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Notärztin Andrea Bergen - Folge 1273

Aus den Aufzeichnungen der Notärztin

Was ist nur in den jungen Narkosearzt Dr. Theißen gefahren? Noch immer kann ich nicht fassen, was sich vor einigen Tagen im OP zugetragen hat. Das Team um Dr. Benrath arbeitete hochkonzentriert, denn die Operation war die einzige Möglichkeit, das Leben der schwer verletzten Patientin zu retten! Da geschah das Ungeheuerliche: Axel Theißen sprang plötzlich mit einem Ächzen von seinem Platz am Narkosegerät auf. Allen Anwesenden stockte bei seinem Anblick der Atem! Sein Gesicht hatte alle Farbe verloren, auf seiner Stirn standen Schweißperlen, und die Hände hatte er abwehrend von sich gestreckt. »Nein!«, rief er und wich immer weiter vom OP-Tisch zurück. »Ich kann das nicht!« Und dann rannte er wie von Sinnen aus dem Operationssaal. Zum Glück konnte Dr. Krottenbaum als Anästhesist einspringen – sonst weiß ich nicht, wie dieser Eingriff ausgegangen wäre …

Dr. Theißens Verhalten ist verantwortungslos – doch was hat zu seinem Ausbruch geführt? Seit seiner Flucht aus dem OP ist er spurlos verschwunden! Seine Exfreundin, die schöne Schwester Olivia, die Axel Theißen noch immer liebt, rechnet inzwischen mit dem Schlimmsten …

Aus den Aufzeichnungen der Notärztin

»Haben Sie den neuen Narkosearzt schon kennengelernt, Frau Dr. Bergen?«

Mariechen Brückmann, die lebhafte ältere Wirtin des Ärzte-Casinos, in dem Ärzte und Pflegepersonal des Elisabeth-Krankenhauses ihre Mahlzeiten einnahmen, beugte sich noch ein wenig näher zu der Notärztin.

»Dort drüben am Fenster sitzt er, ganz allein an einem Tisch«, flüsterte sie, als wäre diese Tatsache allein schon ein Grund, um ihn verdächtig erscheinen zu lassen.

Während Mariechen ihr das Mittagsmenü servierte, schaute Notärztin Andrea Bergen unauffällig in die angegebene Richtung. An einem der Fenstertische saß ein gut aussehender Mann im weißen Kittel, den sie noch nie am Elisabeth-Krankenhaus gesehen hatte. Sie wusste jedoch, dass Dr. Alfons Böhm, einer der Anästhesisten, ab heute in Urlaub war und man eine Vertretung für ihn eingestellt hatte.

Andrea Bergen wandte sich wieder der Casino-Wirtin zu. »Nein, er ist mir noch nicht vorgestellt worden«, sagte sie. »Warum? Ist etwas nicht in Ordnung mit ihm?«

»Also, wenn Sie mich fragen, Frau Dr. Bergen …« Mariechen Brückmann machte eine bedeutungsvolle Pause, bevor sie weiterredete. »Auf mich macht er tatsächlich einen etwas merkwürdigen Eindruck. So, als ob etwas mit ihm nicht stimmte.«

Andrea musste lächeln. Mariechen liebte es manchmal dramatisch. »Das wird sich sicher bald herausstellen. Ich denke nicht, dass man uns Urlaubsvertretungen schickt, mit denen etwas nicht stimmt.«

»Natürlich haben Sie recht, Frau Dr. Bergen. Lassen Sie es sich schmecken.« Die Casino-Wirtin drückte ihr kurz den Arm und entfernte sich wieder.

Andrea widmete sich ihrem Essen. Es schmeckte vorzüglich. Schade nur, dass sie es nicht mit ihrem Mann Werner einnehmen konnte. Jedes Mal, wenn die Tür aufging und neue Gäste hereinkamen, hob sie den Kopf und hielt Ausschau nach ihm, denn sie wusste, dass er heute im Haus war.

Dr. Werner Bergen war Kinderarzt und hatte neben seiner Praxis in der heimischen Villa auch einige Belegbetten auf der Kinderstation des Elisabeth-Krankenhauses. Heute hatte er nach Beendigung seiner Vormittagssprechstunde eine Besprechung mit Oberärztin Doris Gellert gehabt. Es war um eine leukämiekranke kleine Patientin von ihm gegangen, deren weitere Behandlung festgelegt werden sollte.

Andrea hatte gehofft, dass sie zusammen zu Mittag essen konnten. Doch entweder hatte Werner noch zu tun, oder er war bereits nach Hause gefahren.

Mehrmals warf Andrea Bergen einen verstohlenen Blick zu dem neuen Kollegen hinüber. Im Gegensatz zu ihr schien es ihm nicht sonderlich zu schmecken. Auf jedem Bissen kaute er bedächtig herum und schaute dabei gedankenverloren zum Fenster hinaus.

Andrea konnte Mariechen Brückmanns Ansicht nicht teilen. Einen merkwürdigen Eindruck machte der neue Anästhesist wirklich nicht auf sie. Sie fand nur, dass er sehr müde und erschöpft aussah. Oder war er vielleicht krank?

Als Andrea wieder zum Eingang blickte, sah sie OP-Schwester Olivia hereinkommen. Die dunkelhaarige junge Frau war noch nicht lange am Elisabeth-Krankenhaus, wurde jedoch wegen ihrer Tüchtigkeit von den Chirurgen sehr geschätzt. Andrea winkte ihr zu, und mit einem Lächeln kam Olivia näher.

»Mahlzeit, Frau Dr. Bergen«, grüßte sie. »Sind bei Ihnen noch zwei Plätze frei? Dr. Roloff wollte auch noch …«

Plötzlich unterbrach sie sich und wurde weiß wie die Wand. Andrea wurde ganz unheimlich zumute, als Schwester Olivias fassungsloser Blick über ihren Kopf hinwegging. Mein Gott, was hat sie?, fragte sie sich bestürzt.

»Entschuldigen Sie bitte!«, stieß Olivia heiser aus. »Ich … mir ist gerade etwas Wichtiges eingefallen.« Damit drehte sie sich um und lief eilig zum Ausgang.

Noch bevor Andrea sich von ihrer Verwunderung erholen konnte, bemerkte sie, wie der neue Anästhesist klirrend sein Besteck auf den Teller fallen ließ und aufstand. Mit langen Schritten folgte er Schwester Olivia aus dem Casino.

Andrea fing einen verwunderten Blick von Mariechen Brückmann auf. Kannten Schwester Olivia und der neue Anästhesist sich?

Dr. Bergen hatte keine Gelegenheit mehr, sich weitere Gedanken um die beiden zu machen, denn gerade wurde sie über ihren Pager zu einem Einsatz gerufen. Rasch schob sie sich noch einen Bissen von dem leckeren Hühnerfrikassee in den Mund, das sie nun leider nicht aufessen konnte, und rannte mit wehendem Kittel zum Ausgang.

Dort traf sie auf Thorsten Roloff, einen der Assistenzärzte auf der Chirurgie. Mit einem erwartungsvollen Lächeln betrat er das Ärzte-Casino, ohne Notiz von ihr zu nehmen.

Armer Kerl, dachte Andrea bei sich. Er war so verliebt in Schwester Olivia und hatte sich bestimmt schon auf das gemeinsame Mittagessen mit ihr gefreut. Nun würde er sie gar nicht antreffen.

Die Notärztin lief zum Fahrstuhl und drückte den Knopf für das Erdgeschoss. Jupp Diederichs und Ewald Miehlke, der Fahrer und der Sanitäter in ihrem Team, warteten sicher in der Ambulanz auf sie, wenn sie nicht schon im Rettungswagen saßen.

***

»Ich weiß, für dich ist Achim nur ein kleiner Wichtigtuer mit überspannten Ideen, der es nie im Leben zu etwas bringen wird.« Rissas Stimme klang keineswegs böse bei dieser nüchternen Feststellung.

Ihre Schwester Silke, mit der sie gerade in einem Bistro in der Innenstadt beim Mittagessen saß, warf ihr einen kurzen Blick zu. Sie war schon drauf und dran gewesen, Rissas Bemerkung aus tiefstem Herzen zu bestätigen, hielt sich aber dann zurück. Rissa konnte manchmal sehr empfindlich reagieren, wenn es um ihren Achim ging, auch wenn in ihrer Beziehung der Putz allmählich zu bröckeln schien.

»Das habe ich nicht behauptet«, verwahrte Silke sich. »Aber du musst doch zugeben, dass diese Beschreibung – deine Worte übrigens, nicht meine – so ziemlich zutrifft.«

Rissa schob sich einen Bissen gefüllte Paprikaschote in den Mund. Sie arbeitete in der nahe gelegenen Raumausstattung Hoffmann als Raum- und Schaufenstergestalterin und hatte sich in der Mittagspause wie gewöhnlich mit ihrer Schwester getroffen, die in einem Anwaltsbüro in der Nähe beschäftigt war.

Natürlich wusste sie, dass Silke irgendwo recht hatte. Trotzdem war sie bereit, ihren Freund, mit dem sie seit einem knappen Jahr zusammen war, zu verteidigen.

»Dass Achim es nie im Leben zu etwas bringen wird, ist vielleicht etwas hart ausgedrückt«, erwiderte sie. »Er bemüht sich ja, aber …«

»Bemühen ja, das streite ich auch nicht ab«, fiel Silke ihr ins Wort. »Aber in der falschen Richtung. Anstatt hochtrabenden Ideen nachzuhängen, sollte er sich lieber ein wenig bescheiden und den Weg nach oben systematisch angehen, wenn er dauerhaften Erfolg haben will.«

Achim Dassler war Autoverkäufer im Autohaus am Ring und träumte davon, einen eigenen Auto-Salon mit Sportwagen der gehobenen Klasse zu besitzen. Um die Wagen an den Mann beziehungsweise an die Frau zu bringen, verließ er sich mehr auf seinen Charme als auf sein Fachwissen, mit dem es nicht allzu weit her war. Sein gutes Aussehen, sein selbstsicheres Auftreten und nicht zuletzt seine Redegewandtheit verhalfen ihm jedoch immer wieder zu neuen Abschlüssen, mit denen er seinen Chef bei Laune hielt.

Auf Rissas hübschem Gesicht erschien ein ärgerlicher Ausdruck. Mit heftigen Bewegungen zerteilte sie den Rest ihrer Paprikaschote. »Sag mal, müssen wir eigentlich unbedingt über Achim reden?«, brummte sie. »Es gibt auch noch andere Themen.«

»Schon gut, Rissa.« Silke Korting schaute ihre jüngere Schwester forschend an. Ihr war nicht entgangen, dass Rissa in letzter Zeit mit ihrem Achim nicht mehr so glücklich zu sein schien. Immer häufiger beschwerte sie sich über ihn und gab ihrem Frust Ausdruck. Doch Silke sagte nichts mehr dazu. Rissa war alt genug, um zu wissen, was gut und richtig für sie war und was nicht. Und sie wollte ja auch nicht mehr über Achim reden.

Während sie schweigend weiteraßen, stellte Rissa sich im Stillen die Frage, ob sie Achim tatsächlich so liebte, um den Rest ihres Lebens mit ihm zu verbringen. Doch sie fand keine Antwort darauf. Zumindest keine, die ihr spontan aus dem Herzen gekommen wäre.

Im Grunde war Achim kein schlechter Kerl. So sehr Rissa sich auch oft über ihn ärgerte, sie konnte ihm nie lange böse sein. Niemand konnte ihm lange böse sein. Mit seinem Charme wickelte er alle um den Finger, nicht nur die Damenwelt.

Rissa wusste aber auch, dass er ein großer Egoist war, der zuerst an sich selbst dachte. Außerdem konnte sie manchmal ganz schön eifersüchtig werden, wenn Achim sich groß und breit über seine Kundinnen ausließ, mit denen er Probefahrten unternommen hatte und die ihn auch privat anriefen, wenn sie Fragen oder Probleme mit dem neuen Wagen hatten.

»Hast du noch Zeit für einen Kaffee?«, fragte Silke, als sie mit dem Essen fertig waren.

Rissa blickte auf die Uhr und schüttelte den Kopf. »Sei mir bitte nicht böse, Silke, aber wenn ich heute noch mit dem Dekorieren des großen Schaufensters fertig werden will, muss ich mich beeilen.«

Auch Silke verzichtete auf den Kaffee. Sie würde später in der Kanzlei einen trinken. Gemeinsam verließen die beiden Schwestern das Bistro und verabschiedeten sich draußen voneinander.

Wenig später stand Rissa in einem der Schaufenster der Raumgestaltung Hoffmann auf der Leiter und drapierte Vorhangstoffe. Rissa liebte ihre Arbeit und hätte mit keinem anderen Beruf tauschen mögen, auch wenn sie sich gewünscht hätte, nicht so oft auf große Leitern klettern zu müssen, denn sie war nicht gerade schwindelfrei.

Auch jetzt spürte sie wieder ein Flattern im Bauch, als sie auf der obersten Sprosse stand und sich dabei noch strecken musste, um einen kaputten Strahler in der Deckenbeleuchtung auszutauschen.

Rissa war gerade dabei, die Leiter wieder herunterzusteigen, als ihr Blick durch die Schaufensterscheibe nach draußen fiel, wo der Verkehr sich an einer Ampel staute.

Sie stutzte. Das war doch Achim in diesem protzigen silbergrauen Sportwagen!

Am Steuer saß eine aufgetakelte Blondine, offenbar eine Kundin, mit der er eine Probefahrt unternahm. Verführerisch lächelte sie ihn an. Selbst auf die Entfernung war zu erkennen, dass sie offen mit ihm flirtete. Und natürlich ging Achim bereitwillig auf ihren Flirt ein!

Musste er gar so strahlend zurücklächeln? Und musste er jetzt seine Hand so vertraulich auf die Rechte dieser Frau legen, als bräuchte sie Hilfe beim Lenken?

Rissa spürte, wie der Zorn in ihr hochwallte. Sie fand Achims Benehmen schamlos und empörend! Vielleicht sollte sie sich doch einmal ein paar ernsthafte Gedanken über ihre Beziehung machen.

In ihrer Wut machte Rissa eine unkontrollierte Bewegung – und da passierte es auch schon: Sie verlor das Gleichgewicht, versuchte noch, sich an dem soeben aufgehängten Vorhang festzuhalten und riss diesen mit sich. Polternd stürzte sie mitsamt der Leiter zu Boden.

Rissa verspürte einen heftigen Schlag gegen Kopf und Schulter, hörte noch, wie der kaputte Strahler, den sie in der Hand gehabt hatte, mit einem Knall zerbarst, und spürte, wie sich die Glassplitter schmerzhaft in ihren bloßen Arm gruben. Ihr Schrei hallte ihr noch schauerlich in den Ohren, dann wurde ihr Bewusstsein ausgelöscht, und sie fiel in eine endlose Finsternis.

***

»Olivia! Bitte warte!«

Bei dem flehenden Klang von Axels Stimme blieb Olivia widerstrebend stehen. Sie wollte ihn nicht sehen, wollte nicht mit ihm sprechen! Sein überraschender Anblick hatte sie vollkommen durcheinandergebracht und alte Narben wieder aufgerissen.

Doch es war auch unsinnig, vor ihm davonzulaufen. Wenn er hier arbeitete – und das war anzunehmen, da er einen weißen Mantel trug –, dann würde es sich ohnehin nicht vermeiden lassen, dass sie sich begegneten, denn ihr beider Arbeitsplatz war der Operationssaal.

Olivia hatte gehofft, dass Axel sie nicht gleich erkannt hatte, als sie ins Ärzte-Casino gekommen war. Den Schock, ihn hier am Elisabeth-Krankenhaus zu sehen, hatte sie erst verdauen wollen. Doch dummerweise hatte er sie entdeckt und war ihr nachgegangen.

Als Olivia ihn jetzt auf sich zukommen sah, hämmerte ihr Herz wie wild. Weniger vom schnellen Laufen als wegen des unerwarteten Wiedersehens.

»Olivia, was für eine Überraschung!« Impulsiv wollte Axel sie in die Arme ziehen, doch ihre abweisende Miene erinnerte ihn wieder an das, was er ihr angetan hatte, und er reichte ihr nur die Hand.

Olivia ergriff sie flüchtig. »Axel! Was tust du hier? Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen.«

»Hat dich mein Anblick so erschreckt, dass du die Flucht ergriffen hast?« Mit einem schmerzlichen Ausdruck blickte Axel Theißen sie an.

Eine leichte Röte überzog ihr apartes Gesicht, das von dunklen Locken eingerahmt wurde.

»Zugegeben, es war ein Schock für mich«, sagte sie. »Darauf war ich wirklich nicht vorbereitet. Du bist doch nicht etwa die Urlaubsvertretung für Dr. Böhm?«

»Doch, das bin ich.« Axel lächelte. »Heute ist mein erster Tag am Elisabeth-Krankenhaus. Es ging schon gleich sehr hektisch zu, mit zwei kurz aufeinanderfolgenden Operationen. Deshalb war auch noch keine Zeit, um mich allen Kollegen vorzustellen.«

Olivia blickte in sein schmal gewordenes Gesicht, und Gefühle regten sich in ihrer Brust, die sie längst vergessen geglaubt hatte. Noch ...

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