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Notärztin Andrea Bergen - Folge 1282

Aus den Aufzeichnungen der Notärztin

Die arme Nele – ich weiß gar nicht, wie ich sie trösten soll! Ihre ganze Welt liegt in Scherben, seit sie vom Seitensprung ihres Mannes erfahren hat, der nicht ohne Folgen geblieben ist: Eric ist der Vater des fünfjährigen Jonas, wie Svenja Hellberg, Jonas’ Mutter, Nele gestanden hat – gezeugt zu einem Zeitpunkt, als Nele selbst sich einer strapaziösen Therapie unterzog, um endlich schwanger zu werden …

Nele ist inzwischen aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen – zutiefst verletzt und fest entschlossen, sich scheiden zu lassen. Doch sie ahnt nicht, welche Prüfung ihr noch bevorsteht. Ich weiß, dass Svenja Hellberg einen traurigen Grund hatte, Nele die Wahrheit über ihre Ehe zu erzählen – und dass sie eine berührende Bitte an Nele richten wird, die über Wohl und Wehe, ja vielleicht sogar über das Lebensglück des kleinen Jonas entscheiden wird …

Aus den Aufzeichnungen der Notärztin

Zwei Uhr nachts!

Das Licht der Scheinwerfer fraß helle Schneisen auf dem regennassen Asphalt.

Eric Beerbecker hatte das Autoradio eingeschaltet und auf volle Lautstärke gestellt und das Fenster auf seiner Seite geöffnet, damit der kühle Fahrtwind ihn wach hielt. Heute Morgen war er in Barcelona losgefahren, eigentlich mit der Absicht, irgendwo an einem Hotel unterwegs anzuhalten und eine Nachtpause einzulegen.

Zuerst war er nicht müde gewesen, während die Kilometer zwischen ihm und seinem Zuhause immer weiter schrumpften. Als erste Anzeichen der Müdigkeit eingesetzt hatten, waren es nur noch zweihundert Kilometer gewesen. Hundert Kilometer, als es so schlimm wurde, dass es eigentlich unverantwortlich war, noch weiterzufahren. Von da an fuhr er jede Raststätte an, um einen Kaffee zu trinken und sich die Beine zu vertreten.

Einmal versuchte er, eine Stunde im Auto zu schlafen, weil er der Meinung war, dass es sich so kurz vor dem Ziel nicht mehr lohnte, ein Hotel anzufahren.

Dann fuhr er weiter. Noch fünfzig Kilometer, noch vierzig …

Nele würde mit ihm schimpfen, weil er die Nacht durchgefahren war.

Eric lächelte, als er an seine Frau dachte. Er hatte sie vermisst in den letzten Tagen, und ihr hätte Barcelona auch gefallen. Vor allem die La Rambla, die Prachtstraße Barcelonas, wo er nicht nur Fotos für eine Modestrecke geschossen hatte, sondern auch solche, die er irgendwann in einem Reiseband veröffentlichen wollte. Ebenso wie die Fotos des Parks Güell, der als einer der schönsten Anlagen Barcelonas galt.

Für Eric war es überhaupt der schönste Park, den er jemals gesehen hatte, was sicher auch daran lag, dass er Antoni Gaudí sehr verehrte, den berühmten Architekten, der diese Anlage entworfen hatte.

Noch dreißig Kilometer …

Das nächste Mal, wenn er nach Barcelona fuhr, würde er Nele mitnehmen. Sie konnten ein Ferienhaus in einem der Außenbezirke mieten. Mit einem hauseigenen Pool und einem Blick auf das Mittelmeer, so wie das Haus seiner Eltern auf Mallorca.

Als Lehrerin konnte Nele nur in den Schulferien verreisen, und weil solche Objekte dann ziemlich teuer waren, verbrachten sie die Ferien meist bei seinen Eltern.

Seine Frau verstand sich sehr gut mit ihnen, und sie beklagte sich auch nie wegen dieser Urlaubsreisen, aber Eric war sich nicht sicher, ob sie manchmal nicht doch lieber mit ihm alleine verreisen würde.

Noch zwanzig Kilometer …

Vielleicht in den nächsten Ferien, dachte Eric. Mit dem Modeauftrag in Barcelona hatte er ziemlich gut verdient. Es waren für ihn nicht die Traumjobs, aber diese Aufträge brachten nun mal das meiste Geld ein.

Eric sah sich als Künstler, und seine Fotos waren auch hoch angesehen, während seine Frau die »typisch deutsche Beamtin« war. Zumindest neckte er sie damit oft.

Noch zehn Kilometer …

Er sah Nele vor sich. Mit ihren karottenroten Haaren, die ihr Temperament auch optisch unterstrichen, den grünen Augen, der unkonventionellen Art. Nein, eigentlich war sie keine typische Beamtin, aber es bereitete ihm Freude, sie damit aufzuziehen. Er liebte das Funkeln ihrer Augen, ihre Wutausbrüche, bis sie erkannte, dass er sie nur wieder neckte – und die leidenschaftlichen Versöhnungen.

Endlich, die Autobahnabfahrt! Eric setzte den Blinker, verringerte die Geschwindigkeit, als er in die Abfahrt einbog. Nur noch durch die Stadt, in spätestens einer Viertelstunde war er zu Hause.

Die Straßen waren leer, kaum ein Fahrzeug begegnete ihm. Eric fuhr langsam auf die Kreuzung zu, gab Gas, als die Ampel von Rot auf Grün umschlug – und dann blendeten ihn zwei helle Lichtkreise von links. Das Kreischen von Bremsen war zu hören, ein gewaltiges Krachen, das Bersten von Blech, als sich der Wagen in seine linke Seite bohrte.

Nele!

Sein letzter Gedanke galt seiner Frau, bevor ihn eine tiefschwarze Stille mit sich riss.

***

Svenja Hellberg spürte die Schmerzen im ganzen Körper. Sie hatte das Gefühl, dass es nach jeder Chemotherapie schlimmer wurde, aber wahrscheinlich lag es vor allem daran, dass sie immer schwächer wurde. Mit jedem Tag spürte sie, wie das Leben ein bisschen mehr aus ihrem Körper wich.

Sie hatte keine Angst vor dem Tod. Nicht mehr!

Anfangs war das anders gewesen. Die Diagnose Brustkrebs hatte sie in tiefe Verzweiflung gestürzt, aber damals war sie noch bereit gewesen zu kämpfen. Auch als die ersten Metastasen festgestellt wurden, hatte sie ihr Kampfgeist nicht verlassen. Aber jetzt, nach all diesen Jahren der Hoffnung, die dann wieder enttäuscht worden war, war sie des Kampfes müde geworden, und die Behandlung, die ihr doch eigentlich helfen sollte, saugte jede Energie aus ihrem Körper.

Vielleicht half es aber auch nicht mehr, weil Svenja wusste, dass diese Therapie nicht mehr lebensrettend, sondern einfach nur noch lebensverlängernd war.

Mir bleibt nicht mehr viel Zeit! Mit den Knochenschmerzen war es auch diese Erkenntnis, die sie in dieser Nacht nicht schlafen ließ. Es gab noch etwas ganz Wichtiges, was sie erledigen musste. Nicht für sich, sondern für Jonas, ihren kleinen Sohn.

Es waren Gedanken, die sie eigentlich schon zu Beginn ihrer Krankheit gequält hatten. Sie hatte sie verdrängt, in der Hoffnung, dass sie im Kampf gegen die Krankheit wenigstens so lange bestehen konnte, bis Jonas volljährig war. Alt genug jedenfalls, um nicht auf Fremde angewiesen zu sein. Und es war ihr wichtig, auch wenn sie sich selbst immer wieder sagte, dass es ein egoistischer Wunsch war, so lange bei ihm bleiben zu können, dass er die Erinnerung an sie nicht verlor.

Er sollte nicht um sie trauern, aber sie wollte auch nicht, dass er sie ganz vergaß, und im Moment war er noch so klein. So hilflos …

An diesem Punkt ihrer Gedanken hatte sie bisher stets versucht, nicht länger zu grübeln, doch in dieser Nacht wurde ihr schmerzhaft bewusst, dass ihr doch nicht mehr so viel Zeit blieb, wie sie gehofft hatte. Sie hatte einfach die Verpflichtung, alles für Jonas zu regeln, damit er nach ihrem Tod gut versorgt war.

Wenn er schon nicht bei seiner Mutter aufwachsen konnte, dann sollte er wenigstens bei seinem Vater leben!

Auch dieser Gedanke kam ihr nicht zum ersten Mal, aber bisher hatte sie ihn immer wieder verworfen. Weil Jonas seinen Vater nicht kannte. Weil das zwischen ihr und diesem Mann nicht mehr als eine flüchtige Affäre gewesen war. Weil er nicht einmal wusste, dass es Jonas überhaupt gab.

Und weil sie nicht wusste – und das war der entscheidende Punkt –, ob dieser Mann überhaupt an seinem Kind interessiert war.

Svenja war über ihre private Zusatzversicherung, die ihr im Krankenhaus ein Einzelzimmer ermöglichte, noch nie so froh gewesen wie in dieser Nacht. Sie musste nicht ruhig im Bett liegen, um Rücksicht auf eine andere Patientin zu nehmen, sondern konnte trotz der späten Stunde aufstehen und ans Fenster gehen.

Weit riss sie den Fensterflügel auf, atmete tief durch und versuchte, ruhiger zu werden.

Svenja mochte die Nacht nicht, sie konnte die Melancholie der Dunkelheit kaum ertragen. Es erinnerte sie zu sehr an … Tod!

»Ich will nicht sterben«, flüsterte sie. »Ich bin noch nicht so weit.«

Unvorstellbar, dass es Menschen gab, die den Tod herbeisehnten oder ihn sogar freiwillig suchten! Mehr denn je war Svenja fest entschlossen, sich an jedes bisschen Leben zu klammern, das sie ihrem Schicksal noch abringen konnte, und nahm sich ganz fest vor, gleich am nächsten Tag, sobald sie das Elisabeth-Krankenhaus verlassen konnte, mit Jonas’ Vater Kontakt aufzunehmen.

Sie beugte sich ein wenig vor, als Blaulicht in Intervallen aufzuckte. Ein Rettungswagen fuhr in hoher Geschwindigkeit unten an ihrem Fenster vorbei. Erst als der Wagen vom Klinikgelände auf die Straße fuhr, schaltete der Fahrer das Martinshorn ein.

Svenja fröstelte plötzlich. Sie schloss das Fenster wieder und ging zurück ins Bett. Schlafen konnte sie aber noch lange nicht.

***

Die Polizei war schon da, als sie die Unfallstelle erreichten, und erstaunlicherweise hatten sich trotz der späten Stunde sogar Schaulustige eingefunden.

»Wie ich diese Gaffer hasse!«, knurrte Jupp Diederichs, der Fahrer des Rettungswagens. »Warum gehen die Leute nicht nach Hause und ins Bett?«

»Das wird sich nie ändern!« Notärztin Andrea Bergen seufzte. Sie hasste es auch, wenn Schaulustige eine Unfallstelle umstanden, um nur ja nichts zu verpassen. Glücklicherweise waren es in der Nacht nicht so viele wie tagsüber, sodass sie sich auch jetzt nicht erst einen Weg zu dem Verletzten in dem Autowrack bahnen mussten.

Allerdings kam Andrea Bergen nur über die Beifahrerseite an ihn heran. Die Fahrerseite wurde durch einen Kleintransporter blockiert, der den Wagen seitlich gerammt hatte.

Die Limousine war so stark verzogen, dass die inzwischen eingetroffene Feuerwehr auch erst die Tür der Beifahrerseite aufbrechen musste, bevor die Notärztin sich in das Wrack zwängen konnte. Der Fahrer war hinter seinem Lenkrad eingeklemmt, aber er war bei Bewusstsein.

»Haben Sie Schmerzen?«, erkundigte sich die Notärztin.

»Nein«, behauptete er.

Andrea wusste, dass das am Schock liegen konnte. Oder sein Rückgrat war so schwer verletzt, dass er kein Schmerzempfinden mehr hatte. Dr. Andrea Bergen überprüfte seine Vitalfunktionen so gut, wie es in dem zerstörten Wagen möglich war, während die Feuerwehr daran arbeitete, den Mann zu befreien.

Die Steuersäule hatte sich so weit verschoben, dass sie ihn fest in den Sitz presste.

»Können Sie mir Ihren Namen sagen?« Andrea Bergen wollte vor allem wissen, inwieweit der Mann ansprechbar war.

»Eric Beerbecker«, erwiderte er spontan.

Die Notärztin hielt überrascht inne. »Die Religionslehrerin meiner Tochter heißt Nele Beerbecker.«

»Das ist meine Frau«, sagte er, »und wenn sie erfährt, dass ich die Nacht durchgefahren bin, wird sie wahrscheinlich das vollenden, was der Fahrer des anderen Wagens nicht geschafft hat.« Er lachte, stöhnte gleich darauf jedoch, weil ihm das Schmerzen zu verursachen schien, und beendete dann den Satz: »Sie wird mich umbringen.«

Andrea Bergen war froh, dass der Mann so gut ansprechbar war. Im Augenblick sah es ganz so aus, als wäre der Unfall für ihn weitaus glimpflicher abgelaufen, als sie es beim Anblick des zerstörten Wagens im ersten Moment befürchtet hatte.

Dr. Bergen kam nicht mehr zu einer Antwort, weil die Feuerwehr inzwischen den Kleintransporter weggezogen und die Fahrertür mit einer Blechschere aufgeschnitten hatte. Andrea stieg aus, während die Feuerwehrleute den eingequetschten Mann hinter der Lenksäule befreiten. Endlich konnte er auf die Trage gelegt werden.

Er stöhnte wieder leicht, behauptete aber, die Schmerzen wären erträglich.

Andrea Bergen konnte ihn jetzt besser untersuchen und war nun ziemlich sicher, dass Eric Beerbecker unglaubliches Glück gehabt hatte. Sie hoffte für den Mann, dass sich auch später auf den Röntgenbildern keine schwerwiegenderen Verletzungen ergaben.

Bevor sie losfuhren, schaute sie noch nach dem Fahrer des Kleintransporters. Er stand unter Schock, war aber völlig unverletzt.

»Ob die beiden eigentlich wissen, was für ein verdammtes Glück sie gehabt haben?«, brummte Jupp Diederichs, als er neben der Ärztin und dem Sanitäter Ewald Miehlke zum Rettungswagen ging.

»Es wird ihnen sicher in den nächsten Tagen bewusst werden«, sagte Andrea Bergen, und während Jupp und Ewald vorne im Fahrerraum Platz nahmen, stieg sie hinten zu dem Verletzten in den Wagen.

Mit ihrer Rückkehr ins Elisabeth-Krankenhaus war ihre Nachtschicht vorbei, das nächste Team war bereits da, und Andrea Bergen konnte an den Kollegen Clemens Stellmacher übergeben. Bevor sie danach nach Hause fuhr, erkundigte sie sich aber erst noch einmal nach Eric Beerbecker.

Andrea mochte Nele Beerbecker, sie war eine gute und engagierte Lehrerin.

Die Notärztin überlegte, ob sie die Lehrerin rasch anrufen und schonend über den Unfall ihres Mannes informieren sollte, aber offenbar hatte er inzwischen selbst mit seiner Frau telefoniert.

»Wenn er selbst schon wieder anrufen kann, muss es ihm ja ganz gut gehen«, sagte Andrea Bergen beruhigt.

»Keine Knochenbrüche, keine inneren Verletzungen«, bestätigte der Kollege Homberg von der Notaufnahme. »Er wird auf die Innere gebracht und soll lediglich ein paar Tage bleiben. Er hat Prellungen im Brustbereich, eine Wunde am Bein, die genäht werden musste, und ein Schädel-Hirn-Trauma. Hauptsächlich deshalb wollen wir ihn noch hierbehalten. Ganz im Gegensatz zu Ihnen.«

Die Augen hinter den dicken Brillengläsern funkelten verschmitzt, als Dr. Fritz Homberg hinzufügte: »Sie sehen ganz so aus, als würde Ihr Bett laut nach Ihnen rufen, liebe Kollegin.«

»Das ist genau das, was jede Frau gerne hört«, gab Andrea Bergen ebenso launig zurück und verabschiedete sich. Der Kollege hat recht, sie war wirklich absolut bettreif.

***

»Kannst du den neuen Patienten auf der Chirurgie übernehmen, Nathalie?«

Frank Peters Finger fuhr über die Patientenliste. »Komplizierte Trümmerfraktur der Fibula und Tibia«, klärte er sie auf. »Die Brüche wurden chirurgisch versorgt und mit einem Fixateur ruhiggestellt. Jetzt soll der Mann so schnell wie möglich mit der Rehabilitationsphase beginnen.«

Das bedeutete vor allem, dass der Patient das Gehen mit Gehhilfen erlernen musste, um das Bein langsam wieder zu belasten. Dazu kamen krankengymnastische Übungen.

Die hübsche Physiotherapeutin Nathalie Behrend nickte. »Auf welchem Zimmer liegt er?«

»Zweihundertzwölf«, erwiderte Frank. »Sein Name ist Luis Odenbaum.«

Es fühlte sich an wie ein elektrischer Schlag, der Nathalie bei der Nennung dieses Namens traf. Ihre Knie wurden weich, ihr Herz klopfte hart und schnell gegen die Rippen, und ihr Mund war auf einmal völlig ausgetrocknet. Sie hatte den Namen ganz deutlich gehört, trotzdem vergewisserte sie sich noch einmal: »Wie heißt der Patient?«

»Luis Odenbaum«, wiederholte Frank.

Nathalie überlegte, ob sie Frank bitten sollte, den Patienten selbst zu übernehmen oder einen der Kollegen oder Kolleginnen zu beauftragen, sich um ihn zu kümmern. Doch dann hätte sie Erklärungen abgeben müssen, und das wollte sie nicht.

Außerdem erwachte so etwas wie Trotz in ihr. Sie würde es ihm zeigen, diesem Luis Odenbaum! Sie würde sich professionell verhalten, ihn von oben herab behandeln und ihn gleichzeitig spüren lassen, dass sie ihn immer noch verabscheute, so wie damals …

Eigentlich ist das nicht ganz richtig, gab sie vor sich selbst zu. Sie hatte ihn nicht verabscheut, sie war in ihn verliebt gewesen.

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