Fernseharzt.

»Allmählich werde ich neugierig.« Es war nicht mehr als Smalltalk, in Wirklichkeit interessierte sie weder die Serie noch Dr. Menzini. »Vielleicht sollte ich mir wirklich einmal eine Folge ansehen.«

Dabei wusste Elena genau, dass sie ihren Fernseher dafür niemals einschalten würde, aber sie erreichte damit ihr Ziel. Martina Grunert stimmte begeistert zu, berichtete ausgiebig und detailliert über die letzte Folge, und Elena konnte weiter ihren Gedanken nachhängen, während sie die Patientin behandelte.

***

Nathalie klopfte ungeduldig mit ihren lackierten Fingernägeln auf der Tischplatte, bis Till gereizt sagte: »Kannst du bitte damit aufhören?«

»Und kannst du endlich damit aufhören, dich bei allem zu fragen, was Elena wohl dazu sagen würde? Es geht sie nichts an, dass wir zusammen in Urlaub fliegen wollen.«

»Ich bin noch mit ihr verheiratet!«

Nathalie verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. »Daran musst du mich nicht erinnern, das weiß ich auch so. Aber du bist jetzt mit mir zusammen, und sie sollte sich damit endlich abfinden.«

Sie sah ihm an, dass er sich jetzt auch ärgerte. »Sie hat es kapiert«, erwiderte er heftig. »Du reibst es ihr ja bei jeder Gelegenheit unter die Nase.«

»Das wäre nicht nötig, wenn du sie nicht immer wieder in alles einbeziehen würdest.« Nathalie sprang auf und tigerte ungeduldig durchs Wohnzimmer. »Wieso musst du sie erst um Erlaubnis fragen, ob du mit mir nach Florida fliegen kannst?«

Till atmete tief durch, als müsste er sich dazu zwingen, ruhig zu bleiben. »Ich bitte sie nicht um Erlaubnis«, erklärte er schließlich, »ich spreche das lediglich mit ihr ab, weil die geplante Reise genau in die Zeit fällt, in der Fiona eigentlich das Wochenende bei uns verbringen soll. Es ist ja durchaus möglich, dass Elena das fest eingeplant und sich selbst schon etwas vorgenommen hat.«

Nathalie blieb vor ihm stehen. Sie warf den Kopf in den Nacken und lachte höhnisch auf. »Was soll sich diese Langweilerin schon vorgenommen haben?«

»Sie war deine beste Freundin«, sagte er mit sanfter Stimme.

»Die Betonung liegt auf war!« Nathalie hasste es, wenn er sie daran erinnerte. Inzwischen wusste sie nicht einmal, was sie und Elena einst miteinander verbunden hatte. Am liebsten würde sie den Kontakt zu ihr vollends abbrechen. Oder, wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst war, so wollte sie vor allem nicht, dass Till und Elena sich regelmäßig sahen.

Die Angst, dass er irgendwann zu seiner Familie zurückging, ließ sie nicht los.

Nathalie wusste, dass diese Angst durchaus berechtigt war. Sie war fest davon überzeugt, dass Till sich niemals von Elena getrennt hätte, wenn die nicht von sich aus den Koffer gepackt und gegangen wäre. Vor ein paar Monaten, als sie Till und Nathalie sozusagen in flagranti erwischt hatte.

Nathalie hatte dafür gesorgt, dass es zu diesem Moment kam.

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