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Notärztin Andrea Bergen - Folge 1271

Aus den Aufzeichnungen der Notärztin

Niemanden am Elisabeth-Krankenhaus lässt in diesen Tagen die tragische Liebesgeschichte zwischen Jonathan Förster und der hübschen Sarah los, die so romantisch und hoffnungsvoll begann. Wie sehr hätte ich gerade Jonathan ein neues Glück gewünscht! Seit einem Jahr schon wacht er Tag für Tag am Bett seiner Frau Rebecca, die nach einem Autounfall im Koma liegt! Meine Kollegen von der Intensivstation haben sie im Stillen aufgegeben. Doch Jonathan schien bisher nicht akzeptieren zu können, dass Rebecca wohl nicht mehr zu sich kommen wird …

Deshalb war ich so glücklich, als er sich der jungen Patientin Sarah Kreuzer angeschlossen, ja sich Hals über Kopf in sie verliebt hat! Sarah gibt ihm neuen Lebensmut! Doch sie hat Jonathan nun schweren Herzens freigegeben! Der Kampf um ihn sei unfair, sagt sie. Denn Rebecca, die lebendige Tote, könne sich nicht wehren …

Aus den Aufzeichnungen der Notärztin

Sarah Kreuzer verließ das kleine italienische Restaurant und blinzelte geblendet, als sie aus dem schummrigen Licht des Gebäudes in den hellen Sonnenschein trat.

»Bis zum nächsten Mal, macht es gut, ihr Lieben«, verabschiedete sie sich von ihren Freundinnen Mareike und Nina. Dann gingen sie alle in unterschiedliche Richtungen davon.

Es war ein herrlicher Tag. Eine laue Brise ließ Sarahs luftigen hellblauen Rock flattern und spielte mit ihrem kinnlangen rotbraunen Haar. Verliebte Pärchen und Familien mit kleinen Kindern, plaudernde junge Mädchen und schick angezogene Damen flanierten gut gelaunt durch die Innenstadt, bewunderten die hübsch dekorierten Schaufenster oder besuchten eines der Restaurants, so wie Sarah es gerade mit ihren Freundinnen getan hatte.

Sarah wünschte, sie könnte ebenso unbeschwert sein wie all diese fröhlichen Menschen, aber etwas bedrückte sie.

Eine Unruhe hatte gerade beim Essen Besitz von ihr ergriffen und ließ sich nicht so einfach abschütteln. Die rastlose Stimmung nahm sie so gefangen, dass ihr gar nicht auffiel, dass ihre Augen zu tränen begannen, ihre Nase juckte und sich Kopfschmerzen ankündigten – Symptome, die für sie eigentlich ebenso bekannt wie eindeutig waren. Doch nun nahm sie nichts davon wahr.

Sie rief sich die Worte von Mareike und Nina noch einmal ins Gedächtnis. Mareike hatte von ihrem Mann Tom geschwärmt, der es irgendwie unter einen Hut brachte, eine Firma zu leiten und gleichzeitig ein wunderbarer und fürsorglicher Familienvater zu sein. Gestern erst hatte er nach einem langen und harten Arbeitstag die Kinder zum Ballett gefahren, das Essen gekocht und sogar noch daran gedacht, Blumen für Mareike mitzubringen.

Nina hingegen hatte mit glänzenden Augen von den romantischen Aktionen berichtet, mit denen ihr Verlobter Maik sie immer wieder überraschte und erfreute. Zuletzt hatte er im Garten aus unzähligen Teelichtern ein Herz gelegt!

Mit einem Mal fühlte Sarah sich einsam. Auch sie hatte einen festen Partner, doch in letzter Zeit verbrachten sie so schrecklich wenig Zeit miteinander, und ohnehin war Klaus nie der Typ für romantische Gesten gewesen.

Plötzlich hatte sie das Bedürfnis, seine Stimme zu hören – und sei es nur, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war zwischen ihnen. Sie zog ihr Handy aus der cognacfarbenen Lederhandtasche und wählte Klaus’ Nummer. Ein paar Mal klingelte es, dann sprang die Mailbox an. Eine unpersönliche Frauenstimme spulte die automatische Ansage ab und forderte sie auf, ihre Nachricht nach dem Signalton zu hinterlassen.

Sarah brach den Anruf ab und ließ das Handy wieder in die Tasche gleiten. Traurig schüttelte sie den Kopf. Wie oft hatte sie diese automatische Mailbox-Stimme in letzter Zeit gehört? Viel zu häufig erging es ihr so.

Wenn sie mit Klaus sprechen wollte, war er meist nicht erreichbar. Dafür hatte sie ja noch Verständnis – er war bei der Arbeit und konnte nicht jederzeit an sein Handy gehen – doch auch, wenn er zu Hause war, war er in Gedanken meist noch im Büro statt bei Sarah.

Früher war das ganz anders gewesen. Vor einigen Jahren, als sie frisch verliebt gewesen waren, hatte Klaus viel Zeit für sie gehabt. Doch nun, seit es für den smarten Manager beruflich so gut lief, konzentrierte er sich mehr und mehr auf seine Karriere.

Noch einmal seufzte sie – ein Seufzen, das in einen trockenen Husten überging, der sie schüttelte. Gleichzeitig begannen ihre Augen schrecklich zu brennen. Erschrocken rang Sarah nach Luft. Endlich fiel ihr auf, was ihr Körper ihr zu sagen versuchte:

Im Essen mussten Erdnüsse gewesen sein – dabei hatte sie den Kellner doch mehrmals eindringlich gefragt, ob auch bestimmt nicht die geringsten Spuren von Erdnüssen darin waren! Schließlich war ihr nur allzu bewusst, wie gefährlich ihr Nüsse werden konnten.

Hektisch kramte sie in der Handtasche nach ihrem Allergie-Notfallset. Es enthielt einen Adrenalin-Autoinjektor zur intramuskulären Verabreichung von Adrenalin sowie Prednison- und Cetirizin-Präparate – und es konnte ihr Leben retten, aber nur, wenn sie es rechtzeitig anwandte, solange sie noch dazu in der Lage war. Doch ihre Hände zitterten, sie konnte es einfach nicht finden.

Innerlich verfluchte sie sich dafür, dass sie ihre Tasche so vollgepackt und das Notfallset unter Taschentüchern, Schminksachen, Lippenpflege, Portemonnaie und Handy vergraben hatte. Panik wallte in ihr auf und machte ihre Bewegungen noch fahriger.

Ihre zitternden Finger ertasteten einzelne Münzen, ein Bonbon in knisterndem Papier, doch das lebensrettende Set mit der Spritze und den Tabletten fand sie nicht.

Ihre Kehle schwoll zu, ihr Atem ging schwer und pfeifend. Die Welt um sie begann sich zu drehen. Warum bloß war sie nicht vorsichtiger gewesen? Ja, sie hatte mit dem Kellner gesprochen – aber noch sicherer wäre es gewesen, sich direkt beim Koch zu erkundigen! Der kannte die Zutaten wohl am besten. Nicht nur die Nüsse selbst, sondern auch beispielsweise Erdnussöl konnte lebensbedrohlich für sie sein – da galt es, kein unnötiges Risiko einzugehen.

Tränen schossen ihr in die Augen, teils wegen der allergischen Reaktion, teils aus Angst und Wut über sich selbst. Ihre Haut juckte und brannte wie Feuer, gleichzeitig wurde ihr kalt. Verzweifelt rang sie um Luft. Konnte ihr denn niemand helfen?

Mit verschleiertem Blick sah sie sich um, doch die meisten Passanten schienen überhaupt nicht zu bemerken, dass es ihr schlecht ging. Nur ein kleiner Junge zog seine Mutter am Ärmel.

»Schau, Mama, die Frau da hustet!«, sagte er.

Die Mutter jedoch schaute gar nicht in Sarahs Richtung, sie hatte den Blick auf die Schaufenster gerichtet.

»Ja, ja, bestimmt ist sie erkältet«, meinte sie bloß geistesabwesend und zog ihren Sohn weiter.

»Helft mir doch!«, krächzte Sarah, doch niemand hörte sie.

Plötzlich stießen ihre Finger auf das Notfallset! Vor Erleichterung schluchzte sie erstickt auf. Hektisch und ungeschickt versuchte sie, das Kit aus der Handtasche zu ziehen – doch es rutschte ihr aus der Hand und fiel zu Boden.

»Nein, nein, nein!«, presste sie hervor. Sie wollte es aufheben, doch als sie sich bückte, wurde ihr entsetzlich schwindelig. Die Welt drehte sich rasant wie ein übergroßes Kirmes-Karussell. Noch einmal schnappte Sarah nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen, doch ihr Hals war so zugeschwollen, dass sie nicht atmen konnte.

Sie taumelte, und ihr wurde schwarz vor Augen. Hart schlug sie auf dem Asphalt auf. Ihr Kopf knallte mit solch ungebremster Wucht auf den Boden, dass sie meinte, er müsste zerspringen – dann verlor sie das Bewusstsein.

***

Andrea Bergen eilte durch die Gänge des Elisabeth-Krankenhauses. Ihre schnellen Schritte hallten über den PVC-Boden. Eigentlich hatte sie gerade vorgehabt, sich in der Cafeteria des Krankenhauses – dem Kasino – eine Suppe zu gönnen, doch bevor sie dazu gekommen war, diese zu genießen, war sie über den Lautsprecher ausgerufen worden.

Nun galt es, keine Zeit zu verlieren, ihr knurrender Magen wurde dabei augenblicklich zur Nebensache.

Zeitgleich mit Jupp Diederichs und Ewald Miehlke, die zu ihrem Notfall-Team gehörten, erreichte sie den Notarztwagen. Jupp Diederichs rutschte hinter das Lenkrad, Andrea zog die Autotür hinter sich zu, und dann ging es auch schon los. Mit Blaulicht und Einsatzhorn bahnte der Wagen sich seinen Weg durch das Straßennetz.

Im Kopf ging Andrea die Fakten, die man ihr mitgeteilt hatte, noch einmal durch. Viel wusste sie nicht – eine junge Frau war auf offener Straße zusammengebrochen und war offensichtlich bewusstlos. Das konnte alle erdenklichen Gründe haben. Erst vor Ort würden sie sich ein genaueres Bild von der Lage verschaffen können.

Als sie den Einsatzort erreichten, sprang Andrea – ausgerüstet mit ihrem Notarztkoffer – aus dem Wagen. Nach der Patientin musste sie nicht lange Ausschau halten. Umgeben von Schaulustigen, lag eine junge Frau mit kinnlangem rotbraunem Haar am Boden.

So schnell wie möglich bahnte sich Andrea ihren Weg durch die Menge. Viele der Leute waren so damit beschäftigt, die Bewusstlose anzustarren, dass sie nicht einmal beiseitetraten.

Das Verhalten der Menschen ärgerte Andrea – niemand half, alle schauten bloß. Ihr war klar, dass viele in so einer Situation aus Angst und Unwissenheit tatenlos blieben – sie wussten nicht, wie sie dem Patienten helfen konnten, und befürchteten, durch ihr Eingreifen alles noch schlimmer zu machen.

Das konnte Andrea Bergen zumindest noch ansatzweise nachvollziehen, wenngleich sie sich von Herzen wünschte, mehr Menschen würden Erste-Hilfe-Kurse besuchen und durch das Erlernen einiger grundlegender Techniken die Hemmungen verlieren zu helfen, wenn Hilfe gebraucht wurde.

Aber nun hatte die Notärztin keine Zeit, darüber weiter nachzudenken. Als sie die Bewusstlose erreicht hatte, kniete sie augenblicklich neben ihr nieder und prüfte die Vitalfunktionen. Die junge Frau atmete, doch ihr Atem ging schwach und pfeifend. Ihr Gesicht war angeschwollen und gerötet und wies weiße und rötliche Quaddeln auf.

Sofort hatte Andrea einen Verdacht: Das sah nach einem anaphylaktischen Schock aus. Vielleicht war die Patientin von einer Biene oder Wespe gestochen worden oder hatte etwas gegessen, worauf sie allergisch reagierte.

»Den Allergiepass«, sagte Andrea knapp.

Ewald Miehlke verstand sofort. Er öffnete die Handtasche und das Portemonnaie der Patientin und suchte nach einem Dokument, das die meisten Allergiker immer bei sich trugen und das Angaben über vorliegende Allergien enthielt. Währenddessen brachte Andrea die junge Frau in Schocklage: Sie legte sie auf den Rücken und lagerte die Beine um dreißig Grad hoch.

Als sie mit raschen, geübten Bewegungen einen Zugang in die Vene legte, hielt Ewald einen Zettel hoch.

»Erdnuss-Allergie«, informierte er sie. »Die Patientin hatte in der Vergangenheit schon mehrere anaphylaktische Reaktionen nach dem versehentlichen Verzehr von Lebensmitteln, die Spuren von Erdnüssen enthalten.«

Andrea nickte. So etwas hatte sie schon erwartet.

»0,4 mg Adrenalin intramuskulär«, beschloss sie.

Das Stresshormon war bei der Behandlung einer solchen allergischen Reaktion besonders wichtig, um die Herz-Kreislauf-Funktion anzuregen und dafür zu sorgen, dass sich die Blutgefäße wieder verengten und der Betroffene besser atmen konnte. Es wurde in den Musculus vastus lateralis am anterolateralen Bereich des Oberschenkels injiziert.

Die Injektion des Adrenalins konnten Ewald Miehlke und Jupp Diederichs übernehmen, während sie sich einem weiteren wichtigen Punkt widmete. Die Atmung der Patientin machte ihr Sorgen. Im Falle eines Glottisödems – einer Schwellung der Kehlkopfschleimhaut – würde es nicht reichen, mit einer Sauerstoffmaske Sauerstoff zu verabreichen, und es drohte akute Erstickungsgefahr.

Andrea entschied sich dazu zu intubieren und führte die Hohlsonde vorsichtig in die Luftröhre ein.

Danach gönnte sie sich keine Sekunde, um kurz zu verschnaufen. Um das stagnierende Blutvolumen wieder in Umlauf zu bringen, war es nun wichtig, dass die Patientin über eine Infusion eine Volumenersatztherapie erhielt.

Anschließend verabreichte Andrea der jungen Frau durch den intravenösen Zugang, den sie zuvor gelegt hatte, ein schnell wirksames H1-Antihistaminikum und ein Kortisonpräparat. Während das Antihistaminikum die allergischen Symptome linderte, sollte das Kortison die allergische Reaktion eindämmen und entzündungshemmend wirken.

Besorgt blickte die Notärztin dann auf ihre Patientin hinab. Nicht nur der anaphylaktische Schock war gefährlich, sondern sie konnte sich auch beim Sturz Verletzungen zugezogen haben. Da die Gefahr eines Schädel-Hirn-Traumas bestand, musste die junge Frau äußerst vorsichtig transportiert werden.

Äußerliche Verletzungen waren nicht zu sehen, doch das hatte nichts zu sagen. Sacht schoben Andrea, Ewald und Jupp eine Trage unter die Patientin und beförderten sie damit behutsam in den Notarztwagen, um sie ins Elisabeth-Krankenhaus zu bringen.

***

Erschöpft wischte Andrea sich den Schweiß von der Stirn. Die dunkelblonden halblangen Haare hatten sich im Eifer des Gefechts aus dem Zopf gelöst, einige Strähnen fielen ihr ins Gesicht. Nun endlich hatte sie Zeit durchzuatmen. An einem Waschbecken spritzte sie sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht und fasste ihre Haare wieder zu einem kleinen Zopf zusammen.

Es war ihr letzter Einsatz für heute gewesen, endlich konnte sie Feierabend machen. Das war auch dringend nötig. Während sie die Anaphylaxie-Patientin versorgt und ins Krankenhaus gebracht hatte, hatte sie ihre eigene Müdigkeit ausgeblendet und gar nicht wahrgenommen, doch nun, da der Druck von ihr abfiel, fühlte sie sich matt und ausgelaugt.

Ihr Magen knurrte laut und erinnerte sie daran, dass sie heute aus Zeitmangel viel zu wenig gegessen hatte.

»Anstrengender Tag?«, fragte ihr Kollege Dr. Clemens Stellmacher, der sie nun ablöste, mitfühlend.

Sie nickte. »Ich drück dir die Daumen, dass deine Schicht ruhiger wird.«

»Und ich wünsch dir einen erholsamen Feierabend!« Er winkte ihr.

Andrea konnte es kaum erwarten, nach Hause zu ihrer Familie zu kommen, doch zuerst gab es für sie noch etwas zu tun. Sie wollte unbedingt noch kurz nach jemandem sehen, der ihr in letzter Zeit Sorgen bereitete – und diesmal war es kein Patient, sondern der Angehörige einer Patientin.

Unterwegs holte sie zwei Becher Kaffee aus dem Automaten. Als sie vor dem Raum ...

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