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Denkzettel

Vorwort

Waren die ersten Denkzettel eher allgemeiner Natur, so sollen sich die, in diesem Büchlein folgenden, speziellen Themen des sozialen Lebens widmen.

Ich will es wirklich wagen, dort Späßchen zu machen, wo bei vielen der Spaß aufhört. Beim Glauben zum Beispiel, nicht so sehr dem religiösen Glauben, sondern dem moralisch oder politisch gefärbten Glauben. Ich weiß zwar, dass man sich darauf lieber nicht einlassen sollte. Denn das wusste schon der Geheimrat Goethe:

»Politisch Lied ein garstig Lied!«

Mir liegt es fern, mich über andere Menschen lustig zu machen. Bei einigen hier angesprochenen Themen verbietet es mir mein Verständnis von Anstand, sie einfach humorvoll zu besprechen. Ernsthaft will ich sein, aber nicht starrköpfig, denn zu viel Engstirnigkeit und Starrköpfigkeit hindern uns oftmals daran, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das gilt für das große, politische Leben genauso wie für die kleine, ganz persönliche Lebenspolitik. Heute gehen nicht mehr viele Menschen in die Kirche, um ein Glaubensbekenntnis abzulegen. Um so mehr Menschen geben heute durch das Lesen der richtigen Zeitung, durch Betrachtung der Lieblings-Talkshow im Fernsehen oder durch die persönliche Beteiligung im sozialen Netzwerk an den »richtigen« Foren ihr Glaubensbekenntnis ab. Früher glaubte man, dass es passieren könnte, vom Kugelblitz erschlagen zu werden. Daran glaubt heute wohl niemand mehr. Ganz aktuell wurde jemand laut Zeitungsrecherche vom Blitzkrebs getroffen oder eben niedergestreckt.

Aus der viel zitierten Meinungsvielfalt ist leider eine massenhafte Meinungseinfalt geworden. Für mich ist es unglaublich, mit welchen Erklärungen sich die Menschen abspeisen lassen. Zum Beispiel klären uns die Medien darüber auf, dass es nicht durch den Klimawandel wärmer wird, sondern durch die Atmosphäre. Oder das Parlament debattiert monatelang herum, um sich dann endlich zu einer Resolution durchzuringen. Doch kaum wurde die bekannt gemacht, hagelte es Kritik und es folgt auf höchster Ebene die Erklärung, das diese Resolution rechtlich ja gar nicht bindend sei. Wer braucht solche Erklärungen? Wer lässt sich damit zufrieden stellen? Nein zufrieden stellen wollen diese Weisheiten nicht. Mir scheint, es geht den Schreibern darum, die Leser gegen solche geistigen Tiefflieger aufzubringen, um sie anfällig für die künftigen Erklärungen zu machen. Man regt sich über die Dummheit von gewissen Leuten auf und fällt damit auf die versteckten Dummheiten anderer rein.

Die Leser anzuregen, sich wirklich eigene Gedanken zu machen, indem ich ihnen vorführe, zu welchen paradoxen und kuriosen Ergebnissen es führen kann, wenn man die üblichen Phrasen konsequent weiter verfolgt, bleibt natürlich weiterhin mein wichtigstes Anlegen. Gerade bei den hier angesprochenen Themen ist es eine große Herausforderung, weder Verbitterung noch Schadenfreude aufkommen zu lassen. Vor allem geht es aber darum, sich nicht nur zu ärgern und aufzuregen, sondern einen Weg zu finden, mit den vielen Ungereimtheiten unserer Tage umzugehen ohne dabei in Verbitterung, Verzweiflung oder Resignation zu landen. Und vor allen Dingen, ohne das Lachen zu verlieren.

Norbert Wickbold

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Norbert Wickbolds

Denkzettel No.11

 

Sind wir von allen guten
Geistern verlassen ?

Oder haben wir sie verlassen?

Als ich 28 Jahre alt wurde, sagte man mir, dass mich nun mein Schutzengel verlassen würde. Bis hierher habe er mir treu gedient und mir stets geholfen. Von nun an müsse ich alleine klar kommen. Ich fand das ziemlich unfair. Schließlich war ich gerade in die größte Katastrophe meines Lebens geschlittert. Und da wollte mich mein Schutzengel alleine lassen? »Ein schöner Freund ist das«, dachte ich. Und überhaupt, wo war denn mein Schutzengel bisher gewesen? In wie viele Katastrophen hatte ich mich schon rein geritten. Nirgends hatte mein Schutzengel bereit gestanden, mich vor der drohenden Gefahr zu warnen. Nirgends hatte er mir einen einfacheren, bequemeren Weg oder überhaupt irgend einen Ausweg gewiesen. Aber vielleicht war das ja so einer wie bei Alexis Sorbas: »Ich hab' noch nie eine Brücke so schön einstürzen sehen!« Das ich nicht lache! Na ja, an einstürzende Neubauten konnte sich mein Schutzengel bei mir wirklich satt sehen. Da wurde ihm einiges geboten. Dann hat wenigstens einer seinen Spaß gehabt. Ich fand das jedenfalls nicht lustig. Von mir aus sollte der Schutzengel bleiben, wo der Pfeffer wächst. Und tatsächlich, nachdem der weg war, ging es allmählich aufwärts mit mir. Die ersten 28 Jahre fehlten mir na türlich. Da war nichts mehr zu machen. Wo andere es schon zur ersten Erbschaft, zur zweiten Frau, zum dritten Kind, zum vierten Haus, zum fünften Auto und zur sechsten Weltreise gebracht hatten, gelang es mir jetzt tatsächlich, den zweiten Stein auf den ersten zu setzen, ohne, dass mir der sofort wieder um die Ohren flog. Und das war für mich wie das siebte Weltwunder.

Durch die nicht enden wollenden Niederlagen war ich längst vom Glauben abgefallen. Wenn es überhaupt irgendwelche höheren Wesen, die als gute Geister wirken, geben sollte, hatten die offenbar an mir keinerlei Interesse. Ich sah mich von allen guten Geistern verlassen. Andererseits fragte ich mich: Sind diejenigen, die wirklich erfolgreich sind in der Wirtschaft und in der Politik, etwa diejenigen, die die Götter besonders lieben? Kann das stimmen? Wenn ich sehe, was diese Menschen aus unserer Welt machen – und wir machen bei alledem ja mit – dann frage ich mich wirklich: Sind denn nicht die von allen guten Geistern verlassen? Und wir mit ihnen?

Nun ja, für mich stand das ja sowieso schon fest, obwohl ich nun wirklich nichts angestellt hatte. Ich hatte ja bisher kaum Gelegenheit dazu gehabt. Und dennoch: Je mehr mir in meinem Leben dann doch noch gelang, um so mehr stieg in mir das Gefühl auf, jetzt doch von guten Geistern geleitet zu werden. So sehr ich mich bisher über das Versagen der guten Geister beklagt hatte, so muss ich doch, seit dem ich weiß, was da oben los ist, bei meinen Zeitgenossen ein gutes Wort für sie einlegen. Es gibt ja Leute, die glauben, sie bräuchten nur um etwas zu bitten und dann schickt der Himmel ihnen das Gewünschte. Da ist bei mir nichts zu machen, das weiß ich ja inzwischen. Andere denken, ihnen würde nur deshalb soviel Unangenehmes widerfahren, weil sie in ihrem Leben oder in einem vorherigen Leben schon soviel Schlechtes angestellt hätten. Ich glaube fast, die überschätzen ihren Einfluss in erheblichem Maße. Und dann gibt es Menschen, die sind davon überzeugt, dass der liebe Gott sowieso schon weiß, was für sie gut ist. Was immer auch in ihrem Leben geschieht, ihnen scheint alles recht zu sein. Die scheinen gar keine eigene Meinung zu haben. Andere halten die ganze Welt für eine Täuschung, und zwar komplett. Ganz so weit möchte ich nun doch nicht gehen, aber ich glaube, von dem, was diese Leute glauben, kann Einiges nicht wahr sein. Dazu ein Beispiel: Jedes Mal, wenn beim Auto fahren auf meiner Seite ein Hindernis ist, erscheint, wie aus dem Nichts, ein entgegen kommendes Fahrzeug. Jedes Mal, und zwar ausnahmslos! Jetzt frage ich Euch: Sitzt da im Himmel wirklich jemand, der dafür sorgt, dass es ständig zu solchen Engstellen und Beinah-Unfällen kommt? Stellt Euch doch nur einmal vor, wie viele Autos tagtäglich, weltweit auf den Straßen unterwegs sind? Wie viele solcher Engstellen und Beinahunfälle gibt es da? Glaubt Ihr wirklich, dass der liebe Gott das alles regelt? Und ständig kommt es vor, dass sich regelrechte Knoten bilden. An der engsten Stelle müssen dann plötzlich alle gleichzeitig durch! Auf der graden Strecke danach ist man anschließend wieder ganz allein. Bei den Menschen würde man ja denken: Fehlplanung! Aber in der göttlichen Werkstatt? So viele Zufälle kann es nicht geben. Und Absicht? Will Gott uns provozieren, Unfälle zu bauen? Ich glaube, die da oben müssen auch schon lange mit der Zeit gehen. Wer macht denn noch irgend etwas selber? Das wird heutzutage alles outgesourced. Die haben da oben auch inzwischen für alles Fremdfirmen. Und wollt Ihr wissen, wer da den Auftrag erhalten hat? Das ist nicht so einfach, wie Ihr Euch das vorstellt. Immer weniger Menschen sind noch bereit, ihren Beitrag zur göttlichen Lebensversicherung zu zahlen. Und das, obwohl es immer mehr Menschen gibt, die alle nur ihre Bestellungen abholen. So geht es im Himmel zu, wie auf Erden: Mit drastisch sinkenden Einnahmen sollen ständig wachsende Aufgaben erfüllt werden. Wenn die Menschen vom obersten Herrn nichts mehr annehmen wollen, dann müssen jetzt eben auch die armen Teufel ran! Denen bleibt gar keine Zeit mehr für neckische Spielchen. Da muss jeder mit Anpacken. So haben die vielen Teufelchen und Quälgeister, die sonst unkontrolliert ihr Unwesen trieben, jetzt ein festes Arbeitspensum. Jeder muss sich nützlich machen! Da wird jede Hand, jede Hufe und jede Pfote gebraucht. So mussten die sich, kraft göttlichen Gesetzes, kurzerhand einer Umschulung unterziehen. Seither steht vor der Hölle auf einem Schild in großen Lettern:

Ab heute bleiben unsere Satansbraten kalt,

was der Chef jetzt will, das lernen wir jetzt halt!

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