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Notärztin Andrea Bergen - Folge 1248

Aus den Aufzeichnungen der Notärztin

Seit ungefähr einem Jahr leidet der junge, ehemals so gut aussehende Charly Lindhoff an einer rätselhaften, heimtückischen Krankheit! Mehr als dreißig Kilo hat er schon verloren, Gehör und Sehvermögen lassen dramatisch nach, und ihm machen rasende Kopfschmerzen zu schaffen! Obwohl er bereits von den verschiedensten Fachärzten auf den Kopf gestellt wurde, hat keiner der Kollegen auch nur die leiseste Idee, an welcher Krankheit Charly leiden könnte! Seine hübsche Verlobte Silke muss hilflos mitansehen, wie er immer weniger wird – und niemand scheint seinen Verfall aufhalten zu können …

Nun hat Silke sich in ihrer Verzweiflung an mich und die Kollegen vom Elisabeth-Krankenhaus gewandt. Doch Charly hat jede Hoffnung verloren, je wieder zu gesunden. Deshalb ist er entschlossen, ein letztes Liebesopfer zu bringen und Silke freizugeben! Und danach will er dem Unausweichlichen ins Auge sehen …

Aus den Aufzeichnungen der Notärztin

»Aber alle anderen haben das auch!« In Franziska Bergens Augen glitzerten Tränen. »Ich bin die Einzige in unserer Klasse, die kein Smartphone hat.«

»Schatz, das glaube ich dir gerne.« Ihre Mutter, Dr. Andrea Bergen, blieb ganz ruhig. »Aber du hast ein Handy. Es ist noch keine zwei Jahre alt, und es funktioniert einwandfrei.«

»Aber ich kann damit nicht ins Internet!«

»Du hast ein Notebook, mit dem du ins Netz kannst.« Andrea lächelte. »Ich finde, das ist wirklich ausreichend.«

»Aber mit dem Smartphone könnte ich auch unterwegs ins Internet.« Franziska gab nicht auf.

»Wozu?«

»Um beispielsweise mit meinen Freundinnen zu chatten.«

»Während der Schulzeit?«

»Nein … äh …«

Andrea schüttelte den Kopf. »Mal ganz ehrlich, Süße«, sagte sie ernst. »Ich sehe nicht einmal, weshalb du während der Schulzeit mit deinen Freundinnen chatten musst, die nur zwei Meter entfernt von dir sitzen.«

»Nach der Schule!«, rief Franziska rasch.

»Da bist du zu Hause und hast dein Notebook.« Andrea beschloss, der Diskussion ein Ende zu bereiten. »Pass mal auf, meine Liebe! Solange deinem Vater und mir Handys für rund dreihundert Euro reichen, sehe ich nicht ein, weshalb du mit deinen gerade mal zwölf Lenzen eines für sechshundert und mehr benötigst. Falls du es vergessen hast: Du hast dein Handy bekommen, damit du uns anrufen oder Hilfe holen kannst, wenn du unterwegs bist.«

Franziska stapfte vor Zorn mit dem Fuß auf. »Du bist stur!«

»Stimmt.« Andrea nickte unbeeindruckt. »Und jetzt ist Ende im Gelände. Akzeptiere einfach meine Antwort!«

Franzi schob die Unterlippe vor, im nächsten Moment blitzte es in ihren Augen.

»Was meint Werner eigentlich dazu?«

»Das Gleiche wie ich.« Andrea lächelte nachsichtig. »Ich weiß, du hoffst, ihn weichkochen zu können. Aber in diesem Fall wirst du kein Glück haben.«

Andrea wusste, dass Franzi trotzdem ihren Vater fragen würde, doch diesmal würde sie kein Glück haben. Obwohl Dr. Werner Bergen ansonsten seiner Adoptivtochter keinen Wunsch abschlagen konnte, war er sich in diesem Punkt mit seiner Frau und seiner Mutter einig: kein Smartphone für mehr als sechshundert Euro! Und wenn Franzi noch so bettelte!

Dabei können wir uns ansonsten wirklich nicht über die Kleine beschweren, überlegte Andrea, als sie kurz darauf ihren Wagen durch den dichten Innenstadtverkehr in Richtung Elisabeth-Krankenhaus lenkte.

Franziska war ein freundliches, aufgeschlossenes und intelligentes Mädchen, das ihnen viel Freude bereitete. Allerdings befand sie sich jetzt in der Pubertät, und da zeigte Franziska eben doch hier und da ein paar Ecken und Kanten. Andererseits hätte es den Bergens mehr Sorgen bereitet, wenn Franzi keine typischen Reaktionen gezeigt hätte. Das gehört einfach zu einer gesunden Entwicklung dazu.

Jugendliche, die sich immer nur brav und angepasst verhielten, ihren Eltern nie widersprachen und niemals irgendeinen Unsinn anstellten, übersprangen eine ganz wichtige Entwicklungsphase. Außerdem fand Andrea sie langweilig. Nein, ihre Franzi war genau richtig so, wie sie war.

Der Abzweig zur Rheinpromenade kam in Sicht. Andrea setzte den Blinker, zog auf die Abbiegespur und fädelte sich nach der Kurve wieder in den fließenden Verkehr ein. Die Kastanien und Platanen, die die Straße säumten, hatten dicke Blütenkerzen aufgesetzt. Durch das junge Grün konnte Andrea den Fluss glitzern sehen. Es würde ein sonniger Frühlingstag werden. Hoffentlich fiel der Arbeitstag genauso angenehm aus!

Es war dann ausgerechnet Dr. Helmuth Anger, Andreas Intimfeind, der der Notärztin bei ihrer Ankunft im Krankenhaus als Erster über den Weg lief. Er kam gerade aus den Umkleideräumen; seine Miene war die eines Menschen, der vor schlechter Laune am liebsten um sich gebissen hätte.

Als er Andrea erkannte, wurde seine Miene noch düsterer. Sie wusste auch, weshalb er so griesgrämig war. Der Scheidungstermin von seiner Frau Angelika stand unmittelbar bevor. Das nagte an ihm, denn nicht er hatte sie, sondern sie hatte ihn verlassen. Noch schlimmer: Angelika kam prima alleine zurecht. Und zu allem Übel hatte er das Mit-Sorgerecht an seinem Sohn Maximilian verloren.

Das alles gärte, biss und ätzte in ihm, und da er lieber eine Klapperschlange geküsst hätte als zuzugeben, dass er sich das alles selbst eingebrockt hatte, gab er lieber anderen Menschen, darunter auch Dr. Andrea Bergen, die Mitschuld am Scheitern seiner Ehe.

Während er jetzt wichtigtuerisch an ihr vorbeihastete, brummte er etwas völlig Unverständliches. Andrea beschloss, dass es nichts Beleidigendes war, obwohl ihr Gefühl etwas anderes sagte. Sie betrat in den Garderobenraum, ging zu ihrem Schrank und begann, sich umzuziehen.

***

Elli Riedermann verzog missbilligend das Gesicht.

»Ach, mal wieder?« Das süffisante Lächeln, das dabei um ihre Lippen spielte, ärgerte ihre Tochter Silke. »Was hat der Herr denn diesmal? Bauchnabelverrostung oder Fauleritis?«

»Ich verbitte mir deine Spötteleien«, versetzte Silke ärgerlich. »Charly geht es wirklich schlecht. Wenn du seine Symptome hättest, würdest du auf der Schwelle zu Dr. Rieters Praxis schlafen.«

Elli stieß nur ein verächtliches »Pah« aus. Sie gehörte zu den Menschen, die sich nur schwer von ihrer einmal gefassten Meinung abbringen ließen. In Charly Lindhoffs Fall war das schon mal gar nicht möglich, weil Elli sich einen anderen als Schwiegersohn wünschte und inständig hoffte, dass ihre Tochter sich doch noch besinnen würde.

»Ich sage dir, was das für Symptome sind«, höhnte sie ärgerlich. »Das sind Schauspieler-Symptome. Dein zukünftiger Mann ist nichts weiter als stinkend faul. Der hat nur ein Ziel: so schnell wie möglich Frührente kassieren.«

»Hör auf!« Wütend blitzte Silke ihre Mutter an, aber Elli war nicht so schnell zu stoppen.

»Eine schöne Ehe wird das werden!«, hetzte sie weiter. »Du wirst Pflegerin und Alleinverdienerin sein, während der Herr bis an sein seliges Ende auf dem Sofa liegen und dein Geld ausgeben wird.«

Silke stellte den Stapel Kuchenteller, den sie gerade aus dem Schrank genommen hatte, so hart auf dem Tisch ab, dass es gefährlich klirrte.

»Weißt du was?« Sie wandte sich zum Gehen. »Du kannst deinen Geburtstag ohne mich feiern. Ich habe echt keine Lust mehr, mir deine miesen Beschimpfungen und Unterstellungen weiter anzuhören!«

»Jetzt sei doch nicht so empfindlich!«, rief Elli erschrocken aus. »Meine Güte, Kind, ich meine es doch nur gut mit dir! Du rennst in dein Unglück, glaube mir …«

Silke hörte ihr nicht mehr zu. Sie war bereits in die Diele gelaufen, schnappte sich dort ihre Tasche und die Jacke und wollte gerade aus der Tür laufen, als ihr Vater aus der Küche kam.

»Bitte bleib, Kleines!« Er sah Silke so flehend an, dass es ihr ins Herz schnitt. Wieder einmal fragte sie sich, wie ein so gutmütiger, liebenswerter Mensch an eine derart rechthaberische und zänkische Frau hatte geraten können, wie es ihre Mutter leider nun mal war. Aber wahrscheinlich war genau dieses milde Wesen die Antwort auf ihre Frage. Elli hatte sich den guten Edgar ganz bewusst ausgesucht, weil sie von ihm die wenigsten Scherereien erwartet hatte. Er würde ihr brav jeden Monat sein Gehalt übergeben, ihr wenig Arbeit machen und nie widersprechen – das hatte sie gewusst.

Genau so war es gekommen. Edgar war artig wie ein abgerichtetes Hündchen, und wenn er etwas mehr fürchtete als Krebs und Altersarmut, dann war es Ellis schlechte Laune. Die bekam sie unweigerlich, wenn etwas nicht nach ihren Vorstellungen lief. Leidtragender war ihr Mann, an dem ließ sie dann vornehmlich ihren Ärger aus. Dieses Wissen kühlte Silkes aufgebrachte Sinne umgehend ab.

»Ach, Papa!« Ihr Seufzer kam aus tiefstem Herzen. »Wenn sie doch aufhören würde, auf Charly herumzuhacken!«

Edgar nickte mit bedrückter Miene. »Sie hat sich halt in den Kopf gesetzt, dass du Raimund heiraten sollst.«

Silkes lächelte, aber es wirkte verbittert. »Ja, weil die Hölzels stinkreich sind und Bettina Hölzel ihre beste Freundin ist.«

Edgar nickte und wirkte dabei noch bedrückter als vorher.

»Davon werden wir sie nicht abbringen«, vermutete er. »Ich befürchte fast, dass sie es noch nicht mal aufgeben wird, wenn du mit Charly vor dem Traualtar stehst.«

Elli Riedermann erschien im Türrahmen. Unwillig sah sie zu Vater und Tochter hinüber, die wie ertappt auseinanderfuhren. »Wie ist das jetzt, deckst du den Tisch weiter, oder muss ich alles alleine machen?«

Edgars Hand schoss vor und legte sich um Silkes Finger. Ein flehender Blick aus seinen Augen und Silke kapitulierte.

»Ich mach’s ja schon.« Der unterdrückte Zorn färbte ihre Stimme zwei Nuancen tiefer. »Aber such dir ein anderes Thema als ausgerechnet Charly!«

»Ich sag, was ich denke«, lautete Ellis uneinsichtige Antwort. »Jetzt beeil dich, die Gäste kommen gleich!«

Zähneknirschend kehrte Silke ins Wohnzimmer zurück, nahm die Kuchenteller und führte ihre Arbeit fort. Da ihre Mutter neben anderen Gästen auch Bettina Hölzel und deren Sohn Raimund erwartete, musste die Kaffeetafel perfekt sein. Das gute Geschirr, das gute Besteck, die feinen Servietten und ein hübsches Gesteck in der Mitte waren das Mindeste an Luxus, das Elli sich wünschte.

Mit Adleraugen besah sie jede einzelne Kuchengabel, um eventuelle Wasserflecken aufzuspüren. Und wehe, die Servietten waren nicht akkurat gefaltet! Es dauerte noch eine halbe Stunde, bis Elli endlich nichts mehr zu mäkeln fand. Edgar hatte derweil auf ihre Anweisungen hin die Kaffeemaschine in Gang gesetzt und schon mal zwei Kannen vorgekocht, damit die Damen sofort bewirtet werden konnten.

Elli hatte gerade ihr Okay zur Tafel gegeben, da schlug auch schon die Türglocke an, und Elli flatterte aufgeregt in die Diele, um den oder die Besucher einzulassen.

Es war ihre Schwester Nora, eine sympathische Mittfünfzigerin, die als Künstlerin vollkommen aus der Familienlinie der Schusters (die Schwestern waren geborene Schuster) und Riedermanns ausscherte. Natürlich hatte Elli dafür kein Verständnis, und obwohl ihre Schwester schon lange mit ihren Bildern und Skulpturen ihren gewiss nicht ärmlichen Lebensstandard finanzierte, war sie für Elli immer noch die arme Künstlerin, die einfach keine Vernunft annehmen wollte.

»Tante No!« Freudig fiel Silke ihrer Lieblingstante um den Hals. »Wie schön dich zu sehen. Komm rein, gib mir deinen Mantel! Wie geht es dir denn?«

Nora lachte glücklich. Sie hatte immer eine ganz besondere Beziehung zu Silke gehabt. Wie diese unter der Fuchtel ihrer bierernsten, spießigen Mutter zu einer derart liebenswerten jungen Frau hatte heranwachsen können, war Nora allerdings ein Rätsel.

»Es geht mir gut, Süße.« Sie drückte Silke einen Kuss auf die Wange und reichte ihr den Mantel. Ein schickes Teil, das mit Sicherheit aus dem Atelier einer mit Tante Nora befreundeten Modedesignerin stammte. »Und du? Alles in Ordnung?« Sie blickte sich um. »Wo ist denn die Grande Dame?«

»Hier.« Mit gekünsteltem Lächeln schwebte Elli aus dem Wohnzimmer. »Du bist die Erste, meine Gute. Bist du mit dem Auto da?« Nora hob spöttisch die Brauen. Das waren so typische Fragen, die ihre Schwester stellte und auf die sie im Grunde keine Antwort erwartete. »Sind die Blumen für mich? Edgar, steck die mal in irgendeine Vase!«

Sie drückte den Strauß ihrem Mann in die Hände, ohne die Blüten anzuschauen, und scheuchte gleichzeitig Silke zur Tür, an der sich neue Gäste eingefunden hatten. Es waren zwei Nachbarinnen, die Blumen und Pralinen brachten und Elli überschwänglich zu ihrem sechzigsten Geburtstag gratulierten.

Langsam füllte sich das Wohnzimmer. Aber noch waren die für Elli wichtigsten Gäste nicht eingetroffen. Immer wieder sah sie zur Haustür, während Silke die Anwesenden schon mal mit dem Begrüßungssekt versorgte. Als es erneut klingelte, schoss Elli so eilig in die Diele, dass sie dabei über ihre eigenen Füße stolperte. Wie erhofft waren es Bettina Hölzel und ihr Sohn Raimund, die, mit Blumen und Päckchen beladen, vor der Tür standen.

Elli überschlug sich fast vor Wiedersehensfreude. Blumen und Geschenke der beiden landeten nicht bei Edgar, sondern sie stellte sie höchstpersönlich in eine Vase und die Päckchen wurden sofort ausgepackt. Der Inhalt, irgendeine Geschmacklosigkeit aus Glas, wanderte dann an exponierte Stelle auf ihren Gabentisch, den Edgar am Vormittag im Wohnzimmer aufgestellt hatte.

»Raimund, nein, du sitzt am besten neben Silke«, kommandierte Elli, als der junge Mann neben seiner Mutter Platz nehmen wollte. »Ihr jungen Leute habt euch doch sicher andere Dinge zu erzählen als wir alten.«

»Und wo soll dann Charly sitzen?«, fragte Tante Nora verwundert, womit sie ihrer Schwester die perfekte Vorlage zu einer weiteren Boshaftigkeit lieferte.

»Karl …« Sie weigerte sich in der Öffentlichkeit beharrlich, ihren zukünftigen Schwiegersohn bei seinem Spitznamen zu nennen. Ein spöttisches Auflachen drückte ihre Verachtung aus. »Auf den brauchen wir nicht zu warten. Er zieht es vor, mal wieder den Kranken zu spielen.«

Kurzes betretenes Schweigen am Tisch, dann erklang erneut Noras Stimme.

»Ach, wie schade! Ich hatte mich so auf ihn gefreut.«

»Wer möchte Schwarzwälder Kirsch?«, überging Elli die Bemerkung ihrer Schwester und schwang unternehmungslustig die Kuchenschaufel. Das lenkte die Damen ab, man wandte sich den Torten und angenehmeren Themen zu.

***

Dr.&

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