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Notärztin Andrea Bergen - Folge 1252

Aus den Aufzeichnungen der Notärztin

In meinem ganzen Leben werde ich nicht das Entsetzen vergessen, das mich gepackt hat, als ich meine Freundin Katja wie tot am Fuß unserer Treppe fand! Und auch jetzt, drei Tage später, kann ich mich noch nicht beruhigen. In einer Stunden währenden Not-Operation konnten wir Katjas komplizierten Beckenbruch zwar richten, doch schon jetzt steht fest, dass noch ein langer, steiniger Weg vor Katja liegt, bis sie wieder ganz gesund sein wird …

Heute kommt es mir wie ein böser Scherz des Schicksals vor, dass ich den Grillabend in unserem Garten nur arrangiert hatte, um Katja Lindinger und Frank Imhoff endlich zusammenzubringen. Ich weiß, dass Katja ihn seit Langem liebt, und Frank schien ihre Gefühle zu erwidern! Doch nun ist nichts mehr, wie es einmal war. Und Katja, der ehemals strahlende Mittelpunkt unserer Clique, droht zu verzweifeln …

Aus den Aufzeichnungen der Notärztin

»Hallo, Andrea!«

Überrascht drehte Notärztin Andrea Bergen sich um. Hinter ihr stand ihre Freundin Katja Lindinger. Sie trug ihre grüne OP-Kleidung und hatte ihr langes braunes Haar hochgebunden. In der Hand hielt sie, wie Andrea, einen Teller mit Kartoffelsalat.

Katja schmunzelte und deutete auf den Teller. »Mariechens Kartoffelsalat ist einfach der beste.«

»Das will ich doch meinen!«, rief Mariechen Brückmann, die Wirtin des Casinos, fröhlich. Sie stand hinter der Kasse und nickte Andrea zu. »Macht zwei Euro fünfzig für die Notärztin.«

»Ist da der Rabatt schon drin?« Andrea grinste sie an.

»Heute ohne Rabatt«, entschied Mariechen und verkniff sich das Grinsen. »Wie ich Sie beide kenne, setzen Sie sich gleich an einen Tisch.«

»Da könnten Sie recht haben«, antwortete Andrea und fragte Katja: »Hast du noch ein bisschen Zeit?«

»Für dich immer.« Katja lächelte ihre Freundin an. »Ich wollte dich sowieso noch etwas Wichtiges fragen.«

Andrea bezahlte ihren Kartoffelsalat und ging voraus zu einem der Tische.

»Gibt es auch Rabatt für OP-Schwestern?«, fragte Katja neugierig.

»Der ist nur für Notärzte«, erklärte Mariechen und musste lachen. »Die besetzen nämlich nie einen Tisch, weil sie sofort wieder davonlaufen.«

Katja verdrehte die Augen und folgte Andrea in eine gemütliche Nische im Casino.

»Gibt es wirklich einen Notärzterabatt?«, wollte sie dann von Andrea wissen.

»Nein, das ist nur so ein Witz zwischen Mariechen und mir. Irgendwann hat sie mal zu mir gesagt, dass ich Rabatt bei ihr bekomme, weil ich nie Zeit habe, mich zu setzen.«

»An manchen Tagen ist es bei uns aber auch nicht besser«, meinte Katja. »Dann kommt ein Notfall nach dem anderen rein. Letztes Wochenende hatte ich Bereitschaft, ich glaube, ich habe acht Stunden am Stück im OP gestanden.«

»War das am Samstag?« Andrea blickte von ihrem Teller hoch.

Katja sah auf ihren Kartoffelsalat und schob ihn dann zur Seite.

»Ich hab irgendwie gar keinen Appetit.«

»Da war doch der schlimme Unfall auf der Autobahn«, fuhr Andrea fort.

»Vier Schwerverletzte, sechs Leichtverletzte und fünf Patienten, die unter Schock standen«, zählte sie auf. »Wir haben nur die Schwerverletzten bekommen, die anderen haben sie auf andere Krankenhäuser aufgeteilt. Die Patienten, die zu uns kamen, waren so schlimm verletzt, wir wussten gar nicht, wen wir zuerst operieren sollten. Ich bin von einem OP zum anderen gerannt.«

»Mein Kollege Clemens Stellmacher hatte letztes Wochenende Dienst. Er hat mir davon erzählt. Immerhin habt ihr alle vier Patienten durchgebracht.«

»Das war ein Wunder. Am Anfang habe ich gedacht, die sterben uns unter den Händen weg. Aber Fritz Homberg, der Leiter der Notaufnahme, ist einfach begnadet gut. Wir hatten die Patienten ruck, zuck auf dem OP-Tisch und konnten zügig weitermachen.«

»Ein guter Diagnostiker ist schon viel wert«, meinte Andrea.

»Das sagt die Richtige.« Katja grinste ihre Freundin an.

»Ich mache nur meinen Job«, wehrte Andrea ab, »wie du auch.«

»Nur habe ich nicht so eine Verantwortung wie du. Als OP-Schwester arbeite ich im Team, aber du als Notärztin bist allein auf dich gestellt.«

»Bei euch muss auch jeder Handgriff sitzen«, entgegnete Andrea und sah Katja an. »Weißt du noch? Unsere erste OP damals? Wir haben über irgendetwas geredet, und Professor Hebestreit hat uns erwischt. Du hast ihm dann das falsche Skalpell gereicht, und mir ist vor Schreck die Schere auf den Boden gefallen.

»Der hat sich gar nicht wieder eingekriegt. An die Gardinenpredigt erinnere ich mich heute noch. ›Ein Operationssaal ist keine Schwatzbude‹», machte Katja die strenge Stimme des Chefarztes nach.

»Recht hat er ja«, gab Andrea zu, »aber wir waren damals noch jung und hatten uns ständig was zu erzählen.«

»Vor allem Männergeschichten.« Katja grinste. »Apropos Männer«, fuhr sie fort. »Was ist eigentlich mit diesem Frank, dem Freund von Werner? Du wolltest doch ein Date arrangieren?«

»Woher soll ich wissen, dass es so dringend ist?« Andrea sah ihre Freundin mit gespielter Unschuld an. »Ich dachte, Männer hätten keinen Platz in deinem Leben?«

»Ach was«, Katja machte eine wegwerfende Handbewegung. »Das habe ich nur gesagt, weil Werner und du mich mit diesem Architekten verkuppeln wolltet. Ich fand ihn einfach schrecklich.« Sie beugte sich vor und sah Andrea verschwörerisch an. »Aber den Frank würde ich wirklich gern wiedersehen. Der gefällt mir nämlich. Bei dem Kegelabend letztens haben wir uns blendend unterhalten.«

Andrea nahm einen Bissen Kartoffelsalat und überlegte.

»Wir könnten einen Grillabend veranstalten. Werner lädt Frank ein und ich dich. Dann könnten wir auch Marc und Sabine dazubitten, unsere neuen Nachbarn. Sie haben das Haus nebenan gekauft.«

»Dann fällt es wenigstens nicht so auf, wenn ich nur Augen für Frank habe.«

»Wie bitte?« Andrea grinste. »Sonst bestehst du doch darauf, dass die Männer dich anhimmeln. Alles andere würde doch gegen deine Ehre als Emanze gehen.«

»Wenn es der Richtige ist, kann man mal über seinen Schatten springen.« Katja bekam einen schwärmerischen Blick. »Frank ist so verständnisvoll, ich habe selten einen Mann getroffen, mit dem ich so gut reden konnte.«

Andrea lachte, und am Nebentisch sahen sie zwei Pfleger erstaunt an. »Frank ist Anwalt«, fuhr sie leiser fort, »kein Wunder, dass man gut mit ihm sprechen kann.«

»Sein Interesse war aber echt«, verteidigte Katja ihn. »Man merkt doch, ob jemand nur aus Höflichkeit fragt oder wirklich etwas von dir wissen will.«

»Stimmt«, gab Andrea zu. Sie schob ihren leeren Teller zur Seite. »Und du bist sicher, dass du Frank gern wiedersehen würdest? Ich fände es schade, wenn er nur eine Affäre für dich wäre, dafür ist er viel zu nett. Außerdem hat ihm letztes Jahr eine Frau das Herz gebrochen, das braucht er nicht noch einmal.«

»Du tust fast so, als wäre ich ein männermordender Vamp. Dabei will ich nur das eine: geliebt und auf Händen getragen werden«, sagte Katja theatralisch.

»Und zwischendurch ein wenig mit der Peitsche knallen«, gab Andrea trocken zurück. »Ich kenne dich doch, meine Liebe. Bis jetzt hast du noch jeden Mann in die Flucht geschlagen, weil dir dein Beruf und deine Freizeit wichtiger waren.«

Katja lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. »Das wird auch in Zukunft so sein. Der Mann, der das akzeptiert, ist dann der Richtige. So einfach ist das.«

Andrea schmunzelte. »Ein paar Kompromisse wirst du schon noch eingehen müssen. Dann kannst du nicht mehr an jedem Feiertag arbeiten, weil dein Liebster vielleicht einen Ausflug mit dir machen möchte. Oder gleich ein langes Wochenende wegfahren möchte.«

Mit gespieltem Entsetzen sah Katja ihre Freundin an.

»Das wäre ja furchtbar! Drei Tage mit dem gleichen Mann in einem Hotel, dann hab ich den ja ununterbrochen auf der Pelle.«

»So ist das nun mal, wenn man sich füreinander entschieden hat.« Andrea musste lachen. »Deswegen heißt es ja auch Lebensgefährte

»Bei mir heißt es Lebens-Abschnitts-Partner

Andrea schüttelte den Kopf. »Es wird wirklich Zeit, dass du in feste Hände kommst und den Wert einer beständigen Beziehung erfährst.«

»Du redest schon wie meine Mutter«, konterte Katja. »Die wartet auch darauf, dass ich endlich den Traummann anschleppe. Deswegen musst du jetzt auch dringend das Date mit Frank planen, sonst werde ich noch enterbt.« Sie grinste ihre Freundin an.

Andrea kicherte und stand auf. »Das wäre ja schrecklich. Dann mache ich mich mal sofort an die Arbeit und rufe Werner an, um ihn auf Frank anzusetzen.«

»Geht doch.« Katja grinste zufrieden.

***

Sie winkte Andrea hinterher, als die Notärztin das Kasino verließ. Katja hatte noch ein wenig Zeit und entschied sich, die Treppen zu nehmen. Während sie vom dritten Stock ins Parterre hinunterging, dachte sie an das Gespräch mit Andrea und musste schmunzeln. Ihre Freundin war ähnlich wie sie: Sie liebte ihren Beruf, vergaß darüber hinaus aber nicht den Spaß am Leben. Mit ihr konnte sie in den kurzen Mittagspausen frotzeln und herzlich lachen, nur leider schafften sie es viel zu selten, gemeinsam essen zu gehen. Entweder war Andrea im Einsatz oder Katja im OP.

Wie Andrea Bergen arbeitete auch Katja gern im Elisabeth-Krankenhaus. Sie war sehr ehrgeizig und versuchte immer, die Beste zu sein. Gelang es ihr nicht, gab sie schnell wieder auf, was sie begonnen hatte, wie zum Beispiel das Reiten.

Vor Jahren hatte sie ein paar Reitstunden genommen, doch statt in Frack und Zylinder als Dressurreiterin zu glänzen, wie es ihr vorgeschwebt hatte, hatte sie gerade mal eine Runde über die Koppel geschafft, ohne vom Pferd zu fallen.

Alles hatte damit geendet, dass Katja ihre Stunden an Franzi weitergab, die mittlerweile eine gute Reiterin geworden war.

Dabei war Katja kein Typ, der vorschnell aufgab, sie hielt nur wenig davon, sich in einem Bereich zu verausgaben, in dem sie kaum Talent hatte. In ihrem Beruf hatte sie dagegen gelernt, auch schwierige Situationen zu meistern und dem Team Mut zu machen, auch wenn alle schon völlig erschöpft waren. Die Ärzte und das OP-Pfleger-Team schätzten sie deshalb sehr.

Wenn ihnen bei den Schwerverletzten die Zeit davonlief und sie unter Hochdruck arbeiten mussten, um lebenswichtige Organe zu versorgen, war Katja der ruhende Pol in dem Team, auf den sich alle verlassen konnten. Sobald sie allerdings Feierabend hatte, fühlte sie sich schlagartig erschöpft und ausgebrannt. Erst dann registrierte sie, wie viel Anstrengung ihr Perfektionismus sie kostete, wie viel Kraft sie aufbringen musste, um vor den Kollegen immer gut dazustehen.

Als sie im Parterre angekommen war, spürte sie wieder die Muskelkrämpfe in den Beinen. Sie musste sich dringend Magnesium aus der Apotheke besorgen. In letzter Zeit quälten sie diese Krämpfe doch sehr. Vielleicht hing damit ja auch ihre Appetitlosigkeit und Müdigkeit zusammen. Wenn sie Zeit hatte, würde sie sich gründlich untersuchen lassen.

Für diesen Nachmittag jedenfalls war eine komplizierte Bauch-Operation angesetzt. Der Chefarzt persönlich, Professor Walter Hebestreit, würde die Operation leiten, er hatte sich dafür ein Team zusammengestellt, und dazu hatte auch Katja gehört. Seinen Rüffel zu Beginn ihrer Ausbildung hatte sie sich damals zu Herzen genommen, sie ließ sich während einer OP nicht mehr ablenken.

Obwohl Katja schon viele Jahre im Dienst war, überfiel sie vor solchen langwierigen und komplizierten Operationen immer ein leichtes Ziehen in der Magengrube. Es fühlte sich an wie Lampenfieber. Würde sie die Herausforderung meistern? Für Katja war es keine Frage, sie würde wieder einmal alles geben, damit ihre Anstrengung ein Erfolg werden würde.

***

»Ich danke Ihnen für Ihren Einsatz. Einen schönen Abend noch.« Mit diesen Worten verabschiedete sich Professor Hebestreit.

Erleichtert öffnete Katja ihren Spind in der Umkleidekabine. Die Operation hatte länger gedauert als geplant, doch sie hatten den Tumor an der Leber entfernen können.

Katja zog ihren grünen OP-Kittel aus und warf ihn in den Wäschewagen. Ihre Kolleginnen zogen sich ebenfalls um.

»Hat noch jemand Lust, was trinken zu gehen?«, fragte Katja in die Runde. Sie war so aufgekratzt, dass sie gern noch ein wenig mit den Kollegen geplaudert hätte.

»Nein, danke«, kam es von links. Schwester Marlene holte gerade ihre Jeans aus dem Spind. »Ich bin hundemüde und freue mich auf mein Sofa.«

»Mir geht’s genauso«, gab Schwester Betty zu. »Aber danke, dass du gefragt hast! Vielleicht klappt es ja ein anderes Mal.«

Als sie sich umgezogen hatten, verabschiedeten sich die beiden OP-Schwestern von ihr und Katja radelte allein nach Hause. Als sie ihre kleine Wohnung betrat, überfiel sie plötzlich eine lähmende Erschöpfung.

Seufzend ließ sie ihre Handtasche auf die Ablage an der Garderobe fallen. Nun lag wieder ein endlos langer Abend vor ihr, den sie allein vor dem Fernseher verbringen würde. Sie zog sich ihre Hausschuhe an, ging ins Wohnzimmer und stellte den Fernseher an.

Auf dem Bildschirm mähte gerade ein muskulöser Mann mit einem monströsen Gewehr ein paar Menschen nieder, die kurz darauf entweder tot oder winselnd am Boden lagen. So etwas nennt sich Unterhaltung zur besten Sendezeit, dachte Katja angewidert und schaltete um. Auf dem nächsten Sender explodierte ein schnittiger Sportwagen, und ein Mann flog in Zeitlupe aus dem brennenden Wagen. Er blieb kurz in einem Maisfeld liegen, um dann wieder aufzustehen, als wäre nichts geschehen. Lediglich ein paar blutige Schrammen und ein Ölfleck zierten sein Gesicht.

Wer denkt sich solche Szenen aus?, fragte sich Katja. Kein Mensch würde so einen Sturz überleben. Sie hatte genügend Unfallopfer gesehen, um zu wissen, dass dieser Mann sich im wirklichen Leben jeden Knochen im Leib gebrochen hätte.

Resigniert ließ sie sich aufs Sofa fallen und versuchte es mit einem weiteren Sender. Dort lief ein amerikanischer Liebesfilm, den sie früher oft gesehen hatte. Es war sogar einmal ihr Lieblingsfilm gewesen. Entnervt schaltete sie den Fernseher aus. Ein Happy End für ein armes Mädchen und seinen Millionär war das Letzte, was sie nun sehen wollte.

Sie erhob sich und ging in die Küche, um sich ein Brot zu schmieren. Kochen gehörte nicht gerade zu ihren Stärken, und so fand sich in ihrem Kühlschrank selten etwas, mit dem sie eine leckere Mahlzeit zubereiten konnte. Da sie aber ohnehin im Kasino des Krankenhauses aß, störte es sie nicht.

Katja schmierte sich ein Brot und ging damit ins Wohnzimmer. Sie nahm sich den Krimi, den sie angefangen hatte, machte es sich auf dem Sofa bequem und begann zu lesen. Es war kein gutes Buch, obwohl es als Bestseller angepriesen wurde. Ein Serienkiller folterte mit ausgefeilten Methoden seine Opfer zu Tode. Der Autor gefiel sich darin, das qualvolle Sterben seitenlang detailliert zu beschreiben.

Katja legte das Buch verärgert zur Seite. Gewalt, nichts als Gewalt, dachte sie.

Nach einem anstrengenden Tag im OP wollte Katja aber von Leid und Blut nichts mehr hören und sehen. Sie wollte sich entspannen, mit anderen reden oder einen netten Film sehen, solange es sich nicht um einen schnulzigen Liebesfilm handelte. Diese Gefühlsduselei ertrug sie nicht. Nicht mehr seit diesem Tag.

Lustlos aß Katja ihr Brot und ließ ihren Blick durchs Wohnzimmer schweifen. Es war tadellos aufgeräumt, die Putzfrau war heute da gewesen. Sie war der einzige Luxus, den Katja sich gönnte.

Erst jetzt sah sie den kleinen Zettel, den die Putzhilfe ihr auf den Wohnzimmertisch gelegt hatte.

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