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Notärztin Andrea Bergen - Folge 1265

Aus den Aufzeichnungen der Notärztin

Kein Kinderlachen, keine spinatverschmierten Gesichtchen am Mittagstisch – dafür einen Mann, der nie bei ihr zu Hause ist! Ich kann verstehen, dass meine Schulfreundin Jana so entmutigt ist. Nach vielen Jahren habe ich sie heute zum ersten Mal wiedergesehen – und war schockiert: Aus der ehemals schönen, selbstbewussten Oberstufenschülerin ist eine verschüchterte, bittere Frau geworden, die jedes Selbstvertrauen verloren hat. Das Schicksal war nicht gut zu ihr, und ihre Ehe mit Karsten scheint am Ende zu sein. Dabei waren Jana und Karsten früher das Traumpaar der Schule: schön, charmant und unbesiegbar, wie es schien! Nie hätte ich gedacht, dass ihre Liebe einmal enden könnte.

Aber Jana hat mir heute ein großes Geheimnis anvertraut, für das es sich zu kämpfen lohnt.

Und deshalb werde ich für ihr Glück noch einmal alles wagen …

Aus den Aufzeichnungen der Notärztin

Jana Hofmann rührte langsam und bedächtig im Chili con Carne, das im großen Kochtopf dampfend vor sich hin blubberte. Es sah köstlich aus, und die Küche war erfüllt von einem würzigen, herzhaften Duft, doch Jana war mit ihren Gedanken ganz woanders.

Unzählige Male hatte sie dieses Gericht schon für Karsten zubereitet – anfangs immer mit viel Liebe, doch nun tat sie es geistesabwesend und fast mechanisch. Es war das Lieblingsessen ihres Mannes, aber sie bezweifelte, dass ihm überhaupt auffallen würde, dass sie es extra für ihn gekocht hatte. Schließlich sah er sie schon lange gar nicht mehr richtig an – und ebenso wenig beachtete er die Dinge, die sie für ihn tat.

Sie seufzte tief und stützte sich mit einer Hand auf der Arbeitsplatte neben dem Herd ab, als bereitete es ihr plötzlich Mühe, aufrecht zu stehen. Wusste er es denn noch zu schätzen, wenn sie sich um ihn bemühte? Bestimmt nicht.

Es war ein schmerzhafter Gedanke, doch einer, der sich nicht abschütteln ließ und in letzter Zeit immer mehr an ihr nagte.

Wie hatte es nur so weit kommen können? Sie waren doch so verliebt ineinander gewesen. Damals, vor einer gefühlten Ewigkeit, hatte Jana noch gewusst, wie sich vollkommenes Glück anfühlte.

An die Vergangenheit zurückzudenken war ein bittersüßes Vergnügen, das sie sich nur selten gestattete, weil es sie zunehmend deprimierte. Nun aber ließ sie die Gedanken schweifen, zurück zu glücklicheren Tagen.

Karsten und sie kannten einander schon lange, seit ihrer gemeinsamen Schulzeit. Immer schon hatte sie ihn heimlich angehimmelt – er war einer der beliebtesten Jungen der Schulstufe gewesen, sportlich und gut aussehend. Meist war er von einer großen Gruppe von Freunden umgeben gewesen.

Besonders gut gefallen hatte er ihr aber in jenen Momenten, in denen er in einer Unterrichtspause allein und konzentriert in einem Buch oder einer Zeitschrift geblättert hatte, geistesabwesend Musik gehört hatte oder Skizzen in seinen Notizblock gekritzelt hatte. Immer, wenn er sich unbeobachtet gefühlt hatte, hatte sein Gesicht diesen selbstvergessenen Ausdruck angenommen, den sie so sehr an ihm liebte.

Irgendwann hatte sie einfach all ihren Mut zusammengenommen, war zu ihm gegangen und hatte sich zu ihm gesetzt. Von da an hatten sie die Schulpausen miteinander verbracht.

Für Jana hatte schnell festgestanden, dass Karsten der Mann war, dem ihr Herz gehörte. Sie war lange Zeit der Meinung gewesen, für ihn wäre es nichts weiter als eine bloße Freundschaft. Doch eines Tages, als sie gemeinsam von der Schule nach Hause gegangen waren, um zusammen fürs Abi zu lernen, hatte er plötzlich ihre Hand genommen, ihr tief in die Augen gesehen und sie geküsst.

Es war ein kurzer, zarter, unschuldiger Kuss gewesen, doch er hatte ihr Leben verändert. So lange hatte sie davon geträumt, seine feste Freundin zu sein – nun war ihr Traum wahr geworden.

Sie waren das Traumpaar der Schulstufe gewesen, beide bis über beide Ohren verliebt, immer Händchen haltend, immer zu zweit unterwegs.

Jana hatte sich gefühlt wie in einer der romantischen Liebeskomödien, die ihre Mutter so gerne im Fernsehen sah. Karsten war der perfekte Freund gewesen – er hatte ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen.

Als sie einmal mit einer schlimmen Magenverstimmung im Bett gelegen hatte und vor Schmerzen nicht schlafen konnte, war er die ganze Nacht mit ihr wach geblieben und hatte ihr aus einem Buch vorgelesen. Einmal hatte er sogar eine Liebesnachricht auf ein großes Plakat geschrieben und an den Nachbarszaun gehängt, sodass sie es von ihrem Fenster aus gesehen hatte. Der Nachbar war nicht sonderlich begeistert, Jana aber war selig gewesen.

Karsten hatte immer schon davon geträumt, nach Hamburg zu ziehen und dort Informatik zu studieren. Für Jana war es selbstverständlich gewesen, ihn dabei zu unterstützen, auch wenn sie an ihrer Heimatstadt hing. Sie war mit ihm nach Hamburg gezogen, weil ihm der Tapetenwechsel so wichtig gewesen war, und hatte Journalismus studiert.

So richtig heimisch hatte sie sich im hohen Norden nie gefühlt, wenn sie ganz ehrlich zu sich war. Sie hatte ihre Familie, ihre Freundinnen und die hübsche Stadt am Rhein vermisst. In Hamburg hatte sie sich immer ein wenig verloren gefühlt – die Stadt war ihr einfach zu groß, und es war ihr schwergefallen, neue Bekanntschaften zu schließen. Aber sie hatte ja Karsten gehabt, und an seiner Seite war sie glücklich gewesen – damals.

Ohne hinzuschauen, nahm Jana nacheinander Salz, Pfeffer und getrocknete Chiliflocken aus dem Schrank – sie wusste genau, wo alles stand – und würzte das Chili con Carne. Als sie den Salzstreuer zurückstellen wollte, glitt er ihr aus der Hand und zerbrach klirrend am Küchenboden. Mit einem unterdrückten Fluch auf den Lippen schnappte sie sich einen Handbesen und ließ sich auf die Knie fallen.

Nur mühsam verdrängte sie den Gedanken, der ihr beim Anblick der Bruchstücke durch den Kopf schoss: Stand sie etwa vor den Scherben ihres Lebens … oder zumindest den Scherben ihrer Liebesbeziehung?

Energisch versuchte sie, an etwas anderes zu denken, und beschimpfte sich in Gedanken als theatralische Idiotin, aber es half nichts – das Bild setzte sich in ihrem Kopf fest.

Hastig fegte sie die Scherben zusammen und ließ sie im Mülleimer verschwinden. Dass sie einen Glassplitter übersehen hatte, merkte sie erst, als ein stechender, brennender Schmerz ihren Fuß durchzuckte.

»Mist …«, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, humpelte zum nächsten Küchenstuhl und ließ sich darauf fallen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht zog sie die Socke aus und zupfte dann vorsichtig die Scherbe aus der Wunde. »Mist, Mist!«

Zum Glück blutete die kleine Verletzung nicht allzu stark, und mit einem Pflaster fühlte Jana sich ausreichend verarztet. Aber statt zum Herd zurückzugehen, blieb sie sitzen, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und legte das Gesicht in die Hände. Das Essen würde schon nicht anbrennen, und selbst wenn – was machte das schon?

Es war unmöglich zu sagen, wann genau ihr Glück mit Karsten zu bröckeln begonnen hatte. Es war ein schleichender Prozess gewesen, und lange Zeit hatte sie es sich nicht eingestehen wollen, musste sie nun erkennen.

Nach seinem Informatikstudium hatte Karsten problemlos eine gut bezahlte Stelle gefunden. Er hatte sogar die Auswahl gehabt – mehrere Jobangebote hatte er ausgeschlagen und sich für eine besonders gut bezahlte, dafür aber auch stressige und zeitaufwendige Position bei einer großen Computerfirma entschieden.

Bei ihr hingegen war das etwas komplizierter gewesen. Eine Festanstellung bei einer Zeitung, wie sie es gehofft hatte, hatte sie nicht gefunden. Stattdessen schrieb sie als freie Mitarbeiterin Artikel für unterschiedliche Magazine und Zeitungen.

An sich war das kein großes Problem – Karstens Gehalt reichte spielend für sie beide aus, auch wenn Janas Aufträge manchmal in einem Monat eher rar gesät waren. Aber die unsichere berufliche Situation trug nicht unbedingt dazu bei, dass sie sich besser fühlte.

Vielleicht sollte sie froh und dankbar dafür sein, dass ihr Mann einen Job gefunden hatte, der ihnen einen so guten Lebensstil ermöglichte und der ihm solche Freude bereitete. Aber immer häufiger ertappte sie sich bei dem Wunsch, Karsten würde irgendeiner anderen Tätigkeit nachgehen, weniger Geld verdienen und dafür mehr zu Hause sein.

Geregelte Vierzig-Stunden-Wochen hatte es für ihn von Anfang an nicht gegeben, und früher hatte Jana das in Ordnung gefunden. Schließlich begeisterte ihn die Arbeit, und es war ihr wichtig, dass er etwas tat, was ihm gefiel.

Mittlerweile schien es ihr aber, als lebte er nur noch für die Arbeit. Er war kaum mehr zu Hause, verreiste oft beruflich, und wenn er da war, vergrub er sich meist in Fachliteratur.

Immer weniger und weniger hatte er sie beachtet, immer weniger Zeit hatte er ihr geschenkt, bis sie sich nun fast unsichtbar fühlte.

Janas Herz schlug immer noch für ihn. Sie sehnte sich nach seiner Aufmerksamkeit, seinen Küssen, seiner Liebe. Doch er war ihr fremd geworden, und sie bezweifelte allmählich, dass sie ihm noch viel bedeutete. Jedenfalls schien sie ihm viel weniger wichtig zu sein als sein Beruf, der all seine Zeit verschlang.

Mit steifen Bewegungen, fast wie eine Marionette, erhob sie sich und setzte sich an Karstens Platz am Esstisch. Ein Stuhl, der immer öfter leer blieb, weil Karsten abends häufig so spät nach Hause kam und unterwegs aß, statt mit ihr. Heute aber würden sie gemeinsam essen – er hatte versprochen, pünktlich heimzukommen. Darum das Chili con Carne.

Jana betrachtete ihr blasses Spiegelbild in der Fensterscheibe. Ob es an ihrem Aussehen lag, dass Karsten das Interesse an ihr verlor? War sie denn so stark gealtert in den letzten Jahren?

Eigentlich konnte das nicht der Grund sein – sie war nun Mitte dreißig und sah um einige Jahre jünger aus, wurde ihr immer wieder gesagt. Die pechschwarzen Haare fielen glänzend und seidig fast bis zu ihrer Taille, und ihre Haut war glatt und ebenmäßig wie eh und je.

Nur ihren smaragdgrünen Augen sah man an, dass sie nicht glücklich war: Dunkle Schatten ließen sie müde wirken, und die Traurigkeit, die darin lag, war vor einigen Jahren noch nicht da gewesen.

Das Klingeln des Telefons schrillte so laut durch den ansonsten totenstillen Raum, dass Jana heftig zusammenzuckte. Ihr erster Gedanke war, dass es Karsten sein musste – Karsten, der schon wieder das Abendessen ausfallen lassen würde. Aber das konnte nicht sein, er hatte ihr versprochen, dass sie heute zusammen essen würden!

Aber es war seine Telefonnummer, die auf dem Display aufleuchtete. Sein Arbeitstelefon, wohlgemerkt – er war also noch im Büro … Wie gut, dass man Chili con Carne einfach warmhalten konnte.

Nun, gewiss rief er nur an, um zu sagen, dass er sich ein kleines bisschen verspäten würde. Bestimmt würde er gleich losfahren. Oder?

Ihr Magen verkrampfte sich, als sie nach dem Telefonhörer griff, dennoch bemühte sie sich um eine fröhliche Stimme.

»Hallo, Schatz? Was gibt’s?«

»Hallo, Liebes! Hör mal, ich hab nur einen Moment Zeit … Ich wollte dir bloß schnell Bescheid geben, dass es heute später wird.« Seine Stimme klang gestresst.

Janas Mundwinkel sanken hinab.

»Wie viel später denn?«, wollte sie wissen. »Wir wollten doch heute zusammen essen … Aber kein Problem, ich warte einfach auf dich. Das Essen kann man warmhalten.«

»Lieb von dir, aber das wird nichts. Sorry. Iss doch schon mal ohne mich, ich komme hier nicht vor neun oder zehn raus, vielleicht wird es noch später.«

Janas Hand krampfte sich so fest um den Telefonhörer, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Sie nickte. Dann erst wurde ihr bewusst, dass er das durch das Telefon gar nicht sehen konnte.

»In … In Ordnung«, antwortete sie schnell, doch es kostete sie Mühe, die unbeschwerte Fröhlichkeit in ihrer Stimme aufrechtzuerhalten. »Ich hab dir dein Lieblingsessen gekocht, Chili con Carne. Ich stell dir deine Portion einfach in einer Schüssel in den Kühlschrank, ja? Dann kannst du es aufwärmen, wenn du heimkommst.«

»Mach dir bloß keine Umstände, ich hab mir schon einen Döner geholt. Ich brauch nichts mehr, vielen Dank. Tut mir leid, Liebes, ich muss jetzt dringend weiterarbeiten. Warte nicht auf mich! Wir sehen uns dann morgen, ja?«

»Ja, alles klar«, presste sie hervor und hoffte, dass die Worte nicht allzu tränenerstickt klangen. Erst, als das Klicken in der Leitung verriet, dass er aufgelegt hatte, schluchzte sie laut auf.

Eine Weile blieb sie einfach stehen, den stummen Telefonhörer ans Ohr gepresst, und starrte unverwandt auf Karstens Platz, der auch heute leer bleiben würde.

Schon wieder.

Erst als die Küchenuhr piepste und damit anzeigte, dass das Chili lange genug vor sich hin geköchelt hatte, erwachte sie aus ihrer Lethargie. Nun, dann würde sie eben allein essen.

Sie zog den Topf vom Herd, füllte sich eine Schüssel auf und setzte sich an den Tisch. Bewusst vermied sie es, zu Karstens leerem Stuhl zu blicken. Der Anblick war ihr in den vergangenen Wochen, Monaten und gar Jahren nur allzu vertraut geworden, aber wirklich gewöhnen würde sie sich nie daran.

Jana seufzte. Wo waren nur die glücklichen Zeiten geblieben, in denen Karsten und sie unzertrennlich gewesen waren und sich so oft wie möglich gesehen hatten?

So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Früher, als Karsten und sie als junges und glückliches Paar nach Hamburg gezogen waren, hatte für Jana festgestanden, dass sie gemeinsam eine Familie gründen würden.

Vielleicht dann, wenn sie beide mit dem Studium fertig wären. Vielleicht nach der Hochzeit. Vielleicht, wenn Karsten ein paar Jahre in seinem neuen Job gearbeitet hätte …

Aber es war nie geschehen.

Nun saß Jana mutterseelenallein an dem großen Esstisch aus massivem Eichenholz. Kein fröhliches Kinderlachen, keine spinatbeschmierten Gesichtchen, keine Spuren von Buntstift auf der Tischplatte. Kein glücklicher Familienvater, der ihr gegenübersaß und mit ihr gemeinsam das Familienglück genoss. Nur sie allein und die vage, allmählich sterbende Hoffnung, Karsten würde sich ihr irgendwann wieder zuwenden, statt ihr weiter und weiter zu entgleiten.

Die Stille, die über den Raum lag, war lähmend. Kurz erwog sie, das Radio oder den Fernseher einzuschalten, um zumindest fremde Stimmen zu hören, aber damit wäre sie sich wohl noch jämmerlicher vorgekommen. So einsam, dass sie zu solchen Mitteln greifen musste, war sie doch nun auch wieder nicht. Oder?

Aber wem wollte sie hier eigentlich etwas vormachen? Traurig schüttelte sie den Kopf. Sie war einsam, daran gab es nichts zu rütteln. Und dabei lebten sie nicht einmal mehr in Hamburg!

Vor ein paar Monaten schon war Karsten an einen anderen Standort der Firma versetzt worden, ausgerechnet hierher zurück, in ihre alte Heimatstadt. Jana war begeistert gewesen – nun würde endlich alles wieder bergauf gehen, hatte sie gedacht. Aber wenn sie gehofft hatte, sich hier weniger einsam zu fühlen, war sie enttäuscht worden.

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