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Nornenfäden

Für Steffen, Richard, Tamara, Liese, Florian,

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I

WINTERSONNENWENDE

MIT KREISCHENDEN KUFEN raste der Karren heran, Schnee und Eisstücke zur Seite schleudernd. Derb schlugen die Hufe der Zugtiere auf den Harsch und es hallte laut zwischen den Felsen wieder.

Die schwer mit Weiß beladenen Tannen und Buchen warfen, als wären sie erschrocken, Teile ihrer Last ab und Wolken zuckrigen Schnees vermischten sich mit dem zugigen Gestöber, das schon seit Tagen aus dem Himmel fiel. Verwundert lugten die Füchse aus ihren Löchern und zogen verängstigt ihre spitzen Nasen zurück, als das Gefährt heran gedonnert kam.

Zwischen den blauen Mondschatten erschien ein ganz und gar ungewöhnliches Gespann. Gezogen von zwei großen, weißen Ziegen preschte ein Schlitten daher.

Im Schein der vom Ruß blakenden Fackel war nun ein seltsamer Mann mit langem, roten Bart und ebenso feurig wehendem Zottelhaar zu sehen. Sein derber Wams war mit einer breiten Lederschärpe gegürtet, an der er einen Hammer mit kurzem Stiel trug.

Unvermittelt stoppten die Tiere, schlingernd kam der Schlitten zum Stehen.

Langsam stieg der Reisende aus und trat an die steinerne Kante.

Hier stürzte das Land in wildem unübersichtlichen Gewirr aus Steinen und Bäumen steil zu einem Fluss hin ab, der im milchigen Glanz der Winternacht in einem weiten Bogen die Felsenlandschaft schnitt. Nur ein kaum sichtbarer Pfad wand sich zwischen verschneiten Blaubeersträuchern nach unten dem Strome zu.

Durch das Schneetreiben hindurch erkannte der Mann an seinem Ufer nun ein großes Feuer. Wie Sternschnuppen knisterten die Funken in der Finsternis, wenn die Flammen sie hinauf zu den Bergen schleuderten.

In tiefer Dunkelheit lagen einige kleine Häuser mit langgezogenen, schneebedeckten Dächern, über deren Türen müde funzelnd Sturmlaternen schaukelten.

Einzig der große Festplatz war hell erleuchtet.

Dicht gedrängt saßen Menschen um die Feuerstelle, große und kleine, junge und alte. Leise klang ihr Gesang bis hinauf zu dem Reisenden, untermalt vom Bass der Trommel und umspielt von Flötentönen. Einige der festlich gekleideten Gestalten da in der Tiefe des Tales sprangen und tanzten um die Flammen herum und klatschten im Takt, als störte sie nicht das Schneetreiben und nicht die klirrende Kälte.

Es war die längste Nacht des Jahres.

Die Bauern und Fischer des Dorfes am Fluss Alba feierten die Wiedergeburt der Sonne.

»Warum sitzt du denn hier so allein im Dunklen?« Thjalfi hatte seine Schwester auf den Stufen zum Getreidespeicher entdeckt. »Komm zum Feuer, du zitterst ja schon.«

Röskva schüttelte den Kopf. »Nein, geh nur ohne mich!«, wehrte sie ab. Und auf seinen fragenden Blick hin fügte sie hinzu: »Dieser hasenzähnige Grimbold grapscht dauernd nach meinen Zopfbändern und macht mir schöne Augen. Das mag ich nicht.«

Grinsend gab der Bruder ihr einen Stoß. »Ach, komm schon, so ist das eben zur Wintersonnenwende. Nur deshalb feiern die Burschen und Mädchen aus den Berg-und Flussdörfern ja zusammen, sie sind auf Freiersfüßen. Schon manch einer hat zur Sonnenwende sein Glück gemacht und ist mit einer Frau heimgekehrt. Du gefällst ihm eben. Deswegen musst du nicht verdrießlich in der Ecke hocken!«

Verärgert drehte sich das Mädchen weg. »Du sprichst ja fast wie Mutter«, murmelte sie.

Thjalfi verkniff sich ein Grinsen. »Du musst ja nicht mit ihm tanzen, wenn dir seine Beißer nicht gefallen. Außerdem reist er morgen wieder ab. Du musst dich nicht vor ihm fürchten.«

Nun seufzte Röskva tief: »Ich muss bloß dauernd an Kuno denken. Ein halbes Jahr ist es nun schon her, seit er mit den Ostleuten gen Westen zog. Weißt du noch, zur Sommersonnenwende war´s, als sie sich auf den Weg machten.«

Sorgsam fegte Thjalfi nun den Schnee von den Stufen, ehe er sich neben der Schwester nieder ließ. »Auch ich frage mich oft, was mit ihm geschehen ist. Ob er ein Auskommen über den Winter gefunden hat? Radegast erzählte zwar, dort im Westen seien die Winter nicht gar so hart. Dennoch, ich kann mir nicht vorstellen, dass man über die kalte Jahreszeit im Wagen leben kann. Vielleicht hat er ja seine Ware, seine Felle und das Salz schon verhandelt und kommt wenn es Frühling wird wieder.«

Fürsorglich legte er Röskva den Arm um die Schulter.

Diese blickte gedankenverloren in die Nacht, den Felshang hinauf.

»Weißt du«, begann sie leise, »ich frage mich, ob er überhaupt je zu uns zurück kehren wird. Schließlich sind seine Mutter und seine Schwester bei ihm, seine Familie. Vielleicht möchte sich Ludgart ja irgendwo ansiedeln. Vielleicht finden sie ein Dorf, das sie und ihre Kinder gern aufnimmt. Oder Lövin lernt einen schmucken Burschen kennen und möchte heiraten, auch das ist möglich. Dann bleiben ihre Mutter und Kuno sicher bei ihr. Dann haben sie eine neue Heimat gefunden.«

»Ich glaube nicht, dass er dich einfach so vergisst!«, versuchte Thjalfi sie aufzumuntern.

Doch Röskva hörte nicht auf ihn. »Auch ist es gefährlich so weit zu reisen. Weißt du noch, was der Handelsmann Winfried erzählte? Gierige Räuber und starke Krieger leben dort im Westen! Was, wenn Kuno etwas zugestoßen ist?«

Nun musste der Bruder lachen: »Aber Röskva, wieso fürchtest du Räuber und Krieger? Kuno ist doch schon mit ganz anderem fertig…… Sieh mal!«

Der Junge stand auf und starrte nun seinerseits bergan. »Da ist ein Licht, eine Fackel! Es bewegt sich! Wer kommt denn so spät in der Nacht noch zu Gast?«

Tatsächlich, zwischen den Felsen näherte sich ein Leuchten. Schon hatten es auch die Tanzenden am Feuer entdeckt. Verwundert nahm Nachbarin Gerfriede die Flöte von den Lippen und Runald, ihr Mann, stellte das Trommeln ein.

Über die Wiesen kam, das sahen sie nun, ein Schlitten, der von zwei Geißen gezogen wurde. Als er das Dorf erreicht hatte, hoben die mächtigen Tiere ihre hörnergeschmückten Köpfe, meckerten laut und vernehmlich und knirschten mit den Zähnen.

»Macht das Geißlein meck meck meck, fällt das Bübchen in den Dreck!«, hörten Röskva und Thajlfi ihre jüngste Schwester brabbeln. Dann sahen sie, wie Thruhild, ihre Mutter, mit der Kleinen im Arm auf das Gefährt zu lief, gefolgt von Alvin, ihrem Vater, dem alten Hartvig und all den anderen Bewohnern und Gästen des Dorfes. Der ziegengezogene Schlitten sah aber auch zu komisch aus und der Kerl der nun heraus kletterte ebenso.

Obwohl komisch vielleicht nicht der richtige Ausdruck war.

Erst als der Fremde sich aufrichtete, sahen die Bauern wie beeindruckend groß und breit er war. Mit wehendem Bart stand er und hielt seine Ziegen am Halfter. Keiner aus dem Auendorf kannte ihn.

Auch Thjalfi war heran getreten. Was für ein merkwürdiger Mann das doch war und was für einen eigenartigen Schlitten er fuhr! Ganz zu schweigen davon, dass man wohl noch nie gehört hatte, dass Geißen gewillt wären, sich einspannen zu lassen. Schon wenn man sie am Strick führte, hopsten sie bald hier, sprangen bald dort hin, bis, ja bis das Bübchen in den Dreck fiel. Genauso wie die kleine Thurid es gerade gesungen hatte.

Der Mann aber schien seine Meckerinnen im Griff zu haben.

Als nun Hartvig in aller Höflichkeit zu ihm trat und sich verbeugte, verbeugten sich, ihrem Herren folgend, auch die Ziegen, so tief wie der Fremde selbst. So etwas hatten weder Hartvig noch Röskva oder Thjalfi je gesehen und diese waren nun wirklich weit in der Welt herumgekommen.

Und nachdem der Älteste bis aufs Äußerste verwundert den traditionellen Gruß gesprochen hatte, antwortete der riesige Kerl mit einem Donnergrollen in der Stimme: »Seid gegrüßt, Bauern des Auendorfs! Mein Name ist Donar! Wie ich sehe, feiert ihr heute. Darf ich um Gastfreiheit bitten, euer Schaden soll es nicht sein.«

Thjalfi stutzte. Donar? Hatte er recht gehört? Sein Name ist Donar?

Ohne nachzudenken platze er dazwischen: »Du heißt Donar, so wie der Wettergott?«

Der Fremde wandte seinen zotteligen Feuerschopf dem Jungen zu und blickte ihn scharf an. »Ja, man nennt mich Donar, so wie den Gott!«, lachte er kehlig.

Dann spannte er seine Zugtiere aus und griff nach dem Hammer an seinem Gürtel.

Einen Schlag tat er und noch einen und seine beiden Geißen fielen zu Boden.

Vor der staunenden Menge zog er ihnen in Windeseile die Bälge ab. Dann schritt er schwer auf das Feuer zu.

»Nehmt dies als Gastgeschenk an und lasst uns einen festlichen Braten daraus bereiten!«, sprach er feierlich.

Nachdem Runald die nackten Ziegen an Speere gesteckt und Alvin begonnen hatte, diese über den Flammen zu drehen, sah sich der Gast im Kreise der Bauern und Kinder um.

Er wies auf die blutverschmierten Felle, die neben der Feuerstelle im Schnee lagen und sagte: »Werft die Knochen hier hinein! Doch ich warne euch, sollte auch nur ein Knöchelchen zerbrochen werden, so werdet ihr es bereuen!«

Bald stieg den Dorfbewohnern der köstliche Duft des Ziegenbratens in die Nase. Noch nie, so schien es ihnen, hatten sie so einen leckeren Schmaus gerochen. Lag es an der kalten Winterluft oder an den wilden Tänzen? Hungrig, als hätten sie seit Tagen nichts gegessen, stürzten sich die Männer, Frauen und Kinder auf das unerwartete Mahl.

Thjalfi hatte sich eines der Beine von dem knusprigen Rumpf geschnitten und wischte sich das triefende Fett vom Kinn.

Um das Feuer kreisten nun die Hörner und Becher. Die Bauern sprachen dem Met zu, der extra für die Wintersonnenwende gebraut und daher besonders stark war.

Röskva griff sich einen Becher und probierte einen Schluck. Süßer als der herrlichste Honig war das Gebräu. Kichernd reichte sie dem Bruder den Trank. Noch nie hatten die Geschwister davon gekostet. Dieser Met war nur für die Erwachsenen und auch nur für die alljährlichen Feierlichkeiten bestimmt.

Heute aber schaute keiner nach den Beiden. Ausgelassen wirbelte ihr Vater die Mutter herum und wiegte sich im Tanz. Auch Gerfriede, Runald und die anderen tanzten und musizierten. Berauscht vom Festtagstrank schrien sie ihre Lieder mehr, als dass sie sangen.

Nur der Fremde saß und blickte versonnen in die flackernden Flammen.

Schnell hob Thjalfi den Becher an den Mund und trank ihn aus.

Huch, wie fuhr der flüssige Honig ihm in Kopf und Beine. Ihm schien, als drehte sich das Tal um ihn und die Schneeflocken tanzten einen wilden Reigen um seinen Kopf. Richtig schwindlig wurde ihm, schwindlig, aber höchst vergnüglich.

»Thjalfi! Ist dir nicht gut?«, hörte er die Schwester wie aus weiter Ferne.

Er schüttelte den Kopf und knabberte kichernd an seinem Ziegenbein. An diesem aber war kaum mehr ein Faserchen Fleisch. Ungeduldig schabte er mit den Zähnen und riss den Knorpel ab. Dann griff er nach seinem Messer und spaltete den Knochen. Leckeres Mark quoll heraus. Gierig saugte der Junge es aus. Und wieder erschien es ihm, als hätte er noch nie in seinem Leben solch einen Festschmaus verzehrt.

Satt und zufrieden warf er die blanken Knochen auf den Ziegenbalg, so wie der Gast es befohlen hatte. Röskva ergriff seinen Arm und zog ihn ins Haus. Thjalfi hörte sie leise schimpfen, doch er verstand nicht.

Wohlig rollte er sich in der Wärme des Bettes zusammen und schloss die Augen.

Und noch ehe die alte Egila mit den heiligen Flammen des Sonnenwendfeuers die Herdstellen zum neuen Jahr wieder entzündete und über allen Häusern ihren Segen ausrief, war der Junge eingeschlafen.

Keiner der Bauern sah, was am nächsten Morgen geschah. Selig schliefen die Männer und Frauen ihren Rausch aus. Auch Thjalfi schnarchte wie ein Alter und rührte sich nicht. Nur Röskva wurde Zeuge.

Die ganze Nacht über hatte sie sich auf ihrem Lager herum gewälzt und hatte kein Auge zugetan. Hin - und hergerissen zwischen dem Wunsch sich einfach unter der Decke zu verstecken und zu tun, als ob sie nicht da sei und dem Drang zu Egila zu laufen und sie um Hilfe anzuflehen, seufzte sie dem Morgengrauen entgegen.

Doch was konnte die alte weise Frau denn tun? Wie hätte sie denn helfen können? Sicher, sie vermochte die Riesen zu besänftigen, wenn diese Steine von den Bergen her ins Tal warfen, oder die Runen zu legen, um den Bauern zu raten. Doch das, was hier geschehen war, konnte auch sie nicht wieder gut machen.

Als sich endlich der erste helle Streif am östlichen Himmel zeigte, rumorte es in der Bettstatt des Gastes. Gähnend streckte der Mann seine massigen Glieder und fuhr, sich den Bart kratzend, in die Stiefel. Dann spuckte er in die Asche des erloschenen Feuers und schlurfte zur Tür.

Röskva sah ihn, blinzelnd hinter halb geschlossenen Lidern, die Tür öffnen.

Kaum hatte der Fremde das Haus verlassen, schlüpfte sie aus dem Bett.

Barfuß, nur im Hemd huschte sie ihm nach. Durch einen Spalt im Gebälk beobachtete sie, wie ihr Gast schwer durch den Schnee stapfend zum Festplatz lief.

Dort, zwischen umgefallenen Metkrügen und umgekippten Bänken, rauchten die Reste des Sonnenwendfeuers. Runalds Trommel stand noch da, nun gekrönt mit einem Schneehäubchen und auch Gerfriedes Flöte sah Röskva, achtlos am Boden zurückgelassen.

Und inmitten dieses Tohuwabohus erkannte das Mädchen, und genau dahin lenkte der Fremde seinen Schritt, die Felle der geschlachteten Geißen.

Nun bückte sich der Mann und machte sich an den Knochen zu schaffen. Mit seinem gewaltigen Hinterteil verdeckte er Röskva die Sicht. Das Mädchen hielt den Atem an. Jetzt würde er sehen, was Thjalfi angerichtet hatte und dann würde…, ja, was würde dann geschehen?

Endlich richtete sich der Mann, der sich Donar nannte, wieder auf und glättete seinen Wams. Hatte er also nichts bemerkt? Nur so viel sah sie, dass er wiederum zu seinem Hammer griff und ihn durch die Luft schwang.

Es donnerte und knisterte und…. meckerte.

Röskva klammerte sich am Türpfosten fest.

Wie aus dem Nichts kamen hinter dem Reisenden zwei weiße Ziegen zum Vorschein und meckerten klagend.

Die Tiere mussten aus dem Stall ausgebrochen sein! Hatte einer der Bauern im Rausch das Gatter geöffnet? Schon wollte das Mädchen in den Stallraum laufen, doch was sie dort auf dem Festplatz sah, hielt sie zurück.

Das war doch nicht möglich! Das waren keine Ziegen aus ihrem Stall, nein, diese Tiere dort waren leicht doppelt so groß wie der größte Bock des Dorfes.

Und als Donar nun die beiden bei den Hörnern griff und zu seinem Schlitten führte, blieb dem Mädchen fast das Herz stehen.

Dort, wo gerade noch die beiden Felle der toten und in der Nacht von allen Bauern gemeinsam verspeisten Geißen gelegen hatten, war nun nichts als plattgetanzter Schnee zu sehen. Verschwunden waren die Bälge, verschwunden war das Gebein, und verschwunden war auch der Knochen, den der dumme Thjalfi zerbrochen hatte. Es schien, als hätte ihr Gast seine Zugtiere wieder zum Leben erweckt!

Das konnte nur bedeuten, dass er entweder ein großer und mächtiger Zauberer oder der Wettergott selber war.

Bloß gut, dass er den gespaltenen Knochen übersehen hatte. Nicht auszudenken wäre es, was alles geschehen könnte, wenn Thjalfi den Zorn eines so mächtigen Mannes auf sich gezogen hätte. Schließlich hatte dieser ausdrücklich die Bauern und Kinder gewarnt! Wer auch nur einen der Knochen zerbräche, der würde es bereuen.

Nun hatte Donar seine Zugtiere eingespannt. Ungeduldig stampften die Ziegen mit ihren Hufen und meckerten erneut laut und anklagend.

Hinter Röskva raschelte es. Mit zerknittertem Gesicht und zerknautschtem Kittel kam ihr Bruder herangeschlichen. »Was machst du denn da?«, fragte er.

Röskva legte schnell den Finger auf seine Lippen. »Pst! Der Fremde, er reist gerade ab«, flüsterte sie aufgeregt. »Sieh nur, er lenkt den Schlitten aus dem Dorf.«

»Wie soll das gehen ohne Zugtiere?«, verwunderte sich der Junge und rieb sich die Augen.

Als Röskva nun wiederum durch die Balken spähte, erbleichte sie.

Überdeutlich sah sie, weshalb dem Gast soviel an den Knochen gelegen war. Während die eine Ziege fröhlich hüpfte und sprang, schleppte sich ihre Schwester mit einem kaputten Bein daher. Schrecklich sah es aus, wie das verletzte Tier den Huf schleifen ließ und traurig blökte.

Verdutzt blieb Donar neben seinem Schlitten stehen. Das Mädchen sah, wie er sich herabbeugte und das Bein betastete. Als er sich wieder aufrichtete, war sein Gesicht so rot wie sein Bart. Zornig brüllend schwang er seinen Hammer so schnell durch die Luft, dass es krachte und donnerte.

Erschrocken fuhren die Männer und Frauen aus dem Schlaf und die kleine Thurid begann zu weinen. Und während alle so schnell es ging in die Kleider sprangen und aus den Häusern und Hütten eilten, brauten sich ungeheuer schwarze Wolken über dem Dorf zusammen. Ein Sturm kam auf, der die Bäume an den Hängen beugte. Die Alba begann Wellen zu schlagen, die klatschend über die Ufer traten.

Ehe auch nur einer begriff was geschah, zischte ein mächtiger Blitz, der den weiten Winterhimmel erhellte, herab und schlug mit ohrenbetäubendem Zischen und Grollen in den Getreidespeicher ein.

Schlagartig loderten hohe Flammen aus dem Holzgebäude, in dem die größte Menge der Vorräte der Dorfgemeinschaft lag.

»Es brennt! Zu Hilfe! Es brennt!«, gellten die Stimmen.

»Der Blitz schlug ein! Oh Donar, warum?«, wimmerte Nachbarin Gerfriede.

Panisch liefen die Bauern mit Kübeln und Töpfen, mit Krügen und Schüsseln zum Fluss, um Wasser zu schöpfen.

Doch das Wasser war am Ufer gefroren. Fluchend hielten die Männer sich aneinander fest, brachen dennoch ein und standen bis an die Knie in der eisigen Flut. Eilig reichten sie die Gefäße den Hang hinauf, wo die Frauen versuchten den Brand einzudämmen. Jede Hand wurde gebraucht. Beißender Geruch verbrennenden Weizens verbreitete sich und der Gestank versengter Haare und Kleider mischte sich dazu. Hoch loderten die Flammen und spien ihre Funken aus.

Schon begannen auf Hartvigs Haus, welches neben dem Speicher stand, Glutnester im Rindendach zu glimmen. Das Feuer drohte auf das Dorf überzugreifen! Auch an Runalds Hütte leckten die Feuerzungen bereits.

Gut, dass so viele Bauern aus den Bergdörfern zu Gast waren.

Grimbold erklomm mit einigen anderen jungen Burschen das Dach und schlug mit einer Decke die Brandnester aus und die Alten eilten und schütteten Wasser über die schwelenden Balken und Hölzer.

Weinend kippte Thruhild den Kübel, den Röskva ihr gereicht hatte, über die glimmenden Stufen des Speichers. Klagend griff sie nach dem nächsten. Verzweifelt starrte sie in den dichten Rauch, der aus dem Holzbau drang. Dort zogen Hartvig und Gerfriede das Korn auseinander und erstickten die Flammen.

Schließlich kamen sie mit verrußten Gesichtern heraus. Dicke Tränenspuren liefen über ihre schwarzen Wangen und Hartvig fehlte ein Gutteil seines Bartes.

In Gerfriedes Rock hatte das Feuer große Löcher hineingebrannt, doch das störte sie nicht. Sie hatten es geschafft, die Flammen waren gelöscht.

»Wo ist denn Thjalfi?« Thruhild wandte sich fragend an ihre Tochter.

Gerade kamen die Männer vom Fluss herauf, mit vereisten Hosen und blau gefrorenen Füßen.

»Wo ist Thjalfi?«, fragte Thruhild nun Alvin. »War er nicht bei euch?«

Als dieser verneinte, stöhnte sie: »Wo ist mein Junge, ist er im Speicher verbrannt oder im Fluss ertrunken?« Voller Angst stürzten die Eltern hinunter zum Strom.

Röskva aber lief ins Haus. In der hintersten Ecke des Stallraumes hockte der Bruder, zitterte am ganzen Leib und war bleich wie der Tod.

Als sich die Schwester näherte, vergrub er sein Gesicht in den Händen.

»Ich, ich…«, flüsterte er, »es ist meine Schuld! Ich habe, glaube ich, einen der Knochen zerbrochen. Ich weiß es nicht mehr genau!«

»Ja, das hast du.« Röskva nahm den sich Sträubenden in den Arm. »Das hast du wirklich. Du hattest vom Met getrunken und wusstest nicht mehr, was du tust. Ja, und dann hast du einen der Knochen gespalten. Es war der Gott Donar wohl selbst, der uns mit seinem Besuch beehrte, denn nur der Wettergott kann dem Blitz befehlen.« Erschüttert umarmten sich die Kinder.

Was war zu tun? Konnten sie etwas tun? Oder war alles verloren? Wie sollten sie solch einem Unglück, wie es ein wütender Gott über die Menschen bringen konnte, begegnen?

»Ich muss ihn suchen!«, sagte Thjalfi und stand auf.

»Dann komme ich mit dir!« Röskva stellte sich neben ihn. »Wir haben bis jetzt immer alles gemeinsam gemeistert. Ich lass dich nicht allein!«

Der Junge wehrte sie ab: »Höre Schwester, diese Aufgabe wird kein Spaß! Sich mit einem Gott anzulegen ist bitterer Ernst. Ich wollte es nicht, doch nun ist es geschehen. Es ist meine Sache, ganz allein meine. Du bleibst hier. Du wolltest ja auch auf Kuno warten…«

Entrüstet stemmte das Mädchen die Hände in die Hüfte. »Ich soll hier bleiben und auf Kuno warten, während du Donar suchen gehst? Du willst, dass ich zu Hause bleibe? Du glaubst also, ich tauge nicht zu Abenteuern?«

Thjalfi war erschrocken zurückgewichen.

»Röskva, es ist eben kein Abenteuer! Es ist gefährlich. Es ist lebensgefährlich! Vielleicht lebensgefährlicher als alles, was wir bisher erlebt haben!«

Mit erhobenen Kopf ließ er sie stehen und lief zur Tür hinaus, dorthin, wo seine Eltern, die Bauern und ihre Gäste noch immer in nassen Kleidern erschrocken den vom Blitz getroffenen Speicher umstanden und ratlos mit den Zähnen klapperten.

Als Thjalfi unter sie trat, schauten sie ihn an. »Wo warst du?«, fragte Alvin und verstummte als er das Gesicht seines Sohnes sah.

Der senkte den Kopf und sagte leise: »Ich bin Schuld. Ich habe einen Knochen der Ziege gespalten, obwohl Donar es verboten hatte. Nun hat er den Blitzschlag in unser Dorf gelenkt, denn ich habe ihn erzürnt!«

»Du hast was?«, hauchte Thruhild und drückte die kleine Thurid an sich.

»Du hast was?«, fragten Egila und Hartvig ungläubig.

»Du hast was getan?«, keuchte Gerfriede und sank in Runalds Arm.

»Du hast den Wunsch des Gastes missachtet!«, schrien die Bauern und Fischer wütend und kamen drohend näher.

Grimbold aus dem Bergdorf riss Thjalfi hart am Arm. »So ein Dummkopf bist du?

Und ein Drückeberger bist du noch dazu! Hab dich schon beim Löschen vermisst. Hast dich wohl versteckt, als es brenzlig wurde und uns die Arbeit überlassen!«, keifte er.

»Ja«, fielen nun die anderen Burschen ein, »wo warst du denn, als dein Dorf drohte niederzubrennen? Wir haben dein Haus, dein Dorf gerettet!«, riefen sie. »Wir haben uns die Hände und Stiefel versengt! Und du…wo warst du…?«

Nun traten auch die Alten, Hartvig und Sworthard, hervor. Streng blickten sie Thjalfi an: »Ist es wahr, was du sagst? Du hast einen Knochen der Geißen gespalten? Wer auch immer unser Gast gewesen sein mag, wer gab dir das Recht, seinen Wunsch zu missachten? Nennst du dies Gastfreundschaft? Du aber glaubtest gar, es sei der Gott selber, der uns beehrte und hast es dennoch getan?«

Hartvig kaute ärgerlich an seinem Bart.

»Natürlich wusste er es!«, kreischte Grimbold schrill. » … du heißt Donar, so wie der Gott? So fragte er doch, gestern als der Fremde kam! Er hat gewusst, dass es der Wettergott selbst war!«

Runald legte Grimbold beruhigend den Arm um die Schulter. »Wir sollten ihn in Ruhe anhören…«

Doch der Gast aus dem Bergdorf war nicht zu bremsen. »Was gibt es da zu hören? Er hat es getan und wir alle werden dafür büßen, wenn Donar ihn straft! Sturm und Regen wird es geben hier im Gebirge, bei euch in der Aue und auch bei uns! Das Unglück zieht er an, Pech und Unheil werden ihn verfolgen und wir werden mit ihm leiden müssen!«

Wild fuchtelte Grimbold mit den Händen und schrie mit überschnappender Stimme:

»Verschwinde von hier, verschwinde aus der Aue und dem Gebirge, du Dummkopf! Geh und ziehe nicht andere mit in dein Unheil hinein! Du solltest geächtet werden, ehe du noch Leid und Verderben über uns alle bringst!«

Unbeherrscht stieß er Thjalfi, der mit hängendem Kopf stand und sich nicht rührte, vor die Brust.

Röskva fuhr dazwischen. »Lass ihn in Ruhe!«, fauchte sie und spuckte dem Widersacher vor die Füße.

Verdutzt blickte dieser das Mädchen an. Dann begann er verächtlich zu lachen:

»Ach, die kleine Schwester muss den Bruder verteidigen? Nun, weit ist es mit dem Mut nicht her, bei Alvins Hausgenossen. Natürlich, wie konnte ich nur vergessen, es ist ja auch Röskva, die mit den Trollen tanzte, so erzählt man doch flussauf - flussab. Solch ein Weib kann mir gestohlen bleiben!«

Nun wollte Thjalfi auf den Spötter losgehen, doch Runald schob sich dazwischen und Alvin hielt den Sohn fest. Eilig zerrten einige Bergbauern den Raufbold davon, den Hang hinauf. Eine Schlägerei zwischen den Burschen der Dörfer gleich am ersten Tag nach dem Fest war das Letzte was sie gebrauchen konnten. Schien doch das neue Jahr sowieso schon mit einem Unglück verheißenden Omen zu beginnen. Denn auch wenn keiner recht glauben wollte, dass sie mit dem Donnergott persönlich den Sonnenwendbraten genossen hatten, so war ein Blitzschlag am Morgen nach dem Hohen Fest kein gutes Zeichen. Da war es besser, den unglücklichen Ort so schnell es ging zu verlassen.

Doch noch lange hörte man im Auendorf Grimbolds Stimme mit lautem Echo ins Tal herab höhnen: »Trollbraut! Riesenliebchen! Werwolfbuhle!«

II

DONARS RACHE

NOCH LANGE NACHDEM die Bauern des Oberlandes abgezogen waren, saßen die Bewohner des Auendorfs im Gemeinschaftshaus zusammen. Hartvig hatte Ruhe gebietend in die Runde geschaut. »Du behauptest also, du hättest gesehen, wie unser freigiebiger Gast seine Geißen wieder zum Leben erweckte und davon fuhr?«, sprach er Röskva an.

Das Mädchen erzählte von ihrer morgendlichen Beobachtung. Tuschelnd sprachen die Nachbarn durcheinander. Sollte es wirklich der Herr der Wetter gewesen sein, der sie aufgesucht hatte?

Doch der Alte und auch Sworthard der Greis, ja der ganze Ältestenrat glaubten dies nicht und schüttelten die weißen Köpfe. »Du solltest bei der Wahrheit bleiben! Solche Flunkergeschichten ängstigen die Frauen und verwirren die Männer.

Nur am Anfang der Welt, als die Götter noch jung und die Menschen gerade erst erschaffen waren, mischten sich die Götter unter die Sterblichen, doch das ist schon lange her. Heutzutage leben sie in Asgard, in ihrer eigenen Hofstatt und bleiben uns fern. Nur opfern können wir ihnen, sie sehen, mit ihnen tafeln, das können wir als Lebende nicht«, belehrten sie die Lauschenden.

»Aber die Felle und die Knochen sind verschwunden!«, begehrte Röskva auf. Ungehalten fuhr Sworthard dazwischen: »Die wird er mitgenommen haben….!« »Aber es schlug ja der Blitz ein!«, rief Nachbarin Gerfriede und Runald pflichtete ihr bei: »Es schlug der Blitz ein und der Fremde ist verschwunden, mit seinem Schlitten und den Fellen. Das kann nicht mit rechten Dinge zugehen.«

Aufgebracht standen die Männer und Frauen von den Bänken auf.

»Sicher war es der Wettergott selber!«, riefen die einen.

»So ein Unsinn, warum sollte Donar denn in unser kleines Dorf kommen und sich nicht einmal zu erkennen geben?«, zweifelten die anderen.

»Er wollte uns auf die Probe stellen«, schrien nun einige, »und wir haben durch des Jungen Torheit die Probe nicht bestanden. Ungehorsam war er, ungehorsam gegen einen Gott! Nun wird der uns strafen!«

Doch sie wurden niedergebrüllt: »Wieso glaubt ihr denn diesen Kindern? Schon oft erzählten sie von unglaublichen Erlebnissen. Das habt ihr doch auch nicht alles geglaubt. Sie lügen, um sich wichtig zu machen!«

Die Geschwister saßen stumm dabei und Thruhild hatte die Tochter in den Arm genommen.

Hin- und hergerissen lauschte Thjalfi dem Gestreite.

Röskva log nicht, da war er sich sicher. Doch war es möglich, dass Röskva sich getäuscht hatte?

Hatten die Alten Recht, wenn sie behaupteten, die Zeiten in denen sich Götter und Menschen begegneten seien vorbei?

Dann wäre er nicht Schuld am Brand des Vorratshauses. Dann wäre es nur ein Zufall, ein schlechtes Omen vielleicht, dass der Blitz einschlug. Dann hatte er sich umsonst gefürchtet vor der Rache des Gottes.

Endlich verschaffte sich Hartvig Gehör. Man müsse nun mit Ruhe nachdenken, was zu geschehen sei. Er selber sei sicher, dass der Fremde wohl ein eigenartiger Kauz, vielleicht gar ein mächtiger Zauberer gewesen sei, doch Donar, der Gott, könne er nicht gewesen sein. Scharf sah er zu Egila, der Heilerin des Dorfes, die still und gekrümmt in ihrer Ecke saß und vor sich hin murmelte. Doch die Alte erwiderte seinen Blick nicht.

Freilich, die Vorkommnisse des Tages seien schlimm. Auch er hätte nun Sorge, wie es mit dem Dorf weiter gehen würde, wo ein Gutteil der Vorräte von den Flammen vernichtet worden sei. Doch es sei grundfalsch, einen Jungen für all das verantwortlich zu machen.

Vielmehr frage er sich wie so viele, wieso Thjalfi beim Löschen gefehlt und sich versteckt hätte. Dies sei ein schlimmes Vergehen. Wer die Dorfgemeinschaft in der Not im Stich lasse, müsse bestraft werden. Für den Blitzschlag aber sei der Junge nicht verantwortlich.

Dann bat der weise Mann Egila noch heute für Donar um gutes Wetter zu opfern. Er selber wollte das Dorf mit dem heiligen Pflug in einem schützenden Kreis umpflügen, so wie man es seit jeher tut, um eine Gefahr abzuhalten. Fielen dabei die Schollen nach außen, konnte kein böser Zauber und kein Fluch mehr die Gemeinschaft treffen. Zur Vorsicht wollte er das tun, falls der rotbärtige Kauz doch Übles gegen sie im Schilde führte.

Alvins Hausgenossen aber müssten den Speicher wieder in Stand setzten, als Vergeltung für das Versagen des Sohnes, als das Dorf vom Feuer bedroht war.

Laut sprach Hartvig zur Versammlung der Bauern: »Gebt jetzt Ruhe! Streit und Verdächtigungen ziemen sich nicht unter Nachbarn. Das Mädchen hat sich eingebildet etwas zu sehen. Vielleicht war auch sie berauscht, wer weiß. Nicht ohne Grund steht der Festtagsmet nur den Männer und Frauen zu, nicht aber Kindern vor der Mannesweihe.

Alvin soll seine Kinder dafür zur Rechenschaft ziehen, so wie es Brauch ist. Nicht zulassen werden wir als Älteste aber, dass Missgunst über Alvins Hof gebracht wird!«

Streng schaute der Alte in die Runde und schickte die Bauern nach Hause.

Mit scheelen Blicken auf die Geschwister verließen die Nachbarn die Versammlung. Zwar gebot es der Anstand den Ältesten nicht zu widersprechen, doch überzeugt hatte Hartvig sie mit seinen Worten nicht.

Egila aber ging ans Ufer der Alba, dorthin wo die hölzernen, geschnitzten Pfähle auf dem heiligen Platz der Gemeinschaft standen.

Nachdem die Alte einige Zeit singend und summend um die Götterstatuen geschritten war und ein gutes Maß des geretteten Korns dargebracht hatte, ließ sie sich am Ufer nieder.

Röskva hatte beobachtet, wie Egila noch den ganzen Tag bei den Götterpfählen zu Gange war.

Später, schon wurde in den Hütten die Grütze für das Abendessen bereitet, sah sie die alte Frau noch immer murmelnd am Ufer des Flusses bei der alten Weide sitzen und ihre geschnitzten Knöchelchen werfen. Wieder und wieder tat sie so und dann schaute sie still über das Wasser hin und schüttelte ratlos den Kopf.

Irgendetwas beunruhigte die weise Frau, da war sich das Mädchen sicher.

Gleich am nächsten Tag begannen Thjalfi und sein Vater die Schäden am Kornspeicher auszubessern.

Eigentlich waren die Tage zwischen den Jahren der Ruhe und Entspannung vorbehalten. Erst am Neujahrstag würden die Bauern wieder eine Arbeit zur Hand nehmen.

Diese Arbeit aber musste getan werden, wenn nicht das gerettete Getreide ohne Dach und Wetterschutz auch noch verderben sollte. Obwohl es weiterhin stürmte und schneite, machten sich Vater und Sohn mit Äxten und Stemmbeitel ans Werk.

Alvin hatte noch einige Klafter gutes Holz hinter dem Haus liegen, das nun bebeilt und angepasst die verkohlten Balken ersetzten sollte.

Thruhild jammerte und schimpfte. Hatten sie das Holz doch schon im vorvergangenen Herbst geschlagen, um im nächsten Jahr ihr Dach auszubessern. Doch es nutzte ja nichts. Die Schuld ihres Kindes, die Bauern in der Not im Stich gelassen zu haben, wog schwer. Auch Alvin grollte dem Sohn. Mürrisch wies er ihm die Arbeiten zu und würdigte seinen Jungen keines Blicks.

Thjalfi war bedrückt. War es möglich, dass Röskva sich die Erweckung der Ziegen nur eingebildet hatte? Konnte sie sich getäuscht haben?

Scheinbar glaubte keiner der Alten und auch die meisten der Nachbarn nicht, was sie erzählte.

Doch auch er hatte gesehen, wie der Fremde in seinem Schlitten davon gebraust war, kurz bevor der Blitz einschlug. Wie war das möglich ohne Zugtiere? Stumm hieb er die Axt ins Holz, grübelnd passte er die Zapfen ein.

Als es am dritten Abend dämmerte, hatte der Speicher bereits ein neues Dach. Morgen würden sie die verbrannten Wände ersetzten, dann wäre wenigstens dieser Schaden behoben.

Wie dumm war es gewesen, sich zu verstecken, als es brannte! Wie sehr bedauerte er, den Eltern solchen Kummer gemacht zu haben. Nun würden sie ein weiteres Jahr mit einem undichten Dach und nassgetropften Betten leben müssen. Thjalfi schämte sich. Der Junge wusste selbst nicht mehr genau, warum er in Angst und Schrecken ins Haus geflohen war.

Es war so schnell gegangen! Der davon fliegende Schlitten, der plötzliche Sturm und der Blitzschlag! Auf der Stelle war ihm in den Sinn gekommen, was er in der Nacht getan hatte, trotz seines schmerzenden Kopfes und seines verschleierten Blicks.

Ach, hätte er nur nicht von diesem Met getrunken!

Nachbarin Gerfriede kam mit einem Trog Bucheckern für die Schweine vorbei.

Mit schmalen Augen musterte sie Thjalfi, der mit klammen Fingern an der rußigen Schwelle werkelte.

»Wenn nur Hartvig Recht hat«, zischte sie im Vorbeigehen, »ansonsten wäre es schlauer, dich aus dem Dorf zu verbannen, ehe du noch mehr Unglück herbei lockst!«

Endlich war das Kornhaus fertig.

Alvin streckte seinen verspannten Rücken und sammelte das Werkzeug ein und Thjalfi betastete die Blasen an seinen Händen. Harte Arbeit war es gewesen, bei Wind und Kälte ein neues Vorratshaus zu bauen.

Thruhild kam durch den hohen Schnee zu ihnen und brachte einen Becher heißen Most. Als sie sah, dass das Werk vollendet war, lächelte sie dem Sohn aufmunternd zu, das erste Mal seit jenem unheilvollem Morgen.

»Nun wollen wir das Unglück vergessen!«, sagte der Vater und strich sich den vereisten Bart. »Lasst uns ins Haus gehen, lange genug haben wir in diesem Unwetter geschuftet.« Erleichtert steckte Thjalfi seinen Beitel in den Gürtel und griff nach dem dargebotenen Trunk.

Doch mitten in der Bewegung erstarrte er.

Lauschend hob er den Kopf. Auch die Eltern verstummten erschrocken.

Hinter ihnen, da wo die Sandsteinfelsen des Gebirges begannen, knackte es laut und vernehmlich.

Hoch oben an den hell überzuckerten Felsen sahen sie, wie ein Riss entstand.

Als würde ein Riese den Berg von innen aufschlitzen, so sah es aus.

Gleich darauf begann ein Poltern und Dröhnen und die Familie sah im Abendlicht, wie sich riesige Felsbrocken von den Wänden lösten und, als seien sie Kieselsteine, zu Tal hüpften und sprangen.

Doch es waren keine Kieselsteine! Krachend riss der Felssturz Bäume um und wirbelte Mengen von Schnee und Eis auf, die sich, vermengt mit Geröll, als breite Lawine bergab walzten, direkt in die Richtung des Dorfes.

»Hilfe! Röskva! Thurid!«, schrie Thruhild und hastete davon.

»Oh Donar, der Berg bricht!«, brüllte der Vater und rannte so schnell ihn seine Beine trugen ins Haus.

Der Junge aber stand und konnte sich nicht rühren.

Tosend wie ein Riesenheer raste die Lawine heran, riss die Koppelzäune um, die oben am Hang standen und überflutete die ersten Hütten mit wie wahnsinnig wirbelndem Schnee und Fels. Ohrenbetäubend krachte Stein auf Holz. Schrill schrien die Menschen und versuchten sich zu retten.

Ein Brocken, übermannsgroß und schwer, sprang in die neue Wand des Speichers. Thjalfi sah, wie das Holz splitterte und das neue Dach sich neigte.

Auf einmal konnte er sich wieder bewegen.

Er lief und lief, dem Fluss zu, hastend, ohne sich umzuschauen. Gleich würde er verschüttet werden, gleich wäre nicht nur seine und des Vaters Arbeit vernichtet, gleich würde ihn die Lawine begraben!

Und während um ihn herum Stein, Geäst und Schnee ins Wasser prasselten, sprang er in eins der kleinen Fischerboote und floh mit der Strömung, so schnell er mit seinen zitternden Armen die Ruder führen konnte.

Halb erfroren und am ganzen Körper fliegend erreichte er das andere Ufer, eine gute Strecke flussabwärts.

Sicher war er nun, dass Donar, der Herr der Wetter und Gebieter der Riesen, ihn strafen wollte! Konnte es doch kein Zufall sein, dass, kaum hatte er mit dem Vater das Kornhaus in Stand gesetzt, dieser entsetzliche Felssturz über ihr Dorf kam.

Er hatte es zu verantworten, dass nun Tod und Verderben über seine Leute gekommen war!

Schlotternd vor Kälte lief er in der Dunkelheit am Ufer auf und ab. Grauenvoll war es und unbegreiflich was geschehen war! Wie viele seiner Nachbarn, so fragte er sich bang, waren von den wahnsinnigen Schneemassen verschüttet oder von den Felsbrocken erschlagen worden? Wer hatte es überlebt und wer war zu Tode gekommen?

Kaum wagte er an die Eltern und Schwestern zu denken.

Was für eine Katastrophe war über sie hereingebrochen!

Heulend, sich die Haare raufend, stapfte er durch knietiefen Schnee. Er hätte gehen sollen, gleich nachdem er erkannte, was er verschuldet hatte. Sicher, Hartvig hatte ihn schützen wollen vor dem Zorn der Nachbarn und den Anschuldigungen der Bergbauern. Doch nun musste das ganze Dorf leiden.

Recht hatte dieser Schreihals Grimbold gehabt, die Bauern hätten ihn ächten müssen, nur so wäre das Dorf vom Unglück verschont geblieben. Nein, sie hätten ihn nicht ächten müssen. Er hätte gehen müssen, aus freien Stücken, um gut zu machen, was er verdorben hatte.

»Ich muss Donar suchen!« Murmelnd, als sei er irre geworden, lief er vorwärts.

»Ich muss die Ziege heilen!«, schluchzte er.

»Ich allein bin Schuld!«, schrie er wie waidwund in den heulenden Nachtwind, während er am Ufer entlang hastete.

Doch wohin sollte er sich wenden? Wo wohnte Donar der Wettergott? Wo lag Asgard, die Hofstatt der Götter?

Wieder zuckte ein Wetterleuchten über den Himmel und es grummelte in der Ferne.

»Gib mir ein Zeichen, oh Donar!« rief er verzweifelt.

»Soll ich nach Westen gehen, dorthin, von wo das Wetter kommt?«

»Das denke ich auch«, krächzte eine Stimme neben ihm.

Bis ins Mark erschrocken fuhr der Junge herum.

Unter den tief hängenden Ästen einer großen Weide bewegte sich etwas.

Mit ihrem schlurfenden Schritt trat Egila aus dem Mondschatten. Von ihren Kleidern umweht, winkte sie ihn zu sich.

Wie kam denn die Alte hierher ans andere Ufer?

Doch ihm blieb keine Zeit zum Überlegen.

Mit ihren dürren Fingern umfasste die weise Frau seinen Arm und zog ihn unter den Baum. Dann sprach sie ihn erneut an: »Ja, ja, auch ich sah, wie unser Gast seine Geißen zum Leben erweckte. Die meisten der Bauern aber, deine Eltern und sogar Hartvig, der es besser wissen müsste, glauben nicht mehr daran, dass die Götter sich unter uns Menschen sehen lassen.

Doch morgen, wenn sie ihre Hütten und Häuser wieder aus dem Schnee gegraben haben und die Toten zählen werden die, die Röskva glaubten, am lautesten sein. Sie werden dich anklagen und fordern, du sollest geächtet werden! Du kannst nicht zurück.

Den Schaden musst du beheben, mit einem neuen Kornhaus ist es nicht getan! Du musst den Schaden beheben, den du Donar angetan hast. Denn Donar und seine zwei Gewitterziegen suchten in der ersten Rauhnacht unser Dorf auf.«

Egila kratzte sich die Haare am Kinn und runzelte die Stirn.

»Wenn die Zeit sich rundet, so kommen die Götter zu den Menschen in menschlicher Gestalt. Solcherlei geschieht höchst selten und deshalb ist es in Vergessenheit geraten. Doch keine Märchen sind die Gesänge der Ahnen, keine Truggeschichten ihre Sprüche«, krächzte sie und dem Jungen schauerte.

»Heuer, zum heiligen Sonnenwendfest, war Donar unser Gast, ganz so, wie du, Thjalfi, es von Anfang an geahnt hast. Ach je, ach je, um so dümmer war es, seiner Bitte nicht nachzukommen und den Knochen zu zerbrechen!

Doch es ist geschehen, was geschehen ist.

Nun zürnt er uns, er, der den Blitz in unser Vorratshaus lenkte, der den Riesen befahl die Steine aus den Bergen zu brechen, auf dass sie unser Dorf treffen. Er wird wüten und toben und alle Wetter gegen uns aufbringen. Was für ein Unglück ist es, gerade den mächtigsten Gott, den Gott des Wetters, gegen sich aufzubringen!

Mit seinem Ziegengespann fährt er am Himmel entlang und lenkt mit seinem Hammer Blitz, Donner und alle vier Winde.

Nun lahmt sein Zugtier, oh weh, oh weh, denn du, Thjalfi Alvinsohn, hast sein Bein zerbrochen!«

Stöhnend krümmte sich die Alte zusammen, als hätte sie Leibschmerzen und raufte sich das schüttere weiße Haar.

Thjalfi kroch eine Gänsehaut über den Rücken. Wie alle Kinder des Dorfes fand er die weise Frau etwas gruselig, denn diese hatte Kontakt zu den Wesen der anderen Welten und auch zu den Verstorbenen.

Immer wenn Egila bei den Götterpfählen ihre Rituale feierte und erst recht, wenn sie in den Voll- oder Neumondnächten mit ihrem Korb in Wald und Flur nach Kräutern suchte, gingen die Dorfbewohner ihr wenn möglich aus dem Weg. So sehr sie die Alte auch als Heilerin brauchten, unheimlich war sie ihnen doch.

Nun unter dem Baum in der Düsternis der Winternacht begann Thjalfi sich wirklich zu fürchten. Was wusste die Frau über die Götter und ihr Schicksal?

Der Junge erinnerte sich plötzlich, dass Egila ihm schon einmal zu Beginn einer Reise geraten hatte. Und diese Reise war von Erfolg gekrönt, auch wenn niemand daran geglaubt hatte.

»Was soll ich tun?«, fragte er mit belegter Stimme.

Mit tränenden Augen blickte die Alte zu ihm auf: »Ach, wenn ich es nur wüsste! Tag für Tag saß ich und befragte die Runen. Doch ich verstand sie nicht!

Nur eines zeigten sie mir; das Bein der Geiß muss geheilt werden.

Nur dies vermag Donar zu besänftigen. Solange sein Tier hinkt, wird er wüten, den Frühling und den Sommer lang. Der Sturm wird die Halme brechen, das Korn wird verfaulen. Oh, es wird ein schlechtes Jahr für die Bauern. Und fährt dann der Blitz noch in die Ähren, ist der Hunger nicht weit.«

Erschrocken schwieg Thjalfi.

Grausam war es, was die Alte prophezeite. Ohne eine gute Ernte würden sie im nächsten Winter hungern. Jedes Kind wusste genau, wie abhängig ihr Wohl und Weh von den Wettern war.

'Ohne Regen im April, die Saat nicht aufgehen will.' Dieses Sprüchlein plapperte sogar schon Thurid.

'Beginnt der Sommer mit Blitz und Donner, die Wurzel vom Korn, verfault und verlor'n.' Auch so sprachen die Bauern.

Und im Herbst sagten sie: 'Sonnenschein bringt reiche Ernte ein.'

Aber wenn es beim Kornschneiden regnete, dann klagten die Menschen: 'Ein nasser Schnitter macht den Winter bitter!' Denn dann blieben die Vorratsgruben und Speicher leer und die Mutter musste die Grütze mit bitterer Kleie strecken, damit sie überhaupt satt wurden.

Immer wieder baten die Bauern die Götter um gutes Wetter. Sie opferten Getreide und Obst, Rüben und Kohl und hofften auf Sonnenschein und Regen zur richtigen Zeit.

Doch nun hatte Thjalfi in seiner Unbedachtheit den Donnergott verärgert. Wie sollte er das nur wieder gut machen? Wenn die weise Alte die Wahrheit sprach, stand ihm eine gewaltige Aufgabe bevor.

»Kann denn Donar seine Geiß nicht selbst heilen?«, fragte er schüchtern. »Er ist doch ein Gott!«

Egila schüttelte den Kopf. »Oh nein, das kann er nicht. Gewitter und Sturm, die Bergriesen und die Winde sind es, die er beherrscht. Heilen kann er nicht. Die Geiß heilen, das kann er nicht.«

»Aber wie soll ich es denn können, wenn nicht einmal so ein mächtiger Gott es vermag?«, begehrte Thjalfi auf.

Die Alte wiegte sich hin und her und starrte mit leeren Augen in die Nacht. Dann sagte sie: »Mir scheint, die Antwort weiß nur der Wind!«

»Der Wind?«, fragte der Knabe erstaunt. »Wie kann man denn den Wind befragen?« Wieder wand sich die Alte auf ihrem Platz, vor und zurück schwang ihr hagerer Körper. Lange Zeit saß sie so, schweigend und seufzend. Dann riss sie die Augen weit auf und krächzte: »Suche seine Töchter, du musst seine Töchter finden!« »Welche Töchter?«, fragte Thjalfi mit zitternder Stimme. »Die Töchter des Windes? Wie soll ich denn…«

Mit einer Handbewegung schnitt Egila ihm das Wort ab. »Geh jetzt! Bald graut der Morgen. Dann werden die Bauern sehen, was vom Dorf übrig geblieben ist.

Und diesmal wird Hartvig sie nicht zum Schweigen bringen. Furchtbar wird ihr Zorn sein, denn sie haben Angst. Sie werden dich jagen und vertreiben, denn du bist vom Unglück gezeichnet.

Deshalb geh schnell! Suche Donars Töchter, die Windsbräute, nur die können dir den Weg weisen. Nur sie können dir raten. Der Westwind ist es, der dich ruft! Mehr vermag ich nicht zu sehen!«

III

HEIMATLOS

ALS FELS UND SCHNEE zu Tale stürzten, rannten die Bewohner des Auendorfes um ihr Leben. Wo war es sicher?

Einige versuchten sich in ihren Häusern zu verstecken. Sie verkrochen sich Schutz suchend unter den Bänken und Tischen oder nahmen Zuflucht zwischen den Tieren in den Stallräumen. Andere flohen zum Fluss oder die Albawiesen entlang und glaubten vor der Lawine davonlaufen zu können. Schrill kreischten die Mütter, die weinenden Kinder fest an die Brust gedrückt, brüllend versuchen die Väter die Ihren zu retten.

Nach wenigen Augenblicken war das Dorf, alle Häuser, Hütten und Ställe von dichtem Schneegewirbel eingehüllt. Schon durchbrachen die ersten Steinbrocken die Koppelzäune und sprangen wie Kiesel auf die Wohnstatt der Bauern zu.

Röskva war, gemeinsam mit der kleinen Thurid die jämmerlich schrie, von ihrer Mutter unter das breite stabile Bett der Eltern geschoben worden, als dröhnend die Seitenwand ihres Vaterhauses barst. Der Fels, der hineinrollte, blieb kaum zwei Spannen entfernt von ihr liegen, als gleichzeitig das Dach über ihnen wegbrach. Splitter, Zweige und Lehm stürzten prasselnd auf sie hernieder. Entsetzt schloss sie die Augen. Sie schob sich über die Schwester und umarmte sie fest.

Endlich verstummte das allmächtige Getöse.

Still wurde es, nur Thurid schluchzte in ihrem Arm.

Röskva steckte vorsichtig den Kopf unter dem Bett hervor. Kein Schrei war mehr zu hören, kein Weinen und Klagen. Wo waren die Eltern? Wo war Thjalfi? Und wo waren all die Nachbarn und Freunde?

Am ganzen Körper fliegend kroch das Mädchen aus ihrem Versteck.

Was sie sah, erschütterte sie bis ins Mark.

Von ihrem Haus waren nurmehr zwei Wände stehen geblieben, über denen die knappe Hälfte das Daches schaukelte. Töpfe und Kessel, Krüge und Teller lagen zerbrochen umher, in einem wilden Chaos aus Schnee, Holz und Lehmbrocken. Röskva erkannte Teile ihrer Kleidertruhe und Vaters Werkzeug halb bedeckt mit Eis und Dreck.

Nur Mutters Webstuhl stand unversehrt in der Ecke. Der schöne, karierte Stoff darauf wirkte eigenartig fremd inmitten der Zerstörung.

Unter den Trümmern der Bank regte sich etwas. Schnell sprang Röskva hinzu und zog Bretter und Rindenscheiben zur Seite. Zitternd und blass wie der Tod kroch Alvin hervor. Stöhnend kam er auf die Beine.

Wortlos begann der Vater sogleich im Schutt zu wühlen, während ihm das Blut von der Stirn tropfte. In aller Eile zerrte er eine zerborstene Fensterlaibung zur Seite und griff tastend in den Schneehaufen der an dieser Stelle lag.

Erschrocken erkannte das Mädchen eine schlaffe Hand und den Ärmel von Thruhilds Kleid. So schnell sie konnten gruben sie.

Endlich gelang es Alvin seine Frau hervor zu ziehen.

Röskva blieb fast das Herz stehen. Wie tot lag die Mutter da.

»Mama! Mama!«, wimmerte Thurid und krabbelte heran.

Da öffnete die Frau matt die Augen. Unendlich erleichtert umarmte sich die Familie.

Auch aus den anderen Häusern kamen nun Menschen hervor. Ohne zu begreifen, was geschehen war, starrten sie auf das, was der Felssturz aus ihrem Dorf und den Feldern gemacht hatte. Ein unübersehbarer Haufen Schutt und Holz, plattgewalzt von riesigen Felsbrocken, die nun, Bergen gleich, zwischen den zerstörten Gebäuden lagen, war die lieblich Albaaue geworden. Keines der Häuser war unversehrt. Sie erkannten ihre Heimat nicht wieder.

Ein lautes Weinen und Wehklagen brach an. Verzweifelt suchten, riefen, schrien die Menschen nach ihren Angehörigen. Doch wo sollte man anfangen?

Röskva hatte die weinende Thurid in den Schnee gesetzt und wühlte, gemeinsam mit ihrer Mutter, wie besessen zwischen den Trümmern ihres Hauses. Zerbrochene Pfannen und Schüsseln förderten sie zu Tage, zerdrückt und verschmutzt die Felle, die den Kindern als Bett gedient hatten.

Von Thjalfi aber fehlte jede Spur. War er überhaupt ins Haus gelaufen? Röskva konnte sich nicht erinnern.

Alvin atmete erleichtert auf, als er den alten Hartvig, verletzt aber bei Bewusstsein, unter dem zersplitterten First seines Daches fand, doch gleich darauf stöhnte er und jammerte, denn Sworthard lag ebenda, mit zerschmettertem Schädel. Für ihn kam jeder Hilfe zu spät.

Doch es blieb ihnen keine Zeit für Entsetzten und Trauer. So schnell sie konnten, mussten sie die Verschütteten bergen, sonst würden sie unter Schnee und Trümmern ersticken.

Nach und nach zerrten und gruben die Bauern ihre Angehörigen und Freunde zu Tage. Runald trug die weinende Gerfriede aus den Resten ihres Hauses, denn sie hatte ein Bein gebrochen und konnte nicht gehen. Doch, den Göttern sei Dank, sie lebte und auch ihre Kinder waren, zerschrammt und blutend zwar, am Leben.

Die geflohen waren kehrten nun zurück und schauten sprachlos auf die Verwüstung. Das war ihr liebliches, ihr vertrautes Dorf gewesen? Es war nicht zu fassen! Welch eine entsetzliche Strafe hatte sie ereilt! Warum nur war ihrem Dorf solch ein Leid geschehen, fragten sie sich.

Erschöpft versammelten sich die Männer, Frauen und Kinder da, wo einst ihr Festplatz gewesen war. Die Krone der alte Linde, die das Feuer im Sommer überschattet hatte, war geborsten und zerschlagen. Wie ein bizarres Gerippe stand der Überrest des mächtigen Baumes, streckte einen letzten unversehrten Ast in den Himmel.

Mühsam richtete sich der alte Hartvig auf. Schlimm sah seine Hand aus und am Kopf prangte eine böse Beule. Er wischte sich die Tränen aus dem dürren Bart und sprach die Bauern an: »Schwestern und Brüder! Der Zorn der Götter ist über uns gekommen. Es ist furchtbar.«

Betroffen schwiegen die Menschen.

Der Alte sah sich mit trüben Augen um und flüsterte: »Unser Dorf ist zerstört. Es ist schrecklich. Doch soweit ich sehe, sind die meisten von euch mit dem Leben davon gekommen. Nur mein Bruder Sworthard, unser Ältester, liegt begraben unter den Balken unseres Daches. Er atmet nicht mehr, ein Stein hat ihn gefällt.

Auch sehe ich Egila nicht, meine Schwester. Ihr Haus aber wurde von der Lawine in den Fluss geschleudert. Dort«, klagend wies er mit der gesunden Hand ans Ufer der Alba, »dort treiben die Reste ihrer Hütte. Ich befürchte, auch sie wird im Wasser zu Tode gekommen sein.

Sonst aber, so scheint mir, gab es keinen Verlust an Menschen. Nur uns Alten hat es getroffen. Die Kinder aber, allen Göttern sei Dank, die Kinder sind…« Er schaute prüfend in die Runde.

»Thjalfi fehlt auch!«, rief Röskva dazwischen. »Mein Bruder Thjalfi ist nicht da!«, schluchzte sie.

Erschrocken verstummte Hartvig.

Ja, Thjalfi war nicht da.

Wohin war er gelaufen, wo hatte er Schutz gesucht?

Ratlos liefen die Bauern zu Alvins Haus und riefen und suchten, gruben und zerrten die zerbrochenen Balken zur Seite. Doch der Junge blieb verschwunden.

»Er war sicher nicht im Haus!«, weinte Thruhild. »Er stand noch am Speicher, als die Lawine kam. Dort sollten wir suchen!«

Verzagt richteten sich die Helfer auf. Mutlos schauten sie sich um. Der Speicher? Wo war der denn?

Dort, wo gerade noch das Kornhaus gestanden hatte, so erkannten sie jetzt, lag ein gigantischer Gesteinsbrocken, viel größer als das Gebäude, das Alvin mit seinem Sohn hergerichtet hatten, selber gewesen war.

Röskva stand wie vom Donner gerührt. Ebenda, wo nun haushoch ein Felsen lag, hatte sie den Bruder zuletzt gesehen. Der riesige Fels hatte das Vorratshaus unter sich begraben, kein Balken schaute mehr heraus. Neben ihr begann die Mutter laut zu lamentieren und der Vater schniefte verzweifelt in seinen Bart.

Gemeinsam mit seiner letzten Arbeit musste Thjalfi dort begraben sein.

Notdürftig hatten Alvin und Runald ein Loch in den gefrorenen Boden gehackt.

Hier sollte Sworthard seine letzte Ruhe finden, von hier aus würde er in Wodans prächtige Halle Walhalla heimkehren, dorthin, wo schon die Ahnen, seine längst verstorbenen Vorfahren, auf ihn warteten.

Traurig standen die Dorfgenossen und schwiegen.

Thruhild hatte dem Greis den dürren Bart gesäubert und mit einem schönen Lederband geflochten und Röskva hatte ihm das Schwertgehänge, das ihn sein Leben lang begleitet hatte, umgelegt. Krumm und verbogen war die Waffe jetzt, nur mühsam hatte das Mädchen sie unter einem Stein hervorziehen können. Auch einen der wenigen heilen Krüge gaben sie ihm mit auf die letzte Reise, gefüllt mit einigen Rüben, die sie aus der dichten Schneedecke geborgen hatten. Mehr konnten sie ihrem Ältesten nicht mit zu Wodan geben, denn mehr hatten sie nicht.

Hartvig überdeckte den Leichnam mit einem Fell und sang leise die Gesänge, die sonst immer Egila gesungen hatte, wenn einer der Ihren nach Walhalla aufgebrochen war. Denn auch die weise Frau war verschwunden geblieben, ebenso wie Thjalfi.

Ihre Leichen hatte man nicht gefunden.

Drei lange Tage hatte die Dorfgemeinschaft frierend und hungernd unter dem halben Dach von Alvins ehemaligen Wohnhaus gehockt. Gewartet hatte man, gewartet, ob der Junge oder die Heilerin doch noch wieder kämen. Drei Tage lang hatten sie gehofft und geweint, gegraben und gesucht. Doch alles war nutzlos gewesen. Verschwunden blieb der Knabe und verschwunden war auch die alte Frau.

Nicht einmal ein Grab konnten sie ihnen geben, denn der Felssturz hatte die beiden verschlungen.

Am vierten Morgen hatte Hartvig wieder das Wort ergriffen.

Man könne nicht noch länger an dieser unglückseligen Stelle ausharren und die spärlichen Vorräte, die sie hatten bergen können, verzehren, hatte er gesagt. Man müsse nun aufbrechen und versuchen eines der Bergdörfer zu erreichen. Dort könnten sie um Hilfe bitten.

Als Mägde und Knechte könne man sich verdingen, dann würden die Bergbauern, so hoffte er, ihnen Unterkunft, Nahrung und Schutz geben.

Betreten hatten die Männer geschwiegen und die Frauen hatten begonnen zu weinen. Freie Hofbauern waren sie gewesen, nun sollten sie Knechte und Mägde auf fremden Höfen werden? Und was würde aus den Kindern, so hatten sie gefragt. Sollten sie von nun an ihr Leben als Dienstboten verbringen, ohne eigenes Land und Tiere?

Hartvig hatte beschwichtigend die Hände gehoben. Man müsse abwarten und sehen was das Schicksal mit sich brächte. Schließlich könne man nicht gehen und roden und ein neues Dorf gründen, ganz ohne Werkzeug, Vorräte und Waffen.

So sei es nun einmal, wer sich nicht selber versorgen kann, müsse dienen um Brot und Unterkunft. Alles Murren nütze nichts, man müsse sich drein schicken und ertragen was die Nornen webten, hatte er gesagt.

Ehe sie aufbrachen, trat Runald ans Ufer der Alba. Hier standen noch immer, unberührt von den Naturgewalten, die Götterpfähle an denen Egila so oft geopfert hatte, um gutes Wetter, Schutz und Gesundheit für ihre Gemeinschaft zu erflehen.

Runald, dessen Mutter die weise Alte gewesen war, löste seine bronzene Fibel vom Gewand und warf sie weit hinaus in den winterlichen Fluss. »Irgendetwas sollten wir auch Egila mit auf ihre letzte Reise geben«, sagte er leise, »und wenn sie hier ertrunken ist, dann gebe ich die Gabe eben ins Wasser. Sie war so eine gute Heilerin, immer hat sie….!« Der Mann schluchzte trocken.

»Und was geben wir Thjalfi mit?«, fragte Röskva tonlos und zupfte die Mutter am Ärmel.

»Dein Bruder liegt dort unter diesem Felsen. Was willst du ihm denn geben, wir haben ja nichts mehr?«, klagte Thruhild.

Alvin aber nahm seine Tochter in den Arm und flüsterte: »Keiner wird etwas für Thjalfi geben, nun da es für die meisten als erwiesen gilt, dass er das Unglück über uns alle gebracht hat.«

Mit einem scheelen Blick sah er zu den Nachbarn hinüber.

»Es ist hart, aber er hat es wohl tatsächlich selbst zu verantworten. Du hast uns ja berichtet, was am Morgen nach der Sonnenwende geschah!«

»Dorfgenossen, lasst uns gehen!«, rief Hartvig und griff nach seinem Bündel.

Sie schulterten die wenigen Habseligkeiten, die sie hatten retten können und begannen den Bergpfad hinauf zu steigen. Ein jämmerlicher Zug war es, der sich traurig davon schleppte.

Alvin und Runald trugen Gerfriede in einem hölzernen Gestell, welches sie grob zusammengezimmert hatten. Die Nachbarin war blass, stöhnte und wimmerte in einem fort. Böse sah ihr Bein aus, das Thruhild mehr schlecht als recht mit einigen Latten geschient hatte.

Da die Mutter schwer an ihrem Webstuhl schleppte, hatte Röskva die kleine Schwester huckepack genommen. Unsagbar traurig war sie, dass sie die Aue an der Alba verlassen mussten. Schrecklich war es, den geliebten Bruder verloren zu haben. Und sie war enttäuscht, furchtbar enttäuscht von den Bauern. Dass sie dem Bruder nicht einmal eine Gabe in sein steinernes Grab gegeben hatten, konnte sie nicht verstehen.

Wie sollte er denn jetzt bei den Ahnen erscheinen, ganz ohne Wegzehrung und Geschenke für seine letzte Reise? Wie sollte er den Weg zu Wodans herrlicher Halle finden, ohne die Gesänge und Sprüche, mit denen die Menschen gewöhnlicherweise einen Toten begleiteten.

Mit einem kalten Schreck fuhr es ihr in den Sinn: 'Konnte der Bruder nach all dem was geschehen war überhaupt in die Licht glänzende Halle bei den Ahnen Einzug halten? Wollten die Bauern ihn noch im Tode strafen für seine Tat, indem sie ihn das Totengeleit verweigerten?', fragte sie sich. 'Was geschah mit den Toten, denen nicht der Weg zu den Göttern gewiesen wurde?'

Verzweifelt sah Röskva zum Fluss hinab. Dort lag Thjalfi, der immer ihr liebster Gefährte gewesen war. Als würde sie ihn im Stich lassen, so kam es ihr vor.

Und dennoch setzte sie gehorsam einen Fuß vor den anderen und folgte den Eltern und Nachbarn bergan.

Als sie die Felskante erreicht hatten, verschnauften sie einen Moment und sahen zum letzten mal in die Aue hinunter, wo so lange ihre Heimat gewesen war. Was würde sie nun erwarten? Welches Schicksal war ihnen bestimmt?

Mit einem tiefen Seufzen drehte Hartvig dem Fluss und den Wiesen den Rücken zu und ging voran. Unendlich müde folgten die Bauern ihm nach.

Nachdem sie die Felsenkette hinter sich gelassen hatten, befahl Hartvig zu rasten.

In den dichten Wäldern die nun kamen, wollte sich keiner länger als nötig aufhalten, denn zur Winterzeit trieb sich hier alles mögliche hungrige Raubwild herum. Schließlich hatten sie keine Waffen, um sich zu verteidigen. Ausruhen sollten sich die Alten und die Kinder, um dann, so schnell es ging, den Tann zu durchqueren.

Erst wenn sie das Bergbauerndorf erreicht hätten, seien sie in Sicherheit, so sagte es der Alte.

Thruhild, die bislang schweigend gegangen war, sah prüfend zu ihrer Tochter. Sinnend sprach sie das Mädchen an: »Wie groß und schön du bist. Du bist nun schon fast eine Frau«, begann sie lächelnd. Als Röskva erstaunt zu ihr aufblickte, fuhr sie fort: »Es ist so: Als zur Sonnenwende die Bergbauern mit uns feierten, wurde um deine Hand angehalten. Grimbold hat mit uns gesprochen.«

Als Röskva entrüstet auffahren wollte, nahm sie die Tochter sanft in den Arm. »Ich weiß, du magst ihn nicht besonders und er war auch nicht gerade nett zu dir und deinem Bruder. Auch hoffte ich«, sie sah ihre Tochter ernst an, »und auch du glaubtest es sicher, dass bis zu deiner Hochzeit noch zwei oder drei Jahre vergehen würden. Bist ja noch so jung.«

Die Mutter ließ den Kopf hängen. »Nun aber liegen die Dinge anders. Nichts können wir dir mitgeben, keine Mitgift wirst du haben, außer deiner Jugend und Schönheit und deinen geschickten Händen.«

Thruhild schüttelte traurig den Kopf. »Glaube mir, niemals wollten wir dich drängen, ihn oder sonst einen zum Manne zu nehmen, so haben Vater und ich es seit langen beschlossen. Das sagten wir auch zu Grimbold, als er uns ansprach. Doch nun, wo wir kein Heim mehr haben, wirst du froh sein müssen, überhaupt einen Mann zu finden. Grimbold aber ist ein Hofbauer sogar! Bei ihm wirst du keine Magd sein, sondern die Bäuerin eines gut gehenden Gehöftes. Du solltest froh sein, dass er ein Auge auf dich geworfen hat.«

Röskva starrte die Mutter ungläubig an.

Thruhild fuhr eilig fort: »Auch für uns wäre es die Rettung. Das heißt nur, wenn Grimbold dich noch will, nun wo du ihn beleidigt hast und noch dazu ohne Aussteuer zu ihm kommst.«

Aufgebracht machte Röskva sich frei. »Ich soll diesen Streithammel heiraten? Du willst, dass ich diesen Schreihals zum Manne nehme? Niemals!«

Wieder seufzte die Mutter schwer: »Versteh doch, wenn du an Grimbolds Hof die Hausfrau wirst, haben auch Vater und ich und auch deine Schwester ein sicheres Auskommen. Willst du denn selbst, willst du denn, dass ich und deine Schwester als Mägde leben müssen? Bitte Tochter, überlege es dir. Tue es für mich, tue es für Thurid!«

Barsch wandte sich Röskva ab. Keinesfalls würde sie diesem widerlichen Grimbold den Brautkuss geben! Wie konnten die Eltern nur solches von ihr erwarten? Kuno liebte sie und Kunos Frau würde sie werden, wenn es an der Zeit war, so wie sie es sich schon lange versprochen hatten.

Die Mutter schulterte verzagt den Webstuhl und griff nach Röskvas Hand.

»Ich weiß, dass du an Kuno hängst«, sagte sie leise, »doch bedenke, Kuno ist fortgegangen von dir, auf Handelsfahrt, kaum das sich die Gelegenheit ergab. Er ist von unruhigem Geiste. Sicher hat er in der Ferne viele Mädchen getroffen, die ihm gefallen könnten und sicher wird er bei seiner Mutter bleiben wollen. Er gehört nun zu Radegast und dessen Leuten, mit denen er gen Westen zog. Sicher bleibt er dort, in jenem großen, reichen Land von dem Radegast gesprochen hat. Es wird dir nichts nutzen auf ihn zu warten!

Und falls er doch jemals wieder kommt, so wird er dich nicht mehr finden, unten an der Alba, nun wo das Dorf zerstört ist. Sei vernünftig und vergiss ihn! Du musst auch an uns, an deine Familie und an deine Zukunft denken.«

Wütend lies Röskva die Mutter stehen.

IV

RÖSKVAS FLUCHT

„SEID DOCH VERNÜNFTIG, ich bitte euch Freunde!« Hartvig wandte sich flehend an die Schar der Bergbauern. »Warum sollten denn Alvin, seine Hausfrau und die Töchter weiterziehen, wo ihr doch all unseren Dorfgenossen, Runald, Gerfriede, mir und den anderen des Auendorfes, Schutz und Unterkunft zugesagt habt? Auch ihre Bleibe wurde zerstört! Sie können doch nicht allein in die Fremde ziehen, so mitten in der kalten Jahreszeit.

Habt ein Einsehen! Vier Esser mehr kommen sicher noch durch den Winter und die kleine Thurid ist ja nur eine halbe Portion! Ist es nicht auch bei euch Sitte und Brauch dem Fremden, jedem Fremden zu helfen in der Not?«

Fordernd trat er auf den Ältesten der Bergsiedlung zu.

»Schlimm ist es uns ergangen, nach dem eure Jugend uns zur ersten Rauhnacht verlassen hat. Seid glücklich, dass eure Freunde noch am Leben sind! Wir beklagen den Tod von drei Angehörigen. Mein Bruder und auch meine Schwester, die weise Egila, starben bei dem Felssturz und Alvin verlor den einzigen Sohn. Ich flehe euch an, nicht herzlos zu sein!«

Verlegen starrten die Bergbauern auf ihre Stiefelspitzen. Nicht ansehen wollten sie Hartvig, der drängend auf sie einsprach: »Waren wir nicht all die Jahre Gastfreunde und gute Nachbarn im Handel und auch zu den Feiertagen? Sind wir nicht verschwippt und verschwägert seit Generationen, seit unsere Urväter hier in die Sandsteinberge kamen?«

Doch der Älteste raufte sich nur den grauen Schopf, blickte, genau wie Grimbold und seine Dorfgenossen stur gerade aus und antwortete nicht.

Ratlos standen die Flüchtlinge aus Röskvas Dorf.

Auf Hilfe und Unterstützung hatten sie gehofft, auf ein Unterkommen und Nahrung. Als sicher hatten sie die Gastfreundschaft der am nächsten wohnenden Menschen vorausgesetzt. Trost und Zuspruch hatten sie erwartet, Hilfe für alle.

Doch nun hatten sie alle eine Bleibe gefunden, eine Bleibe als Knechte und Mägde auf fremden Höfen zwar, aber dennoch eine Bleibe. Nur Alvin und seine Familie sollten ausgeschlossen sein? Warum nur?

Schließlich traten die Bauern zu den Neuankömmlingen und halfen ihnen ihre bewegliche Habe, ihre geretteten Säcke mit dem Getreide, ihre verbliebenen Werkzeuge und die wenigen Tiere, die das Unglück überlebt hatten, zu den Hütten und Ställen zu bringen.

Schamvoll wand Nachbar Runald die Augen ab und legte die Hände schützend seinen Kindern um die Schultern. Froh war er wohl, nicht selber abgewiesen zu werden. Froh waren sie, die Freunde und Verwandten aus dem zerstörten Auendorf, aufgenommen zu sein. Doch sie grämten sich auch, dass sie nicht alle, nicht ihre ganze kleine Gemeinschaft, Schutz gefunden hatten.

Hin- und hergerissen zwischen der Angst selber während der kalten Jahreszeit ohne Heimstatt zu bleiben und der Scham eine Familie ihres Dorfes im Stich zu lassen, senkten sie die Köpfe.

Ohne ein Wort zu Alvin und den Seinen gingen sie davon und verschwanden in den Häusern der Gastgeber.

Nur Alvin, Thruhild, Röskva und die vor Kälte wimmernde Thurid blieben auf dem verschneiten Dorfplatz zurück. Nur sie, und Grimbold, der, grinsend von einem Ohr zum anderen am Rande stand und zu ihnen hinüber blickte.

Er, obwohl noch jung und seit dem Tod seines Vaters bereits Hofbauer, hatte keinem Zuflucht angeboten.

Röskvas Eltern traten zu ihm, das sich sträubende Mädchen mit sich ziehend.

»Ist es wegen des Streits zwischen dir und meinen Kindern?«, redete Alvin ihn an.

»Freilich«, entgegnete der junge Mann, »und es ist ja auch rechtens. Denn niemand will das Unglück, welches an euch klebt wie Schweinemist an den Füßen, in sein Heim holen.« Überheblich blickte er auf den Älteren herab.

»Auch steht ihr nicht gerade im Verdacht fleißige, ehrliche und zuverlässige Leute zu sein. Hat sich nicht deine Tochter damit großgetan schon gegen Trolle, Riesen und was weiß ich nicht alles gekämpft zu haben? Und dein Sohn, hat er nicht den Mund immer voll genommen, wenn es ums Erzählen toller Geschichten ging und saß doch ängstlich im Stall, als das Feuer euer Dorf bedrohte?«

»Mein Sohn ist tot!«, fuhr Alvin ihm in die Rede. »Doch bevor er starb, hat er mehr zu Wege gebracht, als sonst ein junger Mann hier weit und breit. Glaub es oder glaub es nicht! Ich wollte sehen wie du….«

»Beruhige dich! Streit und Widerworte bringen uns nicht weiter!« Thruhild nahm ihren Mann beschwichtigend beim Arm. »Vielmehr sollten wir zeigen, dass wir und unsere Töchter dennoch gute Hausgenossen sein können und nochmals flehentlich um Aufnahme bitten!«

Dann wandte sie sich dem jungen Hofbauern zu: »Du solltest wissen, dass meine Tochter flink und geschickt ist. Sieh ihr Kleid, wie fein es gearbeitet ist! Jeder sollte sich glücklich schätzen, solch eine Näherin in seinem Hause zu haben!«

Sie schob Röskva nach vorn und deutete auf die farbigen Borten ihres Gewandes.

»Auch kocht sie gut und gern und spinnt und webt, seit sie ein kleines Mädchen war. Du würdest es nicht bereuen, sie in dein Haus aufzunehmen.«

Hämisch feixend griff Grimbold nach Röskvas Umhang. »So, so, sie webt und kocht also auch, die kleine Trollbraut!«

»Fass mich nicht an!« Derb wehrte das Mädchen den Mann ab und schrie: »Und du Mutter, preis mich nicht an, als sei ich eine Kuh oder ein Schaf, das verhandelt werden soll! Hast du doch gerade ein Kind verloren und verschacherst schon das nächste!« Weinend riss sie sich los und rannte davon.

Hinter den Bäumen am Waldrand verborgen beobachtete Röskva ungläubig, wie der Vater einvernehmlich in Grimbolds Rechte einschlug. Verkrampft lächelnd stand die Mutter daneben und küsste ihrem neuen Herren demütig die Hand. Dann drückte sie Thurid schützend an sich. Grimbold klopfte Alvin gönnerhaft die Schulter und wies großspurig auf sein Haus.

Fassungslos sah das Mädchen wie ihre Familie den Dorfplatz verließ und mit Sack und Pack in einem der Höfe verschwand.

Das konnte doch nicht wahr sein! Nun waren sie ausgerechnet bei diesem unausstehlichen Kerl untergekommen! Kaum zu glauben war es, wie die Mutter sie, Röskva, vorgeführt hatte, gerade so, als wollte sie ihre Tochter anbieten!

Mit Widerwillen dachte sie an die Sonnenwendfeier zurück. Schon da hatte Grimbold ihr schöne Augen gemacht, sie in einem fort geneckt und nach ihr gegrapscht.

Schon da hatte sie ihn nicht gemocht. Schon da hatte die Mutter sie gescholten, sie solle nicht so spröde sein.

Und wie dann, am Morgen nach dem unheilvollen Besuch des Donar, Grimbold auf den Bruder losgegangen war. Wie er ihn und schließlich auch sie verspottet hatte!

Ha, Riesenbraut! Ja, und Wehrwolfliebchen hatte er sie genannt, vor allen anderen! Zum Gespött der Leute hatte er sie gemacht, dieser hasenzähnige Streithammel. Als wenn der wüsste, was ein Riese ist!

Nun also sollte sie den Winter lang mit ihm die Stube teilen. Schrecklich war das. Lieber wollte sie allein auf und davon gehen und nie mehr wiederkommen.

Weggehen sollte sie, von diesem unsäglichen Kerl aus diesem Bergbauerndorf, wo keiner sie haben wollte.

Bitter dachte sie an ihre Mutter. Unbegreiflich war es, wie diese die Tochter angepriesen hatte, als sollte sie ohne ihr Einverständnis dem Grimbold zur Frau gegeben werden. Die Hand hatte die Mutter dem widerlichen Kerl geküsst, als wenn sie einen Vertrag mit ihm geschlossen hätte.

Ungute Gedanken quälten das Mädchen. Es war ein Vertrag, den die Eltern mit dem jungen Hofbauern geschlossen hatten. Die Frage war nur, was für ein Vertrag es war. Ging es darum, dass die Familie, bis es wieder wärmer wurde, Kost und Logis gegen ehrliche Arbeit erhalten sollte?

Oder ging es gar darum, wie die Mutter schon angedeutet hatte, dass es doch sehr praktisch wäre, wenn Röskva, nun nachdem ihre Familie alles Hab und Gut verloren hatte, auf einem so wohlbestellten Hof einheiraten würde?

Frierend zog sie die Schultern hoch.

Hofbäuerin zu werden, dass war etwas, was sich viele Mädchen wünschten. Grimbold war ein Hofbauer und dazu noch jung an Jahren. Eine gute Partie war er, das würden viele sagen, denn er teilte den Hof mit keinem weiteren Bruder, dessen Erbe ausgezahlt werden musste. Auch das hatte die Mutter schon wie nebenbei erwähnt.

War es das, was die Mutter, was am Ende gar beide Eltern, planten?

Hatten sie gehofft, mit ihr als Pfand, wieder Sicherheit und Auskommen zu finden? Schließlich hatten sie wohl bemerkt, wie der junge Hofbauer sich beim Tanz um die Tochter bemühte.

War das der Grund, warum hier in den Bergen zwar Gerfriede und all die anderen Flüchtlinge gern und mit offenen Armen aufgenommen wurden und nur sie allein keinen Hof finden konnten, der bereit gewesen wäre, sie zu beherbergen?

Hatte dieser Grimbold all das so eingefädelt?

Wollte er sie demütigen, bis sie darum bitten musste, gerade bei ihm als Magd dienen zu dürfen? Und wollte er ihr, deren Abneigung ihm nicht entgangen sein dürfte, dann großmütig die Ehe anbieten?

Konnte sie dann noch ablehnen, wo doch ihre Familie so großherzig Aufnahme gefunden hatte, wo Grimbold ihnen geholfen hatte in der Not?

»Nein!« Röskva kehrte dem Dorf den Rücken zu. Keinesfalls würde sie in dieses Haus gehen, weder als Magd, noch als Braut.

Doch wohin sollte sie so allein? Zwar war sie schon ohne ihre Familie gereist, doch da war sie in Begleitung des Bruders und Kunos gewesen, fast die ganze Zeit.

Mit schmerzendem Herzen dachte sie an Thjalfi. Er wüsste was zu tun sei.

Und Kuno? Warum musste er auch auf Handelsfahrt gehen? Sie war sicher, wäre er noch bei ihnen, die Mutter hätte es nicht gewagt, dem Grimbold so nach dem Maule zu reden.

Unschlüssig lief sie den Pfad, den der Treck der Auendorfbauern gekommen war, zurück. Schon senkte sich der Abend über das Land. Eisig wehte der Nordwind und der wirbelnde Schnee stach sie ins Gesicht. Zu wem könnte sie gehen, an wen sich um Hilfe wenden, um nicht zu erfrieren oder zu verhungern?

»Röskva!«, klang es vom Dorf her.

Der Vater rief nach ihr: »Röskva, wo bist du? Komm her Tochter, komm ans Feuer und wärme dich!«

Ein Feuer, ja, wie schön wäre es nun, nach der langen verzweifelten Flucht, sich zu wärmen. Doch dieses Feuer, mit dem der Vater lockte, brannte in Grimbolds Haus.

»Röskva!« Wieder ertönte des Vaters Stimme: »Mädel, sei nicht dumm, komm her, du erkältest dich noch! Komm, die Mutter kocht eine Suppe für uns. Röskva, wo bist du?«

Zaudern drehte das Mädchen sich um. Eine Suppe? Plötzlich spürte sie, wie hungrig sie war. Seit dem Morgen hatte sie nichts mehr gegessen. Doch auch die Suppe die sie so sehr begehrte, war Grimbolds Suppe und die Schüssel aus der sie essen würde, war Grimbolds Schüssel.

»Röskva, so komm doch, der Grimbold ist uns nun gut gesonnen.«

Des Vaters Stimme kam näher. »Ach, hier bist du!«, rief er froh und fügte hinzu: »Er ist nicht mehr böse auf dich. Ich habe um Verzeihung gebeten und er hat dir verziehen!«

Der Grimbold? Oh nein! Lieber wollte sie frieren und hungern. Des Grimbolds Suppe und Feuer konnten ihr gestohlen bleiben! Röskva begann zu laufen.

»So warte doch!«, rief der Vater.

Doch das Mädchen rannte, rannte den Pfad bis zum Waldrand und dann mitten hinein in die Dunkelheit des Waldes, rannte und rannte, bis sie die Stimme des Vaters nicht mehr hörte und der Mond zwischen den Sturmwolken aufgegangen war.

Wie ein Eisklumpen fühlte sie sich, kaum spürte sie noch Hände und Füße als es endlich graute. Am ganzen Körper zitternd hatte sie eine unruhige Nacht verbracht. Steif schlug sie die Arme um den Körper und hüpfte und sprang, um sich zu erwärmen.

Mit knurrendem Magen trat sie wenig später aus dem Wald und sah unten im Tal den Fluss. Dort, wo die großen Gesteinsbrocken lagen, war ihre Heimat gewesen, bis gestern. Dort, verschüttet und zerschlagen, standen die Reste ihrer Häuser und dort, zerquetscht unter dem mächtigsten Felsen, den Donar aus Rache hatte herabstürzen lassen, lag Thjalfi.

Nicht einmal ein Grab hatten sie ihm gegeben. Keiner würde je diesen riesigen Stein von seinem Körper heben können. Noch nicht einmal getrauert hatten die Eltern, so entsetzlich war das Unheil über sie alle gekommen. Röskva schluchzte. Schrecklich war es, dass es so ein Ende genommen hatte mit dem Bruder.

Schnell lief sie den Weg hinab, kletterte über die verwehten Zäune der Weiden und stand endlich mitten zwischen den Brettern und Balken der zerstörten Häuser.

Da lagen noch immer, halb verdeckt von Schnee und Eis, die zertrümmerten Töpfe, in denen sie gekocht hatte und dort entdeckte sie, zertreten im eiligen Aufbruch Thurids Puppe. Die Mutter hatte sie genäht, im vorigen Frühjahr, als sie so glücklich von ihrer Reise zurück gekehrt waren.

Gedankenverloren nahm sie das Spielzeug in den Arm, strich das rote, wollige Haar aus dem niedlichen Gesichtchen. Kuno, so hatte die kleine Schwester das Püppchen genannt. Kuno, nach dem lieben, dem lustigen und mutigen, großen Freund.

Traurig sah sich Röskva um. Das was hier noch übrig war, war einmal ihr zu Hause gewesen. Da das Bett, in dem die Familie geschlafen, dort der Amboss, auf dem der Vater die Messer und Heugabeln der Bauern geschmiedet hatte. Alles war zerbrochen und nutzlos nun.

Unter einem herabgestürzten Balken sah sie etwas blinken. Röskva schob den Schnee zur Seite und erschrak.

Verschmutzt und krumm lag da Thjalfis Schwert, das Schwert 'Neiding', welches der Bruder einst von den Dunklen Alfen bekommen hatte.

Schnell setzte sie die Puppe zur Seite und zog an der Klinge.Viel genutzt hatte sie dem Bruder nicht mehr, denn gegen die Wut des Donnergottes konnte wohl keine Waffe schützen. Nun war sie verbeult und verbogen, nicht zu gebrauchen selbst zum Schneiden eines Apfels mehr.

Dennoch, sie hatte dem Bruder gehört. 'Ich werde sie neben den Stein in den Boden stecken', dachte das Mädchen, 'als ob das steinerne Grab ein Grabhügel wäre, in dem ein Held ruht.'

Röskva wusste, dass es einst, vor langer Zeit, Brauch gewesen war, über toten Helden einen Hügel aus mächtigen Steinen zu errichten. Wie wundersame Gemäuer aus längst vergangenen Sommern standen noch immer hier und da solche gewaltigen Steingräber an besonderen Orten, so hatte Egila gesprochen. Keiner wusste, wie die Ahnen dereinst die schweren Steine aufgerichtet hatten und doch erzählten diese Denkmale noch immer wortlos die Geschichten vergangener Schicksale und Kämpfe.

Wertvolle Waffen und auch Schmuck und Gold hatten die Menschen damals ihren Toten mit auf die Reise zu den Göttern gegeben und mancher Gierige hatte in den Steingräbern danach gegraben und mit dem Gefundenen sein Glück gemacht. Zumindest hatte es so die Heilerin berichtet.

Hier in ihrem Dorf hatte es freilich keine Helden und daher auch keine Grabhügel gegeben. Den toten Bauern und Fischern hatte die weise Frau dennoch immer einige ihre Waffen oder Werkzeuge mit in die Erde gelegt.

Entschlossen ging Röskva zu der Stelle, an der noch vor wenigen Tagen der Getreidespeicher gestanden hatte und an der nun das Grab ihres Bruders war.

'Hier brauchte es keine zauberhaften Kräfte, um den Stein aufzurichten',dachte sie bitter. Doch es tröstete sie ein wenig, dass der Bruder nun in fast solch einem Grab wie die Helden der Vorzeit ruhte.

Als das Mädchen eine geeignete Stelle gefunden hatte, schob sie das Schwert unter den Stein, so weit, dass es nicht mehr gesehen werden konnte.

»Es ist deines, Thjalfi Alvinsohn!«, sagte sie ernst. »Nimm es und trag es in Walhalla. Vielleicht wirst du bei den Helden sitzen mit solch einer Waffe, denn auch du warst tapfer und klug, so wie es die Helden sind!«

Und dann flüsterte sie: »Vielleicht kannst du die Geiß heilen, dort in Asgard. Dann wird Donar dir nicht mehr gram sein.«

Sie überlegte, ob sie Thjalfi noch Thurids Puppe mit auf seine letzte Reise geben sollte. Nachdenklich hielt sie das Spielzeug im Arm.

Doch nein, die Puppe wollte sie mit sich nehmen. Als Andenken an Thurid und Kuno, dessen Namen sie trug.

Ob sie den Freund jemals wieder sehen würde? Wo sollte er sie suchen, wenn er zurück käme? Wo sollte sie ihn suchen?

Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und mit einem letzten Blick auf ihre zerstörte Heimat lief sie zum Fluss.

Nach Westen wollte sie gehen, so hatte sie beschlossen und die Alba mit einem morschen Holzkahn, den sie am Ufer fand, überquert. Ein Gefühl war es gewesen, eine unbestimmte Hoffnung, davon getragen, dass auch Kuno, Radegast und die Ostleute gen Westen zu ihrer Handelsreise aufgebrochen waren. Von Westen würde also die Karawane mit Kuno zurückkehren, wenn er je zurück käme.

Dann würde er sie und Thjalfi an der Alba suchen, soviel war gewiss.

Doch das Auendorf war nicht mehr, und auch der Bruder nicht.

Sie musste Kuno entgegen gehen, wollte sie ihn wieder sehen, eine andere Möglichkeit gab es nicht.

V

KUNOS HANDELSGENOSSEN

ZUFRIEDEN FÜHRTE RADEGAST sein Saumtier am Halfter. Diesmal war es wirklich eine erfolgreiche Handelsfahrt gewesen. Weit nach Südwest waren sie vorgedrungen, hatten fremde Dörfer und Siedlungen und schließlich auch größere Städte aufgesucht und mit Erfolg und Gewinn ihre Waren an den Mann gebracht.

Glück hatten sie gehabt, dass in den Landen, die sie bereisten, Frieden herrschte. Gastfreundlich waren sie aufgenommen worden und so konnten sie in Ruhe ihrem Geschäft nachgehen. Wertvolle gelbe Luchspelze und schön gegerbte Häute vom Rotwild hatten sie feil geboten, ebenso wie die fein geklöppelten Spitzen, welche die Frauen seines Gefolges anzufertigen wussten und leckeres Salz. Nun klimperten die Münzen fröhlich in seinem Beutel.

Natürlich, noch waren sie nicht wieder zu Hause. Erst wenn sie den gewaltigen Strom Rhon und später, weiter im Osten, die Alba überquert hatten, waren sie sicher, denn Raubgesindel und herumstreunende Bösewichte gab es überall in den Grenzlanden.

Beruhigt sah sich Radegast nach den Seinen um. Aufrecht, mit Schwert und Schild gerüstet, folgten ihm sein Sohn und Kuno, dessen treuer Freund.

Starke Burschen hatte er bei sich und so konnte er hoffen, zu Beginn des kommenden Sommers die heimischen Gefilde wiederzusehen. Bis dahin würden freilich noch viele Monde vergehen, denn noch waren die Bäume kahl.

Einige Schritte vor ihm rappelte sich ein Mann auf. Gelegen und geschlafen hatte dieser wohl am Rande des Weges.

»Halt!« Misstrauisch blieb Radegast stehen und mit ihm stockte der ganze Tross, die Maulesel, die Ochsen und das schaukelnde Gespann standen still. Seine Hausfrau und auch Ludgart, Kunos Mutter, schauten neugierig zwischen den Planen ihres Wagens hervor, um zu sehen, warum es nicht weiter ging.

Der fremde Mann trat ihnen nun in den Weg und verbeugte sich linkisch auf höfische Art.

Radegast hörte vom Bock des Wagens her Lövins helles Mädchenlachen.

Wie wunderlich der Fremde aber auch aussah! Ein aufgetakelter Schönling war er, mit einem verschlagenen Feixen im Gesicht. Und fremdartige Kleider trug er, wie sie auch Radegast noch nicht gesehen hatte.

In grellfarbige Beinlinge hatte er sich gewandet, als sei er ein wandernder Spielmann. Ganz ohne Waffen ging er und trug dennoch einen eisernen, hohen Helm, an dessen Spitze ein räudiger Wolfsschwanz baumelte. Darunter schauten zwei ölige schwarze Zöpfe hervor, dicht umwickelt mit dem streifigen Fell eines Dachses. Gegen die Kälte hatte der Mann sich in einen bunt geflickten Umhang gehüllt und an den Füßen trug er gebundene Schuhe, als sei er ein Bauer.

Ohne Sack und Pack stand er da und grinste Radegast gewinnend an.

»Wohl gegrüßt sollt ihr sein!«, sprach dieser Geselle ihn jetzt an und verbeugte sich erneut bis tief zum Boden.

Die Burschen traten nun an Radegasts Seite und spähten in die Büsche links und rechts des Weges. War der Fremde allein? Oder drohte ein Überfall?

Radegast erwiderte seinen Gruß: »Auch du sollst gegrüßt sein! Radegast werde ich genannt und weit aus dem Osten kommen wir, daher, wohin uns nun, wenn uns die Götter gut gesinnt sind, unsere Reise wieder führen wird.«

»Ach wie gut!« Der Mann lachte kehlig. »Nach dem Osten wandert ihr! Da kommt ihr mir gerade recht!« Froh trat er näher und ergriff Radegasts Hand. »Luc ist mein Name und gerade in den Osten will ich fahren. Doch wagte ich nicht allein weiter zu gehen, denn gleich hier, hinter diesem Bach, dort wo ihr die Erlen seht, beginnt das Reich des Eurekan. Und da, so wisst ihr sicher, herrscht Unfrieden und Streit, seit der alte König starb und seine Söhne sich nicht einigen können.«

Er küsste dem erstaunten Handelsmann die Hand und fuhr fort: »So erlaubt, dass ich mich euch anschließe. Eure Karawane scheint mir gut gerüstet zu sein und ausreichend Schutz zu bieten!« Er lächelte breit zu den beiden jungen Männern hin und entblößte große, gelbe Zähne.

Dann reckte er den Hals und als er Lövin auf dem Wagen erspähte, zwinkerte er verschmitzt. »Und für frohe Unterhaltung ist bei euch wohl auch gesorgt. Da wird einem die Reise nicht lang!«

»Bist du allein?«, fragte Kuno nun.

Der Fremde, der sich Luc nannte, hob die Arme zum Himmel und drehte sich kichernd einmal um sich selbst: »Allein wie ein Wolf im Wald, so bin ich. Keine Angst junger Mann, hab kein Schwert und kein Schild, keine Axt und auch keinen Dolch, nur einen Wanderstab und meine Flöten und Tröten.

Nichts Böses kann ich tun, doch kann ich euch und den holden Frauen so manches Ständchen singen, abends, wenn das Feuer uns wärmt oder auch, falls ihr es wünscht, wenn der Weg allzu lang wird!«

Nun musste auch Radegast lachen. Ein Spielmann, das hatte er sich gleich gedacht, ein Sänger und ein Schalk. Solch eine Begleitung war nicht zu verachten. Mochte dieser Luc auch nichts nutzen, wenn feindliche Kriegsmänner oder Räuber sie bedrängten, so konnte er dennoch in den wenigen Mußestunden zur Belustigung der Reisenden beitragen.

»Gern nehmen wir dich in unsere Gemeinschaft auf!«, sagte er schlicht und reichte dem Fremden die Hand. Dieser schlug kichernd ein. »Auf nach Osten!«, rief er jauchzend. Dann kniff er die Augen zusammen und keckerte: »Und vorwärts ohne Zagen in Eurekans Reich. Nun kann mir nichts mehr geschehen!«

Mit komischen Hüpfern tänzelte er um den Treck herum. Mit einem Satz sprang er auf den Wagen zu und kletterte zu Lövin auf den Bock. »Gib mir die Zügel schönes Kind!«, säuselte er. »Wenn ich nicht laufen muss, so führe ich gern einen Ochsen an der Nase herum.« Er schüttelte sich vor Lachen.

Missmutig schielte Kuno zu seiner Schwester, die glucksend vor Vergnügen dem Fremden die Zugtiere überließ. Zwar gebot es die Sitte, einen Hilfesuchenden aufzunehmen, doch wohler wäre ihm, wenn dieser Luc nicht zu ihrer Karawane gehörte. Zu augenfällig buhlte er um die Gunst der Schwester. ´Ich werde ihn nicht aus den Augen lassen', beschloss er.

Hatten sie gegen Mittag den Bach an einer seichten Furt überquert, so war es nun Abend und noch immer waren sie auf kein Dorf, nicht einmal auf einen bewohnten Hof gestoßen, in dem sie um Gastfreiheit für die Nacht hätten bitten können.

Öde und verwüstet lag das Land des Eurekan, nur in der Ferne hatten sie einige zerstörte Gemäuer gesehen, aus denen noch immer Rauch aufstieg.

Am Wegrand bemerkten sie aufgewühlten Boden und einmal hatten sie in den kahlen Büschen einen Krieger gesehen, der wie ein Bündel alter Kleider in den Ästen hing.

Radegast und Luc hatten den Mann angeschaut, doch diesem war nicht mehr zu helfen. Das Wappen aber, welches er auf seinem zerbrochenen Schild trug, kannten sie nicht, und so wussten sie nicht, ob er ein Mann des Königs gewesen war.

Eines aber wurde ihnen klar; vor nicht all zu langer Zeit hatte hier ein Kampf stattgefunden.

Wie ausgestorben wirkte das Land, nur die Krähen stolzierten über die brachen Äcker und krächzten heiser durch den Nebel, der wie ein Leichentuch über den Feldern und Wiesen lag.

Radegast trieb die Karawane vorwärts. Nicht klug erschien es ihm, hier, am Rande dieses Schlachtfeldes zu lagern. Weiter wollte er, bis sie auf Menschen trafen, die ihnen Auskunft geben und Schutz bieten konnten. Und so wurde kein Feuer entfacht und auch kein Abendbrot gekocht.

Lövin schwang die Gerte, um die Ochsen anzutreiben und Luc riss die Tiere am Nasenring, auf das sie laufen sollten, so schnell sie konnten. Dabei hopste er und gackerte wie ein Huhn, um das Mädchen zu erheitern.

Kuno umkreiste ihre kleine Gemeinschaft, die Hand am Schwertknauf und spähte wachsam in die Düsternis.

Als das letzte Tageslicht am Horizont verblasste, steckte Radegasts Frau Fackeln an und Ludgart entzündete eine Sturmlaterne, die unter der Plane des Wagens schaukelte.

Nun waren sie an einem kleinen Wäldchen angelangt, durch das der Pfad führte. Radegasts Maultier scheute vor der Dunkelheit und tänzelte nervös. Der Mann zog es ungeduldig vorwärts.

Nach wenigen Schritten aber blieb auch er stehen und lauschte. Knackte da nicht etwas im Gebüsch?

Gerade wollte er die Fackel heben, um besser zu sehen, als ihm der Kienspan aus der Hand geschlagen wurde. Ein Kerl, groß wie ein Hüne, stürzte sich auf ihn und stieß ihn zu Boden. Wild schreiend drangen weitere Männer aus dem Dickicht hervor und warfen sich auf Kuno und seine Gefährten.

Nun begann ein unerbittlicher Kampf.

Radesgasts Sohn focht neben Kuno, der mit seinem Schwert, welches er einst von der klugen Alfhild bekommen hatte, um sich schlug. Kaum dass sie nur die Schatten der Angreifer erkennen konnten, erschienen es ihnen doch viele zu sein, die da zwischen Bäumen und Gesträuch anrückten.

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