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Nordseefluch

Über den Autor

Theodor J. Reisdorf, geboren 1935 in Neuss, reiste quer durch Europa und Nordafrika, arbeitete in vielen Berufen, machte in Wilhelmshaven das Abitur und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg, Köln und Mannheim. Nach dem Abschluss zum Dipl.-Handelslehrer folgte die zweite Staatsprüfung in Bielefeld mit anschließender Lehrtätigkeit in Aachen, Norden und Emden. 1997 wurde er als Oberstudienrat pensioniert. Er wohnt in Ostfriesland und schreibt als Meister des Friesenkrimis spannende Romane über Land, Leute und Leichen. Seine Geschichten sind ein mörderisches Muss für alle Nordsee-Fans.

1

Mein Vetter Hannes aus Grevenbroich hatte sich im besten und teuersten Hotel der Insel Juist einquartiert und uns zu einem kostenlosen Wochenendbesuch eingeladen. Meiner Frau war der Besuch nicht nach der Nase. Sie befürchtete, mein trinkfester Vetter würde mich mit Beschlag belegen, während sie mit unseren Söhnen in einem kahlen Hotelzimmer sitzen würde.

Als wir am Schiffsanleger die voll besetzte »Frisia X« verließen und uns – nur mit kleinem Gepäck belastet – in Richtung Dorf begaben, umfing uns der Charme der Insel. Der blaue Himmel zeigte keine Wolke und der leichte Seewind half, die Hitze zu ertragen. Wir gingen über die Bahnhofstraße und bogen in die Wilhelmstraße ein. Ich wusste, dass wir eine Abkürzung finden konnten, wenn wir ein Stück der Marktstraße folgen würden.

Überrascht blieb ich stehen. Manfred Kuhnert, ein Schüler, der mir mit seinen vielen Fehlstunden Sorgen und Ärger bereitet hatte, bevor er von der Schule abgegangen war, bediente im weißen Kittel unter einem Baldachin eine Softeismaschine. Seine gebräunte Hand lag auf dem Hebel und gelbes und braunes Eis floss in ein Hörnchen. Ich beobachtete, wie er es einem halbwüchsigen hübschen blonden Mädchen mit einem Pferdeschwanz reichte und zu ihm sagte: »Hier, nimm.« Ich sah, dass das Mädchen nach seiner kleinen weißen Plüschhandtasche griff, doch Manfred schüttelte den Kopf und sagte: »Ich schenke es dir.«

Das Mädchen, das eine gelbe Latzhose und ein marineblaues T-Shirt trug, lächelte und nickte dankend. Dann stopfte es sich mit der Linken die kleinen Kopfhörer ihres MP3-Players in die Ohren und ging davon.

Im Sonnenlicht leuchtete der winzige Ring in Manfreds Ohr auf. Es war ein Minianker, den er nach alter Seemannsmanier trug. Sein Gesicht zeigte bereits eine gute Bräune. Ich trat zu ihm.

»Hallo, Manfred, wie geht es dir?«, fragte ich ihn und hatte den Schulärger vergessen.

Manfred war elternlos in Hage im St. Nikolausstift aufgewachsen.

»Hallo, Herr Färber. Wie Sie sehen, kann ich nicht klagen. Oberschwester Ursula hat mir den Job und auch eine Bude besorgt.«

»Zwei Eis für meine Söhne«, sagte ich und wies auf meine Familie, die vor dem Schaufenster des See-Shops wartete.

Ich bezahlte und roch den starken Alkoholdunst seines Atems.

Er reichte mir die Hörnchen und sagte: »Tschüss.«

Als wir uns dem Strandschlösschen näherten, fragte meine Frau: »Wer war der Junge?«

»Ein ehemaliger Schüler«, sagte ich. »Er hat das Rennen aufgegeben. Er wollte die Welt verbessern. Nun verkauft er Eis.«

Ich freute mich auf den Anblick des Meeres, der uns in wenigen Minuten bevorstand.

Niemand von uns konnte ahnen, welche schicksalhaften Folgen die Begegnung mit Manfred Kuhnert nach sich ziehen würde. Im Gegenteil, der Blick von der Strandpromenade auf das blaue Meer, vor dem sich der Sandstrand hinzog, erfüllte uns mit Freude. Bunte Strandkörbe saßen wie Farbtupfer im zerfließenden Gelb und die Wellen liefen schaumig in Weiß aus. Strandhafer neigte sich im lauen Wind, der über die Dünen strich.

»Wenn die Sonne scheint, ist Juist schöner als Mallorca«, sagte meine Frau.

Unsere Söhne liefen voller Vorfreude dem Hotel entgegen. Im Strandschlösschen händigte uns ein Angestellter an der Rezeption die Schlüssel aus und schob uns einen Brief zu.

Mein Vetter Hannes teilte uns mit, dass die Zimmer bezahlt waren und wir uns um neunzehn Uhr im Restaurant des Hotels treffen würden. Wir suchten die Zimmer auf und machten uns ein wenig frisch.

Meine Söhne, meine Frau und ich setzten uns an den feierlich gedeckten Tisch, den uns der Ober anwies. Um uns herum befanden sich Gäste, denen wir ansahen, dass sie zu der gehobenen Schicht zählten, die sich mehr leisten konnte.

Mein Vetter Hannes, ein schwergewichtiger, gemütlicher und gutmütiger Typ, erschien. Er lachte verschmitzt, zeigte auf die Schönheit, die sich lächelnd neben ihn setzte und uns heimlich musterte.

Hannes sagte laut: »Evi ist ab heute meine Verlobte!«

Die Überraschung war perfekt. Hannes hatte keine Lust verspürt, das Verlobungsfest zu Hause bei seiner ständig nörgelnden Mutter zu feiern, und wir begriffen, dass er es als eine Ehre für uns betrachtete, mit ihm das Fest feiern zu dürfen. Wir gratulierten und versprachen, ein Geschenk nachzureichen.

Der Tisch stand so, dass wir alle durch das Fenster aufs Meer schauen konnten. Im abgeschrägten Winkel blickten wir von oben herab auf die schaumgekrönten Wellen, die sich donnernd auf den Strand ergossen.

Meine Frau lehnte Sekt ab, wünschte sich Sprudel wie die Söhne, und ich bestellte mir Kaffee. Mein Vetter, der darauf achtete, dass das Futter seiner Reit- und Rennpferde an Kalorientabellen gemessen wurde, bestellte sich einen halben Liter Bier und für seine schöne Braut Wein und blickte mich missmutig an, als er »Prost« sagte.

»Die Alte zu Hause weiß noch nichts«, sagte er und küsste seine hübsche Braut Evi.

Kellnerinnen und Kellner fuhren auf. Es war ein herrliches Essen, das fern meines Gehaltsgefüges lag.

Irgendwie störte mich die ungewohnte Umgebung und die Selbstverständlichkeit, mit der Vetter Hannes und Braut Evi die Speisen genossen.

Am Horizont tauchte die tiefrote Sonne ins Meer. »Gleich müssen wir noch einen trinken«, sagte mein Vetter, während er genussvoll schmatzte.

Ich sah den heimlichen Blick meiner Frau, den sie auf eine antike Uhr des Nobelrestaurants richtete und dabei ihr Essbesteck ablegte. Sie wäre lieber mit mir über die Dünen gewandert, dachte ich, den Blick auf das Meer gerichtet, um zu genießen, was den Kopf klar hielt.

Ich bemerkte irritiert die Unruhe, die die Bedienung ergriff. Kellner und Serviererinnen fanden sich am Tresen zusammen, tuschelten und vergaßen ihre Bestellungen. Ein Ober warf in Hast seine schwarze Bedienungsjacke über einen Stuhl und verließ das Restaurant. Vom Nachbartisch erhob sich ein Gast, eilte zum Tresen und verschwand ebenfalls eilig nach draußen.

»Da ist etwas passiert«, sagte ich.

Die Sirene, die, wie ich wusste, auf dem Dach der Kirche angebracht war, rief zum Feueralarm. Mein Vetter, zu Hause spendabler Feuerwehrmann, horchte auf.

»Das geht mich zwar nichts an, aber ich möchte wissen, was hier los ist«, sagte er und stand auf.

Die Hiobsbotschaft erreichte uns. Eine wohlhabende Familie aus Oldenburg, die hier im Haus eine der teuersten Wohnungen gemietet hatte, vermisste ihre Tochter Marion. Sie war zwölf Jahre alt und nicht wie gewohnt nach Hause gekommen.

Der Geschäftsführer stand sprachlos vor den Gästen.

»Entführung?«, fragte eine ältere Dame.

Die Insel Juist, Idylle, Kleinod, Bastion gegen Stress, verspürte zum ersten Mal seit ihrem Bestehen als Kurort den Bazillus des Verbrechens.

Vor dem Tresen wurde laut diskutiert.

Das romantische Bild der rot untergehenden Sonne vor den schäumend auslaufenden Wellen und stürzenden und segelnden Möwen fand keine Betrachter mehr. Die Nachricht hatte die Wirkung einer Bombenexplosion. Auch wir waren besorgt, schoben die Teller zusammen und hofften auf eine glückliche Lösung, wie auch immer.

»Bei euch hier oben?«, fragte mein Vetter vorwurfsvoll, und seine Braut meinte: »Das passt nicht in den Frieden dieser Landschaft.«

Ich schaute auf die Uhr. Es war kurz vor zwanzig Uhr.

Der Geschäftsführer betrat das Restaurant, schlich mit hochrotem Kopf und gefalteten Händen über die echten Perserteppiche und gab sich einen Ruck, als er die Mitte des Raumes erreicht hatte.

»Bis jetzt suchen die Eltern mit ihren Bekannten erfolglos nach dem vermissten Mädchen. Soeben haben sich die freiwillige Feuerwehr und das DRK mit technischem Gerät eingeschaltet. Die Polizei bemüht sich um Verstärkung vom Festland. Das ist der Stand der Dinge.«

Die so überraschend inszenierte Verlobungsfeier erstarb in den trüben Gedanken, die uns befielen. Mein Vetter bestellte Getränke, die wir zwischen ernsten Gesprächen zu uns nahmen. Schließlich erhielt der Geschäftsführer neue Informationen. Als er in unserer Nähe stand, fragte mein Vetter: »Wie stark ist Ihre Feuerwehr?«

»Zurzeit sind es etwa zwanzig Mann, die nach dem Mädchen suchen, aber sie haben Großalarm gegeben. Jetzt werden weitere zwanzig Mann zu ihnen stoßen. Wir erwarten Polizeiverstärkung vom Festland. Sie wird eingeflogen«, antwortete der Mann, der unter dem Geschehen sehr zu leiden schien, denn schließlich besuchte die Familie seit Jahren an sonnigen Wochenenden das Nobelhaus.

Die frisch verlobte Evi räusperte sich. »Vielleicht können wir uns an der Suche beteiligen?«, fragte sie und blickte uns an.

Der Geschäftsführer nickte.

»Der Bürgermeister möchte die Insel von Wasserkante zu Wasserkante durchkämmen lassen. Dazu benötigt er viele Leute.«

»Das Essen und die Getränke setzen Sie bitte auf meine Rechnung«, sagte mein Vetter.

»Ich bleibe mit den Kindern auf den Zimmern«, sagte meine Frau.

Als wir das Restaurant verließen, ging die Sonne unter. Viele Menschen, Einheimische und Fremde, strömten zusammen. Ein Lautsprecherwagen fuhr über die sonst autofreien Straßen.

»Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Kurgäste. Vermisst wird Marion. Sie ist zwölf Jahre alt. Sie trägt ihr langes blondes Haar zurückgekämmt zu einem Pferdeschwanz. Sie ist etwa ein Meter vierzig groß und mit einer gelben Latzhose und einem marineblauen T-Shirt bekleidet. Marion ist sehr kontaktfreudig und auffallend hübsch. Beteiligen Sie sich bitte an unserer Suche!«

Juist stand Kopf. Der Bürgermeister teilte die Suchtrupps auf. In zwei Gruppen sollten sie den Weg vom Kirchplatz einmal in Richtung Hammersee nehmen und die zweite Gruppe die Dünen bis zum Kalfamer durchforsten.

Ein Hubschrauber überflog bereits die Insel. Die Ortsgruppen der Feuerwehr und des DRK befanden sich an den Stränden.

Erneut drang die Stimme aus dem Lautsprecher.

»Marion ist etwa ein Meter vierzig groß, hat hellblondes Haar, das sie zum Pferdeschwanz trägt. Sie ist bekleidet mit einer gelben Latzhose und einem marineblauen T-Shirt. Marion ist auffallend hübsch.«

Als hätte mich ein Blitz getroffen, blieb ich stehen. Ich hielt meinen Vetter am Arm fest, der sich mit seiner hübschen Braut trotz unpassender Kleidung den Suchtrupps anschließen wollte.

»Hannes!«, stöhnte ich.

Seine Braut kam zu mir.

»Ist Ihnen schlecht?«, fragte sie und versuchte mich zu stützen.

»Nein«, gab ich mit trockenen Lippen von mir und duzte unbewusst die Braut meines Vetters: »Evi, das Mädchen! Ich kenne es!«

Mein Vetter drehte sich um. Er war einen Kopf größer als ich. Seine breiten Schultern und sein vorstehender Bauch füllten den feinen Schneideranzug aus. Ungläubig schaute er mich an.

»Jupp, du spinnst! Was ist mit dir los? Du bist ja quittegelb im Gesicht!«

Warum muss er immer in seinem schrecklichen rheinischen Tonfall mit mir reden, dachte ich, und erneut fiel mir das Mädchen ein, das vor dem Softeisstand des See-Shops von Manfred Kuhnert ein mit Vanille- und Schokoladeneis gefülltes Hörnchen bekommen hatte, ohne bezahlt zu haben.

»Manfred Kuhnert!«, rief ich.

Bei meinem Vetter und seiner Braut hinterließ die Nennung des Namens wachsende Verwirrung. An ihren fragenden Gesichtern vorbei blickte ich auf den Kirchplatz. Er leerte sich. Die Menschen trugen bereits Pechfackeln und Leuchten. Es war mir peinlich, mit meinen Verwandten hier unschlüssig herumzustehen.

Ihre lobenswerte Absicht, sich am Tag ihrer Verlobungsfeier in Festbekleidung durch unwegsames Inselgelände an der Suche nach einem vermissten Mädchen zu beteiligen, wollte ich nicht verhindern. Im Gegenteil! Als Vater von zwei unmündigen Söhnen konnte ich mir die verzweifelten Eltern vorstellen. Aber immer wieder tauchte das Bild des Mädchens vor mir auf, das von Manfred Kuhnert das Eis in Empfang genommen hatte.

»Einen Moment«, sagte ich. »Die Kleidung! Der blonde Pferdeschwanz! Das kommt hin!«

Mein Vetter schaute mich an.

»Jupp, was hast du denn?«

»Wenn Manfred dem Mädchen schon vorher Eis geschenkt haben sollte …« Ich brach ab und zweifelte an meiner Fantasie.

»Was bedrückt dich, Jupp?«, fragte Evi und legte den Arm um meine Schultern.

»Ein kurzes Erlebnis und eine durch Studium und Beruf verkorkste Fantasie«, antwortete ich und erzählte beiden von Manfred Kuhnert.

»Gut, Jupp, führ uns zu diesem Supermarkt. Vielleicht finden wir dort eine Spur«, sagte mein Vetter, »denn ob wir nun über die Insel rennen oder nicht, das ändert nichts an dem traurigen Abend.«

Wir schritten über die Marktstraße. Mein Vetter und ich hakten Evi ein. Der Wind strich kühl von der See her in die Straße. Die Neonreklamen warfen ihr kaltes Licht. Der Ortskern von Juist war tot.

»Kein Schwein würde es merken, wenn wir uns jetzt die Bank vornehmen würden«, flachste mein Vetter, als wir an den großen grünen Werbebuchstaben des Bankinstituts vorbeigingen.

Unsere Schritte hallten in den Wind. In der Buchhandlung lagen unter Neonstrahlern die Bücher, als warteten sie mit ihren Geschichten auf unsichtbare Geisterleser. Das ferne Geknatter eines Hubschraubers klang abnehmend zu uns herüber.

»See-Shop«, las mein Vetter. Wir standen auf der Stelle vor dem Schaufenster.

»Hier war es«, sagte ich und blickte mich um. Ich war so in meine Gedanken vertieft, dass ich verwundert um mich blickte, als ich begriff, dass der Eisautomat und Manfred Kuhnert nicht vor der Tür standen.

Mein Vetter schritt unschlüssig vor der Fassade auf und ab, verschwand dann in einer Gasse, die nur schmal war und hinter das Gebäude führte.

Evi stand neben mir. Ihr kam unser Ausflug seltsam und sinnlos vor. Vielleicht hielt sie mich für einen Spinner.

Ein plötzlicher Lärm, als fielen Flaschen auf den Boden, ließ uns erstarren.

»Hannes!«, rief Evi entsetzt und verschwand ebenfalls in der schmalen Gasse, die auf den Hof des See-Shops führte.

Ich folgte ihr.

Mein Vetter hatte unvorsichtig den Platz für das Leergut betreten und sich, weil er sein Wasser abschlagen wollte, hinter die Kastenstapel gestellt. Sein Schrei, urig und tief, traf mich wie ein elektrischer Schlag. Ich rannte nun auch los und sah Evi, die sich an den schwankenden Bierkästen festhielt und sich erbrach.

Hannes stand wie versteinert zwischen Leergutkästen, starrte mich an und wies sprachlos mit der linken Hand nach unten.

Ich sah den mageren nackten Mädchenkörper, der ausgestreckt in der Gasse der gestapelten Flaschenkästen lag, obwohl nur graues Licht in den Abstellplatz fiel.

2

Ich war so geschockt, dass ich »Manfred!«, schrie und in meinen Tonfall bereits eine Mordanklage legte. Doch plötzlich überfiel mich eine sachliche Ruhe. Ich stützte Evi. Ihr Gesicht war blass. Ihr blumig buntes Sommerkleid passte nicht zu ihren Tränen.

Mein Vetter kniete am Boden. Ich hörte ihn schluchzen und vermutete, dass er weinte.

Das Mädchen lag wie eine weggeworfene Puppe mit ausgestreckten Gliedern auf dem Boden. Im matten Licht schimmerte ihr goldenes Haar. Als schliefe sie, dachte ich, und mit meiner Stimme durchbrach ich die Stille des Schocks, als ich laut sagte: »Manfred Kuhnert!«

Ich rannte los. Die Marktstraße lag leer vor mir. Meine Schritte drangen dröhnend und hämmernd in meinen Ohren. Sie trieben mich an, als gehörten sie einem Verfolger. Alle sind auf der Suche, fiel mir ein, als ich das weiße Emailleschild entdeckte, das seitlich an einer Klinkerwand zu wippen schien. Ich atmete schwer, blieb stehen und blickte mich um. Ich machte Hannes und Evi aus, die unter dem gespenstischen Licht der Neonleuchte des See-Shops in einigen Hundert Metern Entfernung wie Puppen standen.

Dr. Ebbo Schoolmann, Arzt für Allgemeinmedizin, entzifferte ich, hastete an die Tür und drückte die Klingel.

Ich spürte das Zittern meiner Beine. Mein Atem ging schnell. Die Außenleuchte umgab mich plötzlich mit gelbem Licht. Die Tür wurde geöffnet. Ich fuhr erschrocken zurück.

Vor mir stand ein vielleicht zehn Jahre altes blondes Mädchen mit Pferdeschwanz. Ein leichtes Misstrauen lag in seinem Blick.

Sie kann es nicht sein, machte ich mir klar und trat zurück auf den Bürgersteig.

»Manfred Kuhnert«, sagte ich laut. Sein Bild erschien vor meinem geistigen Auge, es trieb mir den Schweiß auf die Stirn. Ich beobachtete, wie das kleine Mädchen die Tür schließen wollte, und rief: »Ist dein Papa zu Hause?«

»Nein«, antwortete sie verwirrt, »sie suchen in den Dünen nach dem Urlauberkind.«

»Kannst du telefonieren? Ich habe das Mädchen gefunden!«, sagte ich hektisch.

»Wo denn?«, fragte sie mich naiv.

»Ruf die Polizei an! Oder wähle die Nummer des Strandschlösschens. Sag ihnen, die …« Ich musste schlucken, denn das Wort Leiche wollte nicht über meine Lippen. »Sie sollen zum See-Shop kommen, dort warte ich!«

»Sie können eintreten und selbst telefonieren«, forderte mich das Mädchen auf und hielt die Tür weit offen. Mich packte eine panische Angst, Opfer irgendwelcher unerklärlicher Kräfte und Mächte zu werden, die Manfred Kuhnert bei seiner Tat um den Verstand gebracht haben mussten.

»Ruf an!«, schrie ich, drehte mich um und eilte davon. Ich vernahm den Hufschlag eines Pferdes und blieb stehen. Wie in einem Gruselfilm näherte sich aus der Dunkelheit des Kirchplatzes eine Pferdedroschke. Ich machte den Kutscher aus, als das erste Neonlicht auf ihn fiel. Mit ernstem Gesicht auf dem Bock sitzend, trieb er sein Pferd an. Hastig rannte ich ihm entgegen. Das Klappern der Hufe dröhnte in meinen Ohren.

Er sah mich, wies hinter sich auf ein leeres Gefährt.

»Wir haben das Kind gefunden!«, schrie ich. »Wenden Sie und benachrichtigen Sie …«

So als hielt er mich für einen Irren, griff er zur Peitsche, drosch auf sein Pferd ein, und das leere Gefährt ratterte wie die Geisterkutsche in einem Draculafilm über die Marktstraße aus dem grünen Neonlicht der Bank im fahlen Licht der Straßenleuchten davon.

Überrascht stand ich still und starrte der Kutsche nach. Ich sah, wie sie auch an meinem gestikulierenden Vetter Hannes und Evi vorbei den See-Shop passierte.

Ich fühlte, wie der in der Straße einfallende Wind meine Stirn kühlte, und schritt enttäuscht dem See-Shop entgegen. Meine Hektik verflog und mir wurde bewusst, dass selbst ein Marathonlauf in die Dünen zu den Suchtrupps nichts am Geschehen hätte ändern können.

Manfred Kuhnert hatte zugeschlagen, das Mädchen war tot!

Mein Vetter und Evi schienen die Wirkung des Schocks verkraftet zu haben. Sie empfingen mich fröstelnd.

»Der Arzt war nicht anwesend. Aber seine Tochter wird telefonieren. Sie sah dem Opfer sehr ähnlich«, sagte ich.

Wir rauchten und warteten. Schwarze Dunkelheit kroch über die Insel und ließ die vor uns mit künstlichem Licht bestrahlte Marktstraße wie einen Tunnel erscheinen. In die Stille drang das Tuckern eines Hubschraubers. Seine Rotoren, die knallend die Luftschichten komprimierten, reizten meine aufgewühlten Nerven.

»Scheißverlobung!«, stöhnte mein Vetter. »Evchen, wir sind wieder entlobt. Wir müssen das Ganze irgendwann wiederholen.« Er gab seiner Verlobten einen Kuss auf die bleiche Wange.

Das Geräusch eines Autos drang zu uns. Auf der Insel herrschte absolutes Fahrverbot. Nur die Feuerwehr und Dr. Schoolmann besaßen eine Ausnahmegenehmigung. Ich sah die Scheinwerfer als Punkte, als sie den Kirchplatz verließen und in die Marktstraße einbogen. Sie kamen näher.

Das Auto hielt.

Ein kleiner, untersetzter Mann stieg aus und langte nach einem kleinen schwarzen Lederkoffer, hielt ihn seitlich und sagte: »Ich bin Arzt. Wo ist das Mädchen?« Dabei klopfte er mit seiner freien Hand auf den Koffer, als wiese er ihn aus. Sein Gesicht war gutmütig, seine flinken Augen lenkten von den steilen Falten ab, die ihm Ernst und Würde verliehen.

»Ist sie tot?«, fragte er Hannes.

»Ja, das Kind liegt da drüben zwischen dem Leergut«, sagte Hannes und schritt voraus.

»Rheinländer?«, fragte der Arzt und folgte ihm.

Ich blieb bei Evi, die leicht zitterte und keinen Wert darauf legte, das Opfer der unerklärlichen Gewalttat noch einmal zu betrachten.

»Da kommt jede Hilfe zu spät«, hauchte sie.

Wie verängstigte Kinder standen wir im kalten Reklamelicht, hielten uns an der Hand und starrten in die leere Straße.

In die Stille fiel das Stottern eines alten Diesels. Ich ließ Evis Hand los und wies in Richtung Kirchplatz auf das Flackerlicht, das unheimlich in den Abend blitzte. Mit grellen Scheinwerfern näherte sich das Feuerwehrfahrzeug. Ich machte die platte Schnauze des Wagens aus, las »Magirus« und wusste, dass das Löschfahrzeug die Hälfte meiner Jahre auf dem Buckel hatte. Wie in einem Heimatfilm, dachte ich, als das Auto vor uns hielt und Feuerwehrleute mit jungen Gesichtern, ernste blasse Männer und dickbäuchige, gestandene Insulaner aus den Türen quollen. Sie stellten keine Fragen. Erst als ein grauhaariger schlanker Mittvierziger ausstieg, dem ein bulliger Mann mit wehenden Mantelschößen folgte, sah ich mich und Evi plötzlich im Mittelpunkt.

»Pietsch, Kripo Norden«, hörte ich und sah die Polizeimarke in seiner schlanken Hand.

»Färber«, erwiderte ich, »wir sind alle zu spät gekommen. Das Opfer liegt drüben zwischen Bierkästen auf dem Hof des See-Shops. Der Arzt und mein Vetter sind bei der Leiche.«

»Gehen wir«, sagte der ernste Mann, der einen gewaltigen Schnurrbart trug und nicht wie ein Kriminalbeamter aussah, eher wie ein Künstler.

Das Feuerwehrauto schleuderte blaue Lichtblitze in das Reklamelicht.

Wie eine Friedhofsdelegation eilten die Männer in die schmale Gasse.

»Evi, gleich werden sie Fragen stellen. Komm mit«, sagte ich zu der Verlobten meines Vetters.

So kam es auch. Die Polizisten und Feuerwehrleute versammelten sich entsetzt um die Leiche, schoben Kästen zur Seite, um mehr Platz zu haben. Der Strahl eines Handscheinwerfers glitt langsam über den kleinen nackten Mädchenkörper und verharrte auf dem hübschen Gesicht, in dem ein Friede lag, der mir eine Gänsehaut über die Arme trieb. Wie kann der tote Blick so viel Freude ausstrahlen, wo dem kleinen hilflosen Körper so Schreckliches widerfahren ist?, dachte ich und hörte, wie der Arzt zu dem Kriminalbeamten sagte: »Sie ist umgebracht worden, erwürgt. Der Täter hat ihr einfach die Luft abgedreht.«

Ich sah in das ernste Gesicht des Arztes, der sich bemühte, seine Stimme unter Kontrolle zu halten.

»Ja, und weiter?«, fragte der Kriminalbeamte, der in meinem Alter war.

»Kommissar, das auch. Aber nicht zu Ende geführt. Nur ein Versuch.«

»Ich verstehe, das bekommen wir genauer«, antwortete der Kommissar. Zu meiner Überraschung fanden sich die ersten Neugierigen mit Fahrrädern ein. Die kleine Gasse zum Hof füllte sich.

»Mehr Licht«, forderte der korpulente Beamte und schob die Beobachter beiseite. »Halten Sie die Neugierigen fern! Wir benötigen einen Fotografen!«, forderte er. Er öffnete seine Tasche, entnahm ihr Farbe und kleine Fähnchen und grenzte die Leiche ein.

»Wer hat Hauptwachtmeister Fisser angerufen?«, fragte der Kriminalbeamte mit dem gewaltigen Schnurrbart.

»Die Arzttochter, vermute ich. Aber ich habe sie dazu aufgefordert, denn mein Vetter, seine Verlobte und ich fanden das tote Mädchen«, antwortete ich.

»Kommen Sie mit, denn hier stehen wir nur im Weg«, sagte er.

Auf der Straße sperrten die Feuerwehrleute den Eingang zur Gasse ab.

Ich sah den Neugierigen an, dass sie enttäuscht waren.

Der Fotograf stürmte an uns vorbei. Ich spürte etwas Flaues im Magen. Mich packte eine Angst, als sei ich selbst der Mörder gewesen.

»Manfred Kuhnert«, sagte ich mit trockenen Lippen.

»Wer ist Manfred Kuhnert?«, fragte mich Kommissar Pietsch.

Mein Vetter stützte mich, denn ich musste sehr weiß und käsig ausgesehen haben.

»Kommissar, mein Vetter ist Lehrer. Wir feierten zusammen, denn ich habe mich mit Evi verlobt«, sagte er mit dem Singsang des rheinischen Tonfalls.

»Rheinländer«, sagte der Kommissar, »ich habe viele Jahre in Düsseldorf gearbeitet und gelebt.«

»Dann kennen Sie sicher meinen Werbespruch: ›Frühstücke gesund und kernig mit Roggenbrötchen von Wernig‹.« Dabei lachte mein Vetter, als hätte er bereits das tragische Geschehen vergessen.

Evi schien sich zu schämen.

»Ich habe Ihre Produkte sehr geschätzt und bin neugierig auf die Zufälle, die uns heute zusammenführen. Gehen wir«, sagte der Kommissar.

Die Marktstraße belebte sich. In Scharen strömten uns Menschen entgegen, die nur ein Ziel kannten. Es war der Hof des See-Shops. Das flackernde Blaulicht des Feuerwehrwagens zog sie magisch an. So, als versammelten sie sich zu einer Protestdemonstration. Ihre Insel, Kleinod, anerkannter Kurort, Gesundheitsquelle für gut zahlende und verdienende Gäste, hatte einen Mord zu verkraften, der dem Ansehen der Insel schaden konnte.

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