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Nochmal lass ich dich nicht gehen

Marie Ferrarella

Nochmal lass ich dich nicht gehen

1. KAPITEL

„Kullen, du brauchst eine Frau!“

Kullen Manetti lächelte seine verwitwete Mutter über den kleinen Tisch im Restaurant Vesuvius hinweg an.

Nicht übel, Theresa Manetti hatte einen neuen Rekord aufgestellt. Es war ihr tatsächlich gelungen, erst nach dem Hauptgang eine Bemerkung über sein Junggesellendasein zu machen – eines von Theresas Lieblingsthemen, wann immer sie unter sich waren.

Vor sechs Monaten war Kullens Schwester Kate dem Charme eines Bankmanagers namens Jackson Wainwright erlegen. Nun war bloß noch Kullen als Single übrig. Und damit war sein Junggesellenstatus sogar zum Thema Nummer eins geworden.

Doch Theresa übersah anscheinend das Offensichtliche.

„Mom, ich habe jede Menge Frauen“, erinnerte Kullen sie.

Theresa kniff die Augen zusammen. Im vergangenen Jahr hatten sie und ihre langjährigen besten Freundinnen Maizie und Cecilia erfolgreich Männer für ihre karrierebesessenen Singletöchter aufgetrieben. Seitdem war Theresa von ihren diesbezüglichen Fähigkeiten und ihrem Urteilsvermögen überzeugt. Die Aufgabe hatte außerdem ihr Selbstbewusstsein gestärkt.

Trotz ihres großen beruflichen Erfolgs mit ihrem Cateringservice war sie sonst eher ruhig und schüchtern.

Es war die Immobilienmaklerin Maizie, die die Operation „Matchmaking Mamas“ ins Leben gerufen hatte. Cecilia besaß eine Reinigungsfirma. Sie hatte sich über das Projekt sarkastisch geäußert, sich dann jedoch angeschlossen. Theresa dagegen hatte sich zunächst darauf beschränkt, die Daumen zu drücken und zu beten. Nur gelegentlich hatte sie möglichst unaufdringlich durchscheinen lassen, dass sie ihren Sohn und ihre Tochter gern verheiratet sehen wollte.

Sowohl Kate als auch Kullen arbeiteten als Anwälte in der von ihrem verstorbenen Vater gegründeten Kanzlei Rothchild, McDowell und Simmons. Sie waren auf Familienrecht spezialisiert. Bis zu ihrer Begegnung mit Jackson war Kate ausschließlich mit ihrer Arbeit verheiratet gewesen. Im Gegensatz dazu gelang es Kullen irgendwie, neben seinem aufreibenden Job mit jeder attraktiven ungebundenen Frau innerhalb eines Fünfzig-Meilen-Radius auszugehen. Keine dieser Beziehungen – wenn man sie überhaupt so nennen konnte – dauerte sehr lange. Sechs Wochen waren die absolute Obergrenze, und selbst das kam ausgesprochen selten vor.

Theresa fand es einfach schrecklich: Ihr Sohn war gut aussehend, erfolgreich und dynamisch – und er machte keinerlei Anstalten, die Eine zu finden. Die Frau, die seine Welt auf den Kopf stellen und ihn dazu bringen würde – bitte, bitte, lieber Gott! –, endlich monogam zu leben.

„Ich meine eine Frau mit Niveau“, beharrte Theresa.

Lächelnd beugte Kullen sich über den Tisch. „Dafür habe ich doch dich“, antwortete er und gab seiner Mutter einen Kuss auf die Schläfe. „Und Kate. Und natürlich deine unglaublich charmanten und sich ständig einmischenden Freundinnen Maizie und Cecilia.“

Kullen wusste, dass seine Mutter mit den beiden mindestens einmal pro Woche Poker spielte – zumindest schien es nach außen hin so. In Wirklichkeit heckten die drei nämlich Strategien aus, wie sie ihre Kinder am besten unter die Haube brachten. Und nachdem Kate, Nikki und Jewel nun in Beziehungen steckten, suchten sie vermutlich ein neues Opfer. Aber so sehr er die drei auch mochte – nicht mit ihm!

Theresa richtete sich auf und sah ihren Erstgeborenen eindringlich an. Kullen war genauso groß, dunkelhaarig und gut aussehend wie sein verstorbener Vater. Allerdings hatte er feinere, fast schon nobel wirkende Gesichtszüge. Die hatte er von ihr geerbt. Woher er aber den Hang zu ständig wechselnden Frauen hatte, war ihr schleierhaft.

„Kullen …“

Ihr Tonfall verriet Kullen, dass ihm jetzt eine Standpauke drohte, wenn er ihr nicht sofort ins Wort fiel. Er hatte jedoch keine Lust, sich mit ihr zu streiten. Im letzten Monat war Ronald Simmons, einer der Seniorpartner der Kanzlei, in Rente gegangen. Seitdem sahen sie sich ohnehin viel zu selten.

Trotz allem war er nämlich gern mit seiner Mutter zusammen. Theresa Manetti war eine liebevolle und großzügige Frau. Sie hatte für alles Verständnis, und Kullen liebte sie dafür. Außerdem war sie selbstlos. Ihre Kinder standen für sie grundsätzlich an erster Stelle.

Nicht zum ersten Mal wurde Kullen bewusst, was für ein Glück sein Vater mit ihr gehabt hatte. Leider war Anthony Manetti viel zu sehr mit seinem Job beschäftigt gewesen, um das zu erkennen. Die Kanzlei hatte ihn vollkommen in Beschlag genommen. Im Grunde hatte er sogar von Kullen und Kate erst Notiz genommen, als sie dort angefangen hatten.

Kate hatte es besonders schwer gehabt. Ihr verstorbener Vater war nicht nur perfektionistisch, sondern leider auch sehr konservativ gewesen. Bis zu seinem Tod war Anthony Manetti fest davon überzeugt gewesen, dass Frauen – abgesehen von ein paar Ausnahmen in der Politik – nicht dieselben Fähigkeiten wie Männer besaßen. Daher hatte er von Kate doppelt so viel verlangt wie von den anderen jungen Anwälten.

Schade, Dad. Du hattest gleich zwei tolle Frauen in deinem Leben, und du hast es nicht einmal bemerkt.

„Wirklich, Mom, warum kümmert ihr euch nicht endlich um euer eigenes Liebesleben? Oder wenn es denn unbedingt sein muss: Warum verkuppelt ihr nicht unsere arme einsame Cousine Kennon?“

Wie früher Kate und ihre beiden Freundinnen Nikki und Jewel war Kennon eine von diesen überbeschäftigten Karrierefrauen. Auch sie beharrte darauf, dass sie für eine feste Beziehung viel zu viel um die Ohren hatte. Kullens Meinung nach war sie einfach perfekt für seine Mutter und ihre Freundinnen.

Im Gegensatz zu ihm.

Anders als die jungen Singlefrauen genoss er sein Privatleben in vollen Zügen. Aus keiner seiner „Liebschaften“ – ein altmodischer Ausdruck seiner Mutter – wurde je etwas Ernstes. Aber er wollte es gar nicht anders.

Denn nur so blieben sein Ego und sein Herz intakt.

Beides war nämlich vor acht Jahren gründlich zerstört worden. Und diese Erfahrung reichte ihm für den Rest seines Lebens. Auch wenn es so lange her war, dass es ihm inzwischen wie ein Traum vorkam. Irgendwie irreal.

Dabei war es verdammt real gewesen.

Aber damals war er ein anderer Mensch gewesen. Er war so naiv gewesen. Nein danke! Es gefiel ihm weitaus besser, wie er jetzt war: clever, erfolgreich und umzingelt von begehrenswerten jungen Frauen.

Theresa legte den Kopf schief. „Unser eigenes Liebesleben?“, fragte sie verblüfft.

„Allerdings. Soweit ich weiß, tritt keine von euch in naher Zukunft vor den Altar – oder checkt zumindest in ein Hotel ein“, fügte er augenzwinkernd hinzu. „Oder verheimlichst du mir womöglich etwas?“

Wenn Kullen so aussah wie jetzt – vor allem mit diesem breiten Lächeln – musste Theresa immer an die erste Begegnung mit ihrem Mann denken. Damals war er noch nicht so vom Ehrgeiz zerfressen gewesen wie später. Er war romantisch und witzig gewesen – und einfach umwerfend gut aussehend.

Theresa vermisste beide Anthonys schrecklich: sowohl den charmanten Jungen als auch den erfolgreichen Geschäftsmann. Sie wünschte sich bloß, er hätte sie zuletzt etwas mehr an seinem Leben teilhaben lassen. Ihre gemeinsame Zeit war viel zu schnell vorbei gewesen. Anthony war die große Liebe ihres Lebens gewesen, und das würde er auch immer bleiben.

„Nein, Kullen, ich verheimliche dir nichts“, erwiderte sie. „Die Ehe mit deinem Vater war alles, was ich wollte. Ich habe großes Glück mit ihm gehabt.“ Theresa wusste, dass Maizie und Cecilia ihren Männern gegenüber ähnlich empfanden. „Genau die Art Glück, die ich mir für deine Schwester wünsche – und für dich.“

Kullen schaute sie belustigt an. „Aber ich bin glücklich, Mom.“

Beiden war klar, dass seine Freundinnen nicht gerade die Hellsten waren. Sie sahen zwar fantastisch aus, waren jedoch allesamt Dummchen, wie man das zu Theresas Zeiten nannte.

„Ich meinte aber wirkliches Glück“, gab Theresa mit Nachdruck zurück. „Das ist wie der Unterschied zwischen einer Schachtel Pralinen und einer anständigen Mahlzeit: Das eine bietet dir Genuss pur, ist aber ungesund. Das andere macht dich dagegen gesund und stark, sodass du dein Leben voll ausschöpfen kannst.“

Kullen lachte. „Typisch, dass du das Ganze mit etwas zum Essen vergleichst“, sagte er kopfschüttelnd. „Nimm es mir nicht übel, Mom: Ich bin einfach kein Fleisch-und-Gemüse-Typ. Ich mag Süßigkeiten, und Pralinen entsprechen genau meinen Bedürfnissen.“ Liebevoll betrachtete er seine Mutter. Er wusste, dass sie es nur gut mit ihm meinte. Dennoch hatte es keinen Zweck, ihr etwas vorzumachen. „Und ich habe nicht vor, in absehbarer Zeit etwas daran zu ändern.“

So schnell ließ Theresa sich nicht entmutigen. „Kate hat früher genauso geredet wie du.“

„Aber sie war nicht glücklich“, erinnerte Kullen sie. „Ich schon.“ Er schob seinen leeren Dessertteller und seine Kaffeetasse weg und lehnte sich nach vorn. „Deine bisherige Erfolgsquote liegt bei einhundert Prozent, Mom. Sobald du mich ins Spiel bringst, wird sie um die Hälfte sinken.“

Wenn die Dinge vor acht Jahren anders gelaufen wären, wäre er heute vielleicht mit einer Frau verheiratet, die Theresa sehr ähnlich war. Aber anscheinend hatte seine Menschenkenntnis ihn damals gründlich im Stich gelassen.

Das ist alles schon eine Ewigkeit her, dachte er bei sich. Inzwischen ging es ihm wieder gut – jedenfalls war er frei wie ein Vogel, und er war verdammt froh darüber.

„Nein“, widersprach Theresa. Als Kullen sie verwirrt ansah, fuhr sie fort: „Du hast Nikki und Jewel vergessen.“ Die Töchter von Maizie und Cecilia waren mittlerweile ebenfalls mit tollen Männern zusammen.

Allmählich hatte Kullen die Nase voll von dem Thema. „Man sollte aufhören, wenn es am schönsten ist, Mom“, erklärte er. „Das machen Darsteller in Fernsehserien auch oft so.“

Theresa presste die Lippen zusammen. Wie konnte er nur so blind sein?

„Das hier ist aber keine Serie, sondern das echte Leben“, protestierte sie.

„Ganz genau“, meinte Kullen. Es war nämlich sein Leben. Auf keinen Fall würde er sich von den Träumen seiner Mutter und den Machenschaften ihrer beiden Freundinnen manipulieren lassen. „Außerdem bin ich keine zwölf mehr!“

„Wenn du noch zwölf wärst“, entgegnete Theresa und verschränkte die Hände auf dem Tisch, „würden wir dieses Gespräch gar nicht führen. Immerhin kenne ich unsere Gesetze ziemlich gut. Es ist illegal, mit zwölf zu heiraten.“

„Wir führen dieses Gespräch auch nicht“, hielt Kullen lächelnd dagegen und stand auf. Die Rechnung hatte er bereits zwischen dem Dessert und dem Kaffee bezahlt. „Ich muss nämlich zurück ins Büro.“ Er beugte sich vor und gab ihr einen Kuss. Theresa duftete wie immer nach Jasmin. „Ich habe heute Nachmittag einen randvollen Terminplan.“

Theresa unterdrückte ein vielsagendes Lächeln. Sie war bereits bestens informiert. Zumindest wusste sie mehr als er. „Mein Sohn, der erfolgreiche Anwalt“, murmelte sie.

Aufmerksam musterte Kullen sie. „So manche Mutter würde sich damit zufriedengeben.“

„Ich bin nicht ‚manche Mutter‘, Kullen, sondern deine. Und als deine Mutter …“

„… warst du mir eine sehr angenehme Gesellschaft“, unterbrach er sie, bevor sie die Unterhaltung wieder auf sein Liebesleben lenken konnte. „Mach’s gut, ich muss wirklich los.“

Auf dem Weg zur Tür hielt er noch einmal inne, als sie ihn rief: „Kullen …“

Etwas an ihrem Tonfall ließ ihn stutzig werden. Langsam drehte er sich zu ihr um. „Ja?“, fragte er.

Theresa war eine ehrliche Haut. Am liebsten hätte sie ihm verraten, dass sie am letzten Wochenende ein Wohltätigkeitsessen für Anne McCall ausgerichtet hatte. Dabei hatte sie erfahren, dass deren alleinerziehende Tochter Lilli kürzlich nach Bedford zurückgekehrt war und dass Lilli dringend einen guten Anwalt für Familienrecht suchte.

Sofort hatte Theresa ihre Chance gewittert und Anne mitgeteilt, dass ihr Sohn Kullen Anwalt war. Sie hatte ihr die Nummer seiner Kanzlei gegeben. Das Resultat war, dass Lilli heute Nachmittag bei ihm vorbeikommen würde.

Doch wenn sie Kullen davon erzählte, würde er den Fall womöglich an Kate weiterleiten. Theresa zwang sich also zu einem Lächeln und sagte nur: „Ich wünsche dir einen schönen Nachmittag, mein Lieber.“

Kullen erwiderte ihr Lächeln. „Danke, den werde ich haben.“ Damit ging er arglos davon, seinem Nachmittagstermin entgegen.

Und möglicherweise ging er auch einem neuen Leben entgegen. Theresa drückte zumindest kräftig die Daumen.

Lilli McCall hatte starke Zweifel, was den Termin bei Kullen anging.

Insgesamt dreimal wollte sie schon per Handy absagen, überlegte es sich jedoch wieder anders. Wenn sie diesen Termin verpasste, würde sie sich einen anderen Anwalt suchen müssen.

Und leider drängte die Zeit. Sie konnte nicht die Augen vor der Realität verschließen und so tun, als sei alles in bester Ordnung. Denn das war eindeutig nicht der Fall. Erst recht nicht seit Elizabeth Daltons unerwartetem Brief vor einigen Wochen. Lilli war daraufhin sofort wieder nach Bedford gezogen – in der Hoffnung, der Frau so zu entkommen. Allerdings hatte das nicht geklappt.

In Bedford hatte sie einen zweiten Brief erhalten, der von Herablassung und Sarkasmus nur so triefte. Und die Drohung darin konnte auch ein Siebenjähriger nicht ignorieren.

Lilli würde jedoch nicht zulassen, dass Elizabeth Dalton ihre Drohung wahr machte. Sie würde sich gegen sie zur Wehr setzen. Bis zum letzten Atemzug, wenn es sein musste.

Was jedoch bedeutete, dass sie vor Gericht ziehen musste – oder dass sie zumindest einen verdammt guten Anwalt brauchte, der für sie kämpfte.

Mit allen Mitteln.

Lilli war schließlich nicht naiv. Bei Elizabeth Dalton würde sie mit Vernunft und anständigem Verhalten nichts erreichen. Die Witwe des Erben eines Pharmakonzerns würde bestimmt vor nichts zurückschrecken, um zu bekommen, was sie sich in den Kopf gesetzt hatte.

Und das war Lillis Sohn Jonathan.

Elizabeths Enkel.

Das Problem bei der Sache war nur, dass Lilli keine Anwälte kannte. Bisher war sie stets ohne Vermittler ausgekommen, und das entpuppte sich jetzt als Nachteil.

Der einzige Anwalt, den sie kannte, war Kullen. Sie hatte ihn als guten, freundlichen und fürsorglichen Menschen kennengelernt, und er lebte in Bedford. Eigentlich war er die perfekte Wahl.

Trotzdem war sie hin- und hergerissen, als sie zehn Minuten vor dem vereinbarten Termin in ihrem kleinen blauen Auto auf dem Parkplatz seiner Kanzlei saß. War es wirklich eine gute Entscheidung gewesen, ihn zu kontaktieren? Sollte sie nicht doch lieber absagen?

Zum vierten Mal tippte sie seine Büronummer in ihr Handy ein und ließ den Finger unschlüssig über der Wähltaste schweben. Sie klappte es kurzerhand zu, steckte es in die Handtasche und stieg aus dem Wagen. Zielstrebig marschierte sie auf das sechsstöckige Gebäude zu, in dem sich Kullens Kanzlei befand. Als sie den Fahrstuhl betrat, fühlte sie sich plötzlich wie beim Gang zum Schafott.

Jonathan, denk an Jonathan! Es geht hier nur um ihn. Du musst ihn unbedingt vor dieser Frau retten, sonst verwandelt sie ihn noch in das Ebenbild seines Vaters!

Und das wäre ein furchtbares Schicksal, so viel war Lilli klar.

Für Lillis Gefühl öffnete sich die Lifttür viel zu schnell. Sie stieg aus. Hoffentlich tat sie das Richtige.

Gleich würde sie die Zukunft ihres Sohnes in die Hände des Mannes legen, den sie vor acht Jahren verlassen hatte.

An manchen Tagen fragte Kullen sich, wie er ohne Selma Walkers Hilfe mit dem ganzen Stress zurechtkommen würde.

Sein Vater hatte Selma vor vielen Jahren als Chefsekretärin angestellt. Sie wehrte sich vehement gegen die neumodische Bezeichnung „Assistentin“ – sie war eine verdammt gute Sekretärin und stolz darauf. Sie hatte nur einen einzigen Fehler: ihre katastrophale Handschrift. Wenn er sie darauf ansprach, erwiderte sie immer nur spitz, dass sie jedes Wort lesen konnte. Leider war sie da die Einzige.

Deshalb hatte Kullen auch keine Ahnung, wer seine nächste Mandantin war. Selmas unleserlichem Gekritzel in seinem Kalender hatte er nur entnehmen können, dass sie weiblich und unverheiratet war. Als er die Frau erblickte, die nach seiner Aufforderung zur Tür hereinkam, traf ihn fast der Schlag.

Acht Jahre waren vergangen, aber er hätte sie überall wiedererkannt: Lilli.

Ihr Bild hatte sich unauslöschlich in sein Herz eingebrannt.

Eine Mischung aus Überraschung, Freude und Wut überkam ihn. Er war total verwirrt. Was zum Teufel machte sie hier?

Erst nach mehreren Sekunden wurde ihm bewusst, dass der Schreck ihm anscheinend die Sprache verschlagen hatte. Ihm war so schwindlig, dass er zunächst einmal tief durchatmen musste.

Als er sich automatisch von seinem Schreibtischstuhl erhob, schien sein Körper irgendwie gar nicht zu ihm zu gehören. Er kam sich vor wie in einem Traum.

Dabei war er hellwach.

Oder?

„Lilli?“, flüsterte er.

Es hätte ihn nicht überrascht, wenn die neue Mandantin ihn verständnislos angesehen hätte. Es konnte einfach nicht sein. Diese Frau konnte unmöglich dieselbe sein, die vor acht Jahren in der Nacht nach seinem Heiratsantrag spurlos verschwunden war. Niemand hatte gewusst, wohin sie gegangen war oder warum sie das Jurastudium so plötzlich abgebrochen hatte.

Doch es bestand kein Zweifel: Die zierliche Blondine vor seinen Augen war tatsächlich Lilli. Ihr zaghaftes Lächeln bestätigte diesen Verdacht.

„Hallo, Kullen.“ Sie stellte sich hinter den ergonomischen Lederstuhl vor seinem Schreibtisch. „Darf ich mich setzen?“, fragte sie mit ihrer leisen melodischen Stimme.

Kullen hatte Mühe, klar zu denken.

„Sicher. Setz dich. Bitte.“ Erstaunlich, dass ihm wenigstens seine Zunge noch zu gehorchen schien.

Kullen zeigte auf den Stuhl, nahm selbst wieder hinter dem Schreibtisch Platz und starrte sie wie benommen an. Unglaublich. Obwohl Lilli so klein war, schien ihre Präsenz den ganzen Raum zu füllen.

Irgendwann holte er tief Luft und rief sich sein Standardprogramm ins Gedächtnis. Gleichzeitig versuchte er, das seltsame, unwirkliche Gefühl abzuschütteln.

„Kann ich dir etwas zu trinken anbieten?“, fragte er und deutete mit einem Nicken zum schmalen Seitentisch, auf dem alles Nötige bereitstand. „Kaffee? Tee? Wasser?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein danke. Ich habe keinen Durst.“

In diesem Moment spürte Kullen wieder die alte Bitterkeit in sich aufsteigen. Das Gefühl schnürte ihm förmlich den Hals zu. Er musste sich zusammenreißen, um sich nichts anmerken zu lassen. „Was willst du hier, Lilli?“, platzte er heraus.

Im Stillen beschloss sie, ohne Umschweife zur Sache zu kommen. Bevor er sie womöglich einfach wegschickte – wozu er natürlich jedes Recht hatte.

Denn wenn er sie wegschickte, war sie aufgeschmissen.

Ach was, dann fange ich eben wieder vorne an. Genauso wie beim letzten Mal.

Seitdem sie Kullen verlassen hatte, war Lilli eins klar geworden: Sie war viel stärker, als sie selbst gedacht hatte. Es war überraschend, wie sehr ein kleines hilfloses Wesen einen Menschen verwandeln konnte. Inzwischen hatte sie gelernt, sich im Leben durchzusetzen.

„Ich bin gekommen, weil ich deine Hilfe brauche“, antwortete sie.

Ihre schlichten Worte versetzten Kullen einen schmerzhaften Stich. Was gab ihr eigentlich das Recht, nach all den Jahren auf einmal wieder aufzutauchen? Wie konnte sie bloß so dreist sein, ausgerechnet ihn um Hilfe zu bitten?

Damals hätte er alles für sie getan. Er hätte sein Leben für sie gegeben. Und sie hatte ihm praktisch ins Gesicht gespuckt.

Fast eine Minute lang sah er sie schweigend an. „Also sind alle anderen Männer auf der Welt gestorben?“, fragte er schließlich mit trügerisch ruhiger Stimme.

Verwirrt schaute Lilli ihn an. „Wie bitte?“

„Dein plötzliches Verschwinden hat mir damals den Eindruck vermittelt, dass ich der letzte Mann auf der Welt bin, mit dem du etwas zu tun haben willst. Aber da du jetzt hier bist, müssen alle anderen Männer aus irgendeinem geheimnisvollen Grund vom Erdboden verschluckt worden sein. Auch wenn ich das für unwahrscheinlich halte, denn ich bin vor einer Viertelstunde noch einigen von ihnen im Flur begegnet.“ Kullen beugte sich über den Schreibtisch und fügte leise hinzu: „Ist etwa gerade die Welt untergegangen?“

Innerlich zuckte Lilli bei diesen Worten zusammen. Sie gab sich große Mühe, sich zumindest äußerlich nichts anmerken zu lassen.

Schließlich hatte sie mit einer solchen Reaktion rechnen müssen. Mit Schlimmerem sogar. Immerhin hatte sie ihn damals absolut schändlich behandelt. Aber ihre Probleme waren einfach so überwältigend gewesen …

Sie hätte nicht herkommen sollen. Kullen hatte jedes Recht dazu, wütend auf sie zu sein oder sie zu hassen. Dennoch tat sein kalter emotionsloser Tonfall weh.

Denn trotz allem, was passiert war, wusste Lilli tief in ihrem Innern eines ganz genau: Kullen Manetti war der einzige Mann, der ihr je etwas bedeutet hatte.

Sie hatte ihn geliebt – auch wenn sie ihm etwas Schreckliches angetan hatte.

Und er sah noch besser aus als früher. Geradezu umwerfend. Sie fühlte sich stärker zu ihm hingezogen als je zuvor.

„Ich habe anscheinend einen Fehler gemacht“, entgegnete sie steif und schob ihren Stuhl zurück. „Ich hätte nicht kommen dürfen.“ Sie stand auf, drehte sich um und wollte das Büro verlassen.

Kullens Verstand riet ihm, sie einfach gehen zu lassen. Er hatte verdammt lange gebraucht, um über sie hinwegzukommen. Nie wieder wollte er so etwas durchmachen. Der Schmerz über ihr Verschwinden war unerträglich gewesen. Er hatte sich nicht vorstellen können, nur eine einzige Nacht ohne sie weiterleben zu können.

Es hatte ihn verdammt viel gekostet, sich ihr gegenüber zu so öffnen.

Sie zu lieben.

Leider drang sein Verstand nicht zu ihm durch. Irgendetwas in ihren blauen Augen berührte ihn jetzt so tief wie bei ihrer allerersten Begegnung.

„Nein. Dein Fehler war, mich vor acht Jahren sitzen zu lassen“, erwiderte er schroff und unterdrückte den verrückten Drang, sie in die Arme zu nehmen.

Lilli blieb bei seinen Worten abrupt stehen, wandte sich ihm jedoch nicht zu. „Ich hatte meine Gründe“, sagte sie mit ausdrucksloser Stimme.

„Und anscheinend hast du es nicht für nötig gehalten, sie mir zu erklären“, ergänzte er. „Hast du mich denn so sehr gehasst?“, platzte er gegen seinen Willen heraus.

Lilli wirbelte herum. „Ich dich gehasst?“, fragte sie erschrocken. „Aber nein! Ich habe dir nie wehtun wollen.“

„Ach, hast du mir deshalb das Herz herausgerissen und es in den nächstbesten Mülleimer geworfen? Weil du mir nicht wehtun wolltest? Komm schon, Lilli. Das kaufe ich dir nicht ab!“

Lilli schloss für einen Moment die Augen.

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