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Noch einmal Paris

Um seinen letzten Roman zu Ende zu schreiben, zieht sich Jürgen T. Halberg für ein halbes Jahr in ein Apartment im historischen Marais von Paris zurück.

Dort begegnet er, nicht ganz zufällig, wie sich später zeigen soll, im Café Les Deux Magots, einer ehemaligen Studienkollegin.

Zudem gelingt es ihm nach Jahren vergeblicher Versuche, den ehemaligen Investmentbanker Jan DeVarel ausfindig zu machen und sich mit diesem zu treffen. Sie philosophieren über DeVarels Leben, seine Funktion und die weltweiten Aktivitäten der Vatikanbank, sowie die Vereinbarkeit seines Handelns mit der katholischen Glaubenslehre. Obwohl beide an dem Gespräch Gefallen finden und es zu einem späteren Zeitpunkt fortsetzen werden, endet das Treffen unvorhergesehen in einem heftigen Streit.

Um auf anderen Wegen mehr Erkenntnisse zu DeVarels weltweiten Machenschaften zu erlangen, reist Halberg im Vorfeld eines erneuten Gesprächs nach Hamburg doch haben die Ereignisse bereits eine tragische Wendung genommen…

Marius Prévot, geboren 1942, Autor und Wirtschaftswissenschaftler, lebt in Franken und auf einer Nordseeinsel. Noch einmal Paris (2021) ist nach den großen Erfolgen von Ferne Tage in Franken (2015), Eine Straße in Franken (2010), Himbeerpalast (2004) und Riesenrad (2002), sein fünfter Roman.

Marius Prévot

Noch einmal
Paris

Roman

»Je suis Dieux«, dit Faustroll, »Ha ha!«, dit Bosse-de-Nage, sans plus de commentaires.

»›Ich bin Gott‹, sagte Faustroll. ›HAHA‹, sagte Backenbuckel und mehr sagte er dazu nicht.«

Zitat aus Alfred Jarry: Gestes et opinions du docteur Faustroll, pataphysicien (1898)

I

ES IST EIN VIELVERSPRECHENDER, sonniger Septembermorgen des Jahres 20.. als Jürgen Thaddäus Halberg, am Münchner Flughafen eine Maschine der Air France besteigt, um zurück nach Paris zu fliegen. Nicht weil er die Absicht hat dort ein paar vergnügliche, erlebnisreiche Tage zu verbringen, vielmehr um endlich etwas zu Ende zu bringen, was er einst in München begonnen und bereits ein halbes Jahr zuvor in Paris fortgeführt hatte. Sein Alter, weit jenseits der Sechzig und sein inzwischen angegriffener Gesundheitszustand drängen ihn sich zu entscheiden, die Arbeit an seinem letzten Roman, wie er ihn selbst definiert, entweder unvollendet abzubrechen oder ihn in einem letzten großen Aufbäumen geistiger und körperlicher Anstrengung zu vollenden.

Dass er gerade jetzt nach Paris zurückzukehren muss, hat auch noch einen weiteren Grund. Bereits zwei Jahre zuvor hat er versucht Kontakt zu einem bekannten Investmentbanker aufzunehmen, wobei nie klar war, ob er ihn in Deutschland, Italien oder in den Niederlanden treffen würde. Am wenigsten hat er mit Frankreich und schon gar nicht in Paris damit gerechnet, da diese Stadt nicht unbedingt zu den bedeutendsten Finanzmetropolen zählt. Die Möglichkeit, die sich jetzt für ihn auftut, betrachtet er als glückliche Fügung des Schicksals, die es nicht wegzuwerfen gilt, zumal diese neue Entwicklung in ihm ein derart lebhaftes Verlangen, vielleicht das letzte nach der Ferne, in ihm auslöst. Dass sich noch ein weiterer sonderbarer Umstand dazugesellt, soll die Dringlichkeit seiner Rückreise unterstreichen, wenngleich für ihn zunächst rätselhaft blieb, wie und über welche Informationskanäle bekannt geworden war, dass er sein Zuhause für einige Monate wieder in Paris aufschlagen würde.

Bereits während des Schreibens früherer Romane war er auf unerwartete Zufälle angewiesen, die ihm beim Fortgang der Handlung halfen und seine Arbeit beschleunigten. Auch diesmal hat er nur eine vage Vorstellung, wie er seine Geschichte gestalten könne, da das Ende wie so oft zunächst völlig offenbleibt. Er hatte sich genügend Zeit genommen, um sein Werk im selbstgewählten Exil in Paris weiterzuführen und nun auch zu vollenden. Dennoch war er sich im Klaren, dass es kein Paris-Roman werden soll und dies auch gar nicht werden kann.

Denn dazu müsste er sich von dieser Stadt erst einmal lösen, und weit weg von ihr sein. Es ist einfacher aus einem Gefühl des Mangels und der Abwesenheit heraus über eine Stadt zu schreiben, wenn man zuvor dort aufgewachsen war. Gerade die ersten Jahre unseres Lebens sind es, die unsere Vorstellungswelt prägen, nicht jene des Erwachsenenalters. Bevor Paris in seiner Vorstellungswelt real wurde vergingen achtzehn Jahre, in denen er die Stadt, abgesehen von einigen Kurzbesuchen, nur aus der Literatur kennenlernen, weniger tatsächlich erleben konnte. Balzac, Baudelaire, Hugo, Gide und Proust begleiteten ihn auf der Suche nach der verlorenen Zeit und er ist noch immer dabei sie zu finden.

Sicherlich bin ich auch jetzt noch ein Tourist in dieser Stadt und werde es auch in den wenigen Monaten bleiben, in denen ich hier arbeite, ist er überzeugt. Denn nie ist es ihm in den Sinn gekommen, imaginäre Erzählungen über eine Stadt, in der er aufgewachsen war, oder einstmals gewohnt hat, spielen zu lassen. Er erlebte sie viele Jahrzehnte später allein aus der Erinnerung und im räumlichen Abstand, bevor er sich wieder dorthin begab und Vergleiche zum Heute zog. Alles, worüber er schrieb, musste aus dem Gedächtnis kommen und war Teil des Erlebten. Auch jede kulturelle Bezugnahme musste etwas sein, was er in sich trug, ein Teil seiner Selbst und stets im Kontext mit der jetzigen Situation, den Menschen und ihrer Sprache, den sozialen Verhältnissen, der kulturellen Entwicklung, von der sie umgeben sind. Inzwischen hat es sich verändert. Heute braucht er seine Bücher zum Nachschlagen. Sie begleiten ihn, wenn er woanders arbeitet, sei es auf seiner Nordseeinsel oder in München, wo er viele seiner Bücher aufbewahrt oder wie hier in Paris, wo inzwischen seine Keybooks immer griffbereit neben seinem Schreibtisch liegen. Bücher, die er glaubt während seiner Arbeit um sich haben zu müssen, auch wenn er sie nicht unbedingt benötigt. Sie geben ihm Sicherheit, eine Art inneren Raum, abgeschottet, um, wie er glaubt, überzeugend schreiben zu können, egal wo er ist.

Vielleicht lasse ich mich deshalb von Paris einschüchtern, von dem Bild, das ich über viele Jahre und Besuche dieser Stadt gewonnen habe, weil ich es nie wirklich verinnerlichen konnte, überlegt er. Und doch habe ich kurz nach meiner Ankunft gespürt, dass man sich, sobald man die Stadt betritt, um dort für einen längeren Zeitraum zu verweilen und in aller anonymen Abgeschiedenheit zu arbeiten, sofort heimisch fühlen kann. Was ich benötige ist ein unsichtbarer, anonymer Punkt, an dem ich schreibe, ist er überzeugt. Und Zufälle, die sich in den vergangenen Jahren regelmäßig eingestellt haben, wenn er an einem Thema arbeitete und die ihn im entscheidenden Stadium eines Romans inspirierten und weiterführten.

*

Hannah Decius, eine zierliche und zurückhaltende freundliche Dame in den besten Jahren, hatte er einige Jahre zuvor in Krakau anlässlich einer Studienreise kennengelernt. Sie ist Musiklehrerin und Pianistin, deren langes, einstmals schwarzes Haar als festgezurrter grauer Knoten auf dem Hinterkopf in ihm anfangs den nichtzutreffenden Eindruck einer strengen Gouvernante hervorrief. Unterstützt wurde dieser Eindruck noch durch ihre Vorliebe für eine hochgeschlossene, schlichte, graue Kleidung, die ihren schlanken Körper nonnenhaft umhüllte. Aber dies war nur rein äußerlich. Bald hatte er Hannah als feinsinnige, intelligente und aufgeschlossene Dame kennenglernt und ist ihr seitdem sehr zugetan. Sie half ihm ein Appartement in der Rue des Barres im Marais zu finden, in der zweiten Etage eines zurückgesetzten romantischen Seitenflügels eines größeren Wohngebäudes, efeubewachsen und nicht völlig von der Außenwelt abgeschieden. Auf der Straße, die eigentlich nur eine Gasse ist, sollte ihn vor dem Gebäude ein kleines Café in romantischer Umgebung und auf einer kleinen, erhöht gelegenen Terrasse zum Verweilen und Entspannen verführen. Vielleicht könnte durch diese intime Stätte Paris doch noch zu einer Stadt seines inneren Lebens werden, wenn es ihm gelingt durch seine literarische Arbeit einen Jugendtraum zu verwirklichen. Vielversprechend lächelnd meinte Hannah Decius nur: »pokochasz w paryzu«, es wird Dir in Paris gefallen, als sie ihn damals am Hauptbahnhof in Krakau verabschiedete. Das war vor einigen Jahren, nachdem er bei ihr zehn Tage zu Gast gewesen war und mit ihr zusammen wundervolle und lehrreiche Tage verlebt hatte. Er erinnert sich noch gerne an jene ungewöhnlich heißen Frühsommertage in den Pfingstferien, als sie ihm stolz ihre wunderschöne, alte Stadt zeigte, in der sie seit ihrer Jugendzeit lebt; der Wawel, dumpf, in mystisches Dunkel getaucht, unheimlich, so hat er das Innere dieses imposanten Gotteshauses damals empfunden, die Türme mit den mächtigen Glocken im Gebälk, die ihn befremdende tiefe Gläubigkeit der polnischen Katholiken. Er durfte Hannah am Abend in das berühmte Café Ariel im Stadtteil Kazimierz begleiten, wo sie sich bei Klezmer, Musik und koscheren Speisen mit ihren Musikerfreunden von den Symphonikern trafen. Auch wenn er kein einziges polnisches Wort verstand, so genoss er doch die heimelige Atmosphäre und die mitunter fröhliche Unbeschwertheit der Menschen, die er damals als eine Trotzreaktion auf deren regimekritische Einstellung empfand. Wären sie in Warschau gewesen hätte er gehofft, dass ihn das Schicksal doch noch mit Leni, seiner alten Jugendliebe, zusammenführt, um im letzten Lebensabschnitt ihrer sehr unterschiedliche Vergangenheit in zwei so gegensätzlichen gesellschaftspolitischen Systemen zu diskutieren. Leider ergab sich keine Gelegenheit, damals noch nicht. Hannah zeigte ihm die Bibliothek der altehrwürdigen 1364 vom polnischen König Kasimir dem Großen gegründeten Jagiellonen-Universität, an der sie einst ein Musikstudium absolvierte. Sie versprachen in Kontakt zu bleiben, einander Briefe zu schreiben und sich in Paris wiederzutreffen. Sie war es auch, die ihm in einem ihrer letzten Briefe, als er sich endlich entschlossen hatte wieder einige Monate in Paris zu leben, noch einmal wärmstens an das Appartement bei Arlette Marceau im Marais erinnerte.

Das Appartement liegt im zweiten Stockwerk eines alten im Jahr 1327 im Auftrag der Abtei von den Damen Maubuisson in der Nähe von Pontoise gebauten mittelalterlichen Fachwerkhauses in der Rue des Barres, einer kleinen, kaum 130 Meter langen Gasse in der historischen Gegend des Marais, die ihren Namen den alten, zum Templerorden gehörenden Wassermühlen an der Seine, verdankt. Ab 1672 besaßen die Töchter von St-Gervais Cross diesen Ort, bis das Gebäude 1972 von der Stadt Paris gekauft und saniert wurde.

Hannah Decius hatte ihm vor seiner Abreise in Krakau nicht zu viel versprochen. Die Lage und die Umgebung stellt sich bereits bei seinem ersten Eindruck als äußerst reizvoll heraus: Ein altehrwürdiges geschichtsträchtiges Gebäude in romantischer Lage, und vor allem in unmittelbarer Nähe zur Seine, mit direktem Blick auf die gegenüberliegenden Île de la Cité mit der alles dominierenden Kathedrale Notre Dame, und der Sainte Chapelle im hochgotischen Stil mit ihren großartigen Buntglasfenstern. Und gleich nebenan, nur durch die schmale Gasse getrennt und unmittelbar hinter dem am Seineufer gelegenen Hôtel de Ville, dem prächtigen Rathaus aus dem 19. Jahrhundert, die hochaufragende gotische Pfarrkirche St-Gervais, genauer: Saint-Gervais-Saint-Protais. Wenn man wie er, zumindest für einige Monate das Glück hat in ihrer unmittelbaren Nähe zu wohnen, kann man das Privileg genießen, einiges aus den umfangreichen Tondichtungen von Louis und Francois Couperin, zu erleben, einer Musikerfamilie, die das Organistenamt von 1653 bis 1827 dort innehatte.

Jürgen Halberg war glücklich, dass er sein Versprechen wahr machen konnte und er ihr in Paris wieder begegnen würde. Hannah wusste ja, wo er sich nun niedergelassen hat, und er hofft, sie würde ihm bald folgen. Inzwischen hatte er sich kundig gemacht, dass bereits im 13. Jahrhundert Angehörige des Templerordens das ehemalige, außerhalb der Stadtmauern von Paris gelegenen Sumpfgebiete trockengelegt hatten. Später wurde der Marais in die Stadtmauer von Paris einbezogen, es entstanden die Stadtpaläste des Adels, die Hotels particuliers, die von den Modernisierungsbestrebungen des Barons Haussmann im 19. Jahrhundert verschont blieben, wodurch die ältesten und prachtvollsten Bauten noch heute neben den alten windschiefen Häusern der Handwerker, die hohen Mietshäuser neben Ordensniederlassungen der Tempelritter überlebt haben. Was ihn sofort nach seinen ersten Erkundungen des Marais erstaunte war das allgegenwärtige jüdische Leben, die Begegnung mit orthodoxen Juden in ihrer typischen Tracht und den Stirnlocken, die kleinen Läden wie in alten Zeiten, die Gaststätten und Cafés mit ihren koscheren Speisen, und die heimeligen Gassen mit jüdischen Händlern. Eine Zeitreise und doch auch wieder erstandenes Abbild jüdischen Lebens und ihrer Kultur, wie er es sich in seiner Vaterstadt vor der Machtergreifung 1939 durch den Nationalsozialismus, allerdings nur aus Büchern, aus Museen und von Erzählungen der letzten noch lebenden Zeitzeugen vorstellt. Jetzt versteht er auch die kulturelle Verbindung zwischen dem Marais, dem jüdischen Viertel Kazimirs in Krakau und Fürth, wo er herkommt und weshalb Hannah ihm über Jahre hinweg in ihren Briefen stets an diesen mythischen Ort erinnerte.

II

FÜR EINEN VOM ERFOLG früherer Jahre verwöhnten Menschen zeichnete sich im Rückblick seiner Romanaufzeichnungen eine ganz entscheidende Veränderung seines Lebens bereits im Juni 1991 ab. Nicht dass an jenem heißen, wolkenlosen Sommertag ein großer Schwarm schwarzer, angriffslustig herabstürzender Hitchcockscher Vögel den Himmel plötzlich verdunkelte oder eine schwarze Katze von der richtigen, oder je nachdem, wie man es sehen mag, von der falschen Seite seinen Kiesweg zu jenem oberbayerischen Landgasthof an der Isar gekreuzt hätte. Eine Gruppe von Clubfreunden, alles gestandene Männer aus den verschiedensten Berufsgruppen traf sich am späten Nachmittag, um eine jährlich wiederkehrende Zeremonie zu feiern. Und sie veranstalten Spiele, die sie vielleicht an die Kindergartenzeit ihres Nachwuchses erinnern. Von manchen Mitgliedern konkurrierender Clubs, die sich wegen ihrer herausragenden, eher abgehobenen gesellschaftlichen Stellung nicht als solche betrachten mögen, werden sie wegen ihres pseudoelitären Anspruchs eher belächelt, obwohl sie sich gleichermaßen als IHK-Fraktion (Fraktion der Industrie- und Handelskammer) betrachten, mit angegliederten Freiberuflern wie Anwälten, Ärzten und manch international bekanntem Künstler. Aber nicht nur deshalb. Vielleicht liegt es daran, dass bei den meisten dieser Menschen die Erwartung von Rang nicht blindlings, aber unabhängig von Erfolg oder Nichterfolg besteht, denn sie selbst setzen die Maßstäbe. Diese kennzeichnen sie untrüglich als ihre Leistungen, die Außenstehende in den meisten Fällen ohnehin nicht beurteilen können. Ihr Rang reflektiert ihre Leistung. Sie sind auch nicht immer freundlich, wenn jemand sich unter seinem Rang verhält. Selbstzweifel, die ihnen vorgetragen werden, betrachten sie ernsthaft, doch fallen sie nicht auf Selbstbezichtigung herein, sobald sie nicht mit übertriebener Selbstdarstellung überrannt werden, ihre Erwartungen herabsetzen und gnädig werden in einer Art, die alles eine Nummer zu klein nimmt, aber auch alles. Sie nennen ihr Treffen Sylvester, auch wenn an diesem Tag die Sonne ihrem Höchststand zustrebt. Man ist ausgelassen, leidet unter der schwülen Sommerhitze und entledigt sich in angemessener Weise eines Teils seiner Oberbekleidung. Damen dürfen bei dieser Feier ausnahmsweise dabei sein, fallen mit ihren leichten bunten Kleidern ungezwungen damenbündelnd parlierend und meinungsbildend als verführerisch aufgeregte Schmetterlinge auf und bilden die Glanzpunkte der Zusammenkunft. Die Stimmung scheint sommerlich unbeschwert, und man findet sich großartig. Nichts was das Geschehen trüben könnte. Indes liegt erwartungsvolle Spannung in der Luft. An jenem Nachmittag von historischer Bedeutung soll im Bonner Wasserwerk über den zukünftigen Regierungssitz Deutschlands entschieden werden.

Die Herren hatten bereits nach der Entscheidung für Berlin als Hauptstadt Wegweisendes zu besprechen: Weitsichtige kommentieren euphorisch das noch nicht vorliegende Ergebnis des Hauptstadtbeschlusses, beginnen die Folgen auszuloten und in Gedanken die Weltpolitik mit ihren unmittelbaren Auswirkungen für sich persönlich und ihre Geschäfte neu zu ordnen.

Bereits seit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 zeichneten sich epochale Veränderungen ab und kündigten den Aufbruch gen Osten an, mit der Rückholung dessen, was einstmals deutschen Familien gehörte. Anwälte und Steuerexperten bereiteten gedanklich die rechtliche Übernahme bedeutender Ländereien samt dazu gehörendem Grundbesitz vor, EU-Subventionen in großem Stil, entsprechend der enormen wirtschaftlichen Bedeutung werden für große Landgüter in Mecklenburg und Vorpommern ausgelotet, die Übernahme von Fabriken, die einst ihren Familien gehörten, ebenso die Neuansiedlungen von Industrie- und Handelskonzernen, um den Wiederaufbau maroder Städte zu beflügeln. Der verblichene Charme des Sozialismus sollte so schnell wie möglich der Vergangenheit angehören, Plattenbauten und die stinkenden Trabis, die sogenannten Leukoplastbomber, für immer verschwinden. Man erinnerte sich wieder an Joseph Alois Schumpeters Theorie der kreativen Zerstörung als Voraussetzung einer prosperierenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Im Osten war der Weg nun endlich geebnet für erfolgsorientierte Unternehmer, denn die Treuhand wickelte zügig in großem Stil ab, organisierte den Ausverkauf ganzer Regionen, um Platz für Neues zu schaffen. Es ist der Beginn eines verhaltenen Erfolgsrausches. Die ungezügelte Aufbauphase der 50er Jahre in der alten Bundesrepublik soll sich nun auch in den sogenannten neuen Bundesländern wiederholen und die von Bundeskanzler Helmut Kohl vollmundig versprochenen blühenden Landschaften, die Menschen in Begeisterungstürme versetzen. Man ging sogar so weit, die russische Enklave Kaliningrad, das ehemalige deutsche Königsberg in die Überlegungen einzubeziehen. Nur ganz so schnell konnte es bei der deutschen Gründlichkeit nicht gehen – und schon gar nicht war die verordnete Medizin ohne Risiken und Nebenwirkungen zu verabreichen. Darauf hatte keiner hingewiesen, auch wenn man es erahnte. Jeder behielt die Bedenken für sich und in kleinen Zirkeln wurde darüber debattiert, in den Planungsstäben der Architekturbüros und Projektentwickler wurde emsig daran gearbeitet, wie man für sich oder für das Unternehmen hieraus am meisten Kapital schlagen kann. Viele der einfallsreichen und agilen Jungpolitiker und Gestalter des neuen Ostens verschwanden bald wieder, denn wer zu lange überlegte und zu langsam war, der hatte schon verloren.

Mit der Wiedervereinigung der beiden, sich nach dem Zweiten Weltkrieg so unterschiedlich entwickelten Deutschen Staaten, und mit der Entscheidung, von welcher Hauptstadt das zukünftige vereinte Deutschland regiert werden soll, sollte sich auch Jürgen Halbergs Leben verändern. Die Abstimmung im Deutschen Bundestag erfolgte genau an dem Tag, an dem er mit seinen Freunden den Gründungstag des Clubs feierte, am 20. Juni 1991. Auf dem Parkplatz des Landgasthofes an der Isar verfolgten seine Freunde und er, dicht gedrängt und mit gesenkten Köpfen, dem einzigen Autoradio zugewandt, die Übertragung der Abstimmung im Bonner Wasserwerk. Welch eine euphorische Stimmung, als die Wahl des zukünftigen Regierungssitzes nach einer 600 Minuten dauernder Debatte endlich auf Berlin fällt; wie man ihn spontan umarmte und ihm gratulierte, ihn feierte, ihn, jenen Jürgen Thaddäus Halberg, der alles längst vorausgesehen hatte, wie man unterstellte, dass seine Geschäfte in Zukunft richtig brummen würden! Welche Gewinnsteigerungen sich ergäben, bei jenen, die, in weiser Voraussicht, seinem Rat frühzeitig gefolgt waren und bereits vor Jahren in Berlin-West investiert hatten, selbst als die wenigsten noch an eine Wiedervereinigung beider deutscher Staaten in absehbarer Zeit glauben wollten. Die Euphorie bei den Freunden war ungebremst, aber nicht bei ihm. Er konnte sich im Glanz der politischen Ereignisse und den daraus folgenden Erwartungen sonnen und doch kannte er die Fallstricke, vor allem die von gefährlichen, zerstörerischen Untiefen geprägten Eigenheiten des Berliner Immobilienmarktes und der Finanzierungs-Institute; ein Hauen und Stechen, ein Tricksen und Schummeln, ein Verzögern von Baugenehmigungen durch neidische Beamte bei den Berliner Behörden, ein ständiges Gegen-die-Wand-laufen-lassen, stets mit offenen Händen, egal wo man hinschaute oder mit wem man es zu tun hatte. Woher rührte diese offen zur Schau getragene Aversion, fragte er sich anfangs. Waren es die unterstellten, mehr gefühlten als tatsächlich vorhandenen sozialen Unterschiede, weil diese ›Wessis‹ mit ihren dicken Brieftaschen sich in Berlin einkaufen konnten und sich die Bewohner dieser vom kapitalistischen Westen ausgehaltenen Insel gedemütigt fühlten? Wer lässt sich schon demütigen, auch wenn er dafür bezahlt wird (ohne sich dessen bewusst zu sein)? Hatten sie Angst ihren Freiraum oder bisherige Annehmlichkeiten zu verlieren? Plötzlich war Eigeninitiative gefragt, ohne zu wissen, was das ist, von jenen, die jahrzehntelang aus dem goldenen Westen nach Berlin-West geströmt waren, um sich vor dem Dienst in der Bundeswehr zu drücken, jene Autonomem, die sich außerparlamentarisch fühlten und nach Lust und Laune randalieren konnten, am 1. Mai mit ihren Genossen für sich die Freiheit in Anspruch nahmen mit Molotowcocktails bürgerkriegsähnliche Zustande gegen das herrschende gesellschaftliche und wirtschaftliche System zu inszenieren. Zustände, die bis in unsere Tage und nicht nur in Berlin, auch in Hamburg Tradition haben. Da wurden Rituale gepflegt, eine im Grunde genommen laute, militante und doch sprachlose Gewalt, lustvoll ohne erkennbares Ziel, ohne wirkliche Politisierung. Man muss es zumindest einmal gesehen haben, mittendrin gewesen sein, zwischen den Barrikaden aus umgestürzten, brennenden Autos, hinter denen sich die vermummte Aggression stark fühlt. Man muss diesen fundamentalen System-Widerspruch und den sich daraus entwickelnden Irrsinn erlebt haben, um sich über jenes Verhalten zu wundern, wie später der unfreie und geknechtete Teil unseres Volkes die Mauer einreißt, um mit ungezügelter Begeisterung in dieses vermeintlich so verhasste, kapitalistische System zu strömen, ohne die Herausforderungen auch nur zu erahnen, die auf sie zukommen werden. Aber ist es nicht eine unserer besten menschlichen Eigenschaften, sich freudig auf den Zauber des Neuen, noch unbekannten mit einer kindlichen Naivität einzulassen, die uns hilft, das Leben zu meistern? Oder war diese offensichtlich provozierte, gesellschaftliche Spaltung nur eine Generationenfrage? Vielleicht.

Nur wer ständig seinen Anwalt im Schlepptau mit sich führte, konnte, wenn überhaupt, finanziell einigermaßen unbeschadet überleben. Die überwiegende Zahl seiner Clubfreunde konnte sich von dieser Stadt keine Vorstellung machen: die Künstler, Bildhauer, Maler, Musiker, jene der Ärztegilde. Andere wussten um die Eigenart dieses Geschäftes, aber sie äußerten sich nicht: die so genannte IHK (Industrie- und Handelskammer) -Fraktion, die Banker, die Geschäftsführer von Baufirmen, aber auch deren Vasallen, die Anwälte. Sie schwiegen. Erst mit der Zeit stellte sich heraus, dass viele von ihnen mit ähnlichen Problemen kämpften.

III

NOCH JAHRE SPÄTER, während eines Orgelkonzertes in der Pfarrkirche St. Gervais in Paris wird er sich nicht gegen die ihn bedrückende Rückbesinnung an eine längst zurückliegende Abfolge von Bildern wehren können, die ihn hin und wieder einholt. Denn er erinnert sich an jenes einschneidende Ereignis, das er nach der zuvor erlebten Euphorie anlässlich der Wiedervereinigung Deutschlands und der dadurch ausgelösten Aufbruchstimmung noch immer nicht verstand. Es wäre heute vermessen zu unterstellen, er wollte damals Baron Haussmann, dem großen Erneuerer von Paris im 19. Jahrhundert nacheifern; er kannte damals noch nicht mal dessen Namen. Er wollte lediglich eine alte verbrauchte Stadt im Osten Deutschlands für alle die dort wohnen, schrittweise, wieder zum Leben erwecken. Vom großen Getue um die Erneuerung der Möchtegern-Weltstadt Berlin nach dem Fall der Mauer hatte er nach seinen vom Erfolg verwöhnten, kräftezehrenden Jahren genug. Vielleicht liebt er gerade deshalb den Marais, diesen historischen Ort in Paris mit seiner Kirche, seiner Orgel, den berühmten Organisten und seiner Nähe zur Seine, weil es ihn an das erinnert, was man ihm zerstört hatte, bevor er seine Ideen verwirklichen konnte.

Dabei war er viele Jahre lang überzeugt, das Leben sei ein Spiel, das man weitgehend selbst beeinflussen könne, ja müsse, wenn man den nötigen Willen und die Ausdauer aufbringt, und dass man nur etwas Glück bräuchte, um auch anspruchsvollere Pläne in die Wirklichkeit umzusetzen.

Er sollte jedoch eines Besseren belehrt werden. Nur ein einziges Mal hatte er den Pfad der rationalen Betrachtungsweise verlassen und sich nur von seinen Gefühlen leiten lassen. Es sollte ihn später schockartig an die Grenze seiner Existenz bringen.

Dutzende Golfplätze in und um Berlin waren in Planung gewesen, sollten fortan all jenen als gesellschaftliche und geschäftliche Kommunikationszentrale dienen, von denen aus das neue, wiedervereinte, wiedererstarkte Deutschland (zumindest was dessen Selbstverständnis betrifft) gestaltet wird. Bauprojekte werden in Angriff genommen, als gälte es eine weitere, eine noch größere, eine noch schönere Weltmetropole zu schaffen für alle Glücksritter, die nun aus dem Westen übersiedeln werden. London, Paris, Rom, New York gilt es zu übertrumpfen. Berlin muss sich neu erfinden. Solche Gedanken können nur in der Provinz entstehen, die sie nach Halbergs Einschätzung noch lange Zeit bleiben wird. Selbst Jahrzehnte später werden die reichen Oligarchen Russlands eher Paris, London, vor allem dem imperialen Prunk der Monarchie Großbritanniens verfallen, der sie an ihr eigenes, längst untergegangenes und gerade wiederauflebendes zaristisches Reich erinnert, als dem stark belasteten Image einer kulturell aufstrebenden Möchtegern-Weltmetropole.

Halberg hingegen bevorzugte nach seinen Berliner Erfahrungen einen anderen Weg. Er hatte minutiös ausgearbeitete Planungsunterlagen im Auto, die vorsahen, in einem ersten Bauabschnitt eine Altstadt in Sachsen-Anhalt entlang der alten Stadtmauer wieder zum Leben zu erwecken: Alte, während des kulturlosen Sozialismus größtenteils verfallene Fachwerkgebäude, ein alter Stadtturm, ein marodes, graues und dennoch erhaltenswertes Patriziergebäude, dessen längst verblichenen Charme man hinter zerschlagenen Fensterscheiben allenfalls noch erahnen konnte. Alles in erbärmlichem Zustand. Müll lagerte in den Gebäuden, in verrotteten Fensterrahmen fehlte das Glas. Zwei junge Asiatinnen huschten auf der anderen Straßenseite vorbei, als wollten sie nicht erkannt werden oder an dieser Tristesse nicht schuld sein. Sonst war niemand zu sehen, erinnert er sich. Er hatte sich Großes vorgenommen, aber niemand schien in dieser verdammten Stadt zu leben, für den es lohnt, sich zu engagieren. Es ist ein Tag, der selbst den stärksten Optimisten zu Hause bleiben und unter die Bettdecke kriechen lässt. Bevor er zum Auto zurückgeht begegnet ihm eine alte, vom Leben gebeugte, schwarz gekleidete Frau, die sich ihm in den Weg stellt und ihn unerwartet anspricht. Sie erzählt ihm, dass sie erst vor kurzem ihren Mann verloren hat. Er war Schuhmacher gewesen, dort um die Ecke, in dem kleinen roten Haus, in dessen Richtung sie gerade zeigt. Mit seiner Arbeit konnten sie sich in all den Jahren der kommunistischen Diktatur in der DDR in bescheidenem Rahmen über Wasser halten, erklärt sie ihm. Und jetzt, da alles viel besser wird, wie sie weiß, kann er es nicht mehr erleben, stellt sie bedauernd fest. Diese alte Frau erzählt ihm, dass nun die alten Häuser an der Stadtmauer wiederaufgebaut werden sollen, dass ein gutgeführtes italienisches Restaurant im renovierten Stadtturm und eine Weinstube die Menschen zurückholen sollen. Und dort unten, zeigt sie ihm, will man einen Marktplatz schaffen, wo es frisches Obst und Gemüse geben wird, wöchentlich wiederkehrenden Veranstaltungen mit Händlern aus der Region und mit Buden, einem bunten Karussell für Kinder mit Autos und Pferdchen. Sie sagt es als warte sie auf seine Bestätigung. Sie freue sich schon auf das neue Leben, das wieder einkehren wird, und sie ist guten Mutes, es noch zu erleben. Er hatte den Eindruck, dass sie wusste, wer ihr gegenüberstand. Inzwischen war er ihr die abschüssige, regennasse Straße bis zu ihrem auffallend ziegelroten Häuschen gefolgt. Klein, niedlich, ein kleiner Laden im Erdgeschoss, der verwaist war. Eine malerische, unwirkliche Idylle im Vergleich zu dem, was sich zu beiden Seiten an Verwahrlostem anschloss. Darüber nur noch zwei oder drei Fenster einer Wohnung unter einem hohen, maroden, durchhängenden Ziegeldach. Der Regen hatte aufgehört. Die trostlosen Straßen sind jetzt nicht mehr schwarz, nur noch traurig grau. Außer ihnen ist niemand weit und breit zu sehen. Auch keine Autos, weder fahrende noch geparkte. Auf der gegenüberliegenden Seite der Weißen Elster ist die Wolkendecke nun aufgerissen, vor der untergehenden tiefroten Sonne hebt sich ein einsamer Stadtturm dunkel gegen den sich aufhellenden Abendhimmel am Horizont ab.

Er hat sich bei dieser Begegnung nicht erinnert, was ihm seine Lehrer an der Universität für das Leben mitgegeben hatten. Er verhält sich, ausgelöst durch die Begeisterung und der offenbar auf ihn gerichteten Erwartungshaltung der alten, liebenswerten Frau wie jene erfolgreichen Unternehmer im Westen Deutschlands aus der Zeit des Wiederaufbaus nach dem 2.Weltkrieg, die aus dem hohlen Bauch heraus entschieden, und – Erfolg damit hatten. Aber die Zeit und damit die ökonomischen Bedingungen waren längst andere. Er hätte den blutrot hinter dem Stadtturm untergehenden Sonnenball richtig deuten sollen. Wie konnte er in seinem aufkeimenden Gefühlsrausch annehmen, was sich da zeigte sei das Wiedererwachen einer Stadt aus einem Dornröschenschlaf und zugleich der Beginn einer neuen hoffnungsvollen Ära seiner eigenen unternehmerischen Aktivitäten. Das zufällige Zusammentreffen mit dieser alten, gebeugten Frau war – im Nachhinein betrachtet – der Anfang eines folgenschweren Debakels, das sein Leben auf den Kopf stellen sollte. »Wir haben beschlossen, im Osten Deutschlands nichts mehr zu finanzieren«, lautete wenige Monate später die lapidare Auskunft des Bankvorstandes, als er bereits nach erfolgter Finanzierungszusage die Grundstücke gekauft und die Leistungen der Architekten bezahlen musste, Planierraupen den Schutt wegschoben und erste Handwerker anrückten. Damals beschloss er, auf eigene Kosten, die halbverfallene, geschlossene Michaeliskirche zu restaurieren, falls man ihm – wer auch immer – aus dieser Misere heraushilft.

Und dann der Vorschlag eines guten, vertrauenswürdigen Freundes, der ihn einlud mit ihm nach Frankfurt zu kommen. Dort wird man seine Probleme lösen.

IV

FORMAN REDETE VIEL, gesetzte Worte, mit sonorer Stimme und mit Bedacht vorgetragen, die in der Luft hängen blieben und jeden Augenblick, wie Halberg aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen befürchtete, wie Seifenblasen in Nichts zerplatzen würden. Im Grunde genommen blieben auch dieses Mal nur Mutmaßung und vage Hoffnung. Konkretere Zweifel sollten sich erst später einstellen, als alle Versprechungen in hoffnungslos Absurdes in sich zusammenstürzten und schließlich in Drohungen enden sollten. Aber soweit waren sie noch nicht.

In zwei Tagen wollte Forman in Lausanne sein, um sich mit seinen arabischen Geschäftspartnern zu treffen, vielleicht auch mit Israelis, die gute Kontakte zu höchsten Finanzkreisen hätten, wie er ausführte. Wo er sie genau treffen würde, verschwieg er. Er schien verunsichert, aber dies dürfte reine Taktik gewesen sein. Einen Hinweis machte er noch: Araber sind unzuverlässig und man kann sie auf keinen Fall drängen, wenn es um geschäftliche Belange geht. Geduld ist angesagt, unendlich viel Geduld; eine Einschränkung, die er Halberg in abebbender Stimme beiläufig unterschob, während er mehr oder weniger bewusst, so genau konnte er das nicht feststellen, gedankenverloren aus dem Fenster der Lounge des Frankfurter Hauptbahnhofs den vorbeifließenden Verkehr zu beobachten schien.

Er saß mit Forman noch eine Weile zusammen. Sie sprachen über Formalitäten, die er ihm an die Hand geben wollte und die er anschließend noch ergänzen und übersetzen würde. Eine Abschrift würde er ihm bei ihrem nächsten Treffen nach seinem Besuch in Lausanne übergeben. Zusammen mit den Auszahlungsmodalitäten der vorläufigen Investitionssumme von erst mal 10 Millionen US-Dollar. Halberg nickte zustimmend, um anzuzeigen, dass er voll und ganz verstand. Hatte er eine andere Möglichkeit, als Formans bisherige Vorschläge zu akzeptieren? Ihm war die Ausweglosigkeit seiner Situation bewusst, wollte er sein Projekt im Osten Deutschlands retten, obschon ihn zwei Dinge störten, nein es waren drei: Als er vor Beginn ihrer Unterredung die Lounge des Frankfurter Hauptbahnhofes betrat, kam Forman auf ihn zu und begrüßte ihn mit den Worten »Ich habe Sie bereits kommen sehen, Sie fahren einen dunkelgrünen 7er BMW«. Halberg war erstaunt, zeigte es aber nicht und ging zu den üblichen Floskeln über. Später hat er noch lange darüber nachgedacht, er konnte mich vorher überhaupt nicht gesehen haben, es sei denn, eine zweite Person, die ihn informierte, war im Spiel. Und weshalb war er in einer karierten Golf Hose und im dunkelblauen Blazer zu diesem Businesstermin erschienen? Und dann so beiläufig sein völlig überflüssiges Angebot ihn, Halberg, an einer Bank in Panama beteiligen zu wollen, was er zweideutig lächelnd, aber nach einigem Zögern höflich und bestimmt ablehnte, da bekanntermaßen jeder Dahergelaufene eine Bank in Panama eröffnen konnte, um sich dann zuhause in einen prunkvollen Sessel hinter seinen Schreibtisch zu setzen, flankiert von den Flaggen von Panama und dem Heimatland, und in einer sich selbst überschätzenden Phantasiewelt die Huldigungen seiner bestellten Gesprächspartner oder die, nur in seiner Vorstellung existierenden Untergebenen vom anderen Ende der Welt über sich ergehen zu lassen. Er hatte diese Szenerie mehr als einmal in Berlin bei zweifelhaften Geschäftsleuten mit dauergewellter Haarpracht, maßgeschneidertem Anzug und ausgefallener, Papagei bunter Seidenkrawatte erlebt.

Zwei Wochen hörte er nichts von Forman, außer den stets gleichen Text des Anrufbeantworters. Eine weitere Woche später stieß er zufällig auf die Mitteilung in einer Wirtschaftszeitung, dass in Zürich zwei Araber wegen Devisenvergehens verhaftet worden waren. Einer von ihnen war Khalid, einer von Formans Geschäftspartnern.

Erst einige Monate später die Behauptung Formans anlässlich eines Telefongespräches, während ihrer Unterredung in der Lounge des Hauptbahnhofs in Frankfurt seien Leute vom BKA am Nebentisch gesessen und hätten ihr Gespräch aufgezeichnet. Forman wollte sich den Rücken freihalten, um zu vermeiden, dass er gegen ihn wegen Betrugs gerichtlich vorgeht; nun war es für Halberg offensichtlich, denn an den Tischen neben ihnen war keine einzige Person gesessen.

*

Wenngleich Forman mit seinen annähernd fünfzig Jahren einen weltläufigen, seriösen Eindruck machte und, wie man ihm nachsagte, tatsächlich über weltumspannende Verbindungen zur Hochfinanz verfügte, ...

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