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Noch immer dein

1. KAPITEL

Die Familie McBride wurde seit Generationen von Skandalen geplagt, als ob ein nicht zur Ruhe gekommener Geist sich an ihr rächen wollte. Manchmal glaubte Trevor McBride, dass der alleinige Daseinszweck seiner Familie darin bestand, dem Klatsch in Honoria, Georgia, Nahrung zu geben. Bislang wähnte er sich gegenüber dem Fluch allerdings als immun.

Auf der Highschool war er ein Einserkandidat gewesen, zugleich der Baseballstar der Stadt. Er hatte ein Stipendium für das College bekommen und das Jurastudium mit Auszeichnung abgeschlossen. Direkt danach war er nach Washington gegangen, wo er schon nach kurzer Zeit als strebsamer junger Politiker Aufsehen erregt hatte. Aus der Ehe mit seiner Frau, die aus einer der distinguiertesten Familie aus Virginia stammte, waren zwei schöne Kinder hervorgegangen. Alles in allem galt er als glücklicher und erfolgreicher Mann.

Trevor war es einunddreißig Jahre lang gelungen, dem Fluch seiner Familie zu entgehen. Zu seinem Verdruss musste er dann entdecken, dass der Skandal vor keinem der McBrides haltmachte, und sah sich gezwungen, mit dem Getuschel hinter seinem Rücken zu leben. Daran gewöhnen würde er sich jedoch niemals können.

Aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass ihn Martha Godwin und Nellie Hankins beobachteten, während er einen Einkaufswagen an den Regalen mit Getreideflocken vorbeischob. Die beiden Frauen sprachen angeregt miteinander, und er bezweifelte keine Sekunde lang, dass er der Gegenstand ihrer Unterhaltung war. Dabei kannten sie im Gegensatz zu den Washingtoner Lästerzungen die unangenehmen Einzelheiten vom Tod seiner Frau im Vorjahr nicht einmal. Trevor beabsichtigte auch nicht, diese Tatsachen in Honoria publik zu machen.

“Komm schon, Sam”, sagte er. “Trödle nicht so!”

Sein fünfjähriger Sohn war vor einer besonders reizvollen Packung stehen geblieben. “Können wir die mitnehmen, Dad?”

Trevor warf einen Blick auf die Packung. Sie enthielt Schokopuffreis und Marshmallows mit Schokoladengeschmack. “Ich glaube, das ist keine so gute Wahl. Bleiben wir bei dem, was wir bisher ausgesucht haben. Jetzt aber weiter mit dir, Abbie bekommt Hunger.”

“Ich auch.” Sam stellte das gesüßte Müsli wieder ab und eilte seinem Vater hinterher. “Kann ich ein Fun-Menü bekommen? Diese Woche gibt es Rennwagen.”

Trevor seufzte innerlich mit Blick auf den Einkaufswagen, der mit ‘gesunden’ Lebensmitteln gefüllt war. Jeden Tag bat ihn sein Sohn um einen Hamburger mit fettigen Pommes und einem billigen Spielzeug in einer bekannten Schnellrestaurantkette. Trevor versuchte, nicht allzu oft nachzugeben. “Heute nicht, Sam.”

Die vierzehn Monate alte Abbie brabbelte auf ihrem Sitz im Einkaufswagen etwas Unverständliches. Trevor schob eilig den Wagen an den beiden Klatschmäulern vorbei. Hoffentlich würden sie ihn nicht auch noch ansprechen.

“Ach Trevor, mein Bester.”

Wenn seine Kinder nicht dabei gewesen wären, hätte er lauthals geflucht. Da eine Unterhaltung unumgänglich schien, blieb er stehen. Er bemühte sich um einen einigermaßen herzlichen Ton. “Guten Abend, Mrs. Godwin.”

Nellie Hankins hatte sich eilig entfernt. Eine Hankins würde sich niemals mit einem McBride unterhalten. Vor Urzeiten hatte es zwischen den Familien einen Skandal gegeben.

Martha Godwin stellte sich ihm mit dem Feingefühl eines Wirbelsturms in den Weg. “Wie ist es dir ergangen, Trevor? Du hast dich schon lange nicht mehr in der Stadt gezeigt.”

“Ich war beschäftigt, Mrs. Godwin.”

Ihre Miene zeigte plötzlich unechtes Mitleid, und es gab nichts, was er mehr verabscheute. “Ach, du Ärmster. Was muss es schwierig sein, diese zwei wundervollen Kinder ganz allein großzuziehen!”

Sam drückte sich eng an Trevors Bein. Er hasste es, wenn er im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand. Abbie brabbelte und saugte heftig schluchzend am Daumen.

“Mein kleiner Schatz”, säuselte Martha.

“Entschuldigen Sie mich, Mrs. Godwin, die Kinder sind hungrig. Auf Wiedersehen.”

Er schob den Wagen an, sodass sie ihm ausweichen musste, wenn sie nicht einen Zeh einbüßen wollte. Eingeschnappt legte sie einen würdigen Abgang hin. An diesem Abend würde sie aus Trevor ohnehin keine interessanten Einzelheiten mehr herausbekommen.

“Alle Achtung, wie Sie die alte Streitaxt auf ihren Platz verwiesen haben.” Die Befriedigung der Supermarktkassiererin sprach Bände. Wahrscheinlich war sie selbst bereits einmal zum Opfer von Marthas Tratsch geworden.

Ohne auf das Lob näher einzugehen, bezahlte Trevor eilig, um so schnell wie möglich nach Hause fahren zu können.

Am ersten Tag der Sommerferien seufzte Jamie Flaherty glücklich auf, ließ ihre leuchtend angemalten Zehennägeln tanzen und die nahezu vollkommen nackte Haut von der Sonne bescheinen. Sie nahm sich vor, nicht allzu lange im Freien zu bleiben. Sie dachte an die Hautschäden, die ein Sonnenbad anrichten konnte. Sie genoss es aber einen Moment, faul und glücklich dazusitzen und die warmen Strahlen auf ihrer Haut zu spüren.

Ihre Eitelkeit zwang sie schließlich, sich in den Schatten des Sonnensegels am Pool zu begeben. Da sie in wenigen Monaten dreißig wurde, wollte sie keine frühzeitige Fältchenbildung riskieren. Sie würde das Altern bekämpfen, solange es die moderne Technik irgendwie möglich machte.

Sie beförderte ihre hochgeschobene Sonnenbrille zurück auf die Nase und blickte sich um. An diesem Montagnachmittag Anfang Juni genossen nicht viele den Gemeinschaftspool. Die meisten Leute mussten während der Woche arbeiten, wenn sie nicht gerade wie Jamie Ferien hatten. Fünf oder sechs Kinder spielten am flachen Ende des Pools. Einige trugen Schwimmflügel, andere brüsteten sich mit ihren neu erworbenen Schwimmkünsten. Drei Frauen saßen in eine Unterhaltung vertieft nahebei und warfen ab und zu einen Blick auf ihre Kinder.

Ein kleiner Junge von vielleicht vier oder fünf Jahren saß am Rand des Pools und ließ die Beine im tiefen Wasser baumeln. Die blonden Haare waren trocken, und er sah nicht so aus, als ob er überhaupt im Wasser gewesen sei. Dennoch wirkte er weder unglücklich noch gelangweilt. Er muss nachdenklich sein, dachte Jamie. Nur eine Erwachsene war im Wasser. Es war eine junge Frau, die mit einem quietschvergnügten Säugling in einem schwimmenden Plastiksitz spielte. Das Mädchen war blond und sah dem Jungen ähnlich, der am Rand der Pools saß.

Jamie schaute wieder blinzelnd in den blauen Himmel.

In der Nähe des Sprungbretts am tieferen Ende des Pools warfen sich mehrere Teenager in Pose. Die meisten Teenies trafen sich dieses Jahr ohnehin im neuen Schwimmbad am anderen Ende der Stadt. Ein junger Bademeister saß lässig auf dem Hochsitz. Seine Aufmerksamkeit galt mehr den hübschen Körpern der Mädchen als seinen Pflichten.

Jamie streckte sich lächelnd auf ihrer Liege aus, während sie an ihre Schulzeit zurückdachte. Wie hatte sie selbst damals mit anderen Mädchen vermeintlich unauffällig um die Aufmerksamkeit der jungen Bademeister gebuhlt. Sie lächelte noch breiter, als sie sich daran erinnerte, wie oft ihre Methode von Erfolg gekrönt gewesen war.

“Ich kenne dieses Lächeln. Das hat noch immer besagt, dass du nichts Gutes im Schilde führst”, bemerkte eine Stimme, die sie sofort erkannte.

“Ich erinnere mich gerade an diesen Unfug.” Jamie deutete mit dem Kopf auf die Teenies, die im Bikini vor dem Bademeister posierten.

Die hochschwangere Susan Schedler ließ sich ächzend auf den Liegestuhl neben Jamie nieder. “War ich jemals so schlank und jung?”

“Na hör mal, wir waren scharfe Mädchen.” Jamie lächelte ihre alte Freundin aufmunternd an.

Susan blickte vielsagend auf Jamies leuchtend roten Bikini. “Eine von uns ist das heute noch.”

“Danke, das ist aber nett.”

“Das ist eine Tatsache.” Susan lehnte sich zurück und legte eine Hand auf ihren gewölbten Bauch.

“Wie geht es dir heute?”

Susan beantwortete die Frage mit einer detaillierten Analyse ihres Zustands. Im Grunde wünschte sie sehnlichst, dass er bald vorbei war. Während Jamie ihr zuhörte, blickte sie nochmals zu den Mädchen hinüber. Sie flirteten auffälliger denn je. Ein Mädchen hatte sich so unter den Hochsitz gestellt, dass der Bademeister ihr direkt ins Bikinitop blicken konnte. Stirnrunzelnd bemerkte Jamie, dass er das freundliche Angebot hemmungslos ausnutzte.

Es gefiel ihr nicht, dass er den Pool dabei ganz aus den Augen verlor. Jamie hatte drei Sommer lang als Bademeisterin gearbeitet und wusste, dass man sich nicht ablenken lassen durfte.

Am flachen Ende planschten und kreischten die Kinder immer noch. Die junge Frau spielte weiterhin mit dem Säugling auf seinem aufgeblasenen Sitz. Jamie blickte auf den Platz, wo der kleine Junge gesessen hatte. Doch dort saß niemand mehr. Wahrscheinlich hatte der Junge der Verlockung des kühlen Wassers nachgegeben. Sie suchte ihn unter den Kindern im flachen Wasser, doch sie konnte ihn auch dort nicht entdecken.

Irgendetwas ließ Jamies Blick noch einmal zu dem Platz wandern, wo sie ihn zuletzt gesehen hatte. Das Wasser war an dieser Stelle fast zwei Meter tief. Es gab Kinder, die schon vor ihrem sechsten Lebensjahr schwammen wie ein Fisch. Dieser Junge hatte dagegen eher zart und unsportlich gewirkt.

Jamie suchte mit den Augen reflexartig den Boden des Beckens ab.

Im nächsten Augenblick sprang sie vor Schreck auf. Mit zwei Schritten war sie beim Becken, riss ihre Sonnenbrille herunter und glitt mit einem Kopfsprung ins Wasser.

Der Junge lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Grund des Pools. Jamie nahm ihn in einen Arm und strampelte sich mit aller Kraft bis zur Oberfläche hoch. Als sie den Beckenrand erreichte, stand bereits der Bademeister mit blassem Gesicht vor ihr, um ihr den Jungen abzunehmen.

Jamie hörte Schreie, ein paar kleine Kinder fingen zu weinen an, und die Teenager redeten nervös miteinander. Doch sie hatte nur Augen für das Kind. Sie kniete neben ihm nieder. Während der schockierte Bademeister noch zögerte, fühlte sie nach dem Puls. Glücklicherweise konnte sie ihn noch spüren, aber der Junge schien nicht mehr zu atmen. Sie drehte das Kind auf die Seite und legte ihm den Arm über den Kopf, damit das Wasser aus seinen Lungen fließen konnte. Sie wollte schon zur künstlichen Beatmung ansetzen, als der Junge zu husten und zu würgen anfing.

Jamie hielt ihn fest, während etwas Flüssigkeit aus seinem Mund lief. Er musste Wasser in die Lungen bekommen haben. Sie war froh, dass irgendjemand einen Krankenwagen gerufen hatte. Das Kind konnte kaum mehr als ein paar Minuten unter Wasser gelegen haben, daher bestand keine Gefahr einer Hirnschädigung. Aber mit Komplikationen war bei Wasser in den Lungen immer zu rechnen. Zum Beispiel mit einer Lungenentzündung, fiel ihr ein. Das Kind musste unbedingt gründlich untersucht werden.

Der Junge weinte jetzt mit ersticktem Schluchzen. Jamie nahm ihn tröstend in den Arm. “Es wird alles gut, mein Schatz”, flüsterte sie.

“Ich habe ihn nicht gesehen”, murmelte der Bademeister. “Ich habe auch nichts gehört.”

“Ein so kleines Kind ist kaum zu hören”, sagte Jamie freundlich, obwohl sie auf ihn ärgerlich war. Ihn würde sein schlechtes Gewissen ohnehin genügend plagen.

“Oh Gott, was ist mit Sam? Sein Vater wird mich umbringen.” Die junge Frau, die mit dem Baby gespielt hatte, eilte an Jamies Seite. Der nasse Säugling saß auf ihrer Hüfte.

Sam schmiegte die Wange noch fester an ihren Hals. Er weinte leise und zitterte. Jamie drückte den kleinen Körper instinktiv ganz fest an sich und wies den Bademeister an, die anderen Leute wegzuschicken.

Er nickte. “Also, jetzt geht jeder wieder an seinen Platz, damit der Kleine etwas Platz hat. Er wird sonst nervös.”

Während sich die Zuschauer entfernten, konnte Jamie in der Ferne schon die Sirene des Rettungswagens vernehmen. Vor ihr stand immer noch die Frau mit dem kleinen Baby auf ihrer Hüfte. Sie wirkte völlig außer sich. Sie mochte ungefähr zwanzig Jahre alt sein. Mit bleichem Gesicht und weit aufgerissenen Augen starrte sie auf den zitternden Jungen.

“Ist das Ihr Kind?”, fragte Jamie.

“Ich bin das Kindermädchen. Geht es Sam gut? Ich werde mir das nie verzeihen können …”

“Es geht ihm gut”, warf Jamie schnell ein. Sie klopfte dem Jungen auf den Rücken und bemühte sich auch des Jungen wegen um einen zuversichtlichen Ton. “Sam wird sich bald wieder wohlfühlen.”

“Er saß am Beckenrand”, sagte das Kindermädchen. “Er wollte nicht mit ins Wasser, deshalb habe ich ihn gebeten, dort zu bleiben, während ich mit Abbie spiele. Ich habe mich ein paarmal nach ihm umgesehen. Dabei war alles in Ordnung. Ich habe dann wieder auf Abbie geachtet, und plötzlich haben Sie ihn aus dem Becken gezogen. Sam, warum bist du ins Wasser gegangen? Du weißt, dass du nicht schwimmen kannst.”

“Ich bin ausgerutscht”, murmelte das Kind an Jamies Nacken. “Ich wollte gerade aufstehen, da fiel ich ins Wasser.”

“Kein Problem”, sagte Jamie. “Niemand macht dir einen Vorwurf, Sam.” Es waren genügend andere hier, die ein schlechtes Gewissen verdient hatten.

Zwei Krankenpfleger eilten in das umzäunte Poolgelände. Sie mussten Sams Arme fast gewaltsam von Jamies Nacken lösen. Er schien offensichtlich eine große Scheu vor Fremden zu haben und antwortete nicht, als die Pfleger mit ihm zu reden versuchten. Als sie ihm sagten, dass sie ihn zur Untersuchung mitnehmen würden, fing er an zu weinen.

“Komm mit mir mit”, bat er Jamie.

Sie streichelte sein nasses Haar. “Dein Kindermädchen und deine kleine Schwester werden dich begleiten, Sam.”

“Er mag mich nicht besonders”, sagte das Kindermädchen. “Ich weiß auch nicht, warum.”

Jamie behielt ihre Vermutungen lieber für sich. “Du wirst dich wohlfühlen, Sam”, versicherte sie dem verängstigten Jungen. “Diese Leute sind sehr nett und werden sich gut um dich kümmern.”

“Ich werde deinen Dad anrufen, damit er zu uns ins Krankenhaus kommt”, versprach das Kindermädchen. “Du weißt, dass er dann alles stehen und liegen lässt, und sofort zu uns kommt.”

Das schien ihn zu trösten. “Mein Dad wird da sein?”

“Sobald ich ihn anrufe.”

“Sam”, sagte die kleine Abbie, die immer noch auf der Hüfte des Kindermädchens saß. Sie winkte ihrem Bruder fröhlich zu.

Sam ließ sich fortführen, wandte dabei aber keinen Moment den Blick von Jamie. Als ob er seine einzige Freundin verlassen müsste, dachte sie seltsam berührt.

Mit den Fingern fuhr sie sich durch ihr nasses rotes Haar und schob es aus ihrem Gesicht, während sie ihnen nachschaute.

Der Bademeister wandte sich scheu an sie. “Ich bin ja so froh, dass Sie hier waren, Ma’am.”

“Konzentrieren Sie sich in Zukunft einfach auf Ihre Arbeit, damit Ihnen das nicht wieder passiert”, entgegnete sie und merkte, dass bei ihr die Reaktion auf den Schock einsetzte. Ihr zitterten die Knie.

“Das werde ich”, versicherte er und eilte zurück auf seinen Posten.

Die Teenies hatten sich auf der anderen Seite versammelt und schienen den Vorfall schon wieder vergessen zu haben. Die drei Frauen, die sich vorhin unterhalten hatten, packten ihre Sachen zusammen, da es Mittagszeit war.

Susan, die während der Aufregung im Hintergrund geblieben war, legte die Hand auf Jamies Schulter. “Geht es dir gut?”

Jamie lächelte. “Ja, ausgezeichnet.”

“Es war erstaunlich, Jamie, wie schnell du warst. Wenn du nicht sofort ins Wasser gesprungen wärst …”

Jamie wollte darüber lieber nicht nachdenken. “Mir ist er zufällig aufgefallen. Das sind alte Bademeistergewohnheiten, die man nicht mehr loswird.”

“Zumindest einer hier hat von deinen Erste-Hilfe-Kenntnissen profitiert.” Susan schaute finster auf den Bademeister, der den fast leeren Pool nunmehr mit höchster Wachsamkeit beobachtete. “Bei so vielen Menschen, die den Vorfall mitbekommen haben, wird er sicher nicht ohne ein paar Maßregeln davonkommen.”

Jamie dachte an den schuldbewussten Blick des jungen Mannes. “Ich denke, dass er seine Lektion gelernt hat.”

Susan gab Jamie ihre Sonnenbrille.

“Danke.”

Susan seufzte heftig auf. “Dabei wollte ich mich hier nur für ein paar Minuten entspannen. Wer konnte ahnen, dass es so aufregend werden würde?”

Jamie sah wieder vor sich, wie Sam am Boden des Beckens gelegen hatte. Dieses Bild würde sie noch lange verfolgen. “Ich hätte gern auf diese Aufregung verzichtet.”

Susan wurde wieder ernst. “Jamie, du hast etwas Unglaubliches getan. Weil du ihn so schnell entdeckt hast, hast du ihn zumindest vor bleibenden Schäden bewahrt, wenn nicht noch mehr.”

Jamie wurde Susans Lob zunehmend peinlich. “Ich bin nur froh, dass ich ihm helfen konnte”, sagte sie, während sie mit ihrer Freundin zum Ausgang ging.

“Trevor McBride wird mindestens doppelt so froh darüber sein”, meinte Susan.

Jamie stolperte. “Was hat denn Trevor McBride damit zu tun?”

Susan warf ihr einen überraschten Blick zu. “Wusstest du das nicht? Sam ist Trevors Sohn.”

“Nein”, murmelte Jamie und wandte das Gesicht ab. “Das wusste ich nicht.” Der Vorfall bekam für sie nun eine vollkommen neue Wendung.

Wenn die Dinge so gelaufen wären, wie sie es sich einmal vorgestellt hatte, wäre sie die Mutter von Trevor McBrides Kindern geworden.

“Sind Sie sicher, dass mit ihm alles in Ordnung ist?” Trevor schien sich nicht von seinem Sohn trennen zu können, der sich seit zwanzig Minuten an seinen Hals geklammert hatte.

Der Arzt, der den Jungen untersucht hatte, lächelte beruhigend. “Ja, das bin ich, Mr. McBride. Er hat nur wenig Wasser geschluckt und war offensichtlich während der gesamten Episode bei Bewusstsein. Dem Kindermädchen zufolge war er nur sehr kurz unter Wasser. Er hat vor allem einen riesigen Schrecken bekommen. Sie sollten mit emotionalen Nachwirkungen rechnen. Vielleicht sollte er bald Schwimmunterricht bekommen, damit er keine Angst vor dem Wasser entwickelt.”

“Ich danke Ihnen und werde Ihren Rat im Kopf behalten.”

Allein die Erwähnung des Schwimmunterrichts hatte Sam so erschreckt, dass er das Gesicht wieder an der Schulter seines Vaters barg. Er hatte Wasser nie gemocht und nahm von Fremden keine Befehle an. Trevor hoffte, dass sich das mit dem Besuch der Vorschule bessern würde.

Becky Rhodes, die Trevor vor einem Monat als Kindermädchen eingestellt hatte, saß im Wartezimmer, die schlafende Abbie auf dem Schoß. Als Trevor mit Sam aus dem Behandlungszimmer kam, sah Becky ängstlich hoch. “Wie geht es Sam?”

“Alles bestens”, antwortete Trevor kurz angebunden und hätte fast ‘aber nicht Ihretwegen’ hinzugefügt.

Becky seufzte erleichtert. “Ich bin so froh. Wirklich, es tut mir fürchterlich leid, Mr. McBride. Ich war mit Abbie beschäftigt, und er ist einfach hineingefallen. Ich habe es nicht einmal gesehen.”

Trevor drückte seinen Sohn noch fester an sich. “Glücklicherweise hat der Bademeister es bemerkt.”

Becky schnaubte. “Der Bademeister doch nicht. Der hat mit einer Schar von Mädchen geflirtet. Wenn diese Frau Sam nicht im Pool entdeckt hätte …”

Trevor war bei der Ankunft direkt in das Behandlungszimmer gestürzt, ohne sich nach den Details der Rettung zu erkundigen. “Welche Frau?”

“Die neue Schauspiellehrerin an der Highschool, die so unglaublich rotes Haar hat, auffällige Ohrringe und ganz coole Klamotten trägt. Miss Flaherty. Ich glaube, ihr Vorname lautet Jamie.”

“Jamie Flaherty”, murmelte Trevor. Erinnerungen wurden wach, die beinahe fünfzehn Jahre zurücklagen. Sie war die erste Frau gewesen, die in ihm den Wunsch nach einem aufregenden Leben geweckt hatte. “Jamie Flaherty hat meinen Sohn gerettet?”

Becky blickte ihn an und nickte. “Ja.”

Ohne seine Gefühle zu verraten, ging Trevor in Richtung Ausgang. “Ich werde Sie nach Hause bringen. Können Sie Abbie tragen?”

“Natürlich.” Becky legte das schlafende Baby an ihre Schulter.

Trevor nahm die Windeltasche und folgte ihr. Diesen Abend standen mehrere Dinge an, die ihm nicht leicht fallen würden. Unter anderem musste er Jamie Flaherty finden, um ihr für Sams Rettung zu danken. Das würde sehr schwer werden, ließ sich aber nicht ändern.

Das letzte Mal, als er mit Jamie geredet hatte, hatte er ihr ziemlich unverblümt mitgeteilt, dass sie in seinen Zukunftsplänen keine Rolle mehr spielte. Er hielt Sam in den Armen und spürte eine seltsame Mischung von Dankbarkeit und Bestürzung in sich aufsteigen. Es war so seltsam, dass Jamie ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt wieder in seinem Leben aufgetaucht war.

2. KAPITEL

Es war fast schon zwanzig Uhr, als Trevor bei Jamie läutete. Sie lebte nur wenige Häuserblocks von ihm entfernt. Ihr Bungalow war wesentlich kleiner als das zweistöckige Haus mit den vier Schlafzimmern, das Trevor bei der Rückkehr nach Honoria vor zehn Monaten erstanden hatte.

Er hatte nicht damit gerechnet, dass er jemals wieder vor ihrer Tür stehen würde.

Er klingelte wieder. Von drinnen hörte er das laute, pulsierende Dröhnen von Rockmusik. Kein Wunder, dass sie die Klingel nicht gehört hatte. Vielleicht ein Zeichen, die ganze Sache einfach zu vergessen, dachte er. Aber weil sie das Leben seines Sohnes gerettet hatte, musste er sich zumindest bei ihr bedanken.

Er klingelte noch einmal. Die Musik wurde abgedreht.

“Also gut!”, rief eine Frauenstimme. “Ich komme. Immer mit der Ruhe, in Ordnung?” Einen Augenblick später öffnete Jamie die Tür. Nach ein paar Sekunden des Schweigens neigte sie den Kopf seitlich und legte eine Hand auf ihre schlanke Hüfte. “Na so was, Trevor McBride. Seltsam, dich hier vorzufinden.”

Das letzte Mal, als Trevor Jamie gesehen hatte, war sie im zweiten Jahr auf der Highschool gewesen, und er stand kurz vor dem Abschluss. Sie erkannte ihn augenblicklich. Aber er wusste, dass er sich seit damals stark verändert hatte. Jamie hingegen hatte sich mit Ausnahme der Haarfarbe kaum verändert. Die Jahre schienen freundlich mit ihr umgegangen zu sein.

Er betrachtete sie einen Moment lang. Ihr mahagonifarbenes Haar stand in feuchten Strähnen vom Kopf ab, als ob sie sich eben mit der Hand durch die Frisur gefahren wäre. Ihr Gesicht war gerötet, und ein feiner Schweißfilm lag auf ihrer Haut. Sie hatte sich ein Handtuch um den Nacken geschlungen und trug ein orangefarbenes T-Shirt zu schwarzen Shorts, weichen Socken und teuren Markenturnschuhen. Mehrere Ohrstecker zierten die Ohrläppchen, anderen Schmuck konnte Trevor nicht entdecken. Wenn sie geschminkt gewesen war, so war davon im Moment nichts mehr zu bemerken.

Dieser betont lässige Look hatte ihm nie besonders gefallen. Doch bei Jamie wirkte er unzweifelhaft attraktiv. Er hatte ihre Anziehungskraft immer gespürt, vor allem dann, als er mit ganzer Kraft versucht hatte, ihr zu widerstehen.

Auch das hatte sich offensichtlich nicht verändert.

Er blickte ihr ins Gesicht und sah, dass ihre lebhaften grünen Augen funkelten. “Störe ich dich?”

Sie wischte sich mit dem Handtuch den Schweiß von der Stirn. “Möchtest du eben mal mit mir kickboxen?”

“Danke, nein”, antwortete er höflich.

Sie grinste. “Das letzte Mal, als wir uns trafen, habe ich dich gefragt, ob du dich mit mir heimlich hinter der Turnhalle zu einem Küsschen und zu ein paar Streicheleinheiten treffen möchtest”, sinnierte sie. “Ich bin mir fast sicher, dass du darauf eingegangen bist.”

Er räusperte sich, weil er lieber nicht mit seinen Jugendsünden konfrontiert werden wollte. Er erinnerte sich nur zu gut an den ersten Kuss hinter der Turnhalle.

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