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Noch immer schwelt die Glut

Über Robert Merles

Das literarische Werk Robert Merles (1908–2004) spannt sich in einem weiten Bogen von seinem ersten Welterfolg »Der Tod ist mein Beruf« über die ironische Zukunftsvision der »Geschützten Männer« bis zu der mit dreizehn Bänden vollständig vorliegenden historischen Romanfolge »Fortune de France«:

Fortune de France

In unseren grünen Jahren

Die gute Stadt Paris

Noch immer schwelt die Glut

Paris ist eine Messe wert

Der Tag bricht an

Der wilde Tanz der Seidenröcke

Das Königskind

Die Rosen des Lebens

Lilie und Purpur

Ein Kardinal vor La Rochelle

Die Rache der Königin

Der König ist tot

Informationen zum Buch

Pierre de Siorac, frischgebackener Mediziner und Hugenott, hat durch Freundeshilfe das Massaker der Bartholomäusnacht überlebt und kehrt zwei Jahre später nach Paris zurück. König Heinrich III. hat ihn zum Leibarzt ernannt, aber bald wird er vor allem dessen Geheimagent in heiklen politischen Missionen. Denn Frankreich ist noch immer ein tief zerrissenes Land, die Katholische Liga in Gestalt des mächtigen Herzogs von Guise macht Front gegen den König, der im Staatsinteresse zwischen Katholiken und Protestanten zu vermitteln sucht. Spanien steht hinter den einen, England hinter den anderen. Das mörderische Duell zwischen Heinrich und Guise bestimmt über ein Jahrzehnt die französische Politik.Verkleidet als Tuchhändler, Putzmachermeister, königlicher Leibgardist, reist Pierre durchs Land, besteht Abenteuer, Duelle und Attentate, trifft Spione und Gegenspione. Er reist zu Heinrich von Navarra in den hugenottischen Süden. Er reist zu Königin Elisabeth nach London. Sein Husarenstück aber: Während eines nicht ganz freiwilligen Beischlafs mit der erzkatholischen Herzogin von Montpensier stiehlt er dieser einen Brief Guises an den König von Spanien und hat damit den entscheidenden Beweis für Guises Landesverrat in Händen.Robert Merles Romanfolge »Fortune de France« ist das farbenprächtige Gemälde einer der dramatischsten Zeiten in der französischen Geschichte: des Bürgerkriegs zwischen Katholiken und Hugenotten. In seinem Zentrum steht der Chevalier Pierre de Siorac, nunmehr Arzt und Geheimagent König Heinrichs III. Das Massaker der Bartholomäusnacht, dem er gerade noch entronnen ist, liegt zwei Jahre zurück. Aber noch immer schwelt die Glut und wird aufs neue geschürt durch die »Liga« des Herzogs von Guise, der den König über Jahre hinweg zu einem mörderischen Machtkampf fordert. Pierres Charme, sein perfekter Degen und sein gutes Englisch auf internationalem Parkett machen ihn in dieser gefährlichen Auseinandersetzung zum Helden par excellence.

»Robert Merle ist einer der ganz wenigen französischen Schriftsteller, der sowohl den Erfolg beim Publikum als auch die Achtung der Kritik errungen hat.« Le Figaro

Robert Merle

Noch immer schwelt die Glut

Roman

Aus dem Französischen von Christel Gersch

Erstes Kapitel

Als ich mit meinem Diener Miroul, mit Fröhlich, meinem guten Berner Schweizer, und meinem treuen Freund, dem Fechtmeister Giacomi, den Mörderbanden der Bartholomäusnacht entronnen war und Zuflucht bei dem eleganten Hofmann, Baron von Quéribus, in Saint-Cloud gefunden hatte, ließ es sich dieser nicht nehmen, unter dem Vorwand, daß er nach seinem Gut im Carcassonner Land sehen müsse, mich mit starker Eskorte heim ins Périgord zu geleiten, zu gefährlich waren Straßen und Städte derzeit für Hugenotten. Und als Dame Gertrude du Luc – die meinem Bruder Samson ja das Leben gerettet hatte, indem sie ihn hinderte, Hals über Kopf nach Paris zu eilen – sich unserer Reise unbedingt anschließen wollte, nicht nur, weil sie für Pilgerfahrten schwärmte (ebenso wie ihre Zofe Zara), sondern vor allem, weil sie meinen Vater kennenlernen wollte, so lud ich sie ein nach Mespech, wohl wissend, daß sie beharrlich und unbeirrbar trachtete, meinen Herzensbruder Samson endlich zu heiraten.

Es war Weinlese, als wir auf Mespech eintrafen, und nach der Freude, meinen Vater und Onkel Sauveterre wiederzusehen, wurde ich zum erstenmal im Leben des Anblicks nicht froh, wie unsere Leute die schönen Trauben in der Kelter traten, rief mir der sprudelnde rote Saft doch ungewollt die Ströme von Blut vor Augen, die am 24. August und noch Tage danach das Pariser Pflaster tränkten.

Aber ich muß gestehen, bei der Erinnerung an meine Ritte über die Landstraßen des Königreichs und meine unerhörten Abenteuer in der Hauptstadt kam mich nach einer Woche des ländlich geruhsamen Lebens in der Baronie meines Vaters die Langeweile an.

Den Winter wollte ich hier ohnehin nicht verbringen, denn ich gedachte, mich zu Bordeaux als Arzt niederzulassen. Aber, du weißt wie ich, Leser, Fortuna spottet der Vorsätze und Pläne des Menschen und macht sie zunichte wie Wellen die Sandburg eines Knaben: zwei Monate hatte ich auf Mespech bleiben wollen. Ich blieb zwei Jahre.

Und ist es auch mein Hauptanliegen, auf diesen Seiten zu schildern, wie mein guter König Heinrich III. in Erscheinung und Wesen wirklich gewesen ist und nicht, wie Lug und Trug der Ligarden und Guisarden (der Liga- und der Guise-Anhänger, meine ich) ihn verunglimpften, die meinen armen König zu seinen Lebzeiten ja mit giftigem Haß überschütteten durch Abertausende Schmähschriften, Spottverse, Pasquille und ach! durch abscheuliche Predigten sogar von den geweihten Kanzeln herab, wo von Rechts wegen allein die göttliche Wahrheit gelehrt werden sollte, so erzählt die gegenwärtige Chronik doch auch die Geschichte meiner Familie samt ihren häuslichen Freuden und Kümmernissen, also daß ich nicht holterdiepolter hinweggaloppieren will über das, was uns in besagten zwei Jahren widerfuhr, Samson, François, meiner kleinen Schwester Catherine, der Bruderschaft – meinem Vater und Sauveterre, will ich sagen –, Dame Gertrude du Luc, Quéribus und meiner Angelina.

Wenn ich mich recht entsinne, gab es bei meiner Heimkehr nach Mespech im Jahr 1572 Streit um die Vermählung meines Bruders Samson mit Gertrude, obwohl diese Verbindung unsere hugenottische Sparsamkeit höchst vorteilhaft dünken mußte, wollte die in meinen Bruder vernarrte Dame, die seit 1567 schon mit ihm schlief, ihm doch die schöne Apotheke der Béquerets zu Montfort-l'Amaury als Mitgift einbringen.

»Ihr solltet Samson diese Heirat verbieten!« sagte Onkel Sauveterre zu meinem Vater, während wir zu viert zu dem guten Cabusse nach Breuil hinausritten. »Die Dame ist Papistin und Rompilgerin.«

»Wie kann ich meinem Sohn verbieten«, sagte Jean de Siorac, »was ich selbst getan habe, indem ich Isabelle de Caumont zur Frau nahm?«

»Und sie bekam Euch übel genug, mein Bruder, die Ehe mit der geschworenen Papistin!« sagte Sauveterre, der mit seinem krummen Rücken und seinem geduckten, dürren Hals mehr denn je einem alten Raben glich.

»Übel bekam mir's«, sagte mein Vater, und seine lustigen Augen verdunkelten sich bei dieser Erinnerung, »daß ich eine Dame von soviel altem Geblüt und Stolz mit Pauken und Trompeten habe bekehren wollen … Trotzdem war sie mir eine gute Gemahlin«, setzte er mit einem Blick auf uns, François und mich, hinzu, die wir dicht hinter den Herren Brüdern ritten. »Und ich habe sie sehr geliebt.«

Worauf Sauveterre für eine Weile verstummte. Auch wenn er ein zu rechtschaffener Mann war, als daß er sich nicht bemüht hätte, meiner Mutter in ihrem kurzen Erdenleben gutzusein, war es ihm doch besser geglückt, die Tote zu beweinen, als die Lebende zu lieben. Für Sauveterre, der biblische Fruchtbarkeit über alles pries, war eine Frau nichts wie der fruchtbare Leib, durch welchen das Volk Gottes wuchs und sich mehrte. Daß solcher Leib dazu aber erst einmal befruchtet werden mußte, erregte bei ihm weder Lust noch Liebe.

»Wenn diese Dame Samson heiratet«, fuhr er düster fort, »dann saugen Eure Enkelkinder den Aberglauben und die Götzendienerei der Papisten mit der Ammenmilch ein. Habt Ihr das bedacht?«

»Ach, ich frage mich, ob diese Milch soviel bewirkt«, sagte Jean de Siorac. »Karl IX. hatte eine hugenottische Amme, und was es damit auf sich hat, habt Ihr zu Sankt Bartholomäus ja gesehen. Außerdem, mein Herr Bruder, gebietet die neuerdings wütende Verfolgung, sich wieder zu verkappen. Bei meinem Samson steht mehr Eifer denn Laschheit zu fürchten. Dame Gertrude wird seinem unschuldigen Antlitz eine Maske vorhalten. Und übrigens, wie steht sich ein hugenottischer Apotheker in papistischem Land? Beim ersten Patienten, der ihm stirbt, schreit alles: Gift!«

»Ich sehe schon, Ihr seid entschlossen, Euch darein zu schicken«, sagte Sauveterre voll Gram.

»Soll Samson länger in Sünde leben? Oder soll er entmannt wie ein Mönch in seiner Zelle vegetieren?« sagte mein Vater, doch mag er den letzten Satz bereut haben, als er sah, wie Sauveterre die Stirn darüber runzelte, daß er Keuschheit und Entmannung in einen Topf warf.

»Baron von Mespech«, sagte Sauveterre frostig, »sorgt wenigstens dafür, daß diese Damen schnellstens von hier verschwinden. Ich bin ihres Gekakels, ihrer Zierereien und der Vergeudungen leid, die sie uns aufnötigen. Seit sie im Hause sind, nehmen die Kosten für Fleisch, Wein und Kerzen kein Ende! Für Kerzen vor allem! Wozu brauchen Dame du Luc und ihre Gesellschafterin zehn Kerzen im Gemach, wenn mir in der Bibliothek eine reicht?«

»Ihr schminkt Euch auch nicht«, sagte mein Vater lächelnd.

»Das ist es ja!« brauste Sauveterre auf. »Der Herr hat ihnen ein Gesicht gegeben, müssen sie sich noch eins machen?«

»Herr Junker«, sagte mein Vater, »hättet Ihr einen Soldaten unserer Normannischen Legion getadelt, der vor der Schlacht seine Waffen putzt?«

»Was für eine Schlacht?« fragte Sauveterre griesgrämig.

»Die sie tagtäglich unseren schwachen Herzen liefern.«

»Schwach, jaja!« sagte Sauveterre mit einem vorwurfsvollen Blick auf meinen Vater. »Einen Monat, mein Herr Bruder, einen geschlagenen Monat hausen diese Heuschrecken nun schon in unserm Korn!«

»So großen Schaden können die zwei kaum anrichten«, sagte Jean de Siorac mit einem Lächeln. »Soll ich sie etwa aus dem Hause jagen? Können sie in ihrer Kutsche denn unbeschützt reisen? Wißt Ihr nicht, daß sie auf die Gesellschaft und Begleitung von Quéribus angewiesen sind? Daß aber der Baron bei Puymartin feiert?«

»Ja, und?« sagte Sauveterre.

»Und Puymartin ist derart in ihn vernarrt, daß er ihn am Schlafittchen packt, sowie er ein Wort von Rückkehr nach Paris fallenläßt.«

»Dann redet mit Puymartin.«

»Bewahre! Ich werde mich hüten, wegen einer so unwichtigen Sache einen treuen Freund anzugehen, mit dem wir Großes vorhaben.«

Hier sah ich, wie mein Bruder François die Ohren spitzte, ging doch all sein Streben dahin, Diane zu heiraten und, wenn ihre Mutter sich mit Puymartin vermählte, halbpart mit diesem die Herrschaft Fontenac zu übernehmen – sowie bei seinem ersten männlichen Kind den damit verbundenen Titel. Derweise würde sein junges Haupt noch vor dem Tod meines Vaters das Baronskollier zieren. Glücklicher François, dem die gebratenen Tauben ins Maul flogen, die er doch nur mir verdankte, schließlich hatte ich den Räuberbaron in einem rechtmäßigen Duell getötet, so daß es ihm nun freistand, dessen sanftmütige Tochter heimzuführen, auch wenn sie Papistin war. Ha, Sauveterre hatte noch nicht ausgekrächzt! Aber weil es sich diesmal um die guten Äcker von Fontenac handelte, die so bequem an unsere grenzten, und um eine starke Burg, die auch Mespech bedeutend sicherer machte, würde es seinem hugenottischen Gewissen schwerfallen, sein heimliches Einverständnis zu verhehlen.

Mein Vater war sich dessen wohl bewußt und fand, Papistin hie, Papistin da: Dame Gertrude du Luc konnte es mit Diane aufnehmen.

»Dame Gertrude«, fuhr er fort, »ist von gutem Amtsadel, dazu sehr wohlhabend und hat meinem Samson das Leben gerettet, als sie ihn abhielt, sich auf der Suche nach seinem Bruder in das Pariser Gemetzel zu stürzen. Und ich für mein Teil sehe nicht ungern, wie ihr Blondschopf unsere alten Mauern erheitert. Ich bin ihr gut.«

»Mehr ihrer Zofe«, versetzte Sauveterre trocken.

Hierauf schwieg mein Vater mit einer Miene, als habe er nichts gehört. So pflegte er anzuzeigen, daß er das Gesagte nicht zu debattieren wünsche. Ha, schöne Zara, dachte ich, weit gehst du für die Interessen deiner Herrin! Und weil mich dieser Gedanke belustigte, warf ich François einen einverständigen Blick samt einem Lächeln zu. Aber François erwiderte mein Lächeln nicht, sein langes, rechtschaffenes Gesicht blieb ungerührt, womit er mir bedeuten wollte – heuchlerisch, wie er von jeher war! –, daß er den Mantel des Noah über die Schwächen unseres Vaters breite, der sich, nicht wie Noah an Wein, an Weiblichkeit berauschte. Die gute Franchou genügte ihm also nicht, wenn ich Onkel Sauveterre glaubte.

Ich sage »Onkel« Sauveterre, der Leser wird sich aber gewiß erinnern, daß Siorac und Sauveterre keine gebürtigen Brüder waren, vielmehr hatten sie im Verlauf ihrer Dienstjahre bei der Normannischen Legion so enge Freundschaft geschlossen, daß sie sich zu Rouen vorm Notar »verbrüderten«, was damals der Brauch war, und einander ihr Hab und Gut verschrieben. So kam es, daß die Baronie Mespech, obwohl es nur einen Baron von Mespech gab, den beiden zu gleichen Teilen gehörte und daß Sauveterre, obwohl nur Junker, mit demselben Recht wie der Baron über die Wirtschaft des Gutes gebieten konnte – Gott sei Dank, aber nicht über das Schicksal seiner »Neffen«.

Kaum waren wir an jenem Abend zurück von Breuil, wo die Herren Brüder einen Hammel untersucht hatten, von dem Cabusse befürchtet hatte, daß er an der Klauenseuche leide (in welchem Fall das Tier hätte abgesondert werden müssen, damit die Krankheit nicht die ganze Herde ansteckte), da klopfte die schöne Zara an meine Zimmertür und sagte, ihre Herrin wolle mich sprechen. Sagte dies mit einem Schwall von Worten, wo eins genügt hätte, und begleitete ihre Reden mit wer weiß wie aufreizenden Mienen, äugelte, lächelte, lispelte kindlich, wand ihren Hals, wiegte ihre Taille, was alles, sosehr ich es für erzkokette Mittelchen erkannte, einen gewissen Eindruck auf mich nicht verfehlte, zumal ich wußte, daß es sich bei Zara nicht um bloße Nachäffereien handelte, sondern der Schönen vielmehr zur zweiten Natur geworden war. Sie war wie eine Standesperson gekleidet, Schnürmieder und Reifrock von Seide, Diamanten an den niedlichen Ohren, Perlenschnur um den schlanken Hals, Rubine an den feinen Händen, Dame Gertrude konnte ihr eben nichts abschlagen und verwöhnte sie derart, daß mein schöner Quéribus lachend behauptete, Herrin und Zofe spielten manch zärtliche Spiele. Worauf ich die Stirn runzelte, der Baron aber noch heller lachte.

»Was ist dabei!« rief er. »Sind solch folgenlose Zärtlichkeiten unter Frauenzimmern nicht besser als ein Galan im Ehestand?«

»Baron«, sagte ich, »vergeßt bitte nicht: Ich habe Euer Wort, daß Ihr dieser Galan nicht seid noch nach dem Kirchgang sein werdet.«

»Das Wort gilt!« sagte Quéribus, indem er mir einen Arm um die Schulter warf und mich herzlich drückte. »Außerdem, droht mir nicht Euer schrecklicher Degen, seit Giacomi Euch die Jarnac-Finte lehrte?«

»Ihr spottet wohl!« sagte ich. »Höchstens daß ich ein paar Fortschritte gemacht habe, das gewiß …«

»Das sicherlich«, verbesserte mich Quéribus, indem er mich in den Arm kniff, um mir das »gewiß« abzugewöhnen, das, wie mir schon die Baronin des Tourelles gesagt hatte, den Hugenotten verriet.

»Trotzdem«, schloß ich, »bin ich nur ein Fechterlein im Vergleich mit Euch.«

Was, auch wenn es nicht ganz zutraf, meinem Quéribus die Freudenröte in die Wangen trieb, so wohl tat ihm das Lob.

Die schöne Zara hingegen, die mich durch den Flur von Mespech zur Kemenate ihrer Herrin führte, erheischte nicht so sehr lobende Worte als vielmehr stumme Ehrerweisung für ihren reizenden Rücken, während sie so aufrecht vor mir ging und bei jedem Schritt mit den Hüften wogte wie ein Schiff auf hoher See. Und weil sie ob meiner Ehrerweisung plötzlich den hübschen Kopf wandte, erspähte sie diese aus dem Augenwinkel, wobei sie mich durch eine lange Haarfranse beäugte wie ein Fohlen unter seiner Mähne.

In einem hohen, tapisseriebezogenen Lehnstuhl saß Gertrude du Luc vor einem hell flammenden und knisternden Kienfeuer, dem einzigen Feuer im Haus, dank der Höflichkeit des Barons von Mespech, so kalt dieses Oktoberende auch war. Bei meinem Eintritt erhob sie sich nicht wie sonst, mir die Arme schwesterlich um den Hals zu schlingen und mich an sich zu ziehen, immer gelüstig nach Männlichkeit. Nein, sittsam und still wie ein Engelsbild betrug sie sich hier unter Aufsicht der Herren Brüder! Außerdem waren wir nicht allein. Die Gavachette, in der kleinen Hand ein dickes Bündel Talglichter, steckte diese auf zwei Leuchter beiderseits des Spiegels, und als Gertrude, ohne sich irgend vom Platz zu rühren, mir schmachtend ihre Hand darbot zum Kuß und ich die Lippen darauf drückte, wurden die schwarzen Augen der Gavachette noch schwärzer, was der blonden Normannin nicht entging.

»Mädchen«, sagte sie in etwas hochfahrendem Ton, »wenn du die Kerzen aufgesteckt hast, holst du mir gleich noch Scheite für mein Feuer.«

»Nein, Madame!« sagte die Gavachette. »Kommt nicht in Frage! Ich geh nicht!«

»Und warum nicht, freches Ding?« fragte Gertrude, baff über solchen Ton.

»Ich bin guter Hoffnung und darf nicht schwer tragen«, sagte die kleine Schlange. »Aber«, setzte sie zischend hinzu, »der Hauptgrund ist, daß ich nicht will!«

»Zara«, rief Gertrude fassungslos, »hast du das gehört? Hat Gewürm sich jemals so aufgeführt? Bei meinem Gewissen! Man könnte vergehen! Zara, gib der Schnepfe eine Ohrfeige!«

Worauf Zara, wenig erbaut von diesem Auftrag, ziemlich lasch auf die Schuldige zutrat, diese jedoch, die barfuß war und nicht auf hohen Hacken stakste, behende hinter den Tisch entwischte.

»Schon wieder neue Scheite!« murrte sie. »Und zehn Kerzen Tag für Tag! Ich glaube, man will uns hier an den Bettelstab bringen!«

»Still, dumme Trine!« sagte ich, damit sie sich in ihrer Aufsässigkeit nicht noch mehr verplapperte. Und indem ich sie wie eine Katze beim Genick packte, befreite ich sie von den Talglichtern und streckte sie der schönen Zara hin, die sie nur widerstrebend entgegennahm, sie hätten ja ihre gesalbten Finger beschmutzen können.

»Komm, Fräulein Widerborst«, sagte ich und schob die Gavachette zur Tür. »Wenn du die Peitsche brauchst, um dir Manieren beizubringen – die kannst du haben!«

»Oh, nein, nicht die Peitsche!« schrie Gertrude, deren Zorn schon verraucht war.

»Moussu«1, sagte die Gavachette leise, als sich die Tür hinter uns schloß, »wollt Ihr wirklich Euer armes, kleines Weibchen auspeitschen, das Euch wie eine Wilde liebkost, wenn Ihr's nur mit dem Finger streift?«

Und hierbei faßte sie mich um die Mitte und schmiegte sich so eng in meine Arme, daß ich sie gar nicht hätte schlagen können, höchstens zum Spaß, in verliebter Rangelei.

»Ha, Zigeunerin!« sagte ich, »mußtest du wieder unverschämt werden! Was hat dich gestochen, sag mal, daß du die hohe Dame anfauchst?«

»Meine Eifersucht«, sagte sie jäh und senkte wie eine kleine Ziege die Stirn. »Ach, Pierre! Ich hasse diese beiden Huren, die ihre Altweiberfalten unter Schminke verstecken und alle Männer mit ihren Blicken verschlingen.«

»Altweiber!« sagte ich lachend.

»Und ob! Dame du Luc könnte meine Mutter sein!«

»Schluß jetzt!« sagte ich. »Sie gehört Samson, nicht mir. Die beiden reisen sowieso bald ab.«

»Gott sei Dank!«

»Halt den Schnabel!« sagte ich, längst besänftigt durch das feste Fleisch in meinen Armen, auch klingelte mir noch in den Ohren, was sie von ihren Liebkosungen gesagt hatte. »Verschwinde, kleine Schlange, und bitte Miroul, die Scheite heraufzubringen.«

»Frau Schwester«, sagte ich, als ich in das Zimmer zurückkehrte, »ich bitte um Entschuldigung für diesen Verdruß. Ich hätte die Schuldige gezüchtigt, wenn Ihr sie nicht begnadigt hättet.«

»Eija!« sagte sie mit blitzenden Augen, »hörte ich nicht, das Mädchen sei schwanger? Ist die Frucht Euer Werk?«

»Meines, ja.«

»Ha!« sagte Gertrude, »keinen Schlag hättet Ihr getan, wo Ihr's so bequem habt.«

»Das ist wahr, Madame.«

»Und da die Kleine das weiß, muß ich mir aus ihrem Mund wohl noch mehr Unziemlichkeiten gefallen lassen?«

»Nein, Gertrude«, sagte ich. »An ihrer Statt wird mein reizender Miroul Euch bedienen.«

»Was, ein Mann!« sagte die schöne Zara und tat, als könnte sie Männer nicht ausstehen. »Ein Mann hier bei uns! Na, ich weiß ja nicht!«

»Es wird dich nicht umbringen, Zara«, sagte Gertrude du Luc. »Miroul begegnet dir immer sehr ehrerbietig.«

»Sein Glück!« sagte Zara, legte die Talglichter, ohne sie aufzustecken, auf den Tisch und salbte ihre Hände.

Es klopfte, und weil Zara so beschäftigt war, ging ich, Miroul einzulassen,

Miroul, Miroul, man glaubt es kaum,

Ein Auge blau, ein Auge braun!

wie meine arme kleine Hélix damals sang. Er packte die Scheite in eine Ecke vorm Kamin, damit das Holz trockne, das zwar gut abgelagert, dessen Rinde aber noch feucht war vom letzten Regen. Und nach sehr anmutiger Verbeugung gegen Dame Gertrude und einer kaum weniger tiefen, aber von so wohlverhohlener Ironie gefärbten für Zara, daß nur ich es bemerkte, wollte er sich entfernen.

»Bester Miroul«, sagte da Zara, »willst du mir einen Gefallen tun?«

»Mit Vergnügen, Madame«, sagte Miroul, indem er ihr wiederum, mit seinem lachenden braunen Auge, seine maliziöse Verbeugung machte.

»Du kannst mir«, sagte Zara, sehr geschmeichelt von der Anrede »Madame«, »die Lichter auf die Leuchter stecken.«

»Aber gern, Madame!« sagte Miroul. »Besser, diese groben Hände werden schmutzig als so niedliche Fingerchen.«

Worauf ich lachte, Gertrude mit halbem Mund lächelte und die schöne Zara eine Schippe zog, begriff sie doch endlich, was das schalkhafte Kompliment wert war, mit dem mein reizender Diener ihr eine Lehre erteilte. Denn unsere Leute haben ihre kleinen Ehrenhändel, ebenso wie wir: die Scheite dem Diener, die Lichter der Zofe! Und sicherlich fand mein Miroul, daß die liebe Zara sich reichlich weit über ihren Stand erhob, seit sie von ihrer Herrin so huldreich gehätschelt wurde.

Alle zehn Kerzen waren aufgesteckt und angezündet, mochte Sauveterre die Vergeudung auch noch so beklagen (wie übrigens ganz Mespech, außer meinem Vater, ein Glück nur, daß Dame du Luc das Okzitanische nicht verstand und somit nicht die Sticheleien, die zwischen unseren Frauen von der Küche bis zur Spülkammer hin und her flogen). Noch einmal verneigte sich Miroul sehr artig und ging.

»Zara«, sagte Dame du Luc, »schließ gut die Tür.«

Worauf Gertrude, wiederum ohne aufzustehen, mir einen Schemel zu ihren Füßen wies, so daß ich das Feuer im Rücken und ihren Reifrock, aus schönstem Brokat und mit Parfüm bestäubt, vor der Nase hatte.

»Mein Bruder«, sagte sie, »wie steht es mit meinem Herzensanliegen?«

»Onkel Sauveterre ist ganz dagegen, mein Vater halb dafür.« Was die halbe Wahrheit war, denn mein Vater hatte voll eingewilligt.

»Was?« sagte sie, und ihre grünen Augen blickten bestürzt, »nur halb?«

»Mein Vater oder ich«, sagte ich.

»Was, Ihr?« rief sie. »Aber das ist Verrat! Ihr, mein Bruder, den ich so liebe!«

Damit beugte sie sich zu mir nieder, um mir beide Hände auf die Schultern zu legen, und bei dieser Beugung quollen ihre Brüste ein wenig aus dem Mieder und schmiegten sich so lieblich aneinander, daß ich vor Entzücken darauf starrte wie festgebannt. Ha, dachte ich, jetzt verstehe ich! Dieser Schemel wurde so kunstreich aufgestellt, damit mir vor dem andrängenden Feind kein Entrinnen blieb, wollte ich mir nicht den Buckel versengen. Weil aber meine Schwäche von den Augen kam, kniff ich sie jesuitisch zusammen und raffte hinter diesem Wall meine Entschlossenheit.

»Frau Schwester«, sagte ich fest, »auch ich liebe Euch mit großer Freundschaft. Doch seid Ihr Witwe, und wie Ihr selbst bekennt, genießen Witwen gewisse Freiheiten, vor denen das Jahrhundert milde die Augen verschließt, während sie einer Gemahlin bitter verargt werden.«

»Aber«, sagte sie und schlug ihrerseits die Augen nieder, »gab ich Euch, was Quéribus angeht, nicht mein Wort?«

»Es geht nicht um Quéribus«, sagte ich, »sondern um gewisse leichtfertige Reisen, die Ihr Euch als Witwe zur Gewohnheit machtet.«

»Ha, ketzerischer Hugenott!« sagte sie, »so nennt Ihr meine frommen Wallfahrten!«

»Fromm war das Ziel«, sagte ich ungerührt, »nicht aber die Wege dahin. Denn bekanntlich sind diese Wege voller Gefahren für Damentugend.«

»Ach, mein Bruder!« sagte sie und neigte mir ihr schönes Antlitz zu, dem der Flammenschein in den blonden Haaren einen Heiligenschein wob, dessen Rechtmäßigkeit ich bezweifelte. »Ach, mein Bruder!« sagte sie wie in charmanter Verwirrung, »sehr unwürdig verdächtigt Ihr mich! Wo ich auf diesen Reisen doch allein nach Vergebung schmachte!«

»Das heißt mir das Heilmittel dem Übel zu nahe rücken, oder umgekehrt«, sagte ich lächelnd. »Im übrigen werdet Ihr solcher Vergebung nicht mehr bedürfen, wenn Ihr ohne Sünde mit Samson in ehelichen Banden lebt.«

»Allerdings«, sagte sie, indem sie ihre Hände von meinen Schultern zog und mit einem tiefen Seufzer in ihren Lehnstuhl sank.

Eine Weile verharrte sie stumm, die schöne Zara stand neben ihr, aber gewiß nicht wie ein Schutzengel, denn als ihre mitleidigen Augen sich von ihrer Herrin lösten und mich trafen, blickten sie, zumindest in dieser Minute, kaum liebreicher als vorhin auf meinen Diener.

»Demnach soll ich versprechen, künftig auf meine Pilgerfahrten zu verzichten?« fragte Gertrude mit neuerlichem Seufzen.

»Ihr müßt.«

»Ha!« sagte sie. »Grausam setzt Ihr mich unter Druck!«

»Nur um der Liebe willen zu Ihr wißt schon wem.«

»Würde ich ihn heiraten wollen«, sagte sie, »wenn ich ihn nicht liebte?«

»Oh, Gertrude!« sagte ich, indem ich ungeduldig aufstand, »nun erkenne ich Euch! Ihr wollt alles haben, Samson und Eure hübschen Ausflüge. Aber das gibt es nicht!«

»Holla, Monsieur!« sagte plötzlich Zara in zornigem Ton, »merkt Ihr nicht, daß Ihr meine Herrin unmäßig quält, wenn Ihr Euch derart als Sittenrichter und Tyrann aufspielt? Was für blöde Tiere die Männer doch sind, unsereinem so das Messer an die Kehle zu setzen! Pfui, wie boshaft! Was schert denn Euch die Ehe Eures Herrn Bruders, wenn er einmal verheiratet ist! Ist das Eure Angelegenheit?«

Worauf ich tat, als hätte ich nichts gehört, und Zara keines Blickes würdigte, was ihr denn entschieden wider den Strich zu gehen schien, umhüllten meine Blicke sie doch sonst mit Blumen, von den Lobreden ganz zu schweigen, die sie schlürfte wie Gras den Morgentau.

»Still, Zara«, sagte Gertrude. »Schweig still, mein Schnäbelchen! Monsieur de Siorac ist in Sorge um meinen schlichten, hübschen Samson, und er will, daß er unter meinen weiblichen Schwächen nicht leide, ja, er versucht als guter Bruder, sie mir auszutreiben. Das ist das ganze Geheimnis. Und er tut wohl daran, Zara, auch wenn es mir auf den Magen schlägt. Ach, Pierre!« fuhr sie seufzend fort, »ich fand es gar keinen so üblen Zustand, Witwe zu sein, frei über mein Geld zu verfügen, frei meine Flügel zu breiten und jahrein, jahraus nach Chartres, Toulouse, Rom oder Compostela zu wallfahrten, wie ich Lust hatte … Aber, wenn ich Samson will, das sehe ich ein, muß ich über meine schönen Kavalkaden ein Kreuz machen.«

»Seid Ihr dazu ein für allemal entschlossen?« fragte ich in sanfterem Ton.

»Ein für allemal.«

»Ach, Madame!« sagte Zara, Tränchen am Wimpernsaum, voller Anteilnahme an diesem Streit, waren diese Reisen doch gar zu schön und wonnenreich gewesen.

»Meine Schwester«, sagte ich zu Dame du Luc, indem ich auf die Knie fiel und meine Lippen auf ihre schöne Hand senkte, »bewahrt mir meines Eifers wegen keinen allzu großen Groll. Aber Ihr kennt die Unschuld meines Samson und seine unbeugsame Strenge. Beim kleinsten Seitensprung würde er Euch von sich abtun wie ein fauliges Glied, und sollte es ihm das Herz zerreißen.«

Worauf Gertrudes Herz, das ebenso zärtlich war wie ihre Sinne schwach, überquoll und sich aus ganzer Seele in einem Schluchzen ergoß, daß es nicht mit anzusehen war und Zara neben mir niederfiel, also daß wir sie zu zweit trösteten und streichelten und ihr so viele Küsse und gute Worte gaben, bis wir sie endlich besänftigt hatten.

»Mein Pierre«, sagte sie, als die befreite Brust ihr wieder zu sprechen erlaubte, »wenn Ihr nicht Angelina liebtet und ich nicht Samson, müßte ich Euch heiraten: Ihr seid gegen mich so hart und hellsichtig, daß es mich seltsam erleichtert, Euch zu gehorchen, auch wenn es mir noch so widerstrebt.«

»Hoho, Madame!« sagte Zara, der dieses Geständnis einem Verrat an ihrem Geschlecht gleichkam.

»Zara! Zara!« sagte Dame du Luc. »Beim himmlischen Hafen, tadle mich nicht! Und schließe Frieden mit Monsieur de Siorac! Nicht noch einmal wirst du ihn ›boshaft‹ und ›blödes Tier‹ schelten, wie du es dir herausnahmst.«

»Madame«, sagte Zara, indem sie die lieblichen Lippen vorstülpte, was eine sanfte Wellenbewegung ihres ganzen Körpers auslöste, »wenn Monsieur de Siorac von mir eine Entschuldigung verlangt …«

»Nicht doch, Zara«, sagte ich, »deine Schönheit ist alle Entschuldigung, derer es bedarf, und Küsse hier, auf deine süßen Wangen, und hier, auf deinen anmutigen Busen (wobei ich sie emsig schnäbelte), sind mir alle Genugtuung, die ich für deine Dreistigkeiten fordere.«

»Mein Bruder«, sagte Gertrude, indem sie unversehens aufstand, sei es, daß sie nicht allzugern sah, wie ihre Gesellschafterin geherzt und gepriesen wurde, sei es auch, daß sie jegliche Huldigung verloren wähnte, die nicht ihr galt, »sagtet Ihr nicht einmal, daß Samson und Ihr im Alter von zehn Jahren zur reformierten Religion bekehrt wurdet?«

»Woran ich mich mit gutem Grund erinnere, denn mein Vater zürnte mir bei dieser Gelegenheit, weil ich mich nur unwillig darein schickte.«

»Ach!« sagte Gertrude, die Brauen wölbend, »und warum?«

»Weil ich die Jungfrau Maria liebte. Weil ich fand, daß eine Religion, die nicht eine Frau anbetet, mir nicht das Herz erfüllen könnte.«

»Seht nur, Madame«, sagte Zara lächelnd, »wie Monsieur de Siorac schon als Kind unser holdes Geschlecht verehrte.«

»Mit dem er, außer wenn es sich um sein Liebchen handelt, gleichwohl unerbittlich ist«, sagte Gertrude. »Aber lassen wir das«, fuhr sie, kaum daß der Pfeil geschossen war, fort. »Getauft, mein Bruder, wurdet Ihr also noch in der wahren Religion?«

»Wenn Ihr sie so nennen wollt«, sagte ich, indem ich mich kühl verneigte.

»Und ebenso Samson, der, weil von einer anderen Mutter, mit Euch gleichaltrig ist.«

»Samson auch.«

»Mein Pierre«, sagte sie und richtete ihre nun ganz besänftigten grünen Augen auf mich, »darf ich Euch bitten, beim Pfarrer von Marcuays ein schriftliches Zeugnis einzuholen, daß Samson dem römischen Ritus gemäß getauft wurde und daß er die Messe hört?«

»Die Messe hört?« wiederholte ich verblüfft.

»Er wird sie kommenden Sonntag gemeinsam mit mir hören, in der Kapelle von Mespech. Euer Herr Vater hat den Pfarrer bestellt, damit er sie für mich, für Zara und Maestro Giacomi lesen kommt.«

»Ha, Gertrude!« sagte ich, »was Ihr bei meinem Vater durchsetzt, grenzt an ein Wunder!«

»Ehrlich gestanden«, sagte Gertrude und senkte die schönen Augen, »hat Zara mir dabei ein wenig geholfen.«

»Ho, Madame!« sagte Zara.

Worauf ich lachte.

»Trotzdem«, sagte ich, »bevor Samson nicht hoch und heilig abgeschworen hat, wird Pfarrer Zange Euch nicht trauen, dafür steht er zu sehr unterm Joch des Bischofs von Sarlat.«

»Mein guter normannischer Pfarrer«, sagte Gertrude, »wird nicht soviel Aufhebens machen. Er wird sich mit besagtem Zeugnis zufriedengeben, sofern Ihr es nur beschaffen wollt.«

Dazu war ich gleich entschlossen, denn, sagte ich mir, so ein Scheinchen von Zange könnte auch mir von großem Nutzen sein, wenn Monsieur de Montcalm sich doch einmal überwände, mir meine Angelina zu geben, die ja ebenfalls Papistin war, wie man sich vielleicht erinnert. Nun fand ich in der gegenwärtigen Stunde aber einen großen Zauber, hatte ich dieses Zimmer doch nie vorher durch das knisternde Feuer wie durch die Kerzenfülle so schön erleuchtet gesehen und Mespechs alte Mauern, wie mein Vater sagte, noch nie so erheitert durch Gertrudes Blondhaar und die Schönheit, die schimmernden Brokate und den Putz der beiden galanten Frauen – welche meinem Vater zweifellos ebenso wie mir meine verstorbene Mutter in Erinnerung riefen –, und so erhob ich allerhand Einwände gegen Gertrudes Verlangen, nur um die reizende Szenerie noch eine Weile zu genießen und mich von den beiden noch und noch bitten und umgirren zu lassen. Endlich aber fügte ich mich ihren Schmeicheleien. Mit einem zusätzlichen Auftrag meines Vaters versehen, machte ich tags darauf in der Abendstunde meinen Besuch bei Pfarrer Zange, nicht ohne einigen Geleitschutz mitzunehmen, nämlich meinen trefflichen Miroul, den Waffenmeister Giacomi und Fröhlich, meinen guten Berner Schweizer. Fröhlich war mir treu ergeben, seit er im Gemetzel von Sankt Bartholomäus aus dem Dienst des Königs von Navarra (der im Louvre so gut wie gefangen saß) in den eines besser mit Wissen als mit Geld ausgestatteten périgurdinischen Zweitgeborenen übergewechselt war.

Auf dem Markt von Marcuays banden wir die Pferde an die Ringe, dann klopfte ich mit straffer Faust an die Tür der Pfarrei, und als Zanges Wirtschafterin, eine Kerze in der Hand, durchs Guckloch blickte, nannte ich meinen Namen, worauf sie die Tür entriegelte und öffnete.

»Geht's gut, Jacotte?« fragte ich, indem ich ihr die Wange tätschelte.

»Aber immer, mein edler Moussu«, sagte Jacotte lachend und glucksend, resch wie sie war, an Busenumfang reicher gesegnet als jede andere in Marcuays, so daß man sich, auch angesichts ihres glatten Gesichts und ihres strammen Leibes, fragen durfte, ob sie das für den Dienst in einem Pfarrhaus erforderliche kanonische Alter habe und erst recht die dazu notwendige Keuschheit. Seit der Farce, die unserem papistischen Hirten den Spitznamen »Zange« eingebracht hatte (ich erzählte sie bereits), hieß sie bei den Leuten im Dorf nur die »Curotte«, aber hinterm Rücken, aus Furcht vor ihrer scharfen Zunge. So streitbar sie indessen war, wechselte sie bei Ansicht meiner Eskorte doch ein wenig die Farbe.

»Wer ist das?« fragte sie ziemlich verdattert, indem sie auf Giacomi wies, der lang und dünn war wie ein Degen.

»Das ist der Maestro Giacomi«, sagte ich, »Assistent des großen Silvie, Fechtmeister Seiner Hoheit des Herzogs von Anjou.«

»Und der Berg von einem Kerl da?« fragte sie und zeigte mit dem Finger auf Fröhlich, der gerade den Kopf einzog und seine breiten Schultern schrägte, um sich durch die Haustür zu zwängen.

»Ein Bogenschütze vom Louvre, der in meinen Dienst getreten ist«, sagte ich, ohne allerdings den König von Navarra zu erwähnen so wie vorher den Bruder des Königs.

Stumm starrte die Curotte auf uns vier (Miroul kannte sie ja) und sah tief erschrocken, daß wir unter den Capes Dolch und Degen trugen.

»Mein edler Moussu, was wollt Ihr von meinem Herrn?« fragte sie.

»Gevatterin«, sagte ich, leutselig im Ton, doch kalten Blicks, »das geht nur ihn und mich an.«

»Ha, Moussu!« rief Jacotte, »Ihr wollt Euch doch nicht an ihm rächen, weil er über Euer Duell mit Fontenac zuerst gegen Euch ausgesagt hat? Wißt Ihr denn nicht, daß man ihm die Daumenschrauben angesetzt hatte?«

»Oder aber die Pranke geschmiert?« versetzte ich, um mich unerweicht zu zeigen. »Aber darüber werde ich mit dir nicht rechten, Jacotte. Geh, hole mir ungesäumt deinen Herrn. Miroul, folge ihr, laß sie nicht aus den Klauen. Das Weib darf das Haus nicht verlassen, bis unsere Sache beendigt ist.«

Worauf Jacotte anfing wie Espenlaub zu zittern und sich auf dem Weg zur Pfarrstube von meinem Diener ohne Widerrede gängeln ließ.

»Ha, Moussu!« sagte nachher mein dreister Miroul, »mit Zeit und Gelegenheit hätt ich die Curotte schon weidlich hugenottisiert, so barmte sie nach Huld und Gnaden. Hat sie doch wahrlich gefürchtet, samt ihrem Schuft erschlagen zu werden.«

Dem Schuft stand der Kamm nicht eben steif, als er den Raum betrat, wo wir drei, die Rechte am Degenknauf, den Rücken am warmen Feuer, auf ihn warteten. Offen gestanden, hatte aber Fröhlich, anstatt die Haustür im Auge zu behalten, sich in eine Schüssel Gänseleberpastete und eine Flasche Roten verguckt, die auf dem gedeckten Tisch als kleines Abendmahl unseres Wirtes harrten, denn unser Mann war genau solch Freßsack wie mein Schweizer und, wenn ich der Maligou glaube, die es erfahren hat, dazu ein unersättlicher Rammler: Man sah es seiner karminroten Rübe und seiner großen Nase an, die sich bis auf die dicken, lüsternen Lippen niederbog. Um so kleiner waren seine Augen, aber verschlagen, und die niedrige Stirn ließ vermuten, daß Zanges Brägen gerade nur ausreichte, seinen Begierden zu dienen, jedoch schwerlich auch nur ein Atom Wissen oder Menschenfreundlichkeit beherbergte, denn ein gütiger Mensch war er sicherlich nicht, auch wenn er so tat.

Kaum war er eingetreten, da schloß Giacomi hinter ihm die Tür und lehnte sich derweise dagegen, daß Zange erbleicht wäre, hätte seine rote Haut es zugelassen. Seine Augen rollten wie ängstliche Tierchen in den Höhlen, und seine dicken Lippen bibberten wie Sülze.

»Ha, ehrwürdiger Doktor der Medizin!« brachte er endlich stotternd und stammelnd hervor, indem er sich quasi bis zur Erde verneigte. »Ich fühle mich höchlich geehrt …«

»Ich nicht, Pfarrer«, sagte ich, die Miene ruppig und die Stimme schroff. »Hätte es von deiner Aussage abgehangen, wäre ich jetzt einen Kopf kürzer!«

»Ha, mein edler Moussu«, sagte Zange auf okzitanisch, »diese Aussage hat der Herr von Malvézie mir abgepreßt, mit der Degenspitze an meinem Adamsapfel.«

»Aber als die Degenspitze weg war, hast du, Schuft, die Aussage im Bischofssitz wiederholt.«

»Heilige Jungfrau!« sagte Zange, »durfte ich mich auflehnen gegen Monseigneur, der es so von mir verlangte?«

»Kameraden!« rief ich auf französisch, »habt Ihr das gehört? Ha, und welch schandbaren Hinterhalt man mir gelegt hatte!«

Worauf alle drei ernst mit den Köpfen nickten, Fröhlich inbegriffen, obwohl er von den okzitanischen Reden nichts verstanden hatte und seine blauen Augen sowieso an der Gänsepastete hingen.

»Pfarrer!« sagte ich, »setz dich auf den Schemel hier ans Tischende, und du, Jacotte, hol das Schreibzeug deines Herrn, aber flink, Gevatterin, beeil dich! Ihr nach, Miroul, wie ihr Schatten …«

Was er tat, nur daß der Schatten Hände hatte, die sich an diesem Leib zu gern vergriffen hätten, aber mein Zorn war davor, zappelte doch Zange ganz aufgeregt in der Furcht, daß man seiner »Curotte« ans Mieder gehen könnte, ohne daß er freilich den leisesten Einspruch wagte.

»Pfarrer«, sagte ich, als die Utensilien beisammen waren, »kannst du schreiben?«

»Was dachtet Ihr!« sagte Zange und reckte wieder sein Haupt.

»Lateinisch?«

»Das weniger«, räumte er ein. »Messe und Gebete spreche ich lateinisch, aber das Schreiben bin ich nicht gewöhnt.«

»Ich diktiere dir.«

Daraus wurde nichts, zu mangelhaft war seine Orthographie. Also verfaßte ich mit eigener Hand die Taufbescheinigungen für Samson und mich, und er schrieb sie ab, ganz artig, ganz in Schweiß gebadet vor Mühsal (der Schweiß troff von seiner großen Nase herab), doch nicht, ohne bei dem die Messe betreffenden Absatz aufzumucken.

»Moussu«, sagte er auf französisch (vielleicht, damit Jacotte ihn nicht verstand), »das stimmt nicht: Ihr hört keine Messe und Euer edler Bruder auch nicht.«

»Wir hören sie, wenn du diesen Sonntag auf Mespech die Messe liest.«

»Einmal!« sagte Zange, wie erschrocken, daß er mir widersprach.

»Hier steht ja nicht, daß wir sie immer hören.«

»Ah, richtig«, sagte Zange, obwohl er von dem lateinischen Text höchstens die Hälfte verstand.

»Jacotte«, sagte ich auf okzitanisch, als ihr Herr sein Pensum beendet hatte, »du wirst, wenn nötig, bezeugen, daß der Herr Pfarrer von Marcuays all dies ohne Zwang und Bedrohung geschrieben hat wie auch ohne Schmiergeld, sondern ganz freiwillig, aus freien Stücken.«

»Ja, ja«, sagte Jacotte.

»Und, Jacotte«, sagte ich, in meinem Beutel wühlend, »hier sind zwei Sous, um dich über gehabte Unannehmlichkeiten zu trösten.«

»Besten Dank auch, Moussu, aber keine Ursache«, sagte Jacotte mit einem Blick über ihre Schulter, denn noch stand Miroul hinter ihr, die Hände auf ihren Hüften, die ebenso breit waren wie ihr Kreuz und ebenso drall wie ihr Busen, dabei von fettem Bauch keine Spur, weil sie bestimmt nicht wie ein löchriger Stiefel trank, so wie ihr Herr, und vom frühen Morgen bis in die Nacht rackerte, und in der Nacht auch noch, wie es hieß, dann aber zu ihrer großen Befriedigung.

»Pfarrer«, sagte ich, indem ich die beiden Urkunden in mein Wams steckte, »mit diesen beiden Schreiben, die nichts wie die reine Wahrheit besagen, hast du wettgemacht, was du unter Zwang gelogen hast.«

»Moussu«, sagte Zange, noch ganz in Schweiß gebadet von der Aufregung, aber mit schon festerer Stimme, »ich wäre sehr glücklich, wenn Ihr wie auch Euer Herr Vater mir wegen dieser unseligen Aussagen nicht mehr allzu übel wolltet.«

Worauf ich aufstand und, damit er sich nicht zu sicher fühle, ihm den Rücken kehrte, um meine Stiefel vors prasselnde Feuer zu halten. Wahrlich, dachte ich dabei, der Strolch knappst nicht mit seinem Holz wie die Herren Brüder, dem versorgt seine Herde den Holzstoß mit Bündeln, den Weinkeller mit Wein, den Bratspieß mit Wildbret, die Speisekammer mit Pasteten! Denn in dieser Gemeinde wie auch in Taniès gab es kein Schäflein, das sich, zusätzlich zur alljährlichen Zehnten-Schur, nicht Monat für Monat noch selber schor, um seinen Hirten zu nähren: Für ein paar Paternoster lebte der Scheinheilige wie die Ratz im Käse, den Buckel am Feuer, den Bauch am Tisch und die Jacotte im Flaumpfühl. Ach, wie es mir stank, daß ich nicht umhinkam, den Schnappsack auch noch zu schmieren, aber zweifellos war er hier Auge und Ohr des Sarladischen Bistums, wohin er sich einmal pro Woche begab, sei es auf einem Bauernkarren, sei es auf seinem Maultier. Und ich wollte beileibe nicht, daß er meine lateinischen Schriftstücke dort mündlich bestreite.

»Pfarrer«, sagte ich, »wie ich höre, ist die schöne Statue der gebenedeiten Jungfrau in der Kirche von Marcuays ganz abgeblättert von den vielen Berührungen der Andächtigen.«

»So ist es, leider!« sagte Zange seufzend, doch mit plötzlich aufleuchtender Miene, »aber die Pfarrei hat kein Geld für eine neue Vergoldung.«

»Hier«, sagte ich, indem ich einen blitzblanken, nicht angekauten Ecu auf den Tisch legte, »damit sie neuen Glanz bekommt. Der Stifter dieser Spende«, sagte ich auf französisch, indem ich seine Dankesworte mit den Händen abwehrte, »soll in Marcuays und Taniès ungenannt bleiben, nicht aber vor du weißt schon wem in Sarlat, damit, wie ich zu hoffen wage, ein Edelmann dort in besserem Licht erscheint, den der König und der Herzog von Anjou in den bewußten Wirren vor dem Tod bewahrten.«

»Moussu«, sagte Zange mit einer tiefen Verbeugung, »ich bin ganz sicher, daß man Eurem Wunsche willfahren wird. Was mich angeht, werde ich jedenfalls keine Mühe scheuen.«

Als wir das warme Haus verließen, fuhr uns scharfer Wind ins Gesicht, das Wetter war umgeschlagen und roch eher nach Schnee als nach Regen.

»Ha, Moussu!« sagte mein flinker Miroul, indem er an meine Seite wechselte, während Giacomi und Fröhlich hinter uns trabten und unsere Hufe im Schweigen der Nacht seltsam auf dem Pflaster hallten. »Ha, Moussu! Ist es nicht verdammenswert, für die Vergoldung eines papistischen Götzenbildes zu spenden?«

»Immerhin, Miroul«, sagte ich, »hat mich dies nur einen Ecu gekostet, während die Herren Brüder die Statue einst für fünfhundert kauften, um dem Bistum zu gefallen.«

»Aber ein Götzenbild, Moussu!«

»Miroul«, sagte ich, »vergolden heißt nicht anbeten.«

»Vergolden hilft vergöttern!« sagte mein lieber Miroul, der, Diener hin, Diener her, die giochi di parole2 ebenso liebte wie jeder italianisierte Höfling.

»Ach, Miroul!« sagte ich, »was schert es uns, daß die guten Leute im Dorf einem Holzbild Hände und Füße küssen. Soll mein hübscher Samson seine Gertrude nicht bekommen, und ich nicht meine Angelina, nur wegen ein bißchen neuer Farbe? Du sprichst zu sehr von deiner Warte.«

»Ich, Moussu?«

»Ja, du, Miroul. Du hast Glück, eine Hugenottin zu lieben, die du glattweg heiraten kannst, du brauchst keine Umwege zu gehen.«

Wäre es nicht finster gewesen, hätte ich meinen Miroul gewiß rot anlaufen sehen, war er doch heiß verliebt in seine keusche Florine, obwohl er wiederum so an mir hing, daß er geschworen hatte, sich nicht eher zu beweiben, als bis meine Angelina und ich vorm Altar getraut wären.

Ein Schwur, den ich nicht im Traum von ihm gefordert hätte, so ungewiß war es, ob ich sie je bekam. Herr von Montcalm wurde von seinem Beichtvater derart tyrannisiert, daß er keinen Ketzer zum Schwiegersohn wollte, obwohl ich ihm das Leben und seiner Frau und Tochter die Ehre gerettet hatte, als ich die Räuber von Barbentane in die Flucht schlug, die sie gefangenhielten. Doch zum Glück war nicht nur Angelina für mich, sondern auch Frau von Montcalm, und ihre Briefe erhielten mich in Hoffnung, war besagter Beichtiger doch alt und hinfällig; und würde der Herr in seiner Gnade ihn zu sich rufen, könnten sie ihn bei Herrn von Montcalm durch Pater Anselme ersetzen, der beim Grafen bereits Sekretär war und mich sehr liebte, weil er damals an meiner Seite die Kutte geschürzt und besagte Räuber mit scharfem Degen zum Teufel geschickt hatte.

Leser, vielleicht wundert es dich, daß ich mit großem Aufwand katholische Taufscheine für meinen Samson und mich beschaffte, aber nicht auch für meinen Bruder François. Dem hätte er wenig genützt, mußt du wissen, denn seine Diane wohnte auf Schloß Fontenac, also daß die Hochzeit nur in der Gemeinde Marcuays statthaben konnte, unter den Augen unseres Bischofs, meine ich, und der war kaum geneigt, den Vorteil zu verschenken, welchen die Bartholomäusnacht seiner Kirche über die Unsern verschafft hatte. Denn das muß einmal gesagt sein: Das Gemetzel in Paris und anderen guten Städten des Königreichs hatte die Überlebenden mit solchem Schrecken geschlagen, daß viele – abgesehen von denen, die nach La Rochelle zogen, um tapfer gegen das Heer des Königs zu kämpfen – sich entweder auf irgendeine Weise anpaßten oder aber sich blitzblatz zum Papismus bekehrten, wie es der Minister du Rosier zu Paris getan hatte, der gute Mann wollte lieber katholisch leben als hugenottisch krepieren. Sogar die Herren Brüder, die ja nie die Waffen gegen den König ergriffen und daher nicht soviel von ihm zu fürchten hatten, arrangierten sich seitdem mit der Geistlichkeit, sie gingen sogar so weit, ein Grundstück, das wir zu Sarlat besaßen, einem Kapuzinerkloster, das sich vergrößern wollte, gratis pro Deo zu überlassen.

Gleichzeitig streute mein Quéribus, von dem man wußte, daß er beim Herzog von Anjou in sehr hoher Gunst stand, im Sarladischen das Gerücht aus, daß ich bei seinem Herrn Huld und Gnade genösse, was ja nicht gänzlich falsch war – immerhin hatte der Herzog mir zweihundert Ecus aus seiner Schatulle geschenkt –, aber daß er mich auch vor den Schlächtereien des vierundzwanzigsten August errettet hätte: eine faustdicke Lüge, die ich selbst jedoch überall beglaubigte, weil nichts so gut schützt wie eine fürstliche Protektion, mag sie auch pure Erfindung sein.

Doch obwohl dieses kluge Betragen – meines und das der Herren Brüder – die Dinge im Sarladischen derweise eingerenkt hatte, daß wir uns in unserer Sicherheit nicht bedroht fühlen mußten, war es gegen jede Wahrscheinlichkeit, daß unser Bischof erlauben würde, Diane einem Ketzer anzutrauen, bevor dieser nicht abgeschworen hatte: Das hätte François sicherlich getan und auch mein Vater vielleicht erlaubt, hätte Sauveterre über unseren Häuptern nicht die Geißel seiner unerschütterlichen Glaubensstrenge geschwungen.

Nicht daß alle Bischöfe im Königreich, auch nach der Bartholomäusnacht, so unbeugsam waren wie unserer. Einige, für die mehr die Familien und ihre Verbindungen zählten, vertraten sogar die Ansicht, daß es der Kirche nütze, wenn ein Hugenott eine Papistin ehelichte, unter der Bedingung allerdings, daß die Kinder von der Mutter im katholischen Glauben erzogen würden, weil der Glaube des hugenottischen Gemahls dann mit ihm aussterben werde. Auf diese Weise, meinten sie, mache man der Ketzerei ohne Hieb und Leid den Garaus, und zwar dauerhaft, allein nur vermittels sanfter Beihilfe der Frauen.

Denn nicht alle Priester in Frankreich gebärdeten sich fanatisch wie unser Bischof zu Sarlat, bei weitem nicht: Sonst hätte Gertrude kaum so fest auf die Bereitwilligkeit ihres normannischen Pfarrers gebaut, sie mit Samson zu vermählen, ohne mehr als das von Zange ausgeschwitzte lateinische Scheinchen zu fordern. Selbiges trug ich nun im Laufschritt zur warmen, hellen Kemenate der Schönen hinauf und überreichte es ihr, und sie schob es in ihren Busen, wo es gewiß besser geborgen war als in meinem winddurcheisten Wams, über und über voll Schneeflocken, die nun in der Wärme schmolzen.

»Ach, mein guter Bruder! Wie tüchtig und liebreich Ihr seid!« rief Gertrude, die vor Freude nicht wußte, was sie sagen sollte, mir ihre schönen Arme um den Hals warf und mich abküßte wie wild.

»Miroul«, sagte ich über ihre Schulter hinweg zu meinem lieben Diener, der uns mit seinem sprühenden Braunauge belustigt zusah (das blaue blieb kalt), »geh, melde meinem Vater, daß es schneit, und bitte ihn um Erlaubnis, in den beiden Kaminen des großen Saals Feuer machen zu dürfen. Es friert zum Steinespalten.«

»Ich eile, Moussu!« sagte Miroul, erfreut über den Auftrag, denn der große Saal lag neben der Küche, wo Florine – die blonde Hugenottin, die er dem Sankt-Bartholomäus-Massaker entrissen hatte – der Maligou half, unser Abendessen zu bereiten. Diese war die Mutter meiner kleinen Schlange Gavachette, was man kaum glauben mochte, wenn man die dickbäuchige, vollbusige und großärschige Maligou sah, die derzeit auch noch winselte wie eine Kuh beim Kalben, weil sie schon drei Tage an unaufhörlichem Durchfall litt.

Es klopfte an der Zimmertür, und als Zara mit ihren gesalbten Händen zu öffnen geruhte, trat der Baron von Quéribus herein, noch stärker beschneit als vorher ich, denn er war von Puymartin bis Mespech galoppiert, um mit uns zu essen, ein wenig steifbeinig noch, aber zum Entzücken in seiner Eleganz und Schönheit, mit goldenen Haaren, blauen Augen, schwarzen Brauen, die Züge wie gemeißelt und strahlende Jugend im Frühling seines Lächelns, das ihn trotz seines Geckentums liebenswert machte. Denn als echter Hofmann stolzierte mein Quéribus wie ein Pfau, die Taille schlank, die Füße ausgestellt, eine Hand in der Hüfte.

»Bei meinem Gewissen!« rief er laut, »es schneit, daß man nicht Weg noch Steg erkennt! Und sterbenskalt ist es! Madame, ich liege Euch zu Füßen«, setzte er hinzu, doch küßte er Gertrude nur die Hand und nahm sie nicht in die Arme, wohl um mir zu zeigen, daß er meiner Ermahnungen inne war, dafür umarmte er mich stürmisch und lange.

»Madame«, sagte Zara, die, sosehr sie auch vorgab, Männer nicht zu mögen, auf deren Bewunderung schwer verzichten konnte, »der Baron liebt Monsieur de Siorac mehr als uns! Aber sie gleichen einander ja auch wie Zwillinge, und wenn der Baron Monsieur de Siorac ansieht, meint er in einen Spiegel zu blicken, deshalb zieht er ihn uns vor!«

»Aber, Zara, was redest du!« rief Quéribus, wirbelte auf dem Absatz herum und faßte sie um die Mitte. »Gibt es irgendeinen Anschein, daß ich dich jemals übersähe und euch, dich und deine Herrin, weniger liebte? Herr im Himmel, man möchte vergehen!«

»Baron, wenn Ihr mich liebt«, sagte Gertrude, »zögert Ihr Eure Abreise nicht länger hinaus, denn ich habe in der Normandie etwas vor, das keinen Aufschub duldet.«

»Ha!« sagte Quéribus, indem er mich einverständig anblinzelte, »da Euch das so am Herzen liegt, wie dürfte ich hier die Schnecke spielen? Trotzdem, zum Aufbruch blasen kann ich erst am 15. November.«

»Am 15. November!« rief Gertrude.

»Am 15. November!« echote Zara im selben bedauernden Ton.

»Ach, so spät erst, Monsieur!« sagte Gertrude, »wie langweilig und ärgerlich, so lange zu warten!«

»Madame«, sagte Quéribus, indem er sich verneigte, »so gern ich Euch zufriedenstellte, kann ich doch nicht früher: Mein Vetter Puymartin gibt am 10. November mir zu Ehren ein großes Fest auf seinem Schloß, zu dem er den sarladischen Adel einlädt und wo ich mich toll zu verlustieren gedenke, so daß ich vor dem 15. kaum davon erholt sein werde.«

»Was?« sagte Gertrude leuchtenden Auges und wie eine Katze, welche die Ohren spitzt, »ein Fest! Ein großes Fest! Am 10.! Wird auch getanzt? Werde ich eingeladen?«

»Ganz sicher, Madame!« sagte Quéribus, »auch Euer zukünftiger Gemahl und Euer Bruder hier, und François und Catherine, und die Herren von Mespech.«

»Und ich?« fragte Zara.

»Ihr selbstverständlich auch!« sagte Quéribus, wie mir schien, ein wenig spöttelnd. »Wie könnte ich eine hohe Dame ihrer Gesellschafterin berauben?« setzte er mit leicht ironischem Lächeln hinzu, denn so »hoch« stand sie bei ihm nun nicht, Gertrude war Amtsadel und er Schwertadel.

»Ha!« rief Gertrude, sprang auf und lief, ihre Zofe zu umhalsen. »Hast du gehört, Zara? Ein Fest! Ein großes Fest! Am 10.! Mit dem sarladischen Adel! Auf Schloß Puymartin!«

Zwar gab es keinen Anschein (wie Quéribus zu sagen pflegte), daß Zara nicht gehört hätte, trotzdem wiederholte Gertrude es ihr noch zwei-, dreimal, und derart närrisch war sie auf Feste versessen, daß sie im Nu vergaß, wie eilig sie hatte abreisen wollen, um in der Normandie meinen Bruder zu heiraten.

Im selben Moment trat der Gegenstand dieses Vergessens herein, in der Hand eine Flasche mit einer wenig verlockenden grünlichen Flüssigkeit, auf der sein himmelblauer Blick indes liebend ruhte, während er die Anwesenden nicht zu bemerken schien, nicht einmal Gertrude, der er jedoch ohne Hilfe der Augen zusteuerte wie ein Feilspan dem Magneten.

»Oh, mein schöner Samson!« rief sie, indem sie zu ihm lief wie die Glucke zum Küken, »wie seht Ihr denn aus! Ohne Halskrause! Das Wams halb offen! Die Ärmel aufgestreift! Die Kniehosen hängend! Und die Haare ganz wirr!«

»Mein Lieb«, sagte er sanft, mit Unschuldsaugen und anzusehen wie ein Heiliger im Kirchenfenster, »fünf Stunden habe ich gebraucht, um diese Medizin zu brauen (wobei er die grünliche Flasche schwenkte), und zwar aus zwölf Bestandteilen, die ich gesiedet oder destilliert oder zu Pulver zerrieben und in gutem Verhältnis zu einer höchst wirksamen Tinktur gemischt habe, die, denk ich, den Darmfluß der Maligou heilen wird.«

Worauf Quéribus, der unverbesserliche Geck, vor Lachen losprustete, aber die feine Hand vorm Mund und indem er sich abwandte.

»Baron«, sagte Gertrude zankend, »was gibt es da zu lachen! Ist es nicht engelgleiche Barmherzigkeit, daß dieses Gotteskind fünf geschlagene Stunden arbeitet, um der Unpäßlichkeit einer Hausmagd abzuhelfen?«

Worauf sie, zu Samson gewandt, ohne jede Logik und im selben erzürnten Ton fortfuhr: »Samson, schämt Ihr Euch nicht, mir den ganzen Nachmittag Eure Tür zu versperren, nur um dieses grauenhafte Gebräu anzurühren? Zara, nimm es ihm aus den Händen und stell's auf den Tisch.«

»Ich kann nicht, Madame, meine Hände sind eingesalbt«, sagte Zara, und ich staunte, daß eine Kammerjungfer so zarte Hände hatte, daß sie von früh bis spät balsamiert werden mußten.

»Zara, Hafen der Gnade! Lauf wenigstens und hole Samson die Halskrause aus seinem Zimmer!« sagte Gertrude, die ihrer Gesellschafterin, wie sie sie nannte, sogar im Zorn alles durchgehen ließ.

Worauf Zara ein Maul zog und widerwillig gehorchte, verlockte es sie doch wenig, das warme Zimmer zu verlassen und sich durchs kalte Haus zu bewegen. Und als ich sah, wie die liebe Gertrude sich Samson zu nähern scheute, solange er die grünliche Flasche hielt, hieß ich ihn, sie selbst auf den Tisch zu stellen. Wie gesagt, seine Phiolen liebte Samson über alles.

»Kommt her, schöner Traumwandler!« sagte Gertrude, indem sie ihn bei der Hand faßte und auf den Schemel vor ihrem beleuchteten Spiegel niedersetzte, wo sie seine fleckigen Finger sogleich mit Weingeist zu reinigen begann.

Ich hakte meinen Quéribus unter und überließ unsere Schöne ihrer Beschäftigung, sie würde sie schon zum Guten führen, kein Zweifel, zumal Zara mit Samsons Halskrause angestöckelt kam und sie um seinen Hals legte, nachdem sie ihm das Wams zugeknöpft hatte.

Die kleine Wendeltreppe, die wir einer nach dem anderen hinunterstiegen, mutete uns eisig an, ganz als fauchte der Wind durch die Quadersteine hindurch. Im großen Saal aber – wie hell und tröstlich empfingen uns da die Flammen in den beiden einander gegenüberliegenden Kaminen!

Unser Gesinde saß schon, jeder an seinem Platz am unteren Ende der Tafel, die Mützen unterm Hintern, mit gewaschenen Händen und geschlossenem Mund, während Sauveterre und Siorac auf und nieder stiefelten, doch nicht etwa nebeneinander, sondern gegenläufig. Und trafen sie sich in der Mitte ihrer Pendelgänge, wechselten sie jeweils ein paar Worte, und wie gewöhnlich hütete sich Sauveterre, den Fuß auf eine Ritze zwischen den großen Fliesen zu setzen, so daß er immer mal einen größeren oder kleineren Schritt einlegen mußte, was ihm nicht leichtfiel, weil er auf dem linken Bein humpelte wegen der Verwundung, die er sich vor siebenundzwanzig Jahren bei Cérisolles geholt hatte.

»Beim Ochsenhorn«, grummelte er (Ochse und Horn bildeten den einzigen Fluch, den er sich gestattete), »was für Extrakosten, zwei Feuer in einem Raum!«

»Wozu haben wir uns die beiden Kamine sonst gebaut?« sagte mein Vater, indem er ihn kreuzte. »Jeder heizt eine Hälfte vom Saal.«

»Aber zwei Feuer!« sagte Sauveterre, »wo eins gereicht hätte.«

»Uns vielleicht«, sagte Siorac, indem er weiterging und Sauveterre von Rücken zu Rücken antwortete, »aber nicht den Damen, die mit halboffenem Busen gehen.«

Daß er seinen Bruder damit aufziehen wollte, dessen bin ich mir gewiß.

»Die Pest über diese ruinösen Busen!« knurrte Sauveterre, seinen Gang bis zur Kehre fortsetzend, die Augen auf den Fliesenritzen. »Können sie sich, unserm Holzvorrat zuliebe, nicht Wolle anziehen?«

»Ein Jammer wäre das!« sagte mein Vater halblaut, nun auch am Ende des Saals.

Aber Sauveterre hatte feine Ohren.

»Bei der Rechnung«, sagte er, indem er wieder auf Siorac zuschritt, »reicht unser Holz kaum über den Winter.«

»Höre, Bruder«, sagte Siorac, »wir haben Scheite auf dem Holzstoß, um zwei Winter zu überstehen!«

»Aber nicht einen harten wie den kommenden«, sagte der Onkel, »fragt Faujanet.« Was er périgurdinisch3 »Faujanette« aussprach wie wir alle.

»Faujanet«, sagte mein Vater, indem er stehenblieb und das Gesicht dem unteren Tischende zuwandte, »was weißt du über den kommenden Winter?«

Faujanet, dunkel und ein Hinkefuß wie Sauveterre (weshalb sie einander so mochten), erhob sich. Bevor er den Mund auftat, nahm er die Mütze, die ihm Hintern und Schemel gewärmt hatte, und drehte sie in den rauhen Händen, um zu betonen, daß er zum Herrn mit entblößtem Haupte sprach.

»Moussu«, sagte Faujanet, »ich war heut morgen unsere Böschung an der Beunes begradigen, da stieß ich auf einen Bau. Guck an, denk ich, ein Hase! Und grab und grab. Aber, nichts von Hase! Ein Murmeltier war's! Und einen guten halben Klafter tief! Was beweist, daß der Winter zeitig kommt dies Jahr und hart wird, und daß der Schnee liegenbleibt.«

Diese Vorhersage erschien allen unumstößlich sicher – keiner bezweifelte die Weisheit des überwinternden Murmeltiers –, also zogen unsere Leute lange Gesichter, und mein Vater machte einen Spaß, um sie aufzumuntern.

»Wird der Winter stramm, kneif die Arschbacken zusamm'«, sagte er auf okzitanisch. Alle lachten und sahen lou moussu voll gerührter Nachsicht und Dankbarkeit an, daß er ein Sprichwort zitierte, das sie von klein auf kannten.

»Mit Eurer Erlaubnis, Moussu«, sagte Faujanet, der sich, stolzgeschwellt ob seines Funds, das Recht zur Antwort nahm: »Schneejahr, auf mein Edelmannswort, füllt dem Bauern Scheun und Bord.« Er hatte kaum ausgeredet, als alle durch die Bank quietschten vor Lachen, nicht weil das Sprichwort so komisch gewesen wäre, sondern weil Faujanet, unser Böttcher, für sich von »Edelmannswort« sprach, und noch dazu zum Herrn Baron. Und sehr befriedigt, Faujanet einen Dämpfer zu verpassen, lachten sie ihn aus, wußten sie doch im voraus, wie er sich den ganzen Winter aufblasen würde mit seinem Murmeltier, besonders wenn es wahr prophezeit hätte.

Das Lachen verstummte, und unsere Leute erhoben sich, wie von Siorac aufgefordert, zu Ehren von Dame Gertrude du Luc, als die Tür von der Wendeltreppe her aufging und sie hinter Zara und Samson hereintrat, dieser nun hübsch zugeknöpft und mit Krause, die schönen kupfernen Locken zum Entzücken gekämmt, in den Händen die beiden Leuchter, deren Flämmchen das Vermögen der Baronie auffraßen.

Wahrhaftig, unsere Leute mußten sich keine Gewalt antun zu verstummen, es verschlug ihnen einfach die Sprache beim Blond der Normannin und ihren glänzenden Kleidern, wobei den ältesten sicherlich meine selige Mutter in ihrem Putz und Schmuck in Erinnerung kam; und wenn Sauveterre es nicht hörte, meinten einige, so teuer Fleisch, Holz und Talglichter uns auch immer zu stehen kämen, sei das Schloß doch viel fröhlicher geworden, seit die »Damen« hier weilten. Und meine Amme Barberine – trotz ihrer hugenottischen Kruste im Seelengrund Papistin geblieben – fand Dame Gertrude »schön und gut wie die gebenedeite Jungfrau«, und es sei ein Jammer, daß der Herr nicht im Sarladischen seinesgleichen freie und heimführe, denn um Mespech sei es nicht zum Besten bestellt, weil es keine Baronin habe, ein schönes Haus komme ohne Frau genausowenig aus wie ein Blinder ohne Stock.

Der große Saal war vorher nur von den beiden Feuern erhellt worden, so kam es, daß mein Vater erst bei Samsons Erscheinen mit den kostspieligen Leuchtern Quéribus und mich bemerkte, die wir abseits im Dunkeln gewartet hatten, um das streitbare Hin und Her der Herren Brüder nicht zu stören. Und als er uns nun erblickte, sandte er uns schon von weitem das gütigste Lächeln, und nachdem er zuerst höchst ergeben seinen Schnurrbart auf die Hand der Damen gedrückt hatte, mit Blicken, die man sich vorstellen kann, eilte er in seinem raschen, beschwingten Schritt, uns herzlich zu umarmen, denn er liebte Quéribus, ein so perlengezierter Geck der auch war, und Quéribus erwiderte es und lud ihn im Namen von Puymartin sogleich, ebenso wie Sauveterre, zu dem Fest am 10. November ein, worauf er im selben Atemzug seine Abreise am 15. ankündigte. Sauveterre machte derweile den Damen seine steife Verbeugung, aber nur von weitem, so als bedrohe es sein Seelenheil, sich diesen Gefäßen der Sünde zu nähern, so schön bemalt und geziert sie auch waren. Alle nahmen an der Tafel Platz, doch auf einmal schlug sich Samson, nachdem er seine doppelte Bürde abgesetzt hatte, an die Stirn und murmelte: »Ach, bin ich dumm!« Gleich mußte mein Miroul gehen und die grünliche Flasche holen, die er in Gertrudes Zimmer vergessen hatte.

Mein Diener entledigte sich seines Auftrags binnen eines Wimpernschlags, sogar ohne Licht mitzunehmen, denn seine zwiefarbenen Augen sahen im Dustern wie die einer Katze, ebenso geschmeidig und behend war er ohnehin. Wovon keine Rede sein konnte bei der Maligou, die mit der Suppe schwerfüßig aus der Küche gewatschelt kam und deren Massen bei jedem Schritt wie Sülze wabbelten. Nachdem sie die Terrine niedergesetzt hatte, überreichte Samson ihr das grünliche Gebräu, erklärte ihr das Wie und das Was, sie hörte es ehrfürchtig und dankte dem hübschen Moussu mit endlosen Worten und Segenssprüchen für seine gute Medizin. Die ihr aber trotzdem nicht half, vielmehr ging ihr Darmfluß die nächsten Tage unstillbar weiter, nur schlimmer wie gehabt, bis sie morgens und abends einen Sud aus Walnußblättern und Wurzeln schluckte, mit dem Barberine daheim ihre Kühe vom Durchfall zu kurieren pflegte. Dennoch war die Ehrerbietung unserer Leute vor Samsons Phiolen und Flaschen so groß, daß niemand auf die Idee kam, ihn ob seines Reinfalls auszulachen. Barberine meinte im Gegenteil sogar, sein Heiltrank sei eben zu schön und gelehrt für eine schlichte Magd.

Mein Vater saß am oberen Ende der Tafel (wo das seltene Feuer ihm behaglich das Kreuz wärmte, während der zweite Kamin am unteren Ende der breiten Kruppe meiner guten Barberine einheizte), zu seiner Rechten, wie konnte es anders sein, saß der Mit-Herr von Mespech und Dame Gertrude du Luc zu seiner Linken.

»Herr Bruder«, sagte Siorac auf französisch, »wißt Ihr schon, daß Puymartin uns am 10. zu einem großen Fest auf sein Schloß einlädt?«

»Hm!« brummte Sauveterre, denn Fest hieß für ihn Tanzen und Tanz Verderbnis, aber drücken, das wußte er, würde er sich schwerlich können, würde doch Puymartin unserem Bündnis beitreten, wenn die Hochzeit von François und Diane stattfände.

»Habt Ihr's auch gehört, François?« fragte ihn Siorac mit einverständiger Miene.

»Ich habe es gehört, Herr Vater«, sagte mein großer Bruder, der damit zum ersten- und letztenmal bei dieser Mahlzeit den Mund auftat, weil er Dame du Luc keines Wortes, ja nicht mal eines Blickes zu würdigen geruhte, war sie in seinen Augen doch nicht wohlgeboren genug, und erst recht Zara nicht, die überhaupt keine Geburt hatte. Und mit wem hätte er sonst reden sollen? War ich nicht nur der Zweitgeborene? Und Samson sogar ein Bastard? Mediziner der eine! Der andere Apotheker! Gewiß, es gab noch Quéribus, aber der hatte Augen und Stimme einzig für die Herren Brüder und für die Damen, denn so stolz er auf seinen Adel auch war, fragte er doch nicht viel, ob sie »geboren« waren, sie waren ja da und verschönten die Welt mit ihrem Glanz.

»Herr Bruder«, sagte Siorac auf okzitanisch, die Gelegenheit nutzend, daß Gertrude mit Quéribus plauderte, »wie ich sehe, seid Ihr ganz stumm und starr bei dem Gedanken an dieses Fest.«

»Nicht nur deswegen«, sagte Sauveterre mit einem Blick auf die beiden Leuchter und die Feuer. »Ich kann Euch nicht verhehlen, mein Bruder, daß es mir nicht schmeckt, wie die Dinge hier laufen. Wohin mein Auge auch schweift, erblickt es nichts wie Prasserei und Vergeudung. Non ego mendosos ausi defendere mores.«4

»In dem Fall«, sagte mein Vater, indem er auf okzitanisch das Neue Testament zitierte: »Freuet euch, mein Bruder, mit denen, so sich freuen. Unsere beiden Papistinnen reisen am 15. mit unserem Freunde ab.«

Worauf Quéribus, des Okzitanischen mächtig (seine Baronie lag ja im Carcassonner Land), zuerst meinem Vater, dann mir einen lächelnden Blick zuwarf, unverweilt aber sein höfisches Geturtel mit Gertrude fortsetzte.

»Die Nachricht erleichtert mich unendlich!« sagte Sauveterre auf okzitanisch mit einem tiefen Seufzer. »Nulla fere causa est in qua non femina litem moverit.5 Womit, unter uns, mein Bruder, ein überlanger Monat denn überstanden wäre, samt allem Hader, der nicht so sehr um Holz und Talglichter ging als vielmehr um diesen odor di femina6 in unseren Mauern.«

»Wie?« sagte mein Vater, »den verspürtet Ihr vorher nicht? Und Catherine und unsere Mägde?«

»Der unterjochte Euch nicht«, sagte Sauveterre.

»Ha!« sagte Siorac tiefernst, »da berührt Ihr einen Punkt, der mich oft beschäftigt. Es kommt vor, daß einer die Frauen gar nicht liebt. Aber daß einer sie liebt, ohne sie über die Maßen zu lieben, das gibt es nicht.«

Ein Wort, das Jean de Sioracs Wesensart, wie auch meine, so treffend beschreibt, daß ich es mir bis heute gemerkt habe, dazu das Gesicht meines Vaters, als er es aussprach, und die Miene, mit der Sauveterre es aufnahm, denn gewiß hätte er eine Sprache bevorzugt, welche die Natur nicht über die Tugend erhob. Indessen war seine eifersüchtige Zuneigung in diesem Moment zu befriedigt, vom baldigen Aufbruch unserer hübschen Vögelchen zu hören, um Siorac noch weiter am Zeuge zu flicken. Ach, armer Sauveterre, daß er so enttäuscht werden sollte, wie ich bald vermelden werde!

Meine kleine Schwester, deren odor di femina die väterlichen Nüstern, der Rede des Onkels zufolge, nicht kitzelte, war gar nicht mehr so klein, wie ich sie gern nannte, sondern mittlerweile vom Scheitel bis zur Sohle Weib geworden, schlank und wohlgerundet, die Augen blank, das Gesicht rein und strahlend, und ohne Schminke, ohne Zier – außer der Kette, die ich ihr geschenkt hatte, um sie für den Goldring zu entschädigen, den ich der Gavachette mitgebracht hatte. Sie lauschte allem, was ich soeben erzählte, mit jener stummen, stillen und scheinheiligen Miene, die man unsere jungen Mädchen von klein auf lehrt. Doch wie ich sie kannte, betrübte die Abreise unserer Damen sie gar nicht, wie sie vorgab, so liebend gern sie auch heimlich in deren Zimmer war, mit ihnen schwatzte, sich mit ihrem Putz schmückte und mit den Farben spielte, mit denen sie sich die Gesichter bemalten. Vielmehr fand sie, daß ihr vergötterter Vater ihnen eine Aufmerksamkeit schenkte, die einzig ihr gebührt hätte, denn weil meine Mutter nicht mehr war, fühlte sich Catherine als Dame des Hauses auf Mespech, wenigstens bis zu ihrer Hochzeit. Nur daß sie daran im stillen ein wenig zu verzweifeln begann, hatte sie doch mit Barberine die möglichen Prätendenten im Sarladischen schon gezählt und begutachtet, aber keinen jungen Edelmann entdeckt, der sie genügend ansprach, um ihre kleinen Krallen nach ihm auszustrecken.

Denn Krallen hatte sie und dazu einen guten Schnabel, begegnete ihren Brüdern mit unglaublichem Hochmut und Eigensinn, redete uns steif mit »Ihr« und »Herr Bruder« an, schalt und triezte uns, litt weder Kuß noch Umarmung und kehrte uns bei der kleinsten Mißhelligkeit mit gereiztem Schwenk ihres Reifrocks die kalte Schulter. Mit ihren Brüdern meine ich nicht etwa François, dem sie nie einen Blick gönnte, so wenig konnte sie ihn ausstehen, sondern Samson und mich, denen sie, ohne es offen zu zeigen, in großer, eifersüchtiger Liebe anhing, ein Grund mehr, Gertrude wenig zu schätzen, und schon gar nicht meine Gavachette, mit der sie immerhin aufgewachsen und, um drei Tage Unterschied, im selben Alter war.

Nach Aufhebung der Tafel, während Alazaïs, Miroul und Florine die Stühle ans Feuer rückten – die Bibliothek war in dieser Frostnacht zu kalt, um sich mit den Damen dorthin zu begeben –, nahm Catherine mich am anderen Tischende beiseite und hakte sich bei mir ein.

»Mein Herr Bruder«, sagte sie, »wie ich von Samson höre, habt Ihr den Plan, nach seiner Abreise mit Dame Gertrude du Luc nach Bordeaux zu gehen und Euch dort als Arzt niederzulassen.«

»Das habe ich vor, ja«, sagte ich, ziemlich verärgert, daß Samson nicht dichtgehalten hatte. Allerdings konnte er noch so verschwiegen sein, verstand es Catherine doch immer, ihm, was sie wissen wollte, aus der Nase zu ziehen.

»Wie kommt es«, sagte sie, indem sie ihren Arm aus meinem zog und zornig ihre blonden Locken schüttelte, »wie kommt es, daß Samson das weiß und ich nicht?«

»Mein Fräulein Schwester«, sagte ich ziemlich entrüstet, daß sie mich gleichsam zum reuigen Sünder machen wollte, »haben wir einen Vertrag miteinander, daß ich Euch alles sagen muß?«

»Das nicht. Nur hättet Ihr es aus Bruderliebe tun können«, sagte sie und zog eine Schippe.

Aber ich blieb eisern, und als sie sah, daß sie mich nicht in die Knie zwang, überwand sie sich, mir ihren Arm, ihr Lächeln, ihre schönen Vergißmeinnichtblicke wieder zu gönnen, und hielt mir ihre Wange hin.

»Nun gut, Pierre«, sagte sie, »ich vergebe Euch. Küßt mich!«

Was ich tat, aber, so närrisch ich diesem Geschlecht auch gewogen bin, ohne Überschwang, eher wie eine lauernde Katze, eine Pfote vor, eine verhaltend, voller Mißtrauen nach solch gewinnender Einleitung und der Krallen im Samt gewärtig. Auf der Hut, das erspähte ich aus dem linken Augenwinkel, war auch die Gavachette, die unweit ihre Öhrchen schweifen ließ, indem sie – sonst so faul – scheinbar ganz emsig den großen Tisch hinter uns putzte.

»Ihr werdet«, fuhr Catherine fort, nachdem sie meinen Kuß erwidert hatte, »in Bordeaux also Wohnung nehmen, und solange Ihr Eure Angelina nicht habt, werdet Ihr eine Frau brauchen, die Euch das Haus führt und Miroul und seiner Florine gebietet. Warum nehmt Ihr nicht mich? Ich könnte das sehr gut, glaube ich.«

Auch wenn ich eine Antwort hierauf gewußt hätte, mir wäre keine Zeit dazu geblieben, denn schon war mit wutfunkelnden Augen die Gavachette zur Stelle.

»Madame«, sagte sie, die Hände in den Hüften, »wenn es in diesem Haus eine Frau gibt, die Pierre nach Bordeaux mitnehmen sollte, dann bin ich es ja wohl, die ihm Annehmlichkeiten bietet, womit eine Schwester nicht aufwarten kann.«

»Was?« schrie Catherine, das Haupt gereckt und völlig außer sich, »du Wachtel wagst es, mir ins Wort zu fallen? Du willst mich aus dem Felde schlagen? Verschwinde zu deinem Spülicht, Sudlerin! Schlange!«

»Madame«, sagte die Gavachette und machte ihr höhnisch einen tiefen Knicks, »mag ich auch eine Schlange sein: hab ich doch einen schönen Mann im Bett und hab von ihm empfangen!«

»Giftspinne!« schrie meine Schwester, »denkst du, deine Sünde erhebt dich über mich?«

Und plötzlich fuhr sie los auf die Gavachette und schlug ihr links und rechts ins Gesicht.

»Ha, Madame! Eine Schwangere zu schlagen, das ist verboten!« schrie die Gavachette, die ihr, glaube ich, jeden Schlag heimgezahlt hätte, wäre ich nicht dazwischengesprungen und hätte Catherine mit meinem Rücken an weiteren Angriffen gehindert, so heftig sie mich auch wegzudrängen suchte. Mein Vater sah mich im Kreuzfeuer der beiden Furien, stand auf und kam mir zu Hilfe, indem er Catherine befahl, auf ihr Zimmer, und der Gavachette, in ihre Küche zu gehen. Was beide gleichsam zähneknirschend taten, mit blitzeschleudernden Augen, ob schwarz, ob vergißmeinnichtblau.

Als sie mit wütendem Röckeschwenken, Leinwand der eine, Brokat der andere, nach ihrer Seite abgegangen waren, fragte Jean de Siorac: »Pierre, was war der Anlaß dieser Hackerei?«

Halblaut berichtete ich ihm, während er rastlos auf und ab schritt, außerstande, jemals Ruhe zu halten, immer rührig und rüstig, so ergraut er auch war, immer gerade aufgerichtet, die Hände in den Hüften, die Waden straff, und den Damen zu Ehren in einem blaßgrünen Seidenwams – der Lieblingsfarbe meiner seligen Mutter. Dieses Wams hatte er sich 1567 machen lassen, um mich in Barbentane bei den Montcalms abzuholen, und er hatte es in den verflossenen fünf Jahren so wenig getragen, daß der Stoff aussah wie neu, nur war der Schnitt »total aus der Mode«, wie man in Paris gespottet hätte. Und trotzdem bot der Baron von Mespech, wohlgeschaffen wie er war, eine stattliche und beeindruckende Erscheinung.

»Ach, mein Pierre!« sagte er mit einem Seitenblick aus seinen lebhaften, lustigen Augen, »es sieht nicht so aus, als könnte Euch jemals Not an Frauen drohen, eher Überfluß, verlangend und zärtlich, wie Ihr von Natur seid. Dafür ist sogar eine Schwester empfindlich, die nicht einmal nachts Eure goldene Kette ablegt. Was die Gavachette angeht: Auch wenn ich es nicht gutheiße, daß unter meinem Dach ein schwangeres Weib geschlagen wird, so meine ich doch, sie hat die Ohrfeigen verdient, sie ist zu jedermann hier unerträglich dreist. Solche Mädchen«, fuhr er fort, indem er mich freundlich bei den Armen faßte, »sind bequem zu lieben, aber nicht ungefährlich, weil wir nur zu leicht vergessen, daß eine Magd ebenso Weib ist wie eine galante Dame und immer nur zusieht, wie sie unsereinem das Halfter über den Kopf werfen kann.«

Dabei stieß er einen Seufzer aus, und mir schwante, daß die Franchou ihm wohl gehörig zusetzte, seitdem sie argwöhnte, daß Zara in ihren Gefilden wilderte.

»Was nun Catherine angeht«, fuhr er fort, »so ist sie ganz wie ihre selige Mutter, innig denen zugetan, die sie liebt, die anderen werden verachtet, und hochfahrend ist sie gegen alle, schlägt mit sämtlichen vier Hufen aus und läßt sich nicht zähmen. Alsdann, Herr Sohn«, fuhr er lachend fort, »welche der beiden Mänaden wollt Ihr mitnehmen nach Bordeaux, die Gavachette oder Catherine? Denn beide, das geht wohl nicht.«

»Darüber hatte ich bis jetzt nicht nachgedacht«, sagte ich, »und nun überlege ich. Daß Catherine nicht am Landleben hängt, wo sie keine Bewerber findet, und lieber in einer großen Stadt wäre, von der sie sich wunder was erwartet, verstehe ich gut. Aber ich würde Euch«, setzte ich sinnend hinzu, »ihres strahlenden Angesichts nicht berauben wollen.«

»So sehr strahlt es nicht«, sagte mein Vater, »wenn Samson und Ihr nicht hier seid. Catherine wiehert nach jüngeren Pferden, als in unseren alten Mauern sind. Pierre, wenn Ihr sie mitnehmen wollt, tut es ohne Rücksicht auf mich.«

»Ich weiß nicht, ob ich es will«, sagte ich zaudernd. »Gewiß liebe ich sie mit großer brüderlicher Liebe, aber …«

»Aber?« fragte mein Vater. »Ach, Pierre«, und wieder lachte er, »kommt mir nicht mit ›aber‹, solange Ihr nicht nachgedacht habt. Zeit dazu bleibt genug, Samson reist erst am 15.«

Der Schnee nahm auch am nächsten Morgen kein Ende, es schneite und schneite, und so dicke Flocken und so dicht, daß ich vom Fenster des Waffensaals den Kirchturm von Marcuays jenseits der Schlucht kaum erkannte, wie wenn ein weißer Fransenteppich vom Himmel fiele, der den halben Horizont verhüllte und alle Geräusche schluckte; zwar hörte ich unsere Hähne krähen, aber nicht ihr Echo von den Nachbarhöfen, und sogar das Degengeklirr, das mein Samson und der Fechtmeister Giacomi im Saal veranstalteten, kam mir gedämpfter vor als sonst.

Miroul und der große, dicke Fröhlich neben mir schauten stumm und staunend, wie Giacomi, ohne auch nur um Haaresbreite von der Stelle zu rücken, allein mit unmerklichen Bewegungen des Handgelenks die Klinge meines Bruders abwehrte und dann mit so raschem Ausfall seine Brust traf, daß man meinte, ein Vogel hätte zugehackt.

»Ho, Samson!« sagte Giacomi mit seinem anmutigen italienischen Akzent, »Ihr seid zurückgewichen, hütet Euch! Es ist Sache der Klinge, die Klinge zu parieren! Nicht des Oberkörpers!«

»Ich werd's mir merken«, sagte Samson, der von uns dreien der gehorsamste Schüler, nicht aber der beste war, weil er langsam begriff und zu spät reagierte.

Wie unvergleichlich gewandt erschien mir dagegen Giacomi! Diese wohlgebildeten Gliedmaßen, diese langen Arme und Beine, die sich so sparsam und gemessen bewegten, daß es ein Wunder war, mit wie wenig Aufwand er genau zu treffen verstand! Und wie liebte ich sein ovales Gesicht, in dem alle Züge fröhlich aufwärts strebten: die Augenwinkel, die Mundwinkel, sogar seine Nase war aufgestülpt. Von hohem Stande, ein Muster an Höflichkeit, gut und edel, wenn auch Papist, hatte er mir im blutrünstigen Gewimmel zu Paris Hilfe und Beistand geleistet.

»Giacomi«, sagte ich, nachdem der Kampf beendet war, indem ich ihn in eine Fensternische zog, »beschämt sehe ich, wie du deine Kunst an so geringe Herren wie uns verschwendest, du, der im Louvre Silvies Gehilfe und der Lehrmeister großer Herren warst. Und sosehr ich dich hier zu halten wünschte – wie auch mein Vater –, möchte ich doch um ein Königreich deinem Glück nicht im Wege sein.«

»Was soll das heißen?« sagte Giacomi, die Brauen runzelnd. »Daß du, wenn es dich lockt, am 15. mit Quéribus und seiner Eskorte getrost reisen magst.«

»Oho, mein Bruder!« rief Giacomi mit gespieltem Ärger, »habe ich Euch mißfallen? Seid Ihr gegen mich erzürnt? Verbannt Ihr mich in die Vorhöfe Eurer Freuden?«

Aus dieser, in fröhlichen Spott gewandeten Rede ersah ich, daß Giacomi bei mir bleiben wollte, und ich lachte getröstet, doch mit einigem Herzklopfen.

»Giacomi!« sagte ich, vor Erregung einen Kloß in der Kehle, »du weißt genau, daß mein Herz seit Sankt Bartholomäus mit ehernen Klammern an deinem hängt.«

»Bruder«, sagte Giacomi, »werden wir nicht rührselig und zerfließen einer über des anderen Wohltaten in Tränen. Freundschaft gleicht einer Viola, man soll ihre Saiten nicht überspannen.«

Dies begleitete er mit einer sehr italienisch beredten Geste seiner Linken, worauf er zum Fenster hinausblickte.

»Und du?« fragte er leichten Tons, »willst du über den Winter auf Mespech bleiben?«

»Oh, nein! Nach Abreise unserer Damen will ich als Arzt nach Bordeaux gehen, eine schöne große Stadt, und sehr wohlhabend durch ihren Seehandel.«

»Nun denn«, sagte Giacomi lächelnd, »wenn du willst, folge ich dir dorthin. So wie du Patienten, werde ich Schüler finden.«

Da sah ich, als ich den Kopf wandte, wie geknickt mein guter Fröhlich dreinschaute, behagte ihm doch die Landarbeit wenig, zu der er auf Mespech gebraucht wurde, aber er getraute sich nicht zu fragen, ob ich ihn mitnähme nach Bordeaux, wohl wissend, daß ich Miroul hatte und nicht reich genug war, zwei Diener zu bezahlen.

Mir blieb aber kaum Muße, meinen guten Schweizer aufzumuntern: Zur Saaltür herein schob Escorgol seine dicke Wampe und meldete ganz außer Atem, an unserem Tor heische ein Reitersmann, gefolgt von einem Pagen, Einlaß und nenne sich meinen Freund.

An unserem Escorgol war das Besondere, daß er trotz seines dicken Riechkolbens nicht besser als andere roch, dafür mit seinen winzigen Ohren aber hörte wie kein zweiter im sarladischen Land. Sein Gehör war so fein, daß er, wie es hieß, ein barfüßiges Kindlein fünfzig Klafter von Mespech auf einer Wiese gehen hörte, weshalb er bei uns Pförtner war. Auch sah er scharf, obwohl seine Augen zwischen den Liderfältchen fast verschwanden.

»Hat er seinen Namen genannt, Escorgol?«

»Er wollte nicht, Moussu, er will seinen Namen nur Euch nennen.«

»Kennst du wenigstens seine Stimme?«

»Nein. Auch seinen Dialekt nicht, sein Okzitanisch ist nicht von hier.«

»Und sein Gesicht?«

»Das konnt ich nicht sehen. Der Kauz ist bis über beide Ohren in seinen Mantel gehüllt und dick beschneit.«

»Auf!« rief ich, »klären wir dieses Mysterium!«

Wir überquerten die beiden Zugbrücken der Insel, erreichten endlich den letzten Mauerring, dann lief ich, die Luke im Eingangstor zu öffnen, und sah draußen in der Tat einen großen Fremdling auf einem schwarzen Pferd, von welchem (dem Fremdling, meine ich) kaum ein Auge zu erspähen war, so dicht umhüllte ihn von Kopf bis Fuß ein brauner Kapuzenmantel. Genauer gesagt, war der braune Mantel weiß vor Flocken und das Pferd auch nur unten schwarz, so eingeschneit waren Tier und Reiter, was diesen aber wenig zu stören schien, im Unterschied zu seinem hübschen Pagen, der mit Leidensmiene in seine erstarrten Hände blies.

»Wer bist du, beschneiter Geselle?« fragte ich durchs Guckloch.

»Ist es Pierre de Siorac, der von jenseits dieses Gitters zu mir spricht?« fragte die Stimme des anderen, die, so gedämpft sie auch durch den Mantel drang, mir nicht ganz unbekannt vorkam.

»Ich bin's.«

»Wenn dem so ist, pfui über die neidische Luke, die mir sein allerschönstes Antlitz länger verbirgt!«

»Wer bist du, der so redet?«

»Einer, der dich liebt. Doch sprich, entbinde mich vom letzten Zweifel: Bist du wirklich der Ehrwürdige Doktor der Medizin, Pierre de Siorac, zweitgeborener Sohn des Barons von Mespech?«

»Hast du nicht gehört? Gewiß bin ich es!«

»Erkennst du mich nicht, Pierre de Siorac?«

»Bei vermummtem Gesichte nicht.«

»Und die Stimme?«

»Nicht ganz.«

»Ha!« sagte der Kerl voller Spott, »wo bleibt die Stimme des Blutes?«

»Die Stimme des Blutes?«

»Oder, wenn dir das lieber ist, das Lispeln der Milch: Ich, Pierre, war deine Amme.«

»Meine Amme, ein Mannsbild?«

»Bin ich ein Mannsbild?« fragte der Kerl mit derselben witzelnden Stimme. »Nicht im Fleisch wie Barberine war ich deine Amme, Pierre: im Geiste!«

»Im Geiste?«

»Und ob! Hab ich dich zu Montpellier nicht an den sterilen Zitzen von Logik und Philosophie der Kuh Aristoteles gesäugt?«

»Was!« schrie ich und riß in überschäumender Freude die Pforte auf, »Fogacer! Bist du es, Fogacer?«

»Ipse, mi fili«,7 sagte er und warf die Kapuze ab.

Und während sein bloßes Haupt sich langsam mit Flocken bedeckte, strahlten seine nußbraunen Augen unter den diabolischen Brauen mich an.

Zweites Kapitel

Mein Vater war sehr erfreut, Fogacer kennenzulernen, von dem ich ihm viel erzählt hatte, indem ich seine besonderen Sitten aber wohlweislich verschwieg, wären sie dem Baron von Mespech doch hart gegen den Strich gegangen, zu fremd waren sie seinem Wesen und von seiner Kirche geächtet. Und Fogacer hatte sich auf Grund der Verfolgung seiner Schicksalsgefährten derart daran gewöhnt, Stimme, Gebärden und Auftreten zu verstellen, daß mein Vater meilenweit entfernt war von jedem Verdacht, sogar als Fogacer bat, seinen kleinen Diener nicht bei Miroul schlafen zu lassen, sondern mit in seinem Gemach, weil er des Nachts, sagte er, an Leibkrämpfen leide, die nur sein Diener durch eine Massage zu lindern wisse.

Diese Bitte äußerte mein Fogacer, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne zu bezweifeln, daß der angegebene Grund meinen Vater überzeugte, der ja bekanntlich auch einmal Medizin studiert hatte, bevor er das Kriegshandwerk ergriff. Und was Sauveterre anging, für den ohnehin alles Übel in der Welt von den Frauen kam, so hatte er gar keine Witterung für »Sodomie und andere abnorme und abscheuliche Dinge«, wie unser Calvin in Genf es ausdrückte, der ihre Anhänger – genau wie der Papst in Rom – zum Scheiterhaufen verdammte, immerhin waren sie sich über der Asche dieser Unglücklichen einmal einig.

Die Wahl des Gemachs blieb mir überlassen, und ich wählte das im Nordturm, auch wenn es sehr kalt war, denn es lag so weit ab, daß man dort sogar hätte lärmen und toben können, ohne daß Herrschaft oder Gesinde von Mespech es hörten.

»Mi fili«, sagte Fogacer, als der hübsche Diener die Tür geschlossen hatte, »erlaubt, daß ich mich niederlege. Ich bin drei volle Tage, fast ohne abzusitzen, von Périgueux hierhergeritten, allerdings ziehe ich mir diese Pein den Flammen vor, die in jener guten Stadt meines Arsches harrten. Feuer brennt heißer.«

»Fogacer, dir drohte in Périgueux der Scheiterhaufen? Wer oder was hat dir das eingebrockt?«

»Meine Tugend«, sagte Fogacer schlicht.

»Deine Tugend«, sagte ich, indem ich mich auf einen Schemel neben sein Lager setzte, während der Diener oder Page, wie Fogacer sagte, sich einen halben Klafter von seinem Herrn auf den Fußboden kauerte und ihn nicht aus den Augen ließ, so als könnte er sich in Luft auflösen, sähe man nur eine Viertelsekunde nicht hin, »deine Tugend, Fogacer, wurde schon öfter angezweifelt, besonders in Montpellier, wenn ich nicht irre.«

»Wäre es nicht eine Schmach«, sagte Fogacer mit seinem langsamen, gewundenen Lächeln, »wenn ich aufhörte zu sein, was ich bin? Nur weil mein Wesen denen nicht gefällt, die über Galgen und Scheiterhaufen gebieten und meine Tugend namens verstaubter Prinzipien, die der Nacht des Glaubens entstammen, als Verbrechen brandmarken?«

»Verbrechen oder Tugend, Freund, was hast du in Périgueux angestellt, daß dir das Feuer drohte?«

»Ich liebte«, sagte Fogacer tiefernst, ohne irgend zu witzeln oder zu feixen, »auf die einzige Weise, wie ich lieben kann, und das einzige Geschöpf, das mich liebenswert dünkt. Aber, wie edel meine Liebe auch war und wie rein in meinem Herzen, wurde sie plötzlich doch als ›abscheulich und satanisch‹ verschrien von besagten Mächtigen. Und so bin ich verzweifelt auf der Flucht, jage mit verhängten Zügeln durchs Land, fürchte um mein Leben, fürchte um sein Leben vor allem«, setzte er hinzu, indem er mit der Rechten die blonden Locken seines Pagen streichelte, der sie sogleich in seine Hände nahm und voll unendlicher Dankbarkeit mit Küssen bedeckte.

»Dieser Kleine«, fuhr Fogacer fort, indem er ihm sanft seine Hand entzog, tiefer bewegt, als ich ihn je gesehen hatte, »fronte zu Paris für einen Schausteller. Nachdem der ihm seine Tricks eingebleut hatte, ließ er ihn hart und gefährlich arbeiten, ohne jeden Lohn, nur für eine Wassersuppe, im übrigen setzte es Hiebe und Prügel, gelegentlich mit einer Flut von Beschimpfungen gewürzt. Nun beging aber der Schuft in Paris eine Sauerei, mußte also die Hauptstadt mit seiner Truppe verlassen und zog von Stadt zu Stadt, sein Brot durch Späße und Gaukeleien zu verdienen. Und ich, der ich über allen Verstand von der Lieblichkeit meines kleinen Sylvio betört war, konnte nicht anders, als mit über die Straßen des Reiches zu ziehen, indem ich die Mitglieder der Truppe ohne jede Vergütung behandelte.«

»Ach, Fogacer! Du, einer der Leibärzte des Herzogs von Anjou! Und stürzt dich in solche Mummereien! Mit Landstreichern!«

»Trahit sua quemque voluptas!«1 sagte Fogacer mit einem Seufzer. »Doch weiter. In Périgueux nun bewog ich diesen Engel – denn ein Engel ist er, sowohl im Herzen wie in seiner leiblichen Hülle –, seinen Tyrannen sitzenzulassen und mit mir zu fliehen. Die ganze Zeit, solange meine Leidenschaft seinen Interessen diente, hatte der Schausteller milde die Augen zugedrückt, nun plötzlich, da ich ihn verließ, schlug ihm sein christliches Gewissen, und er schwärzte mich beim Bistum von Périgueux«, hier senkte Fogacer die Stimme, »als Sodomiten und Gottesleugner an, denn der Elende hatte beobachtet, daß ich selten zur Messe ging. Worauf das Bistum mir einen feisten Büttel in die Herberge schickte, damit er mich festnehme, ich besagten Büttel mit klingender Münze schmierte, damit er mich laufen ließe, und stehenden Fußes entfloh, denn es stank um mich nach Brand und Schwefel, und wer wüßte besser als ich, daß die Verfemten in diesem Reich keine Gerechtigkeit erhoffen können.«

»Die Verfemten, Fogacer?«

»Hugenotten, Juden, Atheisten, Sodomiten. Und als der letzten beides kann man mich doppelt verbrennen, obwohl einmal reichte. Ha, grausames Jahrhundert! Welch ein Eifer, mein Lieber, sich Gott gefällig zu machen auf Kosten des Menschen!«

Hiermit brach er in Gelächter aus, aber mit der Miene eines, der tausendmal mehr Grund hatte zu weinen.

»Woher wußtest du, daß du mich auf Mespech findest?« fragte ich nach einer Weile Schweigen.

»Erst in Sarlat hörte ich zu meiner großen Erleichterung, daß du der Bartholomäusnacht mit heiler Haut entronnen bist. Mein Pierre«, fuhr er fort, indem er sich aufsetzte und mir in die Augen blickte, »kann ich auf Mespech bleiben, bis sich die klerikalen Nachstellungen gelegt haben? Danach gedenke ich über Bordeaux nach La Rochelle zu gehen. Wie ich hörte, belagert mein Herr die Hugenotten, die sich dort verschanzt haben.«

»Ach, reizender Verfemter«, sagte ich lächelnd, »mußt du dem Herzog von Anjou helfen, andere Verfemte in Stücke zu hauen?«

»Nein, nein, mi fili«, sagte Fogacer, »nicht dabei will ich ihm helfen, ich will ihn nur von seinen Leiden befreien. Das einzige Blut, das ich zu zapfen gedenke, ist seines, auf daß es, weil's blau ist, mich vor Verfolgung schütze.«

Ich lachte und versicherte Fogacer, daß er auf Mespech bleiben könne, solange er wolle, mein Vater wisse, daß er mir zu Montpellier das Leben gerettet hatte, als die Richter mir wegen der bewußten Grabschändungen und meines Liebesaktes mit einem teuflischen Unterrock an den Kragen wollten.

Der Schnee fiel auch in den Tagen nach Fogacers Ankunft so dicht und dick, daß er uns Wege und Stege rundum zu versperren drohte, schon war die Straße nach Sarlat zugeweht und wir vom Sitz der Seneschallei abgeschnitten. Was, wie die Greise in unseren Dörfern sagten, im Périgord seit siebenundsechzig Jahren nicht mehr vorgekommen war. So einigten sich die Herren Brüder denn mit den Adligen der Nachbarschaft, dieser Unbequemlichkeit mittels ihrer Hintersassen zu wehren und wenigstens die Wege zwischen Marcuays und den Burgen freizuhalten, eine Sisyphosarbeit, die den armen Leuten sehr sauer wurde, mußten sie doch, schwitzend im eisigen Wind, Wege freischaufeln, die am nächsten Morgen wieder zugeschneit waren, eine endlose Fron, die sie den Grundherren schuldeten und der sie sich nur widerwillig beugten, weil sie keinen Lohn dafür erhielten. Als einzige Baronie schenkte Mespech ihren Leuten heiße Suppe aus, aber nur einmal am ganzen langen Tag.

Ich wollte beim Räumen der Wege um Mespech helfen, Samson auch (François fand die Sache natürlich unter seiner Würde), und kaum wurde mein Entschluß bekannt, gab es keinen gesunden Mann auf Mespech, der nicht mitmachte, Giacomi, Fogacer, ja Quéribus sogar, der sich ungeachtet seiner geckischen Eleganz ins Zeug legte, um ja nicht weniger zu schuften als ich. Wahrlich, es war ein harter Tag für uns und unsere schmerzenden Hände! Nur Giacomi hatte die seinen mit Handschuhen geschützt, damit seine Kunst nicht leide. Wie gierig verschlangen wir unseren Imbiß, als wir bei Einbruch der Dunkelheit zurückkehrten nach Mespech! Und wie freudig begrüßten Quéribus, Samson und ich das lodernde Feuer und die hellen Lichter in Gertrudes Kemenate, wo wir unsere reizenden Damen höchst beschäftigt fanden, Kleider und Schmuck für das Fest am 10. November auszuwählen. Ha, wie es raschelte von Seiden und Brokaten, wie es von Perlen schimmerte und von Steinen! Betörende Düfte gingen um, und süßes Geplapper! Was hatte ich doch für ein Glück, dachte ich, in diesen Wonnen schwelgend, daß ich auf einer Burg geboren war und nicht in einer Kate.

Meine kleine Schwester war auch dabei, und liebevoller zu Gertrude, als sie es je gewesen, denn in ihrer Güte trat diese ihr zum Ball ein sehr hübsches Kleid ab, das nur in der Taille enger gemacht und ein wenig gekürzt werden mußte, damit es richtig paßte.

»Baron«, sagte Gertrude, nachdem Quéribus sie zurückhaltender als sonst begrüßt hatte, vielleicht weil Catherine zugegen war, »Ihr seid der Erfahrene in höfischen Bräuchen, bitte, ratet uns: Ich finde die Rubine zum Rosaton des Kleides passender, Catherine ist mehr für die Perlen.«

»Das kommt darauf an«, sagte Quéribus, der sich ernsthaft wie ein Richter seines Schiedsamtes annahm. »Wenn Ihr das rosa Kleid tragen würdet, schöne Gertrude, wäre ich für die Rubine, weil beide Farben in natürlicher Verwandtschaft stehen. Wenn aber Dame Catherine mit ihren sechzehn Jahren es trägt, finde ich die Milchweiße der Perlen ihrer Jungfräulichkeit feiner angemessen.«

Hiermit warf er Catherine einen eindringlichen Blick zu und machte ihr eine tiefe Verneigung, worauf sie mit den Wimpern schlug und heftig errötete.

»Baron«, sagte Gertrude, für die Quéribus als Vertrauter des Herzogs von Anjou in diesen Dingen nicht irren konnte, galt doch der Herzog urbi et orbi als Musterbild der Eleganz, »Euer Spruch ist uns Gold wert und sehr galant: Wir werden Euren Rat beherzigen.«

Schöne Leserin, die Sie dies lesen und sicherlich das Fieber vor einem Ball kennen, auf dem Sie doch ums Leben gern zu Ihrem Vorteil und in all Ihrem Glanz erscheinen wollen – ich flehe zum Himmel, Sie möchten es mir nicht allzusehr verübeln, daß ich Ihnen dieses Fest am 10. November nicht schildere, wie Sie es vielleicht erwarten. – »Warum denn nicht, Monsieur?« – Weil die Zeit drängt: Ich versprach zu galoppieren. – »Mir scheint aber, Monsieur, daß Sie seit Ihrer Heimkehr nach Mespech nicht eben galoppierten.« – Das kommt, weil ich dieser Zeit in meinem zinnenbewehrten Nest, als an der fröhlichen Tafel noch kein Platz leer blieb, mit großer Wehmut gedenke. – »Sie erschrecken mich, Monsieur! Ist es jemand, den ich liebe?« – Nein, nein. – »Ist es wirklich nicht Ihre Schwester?« – Nein. Sie lebt und ist sehr lebendig zur Stunde, da ich Graubart dies schreibe. Und auf jenem großen Fest am 10. November, Madame, war sie die Königin, wie unser Nachbar Brantôme gesagt hätte. – Oh, ja! Catherine überstrahlte sogar Gertrude du Luc und ihre Gesellschafterin mit einem Glanz, daß es keinen périgurdinischen Edelmann gab, der nicht mit ihr tanzen wollte. Und Baron von Quéribus, der, wie er sagte, all die Schönheiten am Pariser Hof in- und auswendig kannte, war so geblendet von dieser jungen Sonne, daß er sie dreimal aufforderte, und hätte es auch ein viertes Mal getan, hätte mein Vater ihm nicht zugeflüstert, er möge es lassen, um nicht erst Zungen in Bewegung zu setzen. Worein mein Quéribus sich nur sehr ungern und mit niedergeschlagener Miene schickte.

Obwohl unsere Fronbauern die Wege von Mespech nach Marcuays und von Marcuays nach Puymartin am selben Tag freigeräumt hatten, schneite es während des Balls so dicht und andauernd, daß unsere Pferde und Gertrudes Kutsche, worin unsere drei Damen Platz genommen hatten, auf der Heimkehr nach Mespech der Verwehungen kaum Herr wurden: Ach, und wie ängstigte unsere Verspätung den armen Sauveterre, der in der Bibliothek in Gesellschaft Fogacers auf uns wartete, hatte doch auch er Puymartins Einladung ausgeschlagen. Solcher Festlärm, sagte er, sei nichts für ihn.

»Mein Neffe«, sagte mir Sauveterre anderntags, in seinem schwarzen Kleide mehr denn je einem duckenden Raben gleich, »Ihr habt an Fogacer einen Freund, den Ihr Euch zum tugendsamen Vorbild nehmen solltet. So jung er auch ist, und Papist obendrein, schätze ich ihn doch dafür, daß er die Gesellschaft eines Alten und eines kleinen Dieners all jenen Dalilas vorzog.«

»Dalilas, aber Herr Onkel! Auf Puymartin waren die besten Edelleute des Sarladischen Landes versammelt!«

»Doch nur, um jenen nachzustellen!« sagte Sauveterre bitter. »Wie anders hält es Euer Freund! Wißt Ihr, daß er seinen Pagen das Lesen lehrt, damit sein Geist sich den reinen Lehren öffne? Ein ehrwürdiger Doktor der Medizin, und gibt sich größte Mühe, einen einfachen Diener zum Verständnis der Wahrheit zu erziehen – ich bewundere ihn!«

Hierauf erwiderte ich nichts, sondern bewunderte im stillen Sauveterres heilige Einfalt und Fogacers Beherrschung seiner selbst. Ach, dachte ich, welch ein Jammer, daß die Härte unserer Sitten ihn zwang, mit geschlossenem Visier durchs Leben zu gehen und scheinheilig zu tun, so daß unser guter Sauveterre zwar die Katze sah und hörte, aber ihr Miauen nicht verstand.

Es schneite auch nach dem 10. November weiter, der Schnee häufte sich über unserem Land, Wege und Straßen, außer den unseren, waren unbegehbar, ob zu Fuß, ob zu Pferde, man wäre völlig eingesunken. Aus der Abreise von Quéribus wurde also nichts, und obwohl er drei Tage vor dem Ball noch geschworen hatte, ihm siede das Blut vor Ungeduld, an der Seite des Herzogs von Anjou gegen La Rochelle zu kämpfen, war er nun weniger verärgert, als ich erwartet hatte, daß er bleiben und seinen Aufbruch von Woche zu Woche verschieben mußte.

Daß wir in diesen frostigen Monaten nun allesamt auf Mespech hockten, sahen die Herren Brüder mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Mein Vater freute sich, Samson und mich länger um sich zu haben als erhofft, und wenn Sauveterre, der uns herzlich liebte, diese Freude auch teilte, wurde sie ihm doch durch den odor di femina und die nicht enden wollende Verschwendung in unseren Mauern bitterlich vergällt. Und ging er in seinem Geiz soweit zu beklagen, wieviel gute Dinge die leckerigen Damen verzehrten, hielt ihm mein Vater entgegen, daß Giacomi, Fogacer und Sylvio dreimal soviel verschlängen. Die seien aber Männer, sagte Sauveterre, und legten, wo nötig, in Haus und Hof mit Hand an, woran die Damen nicht im Traum dächten.

»Und es kann doch niemand übersehen«, fuhr Sauveterre fort, während er ruhelos durch die Bibliothek humpelte, »daß Eure Dame du Luc ihre Kemenate in einen Palast der Circe verwandelt und unsere Jungen verzaubert hat.«

»Ach!« sagte mein Vater, »wohl sah ich unsere Jungen oft hineingehen, aber noch nie als Schweine herauskommen.«

»Sie zieht auch Catherine in ihren Bann«, sagte Sauveterre. »Catherine ist schon ganz in sie vernarrt – und in Quéribus, glaube ich. Jedenfalls steckt sie andauernd in diesem Zimmer.«

»Ha! Jetzt wird es ernst«, sagte mein Vater stirnrunzelnd. »Da heißt es Augen offenhalten, und womöglich einen Riegel vorschieben. Pierre«, wandte er sich an mich, der ich, in die Abhandlung des Vesalius vertieft, am Tisch vorm Fenster der Bibliothek saß, »was hältst du davon, daß Quéribus jeden Tag nach Mespech kommt?«

»Daß der Feilspan schon weiß, warum der Magnet ihn anzieht«, sagte ich, indem ich aufstand und mich zu ihm gesellte. »Aber, Herr Vater, soviel Quéribus mit Dame Gertrude auch tändeln mag, ist er zu Catherine doch so ernst und respektvoll, daß auch der schärfste Tugendwächter nichts einzuwenden hätte.«

»Und Catherine?«

»Kalt wie ein Fels in der Winterbrandung.«

»Ein Fels!« schrie Sauveterre auf und hob die Arme gen Himmel, »was für ein Fels ist das, der lichterloh brennt! Seht Ihr nicht das Feuer in ihren Augen, wenn sie nur nach ihm blickt?«

»Herr Bruder«, sagte mein Vater, den diese Rede ein wenig zu verstimmen schien, »wenn Gott nicht dieses Feuer zwischen Mann und Weib gesetzt hätte, weshalb sollten sie sich dann vereinigen, so verschieden, wie sie sind? Pierre«, fuhr er fort, »habt Ihr wirklich keine heimlichen Billetts zwischen Catherine und dem Baron hin und her gehen sehen? Kein Geflüster zwischen Tür und Angel?«

»Nein. Beide Feuer brennen, aber jedes für sich, so als hätten sie Angst voreinander.«

»Was solche Angst heißt, das kennt man!« schimpfte Sauveterre und humpelte wütend ans andere Ende der Bibliothek. »Beim Ochsenhorn, ein Papist!«

»Aber, Gertrude ist auch Papistin!« sagte mein Vater süßsauer. »Und Diane. Und Angelina. Soll meine Tochter dafür büßen, daß ihre Brüder Papistinnen lieben?«

Mehr sagte mein Vater nicht, trotzdem hatte ich verstanden, daß er Quéribus nicht abweisen würde, sollte dieser an ihn herantreten, wäre der Baron für Catherine doch eine Partie weit überm Besten, was das Périgord zu bieten hatte, sehr wohlgeboren, vermögend, reich an Verbindungen und hoch in der Gunst des Herzogs von Anjou, der eines nahen Tages König werden würde, denn Karl IX. hatte keinen Erben, und sein Leiden wurde von Monat zu Monat schlimmer.

Ich grämte mich in diesen langen Winterzeiten, daß ich wegen der unpassierbaren Wege keine Nachricht von meiner Angelina erhielt. Ich dachte an sie von früh bis spät, und sosehr ich mich auch in das Magnum Opus des Vesalius vertiefte, blickten mich doch ihre schönen Rehaugen immer wieder durch die Zeilen des erhabenen Werkes an, und mein Herz schwankte zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Gewiß kann ein Mann dieses Herz von seinem gebieterischen Verlangen trennen, meine kleine Schlange Gavachette kam dafür auf. Aber war das erfüllend? Ich weiß nicht, denn alle Freuden und Wohltaten, mit welchen der weibliche Körper uns erquickt und schmeichelt, schenken der Seele, wenn sie nicht mit Liebe einhergehen, nie die höchste Süße. Sicherlich erleichterte die Gavachette meiner Jugend die drückenden Mauern von Mespech, trotzdem stand sie mir bei weitem nicht so nahe wie früher meine kleine Hélix, oder auch meine kleine Feuerfliege in Paris, an die ich oft voll großer Dankbarkeit dachte für die Hilfe, die sie mir und den Meinigen in den blutigen Stunden von Sankt Bartholomäus geleistet hatte.

Ich hatte meine Angelina in Paris nur wenige Sekunden sehen dürfen, als ich neben ihrer Kutsche einherlief und mit der Hand den Vorhang aufhob, der vor dem Schlag niedergelassen war, aber welch einen Blick hatte sie mir da gesandt! Sprach er nicht Bände? Wieder und wieder las ich den Brief, den ich nach meiner Heimkehr auf Mespech von ihrer Hand erhalten hatte, bevor der Schnee uns abschnitt von der Welt, und worin sie mir die Hoffnung gab, eines nahen Tages könnte Pater Anselme der Beichtiger von Monsieur de Montcalm werden und sich unseren Plänen weniger abgeneigt erweisen. Ach, könnte Angelina endlich doch die meine werden, nach so vielen Jahren! Wie viele Schöne ich auch an allen Ecken und Enden des Reiches gesehen hatte, denk ich allein an die Hofdamen Katharinas von Medici – kraft welcher Hexerei hatte allein Angelina mit einem Blick aus ihren süßen Augen an dieses Herz gerührt, daß es fortan einzig von ihrem Bild erfüllt war?

Der Schnee taute erst am 5. April, nun aber mit aller Macht, so daß unglaubliche Mengen Wasser das Land überfluteten und die befreiten Wege derart unter Schlamm setzten, daß man auch jetzt nicht fortkonnte. Zum Glück ist unser périgurdinisches Land nicht eben, sondern hügelig, und auf den abschüssigen Wegen blieb das Wasser nicht lange stehen, sondern sammelte sich brausend in den Schluchten, schwellte unsere Beunes und machte die Mühle von Coulondre Bras-de-Fer zur Insel, die man nur noch auf einem Kahn erreichen konnte. Doch einmal mußte aller aufgeweichte Lehm trocknen, wie es in der Bibel von der Erde nach der Sintflut geschrieben steht, die Sonne tat das Ihre, unsere Böden festzumachen, und mein Quéribus, den Tod in der Seele, mußte zum Aufbruch blasen. Wenn er im Dienst des Herzogs von Anjou nicht fiele, versicherte er mir – ohne zu wissen, wie es mit dem Krieg und der Belagerung von La Rochelle inzwischen stand –, würde er mir schreiben und, wenn er könnte, wiederkehren nach Mespech, wo er Freunde zurücklasse – er gebrauchte diese unbestimmte Mehrzahl –, von denen zu scheiden ihm das Herz bitterschwer mache. Dann fiel er mir um den Hals, nannte mich seinen »Bruder« – was er noch nie getan – und gab mir innigst alle die Küsse, die er so gerne zarteren Wangen geschenkt hätte.

Die Damen weinten beim Abschied, was aber bei Zara wenig besagte, war doch ihre heimliche Sehnsucht viel zu groß, in den Umkreis von Paris zurückzukehren. Nicht so Gertrude. Sie hatte meinen Vater von Herzen liebgewonnen und in ihrer Herzensunschuld sogar Sauveterre, ohne zu ahnen, welchen Aufruhr sie in seinem Gemüt gestiftet hatte durch ihre Weiblichkeit sowohl wie durch den unbedenklichen Verzehr des Wohlstands von Mespech. Wenn ihre Augen aber auf meinem Samson ruhten, dann blitzten sie wie die eines Adlers, der ein Lämmlein in seinen Klauen davonträgt, auch wenn diese Klauen die Milchhaut meines Herzbruders sehr zärtlich und sein kupferfarbenes Vlies nicht allzu grausam packten. Laß diesen Ehestand erst Fuß gefaßt haben in der Normandie, dachte ich angesichts ihrer bebenden Nüstern, und sie wird ihm den Marsch blasen.

»Ha, mein Samson!« sagte der Baron von Mespech und schloß ihn in die Arme, daß es kein Ende nehmen wollte, »mein Sohn, mein Sohn! Wann werde ich dich wiedersehen?«

Mehr sagte er nicht, doch als Kutsche und Reiter am Horizont verschwanden, zog er sich mit Sauveterre, François und mir in die Bibliothek zurück, und in seinem hohen Lehnstuhl schlug er die Hände vors Gesicht und weinte lautlos. Wir verharrten stumm, wie gelähmt, sowohl durch seine Schwermut wie durch diese jähe Stille nach soviel Fröhlichkeit, die Quéribus und die Damen ins Haus gebracht und nun mit sich fortgenommen hatten.

Es klopfte an der Tür, ich öffnete und ließ meine großgewordene kleine Schwester herein. In Himmelblau gekleidet, ein Band derselben Farbe im goldenen Haar, betrat Catherine den Raum in jenem raschen und herrischen Schritt, der mich an meine Mutter erinnerte, das Haupt wie gewöhnlich stolz erhoben, doch schienen mir ihre Augen verweint.

»Herr Vater«, sagte sie nach einem tiefen Knicks, »dieses Billett fand ich in meinem Handarbeitskorb, und da es an mich adressiert ist, die ich als Unvermählte der väterlichen Obhut unterstehe, meinte ich, Ihr solltet es lesen.«

»Laßt sehen«, sagte der Baron von Mespech nicht ohne Ernst und Würde.

Und unbewegten Gesichts las er den Brief, nachdem er ihn entfaltet hatte, reichte ihn Sauveterre, der ihn stirnrunzelnd las und an François weitergab, der ihn mit hochmütiger Miene überflog und, auf einen Wink meines Vaters, mir hinstreckte. So lautete er:

Madame, mit dem Munde sagte ich Euch Lebewohl, erlaubt mir nun, daß ich Euch durch dieses Schreiben die Hände küsse als derjenigen, die ich auf der Welt am meisten ehre und liebe. Und dieses soll mein Wollen und Wort laut verkünden und durch Taten beweisen.

Die Tage, da Ihr mir ferne, werden mir Jahre sein. Seit der so gesegnete Schnee zur Unzeit schmolz und der Boden trocknete, das schwöre ich, trockneten meine Augen keine einzige Nacht.

Ich küsse hunderttausendmal Eure Hände.

Quéribus.

»Catherine«, sagte mein Vater endlich, »habt Ihr dieses Billett gelesen?«

»Würde ich es Euch gebracht haben, wenn ich's nicht gelesen hätte?« sagte Catherine im Ton gleichsam ungehörigen Respekts.

»Ich verstehe. Und was haltet Ihr von dem, was darin geschrieben steht?«

»Herr Vater«, sagte Catherine, »ich werde davon halten, was Ihr meint, daß ich davon halten soll.«

Und hierbei machte sie meinem Vater einen noch tieferen Knicks, und ihm verschlug es die Sprache, daß Catherine zugleich so unterwürfig und so hochfahrend sein konnte und soviel stumme Auflehnung in ihre untadelige Ehrerbietung zu legen vermochte. Die seltsame Mischung verwirrte den Baron von Mespech derart, daß er, wette ich, sich lieber mit dem Schwert in der Hand fünf oder sechs Banditen gestellt hätte als in so friedlichem Gespräch seiner eigenen Tochter, seinem »Liebling«, seiner »Seele«, seinem »Augapfel«.

»Schön«, sagte er ergeben, »Ihr könnt gehen, Catherine.« Was sie mit majestätischem Rockschwingen und hoch erhobenen Hauptes tat.

»Nun, mein Herr Bruder«, sagte mein Vater, »wie steht Ihr dazu?«

»Mit so einem Verräter sollte man unverzüglich brechen!« sagte Sauveterre, und seine Augen glühten.

»Warum?« fragte mein Vater.

»Ist es nicht ein Verstoß gegen die Gastfreundschaft, der Tochter des Hauses heimlich einen so falschen und verlogenen Brief zu schreiben?«

»Verlogen?« fragte mein Vater, die Brauen wölbend. »Mich rührte er eher. Inwiefern verlogen?«

»Herr Bruder«, versetzte Sauveterre entrüstet, »Ihr glaubt doch nicht etwa, daß Quéribus all die Nächte seit der Schneeschmelze geweint hat?«

»Herr Onkel«, sagte ich rasch, »Quéribus ist kein Lügner, im Gegenteil! Nehmen wir doch den Brief nicht wortwörtlich. Die ›nicht getrockneten Augen‹ sind höfische Redeweise seit Ronsard.«

»Ach!« schrie Sauveterre, auf dem Gipfel seines Zorns, »Ronsard! Ihr, mein Neffe, habt also Ronsard gelesen? Diesen geschworenen Feind unseres Glaubens?«

»Ich habe seine Liebessonette gelesen«, sagte ich, beschämt, es in dieser Bibliothek zu bekennen, die keinen frivolen Dichter enthielt, außer vielleicht Anakreon auf griechisch.

»Wir irren ab«, sagte mein Vater. »Herr Bruder, was Quéribus angeht, verbirgt Euch der Höfling den Menschen, fürchte ich. Denn der ist aus gutem Holz. Nichts verpflichtete ihn, Unbequemlichkeiten und Gefahr auf sich zu nehmen, um Pierre nach der Bartholomäusnacht in Saint-Cloud zu verstecken und ihn bis hierher zu geleiten. Und was sein Briefchen betrifft: Ich kann es nicht verdammenswert finden, daß er eine Dame seines Respekts versichert und ihr baldige Beweise verspricht. Ich meine, man soll der Sache ihren Lauf lassen.«

»Ihren Lauf lassen!« schrie Sauveterre.

»Ja, und abwarten, bis der Baron sich erklärt, zumal Catherine von ihm eingenommen ist, wie es sich in der Art zeigte, mit der sie seinen Brief den Männern ihres Hauses unter die Nase hielt.«

»Herausfordernd!« sagte Sauveterre bitter.

»Lassen wir das! Ich werde mit meiner Tochter nicht die Klinge kreuzen, wie ich es leider mit meiner seligen Gemahlin tat, deren Blut und rebellisches Wesen sie geerbt hat. Nichts geht über Güte und Nachsicht. Jedenfalls will ich ihr keinen Kummer machen, wenn ich es vermeiden kann.«

In der darauffolgenden Woche spürte ich, daß der Baron von Mespech, so heiter er sich auch gab, doch sehr darunter litt, daß Samson dem Nest entflogen war, und ich beschloß, mein eigenes Fortgehen noch ein wenig aufzuschieben, um den Schmerz eines Vaters, des besten auf der Welt, nicht abermals zu vermehren. Ha! Er hätte gewiß nicht wie Montaigne gesagt, er habe zwei oder drei Kinder in frühem Alter nicht ohne Trauer, doch ohne viel Gram verloren. Denn ein so großer Kriegsmann mein Vater auch war, der sich bekanntlich bei Cérisoles und Calais ausgezeichnet hatte, begegnete er seinen Kindern zärtlicher, gütiger und liebevoller als eine Mutter und wachte mehr über unser Wohlergehen denn über sein eigenes. In jenen melancholischen Tagen nach Samsons Abschied hörte ich ihn öfter sagen, wie er sich freue, daß sein schöner Bastard sich in der Normandie mit Gertrude vermählte und von ihr die Apotheke zu Montfort erhielt, weil er fand (und ich bitte meine schönen Leserinnen, über die Worte eines Landedelmannes nicht die Stirn zu runzeln), »es gebe kein größeres Glück für einen Mann, als sein Leben lang einem guten Weibe beizuliegen und freudig seinem Werk nachzugehen«.

Ich hatte noch andere Gründe, mich länger zu verweilen. Der Frühling kam, Mespech prangte in Grün und Blüten, und ich wollte den Wonnemond in meinem Périgord auskosten, nach dieser langen Winterszeit in unseren Mauern. Sowie die Wege frei und trocken waren, schrieb ich meiner Angelina, um sie meiner für immer unveränderlichen Gefühle zu versichern, wie ich es ihr bei unserer ersten Begegnung versprochen hatte, und kaum war mein Brief abgesandt, wartete ich – so töricht und über alle Vernunft ist das Herz eines Liebenden – schon Tag um Tag auf ihre Antwort, obgleich diese vor Sommersmitte gar nicht eintreffen konnte.

Fogacer hatte, gefolgt von seinem Sylvio, unsere Mauern gleichzeitig mit Quéribus verlassen, ebenso ungeduldig wie der ...

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