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Notärztin Andrea Bergen - Folge 1275

Aus den Aufzeichnungen der Notärztin

Um Himmels willen! Gerade hat mich die hübsche Krankenpflegerin Annika angerufen und in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Ihr junger Kollege Tom Tschirner hat sich offenbar in die fixe Idee verrannt, Rache an den unbekannten Männern zu nehmen, die kürzlich auf einem verlassenen Bahnhof seinen Vater Martin brutal niedergeschlagen und ermordet haben! Offenbar ist Tom gelungen, was die Polizei nicht schaffte: Er hat herausgefunden, wo sich die Mörder seines Vaters versteckt halten – und ist nun auf dem Weg dorthin. Schwester Annika, die Tom seit Langem heimlich liebt, meint, er sei zu allem entschlossen! Nicht, dass er sich in seinem Hass zu etwas hinreißen lässt, was er sein Leben lang bereuen wird!

Wir müssen ihn aufhalten, doch wir haben nur eine vage Vorstellung, wohin Tom sich gewendet hat: Es ist das dunkelste Viertel unserer Stadt – und das gefährlichste …

Aus den Aufzeichnungen der Notärztin

Martin Tschirner fuhr erschrocken hoch, als der Zug mit einem Ruck anhielt. Er setzte sich gerade, schaute hektisch aus dem Fenster und stellte erleichtert fest, dass er sein Ziel nicht verschlafen hatte. Erst an der nächsten Station musste er aussteigen.

Es war kurz nach Mitternacht, draußen heulte der Wind, schwere Regentropfen klatschten gegen das Abteilfenster und erschwerten die Sicht. Martin konnte nur schemenhafte Gestalten erkennen, die gerade in den Zug stiegen. Er lehnte sich zurück und nahm sich fest vor, nicht mehr einzuschlafen, damit er die nächste Station nicht doch noch verschlief.

Die letzten Tage in Berlin waren anstrengend, aber auch sehr erfolgreich gewesen. Er hatte einige lukrative Verträge in der Tasche, die seinem Unternehmen für die nächsten Jahre Vollbeschäftigung garantierten. Eigentlich hätte er zufrieden sein können, wenn da nicht heute Morgen dieser Anruf gewesen wäre. Etwas stimmte mit den Firmenunterlagen nicht. Offensichtlich hatte es mehrere unerklärliche Abbuchungen vom Firmenkonto gegeben.

Martin hatte daraufhin sofort beschlossen, seine Reise abzubrechen. Nicht einmal seine Frau wusste, dass er heute schon zurückkommen würde.

Allerdings wusste Ricarda Feldstein Bescheid. Er konnte sich darauf verlassen, dass sie die Angelegenheit gründlich überprüfte, und hoffte, dass es sich nur um einen Buchungsfehler handelte.

Martin hatte Ricarda gebeten, niemandem sonst in der Firma etwas zu sagen. Eigentlich war das unnötig: Er wusste, dass er ihr in dieser und in jeglicher Hinsicht trauen konnte.

In nicht einmal ganz einem Monat würde Ricarda seine Schwiegertochter werden …

Martin lächelte, als er daran dachte. Er selbst war mit seiner Sonja seit mehr als dreißig Jahre glücklich verheiratet, und er war froh über die Wahl seines Sohnes. Es versöhnte ihn ein wenig damit, dass Tom ihm nach dem Abitur klargemacht hatte, dass er auf keinen Fall Betriebswirtschaft studieren, sondern stattdessen Krankenpfleger werden wollte.

Nun würde also irgendwann nicht sein Sohn, sondern seine Schwiegertochter die Firma übernehmen. Und wenn er ganz viel Glück hatte, bescherten ihm die beiden ein paar Enkel, von denen dann hoffentlich einer – oder auch eine – an dem Familienunternehmen Interesse zeigte.

Martin wurde abgelenkt, als die Abteiltür aufgerissen wurde. Drei Jugendliche schlenderten langsam durch den Gang. Wahrscheinlich waren es die drei, die er eben durchs Fenster gesehen hatte.

Er hatte das Gefühl, dass sie alle Reisenden genau betrachteten. Im Abteil befanden sich außer ihm noch zwei allein reisende Männer und ein älteres Ehepaar.

Der Bursche, der vorneweg lief, hatte die Kapuze seines Shirts so tief hinuntergezogen, dass sein Gesicht im Schatten lag. Regentropfen glänzten auf der Kapuze und auf seinen Schultern. Als er Martins Sitzreihe passierte, hielt er kurz inne, ebenso wie die beiden anderen Jugendlichen hinter ihm, dann gingen sie weiter.

Martin schüttelte leicht den Kopf, um das Unbehagen loszuwerden, das ihn für den Bruchteil einer Sekunde erfasst hatte. Er war froh, als er hörte, wie die Abteiltür hinter ihm geöffnet und kurz darauf wieder geschlossen wurde. Wahrscheinlich waren das nur drei junge Burschen auf der Heimfahrt von einer Disco.

Es ging ihn nichts an, er musste vielmehr schauen, dass er seine Sachen zusammenpackte. Der Zug fuhr gerade in den nächsten Bahnhof ein.

Martin hatte bereits von Berlin aus telefonisch ein Taxi bestellt, das jetzt vor dem Bahnhof auf ihn warten würde. Er hatte Sonja nichts von seiner Ankunft gesagt, weil er nicht wollte, dass sie sich mitten in der Nacht auf den Weg zum Bahnhof machte.

Mit seiner Aktentasche in der einen, der Reisetasche in der anderen Hand verließ er das Abteil und stellte sich an die Tür.

Der Zug ruckelte leicht, als er anhielt, und Martin musste sich festhalten. Minuten später stand er auf dem Bahnsteig und sog tief die frische Luft ein.

Als er die Treppe ins Bahnhofgebäude hinunterstieg, hörte er den Zug schon wieder abfahren. Er war in dieser Nacht völlig allein auf dem Bahnhof – glaubte er.

Als er das Ende der Treppe erreicht hatte und dem Ausgang zustrebte, waren sie plötzlich da und umringten ihn. Dabei hatte Martin nicht einmal mitbekommen, dass sie ebenfalls aus dem Zug gestiegen waren!

»He, Alter!«, sagte der Bursche mit dem Kapuzenshirt. »Warte doch mal.«

»Was ist?« Martin versuchte, sich die Angst nicht anmerken zu lassen, die sich seiner bemächtigte.

Der Bursche vor ihm schlug die Kapuze zurück, sodass Martin ihm das erste Mal ins Gesicht sehen konnte. Er hatte das Gefühl, dass ihm blanker Hass aus den Augen des jungen Mannes entgegenschlug. Oder war es noch ein Junge?

Martin konnte sein Alter nicht einschätzen.

»Was ist los mit dir?« Er streckte die Hand aus, berührte den Jungen leicht an der Schulter.

Der schlug seine Finger beiseite. »Pfoten weg, Alter!«, zischte er.

»Was wollt ihr von mir?« Immer noch gelang es Martin, ruhig zu bleiben. Er beschloss, den einfachen und direkten Weg zu wählen, zog seine Brieftasche aus dem Jackett und öffnete sie.

»Ich habe noch zweihundert Euro«, sagte er und nahm die Scheine aus der Tasche. »Und ein bisschen Kleingeld. Das könnt ihr haben.«

»Gut, dass du so kooperativ bist«, sagte der Bursche. Er nahm die Scheine und verschmähte das Kleingeld. Dann schlug er so unvermittelt zu, dass es Martin überraschte, obwohl er genau so etwas befürchtet hatte.

Er taumelte rückwärts, doch da stand inzwischen einer der anderen beiden Burschen und fing ihn auf, während seine beiden Kumpane bedrohlich näher kamen.

»Mehr habe ich nicht«, sagte Martin. »Seid vernünftig, Jungs, und …«

»Schnauze«, fuhr der Kapuzen-Typ ihn an, und dann schlug er wieder zu.

Martin fiel zu Boden, und diesmal war niemand mehr hinter ihm, der ihn auffing. Sie ließen nicht ab von ihm, er hatte keine Chance, ihnen auszuweichen, und dann sah er den Fuß, der genau auf sein Gesicht zielte …

Alles verschwamm, eine tiefschwarze Wolke umfasste ihn und trug ihn mit sich fort.

***

»Du schaffst es nicht!« Werners Stimme klang eher enttäuscht als verärgert.

Andrea Bergen seufzte tief auf. »Es tut mir leid«, sagte sie.

Werner lachte leise. »Wir wissen beide, worauf wir uns bei der Wahl unseres Berufes eingelassen haben.«

Werner Bergen war selbst Kinderarzt mit einer eigenen Praxis. Er hatte zwar keinen Schichtdienst wie Andrea, aber es kam oft genug vor, dass auch er von den Eltern seiner kleinen Patienten mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt wurde. Für ihn war das selbstverständlich, und so hatte er auch Verständnis für Andrea.

»Vielleicht klappt es ja morgen«, sagte er.

»Vielleicht«, stimmte Andrea ihm zu. »Sag Franzi, sie soll nicht zu enttäuscht sein.«

Andrea und Werner hatten für diesen Abend einen Kinobesuch mit ihrer Adoptivtochter geplant. Franzi freute sich schon die ganze Woche darauf, aber jetzt musste Andrea absagen, weil der Kollege Stellmacher offenbar den gleichen Darmvirus erwischt hatte, an dem in der vergangenen Woche Herbert Conrady, der dritte Notarzt des Krankenhauses, erkrankt war.

»Sie wird auf jeden Fall traurig sein«, erwiderte Werner. »Aber zum Glück ist sie ziemlich vernünftig und weiß, dass die Arbeit in dem Fall vorgeht.«

Andrea war schon viele Jahre Notärztin im Elisabeth-Krankenhaus, und schon oft hatte ihr Dienstplan ihre privaten Pläne durchkreuzt. Auch wenn sie wusste, dass Franzi das akzeptieren würde, ihr schlechtes Gewissen blieb.

»Gib ihr einen Kuss von mir«, sagte Andrea. »Und sobald ich das nächste freie Wochenende habe, unternehmen wir etwas ganz Schönes miteinander, und Franzi darf sich aussuchen, was.«

Ewald Miehlke steckte den Kopf in ihr Bereitschaftszimmer. »Einsatz am Bahnhof«, sagte er knapp und war schon wieder weg.

»Werner«, begann Andrea zaghaft.

»Ich habe es gehört«, sagte ihr Mann am anderen Ende der Leitung. »Du musst weg. Pass auf dich auf!«

Andrea lachte leise. »Ich liebe dich«, sagte sie und beendete das Gespräch, um sich auf den nächsten Einsatz zu konzentrieren.

Ewald Miehlke und Jupp Diederichs warteten am Rettungswagen auf sie. Jupp Diederichs saß hinter dem Lenkrad, Ewald Miehlke ließ erst Andrea in den Wagen steigen, bevor er sich neben sie setzte. Er hatte die Tür noch nicht ganz geschlossen, da gab Jupp Diederichs bereits Gas und steuerte den Wagen die Zufahrt hinunter, die ausschließlich für die Rettungsfahrzeuge bestimmt war. Gleichzeitig schaltete er den Alarm an und bog in die Straße ein.

»Was genau erwartet uns?«, wollte Andrea wissen.

»Ein Anrufer hat einen Verletzten am Bahnhof gemeldet«, berichtete Ewald Miehlke. »Mehr wissen wir im Moment auch noch nicht.«

Schon von Weitem war das flackernde Blaulicht der Polizeiwagen zu sehen. Jupp Diederichs hielt neben dem Streifenwagen an. Ewald Miehlke und Andrea Bergen sprangen zuerst aus dem Wagen und ließen sich von einem Beamten, der auf sie gewartet hatte, zu ihrem Patienten bringen.

Der schwer verletzte Mann war übel zugerichtet. Andrea Bergen arbeitete Hand in Hand mit dem Sanitäter Ewald Miehlke, während Jupp Diederichs bereits die fahrbare Trage holte.

Vorrangig war die Sicherung der Vitalfunktionen. Der Mann wurde intubiert, außerdem legte die Notärztin einen Zugang, um ein kreislaufstabilisierendes Mittel zu injizieren. Zu einer Basisuntersuchung blieb keine Zeit, aufgrund der polytraumatischen Verletzungen war der Zustand des Patienten überaus kritisch. Der Mann musste sofort ins Krankenhaus gebracht werden.

Der Transport erfolgte über eine Vakuummatratze. Andrea Bergen hatte nicht extra darauf hinweisen müssen, Jupp Diederichs wusste auch so, dass sie im Augenblick eventuelle Wirbelsäulenverletzungen nicht feststellen konnten.

In knappen Worten informierte Andrea Bergen die Polizisten. Die Zeit eilte, und die Notärztin befürchtete, dass der Mann selbst den kurzen Weg zum Krankenhaus nicht überleben würde …

***

Der Patient stöhnte leise, aber er wachte nicht auf, als Tom die Infusionsflasche wechselte. Der Mann war am Nachmittag operiert worden. Es hatte Komplikationen gegeben – bei der Sauerstoffsättigung und mit dem Kreislauf –, deshalb sollte der Patient über Nacht zur Beobachtung auf der Intensivstation bleiben. Inzwischen hatten sich seine Werte aber stabilisiert.

Tom betrachtete noch einmal prüfend die Anzeigen auf dem Monitor, es war alles in Ordnung.

Es war erfreulich ruhig an diesem Abend, und eigentlich war er ganz froh, dass er sich letztendlich doch dazu entschlossen hatte, die Stelle am Elisabeth-Krankenhaus anzunehmen, auch wenn er sehr gerne in der Uniklinik in Köln gearbeitet hatte.

Bevor er in das Schwesternzimmer ging, wo seine Kollegin Annika mit frischem Kaffee auf ihn wartete, nahm er sein Handy aus der Hosentasche und suchte im Speicher nach dem Namen seiner Verlobten. Bereits nach dem zweiten Klingeln meldete sich Ricarda. Ihre Stimme klang angespannt.

»Hast du schon geschlafen?«, fragte Tom erschrocken.

»Natürlich nicht«, sagte sie. »Ich arbeite noch.«

»Bist du in der Firma?«, fragte Tom.

Überrascht hätte ihn das nicht. Selbst wenn er freihatte, machte sie oft Überstunden. Er hatte sie ein paar Mal mit der Frage aufgezogen, was ihr eigentlich wichtiger war: er oder die Firma?

»Nein«, sagte sie. »Ich habe mir Unterlagen mit nach Hause genommen.«

Sie war kurz angebunden und wirkte abwesend. Tom hatte das Gefühl, dass er sie mit seinem Anruf störte.

Auch das war nicht neu. Sie hatte den Blick wahrscheinlich auf ihre Unterlagen geheftet, während sie gleichzeitig versuchte, sich auf das Telefonat mit ihm zu konzentrieren.

»Rufst du aus einem bestimmten Grund an?«, fragte sie.

»Natürlich«, erwiderte er. »Ich wollte deine Stimme hören.«

Er hatte es geschafft, sie lachte leise.

»Jetzt hast du meine Stimme ja gehört«, stellte sie fest. »Kann ich dann weiterarbeiten?«

»Sag mir erst, dass du mich liebst.« Während er das sagte, betrat er das Schwesternzimmer.

Seine Kollegin Annika saß hinter dem Schreibtisch an der Glasscheibe, die das Zimmer vom Gang trennte. Sie schaute auf, als er eintrat, und strich automatisch über die feine Linie, die sich quer durch ihr Gesicht zog.

Diese Geste war Tom schon einige Male aufgefallen. Sie schien es unbewusst zu machen und richtete damit die Aufmerksamkeit auf die lange Narbe, die inzwischen so fein war, dass sie ohne diese Geste kaum auffallen würde.

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