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Noch einmal sollst du büßen

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen

sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Lisa Jackson

Noch einmal sollst du büßen

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Dorothee Halves

PROLOG

Marnie Montgomery warf ihren Aktenkoffer auf die antike Couch unter dem Panoramafenster ihres Büros. Dann trat sie entschlossen an den Schreibtisch und wählte die Nummer ihres Vaters. Ungeduldig trommelte sie mit den Fingern auf die polierte Tischplatte aus Rosenholz. Während sie wartete, zog sich das Pochen in ihren Schläfen zu einem stechenden Schmerz zusammen.

„Büro Mr. Montgomery“, meldete sich eine freundliche Stimme. Kate Delany. Die tüchtige Kate. Victor Montgomerys Geliebte und Assistentin. Seit Jahren in seinem Dienst, hoffte sie, die nächste Mrs. Montgomery zu werden.

„Ist mein Vater da?“, fragte Marnie.

„Noch nicht. Aber er müsste jede Minute hier sein.“ Arme Kate, dachte Marnie. So hoffnungslos in Dad verliebt. Victor zu lieben war nicht schwer, wie sie sehr gut selbst wusste. Aber manchmal konnte diese Liebe erdrückend werden, und Marnie hatte das Gefühl, als hätte sie einen Teil von sich selbst verloren. Als hätte das enge Verhältnis zu ihrem Vater sie daran gehindert, eine erwachsene Frau zu werden.

„Ich schau mal kurz in seinen Terminkalender, Marnie.“ Sie hörte, wie Kate durch die Seiten blätterte. „Bis zum Lunch ist alles dicht, aber heute Nachmittag …“

„Sag ihm, wenn er kommt, dass ich ihn sofort sprechen muss.“

„Ist es wichtig?“

„Sehr wichtig“, erwiderte Marnie kurz und legte auf. Auf einmal fühlte sie sich innerlich leer. Sie blickte sich im Büro um. Die teuren Möbel, die kostbaren Bilder, der dicke lavendelfarbene Teppich, der weite Blick über die Stadtsilhouette von Seattle, es war mehr, als eine junge Frau sich wünschen konnte.

Aber Marnie wollte nichts von alldem. Sie wollte nicht das gezwungene Lächeln der Angestellten und die wissenden Blicke in der Cafeteria. Vor allem wollte sie nicht dieses Schild aus Messing an ihrer Bürotür: „Marnie Montgomery – Public Relations.“

Ebenso gut hätte „Montgomerys Tochter“ darauf stehen können. Die Leute, die in „ihrer“ Abteilung „für sie“ arbeiteten, konnten auch ohne sie ihren Job tun. Das hatte Victor so eingerichtet.

Sie warf den unbeschriebenen, mit ihrem Namen bedruckten Notizblock in den leeren Papierkorb. War er jemals voll? War ihr Schreibtisch je mit Papieren, Notizen, mit Nachrichten von ihrer Sekretärin übersät? Musste sie jemals wegen unerledigter Arbeiten länger im Büro bleiben? War es überhaupt nötig, dass sie nach dem Lunch zurückkam? Nein, nein und nochmals nein!

Ihr Magen begann zu kribbeln, als sie an die Konsequenz ihrer Erkenntnis dachte. Sie setzte sich an den leeren Schreibtisch und nahm ein Blatt mit ihrem Briefkopf aus der Schublade.

Wie setzte man ein Kündigungsschreiben auf? Sie knabberte am Ende ihres Füllfederhalters. Ob sie ihre Sekretärin fragen sollte? Aber die würde ihr auch nicht sagen können, wie man ein Vater-Tochter-Verhältnis kündigte.

Überhaupt, wie sollte sie ihrem Vater, der immer nur das Beste für sie gewollt hatte, erklären, dass sie sich von ihm erstickt fühlte?

Wie konnte sie ihm klarmachen, dass sie etwas Eigenes auf die Beine stellen, ihre Persönlichkeit entfalten, ihr eigenes Leben leben wollte?

Sie war nahe daran, in Tränen der Frustration auszubrechen, aber genau das hätte die schwache, die abhängige Marnie von früher getan. Also biss sie die Zähne zusammen, nahm eine entschlossene Haltung an und begann, mit schnellen sicheren Zügen zu schreiben.

Natürlich konnte sie sich nicht einfach als Tochter von Victor lossagen, und das war auch überhaupt nicht ihre Absicht. Aber sie wollte endlich einmal auf ihren eigenen Füßen stehen.

1. KAPITEL

Adam Drake sah die skeptischen Blicke der Männer, die um den Tisch saßen. Sie hörten ihm aufmerksam zu, blätterten in seinem Konzept und lehnten sich, als er geendet hatte, in ihren Stühlen zurück. Ohne etwas zu sagen, ohne Fragen zu stellen. Sie tauschten nur vielsagende Blicke aus.

Adam wusste, warum. Er konnte ihnen nicht verübeln, dass sie Zweifel an dem Konzept und an seiner Person hatten. Sein Ruf war nicht der beste, und er wunderte sich ohnehin, dass die drei kapitalstarken Investoren aus Kalifornien ihn nicht gleich hatten abblitzen lassen.

Der Anwalt in der Gruppe, James Brodie, zog eine frische Packung Zigaretten aus der Hosentasche. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die Zellophanhülle auf den Tisch flatterte. „Ich denke, ich kann für meine Partner sprechen“, begann er, und als er die beiden anderen fragend ansah, nickten sie zustimmend. „Die Idee, nach Seattle zu expandieren, sagt uns zu. Aber wir haben gewisse Bedenken.“

Adam wies den smarten Geschäftsmann auf den Punkt hin, den sie schon vorher diskutiert hatten. „Von Expandieren kann keine Rede sein“, stellte er noch einmal klar. „Ich werde die meisten Besitzanteile an dem Hotel haben. Ihr investiertes Kapital wird verzinst über zehn Jahre zurückgezahlt werden.“ Er blätterte in seinem Entwurf, bis er den Passus gefunden hatte, und schob Brodie das Papier hin. „Hier steht es.“

Während der Anwalt sich eine Zigarette anzündete, überflog er den fraglichen Paragrafen und dann die restlichen Seiten des Entwurfs. „Schön und gut“, meinte er nachdenklich, „aber für die nächsten zehn Jahre wären wir Mitbesitzer Ihres Hotels.“ Er betonte das Wort „Ihres“ in einer Weise, die zeigte, was er von Adam Drake als Geschäftspartner hielt.

„Richtig.“ Adam lächelte verkrampft. Oh, wie er diese Art Verhandlungspolitik hasste! Er war von anderen, von vermögenden Männern abhängig, um sein Projekt zu finanzieren. Er ertrug es nicht, an andere gebunden zu sein. Und das war sein Problem – sich Autoritäten zu widersetzen, nicht vor der Macht des allmächtigen Dollars zu buckeln.

Warum war er dann hier?

Weil ihm keine andere Wahl blieb. Dafür hatte Victor Montgomery gesorgt.

Beim Gedanken an Montgomery und an die Kriecher, die für ihn arbeiteten, bekam Adam Rachegelüste. Er zwang sich, seine Aufmerksamkeit wieder auf die Gegenwart zu richten.

Brodie tippte mit dem Finger auf Adams Konzept. „Das hier ist nicht schlecht, abgesehen von ein paar Klauseln, die umformuliert werden müssten. Aber das ist nicht der Rede wert. Was mich viel mehr stört …“ Er blies den Rauch seiner Zigarette aus und musterte Adam von Neuem mit einem abschätzenden Blick. „Das ist diese dumme Geschichte, die letztes Jahr bei Montgomery passiert ist.“

Da war er wieder. Der Strick. Die Schlinge, die ihn erdrosseln würde.

Adam spürte die Spannung im Raum. Ruhig bleiben, redete er sich zu und zeigte keine Gefühlsregung, obwohl der Schweiß ihm den Rücken hinablief und seine Nerven zum Zerreißen gespannt waren. „Mir ist nie Unterschlagung angelastet worden“, sagte er ruhig. Sein Blick wanderte von einem Mann zum nächsten.

„Aber Montgomery hat Sie auch nicht wieder eingestellt“, warf der kleine, verspannt wirkende Mann ein, der links von Brodie saß. Hinter Brillengläsern, die dick wie die Böden von Seltersflaschen waren, blickte er nervös zwischen seinen Partnern hin und her.

„Ich wollte nicht zurück“, erklärte Adam. Es war nicht gelogen. Nie wieder würde er für eine Schlange wie Victor Montgomery arbeiten, obwohl er allzu gern gewusst hätte, wer ihm die Sache angehängt hatte. Die Erinnerung schmerzte noch immer. Er hatte Montgomery einmal sehr geschätzt und geglaubt, dass es umgekehrt genauso wäre.

Aber Victor hatte sich von seiner wahren Seite gezeigt, indem er ihn zuerst beschuldigt und dann gefeuert hatte. Als aber keine Anklage gegen ihn erhoben wurde, hatte der mächtige Hotelmagnat ihm eine großzügige Abfindung zukommen lassen. Natürlich über seinen Anwalt, denn Victor hatte nicht einmal die Courage besessen, ihm selbst gegenüberzutreten. So war nur der Anwalt Zeuge seiner Wut gewesen und hatte mit verlegenem Schweigen zugesehen, wie er den Scheck zerrissen und als Konfetti-Schnipsel in die Luft geworfen hatte.

Brodies Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Hören Sie, Drake, bevor wir mit Victor Montgomery in offene Konkurrenz treten, sollten wir Licht in diese Sache bringen. So wie ich den Sachverhalt kenne, gab es für eine Anklage gegen Sie nicht genügend Beweise. Andererseits tauchte das Geld, das bei dem Puget-West-Projekt beiseite geschafft wurde, nie wieder auf.“

Das Blut pochte in Adams Schläfen, und sein Kragen schien plötzlich zu eng zu sein. Ja, das Geld war spurlos verschwunden, und die fehlende Summe war in den Büchern nie nachweisbar gewesen. Insofern war er als Koordinator des Projekts natürlich offiziell dafür verantwortlich.

„Und das verstehen wir nicht“, sagte Peterson, während der dritte Partner, ein schweigsamer Mann mit ausdruckslosen Zügen, kein Wort sprach. „Es hätte doch wenigstens eine Spur geben müssen. Wie kann jemand mit … wie viel war es? Wie kann man mit einer halben Million Dollar einfach so verschwinden?“

Adam nickte. „563 000 und ein paar Zerquetschte.“

Der Schweigsame pfiff durch die Zähne.

„Dazu gehört ziemlich viel Cleverness“, meinte Brodie, während er seine Kopie des Entwurfs in seinen Aktenkoffer legte.

„Ich könnte es nicht“, bemerkte Adam trocken.

Brodie zog die Augenbrauen hoch. Offensichtlich glaubte er Adam nicht. „Sie müssen unsere Lage verstehen, Drake. Wir können nicht sieben Millionen Dollar herausrücken, ehe wir nicht absolut sicher sind, dass uns nicht dasselbe passiert wie Montgomery.“ Er lächelte bedauernd. „Wenn die Sache genau aufgeklärt ist, dann können wir vielleicht über Geschäfte reden. Vorher, fürchte ich, wird nichts daraus.“

Die beiden anderen Männer nickten zustimmend. Und Adam verübelte es ihnen nicht einmal. Er an ihrer Stelle hätte auch niemandem getraut, der beinahe wegen Unterschlagung verurteilt worden wäre. Einem Mann, der bei einer der größten Hotelketten an der Westküste als Dieb verrufen war.

Aber er war es leid, als Sündenbock herzuhalten.

Adam stand auf und schüttelte den drei Männern mit verbissenem Lächeln die Hand. Er beobachtete, wie Brodie die beiden anderen wie seine Schäfchen aus dem Raum führte. Erst als die Tür sich hinter den kalifornischen Investoren schloss, stieß er eine Serie von Flüchen aus, bei denen selbst ein Seemann erblasst wäre. Er riss sich die Krawatte vom Hals und warf sie über eine Stuhllehne. Dann öffnete er die obersten Knöpfe seines gestärkten weißen Hemdes.

Was hatte er anderes erwartet? Dieses Treffen war nicht anders verlaufen als die beiden vorigen, die er arrangiert hatte.

Wann begreifst du es endlich, Adam Drake?, hielt er sich vor. Du bist ein Verurteilter ohne Schuldspruch.

Er wusste, dass der schwarze Fleck auf seiner Weste auch nicht mit der Zeit und ganz von selbstverschwinden würde. Nein, er würde denjenigen finden müssen, der ihn hineingerissen hatte. Sonst wäre er erledigt.

Natürlich hatte er seine Vermutungen. Bei Montgomery Hotels gab es viele, die ihn wegen seines schnellen Aufstiegs in dem Unternehmen beneidet hatten. Es gab viele mit finanziellen Sorgen und einige, die schlicht und einfach geldgierig waren. Eine dieser Personen musste ihm die Falle gestellt haben, um ihn zu stürzen. Und er war gestürzt. Einst einer von Victor Montgomerys Favoriten, war er nun das schwarze Schaf. Der Judas. Der Verräter.

Bevor er nicht seine Unschuld bewiesen hätte, würde er sich geschäftlich nicht wieder etablieren können. Ihm blieb nichts anderes übrig – er würde Detektiv spielen müssen, bis er heraus hätte, wer ihn so sehr hasste, dass er vor einer der schlimmsten Gemeinheiten nicht zurückgeschreckt war.

Das ganze letzte Jahr hatte Adam versucht, die verdammte Geschichte hinter sich zu lassen. Aber immer wieder stieg sie wie ein Phönix aus der Asche, um ihn zu verfolgen und zu peinigen. So konnte es nicht weitergehen. Er musste etwas unternehmen, damit die Sache ein für alle Mal bereinigt wäre.

„Du willst kündigen?“ Victor Montgomery starrte sein einziges Kind ungläubig an. Er war gerade in sein Büro gekommen, wo Marnie auf ihn gewartet hatte. Eine liebevolle Begrüßung, und dann war die Bombe geplatzt. „Hast du den Verstand verloren?“

Marnie ließ den Kündigungsbrief auf den Schreibtisch fallen. Sie hatte sich diesen Moment nicht so schlimm vorgestellt. Ihr Vater war schockiert. In seinen Augen stand Schmerz, Schmerz über ihren Verrat.

„Warum, um alles in der Welt? Und was, bitte schön, gedenkst du zu tun?“ Er schleuderte seine Golftasche in den Wandschrank, und dann segelte seine karierte Mütze quer durchs Büro.

Marnie wollte antworten, aber er war mit seiner Wuttirade noch nicht fertig. „Du kannst nicht kündigen! Du bist meine Tochter, Himmeldonnerwetter!“ Er wischte sich die Stirn und stopfte das Taschentuch in die Hosentasche. „Es ist einfach nicht zu fassen!“

Marnie war nicht bereit nachzugeben, jetzt, wo sie den mutigen Schritt einmal getan hatte. „Ich meine es ernst, Dad“, sagte sie ruhig und mit fester Stimme. „Ich musste es einfach tun.“

„Unsinn!“ Ihr Vater ging mit langen Schritten über den dicken weichen Teppichboden und warf einen Blick auf seinen Terminkalender, der aufgeschlagen auf dem riesigen Mahagonischreibtisch lag.

Marnie beobachtete ihn und versuchte, mit den Augen einer Außenstehenden sein Büro zu betrachten. Es war ausgestattet, wie es dem regierenden Monarchen eines Hotelimperiums entsprach. Getäfelte Wände aus Edelholz, antike Lampen, alte Radierungen, im Kontrast dazu moderne Plastiken und mit weichem Leder bezogene Möbel. Angrenzend ans Büro ein riesiges Bad mit einem Whirlpool. Es führte in ein noch größeres Schlafzimmer, Montgomerys Refugium, wenn der Arbeitstag zu lang war, um nach Hause zu fahren.

Victor nahm den Telefonhörer ab und drückte eine Taste. „Kate!“, bellte er in den Hörer, „sag den Zwei-Uhr-Termin mit Ferguson ab – nein, warte, verschieb ihn auf morgen. Bestell Ferguson, dass wir uns am Bauplatz treffen können, um …“ Er blätterte den Kalender um und fuhr mit dem Finger über die nächste Seite. „Um zehn Uhr dreißig.“ Mit einem ärgerlichen Blick zu Marnie fügte er hinzu: „Erklär ihm, dass etwas Wichtiges dazwischengekommen ist.“

Marnie wich seinem vorwurfsvollen Blick aus und wandte den Kopf zum Fenster. Hinter der gezackten Silhouette der himmelhochragenden Bürohäuser sah man hier und da das graue Wasser des Puget-Sunds durchschimmern. Dicke bleifarbene Regenwolken verdeckten die Sonne. Ein Flugzeug, das in Richtung Norden aufstieg, verschwand in den tief hängenden Wolken.

Marnie hörte, wie ihr Vater den Hörer aufknallte. „Okay, gehen wir.“ Er knüllte den Kündigungsbrief zusammen und warf ihn in den Papierkorb.

„Können wir uns nicht hier unterhalten?“

Victor griff nach seinem Schlüsselbund und schüttelte den Kopf. „Lieber nicht.“

Jetzt begriff Marnie. Während sie in ihren Mantel schlüpfte, fragte sie: „Glaubst du etwa noch immer, dass du Spione in der Firma hast?“

„Man kann nie wissen.“

„Ich dachte, das Thema wäre erledigt, seit du Adam Drake entlassen hast.“

Ihr Vater stülpte sich einen Hut auf den Kopf. „Und ich dachte, du wärest von seiner Unschuld überzeugt.“

„Drake war nicht schuldig. Er ist nicht verurteilt worden, oder hast du das vergessen?“

„Er hatte eben einen verdammt guten Anwalt“, brummte Victor und zog sein Jackett von der Stuhllehne. „Aber das ist vorbei und erledigt.“

„Warum bist du dann noch immer so misstrauisch? Das grenzt ja schon an Verfolgungswahn.“

„Verfolgungswahn!“, brauste Victor auf. „Ich bin nur vorsichtig. Komm, ich muss zum Hafen runter. Die Reparaturarbeiten an der ‚Vanessa‘ gehen mir zu langsam voran. Wir können uns unterwegs unterhalten.“

„Okay“, murmelte sie und gab sich größte Mühe, beherrscht zu bleiben. „Aber du kannst doch meine Kündigung nicht einfach in den Müll werfen und so tun, als wäre damit alles vergessen. Ich meine es ernst, Dad.“

„Du weißt nicht, was du willst.“

„Da irrst du dich“, erwiderte sie ruhig.

Ihr fester Ton schien ihn zu überraschen, und er musterte sie aufmerksam. Zum ersten Mal, seit er das Büro betreten hatte, schien er die Veränderung an ihr zu bemerken. Sein Mund verspannte sich unmerklich, und sein Gesicht wurde unter der Sommerbräune einen Ton blasser. „Lass uns gehen“, sagte er, und jetzt sprach er bedeutend leiser.

In gespanntem Schweigen gingen sie über den Hotelkorridor zum Fahrstuhl. Marnie musste sich zwingen, sich vom Ärger ihres Vaters nicht einschüchtern zu lassen. Victor Montgomery war einer jener Männer, die schon von ihrem Äußeren her Autorität ausstrahlten. Er war ein stattlicher, gut aussehender Mann mit markanten Gesichtszügen. Seine Augen waren von einem intensiven Blau, sein Mund energisch und fest, seine Nase aristokratisch. Für einen fast Sechzigjährigen war sein weißes Haar noch ungewöhnlich voll, und sein schlanker, durch Sport fit gehaltener Körper zeigte nur um die Taille herum eine Spur von Fettpolstern.

Victor Montgomery, Herrscher über ein riesiges Imperium, war ein Mann, der von seinen Leuten Loyalität verlangte und Rebellion nicht duldete. Er war auch ein impulsiver, temperamentvoller Mann, und im Moment schäumte er.

„Ich möchte wissen, was in dich gefahren ist“, platzte er los, als die Fahrstuhltür sich lautlos schloss und die Kabine in atemberaubendem Tempo die sechzehn Stockwerke zur Tiefgarage hinabglitt.

„Gar nichts ist in mich gefahren“, wehrte sie sich. „Ich finde, es ist Zeit, dass ich endlich auf eigenen Füßen stehe.“

„Auf einmal?“

Sie warf ihm einen Blick zu. „So plötzlich kommt es gar nicht. Ich trage mich schon lange mit dem Gedanken.“

„Tatsächlich? Wahrscheinlich seit der Geschichte mit Drake“, mutmaßte er, und in seiner Stimme lag Abscheu.

„Nein, schon vorher“, versicherte sie ihm, obwohl wirklich nichts mehr so war wie früher, seit ihr Vater Adam Drake gefeuert hatte. Die Stimmung in den Büros von Montgomery Hotels hatte sich seitdem verändert. Nichts Greifbares. Nichts, was man hätte benennen können. Der Betrieb war reibungslos weitergegangen, aber ohne den alten Kameradschaftsgeist, ohne Vertrauen. Jeder spürte es, auch Victor, obwohl er es nie eingestanden hätte.

Kopfschüttelnd sah er seine Tochter an. „Zuerst machst du mit Kent Schluss, und jetzt brichst du aus der Firma aus. Du verlässt ein Milliarden-Unternehmen, einfach so. Als ich in deinem Alter war, habe ich …“

„Zehn Stunden am Tag gearbeitet und noch die Abendschule besucht. Ich weiß“, fuhr Marnie dazwischen. In ihren hohen Pumps hatte sie Mühe, mit ihrem Vater Schritt zu halten.

Er öffnete ihr die Beifahrertür seines bordeauxroten Jaguars, bevor er sich ans Steuer setzte. „Du solltest dankbar sein …“ Marnie schloss die Augen. Wie konnte sie ihm erklären, dass sie sich wie eine Maus in der Falle fühlte? Dass sie sich nach einem eigenen Leben sehnte. „Ich bin dankbar, Dad. Wirklich …“ Sie wandte sich ihm zu und zwang sich zu einem Lächeln. „Aber es ist so wichtig für mich. Ich muss es tun.“

„Gerade jetzt? Haben deine Emanzipationsbestrebungen nicht noch Zeit?“, fragte er. Er schien zu spüren, dass sie schwach zu werden begann.

„Nein.“

„Nächste Woche wird das neue Hotel eröffnet. Dann brauche ich dich. Du bist für die Public Relations zuständig, zum Kuckuck!“

„Und ich habe einen sehr tüchtigen Assistenten. Du erinnerst dich sicher an Todd Byers – blond, Brille.“

Victor winkte ab.

„Okay, wenn er dir nicht gut genug ist, nimm jemand anderen aus meiner Abteilung. Alles kompetente Leute.“ Und genau das ärgerte sie am meisten. Sie fühlte sich überflüssig. Keiner außer Victor würde merken, wenn sie ginge. Sogar Kent würde ohne sie auskommen.

Ihr Vater startete den Motor und schaltete in den Rückwärtsgang. „Ich verstehe dich überhaupt nicht mehr.“ Er lenkte leicht nach rechts und fuhr die Garagenausfahrt hinaus. „Was willst du eigentlich?“

„Ein eigenes Leben führen.“

„Das tust du doch. Die meisten Frauen würden dich beneiden.“

„Ich weiß“, gab sie zu und blickte starr nach vorn. Wie konnte sie einem Mann verständlich machen, der sein ganzes Leben hart gearbeitet hatte, um sich schließlich ein Imperium zu schaffen, dass sie keine Lust hatte, ewig nur als „Montgomerys Tochter“ betrachtet zu werden? Einem Mann, der sie allein großgezogen hatte und sie deshalb vielleicht noch mehr liebte, als andere Väter ihre Töchter liebten. „Aber ich bleibe dabei. Sonst werde ich nie erfahren, wer ich bin und was ich kann.“

Sie fuhren jetzt durch die belebte Innenstadt von Seattle. „Vor ein paar Wochen dachtest du ans Heiraten“, hielt Victor ihr vor. „Aber auf einmal ist Kent dir nicht mehr gut genug. Es spielt wohl keine Rolle, dass er quasi meine rechte Hand ist …

„Nein, es spielt keine Rolle“, sagte sie hastig und fühlte wieder diesen schmerzhaften Stich in ihrem Innern. Es erstaunte sie selbst, dass ihre Stimme fest blieb.

„Warum willst du mir nicht erzählen, was zwischen euch gewesen ist?“, fragte er, während er in die Straße einbog, die zum Hafen führte. „Es hat wohl mit deinem neuen Unabhängigkeits-Spleen zu tun, wie?“

Marnie antwortete nicht. Sie wollte nicht an Kent denken und auch nicht daran, dass sie ihn mit seiner Sekretärin Dolores Täte überrascht hatte. Stattdessen fixierte sie das vor ihnen fahrende Auto. Auf der hinteren Ablage schlummerten zwei flauschige Perserkatzen, und ein grellroter Aufkleber über dem Nummernschild fragte: „Haben Sie heute schon mit Ihrem Kätzchen geschmust?“

Sehr witzig, dachte sie grimmig. Sie hatte seit langer, langer Zeit mit niemandem geschmust. Und niemand mit ihr. Plötzlich saß ein Kloß in ihrem Hals. Sie presste die Hände zusammen. Nicht weinen, nicht jetzt. Nicht heute, da sie den allerersten Schritt in ihr neues Leben tun würde.

Victor wechselte auf die linke Spur, wo der Verkehr schneller floss. „Da wir schon mal von Kent reden …“

„Dad, bitte …“

„Er liebt dich.“

Marnie schluckte. „Lassen wir das Thema Kent, okay?“

Ausnahmsweise verzichtete ihr Vater auf eine Diskussion. Er sah sie nur nachdenklich von der Seite an, während er entlang der Hafenmole zum Jachthafen fuhr.

Fischerboote, Schaluppen, Segelboote und Motorjachten lagen an den Piers. Ein scharfer Westwind trieb schaumgekrönte Wellen vor sich her, und nur wenige Segler hatten sich auf den Sund hinausgewagt. Riesige Tanker bewegten sich langsam dem Hafen zu. Die kleinen Fährschiffe, die zwischen den Ufern hin- und herpendelten, nahmen sich daneben wie Spielzeug aus.

Victor Montgomery parkte den Jaguar am Pier und stellte den Motor ab. „Und ich kann dich nicht umstimmen?“, fragte er. Als er Marnies entschlossenen Ausdruck sah, schien er endlich zu akzeptieren, dass sie es ernst meinte. „Ich verstehe es zwar nicht, aber wenn du meinst, dem Betrieb für eine Weile entfliehen zu müssen, werde ich versuchen, solange ohne dich auszukommen.“

„Für eine Weile?“, konterte sie. „Ich habe gekündigt, Dad.“

Er hob beschwichtigend die Hände. „Einen Schritt nach dem anderen. Nennen wir es eine … Beurlaubung? Eine Besinnungspause sozusagen. Verlängerte Ferien.“

Sie wollte widersprechen, sagte aber nichts. Vielleicht brauchte er Zeit, um sich an den Gedanken zu gewöhnen. Wenn es schon für sie schwer gewesen war, wäre es für ihn bestimmt nicht leichter. Ihr Ausdruck wurde weich, und sie berührte sanft Victors Arm. „Ihr werdet es überleben, du und die Montgomery Hotels.“

„Das will ich doch hoffen“, murmelte er. „Wer ziehen will, den soll man ziehen lassen, sagt man ja wohl. Aber ich akzeptiere keine offizielle Kündigung. Und ich möchte, dass du die paar Wochen bis zur Eröffnung des ‚Puget West‘ noch bleibst. Das ist wohl nicht zu viel verlangt, oder?“

Er zog den Zündschlüssel ab, stieß die Wagentür auf, und sie stiegen beide aus. Marnie atmete tief die salzige Meerluft ein, als sie über die verwitterten Planken des Piers gingen. Sie war mit Booten aufgewachsen, und der Geruch von Salz und Seetang, von Bootslack und Diesel riefen glückliche Kindheitserinnerungen zurück. Damals hatte ihr Vater sich ihr genauso intensiv gewidmet wie seiner Firma. Aber die Zeiten hatten sich gewandelt. Sie war groß geworden, hatte die Schule verlassen, war aufs College gegangen. Ihren Vater hatte sie nur noch in den Ferien gesehen. Aus einem Hotel, dem „Montgomery Plaza“ in Seattle, war eine riesige Hotelkette geworden, die sich bis nach Los Angeles und Houston zog.

Die Schiffswimpel knatterten in der Brise. In das Tuckern der Dieselmotoren mischten sich die heiseren Schreie der Möwen, die über den Booten ihre Kreise zogen.

Marnie folgte den Möwen mit dem Blick und lächelte wehmütig. Sie sind frei, dachte sie. Frei und einsam …

„Ich kann mir schon denken, was du als Nächstes tun wirst“, knurrte ihr Vater. „Du tauscht dein neues Kabriolett gegen einen alten VW-Käfer.“

Sie unterdrückte ein Lächeln. Victor wusste noch nicht, dass sie in der vorigen Woche ihr BMW-Cabrio verkauft hatte. Nach einem alten Volkswagen hatte sie den Markt allerdings noch nicht abgesucht. Keine schlechte Idee, dachte sie, aber sie zog es vor, nicht zu antworten.

„Es bleibt also dabei“, sagte ihr Vater resolut, als hätte er eine mühselige Verhandlung beendet. „Wenn du zurückkommst, unterhalten wir uns in aller Ruhe.“

„Und wenn ich dann immer noch gehen will?“

„Dann unterhalten wir uns ausführlicher.“ Er grub in seiner Manteltasche nach dem Tabakpäckchen, stopfte seine Pfeife und blieb einen Moment mit dem Rücken zum Wind stehen, um sie anzuzünden. „Vielleicht tut dir eine Pause ganz gut. Du solltest die Zeit nutzen, um dir die Sache mit Kent noch mal gründlich zu überlegen.“

„Ich habe es mir überlegt“, antwortete sie beherrscht, obwohl sie beim Gedanken an Kent in Wut geriet. Er hatte sie einmal zur Närrin gemacht. Eine zweite Gelegenheit würde er nicht bekommen.

„Okay, okay. Kann ich mich wenigstens darauf verlassen, dass du bis zur Eröffnung des neuen Hotels bleibst?“

„Ich verspreche es. Aber meinen Entschluss wirst du mir nicht ausreden. Sobald das Puget West seine Pforten geöffnet hat, bin ich weg.“

„Eine Zeit lang.“ Er zog an seiner Pfeife und stieß kleine Rauchwölkchen in die Luft.

Marnie seufzte. „Vielleicht“, sagte sie ausweichend. Sie war nicht zum Nachgeben bereit, wollte ihrem Vater aber auch nicht wehtun. Sie und das Unternehmen waren nun einmal sein ein und alles. Wie sollte er verstehen, dass sie sich als nutzloses Maskottchen der Firma fühlte?

Irgendwann würde er einsehen, dass sie richtig gehandelt hatte. Eines Tages würde er stolz auf ihre Selbstständigkeit sein. Sie würde ihm beweisen, dass sie es auch allein schaffte. Ihm und all denen, die nur die reiche verwöhnte Tochter des Chefs in ihr sahen.

Marnie kletterte hinter ihrem Vater an Bord seines Lieblingsspielzeugs.

Victor Montgomery drehte sich zu ihr um. Seine blauen Augen leuchteten wie früher, wenn sie zusammen in den Sund hinausgesegelt waren. „Hast du Lust zu einer kleinen Probefahrt?“

Der Wind fuhr ihr ins Haar, und sie schmeckte Salz auf den Lippen. Sie hatte das Gefühl, die Fahrt in die Freiheit anzutreten.

Dem „Seattle Observer“ nach war die Eröffnung des Puget-West-Hotels das gesellschaftliche Ereignis des Jahres. Die gesamte Prominenz von Seattle bis Los Angeles war eingeladen, und alle kamen.

Unter den Gästen waren der Bürgermeister von Seattle und der Gouverneur des Staates Washington, Fernsehgrößen und Filmstars aus Hollywood, Finanzlöwen und maßgebliche Leute aus der Hotelbranche.

Adam Drake war nicht eingeladen.

Vermutlich war er der Allerletzte, den der gute alte Victor an diesem Tag in der festlich dekorierten Hotelhalle zu sehen wünschte. Victor ahnte nicht, dass ihm die Überraschung seines Lebens bevorstand. Denn um nichts in der Welt hätte Adam sich die große Eröffnungsgala im Puget West entgehen lassen.

Der Bug seines kleinen Bootes durchschnitt das nachtschwarze Wasser des Puget-Sunds. Wie ein überdimensionaler Weihnachtsbaum hob der hell erleuchtete pyramidenförmige Bau sich gegen den Himmel ab. Das Boot nahm Kurs auf das Hotel.

Ein kalter Wind blies Adam ins Gesicht, aber er spürte die Kälte kaum. Alles, was er fühlte, war Wut. Er hatte zum Entstehen dieses Hotels beigetragen. Verdammt, er hatte sogar einen japanischen Investoren aus dem Feld geschlagen, hatte mit den Bauunternehmen verhandelt, hatte die Planung geleitet, und alles in Victor Montgomerys Interesse. Alles für das Wachstum seines Unternehmens.

Und zum Dank für seine Arbeit hatte er einen Tritt bekommen. Man hatte ihn eines Verbrechens bezichtigt, das er nie begangen hatte. Früher oder später würde er Montgomery und all denen, die ihn hatten fallen lassen, die Beweise für seine Unschuld liefern. Wenn das Spinnengewebe von Verleumdungen und Lügen entwirrt wäre, dann könnte er neu beginnen. Unabhängig, mit keinem Boss außer ihm selbst.

Kurz vor dem Anleger stellte Adam den Motor ab und ließ das Boot ein Stück weitertreiben. Er warf die Leine um einen Poller, verknotete sie und sprang auf den neu gebauten Bootssteg. Bevor er es sich anders überlegen konnte, ging er schnell unter den bunten japanischen Lampions den Pier entlang und erreichte, offenbar unbemerkt, die Außenanlage des Hotels.

In den Büschen blinkten unzählige winzige Lämpchen, als würde Weihnachten bevorstehen und nicht der Sommer. Adam verzog den Mund zu einem boshaften Lächeln. Wie hieß es noch? Rache wirkte am besten, wenn sie kalt serviert wurde. Gleich hatte er seinen Auftritt, und dann würde man sehen …

Über dem Sund donnerte es leise, und Adam warf einen Blick zum Wasser zurück, auf dem sich jetzt Schaumkronen zeigten. Dass sich ausgerechnet an diesem Abend ein Gewitter zusammenbraute, erschien ihm wie ein Symbol. Er ging schnell über den Rasen, steuerte zielstrebig auf den Seiteneingang zu. Wenn er Glück hatte, waren die Terrassentüren unverschlossen und, mit noch mehr Glück, unbewacht.

Musik und Gelächter drangen ihm entgegen, als er im Schutz der Rhododendren und Azaleen die Terrasse betrat. Durch die geöffneten Türen sah er, dass das Fest schon in vollem Gang war. Die Gäste tanzten, standen in Gruppen beisammen und unterhielten sich, lachten und tranken aus hochstieligen Kelchen Victor Montgomerys Champagner.

Adam rückte seine schwarze Fliege zurecht und zupfte ein Blatt von der Hose seines Smokings. Er strich sich das zerzauste Haar glatt und schlüpfte rasch ins Foyer. Niemand schien ihn zu bemerken. Als ein livrierter Kellner vorbeikam, nahm er sich ein Glas Champagner vom Silbertablett und begutachtete die Gäste.

Der Pianist der Band schlug die nostalgischen Töne des Songs „Strangers in the Night“ an – „Fremde in der Nacht“. Wie passend, dachte Adam amüsiert. Auch ältere Gäste begannen nun zu tanzen, wiegten sich mit beseelten Blicken nach dem langsamen Rhythmus.

Silberne und rote Luftballons, die mit langen weißen Schleifen zusammengebunden waren, schwebten in Trauben der gläsernen Decke des Foyers entgegen, vier Stockwerke hoch. Gläserne Fahrstühle transportierten Gäste zu den Balkons, die die Halle umliefen. Mitten im Foyer prangte ein Springbrunnen aus Marmor, dessen Fontäne zwei Meter hoch sprudelte.

O ja, dieses Hotel war so atemberaubend, wie Victor Montgomery es sich vorgestellt hatte, und die rauschende Eröffnungsparty kündete bereits von seinem Erfolg. Adam spülte seine Bitterkeit mit einem Schluck Champagner hinunter und mischte sich unter die Gäste. Man musste einen kühlen Kopf haben, um den Festtrubel unbeeindruckt hinzunehmen.

In einer Ecke der Halle, nahe bei einem der drei Restaurants, erhob sich aus einem türkisfarbenen Pool ein drei Meter hoher Neptun aus Eis, zu seinen Füßen Nixen und fantastische Seewesen, die ihm huldigten.

Wie der gute alte Victor und seine Gefolgschaft, dachte Adam, und im selben Moment erblickte er Kate Delany, Victors Assistentin und den Gerüchten nach seine Geliebte. In schimmerndes Weiß gekleidet, das dunkle Haar zu einer Hochfrisur getürmt, agierte Kate als Gastgeberin. Ihr Lächeln war einstudiert, aber freundlich. Geübt in charmant-unverbindlicher Konversation, schwebte sie von einer Gästegruppe zur nächsten und gab mit ihrem strahlenden Blick jedem das Gefühl, die Hauptperson zu sein.

Die eigentliche Hauptperson hatte noch nicht ihren großen Auftritt gehabt. Auch nicht Victors Tochter. Wieder sah Adam sich suchend um, in der Hoffnung, Marnie zu entdecken. Die schöne, reiche Marnie Montgomery, der einzige Besitz, den Victor höher schätzte als alle seine Hotels zusammen. Sein einziges Kind, verwöhnt und verhätschelt, auf die besten Schulen geschickt, auf dem exklusivsten College eingekauft und nach dem glorreichen Abschluss mit einem gewichtigen Titel belohnt: Leiterin der PR-Abteilung.

Trotz Adams Wut auf alles, was auch nur entfernt mit Montgomery-Hotels zu tun hatte, fand er an Marnie nichts auszusetzen. Ungeachtet ihrer Reicher-Leute-Kind-Erziehung war an ihr etwas Besonderes. Das versteckte Lachen in ihren Augen, die Spur von Wehmut in ihrem Lächeln, ihr feiner Humor und ihr unkompliziertes Wesen.

All das hatte Adams Vorurteil über das reiche, von einem allzu nachsichtigen Vater verzogene und von gut bezahlten Kindermädchen verpäppelte Kind ins Wanken gebracht. Marnie war mehr als die verwöhnte Tochter aus reichem Haus. Groß und schlank, mit ihrem fein geschnittenen Gesicht, dem hellblonden Haar und diesen strahlend blauen Augen, die ihn von Anfang an fasziniert hatten, war sie eine Schönheit. Ihr Verlobter Kent Simms, einer von Victors aalglatten Jasagern, konnte sich beglückwünschen.

Keine gute Wahl, Marnie, dachte Adam, während er abwesend das Collier einer üppigen Rothaarigen betrachtete. Na ja, wahrscheinlich war Marnie Montgomery doch aus demselben Holz geschnitzt wie ihr Vater.

Kent Simms. Er passte perfekt ins Bild. Maßlos ehrgeizig und erfolgsbesessen, interessierte Kent sich mehr für das große Geld als für die große Liebe. Eine Ehefrau passte zu ihm genauso wenig wie ein Frack zu einem Cowboy. Auch wenn die Auserwählte die Tochter des Chefs war, die Ehe würde nicht lange halten.

Aber Kent Simms war Marnies Problem. Adam hatte sein eigenes.

Er hörte hinter sich einen überraschten Laut. Er drehte sich halb um und sah aus dem Augenwinkel, wie eine große, auffallend dünne Frau im schwarzen Samtkleid schnell den Blick abwandte.

Sie hat mich erkannt, dachte er triumphierend, hob sein Glas und trank ihr schweigend zu. Rosa Trullinger, die Innenarchitektin.

Rosas Wangen röteten sich leicht. Sie entfernte sich eilig und steuerte auf eine größere Gruppe an der Bar zu, nachdem sie Adam einen scharfen Blick über die Schulter zugeworfen hatte.

Adam sah, wie sie einer mit Brillanten behängten, in blauer Seide gekleidete Frau etwas zuflüsterte. Die Frau drehte sich um, zog die Augenbrauen hoch und musterte Adam neugierig. In ihren Augen erschien ein Glitzern, das weit mehr als milde Belustigung ausdrückte. Es war eine unmissverständliche Aufforderung. Die Dame in Blau gehörte offenbar zu jenen Frauen, die sich zu gefährlichen Männern, zu gesellschaftlichen Outsidern hingezogen fühlten.

Sie flüsterte mit Rosa.

Perfekt, dachte Adam, und es zuckte um seine Mundwinkel. Es würde nicht mehr lange dauern, bis Victor wusste, dass er hier war.

2. KAPITEL

Marnie steckte ihr Haar mit einem strassbesetzten Kamm zurück, betrachtete ihr Spiegelbild und schüttelte den Kopf. Sie zog den Kamm wieder heraus und warf ihn auf den Frisiertisch. Bloß nicht übertreiben. Sie war nun einmal kein Glamourgirl.

Es hatte sie schon Überwindung gekostet, die Halskette aus Saphiren und Diamanten mit den dazu passenden Ohrringen anzulegen. Sie trug den Schmuck, der ihrer Mutter gehört hatte, nur auf Victors inständige Bitte hin – an diesem letzten Tag ihrer Tätigkeit für Montgomery Hotels. Es war ein Zugeständnis an ihren Vater, genau wie ihre Teilnahme an der Eröffnungsparty. Sie kam sich vor wie eine Heuchlerin, aber die paar Stunden würde sie auch noch überstehen. Dann wäre sie frei.

„Marnie?“ Ihr Vater klopfte leise an die Tür des kleineren Schlafzimmers seiner Suite. „Es wird Zeit.“

„Ich komme sofort“, rief sie, aber schon bei dem Gedanken an das Fest graute ihr. Sie legte die Schminktasche in den kleinen Koffer, der auf dem Bett lag, schlüpfte in ein Paar hochhackige silberne Pumps und öffnete die Tür zum angrenzenden Raum, wo ihr Vater mit einem Drink in der Hand wartete.

Ein bewunderndes Lächeln huschte über sein Gesicht, als Marnie hereinkam. Er schluckte, betrachtete sie einen langen Moment. „Mir war gar nicht klar, wie sehr du Vanessa ähnelst.“

Marnie fühlte eine beglückende Wärme. Ihr Vater hatte ihr ein verstecktes Kompliment gemacht. Er hatte seine Frau über alles geliebt und liebte sie noch über ihren Tod hinaus. Marnie wusste, dass er nie wieder heiraten würde. Sie wusste es so sicher, wie ihr klar war, dass sie Kent Simms nicht heiraten würde.

Victor ging auf die Tür zu, aber dann blieb er stehen. „Kent ist schon da.“

„Ich weiß.“

„Er möchte mit dir reden.“

Auch das wusste sie. „Ich wüsste nicht, was ich mit ihm zu bereden hätte.“

Victor strich sich über die Unterlippe, als würde er sich seine nächsten Worte genau überlegen. Marnie musste sich zusammenreißen, um ruhig zu bleiben. Sie wusste, was kommen würde. „Der Mann liebt dich. Und er ist loyal.“

„Der Firma gegenüber“, warf Marnie ein.

„Ja. So etwas ist heutzutage eine Seltenheit. Spricht das nicht für den Mann?

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