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Norderney, Morderney

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. MÖRDERISCHE FRIESENHOCHZEIT
  6. NEBELTOD AUF NORDERNEY
  7. DIE TOTE VOM NORDSTRAND
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
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Über den Autor

Theodor J. Reisdorf, geboren 1935 in Neuss, reiste quer durch Europa und Nordafrika, arbeitete in vielen Berufen, machte in Wilhelmshaven das Abitur und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg, Köln und Mannheim. Nach dem Abschluss zum Dipl.-Handelslehrer folgte die zweite Staatsprüfung in Bielefeld mit anschließender Lehrtätigkeit in Aachen, Norden und Emden. 1997 wurde er als Oberstudienrat pensioniert. Er wohnt in Ostfriesland und schreibt als »Meister des Friesenkrimis« spannende Romane über Land, Leute und Leichen. Seine Geschichten sind ein mörderisches Muss für alle Nordsee-Fans.

 

Ein starker Nordwestwind trieb Schneeregen über den Deich. Es schien an diesem trüben Novembermorgen nicht hell werden zu wollen.

Franz Uhlendorf stand reglos am offenen Balkonfenster im Gästezimmer seines weitläufigen Hauses in Rüstersiel und hing seinen Gedanken nach. Seit dem Tod seiner geliebten Frau Senta mied er das gemeinsame Schlafzimmer mit dem großen Doppelbett. Doch auch im Gästezimmer fand er nachts kaum Ruhe. Zu frisch war noch die Trauer, zu groß der Verlust, und er fragte sich, ob er jemals ganz verstehen würde, dass Senta nicht mehr bei ihm war. Senta, die so tapfer und entschlossen gegen die schwere Krankheit gekämpft und die doch alle ärztliche Kunst nicht hatte retten können.

Sie hatte an ein Leben nach dem Tod geglaubt. Franz hatte ihr skeptisch zugehört, wenn sie abends bei einem Glas Wein zu diesem Thema gefunden und Trost bei ihrem Gott gesucht hatte. Meist war er ohnehin mit seinen Gedanken nicht ganz bei der Sache gewesen, weil ihn auch zu Hause die Probleme der Firma nicht losgelassen hatten.

Franz fuhr zusammen, als irgendwo im Haus eine Tür zuschlug, und schloss das Fenster. Mit müden Schritten ging er in sein Studier- und Arbeitszimmer hinüber, das ebenfalls im ersten Stock des Hauses lag. Er hatte noch nicht an seinem Schreibtisch Platz genommen, als es leise an der Tür klopfte und Trudi Patten mit einem Tablett das Zimmer betrat.

»Guten Morgen, Herr Uhlendorf«, sagte sie. »Ich bringe Ihnen das Frühstück.« Vorsichtig schob sie einige Akten zur Seite, breitete eine kleine Decke auf dem Schreibtisch aus, stellte ein Gedeck, Teekännchen, Sahnetopf und Kluntjebecher darauf und reichte dem sechzigjährigen Unternehmer Brotkorb und Aufschnittplatte an. »Greifen Sie nur tüchtig zu, Herr Uhlendorf. Es wird höchste Zeit, dass Sie wieder einmal ordentlich frühstücken.«

Für einen Moment erschien ein dankbares kleines Lächeln auf dem faltigen Gesicht des Unternehmers mit dem eisgrauen Bart und den blauen Augen. »Danke schön, Frau Patten. Danke für alles. Sie arbeiten nun schon so viele Jahre in diesem Haus – lassen Sie mich nachdenken, zwanzig Jahre sind es bestimmt –, und meine verstorbene Frau, Henning und ich, wir konnten uns immer auf Sie verlassen.« Während Franz Uhlendorf ein Kluntje in die Tasse legte, zur Teekanne griff und sich Tee einschenkte, wollte er nachdenklich wissen: »Sagen Sie, Frau Patten, glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?«

»Ich weiß es nicht genau«, antwortete sie ehrlich. »Ihre Frau war ein herzlicher, lebensoffener Mensch. Ich habe sie sehr gemocht. Oft, wenn ich hier oben aufräume oder in der Küche arbeite, habe ich das Gefühl, sie ist im Haus.«

»Tot ist tot«, murmelte Franz bitter, schnitt ein Brötchen auf und bestrich es langsam mit Butter.

»Nein, Herr Uhlendorf Irgendetwas gibt es da. Die Seele«, widersprach die achtundvierzigjährige Haushälterin, die mit einem Busfahrer der Wilhelmshavener Verkehrsbetriebe verheiratet war und schon einen erwachsenen Sohn hatte. Als Franz Uhlendorf wieder in nachdenkliches Schweigen verfiel, beschloss sie, das Thema zu wechseln: »Soll ich Ihnen zu Mittag noch einmal Sauerkraut mit Kasseler zubereiten? Das haben Sie doch immer so gern gegessen«, fügte sie hinzu und zupfte verlegen an ihrer Schürze, denn sie fühlte sich unbehaglich, wenn ihr Chef, den sie in all den Jahren stets als erfolgreichen Unternehmer und entschlossenen Familienvater kennen gelernt hatte, so niedergeschlagen war.

Franz hob nur müde die Schultern. »Wie Sie meinen, Frau Patten, wie Sie meinen. Es fällt mir immer noch schwer, allein am Mittagstisch zu sitzen.«

Doch dieses Argument wollte Trudi Patten nicht gelten lassen, auch wenn sie Franz Uhlendorf nur zu gut verstand. »Verzeihen Sie, aber Ihre Frau hat mich kurz vor ihrem Tod gebeten, dafür zu sorgen, dass Sie Ihre Mahlzeiten regelmäßig einnehmen. Und das werde ich auch tun. Sie haben ohnehin schon so viel abgenommen.«

»Keine Sorge, Frau Patten. Und bereiten Sie in Gottes Namen Sauerkraut zu. Ich werde schon etwas essen.« Seufzend fuhr sich Franz Uhlendorf durch sein dichtes Haar. »Es muss ja weitergehen, schließlich sind da noch der Betrieb und Henning. Der Junge hat mich gestern angerufen. Stellen Sie sich vor, er hat sein Diplom mit Auszeichnung gemacht. Jetzt will er noch seinen Doktor machen! Na ja, mir soll’s recht sein. Er ist ein fleißiger Junge.«

Trudi Patten nickte. Sie kannte Henning Uhlendorf, der sehr unter dem Tod der Mutter gelitten hatte, schon von Kindesbeinen an. Er hatte an der Technischen Hochschule in Aachen Maschinenbau studiert, war nun also frischgebackener Diplom-Ingenieur und bewohnte in der Pontstraße eine Eigentumswohnung. »Ja, auf Henning können Sie stolz sein«, erwiderte sie voller Überzeugung, auch wenn sie nicht sicher war, ob der »Junge« die Erwartungen des Vaters erfüllen würde. Franz Uhlendorf hoffte, dass sein Sohn in absehbarer Zeit in die Firma einsteigen und ihn selbst entlasten würde. Doch Trude Patten befürchtete, dass Henning ganz andere Pläne hatte.

***

In der historischen Grenzstadt Aachen, die für ihr Heilbad, den Dom und die Technische Hochschule bekannt und die einst Regierungssitz Karls des Großen gewesen war, weihnachtete es. Mit Lichtgirlanden und Kugeln geschmückte Tannenbäume und lange Lichterketten erhellten die Einkaufsstraßen, die Schaufenster waren weihnachtlich dekoriert, und der traditionsreiche Weihnachtsmarkt lockte Touristen von nah und fern, nicht zuletzt aus Belgien und Holland, in die Einkaufsstadt am Rande der Eifel.

Als Henning Uhlendorf an diesem Morgen sein Appartement in der Pontstraße verließ, hatte er nur wenig Sinn für das vorweihnachtliche Treiben. Kalte Luft schlug ihm entgegen. Raureif lag auf den Ziersträuchern und klebte in den Ästen der kahlen Bäume. Ärgerlich stellte er fest, dass die Scheiben seines Kleinwagens wieder einmal zugefroren waren. Kurz entschlossen stellte er den Kragen seines dicken Anoraks hoch und machte sich zu Fuß auf den Weg zum Institut.

Wie immer herrschte rund um das Ponttor dichter Verkehr. Der Bus der Linie zweiundvierzig näherte sich hupend der Haltestelle. Die Geschäfte öffneten ihre Türen, und nach und nach füllten sich die Bürgersteige. Studenten strömten der Hochschule entgegen.

Henning Uhlendorf, Doktorand und Assistent, betrat das Institut für Maschinenbau. Als langjähriges Institutsmitglied kannte er sich im Hause aus und nahm keine Notiz mehr von der Hektik, die zu dieser frühen Stunde hier herrschte. Entschlossen klopfte er an eine der vielen Türen und betrat das Vorzimmer Professor Garrels’. »Guten Morgen«, grüßte er die Sekretärin höflich, »ich habe einen Termin bei Professor Garrels.«

»Herr Uhlendorf, einen Moment. Ich melde Sie sofort an.«

Während die hübsche mollige Institutsmitarbeiterin nach kurzem Klopfen im Zimmer des Professors verschwand, wuchs Hennings Lampenfieber. Hoffentlich hatte Professor Garrels gute Nachrichten für ihn! Doch ihm blieb keine Zeit mehr, sich einige Worte zurechtzulegen, denn schon öffnete sich die Tür zum Büro des Professors erneut, und die Sekretärin winkte Henning lächelnd herein.

Professor Dr. Augustin Garrels, eine international anerkannte Kapazität auf dem Gebiet der Lasertechnik, erhob sich hinter seinem Schreibtisch, kam Henning einige Schritte entgegen und reichte ihm lächelnd die Hand. Er war Ende fünfzig, Anfang sechzig, schlank, hoch gewachsen und trug eine feine Goldrandbrille. Seine intelligenten grauen Augen ruhten wohlwollend auf Henning. »Junger Mann, nehmen Sie Platz«, sagte er und wies auf die Stühle vor dem Besuchertisch. »Stellen Sie Ihre Tasche ruhig ab, ich benötige keine weiteren Unterlagen von Ihnen.« Er setzte sich Henning gegenüber und lächelte ihn offen an. »Ich habe eine gute Nachricht für Sie. Ein früherer Doktorand und Assistent von mir bietet einem jungen, tüchtigen Diplom-Ingenieur an seinem Institut die Chance zu promovieren. Die Aufgabe besteht darin, ein Verfahren für computergesteuerte Lasertechnik bei hochempfindlichen Bi-Metallen zu entwickeln. Basis soll das Verfahren sein, das wir in Aachen zum ersten Mal angewendet haben.«

Henning schaute den Professor überrascht an. Die Aufgabe berührte das Thema seiner Diplomarbeit, die er bereits als Grundlage für weitere Forschungsansätze ausgearbeitet hatte.

Professor Garrels wollte seinen ehemaligen Studenten nicht länger auf die Folter spannen. Deshalb fuhr er fort: »Sie haben doch in Monterey, Kalifornien, ein Praktikum absolviert und besitzen, soweit ich weiß, hervorragende Englisch-Kenntnisse. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie für diese Aufgabe der richtige Mann wären.« Er zündete sich eine Zigarette an und ließ seine Worte eine Weile auf den jungen Ingenieur wirken.

Henning fuhr sich nervös durch das dichte blonde Haar, dann erschien ein erfreutes Lächeln auf seinem Gesicht. »Ich müsste natürlich noch Genaueres erfahren, aber ich denke, ich nehme die Herausforderung gern an. Wo ist der Sitz des besagten Instituts?«

Professor Garrels lächelte verschmitzt. »In Singapur. Ihre Aufgabe wäre es, die dortige Universität vom Know-how unseres Instituts profitieren zu lassen. Mein ehemaliger Doktorand und Assistent, Professor Kim Lee, ein Chinese, leitet den Transfer in die Wege. Der Staat Singapur trägt im Rahmen eines Kulturabkommens einen Teil der Kosten. Sie wissen, dass ich mit Ihrem Theorieansatz mehr als zufrieden bin; nicht umsonst habe ich Ihre Diplomarbeit mit ›sehr gut‹ bewertet. Seien Sie also unbesorgt. Nach meinem Dafürhalten sind Sie für Professor Kim Lee und seine Studenten eine Bereicherung.«

»Mein Gott!«, entfuhr es Henning. Dann beeilte er sich, ruhig hinzuzufügen: »Herr Professor, die Aufgabe würde mich sehr interessieren. Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Sie in mich setzen.«

Professor Garrels winkte ab. »Meine Bemühungen, bei den hiesigen Betrieben das Interesse für Ihre Grundlagenarbeit zu wecken, schlugen leider – wie so oft in der Vergangenheit – fehl. Das Stipendium des Staates Singapur wird nicht ausreichen, die Kosten für Ihren Aufenthalt voll abzudecken. Meines Wissens besitzt ihr Vater aber einen florierenden eigenen Betrieb. Ich denke, dass es ihm nicht schwerfallen wird, Ihnen finanziell unter die Arme zu greifen.«

Henning nickte begeistert. »Mein Vater wird vielleicht von diesem Vorschlag nicht so angetan sein, wie ich es bin, denn er hätte mich lieber heute als morgen in seinem Betrieb, aber er wird mir mit Sicherheit keine Steine in den Weg legen, Herr Professor.«

»Gut, über die Einzelheiten sprechen wir dann später noch. Ich faxe Professor Kim Lee also Ihre vorläufige Zusage zu.«

»Und wann wird es losgehen?«, fragte Henning aufgeregt.

»Ich kündige Ihren Besuch bereits für Ende Januar an. Sie müssen sich nämlich vor Semesterbeginn mit der Universitätsverwaltung und dem Assistenten des Professors wegen eventueller Anschaffungen von Geräten auseinandersetzen, die zum Teil in Deutschland oder Japan eingekauft werden müssen.«

»Und eine Wohnung …?«, erkundigte sich Henning vorsichtig.

»Sie wohnen in einem Appartement in der Nähe des Campus«, antwortete Professor Garrels, drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus und erhob sich mit einem herzlichen Lächeln. »Übrigens, im April haben wir in Singapur unsere internationale Tagung. Kollegen aus aller Welt werden zu diesem Termin anreisen. Ich halte dort einen Vortrag und werde Sie aufsuchen, um mich nach Ihrem Wohlergehen zu erkundigen«, versprach er und drückte Henning die Hand.

»Danke, Herr Professor, vielen Dank«, erwiderte Henning und verließ eilig und mit aufgeregt klopfendem Herzen das Büro des Professors.

***

Am Samstag vor dem dritten Advent zog eine Schlechtwetterfront an der deutschen Nordseeküste entlang. Das eintönige Grau vor dem Fenster, die kalte Nässe und der stürmische Wind, der an den Läden rappelte, verstärkten Franz Uhlendorfs trübe Stimmung noch. Wässrige Schneeflocken zerrannen an der Scheibe und nahmen ihm die Sicht auf den geliebten Deich. Die Einsamkeit setzte ihm zu.

Henning wollte das Wochenende über in Aachen bleiben. Er hatte für seine Reise nach Singapur einiges vorzubereiten. Da hatte er keine Zeit, nach seinem alten Vater zu sehen! Bitter schüttelte Franz den Kopf. Wie kam der Junge nur auf die Idee, an der Universität in Singapur seinen Doktor zu machen? Nein, das passte ihm ganz und gar nicht.

Es waren ja nicht die zusätzlichen Kosten, die ihn ärgerten. Die wollte er bereitwillig tragen. Er war stolz auf seinen Sohn. Henning war hoch gewachsen und sportlich. Während der ersten Studienjahre hatte er in der Regionalliga als Libero für Alemannia Aachen gespielt. Franz Uhlendorf musste sich eingestehen, dass er Angst um Henning hatte, Angst, dem Jungen könnte in Singapur etwas zustoßen. Er wusste nur wenig über den asiatischen Stadtstaat und die Gefahren, die dort auf Henning lauerten.

Franz fuhr aus seinen düsteren Gedanken, als Trudi Patten den Kaffee servierte.

»Butterkuchen, frisch gebacken!«, verkündete sie, ohne auf die schlechte Laune ihres Arbeitgebers einzugehen, und deckte den Tisch.

»Henning kommt morgen nicht. Da brauchen Sie nichts zu kochen. Ich wärme mir was aus der Gefriertruhe«, brummte er und nahm einen Schluck Kaffee. »Ein Wetter ist das! Noch nicht mal spazieren gehen kann man!«

»Ich war in der Stadt. Da ist vielleicht ein Betrieb! Die Leute kaufen wie verrückt«, erzählte Trudi Patten, um Franz Uhlendorf ein wenig abzulenken.

»Ich kann den Rummel nicht ausstehen!«, erwiderte er und schaute die Haushälterin missmutig an.

»Ach, Herr Uhlendorf, Sie müssen endlich wieder ein wenig unter die Leute. Immer ganz allein, das tut Ihnen nicht gut.«

»Papperlapapp. Gestern war ich den ganzen Tag im Betrieb. Das reicht mir vollkommen.«

Trudi Patten seufzte unmerklich auf. Es würde noch lange dauern, bis Franz Uhlendorf den Tod seiner Frau verkraftet hatte. Wenn er ihn überhaupt je verkraftete. »Ich gehe jetzt«, sagte sie. »Das Abendessen habe ich vorbereitet. Es steht in der Küche.«

»Ja, ja. Grüßen Sie Ihren Mann von mir. Ihren Sohn habe ich heute im Betrieb gar nicht gesehen. Ist er krank?« Trudi Pattens Sohn arbeitete als Meister bei der Uhlendorf-Technik.

Frau Patten schüttelte den Kopf und lächelte glücklich. »Nein, nein. Er hat sich ein paar Tage Urlaub genommen. Unsere Schwiegertochter erwartet ein Baby. Es kann nun nicht mehr lange dauern.«

»Gratuliere. Auf diese Freuden muss ich ja wohl noch lange warten. Na dann, tschüs, bis morgen.«

Als Trudi Patten das Zimmer verlassen hatte, ließ sich Franz Uhlendorf mit ungeahntem Appetit ein Stück Butterkuchen schmecken. Dann zündete er sich eine Havanna an und griff zur Wilhelmshavener Zeitung. Doch lange konnte er sich nicht auf die Lektüre konzentrieren. Bald schweiften seine Gedanken ab. Sie wanderten zu Senta, zurück zu glücklicheren Jahren. Es war schon ganz dunkel im Zimmer, als Franz Uhlendorf wieder in die Gegenwart zurückkehrte. Seufzend erhob er sich, machte Licht und schaltete den Fernseher ein. Er sehnte sich danach, menschliche Stimmen zu hören.

***

Diplom-Ingenieur Kurt Hammes, einer der beiden Direktoren der Uhlendorf-Technik, war neunundvierzig Jahre alt, klein, schlank und hatte welliges braunes Haar, das wie sein Oberlippenbart immer akkurat geschnitten war. Seine hübsche blonde Frau Gabriele, die sehr viel Wert auf ihr Äußeres legte, war examinierte Krankenschwester und spielte leidenschaftlich gern Tennis. Die Hammesens lebten »Am Wiesenhof« in Wilhelmshaven, in der Nachbarschaft angesehener Anwälte, Ärzte und gut verdienender Kaufleute. Ihr großzügig geschnittenes Haus belastete sie längst nicht mehr.

Wann immer ihre Zeit es ihr erlaubte, sah man Gabriele auf dem Tennisplatz. Viel zu selten, wie sie fand, denn die Hammesens hatten drei Kinder, die es zu versorgen und zu beaufsichtigen galt, zwei reizende Töchter im schulpflichtigen Alter und einen achtzehnjährigen Sohn, der die dreizehnte Klasse des Gymnasiums besuchte und kurz vor dem Abitur stand. Auch wenn sich ein Gärtner regelmäßig um die Anlagen kümmerte und eine Zugehfrau Gabriele im Haushalt zur Hand ging, blieb im Haus noch genug für sie zu tun. So wollten die beiden Mädchen täglich in eine Pferdepension im benachbarten Fedderwarden gefahren werden, denn dort stand ihre Stute Friesendeern, ein prachtvolles, anhängliches Tier edler Herkunft, mit deren Anschaffung Kurt seinen beiden Töchtern erst kürzlich einen Herzenswunsch erfüllt hatte.

Gabriele und Kurt Hammes hatten es geschafft, sie lebten auf der Sonnenseite des Lebens. Dank des üppigen Direktorengehalts sowie der nicht zu verachtenden Tantiemen für einige Patente, die Kurt regelmäßig erhielt, mussten sie auf nichts verzichten – weder auf den alljährlichen Skiurlaub in Davos noch auf den ausgedehnten Sommerurlaub in Florida. Kurt und Gabriele besuchten regelmäßig Konzerte in Bremen und fehlten auch nicht, wenn sich die Stars der klassischen Musik vor dem wohlhabenden Hamburger Publikum die Ehre gaben. Längst war die kleinbürgerliche Herkunft vergessen. Wie Kurts Mutter, die im St. Anna-Stift in Oldesloe gepflegt wurde und oft vergeblich auf den Besuch der »Kinder« wartete.

Der zweite Direktor der Uhlendorf-Technik war Diplom-Kaufmann Johannes Saalmann. Er entstammte einer Hotelier-Familie aus Bad Zwischenahn und hatte nach dem Tod des Vaters das Hotel an eine Kette verkauft. Strebsam und ehrgeizig, wie er war, hatte er es nach seinem Studium in Köln und einigen erfolgreichen Jahren in der Marketing-Abteilung einer rheinischen Schraubenfabrik zum Verkaufsdirektor der Uhlendorf-Technik in Wilhelmshaven gebracht. Wie seine Frau Anette, der Tochter eines Lehrers aus dem Westerwald, die bis zu ihrer Eheschließung als Reisekauffrau gearbeitet hatte, war er achtundvierzig Jahre alt.

Anette war häuslich und hatte ein gepflegtes Äußeres. Sie trug das dunkle Haar, das schon von einzelnen grauen Haaren durchwebt war, kurz und wirkte charmant und anziehend. Die Saalmanns hatten in Horumersiel ein altes Bürgerhaus mit Hafenblick gekauft und es durch aufwendige Umbaumaßnahmen zu einer gemütlichen, repräsentativen Adresse herrichten lassen. Ihre neunzehnjährige Tochter studierte in Göttingen Zahnmedizin, der dreiundzwanzigjährige Sohn hatte sich kürzlich in Berlin für Theaterwissenschaften eingeschrieben und besuchte zurzeit eine Schauspielschule. Er war ein liebenswerter Träumer – und das Sorgenkind der Familie.

Johannes Saalmann, ein Mann von kräftiger Statur, trug das dunkle Haar im Fassonschnitt. Sein breites Gesicht hatte einen selbstsicheren Ausdruck. Seine flinken, huschenden Augen verrieten ein gesundes Misstrauen der Welt und den Menschen gegenüber – er war ein Skeptiker, wie er im Buche stand. Doch auf ihn war Verlass. Er war konsequent und zielstrebig und galt im Betrieb als Garant für steigende Umsätze.

Kurt Hammes und Johannes Saalmann waren in der Uhlendorf-Technik ein eingespieltes Team und ergänzten sich hervorragend. Der nüchterne Ingenieur und Mathematiker Hammes lieferte das technische Know-how, das für die Entwicklung der Produkte – Zulieferteile für die Auto-Industrie – nötig war, der distanziertere Marketingmann Saalmann, der ein untrügliches Gespür für neue Absatzmärkte besaß, überzeugte die Einkäufer von der Qualität der Uhlendorf-Erzeugnisse und trug Sorge für ihre termingerechte Auslieferung.

Seit einiger Zeit hatten die beiden Direktoren ihre Fühler nach dem asiatischen Markt ausgestreckt. Die koreanische Auto-Industrie steckte in einer tiefen Krise. Ihre Bemühungen, auf dem europäischen Markt Fuß zu fassen, waren gescheitert, und die Japaner starteten bereits die ersten Versuche, über bankrotte Zulieferfirmen Einfluss in Korea zu nehmen. Es galt, früh genug im erloschenen Feuer nach Funken zu suchen, lautete Saalmanns Motto, und so hatte er über das deutsche Konsulat erste Erkundigungen eingeholt und selbst die deutsche Botschaft um entsprechende Orientierungshilfen gebeten. Um von Anfang an dabei zu sein, waren bereits deutsche Großbanken in Korea auf dem Sprung. Der starke Dollarkurs und der zurzeit schwache Euro weckten berechtigte Hoffnungen, auf dem asiatischen Markt Fuß fassen zu können.

Hammes und Saalmann saßen an diesem Abend im gemütlichen Arbeitszimmer im renovierten Altbau in Horumersiel zusammen. Von dem Zimmer mit den schweren, dunklen Dachbalken im ersten Stock aus hatte man einen Blick auf den Hafen. Sie tranken kühles Pils, studierten Unterlagen, analysierten Computer-Tabellen, stellten Aufwands- und Ertragsvergleiche auf und kamen, während ihre Frauen im behaglichen Wohnzimmer am knisternden Kamin saßen, zu dem Entschluss, ihrem Chef Franz Uhlendorf ein Konzept für den Einstieg ins Ostasiengeschäft vorzulegen. Gleich nach der IAA in Berlin wollten sie ihm ihre Pläne schmackhaft machen. Saalmann beabsichtigte, nach Korea zu fliegen, um erste Kontakte mit den Herstellerfirmen aufzunehmen – vorausgesetzt, der »Alte«, wie sie Uhlendorf im Stillen nannten, gab grünes Licht. Als Köder für eine erste Zusammenarbeit sollte ihnen das weltweit geschützte Patent dienen, mit dem sie die Japaner ins Abseits verwiesen hatten.

***

Ungewöhnlich früh betrat Franz Uhlendorf an diesem Morgen das große Bürogebäude der Uhlendorf-Technik in Voslapp, einem Gewerbegebiet am Rande von Wilhelmshaven. Er hatte sich für diesen Tag einiges vorgenommen.

Hannelore Pelzer, seine langjährige Sekretärin, grüßte ihn freundlich und begleitete ihn in sein Büro. »Ich habe die Post bereits vorsortiert und verteilt. Hier ist noch ein Einschreiben von der TTAG. Es ist an Sie persönlich adressiert«, sagte sie und legte das Kuvert auf seinen Schreibtisch.

Franz Uhlendorf warf nur einen kurzen Blick darauf und legte den Brief dann in seine Schreibtischschublade. »Frau Pelzer, bitten Sie die Herren Saalmann und Hammes gegen neun Uhr zu mir. Ich muss sie in einer dringenden Angelegenheit sprechen.« Er griff in seine Aktentasche und nahm einige Unterlagen heraus. »Fertigen Sie davon bitte je zwei Kopien an – unter dem Siegel der Verschwiegenheit.«

Hannelore Pelzer war seit fünfzehn Jahren Franz Uhlendorfs rechte Hand. Er vertraute ihr bedingungslos. Für einen Moment glaubte er, Erschrecken in ihren Augen zu lesen. »Sie wollen doch nicht …?«, fragte sie leise und blickte ihren Chef ernst an.

Doch er lächelte nur verschmitzt und legte seinen Zeigefinger an den Mund. »Sehen Sie, Senta ist nicht mehr bei mir, und Henning beabsichtigt, nach Singapur zu gehen, um dort seinen Doktor zu machen. Alles, was mir in den letzten Jahren lieb und teuer war, ist nicht mehr, alles ist im Umbruch … Hammes und Saalmann sind engagierte Mitarbeiter – und sie waren stets am kreativsten, wenn ich an Bord meiner Jacht auf dem Ijsselmeer herumgeschippert bin.« Er lächelte ein wenig spöttisch. »Und seien wir doch mal ehrlich: Die beiden sehen in mir einen Bremser, wenn es um ihre gewagten Expansionspläne geht.« In seinen letzten Worten hatte Ärger mitgeklungen.

»Sie mögen recht haben. Aber Sie werden doch nicht ans Aufhören denken. Viele unserer Politiker beginnen erst in Ihrem Alter ihre Karriere.«

Franz winkte ab. »Der Zeitpunkt des Absprungs ist eine Gefühlssache. Ohne Senta ist alles anders geworden. Übrigens, Frau Pelzer, glauben Sie eigentlich an ein Leben nach dem Tod?«, wollte er nachdenklich wissen.

Die Sekretärin mit den kurzen grauen Haaren zuckte mit den Schultern. »Weder mein Mann noch ich sind große Kirchgänger. Unsere Tochter studiert Philosophie in Göttingen. In ihrer Gedankenwelt mag es etwas wie ein Jenseits geben, ja. Doch niemand kann die Auferstehung der Toten widerlegen oder beweisen …« Sie stand noch eine Weile ratlos vor dem Schreibtisch ihres Chefs, der, ganz in Gedanken versunken, eines seiner Ölgemälde an der Wand betrachtete. Es stammte von einer ostfriesischen Künstlerin und zeigte einen Gitarre spielenden Narren, hinter dem der Teufel seinen Hammer schwang. Franz Uhlendorf mochte dieses Gemälde besonders.

Als er hörte, wie sich die Tür hinter Hannelore Pelzer leise schloss, nahm er den Umschlag aus der Schublade, öffnete ihn und begann zu lesen. Die TTAG bot ihm einen ansehnlichen Betrag für die Übernahme der Uhlendorf-Technik. Franz lehnte sich zurück, zündete sich eine Havanna an und schaute dem Rauch nach, der sich in grauen Fäden in Richtung Fenster verflüchtigte. Seine Gedanken wanderten zu seinem Sohn Henning.

Für ihn war gesorgt. Senta hatte vor ihrem Tod testamentarisch verfügt, dass ihr Aktienpaket Henning an seinem achtundzwanzigsten Geburtstag zur freien Verfügung ausgehändigt werden sollte. Sie hatte ihr Erbe nach der Übernahme des elterlichen Betriebs durch ihren Bruder in Wachstumsaktien angelegt.

Und dennoch … Franz Uhlendorf rang mit sich. Er drückte die Zigarre im Aschenbecher aus, erhob sich und blickte aus dem Fenster auf die im winterlichen Einheitsgrau daliegenden Freiflächen hinter der Uhlendorf-Technik, die für eine eventuelle Expansion wie geschaffen zu sein schienen. Sollte er sein Lebenswerk von den Multis schlucken lassen? Alles in ihm sträubte sich dagegen, aber Henning verfolgte offenbar andere Ziele; er dachte nicht daran, die Firma zu übernehmen. Er hatte Franz enttäuscht. Doch was sollte bei einem Verkauf aus den tüchtigen Mitarbeitern werden? Ihre Zukunft lag Franz Uhlendorf am Herzen.

Während der Firmenchef über die Geschicke der Uhlendorf-Technik nachdachte, betrat Johannes Saalmann das Büro seines Kollegen Hammes. Er trug den Ordner mit den Korea-Unterlagen unter dem Arm. »Moin, Kurt. Der Alte erwartet uns. Versuchen wir, ihm die Sache mit Korea schmackhaft zu machen!« Er grinste Hammes verschwörerisch an.

»Seit dem Tod seiner Frau ist er störrischer denn je«, erwiderte Hammes. »Der Junior kommt uns übrigens nicht in die Quere. Wie ich gehört habe, greift er demnächst in Singapur nach der Doktorwürde.«

»Nicht auszudenken, wenn der Alte das Segeln aufgibt, ideenlos hier im Betrieb rumsitzt, an allem und jedem herumnörgelt und sich überall querstellt. Es geht schon viel zu lange so, dass er ohne Durch- und Überblick an veralteten Strukturen festhält!«

»Dabei sind wir in Kürze so weit, dass wir Schlösser entwickelt haben, die auf den Zündschlüssel ganz verzichten können. Meine Experimente machen Fortschritte: Der Motor zündet nur nach Eingabe einer Geheimzahl – der Wagen ist somit diebstahlsicher«, meinte Kurt Hammes stolz.

Saalmann nickte. »Ja, ja – falls der Alte die Entwicklungsgelder bewilligt und deine Grundlagenforschung nicht als Larifari vom Tisch fegt«, brummte er ärgerlich.

»Das wäre fürchterlich. Ich darf die Technik ja laut Anstellungsvertrag nicht mal an die Konkurrenz verkaufen. Alle unsere Erfindungen gelten als Eigentum der Uhlendorf-Technik. Das heißt, dass meine Idee womöglich in der Schublade verschimmelt«, schimpfte der Diplom-Ingenieur.

»Ach Kurt, das ist noch alles Zukunftsmusik. Heute geht es um Korea. Komm, gehen wir. Der Alte hat gerufen«, bemerkte Johannes Saalmann und grinste.

Hammes griff seufzend zur Brille und erhob sich. »Und wir folgen ihm«, murmelte er.

***

Als die beiden Direktoren das Chefzimmer betraten, schauten sie überrascht auf den gedeckten Tisch. Franz Uhlendorf hatte Kaffee sowie Käse- und Mettbrötchen bei seiner Sekretärin geordert.

»Setzen Sie sich, meine Herren, und greifen Sie zu«, begann er jovial und wies mit einer einladenden Bewegung auf die Stühle am Konferenztisch.

»Haben wir etwas übersehen? Sie haben doch im Mai Geburtstag«, meinte Johannes Saalmann scheinbar unbefangen.

»Ob es etwas zu feiern gibt, steht noch nicht fest. Der kleine Arbeitsimbiss hat einen anderen Grund. Ich möchte mit Ihnen über die Zukunft der Firma sprechen.«

Die beiden Direktoren wechselten einen erstaunten Blick und schenkten sich Kaffee ein, gespannt, was der Chef ihnen als Nächstes eröffnen würde. Doch Uhlendorf schwieg. Im Zimmer herrschte eine angespannte Atmosphäre.

Wer spielt hier die Gitarre, und wer schwingt den Hammer?, überlegte Hammes, während er zu einem Käsebrötchen griff und ohne großen Appetit hineinbiss.

Diplom-Kaufmann Saalmann entschloss sich, die Flucht nach vorn anzutreten. »Herr Uhlendorf, Sie machen mich neugierig«, unterbrach er die Stille. »Und Sie scheinen offenbar Gedanken lesen zu können. Denn auch wir wollten heute mit Ihnen etwas besprechen, das uns sehr am Herzen liegt.« Er sah, dass Franz Uhlendorf irritiert die Stirn runzelte, dennoch fuhr er fort: »Fast die gesamte europäische Auto-Industrie hat unser neues patentiertes Sicherungszündschloss mit Getriebesperre vorab geordert.«

»Das ist doch ein alter Hut! Als wäre mir das entgangen!«, unterbrach Uhlendorf ihn verärgert. »Noch habe ich den Überblick.«

»Wir müssen uns entscheiden: Überstunden oder Neuanstellungen«, beeilte sich Hammes einzuwerfen.

Franz winkte genervt ab. »Ich werde mir entsprechende Unterlagen von der Personalabteilung schicken lassen«, antwortete er kurz angebunden.

»Unser Know-how erlaubt es uns, einen Vorstoß auf dem koreanischen Markt zu wagen. Das ist eine Riesenchance. Ich habe bereits erste Kontakte geknüpft. Wir verweisen die Japaner ins Abseits«, verkündete Saalmann euphorisch. Er achtete nicht auf den skeptischen Blick seines Chefs, sondern schob das Kaffeegeschirr beiseite und legte den Korea-Ordner auf den Tisch.

»Korea«, murmelte Franz Uhlendorf seltsam abwesend und ließ seinen Blick aus dem Fenster schweifen.

Hammes nickte. »Solange unser technischer Vorsprung von der Konkurrenz in Amerika und Japan nicht aufgeholt wird, sollten wir unsere Chancen wahrnehmen, Chef.«

Franz Uhlendorf wandte sich wieder seinen beiden leitenden Angestellten zu. Ihr Ehrgeiz nervte ihn. Offenbar hatte er die dynamischen Manager wegen der Krankheit seiner Frau viel zu lange frei schalten und walten lassen. Er räusperte sich, fuhr sich durch den eisgrauen Bart und griff dann nach dem Ordner. »In den fünfziger Jahren habe ich mit nur fünf Mitarbeitern die ersten Schlösser für Borgward angefertigt«, meinte er und studierte dann die Expansionspläne seiner Direktoren. Während er las, drückte sein Gesicht tiefes Misstrauen aus. Nach ungefähr zehn Minuten hob er den Blick und schob Saalmann den Ordner wieder zu. »Auch wenn mein Sohn demnächst in Singapur promoviert und im Moment wenig Interesse an meinem Betrieb zeigt, tangieren Ihre optimistischen Expansionspläne auch seine Zukunft. Ich denke, es wird Zeit, die Weichen neu zu stellen. Ich fühle mich zu alt für Entscheidungen in dieser Größenordnung. Die TTAG ist an mich herangetreten. Sie hat mir ein Übernahmeangebot gemacht. Die Bedingungen sind in Zeiten der Globalisierung mehr als zufrieden stellend. Die TTAG garantiert den Standort Wilhelmshaven für weitere zehn Jahre und hat zugesichert, keine Entlassungen vorzunehmen. Sie beide, meine Herren, bleiben für fünf Jahre unkündbar und haben keine Einkommenseinbußen zu befürchten. Es bleibt allerdings bei der bisherigen Regelung, dass die Rechte aller Patente und die damit verbundenen Tantiemen der neuen Eigentümerin zustehen«, trug er vor.

Saalmann stand die Enttäuschung deutlich ins Gesicht geschrieben. Auch Hammes hatte es offenbar die Sprache verschlagen. Es war doch nicht zu fassen! Da hatte sie der alte Fuchs ganz schön hinters Licht geführt!

»Das ist nicht Ihr Ernst«, begehrte Johannes Saalmann endlich auf. »Sie verkaufen und lassen uns im Regen stehen? Und wir sollen tatenlos zusehen, wie andere das Korea-Geschäft machen?« Er fuhr sich aufgeregt durch das dunkle Haar, das sich an den Schläfen schon grau färbte.

»Die Manager der TTAG profitieren von unserem Know-how, setzen uns junge Hochschulabsolventen ins Nest, die unsere Grundlagenforschung ausbauen, uns in die Abstellkammer verbannen und nach fünf Jahren auf die Straße setzen«, warf Hammes empört ein.

Franz Uhlendorf hatte sich eine Havanna angezündet und schaute seine Mitarbeiter ruhig an. »Meine Herren, Sie erwarten von mir Entscheidungen, die mich überfordern. Mit dem Erlös aus dem Verkauf des Betriebes kann ich in aller Ruhe die Weichen für meine und auch die Zukunft meines Sohnes stellen.«

»Sie legen also Ihre Millionen schön an und pfeifen auf unser selbstloses Engagement während all der Jahre!«, schimpfte Saalmann aufgebracht. Er wollte noch etwas hinzufügen, doch Franz Uhlendorf unterbrach ihn entschieden:

»Einen Moment, Herr Saalmann! Bevor Sie anfangen, Ihre – zugegebenermaßen nicht unbeträchtlichen – Leistungen hervorzuheben, möchte ich Sie bitten, einmal Rücksprache mit Ihrem Steuerberater zu halten. Neben Ihrem nicht gerade bescheidenen Managergehalt sind Ihnen Umsatzprämien in fünfstelliger Höhe zugeflossen. Und auch Sie, Herr Hammes, sind nicht zu kurz gekommen. Sie haben von den Tantiemen für Ihre Erfindungen reichlich profitiert. Ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen ich als Firmenchef und persönlich haftender Unternehmer ein weit geringeres Einkommen gehabt habe. Hinzu kommt, dass ich Sie nicht ans Sozialamt verweise, wenn ich mich aus Altersgründen aus meinem Betrieb zurückziehe«, fügte Franz ironisch hinzu.

Draußen hatte der Regen nachgelassen. Für einen Moment blinzelte sogar die Sonne ins Zimmer. Der Qualm der Zigarre zog dem geöffneten Oberlicht entgegen.

»Sie kommen uns also mit knallharten Tatsachen! Hammes und ich haben bei der Übernahme einen beachtlichen Marktwert! Danach können uns die Bosse kastrieren!«. Saalmann warf den Kugelschreiber, mit dem er die ganze Zeit über gespielt hatte, zornig auf den Tisch.

»Beruhigen Sie sich doch, Herr Saalmann«, bat Franz beschwichtigend und sah seine Direktoren verschmitzt an. »Es gibt eine Alternative …«

»Ja, natürlich. Wir trennen uns, kassieren eine Abfindung, weil wir der Übernahme nicht zustimmen, und suchen einen neuen Kapitalgeber für unsere Patente«, warf Diplom-Ingenieur Hammes ein. Auf seiner Stirn hatte sich ein feiner Schweißfilm gebildet, seine Hände fuhren unruhig über den Tisch. Das war ein böses Spiel, das der Chef da mit ihnen trieb.

»Das würde juristische Folgen nach sich ziehen. Ihre Erfindungen gehören zum Firmeneigentum«, wiederholte Uhlendorf, »selbst die bis dato in Angriff genommenen Neuerungen dürfen Sie nicht ohne meine Genehmigung beziehungsweise die der TTAG verwerten.«

»Und die Alternative?«, fragte Johannes Saalmann.

Franz Uhlendorf nickte. »Der Verkauf an die TTAG wäre für mich profitabler. Aber ich denke, wir finden einen Kompromiss …«

»Und Korea?« Saalmann schaute den Firmenchef beschwörend an.

»Korea liegt mir so fern wie Singapur.«

»Sie spielen mit uns Katz und Maus«, warf Hammes ein, der seinem Ärger nun endlich Luft machen musste.

»Keineswegs. Aber gut: Ich habe auch ein Konzept ausgearbeitet, das Ihnen beiden die Übernahme ermöglicht – vorausgesetzt, Sie akzeptieren meine Bedingungen. Ich denke an eine angemessene Leibrente bis zu meinem Ableben, weiterhin an einen Kommanditistenanteil mit der herkömmlichen Verzinsung, der nach meinem Tod unverändert an meinen Sohn übergeht. Aufgrund Ihrer Vermögenslage werden Ihnen die Banken entsprechende Kredite bewilligen. Zusätzlich bestehe ich darauf, dass die Firmierung beibehalten wird, und gestatte Ihnen wahlweise die Zusätze ›Nachfolger‹, ›GmbH & Co.‹ oder ›GmbH & Co. KG‹«, trug Uhlendorf vor und erhob sich. »Die TTAG erwartet bis zum fünfzehnten Februar nächsten Jahres meine Antwort«, sagte er noch, ging zu seinem Schreibtisch und nahm die angefertigten Kopien zur Hand. Dann trat er wieder an den Tisch, setzte sich und reichte den Direktoren die Unterlagen. »Denken Sie daran: Es geht nicht nur um meine Zukunft, sondern auch um Ihre.« Nach diesen Worten verabschiedete er die überraschten Mitarbeiter und lehnte sich schmunzelnd in seinem Stuhl zurück.

***

Henning Uhlendorf war wie geplant Ende Januar nach Singapur geflogen und freundlich von Professor Kim Lee, einem sympathischen und intelligenten jungen Mann, und seinen Mitarbeitern empfangen worden. Kim Lee sprach fließend Englisch und Deutsch und nahm sich vor allem in den ersten Tagen viel Zeit für den Doktoranden aus Aachen, der noch ganz überwältigt von den vielen neuen Eindrücken war, die in der asiatischen Metropole auf ihn einstürzten.

Gleich am ersten Tag seines Aufenthalts hatte Henning ein hübsches Appartement bezogen, das nicht weit vom Youssuf College entfernt war und in dem er sich rasch heimisch fühlte. Es verfügte über zwei kleine Zimmer, ein Bad, eine Küchenzeile und recht ansprechendes Mobiliar. Außerdem gab es in Singapur offenbar nichts, was man nicht kaufen konnte. So entdeckte Henning bei seinen Streifzügen durch die Stadt zu seiner großen Überraschung Käse aus Oldenburg und deutsches Bier.

Henning hatte keinerlei Schwierigkeiten, sich einzuleben. Das schwüle Klima machte ihm kaum zu schaffen, und auch im College fand er schnell Anschluss. Mit den Assistenten des Professors, meist Doktoranden wie er selbst, stellte er eine Liste für das noch zu beschaffende Arbeitsmaterial zusammen. Mitte Februar startete er bereits seine erste Versuchsreihe, und nach anfänglichen Misserfolgen und Korrekturen verzeichnete seine Arbeit schon bald erste Erfolge.

Aufgeschlossen und offen, wie er war, fiel es Henning nicht schwer, in der asiatischen Metropole rasch Bekanntschaft mit anderen europäischen und asiatischen Studenten zu schließen. Seine Freizeit verbrachte er hauptsächlich am »Strand von Sentosa«, führte angeregte Gespräche mit jungen Asiaten und schrieb ausführliche Briefe nach Deutschland.

Sein Heimweh hielt sich in Grenzen. Sein Vater hatte ihm kürzlich mitgeteilt, dass er seine Pläne in die Tat umgesetzt und sich zur Ruhe gesetzt hatte. Die beiden Direktoren Hammes und Saalmann hatten seine Bedingungen akzeptiert und leiteten nun voll haftend die Uhlendorf-Technik. Er selbst, so hatte sein Vater weiter geschrieben, habe inzwischen fast vollkommen das Interesse an den Belangen der Firma verloren, die ihn, abgesehen von der Kommanditisteneinlage, nichts mehr angehe. Doch er habe sich, neben der angemessenen Beteiligung am Kapital, ein Mitspracherecht in der Firma gesichert. Mehrmals hatte Franz betont, dass er mit dem Austritt aus dem Arbeitsleben einen neuen Lebensabschnitt beginnen wolle. In anschaulicher Sprache, die Henning nicht von seinem Vater kannte, beschrieb Franz Uhlendorf, wie er auf dem Speicher nach seinem alten Geigenkasten und längst vergessenen Noten gesucht hatte, um seinem alten Hobby, dem Geigenspiel, nachzugehen. Angeblich hatte der Vater sämtliche Wirtschafts- und Politmagazine abbestellt und genoss es nun, all die Romane zu lesen, zu denen er in der Vergangenheit nie die Zeit gefunden hatte. An schönen Tagen spazierte Franz über die Deiche nach Voslapp, radelte nach Jever und besuchte an Schlechtwettertagen die Cafés in Wilhelmshaven. Sorge bereiteten Henning allerdings die letzten Sätze des Briefes:

»Lieber Junge, nach vielen Grübeleien und vergeblichen Versuchen, mit deiner Mutter in mentalen Kontakt zu treten, bin ich nun endgültig davon überzeugt, dass der Tod der menschlichen Existenz ein Ende setzt. Es gibt kein Leben nach dem Tod, auch keines des Geistes. Da dem so ist und ich die sechzig bald überschreite, habe ich mir fest vorgenommen, meine letzten Jahre noch zu genießen, der Einsamkeit zu entfliehen und mich den irdischen Freuden hinzugeben. Auch ich habe noch Wünsche und Bedürfnisse, und die Einsamkeit macht mir sehr zu schaffen …«

Den irdischen Freuden hinzugeben? Henning schüttelte bei dem Gedanken an diese Worte nachdenklich den Kopf. »Papa ist und bleibt ein Trotzkopf. Er wird doch nicht wie viele Männer seines Alters Ausschau nach einer jüngeren Lebensgefährtin halten? Das hat Mama nicht verdient«, murmelte er beunruhigt vor sich hin. Doch schon bald nahm seine Arbeit im College ihn so in Anspruch, dass er den Brief seines Vaters fürs Erste wieder vergaß.

***

Am Nachmittag des sechzehnten Februar erreichte ein Tiefdrucksystem aus Skandinavien die Danziger Bucht. Über der Stadt Oliva mit der historischen Klosterkirche, der berühmten Orgel und dem weitläufigen Schlossgarten zogen schwere schwarze Wolken auf.

Auf dem neuen Friedhof hielten die Trauergäste ihre Schirme gegen den stürmischen Wind, der ihnen nasskalten Regen entgegenwarf und durch Lebensbäume, Rhododendren und Birken fuhr. Dicke Tropfen fielen auf den hellen Eichensarg und sammelten sich vor dem offenen Grab in großen Pfützen.

Der Pfarrer, durchnässt und verfroren, segnete ein letztes Mal den Sarg. Seine Gebete trug der Wind davon. Die Sargträger hoben zum letzten Gruß ihre Mützen, Regen nässte ihre Gesichter. Dann verbeugten sie sich und griffen nach den Leinengurten, um den Sarg ins Grab hinabzulassen.

Die kleine Trauergemeinde stand mit wehenden Jacken auf dem zertretenen Gras. Einige weinten, andere trauerten stumm, und manche sehnten nur das Ende der Zeremonie herbei, während sie zusahen, wie der Pfarrer erneut an das Grab trat und eine kleine Schaufel Erde auf den Sarg fallen ließ. »Asche zu Asche, Staub zu Staub …«

Olga Stocheck, eine auffallend schöne Frau Mitte fünfzig, löste sich vom Arm ihres ältesten Sohnes, trat blass und mit vom Weinen rot geränderten Augen vor und ließ einen Strauß roter Rosen auf den Sarg fallen. Ihre Lippen bewegten sich lautlos im Gebet, und einige Strähnen ihres langen schwarzen Haars hatten sich aus dem Knoten gelöst und wehten nun traurig um ihr Gesicht. Ihre beiden Söhne traten an ihre Seite. Sie senkten den Blick und verharrten so sekundenlang, um stumme Zwiesprache mit dem verstorbenen Vater zu halten und dann von ihm Abschied zu nehmen.

Jerzy Stocheck, stellvertretender Leiter des staatlichen Postamtes von Oliva, treu sorgender Ehemann und zweifacher Vater, war mit neunundfünfzig Jahren plötzlich und unerwartet an den Folgen eines Herzinfarktes verstorben.

***

Über Singapur lag an diesem Tag im April eine feuchte Dunstglocke. Das Thermometer zeigte wie so oft dreißig Grad an, doch der vom Meer einfallende Wind brachte ein wenig Kühlung. Der Verkehr kroch an diesem Nachmittag wieder einmal quälend langsam durch die Innenstadt. Im Schatten der Hochhäuser wimmelte es von Menschen, die in sommerlicher Kleidung die Einkaufsstraßen mit den vielen kleinen Läden bevölkerten. Händler boten an Ständen Obst, Gemüse, Fisch, Geflügel, Fleisch und Gewürze feil; der Duft fremder asiatischer Speisen erfüllte die Luft.

Henning Uhlendorf bahnte sich zielsicher einen Weg durch das Gewimmel auf der Orchard Road und betrat das Singapur Hilton, in dem er am Vorabend im Rahmen der internationalen Tagung der Maschinenbauer mit einer Gruppe Professoren, Dozenten und Doktoranden, zu der auch Professor Garrels gehört hatte, zu Abend gegessen hatte. Mit einer Plastiktüte in der Hand, in der sich die Hose befand, die er bei diesem Anlass getragen hatte, durchquerte er die exklusiv ausgestattete Hotelhalle, ging zur Rezeption und erklärte dem jungen Chinesen, der dort seinen Dienst versah, sein Anliegen.

»One moment, please«, bat dieser, wies galant auf die elegante Sitzecke, die von Palmen und anderen exotischen Grünpflanzen umgeben war, und griff zum Telefon.

Während Henning Platz nahm, sah er sich interessiert in der weitläufigen Halle um. Ein riesiger Deckenventilator sorgte für einen gleichbleibend kühlen Luftzug, den Boden zierte ein kostbares Mosaik, das einen Drachen darstellte, und irgendwo im Hintergrund plätscherte ein Springbrunnen munter vor sich hin.

Henning schmunzelte erwartungsvoll, als er daran dachte, dass er sie gleich wiedersehen würde …

Bei dem exquisiten Dinner am Vorabend war der jungen Kellnerin, die für Hennings Tisch zuständig gewesen war, ein kleines Missgeschick passiert. Beim Servieren des Nachtischs hatte sie eine Schale mit roter Grütze fallen lassen, die unschöne Flecken auf Hennings Hose hinterlassen hatte. Das kleine Malheur hatte im Restaurant für Aufregung gesorgt, schließlich wollte man sich vor den internationalen Gästen von der besten Seite zeigen. Und so war Henning vom eilig herbeigelaufenen Oberkellner unter tausend »Beileidsbekundungen« gebeten worden, die Hose am nächsten Tag ins Hotel zu bringen, damit man sich um die Reinigung kümmern könne.

Natürlich wäre es für Henning kein Problem gewesen, selbst die Kosten für die Reinigung zu tragen – doch ein Blick in die dunklen Augen der hübschen, zierlichen Kellnerin mit dem modischen Pagenschnitt hatte genügt, um in ihm den Wunsch zu wecken, sie wiederzusehen.

Während Hotelgäste aller Nationalitäten in die Eingangshalle strömten, hörte Henning, wie der Aufzug hinter ihm mit einem hellen Klingeln anhielt. Die Türen rauschten auseinander – und da war sie. Schüchtern und mit einem leicht verlegenen Lächeln trat sie auf ihn zu. Wie am Vorabend trug sie eine dunkelblaue, weit geschnittene Hose, eine weiße Bluse und hochhackige Schuhe. Ihr hübsches Gesicht mit den schmalen Augen und der kleinen Nase erschien Henning seltsam vertraut.

»Sorry«, begann sie und reichte ihm die Hand.

Sie sieht aus wie eine zerbrechliche Porzellanpuppe, dachte er gerührt, erhob sich und schaute die Kellnerin fasziniert an.

»Ich bitte noch einmal um Entschuldigung für mein Missgeschick«, sagte sie in fließendem Englisch, schaute fragend auf die Tüte in Hennings Hand und nahm sie ihm dann ab. »Ich bringe deine Hose selbst zur Reinigung. Bis neunzehn Uhr dreißig habe ich frei.«

Henning sah auf seine Uhr. Ihm war es nun doch ein wenig peinlich, dass er die junge Chinesin bemüht hatte. »Darf ich dich begleiten?«, fragte er rasch. »Dann erfahre ich auch gleich, wo ich die Hose abholen kann.«

Sie lächelte, und ihm kam es so vor, als spürte sie seine Verlegenheit. »Gern«, antwortete sie freundlich. »Die Reinigung, die für das Hotel arbeitet, befindet sich an der Scotts Road.«

Sie verließen das Hotel, traten auf die Orchard Road hinaus und mischten sich unter die Passanten. Henning warf immer wieder verstohlene Blicke auf seine hübsche Begleiterin, die ihm gerade einmal bis zur Brust reichte. Sie gefiel ihm – nein, es war mehr als das. »Ich heiße Henning Uhlendorf und bin Deutscher«, sagte er, nur um etwas zu sagen. »Ich mache gerade am Youssuf College meinen Doktor.«

»Ich habe dich für einen Amerikaner gehalten. Mein Name ist Suzie Kin«, erwiderte sie und wies auf einen kleinen Laden, an dessen Fassade wie an den Geschäften in der Nachbarschaft ein buntes Werbetransparent mit asiatischen Schriftzeichen angebracht war. »So, da sind wir schon! Hier ist die Reinigung«, erklärte sie und betrat an Hennings Seite das Ladenlokal. Nachdem sie einige Worte mit der Chinesin an der Theke gewechselt und den Abholschein für die Hose eingesteckt hatte, lotste sie Henning wieder auf die belebte Straße. »Am Donnerstag liegt deine Hose an der Hotelrezeption für dich bereit«, erklärte sie und machte Anstalten, ihn nach kurzem Gruß zu verlassen.

Henning schaute sich suchend um. »Bis zu deinem Dienstantritt bleibt dir doch noch etwas Zeit für einen Kaffee«, meinte er und wies auf ein kleines Straßencafé, dessen gemütliche Korbstühle zum Verweilen einluden. »›Café de Paris‹ – hier gibt es bestimmt französischen Kaffee.«

Suzie Kin lächelte ihn belustigt an. »Gern, mein Vater hat übrigens in Straßburg studiert. Er hat immer von der französischen Art, Kaffee zuzubereiten, geschwärmt.«

»Was machst du, wenn du nicht im Hotel bedienst?«, wollte Henning wissen. Sie hatten bereits an einem kleinen Tisch Platz genommen und ihre Bestellung aufgegeben. Suzie Kin sah einfach bezaubernd aus, wenn sie lächelte, fand Henning.

»Ich befinde mich in der Ausbildung. Ich habe Wirtschaftswissenschaften studiert und absolviere im ›Hilton‹ ein Traineeprogramm. Danach hoffe ich, im Amt für Touristik eine Anstellung zu bekommen.«

Henning erzählte, was ihn nach Singapur verschlagen hatte. Er berichtete von seiner Arbeit im Institut und von dem schweren Schicksalsschlag kurz vor seiner Abreise.

»Mein Vater lebt auch nicht mehr«, meinte Suzie Kin leise. »Er war Arzt. Meine Mutter wohnt aber wieder mit einem Mann zusammen – er besitzt ein Fahrradgeschäft.«

»Und hast du noch Geschwister? Ich leider nicht.«

Suzie Kin nickte und sah ihr Gegenüber eine Weile nachdenklich an. Dann sagte sie: »Einen jüngeren Bruder. Er ist behindert, seit er in jungen Jahren an Kinderlähmung erkrankt ist. Meine Mutter kommt nicht gut mit ihm zurecht. Ich bin es, die sich um ihn kümmert. Aber ich muss jetzt zurück ins Hotel …« Sie machte eine kleine Pause. »Henning, Henning Uhlendorf, das ist ein sehr langer Name – und sehr kompliziert für mich.«

Henning lachte. Er fand sie entzückend. »Ich würde dich gern wiedersehen, Suzie. Wir könnten doch mal zusammen tanzen gehen …«, schlug er vor und spürte, dass ihm das Blut in die Wangen stieg.

Sie legte Geld für ihren Kaffee neben die Tasse und sah ihn offen an. »Die Hose liegt am Donnerstag für dich an der Rezeption bereit. Wenn ich es schaffe und mein Dienst es zulässt, gebe ich sie dir persönlich. Sagen wir, um achtzehn Uhr?«

Henning nickte, und als sie sich zum Abschied noch einmal umwandte und ihm ihr strahlendes Lächeln schenkte, hätte er vor Glück die ganze Welt umarmen können.

***

Am Karsamstag war die sechsundfünfzigjährige Olga Stocheck wie jeden Tag zum Friedhof gefahren, um am Grab ihres verstorbenen Mannes ein Licht anzuzünden, den Boden ein wenig aufzuharken und nach den Narzissen zu sehen, die sie ihm am Vortag gebracht hatte. Noch immer saß sie im Schatten der alten Trauerweide auf der Bank und gab sich ihren Erinnerungen hin.

Auf den Tag genau vor sechsundzwanzig Jahren hatte sie Jerzy auf dem Sportfest der »Jungen Brigaden« im Ostseebad Zopott kennen gelernt. Jerzy, ein polnischer Leichtathlet, hatte damals den Marathon »Rund um Zopott« gewonnen. Olga war an jenem Abend bei der Siegerehrung im Kurhaus als Geigerin aufgetreten – zu dieser Zeit hatte sie zu den »Danziger Symphonikern« gehört. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Der bekannte polnische Sportler hatte die schöne dunkelhaarige Musikerin nach der Feierstunde zu einem Glas Sekt an der Bar eingeladen. Am späten Abend hatten sie sich am Strand zum ersten Mal geküsst. Olga erinnerte sich noch heute an den kühlen Seewind, an das Plätschern der Wellen und an den sternenklaren Himmel über ihnen.

Sie hatte mit Jerzy viele glückliche Jahre verlebt. Nun war er tot.

Mühsam löste Olga sich aus ihren Gedanken. Morgen war Ostersonntag. Ihr Sohn Leszek und seine Freundin Agniezka hatten sich zum Frühstück angemeldet. Wladyslaw, der Jüngere, wollte zum Mittagessen kommen, und Olga freute sich auf den Besuch der Kinder, die den Tod des Vaters, wie ihr schien, recht gut verkraftet hatten. Ganz im Gegensatz zu ihr selbst. Noch immer wurde sie häufig nachts wach, weil sie im Schlaf geweint hatte.

Leszek wohnte mit seiner hübschen Freundin Agniezka in einer Dachwohnung in Danzig. Der Junge hatte Jerzy und Olga vor Jahren viel Kummer bereitet. Nach heftigen Auseinandersetzungen hatte er die Schule geschmissen, mit dubiosen Freunden untätig in den Tag hineingelebt und war schließlich irgendwo in Warschau untergetaucht. Erst nach dem Militärdienst hatte er sich wieder gefangen und eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker gemacht. Heute arbeitete er in einer Skoda-Werkstatt in Danzig. Agniezka, seine Freundin, war gelernte Schneiderin und verdiente ihr Geld in einer exquisiten Boutique. Sie hatte eine Schwäche für Mode, Kosmetik und westlichen Schick.

Olga bedauerte sehr, dass ihr jüngerer Sohn Wladyslaw, der ihr äußerlich sehr ähnlich sah, nach dem Abitur am Musischen Gymnasium sein musikalisches Talent nicht weiterentwickelt hatte. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Warschau, doch Olga hielt ihn nach wie vor für einen begabten Pianisten. Schon als Kind war Wladyslaw ernsthafter, besonnener und verlässlicher als sein Bruder gewesen. Ein kleines Lächeln schlich sich in ihre Mundwinkel, als sie an das letzte Telefonat mit Wladyslaw dachte, in dem er vorsichtig, aber dennoch unmissverständlich angedeutet hatte, dass er sich in eine junge Kommilitonin verliebt hatte. Es muss wirklich etwas Ernstes sein, dachte Olga nun. Noch nie zuvor hat er mir von einem Mädchen erzählt. Sie nahm sich vor, ihm wie seinem Bruder bei ihrem Besuch wieder ein wenig Geld extra zuzustecken. Die Kinder sollten sich etwas leisten können …

Dabei stand es seit Jerzys Tod mit Olgas Finanzen nicht zum Besten. Doch sie wollte nicht klagen. Die Oberpostdirektion hatte ihr mitgeteilt, dass ihr fünfundsiebzig Prozent der Bezüge ihres verstorbenen Mannes zustanden. Das musste bei ihren bescheidenen Ansprüchen reichen. Die Dienstwohnung in Oliva stand ihr noch ganze fünf Jahre zur Verfugung, und die Gebühren für Wladyslaws Studium übernahm das Amt. Danach würde sie weitersehen. Dennoch nahm sie sich vor, am Abend noch einmal all ihre Kosten genau aufzulisten. Vielleicht gab es doch noch irgendwo eine Möglichkeit, Geld zu sparen. Möglicherweise ließ sich der Leiter der Volkshochschule, für die sie als Musiklehrerin arbeitete, ja auch zu einem weiteren Geigenkurs überreden.

Nach ihrer Heimkehr verstaute Olga zuerst einmal die Lebensmittel, die sie unterwegs eingekauft hatte, im Kühlschrank, schlüpfte aus dem schwarzen Mantel und nahm die Post zur Hand. Neben einer Reklamesendung und einer Karte ihrer Cousine Wanja war ein Brief gekommen. Künstleragentur Frederic Sloboda, Warschau, lautete der Absender. »Die gibt es also immer noch«, murmelte Olga leise vor sich hin und öffnete den Umschlag. »Was die wohl von mir wollen?« Als sie die maschinegeschriebene Seite auffaltete, verspürte sie mit einem Mal eine seltsame innere Anspannung, und mit klopfendem Herzen begann sie zu lesen:

Sehr geehrte Frau Stocheck,

wir wenden uns auf Anraten von Professor Tadeusz Adamski an Sie, der Ihnen auf diesem Weg sein herzliches Mitgefühl zum Tode Ihres Herrn Gemahls zum Ausdruck bringen möchte.

Professor Adamski war bei den Danziger Symphonikern Ihr Kollege. Inzwischen ist er, wie Sie sicher Presseberichten entnommen haben, Chefdirigent des Staatlichen Polnischen Symphonieorchesters.

Während der Hauptsaison gastiert er mit seinem Ensemble auf der deutschen Nordseeinsel Norderney und bittet Sie, sich ihm und seinen Musikern anzuschließen. Das Eröffnungskonzert im »Haus der Insel« auf Norderney findet am sechsundzwanzigsten Juni statt, die Abschiedsvorstellung ist für den achtundzwanzigsten August geplant.

Schon heute sichert Professor Adamski Ihnen ein lukratives Honorar zu. Unterbringung und Verpflegung entsprechen westlichen Standards. Die Kosten hierfür übernimmt die Kurverwaltung Norderney.

Professor Adamski erwartet Ihre Antwort bis zum neunten Mai.

Mit freundlichen Grüßen

Frederic Sloboda

Als Olga Stocheck den Brief gelesen hatte, standen Tränen in ihren Augen. Doch diesmal waren es Tränen der Dankbarkeit.

***

Mit klopfendem Herzen betrat Henning am Donnerstag kurz vor achtzehn Uhr das Hilton. Er hielt eine weiße Orchideenblüte hinter dem Rücken versteckt, die er für Suzie gekauft hatte. Die dunkelhaarige Rezeptionistin schaute ihm mit einem freundlichen Lächeln entgegen. Henning stellte sich vor. »Ich komme wegen meiner Hose, vielleicht wissen Sie ja Bescheid …«, fügte er auf Englisch hinzu.

Die junge Frau nickte, bückte sich und reichte Henning wenig später eine weiße Plastiktüte.

»Kann ich bitte Fräulein Kin sprechen?«, fragte er schüchtern. »Ich möchte mich gern bei ihr bedanken. Sie hatte wegen mir viele Unannehmlichkeiten.«

»Meine Kollegin hat bereits Feierabend. Sie ist morgen wieder im Hause«, kam es in verbindlichem Ton zurück.

»Danke«, murmelte Henning enttäuscht, verabschiedete sich und verließ das Hotel. Warum hatte Suzie nicht auf ihn gewartet? Die Orchidee steckte er in die Plastiktüte, schlenderte langsam über die Orchard Road, die ihm mit einem Mal gar nicht mehr so bunt erschien, und stand wenig später – er wusste selbst nicht, wie er dorthin gekommen war – vor dem Café de Paris. Gedankenverloren ließ er sich auf einen der freien Korbstühle sinken und dachte an seinen letzten Besuch in diesem Café. Eine Schar meist elegant gekleideter Passanten flanierte an ihm vorbei, doch Henning hatte keinen Blick für sie. Seine Gedanken wanderten zu Suzie, an die er in der Zwischenzeit so oft hatte denken müssen, und er nahm sich vor, am nächsten Tag auf jeden Fall im Hotel nach ihr zu fragen. Zu dumm, dass er sich nicht nach ihrer Adresse erkundigt hatte!

Er dachte plötzlich an zu Hause. Sein Vater hatte ihm wieder geschrieben. Er hatte sich von dem Ferienhaus am Ijsselmeer getrennt – alles erinnerte ihn dort an die glücklichen Zeiten mit Hennings Mutter -und sich eine schöne Eigentumswohnung auf Norderney gekauft, wohin er auch seine Jacht überführt hatte. Franz Uhlendorf freute sich darauf, den Lebensabend auf der schönen Nordseeinsel zu verbringen, und Henning hatte vollstes Verständnis für diese Entscheidung. Mit Freunden war er vor einiger Zeit auf Norderney gewesen, und er hatte eine vage Vorstellung, wo die Kaiserstraße – dort befand sich die Wohnung mit Seeblick, von der sein Vater geschrieben hatte – liegen musste. Ja, Norderney war für seinen Vater sicher eine Alternative! Die Insel bot mit ihren edlen Geschäften, den gut geführten gastronomischen Betrieben und einem breit gefächerten, interessanten Kulturprogramm, mit Wellenbad und Sauna und nicht zuletzt mit der zauberhaften Dünenlandschaft älteren Menschen, die dem Lärm der Großstadt entfliehen wollten, ein breites Spektrum. Und Vater war dort auch nicht aus der Welt. Sollte es ihn nach Wilhelmshaven ziehen, würde er vom Fähranleger in Norddeich nicht länger als eine Stunde zu fahren haben.

Henning bezahlte den Café au Lait, den er getrunken hatte, und beschloss, zum Flughafen zu fahren. Er verspürte plötzlich Sehnsucht, am Lufthansa-Schalter einige Brocken Deutsch aufzufangen. Er wollte seine Geldbörse eben in die Plastiktüte schieben, als ihm ein kleiner weißer Umschlag ins Auge fiel. Henning, stand in einer grazilen, fein geschwungenen Schrift auf dem Umschlag. Lächelnd öffnete er das Kuvert und begann zu lesen:

Lieber Henning,

ich musste mich um meinen Bruder Hang kümmern und den Dienst mit einer Kollegin tauschen. Können wir uns am Freitagabend im »Café de Paris« treffen? Ich hoffe sehr, du bist dort.

Suzie

»Natürlich werde ich da sein, kleine Suzie«, sagte Henning zärtlich, und er spürte, wie sein Herz bei dem Gedanken an die junge Frau unwillkürlich schneller klopfte.

***

Das urige Ausflugslokal Wattscheune lag, umgeben von hoch gewachsenen Buchen, in der Nähe der Kreisstraße, die Voslapp und Rüstersiel mit Wilhelmshaven verband. Gleich neben dem repräsentativen, reetgedeckten Haus mit dem bekannten Restaurant schlängelte sich die nur wenige Meter breite Maade durch das idyllische Wandergebiet. An ihrem seichten Ufer wuchsen Sumpflilien und hellgrünes, fast mannshohes Schilf, das mit dichtem Strauchwerk durchsetzt war.

An diesem Abend fegte der Wind kalt über den nahe liegenden Deich des Jadebusens und trieb dunkle Wolken über den Himmel. Die Außenleuchten der Gartenanlage spiegelten sich in den Pfützen, als Johannes Saalmann aus seinem Mercedes stieg, fröstelnd den Kragen seines Mantels hochstellte und mit einem hübsch verpackten Paket unter dem Arm eilig zum Eingang der Wattscheune lief. Sein Freund und Kompagnon Kurt Hammes hatte eine große Gesellschaft in das Lokal geladen, um seinen fünfzigsten Geburtstag zu feiern.

Als Saalmann den Festsaal betrat, schlug ihm bereits ausgelassene Stimmung entgegen. An einem Tisch in der Nähe des Jubilars entdeckte er seine Frau Anette und einige Honoratioren der Gegend und winkte ihnen lächelnd zu. Als er an ihren Tisch trat, sagte er mit einem charmanten Lächeln: »Erst meine Frau, auf die ich einige Tage verzichten musste …« Er gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange, begrüßte dann ihren Tischnachbarn Heyena, der Professor an der Fachhochschule war und ihnen in der Firma hin und wieder beratend zur Seite stand, dessen Frau sowie Monika und Albert Buss, den Leiter der Weser-Ems-Bank, und nahm dann neben Anette Platz. Das Fest hatte schon vor einer Stunde angefangen.

Der Professor stopfte genüsslich seine Pfeife und wollte jovial wissen: »Na, werter Herr Saalmann, lohnt es sich für Sie überhaupt, nach Ihrer Seoul-Reise den Koffer auszupacken? Wohin zieht es Sie denn als Nächstes?«

Saalmann gab ihm Feuer und lachte. »In die Staaten, nach Detroit. Ja, ich würde wirklich gern einige Zeit im schönen Wilhelmshaven bleiben. Doch die Uhlendorf-Technik ist im nordwestdeutschen Raum nach VW das einzige Unternehmen in der Auto-Industrie mit Wachstumsraten. Da muss man bereit sein, Abstriche zu machen, was Privatleben und Freizeitgestaltung angeht.« Nachdem er seine Bestellung aufgegeben hatte, blickte er sich im Festsaal um. Er entdeckte Geschäftsfreunde, Mitglieder des örtlichen Tennis- und Golfclubs, Rotarier, den IHK-Präsidenten, den Stadtdirektor nebst Gattin sowie eine Reihe Honoratioren aus Politik und Wirtschaft und sah, dass Kurt Hammes, der ihm gut gelaunt zugewinkt hatte, sich nun erhob, auf die Bühne trat und das Mikrofon ergriff.

»Liebe Familie, liebe Freunde, liebe Gäste, ich heiße euch alle herzlich willkommen und freue mich, dass ihr so zahlreich erschienen seid, um mit mir in meinen fünfzigsten Geburtstag hineinzufeiern. Ich hoffe, dass es mir und meiner Familie gelingen wird, euch im Gegenzug einen unvergesslichen Abend zu bereiten. Zur Eröffnung des kleinen Programms bitte ich das ›Jadequartett‹ auf die Bühne.«

Während die Musikanten auf den bereitgestellten Stühlen Platz nahmen und die »Muntere Forelle« in gekonnter Weise intonierten, verließ Hammes die Bühne und mischte sich ins Getümmel. Die Musik wurde von den Gästen begeistert angenommen, viele wippten im Takt mit und freuten sich auf den Moment, in dem der offizielle Teil der Feier beendet war und endlich getanzt werden durfte. Als Nächster betrat der Präsident der IHK die Bühne. In seinem Vortrag wies er auf die hohe Arbeitslosigkeit in der Region hin, sandte kritische Worte in Richtung Berlin und hob die Verdienste der Uhlendorf-Technik und ihres Leiters Kurt Hammes lobend hervor.

Nach dem IHK-Präsidenten, der mit seiner Rede Beifall erntete, betraten Hammes’ ehemalige Kommilitonen die Bühne. Sie überreichten dem Jubilar flachsend einen Präsentkorb mit Leckereien und erzählten lustige Anekdoten aus der gemeinsamen Studienzeit. Die Stimmung hätte besser nicht sein können.

Nachdem der Personalrat im Namen aller Angestellten der Uhlendorf-Technik Kurt Hammes gratuliert und ihm ein wertvolles Fahrrad mit allen technischen Finessen überreicht hatte (»… damit Sie fit und gesund und uns allen noch viele Jahre als Chef erhalten bleiben …«), betrat Johannes Saalmann in Begleitung seiner Frau Anette die Bühne. Herzlich drückte er seinen Freund und Kompagnon an sich und überreichte ihm ein Paket. »Lieber Kurt«, meinte er dann für alle gut hörbar, »das ist mein Geschenk an dich. Es wiegt nicht viel, besitzt aber dennoch für uns alle ein sehr großes Gewicht.« Schmunzelnd schaute er in Hammes’ verwirrtes Gesicht und beobachtete, wie sein Freund neugierig das Papier aufriss und der Schachtel schließlich Formulare in mehrfacher Ausfertigung entnahm.

Mit fliegenden Fingern blätterte Kurt Hammes durch die Seiten, dann lief ein Strahlen über sein Gesicht, und er klopfte Saalmann glücklich auf die Schulter. »Johannes, alter Fuchs!«, rief er begeistert und verkündete dann mit einem Blick in die Menge laut und deutlich: »Der erste Auftrag aus Seoul – in Höhe von neunhundertfünfzigtausend Mark!«

Das saß. Nun hielt es niemanden mehr auf seinem Stuhl. Unter tosendem Beifall verließen die beiden Leiter der Uhlendorf-Technik die Bühne und verschwanden gemeinsam an der Bar, um sich erst einmal einen ordentlichen Schluck auf diesen sensationellen Geschäftsabschluss zu genehmigen.

Als um vierundzwanzig Uhr die Gäste ein vielstimmiges »Happy Birthday« anstimmten, erreichte die Stimmung ihren Höhepunkt.

An den Firmengründer und Kommanditisten Franz Uhlendorf, der zu dieser Feier nicht erschienen war, dachte an diesem Abend kaum jemand.

***

Der Wind wehte mit Stärke vier aus westlicher Richtung. Es war sonnig, und am Himmel trieben weiße Schäfchenwolken, als Franz Uhlendorf von einem Törn nach Baltrum zurückkehrte.

Pfeifend verließ er die Plicht, raffte die Segel und steuerte die »Tulipan« unter Motor umsichtig in den Jachthafen von Norderney. Nachdem er am Steg angelegt und das Schiff vertäut hatte, sprang er von Bord, nahm sein Rad aus dem Ständer und radelte über den Gorch-Fock-Weg und den Habbenpatt zur Kaiserstraße, an der sein weitläufiges Appartement lag.

Der Hausmeister mähte gerade den Rasen vor der gepflegten Wohnanlage, und Franz atmete den Duft von frisch geschnittenem Gras tief in die Lunge. Es riecht nach Frühling, dachte er, als er die Treppen hinaufstieg und wenig später seine hübsch eingerichtete Wohnung betrat.

Franz stellte den Rucksack in die Diele und ging erst einmal in die Küche, um sich einen Tee zu kochen. Dann deckte er den kleinen Tisch auf dem Balkon, machte sich einen Imbiss zurecht und ließ es sich unter freiem Himmel gut gehen. Ein herrlicher Frühabendhimmel spannte sich über dem Land, und Franz’ Gedanken wanderten zu Henning im fernen Singapur, dessen Forschungserfolge am Youssuf College ihn freuten. Sein Verfahren hatte sich als vielversprechend erwiesen. Nun galt es, es durch weitere Versuchsreihen zu bestätigen und für die Industrie nutzbar zu machen. An die Firma dachte Franz Uhlendorf nur noch selten, und auch die Jahre mit Senta begannen sich allmählich zu verflüchtigen. Ihr Grab wurde von der Gärtnerei Schluppenkamp gepflegt. Nur hin und wieder fuhr Franz noch in das Haus in Rüstersiel, um das sich Trudi Patten nach wie vor kümmerte.

Franz hatte sich inzwischen recht gut auf der Nordseeinsel eingelebt. Der Norderneyer Seglerverein hatte ihn zu seiner diesjährigen Mitgliederversammlung eingeladen. Der Präsident des Vereins beabsichtigte, Franz bei dieser Gelegenheit den Segelkameraden vorzustellen.

Franz Uhlendorf seufzte, als er an den langen Abend dachte, der auf ihn wartete. Er nahm noch einen kleinen Schluck Tee zu sich und griff nach dem Veranstaltungskalender. Die Ankündigung sprang ihm gleich ins Auge: Das Staatliche Polnische Symphonieorchester unter der Leitung von Tadeusz Adamski gab am Abend im Haus der Insel sein Eröffnungskonzert mit Werken von Beethoven, Schumann und Mahler.

»Hervorragend«, murmelte Franz, griff zum Telefon und ließ sich im Veranstaltungsbüro eine Karte reservieren. Voller Vorfreude auf den Abend dachte er an längst vergangene Zeiten. Er hatte das Abitur am Humboldt-Gymnasium in Wilhelmshaven gemacht. Das Fach Musik war ihm immer eines der liebsten gewesen, nicht zuletzt, weil sein Vater, der Lehrer an der Volksschule Heidmühle gewesen war, Franz früh das Geigespielen beigebracht hatte. Als Zwölfjähriger hatte er zweimal pro Woche bei dem Berufsmusiker und Geiger Anton Gesell vom Hamburger Rundfunkorchester Privatunterricht erhalten; später hatten ihn die Eltern in die Obhut eines Musikpädagogen in Jever gegeben. Während seines Studiums an der TH Aachen und in den ersten Berufsjahren war das Musizieren dann immer mehr in den Hintergrund getreten. Erst seit kurzem griff Franz hin und wieder zu seiner Geige, und das nicht ohne Erfolg.

Als Franz Uhlendorf einige Stunden später in der hellen Frühjahrskombination, die ihm so gut stand, und einem weißen Oberhemd, zu dem er seine Lieblingskrawatte (die mit dem Schottenkaro) trug, das Haus der Insel betrat, drängten sich im Foyer bereits die Besucher. Er ging an die Kasse, nahm die Eintrittskarte entgegen und betrat wenig später den eleganten Konzertraum. An der Seite führte eine Treppe zur Empore hinauf, von der aus Franz einen guten Blick auf das Podium hatte.

Es gab nur noch wenige freie Plätze, als das Orchester unter großem Beifall das Podium betrat. Es bestand aus knapp fünfzig Musikern aller Altersstufen, die nach kurzer Verbeugung vor ihren Notenständern Platz nahmen. Sie stimmten ihre Instrumente, dann erloschen im Saal die Lichter, und das Konzert begann.

Berauschend schöne Musik erfüllte den Saal, der eine hervorragende Akustik besaß. Franz Uhlendorf gab sich ganz den bezaubernden Klängen hin. Ergriffen lauschte er dem Geigensolo einer schönen dunkelhaarigen Musikerin, die ihrer Geige die herrlichsten Töne entlocken konnte. Mit gesenktem Blick vertiefte er sich ganz in die Bilder, die die Musik vor seinem geistigen Auge heraufbeschwor.

Als der letzte Ton verklungen war, setzte frenetischer Beifall ein. Das Staatliche Polnische Symphonieorchester hatte sich auf Anhieb in die Herzen der Insulaner und Feriengäste gespielt.

***

Als Henning an diesem Nachmittag vor dem Shaw Center aus dem Bus stieg, spürte er eine ungewohnte Aufregung in sich aufsteigen. Obwohl vom Meer ein kühler Wind in die Stadt fiel, schwitzte er. Hinter den vielgeschossigen Hotels, Kaufhäusern und Verwaltungsgebäuden warf die Sonne ein milchigrotes Licht auf die Straßen. Quälend langsam bewegte sich der Feierabendverkehr durch die Orchard Road. Kauflustige strömten in das Shaw Center und die vielen Läden in der Nachbarschaft. Im Schatten einer Ladenpassage näherte sich Henning nun dem Café de Paris, in dem er mit Suzie verabredet war. Er sollte heute zum ersten Mal ihrem behinderten Bruder Hang begegnen.

Henning sah Suzie und ihren Begleiter sofort und blieb hinter einem Pfeiler stehen, um sie einen Moment unbemerkt zu beobachten. Hang war, wie Henning wusste, einundzwanzig Jahre alt und hatte von der Kinderlähmung körperliche Schäden davongetragen, die ihn hin und wieder aggressiv reagieren ließen. Außer diesen seltenen Wutanfällen, die meist dann auftraten, wenn er an seine körperlichen Grenzen stieß oder wegen seiner Behinderung gehänselt wurde, war Hang ein geistig normal entwickelter, recht intelligenter junger Mann. Er hatte die Schule besucht und arbeitete nun in einer Behindertenwerkstatt in der Hokkien Street.

Hang hatte kurz geschnittenes schwarzes Haar und rutschte gerade ungeduldig in seinem Korbsessel hin und her. Den Kopf hatte er ungelenk zur rechten Seite geneigt, seine Arme lagen reglos auf dem Tisch, doch sein Blick wirkte wach und offen.

Es ist sicher keine leichte Aufgabe für Suzie, sich um ihn zu kümmern, dachte Henning, während er hinter dem Pfeiler hervortrat und auf die beiden zuging.

Suzie wirkte ungewöhnlich nervös, doch sie strahlte Henning erleichtert an, als er zu ihnen trat, erhob sich und küsste ihn zärtlich auf die Wange. »Das ist mein Bruder Hang«, erklärte sie und machte die jungen Männer miteinander bekannt. Hang erhob sich ungelenk und ruckartig, doch er lächelte, reichte Henning mühsam die Hand und sprach einige chinesische Worte.

»Hang sagt, dass er sich freut, eine Langnase kennen zu lernen, und möchte wissen, wie groß du eigentlich bist«, übersetzte Suzie.

Henning fand ihren Bruder auf Anhieb sehr sympathisch. »Die Europäer sind in der Regel größer als die Asiaten, das stimmt – und ihre Nasen sind dementsprechend länger. Sag ihm das, Suzie«, bat er, und sie übersetzte.

Hang lachte, führte sein Colaglas umständlich an die Lippen und leerte es. Henning bestellte für alle drei Croissants und Café au Lait. Die Unterhaltung gestaltete sich recht schwierig, doch die beiden jungen Männer tauten immer mehr auf, und Hang schien den Nachmittag mit seiner Schwester und dem Doktoranden aus Deutschland zu genießen. Man sah ihm an, dass er den hochgewachsenen, blonden Henning, der gebildet und sportlich war, bewunderte, und bald ließ er ihn nicht mehr aus den Augen.

Es wurde ein schöner Abend, den auch Henning in vollen Zügen genoss.

»Hang bittet dich, ihn bald einmal an seinem Arbeitsplatz im Care House zu besuchen. Da war noch niemals eine Langnase«, übersetzte Suzie schließlich schmunzelnd und zwinkerte ihrem Freund zu.

»Sag ihm, dass ich ihn gern besuchen komme und dass es mir eine große Ehre ist«, bat Henning und schenkte dem jungen Chinesen einen herzlichen Blick.

Als die drei sich erhoben und auf den Heimweg machten, war es längst dunkel geworden, und unzählige Lichter warfen ihren vielfarbigen Schein auf den Boulevard. Wie selbstverständlich ergriff Henning Hangs Arm und half ihm, zur nahe gelegenen U-Bahn-Station zu gelangen.

»Für Hang war die Begegnung mit dir eine schöne Abwechslung. Sein Alltag ist manchmal sehr eintönig. Hab vielen Dank«, sagte Suzie zum Abschied und küsste Henning zärtlich auf den Mund. »Sehen wir uns morgen?«, wollte sie dann wissen.

Henning nickte glücklich. »Ja. Was hältst du von siebzehn Uhr am Strand von Sentosa? Und bring Hang mit, wenn er Zeit hat.«

***

Der Konzertsaal im Haus der Insel war an diesem Freitagabend nicht voll besetzt. Niemand nahm von Franz Uhlendorf Notiz, als er sich mit einem großen Strauß Margeriten links außen in der ersten Reihe niederließ. An diesem Abend standen Auszüge aus berühmten klassischen Werken auf dem Programm.

Wieder bot das Staatliche Polnische Symphonieorchester eine glanzvolle Vorstellung. Als sich die Mitglieder des Ensembles erhoben, um die Ovationen des Publikums entgegenzunehmen, hielt Franz Uhlendorf die Gelegenheit für günstig. Rasch erhob er sich, trat über die seitliche Treppe an den Rand der Bühne und reichte der hübschen schwarzhaarigen Geigensolistin Olga Stocheck, die sich eben in die Garderobe zurückziehen wollte, den Margeritenstrauß.

Olga, noch ganz von der Anspannung des Vortrags gefangen genommen, blickte überrascht in das Gesicht des bärtigen Mannes, der sich im gleichen Augenblick auf dem Absatz umdrehte, die Bühnentreppe verließ und sich unter die anderen Besucher mischte, die den Ausgängen des Konzertsaals entgegenströmten. Olga war vor Verlegenheit die Röte ins Gesicht gestiegen. Die gutmütigen Hänseleien ihrer Kollegen schien sie nicht zu hören, denn sie stand noch eine Weile reglos da, die Blumen in der Hand, und lächelte versonnen vor sich hin. Seit Jerzys Tod war der Fremde mit dem eisgrauen Bart der erste Mann, der ihre Aufmerksamkeit geweckt hatte.

***

Olga hatte sich problemlos in das Ensemble eingefügt. Sie empfand ihren beruflich bedingten Aufenthalt auf der Nordseeinsel als einen gut bezahlten Urlaub, der ihr nach Jerzys Tod dabei half, sich neu zu orientieren. In der Zeit zwischen den Proben und Konzerten hatte sie oft Gelegenheit zu ausgedehnten Strandspaziergängen, Meerbädern und Dünenwanderungen. Mit Begeisterung besuchte sie aber auch die schicken Mode- und Schuhgeschäfte der Insel.

Mit ihrem Hotel war sie mehr als zufrieden. Bisher hatte sie noch kein Heimweh nach Danzig oder Oliva verspürt.

Heute, am veranstaltungsfreien Mittwoch, spazierte Olga bei frühsommerlichen zwanzig Grad am Wattenmeer entlang, beobachtete die Seevögel, die kreischend in den wolkenlosen Himmel stiegen, wanderte über den Deichkamm am Flughafen vorbei und erreichte schließlich den Jachthafen. Voller Bewunderung betrachtete sie die luxuriösen Schiffe, spazierte am Fähranleger vorbei, der ihr einen Blick auf die offene See bis zum Weststrand erlaubte, und kehrte schließlich zufrieden im Café Alte Teestube ein.

An einem kleinen Tisch auf der Empore nahm sie Platz und bestellte bei der Bedienung ein Kännchen Kaffee.

Die junge Frau lächelte Olga freundlich an. »Darf es auch ein Stück Kuchen sein?«, fragte sie höflich. »Ich kann Ihnen die Rumflockentorte empfehlen.«

Olga nickte, während sie durch das Fenster auf die vorgelagerten Dünen der Insel Juist blickte. Wenig später ließ sie sich Kaffee und Kuchen schmecken und schaute verträumt auf die Dünenlandschaft in der Ferne. Zwischen Juist und Norderney glitten schnittige Segelboote im Wind. Ihre Segel hoben sich weiß vor dem blauen Frühsommerhimmel ab. Da fiel ihr Blick plötzlich auf einen Gast, der sich einem Fensterplatz im vorderen Bereich des Cafés näherte. Nur zu gut erinnerte sie sich an das faltige Gesicht mit dem eisgrauen Bart und den buschigen weißen Augenbrauen. Ihr schlug das Herz bis zum Hals, als der Herr den Tisch, den er ursprünglich angesteuert hatte, links liegen ließ und sich ihr näherte. Verlegen griff sie nach der Illustrierten, in die sie noch keinen Blick geworfen hatte – doch vergebens. Er stand schon neben ihr.

»Das ist ein schöner Zufall«, sagte er mit sonorer Stimme. »Sie sind doch …« Den Rest des Satzes ließ er unausgesprochen, und Olga beeilte sich zu erwidern:

»Ja, ich bin Olga Stocheck …«

»Und ich bin Franz Uhlendorf, ehemaliger Unternehmer, Witwer, Segler, Hobbygeiger und seit kurzem Insulaner«, stellte er sich vor. »Darf ich mich zu Ihnen setzen?«

Sie nickte. »Sie haben mir doch vor einigen Tagen die Blumen geschenkt, nicht wahr?«

Er lächelte und warf der Bedienung einen freundlichen Blick zu. Wenig später servierte sie ihm eine Tasse Kaffee. Franz Uhlendorf schien in diesem Café Stammgast zu sein. Nachdem er einen Schluck aus seiner Tasse genommen hatte, schaute er Olga offen an. »Frau Stocheck, nach dem Tod meiner Frau habe ich mich von meiner Firma getrennt, alle Brücken hinter mir abgebrochen und bin nach Norderney gezogen. Obwohl ich mich hier wohl fühle und viel segle, macht mir die Einsamkeit zu schaffen. Ihr Geigenspiel hat mich sehr glücklich gemacht. Es hat mir – wie soll ich es ausdrücken? – einen inneren Frieden geschenkt, den ich lange vermisst habe.«

Olga Stocheck schaute ihn forschend an, doch seine Augen hielten ihrem Blick stand. »Es freut mich, wenn unser Konzert Ihnen gefallen hat«, erwiderte sie schlicht. »Aber mein Beitrag ist nicht der Rede wert.«

»Werte Frau Stocheck, ich weiß, wovon ich spreche, und möchte Ihnen nicht nur schmeicheln. Sie sind eine hervorragende Geigerin. Nie zuvor habe ich jemanden so spielen hören wie Sie, und ich habe in meinem Leben schon einige Geigenvirtuosen gehört.« Er erzählte von seiner musikalischen Vergangenheit, von seiner Schulzeit, seinem Studium, seinen Eltern und der Firma. Wie von selbst kamen ihm in Olgas Gegenwart die Worte über die Lippen, und er sprach sogar über die schwere Zeit nach Sentas Tod und über Hennings Aufenthalt in Singapur. Wie schön ihr schwarzes Haar mit den Silberfäden glänzt, dachte er dabei manches Mal, und wie ihre Augen sprechen!

Auch Olga erzählte von ihrer Vergangenheit, sie berichtete, was sie nach Norderney geführt hatte und welch schwerer Schicksalsschlag der Reise vorangegangen war. »Das Engagement hilft mir über meine finanziellen Sorgen ein wenig hinweg. Ich allein käme ja mit der Witwenrente aus, doch mir liegt viel daran, auch meinen beiden Söhnen ein wenig unter die Arme zu greifen. Ich möchte, dass die zwei sich auch ein wenig westlichen Luxus leisten können. Sie sollen einfach nichts entbehren. Dass ich in Oliva in einer Wohnung ohne jeden Luxus lebe, macht mir nichts aus. Ich brauche nicht viel.«

Franz nickte. »Das kann ich gut verstehen. Mir liegt auch viel daran, dass es meinem Jungen an nichts fehlt.« Als die Serviererin an ihren Tisch trat und fragte, ob die beiden Gäste noch einen Wunsch hätten, schüttelte er nach einem kurzen Blick auf Olga Stocheck den Kopf »Nein, danke, ich möchte zahlen. Sie sind eingeladen, Frau Stocheck. Wie wäre es mit einer Fortsetzung unseres Gespräches in den nächsten Tagen? Davon abgesehen werde ich selbstverständlich weiterhin Ihre Konzerte besuchen.«

Olga lächelte, und es war nicht genau zu erkennen, ob es ein verlegenes oder ein geschmeicheltes Lächeln war. »Überlassen wir eine weitere Begegnung dem Zufall«, sagte sie zum Abschied und reichte Franz die Hand.

»Warum mit dem Zufall spielen?«, meinte der. »Treffen wir uns heute in einer Woche zur gleichen Zeit in diesem Café.« Doch Olga antwortete nicht, sondern wandte sich nur mit einem geheimnisvollen Lächeln zum Gehen.

***

Die Sonne schien von einem blauen, wolkenlosen Himmel. In der Stadt staute sich die Hitze. Bereits am späten Vormittag hatte das Thermometer an der Apotheke am Kurplatz fünfundzwanzig Grad angezeigt.

Olga hatte sich nach dem Morgenkonzert umgezogen und war mit ihren Badesachen hinunter an den Hotelpool gegangen. Während sie die warmen Sonnenstrahlen genoss, die ihre Haut zu streicheln schienen, spürte sie, dass ihre Aufregung wuchs. Heute Nachmittag würde der interessante Witwer im Café Alte Teestube auf sie warten …

Auch wenn sie es sich nur ungern eingestand: Die ganze Woche über war kein Tag vergangen, an dem sie nicht an den attraktiven, erfolgreichen Franz Uhlendorf hatte denken müssen, der ihr so offen seine Bewunderung gezeigt hatte. Er gefiel ihr sehr – und er war wie sie einsam.

»Ach, Jerzy«, flüsterte sie gedankenverloren und konnte nicht verhindern, dass ihr eine Träne über die Wange lief. »Du hättest nicht gewollt, dass ich allein bleibe …«

Leszek und Wladyslaw führten ihr eigenes Leben. Darin war kaum Platz für eine alternde Frau, und wenn Olga ehrlich zu sich selbst war, begann ihr das großzügige Leben in Deutschland zu gefallen. Es machte Spaß, sich etwas leisten zu können, und es erfüllte sie mit großem Stolz, dass sie den größten Teil ihrer Gage den Söhnen hatte überweisen können. Wladyslaws Wünsche waren recht bescheiden, doch er hatte sich sehr gefreut, sich die teure schwarze Lederjacke, von der er so lange geschwärmt hatte, endlich kaufen zu können. Er war sehr verliebt, hatte er ihr am Telefon erzählt. Marzena Malowski hieß seine Freundin, sie studierte in Warschau, um Lehrerin zu werden, und entstammte, wie Wladyslaw angedeutet hatte, einem wohlhabenden Haus. Marzenas Vater besaß einen florierenden Instrumentenhandel und pflegte gute Handelsbeziehungen mit dem Westen. Noch immer musste Olga lächeln, wenn sie an Wladyslaws begeisterten Tonfall dachte. Konnte man seinen Worten glauben, war seine Marzena das bezauberndste, hübscheste und intelligenteste Mädchen von ganz Warschau.

Leszek und Agniezka hingegen waren von Olgas Geld für zwei Wochen nach Mallorca geflogen – es war für beide der erste Urlaub im Westen. Trotz allem hatte Olga bei ihrem letzten Telefonat das Gefühl gehabt, dass Agniezka noch immer nicht zufrieden war.

Olga seufzte. Ja, auch sie träumte von besseren Zeiten, und sie wagte sich gar nicht vorzustellen, wie schwer es ihr fallen würde, nach Ablauf des Sommers in die bescheidene Wohnung in Oliva zurückzukehren. Doch fürs Erste wollte sie alle trüben Gedanken vergessen. Noch zwei Stunden, stellte sie bei einem raschen Blick auf die Uhr fest, dann würde sie den eleganten Witwer mit den eisgrauen Haaren wiedersehen. Höchste Zeit, zurück ins Hotelzimmer zu gehen und sich ein wenig hübsch für ihn zu machen …

***

Einige Wochen waren ins Land gegangen. Über Norderney spannte sich zu dieser frühen Stunde ein roter Morgenhimmel. »Ideales Segelwetter«, freute sich Franz Uhlendorf, als er Olga Stocheck an Bord der »Tulipan«, half. Rasch verstauten sie das Gepäck unter Deck und stiegen wieder nach oben.

Es hatte Franz einige Überredung gekostet, bis Olga seine Einladung zu dem Törn nach Juist angenommen hatte, denn der Gedanke, eine Nacht mit ihm an Bord des kleinen Segelbootes zu verbringen, hatte sie verlegen gemacht. Was war schon dabei?, sagte sie sich inzwischen. Sie kannte Franz mittlerweile recht gut, und sie verstanden sich blendend. Der Segeltörn würde eine nette Abwechslung zwischen den allabendlichen Auftritten werden.

Über das Wochenende hatte Olga frei. Justus Frantz gastierte mit seinem Ensemble auf Norderney und würde an den nächsten drei Abenden das Programm im Haus der Insel, bestreiten.

Bevor sie in See stachen, machte Franz Olga erst einmal mit einigen wichtigen Handgriffen vertraut, erläuterte das An- und Ablegemanöver und erklärte ihr, wie sie sich in einem Notfall zu verhalten hatte. Gut gelaunt legten sie die Sicherheitswesten an, dann trat Olga auf den Steg, löste die Leinen, kletterte wieder an Bord und zog die Fender ein. Erwartungsvoll beobachtete sie, wie Franz ans Steuer trat, den Motor startete und das Schiff sicher aus dem Hafen steuerte. Es ging vorbei am Tonnenanleger »Buchana«, am Polizeiaufsichtsschiff »Norden« und dem Seenotrettungskreuzer »Bernhard Gruben«, die alle am Kai lagen. Nachdem sie den Fähranleger passiert hatten, näherten sie sich nun der offenen See. Es gab nur wenig Wellengang, und Franz Uhlendorf stellte den Außenbordmotor ab und setzte die Segel, während Olga stolz das Steuer hielt.

»Herrlich!«, rief sie ausgelassen und betrachtete begeistert den Weststrand und die imposante Silhouette der Insel. Franz war so recht in seinem Element, und es machte ihm große Freude, die schöne Olga, die seinem Vortrag interessiert lauschte, in die Kunst des Segelns einzuweihen. Vor ihnen, noch etliche Seemeilen entfernt, lagen die grün bewachsenen Dünen der Insel Juist im Licht der aufgehenden Sonne.

Die »Tulipan« durchschnitt mit vollen Segeln das Wasser. Sie lag gut im Wind. Am milchigblauen Horizont zogen Jachten entlang, ein weißes Fährschiff steuerte das Festland an. Fischkutter kreuzten ihren Kurs. Das Wasser glitt plätschernd an den Bordwänden entlang. Gischt spritzte auf das Vorschiff.

Olga fühlte sich rundherum wohl; die befürchtete Seekrankheit war zum Glück bisher ausgeblieben. Selbst als die »Tulipan« sich gefährlich nach Steuerbord neigte und, wie es schien, die Segel der Jacht die Wasseroberfläche zu berühren drohten, hatte sie keine Angst. Sie vertraute dem Mann am Steuer, der das Schiff sicher und umsichtig gen Juist lenkte. Immer wieder wanderten ihre Blicke zu Franz, der mittlerweile seinen Vortrag beendet hatte. Wie sehr sie ihn in den letzten Wochen doch lieb gewonnen hatte! Man sah ihm sein Alter nicht an, und er plauderte so unbeschwert und vertraut mit ihr, als würden sie sich seit Jahren kennen. Der Wind streichelte Olgas Gesicht, und das Rauschen des Meeres hüllte sie ein. Es ist wie ein Traum, musste sie denken und schloss für einen Moment glücklich die Augen. Nur nicht an zu Hause denken …

Sie fuhr aus ihren Gedanken, als Franz auf die Dünen in der Ferne wies und rief: »Der weiße Fleck da vorn, das ist der Flughafen! Und dort siehst du den Hafen der Insel!« Wie von selbst waren sie in den letzten Tagen zum vertraulichen Du übergegangen. »Backbord liegt Norddeich, und die roten Umrisse dort, das ist die neue Kurklinik!«

Olga nickte versonnen. Sie lauschte dem Gesang des Windes und dem Plätschern des Wassers, atmete die frische Seeluft ein und schmeckte das Salz auf ihren Lippen. Wider Willen errötete sie, als sie plötzlich an Jerzy denken musste und daran, dass ihre knapp bemessene Rente nicht einmal ausreichen würde, um sich zu Hause in Heia oder Zopott in einer kleinen Pension am Strand einzumieten.

»Wir essen in der Barke auf Juist zu Mittag«, entschied Franz gut gelaunt, der nicht bemerkt hatte, dass Olga mit einem Mal ganz still geworden war. Und sie bemühte sich, die dunklen Gedanken gleich wieder zu verdrängen.

»Ja, die Seeluft macht hungrig«, stimmte sie Franz zu. »Vor allem, wenn man wie ich am Morgen nur ein halbes Brötchen gegessen hat«, fügte sie lächelnd hinzu.

»In der Pantry findest du Brot und Aufschnitt«, erwiderte er und schaute sie belustigt an. »Wenn du satt bist, zeige ich dir die Insel. Dort gibt es keine Autos, nur Pferdefuhrwerke und Droschken«, erklärte er und nahm Kurs auf den Hafen.

»Wie zu Hause«, meinte sie. Sie lachten und schauten sich verliebt an.

»In ungefähr zwanzig Minuten legen wir auf Juist an. Im Café Pirola gibt es übrigens eine hervorragende Rumflockentorte«, sagte er und warf ihr einen vielsagenden Blick zu. »Ich finde, die dürfen wir beide auf keinen Fall auslassen.«

Wieder errötete Olga, doch sie hatte ihre Verlegenheit rasch überwunden. »Und dazu trinken wir echten Ostfriesentee mit Kluntje«, meinte sie dann.

Franz nickte. »Für den Abend habe ich einen guten Wein besorgt. Wir übernachten an Bord. Deine Koje habe ich bereits hergerichtet.«

Olga senkte den Blick und schwieg, während Franz die »Tulipan« dem kleinen Jachthafen der Insel entgegensteuerte.

Sie verbrachten wundervolle Stunden auf der kleinen Nordseeinsel, die für Olga viel zu schnell vergingen. Für sie stand fest, dass sie irgendwann noch einmal nach Juist zurückkommen wollte – am liebsten gemeinsam mit Franz.

Es war schon dunkel, als sie wieder an Bord der »Tulipan« stiegen und Franz die teure Flasche Wein öffnete. »Auf uns beide, Olga«, sagte er leise und nahm sie zum ersten Mal zärtlich in die Arme. Beide empfanden in diesem Moment das Gleiche. Jeder von ihnen genoss die Nähe des anderen, sie waren verliebt und fühlten sich beieinander geborgen.

Als Franz Olga tief in die Augen sah, da las sie in seinem Blick all die Zärtlichkeit, die er für sie empfand, aber auch die Hoffnung, die er in sie setzte – die Hoffnung, dass sie beide im Herbst ihres Lebens noch einmal glücklich werden konnten. Und da wusste sie, dass sie in dieser Nacht nicht allein in ihrer Koje schlafen würde.

***

Am Nachmittag lag über dem Jadebusen ein milchiggrauer Sommerhimmel. Der Wind strich in Böen über den Helgolandkai. An der Kaimauer lagen die Hochseeschlepper »Neptun« und »Uranus«. Ihre Dieselmotoren tuckerten; die Besatzungen bereiteten sich auf den Einsatz vor. Sie hielten Funkkontakt mit der Brücke des Tankers »Dingo«, der die Schifffahrtsstraße verlassen hatte und Kurs auf Wilhelmshaven nahm.

Während »Neptun« und »Uranus« ablegten und der »Dingo« entgegenstampften, um sie an die Löschköpfe des Ölhafens zu schleppen, fuhren teure Limousinen im Schritttempo über den Kai und parkten vor dem Hotel Columbus. Die Fahrgäste stiegen aus und gingen zum Eingang des Hotels.

Johannes Saalmann und Kurt Hammes, die Firmeneigentümer der Uhlendorf-Technik & Co., hatten anlässlich der Grundsteinlegung des Erweiterungsbaus zu einer kleinen Feierstunde geladen. Die Verträge waren unterzeichnet. Die Finanzierung hatte die Norddeutsche Regiobank übernommen.

Den Firmeneigentümern ging es bei dieser Zusammenkunft einerseits um eine nochmalige Harmonisierung der Termine mit den anwesenden Unternehmensvertretern, die an der Errichtung der »Halle C«, wie der Erweiterungsbau genannt wurde, beteiligt waren. Andererseits sahen Saalmann und Hammes in dieser Feierstunde eine unverzichtbare PR-Maßnahme. Schließlich hatten sie wichtige Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft eingeladen. Selbst ein Redakteur des Handelsblattes war aus Düsseldorf angereist, um sich über die Expansionsabsichten der Uhlendorf-Technik zu informieren. Schon seit Jahren waren die erzielten Bilanzgewinne nicht mehr das alleinige Kriterium für die Beurteilung industrieller Investitionen. Das Interesse der Medien galt vor allem der Anzahl neu geschaffener Arbeitsplätze. Diese Tatsache hatte auch ein Fernsehteam von Nord 3 auf den Plan gerufen. Es hatte bereits vor dem Hotel mit Nordseekulisse einige Filmaufnahmen von den elegant gekleideten Damen und Herren aus Politik und Wirtschaft gemacht, die gekommen waren, um den Erweiterungsbau und die damit verbundenen Investitionen zu würdigen. Werbewirksame Architekturzeichnungen der Halle C sowie der gesamten Uhlendorf-Technik, übergroße Statistiken und eine Weltkarte, auf der die Absatzmärkte des Unternehmens markiert waren, bedeckten die Wände des Konferenzsaales. Diplom-Ingenieur Hammes und Diplom-Kaufmann Saalmann lächelten in die Kameras, erläuterten die Expansionspläne und sprachen über anvisierte neue Absatzmärkte auf dem asiatischen Kontinent.

Die zu einem Karree zusammengerückten Tische im Sitzungssaal mit Seeblick waren bewusst – um regionalen Gewohnheiten Tribut zu zollen – mit dem Service »Ostfriesische Rose« eingedeckt, neben jedem Gedeck lag eine Prospektmappe mit weiterem Informationsmaterial bereit. Stövchen standen an jedem Platz, Kluntjebecher und Sahnetöpfe befanden sich in Reichweite. Bewusst hatten Hammes und Saalmann es so eingerichtet, dass jeder ihrer Gäste von seinem Platz aus eine schöne Aussicht auf das kabbelige Wasser des Jadebusens hatte.

Nachdem alle Gäste reichlich dem Tee und den regionalen Kuchenspezialitäten zugesprochen hatten, erhob sich Saalmann und dankte allen Anwesenden für ihr Erscheinen.

»… Für mich und meinen Kompagnon Kurt Hammes wird der heutige Tag in die Firmengeschichte eingehen. Dank unseres Engagements und Know-hows haben wir mit Hilfe unserer Mitarbeiter und Partner mit der Errichtung der Halle C einen positiven Beitrag zum Standort Deutschland geleistet. Um das begonnene Werk erfolgreich zu Ende zu bringen, benötigen wir aber auch in Zukunft Ihr Vertrauen …«

Als Saalmann endete, applaudierten die Gäste, das Fernsehteam fing Bilder der Harmonie ein und verließ dann nach kurzem Gruß das Hotel Columbus, bevor gegen achtzehn Uhr, wie im Programmheft angekündigt, das »Jadequartett« den Raum betrat und vor den Werbeflächen und Bauzeichnungen der Uhlendorf-Technik zu spielen begann.

Für die beiden Firmeneigentümer wurde die Veranstaltung ein voller Erfolg. Noch am gleichen Abend berichtete das Fernsehen über die Investitionen des Unternehmens, die Namen Hammes und Saalmann erschienen in Wirtschafts- und Tageszeitungen.

***

Franz Uhlendorf, bis über beide Ohren in die schöne Geigerin aus Oliva verliebt, glaubte, sich nun den schönen Seiten des Lebens widmen zu dürfen. Er war ein vermögender Mann im Rentenalter, segelte gern und oft, liebte die Musik und empfand nicht das geringste Bedürfnis, sich um die von ihm gegründete Firma zu kümmern, mit der ihn nur noch die hohe Kapitaleinlage verband. Erst recht befasste er sich nicht mehr mit politischen Fragen, und nur selten las er überregionale Zeitungen. So kam es, dass er, der Gründer der Uhlendorf-Technik, nichts von den durch seine Nachfolger in die Wege geleiteten Betriebserweiterungen und den neu geschaffenen Arbeitsplätzen in Wilhelmshaven erfuhr. Die juristisch zu klärende Frage, ob Hammes und Saalmann Franz Uhlendorf in Anbetracht seiner nicht geringen Kommanditisteneinlage hätten ins Vertrauen ziehen müssen, blieb ungestellt.

Franz bereitete es eine große Freude, für die geliebte Olga bei Ingemann und Schlösser an der Badestraße auf Norderney eine Halskette nach eigenen Entwürfen in Auftrag zu geben. Das Juwelierhaus besaß seine Werkstatt und sein Atelier an der eleganten Königsallee in Düsseldorf.

Der Schmuck sollte sein Verlobungsgeschenk an Olga werden; der Entwurf sah eine massive Goldkette vor, deren Glieder wie Meereswellen ineinanderliefen. Dazu sollte ein Anhänger angefertigt werden, der, dem Logo der Insel entsprechend, ein großes doppelbalkiges »N« darstellte.

Die hübsche Angestellte, eine junge Goldschmiedin aus Emden, nahm den Auftrag zuvorkommend und interessiert entgegen, dann servierte sie Franz einen Kaffee und erstellte einen Kostenvoranschlag.

Franz nickte und schaute die junge Frau, die ihre Aufregung nun nicht mehr verbergen konnte, belustigt an.

»Ich muss den Auftrag in Düsseldorf bestätigen lassen«, erklärte sie verlegen. »Es geht um meine Kalkulation …«

Franz lächelte verschmitzt. »Ja, ja, machen Sie nur, meine Liebe. Wenn es sich nicht um eine grobe Abweichung handelt, erteile ich Ihnen den Auftrag. Wichtig ist für mich nur, dass der vereinbarte Termin eingehalten wird. Am Fünfzehnten des Monats muss die Kette fertig sein. Reicht Ihnen eine Anzahlung von zehntausend Mark?« Ohne eine Antwort abzuwarten, griff er zur Brieftasche, füllte einen Scheck aus und reichte ihn der Verkäuferin.

Mit strahlendem Lächeln begleitete sie ihn zur Tür. »Vielen Dank für Ihr Vertrauen, auf Wiedersehen!«, rief sie ihm nach. Dieser märchenhafte Auftrag überstieg alles, was sie bisher als Goldschmiedin erlebt hatte, und würde ihr mit Sicherheit eine ansehnliche Provision einbringen.

***

Das stabile Hochdrucksystem blieb wetterbestimmend und bescherte der Nordseeküste hochsommerliche Temperaturen um die achtundzwanzig Grad. An den Stränden herrschte reger Badebetrieb; die Strandkörbe waren restlos ausgebucht. Auch im Kurpark gab es keinen freien Stuhl mehr, wenn das Staatliche Polnische Symphonieorchester zum Kurkonzert aufspielte.

Franz Uhlendorf hatte im kleinen Containerbüro der Kurverwaltung vor der Promenade in der Nähe seiner Wohnung einen Strandkorb mit Blick aufs Meer gemietet. Während Olga ihren Konzertpflichten nachging, saß er im Strandkorb, sonnte sich, las und genoss den angenehm frischen Seewind. Stundenlang konnte er auf das Meer schauen oder die Spaziergänger beobachten, die über die Promenade bummelten.

Der Himmel war an diesem Tag wolkenlos blau. Auf den Strand liefen rauschend die Wellen auf. In einer Stunde, gegen vierzehn Uhr, würde die Flut einsetzen.

Möwen hingen im Wind, schossen über die Strandkörbe, landeten auf den Laternen und schrien sich die Seele aus dem Leib. Die Krabbenkutter der Norddeicher Flotte zogen ihre Netze, schaukelten leicht und glitten langsam vor dem Horizont aus Franz’ Blickfeld.

Franz Uhlendorf machte auch in der Badehose eine gute Figur. Sein Körper war tief gebräunt, und manch neugieriger Blick streifte sein energisches Gesicht mit dem eisgrauen Bart. Er repräsentierte das, was er war: ein erfolgreicher Unternehmer, ein Freizeitkapitän, der das Leben in vollen Zügen genoss, ein rüstiger, gesunder Rentner.

Versonnen griff er nun in seine Badetasche, nahm das Etui von Ingemann und Schlösser heraus und ordnete mit einem zärtlichen Lächeln die Zierschleifen. Er konnte es kaum noch erwarten, Olga sein Geschenk zu überreichen …

Voller Vorfreude erhob er sich, trat neben seinen Strandkorb und blickte auf die imposante Silhouette der Insel. Teure Hotels und architektonisch interessante Hochhäuser säumten die Kaiserstraße. Bei diesem traumhaften Sommerwetter, das stand für Franz fest, konnten selbst die Kanaren Norderney nicht den Rang ablaufen.

Da entdeckte er Olga. Sie trug einen breiten Strohhut und einen grünen Badeanzug und näherte sich mit einem strahlenden Lächeln dem Strandkorb. Auch sie war schön gebräunt, und Franz konnte sich an ihrer schlanken, aufrechten Gestalt gar nicht sattsehen.

Noch immer lächelnd, trat Olga zu Franz, küsste ihn zärtlich auf die Wange und strich ihm liebevoll durch das vom Wind zerzauste Haar. »Hast du schon etwas gegessen?«, wollte sie wissen, setzte sich in den Strandkorb und begann sich mit der Sonnenmilch einzureiben.

»Nein, nur gut gefrühstückt. Nach dem Nachmittagskonzert lade ich dich in die Kaiserstube zum Essen ein«, erwiderte er und schaute sie geheimnisvoll an.

»Tadeusz hat dort mit seiner Frau seinen Geburtstag gefeiert. Das Restaurant soll sündhaft teuer, aber exzellent sein.«

»Sündhaft ist mir recht, exzellent – das passt zum Anlass, und lieb und teuer soll uns das Essen auch sein«, bemerkte Franz bedeutungsvoll und lächelte glücklich, als er das hübsch verpackte Etui aus seiner Badetasche nahm.

Olga schaute überrascht von Franz auf das Päckchen in seiner Hand. »Und der Anlass?«, fragte sie leise.

»Ich möchte mit dir das Ende der Einsamkeit feiern – unsere Verlobung!«, antwortete er und legte Olga das kleine Etui in den Schoß. Dann nahm er sie in die Arme und küsste sie.

»Verlobung?«, vergewisserte sie sich ungläubig, doch in seinem Blick las sie, dass er es ernst meinte. »Ja, Franz, ich werde gern deine Verlobte.« Behutsam entfernte sie das Band und das Geschenkpapier, öffnete das Etui und stieß einen leisen Schrei des Entzückens aus. »Mein Gott, Franz, die ist ja wunderschön!« Mit zitternden Fingern nahm sie die schwere Goldkette heraus, und als sie Franz ansah, standen Tränen in ihren Augen, Freudentränen.

Sanft legte er ihr den Zeigefinger auf den Mund, denn die vielen Passanten sollten nicht auf sie aufmerksam werden. Dann nahm er die Kette und legte sie ihr behutsam um den Hals. Das Licht der Sonne brach sich in den kostbaren Steinen und ließ das Gold noch strahlender glänzen.

»Danke«, flüsterte sie bewegt, ohne zu ahnen, dass der Schmuck ein kleines Vermögen gekostet hatte.

»Ich liebe dich und bitte dich, meine Frau zu werden«, sagte Franz und schaute sie liebevoll an.

»Ja, ich möchte sehr, sehr gern deine Frau werden, Franz«, antwortete sie schlicht und schmiegte sich glücklich an ihn. »Was werden unsere Kinder wohl dazu sagen?«, fragte sie, als sie sich schließlich wieder von ihm löste.

»Olga, Liebste, wir sind erwachsen«, erwiderte er, und ihr strahlendes Lächeln verriet ihm, dass sie genauso dachte.

***

Das Seglerhaus erstrahlte an diesem Tag Mitte September in hellem Licht. In unmittelbarer Nähe zum Bootsschuppen und zur Werft gelegen, diente es bis zur Fertigstellung des im Bau befindlichen Wassersportzentrums auf dem Luisenpolder hinter dem provisorischen Büro des Hafenmeisters als Vereinshaus des Jachtclubs Norderney. Am Kai gegenüber lagen die Arbeitsschiffe des Wasserschifffahrtsamtes, das Polizeischiff und der Seenotrettungskreuzer »Bernhard Gruben«.

Eine stabile Eisentreppe mit festen Geländerverstrebungen führte zu dem gemütlichen Restaurant im ersten Stock mit den seewärts ausgerichteten Fenstern, die einen herrlichen Ausblick über das Hafengelände und das Meer bis zum Festland boten. Im hinteren Bereich, zwischen Garderobe und Küchentrakt, befand sich die Nautiker-Stube, ein ungefähr fünfundzwanzig Quadratmeter großer Raum mit altem Dielenboden, in dem anno dazumal Kapitäne auf die Depeschen ihrer Reederei gewartet, über Kohle-, Proviant- und Wasservorräte nachgedacht, Wind- und Wetterberechnungen angestellt und die Tiden berechnet hatten. Ein kleines, rundes Fenster, das eher an das Bullauge eines Schiffes erinnerte, ging nach Westen hinaus. Unzählige vergilbte Fotos bedeckten die Wände aus alten, verrauchten Paneelen. Sie zeigten »Badekarren« aus der Zeit, als Reichskanzler von Bülow seine Regierungsgeschäfte während der Sommermonate auf der Insel getätigt hatte. Auf den Regalen waren Modelle der Dampfschiffe zu bewundern, die vor gut einhundertfünfzig Jahren die Insel von Hamburg aus angelaufen hatten, bevor sich der Fährverkehr vom königlich-preußischen Seebad Norderney nach Norddeich verlagert hatte.

Trotz der dunklen Deckenbalken und der rustikalen Einrichtung wirkte an diesem Tag alles licht und freundlich. Die massiven, zu einem Karree zusammengestellten Eichentische waren mit weißen Leinentüchern und hübschem friesischem Geschirr eingedeckt, geschmackvolle Bouquets aus Herbstblumen schmückten die Tische mit den hochlehnigen Holzstühlen. Und das hatte einen Grund: Jachtclubmitglied Franz Uhlendorf hatte nach einer großzügigen Spende an die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger die Erlaubnis erhalten, seine Hochzeit mit der Geigerin des Staatlichen Polnischen Symphonieorchesters, Olga Stocheck, in der Nautiker-Stube zu feiern.

Nur die engsten Verwandten und Freunde waren eingeladen. Leszek und Agniezka waren schon am Vortag mit dem Flugzeug gekommen. Olga, die den Flug finanziert hatte, hatte sie am Flughafen in Bremen abgeholt und herzlich willkommen geheißen. Unruhig suchte sie nach Anzeichen, die verrieten, dass ihr Sohn und seine Lebensgefährtin ihr die Ehe mit dem reichen deutschen Unternehmer missgönnten. Doch sie konnte nicht genau sagen, ob Agniezkas spöttische Bemerkungen über den westlichen Luxus, an dem Olga nun teilhatte, Neid oder gutmütigen Spott enthielten.

Wladyslaw und seine geliebte Marzena, ein sehr sympathisches Mädchen, wie Olga fand, waren erst kurz vor der standesamtlichen Trauung in dem Audi A6 eingetroffen, den Marzenas Mutter den beiden zur Verfügung gestellt hatte. Alle vier jungen Leute aus Polen wohnten während ihres Aufenthaltes auf Norderney im Inselhotel Haus Uedesheim.

Außer Olgas Söhnen waren noch die beiden neuen Leiter der Uhlendorf-Technik eingeladen, die angekündigt hatten, ohne ihre Frauen zu kommen. Von Henning, der seinen Forschungsauftrag in Singapur erfolgreich beendet hatte – dies hatte Franz bei einem Anruf in Singapur erfahren –, war kein Antwortschreiben eingegangen. Noch immer wussten Franz und Olga nicht, ob Henning die Nachricht von der Hochzeit seines Vaters überhaupt erhalten hatte.

Als die frisch Vermählten, die am Mittag im Rathaus von Norderney getraut worden waren, die Nautiker-Stube betraten, sahen sie sich anerkennend um. »Hübsch«, sagte Olga glücklich, doch sie konnte ihre Aufregung nicht verbergen. In den letzten Wochen war so viel Neues auf sie eingestürzt! Nach Ablauf des Engagements Ende August war sie ein letztes Mal nach Oliva gefahren, um ihre Wohnung aufzulösen und die nötigen Unterlagen zu besorgen, die sie für die Hochzeit mit Franz Uhlendorf benötigte. Ihre beiden Söhne hatten die Nachricht recht reserviert aufgenommen, wenn auch Wladyslaw, der zurzeit in einer der Filialen seines zukünftigen Schwiegervaters arbeitete, sie schließlich liebevoll in die Arme gezogen und versichert hatte, dass er ihr alles Glück der Welt wünsche.

Schwer war Olga der Abschied von Oliva nicht gefallen, nur am Grab ihres verstorbenen Mannes Jerzy hatte sie noch einmal bittere Tränen geweint. Dann war sie nach Norderney zurückgekehrt, wo sie nun für immer bleiben wollte.

Franz streifte seine schöne Frau mit einem liebevollen Blick. Noch immer konnte er sein Glück nicht fassen. Olga hatte endlich wieder Licht ins Dunkel seines Lebens gebracht. Mit ihr wollte er noch einmal neu anfangen. »Bitte bringen Sie meiner Frau eine Tasse Kaffee, bevor es losgeht«, wandte er sich an den Wirt, dann strich er Olga zärtlich über die Wange und sagte: »Mach dir doch nicht so viele Sorgen, es wird schon alles gut gehen.«

»Aber die Tischordnung …«, wollte sie einwenden und griff in ihre Tasche. Doch Franz lachte nur.

»Überlassen wir es dem Zufall; unsere Gäste werden schon miteinander auskommen. Deine Söhne sind übrigens sehr patente Burschen, finde ich, und die jungen Frauen sind nicht nur hübsch, sondern haben auf mich auch sonst einen sehr guten Eindruck gemacht.« Aufmunternd zwinkerte er Olga zu, doch auch Franz stand eine gewisse Unruhe ins Gesicht geschrieben, als er nun in die Seitentasche seines Sakkos griff, der das Emblem des Norderneyer Jachtclubs trug, ihr das Zigarrenetui entnahm und sich eine Havanna ansteckte.

Olga drückte ihn kurz an sich. »Ach Franz. Sorge auch du dich nicht! Sicher ist dein Henning längst wieder in Aachen und hat die Einladung, die du dorthin geschickt hast, bekommen. Bestimmt ist er auf dem Weg nach Norderney.«

Franz nickte ihr lächelnd zu, doch er konnte Olgas Optimismus nicht so recht teilen. Konnte es sein, dass Henning ihm die zweite Ehe verübelte? Warf sein Sohn ihm vor, Senta zu schnell vergessen zu haben?

***

Um sechzehn Uhr betraten Olgas Söhne mit ihren Freundinnen die Nautiker-Stube. Wladyslaw und Leszek gratulierten den Brautleuten herzlich, und Agniezka überreichte Olga einen riesigen Blumenstrauß.

»Aber Kinder«, murmelte Olga glücklich, »habt ihr schon wieder Geld ausgegeben?« Dann umarmte sie die jungen Frauen noch einmal. Alle Animositäten zwischen Agniezka und ihr waren in diesem Moment vergessen. Zwischen Olga und der hübschen schwarzhaarigen Marzena hingegen war es Sympathie auf den ersten Blick gewesen. Mit der ihr eigenen aufgeschlossenen, unkomplizierten Art, die in auffallendem Gegensatz zu Wladyslaws Schüchternheit stand, ging Marzena auf alle Menschen zu. Der wache Blick ihrer großen dunklen Augen verriet Intelligenz und Sensibilität. Man merkt ihr an, dass sie aus einer wohlhabenden Familie stammt, dachte Olga zufrieden. Sie bewegt sich sicher und selbstbewusst – auch unter Menschen, die sie nicht kennt –, und ihre Kleidung ist bestimmt nicht preiswert gewesen.

Kurz nach den Gästen aus Polen erschienen Kurt Hammes und Johannes Saalmann. Der Ingenieur überreichte der Frau seines ehemaligen Chefs einen herrlichen Rosenstrauß. Für Uhlendorf hatten sich die beiden etwas Besonderes ausgedacht. »Lieber Seniorchef – für Sie«, erklärte Saalmann jovial und überreichte Franz »im Namen der neuen Firmenleitung« ein hübsch verpacktes Geschenk. Sein Kompagnon Hammes und er wünschten dem Brautpaar alles Gute und viele gesunde, glückliche Jahre.

Olga bedankte sich mit einem strahlenden Lächeln und stellte den beiden Herren ihre Söhne und deren Freundinnen vor. »Bitte nehmen Sie Platz«, bat sie dann und wies auf den hübsch gedeckten Kaffeetisch.

»Kommt Henning auch?«, wollte Kurt Hammes wissen und sah sich in der Nautiker-Stube suchend um.

»Ich hoffe es«, antwortete Franz nur und setzte sich zu seiner Frau und den Gästen. Langsam öffnete er das Geschenkpapier und betrachtete dann überrascht die Broschüre, die er wenig später in Händen hielt. »Oh«, murmelte er. »Danke.« Fasziniert betrachtete er die Hochglanzbroschüre und begann langsam darin zu blättern. Die ersten Seiten zeigten längst vergessene Fotos aus den Gründerjahren der Uhlendorf-Technik, und für eine Weile vertiefte er sich in den beigefügten Text. Dass ihn dabei eine gewisse Wehmut überkam, konnte er nicht verbergen. »Sieh mal, hier …«, wandte er sich ein ums andere Mal an Olga, zeigte ihr ein Foto der Firma, die sie bisher noch nie gesehen hatte, oder erklärte ihr etwas dazu. Interessiert blätterte er weiter, doch plötzlich zeigte sich auf seiner Stirn eine tiefe Unmutsfalte. »Halle C«, wollte er misstrauisch wissen, »was soll das sein? Und warum weiß ich nichts davon?«

»Die Presse hat doch lang und breit über unseren Erweiterungsbau berichtet. Das dritte Programm hat sogar einen Filmbeitrag ausgestrahlt. Haben Sie den etwa nicht verfolgt? Wir waren doch mit der Uhlendorf-Technik in aller Munde!«, beeilte sich Hammes zu versichern.

»Und?«, fragte Franz leicht gereizt. »Wie läuft’s?«

»Die Auftragslage ist mehr als zufrieden stellend«, antwortete der Diplom-Ingenieur.

Johannes Saalmann, der sich bis zu diesem Augenblick auf Englisch angeregt mit den beiden polnischen jungen Männern unterhalten hatte, horchte auf. Er hatte die letzten Worte seines Partners mitbekommen. »Sechzig Prozent der Produktion gehen zurzeit in den Export«, berichtete er stolz.

Franz nickte nachdenklich. Was er dachte, war ihm nicht anzusehen.

Olga erhob sich. Die leichte Röte, die ihre Wangen überzog, ließ ihr schönes Gesicht noch reizvoller aussehen. »Meine lieben Gäste, mein Mann und ich freuen uns sehr über euer Kommen und bedanken uns herzlich für die Aufmerksamkeiten zu unserer Hochzeit.« Sie unterbrach ihre Ansprache, weil der Ober Tee und Kuchen auftrug. »Wir haben zunächst eine ostfriesische Teetafel vorgesehen«, fuhr sie dann fort. »Es gibt Butterkuchen und Rumflockentorte. Letztere hat für unser Glück eine besondere Bedeutung: Mein Mann und ich haben uns sozusagen beim Verzehr eines Stücks Rumflockentorte kennen gelernt.« Olga hob die Hand und wiederholte die Begrüßung auf Polnisch. »Das angekündigte Sturmtief soll Norderney erst gegen Mitternacht erreichen. Im Moment meint es das Wetter ja noch gut mit uns. Nach dem Tee begleite ich euch zu einem Spaziergang durch den Hafen und führe euch zu dem Steg, an dem unser Schiff liegt. Mein Mann wird bestätigen, dass ich ihm an Bord bereits eine große Hilfe bin. Um neunzehn Uhr nehmen wir dann ein kleines Abendessen ein.«

Als Olga wieder Platz genommen und die Teetafel eröffnet hatte, hüstelte Franz. »Herr Hammes und Herr Saalmann kennen die ›Tulipan‹ seit längerem. Sie haben schon über sie gelästert, als sie noch am Ijsselmeer lag. Ich denke, die beiden legen keinen Wert auf einen Besuch an Bord des Schiffes – vor allem nicht bei dem starken Wind. Also bleibt uns dreien dann ein wenig Zeit, gemeinsam in der Firmengeschichte zu blättern.« Seine Worte klangen ungewohnt spitz, und Olga warf Franz einen fragenden Blick zu. Doch den anderen schien dieser Misston entgangen zu sein, die Stimmung hätte besser kaum sein können.

Die Gäste aus Polen lachten und genossen die Feier sichtlich. Sprachbarrieren schien es keine zu geben. Entweder übersetzte Olga oder man sprach Englisch. Unbeschwerte Frotzeleien flogen von einer Seite des Tisches zur anderen, Saalmann und Hammes erzählten amüsante Anekdoten aus dem Geschäftsleben. Nur Franz Uhlendorf wirkte ernst und in sich gekehrt. Immer wieder schaute er auf die Uhr.

»Henning wird schon noch kommen, Liebling«, flüsterte Olga und streichelte Franz liebevoll über die Hand.

Hammes hatte diese Worte gehört. »Henning? Ach Chef – ich darf Sie doch noch so nennen?«, fragte er mit einem verschmitzten Lächeln. »Er wird Sie sicher nicht enttäuschen. Henning ist ein so prächtiger Junge! Wenn er möchte, kann er mich demnächst bei der Entwicklung neuer Technologien unterstützen«, versicherte er und schaute seinen ehemaligen Chef aufmunternd an.

Saalmann schien sich immer noch prächtig mit den jungen Leuten aus Polen zu unterhalten. Sie seien das erste Mal in Deutschland – aber sicher nicht das letzte Mal, versicherten sie ihm gut gelaunt.

Franz Uhlendorf steckte sich eine Havanna an, Olga reichte Zigaretten herum. Der kleine Raum füllte sich mit Rauch, der in dicken Schwaden dem leicht geöffneten Bullauge entgegenzog.

Plötzlich öffnete sich die Tür, und alle wandten sich neugierig um. Eine zierliche schwarzhaarige Chinesin und ein offenbar stark gehbehinderter chinesischer Junge, dessen Hände seltsam verkrampft wirkten, betraten die Nautiker-Stube.

Augenblicklich verstummten die Gespräche, und das Schweigen, das sich über die Gesellschaft legte, wirkte seltsam verlegen, als Henning Uhlendorf hinter den Chinesen eintrat. Er drückte die Tür ins Schloss und sah sich schmunzelnd um, als freute er sich, dass ihm die Überraschung gelungen war. Sein Gesicht hatte eine gesunde Bräune angenommen, und sein Haar war von der Sonne stark gebleicht, doch seine lustigen Augen strahlten wie eh und je. »Hallo, allerseits«, grüßte er unbefangen und ging lachend auf seinen Vater zu, den es längst nicht mehr auf seinem Stuhl gehalten hatte.

»Henning!«, rief Franz freudig erregt.

»Papa!«, murmelte der junge Mann und drückte seinen Vater bewegt an sich.

Franz warf einen irritierten Blick auf die beiden jungen Chinesen, die nicht weit entfernt stehen geblieben waren, und Henning löste sich aus der Umarmung und ging einige Schritte auf die beiden zu. Liebevoll legte er den Arm um die Schultern der hübschen Chinesin, die einen schwarzen Hosenanzug und eine weiße Bluse mit Stehkragen trug. »Papa, das ist Suzie Kin, meine Freundin«, sagte er und griff nach der Hand des behinderten jungen Mannes. »Und das ist Hang, ihr Bruder. Sie wollten dich und unsere friesische Heimat kennen lernen.«

Hang trug an diesem Nachmittag eine neue blaue Jeans, ein weißes Hemd und eine dunkelblaue Steppjacke. In seinem Gesicht mit den schmalen dunklen Augen lag ein wachsamer Zug.

Noch immer erfüllte die Nautiker-Stube verlegenes Schweigen. Die Überraschung war offenbar vollkommen.

Es war Suzie, die trotz der Kälte, die ihr entgegenschlug, das Wort ergriff. »Wir gratulieren«, sagte sie, sichtlich bemüht, die auswendig gelernte höfliche Floskel klar und deutlich auszusprechen. Mit einem schüchternen Lächeln überreichte sie Olga eine weiße Orchidee, die Olga nicht ohne Rührung entgegennahm. Sie war verwirrt und wies auf den freien Platz am Tisch. »Der Ober wird noch zwei weitere Gedecke bringen«, sagte sie auf Deutsch, und obwohl Suzie sie nicht verstehen konnte, verbeugte sie sich höflich.

Nachdem Olga sich wieder ein wenig gefangen hatte, trat sie auf Henning zu. »Ich bin die neue Frau an der Seite Ihres Vaters. Ihnen gegenüber sitzen meine Söhne Leszek und Wladyslaw. Und das sind ihre Freundinnen Agniezka und Marzena.«

Henning begrüßte die neuen Verwandten mit Handschlag. Dann erwiderte er: »Papa und … Ihnen, Frau …«, er geriet ins Stocken, doch Olga kam ihm mit herzlichem Lächeln entgegen:

»Ich heiße Olga …«

»Alles Gute und glückliche Jahre. Sie sehen übrigens in Ihrem Kleid wunderschön aus«, vollendete Henning den begonnenen Satz und nahm aus der Seitentasche seines Jacketts ein Kuvert, dem er ein Schreiben entnahm. »Zur Kenntnisnahme«, meinte er salopp und reichte es seinem Vater.

Irritiert nahm Franz den Brief zur Hand. »Oh, der Text ist in Englisch verfasst. So weit reichen meine Kenntnisse nicht mehr … Herr Saalmann, wenn Sie so freundlich wären, mir wie früher zu assistieren …?«

Johannes Saalmann stand lächelnd auf, nahm den Brief entgegen und begann zu übersetzen:

»Sehr geehrter Herr Uhlendorf,

nach Ihren herausragenden Forschungsarbeiten am Youssuf College in Singapur und dem bestandenen Rigorosum in Anwesenheit Professor Dr. Garrels’ von der TH Aachen gratuliere ich Ihnen zur erlangten Doktorwürde.

Ich habe Sie inzwischen meinem Kollegen Professor Dr. Horsdale, dem Leiter der Fakultät für ›Technologie und Ingenieurwesen‹ an der Universität in San Francisco herzlichst empfohlen, der an seinem Lehrstuhl einen wissenschaftlichen Mitarbeiter wie Sie gebrauchen könnte. Ich hoffe, Ihnen damit einen Dienst erwiesen zu haben, und würde mich freuen, wenn Sie die sich Ihnen bietende Chance wahrnehmen würden.

Für Ihre berufliche und private Zukunft wünsche ich Ihnen alles erdenklich Gute.

Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Kim Lee«

Franz Uhlendorf verschlug es den Atem. Er blickte seinen Sohn fassungslos an, während er Olgas Stimme lauschte, die den polnischen Gästen fast synchron die Übersetzung lieferte. Die Polen applaudierten, sie mochten den jungen schlaksigen Henning offenbar auf Anhieb.

***

Noch immer schweigend, betrachtete Franz die hübsche Chinesin, die wie eine zerbrechliche Porzellanpuppe wirkte und ihn schüchtern anlächelte. Nach wie vor hielt sie die Hand ihres verkrüppelten Bruders in der ihren.

»Mein lieber Sohn, eine respektable Leistung«, meinte er schließlich, »aber du hättest mich wenigstens vorwarnen können.« Er warf Suzie und Hang einen ärgerlichen Blick zu. »Eine chinesische Schwiegertochter? Und dieser Affe da? Was soll das?«, zischte er, und wieder wurde es mucksmäuschenstill im Zimmer.

Henning wurde blass, doch er gab keine Antwort, griff stattdessen nach Hangs Hand und führte ihn und Suzie zu ihren Plätzen.

Olgas Söhne, denen die peinliche Szene trotz der Sprachschwierigkeiten nicht entgangen war, begrüßten die Neuankömmlinge überschwänglich, als wollten sie die unfreundliche Begrüßung durch Franz wiedergutmachen.

Suzie sprach eine Weile eindringlich auf ihren Bruder ein, der den Kopf gesenkt hielt. Irgendwann hob er den Blick, streckte trotzig seine Beine unter dem Tisch aus und begann, umständlich die Gabel mit dem Kuchen, den Henning ihm serviert hatte, zum Mund zu fuhren. Immer wieder wanderte sein Blick zu dem weißhaarigen älteren Herrn am Tisch hinüber, und in seinen schmalen Augen standen Zorn und Ablehnung.

Inzwischen war wieder eine recht muntere Unterhaltung in Gang gekommen. Die Polen erkundigten sich interessiert nach Hennings Forschungsarbeit, und Wladyslaw erzählte, dass er wie seine hübsche Freundin Marzena inzwischen das Examen bestanden und gute Chancen hatte, eine Anstellung bei der polnischen Nationalbank zu bekommen. Obwohl er noch in einer der Filialen seines zukünftigen Schwiegervaters arbeitete, hatte er es abgelehnt, in dessen Geschäft eine Festanstellung anzunehmen. Marzena sollte in wenigen Monaten am Studienseminar den Vorbereitungsdienst auf das Lehramt an Wirtschaftsgymnasien antreten.

Auch Agniezka hatte Neuigkeiten zu erzählen, von denen selbst Wladyslaw und Olga noch nichts wussten. Seit einiger Zeit war sie zur Geschäftsführerin der eleganten Boutique, in der sie seit langem arbeitete, aufgestiegen, da ihre Chefin Sissi Quiakowski schwer erkrankt war und sie bis auf weiteres mit der Geschäftsleitung betraut hatte.

Johannes Saalmann, der weit gereiste Manager, interessierte sich für die wirtschaftliche Entwicklung Polens und verwickelte Wladyslaw, den frischgebackenen Wirtschaftswissenschaftler, in ein angeregtes Gespräch, während Kurt Hammes lustlos zusah, wie Franz Uhlendorf mit finsterer Miene in der kleinen »Firmengeschichte« blätterte und nicht einmal aufschaute, als seine Frau Olga die Gäste zum angekündigten Hafenrundgang aufforderte.

Leise wandte Hammes sich an Henning: »Dein Vater will leider nicht sehen, dass er inzwischen zu den Rentnern zählt. Er hat Saalmann und mich zu einer geschäftlichen Unterredung gebeten – heute!« Dann richtete er laut das Wort an Franz Uhlendorf: »Wie gesagt, ihr Sohn kann jederzeit bei uns einsteigen. Über das Gehalt lässt sich reden.«

Doch Henning schüttelte entschlossen den Kopf. »Ich habe andere Pläne. Ich werde nach Kalifornien gehen. Dazu haben Suzie und ich uns entschlossen.«

Franz’ Gesicht nahm einen ungläubigen Ausdruck an, und nur schwer konnte er seinen Ärger verbergen. »Das ist doch nie und nimmer auf deinem Mist gewachsen, Henning«, schimpfte er dann und zündete sich erneut eine Havanna an.

Saalmann grinste anzüglich. »Das kann ich verstehen. Drüben gibt es mehr Chinesen als hier bei uns«, spottete er und schaute Henning prüfend ins Gesicht.

Doch der junge Mann wandte sich ab, ergriff Hangs Hand und wollte sich den anderen anschließen, die sich bereits erhoben hatten, um Olgas Aufforderung zu einem Spaziergang nachzukommen.

Während der Ober damit begann, das Kaffeegeschirr abzutragen, trat Olga mit besorgtem Gesicht auf Henning und Hang zu. Der junge Chinese humpelte mit ruckartigen Bewegungen an der Seite seines deutschen Freundes dem Ausgang entgegen. »Vorsicht, die steile Treppe!«, flüsterte sie nur, doch Henning winkte mit einem dankbaren Lächeln ab und strich Hang beruhigend über das feste schwarze Haar. »Die Treppe ist für Hang kein Hindernis. Er hat schon den Weg nach oben geschafft, er wird auch den Weg nach unten meistern. Auch wenn Vater sicher denkt, dass es ihm leichter fallen würde, sich mit den Armen rauf-und runterzuhangeln – wie ein Affe!«, fügte er bitter hinzu. Und Hang grinste böse dazu, als hätte er jedes Wort verstanden.

»Ihr Vater hat es nicht so gemeint«, versicherte Olga traurig, betrat die Treppe und schaute sich mehrmals besorgt nach Hang um, der, eine Hand auf das Geländer, die andere auf Hennings Schulter gestützt, mit ungelenken Schritten die Stufen hinunterhumpelte.

Auf dem Kai warteten bereits die anderen Gäste. Vom Meer her schlug ihnen ein recht starker Wind entgegen. Olgas Söhne waren von der Schönheit der Insel angetan, die ihrer Mutter zur neuen Heimat werden sollte und die sie an Zopott und die Halbinsel Heia erinnerte. Sie spazierten durch den Hafen. Die Schiffe schaukelten leicht im Wasser der Flut. Der Wind spielte mit den Trossen der Jachten, die klirrend gegen die Masten schlugen. Schließlich erreichte die kleine Gruppe den Liegeplatz der »Tulipan«. Olga sprach mit ihren Söhnen Polnisch. Leszek und Wladyslaw hörten begeistert zu; immer wieder tauschten sie vielsagende Blicke mit ihren Freundinnen. Offenbar erwähnte Olga eben die anderen Besitztümer Franz Uhlendorfs, die nun auch ihr gehören sollten. Und in der Tat: Dank der Eheschließung mit dem deutschen Millionär war aus Olga Stocheck, der mittellosen polnischen Musikerin, eine reiche Frau geworden.

Während Henning auf dem Steg stehen blieb, folgten die anderen Gäste Olga an Bord des Schiffes. Über dem Hafen hingen Möwen im heftigen Wind; plätschernd schlugen die Wellen an den Steg. Olga begann mit strahlendem Gesicht mit der Schiffsführung, und ihre zukünftigen Schwiegertöchter griffen begeistert zu den Fotoapparaten, lichteten ihre Männer ab und ließen sich selbst lächelnd fotografieren. Auch Hang, der recht behände über das Deck humpelte, lachte in die Kamera. Die jungen Polen schauten amüsiert zu, wie er sich in die Plicht hangelte und ohne Hilfe unter Deck verschwand.

Suzie errötete. »Hang!«, rief sie verlegen, doch Olga winkte verständnisvoll ab und bat alle, ihr ebenfalls in die Kajüten zu folgen.

Henning stand allein auf dem Steg und dachte an seine verstorbene Mutter. Nicht dass er etwas gegen Olga gehabt hätte … Sie war für ihr Alter eine sehr attraktive Frau, fand er. Außerdem war sie ihm freundlich, beinahe herzlich begegnet. Im Übrigen hatte er die Entscheidung seines Vaters zu akzeptieren. So oder so. Dennoch wollte er die Insel schon am nächsten Tag mit Suzie und Hang verlassen, nach Wilhelmshaven fahren und der Mutter einen schönen Herbststrauß aufs Grab stellen. Er war fest entschlossen, seine Bewerbung für die Universität San Francisco so bald wie möglich loszuschicken. Um das väterliche Erbe machte sich Henning keine Sorgen. Sicher würde Franz’ zweiter Frau ein hoher Anteil seines Vermögens zufallen, doch er selbst, Henning, würde nicht leer ausgehen. Dafür würde notfalls das Bürgerliche Gesetzbuch sorgen. Außerdem konnte er schon in wenigen Wochen über die Hinterlassenschaft seiner Mutter frei verfügen. Doch über all das wollte er an diesem Tag nicht nachdenken.

Als sich die kleine Gesellschaft auf den Rückweg zum Seglerhaus machte, dämmerte es bereits. Der Wind war mächtig aufgefrischt. Die vertäuten Schiffe hatten schon ihre Lichter gesetzt. Der Lärm des laufenden Generators des Seenotrettungskreuzers drang zu ihnen herüber.

Suzie, Henning und Hang folgten den Polen über den Kai zur Treppe des Seglerhauses. Aus den Fenstern fiel warmes, gelbes Licht.

In der Nautiker-Stube war es angenehm warm. Die Tische hatte man für das bevorstehende Abendessen festlich gedeckt. Olga begrüßte ihren Mann mit einem zärtlichen Kuss, doch er wirkte seltsam abwesend. Saalmann und Hammes schauten mürrisch vor sich hin. Henning studierte einen Moment das ärgerliche Gesicht seines Vaters. Er mag Suzie und Hang nicht, dachte er enttäuscht, dann straffte er trotzig die Schultern.

Auch Olga schien irritiert zu sein. »Franz, möchtest du …? Oder soll ich …?«, setzte sie an, doch er winkte nur ab. Olga zuckte mit den Schultern. Der Ober trat an den Tisch und servierte einen doppelten Cognac, den Franz Uhlendorf ohne ein Wort des Dankes entgegennahm. Er setzte den Schwenker an die Lippen und leerte ihn in einem Zug.

In Olgas schönes Gesicht mit den hohen Wangenknochen trat ein unmutiger Ausdruck. Ihre vollen Lippen verzogen sich ärgerlich. Was sollte das? So kannte sie Franz gar nicht. Mit einem freundlichen Lächeln wandte sie sich dann an die Gäste. »Das Menü besteht aus einer Rindfleischsuppe mit Eierstich und Markbällchen. Danach werden uns Schweine- und Rinderbraten mit Rosenkohl, Prinzessbohnen, Petersilienkartoffeln und Kroketten serviert. Zum Nachtisch gibt es rote Grütze mit Sahne.«

Henning lachte. »Wie der Zufall so spielt! Roter Grütze habe ich es zu verdanken, dass ich meine große Liebe Suzie kennen gelernt habe.« Als er mit seiner Erzählung endete, die Olga für die polnischen Gäste übersetzt hatte, brach allgemeine Heiterkeit aus. Nur Franz schien das Erlebnis seines Sohnes nicht komisch zu finden, denn er brütete nach wie vor düster vor sich hin. Doch die Gäste ließen sich von der schlechten Laune des Bräutigams nicht stören, sprachen reichlich dem guten Essen zu, unterhielten sich angeregt und schienen den Abend zu genießen.

Während über Norderney schwarze Wolken aufzogen und die Dämmerung in tiefe Dunkelheit überging, schloss der Wirt den Restaurationsbetrieb im vorderen Teil des Seglerhauses und betrat die Nautiker-Stube, um sich zu erkundigen, wie den Gästen das Essen geschmeckt hatte. Die weiße Kochmütze noch auf dem Kopf und die Schürze um den ansehnlichen Bauch gebunden, half er dem Ober dabei, das Geschirr abzuräumen, kam dann mit einem Akkordeon zurück, setzte sich zu der Festgesellschaft an den Tisch und begann, das bekannte »Nordseelied« anzustimmen. Der Ober servierte weiter alkoholische Getränke, und die Stimmung stieg immer mehr. Selbst Hang, der nur gelegentlich an seiner Cola nippte, schien Gefallen an dem munteren Treiben der »Langnasen« zu finden.

Immer wieder prosteten die Gäste dem Hochzeitspaar zu. Der Wirt verstand es ausgezeichnet, das internationale Publikum mit stimmungsvoller Musik und lustigen Anekdoten aus dem Seglerclub zu unterhalten, und Olga ließ es sich nicht nehmen, auf dem Akkordeon einige fröhliche polnische Melodien zu spielen, die ihre Söhne und deren Freundinnen begeistert mitsangen. Die übrigen Gäste klatschten im Takt der Musik in die Hände, und selbst Franz ließ sich endlich von der guten Stimmung anstecken. Er sang – übrigens gar nicht schlecht – zur Musik »La Paloma« und erntete stürmischen Beifall. Da weder Henning noch Hammes und Saalmann bereit waren, einen musikalischen Beitrag beizusteuern, ergriff schließlich Suzie die Initiative und sang ein chinesisches Volkslied, das alle sehr beeindruckte.

Gegen zweiundzwanzig Uhr erhob sich Franz Uhlendorf, den Cognacschwenker in der Hand, und sang zur Akkordeonmusik das Lied »Kleine weiße Möwe«, wobei ihn die friesischen Gäste summend begleiteten. Anschließend prostete Franz Olga und den Gästen noch einmal zu.

Kurt Hammes und Johannes Saalmann nutzten die Pause, um sich zu verabschieden. Sie reichten den Brautleuten die Hand, bedankten sich und winkten den anderen Gästen noch einmal zum Abschied zu, bevor sie an die Garderobe traten, ihre Mäntel überzogen und das Seglerhaus über die Treppe verließen.

Das war der Auftakt zum allgemeinen Aufbruch. Unter herzlichen Dankesworten verabschiedeten sich auch die anderen Gäste, bevor sie mit ihren Jacken und Mänteln ins Freie traten.

Olga begleitete den Wirt kurz in sein Büro, bestellte einige Taxen, die die Gäste zu ihren Unterkünften bringen sollten, und folgte den »Kindern« über die Außentreppe auf den Kai. Suzie schloss sich den Polen an. Henning begleitete Hang zur Treppe.

Der Kai lag fast völlig dunkel da. Der Wind hatte beinahe Sturmgeschwindigkeit erreicht, es war stark abgekühlt. Die Positionslichter der Schiffe wirkten seltsam gespenstisch vor dem schwarzen Horizont.

Während Leszek, Wladyslaw, Agniezka, Suzie und Marzena im matten Licht der Laterne auf dem Kai standen, schritt Olga entschlossen an der Kaimauer entlang und verschwand auf dem Gelände der benachbarten Speditionsfirma, um, wie sie angekündigt hatte, nach den bestellten Taxen Ausschau zu halten.

Franz Uhlendorf indes leerte oben in der Nautiker-Stube den Cognacschwenker ein letztes Mal, wechselte mit dem Wirt noch einige Worte und ließ sich von ihm die Rechnung bringen. Jovial klopfte er ihm auf die Schulter, bedankte sich für die gute Bewirtung, reichte dem Kellner ein ansehnliches Trinkgeld und trat nach kurzem Gruß auf den Absatz der Treppe. In seinem Gesicht lag ein entschiedener Ausdruck, als er seinen Blick über den unter ihm liegenden Kai und die wartenden Menschen gleiten ließ. Der Wind kühlte sein erhitztes Gesicht und streichelte seinen weißen Bart. Franz murmelte etwas Unverständliches, legte seine Rechte entschlossen auf das Geländer und begann, die Stufen nach unten zu steigen. Er wusste, was er zu tun hatte.

***

Am Fähranleger hingen die Hafenlaternen wie kleine Glühbirnen am schwarzen Himmel. Die Wellen umspülten glucksend die Schiffe. Olga stemmte sich mit aller Kraft gegen den Wind und hielt Ausschau nach den bestellten Taxen, als sie einen Schrei vernahm, der ihr durch Mark und Bein ging.

»Mein Gott! Da ist was passiert!«, murmelte sie und begann augenblicklich am ganzen Körper zu zittern. Einige Sekunden stand sie reglos da und lauschte dem Schrei nach, in dem hilflosen Versuch, die Stimme zu identifizieren – vergebens. Alarmiert und zu Tode verängstigt, hastete sie zurück zum Seglerhaus. Schon von weitem sah sie Leszek, der zur Kaimauer eilte. Hang turnte gerade erstaunlich geschickt am Treppengeländer, Agniezka und Marzena standen auf dem Kai. Nur von fern drangen ihre Stimmen an Olgas Ohr, und ihr entsetztes Wimmern ließ sie bis in die Tiefe ihrer Seele erschauern. Da sah Olga Henning. Er kniete am Boden, vor einer reglosen Gestalt … Franz. Ein verzweifelter Schrei entrang sich ihrer Kehle, und hilflos hastete sie weiter. Es kam ihr seltsam unwirklich vor, wie sie Henning entgegentaumelte. Wie in Zeitlupe, dachte sie und schüttelte über sich selbst den Kopf.

»Papa …«, murmelte Henning und sah Olga mit schreckgeweiteten Augen entgegen, in denen sie auch Angst, Unglauben und Fassungslosigkeit las. Mühsam drehte er den reglosen Mann auf den Rücken, und Olga sank neben Franz auf den Boden, ergriff seine Hand und redete leise auf ihn ein. Dass sie Polnisch sprach, bemerkte in diesem Moment niemand. Erst jetzt sah Olga die Blutlache und begann zu weinen. Hilfe suchend und mit Tränen in den Augen schaute sie sich um. Doch alle wirkten wie erstarrt.

***

Der Maat des Seenotrettungskreuzers »Bernhard Gruen« hatte den gellenden Schrei gehört, seine Zeitung beiseitegeworfen und eilig seine Koje verlassen. Beunruhigt lief er auf die Brücke, schaltete die Suchscheinwerfer ein und leuchtete sorgfältig und langsam das Kaigelände aus. Da sah er die kleine Menschentraube, die sich aufgeregt um eine reglose Gestalt am Boden scharte. Ein Unfall!, schoss es ihm durch den Kopf. Mit fahrigen Händen griff er zum Telefon und forderte einen Rettungswagen an. Als er den Hörer auf die Gabel warf, tastete er schon nach der Stablampe, die gleich neben dem Telefonapparat lag, sprang von Bord und eilte über den Kai. Hoffentlich kann ich ihm noch helfen, durchfuhr es ihn, doch als er den Schein seiner Lampe auf das Gesicht des am Boden liegenden Mannes richtete, ahnte er, dass hier jede Hilfe zu spät kam. Die Blutlache um den Kopf des Mannes breitete sich immer mehr aus. Blut floss auch aus seiner Nase und nässte das graue Barthaar. »Wir können ihm nicht helfen – wir können nur einiges falsch machen«, murmelte er hilflos.

»Mein Vater …!«, rief Henning verzweifelt. »Er muss die Treppe hinuntergestürzt sein!« Der junge Mann konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. Hilflos schluchzte er auf.

Leszek hatte sich über seine Mutter gebeugt, die immer noch wimmernd neben dem reglosen Franz auf dem Boden kauerte. Wladyslaw weinte lautlos vor sich hin.

Zwei Taxen fuhren vor, ihre Scheinwerfer tauchten die Szenerie in beinah gespenstisches Licht. Die Fahrer stiegen aus, und nach kurzem Zögern eilten auch sie zum Unfallort.

Eine kleine Ewigkeit herrschte entsetztes Schweigen. Dann erhob sich Henning, unter der Bräune aschfahl im Gesicht, und trat zu Suzie, die den aufgelösten Hang an sich gedrückt hielt. Der junge Chinese zitterte wie Espenlaub. »Kommt«, murmelte Henning und führte sie zu einem Taxi. Dann winkte er Agniezka und Marzena zu sich und wandte sich an Wladyslaw: »Die Frauen sollten hier nicht bleiben«, sagte er, reichte Suzie den Hotelschlüssel, strich Hang hilflos über das Haar und beobachtete, wie er mit ungelenken Bewegungen neben seiner Schwester im Fond des Wagens Platz nahm. Als Henning dem Fahrer einen Fünfzigmarkschein reichte, die Adresse ihres Hotels nannte und um ein weiteres Taxi bat, zitterte seine Hand so sehr, dass sich der Fahrer verlegen räusperte. Henning stand noch im harten Wind, als die Rückleuchten der beiden Taxen in der Dunkelheit bereits immer kleiner wurden und schließlich verschwanden. Er schrak erst aus seiner Starre auf, als der Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn auf den Kai fuhr und nur wenige Meter vor der kleinen Menschenansammlung anhielt.

Im Scheinwerferlicht der »Bernhard Gruben« eilte ein Notarzt mit mehreren Sanitätern auf den reglos am Boden liegenden Franz Uhlendorf zu, nahm eine kurze Untersuchung vor und begann sofort damit, den Mann wiederzubeleben. Mit routinierten, rhythmischen Griffen presste er Franz’ Brustkorb zusammen, nahm mehrmals eine Mund-zu-Mund-Beatmung vor – vergebens. Franz Uhlendorf regte sich nicht. Mit ernstem Gesicht griff Dr. Ebeling schließlich zur Schere, zerschnitt das Hemd des Opfers und horchte mit Hilfe eines Stethoskops nach Herztönen. Vorsichtig nahm er dann Franz Uhlendorfs Kopf in beide Hände und bewegte ihn langsam hin und her.

»Bitte nicht, lieber Gott! Lass Franz nicht tot sein!«, murmelte Olga leise und schüttelte, als müsste sie dieses Gebet bekräftigen, unaufhörlich den Kopf.

Fünf Minuten später, in denen er unermüdlich versucht hatte, Franz Uhlendorf wiederzubeleben, richtete sich der Arzt mit müdem Rücken auf und tupfte sich mit einem Papiertaschentuch über den Mund. »Für Ihren Vater kommt jede Hilfe zu spät«, wandte er sich an Henning. »Blutstau und vermutlich Genickbruch. Mein Beileid«, fügte er hinzu und blickte sich erschöpft um.

Als ein Polizeifahrzeug auf den Kai fuhr, aus dem zwei Polizisten stiegen, konnten Wladyslaw und Leszek ihre Mutter gerade noch auffangen, um zu verhindern, dass sie neben ihrem toten Mann zu Boden sank. Neben ihnen standen blass und reglos der Maat des Seenotrettungskreuzers sowie der Wirt und der Kellner des Seglerhauses, die bei Franz Uhlendorfs Schrei beunruhigt auf den Kai hinuntergeeilt waren.

Die beiden Polizisten traten näher. »Ein Unfall?«, fragte der Wachtmeister den Notarzt aus dem Dr.-Salem-Krankenhaus.

Dr. Ebeling zuckte mit den Schultern. »Auf den ersten Blick sieht es so aus, ja. Genaueres kann aber erst eine Untersuchung der Leiche ergeben. Auf jeden Fall hat der Mann zu viel Alkohol im Blut. Ich werde im Krankenhaus noch eine Blutprobe entnehmen.«

Henning trat hektisch auf die Beamten zu. »Ich bin Henning Uhlendorf, der Sohn des … Toten. Mein Vater hat heute seine Hochzeit mit Olga Stocheck gefeiert«, stammelte er und wies auf die bebende Gestalt neben sich.

»Es ist entsetzlich … so entsetzlich!«, murmelte Olga und schluchzte auf.

»Mein Beileid«, sagte der zweite Polizist, den Dr. Ebeling offenbar näher kannte.

»Herr van Oost, Sie wissen sicher, dass in einem Krankenwagen für einen Toten kein Platz ist. Benachrichtigen Sie einen Bestattungsunternehmer, und lassen Sie die Leiche ins Doktor-Salem-Krankenhaus zur Untersuchung bringen, damit ich sie mir genauer ansehen kann.« Damit nickte er allen Anwesenden kurz zu, verharrte einen Moment und wandte sich dann, gefolgt von den Sanitätern, dem Krankenwagen zu, der wenig später in der Dunkelheit verschwand.

Während Wachtmeister Marschner einen Sarg anforderte, wollte Polizeimeister van Oost in ruhigem, einfühlsamem Ton von Henning Uhlendorf wissen: »Was genau ist passiert?«

»Wie gesagt, wir haben Papas Hochzeit mit Olga … Stocheck gefeiert. Kurz vor dreiundzwanzig Uhr haben wir alle das Seglerhaus verlassen. Frau Stocheck hatte zwei Taxen bestellt, auf die wir hier warten wollten …«, erzählte der junge Mann stockend.

Olga Uhlendorf nickte mit Tränen in den Augen. »Mein Mann war noch oben im Seglerhaus. Ich bin vorausgegangen und habe Ausschau nach den Wagen gehalten. Dann hörte ich den Schrei … Es war so furchtbar …« Wieder brach sie in Tränen aus.

Hilflos strich Wachtmeister van Oost der Witwe über den Arm. »Sie können Ihrem Mann nicht mehr beistehen. Wegen des Protokolls wende ich mich später an Sie. Fahren Sie nach Hause …« Mit einer leichten Kopfbewegung wies er auf ein weiteres Taxi, das vor einigen Minuten auf dem Kai gehalten hatte.

Olga nickte und wankte, kraftlos und blass, zwischen ihren Söhnen zu dem Wagen.

»Schrecklich«, murmelte van Oost.

Der Wirt nickte, noch immer schockiert. »Franz Uhlendorf war als Letzter oben. Wir hatten noch abgerechnet … Er hatte darauf bestanden, sofort zu bezahlen …«

»Ich habe einen Schrei gehört, den Scheinwerfer auf den Kai gerichtet und den Krankenwagen bestellt. Ich habe eine Ausbildung in Erster Hilfe, sah aber keine Möglichkeit, dem Mann beizustehen. Natürlich stehe ich Ihnen noch für weitere Aussagen zur Verfügung …«, meinte der Maat und verabschiedete sich nach kurzem Gruß, um zurück zur »Bernhard Gruben« zu gehen.

Seufzend wandte sich Wachtmeister van Oost Henning Uhlendorf zu, der sich eine Zigarette angezündet hatte und nervös daran zog. Der starke Wind kühlte sein erhitztes Gesicht, trocknete seine Tränen und trug den Rauch davon.

»Herr Uhlendorf, zunächst gehen wir einmal von einem Unfall aus«, sagte van Oost. »Wir bringen Sie nach Hause. Aber bitte melden Sie sich morgen früh bei uns wegen der Formalitäten.«

»Ich wohne im Hotel Haus Uedesheim …«, murmelte Henning nur und schaute zu, wie ein Leichenwagen vor ihnen hielt, aus dem ein Sarg gehoben wurde. Er zuckte zusammen, als zwei Männer seinen toten Vater aufnahmen, in den Eisensarg betteten und zum Wagen trugen. Beerdigungsinstitut Dunkamp stand auf dem Mercedes Kombi. Erst als die Bedeutung dieser Worte ihm ganz zu Bewusstsein kam, brach er in verzweifeltes Schluchzen aus.

Van Oost ließ den jungen Mann weinen und wartete geduldig, bis er sich ein wenig gefasst hatte. Dann bat er ihn, in den Streifenwagen zu steigen, und gab die Anweisung, ihn zu seinem Hotel zu bringen.

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