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Nocturne City 01 – Schattenwölfe

CAITLIN KITTREDGE

Nocturne City

Schattenwölfe

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Daniel Müller

Zu diesem Buch

Die Werwölfin Luna Wilder ist Kriminalbeamtin der Mordkommission von Nocturne City, einer Stadt, in der sich neben Menschen besonders viele Werwölfe und Hexen niedergelassen haben und die deshalb immer wieder Mittelpunkt mysteriöser Vorkommnisse ist. Als Luna zu einem Fall gerufen wird, bei dem die Leiche einer jungen Werwölfin grausam zugerichtet wurde, liefern ihr die Spuren schnell einen ersten Verdächtigen: den zwielichtigen und doch auch verführerischen Werwolf Dmitri Sandovsky. Es fällt Luna schwer, sich seinem wölfischen Charme zu entziehen. Verzweifelt bemüht sie sich, den attraktiven Mann auf Abstand zu halten. Gleichzeitig kann Luna nicht glauben, dass Dmitri der Täter ist, und versucht alles, um seine Unschuld zu beweisen. Da kommt es zu weiteren Morden, die den ersten sehr ähnlich sind. Gemeinsam mit Dmitri verfolgt Luna die Spur des Täters. Luna kommt ihm bedrohlich nahe – und gerät selbst in höchste Lebensgefahr …

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1

Als ich den Tatort erreichte, konnte ich das Blut des Mädchens schon riechen, bevor ich ihren in Neonlicht getauchten Körper in der Gasse liegen sah. Das Licht der Reklametafeln einer Bar verlieh der Szenerie einen traumähnlichen Charakter – das Straßenpflaster glitschig und scheinbar bodenlos, die Haut der Leiche rosafarben und fest.

Das Blut der Kleinen konnte ich riechen, weil ich eine Werwölfin bin. Angerufen hatte man mich, weil sie tot und ich die zuständige Mordermittlerin war.

Ein Polizist hielt mich mit erhobener Hand an. »Wo soll’s hingehen, Ma’am?«

Ich zog meine Jacke zur Seite und zeigte ihm die Dienstmarke an meinem Gürtel, die mich als Detective des Nocturne City Police Departments auswies. In dem schlechten Licht warf er einen blinzelnden Blick auf die Marke und nickte. »Entschuldigung, Detective … Wilder. Gehen Sie durch.«

Er hob das Absperrband an, was ich ihm mit einem Lächeln dankte. »Nennen Sie mich doch Luna, Officer …?«

»Thorpe, Ma’am.« Er erwiderte mein Lächeln, und seine müden blauen Augen leuchteten kurz auf. Anscheinend hatte ich selbst um drei Uhr morgens in abgewetzten Bluejeans und mit einem T-Shirt voller Flecken von Fingerabdruckfarbe eine gewisse Wirkung auf Männer wie Thorpe. Meine Freizeitkleidung sah normalerweise anders aus, allerdings hatte sich diese Kombination als praktisch erwiesen – praktischer zumindest, als ständig Blut aus Seidentops herauswaschen zu müssen.

Thorpe rief mir hinterher: »Ich hoffe, Sie haben nichts zu Abend gegessen, Detective. Ist nämlich ’ne ziemliche Sauerei!«

Das waren ja fantastische Aussichten!

Ich ging geradewegs auf die rote Bierreklame zu, in deren Licht die Kriminaltechniker der Spurensicherung schon bei der Arbeit waren und ein Polizeifotograf mit einer digitalen Nikon Fotos vom Tatort schoss. Als ich stehen blieb und auf das Mädchen hinunterblickte, bemerkte ich, dass ich sehr nah an sie herangetreten war, sodass sich zwischen meiner Schuhspitze und der Leiche nur noch wenig Platz befand. An dem Hals des Mädchens klaffte eine breite Wunde, die von inzwischen getrocknetem Blut verkrustet war. Es schien, als hätte sich das gesamte Blut ihres Körpers bis auf einen armseligen kleinen Rest auf der Teerdecke der kleinen Seitenstraße verteilt. Die Lache verlieh dem Untergrund ein ölig-schmieriges Glänzen. An ihrer linken Hand war der Zeigefinger sauber am Fingergelenk abgetrennt worden. Geblieben war nur eine rot-weiße Scheibe, umgeben von geronnenem Blut.

Plötzlich sprach mich jemand an, und ich musste nach unten schauen, um meinen auf der Erde hockenden Gesprächspartner erkennen zu können. »Neuer Abend, neue Leiche. Schön, wenn sich bei der Arbeit mal Routine einstellt, oder?«

Es war die Stimme von Bart Kronen, einem der drei Gerichtsmediziner der Stadt, der neben der Toten hockte und dessen Glatze, wie alles andere am Tatort auch, im roten Neonlicht glänzte. Ich hockte mich ebenfalls neben die sterblichen Überreste des Mädchens.

»Als schön würde ich das Ganze hier nicht gerade bezeichnen«, antwortete ich. Als ich mich der Leiche genähert hatte, war mir aufgefallen, dass die Tote nicht nur den Geruch nach frischem Blut verströmte. Es lag auch noch eine schwere, moschusartige Note in der Luft, die nur eins bedeuten konnte. Ich warf Bart einen Blick zu, um zu sehen, ob er es schon bemerkt hatte, aber er war konzentriert mit einem Thermometer und einer Stoppuhr beschäftigt.

»Der Mörder hat sich die Zeit gelassen, ein Souvenir mitzunehmen. Denken Sie also dran, vor der Autopsie die komplette Hautoberfläche der Kleinen auf Abdrücke und andere Spuren zu untersuchen. Irgendeine Idee zu der Wunde an ihrem Hals?« Oder vielleicht hätte ich lieber fragen sollen: Irgendeine andere Erklärung dafür außer der offensichtlichen Vermutung, dass hier ein Werwolf am Werk war? Der moschusartige Geruch an der Leiche wies auf die Panik einer in die Falle geratenen Werwölfin hin. Möglicherweise war sie in die falsche Straße eingebogen und dann von einem verfeindeten Rudel überfallen worden.

Kronen kicherte so sehr, dass seine Pausbacken Falten warfen. »Wenn das hier vor den Hex Riots passiert wäre, hätte ich jetzt gesagt, dass wir es mit einem gesetzlosen Werwolf zu tun haben, der schnellstens erlegt werden muss. Aber wie die Dinge jetzt stehen …« Er zuckte mit den Schultern und begann, kleine Beweistütchen mit DNA-Wattestäbchen einzupacken. Anscheinend hatte er nicht bemerkt, wie ich bei dem Wort »erlegen« instinktiv zusammengezuckt war.

Außer den wenigen, die mit der Wandlung und den Phasen nicht klarkommen und komplett durchdrehen, töten Werwölfe eigentlich keine Menschen. Weder heute noch damals. Allerdings ist es eine allgemein bekannte Tatsache, dass in den Sechzigerjahren Angriffe durch Werwölfe zum Ausbruch der Hex Riots in Nocturne City geführt hatten. Wenn man damals gebissen wurde, hatte man keine andere Wahl, als einfach mit der ständigen und äußerst belastenden Angst zu leben, dass ein Mensch das Geheimnis entdeckte und tat, was er für richtig hielt. Hexen und Werwölfe genießen auch in der Gegenwart nicht sonderlich viele Bürgerrechte. Sicherlich gibt es Gesetze und Paragraphen, aber wenn man als Werwolf von einer Horde selbstgerechter Menschen mit Baseballschlägern gejagt wird, sind sie nicht mal das Papier wert, auf dem sie geschrieben stehen.

»Detective. Hören Sie mir zu?«

Ich wandte mich wieder Dr. Kronen zu. »Hmm … ja. Was denn?« Na toll. Sich noch mehr zum geistesabwesenden Volltrottel zu machen, war eigentlich unmöglich – außer vielleicht, wenn ich am nächsten Morgen in einem rosafarbenem Jogginganzug zur Arbeit antreten würde.

Kronen deutete auf die Hände des toten Mädchens. »Das sollten Sie sich mal ansehen. Sie hat ein paar hässliche Abwehrverletzungen.«

Ich zog den Handschuh an, den er mir hinhielt, und hob ihre rechte Hand an. Ihre Finger hingen schlaff herunter. An den Fingerkuppen war das Fleisch zerfetzt, und die Nägel waren entweder herausgerissen oder gebrochen. Mutiges Mädchen, hast bis zum Letzten gekämpft. Hast ihn gekratzt, dich mit Händen und Füßen gewehrt, damit alle sehen können, was passiert ist.

»Ich vermute, wir werden noch Hinweise auf eine sexuelle Nötigung finden.«

»Woraus schließen Sie das, Doc?«

Er verdrehte die Augen und klopfte sich beim Aufstehen mit den Händen den eigentlich nicht vorhandenen Schmutz von seiner Kakihose. »Die Todesursache scheint mir eine peri- und postmortale Verstümmelung des Opfers zu sein, und in Verbindung mit dem ritualartigen Abtrennen des linken Zeigefingers tippe ich auf ein Sexualverbrechen.«

»Sind Verstümmelungen nicht eher ein sekundäres Merkmal bei Sexualverbrechen?«

Kronen nickte. »Eigentlich schon, aber im Moment kann ich keine andere offensichtliche Ursache finden. Wir werden mehr wissen, wenn ich ihr Blut auf Drogen untersucht und sie aufgemacht habe. Die Haut mag einen Gerichtsmediziner mal täuschen, aber die Innereien sagen immer die Wahrheit.«

»Kronen, Ihr respektvoller Ton gegenüber den Opfern erstaunt mich immer wieder aufs Neue.«

»Detective, wenn man an diese Arbeit nicht mit einer gehörigen Portion Humor herangeht, würde man im Handumdrehen den Wölfen des Wahnsinns zum Opfer fallen.«

Schon wieder Wölfe. Was hatte Kronen bloß für ein Problem? Nun, solange er damit beschäftigt war, weiter über Wölfe zu schwadronieren, sollte ich vielleicht mithilfe meiner etwas spezielleren Fähigkeiten überprüfen, ob er nicht irgendetwas übersehen hatte.

Also schaute ich mir das Mädchen zum zweiten Mal an und atmete tief ein, wobei ich mit meinem Blick äußerst konzentriert ihre Haut, ihr Haar sowie die kleinen Falten, Vertiefungen und Risse absuchte, in denen sich noch weitere Spuren finden konnten. Durch einen plötzlichen und unverwechselbaren stechenden Schmerz verriet mir mein Körper, dass sich meine Augenfarbe gerade vom normalen Grau in das tiefe Gold einer Wölfin verwandelte. Anscheinend hatte ich durch die starke Beanspruchung meiner Sinne die Wölfin in mir geweckt. Ein schnelles Zwinkern genügte, und ich hatte meine Augenfarbe, von den anderen unbemerkt, wieder in menschliches Grau verwandelt.

Der Gestank von Körperfett, Urin, Blut und Abfällen mischte sich mit dem Geruch der feuchten Gehwegsteine, auf die ein Schauer niedergegangen war. Sicherlich keine sehr angenehme Mischung, aber in diesem Fall auch nichts Außergewöhnliches.

Das Mädchen schien um die zwanzig zu sein und hatte Porzellanhaut und schwarze Haare, an deren Ansatz aber eine hellere Farbe zum Vorschein kam. Lederrock, schwarze Plateauschuhe und ein knallig neongrünes Stretchtop, das ihren Busen betonte. Keine Tasche, kein Portemonnaie, keine versteckte Geldscheinrolle – einfach nichts, was zu ihrer Identifizierung hätte beitragen können. Die Option, einfach ihr Rudel ausfindig zu machen und dort nach Informationen zu fragen, fiel auch aus. Eine Insoli wie mich würde man dort bestenfalls nach einer ordentlichen Tracht Prügel wieder nach Hause schicken und schlimmstenfalls wie das tote Mädchen mit herausgerissener Kehle in irgendeiner Seitenstraße abladen.

Ich ging mit Kronen zum Van der Gerichtsmedizin hinüber.

»Und? Irgendwelche Theorien?«, fragte er mich und verstaute dabei seine Ausrüstung im Wagen.

»Wenn ich mir die Gegend und ihr Outfit ansehe, würde ich sagen … eine Professionelle. Wahrscheinlich ist ein Freier ausgerastet. Ist immer eine tragische Sache, passiert hier aber häufiger.«

Kronen war ein guter Gerichtsmediziner und ein anständiger Kerl, aber er teilte die unter Menschen weitverbreitete Ansicht, ein Werwolf sei böse, unheimlich und daher zum Abschuss frei. Ich hielt es für besser, ihm erst mal die klassische Geschichte der ermordeten Prostituierten ohne ID aufzutischen.

Kronen setzte sich ins Auto und zog die Tür zu. »Mord an einer Prostituierten in einer Seitenstraße in der Innenstadt? Schon seltsam. Und eigentlich auch ziemlich schockierend.«

»Absolut schockierend«, stimmte ich ihm zu und war froh, dass er keinen sarkastischen Kommentar abgab.

»Ich melde mich, wenn ich einen Termin für die Autopsie habe.«

»Danke. Gute Nacht.«

»Guten Morgen«, korrigierte er mich und hatte absolut recht, denn es war kurz vor halb fünf.

Ich schlüpfte unter dem Absperrband hindurch und stieg in meinen Wagen. Es war ein 1969er Ford Fairlane – schwarz, glänzend, schnell und um Längen besser als eine dieser Kisten ohne Nummernschild aus dem Polizeifuhrpark.

Wegen der Wölfin in mir bin ich eine Ermittlerin, die ihre Geheimnisse hat, und ab und zu auch dazu gezwungen, die Grenzen der Wahrheit etwas auszubeulen. Auch die Theorie, die ich Kronen aufgetischt hatte, war eigentlich nur der Versuch einer Ausrede. Die herausgerissene Kehle, die heftigen Abwehrverletzungen und der fehlende Finger sprachen allesamt für einen weitaus gewalttätigeren Tathergang als eine Auseinandersetzung zwischen Freier und Prostituierter oder ein Werwolfrudel, das eine Stricherin aus seinem Gebiet vertreiben wollte. Viele Rudel dealten auf der Straße und schickten ihre Weibchen zum Anschaffen in die Nacht hinaus. Wenn man dabei von einem strengen Rudelführer auf fremdem Territorium erwischt wurde, musste man sich sicherlich auf etwas gefasst machen, aber normalerweise kam der Eindringling mit ein paar blauen Flecken und einer demütigenden Bisswunde davon. Mord stand allerdings nicht auf der Tagesordnung. Alle wussten, dass sich dadurch nur unser aller Lage verschlimmerte.

Die Möglichkeit, dass ihr Mörder vielleicht ein äußerst brutaler Mensch gewesen war, schlug ich mir relativ schnell aus dem Kopf. Selbst ohne sich zu verwandeln, hätte ein Werwolf keinerlei Probleme mit einem menschlichen Gegner, selbst wenn der ihm von Größe und Gewicht her überlegen wäre. Wir sind stark. Vielleicht nicht so stark wie Spider-Man und Co., aber mit Menschen kommen wir ganz gut klar.

Allem Anschein nach schlugen meine Versuche, eine rationale Erklärung für die offensichtlichen Theorien zu finden, allesamt fehl, was nichts anderes bedeuten konnte, als dass ich mit meinem Bauchgefühl recht hatte. Sie war aus einem anderen, einem ganz bestimmten Grund ermordet worden. Als Werwolf schenkt einem die Natur nicht nur sehr sensible Sinnesorgane, sondern – meiner Überzeugung nach – auch äußerst leistungsfähige Instinkte. Diese würden mir nun hoffentlich dabei helfen herauszufinden, warum dieses Mädchen dort leblos auf dem nassen Pflaster lag.

Als ich vom Tatort wegfuhr, warf ich einen kurzen Blick auf die Uhr im Armaturenbrett und bog dann auf den Magnolia Boulevard ab, das einstige Herz der Innenstadt von Nocturne City. Mittlerweile würden aber selbst ein vierfacher Bypass und ein Schrittmacher diesem Herzen kein Leben mehr einhauchen. Von den Straßenrändern starrten mich die mit Bretter vernagelten Schaufenster einstiger Ladengeschäfte so furchterregend wie leere Augenhöhlen an. Durch ramponierte Straßenlampen nur notdürftig beleuchtet, gab es in dieser Gegend genügend Schatten und dunkle Ecken, um jeder Menge zwielichtiger Beschäftigungen nachzugehen.

Es war vier Uhr zweiundvierzig. Morgens. Ohne die Fingerabdrücke und die Röntgenaufnahmen aus dem Leichenschauhaus würde ich bei der Identifizierung der Toten vorerst nicht weiterkommen. Somit konnte ich für den Rest meiner Schicht nichts weiter tun, als zum 24. Revier zurückzufahren, meinen Bericht zu tippen und zu schauen, ob es neue Erkenntnisse in meinen anderen sieben laufenden Fällen gab. So richtig glaubte ich aber selbst nicht daran. Die Nachtschichten im Morddezernat von Mitternacht bis acht Uhr morgens trugen weder zu einer Verbesserung meiner Aufklärungsrate noch zur Verminderung meiner Augenringe bei. Ab und zu spielte ich in diesen Nächten tatsächlich mit dem Gedanken, einfach in das Unternehmen zu investieren, das meinen bevorzugten Abdeckstift produzierte, und mich dann in der Gewissheit auf fette Renditen beruhigt in den Ruhestand versetzen zu lassen.

Dort, wo der Magnolia Boulevard die Highlands Avenue kreuzte, bog ich rechts ab und fuhr hinüber zum alten viktorianischen Viertel mit dem Namen Highland Park. Diese Gegend war eine der wenigen in Nocturne City, in denen die Bewohner die Stadtverwaltung davon hatten abhalten können, im Modernisierungswahn die Straßen zu verbreitern und die hundertjährigen Eichen abzuholzen. Mitten in diesem Viertel befand sich auch mein Revier – das 24. Man hatte es in einem schmalen, zweistöckigen Backsteinhaus untergebracht, das mal zu der Zeit ein Feuerwehrhaus gewesen war, als die Löschwagen noch von Pferden gezogen wurden und die Brände der Hex Riots noch in einer weit entfernten Zukunft lagen.

Der Parkplatz für die Polizisten am 24. war einst die Weidefläche der Löschzugpferde gewesen und bot meinem Fairlane nur noch einen einzigen freien Parkplatz – wenn man die enge Lücke zwischen zwei Streifenwagen überhaupt als solchen bezeichnen konnte. Als Detective stand mir eigentlich ein fester Parkplatz zu, aber der war schon besetzt. Beim Einparken setzte mein Fairlane vorn auf dem Bordstein auf, und ich zuckte zusammen, da es sich nicht so angehört hatte, als wenn man den entstandenen Schaden mit einem feinen Pinsel und ein paar Tropfen Black-Magic-Nagellack ungeschehen machen könnte.

Ich stieg aus und warf einen Blick auf das Auto, das auf dem Platz stand, den ich mir schwer erarbeitet hatte. Unter dem kleinen Wappen mit dem aufsteigenden Mond stand City Vehicle. Außer diesem Wappen, das auf einen Angestellten der Stadt hinwies, war an dem schwarzen Lexus mit seinen getönten Scheiben weder ein Nummernschild zu entdecken noch eine andere Kennzeichnung auszumachen. Was der Wagen am 24. und dazu noch auf meinem Parkplatz zu suchen hatte, war ein Rätsel, dessen Lösung mich in diesem Moment allerdings nicht weiter interessierte.

Mit einem Tritt gegen die Stoßstange des Lexus ließ ich meinem Frust freien Lauf und ging dann ins Revier.

Irgendwann hatte man in unserem Department offenbar beschlossen, dass Neonlichter nicht nur preiswert, sondern auch eine Wohltat für die Gesichtshaut der Beamten seien, und praktisch sämtliche Decken des Reviers waren mit Leuchtstoffröhren zugepflastert. Außer dieser kleinen Veränderung erinnerte das 24. noch immer stark an eine Feuerwache. In einer Ecke des Aufenthaltsraums gab es sogar noch eine Rutschstange aus Messing, die zur Weihnachtszeit manchmal mit Lametta geschmückt wurde.

Mein Schreibtisch stand einsam in einer Ecke und bot gerade genug Platz für meinen Computer, eine Hängeregistratur und ein Bild von meiner Cousine Sunny, meiner Großmutter und mir. Auf der Aufnahme waren Sunny und ich noch Kinder. Meine Großmutter und Sunny lächelten. Ich nicht.

Ich holte mir erst mal einen Kaffee und wollte dann mit dem Bericht über meine Jane Doe anfangen. Opfer mit nicht geklärter Identität werden unter Cops alle Jane Doe beziehungsweise John Doe genannt, und in diesem Jahr war sie mittlerweile die dritte nicht identifizierte Tote, die auf meinem Schreibtisch gelandet war.

Der Aufenthaltsraum war absolut leer. Nur der Polizist am Empfangstresen winkte mir zu, als ich vorbeiging.

»Lange Nacht, Wilder?«

»Kommt mir vor wie die längste Nacht aller Zeiten, Rick.«

Er nickte mitfühlend.

»Hab gehört, du hast einen Mord mit Verstümmelung unten auf dem Magnolia Boulevard aufs Auge gedrückt bekommen.«

Ich hatte es schon vor langer Zeit aufgegeben herauszufinden, wie sich der Polizeitratsch in derart rasanter Geschwindigkeit über die internen Informationskanäle verbreitete. Das konnte einen wahnsinnig machen.

»Korrekt«, war alles, was ich erwiderte.

»Sag mal, wie geht’s Sunny eigentlich?«, fragte er mich mit einem scheuen Lächeln. Seitdem meine Cousine nach Nocturne gezogen war, schien Rick in sie verknallt zu sein. Ob er allerdings schon herausgefunden hatte, dass sie eine Hexe war, wusste ich nicht.

»Es geht ihr gut. Sie gibt Meditationskurse drüben am Cedar Hill Community College. Wie geht’s deinem Kleinen?« Ricks Frau hatte ihn vor drei Jahren sitzen lassen – und zwar mit einem fünfjährigen Sohn und einem Job, in dem er ohne Ende Nachtschichten schob. Soweit ich das beurteilen konnte, schlug er sich aber ganz wacker. Auf seine Art war Rick ein recht attraktiver Kerl – so wie die meisten dieser ruhigen, schwarzhaarigen Typen – und außerdem so bodenständig wie ein Zementpfeiler. Sicherlich eine gute Partie für Sunny, aber auch nur ein ganz normaler Mensch ohne besondere Fähigkeiten. Ich würde die beiden auf keinen Fall zu einer Beziehung ermutigen.

»Großartig. Er wächst schneller als ein …«

Wir wurden durch das Knallen der auffliegenden Milchglastür am Ende des Flurs unterbrochen. Wilbur Roenberg, der Captain des 24. Reviers, stürmte heran. Ihn zu dieser frühen Stunde schon auf dem Revier zu sehen, drehte mir förmlich den Magen um. Roenberg und ich kamen noch nicht mal dann sonderlich gut miteinander aus, wenn ich eine ganze Nacht durchgeschlafen hatte – geschweige denn am Ende einer harten Nachtschicht.

»Wir bleiben in Kontakt, Wilbur«, sagte ein klein gewachsener Mann, dessen Haar- und Augenfarbe perfekt auf seinen dunklen Anzug abgestimmt zu sein schienen. Er schloss die Tür des Captains und steuerte mit kurzen Schritten den Flur hinunter in unsere Richtung. Er trug eine schwarze Aktentasche, und seine Schuhe waren tadellos poliert und glänzten. Der dunkle Anzug stellte sich bei näherer Betrachtung als Smoking heraus, und seine rote Seidenkrawatte war der einzige Farbtupfer in seinem sonst einfarbigen Outfit.

Roenberg wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht, bevor er am Ende des Flurs in Richtung Herrentoilette verschwand.

»Einen schönen Abend noch!«, rief Rick dem Besucher zu, als der am Empfangstresen vorbeiging. Der kleine Mann drehte sich um und warf Rick einen bösen Blick zu. Ich hörte, wie Rick kurz schluckte. Mr Smoking hatte seine Hand zwar schon an der Ausgangstür, starrte uns aber beharrlich an. Seine Haltung hatte etwas Reptilartiges an sich, sodass er wie jemand wirkte, der zu kämpfen verstand und auch nicht vor dreckigen Tricks zurückschreckte.

»Sollten Sie nicht eher Ihrer Arbeit nachgehen, als hier zu flirten?«, fragte er schließlich, wobei er mich mit seinen dunklen Augen anfunkelte.

Jetzt war ich an der Reihe und warf ihm einen feindseligen Blick zu. Mr Smoking schien nur mäßig beeindruckt – lediglich seine vollen Lippen kräuselten sich etwas.

»Kann ich Ihnen sonst noch irgendwie weiterhelfen, Sir?«, fragte ich und zupfte dabei mein loses T-Shirt zurecht, sodass meine Dienstmarke und die Pistole deutlich zu sehen waren.

Nach zwei langen Klicks des Sekundenzeigers senkte er die Augen. Eins zu null für Luna!

»Mein Name ist Lockhart. Und nein, ich glaube nicht, dass Sie mir irgendwie weiterhelfen können, Officer«, sagte er. Dann drehte er sich auf dem Absatz um und stürmte aus dem Gebäude, als hätte ihn jemand in den Hintern gekniffen.

»Was für ein Arschgesicht«, brummte Rick und hackte irgendwas in die Computertastatur.

Ich ging zur Tür und sah, wie Mr Smoking in Richtung Parkplatz eilte. Wie erwartet, setzte er sich in den schwarzen Lexus, der auf meinem Stellplatz stand, und brauste dann die Highlands Avenue hinunter. Ein hohes Tier von der Stadt also mit Namen Lockhart … den würde ich mir gut merken. Wenn er das nächste Mal Hilfe brauchen sollte, um ein Knöllchen ungeschehen zu machen, würde er bei meinen Kollegen auf Granit beißen.

Als ich zu meinem Schreibtisch zurückging, prallte ich fast mit Captain Roenberg zusammen, der aber noch rechtzeitig auswich. Sein Gesicht war rot angelaufen, und sein Atem roch nach abgestandenem Kaffee. »Entschuldigung, Detective Wilder.«

»Ist schon in Ordnung, Sir«, erwiderte ich, aber eigentlich wusste ich, dass es ihm keinesfalls leidtat. Roenberg schien nicht nur modetechnisch das Überbleibsel aus einer anderen Zeit zu sein. Wenn er sich mal dazu herabließ, mir in die Augen zu schauen, war es offensichtlich, dass er sich vorstellte, ich hätte nichts weiter an als Pumps und eine mit Rüschen besetzte Minischürze. Der Fairness halber muss man dazu sagen, dass ich bei jeder unserer unglückseligen Begegnungen mächtig Lust bekam, eine kräftige Linke in sein kleines, arrogantes Gesicht zu versenken.

»Ja …«, sagte er abwesend und eilte an mir vorbei zu seinem Büro.

»Hoffentlich hab ich Sie jetzt nicht mit irgendwas angesteckt, Sir«, murmelte ich zynisch mehr zu mir selbst und war erleichtert, dass sich unsere Wege schon wieder trennten. Nicht alle Cops auf dem 24. vermittelten mir so eine Ablehnung wie Roenberg. Die meisten kamen eigentlich ganz gut damit klar, dass ich eine Frau war – allerdings behielt ich das mit dem Werwolf lieber für mich. Bei den Kollegen würde die Wahrheit wahrscheinlich weniger gut ankommen.

Ich hatte mir vorgenommen, den Bericht für meine neue Jane Doe zu tippen und dann etwas früher Schluss zu machen. Es war klar, dass ich bei meinen anderen sieben Fällen heute Nacht nicht mehr auf eine heiße Spur stoßen würde.

Name?, wollte der Computer wissen. Ich tippte Jane Doe ein. Alter? Unbekannt. Ich füllte die Kästchen mit den Angaben zur äußeren Erscheinung aus und schickte die Datei dann zur Überprüfung an die Vermisstenabteilung. Mit etwas Glück würde ich in drei Wochen erfahren, dass sie nichts gefunden hatten.

Todesursache?

Meine Finger schwebten über den Tasten. Vor meinem geistigen Auge sah ich das Mädchen auf dem nassen Straßenpflaster liegen – um ihre herausgerissene Kehle das getrocknete Blut und in der Blutlache unter ihr die verklebten langen schwarzen Haare. Ihre enge Kleidung, die keinen Platz für Ausweispapiere ließ. Aufgerissene, blutige Hände, mit denen sie sich gewehrt hatte … aber gegen was oder wen hatte sie sich gewehrt?

Ich blinzelte erschöpft. Die Nacht war einfach zu lang gewesen und hatte zu viel Tod mit sich gebracht. In das Feld zur Todesursache tippte ich Verblutet und klickte auf das Kästchen, das anzeigte, dass die Autopsie noch ausstand. Als der Drucker ein Exemplar meines Berichts ausgespuckt hatte, fügte ich die üblichen Formulare an und verstaute die neue Akte bei meinen anderen offenen Fällen in einem zerfledderten Akkordeonordner auf meinem Schreibtisch.

Jane Doe: Bericht geschrieben, Ermittlungen eröffnet und die Akte dort deponiert, wo sie hingehörte – bei meinen anderen ungeklärten Fällen.

Ich stand auf, streckte mich und schlüpfte in meine abgewetzte Motorradjacke. Mein Signalgeber im unteren Bereich meines Rückens meldete sich wieder mit einem stechenden Schmerz. Es war also definitiv an der Zeit, nach Hause zu fahren. Als ich die Tür des Aufenthaltsraums erreicht hatte, hörte ich eine Stimme hinter mir, die sagte: »Wo will dieser süße Arsch denn jetzt schon hin?«

Als ich mich umdrehte, blickte ich direkt in das anzüglich grinsende Gesicht von Detective David Bryson, der eigentlich mein Kollege war. Allerdings muss das Wort Kollege in seinem Fall um einige Bedeutungsnuancen erweitert werden: verbale Anzüglichkeiten seinerseits, ein brennendes Verlangen, ihm körperliche Gewalt anzutun, meinerseits. Der einzige Grund, die Wölfin in mir im Zaum zu halten und ihn nicht zu Kleinholz zu verarbeiten, bestand in der Hoffnung, irgendwann mitzuerleben, wie er wegen sexueller Belästigung rausgeschmissen wurde.

»Hey, Wilder …«, keuchte er. Ein junger Latino war mit Handschellen an Brysons Arm gekettet. Der junge Mann trug Gang-Tattoos und hatte eine blutige Wunde an der Schläfe. »Sei ein gutes Mädchen und hilf mir, dieses Stück Dreck hier ins Vernehmungszimmer zu bringen«, sagte Bryson, während er seinen Arm aus der einen Handschelle löste und dem Latino dann beide Arme auf dem Rücken zusammenkettete.

»Was zum Teufel ist mit seinem Kopf passiert?« Der Gangster roch nach Schweiß, billigem Gras und nach Angst – Bryson hingegen verströmte eine Adrenalinnote und einen kupferartigen Geruch nach rasender, aber impotenter Wut.

Er grinste mich an. »Unser Vato hier hat Widerstand geleistet. Da hab ich ihn mit der Motorhaube meines Wagens Bekanntschaft machen lassen.«

Ich holte tief Luft. »Das ist großartig, Bryson. Wirklich phänomenal. Was steht für den Rest der Schicht noch auf dem Programm? Toilettenschüsseln und Telefonbücher?«

»Ach komm, wem soll er denn das schon erzählen? Der Idiot spricht doch nicht mal unsere Sprache.« Er schubste den Latino in einen Stuhl neben seinem Schreibtisch. »Stimmt’s nicht, Pedro?«

»Su madre aspira martillos en el infierno«, brummte Pedro, und ich drehte mich schnell weg, damit Bryson nicht mitbekam, wie ich wegen der Beleidigung des Latinos prustete und hämisch grinste. Er war allerdings so sehr in Fahrt, dass er es mit seinem puterroten Gesicht sowieso nicht bemerkt hätte.

Stattdessen packte er Pedro im Nacken, zerrte ihn aus dem Stuhl und stieß ihn mit dem Kopf voran gegen die Wand des Aufenthaltsraums.

Pedro stöhnte kurz auf, sackte zusammen und rollte sich auf dem Linoleumboden zusammen. »Du denkst wohl wirklich, das wäre alles furchtbar witzig hier, was?«, schnauzte Bryson und holte zu einem Fußtritt aus.

Ich beugte mich über Pedro und hielt meine Hand schützend über ihn. »Genug jetzt, Bryson.«

Der starrte mich mit hochgezogenen Schultern zornig an und schien seinen Fuß, mit dem er ausgeholt hatte, nicht auf den Boden stellen zu wollen. Eigentlich hatte ich genug Zeit im Kickbox-Dojo verbracht, um mit einem mir körperlich überlegenen Gegner fertig zu werden. Aber Bryson war nicht nur groß, sondern auch bewaffnet und als Cop ganz gut trainiert. In dieser Situation brachten uns Worte sicherlich weiter als Roundhouse-Kicks.

»Er hat es verdient«, fauchte mich Bryson an, als er merkte, dass ich mich nicht von der Stelle rührte.

»Hör sofort auf damit, oder ich werde dem Jungen dabei helfen, eine Anzeige gegen dich aufzusetzen«, sagte ich zu Bryson. »Und du kannst dir sicher sein, dass ich Lieutenant McAllister sogar zu Hause anrufe, um sicherzugehen, dass er sie liest.«

Nach einer weiteren langen Sekunde machte Bryson einen Schritt nach hinten und rückte seine Krawatte zurecht. Pedro stand auf und rannte davon wie der Teufel.

Bryson stieß einen dramatischen Seufzer aus. »Verdammt, Wilder. Du kannst einem aber auch jeden Spaß verderben.« Seine Augen wanderten über meine Brust nach unten, immer tiefer, und dann wieder hinauf. »Wenn du nicht so ein süßes Ding wärst, würde ich dir jetzt eine verpassen.« Er fuhr mit seinem Arm um mich herum und gab mir einen Klaps auf den Hintern. »Bedank dich bei deinem schmucken Hinterteil, dass ich’s nicht tue.«

Einen Sekundenbruchteil später quiekte Bryson auf, als ich seinen Zeigefinger packte und ihn mit so viel Kraft nach hinten bog, dass ein bisschen mehr Druck ausgereicht hätte, um ihn zu brechen.

»David, ich weiß, dass diese Unterhaltung längst überfällig war, und ich gebe auch zu, dass das ganz und gar meine Schuld ist. Bis vor ein paar Sekunden habe ich einfach nicht glauben können, dass du wirklich so ein gigantisches Arschloch bist. Aber offenbar habe ich mich geirrt. Deswegen hör jetzt gut zu, was ich dir zu sagen habe.«

»Du brichst mir meinen Abzugsfinger!«, jaulte er.

»Dann hättest du ihn besser nicht auf meinen Hintern legen sollen.« Ich drückte noch etwas fester. »Es kümmert mich einen feuchten Dreck, was du über mich denkst. Aber um das ein für alle Mal klarzustellen: Ich denke, dass du ein inkompetenter, gewalttätiger Psychopath bist, der nichts bei der Polizei verloren hat.« Irgendwo unterwegs zwischen dem ermordeten Mädchen und diesem Volltrottel Lockhart war mein Frust in blanke Wut umgeschlagen. Und tief in meinem Innern fühlte ich, wie sich diese Wut ihren Weg nach außen bahnte. Bryson war in Wirklichkeit nichts weiter als eine willkommene Zielscheibe – verdient hatte er es natürlich allemal.

»Da wir uns jetzt so gut zu verstehen scheinen, David …«, presste ich zwischen den Zähnen hervor und genoss dabei seinen durch meinen Griff hervorgerufenen Schmerzensschrei, »kannst du dir deine Meinung über mich ganz tief in den Allerwertesten schieben – falls da überhaupt noch Platz neben deinem Kopf ist natürlich.« Ich verdrehte seine Hand bis zur absoluten Grenze der Belastbarkeit und merkte, wie einfach es gewesen wäre, ihn ernsthaft zu verletzen. Wie einfach es gewesen wäre, mich über ihn zu beugen und seinen heißen Atem zu spüren, während ich ihm die Kehle rausriss. Meine Hand drückte seinen Finger weiter nach hinten, und auf einmal knackte es in seinem Gelenk, so laut, dass ich ihn etwas erschrocken losließ und einen kleinen Satz zurückmachte.

Bryson starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an und hielt sich die Hand. Dann drehte er sich, ohne ein Wort zu sagen, um und rannte aus dem Aufenthaltsraum. Was für ein Baby!

Kaum war er verschwunden, rannte ich zu meinem Auto.

Verdammt! Es hatte mich noch nie so früh vor einem Vollmond erwischt wie jetzt – und auch noch nie so heftig. Dabei dauerte es noch volle sieben Tage. Ich fuhr über die Kette unter meinem Shirt und spürte den kühlen Kuss des sternförmigen Silberanhängers auf meiner Haut. Die Raserei, die eben im Aufenthaltsraum über mich gekommen war, pulsierte immer noch in meinen Adern und verlangte nach Befriedigung – nach einer Jagd mit einem blutigen Ende.

Als Werwolf ist man nichts weiter als ein von Instinkten getriebenes Nervenbündel, nur locker zusammengehalten vom dünnen Schleier der menschlichen Gestalt, der uns bedeckt, während der Mond sich erneuert. Wenn wir aber wütend werden, haben Wörter wie Selbstbeherrschung und Kontrolle keinerlei Bedeutung mehr. Als Wolf kann man, ohne es zu wollen, sehr leicht andere Menschen verletzen, und jeder von uns wird das sicherlich auch mindestens einmal in seinem Leben tun. Um die Wandlung zu unterdrücken, tragen manche Silber oder reiben eine kleine Menge der auch als Wolfswurz bekannten Pflanze namens Eisenhut auf ihre Haut – allerdings darf man dann keine allzu großen Probleme damit haben, wie der Medizinschrank einer Siebzigjährigen zu riechen. Wenn einen die Raserei des Wolfs allerdings überkommt, kann nichts auf Erden seinen Ausbruch aufhalten.

Als ich das Auto anließ, musste ich ein paarmal tief ein- und ausatmen, um das Zittern meiner Hände in den Griff zu bekommen. Bryson war ein Idiot und ein furchtbarer Cop dazu, aber was ich getan hatte, war unverzeihlich. Ich hatte die Kontrolle verloren. Etwas hatte die Wölfin in mir geweckt, und dass ich nicht wusste, was es war, jagte mir eine Höllenangst ein.

Ich holte den Pentagramm-Anhänger unter meinem Shirt hervor und berührte ihn alle paar Sekunden mit meiner freien Hand. Beruhigen konnte mich das allerdings nicht, als ich nach Hause fuhr, während die Sonne aufging.

2

Als ich zu Hause ankam, hatte sich der Sonnenaufgang in eine flauschige rosa Linie am Horizont verwandelt, dessen Zentrum in einem tiefen Orange glühte. Das leicht baufällig wirkende, anderthalbstöckige Häuschen, in dem Sunny und ich wohnten, stand auf einem Hügel, der auf der Rückseite zum Ozean hin abfiel. Wir wohnten quasi auf der dem eigentlichen Stadtzentrum gegenüberliegenden Seite der Siren Bay. Es war nicht gerade eine besonders trendige Gegend, aber dafür war die Luft sauber, und nachts hörte man verhältnismäßig wenige Schüsse. Als ich aus dem Fairlane stieg, roch ich eine salzige Brise, die vom Meer herüberwehte, und ich konnte das sanfte Rauschen der Wellen hören. Es war fast so, als würde ich direkt am Ufer stehen. Die feuchte Luft streichelte die Wildrosen, die sich an der Vorderseite des Häuschens emporrankten, sodass es beinahe so aussah wie auf einer dieser kitschigen Hallmark-Postkarten.

Aus dem Küchenfenster fiel Licht, weswegen ich schon in der Eingangstür, während ich mir die Schuhe abstreifte, rief: »Bin wieder da!«

Sunny tappte barfuß zu mir in den Flur. Sie trug nur eine Jogginghose und ein einfaches Tunikashirt. Ich schüttelte den Kopf und dachte daran, wie schön doch das Leben wäre, wenn ich in so einem Aufzug – im Grunde genommen war es ja nichts anderes als ein großer Baumwollsack – so gut wie meine kleine Cousine aussähe.

»Morgen«, begrüßte sie mich und spielte dabei mit dem Teebeutel in ihrer lilafarbenen Keramiktasse.

»Ich werde nie begreifen, wie du so früh aufstehen kannst, wenn es keinen wirklich wichtigen Grund dafür gibt«, sagte ich zu ihr. »Ich bin so verdammt müde, dass ich die Hex Riots verschlafen könnte.«

Sunny zuckte mit den Schultern. »Wir Hexen lieben die Morgendämmerung. Schadet schließlich nichts, sich öfter mal daran zu erinnern, woher man seine Gabe hat.«

»Tja, dann hat es anscheinend doch seine Vorteile, dass in meinen Adern nicht das legendäre Hexenblut der Swanns fließt«, erwiderte ich müde lächelnd. Swann war der Mädchenname meiner Mutter und ihrer Schwester Delia, die die Mutter von Sunny war. Delia, Sunny und meine Großmutter hatten alle dieses Blut in sich. Ich hatte es nicht. Meine Großmutter machte dafür meinen Vater, einen normalen Menschen namens Vincent Wilder und ohne besondere Fähigkeiten, dafür verantwortlich. Insgeheim glaubte ich, dass sie wahrscheinlich recht hatte, aber nach außen hin tat ich so, als würde mich die Frage, ob ich das Blut in mir hatte oder nicht, so sehr interessieren wie ein fliegender Besen – nämlich überhaupt nicht.

Sunny hielt mir ihre Tasse hin. »Grünen Tee? Oder vielleicht einen Chai?«

Ich schüttelte den Kopf. »Das Einzige, was ich jetzt will, ist eine richtig heiße Dusche und etwas Schlaf.«

»Du hast ja keine Ahnung, was du verpasst«, meinte sie mit einem Augenzwinkern und sammelte dann ihre Utensilien zusammen – einen knubbeligen Holzcaster und etwas Salbei-Räucherwerk –, um die Morgendämmerung zu begrüßen.

»Da bin ich mir sicher«, erwiderte ich und streifte meine Jacke ab, deren dickes Leder meiner Haut nicht nur so manche Schürfwunde erspart, sondern auch meine Rippen schon mehr als einmal vor Messerstichen geschützt hatte. Ich hängte sie zusammen mit meinem Schulterholster neben Sunnys moosgrünes Schultertuch auf unseren Kleiderständer. Meine Pistole der Marke Glock verstaute ich im Mittelfach des alten Schreibtischs, der uns als Ablagefläche für Briefe, Schlüssel und allen möglichen anderen Krimskrams diente. Nachdem ich das Mittelfach abgeschlossen hatte, hängte ich mir den Schlüssel um den Hals. Das Klischee vom harten Cop, der mit der Knarre unter dem Kopfkissen schläft, ist totaler Quatsch – Polizisten ballern sich zu Hause nämlich genauso oft aus Versehen die Rübe weg wie Zivilisten.

Sunny schaute mich mit einem leicht missbilligenden Ausdruck an. Das tat sie immer, wenn ich in ihrer Gegenwart mit meiner Pistole hantierte. Hexen, die wie Sunny mit Castern arbeiteten, nannte man Casterhexen, und sie waren, wie man es von Anwendern weißer Magie nicht anders erwarten konnte, bekannt für eine eher pazifistische Grundeinstellung. Immer wenn ich dieses Theater abzog, um ihr zu zeigen, dass ich die Glock sicher verwahrte, fühlte ich mich, als würde ich nicht nur sie, sondern auch mich betrügen. Wir beide wussten schließlich, dass Sunny in erster Linie nicht vor der Glock Angst hatte. Ich stellte ein weitaus größeres Risiko für sie dar.

»Ist während deiner Schicht irgendwas Schlimmes passiert?«, fragte sie. Auch wenn sie nicht medial veranlagt war, so fühlte sie als Hexe aber doch deutlich, wenn die Energien gestört waren.

»Ein Mord«, antwortete ich und rieb mir die Augen. Es fühlte sich so an, als sei etwas von dem Sand, den wir dauernd mit den Schuhen in unseren Flur schleppten, unter meine Augenlider geraten. »Ein Mädchen. Eine junge Frau, vielleicht zwanzig oder so. Sie war … es ist nicht schnell vorbei gewesen.«

Noch bevor ich reagieren konnte, hatte mich Sunny umschlungen und drückte mich an sich. »Tut mir leid, Luna«, flüsterte sie.

Normalerweise versteife ich mich oder zucke zumindest zusammen und weiche zurück, wenn Sunny auf derart überwältigende Weise ihr Mitgefühl äußert – aber in diesem Moment fühlte es sich einfach gut an, Körperkontakt mit einem Menschen zu haben, der weder mit Handschellen gefesselt ist noch meinen Hintern begrapschen will. Im Gegenzug klopfte ich leicht auf ihre Schulter und entwand mich dann ihrer Umarmung. »Danke, Sun. Ich springe jetzt unter die Dusche.«

Sie nickte und sagte: »Ich muss auch raus, bevor die Morgendämmerung ganz vorbei ist.« Damit verließ sie das Haus – immer noch barfuß.

Ich stand ein paar Sekunden gedankenverloren in der Mitte unseres Wohnzimmers, drehte mich dann aber um und lief ihr nach. »Sunny!«

Sie war schon fast zur Hälfte durch unseren sandigen Vorgarten gestapft. Sie blieb stehen und wandte sich mir zu. »Was ist?«

»Wirst du hier sein, wenn ich aufwache? Ich …« Vergiss deinen Stolz, Luna. Deine Mondphasen sind durcheinander und dieser verdammte Stolz wird dir herzlich wenig nützen, wenn du die Leute um dich herum in Stücke reißt. »Ich muss mit dir über meine Phasen sprechen. Ich hab das Gefühl, dass da was nicht stimmt.«

Sunny nickte, und Sorgenfalten verdunkelten ihr rundes Gesicht. »Natürlich, Kleine. Heute muss ich keinen Kurs geben. Ich werde also hier sein. Wir sprechen darüber, sobald du wach bist.«

Als ich im Obergeschoss heißes Wasser aus dem mickrigen Duschkopf unserer Badewanne auf meine Haut rieseln ließ, fühlte ich mich immer noch nicht besser. Sunny war zwar eine Hexe, aber das machte sie nicht automatisch zu einer Werwolfexpertin. Ohne die Unterstützung eines Rudels war Sunny auch nur eine Blinde, die eine andere Blinde zu führen versuchte.

Ich streifte mir eine Jogginghose und ein Trägerhemd über und fiel einfach ins Bett. Noch bevor mein Kopf das Kissen berührte, war ich eingeschlafen.

In meinem Traum starrten mich Jane Does offene Augen an, und frisches Blut lief im Schein einer Straßenlaterne über das Kopfsteinpflaster.

Irgendwann wachte ich durch Geräusche aus dem Nebenzimmer auf, wo Sunny summend mit irgendetwas herumraschelte. Sensible Ohren sind nicht unbedingt von Vorteil, wenn man eine Mitbewohnerin hat.

In meinem Kopf hämmerte und dröhnte es. Das Epizentrum schien direkt zwischen meinen Augen zu liegen. Ich drehte mich um, stöhnte und schaute auf meinen Wecker. Ein Uhr nachmittags – für jemanden, der normalerweise nicht vor acht Uhr morgens ins Bett kam, hatte ich in letzter Zeit einen verdammt leichten Schlaf.

Als ich aufstand und zu meinem Schrank wankte, um mir etwas zum Anziehen rauszusuchen, blieb ich mit dem Fuß in einem ganzen Haufen Jeans hängen. Ich fluchte. Es war allerhöchste Zeit, etwas von diesem ganzen Zeug in die Kleidersammlung zu geben.

Sunny hatte mich offenbar gehört und klopfte kurz danach an meine Zimmertür. Ich hätte schwören können, dass sie, obwohl sie keine Werwölfin war, bessere Ohren hatte als ich.

»Luna? Bist du wach, oder fluchst du wieder im Schlaf?«

»Kommt ein bisschen auf deine Definition von wach an.«

Sie kam ins Zimmer und setzte sich auf die Bettkante. Sie hatte sich umgezogen und trug eine locker sitzende schwarze Baumwollhose, kombiniert mit einem geschmeidigen violettfarbenen Oberteil mit weiten Ärmeln und einem tief ausgeschnittenen, spitzenbesetzten Kragen. Die meisten würden darin wie irgend so eine Tante auf einem Mittelaltermarkt aussehen, aber Sunnys schmale Taille und das ihre Kurven betonende Oberteil machten das wieder wett. In meinem Pyjama fühlte ich mich jetzt reichlich underdressed, sodass ich mir schnell einen Morgenrock überzog und in meine Boudoir-Pantoffeln mit den roten Seidenspitzen schlüpfte.

»Können wir gleich zur Sache kommen, Luna? Ich trockne gerade ein paar Hagebutten, die ich heute Morgen gepflückt habe, und die kann ich nicht allzu lange liegen lassen.«

»Wenn du mir versprichst, dass ich nie wieder den Tee trinken muss, den du aus diesen Hagebutten zusammenbraust, machen wir es ganz kurz.«

Sunny presste ihre Lippen aufeinander und brummte: »Die meisten Leute mögen meine Tees eigentlich.«

»Falls du es noch nicht bemerkt haben solltest, Cousinchen, ich bin nicht ganz so wie die meisten Leute. Die meisten Leute verwandeln sich bei Vollmond nämlich nicht in einen Hundert-Kilo-Werwolf.« Ich warf einen Haufen T-Shirts und Unterwäsche von meinem Schaukelstuhl, sodass gerade genug Platz für meinen Hintern war, und setzte mich.

»Du solltest wirklich mal was von dem ganzen Zeug hier zur Kleiderspende bringen«, bemerkte Sunny, was ich mit einem wütenden Blick quittierte.

Sunny und ich sind in vielerlei Hinsicht äußerst gegensätzlich – und das betrifft nicht zuletzt unseren Kleidungsstil. Als sie damals aus unserer Heimatstadt San Romita nach Nocturne City gezogen war, musste sie mir quasi eine Pistole an den Kopf halten, um mich davon zu überzeugen, dass es eine gute Idee sei, wenn wir zusammenziehen würden. Manchmal allerdings – wenn sie zum Beispiel Tag und Nacht ohne Unterlass Sprüche herunterbetete oder mal wieder einen besonders fürchterlich riechenden Zauber zusammenbraute – war ich mir gar nicht mehr so sicher, ob das wirklich eine gute Idee gewesen war.

Aber als sie mich fragte: »Also, was ist nun los mit deinen Phasen?«, war ich verdammt glücklich, sie an meiner Seite zu wissen.

»Na ja …«, seufzte ich. Der Zusammenstoß mit Bryson erschien mir jetzt – am helllichten Tag und nach ein paar Stunden Schlaf – absolut beschämend. Selbst wenn er es verdient hatte … »Letzte Nacht bin ich mit Bryson aneinandergeraten.«

Sunny hob eine Augenbraue. Sie kannte Bryson. »Okay. Und weiter?«

»Er hat mich betatscht. Da hab ich ihn mir vorgenommen. Ich glaube, ich hab ihm einen Finger gebrochen. Er jedenfalls hat geschrien vor Schmerz, und ich habe es genossen, Sunny. Ich hätte mich fast verwandelt. Ich hätte ihn töten können.«

Sunny biss sich auf die Lippe.

Wir sehen uns recht ähnlich. Allerdings ist ihr Gesicht rund, meins eher schmal – ihres ist offen und warm, während meins mich oft wie ein gemeines Scheusal aussehen lässt. In diesem Moment machte ihr Gesichtsausdruck nicht gerade den Eindruck, als sei sie sonderlich stolz auf mich, und ich erinnerte mich an all die Situationen, in denen ich mich mit unserer Großmutter Rhoda oder meiner Mutter in der Wolle gehabt hatte.

»Ich schätze mal, du hast es nicht getan … ich meine, ihn getötet.«

»Hex noch mal, Sunny! Was denkst du eigentlich von mir? Ja, ich habe schon lange nichts mehr so sehr genossen wie das Winseln dieses Schleimers. Und ja, das wirft ein verdammt trauriges Licht auf mein Leben, aber was soll’s … darum geht’s jetzt nicht.«

Ich griff nach einem meiner pinkfarbenen Samtpumps, die ich für ein geplatztes Valentinstag-Date gekauft hatte, und spielte damit herum. Ich wollte nicht weitererzählen. Es war erbärmlich und blöd und stellte mich direkt auf eine Stufe mit den Werwolf-Schlägern, die auf der Kudzu Ecke La Quito abhingen.

»Mich beunruhigt eigentlich, dass es überhaupt so weit kommen konnte, Sunny. Ich bin einfach explodiert. Normalerweise kommt die Raserei nur bei Vollmond über mich.«

»Ich kann vollkommen verstehen, warum du beunruhigt bist«, stimmte mir Sunny zu, während sie aufstand und auf das Bett zeigte. »Leg dich auf den Bauch und zieh dein T-Shirt hoch.«

»Ach, komm schon, Sunny …«

»Mach schon, Luna. Ich bin nicht sonderlich scharf drauf, dass mein Haus von einer ausgeflippten Werwölfin zerlegt wird.«

»Unser Haus. Ich zahle schließlich die Hälfte der Miete, und wenn ich mich recht erinnere, war ich es auch, die es entdeckt hat.«

»Und wenn ich nicht gewesen wäre, hättest du nie die Kreditprüfung überstanden. Dann würdest du heute noch in dieser grässlichen Bruchbude auf der Woodmont hausen«, gab sie zurück. »Jetzt leg dich endlich aufs Bett und zieh das T-Shirt hoch.«

Wenn ihr danach ist, kann meine Cousine, obwohl sie wie eine Märchenfee aussieht, verdammt rechthaberisch sein. Ich legte mich aufs Bett und zitterte kurz, als meine Haut die violette Samtbettwäsche berührte. Dann zog ich mein Trägerhemd bis kurz unter die Brust hoch, sodass das Tattoo auf meiner unteren Rückenpartie zum Vorschein kam.

»Hmm«, sagt Sunny. »Sieht eigentlich ganz okay aus. Nicht gerötet und auch nicht geschwollen.«

Die Farbe des Tattoos war mit Eisenhut und Silber versetzt. Eine Kette mit Silber zu tragen, kann einem Werwolf vielleicht ein gewisses Maß an Sorgenfreiheit bescheren, aber das Einzige, was die Verwandlung wirklich unterdrücken kann, ist Silber in der Haut. Bei Vollmond kann aber selbst das nicht den Ausbruch des Wolfs verhindern.

»Ich kann mich unmöglich schon sechseinhalb Tage vor dem Vollmond wandeln«, gab ich zu bedenken, während sie das Tattoo abtastete.

»Das weiß ich, Luna!« Sie setzte sich neben mich und beugte sich über meinen Rücken, um die Tätowierung genauer zu untersuchen. »Jetzt mal im Ernst, Luna, außer dem bisschen, was wir durch Versuch und Irrtum herausgefunden haben, wissen wir doch überhaupt nichts über die ganze Sache. Und ehrlich gesagt, kann ich nur entspannt durchs Leben gehen, wenn uns möglichst wenige solcher Fehler passieren.«

Die Schamesröte stieg mir ins Gesicht, als ich bei Sunnys Worten an meinen letzten »Fehler« denken musste, an dem Sunny meiner Ansicht nach nicht ganz unbeteiligt gewesen war. Sie hatte die Tür des Hundezwingers nicht richtig verriegelt. Details sind unwichtig … auf jeden Fall musste ich ihr ein neues Sofa kaufen, für das ein halber Monatslohn draufging.

Sunny zog mein T-Shirt wieder runter. »Sieht okay aus. Wie fühlt es sich an?«

Ich strich über meinen Rücken und rieb über das Tattoo von der Größe einer CD.

»Normal.« Die Haut unter meiner Hand kribbelte, als würden tausend Finger meinen Rücken kitzeln.

Sunny runzelte die Stirn. »Ich kann mir deinen Wutausbruch nicht erklären. Ich weiß ja noch nicht mal genug, um mir überhaupt eine Meinung zu bilden. Die einzige Person, die das könnte, ist …«

»Vergiss es. Ich werde mich an den Computer setzen und nach einem Zauber suchen, der die Wandlung zurückhält«, unterbrach ich sie.

»Klar. Sag mir Bescheid, wenn du was findest«, meinte sie. Sunny wusste, dass ich kein Glück haben würde. Alles, was ich über mein Dasein als Werwölfin wusste, hatte ich durch planloses Herumexperimentieren und puren Zufall herausgefunden. Normalerweise wird ein frisch zum Werwolf verwandelter Mensch durch das zuständige Rudel in die Gesetze und magischen Geheimnisse des Lebens als Werwolf eingeführt. Dieses Glück war mir allerdings nicht zuteilgeworden – was aber recht logisch erschien, da mir mein bisheriges Leben sowieso wie eine Aneinanderreihung unglückseliger Umstände und Missgeschicke vorkam.

Ich hatte beschlossen, vor meiner Internetrecherche etwas zu essen, deswegen schlurfte ich in die Küche. Im Grunde konnte man das Thema anpacken, wie man wollte – fest stand, dass mein Dasein als Werwölfin einfach von Anfang an absolut verkorkst gewesen war. Die meisten bekamen den Biss schon bei der Geburt oder wurden als Kind von zwei Werwölfen geboren, sodass sie gar nicht mehr gebissen werden mussten. Seltener waren schon Werwölfe, die den Biss erst nach ihrer Kindheit erhielten. Wenn man aber als erwachsener Mensch gebissen wurde, bedeutete das ungeheure Schwierigkeiten, da die Verwirrung über das neue Leben und die plötzlich aufkeimenden Killerinstinkte des Neuen dem zuständigen Rudel einen Haufen Ärger einbringen konnten.

Ich untersuchte den Inhalt unseres uralten Monsterkühlschranks. Der machte zwar den Eindruck, als sei er in erster Linie dazu gebaut worden, die Salven einer AK-47 abzuwehren, er leistete uns aber trotzdem gute Dienste. Offenbar hatte mir Sunny nichts Essbares übrig gelassen, das nicht aus Soja bestand. Mist! Ich musste mich also mit Erdnussbutter-Bananen-Sandwiches begnügen. Ich schnappte mir die Zutaten und bereitete alles vor, um die Banane klein zu schneiden und das Sandwich zu belegen. »Hey, Sunny, wo sind die Teller?«, brüllte ich nach oben.

»In der Spüle!«, rief sie zurück.

Manchmal kam es aber auch vor, dass ein Mitglied des Rudels sich vor der Verantwortung drückte und sich einfach von dem gebissenen Menschen abwandte. Der war ganz auf sich allein gestellt. Solche Wölfe ohne Rudel, wie ich es einer war, nannte man Insoli – ein lateinischer Ausdruck, der frei übersetzt »die Einsamen« bedeutete. Ich hatte mir aber auch schon ganz andere Bezeichnungen anhören müssen: Die Niedrigsten der Niedrigen, die Ausgestoßenen, die Rudellosen. Unter den Werwölfen galten diese Ausdrücke als schwere Beleidigungen und als Synonyme für einen unverzeihlichen Makel.

»Und wo sind die Messer?«

»Linkes Schubfach neben der Spüle!«

Die Küche war mein Lieblingsraum im ganzen Haus, obwohl ich mir zugegebenermaßen außer leckeren gegrillten Käsesandwichs und der obligatorischen Ladung Brownies nichts darin machen konnte. Von den frei liegenden Deckenbalken hingen ein paar von Sunnys Kräuterbündeln, wodurch es etwas muffig roch. Am Fenster über der alten Porzellanspüle baumelten ein paar Glaskristalle, und der Fußboden bestand aus abgewetzten Holzdielen, auf denen Flickenteppiche lagen.

Mein Gejammer über meine Unfähigkeit zu kochen bedeutete keineswegs, dass ich verhungern musste – und genauso wenig machte mich meine Unsicherheit hinsichtlich meines Status in der Werwolfgemeinde zum Mauerblümchen.

Mit dem Sandwichteller in der Hand marschierte ich in mein Reich, das Arbeitszimmer. In der Mitte stand ein Schreibtisch aus echtem schwarzem Ebenholz, den ich in ziemlich ramponiertem Zustand und ohne Füße auf einem Flohmarkt erstanden hatte. Darauf befand sich ein Hightech-Laptop mit zusätzlichem Flachbildschirm und einem Highspeed-Internetanschluss. Den hatte ich mir zugelegt, weil ich dazu tendiere, auf Maschinen einzuschlagen, die meiner Meinung nach zu langsam arbeiten – und das gilt natürlich auch für die Computer, mit denen ich an meinen Fällen arbeite. In der Ecke stand ein Klubsessel mit schwarzem Lederbezug unter einer hellen Leselampe. Die Wand war komplett mit Bücherregalen zugestellt, in denen neben verschiedenen Fachbüchern wie dem Death Investigator’s Handbook, dem Diagnostic and Statistical Manual IV und meinen Jura-Lehrbüchern vom Cedar Hill Community College auch die Senior-Jahrbücher von Sunny und mir aus der San Romita High standen.

Der einzige Gegenstand, der meinem Arbeitszimmer ein bisschen etwas Mädchenhaftes verlieh, war ein mindestens fünf Zentimeter hoher flauschiger Teppich aus falschem Pelz, über den ich am liebsten barfuß lief. Ich ließ mich in den Sessel fallen und wartete darauf, dass der Computer hochfuhr.

Ich hatte gerade in mein Sandwich gebissen, da ertönte aus meinem Handy die verzerrte Klingelmelodie von Duran Durans »Hungry Like the Wolf«. Vor Schreck ließ ich mein Frühstück fallen.

Ich wühlte auf meinem Schreibtisch herum und fand das Telefon schließlich unter einem Stapel Strafregisterauszügen von Verdächtigen in einem Mordfall mit Vergewaltigung. Auf dem Display sah ich, dass es jemand aus der Gerichtsmedizin war. Ich klappte das Handy auf.

»Detective Wilder.«

»Luna, hier ist Dr. Kronen. Verdammt viel los hier. Sieht fast so aus, als hätten gestern Nacht gleich zehn Wolfsrudel einen Jagdausflug gemacht«, sagte er und lachte schallend. »Ich hab Ihre Jane Doe aber trotzdem dazwischenschieben können. Heute Abend, neun Uhr.«

Das bedeutete, dass ich meine Schicht drei Stunden früher als geplant beginnen musste. Andererseits würde man mir erst in einem Monat wieder einen Autopsietermin anbieten können, wenn ich den heutigen sausen ließ. Jane Doe hatte schließlich keine Familienangehörigen, die die Leiche einforderten. Keinen, der sie beerdigen wollte oder gar um sie trauerte. Somit stand sie ganz unten auf der Liste.

»Hört sich gut an, Doc. Dann sehen wir uns am Leichenschauhaus. Punkt neun.«

»Sie hören sich etwas grantig an, Detective«, sagte er. »Hab ich Sie geweckt?«

»Schön wär’s«, brummte ich ins Handy und legte auf.

3

Die meisten Städte verbargen ihre Leichenschauhäuser. Genau genommen machte es auch durchaus Sinn, sie nicht zu sehr ins Blickfeld der Bevölkerung zu rücken und die Menschen nicht ständig daran zu erinnern, wo sie mal landen, wenn sie das Zeitliche segnen.

Nocturne City hatte auf derartige Vorsichtsmaßnahmen komplett verzichtet – das städtische Leichenschauhaus lag zentral und war in einem steril wirkenden Gebäude mit einer Außenverkleidung aus Granit untergebracht, das fast so groß war wie das Gerichtsgebäude der Stadt. In den oberen Stockwerken waren das zentrale kriminaltechnische Labor des Nocturne City Police Departments und die Verwaltung der Gerichtsmedizin untergebracht. Dieses Mal war ich allerdings zu einem Ort unterwegs, den die Detectives halb im Scherz die Vorhölle nannten.

In den Nachtschichten arbeitete die Kriminaltechnik nur mit wenig Personal, sodass ich in der Eingangshalle lediglich einen einsamen und gelangweilt vor sich hin starrenden Uniformierten antraf. Bei ihm angekommen, warf ich Glock, Handy, Dienstmarke und Schlüssel in den Plastikkorb und ging durch den Metalldetektor.

Das Kellergeschoss des Leichenschauhauses, in dem sich das Lager und die Sektionsräume befanden, schien aufgrund seiner eigenartigen Architektur von der Welt der Lebenden abgeschnitten, sodass man einen gesonderten Aufzug nehmen musste, um hinunterzufahren. Als ich einstieg, krächzte der Fahrstuhl unheilvoll. Ich schwor mir, das nächste Mal lieber die Treppe zu nehmen und so dem Risiko aus dem Weg zu gehen, zu bald in diesem Gebäude zu enden.

Als ich den Fahrstuhl verließ, haute mich der monströse Gestank fast um. Die für ein Leichenschauhaus typische Mischung aus Formaldehyd, altem Blut und totem Fleisch ist schon unter normalen Umständen äußerst unangenehm, aber wenn man dann noch über den sensiblen Geruchssinn einer Wölfin verfügt, rückt dieses Erlebnis nahe an die Grenze des Erträglichen. Ich würgte kurz, schluckte meinen Ekel aber hinunter und bedeckte dann Nase und Mund, bis ich den Sektionsraum von Kronen erreicht hatte.

Er war gerade dabei, sich die Hände zu waschen, und rief mir ein lautstarkes »Hallo« zu, um den Lärm des Wasserhahns zu übertönen. Durch das Glas konnte ich schon den sorgsam mit einem Papiertuch abgedeckten Körper von Jane Doe sehen. Als mein Blick auf die roten Rinnsale fiel, die an den mit Schlitzen versehenen Seiten des Stahltischs entlang zu Boden flossen und sich in ein Abflussgitter ergossen, konnte ich mir schon eine ungefähre Vorstellung davon machen, was hier kurz zuvor passiert war.

Kronen drehte den Wasserhahn zu und griff sich ein Bündel Papierhandtücher. »Wollen wir loslegen?«

Ich folgte ihm durch die Schwingtür und griff mir schnell noch eine dieser chirurgischen Gesichtsmasken, die ich mir auf den Mund presste. Der Gestank am Sektionstisch war viel frischer als im restlichen Gebäude. Kronen schaute mich besorgt an, als mir die Tränen in die Augen schossen, und reichte mir eine Tube Wick VapoRub.

»Hatte ganz vergessen, dass Sie diejenige mit dem sensiblen Riechkolben sind«, sagte er. Ich schmierte etwas von der Salbe unter meine Nase und konnte den Gestank so von der Güteklasse »Brechreiz provozierend« auf »Absolut widerwärtig« senken. »Also, Detective Wilder, wie ich letzte Nacht schon sagte, haben wir es hier mit einem einfachen Sexualmord zu tun.«

Er zog die Papierdecke zurück, sodass eine frische Wolke des abscheulichen Gestanks vom Tisch aufstieg. Mein Blick fiel auf den y-förmigen Schnitt auf Jane Does Oberkörper, der mit blauen Flecken übersät war, und dann auf die Bisswunden an ihren Brüsten.

Der Geruch schien nun absolut unerträglich und deutete auf viel mehr als nur Tod hin. Er war unglaublich intensiv, wie angekohlt, und füllte meinen Mund und meine Nase so rasch, dass ich schon nach ein paar Sekunden keine Luft mehr bekam. Vor meinen Augen begann sich alles zu drehen, und die Fäulnis stach mir von Mal zu Mal stärker durch die Nase bis ins Hirn. Binnen einiger Augenblicke war der Gestank so ätzend geworden, dass ich Angst hatte, jeden Moment das Bewusstsein zu verlieren.

Ich ließ die Maske fallen und stürmte durch die Schwingtür hinaus. Mit meinem Kopf über dem Edelstahlwaschbecken erbrach ich alles, was mein Magen hergab.

Kronen eilte mir nach und hielt mir die Haare aus dem Gesicht, während ich erbärmlich weiterwürgte. »Ach, Sie Ärmste«, murmelte er. »Ach, Sie Ärmste. Gleich ist es wieder gut.«

»Verdammt«, keuchte ich, während ich meine Kleidung zurechtzog und dabei immer noch nach Luft rang. Ich wischte mir mit der Hand über den Mund und merkte, wie mein ganzer Körper bebte. Mein Magen fühlte sich vollkommen leer an, und die Säure schien mir die Speiseröhre bis hoch zur Zunge zu verätzen.

»War’s das?«, fragte Kronen, und ich hatte Mühe, Herrin meines durch seinen geschockten Gesichtsausdruck hervorgerufenen Schamgefühls zu werden. Es war das erste Mal, dass mir bei einer Autopsie schlecht geworden war – und dass es gleich ein fontänenartiges Schwallerbrechen à la Linda Blair in Der Exorzist war, beunruhigte mich umso mehr. Das war mir noch nicht mal beim allerersten Mal passiert, als ein fast in zwei Teile gerissenes Fahrerfluchtopfer auf dem Obduktionstisch gelegen hatte.

»Ich … denke schon«, sagte ich und lehnte mich schwer atmend gegen die Wand. Tief Luft holen. Durch die Nase einatmen, durch den Mund ausatmen. Bloß nicht ohnmächtig werden. Um Himmels willen, jetzt bloß nicht ohnmächtig werden, Luna!

»Ich kann Ihnen die Ergebnisse auch zufaxen …«, bot Kronen an.

»Nein.« Ich strich meine Klamotten glatt und schob mir die verschwitzten Haare aus dem Gesicht. »Mir geht’s gut. Wir ziehen das jetzt durch.«

»Aber Sie scheinen doch …«

»Ganz offensichtlich habe ich nur was Schlechtes gegessen«, blaffte ich. Kronen schien durch meine Reaktion etwas verletzt, ging aber sofort wieder voraus an den Obduktionstisch.

Ich fühlte mich augenblicklich schlecht, weil ich so barsch auf sein Mitgefühl reagiert hatte. Andererseits musste es aber sein. Es war purer Überlebensinstinkt. Ich mochte Dr. Kronen sehr, aber ich konnte nicht zulassen, dass er den Eindruck bekam, ich wäre schwach und der Sache nicht gewachsen. Dann würde es sich nämlich wie ein Lauffeuer verbreiten: Detective Wilder, die Kleine vom 24., hat vor einer Autopsie gekniffen. Erst hat sie sich die Seele aus dem Leib gekotzt, und der Gerichtsmediziner hat ihr dabei auch noch den Kopf halten müssen. Wenn so etwas die Runde machen würde, hätte ich weitaus größere Sorgen als Bryson – und zwar egal, wohin ich mich versetzen ließ.

Ich nahm mir eine neue Gesichtsmaske, drückte die Nasenflügel so fest aneinander, dass es schon wehtat, und folgte Kronen durch die Schwingtür.

Der Geruch war immer noch da. Beißend, fast schwefelsauer, aber erträglicher. Ich wurde das eigenartig verwirrende Gefühl nicht los, dass ich ihn schon einmal wahrgenommen hatte – allerdings unter anderen Umständen. Er stammte jedenfalls nicht von einer Werwölfin. Wenn auch etwas verschwommen durch ihren Tod, lag der süße, moschusartige Geruch der ermordeten Wölfin zwar über der Leiche, aber es gab noch eine dominantere Note, die roch, als würde jemand verwesendes Fleisch über glühenden Kohlen hin und her schieben. Ich stand Kronen gegenüber und merkte, wie meine Augen wieder feucht wurden, als er sich über Jane Does Oberkörper beugte.

»Fahren Sie fort.«

»Ganz, wie Sie wollen«, sagte er. Auf den Körper deutend erläuterte er: »Wie Sie sehen, gab es Verstümmelungen an den Brüsten und an der Kehle. Der Vaginalbereich ist nicht stärker in Mitleidenschaft gezogenen als bei jeder anderen Straßenprostituierten, allerdings hat das nichts zu sagen.«

»Es ist nicht der Sex, der die Täter antörnt«, stimmte ich ihm zu.

»Auf jeden Fall hat sich das Opfer erbittert gewehrt«, erklärte Kronen. »Sie hat mehrere Frakturen an beiden Händen und eine an der Elle des rechten Unterarms. Wenn sie überlebt hätte, würde ich doch sehr bezweifeln, dass sie jemals wieder hätte eine Faust machen können. Ein beachtlicher Kampfgeist für eine so zerbrechlich wirkende junge Frau.«

»Todesursache war die herausgerissene Kehle, nehme ich an?«, fragte ich Kronen. Die klaffende Wunde am Hals war gesäubert worden und lag nun wie ein schwarzer Abgrund vor mir.

»Nein«, erwiderte Kronen überraschenderweise.

»Wie meinen Sie das?«

»Anfangs dachte ich natürlich, dass der Blutverlust und die Verstümmelungen die Ursache seien. Aber als ich Proben für das Rape Kit gesammelt habe, um sie auf Spuren einer Vergewaltigung zu testen, habe ich das hier entdeckt.« Er schob seine Hand unter den Rücken von Jane Doe und bat mich: »Könnten Sie mal eben mit anfassen?«

Das war wirklich die letzte Sache auf Erden, die ich in diesem Moment tun wollte. Jane Doe anzufassen war vielleicht nicht ganz so schlimm, wie eine Handvoll Silberdollar mit einem Gebräu aus Eisenhut runterspülen zu müssen, aber es kam dem sehr nahe.

Als ich Jane Does Hüfte packte, konnte ich ihre Rippen durch die dünne, bleiche Haut spüren. Dann zog ich, und ihr Körper plumpste mit einem dumpfen, feuchten Laut auf den Bauch. Gut, dass mein Magen schon leer war, denn in diesem Moment schoss wieder ein Brechreiz meine Speiseröhre hinauf.

»Das hier«, sagte Kronen und zeigte auf eine kleine rote Stelle in Jane Does Pofalte, »ist Ihre Todesursache, Detective.«

Ich beugte mich weiter vor, um die Stelle besser sehen zu können. »Was zum Teufel ist das?«

Kronen nahm ein Klemmbrett zur Hand und blätterte ein paar Seiten um. »Laut toxikologischer Untersuchung eine hohe Dosis Percodan mit etwas Diazepam.«

»Jemand hat sie unter Drogen gesetzt?«, fragte ich ungläubig.

»Die Frage ist nur, ob absichtlich oder aus Versehen«, antwortete Kronen. Er deckte Jane Doe wieder zu. »Percodan kriegt man relativ einfach, aber Diazepam wird streng kontrolliert.«

»Ist es ein Beruhigungsmittel?«, wollte ich wissen und fühlte mich schon vor der Antwort wie eine Idiotin. McAllister würde ausrasten, wenn ich ihm meinen überarbeiteten Bericht einreichte. Ich konnte ihn schon hören, wie er mich mit seinen Fragen bombardierte und wissen wollte, warum ich schon wieder derart übereilte Schlüsse gezogen hätte.

»Ja, so könnte man es wahrscheinlich nennen … wenn Sie eine Katze oder ein Rottweiler wären«, sagte Kronen.

»Wie bitte?«

»Es handelt sich um ein Beruhigungsmittel für Tiere, Detective.«

Kronens Antwort sorgte dafür, dass meine Augenbrauen mindestens fünf Zentimeter nach oben schnellten. Eigentlich vertraute ich meinen Instinkten, und dieses Mal hatten sie mir auch verraten, dass es bei Jane Doe nicht um einen durchgedrehten Freier ging – aber auf das, was mir Kronen soeben erzählt hatte, war ich nicht im Geringsten vorbereitet gewesen.

»Seltsame Methode, wenn man jemanden verstümmeln will«, sagte Kronen.

»Nein«, begann ich und fühlte, wie meine Hand von einem Zittern ergriffen wurde, das sich schnell in Richtung meines unruhigen Magen ausbreitete. »Er wollte sich Zeit lassen. Er wollte ihr zeigen, was er mit dem Messer anstellt, Bart.«

»Das kann gut sein. Der Finger wurde ihr vor ihrem Tod abgetrennt«, stimmte er leise zu.

»Sie musste zusehen.« Das Blut in meinem Kopf pulsierte heftig, und in meinem Unterbewusstsein heulte die Wölfin vor Wut. »Die Drogen sollten sie gefügig machen, damit er in Ruhe arbeiten konnte und sie dabei nicht schrie. Anscheinend hat er sich aber irgendwie verrechnet, und sie hat angefangen, sich zu wehren. Dann hat er sie getötet. Bei den Göttern im Himmel.« Ich wollte mir diesen Bastard schnappen. Jetzt! Wollte mit seinem Blut den Boden tränken.

»Ich glaube fast, dass die Götter im Himmel nichts mit der Sache zu tun haben«, meinte Kronen. »Oder vielleicht doch. Ich habe nämlich noch etwas DNA für Sie gefunden, Detective.«

So wie sich dieser Tag bis jetzt entwickelt hatte, fiel es mir schwer, Optimismus in meine Frage einfließen zu lassen: »Irgendeine Idee, wem wir sie zu verdanken haben?«

»Ich habe sie schon zur Analyse geschickt. Dort wird man die Probe durch CODIS jagen, unsere DNA-Datenbank. Mal sehen, ob sie mit einem der erfassten Straftäter übereinstimmt.«

Das bedeutete Folgendes: Unsere Probe würde nach den zweihundert anderen heute schon im Labor eingegangenen Proben mit der Datenbank abgeglichen, und mit etwas Glück würde uns der Computer vielleicht einen der wenigen Straftäter, deren genetische Fingerabdrücke tatsächlich dort erfasst sind, als Treffer ausspucken. Vielleicht aber auch nicht. Erschwerend kam hinzu, dass unsere Jane Doe eine Prostituierte war – sie würde also eine ganze Menge verschiedener DNA-Spuren an ihrem Körper haben.

»Sagen Sie mir bitte, dass Sie wenigstens den genauen Todeszeitpunkt feststellen konnten«, flehte ich. Er führte mich aus dem Sektionsraum, und ich war endlich den stechenden Gestank los.

»Detective, das ist nicht ganz genau zu sagen. Aber vielleicht hilft es Ihnen ja weiter, wenn ich Ihnen sage, dass es schon aufgehört hatte zu regnen, als das Opfer ermordet wurde. Ihr Körper war nämlich trocken und die Blutspuren nicht durch den Regen verwischt.«

Endlich mal etwas Handfestes. Die ungefähre Todeszeit konnte ich jetzt mit einem Telefonanruf feststellen und in die Akte eintragen, um mir langsam, aber sicher ein genaueres Bild von den letzten Stunden unserer Jane Doe zu machen. Hatte sie sich vielleicht bei dem Regen nur irgendwo unterstellen wollen und war dann an einen mies gelaunten Gewalttäter geraten? Möglicherweise war sie aber auch einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Denkbar wäre auch ein Sadist, der sie ausgesucht, verfolgt und dann ermordet hatte.

»Ich muss heute noch drei weitere Leichen aufmachen, Detective«, fuhr Kronen fort. Er hatte seinen Papieroverall samt der Schuhe im Sektionsraum abgelegt und trug jetzt wieder die für ihn typische Kakihose, ein Hemd und einen schief sitzenden Schlips. Auf dem Schlips war ein Ketchupfleck. Zumindest hoffte ich, dass es nur Ketchup war. »Rufen Sie mich an, wenn Sie noch weitere Fragen haben, Wilder.«

Die Tür gab ein Rascheln von sich, als er in den öffentlichen Bereich des Leichenschauhauses zurückging, wo die Hinterbliebenen die Körper der Verstorbenen identifizierten und sie für das Begräbnis abholten. Ich schaute noch einmal auf Jane Doe und drückte dabei meine Stirn gegen die Glasscheibe. Der Geruch meines Mageninhalts, den ich wegen ihr erbrochen hatte, lag immer noch in der Luft.

Ob sie wohl gewürgt hat, als die Drogen sich ihres Körpers bemächtigt hatten, oder war es eher wie ein warmes Bad gewesen? Junkies beschreiben normalerweise das zweite Phänomen, wohingegen erfolglose Selbstmörder den verzweifelten Versuch des Körpers, die todbringende Substanz vor Ablauf der Zeit auszustoßen, als den schrecklichsten Schmerz schildern, den sie je erfahren haben.

Ich holte tief Luft und atmete aus. Warum hat sie so seltsam gerochen?

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