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Noch mehr Friesenmorde

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Der Mord macht die Musik
  6. 1. Kapitel
  7. 2. Kapitel
  8. 3. Kapitel
  9. 4. Kapitel
  10. 5. Kapitel
  11. 6. Kapitel
  12. 7. Kapitel
  13. 8. Kapitel
  14. 9. Kapitel
  15. 10. Kapitel
  16. 11. Kapitel
  17. 12. Kapitel
  18. 13. Kapitel
  19. 14. Kapitel
  20. Du sollst nicht begehren!
  21. 1. Kapitel
  22. 2. Kapitel
  23. 3. Kapitel
  24. 4. Kapitel
  25. 5. Kapitel
  26. 6. Kapitel
  27. 7. Kapitel
  28. 8. Kapitel
  29. 9. Kapitel
  30. 10. Kapitel
  31. 11. Kapitel
  32. 12. Kapitel
  33. 13. Kapitel
  34. 14. Kapitel
  35. 15. Kapitel
  36. 16. Kapitel
  37. 17. Kapitel
  38. 18. Kapitel
  39. 19. Kapitel
  40. 20. Kapitel
  41. 21. Kapitel
  42. 22. Kapitel
  43. 23. Kapitel
  44. 24. Kapitel
  45. Die toten Mädchen von Jever

Über den Autor

Theodor J. Reisdorf, geboren 1935 in Neuss, reiste quer durch Europa und Nordafrika, arbeitete in vielen Berufen, machte in Wilhelmshaven das Abitur und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg, Köln und Mannheim. Nach dem Abschluss zum Dipl.-Handelslehrer folgte die zweite Staatsprüfung in Bielefeld mit anschließender Lehrtätigkeit in Aachen, Norden und Emden. 1997 wurde er als Oberstudienrat pensioniert. Er wohnt in Ostfriesland und schreibt als »Meister des Friesenkrimis« spannende Romane über Land, Leute und Leichen. Seine Geschichten sind ein mörderisches Muss für alle Nordsee-Fans.

1. Kapitel

Kapitän Soerge blickte zufrieden in die Runde. Um ihn herum, auf der Veranda seines Hauses, saßen die Nachbarn in fröhlicher Runde, prosteten sich zu und unterhielten sich angeregt. Auch diejenigen, die sonst kaum ein Wort miteinander wechselten. Der reichlich genossene Alkohol tat seine Wirkung.

Die Stimmung an diesem späten Oktoberabend war hervorragend. Der Herbst hatte sich heute noch einmal von seiner besten Seite gezeigt und sich mit fast sommerlicher Hitze verabschiedet.

Auf dem Rasen, beim gusseisernen Holzkohlengrill, standen Soerges Sohn Horst und die hübsche Musikstudentin Sonja Diekmann und flirteten auf Teufel komm raus. Ob die Koteletts und Würstchen, die auf dem Rost brutzelten, nachher knusprig in die hungrigen Mägen der Gäste wandern würden oder nicht, schien sehr fraglich.

Gastgeber Soerge, gekleidet in schwarzen Troyer und Manchesterhose, hielt es für an der Zeit, seine wohl vorbereiteten Worte an den Mann zu bringen. Er erhob sich steifbeinig und schlug mit der Gabel an sein Bierglas, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die Gespräche und das laute Lachen verstummten jedoch erst beim dritten Versuch.

»Liebe Nachbarinnen und Nachbarn«, begann Soerge förmlich. »Der Wettergott meint es in diesem Jahr besonders gut mit uns. Wann hat es das schon mal gegeben, dass wir unser Straßenfest sozusagen mitten auf der grünen Wiese feiern konnten! Nun, ich freue mich über diesen gelungenen Abend. Ich freue mich, dass wir von der Blausielstraße auch in diesem Jahr so harmonisch und fröhlich beieinandersitzen …«

Irgendjemand fing an, Beifall zu klatschen, und die anderen Gäste fielen lautstark ein, was Soerge die Gelegenheit gab, sein leeres Bierglas gegen ein volles zu tauschen. Er winkte lächelnd ab, wie ein professioneller Entertainer, und fuhr dann fort:

»Darum hebt mit mir die Gläser, Freunde! Lasst uns auf das Wohl unserer kleinen Oase im gebeutelten Emden anstoßen!«

Das mit der »kleinen Oase im gebeutelten Emden« ging zu Soerges Enttäuschung leider etwas unter, denn seine Gäste waren längst auf den Geschmack gekommen und prosteten sich lautstark zu. Erwien Diekmann, ein gesetzter Mittfünfziger, erhob sich aus seinem Gartenstuhl, ging mit schon etwas unsicheren Schritten auf Rentner Soerge zu und legte diesem den Arm um die Schultern. Dann hielt er seine Bierflasche hoch und begann zu singen.

»Wo die Nordseewellen trecken an den Strand …«

Alle fielen begeistert in den Gesang ein und begannen zu schunkeln, während Sonja Diekmann die Gläser der Gäste nachfüllte und Soerge junior mit dem ersten Tablett Grillfleisch und Würstchen reihum ging.

Eine halbe Stunde später bot sich Kapitän Soerge und seinen Gästen der schönste Sonnenuntergang des Jahres dar. Der Himmel leuchtete blutrot. Ein prächtiges Schauspiel, das so recht zur Hochstimmung der Leute von der Blausielstraße passte. Als der Gastgeber die Beleuchtung der Veranda einschaltete und einige Partylichter auf den Rasen stellte, war auch er nicht mehr ganz sicher auf den Beinen, und allmählich verwandelte sich bei einigen seiner Gäste die Hochstimmung in Müdigkeit. Frieda und Theo Nannsen waren die Ersten, die zum Aufbruch rüsteten. Doch noch einmal ergriff Soerge das Wort.

»Liebe Blausieler«, begann er mit schleppender Stimme, »als wir hier vor langer Zeit unsere bescheidenen Häuser bauten, hätte wohl keiner gedacht, dass wir einmal eine solch bombige Gemeinschaft werden …« Er stockte, suchte nach einer passenden Fortsetzung seiner unvorbereiteten Abschlussrede. Schließlich fiel ihm nichts Besseres mehr ein als: »Wie immer, wenn wir gemeinsam feiern, gilt auch diesmal der Grundsatz, dass wir … auch gemeinsam aufräumen. Heute Mittag. Wir alle, wie immer. Nur Magda und Erwien sind aus der Pflicht entlassen, denn sie treten in der Frühe ihren wohlverdienten Schwarzwaldurlaub an und …«

Erwien Diekmann erhob sich mühsam aus seinem Stuhl und winkte grinsend ab.

»Nee, nee! Der Erwien und die Magda haben ihren Müll noch immer selbst weggeräumt!«

Seine vollschlanke Gattin, die eigentlich jetzt erst so recht in Fahrt gekommen war, fügte lautstark hinzu:

»Jawoll! Wir sind mit von der Partie. Ausruhen können wir uns in den Ferien.«

Die Gäste, bereits in Aufbruchstimmung, bekundeten ihren Beifall. Während Horst Soerge und Sonja Diekmann das Grillfeuer verlöschen ließen, nahmen die Nachbarn noch einen letzten gemeinsamen Schluck mit Kapitän Soerge und Frau und verabschiedeten sich dann von ihren Gastgebern.

Jemand sang auf dem Heimweg lautstark: »Wir sind Ostfriesenkinder …«

Als Letzte gingen die Diekmanns, begleitet von Horst und Sonja. Erwien Diekmann und seine Frau Magda hatten mehr getrunken, als sie wollten. Kichernd und schwankend ließen sie sich von ihrer Tochter und dem Sohn des Kapitäns einhaken und über die Straße zu ihrem Haus führen.

Sonja Diekmann schloss die Haustür auf. Die jungen Leute geleiteten das Ehepaar die Treppe hinauf bis vors Schlafzimmer.

Im Flur standen die gepackten Koffer für den Schwarzwaldurlaub.

Professor Micky hatte sich in Salzburg in der Nähe der Pferdeschwemme ein luxuriös eingerichtetes Zimmer gemietet. Micky, Dozent an der Musikhochschule in Emden, leitete zurzeit ein Seminar für junge Komponisten am Mozarteum. Es war mehr ein Zufall, als er sich an diesem Abend die »Salzburger Nachrichten« mit auf sein Zimmer nahm. Während er lustlos darin blätterte, ließen ihn plötzlich drei Schwarz-Weiß-Fotos erstarren. Für Sekunden verschwammen die Bilder vor seinen Augen, eine Hitzewelle trieb ihm den Schweiß aus den Poren, als er den Text las:

Die deutschen Touristen Erwien, Magda und Sonja Diekmann werden vermisst. Die aus Emden stammende Familie hat ihren Urlaub am Freitag, dem 26. Oktober, angetreten und ihren Bestimmungsort bis heute nicht erreicht.

Leser, die über den Verbleib der Diekmanns Auskünfte geben können, werden gebeten, sich an die Geschäftsstellen der ›Salzburger Nachrichten oder jede Dienststelle der Gendarmerie zu wenden.

Mickys Finger zitterten, als er die Zeitung auf den Tisch zurücklegte. Sein Gesicht war totenbleich, schmerzhaft krampfte sich sein Herz zusammen. Wie ein Nachtwandler stand er auf und ging zu dem Flügel, an dem er zu üben pflegte. Sekundenlang blieb er stehen, den Blick starr auf den Deckel gerichtet. Dann nahm er auf dem Drehstuhl Platz. Immer noch starrte er auf den geschlossenen Deckel, in seinen Augen Angst und Entsetzen, so als fürchtete er sich, beim Öffnen eine grauenhafte Entdeckung zu machen. Schließlich schien er sich entschlossen zu haben. Mit einer heftigen, ruckartigen Bewegung öffnete er den Deckel. Seine Finger zuckten über die Tasten, entlockten dem Klavier ein paar schrille Klänge. Sonja, schrie es in ihm.

Entsetzliche, albtraumhafte Bilder entstanden vor seinem geistigen Auge. Sonjas schöner Körper, den er so oft geliebt hatte, in tödlichen Zuckungen, blutüberströmt – leblos.

Wie ein Gehetzter sprang Micky auf, rannte in die Diele, zog sich den Trenchcoat an und verließ die Pension. Ohne die vielen Passanten wahrzunehmen, hastete er durch die Getreidegasse. Erst in der Nähe des Schlosses schien er ein wenig zur Ruhe gekommen zu sein. Er betrat eine kleine, abgelegene Gaststätte, setzte sich in eine stille Ecke und bestellte sich beim Wirt ein großes Bier.

Von den anwesenden Gästen nahm er keine Notiz, starrte nur dumpf vor sich hin.

Sonja!

Sonja Diekmann: Zuerst war sie seine Schülerin gewesen -intelligent und begabt, eine Virtuosin auf der Violine – dann seine Geliebte. Sie hatten heiraten wollen!

Professor Micky spürte die Trockenheit in seinem Hals und schluckte mühsam. Dem überraschten Wirt, der ihm das Bier brachte, riss er fast den Krug aus der Hand. Kopfschüttelnd verließ der Mann seinen Gast wieder. Micky setzte den Krug an die Lippen und nahm einen langen Schluck. Hart setzte er den Krug wieder ab, so, als wollte er mit dem Geräusch die Schreckensbilder verscheuchen, die sich ihm immer wieder gewaltsam aufzudrängen versuchten.

An diesem Abend ließ er sich seinen Krug noch mehrmals füllen, und um seine Ängste und seine düsteren Gedanken vollends zu vertreiben, half er mit einigen Schnäpsen nach. Gegen Mitternacht zählte er dem Wirt lallend die Schillinge vor und verließ schwankend die historische Gaststätte.

Unter dem Durchgang, der in die Getreidegasse führte, leerte er die Blase. Zerschlagen, gebeugt und mit dem Gefühl von Übelkeit im Magen betrat Micky schließlich die Pension, warf sich aufs Bett und fiel in einen unruhigen Schlaf.

Während der nächsten Tage wurde Salzburg für den Professor zum Albtraum. Mühsam quälte er sich durch seine Vorträge. In den freien Stunden irrte er ziellos durch die Stadt. Tagsüber hockte er in den Kaffeehäusern und abends in den Gaststätten. Er war froh, als das Seminar vorüber war und er in seinem nagelneuen Mercedes in das triste Ostfriesland zurückkehren konnte.

Es war kurz nach zweiundzwanzig Uhr, als er seine luxuriös ausgebaute Kate in Suurhusen bei Emden betrat. Er leerte den Briefkasten, der inzwischen fast überquoll, stellte die Heizung ein, goss sich einen Drink ein und sah die Post durch, bevor er todmüde zu Bett ging.

Micky fand in dieser Nacht nur wenig Schlaf in dem Bett, das er so oft mit Sonja Diekmann geteilt hatte.

2. Kapitel

Professor Micky hatte Mühe mit den Sichtverhältnissen, als er seinen Wagen in Suurhusen auf die B 70 lenkte. Bei dem diesigen Wetter hoben sich die Umrisse der schiefen Backsteinkirche des kleinen Ortes fast schon gespenstisch gegen den bleigrauen Himmel ab. Auf dem Asphalt der Straße spiegelten sich die Lichter der wenigen Autos, die ihm entgegenkamen.

Micky näherte sich Emden, und obwohl er die nur etwa fünf Kilometer lange Strecke schon seit Jahren mehrmals am Tag zurücklegte, hatte er das Gefühl, durch eine ihm völlig fremde Gegend zu fahren. Selbst die Neonreklame des Autohändlers kam ihm unheimlich vor.

Während er an einigen Ampeln halten musste, wirkten die Gebäude des Industriegebietes, gegen deren triste Fassaden der Wind den Regen peitschte, so trostlos und hässlich auf ihn wie niemals zuvor.

Im Kino wurde offenbar ein Kassenschlager gezeigt, denn die Besucher drängelten sich an den Schaltern – ein anonymer Menschenklumpen, der sich vor der Kälte und Nässe im Vorraum des Kinos zusammendrängte.

Auf der Blausielstraße floss der Regen in wahren Bächen in die Gullys. Aus den erhellten Wohnzimmerfenstern fiel trübes Licht auf die Herbstblumen in den Vorgärten. Am Ende der Straße war schemenhaft und düster der Stadtwall zu erkennen.

Fast wäre Micky an seinem Ziel vorbeigefahren. Er parkte den Wagen gegenüber dem Haus der Diekmanns und starrte aus dem regengepeitschten Fenster. Die Hausfront ragte still und dunkel vor ihm auf. Ein kalter Schauer überlief seinen Rücken. Micky setzte seine Prinz-Heinrich-Mütze auf und stieg aus. Unentschlossen stand er auf der Straße. Dann machte er einige Schritte auf die gegenüberliegende Straßenseite zu, fuhr herum, als er das schabende Geräusch in seinem Rücken vernahm, das das monotone Prasseln des Regens übertönte. Er lächelte gequält, als er die abgemagerte Katze entdeckte, die durch den Lichtschein des Nachbarhauses schlich. Das Tier hockte sich in den Hauseingang neben einen hässlichen Holzrahmen mit eingelegten Glasbausteinen.

Micky ging hinüber, und die streunende Katze huschte davon und verschwand in der Dunkelheit. Er drückte den Klingelknopf, und Sekunden später tauchte die Außenleuchte seine Gestalt in helles Licht. Die schwere Haustür wurde geöffnet, und ein alter Mann, bekleidet mit Manchesterhose und einem schwarzen Troyer, blickte neugierig hinaus.

»Herr Professor!«, rief der Alte überrascht und erfreut zugleich.

»Guten Abend, Käpt’n«, sagte Micky mit einem freundlichen Lächeln. »Ich hoffe, ich …«

»Wer ist denn da, Hinni?«, wurde er von einer resoluten Frauenstimme unterbrochen, die gedämpft in das Geräusch des Regens hinaus drang.

Der Alte schien die Frage überhört zu haben.

»Bitte, kommen Sie doch herein, Professor«, sagte er und führte seinen Gast durch den Korridor, wo er ihm an der Garderobe aus dem triefnassen Mantel half. Die Prinz-Heinrich-Mütze legte der rüstige Alte auf den Boden.

»Hinni«, erklang wieder die Frauenstimme, »willst du mir nicht sagen …«

In der Tür zum Wohnzimmer erschien die alte Dame, gekleidet in einen dunklen Rock mit schwarzer Strickjacke. Ihr dünnes graues Haar war streng nach hinten gekämmt und zu einem Dutt geformt. Die Frau nickte Micky zu, ohne zu lächeln.

»Guten Abend«, sagte sie leise.

Bevor Micky den Gruß erwidern konnte, meldete sich der Alte zu Wort. »Mutter, das ist Professor Micky. Er war am Morgen nach dem Straßenfest bei mir. Der Herr Professor ist der Lehrer von Sonja!«

Erst jetzt zeigte sich die Andeutung eines Lächelns auf dem Gesicht der Frau. Sie bat Micky ins Wohnzimmer und wies auf einen schweren, mit blauem Samt bezogenen Sessel.

»Bitte, nehmen Sie doch Platz, Herr Professor«, sagte sie.

»Danke«, murmelte Micky, setzte sich und blickte dabei rasch in die Runde. Ein Chippendale-Büfett, Unmengen von Zinntellern und Porzellanfiguren, der röhrende Hirsch in Öl im Stuckrahmen, eine Kuckucksuhr, eine Radierung, die das Bild eines jungen Mädchens zeigte. Mickys Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen. Er fühlte sich an Sonja erinnert.

»Möchten Sie einen Tee?«, fragte die Alte höflich und riss Micky aus seinen Gedanken. Der Professor nickte dankbar, denn er spürte die Nässe durch seine Kleidung auf der Haut, und ein heißer Tee war jetzt genau das Richtige. Während die Frau das Zimmer verließ, griff ihr Mann zur Pfeife und drückte schwarzen, groben Tabak in den Kopf.

»Sie haben sicher gemerkt, dass wir eine prima Nachbarschaft haben«, begann der Alte dann mit rauchiger Stimme das Gespräch. »Keine Fremden, alles Ostfriesen. Ich bin zur See gefahren, wissen Sie, und war dann jahrelang Lotse. Da kennt man sich aus, glauben Sie mir.« Micky nickte gedankenversunken. Solche Typen waren rar geworden in der See- und Hafenstadt, dachte er. Jetzt war längst schon die Autoindustrie der wichtigste Garant für das wirtschaftliche Überleben Emdens geworden.

Die Frau kam mit dem Tee. Er musste bereits fertig gewesen sein, denn schon stellte sie die Kanne auf das Stövchen und goss ein.

»In den Wohnblocks gibt es keine Straßenfeste«, fuhr der Alte fort und beugte sich dann vor. »Übrigens, haben Sie etwas von der Deern gehört?«

»Nein«, erwiderte Micky. »Ich hatte gehofft, von Ihnen etwas erfahren zu können. Nun ja, und da wäre noch etwas.« Die beiden Alten warfen sich einen raschen, fragenden Blick zu.

»Bei uns auf See waren klare Positionen lebenswichtig«, sagte der Kapitän dann freundlich. »Sprechen Sie nur aus, was Sie meinen.«

Micky nippte am Tee und fragte dann: »Ihre Nachbarn, die Diekmanns, haben doch bis in die Nacht mit Ihnen gefeiert, oder?«

»Ja. Obwohl sie schon am nächsten Vormittag in den Schwarzwald fahren wollten«, erwiderte der Alte.

»Und da gibt es keine Zweifel?«

Der Kapitän blickte Micky fest an und blies den Qualm aus.

»Wenn Sie mich nach Häfen fragen, Herr Professor, sind Sie bei mir an der richtigen Adresse. Aber die Frage, wo die Ramsau liegt oder was weiß ich, die streichen Sie mal bei mir von der Liste.«

»Die Diekmanns wollten am Morgen nach unserem Straßenfest noch beim Aufräumen helfen. Aber weil es so spät geworden war, haben wir alle Verständnis dafür gehabt, dass sie dann doch nicht gekommen sind«, meldete sich die Frau zu Wort.

»Sind sie mit der Bahn oder mit dem Auto gereist?«, fragte Micky.

»Keine Ahnung«, sagte der Alte und klopfte seine Pfeife aus.

»Und niemand von Ihnen hat etwas gehört? Haben die Diekmanns bis jetzt nicht einmal eine Postkarte geschrieben, obwohl Sie alle so eine herzliche Verbundenheit besitzen?«

»Wer sagt das?«, brummte der Kapitän missmutig.

»Hören Sie, die Diekmanns werden vermisst!«, sagte Micky scharf.

»Aber wir wissen doch auch nicht, wie lange sie bleiben wollen«, erwiderte der Alte versöhnlich. »Mutter, du hast doch mit Magda telefoniert. Erzähl doch mal!«

Micky hätte fast die Teetasse fallen lassen.

»Ein Lebenszeichen von den Diekmanns? Von Sonja?«, rief er. Doch die alte Frau winkte müde ab.

»Ja, ja, ich habe mit Magda gesprochen. Das heißt, besser sage ich wohl: Sie hat mit mir gesprochen. Die Leitung war irgendwie gestört. Magda sprach so abgehackt, so undeutlich. Ich hab nur mitgekriegt, dass sie gut aufgehoben sind, dass das Wetter gut ist – na, eben das Übliche. Und dann sagte Magda noch, dass sie vielleicht ihren Urlaubsort wechseln wollten.« Micky schien wie elektrisiert.

»Wann war das?«, fragte er und konnte das Zittern in seiner Stimme nicht verbergen.

»Nun, das ist nicht lange her. Vor ein paar Tagen.«

Micky stand auf und fragte:

»Der Anruf kam aus dem Schwarzwald? Hat Sonja das Reiseziel akzeptiert, oder wollte sie vielleicht nach Österreich?«

Der Kapitän erhob sich ebenfalls.

»Das wissen wir nicht«, sagte er. »Auf unserer Feier war jedenfalls die Rede davon, dass sie in den Schwarzwald fahren wollten. Und was Sonja angeht – nun, die jungen Leute waren unter sich. Mein Sohn hat lange mit Sonja gesprochen. Leider ist er nicht mehr zu Hause. Er wohnt in der Stadt. Allein.«

Micky warf einen raschen Blick auf seine Armbanduhr.

»Ja, also dann vielen Dank für Ihre Gastfreundschaft«, sagte er und wandte sich zum Gehen. »Und wenn Sie von den Diekmanns hören sollten, melden Sie sich bitte bei mir, ja?«

»Das geht in Ordnung«, sagte der Kapitän und brachte seinen Gast, der es plötzlich sehr eilig hatte, zur Tür.

Micky eilte durch den strömenden Regen zu seinem Mercedes. Sein Ziel war die nächste Polizeidienststelle.

Professor Micky parkte seinen Wagen auf dem Bahnhofsplatz und ging zum Polizeirevier hinüber. Die Pförtnerloge war um diese Stunde nicht mehr besetzt, aber die Tür zur Dienststelle stand offen, und Micky trat entschlossen ein.

Die wenigen uniformierten Beamten blickten ihn erstaunt an.

»Moin«, sagte Micky, ohne seine Nervosität verbergen zu können. »Bitte, es geht um die vermisste Familie Diekmann. Ich möchte …«

»Hier aus Emden?«, fragte einer der Polizisten.

»Ja«, erwiderte Micky. »Es sind Freunde von mir, die zum Urlaub nach Österreich gefahren und seitdem verschwunden sind.«

»Österreich«, murmelte der Beamte vor sich hin und sah dann Micky an. »Einen kurzen Moment, bitte.« Er wählte eine kurze Nummer auf der Hausleitung und erklärte dem Dienst habenden Kommissar den Sachverhalt. »Zimmer dreihundertvierzig«, sagte er dann zu Micky. »Erster Stock. Kommissar Bentz erwartet sie.«

»Danke.«

Micky stieg die Treppe hinauf. Er spürte die kalte Nässe auf seinem Rücken und schauderte.

Kurz darauf klopfte er an die Tür mit dem schmucklosen Plastik-Namensschild ULFERT BENTZ – KRIMINALKOMMISSAR. Der Professor vernahm ein gedämpftes »Herein« und betrat das Büro. Bentz saß hinter seinem Schreibtisch und musterte seinen Besucher aufmerksam. Er hatte ein schmales, glatt rasiertes Gesicht und flachsblondes Haar. Micky schätzte sein Alter auf fünfunddreißig.

»Nehmen Sie bitte Platz«, sagte der Kommissar und wies auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Micky setzte sich, zog ein Taschentuch hervor und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Mein Name ist Micky, Herr Bentz. Ich bin Musikprofessor an der hiesigen Hochschule.«

Bentz nickte höflich. »Ihr Name ist mir bekannt, Herr Professor. Nun, womit kann ich Ihnen jetzt helfen?«

»Ich hatte in Salzburg ein Musikseminar zu halten«, sagte Micky. »Dort las ich in der Zeitung, dass die Familie Diekmann hier aus Emden vermisst wird.«

Bentz’ Gesichtszüge spannten sich. Micky erwartete eine Frage oder eine Bemerkung des Kommissars, doch dieser schwieg scheinbar uninteressiert.

»Nun«, fuhr Micky fort, »Sonja Diekmann war eine meiner Studentinnen, müssen Sie wissen. Sie hätte heute Morgen ein Referat bei mir abliefern müssen, das im Hinblick auf ihr Examen von größter Wichtigkeit ist.«

Bentz sah Micky prüfend an.

»Ihr berufliches Interesse an Fräulein Diekmann leuchtet mir ein, Herr Professor«, sagte er dann langsam, als wählte er jedes Wort mit Bedacht. »Aber wissen Sie, für uns stellt das angebliche Verschwinden der Familie Diekmann noch kein Problem dar. Uns flattern täglich Dutzende von Vermisstenmeldungen auf die Schreibtische. Überflüssigerweise in den allermeisten Fällen, wie sich anschließend herausstellt. Der Sohn der Familie, Hans-Joachim Diekmann, hat allerdings eine Vermisstenanzeige aufgegeben, so viel kann ich Ihnen sagen. Und wir haben die üblichen Schritte eingeleitet. Aber es ist offenbar nicht einmal bekannt, ob die Diekmanns tatsächlich in den Schwarzwald gereist sind.«

Micky lächelte schwach.

»Auf die Gefahr hin, dass ich mir jetzt nasse Füße hole, Herr Kommissar …« Er zögerte.

»Na, ich glaube, die haben Sie schon«, sagte Bentz grinsend. »Wo drückt denn der Schuh?«

»Ich habe vorhin mit Nachbarn der Vermissten gesprochen, und ich bin nur gekommen, um Ihnen zu sagen, dass Frau Diekmann aus ihrem Urlaubsort mit diesen Nachbarn telefoniert hat.«

»Könnten Sie mir die Adresse geben?«, fragte Bentz sofort. Micky nannte ihm die Anschrift der Soerges, die sich der Kommissar notierte. Dann blickte er auf. »Kennen Sie eigentlich Hajo Diekmann, Herr Professor?«

»Ja«, erwiderte Micky erstaunt, »er war ebenfalls Student bei mir, brach sein Studium allerdings ab. Dabei war der Junge außergewöhnlich begabt. Aber er wollte schneller und bequemer jemand sein, wie man so schön sagt.«

Bentz machte sich einige Notizen, und Micky fragte interessiert: »Was macht er denn jetzt? Hajo Diekmann, meine ich. Wissen Sie, ich habe seinen weiteren Lebensweg aus den Augen verloren.«

»Wenn Sie schnelles Geldverdienen mit Erfolg gleichsetzen, dann hat er es geschafft«, antwortete der Kommissar, ohne von seinem Zettel aufzublicken. »Soweit ich informiert bin, ist er Computerspezialist und erfolgreich im Verkauf einer großen Firma tätig.«

»Das freut mich«, sagte der Professor und gab sich Mühe, dass es auch so klang. Er erhob sich. »Sie verständigen mich doch, wenn sich etwas Neues ergibt?«

»Gewiss«, sagte Bentz. »Und vielen Dank für Ihre Auskünfte.«

Micky verließ mit müden Schritten das Büro.

Für einige Sekunden verharrte der Kommissar nachdenklich an seinem Schreibtisch. Dann eilte er zur Tür und lief Micky hinterher.

»Herr Professor!«, rief er über den Flur.

Micky wandte sich überrascht um.

»Verzeihen Sie«, sagte Bentz. »Ich vergaß noch einige wichtige Fragen.«

»Ja? Dann fragen Sie nur.«

»Hatte Sonja Diekmann einen Wagen?«

»Ja, eine Ente«, erwiderte Micky stirnrunzelnd.

»Und sind Sie nicht überrascht, dass sie trotz ihres wichtigen Referats in Urlaub gefahren ist?«

»Nun, eigentlich schon. Sie war ansonsten, was ihr Studium anging, äußerst konsequent.« Micky wandte sich zum Gehen.

»Moment noch, Herr Professor!«, rief Bentz. »Würden Sie mich zum Haus der Diekmanns begleiten?«

»Zu Hajo Diekmann?«, fragte Micky.

»Nein, nein«, sagte Bentz. »Der junge Mann ist beruflich unterwegs. Ich möchte mir nur gern das Haus ansehen.«

»Aber wieso denn?« Micky war erstaunt. »Sagte ich Ihnen nicht, dass ich vor etwa einer Stunde noch dort gewesen bin? Das Haus steht völlig leer. Ich glaube, für mich wären jetzt ein Grog und eine Wärmflasche gesünder.«

»Na, kommen Sie!«, sagte Bentz grinsend. »Ein Mann in den besten Jahren! Und gerade zeigten Sie noch so viel Engagement. Außerdem möchte ich bei den Diekmanns gern etwas überprüfen.«

Micky gab sich einen Ruck.

»Also gut, ich begleite Sie.«

Der Kommissar holte seinen Mantel und ließ sich in der Wachstube Schlüssel und Papiere eines freien Dienstwagens aushändigen. Es goss noch immer in Strömen, als die beiden Männer zum Fahrzeug gingen.

Die Fahrt verlief schweigend. Bentz stellte den Wagen unmittelbar vor dem Haus der Diekmanns ab, stieg aus und schritt durch die kleine Vorgartenpforte, gefolgt von Micky. Der Kommissar glaubte eine seltsame Kälte zu spüren, die das düstere, verlassene Haus auszustrahlen schien. Er stieg langsam die Treppenstufen hinauf und drückte die Klingel. Nichts. »Ich sagte Ihnen doch, dass niemand zu Hause ist«, sagte Micky.

»Ja«, murmelte Bentz in Gedanken versunken. »Aber da wäre noch etwas. Wissen Sie, wo die Garage ist?«

»Die Garage? Keine Ahnung.«

Bentz blickte sich um. Schemenhaft war hinter dem Haus ein Anbau zu erkennen. Eine schmale, gepflasterte Einfahrt führte dorthin.

Bentz ging mit langsamen Schritten die Einfahrt entlang und dann auf die Hinterfront des Anbaus zu. Im spärlichen Licht, das von einem Nachbargebäude herüberschien, erkannte er das große Rolltor.

»Na also«, sagte er zu Micky, der ihm gefolgt war. »Würden Sie bitte einen Moment hier warten? Ich hol mal eben ’ne Stablampe.«

»Ja, gut«, sagte Micky, der sein Unbehagen nur schwer verbergen konnte. Er war erleichtert, als er kurz darauf die tanzende Lichtbahn der Stablampe sah, als Bentz sich näherte.

»Na, dann wollen wir mal sehen«, sagte der Kommissar und hielt die Lampe gegen das kleine Garagenfenster. Er warf einen Blick hinein und sah einen BMW – vermutlich der Wagen Erwien Diekmanns – sowie Sonjas Ente.

»Sind die Wagen fort?«, fragte Micky atemlos.

»Eben nicht«, erwiderte Bentz. »Das ändert einiges. Kommen Sie, das war’s fürs Erste.« Bentz richtete den Strahl der starken Lampe auf den Boden, als sie das Anwesen verließen. Mit dem Dienstfahrzeug brachte er Micky zu dessen Wagen. »Haben Sie morgen Zeit, Herr Professor?«, fragte er. »Ich werde versuchen, beim Staatsanwalt eine Durchsuchungsvollmacht für das Haus der Diekmanns zu bekommen. Wir könnten uns die Wohnung gemeinsam ansehen.«

Micky überlegte kurz.

»Am Nachmittag habe ich eine Konferenz … Also gut, so gegen siebzehn Uhr?«

»Kommen Sie bitte in mein Büro. Ich erwarte Sie«, sagte Bentz. Micky trat hinaus in den Regen und blickte dem Kommissar hinterher, dessen Wagen in Richtung Polizeirevier in der Dunkelheit verschwand.

Professor Micky hatte es eilig, nachdem die Konferenz beendet war. Ohne am üblichen kleinen Umtrunk teilzunehmen, verließ er die Hochschule und fuhr zu Bentz, der ihn bereits erwartete.

»Nehmen Sie bitte Platz, Herr Professor«, sagte der Kommissar, stopfte seine Pfeife, zündete sie an und blies genüsslich den Rauch von sich. »Tja, ich glaube, die Diekmanns werden doch zu einem Fall.«

»Haben Sie Hinweise bekommen?«, fragte Micky aufgeregt. »Wissen Sie, wo sie sich aufhalten?«

Bentz schüttelte den Kopf. »Ihre letzte Frage muss ich leider verneinen. Doch wir haben Hinweise aus Wiesbaden bekommen, vom BKA. Die Kollegen teilten aber lediglich mit, dass die Diekmanns weder in Deutschland noch in Österreich einen Unfall erlitten haben können. Anfragen bei sämtlichen Krankenhäusern waren negativ. Ebenfalls, was nicht identifizierte Leichen betrifft.«

Micky verzog das Gesicht. »Aber sie können sich doch nicht in Luft aufgelöst haben, verdammt noch mal!«, rief er dann heftig.

»Wohl kaum«, murmelte Bentz und stopfte seine Pfeife nach.

»Und wieso werden sie dann zu einem Fall, wie Sie sich ausdrücken?«, fragte Micky ärgerlich.

»Erstens, weil eben nicht der geringste Hinweis auf ihren Aufenthaltsort vorliegt, und zweitens, weil die PKWs in der Garage stehen. Übrigens treffe ich mich in Kürze mit Hajo Diekmann. Er wird mir sicher …«

»Er kann Ihnen auch nicht weiterhelfen«, unterbrach Micky ihn barsch. »Sonst hätte er wohl kaum die Vermisstenanzeige aufgegeben.« Micky lag nichts an einem Wiedersehen mit Sonjas Bruder. Er wusste nicht, ob Hajo von seiner Beziehung zu Sonja erfahren hatte. Er und Sonja waren bemüht gewesen, ihr Verhältnis zu verheimlichen, und Micky sah die Gefahr, dass Hajo die hervorragenden Studienleistungen seiner Schwester auf ihre außergewöhnlichen Leistungen im Bett zurückführen würde.

Micky blickte unbehaglich zum Kommissar hinüber, der einen Aktenordner aufschlug, die kleine Tischlampe einschaltete und ein Schriftstück ausheftete.

»Ich habe mir von Staatsanwalt Schepker den Durchsuchungsbefehl besorgt«, sagte Bentz und erhob sich. »Also, schauen wir uns die Wohnung der Diekmanns einmal gründlich an.«

»Jetzt?«, fragte Micky und konnte ein leichtes Zittern in seiner Stimme nicht unterdrücken.

»Schlechte Nerven, Herr Professor? Ein Beamter von der Spurensicherung begleitet uns. Wir besorgen uns bei dieser Familie Soerge den Wohnungsschlüssel. Sonst öffnen wir die Tür gewaltsam. – Ich hätte gern, dass Sie mich begleiten.« Bentz ging zur Garderobe, zog seinen Ledermantel über und hielt Micky die Tür auf.

An diesem Tag war der Himmel über Emden wolkenlos, und eine trockene, angenehme Luft zog von der Krummhörn über die Stadt. Auf dem Fahrzeughof wartete bereits ein junger Polizeibeamter in einem Passat. Bentz dirigierte den Fahrer durch den dichten Verkehr bis vor die Einfahrt des Diekmannschen Hauses. Der junge Beamte wartete im Wagen, während Micky und Bentz zu den Soerges hinübergingen.

Der alte Mann freute sich, als er den Professor erkannte. Micky stellte ihm Kommissar Bentz vor. Sofort stiegen Sorgenfalten in das Gesicht des Alten.

»Was ist denn mit unseren Nachbarn?«, fragte er Bentz. »Hat man schon etwas herausgefunden?«

»Nicht viel«, erwiderte Bentz. »Man weiß bisher nur, dass sie offenbar nicht verunglückt sind. Aber Ihre Frau kann mir vielleicht einige wichtige Auskünfte geben. Wie Herr Professor Micky mir sagte, hat sie mit Magda Diekmann telefoniert.«

»Ja, ja, das hat sie«, sagte der Alte. »Aber kommen Sie doch bitte in die Stube, meine Herren.«

Frau Soerges gutmütiges Gesicht war vor Aufregung gerötet, als sie dem jungen Kommissar berichtete.

»Ja, Magda hat mir erzählt, dass sie gut angekommen sind und gut untergebracht sind und … na ja, das Übliche eben. Sie sagte aber auch, dass sie vielleicht noch einmal umziehen wollten.«

»Umziehen?«, fragte Bentz. »Wie meinte sie denn das?«

Die Alte zuckte die Achseln. »Ich weiß auch nicht. Wir konnten uns ja kaum richtig unterhalten. Das Telefon war kaputt.«

Der muskulöse, breitschultrige Mann, der sich auf der Couch lümmelte, sagte lachend:

»Sie meint, die Verbindung war schlecht, Herr Kommissar.«

»Das ist unser Sohn Horst«, sagte der Alte. Der junge Mann mit der Afrofrisur ließ seine Blicke unruhig über die beiden Besucher gleiten. Seine Abneigung gegen Bentz war offensichtlich.

»Waren Sie auch beim Straßenfest dabei?«, fragte ihn der Kommissar.

Horst Soerge nickte.

»Klar doch«, erwiderte er schnippisch. »In diesem Jahr waren meine Eltern die Gastgeber, im nächsten Jahr sind die Diekmanns die Platzherren. Hoffentlich.«

»Was meinen Sie mit hoffentlich?«, fragte Bentz.

»Die Diekmanns werden doch vermisst, Herrgott noch mal!«

Bentz schluckte eine heftige Erwiderung herunter.

»Dann haben Sie sicher auch mit Sonja Diekmann Kontakt gehabt?«, fragte er und bemerkte, dass der Professor mit versteinerter Miene zuhörte.

»Kontakt gehabt ist gut! Als Kinder haben wir zusammen im Sandkasten gespielt. Als wir älter wurden, haben wir unseren Spielplatz verlegt«, antwortete der etwa fünfundzwanzigjährige Sohn des Kapitäns mit einem Grinsen, das Micky unter die Haut ging.

»Haben Sie Ihre Kinderspiele auch am Abend des Gartenfestes erfolgreich wiederaufgenommen?«, fragte Bentz.

Der junge Soerge bleckte die nikotingelben Zähne. »Das geht Sie einen feuchten Kehricht an«, sagte er. »Ich war bei der Party nur der Würstchenlieferant, und Sonja sorgte für den Senf.« Soerge grinste wieder. »Zum Scharfmachen. Wir haben unseren Spaß gehabt.«

Bentz entging nicht, dass der Professor seine Hände zu Fäusten ballte.

»Hat Sonja denn vor lauter Spaß noch so viel Zeit gehabt, Ihnen zu erzählen, dass sie mit ihren Eltern in den Schwarzwald fahren wollte?«, fragte der Kommissar mühsam beherrscht.

Der junge Mann erhob sich, zog seine Jeans straff und sagte, während er das Zimmer verließ:

»Sonja redete unentwegt davon. Ich habe keinen Job und scheiße auf den Schwarzwald.«

Die Eltern blickten betroffen zu Boden. Bentz räusperte sich und fragte mit betont ruhiger, freundlicher Stimme:

»Sagen Sie, Herr Kapitän, haben die Diekmanns Ihnen ihren Wohnungsschlüssel zur Aufbewahrung gegeben?«

Der Alte nickte, griff in eine Nippesvase, zog ein Schlüsselbund hervor und reichte es dem Kommissar.

»Das haben sie jedes Jahr so gemacht. Es könnte ja mal was sein.«

»Danke«, sagte Bentz und erhob sich. »Es tut mir leid, dass wir Sie gestört haben.«

»Sie haben nicht gestört«, murmelte Soerge, während er seine Besucher zur Haustür führte. »Es ist mir nur peinlich, dass mein Junge …«

»Schon gut«, unterbrach Bentz ihn. »Wir alle sind wohl etwas nervös.«

Bentz bat seinen Kollegen dazu, und die drei Männer gingen zum Haus der Diekmanns hinüber. An der Tür suchte der Kommissar nach dem passenden Schlüssel, fand ihn rasch und öffnete. Die Dunkelheit des Korridors war seltsam bedrückend. Bentz befiel ein beklemmendes Gefühl. Er sah, wie auch Micky schauderte. Der Kommissar drückte auf den Lichtschalter, und der matte Schein der Lampe beleuchtete einen kleinen Vorraum. Auf einem Seitentisch stand das Telefon, daneben befanden sich die Garderobe und ein Frisierspiegel. Akkurate Sauberkeit und leere Kleiderbügel bestätigten, dass niemand zu Hause war.

Der Kommissar betätigte den Lichtschalter hinter der nur angelehnten Küchentür. Er war zwar auf alles gefasst, ärgerte sich jedoch über die Vorstellung, in jeder dunklen Ecke könne ein wahnsinniger Mörder mit gezücktem Messer lauern.

Die Küche war so blitzblank, als hätte man sie für einen Werbefilm für Putzmittel hergerichtet. Bentz öffnete die Kühlschranktür.

Er war leer, das Gefrierfach abgetaut.

Im Wohnzimmer war die Luft seltsam stickig. Aber auch hier war alles aufgeräumt und ordentlich. Bentz blickte den Professor und seinen Kollegen an, die im Türrahmen warteten, als hätten sie Angst, das Zimmer zu betreten.

Die Männer stiegen in den ersten Stock hinauf. Im Badezimmer das gewohnte Bild – das Licht der Neonröhre spiegelte sich in blitzblanken Fliesen. Der Kommissar trat an den Spiegelschrank. Fast sämtliche Toilettenartikel waren verschwunden.

»Kein Zweifel, die Diekmanns sind abgereist«, sagte Bentz. »Na, schauen wir noch kurz in dieses Zimmer da vorn.« Der Kommissar wies auf die Tür zu Sonjas Reich. Micky durchzuckte ein stechender Schmerz.

Der Kommissar und sein Kollege betraten den Raum. Neben dem Giebelfenster hingen zu beiden Seiten bunte Poster. Das eine zeigte einen roten Blumenstrauß in einer Vase und hatte eine Christian-Roulfs-Ausstellung angekündigt. Auf dem anderen hielt die berühmte Geigerin Erika Vater mit gesenktem Kopf und verzückten Augen ihr Instrument.

Unter dem Fenster stand ein Schreibtisch aus hellem Holz im Ikea-Stil. Die seitliche Schräge war getäfelt. Darunter stand die Liege. Auf einer bunten Tagesdecke lag eine Geige neben einem geöffneten Geigenkasten.

Aufmerksam durchsuchten die Beamten auch dieses Zimmer, fanden aber auch hier die Bestätigung, dass Familie Diekmann ihr Haus aufgeräumt verlassen hatte.

Der Professor stand im Türrahmen.

»Haben Sie noch Zweifel, Herr Kommissar? Die Diekmanns sind in Urlaub gefahren«, sagte er. »Mit der Bahn.«

Bentz nickte zustimmend. »Es deutet jedenfalls alles darauf hin.«

Die Männer stiegen die Treppe hinab, blickten sich im Korridor kurz noch einmal um und verließen das Haus, das auf Bentz einen gespenstischen Eindruck gemacht hatte, obwohl er keine Erklärung dafür hatte.

Er atmete tief durch, als er auf den Terrazzostufen stand, das Türschloss versiegelte und dann mit Micky und seinem Kollegen zum Dienstwagen zurückging.

Während der Fahrt saß der Professor mit geschlossenen Augen im Fond. Er schien wie erstarrt und fuhr erschrocken hoch, als er die aufgeregte Stimme des Kommissars vernahm.

»Halten Sie an«, sagte Bentz zu seinem Kollegen. »Da steht der Wagen vom jungen Diekmann!«

Micky starrte durchs Seitenfenster auf die grelle, blaurote Neonlichtreklame des »Sir Arthur«. Vor der von einem Baldachin geschützten Tür der Diskothek drängten sich junge Leute.

»Na, das nenn ich einen Zufall!«, wandte sich Bentz an Micky. »Kommen Sie mit? Oder ist das nicht die richtige Musik für Sie?«

»Was für richtige Musik?«, murmelte Micky und stieg aus.

Bentz schickte seinen Kollegen mit dem Dienstwagen zum Revier zurück. Er ging mit Micky zur Diskothek hinüber und zeigte auf einen fast nagelneuen Porsche mit Emdener Kennzeichen.

»Hajo Diekmanns Wagen«, sagte er. »Muss gut verdienen, der Junge. Was mich nur wundert, ist, dass er sich vergnügt, während wir uns das Hirn zermartern, was mit seiner Familie passiert sein könnte.« Bentz schüttelte den Kopf. »Er hätte sich doch bei mir melden müssen, wenn er schon hier in Emden ist! Das verstehe ich nicht.«

Aus dem »Sir Arthur« schlug den beiden Männern schwüle, nikotin- und alkoholgeschwängerte Luft entgegen. Das aufgedonnerte Fräulein an der Kasse verlangte von Bentz und Micky je zehn Mark Eintritt und setzte ihnen als Quittung einen Stempel auf die Handrücken.

»Trichinenfrei«, sagte Bentz grinsend.

Micky lächelte müde.

Grellbunte Lichter blendeten sie. Fast sämtliche Tische waren besetzt. Allein die tresenähnliche Enklave unter rotierenden Scheinwerfern – das Reich des Discjockeys – war im Moment verwaist: Tanzpause. Eilig nutzten Bentz und der Professor die Zeit, in dem Gedränge nach Hajo Diekmann Ausschau zu halten. Am anderen Ende der Disko erkannte Bentz eine Art Empore, auf der vor einer dunkelroten Wand ein gutes Dutzend Tische standen, von denen aus man eine gute Übersicht über den gesamten Raum haben musste. Zielsicher steuerte Bentz diese Tische an. Micky hatte Mühe, ihm durch das Gewühl zu folgen – und blieb plötzlich wie erstarrt stehen. Es war nicht das sündhaft schöne Mädchen, dessen gelocktes blondes Haar bis zum verführerischen Ausschnitt ihrer Bluse fiel, nicht ihr fast kindlich naives Gesicht mit dem rot geschminkten Schmollmund. Micky starrte auf den jungen Mann, der ihn mit seinem pechschwarzen Haar und seiner braunen Haut an Sonja erinnerte. Der junge Mann trug einen auffallend eleganten Pepitaanzug, dazu eine Krawatte, deren Farbe dezent mit der des Oberhemdes abgestimmt war.

Hajo Diekmann hatte sich während seiner kurzen Studentenjahre und später in den Gesprächen mit seiner Schwester Sonja in Mickys Leben gedrängt, wie er es empfand. Deutlich spürte der Professor die stumme Ablehnung, als sich sein Blick mit dem Hajo Diekmanns traf. Diekmanns Augen zeigten keine Wärme, nicht einen Funken von Freude oder auch nur die Bereitschaft, sich an seinen ehemaligen Lehrer zu erinnern. Er wandte den Blick von Micky ab und begrüßte den Kommissar, der ihn inzwischen ebenfalls entdeckt hatte, mit ausgesuchter Höflichkeit. Dann wies er mit dem Kopf auf die Schönheit neben sich und sagte nicht ohne Besitzerstolz:

»Meine Freundin Katja.«

Kommissar Bentz schenkte dem Mädchen einen bewundernden Blick und reichte ihr die Hand.

»Herren wie Sie sehe ich sonst nur auf der Mattscheibe«, sagte Katja mit samtweicher Stimme.

Bentz lächelte sein charmantes Lächeln.

»Gott sei Dank müssen wir in Emden nur selten Kapitalverbrechen lösen, wie man sie dort zeigt.«

Der Kommissar stellte ihr den Professor vor. Die Spannung zwischen Micky und dem jungen Diekmann war ihm nicht entgangen.

»Wie Sie sehen, Katja«, sagte Bentz und lächelte Micky aufmunternd zu, »findet man unter den Gästen einer Diskothek auch hin und wieder eine echte musikalische Größe.«

Das Mädchen warf Micky einen halb amüsierten, halb interessierten Blick zu, während Hajo Diekmann seinem ehemaligen Lehrer schweigend die Hand reichte.

Sie nahmen an einem der wenigen freien Tische Platz. Hajo Diekmann gelang es, mit erhobener Hand die Kellnerin auf sich aufmerksam zu machen. Am Handgelenk ließ der ein wenig herabgerutschte Ärmel seiner Jacke den Blick auf eine schwere goldene Uhr frei. Auf den massiven Gliedern des Armbandes brach sich funkelnd das Licht. Die Computerbranche schien in der Tat sehr einträglich zu sein.

Ein wenig herablassend und angeberisch, als müsse er beweisen, dass er es geschafft hatte, aus der Enge des kleinen Bürgerhauses auf der Blausielstraße auszubrechen, lächelte er die Bedienung an, die sich gerade die »Charleys«, die Bentz und Micky sich bestellt hatten, notieren wollte.

»Aber nicht doch, nicht doch«, sagte Diekmann. »Bringen Sie uns noch eine Flasche Sekt, schönes Kind. Die Herren sind meine Gäste.«

Micky sah, dass bereits eine Flasche im Eiskübel auf dem Tisch stand. Hajo Diekmann bot Zigaretten an. Micky bediente sich, und Katja gab ihm mit ihrem süßesten Lächeln Feuer, während Bentz Pfeife und Tabak aus seinem Lederbeutel hervorkramte.

»Es war schon spät, Herr Kommissar«, begann Diekmann. »Ich hatte die Wahl, Sie oder Katja heute Abend zu treffen. Ich nehme an, Sie haben Verständnis dafür, dass ich mich für Katja entschied.« Er hielt seine Zigarette mit gespreizten Fingern von sich.

Der Bursche hat sich ausgezeichnet an die smarten Umgangsformen der Büromaschinenverkäufer-Branche angepasst, dachte Micky.

»Ich habe durchaus Verständnis für Ihre Entscheidung«, erwiderte Bentz und zündete sich seine Pfeife an. »Andererseits … Nun ja, lassen wir das. Zu Ihrer Information, Herr Diekmann: Leider haben wir bisher noch keine neuen Erkenntnisse erlangt, was den Verbleib Ihrer Eltern und Ihrer Schwester betrifft. Aber wir sind auf einige Widersprüche gestoßen, die Fragen nach sich ziehen.«

Hajo Diekmann zeigte nicht die geringste Reaktion.

»Wenn Sie Auskünfte von mir wünschen, Herr Kommissar«, sagte er, »dann fragen Sie. Katja weiß über alles Bescheid. Auch sie macht sich große Sorgen.«

So siehst du aus!, dachte Micky, als die Schöne eifrig nickte.

»Gut«, sagte Bentz. »Ihre früheren Nachbarn behaupten, dass Ihre Mutter in einem Telefongespräch angedeutet hat, dass sie den Urlaubsort wechseln wollten. Wissen Sie etwas darüber?« Für einen kurzen Augenblick huschte ein Schatten über Diekmanns Gesicht.

»Ja«, antwortete er dann. »Ursprünglich wollten sie in den Schwarzwald. Aber ich fand zu Hause einen Zettel mit dem Hinweis, dass meine Familie ihr Reiseziel geändert hat und nach Österreich gefahren ist. Den Zettel hat übrigens meine Schwester geschrieben.«

»Wann fanden Sie diesen Zettel?«, fragte der Kommissar aufgeregt.

»Gestern. Warum?«

Mühsam beherrscht sagte Bentz:

»Warum? Glauben Sie nicht, dass das für unsere Ermittlungen wichtig sein könnte? Bringen Sie ihn mir morgen aufs Revier.«

Für einen Moment verlor Diekmann sein angeberisches Gehabe. »Ich … ich habe den Zettel weggeschmissen. Ich hielt ihn für unwichtig.«

Bentz paffte nervös an seiner Pfeife. Er sah, dass Micky zu einer heftigen Erwiderung ansetzte, als plötzlich die Lichter in Bewegung gerieten. Ohrenbetäubende Musik dröhnte durch die Diskothek, übertönt von der schnarrenden Stimme des Discjockeys. Die grellen Scheinwerfer warfen zuckende Lichtblitze über das Getümmel auf der Tanzfläche.

Der schöne smarte Hajo verschwand mit Katja irgendwo in der Masse der Tanzenden.

»Dieser Idiot!«, rief Micky wütend.

Bentz winkte ab.

»Kommen Sie, Professor. Wir gehen in eine ruhige Pinte. Immerhin wissen wir jetzt, dass wir den Schwerpunkt der Fahndung nach Österreich verlagern müssen.«

»Wenn Diekmanns Geschichte mit diesem Brief stimmt«, sagte Micky.

»Zweifeln Sie daran?«, fragte Bentz neugierig.

Micky zuckte mit den Schultern und erhob sich.

»Ich denke unterwegs darüber nach. Kommen Sie, lassen Sie uns verschwinden. Für jemanden, der gerade vom Salzburger Mozarteum kommt, ist das hier nicht ganz die richtige Umgebung.« Lachend erhob sich auch Bentz. Die beiden Männer schoben sich durch das Gewühl zum Ausgang des »Sir Arthur« und waren froh, als sie den Lärm hinter sich gelassen hatten. Die frische Seeluft tat ihnen gut.

3. Kapitel

Urige Kneipen und gemütliche Pinten gibt es in Emden im Überfluss. Bentz und Micky hatten kein bestimmtes Ziel, als sie langsam und schweigend durch den Park schritten. Es wehte ein kühler, aber sanfter Wind aus der Krummhörn in die Stadt.

Schon von weitem sahen sie die Positionslichter des Feuerschiffs »Deutsche Bucht«, das aber leider nur noch eine touristische Attraktion auf dem Ratsdelft darstellte, denn es hatte Radar und elektronischer Strahlpeilung weichen müssen.

Auf dem Rathausturm bündelten sich die Strahlen der Scheinwerfer. Die Straßenbeleuchtung entlang des Kais spiegelte sich im Wasser. Dieser Teil Emdens hat noch Romantik. Er vermittelt mit seinem Geschmack von Salz und Seeluft Fernweh.

Bentz kam eine Idee.

»Wie wär’s, Professor? Auf dem Feuerschiff gibt’s ein gut gezapftes Bier.« Micky nickte müde.

Nach einer Weile hatten sie die »Deutsche Bucht« erreicht und betraten das schwimmende Gasthaus. Auf den festgeschraubten urigen Stühlen saßen die Gäste und tranken Bier oder heißen, dampfenden Grog. In den großen Bullaugen in den blinkenden Messingrahmen spiegelte sich das Licht.

Sie fanden einen unbesetzten Tisch im unteren Deck. An den Wänden hingen verblasste Kapitänsbilder. Die stumpfen Birnen hinter den Schutzgittern sorgten für eine gemütliche Stimmung. Das rissige Holz verströmte den Geruch von Teer.

Micky bestellte zwei Korn und zwei Pils. Bentz packte schweigend seine Rauchutensilien aus. Erst als der eisgekühlte Doornkaat und das Bier serviert wurden, sagte er: »Auf Ihr Wohl, Professor! Sie haben mir sehr geholfen.«

Micky kippte den Klaren hinunter und genoss die wohlige Wärme, die sich in seinem Körper ausbreitete. »Habe ich das?«, fragte er dann.

Bentz nickte.

»Allerdings. Ich bin sehr froh darüber, dass Sie Ihre Freizeit opfern, um mir Gesellschaft zu leisten. Wissen Sie – es gibt da einige Fakten im Fall Diekmann, mit denen ich nicht fertig werde. Aber ohne Sie wäre ich gar nicht erst auf diese Fakten gestoßen. Ich hätte die Akte Diekmann vermutlich voreilig in die Ablage gelegt.«

»Und jetzt ist aus der Akte Diekmann der Fall Diekmann geworden«, stellte Micky fest. »Was ich nur nicht begreife, ist die Sache mit dem Zettel, den Hajo angeblich gefunden haben will. Angenommen, es stimmt: Warum wollten die Diekmanns nach Österreich und nicht mehr in den Schwarzwald?«

Bentz lächelte verzerrt.

»Die Zehntausend-Mark-Frage. Rekonstruieren wir mal: Das Straßenfest dauerte bis tief in die Nacht. Nach Aussagen aller Beteiligten – von den Diekmanns abgesehen – verlief die Feier harmonisch. Und auch die Diekmanns sind auf ihre Kosten gekommen. Besonders Sonja mit diesem Afrosprössling von Kapitän Soerge.«

Micky zuckte kaum merklich zusammen.

»Die Diekmanns«, fuhr der Kommissar fort, »feierten nicht nur das Straßenfest, sondern auch den Beginn ihres Urlaubs. Ihres Schwarzwaldurlaubs! Zu dieser Zeit hatte kein Reisebüro mehr geöffnet, keine Gesellschaft nahm noch Umbuchungen entgegen. Ja, Sie haben recht.

Warum, verdammt noch mal, hätten die Diekmanns überhaupt so abrupt ihr Urlaubsziel wechseln sollen?«

Micky saß in Gedanken versunken vor seinem halb vollen Bierglas. Plötzlich trank er es auf einen Zug leer und setzte es hart auf den Tisch.

»Und wenn es diesen Zettel gar nicht gab? Wenn Hajo nur ablenken will? Wenn er uns auf eine falsche Fährte zu lenken versucht, aus welchen Gründen auch immer?«

»Diekmanns Bankkonto«, murmelte Bentz.

»Wie bitte?«

»Punkt eins: Wir müssen Erwien Diekmanns Konten überprüfen«, sagte der Kommissar. »Wer mit drei Personen in Urlaub fährt, braucht schließlich Geld. Punkt zwei: Die Diekmanns müssen Fahrkarten gelöst haben. Ihre Wagen stehen in der Garage. Wir müssen versuchen, den Taxifahrer ausfindig zu machen, der sie zum Bahnhof gefahren hat.«

Die Kellnerin brachte eine neue Runde. Bentz hob das Bierglas und prostete Micky zu.

»Auf unseren Erfolg!«

Es wurde ein langer Abend. Fast als Freunde verließen Bentz und der Professor das Feuerschiff.

Bentz trat mit dem Bus die Heimreise an. Micky ging zu seinem Wagen, obwohl er wusste, dass er zu viel getrunken hatte, um sich noch ans Steuer setzen zu dürfen. Doch was spielte es noch für eine Rolle? Während seiner Fahrt nach Suurhusen war Professor Micky in düstere Gedanken versunken. Eine tiefe Depression überkam ihn. Das Gespräch mit Bentz hatte ihn Nerven gekostet. Immer, wenn Sonjas Name gefallen war, hatte es ihn zerrissen.

Als er seine zum Landhaus umgebaute Kate betrat, wusste Micky, dass er in dieser Nacht keinen Schlaf finden würde.

Er trat an den uralten Bauernschrank, holte seine Geige, ein wundervolles, kostbares Instrument, hervor, und setzte sich in einen Sessel. Er begann zu spielen. Ohne Noten improvisierte er, unterbrach gelegentlich sein Spiel und summte leise ein paar Töne vor sich hin, um sie dann seiner Geige zu entlocken. Nach einer Weile setzte er sich an seinen Schreibtisch, blickte kurz auf das Bild seiner vermissten Geliebten. Dann begann er damit, das eben Gespielte auf Notenblätter zu übertragen. Hin und wieder unterbrach Micky diese Tätigkeit, ging zum Flügel hinüber, spielte kurze Passagen und schrieb auch sie auf die Notenblätter.

Die Nacht verstrich. Als Micky sich in der Küche ein Frühstück zubereitete, wusste er, dass seine vor Wochen aufgenommene Arbeit allmählich ihre endgültige Gestalt annahm.

An der Hochschule fielen Klausuren an, für die Micky als Gutachter zuständig war. Seine nächsten Nachmittage waren damit ausgefüllt. Abends flüchtete er sich in seine Komposition. Er musste sich ablenken, betäuben, denn je mehr Tage verstrichen, desto unerträglicher wurde die Spannung in ihm.

An einem diesigen, grauen Nachmittag legte er gerade einige korrigierte Klausuren zur Seite und blickte durchs Fenster seiner Kate in die spätherbstliche weite Wiesenlandschaft, als das Telefon schrillte. Micky fuhr zusammen, dann griff er zögernd zum Hörer. Bentz war am anderen Ende der Leitung.

Micky glaubte eine Schlinge um den Hals zu spüren, da er den Grund des Anrufs zu kennen glaubte.

»Hat man … ich meine, Sonja … ist sie …«

»Nein«, unterbrach Bentz ihn hastig. »Aber ich habe ein paar Neuigkeiten für Sie. Kann ich zu Ihnen nach Suurhusen rauskommen?«

»Du liebe Zeit, ja!«, rief Micky erleichtert. »Kommen Sie, und kommen Sie schnell. Vor der schiefen Kirche biegen Sie ab. Im letzten Haus auf der Hieve Pad wohne ich.«

»Ich weiß«, sagte Bentz und legte auf.

Micky schaffte mit ein paar raschen Handgriffen provisorisch Ordnung in seiner Junggesellenwohnung. Schon nach etwa fünfzehn Minuten erschien Bentz. Micky führte seinen Besucher in das geräumige Wohnzimmer und bat ihn, Platz zu nehmen.

Der Kommissar wirkte ernst. Ohne die üblichen Floskeln über die schöne Wohnung, den herrlichen Ausblick oder die reizvolle ländliche Umgebung stopfte Bentz sich schweigend seine unvermeidliche Pfeife.

»Ich darf doch?«, fragte er Micky und holte sein Feuerzeug hervor.

»Natürlich. Eine Tasse Tee?«

»Sehr gern, danke.«

Als Micky mit dem Tee ins Wohnzimmer zurückkam und einschenkte, spürte er Bentz’ forschenden Blick.

»Es existieren Fahrkarten nach Österreich«, sagte der Kommissar.

»Wie bitte?«

»Wir haben herausgefunden, dass die Diekmanns keine Fahrkarten in den Schwarzwald gelöst haben. Allerdings wurden an zwei verschiedenen Tagen Fahrkarten nach Österreich verkauft.«

»Du lieber Himmel!«, rief Micky. »Das wird ja immer komplizierter. Aber … könnte es nicht bedeuten, dass die Diekmanns noch leben?«

»Sie meinen damit vor allem Ihre Geliebte Sonja, nicht wahr?«, fragte Bentz.

Micky erbleichte.

»Woher wissen Sie …?«

»Nun«, erwiderte Bentz mit müdem Lächeln, »man muss nicht einmal Kriminalist sein, um das herauszufinden. Ich dachte es mir von Anfang an. Ihre Sorge um Sonja war nicht die Sorge, die sich ein Fremder gemacht hätte. Das ist auch der Grund dafür, dass ich vor ein paar Tagen so oft mit Ihnen gemeinsam unterwegs war. Und dass ich nun hier bin. Ich hoffe weiterhin auf Ihre Hilfe, Professor.«

»Das ist selbstverständlich«, murmelte Micky. »Auch wenn Sonja nicht meine Geliebte, wie Sie es ausdrücken, gewesen wäre, würde ich Ihnen helfen. Diese Fahrkarten nach Österreich … könnte es nicht sein, dass die Diekmanns in Norddeich eingestiegen sind? Dort sind die Züge noch leer.«

»Den Gedanken hatte ich auch«, erwiderte Bentz. »Bisher leider Fehlanzeige. Kein Taxifahrer erinnert sich an eine Fahrt von der Blausielstraße zum Bahnhof. In den Reisebüros in Leer, Norden und Aurich konnte sich ebenfalls niemand erinnern, irgendeinem der Gesuchten eine Fahrkarte verkauft zu haben. Wir haben auch die Busfahrer der Linie sieben befragt. Keiner von ihnen hatte Fahrgäste, bei denen es sich um die Diekmanns gehandelt haben könnte.«

Mickys Blick huschte über das Bild Sonjas auf seinem Schreibtisch. Seine Haltung spannte sich.

»Vielleicht hat ein Arbeitskollege Diekmanns die Fahrkarten besorgt oder sie zur Bahn gebracht«, sagte er.

»Längst überprüft«, erwiderte Bentz knapp und trank an seinem Tee. »Ich habe auf der Werft mit den Kollegen Erwien Diekmanns gesprochen. Ich hätte mir den Weg sparen können.«

»Und wie sah es bei der Bank aus?«

Bentz stocherte in seiner Pfeife herum. »Am Donnerstagmorgen hat Erwien Diekmann dreitausend Mark von seinem Konto abgehoben. Scherzhaft hat er zu der Schalterbeamtin gesagt, dass er das Geld brauche, um den Fremdenverkehr im Schwarzwald anzukurbeln. Das hilft uns aber nicht weiter, denn Diekmann hat zusätzlich Euroschecks mitgenommen. Leider ist noch kein Scheck bei der Bank eingegangen. Tja, wir stecken in einer verdammten Sackgasse. Da wäre dieser mysteriöse Anruf Magda Diekmanns bei Frau Soerge, den ich nicht bezweifle. Dann dieser seltsame Zettel, den Hajo Diekmann zu Hause gefunden haben will. Und die Bemerkung Diekmanns gegenüber der Bankangestellten. Die Autos stehen in der Garage, aber ein Hinweis darauf, dass die Vermissten mit dem Zug aus Emden abgereist sind, existiert auch nicht. Ein Entführungsfall scheidet ebenfalls aus. Erstens ist Diekmann für Entführer – verzeihen Sie – uninteressant, und zweitens hätten sich etwaige Entführer längst gemeldet. Dies alles lässt nur einen Schluss zu: Die Diekmanns haben Emden nie verlassen.«

Bentz bemerkte, wie Micky heftig erschrak.

»Und?«, fragte der Professor heiser. »Glauben Sie, dass sie tot sind?«

Bentz erhob sich. »Wie es aussieht, gibt es kaum noch eine Chance, die Diekmanns jemals lebend wiederzusehen«, sagte er. »Tut mir leid, das so hart sagen zu müssen, aber die Frage, die sich uns stellt, lautet: Wo befinden sich die Leichen?«

»Verdammt noch mal!«, brüllte Micky verzweifelt. »Diese Frage hätten Sie sich sparen können!«

»Ich fürchte«, sagte Bentz und wandte sich zum Gehen, »das eben kann ich nicht. Ich rufe Sie an, wenn ich etwas Neues erfahre. Auf Wiedersehen, Professor.«

Während Bentz Richtung Emden fuhr, wankte Micky zu seinem Schreibtisch und ließ sich in den Sessel fallen. Lange, sehr lange starrte er auf Sonjas Bild.

4. Kapitel

Das Rathaus lag bereits im Licht der Scheinwerfer, und am Feuerschiff »Deutsche Bucht« brannten die Positionslampen. Bentz parkte seinen Wagen vor dem kleinen Stadtgarten, überquerte inmitten der Menge der Passanten die Große Straße, ging noch ein Stück den Kai entlang und gelangte schließlich zum Feuerschiff. Im unteren Deck fand er einen Platz, wo er allein sitzen konnte. Er bestellte sich einen Korn und ein Bier und ließ die Seeromantik, die dieses Schiff ausstrahlte, beruhigend auf sich einwirken. Der Schnaps gab ihm innere Wärme, das Bier löschte seinen Durst. Jetzt noch die Pfeife anzünden, und das Denkspiel kann beginnen, Herr Kommissar, dachte Bentz.

Die Diekmanns hatten Emden nie verlassen; davon war er nun überzeugt. Er hatte die Frau Soerge noch sehr gut in Erinnerung, als sie von dem mysteriösen Telefongespräch berichtet hatte. Sie war keine Wichtigtuerin. Aber von wo hatte Magda Diekmann angerufen? Warum war sie so schlecht zu verstehen gewesen? Hatte jemand sie bedroht, während sie sprach? Aber aus welchem Grund?

Und dann, ganz plötzlich, durchzuckte Bentz die Idee: ein Tonband! Natürlich, ihre Stimme musste von einem Tonband gekommen sein! Irgendjemand hatte Interesse daran gehabt, dass Erwien, Magda und Sonja Diekmann ihren Urlaub gar nicht erst antreten konnten. Nein – viel schlimmer …

Bentz bestellte einen doppelten Schnaps und paffte nervös an der Pfeife. Wenn das stimmte, dann lief in Emden aller Wahrscheinlichkeit nach ein Mörder frei herum; eine Bestie, die drei Menschenleben auf dem Gewissen hatte. Aber das Motiv, verdammt? Wer konnte aus dem Tod der Diekmanns irgendeinen Nutzen ziehen? Waren die dreitausend Mark und die paar Euroschecks der Grund? Wohl kaum.

Nächster Punkt: Der Mörder der Diekmanns hatte vermutlich den Urlaubstermin gekannt und dann das Straßenfest genutzt, um Zeit zu gewinnen. Und um sich ein Alibi zu verschaffen …?

Sofort dachte Bentz an Horst Soerge, den grobschlächtigen Sohn des Kapitäns. Er hatte – nach allem, was der Polizei bisher bekannt war – Sonja als Letzter gesehen. Andererseits war da aber auch Hajo Diekmann, der so sorglos mit seiner ostfriesischen Monroe durch die Diskotheken bummelte, während das Schicksal seiner Eltern und seiner Schwester höchst ungewiss war. Und dann diese Sache mit dem Zettel …

Bentz ließ den doppelten Schnaps stehen und machte sich auf den Weg nach Hause. Im Feuerschiff hatte er einen neuen Kurs gefunden.

Bentz kam vom Einwohnermeldeamt, wo er kurz recherchiert hatte. Er zog seine schwarze Baskenmütze, die einen so attraktiven Kontrast zu seinem flachsblonden Haar bildete, tiefer in die Stirn und zog seinen Mantel enger, denn vom Ratsdelft blies ein eisiger Wind. Es hatte gefroren; zum ersten Mal in diesem Jahr. Trotz der kühlen Witterung bevölkerten erstaunlich viele Passanten die Gehwege. Hinter Bentz strömten die Menschen in die Brückstraße, die etwas vernachlässigte zweite Einkaufsgegend Emdens. Er überquerte im Schwarm der Fußgänger die Neutorstraße. Auf dem Neuen Markt beherrschten die Stände der Händler das Geschehen. Die riesige Boje, einst ein Seezeichen mit Funktion im Dollart, erinnerte an Zeiten, die viele Menschen in dieser Stadt wieder herbeisehnten.

Der Kommissar sah schon bald die gepflegte Fassade des Bankgebäudes. Hier hatte er schon mehr als einmal Auskünfte eingeholt; er kannte sich aus. Doch wie harmlos erschienen ihm seine damaligen Recherchen, als es sich ausschließlich um die Aufklärung von Betrugsfällen gehandelt hatte. Heute ging es um mehr. Um Mord?

Bentz stieg die mit einem dezent-geschmackvollen Veloursboden angelegte Treppe hinauf. Etwas unpassend dazu wirkten die Werke lokaler Malergrößen, deren Bilder vergessene Heringslogger zeigten.

Im Vorzimmer saß eine unsympathische Sekretärin, die sich mit arrogantem Getue Bentz’ Dienstmarke zeigen ließ und Herrn Direktor den Kommissar ankündigte, als wäre die Steuerfahndung im Hause. Offenbar war ihrem Chef in dieser Blütezeit bundesdeutscher Bestechungsskandale ein Besuch der Polizei alles andere als willkommen. Doch Bentz war von der Höflichkeit des Direktors angenehm überrascht.

Der Bankdirektor, ein Mann von fast zwei Metern Größe und zwei Zentnern Gewicht, hatte seinen Bauch unter einem maßgeschneiderten Alcantarajackett versteckt. Er blickte Bentz prüfend über die Ränder seiner Hornbrille hinweg an und bat ihn dann mit sanfter Stimme in sein Allerheiligstes.

Bentz zog seine Baskenmütze vom Blondhaar, blickte sich im Büro des Direktors um und sah sich von moderner Kunst umgeben.

»Nehmen Sie doch bitte Platz, Herr Kommissar«, sagte der Bankleiter. »Kaffee?«

Bentz nickte.

»Danke, gern.« Sein Gespräch hier konnte länger dauern. Der Direktor schritt zur Tür, als führte er eine unsichtbare Tänzerin am Arm. Er wies seine Sekretärin an, ihm und seinem Besucher Kaffee zu bringen, und setzte sich mit einem freundlich-geschäftsmäßigen Lächeln an seinen Schreibtisch. Sein Verhalten war äußerst korrekt. Vielleicht lag es am Kontostand des Kommissars, denn Bentz hatte wohlhabend geheiratet.

»Ich kann Ihnen vorweg absolute Verschwiegenheit zusichern«, begann Bentz.

Der Bankdirektor winkte lächelnd ab.

»Aber gewiss, Herr Kommissar. Und wie kann ich Ihnen helfen?«

»Ich brauche die Kontostände von zwei Ihrer Kunden«, erwiderte Bentz und sah, wie ein Schatten über das Gesicht seines Gegenübers fiel.

Die Sekretärin brachte den Kaffee, schenkte ein und verschwand wortlos.

»Herr Kommissar«, sagte der Bankleiter, »Sie wissen doch, dass das Bankgeheimnis uns verpflichtet … Na ja, handelt es sich denn um bedeutende Kunden?«

Bentz zog ein Schreiben des Staatsanwalts aus der Tasche seines Jacketts und reichte es dem Dicken. Der las die Zeilen aufmerksam, und seine Miene hellte sich auf.

»Moment, bitte.« Er erhob sich und verließ sein Büro. Als er kurz darauf zurückkam, sagte er: »Die Herren unterhalten in der Tat Konten bei uns. Ich lasse die Auszüge bringen. Wenn Sie wünschen, lasse ich auch die Daten der Schufa über Computer abrufen.«

Bentz schüttelte den Kopf.

»Mich interessieren nur die Auszüge«, sagte er und blickte erstaunt auf, als ihm eine dralle Blondine in einem viel zu engen Hosenanzug die Unterlagen vorlegte.

»Prompte Bedienung«, sagte er lächelnd zu der jungen Frau, »danke sehr.«

Sie lächelte nicht zurück.

Der Kommissar begann mit den Kontoauszügen des arbeitslosen Horst Soerge. Wie ein Thermometer im Winter hatte sich sein Kontostand in den letzten Monaten fast nur im Minusbereich bewegt, bis plötzlich eine vor kurzem erfolgte Einzahlung von zweitausend Mark eine Wetterbesserung und den frühlingshaften Anstieg gebracht hatte. Bentz notierte sich die Zahlen und ging zum zweiten Kontoinhaber über. Der Computervertreter Hajo Diekmann hatte ein Konto, dessen Buchungen der Fieberkurve eines Patienten glichen, der mit dem Tode rang, um gleich darauf immer wieder zur vollen Gesundheit zurückzugelangen.

»Der Mann ist viel auf Reisen«, erläuterte der Bankdirektor. »Oft im Ausland. Er bezahlt grundsätzlich nur mit Euroschecks. Seine Verkaufs- und Gehaltsprämien hinken zwar immer hinterher, aber er ist ein guter Kunde. Vertrauens- und kreditwürdig.«

Bentz blickte auf den letzten Kontoauszug.

»Dreitausend Mark Bareinzahlung«, sagte er.

»Herr Diekmann hat sie so nebenbei eingezahlt«, erläuterte der Dicke, während Bentz sich das Einzahlungsdatum notierte.

»Gibt es noch Ergänzungen?«, fragte er, ohne aufzublicken.

Die Hosenrockdame meldete sich zu Wort.

»Ja, in beiden Fällen«, sagte sie und reichte ihrem Chef die Computerausdrucke.

Der Bankdirektor studierte sie kurz.

»Horst Soerge war mit den Einzahlungen für seinen Gebrauchtwagen im Rückstand«, murmelte er dann. »Sein Vater hat sie für ihn beglichen. Und Hajo Diekmann … warten Sie mal … er stellte vor mehreren Wochen bei der Ostfriesischen Landesbank einen Antrag auf Gewährung eines Zweihunderttausend-Mark-Kredits.«

»Zweihunderttausend Mark!«, entfuhr es Bentz.

»Ja«, sagte der Dicke betont gelassen. »Für die Gründung oder den Kauf eines gesunden Unternehmens. Vielleicht handelte es sich auch nur um eine Beteiligung.«

»Aber er hat doch einen guten Job«, sagte Bentz.

Der Bankchef lächelte sein Ich-bin-hier-der-Fachmann-Lächeln. »Dynamische Unternehmer sind das Salz der Freien Marktwirtschaft. Besonders in wirtschaftlich schwachen Gebieten.«

»Vielleicht«, sagte Bentz und klappte seinen Notizblock zu. »Woher haben Sie eigentlich erfahren, dass Hajo Diekmann bei einer fremden Bank einen Kreditantrag gestellt hat?«

»Nun ja, Herr Kommissar – das Kapital ist das Blut unserer Wirtschaft, da müssen wir doch die Adern kennen«, erwiderte der Dicke ebenso blumenreich wie ausweichend.

Bentz bedankte sich. Er hatte erfahren, was er erfahren wollte. Er verabschiedete sich und trat hinaus in die Kälte. Die Sonne hatte es nicht geschafft, sich aus dem tiefen Grau zu lösen.

Der Kommissar ging hinüber zum Parkplatz, stieg in seinen Wagen, ordnete sich in den fließenden Verkehr ein und fuhr zur Blausielstraße. Den Haustürschlüssel hatte er dabei, ebenso frische Siegelmarken, die er sich vorsorglich beschafft hatte.

Die Blausielstraße wirkte wie ausgestorben. Bentz parkte direkt vor dem Haus der Diekmanns, durchquerte den Vorgarten und kramte den Haustürschlüssel aus seiner Hosentasche. Eine seltsame Nervosität ergriff ihn, während er das unberührte Siegel entfernte, die Tür öffnete und das Haus betrat.

Er umklammerte für einen Moment krampfhaft den Haustürschlüssel. Als könnte er wie ein Wünschelrutengänger Signale aus diesem Haus empfangen, das eine so sonderbare Kälte ausstrahlte.

Grabeskälte?, fragte sich Bentz schaudernd und knipste das Licht an. Zögernd begann er mit einem Rundgang. Irgendwie hatte er gehofft, Hinweise zu bekommen, beim letzten Mal etwas übersehen zu haben. Doch da war nichts, nur diese eigentümliche Kälte, die er schon vor ein paar Tagen in diesem Haus verspürt hatte. Draußen waren die Temperaturen zwar bis in die Nähe des Gefrierpunktes gefallen, doch eine Erklärung für diese gespenstische Kälte war das nicht. Was ihm hier und jetzt eine Gänsehaut über den Rücken trieb, kam tief aus seinem Inneren. Bentz befand sich im ersten Stock, als er plötzlich ein leises Geräusch vernahm.

Er lauschte angestrengt.

Nichts – da war nichts …

Bentz war ein erfahrener Polizist, doch jetzt kroch Angst in ihm hoch. Seine Faust krampfte sich um den Griff der Dienstwaffe. Dann hörte er Schritte. Schnelle, forsche Schritte.

Bentz lehnte sich an die Wand; neben der Tür von Sonjas Zimmer.

Jemand kam die Treppe hinauf …

»Soerge!«, stieß Bentz hervor, als er den jungen Mann erkannte. Der untersetzte junge Bursche erschrak heftig, als Bentz so unerwartet vor ihm auftauchte. Der Kommissar war auf einen Angriff gefasst, doch Soerge blieb schwer atmend vor ihm stehen.

»Herr Kommissar«, keuchte er, »ich sah Ihren Wagen, und die Tür war nicht verschlossen. Da dachte ich … nun, ich muss Ihnen etwas beichten.«

Der kräftige junge Mann nahm die letzten Stufen und trat an Bentz heran, der den Alkoholdunst des anderen roch. Soerge streckte ihm die Hand entgegen, in der die des Kommissars ganz verschwand.

»Im Vertrauen, Herr Kommissar, ich möchte, dass es unter uns bleibt«, sagte Soerge, während er Bentz’ Hand beinahe zerquetschte.

»Ehrenwort«, versprach der Kommissar.

Horst Soerge ließ Bentz’ Hand frei, griff in die Tasche und holte eine Packung Zigaretten hervor.

»Auch eine?«

»Ja, danke.« Bentz zog ein Stäbchen aus der Packung.

Während sie rauchten, sagte Soerge stockend:

»Wissen Sie, ich war in der Nacht vor der Abreise der Diekmanns hier im Haus.«

Bentz stockte fast der Atem. War dies die Spur, nach der er schon so lange suchte? Oder kam jetzt gar ein Geständnis?

»Sehen Sie das bitte nicht falsch, Herr Kommissar«, fuhr Soerge fort, »aber Sonja und ich – na ja, Sie wissen schon.«

»Ja«, sagte Bentz. »Sie haben es ziemlich krass angedeutet, als ich Ihre Eltern besuchte.«

Soerge lachte auf, und seine Stimme schallte laut durch das leere Haus.

»Wie sind Sie eigentlich in Sonjas Zimmer gekommen?«, fragte ihn Bentz. »In der Nacht, als das Straßenfest gefeiert wurde.«

»Sonja und ich haben Erwien und Magda bis vor ihr Schlafzimmer gebracht. Sie waren blau wie die Veilchen und fielen direkt in die Betten. Sonja und ich übrigens auch. Sonja ist schön. Von so was träumst du, wenn du nichts fürs Bett hast oder sonst nur die dritte Wahl erwischen kannst.«

»Mein Gott«, flüsterte Bentz.

»Was haben Sie denn, Mann?«, fragte Soerge grinsend. »Hören Sie zu! Also, das Straßenfest war ’ne Wucht, sage ich Ihnen. Sonja und ich lösten ein altes Versprechen ein.« Er zeigte auf Sonjas Zimmer. »Da drin.«

»Ja, und nun ist sie verschwunden«, sagte Bentz bissig.

Nervös warf Soerge die Kippe auf den Boden und trat sie aus.

»Ich habe mit der Sache nichts zu tun. Ich weiß nicht, wo die Diekmanns sind. Sonja wollte in den Schwarzwald, das ist alles, was ich weiß. Ich bin gegen vier Uhr früh verschwunden.« Die Worte waren wie auswendig gelernt über die Lippen des alkoholisierten Mannes geflossen. So, als habe er sich von einer schweren Last befreit, legte er zum Vertrauensbeweis seinen muskulösen Arm um die Schulter des Kommissars.

Bentz schüttelte ihn ab.

»Kommen Sie, gehen wir.«

Die beiden Männer verließen das Haus, und Soerge schaute mit glasigen Augen zu, wie der Kommissar das Siegel an der Haustür erneuerte. Während sie durch den Vorgarten schritten, fragte Bentz unvermittelt:

»Sind Sie bereit, das, was Sie mir anvertraut haben, zu Protokoll zu geben?«

Soerge grinste, legte den Zeigefinger vor den Mund und wies mit der freien Hand auf sein Elternhaus.

»Selbstverständlich. Aber nur vertraulich«, sagte er, wandte sich lachend um und ging leicht schwankend hinüber. Bentz fuhr hinüber zur Dienststelle und dachte unterwegs über das seltsame Zusammentreffen nach.

Der Kommissar heftete seinen Bericht in die allmählich anwachsende Akte »Diekmann«. Die kleine Tischlampe warf ihr helles Licht auf den Ordner, der mehr Fragen als Antworten enthielt. Bentz hatte viel geraucht und spürte den seifigen Geschmack der nur flüchtig gereinigten Pfeife auf der Zunge. Vom Bahnhof drang das durchdringende Quietschen der Bremsen des D-Zuges Frankfurt–Norddeich zu ihm hinauf. Mit einem raschen Blick auf die Uhr stellte Bentz fest, dass der Zug pünktlich war.

Er hätte jetzt gern Professor Micky angerufen, um ihn als Wetzstein für seine Gedanken zu benutzen. Doch er schreckte davor zurück. Nicht nur die Befangenheit, sondern auch die Vorstellung, dass er ihn dann über den Treuebruch seiner Geliebten Sonja informieren müsste, hielten ihn vom Anruf ab.

Was mochte Sonja Diekmann zu dem Seitensprung veranlasst haben?, fragte sich Bentz. Er fand keine Antwort. Oder sollte es zwischen Sonja und dem Professor zum Streit gekommen sein?

Dann dachte Bentz über Horst Soerge nach. Obwohl er als Kriminalbeamter beinahe dazu verpflichtet war, vorurteilsfrei zu sein – er mochte den Kerl nicht. Seine Erfahrung mit Kriminellen warnte ihn. Hier war Vorsicht geboten. Trotzdem, Soerge war eine Schlüsselfigur. Soerge, der arbeitslose Automechaniker, hatte plötzlich zweitausend Mark auf sein Konto einzahlen können. Woher stammte das Geld? Aus der Urlaubskasse der Diekmanns? War es Soerge gewesen, der ein Tonband mit der Stimme Magda Diekmanns zurechtgeschnitten, es in der dunkelsten Ecke irgendeiner Telefonzelle unter den Hörer gehalten und dann die Nummer seiner Mutter angerufen hatte?

Jedenfalls war er in der Nacht vor der Abreise der Diekmanns in deren Haus gewesen. So hatte er es selbst zu Protokoll gegeben.

War er auch der Letzte gewesen, der sie lebend gesehen hatte? Oder hatten die Diekmanns noch gelebt, nachdem Soerge gegangen war?

Bentz erhob sich. Er trat ans Fenster seines Büros, drückte die Stirn gegen das beschlagene Glas und blickte auf die Lichter der Stadt. Er erkannte die Gracht, die tief unter ihm im Schatten lag. Lange schaute er in Gedanken versunken hinaus. Dann gab er sich einen Ruck, ging zu seinem Schreibtisch, nahm den Hörer seines Dienstapparates auf und wählte entschlossen eine Nummer.

»Micky«, meldete sich eine vertraute Stimme. »Hallo, wer ist da?«

Bentz legte auf. Ihm kamen Bedenken. Er spürte, wie er zu schwitzen begann. Mit sich selbst zerstritten, verließ er das Büro, eilte die Treppen hinunter und kramte, unten angekommen, in seiner Jacke nach Kleingeld. Er zog sich, was er lange nicht getan hatte, eine Schachtel Zigaretten und einen Pappbecher Kaffee. Bentz überlegte kurz, ging dann wieder in sein Büro zurück und setzte sich an den Schreibtisch. Er steckte sich eine Zigarette an und inhalierte den Rauch in hastigen, nervösen Zügen.

Es gelang ihm einfach nicht, diesen grobschlächtigen Soerge aus seinen Gedanken zu verdrängen. Seine Fantasie gaukelte ihm Bilder vor, wie Soerge seine riesigen Pranken um den Hals Sonja Diekmanns legte und zudrückte.

Der Kommissar schaute verdrossen auf die Akte. Sie enthielt bisher noch nichts, was ihn der Lösung des Falles näher brachte. Fest stand nur, dass die drei Diekmanns vermisst waren. Jedenfalls wusste niemand etwas über ihren Verbleib. Bentz steckte sich eine weitere Zigarette an und blickte eine Weile dem blauen Dunst nach. Dann langte er nach dem Telefonhörer und rief zu Hause an. Es tat gut, die Stimme seiner Frau zu hören. Er sagte ihr, dass er heute später käme.

Wieder starrte Bentz lange Minuten vor sich hin und überlegte fieberhaft die nächsten Schritte. Er dachte kurz daran, am morgigen Tag die ihm untergeordneten Beamten zu einer Dienstbesprechung einzuberufen, verwarf diesen Gedanken aber rasch wieder. Nein, aus dieser Sackgasse musste er sich schon allein herausmanövrieren. Oder?

Plötzlich kam Bentz eine Idee. Wieder griff er zum Telefonhörer. Er wählte die Nummer des Landeskriminalamtes und wurde mit einem Oberkriminalrat Studt verbunden, der den Abenddienst versah. Bentz kannte den Mann nicht, doch Studts Stimme klang sympathisch.

Der Oberkriminalrat wusste den Anruf aus der Provinz richtig zu deuten. Er versprach Bentz, die Suchhundestaffel von Hannover nach Emden zu schicken, dann würde man schon weitersehen.

Hoffentlich, dachte Bentz, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte. Hoffentlich. Aber er spürte, wie seine innere Anspannung ein wenig nachließ. Er hatte gehandelt, und nur das war jetzt wichtig. Bentz verschloss die Akte Diekmann, knipste das Licht aus und verließ das Revier. Er stieg in seinen Wagen und fuhr zum Ratsdelft, um im Feuerschiff noch ein Bier zu trinken.

5. Kapitel

Bentz schob den Frühstücksteller beiseite. Er stand auf, strich seinem Sohn über das Haar, gab seiner Frau einen flüchtigen Kuss auf die Wange, nahm seinen grünen Wettermantel von der Garderobe, ergriff seine Aktentasche und verließ den Bungalow – das übliche morgendliche Ritual.

Über die Hausdächer zogen schwere, feuchte Nebelschwaden träge dahin und dämpften das Licht der hohen Straßenlaternen.

Bentz schloss die Garage auf, setzte sich in seinen BMW und fuhr los. Die Sichtweite betrug weniger als fünfzig Meter. Selbst die grelle Lichtreklame der Autohandlung, an der Bentz auf seinem täglichen Weg vorüberfuhr, kämpfte vergeblich gegen die trübe Suppe an, färbte den Nebel nur rötlich. Bentz fädelte sich in den Verkehr auf der B 70 ein. Er wohnte in Hinte und hatte keinen allzu weiten Weg vor sich.

Selbst mitten in der City trieb der Nebel hartnäckig durch die Straßen. Bentz lenkte seinen Wagen fluchend hinter einem langsam fahrenden Bus her, der in Richtung Bahnhof fuhr. Dort stellte der Kommissar den BMW auf seinen Stammparkplatz vor dem Polizeigebäude.

Über der Gracht ballte sich der Dunst. Bentz war nicht ganz wohl zumute, als er ausstieg und zum Revier hinüberging. Die Ungewissheit, die seinen Tagesablauf bestimmte, versetzte seine Magennerven in Unruhe.

Als er sein Büro betrat, kam ihm der Raum seltsam kalt und unfreundlich vor. Bentz schaltete die Tischlampe an, drehte die Heizung höher und hängte den Mantel auf einen Bügel. Seine Aktentasche stellte er ungeöffnet neben den Schreibtisch, nachdem er sich gesetzt hatte.

Jemand klopfte an die Tür. Gerjet Focken, Bentz’ Assistent, betrat das Büro.

»Moin, Chef«, sagte er müde. »Hier sind die Protokolle. Viel Vergnügen.«

Bentz grinste. Mit Gerjet Focken verstand er sich gut. Ein fähiger junger Mann mit einem messerscharfen Verstand, obwohl er äußerlich mehr den trägen, ländlichen Typ verkörperte, dessen Haupttugend darin bestand, dass er sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ. Sein untersetzter Körper verriet Kraft, sein Gesicht Schlitzohrigkeit.

»Also, Gerjet«, begann der Kommissar ernst, »heute kommen die Suchhunde. Ich möchte, dass du mich begleitest.«

»Klar, Chef«, erwiderte Focken. »Sie kennen ja meine Tierliebe. Aber wenn ich mir mal eine Frage erlauben darf …«

»Ja?«

»Was sollen die Suchhunde suchen?« Focken grinste.

Bentz erhob sich. Sein Gesicht war ernst, als er zum Fenster schritt und über das trübe Emden blickte.

»Die Leichen der Diekmanns«, sagte er.

Gerjet Focken räusperte sich verlegen.

»Sie glauben also an Mord, Chef?«

»Ja. Vielleicht finden die Hunde eine Spur. Ich jedenfalls habe noch keine gefunden. Ich gebe dir Bescheid, wenn die Hundestaffel einsatzbereit ist. An die Arbeit mit dir!«

Focken schlich aus dem Zimmer, während der Kommissar sich den Protokollen zuwandte. Doch in Gedanken war er mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Er überlegte kurz, ob er die Staatsanwaltschaft über den bevorstehenden Einsatz der Hundestaffel informieren sollte, beschloss dann aber, erst einmal die Aktion abzuwarten. Er warf einen Blick auf die Uhr. Für die Strecke Emden–Hannover rechnete er etwa vier Stunden, falls der Nebel nicht überall ein solches Verkehrshindernis darstellte wie hier in Emden.

Bentz saß immer noch über dem Aktenmaterial, als ihm die Ankunft der Beamten aus Hannover gemeldet wurde. Er sagte Focken Bescheid und ging mit ihm in die Kantine hinunter, wohin er die Kollegen hatte führen lassen.

Bentz und Focken fanden die Beamten aus Hannover in der Kantine bei Kaffee und Käsebrot. Sie äußerten den Wunsch, ihren Job hier in Emden so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, da der Wetterbericht eine Ausdehnung der Nebelfront von der Küste auf das Binnenland angekündigt hatte.

Dem Kommissar sollte es nur recht sein. Er schrieb den Kollegen die Adresse auf, für den Fall, dass sie sich im Nebel aus den Augen verlieren sollten. Gemeinsam verließen die Beamten die Kantine und gingen zu ihren Fahrzeugen. Bentz und Focken nahmen den Passat, der Bully mit den auswärtigen Kollegen und ihren Hunden folgte ihnen.

Es war heller geworden; auch auf der Blausielstraße hatte sich der Nebel gelichtet. Bentz parkte am Straßenrand und dirigierte den Bully in die Garagenauffahrt.

»Die Kontaktgegenstände?«, wandte sich einer der Männer an Bentz. Dieser lief ins Haus und kam mit drei Kleidungsstücken zurück.

Der Beamte vom Landeskriminalamt nahm die Schlafanzugjacke Sonjas, öffnete die Heckklappe des Bullys und warf die Jacke zu den beiden Hunden hinein. Die Tiere beschnüffelten sie knurrend und zähnefletschend und zerrissen sie dann mit wütendem Bellen.

»Alles klar«, sagte der Beamte, »sie haben’s angenommen.« Er holte eine Leine und rief: »Hasso!« Einer der beiden Hunde sprang aus dem Bully, lief auf den Beamten zu und ließ sich anbinden. Auch das zweite Tier, das der Beamte »Blanka« rief, war kurz darauf bereit für die Suchaktion.

Der Kommissar öffnete die Wohnungstür und ließ die Hundeführer mit den beiden Tieren eintreten. Die Schäferhunde nahmen hechelnd und schnüffelnd Witterung auf, zogen die Hundeführer über den Flur und kratzten schließlich bellend an der Wohnzimmertür. Bentz und Focken beobachteten fasziniert die Aktion. Die Hunde beschnupperten nur kurz die Möbel und zerrten ihre Führer dann, als hätten sie sich abgesprochen, die Treppe hinauf. Auf dem oberen Flur verharrten sie für Sekunden, sprangen dann laut kläffend gegen die Tür zu Sonjas Zimmer. Als die Tür geöffnet wurde, waren die Tiere kaum noch zu bändigen. Sie beschnupperten nervös Sonjas Liege, zerrten ihre Führer dann wieder hinaus auf den Flur und verlangten jaulend Einlass in die Rumpelkammer. Hier kläfften sie böse in die Dunkelheit hinein, als hielte sich jemand in der Kammer versteckt, zerrten die Beamten dann ins Badezimmer und von dort aus wieder die ...

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