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Nocturne City 03 – Todeshunger

CAITLIN KITTREDGE

Nocturne City

Todeshunger

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Daniel Müller

Zu diesem Buch

In Nocturne City tauchen innerhalb kürzester Zeit die Leichen mehrerer Werwölfe auf. Sie alle gehören zu den Nachfahren der alteingesessenen Werwolf-Clans – und alle Opfer wurden vollkommen blutleer und mit herausgerissenen Herzen aufgefunden. Obwohl die Werwölfin Luna Wilder mittlerweile beim SWAT-Team und nicht mehr im Morddezernat arbeitet, beginnt sie in dem Fall zu ermitteln: Zum einen springt sie für ihren Kollegen David Bryson in die Bresche, der kein Händchen für den Umgang mit Werwölfen besitzt. Zum anderen möchte sie ihrem Freund, dem Werwolf Dmitri, aus dem Weg gehen, da der Haussegen bei den beiden schief hängt. Luna stürzt sich mit Feuereifer in die Ermittlungen, und schon bald deuten alle Spuren darauf hin, dass sagenumwobene Gestaltwandler, die das Blut ihrer Opfer trinken, hinter den Morden stecken könnten. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse, und Luna gerät selbst in tödliche Gefahr, als die grausamen Killer auch sie ins Visier nehmen …

1

Dem Mann auf dem Gebäudevorsprung war nicht mehr zu helfen. Noch balancierte er zwar vorsichtig auf dem schmalen Sims im achten Stockwerk, als läge ihm etwas an seinem Leben, aber seine Entscheidung schien er bereits getroffen zu haben. Wenn man oft genug mit Leuten zu tun hat, die unentwegt »Ich springe!« und »Ich tu’s wirklich!« brüllen, erkennt man die, die sich tatsächlich in die Tiefe stürzen, irgendwann automatisch. Die meisten meinen es nicht ernst. Zu meinem Pech gehörte der Mann da oben nicht zu dieser Gruppe.

»Alles klar, Wilder?«, erkundigte sich Fitzpatrick. Ich klappte das Visier meines Helms hoch und tat, als steckte ich mir den Finger in den Hals.

»Selbst bei den miesesten Tränendrüsen-Talkshows kriege ich nicht so sehr das Kotzen wie beim Gestammel dieses Vermittlers.« Der Vermittler war Lieutenant Brady vom Raubdezernat, der gerade versuchte, den Mann vom Springen abzuhalten. Allerdings wirkte er mit der Situation maßlos überfordert. Er brüllte fortwährend abgedroschene Floskeln in das Mikrofon der Lautsprecheranlage auf dem Einsatzfahrzeug:

»Denken Sie noch mal darüber nach, Sir. Ich bin sicher, auch für Sie gibt es etwas, wofür es sich zu leben lohnt.«

»Verdammt, um acht beginnt der Elternabend in der Schule meines Kleinen«, murmelte Fitzpatrick. »Können wir den Quatsch nicht langsam hinter uns bringen?«

Ich blickte wieder durch das Zielfernrohr meines M4-Sturmgewehrs und nahm das Gesicht des Mannes ins Fadenkreuz. Er wirkte immer noch entschlossen und hatte seine Position nicht verändert. Mittlerweile war ein Polizeischeinwerfer auf ihn gerichtet, was ihn sichtlich nervös machte, denn er scharrte unentwegt mit den Sohlen seiner Turnschuhe auf dem bröckeligen Granitsims hin und her. Das Wohngebäude, von dem er sich stürzen wollte, lag dem Garden-Hill-Friedhof direkt gegenüber, und die ganze Szenerie war in das unwirkliche, fast grelle Licht eines beinahe vollen Mondes getaucht.

Der Mann hatte ein kantiges Gesicht, einen eckigen Oberkörper und kurz geschnittenes schwarzes Haar. Abgesehen von der Tatsache, dass gerade die Besatzungen eines Krankenwagens und eines Löschfahrzeugs sowie meine SWAT-Einheit TAC-3 darauf warteten, dass er seinem Leben mit einem Sprung aus knapp dreißig Metern Höhe ein Ende setzte, gab es nichts Besonderes an ihm.

»Kommen Sie herunter, dann können wir zusammen Ihre Probleme angehen!«, hallte das Echo von Bradys Stimme zu uns herüber.

»Der kommt nicht runter, zumindest nicht über die Treppe«, flüsterte ich und visierte dabei weiter das Gesicht des Mannes durch die Zieloptik an.

»Sag nicht so was! Ich habe nämlich keine Lust, nachher den Dreck vom Gehweg zu fegen«, brummte Fitzpatrick. »Wenn dieser Spinner nicht wäre, hätten wir schon seit einer Stunde Feierabend, verdammt!« Fitzpatrick war ein notorischer Griesgram – die Sorte Mann, die sich sogar bei einem Empfang in der Playboy Mansion über die Temperatur des kostenlosen Champagners beklagt –, und meistens fand ich seine Nörgeleien sogar amüsant. Diesmal allerdings ging er mir gehörig auf die Nerven. Verärgert stieß ich ihn in die Seite seiner Schutzweste.

»Fitzy, jetzt halt endlich die Klappe! Der arme Kerl ist auch ohne dein Gequatsche schon schlimm genug dran.«

»Der springt sowieso nicht«, brummte Fitzpatrick zurück. »Solche Typen springen nie. Die wollen nur eine gottverdammte Viertelstunde unserer Aufmerksamkeit.«

Mit gelassenem Gesichtsausdruck ließ der Mann seinen Blick von den rot-weiß blinkenden Lichtern der Streifenwagen zum Scheinwerfer des Feuerwehrfahrzeugs und anschließend zu Lieutenant Brady wandern, der sich hinter seinem Dienstwagen verkrochen hatte. Er weinte nicht und sah auch nicht sonderlich wütend aus. Lediglich sein Kinn verzog sich etwas, weil er in seiner Anspannung die Zähne aufeinanderpresste.

»Da wäre ich mir nicht so sicher …«, flüsterte ich.

»Sie haben doch noch Ihr ganzes Leben vor sich!«, brüllte Brady ins Mikrofon. »Da draußen wartet eine wunderschöne Welt auf Sie!«

Der Mann sah nun direkt zu mir herüber – zumindest kam es mir durch das Zielfernrohr so vor. Dann hob er zögerlich eine Hand zu einem schwachen Winken. Als ich begriff, dass er sich gerade verabschiedete, erstarrte ich. Dann sprang er.

Für die Dauer des Falls – die wenigen Augenblicke, in denen sein Körper wie ein kleiner schwarzer Punkt vor der weißen Granitfassade des Gebäudes in die Tiefe stürzte – herrschte absolute Stille um mich herum. Erst Fitzpatricks Hand auf meiner Schulter riss mich aus meiner Lähmung. »Weg da!«, brüllte er. Kurz bevor der Körper des Mannes auf den Boden prallte, zerrte mich mein Kollege mit einem gewaltigen Ruck hinter seinen Schutzschild. Wütend starrte ich ihn durch das Visier meines Helms an. »Was soll der Scheiß, Fitzy? Hast du etwa gedacht, der Typ hätte eine Bombe um den Bauch?«

Unwirsch stieß ich ihn zurück und ging zu Eckstrom und Batista hinüber, die neben dem leblosen Körper kauerten. Die beiden gehörten auch zu meinem fünfköpfigen TAC-3-Team. Eckstrom tastete den verdrehten Hals des Mannes ab, schüttelte aber schon kurz darauf den Kopf, da er keinen Puls finden konnte: »Der ist hinüber.«

Batista wies mit dem Daumen über die Schulter auf die überschaubare Menschenmenge hinter dem Absperrband. »Wilder, hilf doch den Kollegen mit den Schaulustigen.«

»Hilf ihnen doch selbst!«, erwiderte ich und hockte mich neben Eckstrom, um den Mann näher zu betrachten, der mich aus seinen toten, offenen Augen anstarrte. Sein Gesicht hatte jede Form verloren, und auch seine inneren Organe dürften sich durch die Wucht des Aufpralls verflüssigt haben.

»Warte mal, Wilder«, raunte Eckstrom, als ich mich über den Leichnam beugte. »Du bist nicht mehr bei der Mordkommission. Also Hände weg von dem Toten, bis die Schlipsträger hier sind, klar?! Ich lass mich nicht noch mal zur Schnecke machen, nur weil eine gewisse Person aus unserem Team ihre Finger nicht von der Leiche lassen konnte.«

»Schon gut«, brummte ich. Mittlerweile war auch Fitzpatrick hinter seinem Schutzschild hervorgekrochen und zu uns gestoßen. »Was für eine Sauerei. Hätte nicht gedacht, dass dieser durchgeknallte Typ tatsächlich springt. Warum hat er das nur getan?«

»Du hast es doch gerade selbst gesagt: Der Mann war un poco loco«, antwortete Batista. »Da gibt es keine Gründe oder Erklärungen.«

Mein Funkgerät meldete sich mit einem Knistern: »Von hier oben sieht’s so aus, als wäre die Show vorbei, Jungs und Mädchen … oder Lady, oder so …«

Ich drückte die Sprechtaste. »Wilder wäre völlig ausreichend.« Der Mann am anderen Funkgerät war Greg Allen – als altgedienter Kriegsveteran hatte er die Position des Scharfschützen im TAC-3 inne. Bis auf Allens offensichtliche Defizite im Umgang mit Mitarbeiterinnen hatte ich es eigentlich ganz gut erwischt mit meinem Team. Fitzpatrick war zwar ein unsensibler Stoffel, der alle Kollegen gleichermaßen ruppig behandelte, aber dafür kam ich mit Batista und Eckstrom ziemlich gut aus. Angesichts der Tatsache, dass ich als ehemaliger Detective, Werwölfin und Frau eine ziemlich große Angriffsfläche bot, wunderte ich mich selbst immer wieder über das gute Klima im TAC-3-Team.

»Okay«, funkte Greg noch einmal. »Dann würde ich vorschlagen, wir packen ein, Kollegen … und Kolleginnen.«

»Ich melde uns beim Diensthabenden ab«, schlug ich vor. Nachdem ich Batista das M4 und den schweren Einsatzgürtel in die Hand gedrückt hatte, streifte ich den Helm vom Kopf und duckte mich unter dem Absperrband hindurch. Ich fand Lieutenant Brady in seinem Wagen. Er saß gedankenversunken auf der Beifahrerseite.

»Entschuldigen Sie, Sir«, sprach ich ihn an. »Ich wollte fragen, ob das SWAT-Team abrücken kann.«

»Ich verstehe nicht, warum er gesprungen ist«, murmelte er. Bradys Haar war äußerst dünn, aber selbst mit voller Mähne wäre er mit seiner Adlernase kein Topmodel geworden. Ich vermutete, er hatte die Kurse für Polizeipsychologie in Konfliktsituationen belegt, um einen gemütlichen Schreibtischjob zu ergattern, aber statt befördert zu werden, musste er sich nun ständig mit Selbstmördern und Geiselnehmern herumschlagen.

Der Mann auf dem Sims hat dich angesehen, Luna, hallte eine Stimme in meinem Kopf. Er hat dir zugewinkt. Zum Abschied, verstehst du, Luna?

»Hör auf!«, ermahnte ich mich verärgert, um die dunklen Gedanken zu vertreiben. Genauso wenig, wie mich der Mann in der Menge ausgemacht hatte, hatte ich mich bewusst dafür entschieden, seinem Ableben beizuwohnen. Unser Zusammentreffen, der Blickkontakt und sein Winken waren Zufall gewesen, sonst nichts.

»Sir«, sprach ich Brady etwas lauter an. »Wir sind alle ziemlich erschöpft. Es war eine verdammt lange Schicht, und ehrlich gesagt kann kein Überstundenlohn der Welt einen gesunden Schlaf aufwiegen. Das mag vielleicht nicht für Allen gelten, weil der keinen Schlaf braucht, aber für den Rest des Teams schon.«

»Dieses Geräusch …«, murmelte Brady abwesend, und ich ahnte, dass er vom Aufprall des Körpers sprach.

»Wissen Sie, wie er hieß?«, fragte ich aus alter Gewohnheit. Es war nämlich noch gar nicht so lange her, dass ich den Großteil meiner Zeit damit verbracht hatte, nach den Namen kürzlich Verstorbener zu fragen, statt mit schusssicherer Ganzkörpermontur, Helm und Sturmgewehr durch die Gegend zu robben.

»Jason«, antwortete Brady. »Er hat es mir gesagt, bevor Ihr Team ankam.«

»Nun, Sir, so wie ich das sehe, müssen Sie sich jetzt um Jasons Überreste kümmern. Danach sollten Sie nach Hause gehen und die ganze Sache hinter sich lassen. Ich denke, das wäre für uns alle das Beste. Meinen Sie, Sie kriegen das hin?«

Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und sah mir zum ersten Mal, seitdem ich ihn angesprochen hatte, in die Augen. »Sind Sie nicht … dieser Detective vom 24. Revier?«

Herrlich! Noch ein Beamter, der alles glaubte, was in den Zeitungen mit den großen Buchstaben stand.

»Ich arbeite nicht mehr als Detective, Sir. Ich bin jetzt SWAT-Officer bei TAC-3.«

»Gute Entscheidung. Als Detective wären Sie sowieso nicht mehr weitergekommen, nachdem Sie dafür gesorgt haben, dass ein Unternehmen schließen musste, bei dem die halbe Stadt beschäftigt war.«

»Sir, bitte verstehen Sie mich jetzt nicht falsch – ich persönlich würde ja noch bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag mit Ihnen plaudern, aber wenn Sie uns nicht bald die Erlaubnis geben, hier abzurücken, werden die Leute aus meinem Team sauer werden. Mächtig sauer sogar, und dann könnte es verdammt unangenehm werden.«

»Okay, verschwinden Sie endlich. Ich kann Sie hier sowieso nicht gebrauchen«, erwiderte Brady schroff und wandte sich von mir ab.

Obwohl ich den Verdacht hegte, dass er mit dem zweiten Satz nicht das Team, sondern mich persönlich gemeint hatte, riss ich mich zusammen. Mein Temperament hatte mir in den vergangenen sechs Monaten weiß Gott schon genügend Probleme eingebracht. Leicht reizbar zu sein war eine Sache, aber dazu noch die unberechenbare Raserei einer Werwölfin im Zaum halten zu müssen, eine ganz andere. Eigentlich konnte sich Brady glücklich schätzen, denn vor nicht allzu langer Zeit hätte ich ihm schon wegen weitaus geringerer Provokationen die Finger gebrochen.

Als ich zurückkam, saß unser Team schon zur Abfahrt bereit im Van. Nur Batista stand noch draußen. »Alles okay?«, fragte er.

»Abgesehen davon, dass Lieutenant Brady ein fieser alter Bastard ist, ist alles okay. Jedenfalls können wir jetzt fahren.«

»Wurde auch verdammt Zeit«, maulte Fitzpatrick. »Wenn wir weiter so rumtrödeln, muss ich noch in voller Montur beim Elternabend aufschlagen.«

»Hör bloß auf, hier über deinen Elternabend rumzuheulen«, meldete sich Eckstrom zu Wort. »Ich hatte heute ein Date, und zwar vor zwei Stunden!«

»Fick dich doch ins Knie!«, fuhr ihn Fitzpatrick an.

»Lustig, genau dasselbe hat deine Schwester letzte Woche auch gesagt, als ich mir keinen von ihr blasen lassen wollte«, konterte Eckstrom.

»Leute, es ist eine Dame an Bord!«, mahnte Batista.

»Ach, macht ruhig weiter«, erwiderte ich. »Oralverkehr und Elternabende machen das Leben doch erst lebenswert.«

»Wie sieht’s aus, Wilder, hast du schon Pläne fürs Wochenende?«, fragte mich Batista, als Allen langsam in die Garden Street einbog. »Marisol plant nämlich eine Grillparty mit Nachbarn und Freunden. Vielleicht möchtest du ja mit deinem Lover vorbeikommen?«

Ich nuschelte etwas Unverbindliches vor mich hin, denn das erschien mir allemal freundlicher, als die Wahrheit zu sagen: Sorry, Javier, aber mein Freund würde sich lieber eine Plastikgabel ins Auge rammen, als seine Zeit mit gewöhnlichen Menschen zu verbringen.

»Na ja, sag mir einfach Bescheid, wenn du es dir anders überlegst«, beendete Batista leicht enttäuscht unser Gespräch. Eckstrom und Fitzy beleidigten sich noch eine ganze Weile gegenseitig mit kindischen Kommentaren, bis wir endlich auf dem Fuhrpark vor der Justice Plaza zum Stehen kamen. In diesem Gebäudekomplex hinter dem Gericht hatten früher die Verurteilten auf ihre Hinrichtung gewartet. Inzwischen waren in der Plaza verschiedene Büros sowie die Zentrale der SWAT-Einheiten Nocturne Citys untergebracht.

»Süße Träume, Prinzessin!«, verabschiedete sich Allen, als ich mich vor den Umkleideräumen für Frauen vom Team trennte.

»Ich träume immer nur von dir, Greg«, versicherte ich ihm mit einem Augenzwinkern.

Mittlerweile war es kurz nach neun Uhr abends, und die meisten Angestellten der Justice Plaza waren bereits nach Hause gegangen. Da ich als Mordermittlerin jahrelang Nachtschicht gearbeitet hatte, fiel es meinem Körper trotz einiger Monate SWAT-Dienst immer noch schwer, sich an die neuen Arbeitszeiten zu gewöhnen. Ich hatte das Gefühl, erst jetzt, kurz vor Dienstschluss, richtig in Schwung zu kommen.

Mit einem Seufzer zog ich meine Schutzweste aus und streifte danach auch den Rest meiner schwarzen Arbeitsmontur ab. Zur Dienstkleidung eines TAC-3-Mitglieds gehörten neben einem leichten Pullover und einer festen Drillichhose auch ein Paar Militärstiefel. Die waren zwar lange nicht so bequem wie meine alten Stahlkappen-Motorradboots, bestanden dafür aber aus einem Hightech-Material, dem selbst Pistolenschüsse nichts anhaben konnten.

Ohne zu duschen, schlüpfte ich in ein altes T-Shirt und eine Jogginghose und steckte mein schwarzes Haar hoch, durch das neuerdings eine rosafarbene Strähne verlief. Dann suchte ich mein Gesicht im Spiegel nach Blutspritzern ab. Genau in der Mitte meiner rechten Wange prangte ein roter Fleck, den ich durch heftiges Rubbeln mit einem Papierhandtuch entfernte.

Nachdem ich Pistole, Dienstmarke, Geldbeutel, Schlüssel und Kosmetiktäschchen eingesteckt hatte, drehte ich mich schwungvoll um – und schrie im nächsten Augenblick vor Schreck. Zwischen den Spindreihen war urplötzlich ein Mann aufgetaucht. Mit weit aufgerissenen Augen glotzte er mich an.

»Verdammt, Wilder, beruhige dich wieder!«, rief er und hob seine Hände mit einer beschwichtigenden Geste. »Oder willst du das ganze Gebäude zusammenschreien?«

Mein Herz pochte so wild wie ein außer Kontrolle geratener Presslufthammer, und die Wölfin in mir fletschte die Zähne. Als ich jedoch die Person vor mir erkannte, beruhigte ich mich etwas. Zu meiner Überraschung war es keiner dieser durchgeknallten Spanner, die sich nach Dienstschluss in Frauenumkleideräumen herumdrückten, sondern – und eigentlich war das weitaus schlimmer – ein ehemaliger Kollege aus dem Morddezernat, den ich eigentlich nie wieder sehen wollte.

»David Bryson … Gib mir einen guten Grund, warum ich dir nicht auf der Stelle die Luftröhre durch die Nase ziehen sollte.«

Er rang sich ein Lächeln ab. »Wie ist’s dir so ergangen, Wilder? Siehst gut aus, wirklich. Tolle Frisur übrigens.«

»Was zum Teufel hast du in der Damenumkleide verloren?«, fuhr ich ihn an und bleckte die Zähne. Sofort traten meine Reißzähne hervor, und Bryson starrte mich panisch an. »Wenn du auf einem Suizidtrip bist, dann sag’s nur. Ich helfe gern.«

Wir hatten auf dem 24. Revier zusammengearbeitet. Doch seit jener denkwürdigen Nacht vor einem halben Jahr, in der die Wölfin die Kontrolle übernommen und ihm den rechten Zeigefinger gebrochen hatte, waren Bryson und ich einander aus dem Weg gegangen. Jetzt stand er nach dieser langen Zeit der absoluten Funkstille auf einmal vor mir, schaute verlegen auf seine Füße und wirkte gar nicht mehr so großkotzig und distanzlos, wie ich ihn in Erinnerung hatte, sondern fast schon verzweifelt. »Wilder, ich brauche deine Hilfe.«

»Sehr witzig, aber das würde dir noch nicht mal deine eigene Großmutter abkaufen.«

»Ich mein’s ernst!«

»Glaub mir, Bryson, ich mein’s auch ernst«, knurrte ich. »Wenn du nicht in fünf Sekunden verschwunden bist, mache ich Hackfleisch aus dir!«

Gerade als er etwas erwidern wollte, packte ich den Kragen seines geschmacklosen ockerfarbenen Polyester-Sakkos und warf ihn kurzerhand aus dem Umkleideraum. »Verpiss dich!«, rief ich ihm nach und verschloss die Tür von innen. Dann schnappte ich mir meine Tasche und schlüpfte durch den Lieferanteneingang hinaus.

2

Als ich die Tür zum Dienstparkplatz aufstieß, stieg mir sofort eine Mischung aus billigem Eau de Cologne und kaltem Männerschweiß in die Nase – Bryson. Er stand neben meinem 69er Ford Fairlane, war aber schlau genug, sich nicht dagegenzulehnen.

»David, ich sag’s dir jetzt zum letzten Mal: Ich werde nicht mit dir zum Polizeiball gehen«, versuchte ich ihn abzuwimmeln.

»Das vorhin war kein Witz, Wilder, ich brauche wirklich deine Hilfe.« Sein Gesicht wirkte so ernst, dass ich ihn kaum wiedererkannte: Keine Spur des für ihn typischen anzüglichen Grinsens war auf seinen Lippen zu sehen, und überraschenderweise starrte er auch nicht in meinen Ausschnitt.

»Bist du etwa in so einem Zwölf-Schritte-Programm gelandet, David? ›Anonyme Arschlöcher‹ vielleicht? Ich hoffe, du erwartest jetzt nicht so einen dämlichen Ich-verzeihe-dir-was-du-getan-hast-Spruch von mir, oder?«

»Verdammt, ich hätte wissen müssen, dass du immer noch das gleiche Scheusal bist!«, schrie Bryson plötzlich und klang dadurch endlich wieder so wie der testosteronstrotzende Macho, den ich auf dem 24. hassen gelernt hatte.

»Ich bin einfach verdammt müde«, erklärte ich. »Gibt es einen Grund, warum du unter all den Menschen in dieser gottverdammten Stadt ausgerechnet mich belästigen musst, Bryson?«

Er ballte die Faust, öffnete sie wieder und blickte sich dann zähneknirschend um, vermied es aber die ganze Zeit über, mir ins Gesicht zu sehen. »Ich hab’s dir doch schon gesagt: Du musst mir helfen.«

»David, ich kann dir nicht helfen … Wachs ist wirklich der einzige Weg, um alle diese grässlichen Haare von deinem Rücken zu entfernen.«

»Oh Allmächtiger …«, stöhnte er, aber ich fiel ihm sofort ins Wort. »Die Antwort lautet nein, David. Was immer du auch fragen willst – vergiss es, okay?!«

»Du verstehst nicht, Wilder, es geht um einen Mordfall«, redete er auf mich ein, während ich die Wagenschlüssel aus meiner Tasche zog. »Du musst mir einfach dabei behilflich sein … das Ganze ist ein paar Nummern zu groß für mich.«

Obwohl es schon ein wenig schmeichelhaft war, dass von allen Menschen auf dieser Erde ausgerechnet Bryson kurz davorstand, mich auf Knien um meine Hilfe anzuflehen, blieb ich hart. »Falls du es noch nicht mitbekommen hast, David: Ich ermittle nicht mehr in Mordfällen. Kann ich jetzt endlich nach Hause gehen?«

Als ich gerade einsteigen wollte, vibrierte mein Handy. Auf dem Display stand DMITRI. »Moment bitte«, sagte ich zu Bryson, der noch immer mit einem bettelnden Hundeblick vor meinem Wagen ausharrte.

»Das Bett hier ist verdammt leer ohne dich, Luna Wilder«, raunte die vom Qualm der Nelkenzigaretten rauchige Stimme in den Hörer.

»Hallo, Liebling«, antwortete ich knapp, aber Bryson glotzte mich trotzdem an, als hätte ich gerade angefangen, Esperanto zu sprechen.

»Du weißt wahrscheinlich, was ich jetzt gern mit dir anstellen würde, nicht wahr?«, flüsterte Dmitri mit seinem unwiderstehlichen osteuropäischen Akzent. »Ich würde irgendwo zwischen deinen Oberschenkeln beginnen und dann …«

»Sicher doch. Kein Problem, aber ich muss jetzt los. Bis später!«, antwortete ich hastig, ließ das Handy zuschnappen und riss die Fahrertür auf. Bevor ich einstieg, drehte ich mich noch einmal zu Bryson um: »Meine Antwort lautet immer noch nein, kapiert?! Entweder gehst du mir jetzt aus dem Weg oder ich fahr dich einfach platt.«

»Die Opfer sind alle Werwölfe!«, brüllte Bryson, aber ich hatte schon den Zündschlüssel herumgedreht und ließ den Motor aufheulen. »Tote Werwölfe, verstehst du? Vier Stück bis jetzt!« Ohne auf seine Worte zu achten, trat ich aufs Gaspedal und ließ Bryson in einer Abgaswolke stehen.

Als ich auf der Schwelle zu meinem Mietshäuschen stand, warf ich einen Blick auf das Meer. Am Horizont war immer noch ein heller Streifen zu sehen, der wie ein Stück rosafarbene Seide wirkte, das unter einem dunklen Kleid hervorblitzte.

Behutsam öffnete ich die Eingangstür. »Bist du noch wach, Dmitri?«, kündigte ich mein Kommen an, obwohl das vollkommen überflüssig war. Dmitri hatte mich bereits wittern können, als ich in der runden Zufahrt, die mein ramponiertes Cottage gegen die Düne drückte, ausgestiegen war.

»Ich bin hier oben.« In seiner Stimme lag nichts mehr von der rauchigen Zärtlichkeit am Telefon. Ernüchtert kickte ich meine Flipflops in die Ecke und stieg die Treppe hinauf. Ich ging langsam – langsamer zumindest, als man es von einer Frau erwarten konnte, die sich nach einem langen Arbeitstag neben ein sexy Werwolfmännchen kuscheln wollte, das nicht nur sein Rudel, sondern auch sein bisheriges Leben aufgegeben hatte, um ihr Bett zu wärmen.

»He«, flüsterte ich, als ich den Kopf durch die Tür steckte. »Schön, dass du auf mich gewartet hast.«

Obwohl das Licht nicht eingeschaltet war, konnte ich dank meiner Werwolfaugen problemlos erkennen, dass Dmitri völlig nackt auf dem Bett lag. Die Luft schien zu stehen und war so muffig und unangenehm schwül, dass ich niesen musste.

»Wenn du schon krank bist, dann blas wenigstens deine Viren nicht so durch die Gegend.«

»Das ist ja eine tolle Begrüßung!«, erwiderte ich und setzte mich auf die Bettkante. Nachdem ich meine Jogginghose abgestreift hatte, rollte ich mich neben ihn.

»Musst du so nah rankommen? Es ist auch so schon viel zu warm hier«, maulte Dmitri und schob mich von sich.

»Nun krieg dich mal wieder ein!«, fauchte ich. »Tut mir leid wegen vorhin, aber ich hatte gerade zu tun, als du angerufen hast. Jetzt bin ich extra wie eine Irre gerast, um mich zu entschuldigen, und du verhältst dich wie ein bockiges Kleinkind.«

Ein langes Schweigen breitete sich aus. Ich lauschte Dmitris Atem und sog seinen Geruch ein – eine Mischung aus warmem Schweiß, Bier und Duschgel ging von ihm aus. »Tut mir auch leid«, brummte er schließlich. »Ich habe die Stimme eines anderen Mannes gehört, und da dachte ich …«

Ich ergriff seine Hand. »Pass mal auf, Liebling: Mein Captain ist ein Mann, ich arbeite mit vier Typen zusammen, und sogar bei der Maniküre bedient mich ein männliches Wesen …«

Dmitris Hand verkrampfte sich. »Das war ja wohl nicht der Typ von der Maniküre, mit dem du gesprochen hast, oder?«

»Nein«, antwortete ich und streichelte mit der freien Hand in kleinen Kreisen seinen Bauch.

»Wer dann?« Sofort dachte ich an Bryson und seinen verzweifelten Auftritt und unterbrach meine Streicheleinheiten.

»Niemand, über den ich weiter nachdenken möchte.«

Ruckartig wandte sich Dmitri von mir ab und setzte sich mit einem Knurren auf. »Sag mir endlich, wer es war, Luna! Ich kann seinen verdammten Geruch auf deiner Haut wittern.«

Jetzt schnellte auch ich hoch und drehte mich von ihm weg, sodass wir mit dem Rücken zueinander saßen. Eine Weile brüteten wir schweigend vor uns hin.

»Es war David Bryson!«, platzte es schließlich aus mir heraus. »Er hat mir im Umkleideraum aufgelauert, nachdem ich mir die Blutspritzer eines Selbstmörders aus dem Gesicht gewaschen hatte. Dann ist er mir auf den Parkplatz gefolgt und hat mich weiter zugequatscht.« Wütend griff ich mir mein Kissen und die Decke. »Ja, ich hatte eine verdammt beschissene Schicht. Danke der Nachfrage, und jetzt schlaf schön.« Gerade als ich zur Tür hinausstürmen wollte, bemerkte ich ein paar frische Blutflecke auf dem Kissenbezug.

»Ist das Blut von dir, Dmitri?«, fragte ich besorgt, doch statt zu antworten, rollte er sich knurrend auf die Seite. »Was in drei Teufels Namen ist passiert?«, rief ich, packte seine Schulter und drehte seinen Körper wieder zu mir, um ihn genauer anzuschauen. Sein Gesicht war an der Kieferpartie geschwollen, und neben einigen Schürfwunden zierte ein fast schwarzer Bluterguss sein linkes Auge. Die Hautverletzungen waren schon fast wieder verheilt, aber das verkrustete Blut klebte immer noch in seinem Gesicht. Ich beugte mich über ihn, um die Nachttischlampe anzuschalten. Als ich ihn dabei versehentlich in die Seite stieß, stöhnte er vor Schmerz auf.

»Okay, lass mich raten«, sagte ich, während ich die aufgeplatzte Lippe, die zahlreichen blauen Flecken an seinem Oberkörper und die aufgeplatzte Haut an den Fingerknöcheln begutachtete. »Du bist zum Frauenboxen gegangen, und deine Sparringspartnerin hat gewonnen.«

»Witzig«, murmelte er. »Sehr witzig.«

»Tut mir leid. Ich hab vorhin nicht gesehen, dass du … ich meine … eigentlich wollte ich mich gar nicht mit dir streiten …«, stammelte ich und spürte, wie ein starkes Schuldgefühl in mir aufstieg. »Tut mir leid«, flüsterte ich noch einmal.

»Nicht der Rede wert«, kommentierte Dmitri knapp und bedeckte seine Augen mit der Hand. »Es war ein Missverständnis.«

»Nicht der Rede wert?« Ich stand auf, stampfte hinüber auf seine Bettseite, stemmte die Hände in die Hüften und schaute ihn so lange ärgerlich an, bis er genervt die Augen verdrehte. »Du wirst grün und blau geschlagen, blutest hier das Bett voll und kannst kaum noch gerade gehen … das ist sehr wohl der Rede wert, finde ich. Wer hat dir das angetan?«

Dmitri seufzte. »Eigentlich dachte ich, ich sei in einem sicheren Gebiet und könnte problemlos die Straße entlanglaufen, aber anscheinend haben sich die Grenzen der Territorien verschoben … ich wurde überfallen, Luna.«

»Von wem, einem Transformer vielleicht?«, fragte ich. Er hatte riesige Hämatome. Dmitri war hart im Nehmen, groß, und in seinen Adern pulsierte Blut, in dem dämonische Kräfte schlummerten, seit er von der Mörderbestie eines besessenen Bluthexers gebissen worden war und sich regelmäßig in ein nahezu unbesiegbares Etwas verwandelte, wenn er wütend wurde. Der Biss hatte ihn bewusstlos werden lassen und ihm noch allerlei andere Unannehmlichkeiten beschert, ihn aber auch nahezu unverwundbar gemacht.

»Es waren sechs oder sieben. Sie gehörten zu dem Rudel, das jetzt anscheinend die Cannery Street kontrolliert«, erklärte Dmitri. »Sie haben mich überrascht und sind mit Baseballschlägern und Schlagstöcken auf mich los. Ich ahnte schon, dass du ausrasten würdest, also wollte ich warten, bis meine Wunden geheilt sind und erst dann mit dir darüber sprechen.«

»Das hätte nicht passieren dürfen«, sprach ich meinen Gedanken laut aus. »Du hast nichts Falsches getan und noch nicht mal mehr einen Status bei den Redbacks! Was hätten sie also davon, dich so zuzurichten?« Ich biss mir auf die Lippen. »Sag schon, warum haben sie dich geschlagen?«

Mir fiel auf, dass ich mich wie ein Cop anhörte – ich kombinierte die Fakten, um eine Erklärung zu finden und den Fall abzuschließen.

»Ich habe ihnen nicht den Respekt entgegengebracht, den sie verdienten.« Dmitri bleckte die Zähne und ballte die Fäuste. »So bescheuert es auch für mich ist, aber sie waren im Recht. Du kannst das nicht verstehen.«

»Ich kann das nicht verstehen?«, fragte ich, und mein Zorn flammte wieder auf.

»Du musstest dich noch nie den Gesetzen eines Rudels unterwerfen …«, erklärte Dmitri, »… und hattest immer Glück, wenn du in das Gebiet anderer Wölfe spaziert bist, weil du so verdammt willensstark bist. Ich hoffe nur, du triffst nicht eines Tages mal auf ein Rudel, das ein besseres Händchen beim Dominieren anderer Werwölfe hat als du.«

»Oh, vielen Dank für die aufmunternden Worte«, blaffte ich. Es folgte eine weitere Minute des Schweigens, in der wir beide vor uns hin kochten. Es dauerte zwar eine Weile, aber irgendwann hatte ich meinen Frust hinuntergeschluckt und mich wieder unter Kontrolle. Zu meinem eigenen Erstaunen gelang mir das in letzter Zeit ziemlich gut. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich genügend Anlässe zum Üben hatte. »Brauchst du einen Eisbeutel?«

»Nein.«

»Ich verstehe immer noch nicht, warum es überhaupt zu dem Kampf kommen musste. Warum hast du nicht einfach einen Rückzieher gemacht und ihre Dominanz akzeptiert?« Aus Erfahrung wusste ich nur allzu gut, dass es manchmal keine andere Möglichkeit gab.

»Hätte ich tun können«, antwortete Dmitri, während eine dunkle Flüssigkeit in seine Augen floss und sie pechschwarz färbte. »Aber ich hab’s nicht getan.«

Oh, Hex noch mal. Die Luft um mich herum schien plötzlich abzukühlen, und eine Gänsehaut überzog meinen Körper. »Dmitri, sag mir bitte, was du diesen Werwölfen angetan hast.«

Seine Augen waren mittlerweile vollkommen schwarz. Anscheinend bedurfte es mittlerweile nicht mal mehr eines Zustands der Wut oder der Raserei, damit das Dämonenblut in seinen Adern in Wallung kam. »Nichts, was sie nicht verdient hätten«, flüsterte er.

Meine Werinstinkte rieten mir davonzulaufen. Aber kaum hatte ich diese Möglichkeit in Erwägung gezogen, stürzte Dmitri wie ein Blitz über das Bett und packte mich. Ich hatte keine Chance. Wenn der Dämon Besitz von ihm ergriff, war er nicht nur viel kräftiger als sonst, sondern auch unglaublich schnell. Während er mit einer Hand mein Gesicht festhielt, fuhr er mit der anderen an meinem Körper entlang. Langsam strichen seine rauen Finger über meine Hüften und arbeiteten sich danach zu dem Dreieck zwischen meinen Oberschenkeln vor. Mein Körper reagierte zwar auf seine Berührungen, aber als ich in die Abgründe seiner schwarzen Augen blickte, war in meinem Kopf nur noch Platz für einen Gedanken: Das ist gar nicht gut, Luna, ganz und gar nicht gut!

»Dmitri«, flüsterte ich. »Sag mir bitte, was du getan hast.«

Kurz vor ihrem Ziel hielt seine Hand inne. »Eigentlich wollte ich es gar nicht«, begann er leise und in einem für ihn völlig untypischen, verletzten Tonfall. »Ich habe versucht, sie zu ignorieren, aber dann hat einer der Typen etwas über meine Partnerin gesagt … über dich, verstehst du? Sie kannten mich und wussten über uns beide Bescheid.«

Ich schloss die Augen, und mit einem Mal fielen all die Angst und Anspannung, die mich eben noch beherrscht hatten, von mir ab.

»Ich habe keinen Rang mehr bei den Redbacks, und irgendwie wussten sie, dass sie nur über dich an mich rankommen würden«, erklärte Dmitri. »Als der Typ dann deinen Namen in den Dreck zog, fühlte ich, wie die Dunkelheit mich erfasste, und habe es geschehen lassen. Ich habe nicht einmal versucht, mich gegen den Dämon zu wehren.«

Kaum hatte er ausgesprochen, ließ er mich los, aber schon im nächsten Moment fiel ich ihm um den Hals. »Es tut mir leid, Dmitri, es tut mir so unglaublich leid«, flüsterte ich.

»Du solltest mich jetzt lieber allein lassen«, sagte Dmitri schroff und löste sich aus meiner Umarmung. »Ich muss … ich muss versuchen, das alles zu vergessen.«

»Kommt nicht in die Tüte. Du brauchst Hilfe, und ich werde nicht zulassen, dass du hier im Dunkeln vor dich hin brütest«, erwiderte ich. »Außerdem sollte jemand diesen durchgedrehten Rudeln Einhalt gebieten. Die führen sich ja auf wie gottverdammte Tiere.«

»Luna, das mit den Rudeln ist, wie es ist. So laufen die Dinge nun mal.« Er seufzte. »Die Zeiten haben sich geändert: Seit der Sache mit O’Halloran sind die Rudel in Nocturne City unglaublich nervös. Dazu kommt, dass deine Kollegen neuerdings mit eiserner Faust gegen Drogen und Prostitution in der Innenstadt vorgehen. Wenn du wirklich etwas tun willst, um die Situation zu entspannen, dann sag den Typen von der Sitte einfach, sie sollen sich etwas zurückhalten.« Er griff sich seine Unterhose von der Bettkante, streifte sie über und verkroch sich unter die Decke. »Bitte, Luna, lass mich jetzt einfach allein. Ich brauche Ruhe, damit meine Wunden heilen können.«

»Das kannst du nicht tun, Dmitri«, presste ich verbittert hervor. »Nach all dem, was du mir gerade erzählt hast, kannst du mich jetzt nicht so einfach wegschicken. Bitte …«

Statt zu antworten, stieß er einen langen, zitternden Seufzer aus. Es war offensichtlich, dass er allein sein wollte, um den Dämon in seinem Inneren unter Kontrolle zu bringen und seine Verletzungen zu kurieren.

Nachdem eine weitere Minute ohne Antwort von Dmitri verstrichen war, verbiss ich mir den reichlich unsensiblen Kommentar, der mir auf der Zunge lag, und stapfte die Treppe hinunter ins Wohnzimmer. Dort legte ich mich aufs Sofa und versuchte, durch ruhiges Atmen meine Wut zu kontrollieren. Ich brauchte einige Zeit, um mich wieder so weit im Griff zu haben, dass ich nicht mehr aufspringen und das Geschirr in der Küche zerdeppern wollte. Obwohl ich mich in unserem alltäglichen Zusammenleben oft in Selbstbeherrschung üben musste, fiel es mir hin und wieder immer noch schwer, die Wölfin im Zaum zu halten.

Eines war mir in den gemeinsamen Monaten mit Dmitri klar geworden: Was auch immer in ihm wütete, wurde von Mal zu Mal stärker und würde irgendwann den Mann, in den ich mich verliebt hatte, ganz und gar verschlingen. In meiner Magengegend machte sich ein unangenehm kaltes Gefühl breit, als ich daran dachte, dass ich eines Tages neben einem Fremden aufwachen könnte, der ohne Reue morden und früher oder später auch mich für seine Beute halten würde.

Trotz der finsteren Zukunftsaussichten stand für mich fest, dass ich ihn nicht allein lassen würde, auch wenn mich der Gedanke an seine allmähliche Verwandlung um den Verstand brachte.

»Eigentlich haben wir doch schon genug Opfer gebracht. Warum wird es verdammt noch mal nicht einfacher?«, fragte ich in die Dunkelheit hinein. Nach dem Verbot unserer Beziehung durch die Rudelältesten hatte Dmitri den Redbacks den Rücken gekehrt, um mit mir zusammenzuleben. Gegen alle Widerstände und Proteste hatte er sich für mich entschieden, aber anscheinend reichte das den Schicksalsgöttern immer noch nicht, denn dieses schwarze Etwas tobte weiter in ihm und nagte unablässig an unserer Beziehung. Meine Frage blieb unbeantwortet – keine Überraschung eigentlich, denn ich hatte mich mittlerweile daran gewöhnt, dass die Dunkelheit zwar ein ständiger Begleiter in meinem Leben, aber keine sonderlich hilfreiche Ratgeberin war.

Die Digitalanzeige der kleinen Uhr an der Küchenwand verriet mir, dass der Tag noch nicht wirklich begonnen hatte. Trotzdem nahm ich den Telefonhörer zur Hand und wählte Brysons Nummer. Mir war klar, dass Dmitri das Gespräch wahrscheinlich mitanhören und sich in seiner Eifersucht bestätigt fühlen würde, aber so wie die Dinge momentan zwischen uns liefen, kümmerte mich das nicht sonderlich.

»Äh, ja, hallo?«, brummte Bryson schlaftrunken in den Hörer. »Wer ist da?«

»David, ich bin’s, Luna.«

»Verdammt, Wilder, es ist vier Uhr früh!«

»Fünf«, berichtigte ich. »Schon mal was von Sommerzeit gehört? Du musst deine Uhr mal vorstellen.«

»Hast du mich aus dem Tiefschlaf gerissen, um mir einen wissenschaftlichen Vortrag zu halten, oder was soll das werden?«

Nervös fummelte ich an der Antenne des Telefons herum und dachte angestrengt darüber nach, was ich Bryson sagen sollte. Wenn ich für eine Person unter meinen ehemaligen Kollegen auf dem 24. Revier mal so etwas wie Hass empfunden hatte, dann für David Bryson – den taktlosen Typen mit den anzüglichen Kommentaren, der seinem Verhalten nach zu urteilen geistig in der Zeit seiner Oberstufen-Saufgelage stehen geblieben war. Seine Bitte um »Hilfe« konnte gut und gerne bedeuten, dass ich ihm dabei helfen sollte, seine Fallberichte zu archivieren.

»Wilder? Hör auf, dir Locken ins Haar zu drehen, und sprich mit mir, verdammt!«

»Mein Gott, ich kann gar nicht glauben, dass ich dich überhaupt angerufen habe«, murmelte ich. »Pass auf, David: Ich habe … ich habe mir die Sache überlegt.«

Ein Schnaufen am anderen Ende der Leitung verriet mir, dass Bryson gerade erleichtert aufatmete. »Meinst du das ernst?«, fragte er vorsichtig. »Hex noch mal, Wilder, du hast mir gerade den Arsch gerettet …«

»He!«, unterbrach ich ihn. »Ich werde maximal einen Blick in die Fallakte werfen, und das war’s dann auch schon, klar?«

»Wie du meinst, Wilder. Treffen wir uns einfach um sieben in Sam’s Donut Bungalow.«

»Sieben Uhr ist verdammt früh.«

»Um diese Zeit fängt nun mal mein Dienst an, Hübsche. Kannst dir ja eine Gurkenmaske auflegen und ein bisschen Powernapping machen. Wirst sehen, danach fühlst du dich wie neugeboren.«

»Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du ein Riesenarschloch bist, Bryson?«

»Ja, meine Exfrau, zwei Freundinnen, meine Mutter und meine Tante Louise. Aber eigentlich zählt Tante Louise nicht, weil die sowieso nicht mehr ganz richtig im Kopf war …«

»Gute Restnacht dann noch«, brummte ich in den Hörer und legte mit einem Augenrollen auf.

Während der Fahrt in die Innenstadt fluchte ich innerlich über den zähen Berufsverkehr, was aber weder den Stau auflöste noch meine Laune verbesserte. Ich dachte kurz darüber nach, das Blaulicht aufs Dach zu klemmen, aber auf der Siren Bay Bridge hätte mich das auch nicht weitergebracht. Als dann noch der Fahrer des vor mir kriechenden BMW mit wilden Hupattacken versuchte, den Verkehr zu beschleunigen, platzte mir fast der Kragen. Das von der Wasseroberfläche der Bucht reflektierte Licht brannte mir in den Augen, sodass der Kopfschmerz nicht allzu lange auf sich warten ließ. Entnervt stellte ich das kratzige Radio des Fairlane an und stützte die Stirn auf dem Lenkrad ab. Als ich einige Monate zuvor das letzte Mal an dieser Stelle gestanden hatte, hatten mich die Umstände gezwungen, mich kopfüber von der sechzig Meter hohen Brücke in die Fluten zu stürzen. Dass ich nun beim ersten Versuch, dieses verdammte Ding erneut zu überqueren, gleich im Stau stecken blieb, konnte man getrost als Ironie des Schicksals bezeichnen.

Zu Beginn wurde das dumpfe Grollen, das von den Fundamenten der Brücke nach oben drang, noch von Pearl Jams »Oh where oh where could my baby be« übertönt. Aber schon nach kurzer Zeit wurde das Geräusch intensiver und verwandelte sich in ein nicht zu überhörendes, ächzendes Stöhnen. Plötzlich begann die gesamte Brückenkonstruktion zu vibrieren, und im Asphalt unter dem Fairlane zeigten sich kleine Risse.

Obwohl mir mulmig war, fühlte ich eine gewisse Erleichterung darüber, dass die bedrohlichen Geräusche und das unheilvolle Schwanken der Brücke dieses Mal nichts mit Magie zu tun hatten, denn die üblichen Symptome meiner Magiephobie – starke Kopfschmerzen, heftiges Magengrummeln und das Gefühl, von tausend Nadeln gestochen zu werden – blieben alle aus. Es handelte sich also »nur« um eine natürliche Katastrophe, die mich und die anderen zweitausend Autofahrer um mich herum gleich in die Tiefe reißen würde.

Dann begannen die Stahlseile der Brückenträger unter der Spannung zu surren. Der Krach der Hupen und Motoren verebbte, und die Brücke schwankte mit jeder Sekunde heftiger. Schlagartig war es mit meiner anfänglichen Gelassenheit vorbei.

»Hex noch mal!«, zischte ich. Der Fairlane begann, langsam auf den Minivan auf der Spur links neben mir zuzurutschen. Kurz vor dem Zusammenstoß blieb der Fairlane stehen, und ein lauter Knall zerriss die Luft: Ein Bolzen hatte sich aus der Stahlkabel-Verankerung des Brückenpfeilers gelöst und schlug mit einer ungeheuren Wucht in die Windschutzscheibe meines Wagens ein. Zum Glück blieb er auf halbem Weg stecken.

»Raus! Los, laufen Sie!«, schrie die Frau in dem Minivan neben mir, und ich war fast geneigt, ihrer Aufforderung zu folgen, denn mittlerweile federte die gesamte Brücke auf und ab, während die Luft vom panischen Geschrei der Menschen und den heulenden Alarmanlagen der Autos erfüllt war.

Das Beben erfasste ein letztes Mal die gebeutelte Brückenkonstruktion, die daraufhin ein gewaltiges Stöhnen von sich gab. Zum Abschied riss es einen tiefen Spalt in den Asphalt, der sich vor dem Fairlane über die gesamte Straße zog.

Dann war es mit einem Schlag ruhig. Nur das wilde Rauschen der Wassermengen tief unter uns war noch zu hören. Doch die Stille währte nur kurze Zeit. Schon wenige Sekunden nach der letzten Erschütterung heulten die Motoren der Autos vor mir auf, weil alle Welt versuchte, schnellstmöglich von der Brücke zu kommen.

Auch ich trat aufs Gaspedal, rumpelte geräuschvoll über den Riss im Asphalt und kramte dann mein Handy hervor. Es dauerte einige Sekunden, bis ich ein ausreichend starkes Signal hatte, um Bryson anrufen zu können. »David, Luna hier. Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber ich werde wahrscheinlich etwas später kommen.«

Erst eine geschlagene Stunde später hatte ich es endlich von der verdammten Brücke geschafft. Ich kroch weiter im Schneckentempo durch den Innenstadtverkehr, wo der Staub des aufgerissenen Asphalts und die Autoabgase meinen Mund in eine Wüste verwandelten. Glücklicherweise kam ich dank meiner Dienstmarke recht schnell an den Absperrungen des Katastrophenschutzes vorbei und erreichte das relativ unversehrt gebliebene Highland Park genau eineinhalb Stunden nach der verabredeten Uhrzeit.

Sam’s Donut Bungalow war genau das, was der Name vermuten ließ: Ein rosafarbener Holzbungalow, vor dem gelbe Sonnenschirme vergnügt im Wind flatterten und das satte Grinsen zufriedener Kunden den Eindruck erweckte, es hätte nie ein Erdbeben gegeben. Bis auf einen Riss im Schaufenster, der nun dummerweise den riesigen aufgemalten Schoko-Donut in zwei Hälften teilte, hatte das Holzgebäude die Erdstöße tatsächlich heil überstanden.

Bryson lümmelte an einem Tisch im hinteren Teil des Bungalows. Mit seiner verspiegelten Pilotenbrille und dem auberginefarbenen Anzug war er relativ leicht unter den restlichen Gästen auszumachen.

»Hast du die Gurkenmaske nicht abbekommen, oder warum kommst du so spät?«, ranzte er mich an und schob die Sonnenbrille auf die Nasenspitze, um seine Verärgerung durch einen finsteren Blick zu unterstreichen.

»Oh, tut mir leid, dass ich dir Umstände bereitet habe, Bryson! Vielleicht hast du es ja unter deiner hypercoolen Sonnenbrille nicht mitbekommen, aber die Stadt wurde gerade von einem heftigen Erdbeben durchgeschüttelt, während ich auf der Siren Bay Bridge im Stau stand.«

Ohne auf meine Erklärung einzugehen, winkte er mit einer lässigen Handbewegung die Bedienung an unseren Tisch. »Kandee?«, sprach Bryson sie zögerlich an, nachdem er viel zu lange auf das Namensschildchen auf ihrem weißen Top gestarrt hatte. »Kaffee bitte, und dann bring mir doch noch eine große Marzipanschnecke, Püppchen, und für die junge Dame hier …«, mit einem Augenzwinkern nickte er in meine Richtung, »… was immer sie haben will.«

»Nenn mich noch einmal junge Dame, und du hast keine Zähne mehr, um deine Marzipanschnecke zu kauen«, blaffte ich ihn an, bevor ich mich an Kandee wendete. »Für mich bitte zwei Kokostörtchen, ein großes Schoko-Eclair mit Puddingfüllung und einen Nougat-Vanille-Donut. Danke.«

Die Kellnerin starrte mich – genau wie Bryson – einen Augenblick lang mit großen Augen an, murmelte dann aber: »Kommt sofort« und machte sich auf den Weg. »Was glotzt du so verdattert?«, fauchte ich Bryson an. »Werwolf-Stoffwechsel – wenn ich jetzt nicht genug esse, bin ich in einer Stunde wieder hungrig.«

»Du bist ein Freak, Wilder«, brummte Bryson kopfschüttelnd. Dann kippte er sich drei Tütchen Zucker in den Kaffee, nahm einen Schluck und zuckte zusammen. »Ich hasse das Zeug! Habe neuerdings ein Magengeschwür wegen dieses Drecks, und dazu noch dieser Fall … ich muss nur die Augen schließen, dann habe ich sofort wieder die Bilder der Leichen vor mir.«

Zum Glück klang Bryson verärgert, nicht geschockt oder gar verstört. Allein der Gedanke daran, jemanden trösten zu müssen, dessen Hobby es gewesen war, mir auf den Hintern zu tatschen, jagte mir kalte Schauer über den Rücken.

»So, und jetzt erklär mir bitte noch mal, warum ich die Einzige bin, die dir bei dieser Sache helfen kann, David.«

Nachdem die Kellnerin unsere Bestellung gebracht hatte, machte ich mich über die beiden Kokostörtchen her, während Bryson in seiner abgewetzten Mappe kramte und wenig später einen zerfledderten Aktenordner hervorholte, der seine krakelige Grundschulhandschrift trug.

»Schau rein«, forderte mich Bryson auf. Ich überblätterte die Tatortberichte und sah mir die großformatigen Fotos der Opfer an: drei Männer und eine Frau, die nackt auf dem Boden lagen und ein großkalibriges Einschussloch im Kopf hatten.

»Ich habe dir ja gesagt, dass es hier um Werwölfe geht …«, murmelte Bryson und beugte sich zu mir herüber. »Alle durch Kopfschuss getötet, der Erste vor acht Wochen. Man fand sie am Rand eines Naturschutzgebietes, der Sierra Fuego Preserve. Die Landeier von der State Police haben uns die Fälle zurückgegeben, weil die Opfer in Nocturne City gemeldet waren.«

Ich schob ihm die Fotos wieder zu. »Traurige Sache, David, aber wie du weißt, arbeite ich jetzt für das Sondereinsatzkommando. Selbst wenn ich wollte, könnte ich mich nicht damit befassen. Außerdem habe ich nach dem internen Ermittlungsverfahren beschlossen, lieber Türen einzutreten, als bösen Buben nachzujagen. Das Morddezernat braucht mich nicht mehr, und das beruht auf Gegenseitigkeit, verstehst du?«

»Ich arbeite seit einem Monat an der Sache«, zischte er mich an, »… und habe nichts. Keine Spuren, keine Hinweise, gar nichts. Ich komme noch nicht mal an die Rudel der Opfer heran, um herauszufinden, mit wem diese Leute Ärger gehabt haben könnten. Zur Krönung fand ich vor zwei Tagen das hier, als ich von der Arbeit heimkam.«

Er griff noch einmal in seine Mappe, holte ein weiteres Foto hervor und schob es über den Tisch. Das Bild zeigte die Eingangstür einer noblen Wohnung in Mainline, an die jemand ein totes Huhn genagelt hatte. Darunter hatte jemand mit dem Blut des Tieres die Worte »Wir wissen, wo du wohnst, Bulle!« aufs Holz geschmiert.

»Das ist verdammt noch mal nicht witzig!«, rief Bryson und zerknüllte das Foto. »Die Rudel denken, die Polizei kümmere sich nicht um die Sache, und wenn ich diese Morde nicht bald aufkläre, machen die Werwolffutter aus mir. Das kannst du nicht zulassen, Wilder.«

Ich setzte eine ernste Miene auf und sagte: »Unschöne Sache. Ich denke, die Rudel werden sich selbst um die Morde kümmern. Normalerweise haben sie keine Lust auf Einmischung von außen. Der tote Vogel an deiner Tür war nur eine höfliche Aufforderung.« Ich beugte mich nach vorn, nahm Bryson die Sonnenbrille ab und schaute ihm direkt in seine wässrigen blauen Augen. »Ich rate dir, den Fall zu den Akten zu legen, David, ehe jemand die Wände deiner schönen Wohnung mit deinen Innereien dekoriert.«

Da ich mittlerweile nicht nur das Eclair, sondern auch den Donut verspeist hatte, leckte ich mir genüsslich die Finger ab und stand auf, um zu gehen. »Halt die Füße still, David, dann wird alles gut – und hör auf, deine Anzüge von der Stange zu kaufen, dann wird alles noch viel besser!«

Ich legte ein paar Dollar auf den Tisch, drehte mich um und wollte gerade zum Ausgang gehen, als ich hörte, wie Bryson brummelte: »Man hört ja so einiges über dich, Wilder, aber dass du mittlerweile ein fauler Bulle geworden bist, hätte ich nicht gedacht!«

»Wie bitte?«, fuhr ich ihn an und warf ihm einen Blick zu, mit dem man einen Tresor hätte knacken können.

»Du hast doch andauernd einen auf Dirty Harry gemacht, warst die, die mir immer wieder damit auf den Keks gegangen ist, dass ich meinen Job besser machen und nicht so nachlässig arbeiten soll … und jetzt drehst du dich einfach um und sagst, ich soll diese Morde vergessen?«

Ich kam zurück und baute mich mit verschränkten Armen drohend vor ihm auf. »Willst du damit sagen, du willst diese Fälle wirklich lösen? David Bryson – der Polizist, der mir bei unserem ersten Treffen mitgeteilt hat, er würde am liebsten alle Werwölfe in einen Nationalpark sperren und Mutter Natur freien Lauf lassen? Ausgerechnet du willst die Morde an einer Handvoll Werwölfe aufklären?«

Er sah auf seine Hände. »Ich mag keine Freaks. Das heißt noch lange nicht, dass ich einen Vierfach-Mord einfach zu den Akten lege. Die Leute von der Beförderungskommission schauen sich solche Sachen genau an, Wilder! Aber das interessiert dich alles nicht mehr, denn du bist ja jetzt beim Sondereinsatzkommando und musst nicht mehr im Dreck wühlen. Da ist es einfach, große Töne zu spucken und von Verantwortungsbewusstsein und Idealen zu faseln.«

»Wenigstens habe ich welche!«, blaffte ich zurück und griff mir erneut die Fotos der Opfer. Natürlich war ich neugierig. Zweieinhalb Jahre im Morddezernat hinterlassen Spuren: Die Ermittlerinstinkte verschwinden nicht einfach, nur weil man plötzlich Schutzweste und Helm statt legerer Alltagsklamotten trägt und der Gestank von Rauchgranaten den von Spülwasserkaffee ersetzt.

»Vergiss es«, brummte Bryson. »Du hast dich klar ausgedrückt.« Ungelenk versuchte er, mir die Fotos aus der Hand zu reißen, aber ich war schneller und brachte sie aus seiner Reichweite. »Langsam, David!«, antwortete ich. »Anscheinend treibt dich ja wirklich nur pure Karrieregeilheit an. Das macht es mir einfacher zuzugeben, dass ich interessiert bin. Wenn du mir nämlich mit diesem Quatsch von selbstlosen Motiven, Anteilnahme und Gerechtigkeit gekommen wärst, hätte ich wahrscheinlich angefangen, nach Kabeln an deinem Hinterkopf zu suchen.«

Ich setzte mich wieder und betrachtete die Fotos noch einmal eingehender. Diesmal achtete ich nicht so sehr auf die Gesichter der Ermordeten, sondern versuchte, ein Muster in der Vorgehensweise des Mörders zu finden. »Du bist sicher, dass es in allen vier Fällen derselbe Täter war?«

»Dieselbe Waffe«, antwortete Bryson. »44er Smith & Wesson Automatik, keine Spuren an den Leichen.«

»Jemand mit reichlich Schusswaffenerfahrung und einem Fahrzeug also …«, grübelte ich laut und breitete die Fotos im Viereck auf dem Tisch aus. Unter den männlichen Opfern waren ein Weißer und ein Asiate, beide von schmaler Statur. Die Frau hatte hübsche Gesichtszüge und war auch zart gebaut – eigentlich überraschend für eine Werwölfin, da die Damen unserer Spezies eher grobknochig und groß ausfielen. Das dritte Opfer unterschied sich eindeutig von den anderen. Mit seiner groben Physiognomie, dem kantigen Unterkiefer und den wulstigen Augenbrauen erinnerte er mich an Höhlenmenschen aus dem Naturkundemuseum. »Was ist mit dem hier?«, fragte ich und tippte auf das Foto.

»Hässlicher Bastard«, brummte Bryson, den Mund voller Marzipanschnecke. »Sein Name ist Bertrand Lautrec. Seine Fingerabdrücke waren in unserer Datenbank. Verhaftung wegen Körperverletzung …« Bryson schnaubte verächtlich. »Wie sollte es auch anders sein?«

»Er ist ein Loup …«, erklärte ich, »… und wurde offensichtlich erst als Erwachsener durch den Biss eines anderen Werwolfs verwandelt. Die Knochenstruktur seiner Gesichtspartie weist darauf hin; sie verändert sich nämlich nicht auf diese Weise, wenn man von Geburt an Werwolf ist.«

»Vielen Dank für die Biologievorlesung, Professor X«, spottete Bryson. »Was genau soll das bedeuten?«

»Die Loups sind notorische Schwerverbrecher und Drogendealer. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass sie dir das tote Huhn an die Tür genagelt haben«, entgegnete ich und steckte das Foto ein. »Ich werde ihn für dich unter die Lupe nehmen, David, aber dann ist Schluss, klar? Ich habe einen Job und kann dir bei diesem Schlamassel nicht helfen.«

»Ja, ja.« Brysons Gesicht hellte sich so schlagartig auf, als hätte ich gerade seine sicher geglaubte Todesstrafe in lebenslänglich umgewandelt. »Dann gehst du jetzt also zu den Loups, schnüffelst den Jungs ein bisschen am Hintern und sagst mir dann Bescheid, was dabei herausgekommen ist? Hier, meine Handynummer.« Mit einer überheblichen Geste hielt er mir eine Visitenkarte hin, aber statt sie zu nehmen, packte ich seinen Zeigefinger und bog ihn nach hinten.

»Scheiße! Nicht schon wieder!«, jammerte Bryson.

»Ich will nur eines klarstellen«, zischte ich ihm ins Ohr. »Wenn ich dir bei diesem Fall helfe, dann einzig und allein aus Nächstenliebe, also benutz gefälligst mal die hässliche Holzkugel auf deinem Hals, ehe du den Mund aufmachst, und bring mir in Zukunft etwas Respekt entgegen!« Ich erhöhte den Druck auf seinen Finger, um meinen Worten Nachdruck zu verleihen. »Keine Angst, noch einmal breche ich dir nicht den Finger … wenn du mich das nächste Mal beleidigst, reiße ich ihn dir ganz einfach ab!«

»Schon gut, schon gut, schon gut«, heulte er. »Krieg dich wieder ein, oder hast du deine Tage?«

»Schön, dass wir uns verstehen, Kollege«, presste ich zwischen gefletschten Zähnen hervor. »Jetzt werde ich heimfahren, den Rest des Tages mit meinem Freund verbringen und keine Sekunde über deinen Fall nachdenken. Also nerv mich nicht, kapiert? Ich melde mich, wenn es etwas Neues geben sollte«, verabschiedete ich mich und steckte seine Karte ein.

»Wilder?«, rief er mir nach, als ich mich umgedreht hatte. »Freut mich zu sehen, dass du nicht immer so ein herzloses Miststück bist. Ach, und danke … für die Hilfe.«

»Ach Gott, David, noch etwas sentimentaler, und ich fange an zu heulen«, erwiderte ich mit einem Augenzwinkern und verließ den Bungalow.

3

Daheim sah ich zuerst Dmitris kupfernes Haar in der Sonne leuchten, während er unruhig vor dem Cottage hin und her stapfte. Er hatte mit seinen schweren Motorradstiefeln bereits einen kleinen Pfad in den Muschelschotter vor der Auffahrt getrampelt. Nachdem ich geparkt hatte, griff ich mir die Tüten vom Beifahrersitz, in denen sich zwei Gerichte von Dmitris asiatischem Lieblings-Imbiss befanden, und stieg aus. Kaum hatte ich die Wagentür zugeschlagen, blieb Dmitri stehen, drehte den Kopf in meine Richtung und stürzte auf mich zu. »Hex noch mal, wo warst du, Luna?«

Wie mit einer weißen Fahne wedelte ich ihm mit der Tüte mit Pad Thai und Reis vor der Nase herum. »Beruflich unterwegs. Tut mir leid, dass ich nicht Bescheid gesagt habe. Hier, ich habe uns was zu essen mitgebracht.«

»Heute ist dein freier Tag«, brummte er vorwurfsvoll. Dann nahm er mir die Tüte aus der Hand, stellte sie auf der Treppe ab, fasste mich mit beiden Händen an den Schultern und sah mir mit ernster Miene ins Gesicht.

»Tut mir leid wegen letzter Nacht«, flüsterte ich, und ein kleiner Teil in mir wollte hinzufügen: Ich hoffe, es tut dir auch leid, dass du dich mal wieder wie ein selbstgerechter Idiot aufgeführt hast. Stattdessen stellte ich mich auf die Zehenspitzen, um ihm einen Begrüßungskuss zu geben. Seine Nasenflügel blähten sich, und ich brauchte ein paar Augenblicke, um zu begreifen, dass er meine Witterung aufnahm, und zwar nur, um festzustellen, ob der Geruch eines anderen an mir haftete.

Ich stieß ihn wütend weg. »Was ist dein verdammtes Problem, Dmitri?«

»Es ist derselbe Mann!«, fuhr er mich an und packte meine Schultern noch fester. »Du bist meine Partnerin, Luna! Ich will keine anderen Männer an dir riechen müssen. Nie wieder. Ist das klar?«

Ich atmete ein paarmal tief durch und sah ihm dann ins Gesicht. In seinen Augenwinkeln war schon dieses entsetzliche Schwarz erkennbar, das sich langsam auf das schmutzige Smaragdgrün seiner Iris legte. Es war wieder so weit: In Sekundenschnelle ergriff der Dämon in seiner Brust Besitz von ihm, und ich konnte nichts dagegen tun.

Immer wenn Dmitri durch starke Gefühle wie Leidenschaft oder – was besonders gefährlich war – Zorn in Erregung geriet, übernahm die dunkle Macht in ihm die Kontrolle. In Asmodeus, dem Dämon, der ihm diese dunkle Seite beschert hatte, floss Zorn wie in anderen Lebewesen Blut. Er ernährte sich von Dmitri, von seiner Gefühlswelt, wenn das Schwarz seine Augen fraß.

Ignoriere es. Es geht gar nicht um den verflixten Dämon. »Ich weiß, ich wiederhole mich, Dmitri …«, sagte ich ärgerlich und löste mich mit einer ruppigen Bewegung aus seinem Griff, um meine Pad-Thai-Tüte aufzuheben, »… aber du musst dich langsam entscheiden. Entweder vertraust du mir oder nicht. Ich bin drinnen, wenn du mich suchst.«

Als ich mich abwandte, um hineinzugehen, knurrte Dmitri wütend. Auch wenn er in der Rangordnung seines Rudels mittlerweile ganz unten angekommen war, empfand er es als Zeichen der Respektlosigkeit, dass ich als Insoli ihm den Rücken zuwandte.

»Bilde dir keine Schwachheiten ein. Wir wissen beide, dass du mir nichts tun wirst«, blaffte ich ihn an. Als ich über die Schulter blickte, sah ich wieder diesen Ausdruck verzagter Verwirrung in seinem Gesicht, den ich schon so oft an ihm bemerkt hatte. So hatte er mich schon angesehen, als ich ihn kennenlernte. Damals hatte er im Verdacht gestanden, seine Geliebte ermordet zu haben. Auch als er auf Geheiß seiner Rudelältesten in die Ukraine zurückkehren und statt mit mir mit einer anderen Partnerin hatte zusammenleben müssen, hatte er diesen Ausdruck im Gesicht gehabt, und als er sein Rudel schließlich verlassen hatte, um mit mir zusammen zu sein.

Eigentlich sollte langsam alles anders werden, verdammt!, dachte ich und versuchte im nächsten Augenblick, mit einem lauten »Halt die Klappe!« die negativen Gedanken aus meinem Kopf zu vertreiben. »Halt die Klappe!«, brummte ich erneut. Ich ging hinein und ließ Dmitri, der aufs Wasser hinausstarrte, allein in der Auffahrt stehen.

Als ich die Hälfte meines Pad Thais gegessen hatte, kam er herein. Schweigend setzte er sich neben mich, legte die kräftigen Arme um meine Schultern und vergrub das Gesicht in meinen Haaren. »Tut mir leid«, brummte er.

Ich drehte mich zu ihm und legte den Kopf auf seine Schulter. »Das sollte es auch.«

»Ich weiß, ich kann manchmal ganz schön anstrengend sein.« Er angelte sich eine Garnele von meinem Teller.

»Das ist eine gnadenlose Untertreibung«, murmelte ich.

»Es ist nur … wenn ich daran denke, dass du mich verlassen und mit jemand anderem zusammen sein könntest, und dann diesen Mann …«

»Bryson«, half ich aus.

»… auf deiner Haut rieche …«, fuhr Dmitri zähneknirschend fort, »… dann geht der Dämon mit mir durch, und ich verliere die Kontrolle.«

»Da habe ich einen abgedrehten, total weit hergeholten Vorschlag«, sagte ich. »Wie wär’s, wenn du mir ein bisschen vertraust?«

Ein Zucken lief über Dmitris Lippen – ein richtiges Lächeln hatte ich schon lange nicht mehr bei ihm gesehen. »Das sollte ich mal versuchen, was?«

»Ich empfehle es dir, wenn du nicht eines Tages mit abrasierten Brauen aufwachen willst.« Liebevoll strich ich über seine Nasenspitze und gab ihm einen flüchtigen Kuss. Doch Dmitri ließ sich nicht so schnell abspeisen. Stattdessen begann er, meinen Mund und meinen Hals mit heißen Küssen zu überschütten. Ehe ich mich’s versah, hatte ich mein Pad Thai vergessen und gab mich seinen Liebkosungen hin.

Ein paar Augenblicke später lagen wir ineinander verschlungen auf dem Teppich vor dem Diwan und liebten uns. Als ich ihn zur Seite rollte, um mich auf ihn zu setzen, stöhnte er vor Schmerz. Obwohl ich gerade erst in Schwung gekommen war, verlangsamte ich meine Bewegungen. Dann sah ich die blauen Flecken an seinem Bauch, die mir am Vortag nicht aufgefallen waren. »Sie haben dich wirklich übel zugerichtet, was?«, flüsterte ich und wischte mir mit dem Handrücken den Schweiß aus den Augen.

Dmitri packte meine Hüften und begann, mein Becken wieder auf und ab zu bewegen. »Ich habe doch gesagt, ich will nicht darüber sprechen.«

»Wie du meinst«, flüsterte ich und gab mich wieder den rhythmischen Bewegungen unserer Körper hin, stützte allerdings, um nicht mit meinem ganzen Gewicht auf ihm zu sitzen, die Arme neben seinem Gesicht auf – so unauffällig wie möglich, schließlich haben wir alle unseren Stolz.

»Liebling?«, wisperte ich, als ich einige Minuten später den Kopf auf seine Brust legte, um seinem Herzschlag zu lauschen.

»Mhm?« Dmitris gebrummte Antwort floss wie eine wohlige Welle durch meinen Körper, die ich eher spürte als hörte.

»Weißt du, wer momentan Rudelführer der Loups ist?«

Ich spürte, wie sich seine Muskeln anspannten. »Warum willst du das wissen, und warum sollte ausgerechnet ich dir das sagen können?«

»Keine Ahnung. Vielleicht, weil du vor Kurzem noch der gefürchtetste Rudelführer der Stadt warst?«

»Ich denke, Gerard Duvivier ist jetzt bei den Loups der Chef – aber du hast meine erste Frage nicht beantwortet.«

Verdammt. Ich hatte eigentlich gehofft, er würde meinen kleinen Trick nicht bemerken, aber Dmitri ließ sich nicht so leicht hinters Licht führen. Er war sehr viel klüger, als es sein abgerissener Ex-Biker-Look vermuten ließ. Um ein russisches Gefangenenlager zu überleben, es in einer Stadt wie Nocturne City zum Rudelführer zu bringen und mit einer gewissen Luna Wilder zusammenzuleben, bedurfte es einer gewaltigen Portion Cleverness.

»Ich sehe mir gerade ein paar Mordfälle an, in denen David ermittelt.« Da Dmitris Stirn sofort riesengroße Zornesfalten schlug, fügte ich schnell hinzu: »Eigentlich berate ich ihn nur.«

»Du hast gesagt, du arbeitest jetzt fest beim Sondereinsatzkommando. Nie wieder Mordermittlungen, nie wieder Jagd auf böse Buben – das waren deine Worte. Ich dachte, wir wären uns einig, dass du dich nicht mehr in lebensgefährliche Situationen begibst.«

»Tut mir leid«, sagte ich. »Bryson hat mich im BH in der Umkleide erwischt und war verdammt hartnäckig. Da dachte ich, Ja zu sagen sei der einfachste Weg, ihn möglichst schnell wieder loszuwerden«, versuchte ich, ihn mit einem Scherz aufzumuntern. »Er ist an einer großen Sache dran, beißt aber auf Granit. Deshalb wollte ich für ihn mit den Loups sprechen. Neuerdings nageln sie ihm sogar schon totes Federvieh an die Haustür – das hat er nicht verdient.«

»Nein«, sagte Dmitri.

»Ja, klar, Bryson ist ein totales Arschloch, aber er ist Polizist, und jemand legt diese Werwölfe um … vielleicht sogar ein weiterer Serienmörder wie Alistair Duncan.«

»Nein«, sagte Dmitri erneut. »Du wirst in diesem Fall nichts unternehmen.«

Verdutzt hob ich das Kinn von seiner Brust und sah ihm direkt in die gefährlich glitzernden Augen. »Wie bitte?«

»Du kannst als Insoli nicht einfach zu den Loups gehen. Die machen Kleinholz aus dir«, ermahnte mich Dmitri. »Außerdem arbeitest du nicht mehr als Ermittlerin. Deshalb sage ich Nein, Luna, und zwar ein für alle Mal. Ich werde nicht zulassen, dass sich meine Freundin grundlos einer solchen Gefahr aussetzt!«

»Aha«, entgegnete ich. »So läuft das also.«

»Ich weiß, was du denkst, Luna …«, versuchte er mich zu beschwichtigen, »… aber ich tue das nur, weil du mir wichtig bist. Jemand muss es tun.«

»Du bist ein Mistkerl.« Hastig sprang ich auf, zog ein T-Shirt über und brauste mit polternden Schritten die Treppe hinauf, sodass die Fotos von Dmitri und mir fast von den Wänden fielen.

»Ich tue das nicht, um dich zu … zu dominieren. Ich denke nur …«

»Nein, Dmitri!«, schrie ich zurück. »Genau das ist dein Problem: Du denkst nicht, sonst wäre dir schon aufgefallen, dass ich nicht eines dieser lammfrommen Redback-Weibchen bin, deren größter Wunsch es ist, Hausfrau und Mutter zu spielen. Ich habe nämlich noch ein paar andere Sachen im Leben vor und vermisse meine Arbeit beim Morddezernat, verdammt noch mal!«

Ich vermisste meine Arbeit beim Morddezernat? Das war selbst mir neu.

Dmitri schnaubte schlecht gelaunt und schüttelte den Kopf. »Wenn du denkst, du könntest einfach weitermachen wie bisher und ich schlucke alles, wird unsere Beziehung niemals funktionieren. In einer Partnerschaft erwartet man gewisse Dinge voneinander. Wenn du je in einem Rudel gelebt hättest, wüsstest du das.«

»Fang nicht wieder damit an!«, fuhr ich ihn mit gefletschten Zähnen an.

»Tue ich nicht, keine Angst!«, grollte er zurück. »Ich will dir nur sagen, dass ich nicht garantieren kann, dass ich später noch hier bin, wenn du jetzt wirklich losziehst, um die Loups zur Rede zur stellen. Ich ertrage es einfach nicht, dass du nur an dich denkst. Glaub mir, ich habe es versucht, aber es klappt nicht.«

Dmitri blickte mich vorwurfsvoll an, woraufhin ich die Augen zusammenkniff und finster zurückfunkelte. »Wenn du jemanden einschüchtern willst, dann versuch es lieber mit einer Person, die noch keinen Serienmörder erledigt hat oder auf der Flucht vor einem Bluthexer von der Siren Bay Bridge gesprungen ist – gegen diese Typen wirken deine Drohgebärden nämlich einfach nur grotesk.«

Ich wusste nicht, ob ich losheulen oder schreien sollte, und so stürzte ich ins Bad und verriegelte die Tür hinter mir. Meine Coolness funktionierte nämlich nur so lange, bis Dmitri klar wurde, wie sehr er mich verletzen konnte, und mit der unterschwelligen Erinnerung daran, dass ich nie Teil seines Rudels werden würde, hatte er den Finger mitten in eine offene Wunde gelegt – selbst wenn ich das nie zugegeben hätte.

Es war bereits nach fünf, als ich den Fairlane an der Justice Plaza parkte und mit dem quietschenden Lift zur Etage des Sondereinsatzkommandos hinauffuhr. Unsere Sekretärin Cleolinda saß noch am Schreibtisch und hämmerte derart übel gelaunt in die Tastatur, dass man den Eindruck gewinnen konnte, der Computer hätte ihre Familie beleidigt.

»Hallo, Cleo«, grüßte ich sie, während ich mich über ihren Schreibtisch beugte und ihr kommentarlos einen Eis-Macchiato vor die Nase stellte.

»Mädchen, wo warst du nur in den ersten vierzig Jahren meines Lebens?«, fragte sie scherzhaft und nahm einen Schluck Kaffee, ohne von der Tastatur abzulassen. »Was willst du?«

»Dir entgeht aber auch gar nichts, hm?«

»Darum bezahlen sie mir hier ja auch dieses erstklassige Sekretärinnengehalt. Also, Wilder, spuck’s endlich aus. Du siehst, ich bin beschäftigt.«

»Ich brauche Informationen über einen Mann namens Gerard Duvivier«, sagte ich knapp.

»Informationen, ja?«, hakte Cleolinda misstrauisch nach und pfiff durch ihre Zahnlücke. »Bisher dachte ich eigentlich immer, die Leute vom Sondereinsatzkommando treten Türen ein und schmeißen Rauchgranaten, statt Informationen über böse Jungs zu sammeln.«

»Cleo! Ich habe dir einen verteufelt guten Macchiato mitgebracht. Was willst du noch? Meinen Erstgeborenen?«

Mit genervter Miene zog sie eine Braue hoch, sodass sie auf dem Rahmen ihrer zartlila Katzenaugen-Brille zu thronen schien, und warf mir einen musternden Blick zu. »Duvivier sagst du? Seltsamer Name.«

»Frankokanadisch«, erklärte ich. »Kriege ich nun den Datenbankauszug über den Typen oder nicht?«

»Ich wette, mit den Kollegen auf dem 24. bist du nicht so umgesprungen«, brummte Cleo, druckte dann aber doch die gewünschten Informationen aus. »Hier, und jetzt mach dich vom Acker, ehe ich meinen Fuß in deinem knochigen Werwolfhintern versenke.«

»Ich liebe dich auch, Cleo«, verabschiedete ich mich, winkte noch einmal mit den Ausdrucken und machte mich auf den Weg.

Die Loups kontrollierten ein Stadtviertel namens The Bowers, das einst eine vornehme Gegend gewesen war. Mitte des vergangenen Jahrhunderts waren jedoch immer mehr Junkies dort aufgetaucht, sodass die Gegend mit den Jahren zum wahren Drogenparadies verkommen war. Selbst die Polizisten Nocturne Citys kümmerten sich nicht mehr um den nur noch als »Nadelpark« bezeichneten Stadtteil. Irgendwann hatten sich die Verantwortlichen stillschweigend darauf geeinigt, die Junkies im Nadelpark sich selbst und den Rest der Stadt den Werwolfsrudeln und Hexenclans zu überlassen. Eigentlich waren alle Beteiligten bisher recht zufrieden mit diesem Arrangement gewesen. Eigentlich …

Das Hauptquartier der Loups war nicht schwer zu finden: ein ausladendes Gebäude in der für den Nadelpark typischen viktorianischen Architektur, aus dem man eine Art Privatclub gemacht hatte. In seiner Geschmacklosigkeit passte er ausgezeichnet zu den Loups, die sich auf Drogenhandel im großen Stil konzentrierten und ihr Gebiet mit erbarmungsloser Härte führten, sodass sie weitaus mehr Geld machten als all die anderen Rudel in Nocturne.

Ich parkte den Fairlane in der kleinen Straße hinter dem zwielichtigen Club und machte mir noch nicht einmal die Mühe abzuschließen. Mit dem aus der Fassung hängenden Scheinwerfer und der total verbeulten Stoßstange wirkte mein Auto noch armseliger als mein Liebesleben. Wenn tatsächlich jemand so dumm war, ihn zu stehlen, wollte ich ihm keine Steine in den Weg legen.

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