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Nocturne City 02 – Blutfehde

CAITLIN KITTREDGE

Nocturne City

Blutfehde

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Daniel Müller

Zu diesem Buch

Luna Wilder, Werwölfin und Polizistin, hat sich nach ihrem letzten Fall eine Auszeit genommen. Kaum tritt sie ihren Dienst im Morddezernat von Nocturne City wieder an, muss sie auch schon einen Drogentod in einer Hintergasse untersuchen. Eigentlich ein unspektakulärer Fall, der jedoch schnell größere Kreise zieht und Luna in Lebensgefahr bringt. Hilfe von Seiten der Polizei kann die Ermittlerin nicht erwarten: Ihre neue Chefin, Captain Matilda Morgan, hat ihr offen mit Kündigung gedroht. Doch damit nicht genug: Morgan weist der Einzelgängerin Luna auch noch eine Partnerin zu. Shelby O’Halloran ist nur schwer zu ertragen – immer lächelnd, immer die Ruhe selbst. Darüber hinaus scheint Shelby jedoch ein dunkles Familiengeheimnis zu hüten, das mit dem sich rasch zu einer Mordserie ausweitenden Fall in Verbindung steht. An den Tatorten findet Luna stets dieselbe kryptische Botschaft, und alles deutet auf einen Hexenkrieg hin. Luna wird schnell klar, dass sie den Fall ohne ihren ehemaligen Geliebten Dmitri nicht lösen kann. Der raubeinige Werwolf bedeutet ihr noch immer viel, doch nach ihrer letzten dramatischen Begegnung, die ihn fast das Leben kostete, haben die Ältesten seines Rudels ihm jeden Kontakt zu der Polizistin verboten. Und schon bald bringt der Fall nicht nur Lunas Leben in größte Gefahr …

Für Richelle und Jackie –
die mit Abstand besten Freunde,
die man sich wünschen kann.

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1

Ich bin beileibe kein besonders geduldiger Mensch. Schon gar nicht, wenn ich frierend auf dem Gehweg stehe und neben mir die Leiche eines Mannes liegt. Wenn man dann noch bedenkt, dass ich zu dem Zeitpunkt der einzige Detective vor Ort war und ich mir bereits seit fast einer halben Stunde die eiskalten Füße in den Bauch stand, dürfte klar sein, dass das bisschen Geduld, mit dem ich meine Nachtschicht begonnen hatte, schnell verbraucht war.

Außer mir war nur noch ein Officer namens Martinez am Tatort. Als er auf dem Weg zu seinem Streifenwagen an mir vorbeiging, ergriff ich ihn am Ellbogen.

»Wo in drei Teufels Namen bleibt die Spurensicherung?«

Martinez zuckte nur die Schultern. »Tut mir leid, Detective Wilder. Es gab eine Schießerei auf der Archer Avenue. Könnte also noch gut vierzig Minuten dauern, bis jemand kommt. Heute Nacht stehen wir offenbar ganz hinten in der Schlange.«

Ich warf erneut einen Blick auf den spindeldürren Toten. Im Licht der gelblich flackernden Straßenlaterne wirkten seine Wangen wie graue Mulden, und seine Augen waren so weit eingesunken, dass sie fast schwarz zu sein schienen. Seine Haut hatte eine gräuliche Farbe und wirkte am Hals und an den Handgelenken irgendwie matschig. An den Körperstellen, die nicht von seinem hellbraunen Uniformhemd bedeckt waren, fielen mir Einstichstellen auf. Am Unterarm, zwischen den Fingern, in der Ellenbeuge – sie waren überall. Zog man ihm die Schuhe aus, würde man wahrscheinlich an seinen Knöcheln, seinen Zehen und an sämtlichen Stellen, wo sich sonst noch eine intakte Vene vermuten ließ, weitere finden.

Eigentlich ist Tod durch Überdosis kein Fall für eine Mordermittlerin wie mich, aber ich war gerade auf dem Weg zur Arbeit gewesen, als der Funkspruch durchgekommen war. Da die Leiche nur zwei Blocks entfernt lag, war ich kurzerhand hingefahren. Hätte ich geahnt, wie der Typ riechen würde, hätte ich mir das sicherlich verkniffen. Durch seine fade Haut und den Gestank nach altem Schweiß wirkte er – mit einem Wort gesagt – verbraucht. Und als ich etwas tiefer einatmete, verbrannte mir der scharfe Geruch aufgekochten Heroins fast die Schleimhäute.

»Die Kriminaltechnik ist unterwegs, Detective!«, rief Martinez vom Streifenwagen herüber. Ich rollte meine von der Kälte verspannten Schultern. Den Göttern sei Dank, denn in einer miesen Gegend wie dieser nur mit ein paar Leuten herumzustehen war kein Spaß. Wahrscheinlich wartete schon jemand in den dunklen Reihenhäusern auf der anderen Straßenseite darauf, mich umzunieten.

»Wollen Sie eine Tasse Kaffee, Detective? Ich hab eine Thermoskanne im Wagen.«

Ich verneinte mit einem Kopfschütteln, worauf Martinez mir einen niedlichen, aber leicht enttäuschten Blick zuwarf. Er hatte ein Milchgesicht und war etwas gedrungen, aber das Leuchten in seinen schwarzen Augen und seine großen Hände verrieten mir, dass er einen Gegner wahrscheinlich leicht in zwei Teile reißen konnte, wenn es sein musste.

»Das Zeug trink ich nicht.«

»Dann vielleicht etwas Stärkeres?« Er öffnete seine blaue Satinjacke und brachte einen silberfarbenen Flachmann mit Gravur zum Vorschein, bei dessen Anblick ich den Mund verzog.

»Weiß Ihr Captain, dass Sie das Ding dabeihaben?«

»Wenn man seinen Captain nicht auf seine nächtlichen Frauenbesuche anspricht, dann fragt er einen auch nicht, was man so auf Streife treibt«, antwortete Martinez mit einem Grinsen. »Bitte denken Sie jetzt nicht, dass ich Sie anmachen will, aber irgendwie kommt mir Ihr Gesicht bekannt vor. Sie kommen frisch von der Akademie, oder?«

Ich seufzte. Irgendwann musste es ja passieren. Ganz besonders gerissene Journalisten hatten nach dem Chaos vor drei Monaten irgendwie mein Porträtfoto von der Polizeiakademie aufgetrieben und es mit ihren Storys auf den Titelseiten aller großen Zeitungen von Nocturne City abgedruckt. »Ich war aus medizinischen Gründen für drei Monate beurlaubt. Hab heute erst wieder angefangen.«

»Drei Monate …«, murmelte er. Ich konnte fast hören, wie die kleinen Rädchen in Martinez’ Schädel zu arbeiten begannen. »Hex noch mal! Sie sind der Detective, der den Bezirksstaatsanwalt gekillt hat!«, stieß er schließlich hervor.

»Den ehemaligen Bezirksstaatsanwalt, bitte schön!«, knurrte ich. »Ich hab’s auch nicht aus Spaß an der Freude getan. Der Mistkerl hat versucht, mich zu töten, und war drauf und dran, einen Dämon zu beschwören.«

»Heilige Scheiße!«, sagte Martinez und schlug sich aufs Knie. »In unserem Umkleideraum auf dem Revier hängen sämtliche Zeitungsausschnitte von Ihnen. Es hat sogar Wetten gegeben, ob man Sie wieder arbeiten lässt oder rausschmeißt, weil Sie zu durchgeknallt sind.«

Bei diesem Stichwort tauchten in meinem Kopf unerfreuliche Erinnerungen an die Sitzungen mit Dr. Merriman auf – der Psychiaterin, die mir vom NCPD zugewiesen worden war –, aber im Handumdrehen hatte ich sie wieder verdrängt. »Dann kann ich wohl davon ausgehen, dass Sie gegen mich gewettet haben?«

»Verdammt, nein!«, sagte Martinez. »Jeder weiß doch, dass Sie ein zähes Biest … äh, ich meine, ein harter Detective sind. Ich wusste, dass Sie wiederkommen würden.«

»Ihr Vertrauen ist wirklich rührend«, antwortete ich und wandte mich wieder der Leiche zu. Plötzlich erschien mir die Gesellschaft eines toten Junkies doch gar nicht so schlecht. Zumindest zeigte der nicht mit dem Finger auf mich oder tuschelte hinter meinem Rücken.

Ich durchsuchte gerade die schwarze Botentasche des Toten, auf der ein ausgefallenes Logo in Form eines geflügelten Fußes und die Aufschrift MESSENGER OF THE GODS prangten, als sich der Van der Spurensicherung näherte.

Hinter dem Van hielt ein schwarzer Lincoln mit dem Wappen der städtischen Gerichtsmedizin, und nach einem kurzen Kampf mit dem Sicherheitsgurt stieg Bart Kronen aus. Er hatte eine Tasche mit sämtlichen Gerätschaften seiner Zunft bei sich und winkte mir mit der freien Hand zu, als er mich entdeckte.

»Schön, dass Sie wieder an Bord sind, Detective! Was haben Sie denn heute Abend für mich?«

Hinter mir klickten bereits die Kameras der Spurensicherung, und ihre Blitze tauchten die Umgebung immer wieder in gleißend helles Licht. »Nichts Aufregendes, fürchte ich. Klassischer goldener Schuss«, antwortete ich und deutete auf eins der Reihenhäuser gegenüber, in dem noch Licht brannte. »Ich schätze, er ist aus dem Fixerschuppen da drüben gekommen und ist dann hier auf der Straße tot zusammengebrochen, bevor er überhaupt gemerkt hat, dass er diesmal zu viel gedrückt hat.«

Flüchtig überprüfte Kronen den Puls des Mannes und rüttelte dann am Arm der Leiche. Sie wackelte wie eine Schaufensterpuppe – alle Gelenke waren steif. »Die Totenstarre hat bereits eingesetzt, und die Haut hat fast Umgebungstemperatur. Er ist weniger als sechs Stunden tot, würde ich sagen. Mehr Details kann ich Ihnen im Moment nicht liefern, fürchte ich.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ist mir eigentlich auch egal, es sei denn, jemand hat ihm die Nadel gegen seinen Willen in den Körper gerammt.«

Kronen ließ den Kegel seiner Taschenlampe über Hände und Fingernägel des Mannes gleiten. »Keine Spuren, soweit ich sehen kann.« Dann hob er die Lider der Leiche an und untersuchte die ins Leere starrenden Augen. Sie waren von einer leuchtend grünen, grasähnlichen Farbe, die aber bereits unwiederbringlich verblasste.

Mein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen – eine physische Reaktion, hervorgerufen durch die Erinnerung an dunkelgrüne Augen und struppiges rotbraunes Haar, das darüberhing wie die Zweige eines Baumes im Herbst über einem tiefen Teich. Verflucht seist du, Dmitri! Verdammt seiest du und auch der Boden, über den du gehst!

»Das hier ist ganz interessant, Detective … Detective?«

So schnell, wie Dmitri in meinen Gedanken aufgetaucht war, so schnell war er auch wieder in einer Wolke aus Qualm von Nelkenzigaretten verschwunden, zurück blieb nur das Echo seines rauen Lachens.

Ich hockte mich neben Kronen und musste mich zusammennehmen, um nicht zu stark zusammenzuzucken, als er mit seinem Gummihandschuh gegen das tote Auge des Junkies tippte.

»Sehen Sie das hier?« Er zeigte auf feine rote Linien, die sich wie ein Spinnennetz über das Augenweiß zogen.

»Ein bisschen spät für Augentropfen, oder, Doc?«, sagte ich scherzhaft, woraufhin Kronen wenig amüsiert den Mund verzog. Auch mein Lächeln erstarb.

»Das sind petechiale Blutungen«, erklärte Kronen. »Sie sind nur stecknadelkopfgroß und entstehen durch die Ruptur winziger Blutgefäße in der Oberfläche des Auges.«

»Und was heißt das?«, wollte ich wissen.

Kronen schaltete seine Taschenlampe aus und rückte beim Aufstehen seine Krawatte und den elastischen Hosenbund zurecht. »Das passt nicht zu einer Überdosis Heroin. Petechiale Blutungen treten eigentlich nur auf, wenn das Gehirn zu wenig Sauerstoff bekommt.«

»Der Mann ist aber nicht erwürgt worden«, wandte ich ein. »Er ist einfach nur tot.« Verdammt, ich war definitiv kompetent genug, um das beurteilen zu können! Ich hatte es nicht nötig, mir von Kronen einen Tatort erklären zu lassen, als sei ich eine Anfängerin. Ich erkenne schon, ob jemand erwürgt worden ist … Danke für den Hinweis!

Kronen packte seine Utensilien wieder ein und nahm sich dann ein Klemmbrett, um den Bericht zu schreiben: Männlicher Weißer, tot aufgefunden. Danach hielt er es mir hin, damit ich als zuständiger Detective unterschrieb.

»Ich habe keine Ahnung, was ihm zugestoßen sein könnte«, sagte er. »Aber bei der Obduktion wird sich bestimmt alles aufklären. In der Zwischenzeit wollte ich Sie fragen, ob Sie … ob Sie etwas wahrnehmen können … irgendetwas vielleicht?«

Meine Hand erstarrte. »Was genau meinen Sie, Bart?«

Er hob die Hände. »Nun, nach der Geschichte mit Alistair Duncan waren gewisse … Gerüchte in Umlauf. Wenn Sie Ihre Fähigkeiten einsetzen, könnte das vielleicht die Bestimmung der Todesursache beschleunigen.«

Ich knallte den Stift auf das Klemmbrett und drückte es ihm unwirsch in die Hand. »Ich hab keine Ahnung, was Sie zu wissen glauben, Bart, aber mit der Tour sind Sie bei mir mächtig auf dem Holzweg.« Mit seinen weit aufgerissenen Augen glich Kronen einer verstörten Eule. »Ich bin doch kein dressierter Hund!«, fauchte ich ihn an und stürmte davon.

Das Zittern meiner Hände konnte ich nur unterdrücken, indem ich mit meinen Motorradstiefeln bei jedem Schritt besonders heftig aufstampfte. Ich bin eine Werwölfin, und dank der Katastrophe mit Alistair Duncan wusste nun jeder, der den Nocturne Inquirer las – was fast das gesamte NCPD tat –, über mein kleines Geheimnis Bescheid.

Kronen hatte wahrscheinlich nicht mal bemerkt, wie unsensibel er sich verhalten hatte, und eigentlich war es auch unfair von mir, ihn deshalb anzugiften. Tatsache war aber, dass weder Werwölfe noch Hexen seit den Hex Riots einen sonderlich guten Ruf genossen – wie alle Monster eben, die unter dem Bett oder im Kleiderschrank wohnen und deren Existenz jeder verleugnet. Nach wie vor war es also ratsam, eher vorsichtig mit der Offenlegung dieses Details umzugehen.

Verdammt! Ich war doch kein Bluthund, der auf Kommando Spuren erschnüffelte. Es war nicht so einfach, wie es sich Kronen anscheinend dachte. Als Werwolf verfügte man nicht nur über äußerst leistungsfähige Sinnesorgane, die einem den Job erleichtern. In erster Linie musste man mit dieser kaum zu kontrollierenden Mischung aus Wut und Raserei klarkommen, sonst konnte es leicht passieren, dass man jemandem mal eben den Kopf vom Rumpf trennte.

Bisher hatte ich nur einen einzigen Menschen getroffen, der wusste, wie sich das anfühlt, und dieser Mensch war auf die andere Seite des Erdballs verschwunden.

Ich atmete tief ein und ganz ruhig wieder aus. Dann zwang ich mich dazu, umzukehren und zur Leiche zurückzugehen, obwohl ich wusste, dass alle Anwesenden sich gerade das Maul über mich zerrissen.

Weiter unten auf der Straße öffnete sich plötzlich die Tür des abrissreifen Reihenhauses, über das ich mit Kronen gesprochen hatte. Heraus kam eine weitere dieser abgemagerten Vogelscheuchen und schlenderte seelenruhig in meine Richtung. Beim Anblick von Martinez, dem Streifenwagen und den Leuten von der Spurensicherung nutzte sie jedoch diese matschige Masse zwischen ihren Ohren, die von ihrem Hirn übrig geblieben war, und rannte los.

»Das wird ja immer schöner«, murmelte ich und sprintete hinter dem Junkie her. Er lief ziemlich schnell, und so schoss es mir durch den Kopf, dass er wahrscheinlich irgendwas über den Toten wusste. Nach einem Häuserblock hatte ich ihn eingeholt und nutzte meinen Ellbogen als Rammbock, um ihn in den am Gehweg verlaufenden Eisenzaun des Vorgartens zu stoßen.

»Finger weg!«, brüllte er und stieß mich so heftig zurück, dass ich über den Bürgersteig stolperte und mich um meine eigene Achse drehte, bevor ich an einem verrosteten Ford Halt fand. Ich keuchte und war einigermaßen überrascht – nicht viele gewöhnliche Menschen können der Stärke eines Werwolfs etwas entgegensetzen.

Als ich ihn wieder ansah, fingerte er im Inneren seiner Jacke nach einem Gegenstand, der zweifellos meiner Gesundheit schaden sollte. Fast zeitgleich hatte ich aber meine Dienstwaffe gezogen und zielte auf den Punkt zwischen seinen Augen. Es war eine Neun-Millimeter-Glock – nichts Besonderes, aber für meine Zwecke ausreichend. Der Junkie erstarrte sofort, und seine hohle Brust bebte vor Anspannung.

»Ich bin Polizistin«, sagte ich. »Zeigen Sie mir Ihre Hände!«

Ein Schauder lief über seinen Körper. »Nicht schießen, bitte!«

»Dann nennen Sie mir einen einleuchtenden Grund, es nicht zu tun. Ob gut oder schlecht, ist mir egal«, sagte ich und entsicherte die Glock. Seine Hand steckte noch immer in der Jacke, und seine Augen waren voller Panik, sodass ich mich nur schwerlich entspannen konnte.

»Bitte, schießen Sie nicht!«

»Nehmen Sie Ihre Hände hinter den Kopf!«

Der Junkie bewegte sich keinen Millimeter, sondern glotzte mich mit starrem Blick an.

»Zeigen Sie mir Ihre Hände!«, forderte ich ihn erneut auf.

»Alles wird gut …«, sagte er in einem leisen Singsang, »… beruhigen Sie sich. Es ist alles okay.« Trotz des schwachen Lichts konnte ich durch meine besonders scharfen Wolfsaugen sehen, dass sich seine Armmuskeln anspannten, als er mit der Hand den Gegenstand in seiner Jacke packte.

Hex noch mal, was tut er da?, fluchte ich innerlich.

»Töten Sie mich bitte nicht, Officer«, flehte er mich ein letztes Mal an und zog seine Hand in einer – wie es mir schien – zeitlupenhaften Bewegung aus der Innentasche seiner Jacke.

Dies war der Moment, um den Abzug zu drücken, denn mein Gegenüber war nicht nur der dümmste unter den gewöhnlichen Menschen auf diesem Planeten, sondern dazu auch noch bewaffnet und drauf und dran, mich umzulegen. Ich konnte ihn nicht verfehlen … es würde ein guter Schuss und ein sicherer Treffer werden.

Mein Finger umkrampfte den Abzug, und das Blut rauschte in meinen Ohren. Obwohl alles in nur zwei Sekunden ablief, schien sich die ganze Szene zur Ewigkeit auszudehnen. Die Instinkte der Wölfin in mir schrien unentwegt: Schieß! Aber vergebens.

»Bitte nicht«, flüsterte er noch einmal.

Ich drückte nicht ab, sondern erstarrte förmlich zur Salzsäule. Es war, als seien meine Gliedmaßen gerade einbetoniert worden, und mir ging durch den Kopf, dass er auch einfach nur high und unbewaffnet sein könnte. Dann wäre ich im Handumdrehen eine Mörderin. Eigentlich war ich ja schon eine Mörderin …

Meine Sicht war verschwommen, und ich hatte Schwierigkeiten, das Messer mit der gekrümmten Klinge überhaupt als das wahrzunehmen, was es war, als er es in meine Richtung stieß. Durch eine reflexartige Bewegung konnte ich mich im letzten Moment zur Seite werfen und landete auf meiner Pistole. Ein heftiger Schmerz durchzuckte meine Rippen. Der Junkie war sofort über mir – seine Züge drückten wilde Entschlossenheit aus, und er fuchtelte mit der Klinge wie mit einer silberfarbenen Klaue über meinem Augapfel herum. Ich spannte meine Muskeln an, holte mit den Beinen Schwung und rollte uns beide herum, sodass ich im nächsten Moment oben war. Mit einer harten Rechten gegen seine Schläfe setzte ich ihn außer Gefecht. Er sackte zusammen, und das Messer glitt ihm aus den erschlafften Fingern.

Martinez kam mit einem Kriminaltechniker angerannt. »Sind Sie okay?«, fragte er und richtete seine Dienstwaffe auf den bewusstlosen Junkie.

Ich stand auf und klopfte mir mit der Hand den Dreck ab. Im Moment konnte ich zwar kein Blut riechen, aber ich würde mich erst bei besserem Licht genauer untersuchen müssen, um Martinez eine Antwort geben zu können. Ein Büschel schwarzes Haar hing in mein Gesicht, und als ich danach griff, hatte ich es in der Hand. Die Klinge war anscheinend nur Millimeter an meinem linken Auge vorbeigesaust und hätte mir beinahe einen neuen Pony verpasst.

»Verdammt!«, brummte ich. »Legen Sie dem Mistkerl Handschellen an«, sagte ich zu Martinez. »Und bringen Sie ihn dann rüber aufs 24. Revier. Ich treffe Sie da.«

Als ich ging, musste ich meine Lederjacke noch etwas enger um mich ziehen, damit die anderen nicht sehen konnten, wie sehr ich zitterte.

2

Es war das erste Mal, dass ich wieder auf den Parkplatz des 24. fuhr, seitdem man mich vor drei Monaten aus medizinischen Gründen beurlaubt hatte. Unser Revier war für die Stadtteile Highland Park und Waterfront zuständig und befand sich in einem Gebäude, das in früheren Zeiten als Feuerwache gedient und weiß Gott schon bessere Tage gesehen hatte. Die Gegend, in der das Revier lag, wurde mehr und mehr von zugezogenen Yuppies vereinnahmt, was man nicht zuletzt an den vier monströsen Scheiß-auf-die-Umwelt-SUVs erkennen konnte, die vor den frisch verklinkerten Wohnhäusern auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkten.

Nachdem ich meinen 69er Ford Fairlane abgestellt hatte, ging ich zum Revier und lief die breite Steintreppe zum Eingang hinauf. An der Tür hielt ich inne, denn mir drang sofort der Gestank von altem Linoleum, kaltem Schweiß und schlechtem Kaffee in die Nase. Es roch vertraut und doch irgendwie fremd – gerade so, als würde man als Erwachsener sein altes Kinderzimmer wieder betreten. Ich atmete noch einmal tief durch und versuchte, mich auf die Blicke und leisen Kommentare vorzubereiten, die mich erwarteten. Dann drückte ich die Tür auf. Durch die veralteten Rückzugsfedern knallte sie hinter mir ziemlich laut ins Schloss. Spitze, Luna! Spätestens nach diesem Auftritt dürfte auch der letzte Kollege mitbekommen haben, dass du heute Nacht wieder anfängst.

Am Empfangstresen saß Rick, der ruckartig den Kopf hob, als ich hereinplatzte. Sein Mund verzog sich zu einem Grinsen. »Schön, Sie zu sehen, Detective!«, meinte er und kam hinter seinem hohen Pult, das wie eine Richterbank wirkte, hervor, um mir die Hand zu schütteln.

Ein Gefühl der Erleichterung machte sich in mir breit. »Freut mich auch, Sie wiederzusehen, Rick. Wie läuft’s mit Ihrem Kleinen?«

»Teddy? Super. Seit ein paar Wochen geht er in die Grundschule«, antwortete Rick strahlend. »Und wie geht’s Ihrer Cousine?«

Seine Frage verdarb mir auf der Stelle die Laune. »Sie ist ausgezogen und wohnt jetzt oben in Battery Beach.«

Rick stieß einen überraschten Pfiff aus: »Das ist aber eine ganz schöne Strecke.«

Es war tatsächlich eine ganze Ecke – so lang, dass meine Cousine Sunny sie nur alle paar Wochen auf sich nahm, um mich zu besuchen. Folglich hatte ich während der letzten drei Monate kaum mit ihr gesprochen, was unserer Großmutter Rhoda wahrscheinlich ausgesprochen gefiel. Früher hatten Sunny und ich zusammen bei Rhoda gewohnt, aber mit fünfzehn war ich von ihr auf die Straße gesetzt worden. Seitdem hatte ich sie nur ein einziges Mal um Hilfe gebeten, und bei diesem einen Mal hatte sie im Gegenzug meine Einwilligung verlangt, Sunny wieder zu sich nehmen zu dürfen. Ihrer Meinung nach sollte Sunny möglichst weit weg von mir und unserer gemeinsamen Wohnung leben. Weit weg von dem schlechten, unheilbringenden und unredlichen Einfluss der Werwölfin Luna Wilder. Verdammt soll sie sein, die alte Hexe!

Ich beendete meine Unterhaltung mit Rick und ging durch den schmalen, von Neonleuchten erhellten Flur zum Großraumbüro, in dem sich die Arbeitsplätze der Detectives befanden. Das Rumoren in meinem Magen schob ich wider besseres Wissen auf die zwei Schinken-Cheeseburger, die ich zum Abendessen verdrückt hatte.

Eigentlich konnte ich Sunny ihren Auszug nicht wirklich übel nehmen. Während der Geschichte mit Duncan waren schließlich viele unschöne Dinge passiert: Ein Hexer war in unser gemeinsames Haus eingebrochen, um mich zu töten, und hatte mir dabei eine Kugel verpasst, und später war Sunny auch noch vom Nocturne-City-SWAT-Team festgenommen worden. Ein geregeltes Alltagsleben sah sicherlich anders aus. Obwohl ich bereits seit drei Monaten allein wohnte, schnürte es mir immer noch jedes Mal das Herz zusammen, wenn ich die Tür unseres Hauses aufschloss, das dunkel und leer auf mich wartete.

In der hinteren Ecke des Großraumbüros stand mein Schreibtisch – verstaubt zwar, weil er seit Monaten nicht benutzt worden war, aber an seinem gewohnten Platz wie eh und je. Als ich näher trat, sah ich, dass jemand LECK MICH in die Staubschicht auf dem Computermonitor geschrieben hatte. Sofort drehte ich mich um und sah die Leute in dem halb leeren Raum prüfend an, aber niemand kicherte oder warf mir einen peinlich berührten Blick zu. Lediglich ein paar Neulinge vom Verkehrsdezernat starrten mit leicht geöffnetem Mund in meine Richtung.

»Entweder ihr schießt jetzt ein Foto, oder ihr macht den Mund zu!«, fuhr ich sie an und spürte dabei, wie mein Herz wild pochte. Mit einer Handbewegung wischte ich den Bildschirm ab, sodass anstelle der Buchstaben jetzt meine Fingerabdrücke den schwarzen Monitor zierten. Es sah ganz so aus, als ob es zumindest eine Person auf dem 24. gäbe, die nicht sonderlich erfreut über meine Rückkehr war. Und wenn es tatsächlich nur eine war, konnte ich mich wahrscheinlich noch glücklich schätzen.

»Mein Gott, Wilder, Sie sehen so aus, als sei Ihnen gerade ganz übel mitgespielt worden.« Lieutenant McAllister trat an meinen Schreibtisch und sah mich mit ernster Miene an. Ich wusste, was die kleine Falte zwischen seinen Augenbrauen bedeutete – irgendetwas bereitete ihm ernsthafte Sorgen.

Um etwas Zeit für meine Antwort zu gewinnen und mich zu fassen, putzte ich mir mit gesenktem Blick den Staub von den Händen. »Es ist eben viel los heute Nacht, Mac.«

»Hab schon gehört, dass Ihnen so ein aufgeputschter Junkie mit seinem Jagdmesser die Augenbrauen etwas höher setzen wollte«, sagte er.

»Ja, nur zu schade, dass er sein Werk nicht vollenden konnte«, erwiderte ich, »dann hätte ich jetzt nämlich eine dieser sexy Augenklappen.«

Mac ergriff meine Schulter und schaute mir in die Augen. »Ich bin wirklich froh, dass Sie wieder da sind, Wilder … nach der Sache mit Duncan ist es hier drunter und drüber gegangen, und außerdem fehlen uns jetzt ein paar Leute.«

»Ja, ich habe Brysons widerliches Eau de Cologne auch schon vermisst«, bemerkte ich und wies mit dem Kinn auf den Schreibtisch, der meinem auf der anderen Seite des schmalen Gangs gegenüberstand. Dort hatte vor drei Monaten noch Dave Bryson gearbeitet. Anstelle seiner dämlichen Souvenir-Footballs schmückten jetzt die Familienfotos eines anderen Detectives diesen Arbeitsplatz.

»Um auf meine Anfangsbemerkung zurückzukommen … Sie sehen nicht gut aus, Wilder. Überhaupt nicht«, sagte Mac und hatte damit verdammt recht – ich fühlte mich nämlich wirklich nicht gut. Ganz und gar nicht gut! Allerdings wusste ich auch, dass mich jede weitere Minute in meiner totenstillen Wohnung irgendwann unweigerlich in den Wahnsinn getrieben hätte. Also nahm ich Macs Hand von meiner Schulter und log.

»Es geht mir gut, Mac. Ich habe nur noch etwas wacklige Beine wegen des Messerjunkies von vorhin.« Außerdem gab es neben der unangenehmen Tatsache, dass jetzt jeder wusste, dass ich eine Werwölfin war, auch noch den nicht unerheblichen Fakt, dass Dmitri mich hatte sitzen lassen und ich mit all meinen Erinnerungen an uns beide eigentlich noch nicht bereit für den Dienst war – aber davon erzählte ich Mac lieber nichts.

»Ich hoffe, Sie verarschen mich nicht«, mahnte er. »Der Captain wollte Sie nämlich sprechen, sobald Sie wieder da sind.«

Ich brauchte einen Moment, um zu kapieren, dass er nicht Wilbur Roenberg meinen konnte. Roenberg war mein ehemaliger Captain auf dem 24. Revier, der aufgrund seiner Rolle im Duncan-Fall nun wegen Verschleierung mehrerer Morde lebenslänglich in einer Zelle in Los Altos saß. Zur Krönung meiner bis dato äußerst miesen Schicht wäre ein vertrauliches Gespräch mit Roenberg aber genau das Richtige gewesen.

»Über was will er denn mit mir reden?«

»Erstens ist er eine Sie, und zweitens hab ich keine Ahnung. Sie ist nämlich nicht sonderlich gesprächig.«

Macs Antwort überraschte mich etwas. Nur fünfzehn oder zwanzig der insgesamt zweihundert Detectives im NCPD waren weiblich. Und unter ihnen gab es lediglich eine Handvoll Lieutenants und meines Wissens nach nicht einen weiblichen Captain.

»Wer ist sie, und aus welcher Abteilung ist sie zu uns versetzt worden?«

»Verdammt, Wilder, ich kenne die Lebensgeschichte der Frau doch nicht auswendig. Sie war Schichtleiterin auf dem 34. und ist dann zu den Detectives versetzt worden. Ihr Name ist Matilda Morgan, und so wie ich sie bis jetzt erlebt habe, wird sie schnell pampig, wenn Leute zu spät kommen. Setzen Sie sich also lieber in Bewegung.« Damit drehte sich Mac auf dem Absatz um und ging schnurstracks zurück in sein Büro, wo er die Tür so heftig hinter sich zuschlug, dass ich zusammenzuckte. Mac war normalerweise so unerschütterlich wie ein Gebirgsmassiv und nur schwer zu beeindrucken. Captain Morgan musste also ein ganz schön strenges Biest sein, wenn sie Mac derart reizen konnte. Schöne Aussichten … ich konnte es gar nicht erwarten, von ihr in die Mangel genommen zu werden.

Missmutig machte ich mich auf den Weg den Flur hinunter zum Büro des Captains.

Während ich klopfte, bemerkte ich, dass Roenbergs Name von der Milchglastür entfernt worden war. MATILDA MORGAN – CAPTAIN stand nun dort, und die Buchstaben rochen noch nach Farbe.

»Herein!«, ertönte eine scharfe Stimme hinter der Tür. Sie klang, als gehöre sie einer Ausbilderin der Armee, und irgendwie auch wie die einer Rektorin eines katholischen Mädcheninternats.

Ich drehte den Türknauf und bemerkte dabei, dass meine Hände schon nach ihrem ersten Wort zu schwitzen begannen, was mir überhaupt nicht gefiel. »Captain Morgan …«, begann ich und musste mir ein Kichern verkneifen, da ich bei Captain Morgan unweigerlich an den bekannten walisischen Freibeuter denken musste. Meine Fantasie stattete die kleine blonde Frau vor mir sofort mit einer grauen Perücke und einer Piratenkluft samt Augenklappe aus. Bei den Allmächtigen, Luna, nimm dich zusammen!

Morgan blickte von der Akte auf, die sie in den Händen hielt, und musterte mich über ihre Halbbrille hinweg. »Ja? Was gibt’s, Detective?«

»Captain Morgan«, versuchte ich es ein zweites Mal. »Ich bin Luna Wilder. Sie wollten mich sprechen?«

Das kurze Flackern in ihren Augen verriet mir, dass ihr jetzt dämmerte, wer da eigentlich vor ihr stand. Sofort ließ sie die Akte auf den Tisch fallen. »Natürlich. Nach den Unmengen an Artikeln über Ihren letzten Fall hätte ich Sie eigentlich gleich erkennen müssen. Schließen Sie die Tür und setzen Sie sich!«

Ich drückte die Tür behutsam zu und setzte mich in einen der neuen Stühle vor Morgans Schreibtisch. Als ich mich umsah, bemerkte ich, dass nicht nur Roenbergs protziger Holztisch, sondern auch seine muffigen alten Sessel verschwunden waren. Der neue Captain saß nun hinter einem hellen Holzschreibtisch mit Chrombeschlag, vor dem zwei Plastikstühle mit einem sportlich modernen Design standen. Morgan schaute mich mit ihren meerblauen Augen an. Ihr bohrender Blick bereitete mir sofort Unbehagen – wahrscheinlich hatte sie ihm ihren neuen Posten zu verdanken.

Auf der anderen Seite konnte es aber auch gut sein, dass ich ihrem martialischen Auftreten zu viel Bedeutung beimaß. Morgan war eine Frau in einer gehobenen Position und musste sich wahrscheinlich jede Menge Mist von männlichen Kollegen anhören. Möglicherweise setzte sie sich deshalb die Maske des unausstehlichen Scheusals auf.

»Detective Wilder, lassen Sie mich gleich vorneweg sagen, dass ich dagegen war, Sie wieder in den Polizeidienst aufzunehmen.«

Vielleicht war sie aber tatsächlich nur ein unausstehliches Scheusal.

Ich schluckte und blieb nur deshalb weiterhin freundlich, weil ich meine Entrüstung an dem Stuhl ausließ. Bei ihren Worten umklammerte ich mit den Händen die Kunststoffsitzfläche mit so viel Kraft, dass sich unter dem Sitz Plastikspäne unter meine Fingernägel bohrten. »Darf ich fragen, warum, Ma’am?«

»Wenn Sie es denn unbedingt wissen wollen … Sie sind in meinen Augen einfach ein schlechter Detective.«

Morgan war anscheinend noch nicht fertig mit ihrer Erklärung, aber ich fühlte schon nach diesem ersten Satz, wie sich meine Wangen vor Wut röteten. »Ich bin der neue Captain hier, Detective, und glauben Sie mir, ich habe meinen Laden immer fest im Griff. In meiner Mannschaft gibt es keinen Platz für Selbstdarstellerei, Ungehorsam gegenüber Vorgesetzten, und ganz besonders …«, sie nahm ihre Brille ab und musterte mich von oben bis unten, als sei sie Anubis höchstpersönlich und würde gerade den Wert meiner Seele abwägen, »… ganz besonders gibt es hier keinen Platz für Werwölfe, die ihre Triebe nicht unter Kontrolle haben und die menschlichen Mitglieder meines Teams gefährden. Sollte mir wegen Ihnen auch nur ein Haar in meiner Frisur verrutschen, Wilder, dann werde ich dafür sorgen, dass Sie die längste Zeit hier gearbeitet haben.«

Eine Welle unbändigen Zorns überrollte mich und sorgte dafür, dass mein gutes Benehmen den gleichen Weg wie guter schottischer Whiskey beim Polizeiball nahm und auf Nimmerwiedersehen in meiner Magengegend verschwand. »Verdammt noch mal! Was in drei Teufels Namen wollen Sie damit andeuten?«, fragte ich wütend.

Morgan lächelte mit schmalen Lippen, und ihre Augen funkelten dabei so kalt und hart wie geschliffene Saphire. »Da ist es ja schon, das berühmt-berüchtigte Temperament der Luna Wilder«, bemerkte sie herablassend. »Ich war schon gespannt, wie lange Sie sich wohl zusammenreißen können.« Mit einem Blick auf die verchromte Wanduhr fügte sie hinzu: »Nicht sonderlich lange, wie mir scheint.«

Dann schloss sie die vor ihr liegende Mappe und stieß sie über den Schreibtisch in meine Richtung. Als ich auf der Vorderseite meinen Namen sah, begriff ich, dass es meine Personalakte war. Ein Blick reichte, um zu erkennen, dass sich darin mehr als nur ein paar der gelben Aktenvermerke, wie sie beim NCPD für Disziplinarfragen verwendet wurden, befanden. »Wenn Sie weiter bei uns arbeiten möchten, Detective Wilder, dann würde ich Ihnen vorschlagen, dass Sie sich buchstäblich an einen Schreibtisch ketten und sich ausschließlich mit Arbeit befassen, die zu jemandem mit derart begrenzten zwischenmenschlichen Fähigkeiten passt. Der Überdosisfall, den Sie vorhin aufgenommen haben, wäre für den Anfang wahrscheinlich genau das Richtige.«

Gott allein weiß, wie gern ich mir Morgan in diesem Moment vorgenommen hätte. Alles in mir brannte darauf, ihren hässlichen modernen Tisch zur Seite zu schleudern, ihr den Kopf abzureißen und das neue Mobiliar mit ihrem Blut zu tränken.

Als ich aufstand, merkte ich, dass ich das heftige Zittern meiner Hände nicht mehr kontrollieren konnte. Die Wölfin in mir fühlte sich in die Ecke gedrängt, und ich musste mich extrem zusammennehmen, damit es keine Verletzten gab. Verletzte, keine Toten! Morgan hatte sich zwar gerade selbst auf den ersten Platz meiner Abschussliste katapultiert, aber dem Scheusal wirklich an die Gurgel zu gehen würde die Mühe nicht lohnen.

»Ist das dann alles, Ma’am?«, fragte ich im Flüsterton. Morgan schien einen Moment lang nachzudenken und nickte dann.

»Im Moment ja«, sagte sie und hielt mir meine Personalakte hin. »Bitte legen Sie die Akte auf dem Weg zu Ihrem Schreibtisch ordnungsgemäß ab.«

Es war mir unerklärlich, warum ich ihr bei diesen Worten nicht auf der Stelle den ausgestreckten Arm abriss. Die Jahre voller Selbstkontrolle und Zügelung, in denen ich mühsam gelernt hatte, die Wölfin zurückzuhalten, schienen sich bei ihrem falschen Grinsen und ihrer scheinheiligen Bitte in Luft aufzulösen. War ich etwa dafür zurückgekommen? Für diesen Job?

Nein, schoss es mir durch den Kopf. Matilda Morgan würde mich nicht dazu bringen, alles hinzuschmeißen. Auch tote Junkies und mit Messern bewaffnete Fixer konnten mich nicht kleinkriegen, und mit der verhassten Schreibtischarbeit würde ich schon irgendwie fertig werden. Ich wusste, dass ich ein verdammt guter Cop war, und das würde auch so bleiben. Niemand sollte Sunny von meinem erneuten Rausschmiss berichten müssen, und auch Dmitri würde, falls er irgendwann zurückkehren sollte, nicht erfahren, wie sehr mich sein Verschwinden aus der Bahn geworfen hatte.

Als ich Morgans Büro verließ, fühlte ich mich so leer und verletzt, dass ich nicht einmal mehr die Kraft hatte, die Tür hinter mir zuzuknallen. Stattdessen verwandte ich meine gesamte verbliebene Energie darauf, die Tränen, die schon in meinen Augen brannten, vor den Kollegen auf dem Flur zu verbergen. Erst als ich endlich den menschenleeren Aktenraum erreicht hatte, schluchzte ich los. Nachdem ich mich ausgeheult hatte, wischte ich mir mit dem Handrücken die Wangen trocken und trat wieder auf den Flur, wo ich Rick in die Arme lief.

»Der Typ, der Sie mit dem Messer angegriffen hat, ist gerade abgeliefert worden. Wir haben ihn ins Vernehmungszimmer drei gesteckt.«

Ich setzte schnell mein oberflächliches Hier-gibt’s-nichts-zu-sehen-Lächeln auf und antwortete ihm: »Bin gleich da.«

Rick schaute mir mit schräg gelegtem Kopf in die Augen. »Alles in Ordnung?«

»Warum stellt mir eigentlich heute jeder diese dämliche Frage?«, rief ich. »Wenn ich nicht okay wäre, würde ich nicht im Dienst sein, oder?«

»Entschuldigung, dass ich gefragt habe«, brummte Rick und trat einen Schritt zurück. »Bringen Sie den Typen einfach nach vorn, sobald ich seine Daten aufnehmen kann.« Dann drehte er sich um und stapfte wieder zum Empfangstresen zurück. Während ich ihm nachsah, fühlte ich mich wie ein Scheusal vom Kaliber Morgan oder schlimmer, weil ich ihn so angefahren hatte. In mir schrie alles danach, das Revier sofort zu verlassen, und einmal mehr wurde mir klar, dass ich noch nicht hätte zurückkommen sollen. Es wäre besser gewesen, auch noch den letzten Monat bezahlten Urlaubs zu nutzen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Aber dafür war es jetzt zu spät.

Während ich die Tür zum Vernehmungszimmer drei aufstieß, versuchte ich, diesen Gedanken wieder zu verdrängen. Noch einen Monat zu Hause rumzuhocken hätte meine Perspektiven keineswegs verbessert. Mein Leben hätte sich nur weiter um diese verdammte Uhr gedreht, auf der die Sekunden bis zum nächsten Vollmond heruntertickten. Es wäre mir nichts weiter übrig geblieben, als dem Moment der Wandlung entgegenzubangen, um dann allein und ohne Hilfe darauf zu warten, dass sich die Wölfin in mir nach außen kehrte. Im Dienst war zumindest mein Kopf so sehr beschäftigt, dass sich meine Gedanken nicht andauernd um dieses Thema drehten.

Im Vernehmungszimmer saß der Junkie mit Handschellen gefesselt an einem Tisch. Anscheinend döste er, denn sein Kopf war so weit nach vorn gesunken, dass sein Kinn auf der Brust auflag. Ich trat von hinten gegen sein Stuhlbein. »Aufwachen, Sie Spinner!«

Neben seinem Körpergeruch kroch mir noch ein Parfüm in die Nase, das von der anderen Seite des Einwegspiegels kam und mir einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Stand Morgan etwa dort und beobachtete mich? Mit einem düsteren Lächeln trat ich an den Spiegel und zog den Vorhang zu, um die Pläne desjenigen auf der anderen Seite – wer auch immer es sein mochte – zu durchkreuzen. Dann wandte ich mich wieder dem Junkie zu.

»Wie heißen Sie?«

»Edward«, antwortete er mürrisch.

»Hat man Sie über Ihre Rechte aufgeklärt, Edward?«

Er ließ seine funkelnden braunen Augen über meinen gesamten Körper wandern, bis sein Blick schließlich mit einem breiten Grinsen an meinem Gesicht hängen blieb. »Schicker Haarschnitt, Officer.«

Edward hatte wahrscheinlich geahnt, dass seine Provokation nicht ohne Antwort bleiben würde. Im Bruchteil einer Sekunde hatte ich mit meiner Hand seinen Kehlkopf umschlossen und schleifte ihn auf seinem Stuhl so schnell rückwärts, dass die schwarzen Stuhlbeine Abriebspuren auf dem Linoleum hinterließen. Als ich dann seinen Hinterkopf gegen die Wand rammte, knallten seine gelben Zähne beim Aufprall mit einem fiesen Geräusch aufeinander. Hin und wieder war es doch von Vorteil, ein Werwolf zu sein und über eine übermenschliche Körperkraft zu verfügen.

»Hör mir mal zu, du drogenabhängiges Stück Dreck«, knurrte ich in sein Ohr. »Einen Polizisten anzugreifen ist ein schweres Verbrechen, und ich glaube kaum, dass der Richter deinen Junkiearsch in eine dieser komfortablen Entzugskliniken stecken wird.«

Edward würgte und rang nach Luft, aber ich wusste, dass er nur simulierte, da mein Griff um seine Kehle nicht fest genug war, um ihm tatsächlich die Luftröhre zuzudrücken – auch wenn ich dazu nicht übel Lust gehabt hätte.

»Wer ist dein toter Freund?«, fragte ich. »Sag es mir lieber jetzt, dann werde ich schauen, dass es die Staatsanwaltschaft bei einer minder schweren Straftat belässt.« Das war natürlich nur leeres Gerede, da meine Beziehungen zum Büro des jetzigen Bezirksstaatsanwalts quasi nicht existent waren, nachdem ich seinen Vorgänger vor drei Monaten getötet hatte.

»Sie können mir sowieso nicht helfen«, krächzte Edward. »Sie sind doch nichts weiter als eine dieser gebissenen Schlampen!«

Dass er mich als Werwölfin erkannt hatte, überrumpelte mich vollkommen, und ich ließ ihn los. Er grinste erneut und ließ seine Augen nervös durch den Raum wandern. Als sie zur Ruhe kamen, hatte er den Kopf wieder gesenkt und fixierte seinen Schoß. »Er hat das Gift in seinen Venen gespürt …«, murmelte er plötzlich. »Er hat mit leeren Augen gesehen.«

Ich unterdrückte einen Seufzer und fuhr mir mit der Hand über die Stirn. Das kryptische Gelaber eines Junkies war genau das, was ich in meiner ersten Vernehmung seit meiner Dienstpause überhaupt nicht brauchen konnte. »Was redest du da für ein Zeug, Mensch?«

Sein Kinn ruhte wieder auf seinem Brustkorb, und er brabbelte vor sich hin. »Leere Augen … uns alle. Er sieht uns alle.«

Großartig! Es lief wirklich prächtig. Mit etwas Glück würde er als Nächstes einen manischen Singsang anstimmen und wie der kleine Danny in Shining »REDRUM« an die Wand kritzeln.

»Er sieht uns alle!«, stöhnte Edward erneut. Als ich nach ihm griff, um ihn in eine Arrestzelle zu stecken, hob er den Kopf, und unsere Blicke trafen sich. »Sie sieht er auch, Detective«, sagte er in einem Ton, bei dem man hätte glauben können, er sei bei klarem Verstand.

Ich packte seinen Arm und zog ihn von seinem Stuhl hoch. »Ja, sicher doch. Los jetzt, wir gehen!«

Edward ließ sich zwar von mir bis zum Empfangstresen führen, weigerte sich aber, auch nur ein Wort mit Rick zu sprechen, als der seine Daten aufnehmen wollte. Unfähig, Edwards Wahnsinn weiter zu ertragen, übergab ich ihn an einen der umstehenden Polizisten und lehnte mich gegen den Metalldetektor. »Kann mir irgendjemand mal erklären, warum ich eigentlich wiedergekommen bin?«, murmelte ich vor mich hin.

Rick bot mir schweigend ein Karamellbonbon aus der Schale auf dem Tresen an, das ich sofort auswickelte und mit energischem Kauen in meinem Mund zerkleinerte. »Vielleicht sollte ich mir diese Dinger kiloweise reinstopfen, bis ich mit einem Zuckerschock umfalle. Dann kann ich morgen krankmachen und mir diesen Wahnsinn hier ersparen.«

Weiter hinten im Gang sah ich, wie Captain Morgan aus ihrem Büro kam und die Tür hinter sich abschloss. Sie trug einen grauen Hosenanzug, der ihr trotz ihrer gedrungenen Figur gut stand, und ein Paar wirklich außergewöhnliche Schuhe von Marc Jacobs, die ich zuvor nicht bemerkt hatte.

»Bei den Hex Riots!«, murmelte ich und versuchte, mich schnurstracks in Richtung Büro davonzuschleichen. Morgan war allerdings schneller und blieb auf meiner Höhe stehen. Einen Augenblick lang starrte sie mich wortlos an. »Haben Sie keinen Schreibtisch, Detective?«

»Doch, Captain«, antwortete ich reserviert, worauf sie mit einem Schnauben reagierte.

»Dann wird’s wohl eine Schilddrüsenüberfunktion sein, wegen der Sie hier so rastlos herumlaufen und nicht arbeiten, oder können Werwölfe generell nicht still sitzen? So oder so, gehen Sie jetzt gefälligst wieder an Ihre Arbeit!« Dann trappelte sie auf ihren Designerschuhen, für die mein Monatsgehalt nicht ausreichen würde, durch die Lobby und verschwand durch die Tür, ohne Rick auch nur eines Blickes zu würdigen. Am liebsten wäre ich ihr gefolgt und hätte ihren Schädel mit einem ihrer Luxustreter bearbeitet. Stattdessen griff ich mir noch eine Handvoll Karamellbonbons und machte mich etwas früher als sonst auf den Heimweg.

3

Als ich den Fairlane um zwei Uhr morgens vor meinem kleinen Haus parkte, konnte ich den Ozean zwar hören, aber nicht sehen. Der irgendwie unheimliche, aus Treibholz gebaute Pfad zum Wasser verschwand zwischen den Dünen, und der zunehmende Mond stand hoch am klaren Herbsthimmel.

Vor dieser Kulisse lag mein Häuschen – ein günstig gemietetes, anderthalbgeschossiges Holzhaus, an dem sich ein paar Rosen emporrankten – in vollkommener Dunkelheit. Meiner Erfahrung nach ließen sich entschlossene Einbrecher nicht von ihrem Vorhaben abhalten, nur weil man das Wohnzimmerlicht anließ. Außerdem musste ich nun, da Sunny nicht mehr da war, etwas auf meine Nebenkosten achten, um nicht mit einer Superrechnung von Greater Pacific Power & Light überrascht zu werden.

Vor der Türschwelle blieb ich stehen und verharrte einen Moment lang regungslos, um zu lauschen. Außer dem gleichmäßigen Rauschen der Wellen drang aber nichts an mein Ohr, und auch meine Nase konnte nur den traurigen Geruch von verwelkten Rosen ausmachen, der sich mit der salzigen Meeresbrise mischte. Als ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, griff ich sofort nach dem Lichtschalter, und noch bevor die Lampe den Flur erleuchtete, jagten mir jede Menge unangenehme Erinnerungen einen eiskalten Schauer über den Rücken.

Vor nicht allzu langer Zeit war ich genau an dieser Stelle, wo ich nun Jacke und Schulterholster ablegte, von einem Hexer attackiert worden. Obwohl das Ereignis schon Monate zurücklag, plagten mich noch immer Albträume, und es fiel mir nach wie vor schwer, mich des Gefühls zu erwehren, dass in der Dunkelheit jemand auf mich lauerte.

Mit einem Blick ins Wohnzimmer überzeugte ich mich davon, dass alles so war wie immer. Lediglich an der Stelle, wo ich Regan Lockhart erschossen hatte, lag jetzt ein neuer Teppich. Nachdem ich meine Motorradjacke auf den Kleiderständer gehängt hatte, legte ich die Glock in das Mittelfach des alten Schreibtischs, der im Vorzimmer als Ablagefläche diente. Früher hatte ich das Schubfach stets abgeschlossen, aber nach allem, was geschehen war, ließ ich es mittlerweile einen Spaltbreit offen, sodass ich die Waffe im Handumdrehen herausziehen konnte.

Vieles hatte sich verändert, seitdem es mir gelungen war, Asmodeus – den uralten Dämon, den der hexende Bezirksstaatsanwalt von Nocturne City vor drei Monaten in unsere Welt gerufen hatte – aufzuhalten. Ich schlief seitdem nicht mehr durch, hatte ein Jagdmesser an der Unterseite meines Bettgestells versteckt, und auch meine Pistole lag nun immer griffbereit. Kleine Stimmen in meinem Hinterkopf flüsterten mir hin und wieder zu, dass ich paranoid geworden war – wie diese Cops, die sich allein mit der Waffe in der Hand alte Filme anschauen und währenddessen darüber nachgrübeln, wie sie wohl sterben werden.

Zugegeben, ganz so schlimm stand es noch nicht um mich, aber ich war definitiv paranoider, als ich es mir jemals hätte träumen lassen. Bei Dr. Merriman war ich wegen posttraumatischem Stress behandelt worden, aber sie hatte weder irgendeine Ahnung von den tatsächlichen Ereignissen, noch davon, wie Asmodeus mit mir geredet hatte, kurz bevor ich Duncan getötet und den Dämon befreit hatte. Im Endeffekt war ich diejenige, die dadurch einen schrecklichen uralten Dämon entfesselt hatte. Und ich war es auch, die jetzt damit leben musste, dabei jemanden getötet zu haben. Als Wölfin zwar, aber es war bei Weitem keine so glasklare Angelegenheit wie damals, als ich in meinem ersten Jahr im Morddezernat dazu gezwungen gewesen war, einen Verdächtigen zu erschießen. Diesmal hatte ich der Wölfin freie Hand gelassen und getötet … und es war nicht das erste Mal gewesen.

»Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür, dass Sie wieder und wieder an diesen Moment denken müssen?«, hatte mich Dr. Merriman gefragt, als sie mir gegenübersaß und langsam die Kappe ihres Füllfederhalters durch ihre Finger wandern ließ.

Ich fixierte einen Punkt über ihrer linken Schulter und versuchte, die Titel der Bücher zu lesen, die sie in ihrem Wandregal angehäuft hatte, um Gott weiß wen zu beeindrucken. Merrimans Alltagsgeschäft bestand aus der Behandlung von normalen Polizisten, die wegen Selbstvorwürfen, weil sie im Dienst jemanden getötet hatten, wegen Suizidgedanken oder Scheidungen zu ihr kamen. Sie hatte keine Ahnung von Werwölfen, und bei unseren Sitzungen konnte ich jedes Mal den Schweiß ihrer Nervosität riechen, der die Bluse an ihrer Haut kleben ließ.

»Fühlen Sie sich wegen dem schuldig, was mit Mr Duncan passiert ist?«

»Ich? Schuldig? Auf keinen Fall«, schnaubte ich und setzte ein düsteres Lächeln auf, um ihr zu zeigen, was für ein harter Cop ich war. Merriman war zwar eine miese Seelenklempnerin, aber selbst sie durchschaute mein Theater.

»Warum beschäftigen Sie sich dann immer wieder mit seinem Tod, Luna? Woher kommt dieser Zwang, sich immer wieder in derartige Situationen zu bringen, obwohl Sie wissen, wie gefährlich sie sind?«

Und genau, wie sie es wahrscheinlich erwartet hatte, explodierte ich bei der Frage: »Was zum Geier soll ich darauf antworten, Dr. Merriman? Wollen Sie, dass ich jetzt tief seufze, auf meine Füße starre und zugebe, dass ich ein Adrenalinjunkie bin? Dass ich erst im Chaos richtig aufblühe und mich an den Bildern von Tod und Vernichtung, die ich mit mir herumtrage, ergötze? Denken Sie vielleicht, ich weiß nicht, dass mein Verhalten selbstzerstörerisch ist?«

Dr. Merriman lächelte nur und machte sich eifrig Notizen. Endlich. Nach drei Monaten voller Sitzungen, in denen ich nur Ausflüchte und stereotype Antworten geliefert hatte, wie es Cops nun einmal tun, wenn sie über Todesfälle während ihrer Arbeit reden müssen, hatte ich ihr nun ein paar brauchbare Brocken hingeworfen. »Wenn ich ehrlich sein soll, Luna, glaube ich, dass Sie erst zufrieden sein werden, wenn alles um Sie herum in Flammen aufgeht«, sagte sie abschließend.

Ich verließ ihr Büro in der psychiatrischen Klinik von Cedar Hill. Die letzten beiden Sitzungen, die wir noch gehabt hätten, ließ ich ausfallen. Zu viele Leute hatten in der Vergangenheit schon in mein Innerstes geschaut, aber Dr. Merriman wollte ich auf keinen Fall gestatten, so lange in meinem Kopf herumzukramen, bis sie etwas fand, das sie mir dann vorhalten konnte.

Nachdem ich mich die Treppe hinaufgeschleppt und bei jeder Stufe gegen unliebsame Erinnerungen angekämpft hatte, ging ich unter die Dusche und ließ mich so lange berieseln, bis die Haut an meinen Fingern schrumpelig wurde. Dann trocknete ich mich ab und streifte meine Schlafsachen über, die aus einer bequemen Jogginghose und einem abgewetzten Sweater bestanden. Ich schaltete die Lampe aus und blickte gedankenversunken auf das Mondlicht, das durch das Rankgitter vor dem Fenster ins Zimmer fiel. Erinnerungen an die goldenen Augen des Dämons und die Schreie von Alistair Duncan hielten mich noch eine Weile wach, und als ich dann endlich einschlief, wälzte ich mich in blutigen Träumen.

Um Punkt vier Uhr morgens wachte ich mit dem sicheren Gefühl auf, dass gerade jemand das Haus betrat. Erst hörte ich das Klappen der Fliegenschutztür, dann, wie jemand vorsichtig die Haustür hinter sich zuzog und schließlich mit einem leisen Fluch gegen den Schreibtisch im Eingang stieß.

In null Komma nichts schoss ich aus dem Bett und rannte gebückt und mit dem Messer in der Hand zur Treppe, wo ich das Licht anschaltete und mit einem Schrei aufsprang.

»Keine Bewegung! Polizei!«

»Oh mein Gott!« Die Gestalt an der Treppe riss erschrocken beide Arme hoch und ließ dabei zwei Papiertüten auf den Boden fallen. Aus einer ergoss sich augenblicklich heißer Kaffee auf meinen neuen Teppich. »Scheiße!«, fluchte der Eindringling und zerrte dann ein dreckiges Bandana aus der Gesäßtasche hervor, um den vergossenen Kaffee wegzuwischen. »Luna, du hast mich zu Tode erschreckt!«

Ohne das Messer aus der Hand zu legen oder meine Position am Treppenabsatz zu verändern, stieß ich einen tiefen Seufzer aus. »Trevor, was zum Teufel treibst du hier?«

Er warf mir einen erschöpften und leicht angepissten Blick zu. »Wir waren heute mit dem Gig etwas früher fertig als erwartet, und da dachte ich, ich überrasch dich mit einem Frühstück im Bett … zumindest war das bis eben noch mein Plan.«

Ich entspannte mich, senkte die Hand, in der ich das Messer hielt, und ging dann die Treppe runter, um ihm beim Aufsammeln der Bagel und beim Entfernen des Kaffeeflecks zu helfen. »Wie bist du eigentlich reingekommen?«

Trevor stutzte. »Du selbst hast mir doch einen Schlüssel gegeben. Weißt du das nicht mehr?« Beim Anblick des Jagdmessers hob er erstaunt eine Augenbraue. »Babe, was hast du denn damit vor?«

»Ich hab nicht so gern eine Pistole in meinem Schlafzimmer«, antwortete ich und legte das Messer auf die Sofalehne. Als ich diese Worte aus meinem eigenen Mund hörte, fühlte ich mich nicht nur lächerlich, sondern auch etwas verrückt. Normalerweise waren derartige Geständnisse überhaupt nicht meine Art. Schon gar nicht in meinem hell erleuchteten Wohnzimmer. Trevor küsste mich auf die Wange.

»Du bist eine wirklich furchteinflößende Frau, Luna Wilder, aber ich mag’s irgendwie.« Er nahm mir den Beutel mit den Bageln aus der Hand. »Dann werde ich mal die Reste meiner Überraschung toasten. Frischkäse oder Räucherlachs?«

»Frischkäse.« Ich kauerte immer noch am Boden, unfähig, ihm in die Augen zu sehen. Wir kannten uns zwar noch nicht richtig, sondern gingen erst seit Kurzem miteinander aus, aber in diesem Moment hatte ich das sichere Gefühl, dass Trevor mich für absolut durchgeknallt halten musste.

Als er aufstand, streifte er mit dem Handrücken meinen Busen und sagte: »Lass mich nicht zu lange warten, Sexy.« Dann verschwand er in die Küche. Ich aber glotzte weiter auf den braunen Fleck im Teppich und fühlte mich wie eine Idiotin.

Während Trevor meinen Bagel mit Frischkäse bestrich, kramte ich Orangensaft und ein paar Teller hervor. Es war ein eigenartiges Gefühl, ihn dabei zu beobachten, wie er in meiner Küche hantierte und problemlos Messer, Löffel und einen Teller für den Räucherlachs aus den Schubladen holte, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Ein sehr eigenartiges Gefühl.

Trevor schien zu bemerken, dass ich ihn beobachtete, und warf mir einen fragenden Blick zu. »Was geht in deinem Kopf vor, Babe?«

Ich musste schlucken. Er hatte zwar erst ein einziges Mal bei mir übernachtet, war aber am folgenden Morgen lange genug geblieben, um mir ein Frühstück zu servieren. In einem Anfall von offensichtlichem Wahnsinn hatte ich ihm dann nicht nur die Zweitschlüssel zu meinem Haus gegeben, sondern anscheinend auch angeboten, er könne zu jeder Tages- und Nachtzeit in meine Wohnung spazieren.

»Eigentlich nichts. Letzte Nacht habe ich seit meiner Beurlaubung zum ersten Mal wieder Dienst gehabt.«

Trevor leckte das Messer ab und warf es in die Spüle. »Cool. Irgendwelche bösen Buben erwischt?«

Ich wusste nicht so recht, ob durchgedrehte Junkies, die mich erstechen wollten, für Trevor zu den »bösen Buben« zählten.

»Nur einen.«

Er schob sich ein Stück Bagel in den Mund und lachte, während er kaute. Ich biss halbherzig von meinem Bagel ab, war aber durch seine Anwesenheit eigentlich zu nervös, um wirklich Hunger zu haben.

»Weißt du«, sagte Trevor, »ich kann es immer noch nicht so richtig fassen, dass ich was mit einer Polizistin habe. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie oft man mich schon verhaftet hat?«

Natürlich wusste ich es: zwei Mal. Es waren allerdings bloß Ordnungswidrigkeiten gewesen, die man mit einem Bußgeld aus der Welt hatte schaffen können. Außerdem war er nicht eins dreiundachtzig groß, wie er immer behauptete, sondern nur eins achtundsiebzig, und obendrein trug er blaue Kontaktlinsen, um seine Augenfarbe aufzupeppen. Ich wusste praktisch alles über Trevor Wick, was die Datenbank des NCPD hergab. Sollte ich etwa mit einem Mann ins Bett gehen, von dem ich nur das wusste, was er mir erzählte, und der genauso gut ein Kettensäge schwingender Sexualmörder sein konnte? Wenn ich genauer darüber nachdachte, war es mir unbegreiflich, wie sich normale Frauen so unbekümmert mit fremden Typen einlassen konnten.

»Ja, das ist wirklich lustig«, meinte ich und war überrascht, wie gequält meine Stimme klang.

Trevor streckte seine nach Fisch riechende Hand über den Tisch und strich mir die Haare hinters Ohr. »Alles in Ordnung, Babe? Du scheinst irgendwie abwesend.« In seinen Augen erkannte ich eine ernst gemeinte Besorgnis. Bevor ich antwortete, musste ich tief einatmen, um meine Nasenflügel mit dem Geruch des Hier und Jetzt zu füllen und den Qualm der Nelkenzigaretten eines gewissen Mannes aus der Vergangenheit beiseitezuschieben.

»Alles in Ordnung, Liebling«, ging es mir relativ leicht über die Lippen, sodass ich es gleich noch einmal probierte. »Danke, dass du vorbeigekommen bist. Das war … nett.«

Trevor schnaubte und sagte mit einem Augenzwinkern: »Nett? Ich bin nicht nett. Aber ich lass es dir noch mal durchgehen, weil ich dich mag.« Dann stellte er seinen Teller in die Spüle und ging zu meinem neuen Edelstahlkühlschrank. Meinen alten Frigidaire hatte ich entsorgen müssen, da er durch die großkalibrigen Einschüsse aus der Pistole von Regan Lockhart während dessen Überfall Schaden genommen hatte. »Hast du vielleicht ’n Bier?«

»Nein«, antwortete ich knapp. In meiner Teenagerzeit hatte ich so viel von diesem Gebräu getrunken, dass es noch für eine ganze Weile reichen würde – vielleicht sogar für den Rest meines Lebens. Eigentlich wunderte ich mich, was sich Trevor überhaupt bei seiner Frage dachte. Hatte ich ihm etwa unbewusst signalisiert: Hey, kümmer dich einfach nicht um meine Privatsphäre und trink ruhig meine Biervorräte aus, wenn dir danach ist! Das Schöne an meiner Zeit mit Dmitri war, dass diese Art von Beziehungs-Bullshit einfach nicht existiert hatte. Zwischen uns war es ganz einfach gewesen: Er wollte mich, und einmal hatte ich ihn auch gewollt, und als wir es dann taten, hatte er sanft gelächelt, meine Wange gestreichelt, und die Welt war in Ordnung gewesen. Wir Werwölfe werden von unseren Instinkten gesteuert, und daher weiß man sofort, wie man zueinander steht – auch wenn die Beziehungsoptionen, die lediglich »Partner« oder »Beute« heißen können, eben sehr begrenzt sind.

Trevor trat hinter mich und massierte meine Schultern. »Du bist verspannt, Liebling«, murmelte er und streifte mit seinen Lippen die Spitze meines Ohrs. »Vergiss das Bier. Lass uns lieber hochgehen, und dann schauen wir mal, was ich gegen deine Verspannungen unternehmen kann.«

Mein Flieh-oder-kämpf-Instinkt überrollte mich mit voller Wucht, und als ich Trevors Hände auf meinen Schultern spürte, schnürte mir die Erinnerung an Dmitris Berührungen die Kehle zu. Reflexartig entwand ich mich ihm und wich mit einem Seufzer zurück.

»Er schon wieder?«

Ich drehte mich um und setzte ein Lächeln auf, von dem ich allerdings nur hoffen konnte, dass es so unbekümmert wirkte wie von mir beabsichtigt. »Wen meinst du, Babe?«, presste ich wenig überzeugend hervor, und schlagartig wurde mir wieder klar, dass ich in solchen Sachen eine absolute Niete war. Wahrscheinlich hatte ich deshalb auch als Cocktailkellnerin versagt.

Trevor lehnte sich gegen den Tisch im Wohnzimmer und fuhr sich mit der Hand durch sein schwarzes Haar, um sich die grün gefärbten Strähnchen aus dem Gesicht zu streichen. »Ich meine deinen mysteriösen Ex, über den du nicht sprechen willst, Luna. Du bist wirklich die heißeste Frau, mit der ich jemals zusammen war, aber dieser Existenzkrisenquatsch muss echt langsam aufhören.«

Beschämt starrte ich auf den Fleck im Teppich. Trevor hatte nicht die leiseste Ahnung, wie viele Dinge ich ihm tatsächlich verschwieg, und ich wusste, dass mein Verhalten ihm gegenüber unfair war. Dmitri war abgehauen, und ich hatte Trevor genau deswegen kennengelernt – weil Dmitri gegangen war. In der Zeit nach seinem Verschwinden war ich bewusst ausgegangen, um unter Leute zu kommen und Dmitri zu vergessen. Das Ergebnis war nun diese Sache mit Trevor. Seine Bemühungen jetzt eiskalt ins Leere laufen zu lassen wäre nicht nur grausam, sondern auch der endgültige Beweis dafür, dass ich ein lebens- und beziehungsunfähiges Etwas war.

Ich ging auf Trevor zu. Er schaute mich an, legte seine Arme um meine Hüften und drückte mich an sich. Dabei rieb sich mein Busen an seinem Oberkörper, sodass er unweigerlich merkte, dass ich keinen BH trug. Seine Augen wurden etwas schmaler, und um seine Mundwinkel zeichnete sich ein Lächeln ab. Als ich ihn dann küsste, drückte ich meine Zunge zwischen seine Lippen, und der leichte Druck in meiner Leistengegend verriet mir, dass wir auf dem besten Wege waren, uns wieder zu versöhnen.

»Hast du nicht was von hochgehen gesagt?«, fragte ich mit meiner Schmachtstimme und zog ihn noch enger an mich. Trevor nickte und begann, etwas angestrengter zu atmen. Sein Körper schüttete nun jede Menge Pheromone aus, die ekelhaft süß nach Narzissen rochen.

»Dann hoch!«, sagte er zustimmend. Er griff meinen Arm und zog mich hinter sich her zur Treppe.

Als ich aufwachte, war die Sonne bereits aufgegangen. Ich duschte und ging dann nach unten in mein Arbeitszimmer, um meine E-Mails durchzusehen. Trevor lag immer noch schnarchend in meinem Bett, und eigentlich hatte ich nicht vor, daran etwas zu ändern. Vorausschauend stellte ich ihm ein Fläschchen Desinfektionsmittel, ein paar Kompressen und eine Rolle Hautpflaster auf den Nachttisch. Die Kratzer, die meine Nägel auf seinen Schulterblättern hinterlassen hatten, waren mir jetzt doch ziemlich peinlich. Wenn das Thema zur Sprache käme, würde ich es ihm damit erklären, dass er mich zu ungeahnten Höhepunkten leidenschaftlicher Zweisamkeit getrieben hatte … diese kleine Notlüge war allemal besser, als ihm ins Gesicht zu sagen, dass ich eine Werwölfin war.

Wahrscheinlich hätte ich es ihm gleich erzählen sollen, als ich vor ein paar Wochen seine Band in einem Club hatte spielen sehen und wir danach angebändelt hatten. Spätestens nach unserer ersten Nacht wäre es definitiv an der Zeit gewesen. Ich warf einen Blick auf den Mondkalender an der Wand. Der nächste Vollmond war erst in sechzehn Tagen – Zeichen meiner Wandlung würden also definitiv noch nicht auftreten. Gott sei Dank! Wie ich es Trevor genau erklären würde, wenn es dann so weit war, wusste ich auch nicht.

Mein Posteingang war bis auf ein paar Spam-Mails leer, was mich aber nicht sonderlich wunderte. Wer würde auch schon gern mit einer Trübsal blasenden Luna Wilder kommunizieren wollen?

Als mein Blick auf die letzte gelesene E-Mail im Posteingang fiel, nahm ich mir vor, diesmal stark zu bleiben. Ich würde sie nicht anklicken. Nicht anklicken! Auf keinen Fall anklicken …

Meine Selbstbeschwörung war völlig nutzlos. Sofort überkam mich nämlich derselbe Zwang, der mich auch bei Internetauktionen auf den Button GEBOT ABGEBEN klicken ließ, wenn es um Designerschuhe oder Secondhandtaschen ging. Auch die anschließenden Gewissensbisse und Selbstvorwürfe ähnelten sich bei beiden Vorgängen.

Von: dsandovsky31@netmail.ru.com

An: wilderlu@nocturne.pd.gov

Betreff: Mach Dir keine Sorgen um mich …

Liebe Luna,

mach Dir bitte keine Sorgen um mich, Liebes. Ich kann nicht viel schreiben, nur so viel: Ich bin in der Ukraine, und es geht mir gut. Sprich mit niemandem über mich, über Dich oder über uns. Bitte! Ich kann Dir nicht genau sagen, was passiert, wenn Du es doch tust, aber unter Umständen könnte es dann ernste Probleme geben.

Ich werde versuchen, Dich zu beschützen, Luna. Ich weiß jedoch nicht, ob ich es schaffe …

Dmitri

Die Mail war fast einen Monat alt und das letzte Lebenszeichen von Dmitri. Sie war in der Nacht gekommen, in der ich Trevor kennengelernt hatte, und wenn ich halbwach im Bett lag und kurz davor war, in die Traumwelt abzugleiten, machte mir besonders der Schluss der Nachricht – dieses Ich werde versuchen, Dich zu beschützen – schwer zu schaffen.

»Toll, Dmitri, bisher hast du das ja wirklich verdammt gut hinbekommen!«, murmelte ich. Über mir hörte ich Schritte, und im nächsten Moment rief Trevor schon etwas die Treppe herunter.

»Babe, bist du da unten? Hast du vielleicht irgendwas zum Frühstück für mich?«

Rasch schaltete ich den Monitor aus und huschte aus dem Arbeitszimmer. »Es müssten eigentlich noch Cornflakes in der Küche sein«, antwortete ich. »Hör mal, Trevor, ich bin schon spät dran und muss jetzt zur Arbeit.« Ob die Cornflakes überhaupt noch genießbar waren, wusste ich nicht, und eigentlich war ich auch nicht spät dran, aber Trevor am Morgen danach erleben zu müssen würde nur neue Schuldgefühle in mir auslösen. Keine Ahnung, was mit mir los war. Eigentlich sollte ich meine Zeit mit ihm doch genießen – mehr oder weniger zumindest. Durch die andauernde Grübelei über Trevor, mich und Dmitri fühlte ich mich mittlerweile fast wie eine dieser Großstadttussis, bei denen sich alles nur um das eine drehte.

Trevor kam die Treppe heruntergesaust und hielt mich am Ellbogen fest. Ich musste mir auf die Zunge beißen, um ihn nicht anzuknurren, denn die Wölfin in mir fasste seinen Griff als einen Versuch auf, mich zu dominieren.

»Musst du wirklich schon los?«

Ich küsste ihn auf die Wange. »Ich fürchte, ja.«

Er hielt meinen Arm immer noch fest. »Wir haben heute Abend einen Gig im Belladonna. Ist ’ne ziemlich große Sache für uns, und ich würde mich echt freuen, wenn du kommst.«

In meinem Kopf zählte ich kurz zusammen, wie viele Razzien die Jungs von den Drogen- und Sittedezernaten schon im Belladonna Club durchgeführt hatten, und verstand dann, warum es für Trevor eine große Sache war. Die Leute im Belladonna waren keine Schwätzer, sondern wirklich finstere Gestalten. Armer Trevor!

»Ich werd’s versuchen«, versprach ich ihm. »Jetzt muss ich aber wirklich los.«

Eilig schnappte ich mir meine Glock, die Marke und meine Jacke. Auf dem Weg zum Fairlane ging mir durch den Kopf, dass eine normale Frau nicht so glücklich darüber wäre, möglichst schnell von ihrem Freund wegzukommen. Zumindest nicht so glücklich, wie ich es in diesem Moment war.

4

Auf dem Weg zum Revier raste ich den Appleby Expressway entlang, fuhr dann aber schon im Zentrum ab, anstatt die übliche Ausfahrt zu nehmen. Durch den Umweg hoffte ich, mich noch etwas länger vor der Arbeit drücken zu können. Als ich an der Kreuzung Devere Street, Ecke Branch Street auf Grün wartete, klingelte mein Telefon. Die Nummer auf dem Display verriet mir, dass mich jemand aus der Gerichtsmedizin sprechen wollte. Ohne lange über die Strafe für Handygespräche am Steuer nachzudenken, die in Nocturne City immerhin zweihundert Dollar betrug, ging ich ran.

»Luna, Dr. Kronen hier«, meldete sich der Anrufer, als die Ampel auf Grün sprang. Ich legte den Gang ein und meisterte die nächste Kurve schwungvoll mit einer Hand am Steuer. Danach nahm ich das Handy ans andere Ohr und antwortete: »Was gibt’s, Bart?«

»Ich habe die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchung von Ihrem Überdosisfall von gestern. Wenn Sie wollen, können Sie vorbeikommen.«

Obwohl mir ein Besuch im Leichenschauhaus von Nocturne City ungefähr so attraktiv erschien wie ein Badeurlaub im Gazastreifen, legte ich kurz entschlossen eine Hundertachtzig-Grad-Wendung über zwei Fahrbahnen hin und fuhr wieder zurück in Richtung Zentrum. »Bin schon auf dem Weg. Geben Sie mir zehn Minuten.«

Das Leichenschauhaus lag im Kellergeschoss unter den Labors des NCPD. Auf dem Weg zu Kronens Büro wehte mir neben dem aufdringlichen Verwesungsgeruch auch der Gestank von altem Formaldehyd entgegen. Selbst die riesigen Wandkühlschränke rochen erbärmlich.

Als ich ohne zu klopfen in sein Büro stürmte rutschte dem viel beschäftigten Gerichtsmediziner vor Schreck die Brille von der Nase. »Ah, Detective«, begrüßte er mich und begann, in einem Papierhaufen herumzukramen, der auf mich wie ein unentwirrbares Chaos aus alten und neuen Laborberichten und jeder Menge Sushi-Quittungen vom Eckimbiss wirkte. »Hier sind die Ergebnisse. Wie Sie sehen können …«, er öffnete die Mappe mit dem Bericht und winkte mich zu sich heran, »… haben wir im Blut des Mannes nichts gefunden, was untypisch für einen Junkie wäre.«

»Heroin?«, fragte ich.

»Heroin war es nicht«, antwortete Kronen und deutete im Diagramm des Berichts auf eine Zickzacklinie. »Das hier ist die grafische Darstellung einer Droge, die ich bis jetzt noch nicht identifizieren konnte. Einige Anteile stimmen mit denen von Heroin überein. Vorerst würde ich daher auf eine nicht weitverbreitete Straßenmischung aus verschiedenen Drogen tippen.«

»Wahrscheinlich hat sich das Zeug nicht weiter verbreitet, weil alle Konsumenten einen qualvollen Tod sterben«, mutmaßte ich.

»Könnte sein«, stimmte Kronen zu. »Wenn ich etwas Luft habe, werde ich eine detailliertere Analyse und eine Autopsie machen, um einen Unfall endgültig als offizielle Todesursache zu bestätigen. Im Moment glaube ich aber sicher sagen zu können, dass Sie diesen Fall in Ihrem Aktenberg ganz nach unten schieben können.«

»Welche Akten?«, brummte ich und nahm den Bericht an mich. Dank Matilda »Schreckschraube« Morgan hatte ich praktisch keine anderen Fälle.

»Detective«, sagte Kronen, als ich mich schon umgedreht hatte, um zu gehen. »Ich hoffe, das da … äh … am Tatort …« Er seufzte und schnipste mit den Fingern ein Reiskorn von seinem Hemd. »Ich wollte Sie keineswegs beleidigen. Jetzt, da ich weiß, dass Sie eine Werwölfin sind, ist mir auch klar, warum Sie den Gestank am Obduktionstisch nicht ausstehen können und warum … äh … ist ja auch egal. Was ich eigentlich sagen wollte, ist, dass Sie eine gute Ermittlerin sind und ich mich jederzeit freue, wieder mit Ihnen zusammenzuarbeiten.« Dann warf er mir ein kleines Lächeln zu und griff verlegen nach einer dicken medizinischen Fachzeitschrift mit Eselsohren.

Kronens Bemerkung kam vollkommen überraschend für mich. Ich murmelte ein verlegenes »Danke, Doc!« und huschte so schnell wie möglich zur Tür hinaus, um meinen puterroten Kopf vor ihm zu verbergen. Wenn das gesamte NCPD so denken würde wie Kronen, wäre mein Leben sicherlich um einiges erträglicher.

Als ich wieder im Auto saß und in Richtung Highlands zum Revier fuhr, seufzte ich gedankenverloren. Wem sollte ich etwas vormachen? Ich zog Katastrophen magisch an, und das war schon mein ganzes Leben lang so gewesen. Mentale Streicheleinheiten von meinen Kollegen in Blau würden daran auch nichts ändern. Eigentlich war diese Tatsache durch nichts auf der Welt zu ändern – es sei denn, ich würde eines Tages aufwachen und durch magische Umstände keine Werwölfin mehr sein. Erfahrungsgemäß geschahen solche Wunder allerdings nicht allzu oft.

Als ich auf dem 24. Revier ankam, fand ich dort das typische Szenario eines Freitagabends vor: Neben einer Handvoll krakeelender Trunkenbolde und ein paar aufgekratzten Junkies, in deren Drogenfantasien wir Polizisten Seelensaft saugende Flohdämonen waren, hielt ein aufsässiger Schlipsträger die Kollegen in Atem. Offensichtlich war er mit seiner Verhaftung wegen Alkohol am Steuer plus erheblich überhöhter Geschwindigkeit nicht ganz einverstanden. Bei meinem Eintreten brüllte er gerade Rick an, dass er mit seinem Porsche keineswegs zu schnell gefahren sei, zumindest keine neunzig in einer Dreißigerzone.

»Nein, Sir …«, sagte Rick, während ein Kollege mit dem Verkehrssünder vor dem Empfangstresen zu ringen begann, »… ich weiß nicht, wer Sie sind, und selbst wenn ich es wüsste, würde ich trotzdem Ihre Daten aufnehmen müssen.«

»Leck mich doch am Arsch, du Tippse!«, grölte der Verhaftete. »Ich will sofort einen Anwalt! Wo ist mein Telefon? Ich ruf ihn lieber selbst an. Mit deinem Spatzenhirn kannst du wahrscheinlich nicht mal die Nummer richtig eingeben!«

Ich schlich mich von hinten an den lautstarken Verkehrssünder heran und fingerte behutsam in den Taschen seines Tweedmantels herum, bis ich sein kleines, glänzendes Klapphandy gefunden hatte. Mit einem kräftigen Ruck brach ich das Handy kaputt und warf die Einzelteile auf Ricks Tresen. Der Schlipsträger drehte sich mit offenem Mund zu mir um, aber bevor er etwas sagen konnte, ließ ich meine Augen für einen Moment goldfarben aufflackern, ergriff energisch seine Schulter und knurrte ihn an: »Beruhigen Sie sich, verdammt noch mal!« Das war zwar für mich mit einem stechenden Schmerz verbunden, aber dafür auch ein ganz netter Trick, mit dem ich schon den ein oder anderen widerspenstigen Trunkenbold gefügig gemacht hatte. Vor der Katastrophe mit Duncan hatte ich solche Spielchen unterlassen müssen, da ich mich sonst als Werwölfin verraten und nur schwer einschätzbare Reaktionen provoziert hätte. Auf dem Revier hatte es damals durchaus Kollegen gegeben, die nach einem solchen Outing ihre Silbermunition ausgepackt und die Jagd auf mich eröffnet hätten.

Eine Sekunde lang japste der Schlipsträger nach Luft wie ein Fisch, den man gerade an Land geworfen hat. »Ich verklage Sie …«, stammelte er.

Ich zwinkerte Rick zu und ging dann durch den Metalldetektor, während er erneut mit der Befragung des Betrunkenen begann. »Also noch einmal, Sir … Wie lautet Ihre Adresse? Und wenn Sie mir jetzt wieder auf die dumme Tour kommen, werde ich die nette Dame von eben zurückholen, und dann wird sie nicht nur Ihr Telefon zerbrechen!«

Als ich unser Großraumbüro betrat, war ich fast guter Laune. Vielleicht hatte es ja doch Vorteile, sich jetzt nicht mehr verstecken zu müssen. Die Instinkte der Wölfin und die geschärften Sinne, die ich mit dem Biss erhalten hatte, waren mir auch schon früher eine Hilfe gewesen. Allerdings war es mir seit jeher schwergefallen, meine Werwolfkraft und mein aufbrausendes Temperament im Zaum zu halten. Wenn ich aber jetzt nicht mehr so verdammt vorsichtig sein musste, würden sich meine Probleme möglicherweise leichter lösen lassen. Vielleicht ließ mir Morgan sogar etwas mehr Leine, wenn ich den Kleinkram schnell genug erledigte, mit dem sie mich in Zukunft höchstwahrscheinlich bombardieren würde.

Meine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als ich zu meinem Arbeitsplatz blickte: Da saß eine Frau auf meinem Schreibtisch und schaute sich gerade das Familienfoto von Sunny, mir und unserer Großmutter Rhoda an. Ich blieb ein paar Schritte vor dem Tisch stehen und räusperte mich lauter als notwendig. »Darf ich fragen, was das hier werden soll?«

Sie drehte sich zu mir um und schaute mir mit einem kessen Lächeln in die Augen. »Detective Wilder?«

Ich wusste in dem Moment zwar, dass ich es später bereuen würde, sagte aber trotzdem: »Ja, das bin ich.«

Sie erhob sich von meinem Schreibtisch und streckte mir ihre Hand entgegen, wobei mir unweigerlich ihre teure Körperlotion in die Nase stieg und ihre perfekten künstlichen Fingernägel auffielen. »Mein Name ist Shelby O’Halloran. Ich bin gerade hierher versetzt worden, von der Sitte aus dem 19. Revier.«

»Okay …«, sagte ich zögernd und tat, was alle Cops tun, wenn sie einen neuen Menschen kennenlernen – ich trug die persönlichen Merkmale meiner Gesprächspartnerin für die mentale Akte zusammen. Irgendwo zwischen eins achtundsechzig und eins siebzig groß, um die fünfzig Kilo schwer, blondes Haar und eisblaue Augen. Keine auf den ersten Blick erkennbaren Narben oder Tätowierungen.

»Würden Sie mir dann vielleicht trotzdem verraten, was Ihr Hintern auf meinem Schreibtisch zu suchen hat, Shelby?«

»Ich bin Ihre neue Partnerin.«

Moment mal. Wie bitte?

»Sie sind meine was?«, fragte ich ungläubig und zwinkerte dabei ziemlich dämlich. Shelby aber lächelte mich nur an. Sie verzog ihre glänzenden Lippen zu einem Lächeln und gab so den Blick auf eine perfekte Reihe kleiner weißer Zähne frei, bei deren Anblick einige Zahnärzte sicherlich feuchte Träume bekommen hätten.

»Ihre Partnerin …

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