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Nördlich des Weltuntergangs

Arto Paasilinna

Nördlich des Weltuntergangs

Roman

Aus dem Finnischen von Regine Pirschel

BASTEI ENTERTAINMENT

1

Asser Toropainen, der alte Kirchenbrandstifter, lag im Sterben. Man feierte die Karwoche, am folgenden Tag war Karfreitag.

Asser war unlängst neunundachtzig geworden. Wie es jetzt aussah, würde er die neunzig nicht lebend erreichen. Was sollte man da machen, auch der härteste Kerl musste irgendwann dran glauben.

Asser lag in der großen grauen Stube seines Hauses im Einöddorf Kalmonmäki im südlichen Kainuu. Die betagte Standuhr tickte in ihrem Gehäuse aus geflammtem Birkenholz und maß die letzten Lebensstunden des Alten. Die weiblichen Familienmitglieder, die alten Schwestern und die Nichte, schlichen nur noch auf Strümpfen durchs Haus. In der Woche zuvor war ein Arzt vom Gesundheitszentrum aus Sotkamo da gewesen, um Assers Blutdruck zu messen. Das Messgerät war zersprungen, was als böses Omen gewertet worden war.

Behutsam hatte man dem Alten klar gemacht, dass dies möglicherweise sein letzter Winter gewesen war. Auch vom Besuch eines Geistlichen war die Rede gewesen. Im Angesicht des Todes sollte sich der Mensch um seine himmlischen Beziehungen kümmern. Einem alten eingefleischten Kommunisten tue es sicher gut, seine Sünden zu bekennen, schon wegen des eigenen Seelenheils.

Asser ächzte in seinem Bett. So genannte Sünden hatte er im Laufe seines Lebens wohl begangen, das ließ sich nicht leugnen. Die Zeiten waren unruhig gewesen, das ganze lange Jahrhundert hindurch. Da war es oft genug heiß hergegangen. Asser hatte an sechs Kriegen teilgenommen. Auf mehrere Kontinente hatte es ihn verschlagen, er war von Murmansk bis Alaska, vom Ladoga bis nach Wladiwostok gereist. Sein grauer Kopf versuchte, die Erinnerungen heraufzuholen. Da waren Bilder und Geräusche: schneebedeckte Steppen, endlose Schienenstränge, rauchende Lagerfeuer, knatternde Gewehrsalven. Kieferflöße, die aneinander krachten, rauschende Wasserfälle, brennende Panzer und qualmende Kirchenruinen. Wolkenkratzer und Ozeandampfer, fallendes Zuckerrohr und Mädchenköpfe, die ins Maisfeld sanken. Gutes und Schlechtes, ein ungestümes Leben, Zeiten des Übermuts, aber auch des schmerzlichen Elends. Ein ständiger Kampf eben, wie es sich für einen eingefleischten Kommunisten gehörte, Aufbegehren gegen Gott, die Geistlichkeit und die Kirche. Das war Asser Toropainen, ein Atheist unserer Zeit, der letzte Kommunist der Welt.

»Kommt mir bloß nicht mit einem salbadernden Priester ..., aber schafft einen Notar her. Das Testament muss ins Reine geschrieben werden.«

Der Notar wurde geholt, das Testament auf den letzten Stand gebracht und gleichzeitig die Asser-Toropainen-Kirchenstiftung gegründet. Der Sterbende kritzelte seinen Namen unter die Papiere. Er beauftragte den Notar, seinen Enkel aufzuspüren und ihn zu bitten, den Großvater zu besuchen. Er müsse mit ihm einen bestimmten Punkt aus dem Testament besprechen.

Der Karfreitag brach an, ein grauer und trüber Tag. Schneeregen fiel. Durch den schwarzen Fichtenwald am Rande des Dorfes flatterten Raben. Im Radio wurde der Gottesdienst übertragen. Der Pastor fand harte Worte für den gewaltsamen Tod Jesu vor zweitausend Jahren, sodass der Eindruck entstand, die Finnen wären schuld an der besagten Gräueltat. Asser befahl den Frauen, das Radio auszuschalten. Er hatte wahrhaftig auch ohne die Kreuzigung genug Sorgen, sein Ableben machte ihm weidlich zu schaffen.

Gegen Mittag trat sein höchst lebendiger Enkel Eemeli Toropainen in die Stube, ein kräftiger Mann von fünfundvierzig Jahren, ehemals Direktor der Nordischen Holz-Haus AG. Die mittelgroße Firma, die Blockhäuser hergestellt hatte, war infolge der Rezession ein halbes Jahr zuvor in Konkurs gegangen. Eemeli schlug seine nasse Fellmütze am Türrahmen ab, dass die Tropfen nach allen Seiten spritzten, dann trat er ans Bett, um seinen Großvater zu begrüßen.

»Nanu, Opa! Dein letztes Stündlein hat geschlagen?«

»Das behaupten jedenfalls die Weiber.«

Eemeli Toropainen schüttelte dem Alten eine Weile die Hand, dann sank dieser wieder in seine Kissen. Darauf förderte der Enkel aus den Tiefen seines Pelzes eine Cognacflasche zutage und flößte dem Alten einen Schluck ein. Asser musste husten.

»Danke, Junge.«

Die Männer sahen einander gerührt an. Eemeli klopfte seinem Großvater die Kissen auf. Der Alte war nur noch Haut und Knochen. Früher war er ein Kerl von einem Mann gewesen, ein Draufgänger, ein tüchtiger Arbeiter und umtriebiger Geschäftsmann, viel unterwegs, hatte sein Leben lang ständig unter Dampf gestanden. Was das Alter doch aus dem Menschen machte!

»Der Notar erzählte, dass du eine kirchliche Stiftung gegründet hast. Bist du auf einmal fromm geworden, oder was ist passiert?«, fragte Eemeli.

Der Großvater kommandierte die Frauen hinaus, er sagte, er habe mit Eemeli etwas unter vier Augen zu besprechen. Als sich die Schwestern und die Nichte widerstrebend entfernt hatten, holte der Alte die Dokumente unter dem Kopfkissen hervor.

»Lies.«

Eemeli überflog die Papiere. Es handelte sich um die ordnungsgemäß aufgesetzte Gründungsurkunde einer Stiftung und ein Testament, in dem der Stiftung achthundert Hektar Land und gut zwei Millionen Finnmark Vermögen vermacht wurden sowie Wertpapiere von etwa einer Million. Dabei wurden die nächsten Angehörigen, die beiden Schwestern und die Nichte, ebenfalls mit angemessenen Geldsummen bedacht.

Aus der Zweckbestimmung der Stiftung ging hervor, dass diese die Aufgabe hatte, mindestens eine (1) Holzkirche zu erbauen und zu unterhalten.

Eemeli Toropainen, der ehemalige Direktor der Nordischen Holz-Haus AG, ahnte, dass sein Großvater ihn mit der praktischen Umsetzung der Stiftungsziele beauftragen wollte. Er betrachtete den künftigen Toten mit mitfühlenden Blicken. Da lag ein alter Kirchenbrandstifter, ein leidenschaftlicher und aktiver Kommunist, der mehrere Erdteile bereist hatte. Jetzt waren seine Kräfte verbraucht. Das Leben des Menschen war kurz, es dauerte höchstens kümmerliche hundert Jahre. Diese Vergänglichkeit bewies sich nun am Beispiel Asser Toropainens.

»So, du willst also eine Kirche bauen lassen. Meinetwegen, dann ziehen wir sie halt hoch.«

Asser Toropainen holte unter seinen Kissen einen schweren Bildband hervor. Seine Hände zitterten, das Buch wäre ihm beinah entglitten. Eemeli nahm es entgegen, es war von Esa Santakari, hieß Die Volksbauleute und ihre Holzkirchen und stellte in Wort und Bild alte bäuerliche Holzkirchen vor. Harmonische, schlichte Bauwerke, graue Balkenwände, ruhige Schindeldächer, auf den Eingangsstufen rührende Opferstöcke mit Schlitzen für den Münzeinwurf.

Eemeli Toropoainen blätterte staunend in dem Buch. Die Kirche von Kiiminki sah zum Beispiel recht ansehnlich aus. Die von Yläne hingegen, erbaut von Mikael Piimänen, wirkte irgendwie schroff, es mochte an der Form des Dachfirstes liegen. Die Deckenmalereien in der Kirche von Keuruu veranlassten Eemeli zu der Überlegung, ob er rändern lernen sollte.

Eemeli klappte das Buch zu. Die angebotene Aufgabe reizte ihn, gar keine Frage. Aber was steckte dahinter? War der Alte senil, der frühere Kirchenfeind fromm geworden? Asser hatte in jungen Jahren und zu Revolutionszeiten tatsächlich zahlreiche Kirchen in Brand gesteckt, in verschiedenen Teilen des Landes und der Welt. Er hatte sich an Gott für den Hunger und die Not der armen Leute rächen wollen. Und jetzt, kurz vor dem Tod, gründete er eine Stiftung für den Bau einer Kirche?

»Darf ich mir die Frage erlauben, ob du verrückt geworden bist?«

Der Großvater wurde ein wenig verlegen. Noch nie hatte jemand an seinem Verstand gezweifelt. Er erklärte mit dünner Stimme, dass er mit Gott reinen Tisch machen wolle, da er zufällig einiges an Geld habe beiseite legen können. Er glaube zwar nicht an Gott und auch nicht an Jesus Christus, aber irgendwie scheine es ihm angemessen, eine Kirche errichten zu lassen. Aus reinem Jux habe er sich die Sache ausgedacht.

»Sozusagen zur Erinnerung. Und du als Fachmann für Holz und Balken kriegst zur Abwechslung mal wieder Arbeit.«

Asser führte weiter aus, dass seines Wissens für ein derartiges Bauvorhaben keine allgemeine oder offizielle Begründung notwendig sei. Die Menschen bauten Kuhställe, Schulen, Fabriken, warum dann nicht auch Kirchen? Aus der Sicht eines Sterbenden war es egal, was gebaut wurde. Wenn er im Dorf eine Furnierholzfabrik errichten ließe, würde sie vermutlich bald nach seinem Tod Pleite machen. Was hatte das für einen Zweck? »Eine Kirche macht nicht Pleite.«

»Aber wenn jemand kommt und deine Kirche in Brand steckt?«

»Dann kannst du nichts machen. Du kassierst die Versicherungssumme und baust eine neue.«

Eemeli Toropainen kam auf die Einzelheiten zu sprechen. Er wollte wissen, welche Art von Kirche sich der Großvater vorstellte. Wo sollte sie gebaut werden, für welche Gemeinde war sie gedacht, und wer sollte als Pastor eingestellt werden?

Der Großvater verwies auf die Gründungsurkunde der Stiftung. Dort stand kurz und knapp, dass der Leiter der Stiftung, also Eemeli Toropainen, den Standort der Kirche nach eigenem Gutdünken auswählen konnte. Eemeli konnte den Tempel notfalls auf Tahiti errichten, wenn er Lust dazu hatte. Eine Kirchgemeinde zu gründen war nicht unbedingt erforderlich. Was den Pastor anging, war überhaupt nichts erwähnt. Der bloße Kirchenbau genügte.

»Such dir aus diesem Buch ein geeignetes Modell aus. Die modernen Kästen gefallen mir nicht, sie sehen nicht nach Kirchen aus.«

In dem Moment kamen die Frauen herein, um Asser Milchsuppe zu bringen. Sein Magen war so schwach, dass an kräftigeres Essen nicht zu denken war. Eemeli setzte sich an den Tisch und vertiefte sich in den Bildband. Unter andächtigem Schweigen bekam der Alte seine Suppe eingeflößt. Hinter dem Ofen saß die Hausmaus mit runden Ohren und blauem Fell und beobachtete den Vorgang. Sie beabsichtigte, in Assers Pelzdecke zu schlüpfen, wenn der Alte erst tot wäre. Mäuse haben eine feine Witterung für den Tod.

Die Frauen wischten dem Alten den Mund ab, dann gingen sie, damit er sich ausruhen konnte. Eemeli blätterte interessiert, gelegentlich auch aufgeregt in dem Buch. Wenn er etwas Interessantes entdeckte, rief er zum Bett hinüber, dass er vielleicht die Kirche von Keuruu als Vorbild nehmen könnte. Und wie dachte der Großvater über die Kirche von Petäjävesi? Oder über die von Pietarsaari, Houtskari und Paltamo? Aus dem Bett ertönte zustimmendes Knurren. Alle waren geeignet.

Nach einer guten Stunde hatte Eemeli Toropainen das Buch von Anfang bis Ende durchgeblättert und war zu dem Ergebnis gekommen, die Kirche von Kuortane als Modell zu wählen.

Ein gewisser Antti Hakola hatte den Bau im Jahre 1777 errichtet. Aus der Bildunterschrift ging hervor, dass dieses das ehrgeizigste Werk des berühmten Mannes war. Der Saal hatte tausendzweihundert Sitzplätze, also nicht gerade wenig. Von der Anlage her handelte es sich um die erste an den Wänden voll abgekantete Kreuzkirche, sodass ihr Grundriss sage und schreibe vierundzwanzig Ecken oder Winkel enthielt.

»Hols der Teufel, das ist mal eine schmucke Kirche!«

Begeistert trat Eemeli ans Bett seines Großvaters, um ihm die Entdeckung vorzustellen. So schön sollte auch sein Bau werden. Falls dem Großvater noch ein paar Lebenstage blieben, könnten sie gemeinsam hinfahren und an Ort und Stelle Maß nehmen. Vielleicht gleich am nächsten Morgen? Eemeli legte dem Alten die aufgeschlagene Seite vor, damit er seine endgültige Wahl treffen konnte.

Da blieb die alte Standuhr stehen. Die schlaffe Hand des Großvaters sank herab und glitt über den Bettrand. Sein Blick richtete sich in die Ferne, die Augen trübten sich. Asser Toropainen war tot.

2

Asser Toropainen wurde eine Woche später auf dem Friedhof von Sotkamo beigesetzt. Es fiel Schneeregen. Ein melancholischer Gaul zog den Sarg zum Friedhof, mit gesenktem Kopf und in sich gekehrt trottete das Tier dahin.

Eemeli Toropainen hatte entschieden, dass der Tote nicht mit einem Leichenauto zum Friedhof gefahren werden sollte, Asser war schließlich ein Mann vom alten Schlag gewesen. Eemeli hatte sich das Pferd geliehen, es war gewaschen und gestriegelt, die Deichsel schwarz geteert und der Klöppel der Schlittenglocke zum Zeichen der Trauer mit Moos umwickelt worden.

Der Sarg war aus finnischer Kiefer mit hohem Kernholzprozent gefertigt. Darin befand sich ein zweiter Sarg, ein luftdichtes Gehäuse aus verzinktem Stahlblech, das für den langen Schlaf des Toten eingerichtet war. Der Leichnam war einbalsamiert worden, denn Assers letzte Ruhestätte würde nicht der Friedhof von Sotkamo sein, sondern sein eigener, wenn der erst einmal fertig war. Da der Alte beschlossen hatte, dass nach seinem Tod eine Kirche gebaut werden sollte, folgte daraus automatisch, dass auch ein Friedhof angelegt wurde. Der Gedanke, dass Asser später in seine eigene Erde umgebettet würde, war natürlich. Das bedingte, dass der Tote für die neue Beerdigung in leidlichem Zustand sein musste, und für diesen Zweck war der Zinksarg am besten geeignet.

Eemeli Toropainen hatte ihn in der Sargfabrik von Punkalaidun, die als Großhandelsunternehmen die Beerdigungsinstitute belieferte, bestellen lassen. Von dort war außer dem Zinksarg auch der äußere Kiefernholzsarg geliefert worden, dazu eine Transportkiste, in der beide verpackt waren. Dem Verstorbenen waren somit drei Kisten zugedacht, von denen zwei ins Grab gesenkt wurden, die dritte, die Transportkiste, hatte Eemeli dem Gebrauchtwarenlager der Kommune für die Aufbewahrung von Kleingegenständen geschenkt.

Der Zinksarg war teuer gewesen, er hatte fast siebentausend Mark gekostet, dafür war er aber auch anständig gearbeitet. Die Nähte waren sauber geschweißt und absolut dicht. Nachdem Assers Leiche in den Sarg gebettet worden war, war der Deckel fest zugeschweißt worden. Über dem Gesicht befand sich im Deckel ein kleines quadratisches Fenster, durch das Asser hindurchblickte. Die Glasscheibe war mit Silikonkleber und Nieten in dem Blechgehäuse befestigt. Man durfte annehmen, dass zumindest während der ersten Jahrzehnte keine Zugluft hindurchdringen würde. Selbst wenn der Tote lange in seinem provisorischen Grab auf Sotkamos Friedhof liegen müsste, bekämen die Leichenmaden so keine Gelegenheit, sich an der sündigen sterblichen Hülle des alten Kirchenbrandstifters gütlich zu tun, das Gehäuse aus Zinkblech würde sie fern halten. Und auch die Leichenflüssigkeiten der Nachbargräber konnten nicht eindringen.

Den Wallach interessierte die gefundene Lösung nicht. Ihm war es zuwider, den schweren Schlitten durch Sotkamos Straßen zu ziehen, denn die Kufen schleiften stellenweise über den blanken Asphalt. Auf den Kieswegen musste er seine ganze Pferdestärke aufbieten, um die Last fortzubewegen. Er hätte am liebsten eine Ruhepause eingelegt, aber Eemeli Toropainen, der in seinem dunklen Wolfspelz neben dem Schlitten einherschritt, ließ die Zügel nicht locker und zwang ihn, die schwere Fuhre weiterzuziehen.

Am Straßenrand hatten sich einige neugierige Zuschauer versammelt, um den Trauerzug zu beobachten, der von dem dampfenden stämmigen Wallach angeführt wurde, den Schluss bildete ein halbes Dutzend blank polierter PKWs. Die Leute raunten sich zu, dass Asser Toropainen, der alte Kirchenbrandstifter, nun endlich das Zeitliche gesegnet hatte.

»Eine neue Ära bricht an ..., das alte Jahrhundert wird in den Schoß der Erde gebettet«, konstatierte ein einheimischer Schriftsteller, als er, hinter der Gardine verborgen, von seinem Arbeitszimmer aus das Geschehen verfolgte.

Der Leichnam wurde direkt zum Grab gebracht. Dort segnete ihn ein blasser Hilfspastor, dem Eemeli Toropainen kurze und knappe Anweisungen gegeben hatte:

»Ich erwarte keine lange Rede und erst recht keinen Gesang, denn dies ist nur ein provisorisches Begräbnis. Wir werden später gründlicher trauern, wenn Asser auf seinem eigenen Friedhof beigesetzt wird.«

Am Testament hatte niemand etwas auszusetzen, denn es waren keine unmittelbaren Nachkommen da, die in Streit geraten konnten. Die bescheidenen Schwestern und die brave Nichte begnügten sich dankbar mit dem Geld, das sie erhielten. Die Asser-Toropainen-Kirchenstiftung trat ohne viel Aufhebens in Kraft.

Zwei Wochen später lief Eemeli Toropainen auf Skiern durch das Moor Pöllösensuo südlich von Sotkamo. Über seiner Schulter hing eine Tasche voller Flurkarten. Er hatte sich einen Überblick über den Nachlass verschafft und festgestellt, dass sich der Landbesitz des Großvaters bis in die Provinzen Oulu, Pohjois-Karjala und Kuopio ausdehnte. Der größte Teil befand sich in der Provinz Oulu, und zwar auf dem Gebiet der Gemeinde Sotkamo in Kainuu, insgesamt etwa fünfhundert Hektar. Ferner hatte der Alte ein paar hundert Hektar Waldfläche in der Nähe von Valtimo in Pohjois-Karjala gekauft, außerdem einen kleinen Flecken Land in Sonkajärvi in der Provinz Kuopio. Hinsichtlich der Hektarzahl hätte man den Landbesitz bedeutend nennen können, doch waren große Gebiete davon kahl geschlagen, und es lag auch viel Brachland dazwischen.

All diese Ländereien hatte Eemeli im letzten Schnee des Winters bereits auf Skiern abgelaufen. Er hatte den Zustand des Waldes geprüft, hatte das Gelände unter dem Aspekt des Kirchenbaus begutachtet und nach einem entsprechenden Standort Ausschau gehalten.

Zuvor hatte er sich an zwei Bischöfe gewandt, nämlich die von Oulu und Kuopio, und sich beiläufig erkundigt, ob irgendwo eine neue Kirche gebraucht wurde. Er hatte erfahren, dass in beiden Bistümern kein Mangel an Gotteshäusern herrschte. Man hatte mit den vorhandenen Gebäuden genug zu tun, sie standen teilweise sogar leer, denn die Gemeinden waren arm und konnten die hohen Instandhaltungskosten nicht aufbringen. Beide Bistümer erklärten sich jedoch bereit, bares Geld entgegenzunehmen, falls die neu gegründete Stiftung Anlageprobleme hätte. Pfarrhäuser mussten renoviert und Friedhofszäune ausgebessert werden. Eemeli hatte darauf kühl erklärt, dass die Asser-Toropainen-Kirchenstiftung nicht an einer Bezuschussung dieser Art interessiert sei. Laut Testament sollte das Geld für die Neuerrichtung einer Kirche verwendet werden, und damit basta.

Eemeli Toropainen war in vielen Einöddörfern und ihrem Hinterland gewesen. Drei Gemeinden hatte er auf diese Weise kennen gelernt und dabei ausgezeichnete Kirchenstandorte entdeckt. Etwa in Valtimo in der Nähe des Nationalparks Tiilikkajärvi oder in der Provinz Kuopio am Ufer des Hukkalampi-Sees. Beide Standorte gehörten zu Asser Toropainens Boden- und Waldbesitz, sodass auch ausreichend Bauholz zur Verfügung stand.

Jetzt war Eemeli ins Moor Pöllösensuo von Kainuu gekommen, und er glitt auf seinen Skiern auf das Eis des nahen Ukonjärvi-Sees hinunter, einen Einödsee mit steilen Ufern, der knapp einen Kilometer breit und vier Kilometer lang war und sich von Nordost nach Südost erstreckte. Eemeli lief über die Eisfläche zum nordöstlichen Zipfel des Sees, denn dort erhob sich ein Hügel, der dicht mit prächtigen Kiefern bestanden war. Das Ufer des Sees war unbewohnt, auch waren weit und breit keine Eisangler zu sehen. Ein angenehmer Frühlingswind strich über das Gesicht des Skiläufers, und eine ganz eigentümliche Andacht bemächtigte sich seiner. In diesem Naturtempel herrschte genau die Ruhe, nach der sich ein vom schnellen Lebensrhythmus gestresstes Menschenkind sehnte. Kurz bevor Eemeli den nordöstlichen Zipfel des Sees erreichte, überquerte er eine Wolfsspur. Welch ein Naturparadies!

Als Eemeli auf dem Hügel angekommen war, drehte er sich um, er ließ den Blick über den See und die verschneiten Ufer wandern und horchte auf das Rauschen des Waldes. Hundertjährige Kiefern standen dicht an dicht. Die Frühlingssonne hatte den Schnee unter ihnen bereits an einigen Stellen weggetaut. Eemeli sah, dass der Untergrund ungefrorener Sandboden war.

Einen besseren Platz für die Kirche konnte er sich nicht wünschen. Er überzeugte sich anhand der Flurkarten, dass der See und sein Umland auch wirklich zu Assers Besitz gehörten. Dann zündete er sich eine Zigarre an und sprach feierlich:

»Teufel noch mal. Hier werde ich die Kirche hinstellen.«

3

Eemeli Toropainen maß mithilfe des Küsters die Kirche von Kuortane aus. Er hatte ein Zwanzig-Meter-Maßband und die Baupläne, die er im Museum für Baukunst gefunden hatte, mitgebracht.

Eemeli überprüfte die Abmessungen der Kirche: Die Grundform ergab in Ost-West-Richtung eine Länge von 35,93 Metern, in Nord-Süd-Richtung 36,02 Meter. Der Saal war geräumig und offen, auch von den hintersten Bänken konnte man die Kanzel und fast von jedem Platz den Altar sehen.

Von außen betrachtet, wirkte die Kirche trotz ihrer Vieleckigkeit weich, was durch die Walmdächer und den aufgesetzten Dachreiter, der in einer schindelbedeckten Zwiebel auslief, noch betont wurde. Ein gut proportioniertes Bauwerk, das sich nach Eemelis Meinung ausgezeichnet als Vorbild für sein eigenes Projekt eignete.

Freilich war die Kirche für den privaten Zweck ein wenig groß, sie fasste tausendzweihundert Andachtsteilnehmer. Eemeli Toropainen sagte sich, dass seine Kirche nicht ganz diese Dimensionen haben musste, zumal er bisher keinen einzigen Besucher anzubieten hatte. Mit achthundert Plätzen wäre Assers letztem Willen bestimmt Genüge getan.

Eemeli machte Fotos mit der Schnellkamera. Er erforschte zusammen mit dem Küster die Strukturen des Gebäudes und beklopfte die Wölbungseinschalung, er wollte herausfinden, wie die Balken eingeklinkt und wie dicht die Dachstühle gesetzt waren, wie Hakola vor über zweihundert Jahren seine Festigkeitsberechnungen angestellt hatte.

»Sie sind anscheinend ein Architekturexperte. Kommen Sie vom Museumsamt?«, fragte ihn der Küster, als sie unter dem Fußboden der Sakristei herumkrochen.

Eemeli erklärte, er sei der Direktor einer Kirchenstiftung. Er wollte noch hinzufügen, dass er außerdem eigentlich Sägetechniker und der Direktor der ehemaligen Nordischen Holz-Haus AG sei, dachte sich dann aber, dass sein persönlicher Hintergrund den Küster eigentlich nichts anging.

Als Eemeli Toropainen aus Kuortane zurückgekehrt war, richtete er sich in Assers Sterbezimmer in Kalmonmäki ein provisorisches Baubüro ein. Zuletzt hatte er sich in Vantaa aufgehalten, hatte bei einer mitfühlenden Dame in deren Zweizimmer-Mietwohnung gelebt, die Pleitewelle im Bauwesen hatte ihn dorthin gespült. Seine Frau wohnte nach wie vor in Vääksy, dem Standort der ehemaligen Fabrik, im einst gemeinsamen Eigenheim, das vom Zusammenbruch der Firma verschont geblieben war, weil es nicht als Sicherheit für die Kredite gedient hatte. Die Scheidung war passenderweise in derselben Woche ausgesprochen worden, in der die Firma Pleite gegangen war. Bei der Trauer hatten sie gespart: Eemeli hatte sowohl den Konkurs als auch die Ehescheidung allein auf seine Kappe genommen. Er und seine Frau hatten sich in Freundschaft getrennt, und auch der Holzbranche weinte er keine Träne nach.

Aus Mitteln der Stiftung schaffte Eemeli für sein Büro die notwendigste Ausrüstung an: einen Kopierer, Zeichengerät, Aktenordner. Er legte die Baupläne der Kirche von Kuortane in den Kopierer und verkleinerte den Maßstab auf das Verhältnis 2:3. Dadurch verkürzte sich die Kirche von sechsunddreißig auf vierundzwanzig Meter, und die Anzahl der Plätze verringerte sich – grob gerechnet – von tausendzweihundert auf achthundert. Die Höhe ließ sich nicht in demselben Maßstab vermindern, denn dann wären die Wände im Hinblick auf die Nutzung des Gebäudes zu niedrig geworden. So wählte Eemeli dabei das Verhältnis 3:4, das er auch auf den Dachreiter und die Zwiebel des Turms übertrug.

Baumeister Antti Hakola hatte die Außenwände der Kirche seinerzeit nach ostbottnischer Manier trichterförmig abgeschrägt. Dadurch neigte sich die Wand gerade so weit nach außen, dass es zu sehen war, ohne allzu auffällig zu wirken. Mit anderen Worten, der unterste Balken der Wand saß um eine Balkenstärke weiter innen als der oberste, das Gebäude weitete sich also im oberen Teil. Eemeli Toropainen dagegen zeichnete seine eigene Kirche ohne Schräge, und das nicht etwa aus mangelndem Vertrauen in seine Zimmermannsfähigkeiten, sondern weil er aufrechte Wände lieber mochte.

Als er den Antrag für die Baugenehmigung fertig hatte, nahm er Kontakt zum Vorsitzenden des Bauausschusses von Sotkamo auf und lud ihn zu sich nach Kalmonmäki in die Sauna ein. Weitere Ausschussmitglieder seien ebenfalls willkommen, ließ er dabei wissen.

Tatsächlich trafen dann drei Vertreter des Bauausschusses in Kalmonmäki ein. Die Rauchsauna glühte vor Hitze, in der Wohnstube gab es Bier und Kartoffelpiroggen.

Nach dem Saunieren stellte Eemeli Toropainen sein Bauprojekt vor. Er breitete die Zeichnungen auf dem Tisch aus, sagte, so und so sehe das Ganze aus, und bat darum, dass man es ihm absegnete.

Die gewählten Vertreter erkannten sofort, dass am Ukonjärvi-See eine Kirche entstehen sollte. Im schriftlichen Antrag hatte Eemeli das Objekt als »größeres Wirtschaftsgebäude« betitelt, und im Formular für die Baustatistik trug es die Bezeichnung »Freizeiteinrichtung im Blockhausstil«.

»Das sieht mir aber sehr nach einer Kirche aus«, wandte der Ausschussvorsitzende ein. Die anderen waren der gleichen Meinung.

Eemeli Toropainen musste zugeben, dass seine Bauzeichnungen tatsächlich irgendwie auf eine Kirche schließen lassen mochten, wenn man es peinlich genau nahm, dabei war es nicht wirklich eine Kirche, jedenfalls nicht offiziell. Es handelte sich um das Projekt einer Stiftung von Todes wegen, womit eine Testamentsverfügung des unlängst verstorbenen Asser Toropainen erfüllt werden sollte.

Die Ausschussmitglieder kannten das Baugesetz nicht sehr genau, vermuteten aber, dass die Errichtung einer Kirche draußen in der Wildnis eine nicht ganz so einfache Angelegenheit war, wie Eemeli Toropainen es sich vorstellte. Andererseits konnte der Bau einer Kirche unmöglich eine Sünde sein.

Eemeli Toropainen betonte, dass er seinen Antrag auf Baugenehmigung ordnungsgemäß aufgesetzt und begründet habe, im Anhang seien alle erforderlichen Dokumente und Zeichnungen in mehrfacher Ausfertigung beigefügt. Er vertrete eine freie Stiftung, die gewiss das gesetzliche Recht habe, in der Republik Finnland Bautätigkeit auszuüben.

Den Männern des Bauausschusses war das ganze Projekt unheimlich. Immerhin ging es um eine richtige Kirche! Für einen Kirchenbau hatten sie bisher noch nie eine Genehmigung erteilt.

Eemeli Toropainen geriet in Rage. Er erklärte, die Stiftung könne ihre Kirche genauso gut woanders hinsetzen. Der Ukonjärvi-See im Bereich Sotkamo sei nicht der einzig mögliche Ort. Die Stiftung besitze ausreichend Land, und geeignete Standorte ließen sich auch in den Nachbarprovinzen zur Genüge finden, etwa bei Sonkajärvi oder Valtimo.

»Ein Projekt von dieser Größenordnung schafft im Umfeld natürlich Arbeitsplätze«, merkte er an.

Nach dem Genuss von Bier und Schnaps wurden die Männer zugänglicher und erkühnten sich zu dem Versprechen, dass die Baugenehmigung bestimmt erteilt werde, soweit es von ihnen abhing.

Eemeli Toropainen bedankte sich bei seinen Gästen. Er sagte, dass er deshalb vorab mit ihnen habe sprechen wollen, damit es dann in der eigentlichen Sitzung keine Unklarheiten gebe. Eine solche Kontaktaufnahme zu den gewählten Vertretern und den Behörden sei in den wirtschaftlich florierenden Teilen des Landes allgemein üblich, es gehe weder um Bestechung noch um Schmieren im schlechten Sinne des Wortes, sondern lediglich um Vorgespräche, die dem Zustandekommen einer guten Übereinkunft und eines anständigen Konsenses dienten.

Die Sache wurde feierlich mit Handschlag besiegelt. Selbstverständlich musste an den Ukonjärvi eine Kirche gebaut werden. Die Bauausschussmitglieder waren ja keine Korinthenkacker, und sie waren fast alle gläubige Männer.

Eemeli Toropainen fuhr die Kommunalvertreter am nächsten Morgen nach Sotkamo und gab bei der Gelegenheit seinen Antrag im Bauamt ab. Guten Mutes kehrte er nach Kalmonmäki zurück, um sein Projekt voranzutreiben.

Nach zwei Tagen war Eemeli bereits mit einem Forsttechniker und einem Arbeitstrupp auf dem Berg Hiidenvaara, ein halbes Dutzend Kilometer nördlich vom Ukonjärvi-See, unterwegs, um Bäume für die Balkengewinnung zu kennzeichnen. Die Motorsägen stimmten ihr schrilles Lied an, und eine Kiefer nach der anderen stürzte rauschend zu Boden. Fünf Waldarbeiter schnitten die Stämme auf die passende Länge zurecht und reihten sie aneinander. Mit dem Traktor wurden sie zum Kirchenhügel an den See gezogen. Eemeli hatte sich die arbeitslos gewordenen Zimmerleute seiner ehemaligen Fabrik auf den neuen Bauplatz geholt. Sie begannen sofort mit dem Abbeilen der Stämme.

Kräftiger Harzgeruch schwebte über dem Hügel. Unten ruhte der lange Ukonjärvi-See, dessen schimmernde Eisfläche in der warmen Frühlingssonne immer dunkler wurde. Abends hackten die Männer Löcher ins Eis und fingen Hechte für eine Fischsuppe. Hinter dem provisorischen Holzlager errichteten sie zwei Mannschaftszelte als Unterkunft, und auf dem nahe gelegenen Gehöft des Bauern Matolampi konnten sie die Sauna benutzen.

In der Woche darauf wurde das Fundament gemacht. Toropainen wies den Baggerfahrer an, in dem ungefrorenen Sandboden für jede Ecke der Kirche eine zwei Meter tiefe Grube auszuheben. So entstanden vierundzwanzig Gruben, zwischen denen Sockelgräben von einem Meter Tiefe gezogen wurden. Dann wurde das Fundament verschalt. Die Männer drückten kilometerweise Formstahl in die Fundamentgrube, ehe die Betonmasse, die Eemeli von auswärts bestellt hatte, hineinkam. Dort, wo der künftige Altar stehen sollte, wurde ein Betonboden gegossen, mit einer Vertiefung zum Einmauern des Grundsteins. Dazu diente ein russischer Zinkeimer, der mit mehreren aktuellen Lokalzeitungen gefüllt wurde, hinzu kamen eine Kopie der Gründungsurkunde der Asser-Toropainen-Stiftung sowie die Pelzmütze, die Asser zuletzt getragen hatte. Danach hielt der Gemeindedirektor von Sotkamo eine Rede und warf ein paar Kellen Mörtel in die Grube. Eemeli fügte seinen Anteil mit der Schaufel hinzu, und der Rest wurde aus der Schubkarre hineingeschüttet. Irgendjemand schlug vor, einen Psalm zu singen, da man doch ein Gotteshaus errichte. Aus dem Gesang wurde allerdings nichts, da keiner der Männer auch nur ein einziges Wort, geschweige denn die Melodie eines Kirchenliedes kannte. Man versuchte, die Bäuerin Matolampi zum Singen zu überreden, die für einen öffentlichen Auftritt jedoch zu schüchtern war. Doch immerhin veranlasste das Ereignis die Lokalzeitungen, Stiftungsdirektor Eemeli Toropainen zu interviewen, der dabei besonders lobende Worte für seine tüchtigen und fähigen Arbeiter fand.

Das Bäumefällen am Hiidenvaara war beendet, und die Waldarbeiter kamen zur Baustelle, um Bretter und Bohlen zurechtzusägen. Eine ganze Woche lang sang die Kreissäge auf dem Kirchenhügel, und nur ein einziger kleiner Finger musste dabei dran glauben. Die Unfallversicherung entschädigte den Betroffenen allerdings großzügig für seinen Verlust.

Am ersten Mai war schließlich das Fundament fertig, die Holzware gesägt und ein Drittel der Balken behauen. Eemeli Toropainen bezahlte einen Teil der Männer aus, mit den restlichen fuhr er nach Nurmes zur Maifeier. Dort, in der kleinen Provinzstadt, fand sich allerhand Zeitvertreib. Es ging sogar ziemlich hoch her. Eemeli sang, die Männer grölten.

Nach zwei Tagen kehrten sie zu Äxten und Beilen zurück. Eemeli hatte in Nurmes’ bestem Hotel übernachtet, die Zimmerleute im Polizeiarrest.

In der Woche nach dem ersten Mai bestellte Eemeli Toropainen in der Denkmal- und Glockengießerei von Seinäjoki eine zweihundertzwanzig Kilo schwere Glocke für seine Kirche. Der technische Direktor der Gießerei versicherte ihm, dass der Klang einer Glocke von diesem Gewicht bei ruhigem Wetter mindestens anderthalb Kilometer weit zu hören sei. Eemeli befand das für ausreichend. Und der Direktor versprach, ihm die Glocke bis zum Herbst zu liefern.

4

Eine Kreuzkirche aus Balken zu errichten ist nicht ganz so einfach, wie eine Ufersauna zusammenzuhauen. Eemeli Toropainen standen jedoch erfahrene Zimmerleute aus seiner ehemaligen Fabrik zur Seite, die sämtliche Blockbautentypen beherrschten. Die Männer entschieden sich für Schwalbenschwanzzimmerung. Das ist eine komplizierte dichte Fuge. Wenn das Gebäude vierundzwanzig Ecken hat, teils Außen- und teils Innenwinkel, bedeutet das eine Menge Arbeit. Anfangs wurde die Motorsäge zu Hilfe genommen, dann jedoch kam man zu dem Schluss, dass die Zimmerung schöner und dichter werde, wenn man sie von Hand machte, auch wenn es so ein wenig länger dauerte.

Eemeli Toropainen erinnerte sich, in einem Buch gelesen zu haben, dass Antti Hakala vor über zweihundert Jahren manchmal innerhalb eines Sommers einen Kirchenbau hochgezogen hatte. Natürlich hatte er dabei Männer aus der ganzen Gemeinde zur Hilfe gehabt, trotzdem musste das Arbeitstempo enorm gewesen sein. Ob vielleicht Gott persönlich mitgeholfen hatte? Egal, Eemeli beschloss, dem Beispiel zu folgen. Wenn es damals möglich gewesen war, eine Kirche in einem Sommer zu bauen, musste das mit heutiger Arbeitsintensität doch auch gelingen.

Fünf Zimmerleute und ein Gehilfe schufteten von morgens bis abends. Zwei, drei Männer behauten die Balken, zwei saßen auf den Winkeln, der Gehilfe machte Handlangerdienste, und Bauherr Toropainen leitete die Arbeit – wobei er auch mal half, die Balken zu den Zimmerleuten hinaufzuheben –, oder er überprüfte die Maße oder rollte den Männern auf dem Holzplatz die Stämme zu. Der Frühling war schön und kühl, das bestmögliche Wetter für die Arbeit. Auf dem See schmolz das Eis, die Prachttaucher zogen ans andere Ende des Gewässers, die Kraniche überflogen den Kirchenhügel in Richtung Norden. Dabei schrien die etwa hundert langhalsigen Vögel laut über der Baustelle.

Da die Kirche aus frischen Balken errichtet wurde, beschloss Eemeli Toropainen, den Fußboden erst ganz zuletzt einzunageln, damit die Frühlings- und Sommerwinde das Gebäude zuvor austrocknen konnten. Der älteste Zimmermann, Severi Horttanainen, hatte erklärt, dass die Wandbalken unter Umständen morsch wurden, wenn sie vor der Fertigstellung des Fußbodens und des Daches nicht trockneten, oder sie wurden schief und knackten und knarrten bei schlechtem Wetter. Bei strengem Frost mache das Gebäude dann so schreckliche Geräusche, dass sich niemand darin werde aufhalten mögen, zumindest nicht bei Nacht.

Eemeli Toropainen sah davon ab, die Dachschindeln an Ort und Stelle zu fertigen. Er hatte dafür weder die nötigen Fachkräfte noch entsprechendes trockenes Rohmaterial. Das Museumsamt riet ihm, die Schindeln auf Åland zu bestellen, wo sie, vorrangig für Kirchenrestaurierungen, hergestellt wurden. Es war die einzige Stelle in Finnland, wo man sie bekam. So bestellte Eemeli denn kurz vor Mittsommer in Lumparland fünftausend Stück geteerte Schindeln für das Dach seiner Einödkirche. Ein paar Mark pro Bündel, kein ganz schlimmer Preis.

Zu Mittsommer waren die Wände aufgerichtet. Stolz und strahlend erhob sich der Bau am Ufer des Sees. Man sah auf den ersten Blick, dass es keine x-beliebige Blockhütte war, kein Motel und keine Tankstelle, sondern ein Tempel mit schönen Linien, dem allerdings noch das Dach und der Dachreiter fehlten. Das Gerippe der Sakristei an der östlichen Front war ebenfalls fertig; Eemeli Toropainen breitete zum Schutz vor Regen eine Plane darüber aus, dann stellte er drinnen sein Feldbett auf, um für den Rest des Sommers dort zu wohnen.

Ebenfalls zur Mittsommerzeit erschien der Leiter des Bauamtes von Sotkamo, Aimo Räyhänsalo, 45, auf der Baustelle. Eemeli freute sich, endlich brachte ihm ein kommunaler Beamter die Baugenehmigung. Doch seine Freude war verfrüht. Der Amtsleiter erklärte in offiziellem Ton, dass die Baugenehmigung nicht erteilt worden sei. Er sei gekommen, um den Bauherrn darüber zu informieren, zugleich verlange er, dass die Arbeiten eingestellt würden.

Eemeli Toropainen kletterte mit dem Beil in der Hand vom Rohbau hinunter und ging mit dem Mann in die Sakristei, um die Sache zu besprechen.

Räyhänsalo berichtete, dass die Gemeinde die Baugenehmigung für das »größere Wirtschaftsgebäude« befürwortete, aber als sich herausgestellt hatte, dass es sich um eine Kirche, wenn auch eine private, handelte, hatte man sicherheitshalber ein Gutachten von der Kirchenleitung und dem Umweltministerium eingeholt. Beide hatten sich strikt gegen das Bauvorhaben ausgesprochen, und so war die Gemeinde gezwungen gewesen, Eemeli Toropainens Antrag abzulehnen. Also musste er die Arbeiten abbrechen und sich um eine Ausnahmegenehmigung bemühen, ob er die allerdings bekomme, sei fraglich.

»Am besten, Sie gründen hier eine Kirchgemeinde, holen sich einen Pastor her und gewinnen das Domkapitel, oder wie diese kirchliche Instanz nun heißt, dafür, sich um die Genehmigungen zu kümmern«, riet ihm der Amtsleiter.

Eemeli Toropainen verlor die Geduld.

»Verflixt! Ich habe keine Zeit, eine Gemeinde zu gründen oder einen Pastor einzustellen.«

Wie dem auch sei, eine private Stiftung durfte nicht einfach ohne Erlaubnis eine eigene Kirche in der Wildnis errichten. Sogar die Fassadenkommission der Gemeinde hatte protestiert. Dazu war das Vorhaben frevlerisch, weil der alte Kirchenbrandstifter Asser Toropainen dahinter steckte. Man konnte den Kirchenbau sogar als Gotteslästerung bezeichnen, trotz der Tatsache, dass der Lästerer inzwischen gestorben und begraben war.

Eemeli Toropainen fragte den Amtsleiter in scharfem Ton, ob es im Baugesetz einen speziellen Paragraphen über Gotteslästerung gebe.

»Nicht direkt, und darum geht es hier im Grunde auch gar nicht. Dennoch: Wenn Sie die Bauarbeiten nicht einstellen, muss ich die Polizei einschalten«, erklärte der Mann, während er sich zum Gehen wandte. Eemeli Toropainen begleitete ihn mit dem Beil in der Hand zum Auto. Der Amtsleiter fuhr vom Gelände, als gelte es, die Spezialstrecke einer Ralley in Angriff zu nehmen.

Kurz darauf traf ein Taxi ein, dem Eemelis Ex-Frau Henna Toropainen geborene Leskelä, entstieg. Sie traf ihren Mann in ziemlich erregtem Gemütszustand an. Nachdem sie vom Fahrer ein paar Koffer entgegengenommen hatte, trat sie zu Eemeli, um ihn zu begrüßen. Scheu gab sie ihm einen Kuss und umarmte ihn. Dann bat sie ihn, das Beil aus der Hand zu legen.

Eemeli fragte, warum sie gekommen sei, ob sie zu Hause in Vääksy Langeweile habe.

»Du hast mich doch selbst am ersten Mai angerufen und mich angefleht, zu Mittsommer hier herauszukommen und mir die Baustelle anzusehen. Und morgen ist Mittsommerabend. Ich kann allerdings auch wieder wegfahren, wenn man mich hier mit dem Beil bedroht.«

Ein kleiner nebelhafter Erinnerungsfetzen tauchte in Eemeli Toropainens Gehirn auf. Am ersten Mai in Nurmes war es ... ja, was war eigentlich gewesen? Er wusste nicht mehr viel von dem Tag. Er hatte also seine Ex-Frau angerufen? Nun, ein Mann steht zu seinem Wort.

Eemeli wies den Gehilfen Taneli Heikura an, das Gepäck seiner Frau in die Sakristei zu tragen. Routiniert richtete sie sich dort ein, sie machte das Feldbett zurecht und stellte ihren Schminkkoffer und die anderen persönlichen Sachen in den Schrank, der in die hintere Wand eingebaut war. Dann entnahm sie ihrer Handtasche einen Reisespiegel, den sie schräg auf das Fensterbrett stellte. Geübt zog sie die Lippen nach, stäubte sich ein wenig Puder auf die Wangen und kam dann wieder heraus, um zu bewundern, was ihr Ex-Mann zuwege gebracht hatte.

Eemeli ging eigens mit ihr die hundert Meter zum Seeufer hinunter, damit sie aus der Entfernung den Bau in seiner ganzen Schönheit betrachten konnte. Er erklärte ihr die Details und erzählte ihr von dem ostbottnischen Kirchenbauer Antti Hakala, der ihm die Vorlage geliefert hatte.

»Diese Kirche wird etwas kleiner als die von Kuortane, aber dafür hat sie geradere Wände.«

Bis zum Abend arbeiteten alle fleißig, und dann bereiteten sie sich darauf vor, am nächsten Tag Mittsommer und den im Rohbau fertig gestellten Tempel des Herrn zu feiern. Als Herr galt in diesem Zusammenhang noch der im Frühjahr verstorbene Asser Toropainen.

5

Am Mittsommerabend wurde am Ufer des Sees ein riesiges Feuer abgebrannt, die Arbeiter hatten dafür die Holz- und Balkenreste aufgeschichtet. Aus den umliegenden Dörfern kamen zahlreiche Einwohner zum See, um ebenfalls Mittsommer zu feiern und das neue Gebäude zu bewundern. Der weiß schimmernde Kirchenrohbau spiegelte sich auf der stillen Wasseroberfläche wider, das knisternde Feuer schickte seine Funken hoch in den hellen Sommernachthimmel hinauf, und noch ehe der Holzstoß verkohlt war, ging die nimmermüde Mittsommersonne auf und vergoldete die Wipfel der jahrhundertealten Kiefern auf dem Kirchenhügel.

Unmittelbar nach dem Fest reiste Eemeli Toropainens Ex-Frau in ziemlich gereizter Stimmung ab. Womöglich wurde ihr Aufbruch durch das Gerücht beschleunigt, dass Eemelis verständnisvolle Wirtin aus Vantaa beabsichtige, zur Baustelle zu kommen, um nach ihrem Untermieter zu sehen.

Woher stammte diese Behauptung? Wie entstehen Gerüchte überhaupt, wie beginnen sie zu leben, zu wandern, zu wirken? Die boshafte Rede ist wie ein Bazillus, der von einem Menschen zum anderen springt, das jeweilige Objekt vergiftet und dann weiterzieht. Sie ist wie ein Missgeschick, das in Umlauf gesetzt wird, und jeder, der mit ihm zu tun bekommt, versucht es zu bekräftigen und zu beschleunigen, um es loszuwerden. Am Ende nimmt die boshafte Rede so gewaltige Ausmaße an, dass niemand mehr sie glaubt.

In diesem Falle stimmte das Gerücht: Frau Taina Korolainen, eine vierzigjährige Zugreinigungschefin, geschieden und Mutter zweier erwachsener Kinder, heuerte bald nach Mittsommer als Köchin auf der Baustelle an. Sie erklärte, dass sie sich für den ganzen Sommer habe beurlauben lassen und dass sie die Absicht habe, Eemeli unter den harten Einödbedingungen gute weibliche Fürsorge angedeihen zu lassen. Die Arbeiter konnten dieses Arrangement nur loben.

Den ganzen Sommer über dröhnten in der Wildnis die Axtschläge, die munteren Rufe der Bauleute schallten über den See, die Kirche wuchs immer weiter in die Höhe. Die Dachbinder wurden eingesetzt, der Baukörper gerichtet und die Firstlatten, unendlich viele an der Zahl, als Halter der Dachstühle justiert.

Die wilden Tiere der Gegend sahen sich hauptsächlich nachts die Baustelle an: Die Füchse strichen misstrauisch um den Steinsockel der Kirche, und die dummen kleinen Julihäschen fraßen auf dem Holzplatz Sauerampfer.

Stille Unglückshäher, die zuverlässigen und genügsamen Gefährten der Bauleute, flatterten in zugiger Höhe zwischen Firstlatten und Dachstühlen umher. Ihre Gesellschaft erfreute die Männer bei der Arbeit, die von morgens bis abends und oft auch bis in die Nacht dauerte.

Einmal dehnte sogar eine neugierige Braunbärin aus Kuhmo ihren Ausflug bis zur Baustelle aus. Sie schlich sich heran wie ans Aas, betrachtete verdutzt das helle, nach Harz riechende Gebäude, sog den Schweißgeruch ein, der um die Zelte der Zimmerleute wehte, und die verlockenden Düfte der Fleischkonserven. Dann richtete sie sich auf und sah sich um, ob es in dem schlafenden Lager etwas Passendes zu fressen gäbe. Sie war so dreist – mit äußerster Vorsicht allerdings –, durch die Fensteröffnung in die Sakristei zu spähen und einen Blick auf Toropainen und seine Köchin zu werfen, die drinnen in tiefem Schlaf lagen. Jedoch war die Königin des Ödwaldes nicht mutig genug, mitten in der Nacht in den Raum hineinzustürmen, denn der behaarte und schnarchende Toropainen wirkte im nächtlichen Dämmerlicht sogar in den Augen einer Bärin furchterregend. Taina Korolainens weiße Hinterbacke, die unter der Decke hervorlugte, ließ der Bärin zwar das Wasser im Maul zusammenlaufen, und sie hätte zu gern zugebissen, doch klugerweise beendete sie ihren Baustellenbesuch und zog sich in ihr angestammtes Revier hinter Valtimo zurück.

Nun war ihre Neugier zwar befriedigt, der Hunger aber nicht. Diesen Teil erledigte die Bärin, indem sie den pensionierten Postbeamten von Valtimo riss, als dieser in der Gegend von Rimminkorpi, einer für die Mordtat geeigneten Landschaft, Blaubeeren pflückte. Die freche Bärin marinierte ihre Beute sorgfältig in Moorwasser und tat sich fast drei Wochen lang an dem Postbeamten gütlich. Ausgezeichnet, wirklich lecker! Das Einzige, was ihr an dem Mann nicht schmeckte, waren die Gummisohlen seiner Turnschuhe. Die spuckte sie geschickt aus, so wie ein geübter Maränenesser die Gräten.

An den heißen Spätsommertagen zogen am Himmel schwere Gewitter auf, für die diese Gegend berühmt war. Gewaltiger Druck entlud sich, der Wasserschlitten des Donnergottes rumpelte über das Dach der Welt. Blitze erleuchteten die von schwarzen Sturmwolken verdunkelte Landschaft. Nicht ohne Grund hatte man dem See den Namen des Donners, Ukko, gegeben. Niederprasselnder Platzregen löschte die von den Blitzen entzündeten Waldbrände, und von der Seeoberfläche stieg meterhoch das Spritzwasser auf. Doch jedes Mal, wenn die Kräfte des Himmels am schlimmsten wüteten, war etwas Merkwürdiges, war ein Wunder zu beobachten: Kein einziger Regentropfen fiel auf den Kirchenhügel, nicht auf die Baustelle, ja, nicht einmal auf das Gelände des künftigen Friedhofs, selbst wenn der See noch so wild schäumte und vom Himmel mehr Wasser fiel, als man in den dicken Wolken je vermutet hätte. Das ist die reine Wahrheit.

Im August, gerade als Eemeli Toropainen mit seinen Männern die Fertigung des Dachreiters vorbereitete und von Åland die vereinbarte Wagenladung voll frisch geteerter Dachschindeln geliefert wurde, trafen auf der Baustelle alarmierende Nachrichten ein: Der russische Präsident war gestürzt und ans Schwarze Meer vertrieben worden, die jugoslawische Armee ging mit brutaler Waffengewalt gegen die kleine Teilrepublik Kroatien vor, und die Baubehörde hatte den Kommissar von Sotkamo eingeschaltet.

Der Putsch in Russland, der blutig hatte werden sollen, wurde niedergeschlagen, in Jugoslawien und in Kainuu jedoch gingen die Aktivitäten weiter.

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