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Nofretete - Das Buch der Toten

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. PERSONEN
  7. VORWORT
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. 16
  24. 17
  25. 18
  26. 19
  27. 20
  28. 21
  29. 22
  30. 23
  31. 24
  32. 25
  33. 26
  34. 27
  35. 28
  36. 29
  37. 30
  38. 31
  39. 32
  40. 33
  41. 34
  42. 35
  43. 36
  44. 37
  45. 38
  46. 39
  47. 40
  48. 41
  49. 42
  50. 43
  51. 44
  52. DANK

Über den Autor

Nick Drake wurde 1961 in London geboren. Schon immer haben ihn Wörter fasziniert, weshalb er nicht nur Kriminalromane schreibt, sondern ebenfalls als Dichter und Drehbuchautor arbeitet – mit großem Erfolg. NOFRETETE – DAS BUCH DER TOTEN, der 1. Band um den ägyptischen Ermittler Rai Rahotep, war einer der Nominierten für den besten Historischen Kriminalroman 2006 und wurde von der Presse gefeiert.

Nick Drake

NOFRETETE

DAS BUCH DER TOTEN

Historischer Roman

Aus dem Englischen von
Diana Beate Hellmann

PERSONEN

Rahotep – Der Wahrheitssucher

Seine Familie

Tanefert – seine Ehefrau

Sekhmet, Thuju, Nedjmet – seine Töchter

Seine Medjai-Kollegen in Achet-Aton

Mahu – Polizeichef

Tjenri – Gehilfe

Kheti – Gehilfe

Die königliche Familie

Echnaton – König

Nofretete – »die Vollkommene« – Große Königliche Gemahlin Meritaton, Maketaton, Anchesenpaaton, Neferneferuaton, Neferneferure, Setepenre – Töchter von Echnaton und Nofretete

Teje – Mutter Echnatons, Große Königliche Gemahlin von Amenophis III. (verstorben)

Sowie

Senet – Nofretetes Zofe

Echnatons Hofstaat in Achet-Aton

Ramose – Wesir, Regierungschef des Königs

Parennefer – Aufseher aller Arbeiten im Haus des Echnaton

Eje – Aufseher aller Pferde

Haremhab – Oberbefehlshaber des Heeres

Merire – Hohepriester

Thutmosis – Bildhauer

Nacht – Edelmann

Haremsdamen

Seshat

Anath

VORWORT

Vor dreieinhalbtausend Jahren erbte Echnaton ein Reich, das sich damals auf dem Höhepunkt seiner internationalen Macht und seines Wohlstands befand. Es war eine Ära verblüffender Perfektion und Schönheit, die aber auch von Eitelkeit und Grausamkeit geprägt war. Das Reich verfügte über einen Polizeiapparat – die Medjai – und über umfassende Papyrus-Archive, um die Bürger konstant zu überwachen. Die Begüterten fürchteten sich vor dem Altern, amüsierten sich mit Jagdgesellschaften und Liebesaffären und bereiteten sich auf das Leben nach dem Tod vor, indem sie Unsummen in die Errichtung ihrer Grabstätten investierten. Es gab Karrierebürokraten und eine gewaltige Arbeiterschaft, die sich aus Einheimischen wie auch Einwanderern zusammensetzte. Diese vielschichtige Gesellschaft war von den Wassern des Nils abhängig, der sich wie eine riesige Schlange durch die Wüste wand und die ägyptische Welt in das fruchtbare Schwarze Land und das öde Rote Land teilte.

Echnaton entschied, etwas ganz Besonderes mit seinen Reichtümern zu tun. Er und seine Große Königliche Gemahlin Nofretete – »die Vollkommene« – setzten in Religion, Politik und Kunst eine Revolution in Gang. Sie lehnten und schafften die traditionellen ägyptischen Institutionen und Gottheiten ab und stellten sich gegen die mächtigen Priesterschaften, indem sie eine ganz außergewöhnliche neue Stadt erbauten: Achet-Aton, das religiöse Zentrum ihres neuen Glaubens. In dessen Mittelpunkt stand die Verehrung des Aton, des nunmehr einzigen Gottes, der von der Sonnenscheibe symbolisiert wurde.

Heute ist von der Stadt nicht mehr viel übrig. Vor den Toren des modernen Amarna befinden sich die Ruinen der Königlichen Straße und Paläste und Aton-Tempel. Man kann die Felsengräber der großen Männer besuchen, die für Echnaton und Nofretete gearbeitet haben: Mahu, der Polizeichef, Merire, der Hohepriester, Parennefer, der Architekt des Amarna-Stils, und Eje, »Gottesvater« und einflussreicher Berater des Königs. Man kann die vielen Stufen hinabsteigen, die in die leere Grabkammer Echnatons führen.

Nofretetes Grab kann man indes nicht besuchen, denn sie, die mächtigste und charismatischste Frau der Antike, verschwand unter mysteriösen Umständen im zwölften Jahr der siebzehnjährigen Regierungszeit Echnatons. Warum sie ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt verschwand und was ihr zugestoßen ist, das ist das Geheimnis, dem diese Geschichte auf den Grund geht.

O mein Herz, das ich von meiner Mutter hatte,
O mein Herz, das ich auf Erden hatte,
Erhebe dich nicht gegen mich als Zeuge,
Wenn ich vor den Herrn der Dinge trete.

Das Totenbuch

1

Jahr 12 der Regentschaft von König Echnaton,
der Aton dient

Theben, Ägypten

Ich hatte von Schnee geträumt. Ich hatte mich verirrt, an einem finsteren Ort, und sacht und leise fiel Schnee, jede einzelne Flocke ein Rätsel, das verschwand, bevor ich es noch lösen konnte. Als ich erwachte, konnte ich seine flüchtige und geheimnisvolle Leichtigkeit auf meinem Gesicht spüren. Das erfüllte mich mit unerwarteter Traurigkeit, mit dem Gefühl, etwas oder jemanden verloren zu haben. Für immer.

Eine Weile lag ich regungslos da, horchte auf die ruhigen Atemzüge von Tanefert, die neben mir lag, und spürte, dass die Hitze des Tages schon jetzt mit jedem Moment zunahm. Ich hatte natürlich noch niemals Schnee gesehen, erinnerte mich aber, mal einen Bericht über eine Kiste voller Schnee gelesen zu haben, die man vom höchsten Norden hergeschafft hatte – fest in Stroh verpackt, wie einen Schatz. Und ich weiß, was man so hört über die Welt jenseits des Horizonts. Eine gefrorene Welt. Schneewüsten. Eisflüsse. Weiß und schwerelos, wie er ist, kann man Schnee in der Hand halten, vorausgesetzt, man kann den Schmerz ertragen, den sein kaltes Feuer verursacht. Und doch ist es nur Wasser. Wasser, das man nicht in der Hand halten kann. Nur seine körperliche Form hat sich verändert, und ich glaube, dass die sich auch wieder zurückverwandeln kann, je nachdem, welchem Umfeld das Wasser ausgesetzt ist. Ich habe ebenfalls gehört, dass die Kiste, als man sie schließlich öffnete, leer war. Dieser mysteriöse Schnee war verschwunden. Für die Enttäuschung musste zweifellos jemand sterben. So ist das im Leben.

Vielleicht ist es auch im Tod so. Das ist nicht das, was wir von den Priestern hören. Wir haben alle das Gebet gelernt: »Möge der Leib, wenn das Grab geöffnet wird, vollkommen sein für das vollkommene Leben nach dem Leben.« Doch haben diese Leute gesehen, wie die Hitze des Sonnengottes das liebliche Fleisch der Lebenden, der Jungen und Schönen mit ihren unsinnigen Hoffnungen und aussichtslosen Träumen, zu Ungetümen und zu verzerrten Gebilden des Grauens und der gelähmten Qual zersetzt und verfaulen lässt? Haben sie hübsche Gesichter gesehen, die zerfetzt, Muskeln, in die tiefe Löcher gerissen, Schädel, die zu Knochensplittern zertrümmert wurden, oder diese so seltsam verschrumpelten Stellen auf verbranntem Fleisch, an denen das Fett gekocht hat? Das bezweifle ich.

Solche Gedanken sind die Folter, die meine Arbeit mit sich bringt. Ich, Rahotep, jüngster Kriminalkommissar der Thebener Medjai, sehe meinen Kindern beim Spielen zu oder dabei, wie sie sich bemühen, sich auf ihre Musikinstrumente zu konzentrieren. Und ich weiß, ihre Haut, die wir streicheln und küssen und mit Mandel- und Behenöl pflegen und mit Persea und Myrrhe parfümieren und in Leinen und Gold hüllen, ist nur ein Sack, der Organe, Knochen und krugweise Blut enthält. Ob man hoffen darf, am Leben zu bleiben und zu lieben, hängt ganz von diesem Metzger ab. Was jetzt kommt, behalte ich normalerweise für mich, aber selbst wenn ich mit meiner Frau schlafe, verwandelt sich die Vollkommenheit ihres eleganten Körpers in dem kurzen Moment, da er sich im Schein der Öllampe zu mir dreht, in den Tod. Das ist anscheinend ein famoser Gedanke. Ich sollte vielleicht dankbar dafür sein, solche Gedanken zu haben. Ich sollte poetischer sein, philosophischer, mich häufiger mal mit so etwas vergnügen, wenn vielleicht auch nur in meiner Freizeit. Na ja, ich habe keine Freizeit. Andererseits, wenn ich wieder mal vor einer Leiche stehe, einem Leben – einer kleinen Geschichte von Liebe und Zeit –, das in einem einzigen Moment der Rage, des Hasses, des Wahnsinns oder der Panik geendet hat, dann ist mir, als sei das einer der wenigen Augenblicke, in denen ich mich wirklich auf der Welt fühle.

Natürlich ist es, wie Tanefert behauptet, wann immer sich ihr eine Gelegenheit bietet – was dieser Tage allzu häufig vorkommt –, typisch für mich, von jeder Situation immer das Schlimmste zu denken. Aber in diesen unmöglichen Zeiten der Regentschaft von Echnaton werde ich täglich mit Dingen konfrontiert, die diese Einstellung rechtfertigen. Alles wird schlimmer. Ich sehe das bei meiner Arbeit: an der ständig zunehmenden Zahl von gefolterten und verstümmelten Mordopfern, an den ausgeraubten und entweihten Gräbern der Reichen und Mächtigen, an den nubischen Sicherheitskräften, die mit ihren aufgeschlitzten Kehlen aussehen, als würden sie von einem Ohr zum anderen grinsen. Ich sehe es am Pomp der Reichen und am grenzenlosen Elend der Armen. Ich sehe es auch an den erschütternden Nachrichten über die Große Reform: dass der König die Vertreibung der Karnak-Priesterschaft befohlen hat, die aus ihren uralten Tempeln verbannt und ihrer Rechte enthoben wurden; dass Amun und all die kleineren, älteren, beliebten Götter plötzlich abgelehnt und manchmal sogar geschändet werden und man uns stattdessen diesen seltsamen neuen Gott aufzwingt, den wir ab jetzt anbeten und verehren sollen. Ich sehe es an den exzentrischen Plänen und den zügellosen Ausgaben, die mit dem Bau dieser geheimnisvollen neuen Tempelstadt Achet-Aton einhergehen, die seit einigen Jahren mitten in der Wüste errichtet wird, auf halbem Wege zwischen hier und Memphis und mithin absichtlich weit weg von allem und jedem. Und ich sehe, dass all das einer gefährlich geschwächten Wirtschaft aufgezwungen wird, in einer Zeit, da Unruhe und Ungewissheit in unserem Reich herrschen. Wie sollte ich da also anders denken? Tanefert behauptet, ich sei nicht normal, und sie hat recht. Aber damit habe ich mich schon vor langer Zeit abgefunden. Als ich begriff, dass Dunkelheit und Finsternis in einem jeden von uns schlummern und dass es nur einer Kleinigkeit bedarf, und sie durchdringen unsere Seelen und unser Lächeln. Der Tod ist einfach.

Als ich also zur Mittagsstunde nach Hause zurückkehrte, nachdem ich gerade erfahren hatte, dass man mich ins Herz des Regimes berufen hatte, um dort in einem bedeutsamen Fall zu ermitteln, was mich dermaßen ängstigte, dass ich an nichts anderes mehr denken konnte, sah Tanefert mich nur einmal kurz an und meinte: »Was ist passiert? Sag es mir.« Sie setzte sich auf die Bank im vorderen Zimmer, wo wir sonst nie sitzen. Ich wollte ihre Hand nehmen, aber den Trick kennt sie. »Du brauchst mir nicht die Hand zu halten. Ich erlebe das hier ja nicht zum ersten Mal.«

Also erzählte ich es ihr. Dass Ahmose am Morgen in mein Dienstzimmer gekommen war. Er ließ sich gerade eine Pastete schmecken, und wie üblich bemerkte er nicht, dass ihm dabei ungeschickt die Krümel in die breiten Falten seines Gewandes fielen. Sein dicker Bauch macht ihn langsam und träge, und eigentlich sollte ein Kriminalbeamter zwar stark, aber schlank sein (wie ich es meines Erachtens dank täglicher körperlicher Ertüchtigung bin). Ich erzählte Tanefert, wie er mir auf seine typisch mürrische Art, aber mit mehr als der für ihn typischen Unlust und Aggressivität vom Eintreffen eines Befehls von oben berichtete, der mich zwingt, sofort und ohne Verzögerungen nach Achet-Aton zu reisen, um mich dort an den Hof zu begeben und in einem bedeutsamen Fall zu ermitteln.

Wir starrten einander an.

»Warum wird mir diese Ehre zuteil?«, fragte ich.

Ahmose zuckte mit den Achseln, und dann lächelte er wie eine gähnende Nekropolen-Katze. »Das wirst du selbst herausfinden müssen.«

»Und um was für eine Art von Fall handelt es sich?«

»Das wirst du vom Chef der örtlichen Medjai erfahren, Mahu. Hast du schon mal von dem gehört?«

Ich nickte. Der Mann war berüchtigt dafür, dienst- und pflichteifrig jeden einzelnen Buchstaben des Gesetzes zu befolgen.

Ahmose schluckte hörbar den Rest seiner Pastete und beugte sich zu mir herunter. »Ich habe aber Kontakte in der neuen Hauptstadt. Und wie ich höre, geht es um eine vermisste Person.« Und wieder grinste er unheilverkündend.

Tanefert rührte sich nicht, ihr Gesicht war starr vor Furcht. Sie weiß ebenso wie ich: Wenn ich es nicht schaffe, dieses Rätsel zu lösen, gleichgültig, worum es sich dabei handelt – und Re weiß, dass es sich nur um ein riesengroßes Rätsel handeln kann, in das hohe Persönlichkeiten und gewaltige Mächte involviert sind –, braucht man über das Schicksal, das mich dann erwartet, nicht mehr zu rätseln. Man wird mir meine Stellung aberkennen, meine wenigen Ehren, mein Hab und Gut, und man wird mich zum Tode verurteilen. Und trotzdem fürchtete ich mich nicht. Ich fühlte etwas anderes, konnte das in diesem Moment nur nicht zugeben.

»Sag was.« Ich sah sie an.

»Was soll ich denn sagen? Nichts kann dich hier bei uns halten. Du siehst im Grunde aus, als fändest du das Ganze aufregend.«

Was stimmte, doch das konnte ich nicht zugeben.

»Das wirkt nur so, weil ich versuche, vor den Mädchen nicht so auszusehen, als würde ich mich sorgen.«

Sie glaubte mir nicht.

»Wie lange wirst du fortbleiben?«

Die Wahrheit, dass ich keine Ahnung hatte, konnte ich ihr nicht sagen. »Ungefähr zwei Wochen. Vielleicht erheblich weniger. Das hängt davon ab, wie schnell ich den Fall lösen kann. Und das hängt wiederum von der Beweislage ab, davon, ob es Anhaltspunkte und Indizien gibt, von den Umständen …«

Sie hatte den Kopf zur Seite gedreht und starrte mit leerem Blick aus dem Fenster. Und als ich sah, wie ihr das Nachmittagslicht ins Gesicht fiel, schlug mir das Herz plötzlich bis zum Hals, und ich verstummte.

Eine Weile saßen wir so da, sprachen kein Wort.

Dann sagte sie: »Ich verstehe das nicht. Sollten nicht eigentlich die örtlichen Medjai in dem Fall ermitteln? Es handelt sich doch um eine stadtinterne Angelegenheit. Warum wollen sie dich? Du bist ein Fremder, du hast keine Kontakte, niemanden, dem du trauen kannst … und wenn das Ganze geheim gehalten werden soll, warum betrauen sie dann einen Auswärtigen damit? Die örtliche Polizei wird dir verübeln, dass du dich in ihre Belange einmischst.«

Alles, was sie sagte, stimmte – wie immer, ihr intelligentes Gespür für die schlichte Wahrheit ist unfehlbar. Ich grinste.

»Hier gibt es nichts zu grinsen«, meinte sie.

»Ich liebe dich.«

»Ich will nicht, dass du gehst.«

Ihre Worte überraschten mich.

»Du weißt, dass ich keine andere Wahl habe.«

»Du hast die Wahl. Man hat immer die Wahl.«

Ich nahm sie in die Arme, spürte, dass sie zitterte, und versuchte sie zu trösten. Sie beruhigte sich und legte sanft ihre Hände auf meine Wangen.

»An keinem Morgen weiß ich, ob es nicht vielleicht das letzte Mal ist, dass ich dich sehe. Also präge ich mir dein Gesicht ein. Ich kenne es inzwischen so gut, dass ich es perfekt mit ins Grab nehmen könnte.«

»Lass uns nicht über Gräber reden. Lass uns darüber reden, was wir mit dem Geschenk unseres Königs tun werden, das ich bekomme, wenn ich den Fall löse und der berühmteste Kriminalbeamte der Stadt werde.«

Endlich lächelte sie. »Jedes Geschenk wäre willkommen. Du bist seit Monaten nicht bezahlt worden.«

Die Wirtschaftslage ist chaotisch, die Ernten waren mehrere Jahre in Folge schlecht, es gibt sogar Meldungen, dass es zu Plünderungen gekommen ist; und die Wellen von Einwanderern aus Ländern jenseits unserer Grenzen im Norden und Süden, die herbeigeströmt sind aufgrund der Verheißung von etwas Großem und Neuem, das hier erschaffen wird, haben zu einem Heer von Entwurzelten und chancenlosen Arbeitslosen geführt, die nichts mehr zu verlieren haben. Getreide ist knapp, sagen sie, sogar in den königlichen Kornkammern. Niemand ist bezahlt worden. Das ist Stadtgespräch. Und das hat alle nur noch ängstlicher gemacht. Alle, die Kinder durchzufüttern haben. Die Leute fürchten sich vor Mangel und Knappheit. Sie fragen sich, wann sie gezwungen sein werden, ihre guten Möbel auf dem Schwarzmarkt gegen ein Stück Fleisch oder einen Korb mit Gemüse vom Land einzutauschen.

»Ich passe schon auf mich auf, das kann ich. Und ich werde die ganze Zeit nur davon träumen, zu dir zurückzukehren. Das verspreche ich dir.«

Sie nickte und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.

»Ich muss mich von den Kindern verabschieden.«

»Gehst du jetzt

»Ich muss.«

Sie drehte mir den Rücken zu.

Als ich ihr Zimmer betrat, unterbrachen die Mädchen, was sie bis gerade getan hatten. Sekhmet schaute von ihrer Schriftrolle auf. Unter ihrem schwarzen Pony, aus ihren topasfarbenen Augen. Für sie war es eine schwere Entscheidung, entweder die nächsten Worte ihrer Geschichte zu lesen oder mich angemessen zu verabschieden. Ich stellte sie auf einen Stuhl und presste mein Gesicht gegen ihres. Ich roch den vertrauten, süßen Duft von Milch in ihrem Atem. Sie schlang ihre schwerelosen Arme um meinen Hals.

»Ich muss für eine Weile weg. Arbeit. Wirst du an meiner statt auf deine Mutter und deine Schwestern aufpassen, bis ich wieder nach Hause komme?«

Sie nickte und flüsterte mir in ernstem Ton ins Ohr, dass sie das tun würde, dass sie mich liebe und dass sie jeden Tag an mich denken würde.

»Schreib mir einen Brief«, bat ich sie.

Wieder nickte sie. Meine kleine Kluge. Sie war sich in diesem Jahr ihrer selbst bewusster geworden: Ihre Stimme hatte neue und vorsichtige Nuancen bekommen.

Als Nächstes Thuju, die inzwischen sämtliche Zähne hatte. Sie grinste und zog ein albernes Gesicht. Sie wollte mir in die Nase beißen, und ich ließ sie gewähren. »Viel Spaß!«, brüllte sie und ließ sich auf den Boden fallen.

Nedjmet, das Baby, »die Süße«, wie wir sie nennen, voller Hoffnung; ein entschlossenes Wesen, dessen Bedingungslosigkeit ebenso schockierend ist wie meine eigene. Sie hatte aufgehört, nächtelang zu weinen, und damit angefangen, die Welt um sie herum bewusst und äußerst ernsthaft wahrzunehmen. Ich kann ihr beim Frühstück nichts mehr vormachen, kann sie nicht mehr davon überzeugen, dass ein Brötchen frisch sei, obwohl es vom Vortag ist.

Und zuletzt meine Tanefert, mein Herz, mit deinem Haar, das so schwarz ist wie eine mondlose Nacht, und deiner kräftigen Nase und den breiten Augen. Vergib mir, dass ich dich verlasse. Wenn ich in meinem Leben sonst vielleicht auch nichts vollbracht habe, so habe ich doch zumindest diese Familie geschaffen. Meine gescheiten Mädchen. Möge ich sie am Ende dieser Geschichte zurückbekommen. Dafür werde ich alles auf den Trankopfertisch legen. Man weiß erst, was man liebt, wenn man es zurücklassen muss.

Wie es meine Angewohnheit und Arbeitsweise ist, werde ich in der nächsten Zeit ein Tagebuch führen. Ich werde am Ende eines jeden Tages darin vermerken, was ich sicher weiß und was ich nicht weiß. Ich werde Hinweise und Fragen darin festhalten und Scherzfragen und Rätsel. Ich werde schreiben, was mir gefällt und was ich denke, nicht, was ich schreiben sollte. Falls mir etwas zustößt, überlebt vielleicht dieses Tagebuch und wird mein Testament, das nach Hause zurückkehrt wie ein entlaufener Hund. Und vielleicht ergibt sich die Lösung des Falles aus den winzigen Details, aus den Scherben und scheinbaren Belanglosigkeiten, den Träumen und Chancen und dem Unmöglichen, aus denen das Beweismaterial und der Hintergrund eines jeden Verbrechens bestehen, und wird zu einer erfolgreichen, wohlgeordneten und, wer weiß, vernünftigen, logischen, brillant kombinierten Schlussfolgerung. Aber das wäre dann nicht die Wahrheit. Nach meiner Erfahrung ergeben die Dinge nicht einfach so einen Sinn. Nach meiner Erfahrung sind die Dinge ein einziges Durcheinander. Also werde ich in diesem Tagebuch die Ungereimtheiten festhalten, die Gedanken, die nicht passen, die ungeschliffenen, die unsinnigen und die mysteriösen. Und sehen, ob sich in diesem kaputten Beweismaterial (normalerweise befasse ich mich nämlich mit dem, was nicht mehr zu kitten ist) die Konturen der Wahrheit abzeichnen.

Und dann tat ich das Schwerste, was ich jemals hatte tun müssen. Bekleidet mit meinen feinsten Gewändern und mit meinen Genehmigungen, Befugnissen und Vollmachten in der Tasche, brachte ich dem Hausgott ein Trankopfer. Ich betete mit ungewohnter Aufrichtigkeit (denn er weiß, dass ich nicht an ihn glaube) und bat ihn um seinen Schutz und darum, dass er meine Familie beschützte. Dann umarmte ich meine Töchter, küsste Tanefert, die mir mit den Händen über mein Gesicht strich, glitt mit den Füßen in meine alten Ledersandalen und schloss mit zitternden Händen die Tür meines Hauses und meines Lebens hinter mir. Ich ging fort, lief hinein in eine Zukunft, in der nichts sicher war, sondern alles in Gefahr. Und ich schäme mich dafür, hier zu schreiben, dass ich mich dabei lebendiger fühlte als je zuvor, obwohl sich mein Herz in meiner Brust anfühlte wie zerbrochenes Glas.

2

Großes Theben, mit all deinem Licht und deinem Schatten, deinen korrupten Betrieben und deinen geschwätzigen Partys, deinen Geschäften und deinem Luxus; deinen verrotteten und dreckigen Vierteln und deinen jugendlichen, modebewussten Schönheiten; deinen Verbrechen und deinem Leid und deinen Morden. Ich weiß nie, ob ich dich hassen oder lieben soll. Zumindest kenne ich dich aber. Über den niedrigen Dächern meines Viertels sehe ich die blauen, goldenen, roten und grünen Tempelfassaden aufragen, deren Säulengänge und Pylone sich in die Sonne erheben. Umringt sind von heiligen Ahornhainen, die aussehen wie dunkelgrüne Kerzen. Obstplantagen und versteckten Gärten. Und gleich daneben haufenweise Müll, vor finsteren Schuppen und in gefährlichen Gassen. Hinter den teuren Villen und großen Palästen und Tempeln stehen die Baracken, die aus den ausrangierten Sachen und dem Abfall der Reichen gebaut worden sind und in denen die Massen ihr kümmerliches Dasein fristen. Die Altarnischen der Hausgötter, jede Schale versehen mit ihrer täglichen Opfergabe. Es wird behauptet, es gebe mehr Götter als Sterbliche in der Stadt, und trotzdem habe ich noch niemals einen gesehen, der nicht aus den Stoffen dieser Welt gefertigt worden war. Nein, mit Göttern habe ich es nicht. Sie sind selbstsüchtig, sitzen da in ihren Tempeln und Himmeln. Sie müssen sich für zu vieles verantworten, ergötzen sich an unserem Leid und unserem Unglück und daran, dass sie das Flehen unserer Herzen einfach ignorieren. Aber das ist Frevel und ich muss meine Gedanken zum Schweigen bringen – obwohl ich sie hier niederschreiben werde, und wer das hier liest, muss mein unvernünftiges Vertrauen honorieren.

Unter den staubigen weißen Markisen, die uns vor der Mittagssonne schützen, ging ich durch die Straßen in Richtung der Anlegestege. Ich sah die Kinder der Nachbarschaft über die Dächer laufen, sah, wie sie brüllend zwischen den Haufen trocknender Feld- und Gartenfrüchte umherflitzten, dabei gegen die Vogelkäfige stießen und damit winzige Aufstände aus Geschrei und Gesang auslösten, sah, wie sie über die Nachmittagsschläfer hinwegsprangen und über die wahnsinnigen Spalten zwischen den einzelnen Häusern. Ich lief vorüber an den Ständen, auf denen sich farbenprächtiges Obst und Gemüse häufte, und dann über die Obstallee in die schattigen Passagen unter den gemusterten Markisen der teuren Geschäfte, die seltene intelligente Affen verkaufen, Giraffenhäute, Straußeneier und Stoßzähne, in die Gebete eingraviert sind. Die ganze Welt bringt uns ihre Abgaben und Wunder: Die bemerkenswerten Früchte ihrer unermüdlichen Arbeit werden vor unserer Haustür feilgeboten. Oder zumindest vor den Haustüren derer, die nicht so viele Monate auf ihr Geschenk der Bezahlung warten müssen (Notiz an mich selbst: Wende dich noch einmal an den Schatzmeister wegen der überfälligen Gehaltsgeschenke).

Mir ist dieses große Chaos der lebendigen Straßen lieber als die leisen und wohlgeordneten Tempel, Innenhöfe und heiligen Stätten der Götter und die Hierarchien der Priester. Mir sind der Lärm und das Durcheinander und der Dreck lieber, sogar die Arbeitersiedlungen im Osten mit den stinkenden Schweineställen, den angeketteten Hunden und den armseligen, finsteren Bruchbuden, die diese Leute ihr Zuhause nennen. Das sind Orte, die wir mit der Vorsicht der Erfahrung betreten, denn wir wissen, dass wir dort gehasst werden und in Gefahr sind. Das Gesetz der Medjai, die über die Autorität verfügen, in sämtlichen Provinzen der Beiden Länder die Ordnung aufrechtzuerhalten, hat dort keine Macht, obwohl das nur wenige von uns zugeben würden. Wenn wir dort auftauchen, sehen wir schon aus der Ferne die Drachen, deren Segeltuch mit den Augen zorniger Götter bemalt wurde, sehen, wie sie in den Himmel steigen, dahinfliegen und niederschießen, um jeden in der Umgebung vor uns zu warnen. Andererseits denke ich, dass unsere Macht in den Palästen und Tempeln auch keinen Einfluss besitzt. In denen herrschen auch ganz eigene Gesetze. Die gleiche Erfahrung werde ich zweifellos an dem Ort machen, an den ich mich jetzt gerade begebe.

Endlich erreichte ich den Hafen und fand unter den Tausenden von Schiffen das Boot, auf dem ich den ersten Teil meiner Reise zurücklegen sollte. Ich war der Letzte, der an Bord ging, und kaum dass ich eingestiegen war, legten die Seeleute ab, die Ruder kamen heraus, und wir begannen uns einzufügen in das Leben des Großen Flusses, der sich jetzt vor uns ausbreitete mit seinen reisenden Menschen und Waren, so weit das Auge reichte, bis zum Horizont, wo das Schwarze Land das Rote küsst und dieses für alle Zeit zurückhält.

Lichtland, unsere Welt des Lichts. Der Triumph der Zeit. Zahllose Boote, deren Segel sich in den unsichtbaren Wind neigten: die fischenden Männer, die größeren Transporte von Steinen und Vieh, die Fähren, die mit ihren sterblichen Passagieren zwischen den Flussufern pendeln, zwischen den Tempeln im Osten und den Grabstätten im Westen, zwischen der aufgehenden und der untergehenden Sonne. Kolonien von Ibissen, die durch das seichte Wasser waten. Gebetskerzenblaue Lotusblüten, die im Wasser neben den Relikten des Alltagslebens tanzen: Essensresten, Kleidungsstücken, Abfall, toten Fischen und Hunden, Hundefischen und Katzenfischen. Das endlose leise Quietschen der Schaduffs. Die endlosen Gaben des Großen Flusses. Für und durch sie überlebt Theben. Oder besser gesagt, der Fluss gewährt der Stadt die Wasser des Lebens. Wo wären wir ohne Wasser? Wir wären nichts als die Wüste, die den Fluss fürchtet.

Es heißt, der Fluss sei das Eigentum der Götter und dass der Fluss selbst ein Gott ist, aber ich glaube, seine wahren Besitzer sind die Priester in ihren Amtssitzen und die Reichen mit ihren Villen und den Terrassen, auf denen das kühle Wasser ihnen die schwielenlosen, faulen Füße umspült. Und wem das Wasser gehört, dem gehört die Stadt – eigentlich gehört ihm das Leben selbst. Aber in Wahrheit besitzt niemand den Fluss. Er ist großartiger, beständiger und mächtiger als jeder von uns, fast noch mehr als jeder Gott. Er kann uns mit seiner Gewalt zerfetzen oder uns verhungern lassen, indem er uns seine jährliche Überflutung verweigert. Er ist voller Tod. Er führt die Leichen von Tieren und Erwachsenen und Kindern mit sich, die sich je nach ihrer Verweilzeit in seinen Tiefen unterschiedlich grün verfärbt haben. Ich glaube, dass ich ihre hoffnungslosen und noch nicht fertigen Seelen manchmal spüre, wenn sie das Wasser berühren und dabei lautlos konzentrische Ringe bilden, um uns mit diesem Zeichen zu sagen, dass sie hier waren und jetzt fort sind, ohne Ruhe finden zu können. Und dennoch versorgt er unsere fruchtbare schwarze Erde, aus der unsere grünen Ernten sprießen, unsere Gerste und unser Emmer.

Als die Stadt, in der ich geboren bin und mein Leben lang gewohnt habe, hinter uns immer kleiner wurde, verließ ich die Welt, die ich kannte, diese Welt, in der wir unsere kurzen Geschichten leben zwischen dem Schwarzen und dem Roten Land, zwischen dem Land der Lebenden und der aufgehenden Sonne, dem Land der langen Schatten und des Todes; diese Welt zwischen den kleinen Momenten und Schwelgereien unseres Lebens und der Wüste im Westen, dieser Wildnis, in die wir unsere Verbrecher schicken, damit sie dort sterben, die aber zurückkehren als Dämonen, um uns im Schlaf heimzusuchen. Es heißt, dass einstmals, vor Anbeginn der Zeit, das gesamte Land grün war und voller Herden von Wasserbüffeln, Gazellen und Elefanten. Und plötzlich erinnerte ich mich an etwas, was Jahre zurücklag. Mein Vater und ich ritten in die Wüste. Ein schwerer Sturm hatte wieder einmal die gesamte Dünenlandschaft verändert. Wir fanden das Skelett eines Krokodils im Sand, weit entfernt von irgendeinem Gewässer. Was liegt da sonst noch verborgen? Große Städte, seltsame Skulpturen, vermisste Menschen, deren Schiffe so erbaut sind, dass sie das ewige Sandmeer des Jenseits besegeln können?

Ach, ich schweife wieder ab. Ich muss einen klaren Kopf haben, denn die große Wasserschlange trägt mich fort von allem, was ich kenne, und von allem, was ich liebe. Auf ihrer Schwärze, ihren unablässig schimmernden Schuppen. Blind erinnert sie sich an ihre lange Reise von hoch droben aus den unbekannten Felsen Nubiens, tief hinab über die großen Wasserfälle und hinein in die Felder, in die Früchte und das Gemüse, in den Wein und in das Meer; und irgendwo hinein in Schnee.

3

Ich bewundere die penible Ordnung, die auf Booten herrscht. Die aus Notwendigkeit geborene Einfachheit. Die Decken werden am Morgen zusammengefaltet und verstaut. Alles ist so klein und zielgerichtet gefertigt, dass es seinen Zweck erfüllt. Alles hat seinen Platz. Der Kapitän hat blaue Augen, nur noch sehr wenige, schiefe weiße Zähne, einen selbstbewussten Bierbauch und die Ausstrahlung eines praktischen Menschen, der auf dem Wasser zu Hause ist und über eine ganz bestimmte Intelligenz verfügt; eine Intelligenz, die Landratten durchschaut und ihre Motive und Gedanken lesen kann, als seien sie so leicht auszumachen wie kleine Fische in seichtem Wasser. Dann ist da das Boot selbst, eine wunderbare Konstruktion, eine mathematische Gleichung aus Wind und Wasser mit dem Ergebnis, dass die Segel sich in perfekter Rundung blähen und die Taue so in die Länge ziehen, dass eine makellose geometrische Spannung entsteht, deren wundersame Kraft das Schiff und seine derzeitigen Passagiere durch das Wasser zieht. Wie das aussieht: Wie perfekt der Bug die Haut des Wassers durchschneidet, die, noch während wir hindurchgleiten, bereits wieder heilt. Das Kielwasser – blinde weiße Finger, die den Rand irgendeiner unbekannten Masse betasten, schon im nächsten Moment mit vagem Achselzucken und Gesten des Abschieds davon ablassen und wieder in der Schwärze versinken, aus der sie für so kurze Zeit aufgetaucht sind.

Da bin ich also nun, einer der ranghöchsten Kriminalbeamten der Medjai, und was tue ich? Verbringe meine Zeit damit, mir den Kopf über die unergründlichen Rätsel des vorübergleitenden Wassers zu zerbrechen, während uns die Strömung des Flusses an Koptos vorüberträgt, an Dendera, am Tempel der Hathor und am Tempel des Osiris in Abydos. In meinem Hirn geht es zu wie in dem einer Wasserfliege. Ich denke an nichts, obwohl ich mich eigentlich auf den dringenden mysteriösen Fall vorbereiten sollte, der mich erwartet.

Der Kapitän hat die Passagiere heute Abend zu einem gemeinsamen Abendessen eingeladen, das um die Feuerstelle herum gereicht wird, denn sobald die Sonne untergegangen ist, wird es kalt auf dem Wasser. Ich hasse Bankette und verärgere Tanefert, indem ich immer dafür sorge, dass meine Arbeit mich davon abhält, die Einladungen wahrzunehmen, die wir erhalten. Einerseits liegt das daran, dass ich bei Tisch – und auch sonst kaum irgendwo – nicht über meine Arbeit sprechen kann: Wer möchte schon von Mord hören, während er mit Genuss sein Fleisch verzehrt? Andererseits liegt es aber auch daran, dass ich die Gefahren und Übel dieser Welt nicht erörtern kann, wenn ich irgendwo inmitten von Luxus vor guten Sachen an einem Tisch sitze, als sei das Ganze nur ein Gesprächsstoff von vielen.

Wir begrüßten einander höflich, als wir unsere Plätze einnahmen, und verfielen dann in ein peinliches Schweigen. Es entspricht der Wahrheit, dass die Große Reform zu größerer Zurückhaltung im täglichen Leben geführt hat, manchmal fast zu Misstrauen. Früher haben wir uns offen unterhalten, heute denken die Leute zweimal nach, bevor sie eine Meinung äußern. Früher sorgte es für Gelächter und Erheiterung, wenn man sich zu einer ketzerischen Geisteshaltung bekannte; heute lösen solche Äußerungen Schweigen und Unbehagen aus.

Man hatte mich neben einen beleibten Herrn gesetzt, dessen Bauch der auffälligste Teil seiner Erscheinung war; das Ding sah aus wie eine riesige Kugel unter einem weißen, mondförmigen Kopf, der ständig staunend darauf blickte. Das Essen, das einfach und reichlich war, entlockte ihm Gebärden der Anerkennung und Begeisterung: Seine manikürten kleinen Hände wedelten durch die Luft, um sein Wohlgefallen zum Ausdruck zu bringen. Er beugte sich zu mir und brach das Schweigen. »Und was, mein Herr, ist Eure Aufgabe in unserer neuen Stadt, dem Horizont des Aton?«

Mir fiel auf, dass es ihn mit Stolz erfüllte, die neue Hauptstadt bei ihrem recht hochtrabenden, eigentlichen Namen zu nennen. Unter Umständen wie diesen versuche ich mich gern als Laienschauspieler und gebe mich als jemand anderer aus.

»Ich bin Beamter des Schatzamtes«, erwiderte ich.

»Dann sollten wir uns also besser mit Euch anfreunden, denn andernfalls werden wir sicher nie bezahlt!« Er schaute ins Rund der anderen Tischgäste, um Anerkennung für seinen kleinen Scherz zu bekommen.

»Die Finanzen unseres Königs sind in der Tat ein großes Mysterium, aber das Großartige ist, dass sie unerschöpflich und in Fülle vorhanden sind.«

Er taxierte mich und meine politisch korrekte Antwort mit kühlem Blick. Bevor er die Angelegenheit weiter vertiefen konnte, fragte ich ihn rasch: »Und was führt Euch nach Achet-Aton?«

»Ich bin der Direktor des Hoforchesters und der Hoftänzer. Es ist eine Stellung, die beträchtliches Ansehen genießt, und ich glaube, dass sich viele darum beworben haben. Ich werde das Eröffnungsdrama für die Einweihung der Stadt inszenieren. Wusstet Ihr, dass alle Mitglieder des Hoforchesters Frauen sind?«

»Wollt Ihr damit sagen, mein Herr, dass Frauen, wenn es um Tanz und Musik geht, über geringere Fähigkeiten verfügen als Männer?«

Gesprochen hatte diese Worte eine attraktive, intelligente Frau, die am anderen Ende des Tisches saß. Ihr Gatte, ein kleinerer und irgendwie mickriger Mann mittleren Alters, dessen Erscheinungsbild dem eines geborenen Beamten entsprach, starrte sie an, als wolle er sagen: Es steht dir nicht zu, über solche Dinge zu sprechen. Aber sie sah den Großen Weißen Mond ruhig an.

Der schniefte und meinte: »Das Tanzen wird immer die Domäne der Frauen sein. Die Musik stellt indes hohe technische und spirituelle Anforderungen. Ich spreche hier nicht von reiner Dekoration, sondern von tiefer Seele.« Er klaubte ein Stück Flusskrebs aus seinem rosafarbenen Gewand und warf es zwischen seine wählerischen und anspruchsvollen Lippen.

»Ich verstehe. Und ist unsere Königin Nofretete Dekoration? Oder hat sie eine tiefe Seele?« Sie lächelte mich an, forderte mich auf, ihre Erheiterung zu teilen.

»Wir wissen zu wenig über sie«, sagte er.

»Oh nein, mein Herr«, gab sie zurück. »Wir wissen, dass sie wunderschön ist. Wir wissen, dass sie gescheit ist. Und wir wissen, dass sie die mächtigste Frau unserer Zeit ist. Sie fährt ihren eigenen Streitwagen, und sie trägt ihr Haar, wie es ihr beliebt, und nicht, wie die Tradition es eigentlich vorschreibt. Sie vernichtet ihre Feinde wie ein König. Und niemand schreibt ihr vor, was sie zu tun oder zu lassen hat. Tatsache ist, dass sie der Inbegriff der modernen Frau ist.«

Für einen Moment herrschte Schweigen am Tisch. Schließlich ergriff der Mond das Wort: »Das ist wahr, und das kann sehr gut der Grund dafür sein, dass wir uns plötzlich in einer Welt befinden, die sich schneller verändert, als es uns möglicherweise lieb ist.«

Die Unterhaltung wurde hitziger, das Risiko, das bei diesem Spiel eingegangen wurde, größer. Sie parierte mit einem Gegenzug.

»Heißt das, dass Ihr die neue Religion nicht befürwortet?«

Das war ein Thema, das man vor Fremden nicht leichtfertig erörtern durfte. Der Mondmann wand sich vor Unbehagen und Unsicherheit, denn er saß in der Klemme. Wenn er offen seine Meinung sagte, musste er um seine Zukunft bangen. »Die befürworte ich von ganzem Herzen. Selbstverständlich tu ich das. Ich bin ja schließlich nur ein Musiker. Es ist nicht meine Aufgabe, Dinge zu hinterfragen, ich habe lediglich zu tun, was man von mir verlangt, und lasse das dann so melodisch klingen wie möglich. Insgeheim frage ich mich nur, und damit stehe ich nicht allein, ob unser König und seine Gemahlin Die-sich-nicht-vorschreiben-lässt-was-sie-zu-tun-oder-zu-lassen-hat sich nicht vielleicht ein wenig übernommen haben.« Und mit diesen Worten schob er sich eine frittierte Sprotte zwischen die Zähne und zog ihr das Fleisch von den Gräten, als spiele er auf einer kleinen Rohrflöte ein Liedchen.

Aus den Augen der attraktiven Frau strahlte Erheiterung über den Aberwitz seiner Äußerung, die sie offenbar mit mir teilen wollte.

»Wir leben in einer sehr turbulenten Zeit«, meinte ihr Gatte. »Können wir wissen, ob wir gesegnet oder verflucht sind? Werden die Leute ihre alten Götter und die Priester ihren leicht erworbenen Reichtum vermissen? Oder bewegen wir uns zusammen, als Gesellschaft, auf eine höhere und größere Wahrheit zu, gleichgültig, wie groß die Herausforderungen sind?«

Der Mondmann sprach weiter. »Höhere Wahrheiten bedürfen einer angemessenen Finanzierung. Aufklärung ist teuer. Deshalb freut es mich zu hören, dass Ihr« – er zeigte mit einem seiner fettigen Finger auf mich – »bestätigen könnt, dass die Finanzen unseres Königs so grenzenlos sind wie Wasser, das aus einer Quelle strömt. Ich höre, dass die Ernte in diesem Jahr wieder dürftig ist. Und mit den Gehältern ist man, wie ich höre, im Rückstand, in manchen Fallen schon seit mehreren Jahren. Es ist im Grunde so, dass mich die Zusicherung regelmäßiger Geschenke von Echnaton dazu bewogen hat, mein Leben zu entwurzeln und mein Glück vom Erfolg der neuen Hauptstadt abhängig zu machen.«

Ich ging nicht darauf ein. Stattdessen wechselte die attraktive Frau elegant das Thema. Sie drehte sich zu dem jungen Mann, der zu ihrer Linken saß und bisher während der gesamten Unterhaltung geschwiegen hatte. Er war Lehrling bei einem Architekten.

»Was könnt Ihr uns denn über die Bauart der Stadt erzählen?«, fragte sie ihn. »Und, was noch wesentlich wichtiger ist, darüber, ob die größeren Häuser Gärten haben, denn etwas anderes hätte mich kaum dazu verleiten können, mein Heim und meine Freunde der Wüste zu opfern.«

»Ich glaube, die Villen sind sehr luxuriös. Und die Wasserversorgung der Gärten ist enorm. Denn obwohl die Stadt von Wüste umgeben ist, sodass man meint, es sei ein ausgedörrter und ungünstiger Ort, um dort eine neue Welt zu errichten, ist sie jetzt grün und fruchtbar. Ich selbst arbeite aber leider nur an einem unbedeutenden Projekt.« Verlegen stockte er.

»Und um was für ein Projekt handelt es sich da?«, erkundigte ich mich.

»Ich gestalte den Latrinenbereich neben dem Großen Aton-Tempel.« Alle fingen an zu lachen. Das ermutigte ihn, und so fügte er hinzu: »Selbst der Boden, auf den die Priester scheißen, muss geweiht sein!«

»Hört mir auf mit den Priestern«, sagte der Mondmann. »Deren Berufung besteht darin, Reichtümer anzuhäufen. Und das ist alles. Echnaton hat in jedem Fall erreicht, dass ihre großen Tempel der Götter des Profits zerstört wurden!«

Wir verfielen alle in Schweigen. Es ist gefährlich, Kritik an den Priestern zu üben, oder sagen wir, an den alten Familien, die über so viele Generationen hinweg dermaßen viel ererbte Macht hatten und jetzt außer sich sind wie ein erzürntes Ungeheuer, weil sie ihr Ansehen, ihre Ländereien und ihr Einkommen verloren haben. Das Gleiche gilt für die Medjai: Viele glauben, dass gewisse Angehörige der Einheit nicht so strenggläubige Mitglieder der Gesellschaft nötigen, die neue Religion anzunehmen und mit ihr konform zu gehen, und sich dabei der alten Methoden bedienen – Einschüchterung, Gewalt und Folter. Ich habe Geschichten gehört von Leuten, die einfach verschwanden, von Leichen, die nicht mehr identifizierbar waren, als der Fluss sie anspülte, weil man ihnen die Hände abgehackt und die Augen aus dem Kopf gerissen hatte. Das sind aber Gerüchte. Wir sind eine Einheit, die das Chaos in Ordnung zurückverwandelt, und die maat und die Richtigkeit der Dinge wiederherstellt. So muss es sein.«

Wir wünschten einander mit Worten und Gesten eine gute Nacht und zogen uns in unsere Hängematten und unter unsere Wolldecken zurück. Ich fand ein abgeschiedenes Plätzchen im Heck des Bootes, wo ich es mir zwischen den aufgerollten Tauen und unter den großen Rudern, die man jetzt in den Schlamm des Flussbetts getrieben hatte, auf meiner Lagerstatt bequem machte. Der Kapitän lag mit einer Kerze am Bug des Schiffes in einer Hängematte. Bald schon schnarchten sämtliche Passagiere unter Stoffzelten und Insektennetzen.

Also sitze ich jetzt hier über diesem Tagebuch und überlege, was mich wohl in der Stadt Achet-Aton erwarten wird. Im Grunde habe ich keinen blassen Schimmer. Ich muss da völlig passen. Echnatons sogenannte großartige Idee, eine neue Religion einzuführen und die alte zu verbieten, kommt mir geisteskrank vor. Es ist eine Revolution gegen die Vernunft. Und es ist nicht einmal eine originelle Idee: Ich nehme an, dass es nur eine Hand voll Menschen gibt – nur der engste Kreis des Königs und Leute wie die Baumeister und Architekten, die durch das Projekt auf Lebenszeit Arbeit haben –, die nicht der Ansicht sind, dass er den Verstand verloren hat. Eine neue Religion, die sich auf ihn und Nofretete als die Reinkarnationen und einzigen Vermittler zwischen der Welt und Aton stützt, dem Sonnengott? Echnaton hat die weniger bedeutsamen Götter, die das Volk sein Leben lang verehrt hat, ebenso verbannt wie die Hauptgötter des Totenreiches, der Welt und des Himmels. Ich selbst glaube nur noch, was ich mit meinen eigenen Augen sehen oder aus den Hinweisen ableiten kann, die mir hier in dieser Welt zur Verfügung stehen, also könnte er durchaus richtig damit liegen, die Macht des Unsichtbaren zu leugnen. Und er könnte tatsächlich richtig damit liegen, dass er die Priester mit ihren eigenen Waffen schlägt in einem Kampf, den sie seit Generationen gewonnen und bei dem sie sich persönlich gewaltig bereichert haben. Nur ihnen auf einen Schlag sämtliche Macht zu nehmen und sich selbst zu geben, sie aus ihren alten Tempeln in Karnak zu vertreiben und – was das Allerschlimmste ist – sie frei herumlaufen zu lassen, ohne Beschäftigung und ohne Ziel außer dem, Rachepläne zu schmieden? Wie ist das möglich? Wie sollte das nicht zu einer Katastrophe führen? Es heißt, seine äußere Erscheinung entspreche nicht gerade der eines Gottes. Es wird behauptet, sein Körper sei ebenso ungewöhnlich, wie sein Geist wissbegierig sei. Seine Glieder seien lang und spindeldürr wie die einer Heuschrecke, und sein Bauch habe die Form einer Regentonne. Doch behaupten das Leute, die den Mann noch nie in natura gesehen haben. Das Einzige, was er richtig gemacht hat, ist, dass er von einer mächtigen Mutter und von einem mächtigen Vater abstammt und gut geheiratet hat. Nofretete. Die Vollkommene. Es heißt, ihre Herkunft sei rätselhaft, dass sie aber in höchstem Maße bewundert werde.

Vielleicht werde ich mir von alledem selbst ein Bild machen können. Klar ist, dass wir in einer Zeit des Wandels leben und uns entweder mit ihr verändern oder untergehen müssen – zumindest bis die da oben all das hier wieder rückgängig machen und das, was geschehen ist, wieder zu dem Staub zerfällt, aus dem es geschaffen wurde. Denn lange kann Echnaton bestimmt nicht überleben. Die Priester werden nicht zulassen, dass man ihnen ihre Reichtümer und ihre irdische Macht nimmt.

Aber was all das mit dem Fall zu tun hat, den ich lösen soll, vermag ich nicht zu sagen.

4

Im Licht des Mondes lag ich da und betrachtete die vielen heiteren und unvergänglichen Sterne der anderen Welt. Doch wird die Nacht immer von unsichtbaren Kämpfen erschüttert. Vom Ufer drangen die Geräusche von Vögeln und wilden Tieren, die ihren nächtlichen Aktivitäten nachgingen. Ich musste an das Fest denken, bei dem ich Tanefert zum ersten Mal begegnet war. Wir kehrten den Lichtern und dem Lärm den Rücken und gingen nach draußen, wo wir am Wasser entlangliefen. Erst zaghaft wagten unsere Hände, den anderen mal hier und mal dort zu streifen, und jede dieser scheinbar zufälligen Berührungen, bei denen Haut über Haut strich, trieb mir wohlige Schauer durch den Körper. Es war, als könnten wir die Gedanken des anderen lesen, ohne ein Wort zu sagen. Wir saßen auf einer Bank und betrachteten den Mond. Ich behauptete, er sei eine verrückte alte Frau, die man am Himmel allein zurückgelassen hätte, aber Tanefert erklärte: »Nein, sie ist eine große Dame, die den Verlust ihres Liebsten betrauert. Schau doch, wie sie nach ihm ruft.« Wir unterhielten uns weiter. Sie erzählte mir die Wahrheit über das, was ihr Herz bewegte, die guten und die schlechten Dinge, trotz der Risiken, die mit diesen Geständnissen verbunden waren, und in dem Moment wusste ich aufgrund ihrer Aufrichtigkeit, dass sie mein Leben mit Liebe verändern würde. Natürlich ist es nicht immer einfach gewesen. Die Götter wissen, wie ich sein kann: launisch, selbstsüchtig, deprimiert.

Die Sehnsucht packte mich. Ich stand auf und starrte auf die dunklen Wasser. Furcht machte sich in mir breit, als sei ich am verkehrten Ort. Ich wollte das Boot wenden und sofort zu ihr zurückkehren. Im nächsten Moment surrte aus dem Nichts und schneller als ein Falke ein Pfeil aus der Finsternis. Ich sah ihn erst, nachdem ich gespürt hatte, wie die kalte Spitze neben meinem linken Auge durch die Luft schoss. Ich spürte – oder bildete ich mir das nur ein? –, wie heiße Federn an meinem Gesicht entlangstreiften, an denen ein zornig heller Lichtpunkt leuchtete. Und dann sah ich Flammen nach oben und zu den Seiten schießen. Sie quollen aus der Stelle, an der sich der Pfeil in das Holz des Masts gebohrt hatte, gleich unter dem Horusauge, das man dorthin genagelt hatte, um die sichere Fahrt des Schiffes zu gewährleisten. Der Verstand ist langsamer als die Zeit, langsamer als Feuer und Wasser. Im nächsten Moment vernahm ich ein Geräusch, das wie begeisterter Applaus klang und mich aus diesem Trancezustand herausriss. Ich schrie wie ein Wahnsinniger. Das Feuer tat sich am Segel gütlich; seine vielen gierigen Mäuler züngelten den Mast empor, der inzwischen einem Baum aus Flammen glich. Und der Kapitän eilte herbei und zerrte an Tauen, während die Matrosen sich beeilten, Eimer mit Flusswasser zu füllen, das sie in den lodernden Rachen der Feuersbrunst gossen. Zu Anfang interessierte das den Gott, dann beschwichtigte es ihn so ganz allmählich, und schließlich besiegte es ihn.

Langsam kam ich wieder zu mir. In der Zwischenzeit hatten sich alle Passagiere an Deck versammelt. Bekleidet mit ihren Nachtgewändern standen sie dicht zusammengedrängt, hielten einander, weinten oder starrten in die nunmehr bedrohliche Finsternis, die dieses morsche und beschädigte Schiff umgab. Ich konnte das Plopp-plopp-plopp des Wassers hören, das uns vor dem Untergang bewahrt hatte und jetzt in dicken Tropfen von dem verkohlten Holz troff. Jeder wusste, dass der Pfeil mir gegolten hatte. Sie wussten ebenfalls, dass sie selbst nur knapp dem Tode entronnen waren, weil ich mich auf diesem Boot befand. Und sie wussten, dass ich nicht derjenige war, für den ich mich ausgegeben hatte.

Der Mondmann ergriff das Wort: »Ihr, mein Herr, seid uns gegenüber nicht ehrlich gewesen. Einem Beamten des Schatzamtes wird derartige Aufmerksamkeit nicht zuteil.«

Ich zuckte mit den Achseln. Die attraktive Frau sah mich mit gesteigertem Interesse und fragendem Blick an. Und der Kapitän war sprachlos vor lauter Schmach und Zorn und schaute auf die verschrumpelten und rußgeschwärzten Relikte des Pfeils. »Ihr schuldet mir ein Schiff«, sagte er.

Er wollte den Pfeil gerade herausziehen, als ich ihn anbrüllte, das zu lassen. Das war ein Indiz. Ich schob ihn zur Seite und untersuchte den Pfeil. Ich konnte die Spitze nicht aus dem Holz ziehen. Sie war durch den Brand so brüchig geworden, dass sie jeden Moment zu Asche hätte zerfallen können. Doch obwohl sie beschädigt war, sah ich sofort zwei Dinge, die mein Interesse weckten. Erstens: Die Spitze war zwar rußgeschwärzt, aber eindeutig aus Metall, vermutlich aus Silber. Nicht aus Feuerstein. Es handelte sich hier also nicht um einen zufälligen Akt der Gewalt, sondern um einen, in den man beträchtliche Kunstfertigkeit, Materialqualität und Kosten investiert hatte. Und zweitens: Da waren, immer noch auf dem Holz zu erkennen, zwei Hieroglyphen. Kobra. Die Schlange, die Große Zauberin, Die sich auf der Krone des Pharaos erhebt, die Schutzherrin des Re auf seinem Weg durch die Unterwelt der Nacht. Und Seth mit seinem an der Spitze gespaltenen Schwanz, der Gott des Chaos und des Verderbens, des Roten Landes und des Krieges. Das hier war das Werk eines Profis, und so merkwürdig es auch war, ich hatte Glück, noch am Leben zu sein. Ebenso merkwürdig war, dass ich mich nicht so fühlte, als hätte ich Glück gehabt. Mir war, als habe man mich gewarnt. Entweder hatte ich rein zufällig überlebt, oder aber ich hatte überleben sollen. Entweder der unbekannte Todesschütze hatte mich nur ganz knapp verfehlt – eine unerwartet aufkommende nächtliche Brise oder der plötzliche Aufschrei eines Vogels, der den Pfeil von seinem eigentlichen Kurs abgebracht hatte –, oder er hatte sein Ziel haargenau getroffen.

Und dann hatte er sein Werk signiert.

5

Der Rest der Reise verlief in ungemütlichem Schweigen. Die anderen Passagiere und die Mannschaft begegneten mir plötzlich mit Argwohn und hielten sich von mir fern. Der Kapitän hatte die Brandschäden flicken lassen, doch wir kamen nun langsamer voran, und das Boot sah jetzt hässlich aus und fiel auf im geschäftigen Alltagsverkehr auf dem Fluss. Selbst die Kinder der Dörfer am Ufer, die stets bereit waren, zu lachen, zu winken und zu rufen, beobachteten schweigend, wie wir an ihnen vorüberfuhren. Ich bot dem Kapitän Schadensersatz durch die Medjai an. Wir wussten jedoch beide, dass die Chancen, dass er irgendetwas bekommen würde, minimal waren. Wenn man uns schon unsere Gehälter nicht zahlt, wie sollen da derart ungewöhnliche Forderungen beglichen werden? Ich gab ihm aber mein Wort, denn mehr konnte ich ihm nicht geben. Er war nicht gerade begeistert. Irgendwie muss ich das in Ordnung bringen. Und ich muss mich mit der Tatsache auseinandersetzen, die auf der Hand liegt: Irgendjemand, der Macht und Einfluss hat, weiß, dass ich komme, und will mich nicht in Achet-Aton haben, in dieser Stadt, die ich noch nie gesehen habe – bis jetzt.

Nach nichts als Feldern und kleinen Dörfern, hinter denen sich immer nur die endlose Weite des Roten Landes mit seinen sich wandelnden Formen und zertrümmerten Steinen erstreckte, fuhren wir um eine Flussbiegung und erblickten ein Traumbild: eine strahlend weiße Stadt, die in der Form eines Halbmondes entlang der östlichen Biegung des Flusses verlief und von hinten mit einer Kette roter und grauer Felsen geschützt wurde. Diese umrundeten und begrenzten den Ostteil des Terrains, durch dessen Mitte sich ein tiefes und schmales Tal zog, das aussah wie eine Kerbe in einem Kantholz. Am nordwestlichen Ende der Bergkette verschmolzen die Felsen mit dem Fluss. Mithin ruhte die Stadt in der großen Handfläche des Landes – ja, war von ihr umschlossen. Achet-Aton sah ganz anders aus als die anderen Städte unserer Welt, nicht wie eine chaotische Ansammlung aus uralten und provisorischen Gebäuden. Vielmehr sah sie aus wie ein gewaltiger, wohlgeordneter Garten, aus dem sich Türme, Tempel, Regierungsgebäude und Villen erhoben, die sich von den Ufern des Flusses bis zum Rand der Wüste im Hinterland erstreckten. Große Vogelschwärme kreisten am Himmel, und ich konnte ihren Gesang und ihrer Schreie selbst aus der Entfernung hören.

Die Passagiere standen alle am Bug des Schiffes und starrten voller Ehrfurcht auf dieses unmögliche Paradies inmitten der Wüste, diesen Ort, der über unser aller Zukunft entschied. Der junge Architekt war in der Lage, auf die einzelnen Viertel der Stadt zu zeigen und auf den Nordpalast und die dazugehörigen Gebäude, die alle, wie er behauptete, nach einem neuartigen System errichtet worden waren, einem geordneten Netz aus Haupt- und Nebenstraßen, in dem alle Bauten eines Viertels einem einheitlichen Muster entsprachen. Warum die einzelnen Viertel voneinander abgegrenzt sein mussten, wusste er nicht. Die Arbeitersiedlung befand sich hinter der eigentlichen Stadt, wie man es erwarten würde. Offenbar ist sie einzigartig. Konzipiert, davon bin ich überzeugt, nicht aus irgendeiner Eingebung heraus, sondern aufgrund der schlichten Tatsache, dass gesunde und gutgenährte Handwerker und Arbeiter eine angemessene Investition darstellen, wenn man sein Ziel erreichen und schnell und fachgerecht bauen möchte. Und das Ganze wurde so geführt, wie die Welt geführt wird, auf eine Art, dass es den Aufsehern und den Chefs der Baukolonnen genehm war.

An der Anlegestelle wartete ein kleiner Trupp Medjai in Habachtstellung, um mich zu empfangen. Als ich den Landungssteg hinunterlief, trat einer von ihnen vor, um mir seinen formellen Gruß zu entbieten. Er stellte sich bei mir vor als Assistent von Mahu und sagte, es sei ihm eine Ehre, mich zu meinem ersten Treffen mit diesem begleiten zu dürfen. Mit zwei Mann vor und zweien hinter mir marschierten wir vom Steg und ließen meine Mitpassagiere erstaunt zurück. Der junge Architekt verneigte sich, als sei ihm soeben bewusst geworden, dass seine taktlosen Bemerkungen unter Umständen naiv und leichtsinnig gewesen waren. Ich neigte meinerseits den Kopf und versuchte ihm damit zu verstehen zu geben, dass wir beide wissen, dass das hier eine Welt ist, in der auch Priester scheißen. Der Mondherr hob lediglich arrogant eine seiner Augenbrauen, als wolle er sagen: Du hast uns alle zum Narren gehalten und nimmst jetzt deine wahre Identität an. Viel Glück damit. Der Verwaltungshengst sah verärgert aus. Und seine attraktive Frau bedachte mich mit einem kurzen, blitzgescheiten Blick, als wolle sie sagen: Vielleicht sehe ich dich eines Tages wieder, in einem überfüllten Raum, bei einem offiziellen Anlass. Und wir kennen einander dann schon … Respektvoll verneigte ich mich vor ihr.

Es erstaunte mich, dass auf den Straßen keine Pulks waren, kein Gewühl von Menschen, die der üblichen Vielfalt alltäglicher Geschäfte nachgingen. Es schien ein Ort zu sein, der nur einem einzigen Zweck diente. Seine Aufgabe war die Konzentration aller Aktivitäten auf den Dienst für und die Preisung von Echnaton und der königlichen Familie. Was der Stadt etwas ostentativ und augenfällig Sonderbares verlieh, als habe man den Trubel und die Farbenpracht des Thebener Straßenlebens verringert, beinahe weggeplant; ein Ort, an dem sich jeder sowohl seiner Stellung als auch der Macht und des Einflusses jedes anderen bewusst war. Das Ganze wirkte weniger wie eine Stadt, sondern eher wie ein gewaltiger Tempel-und Palastkomplex mit Anbauten für die Notwendigkeiten des täglichen Lebens. Ein wunderschöner Ort voller gewaltiger und überwältigender Bauwerke.

Doch als wir weiter in die Stadt hineinkamen, begann sie weniger organisiert und vollendet auszusehen, als es anfangs den Eindruck gemacht hatte. Dass alles so neu wirkte, lag daran, dass die Pylone auf den Vorplätzen und die geweihten Stätten einem die Augen blendeten, weil sie mit weißer Farbe getüncht waren. Aber sie waren an vielen Stellen noch im Rohbau. Die Hieroglyphen an den Wänden waren noch nicht fertig. Ganze Teile der Stadt befanden sich noch im Bau. Hässliche Gerüste versteckten, was bestimmt mal Ämter- und Tempelkomplexe werden sollten. Zigtausend Arbeiter rackerten sich auf sämtlichen Etagen der jeweiligen Baustellen ab. Breite Wege und Prachtstraßen verjüngten sich zu Wüstenpfaden oder verloren sich gänzlich zwischen Steinen und Staub. Ich war verblüfft, als ich in den Außenbezirken im Norden und Süden elegante Villen neben armseligen Baracken stehen sah. Die ersten Grabmäler und Grabkammern, die sich unweit der Arbeitersiedlung am Rand der Stadt auf einem leeren, felsigen Platz erhoben, deuteten darauf hin, dass das irgendwann die Nekropole werden sollte. Im Herzen des Ganzen lag das Zentrum mit seinen Komplexen aus Aton-Tempeln und Bauten für den Beamtenapparat. Die flächenmäßig so enorme Größe dieser Amtssitze – sie wirkten wirklich ebenso wuchtig und dominant wie die Tempel – war ein Zeichen für den wahren Charakter der Stadt, und ich habe gehört, dass es hier das größte geheime Papyrusarchiv gibt, das jemals irgendwo zusammengetragen wurde. Ich bin wild darauf, mir diesen Palast der Geheimnisse mal anzusehen, und habe ein entsprechendes Empfehlungsschreiben in der Tasche. So viele Informationen zu sammeln kann nur den einen Zweck verfolgen, sich Macht anzueignen. Vielleicht ist das hier also trotz des so beeindruckenden schönen Scheins eine Stadt, die darauf ausgerichtet ist, ihren Einwohnern Angst einzujagen.

Ebenfalls einen überwältigenden Eindruck – und das ist ein Segen, denn die Hitze ist sogar für mich ein Schock – machte die Tatsache, dass es überall Wasser gibt. Normalerweise tritt man aus der Kühle des Flusses in Chaos und Staub. Nicht so hier. Selbst die Steine auf den Gehwegen und die Hausfassaden wirkten frisch und sauber, glänzten nahezu, als würden auch sie gewässert. Als Erstes fiel mir das Geräusch auf, das fortwährend im Verborgenen plätscherte, unter meinen Füßen; ich konnte es nur nicht sehen. Dann bemerkte ich das satte Grün und die Frische der Gärten und der neuen Bäume, die man entlang der Prachtstraßen gepflanzt hatte: Ich sah Dattelpalmen, Feigen-, Avocado-, Johannisbrot- und Granatapfelbäume. Womöglich ist in dieser unmöglichen Hauptstadt zu jeder Jahreszeit Obstsaison.

Als wir an einer Gartenmauer vorüberliefen, pflückte ich mutig eine Feige; der Zweig hing genau vor mir. Während ich mir die Frucht nahm, schaute ich über die Mauer in den Garten. Dort erblickte ich einen gekachelten Teich, und eine Frau schaute erstaunt und verärgert auf, als der Zweig, von dem ich mir die Feige gemopst hatte, wieder zurückschnellte. Das Wasser war so klar wie Glas, das Becken mit aufwendigen Motiven aus blauen und goldenen Kacheln gefliest. So etwas hatten nur reiche Leute. Ich hätte mich zehn Jahre abrackern müssen, um mir ein derartiges Lustschloss zu bauen. Sie war auch fast nackt, und ihre Haut hatte die Farbe des Goldes, das sich durch die Kacheln und das Wasser zog. Hier in dieser Stadt scheinen die Frauen über die Muße zu verfügen, im Schatten zu sitzen, während ihre Gatten, vermutlich Offiziere oder Diplomaten, damit befasst sind, die neue Welt zu erschaffen.

Als wir weiterliefen, bot sich uns ein befremdlicher Kontrast, denn wir passierten hordenweise Arbeiter, die sich auf den klapprigen und wackligen Gestellen an den hohen Wänden der Gebäude abplagten. Für mich ist es ein Wunder, dass derart unzureichende und mangelhafte Gerüste nicht jeden Tag einstürzen. Überall standen hohe Stapel getrockneter Lehmziegel, die aussahen wie Wüstenstädte im Miniaturformat, die darauf warteten, von winzigen Bürgern bezogen zu werden. Und mir fiel auf, dass versteckt in einigen der düsteren Seitengassen verletzte und zusammengebrochene Gestalten lagen, die aussahen, als hätten sie sich schon längere Zeit nicht mehr gerührt und würden es vielleicht auch nie wieder tun.

Man brachte mich direkt zum Amtssitz der Medjai. Neues Gebäude. Marmor- und Kalksteinverkleidungen an den Wänden, frische Beflaggung, rationelles, stilvoll elegantes Mobiliar, Kisten mit Dokumenten und wer weiß was für überflüssigem Mist, die erst zur Hälfte ausgepackt oder noch gar nicht geöffnet waren. Soll unsere Macht jetzt so untergebracht werden? Was für ein Kontrast zu unseren finsteren, veralteten und schäbigen Räumen in Theben und all den anderen Amtsstuben der verschiedenen Gaue, die ich bisher besucht habe. Wir liefen durch einen Korridor nach dem anderen, vorüber an Scharen von Männern, die ihren Beschäftigungen nachgingen, und die meisten dieser Männer bedachten mich mit kurzen neugierigen Blicken. Schließlich erreichten wir eine große und kunstvoll vergoldete Holztür, die mit den Insignien der Macht beschriftet war, und darüber hatte man dieses neue Wahrzeichen gehängt, die Sonnenscheibe Atons, deren viele kleine Hände sich der anbetenden Welt entgegenstreckten.

Auf der einen Seite neben der Tür saß ein Sekretär hinter einem Schreibtisch. Der junge Offizier begrüßte mich nur knapp und betrat dann die Große Dienststube, während ich draußen stehen bleiben musste. Die Wachen schlurften ein wenig herum, mein Begleiter wirkte verlegen, und die Sekunden tickten dahin. Alle lauschten wir einem Vogel, der auf dem Vorplatz sang. Ich räusperte mich, was auf niemanden eine erkennbare Wirkung hatte. Die Wachmänner starrten weiterhin auf die Tür. Ich fing an, mich mehr wie ein Gefangener zu fühlen denn wie ein verehrter Kollege. Endlich wurde die Tür wieder geöffnet – mit einem scharrenden Geräusch, da das neue Holz des Rahmens sich verzogen hatte; wie absurd das war, diese gekünstelte Zurschaustellung von Macht, und dann eine klemmende Tür! –, und der Sekretär bat mich einzutreten. Ich nickte ihm zu, was ironisch gemeint war, und lief los, hinein in das nächste Kapitel des Mysteriums. Die Tür wurde hinter mir geschlossen.

6

Ich befand mich in einem großen, offenen, lichtdurchfluteten Raum. Dominiert wurde er von einem Schreibtisch, dessen polierte Platte aus irgendeinem prächtigen Hartholz gefertigt war, das ich nicht kannte. Darauf standen ein paar Gegenstände exquisiter handwerklicher Qualität: eine Vase mit Blauen Lotusblumen, eine Echnaton-Statuette, eine Alabasterkaraffe in der grazilen Form eines Vogels, der gerade aus dem Wasser tauchte, eine Kollektion von Kelchen und zwei Ablagekästen aus Holz. Seltsam hechelnde Geräusche drangen unter dem Schreibtisch hervor, an dem ein großer, schwerer Mann saß, der sich mit einem Dokument befasste, das er aus einem der beiden Ablagekästen genommen hatte. Meine Anwesenheit ignorierte er. Mahu.

Er war stämmig, muskelbepackt, mittleren Alters. Sein Rang und seine Macht äußerten sich in der Haltung und den Proportionen seines Körpers und der ausgeprägt brutalen, nahezu klobigen Form seines Kopfes mit dem dicken grauen, stoppelkurz geschnittenen Haar; wie auch an der eleganten Bekleidung dieses Körpers, die in jeder Hinsicht kostbar und gediegen war. Er trug eine außergewöhnliche Halskette. Ich hatte Zeit, sie mir genau anzusehen. An sechs Reihen von Ringen, die auf Schnüre aufgezogen waren, hing eine Vielzahl kleinerer Goldringe, und das Ganze wurde von einer schweren Schließe gehalten, die ein geflügelter Skarabäus und Sonnenscheiben zierten und in die Lapislazuli eingelegt war. Daneben trug er noch eine langärmelige Tunika aus feinstem weißem Leinen und Sandalen.

Viel interessanter als diese theatralischen Insignien waren jedoch seine Augen. Als er sich endlich herabließ, mich anzuschauen, sah ich, wie ungewöhnlich sie waren, nicht wegen ihrer topasgelben Farbe, wohl aber wegen ihres hungrig glänzenden Blicks. Sie waren grausam und scheinbar gleichgültig wie die Augen eines Löwen oder eines Gottes. Mir war, als könne er in mein Innerstes blicken und meine Schwächen, meine empfindlichen Stellen und Bestimmungen sehen, die dort verborgen lagen. Ich fragte mich, ob er morgens frühstückte; ob er Kinder hatte, eine Ehefrau, Freunde; ob er ein Leben führte, das solche Gewalt in Zärtlichkeit und Fürsorge umwandeln konnte; oder ob er die menschliche Natur mit all ihren Träumen, Sehnsüchten und Eitelkeiten des Herzens so genau kannte, dass er nicht mehr dafür empfand als ein Gott für die törichten Sterblichen, die von der Zeit von einer Sekunde zur anderen ausgelöscht werden wie Flecken auf einem beschlagenen Spiegel von einem Lappen.

Ich erwiderte seinen starren Blick. Er erhob sich von seinem Schreibtisch und trat auf mich zu, begleitet von einem sabbernden schwarzen Hund – dem Verursacher des seltsamen Hechelns.

»Ich sehe, Ihr interessiert Euch für meine Halskette«, sagte er. »Ein Geschenk von Echnaton. Es ist wichtig, sich so zu kleiden, wie man sich selber sehen will. Meint Ihr nicht?«

»Euer Aufzug ist herrlich«, bestätigte ich ihm in der Hoffnung, meine leise Ironie würde bei ihm ankommen. Doch schien die Akribie, mit der er meine von der Reise ziemlich ramponierte Aufmachung begutachtete, darauf hinzudeuten, dass die offenkundige Unangemessenheit meines Erscheinungsbildes und somit die Tatsache, dass es mir an dem rechten Glauben an mich selbst mangelte, jedwede Ironie meinerseits aufwogen.

Wir schwiegen einen Moment, überlegten beide, was wir als Nächstes sagen könnten. Früher habe ich immer geredet und geredet. Heute halte ich den Mund, bis die anderen den Anfang machen. Mein kleiner Trick schien ihn aber überhaupt nicht einzuschüchtern. Als könne er meine Gedanken lesen, deutete er mit der Hand auf das Sofa. Ich hatte keine andere Wahl, als mich zu setzen, während er stehen blieb. Was diese Machtspiele angeht, habe ich immer noch viel zu lernen.

Er starrte auf mich nieder und rieb sich dabei das Kinn. Die Stille war unbehaglich.

»Euch hat man also dazu auserwählt, in dem Fall zu ermitteln.«

»Die Ehre habe ich.«

»Was habt Ihr Eures Erachtens getan, um die zu verdienen?«

»Nichts, denke ich. Alle Gaben, die ich besitze, stelle ich in den Dienst unseres Königs.« Ich zuckte zusammen, als ich mir dabei zuhörte, wie ich diese laschen Plattitüden von mir gab.

»Und Eure Familie …?«

»Mein Vater war Schreiber im Bauamt.«

Dass es mir an einem elitären Status mangelte, schwebte zwischen uns im Raum.

»Und ich würde gern erfahren, um welche Art von Fall es geht«, fügte ich hinzu.

»Echnaton möchte Euch persönlich über die Dinge in Kenntnis setzen, die bekannt sind. Mich hat er mit der Aufgabe bedacht, Euch in unsere neue Welt hier einzuführen, Euch in angemessener Form behilflich zu sein und vor allem ein Auge auf Euch zu halten.«

Er legte eine bedeutungsvolle Pause ein. Ich schwieg.

»Also haben wir zwei unserer besten Beamten abgestellt, einen erfahrenen und einen etwas jüngeren, aber vielversprechenden, um Euch nach Bedarf herumzuführen und zu begleiten, und zwar zu jeder Tages- und Nachtzeit. Um Euch dabei zu helfen, Euch in dieser Stadt zurechtzufinden.«

Aufpasser, die mir an den Fersen klebten. Ein Ärgernis und eine Plage, und das mit voller Absicht.

»Zu meinem Bedauern muss ich Euch sagen, dass ich nicht unterstütze, dass man sich für Euch entschieden hat«, sprach er weiter. »Das könnt Ihr ruhig gleich jetzt erfahren. Warum einen Fremden herholen? Einen Mann, der keine Ahnung davon hat, wie die Dinge hier laufen? Einen Mann, dessen Berufserfahrung in kleinen Dieben und Huren besteht und dessen Fachkenntnis sich darauf bezieht, dass er die belanglosen und nebensächlichen Indizien untersucht, die im Unrat und Dreck der armseligen Tatorte verstreut liegen, an denen der Abschaum der Unterschicht und irgendwelche Verbrecher ermordet wurden? Einen Mann, der das die neue Wissenschaft der kriminalistischen Ermittlungen nennt. Das Ganze lag nur nicht in meiner Hand. Das hier ist eine andere Welt. Es ist nicht Theben, und Ihr werdet Zeit brauchen, die Ihr nicht habt, um Euch mit den hiesigen Gepflogenheiten vertraut zu machen. Hier sind viele Kräfte am Werk; ich habe Sorge, dass sie einen Mann zerbröseln können wie altes Brot, wenn sie falsch gehandhabt oder falsch verstanden werden.«

Und die topasgelben Augen starrten lange und geradewegs in mein Innerstes.

»Vergesst aber bitte nicht: Ich bin hier, um zu helfen. Erlaubt mir, Euch aus beruflichem Respekt heraus unter die Arme zu greifen, von Medjai zu Medjai. Ich bin der Mann, der die Schlüssel zu dieser Stadt besitzt. Ich kenne hier jeden Stein. Ich weiß, woher die Steine kommen, und wer sie wohin gelegt hat, und warum.«

Während dieses gesamten Monologs sah ich ihn fest und ruhig an. Und da es sich so darstellte, als würden wir einander Ansprachen halten, erhob ich mich nach einer ehrerbietigen Pause und begann mit meiner.

»Ich stimme mit Eurer Einschätzung der Situation überein. Und ich nehme Euer Angebot, mir sachkundig beizustehen, dankbar an. Da Echnaton mich aber persönlich auserwählt hat, hoffe ich, mir die bedingungslose Unterstützung all seiner Untergebenen verdienen zu können. Ich glaube, dass das sein Wunsch wäre. Und wenn ich versage, wird es keine Fragen hinsichtlich meines weiteren Schicksals geben.«

Ganz leicht neigte er den Kopf und sah mir dabei etwas zu lange in die Augen. »Wir verstehen einander perfekt.« Dann drehte er sich wieder zu seinem Schreibtisch um, überflog kurz das Papyrusdokument, schaute zu mir auf mit einem rätselhaften Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen Lächeln und Warnung lag, und dann ließ er das Dokument beinahe achtlos wieder zurück in den leeren Ablagekasten auf seinem Schreibtisch gleiten.

»Eure Audienz wurde für Sonnenuntergang anberaumt«, sagte er, bevor er sich hinsetzte und seine Aufmerksamkeit dem Fenster zuwandte.

Ich verließ den Raum mit dem Gefühl, dass er mich aus seinem grausamen Hinterkopf heraus beobachtete, und schloss hinter mir die Tür. Ich musste ein wenig drücken, um sie ganz schließen zu können, und das Knarren und Knallen rief die Wachen, den fiesen Sekretär und den Gehilfen auf den Plan. Letztgenannter trat vor und erklärte: »Ich werde Euch Eure Unterkunft zeigen. Und Euch dann zu Eurer Verabredung bringen.« Er war also bereits bestens informiert. Ich fühlte mich wie ein Tier, das für den Opfertisch präpariert wurde.

Sonnenuntergang, wie passend. Die Stunde des Todes.

7

Ich kann nichts weiter tun als warten, und Warten ist eine Qual für mich. Lieber esse ich Sand. Man hat mir ein Zimmer gegeben mit einem Sofa und einem Schreibtisch, das sich in einem Rohbau hinter den Haupttempeln und den Kasernen der Medjai befindet. Von dort habe ich einen Blick auf ein leeres Wasserbecken mit einem Brunnen, der nicht funktioniert. Drumherum ist eine Terrasse, und dahinter erkennt man ein von Steinen übersätes Grundstück aus roter Erde. Damit die Terrasse nicht ganz so schäbig aussieht, hat man hastig irgendwelche mickrigen Pflanzen und Akazienbüsche in Schalen getopft. Und eine Bank hingestellt. Als hätte ich die Muße, im Schatten zu sitzen und über heimliche Gelüste und Poesie zu sinnieren. Ansonsten wirkt das Gebäude unbewohnt. Über dem Kopfteil des Sofas ist eine Nische, in der eine Figur steht, die Echnaton zeigt, den Großen König, zu dessen Audienz man mich in Kürze geleiten wird. Nun, danach werde ich in der Lage sein, die Unterschiede zu erkennen, die zwischen dem merkwürdigen Knaben in dieser Nische bestehen, der einen langen Hals hat, einen Hängebauch und große schrägstehende Augen, die aussehen wie ein Mittelding zwischen einem Esel und einer Schwiegermutter und der Realität eines menschgewordenen Gottes.

Ich trank Wasser aus dem Krug. Es war ungewöhnlich süß und klar. Dann prüfte ich, wie weich das Sofa war, und stellte überrascht fest, wie bequem es war, vor allem nach den rückenverkrümmenden Erfahrungen in der Hängematte des Schiffes. Zu bequem, wie sich herausstellte. Von hämmernden Geräuschen wachte ich plötzlich auf. Es war spät, und jemand klopfte an meine Tür. Ich erinnerte mich an nichts. Mein Tagebuch lag auf dem Fußboden, die Seiten waren leicht zerknittert, die Worte rissen mitten im Gedanken ab. Die Echnaton-Statue starrte nach wie vor auf mich nieder, als hätte ich bereits jetzt versagt, was meine Aufgabe anging. Doch fühlte ich mich auf seltsame Weise ausgeruht. War ich derart müde gewesen, dass ich so tief geschlafen hatte? Ich sah mich im Zimmer um. Nichts wirkte verändert. Ich untersuchte das Tagebuch: Es waren keine Seiten herausgerissen, nichts war beschädigt worden. Und trotzdem – irgendetwas fühlte sich anders an. So, als hinge die Erinnerung an die Gegenwart eines anderen Menschen in diesem Raum. War irgendein Schlafmittel in dem Wasser gewesen? Erst jetzt erinnerte ich mich an seine ungewöhnliche Süße.

Es wurde neuerlich geklopft. In einem gebieterischen Ton, von dem ich hoffte, er würde meine nachmittägliche Müdigkeit überspielen, rief ich: »Herein!« Der Wachoffizier, der mich zu meinem Treffen mit Mahu und dann in dieses Zimmer begleitet hatte, erschien im Türrahmen. Ein Mann, der etwa fünf Jahre jünger war als ich, mit einem besonnenen Blick und einer gut antrainierten, warnenden Miene, die zu einem angenehmen, wachen und durchschnittlichen Gesicht gehörten. Ihm folgte ein junger Mann, der stattlicher aussah, gepflegt und lässig, und den Blick eines Schwerenöters hatte und diese so absichtlich langsame Art, sich zu bewegen, die typisch für unseren Beruf ist.

»Wie heißt du?«, sprach ich den älteren der beiden an.

»KhetiKheti, Herr.«

»Ein weiser Name für einen weisen Mann?«

»Das hofften meine Eltern, Herr.«

»Unsere Namen geben uns Macht, meinst du nicht?«

»Davon geht man im Allgemeinen aus, ja, Herr.«

Er war sehr vorsichtig in seinem Benehmen. Auf unsichere Weise selbstsicher.

»Seit wann bist du schon hier, KhetiKheti?«

»Von Anfang an, Herr. Bei Mahu persönlich.«

»Meinst du damit, seit die Stadt erbaut wurde?«

»Mein Leben lang.

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