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Noch eine Nacht im Bett des Wüstenprinzen

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1. KAPITEL

Als Madison Foster in Los Angeles aus der schwarzen Stretchlimousine stieg, sah sie sich sofort von einer Horde Bodyguards umringt, die ihr die Bedeutung ihres illustren Klienten deutlich ins Bewusstsein rückte. Während sie den Parkplatz überquerte, wurde aus dem Nebel feiner Regen.

Zwei der stattlichen Männer in dunklen Anzügen flankierten sie, die beiden anderen schritten voraus. Kurz vor dem Service­eingang des Hochhauses bemerkte sie Blitzlichtgewitter und aufgeregtes Durcheinanderrufen von Reportern, doch sie wagte es nicht, sich umzusehen. Sie hatte keine Lust, in die Schlagzeilen irgendwelcher zweifelhafter Boulevardblätter zu geraten, die sie als die neueste Eroberung des Playboy-Prinzen ablichten würden. Und überdies als reichlich zerzauste Eroberung. Denn im Nacken unter dem Pferdeschwanz spürte sie bereits, wie sich ihre widerspenstigen Haare bei dem feuchten Wetter zu Locken kringelten. So viel also zu ihrem Businesslook. Und so viel zum Mythos, es würde in Kaliforniens sonnigem Süden nie regnen.

Nachdem die Sicherheitsleute die schwere Metalltür aufgestoßen hatten, trat sie ein. Im Gebäudeinneren bewegte sie sich mit ihren High Heels auf dem glatten Fliesenboden vorsichtig wie auf Glatteis. Zum Glück nahmen die labyrinthartigen Korridore schließlich ein Ende. Auf Teppichboden fühlte sie sich bedeutend sicherer. An den Aufzügen gab einer der Männer den Sicherheitscode ein.

Roboterhaft betraten ihre Begleiter mit ihr die Kabine. Auf der Fahrt ins oberste Stockwerk würdigten sie sie nicht eines Blicks, sondern schauten mit ungerührter Miene professionell geradeaus.

Lautlos öffnete sich die Tür im Penthouse. Dahinter erwartete sie ein Herr in grauem Anzug mit Brille und Stirnglatze, der einen gebildeten Eindruck machte. Freundlich gab er ihr die Hand. „Herzlich willkommen, Miss Foster. Ich bin Mr Deeb, der Privatsekretär Seiner Hoheit.“

Höflich lächelnd schüttelte sie ihm die Hand. „Es ist mir ein Vergnügen, Mr Deeb.“

„Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite“, erwiderte er galant. „Wenn Sie bitte mitkommen würden.“

Wie gut ausgebildete Soldaten zogen sich die Sicherheitsleute zurück. Beim Anblick des zwei Etagen hohen Foyers aus schwarzem Marmor stockte Madison der Atem. Als Diplomatentochter und politische Beraterin war sie an Luxus gewöhnt, ohne jedoch dagegen abgestumpft zu sein. Guten Geschmack erkannte sie sofort.

Hohe Fenster, die den Blick auf die Hügel von Hollywood freigaben, erregten als Erstes ihre Aufmerksamkeit. Dann fielen ihr die Wendeltreppe aus Edelstahl und die topmoderne Möblierung auf. Die klare Linienführung und die minimalistische Ausstattung entsprachen bis ins kleinste Detail aktuellem Design – doch Madison hatte etwas anderes erwartet.

Juwelen, Gold und Statuen passten zu einem Monarchen – keine Junggesellenwohnung von schlichter Exklusivität. Nun ja, in diesem Fall handelte es sich natürlich um einen ausgesprochen reichen Junggesellen. Für Scheich Zain ibn Aahil Jamar Mehdi, den Kronprinzen von Bajul, war das Beste gerade gut genug.

Überraschend sollte er in Kürze die Thronfolge antreten. Aus diesem Grund war Madison herbeizitiert worden: um den angeschlagenen Ruf des Mannes mit den vielen Namen wiederherzustellen, und das in weniger als einem Monat.

Nachdem sie die Treppe passiert hatten, wandten sie sich nach rechts. Madison sah Mr Deeb fragend an. „Es wundert mich, dass Seine Majestät mich zu so später Stunde empfangen will.“

Deeb, der es vermied, sie direkt anzusehen, rückte seine Krawatte zurecht. „Den Termin hat Prinz Rafiq festgesetzt.“

Rafiq Mehdi, Prinz Zains Bruder, war es auch, der mit ihr Kontakt aufgenommen hatte. „Aber Prinz Zain erwartet mich doch, oder?“, vergewisserte sich Madison.

Vor einer zweiflügeligen Tür aus sanft schimmerndem Mahagoni-Holz blieben sie stehen. „Als mir Prinz Rafiq Ihr Kommen angekündigt hat, nahm ich an, dass er seinen Bruder informiert hat. Aber ganz sicher bin ich mir nicht.“

Falls Prinz Zain nicht im Bilde war, würde er sie möglicherweise hinauswerfen, noch ehe ihre feuchte Kleidung wieder trocken war. „Wenn er nicht einmal weiß, dass ich hier bin, weiß er erst recht nicht, warum.“

Mr Deeb zog es vor, diesen Einwand diskret zu überhören. Er wies auf einen Alkoven, in dem zwei Sessel mit Pfauenmuster standen. „Wenn Sie bitte Platz nehmen würden, bis der Prinz bereit ist, Sie zu empfangen.“ Damit verschwand er durch die Doppeltür.

Madison setzte sich, zupfte ihren engen marineblauen Rock zurecht und stellte sich auf eine längere Wartezeit ein. Sie betrachtete die schwer bewaffneten Wachen, die links und rechts von der Tür standen, um den künftigen König vor potenziellen Attentätern zu schützen.

Sogar ihre Handtasche war vor dem Einsteigen in die Limousine durchsucht worden, doch von Lippenstift und Nagellack ging ja keine Bedrohung aus.

Plötzlich hörte sie eine aufgebrachte Männerstimme durch die schwere Tür gedämpft in den Raum dringen. Leider reichten ihre Arabischkenntnisse nicht, um wirklich etwas zu verstehen. Aber ohne Zweifel war hier jemand wütend, und sie wusste auch, wer.

Zain Mehdi galt als äußerst temperamentvoll, was seine zweifelhaften Aktivitäten denn auch bewiesen. Der berühmt-berüchtigte Scheich hatte sein Land vor sieben Jahren verlassen, um in den USA zu leben. In unregelmäßigen Abständen verschwand er für ein paar Monate, um mit irgendeinem Starlet am Arm wieder aufzutauchen – ein Verhalten, das ihm die Bezeichnung Phantomprinz eingetragen hatte.

Madison war ihm vor vielen Jahren schon einmal begegnet: bei einer Dinnerparty in Mailand, die sie zusammen mit ihren Eltern besucht hatte. Dem damals Sechzehnjährigen war sie, die schlaksige Zwölfjährige, vermutlich nicht aufgefallen. Vor allem, da sie sich, ganz wie ihre Mutter, bevorzugt im Hintergrund gehalten hatte.

Diese Vorliebe hatte sie sich inzwischen abgewöhnt. Sie wollte in der ersten Reihe sein, mittendrin im Geschehen. Diesen Auftrag erfolgreich abzuschließen, würde eine weitere wichtige Sprosse auf der Karriereleiter bedeuten.

Als die Türen geöffnet wurden, stand sie auf und strich ihre weiße Leinenjacke glatt. „Und?“ Erwartungsvoll sah sie Deeb an.

„Seine Hoheit hat sich bereit erklärt, Sie zu empfangen“, erklärte dieser. „Aber er ist darüber nicht sehr glücklich.“

Wenn sie ihn nur überzeugen konnte, kümmerten sie seine Glücksgefühle herzlich wenig! „Na schön.“

Sie folgte Deeb in das edle Büro, hielt sich jedoch nicht damit auf, die Raumausstattung zu bewundern. Der Prinz, ein hochgewachsener, gut gebauter Mann, der an seinem Schreibtisch lehnte, nahm ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch. Seine lässige Körperhaltung stand in scharfem Gegensatz zu dem durchdringenden Blick, mit dem er sie musterte. Madison stellte fest, dass weder Zeitschriftenfotos noch ihre eigenen Erinnerungen Zain Mehdi auch nur annähernd gerecht wurden.

Mit seinen ebenmäßigen Gesichtszügen, der bronzefarbenen Haut und den dunkelbraunen Augen wirkte er wie ein Hollywoodstar, der die Rolle eines Scheichs des Mittleren Ostens nur spielte. Die dichten, dunklen Wimpern verstärkten diesen Eindruck noch. Statt königlicher Gewänder trug er ein weißes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln und eine locker sitzende schwarze Hose. Und seine Miene verriet unzweifelhaft, dass er Madison als Eindringling empfand.

„Guten Abend, Eure Hoheit. Mein Name ist Madison Foster“, sagte sie, bemüht, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen.

Ihre ausgestreckte Hand ignorierend, erwiderte er: „Ich weiß, wer Sie sind: die Tochter von Anson Foster, Mitglied des diplomatischen Korps. Mein Vater war lange Jahre gut mit ihm bekannt.“

Immerhin erinnerte er sich an ihren Dad, wenn schon nicht an sie selbst. „Hoheit, mein Beileid zum Tod Eures Vaters. Der Verlust muss Euch schrecklich getroffen haben.“

Unbehaglich verlagerte er das Gewicht von einem Bein auf das andere. „Am schlimmsten war, dass ich es erst zwei Wochen später erfahren habe.“

„Seine Hoheit war auf Reisen, als es passierte“, warf Deeb ein, der hinter Madison stand.

Der Scheich sah seinen Sekretär tadelnd an. „Danke, Mr Deeb, das ist im Moment alles. Ms Foster und ich werden unsere Unterhaltung unter vier Augen fortsetzen.“

„Ganz wie Ihr wünscht, Hoheit.“ Mit einer devoten Verbeugung zog Deeb sich zurück.

Nachdem er gegangen war, ließ sich der Prinz in einen Ledersessel fallen und bot auch Madison einen an. „Nehmen Sie Platz.“

Bitte heißt das, schoss es ihr durch den Kopf, doch sie schwieg. Stattdessen kam sie der Aufforderung nach, stellte ihre Tasche auf den Boden und nahm sich vor, künftig an seinen Manieren zu arbeiten. „Jetzt, da Ihr wisst, wer ich bin … Kennt Ihr auch den Grund meines Besuchs?“

Er lehnte sich zurück, rieb sich nachdenklich das Kinn. „Sie sind auf Veranlassung meines Bruders hier, nicht auf meinen Wunsch“, stellte er fest. „Laut Rafiq gehören Sie zu den besten politischen Beratern dieses Landes. Wenn Sie halten, was Ihr Ruf verspricht …“

Wenn er hielt, was sein Ruf versprach, war sie für diese Aufgabe geradezu prädestiniert. „Ich habe Seite an Seite mit namhaften Politikstrategen erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit geleistet und dabei schon viele Personen von öffentlicher Bedeutung unterstützt.“

„Und wie kommen Sie darauf, dass ich Ihre Unterstützung brauche?“

Okay. Ihre Antwort würde nicht besonders charmant klingen. „Aus drei Gründen: Erstens habt Ihr Euch jahrelang nicht in Bajul aufgehalten. Zweitens gibt es Befürchtungen, dass man Euch nicht mit offenen Armen aufnehmen wird, wenn Ihr den Thron beansprucht. Und drittens sind da noch Eure Frauengeschichten.“

Er besaß doch tatsächlich die Frechheit, unbekümmert zu grinsen!

„Man soll nicht alles glauben, was man hört, Ms Foster.“

„Stimmt zwar, aber viele glauben, was sie lesen. Darum halte ich es für unverzichtbar, Euer Bild in der Öffentlichkeit zu verbessern. Wir müssen die Menschen davon überzeugen, dass Ihr als König ebenso fähig seid wie Euer Vater.“

Sofort wurde er ernst. „Das heißt, Sie wollen mein Bild seinem angleichen, richtig?“

Dieser Einwand lässt tief blicken, dachte Madison. „Nein. Ich möchte Euch lediglich helfen, Euch geschickter aufzustellen.“

„Und wie wollen Sie das erreichen?“

Jetzt war Fingerspitzengefühl gefragt. „Indem Ihr Euch Eurem Volk bei öffentlichen Auftritten und gesellschaftlichen Anlässen neu präsentiert.“

„Wollen Sie das ganze Land zu einer Cocktailparty einladen?“

Zweierlei fiel an diesem Mann auf: Er war umwerfend sexy, und er neigte zur Ironie. „Die gesellschaftlichen Anlässe werden mehr privater Natur sein“, erklärte sie. „Dazu werden wir enge Freunde einladen, Eure Familie und einige Regierungsmitglieder. Vielleicht auch ausländische Würdenträger und Politiker. Und eventuell ein paar Investoren.“

Nachdenklich spielte er mit seinem Füller. „Und weiter?“

Immerhin zeigte er zumindest Interesse. „Was die öffentlichen Auftritte betrifft, so habe ich umfangreiche Erfahrungen im Redenschreiben und bin Euch gerne behilflich.“

„Ich habe einen Oxfordabschluss in Wirtschaftswissenschaften und spreche fünf Sprachen. Wie kommen Sie darauf, ich könne meine Reden nicht selbst schreiben?“

Ups, hatte sie etwa seinen königlichen Stolz verletzt? „Natürlich könnt Ihr das, Hoheit“, beeilte sie sich zu versichern. „Darum sagte ich ja, ich könne Euch behilflich sein. Was Ihr wie ausdrückt, ist überaus bedeutsam, wenn Ihr die Menschen für Euch einnehmen wollt.“

Er legte den Füller beiseite und gab einen geringschätzigen Laut von sich. „Ich sehe keinen Grund, mich auf derartige Manöver einzulassen. Falls es Ihnen entgangen ist, meine Position ist bereits sicher. Ich wurde zum König gewählt, und mein Wort ist Gesetz. Ja, mehr noch: Ich bin das Gesetz.

„Richtig, aber wenn die Menschen mit ihrem Regenten zufrieden sind, garantiert das friedliche Verhältnisse im Land. Bis zu Eurer offiziellen Krönung bleibt uns noch ein Monat. In dieser Zeit können wir an den Details arbeiten: wie Ihr sprecht, wie Ihr Euch anzieht …“

Er grinste. „Heißt das, Sie ziehen mich an?“

Die Bilder, die Madison durch den Kopf schossen, ließen sich bestenfalls als unpassend beschreiben. Sie selbst fand sie sogar mehr als das … „Ich bin sicher, dafür habt Ihr Personal.“

„Schade, dass das nicht zu Ihren Pflichten gehört“, meinte er bedauernd.

Madison wünschte, er würde seine Wirkung lieber nicht an ihr ausprobieren. „Ich weiß, mit Eurem Charme macht Ihr Euch Frauen gefügig. Bei mir zieht das allerdings nicht.“

Skeptisch sah er sie an. „Wenn ich Ihr Angebot annehme, bleiben Sie dann auch nach der Krönung?“

Mit dieser Frage hatte sie nicht gerechnet. „Möglich, wenn Ihr es Euch leisten könnt. Meine Dienste sind nicht billig.“

„Sehen Sie sich um, Ms Foster.“ Er lachte auf. „Mittellos bin ich nun wirklich nicht.“

Das stimmte ohne jeden Zweifel. „Darüber reden wir zu gegebener Zeit. Im Augenblick sollten wir uns auf die Frage konzentrieren, ob Ihr Euch vorstellen könnt, mit mir zusammenzu­arbeiten.“

Scheinbar nachdenklich sah er zur Decke hoch, dann wieder zu Madison. „Die Antwort lautet Nein. Ich brauche Ihre Hilfe nicht. Bisher habe ich mich stets erfolgreich aus der Affäre gezogen.“

So leicht ließ sie sich nicht abspeisen. „Da wir gerade von Affären reden – ich habe auch Erfahrung im Umgang mit Skandalen. Davon dürfte es ja einige geben.“

Mit versteinerter Miene erhob er sich. „Tut mir leid, dass ich Ihre Zeit verschwendet habe, aber ich glaube, wir sind fertig mit unserem Gespräch.“

Also hatte sie einen wunden Punkt berührt, und ja, auch sie fand, dass sie beide fertig waren. Sie stand auf und legte eine Visitenkarte auf den Tisch. „Solltet Ihr Eure Meinung ändern – hier ist meine Nummer. Ich überlasse es Euch, Eurem Bruder Bescheid zu sagen.“

„Glauben Sie mir, ich habe ihm einiges zu sagen. Das ist überhaupt das Erste, was ich in Bajul machen werde.“

„Ich wünsche Euch alles Gute, Hoheit. Wie gesagt, falls Ihr es Euch anders überlegt, stehe ich zu Eurer Verfügung.“

Nachdem sie entschlossen ihre Tasche geschultert hatte, ging sie zur Tür. Doch der Scheich rief sie zurück. „Ja?“, fragte Madison hoffnungsvoll.

Er kam auf sie zu und blieb vor ihr stehen. „Sie haben sich ziemlich verändert, seit wir uns das letzte Mal begegnet sind.“

„Ihr erinnert Euch daran?“, fragte sie verblüfft.

„Schwierig, ein so unschuldiges Gesicht, so meerblaue Augen und blonde Locken zu vergessen.“

Jetzt wurde sie doch tatsächlich rot! „Ich trug Brille und Zahnspange, und meine Haare ließen sich nicht bändigen.“ Inzwischen waren all diese Probleme behoben, denn zum Glück gab es Laserkorrekturen, Kieferorthopäden und Glätteisen.

„Sie trugen ein rosa Kleid und waren so schüchtern, dass Sie mich kaum angesehen haben.“

Oh doch, das hatte sie! Immer, wenn er es nicht gemerkt hatte. „Die Schüchternheit habe ich überwunden.“

„Ist mir sofort aufgefallen. Sie sind eine sehr attraktive Frau.“

Er kam noch näher. Nur wenige Zentimeter vor ihr blieb er stehen. Fasziniert blickte sie in seine dunklen, geheimnisvollen Augen. „Da wir jetzt meine Verwandlung erörtert haben, muss ich dringend zum Airport. Sonst versäume ich noch meinen Flug zurück nach D.C.“ Wenn sie nicht sofort ging, würde sich seine magnetische Ausstrahlung als stärker erweisen denn ihr gesunder Menschenverstand.

„Ich habe einen Privatjet“, erklärte er, ohne sie aus den Augen zu lassen. „Er steht zu Ihrer Verfügung. Wann immer Sie künftig nach Bajul reisen wollen – rufen Sie mich an, ich lasse Sie abholen. Ich würde mich freuen, Ihr Gastgeber sein zu dürfen. Ich könnte Ihnen Dinge zeigen, die Sie nie zuvor gesehen haben, und Ihnen zu unvergesslichen Erlebnissen verhelfen.“

Sie würde sich ebenfalls freuen, etwas zu sehr sogar. „Wie nächtliche Kamel- oder sogar Elefantenritte durch die Wüste? Oder wollt Ihr mich mit Granatäpfeln füttern, während wir von Bauchtänzerinnen unterhalten werden?“

Mehr amüsiert als gekränkt antwortete er: „Ich ziehe Allradfahrzeuge Kamelen und Dickhäutern vor. Aus Granatäpfeln mache ich mir nichts, aber Tanzen würde mir schon gefallen – mit Ihnen, versteht sich.“

Sie würde sich hüten! Weder Tanzen mit ihm noch ein abendlicher oder nächtlicher Trip, in welcher Form auch immer, kam für sie infrage. „So verlockend das klingt, ich muss leider passen. Wenn ich nicht mit Euch zusammenarbeite, gibt es für mich keinen Grund, die USA zu verlassen. Trotzdem Danke für die Einladung, ich weiß Eure Freundlichkeit zu schätzen. Und gute Heimreise.“

Diesmal ließ der künftige Herrscher sie gehen und schloss sogar die Doppeltür hinter ihr. Damit war eine wichtige Karrierechance vertan.

Aber so schnell gab Madison sich nicht geschlagen. Zurück in Bajul, würde der Scheich vielleicht doch noch zum Schluss kommen, auf ihre Dienste nicht verzichten zu können.

Er musste hier weg, sofort.

Während der gepanzerte Wagen den steilen Weg zum Palast hinauffuhr, kam Zain der Verlust seiner Freiheit schmerzlich zu Bewusstsein. Der alles andere als freundliche Empfang trug nicht eben dazu bei, dass er sich besser fühlte. Bewaffnete Wachen hielten das Volk links und rechts der Straße in Schach. Einige der Leute reckten die Fäuste, andere starrten nur finster vor sich hin. Durch das dicke Sicherheitsglas der Scheiben konnte er nicht hören, was sie riefen, doch eines stand fest: Um Beifallsbekundungen handelte es sich nicht.

Rafiqs Vorschlag, bei Nacht zurückzukehren, hatte er rundweg abgelehnt. Sein Ruf mochte angeschlagen sein, aber ein Feigling war er nicht. Er würde seine Pflicht erfüllen, und zwar hocherhobenen Hauptes.

Unwillkürlich dachte er an den Besuch Madison Fosters vor zwei Tagen und ihre Befürchtung, er könnte den eigenen Leuten fremd geworden sein. Beinahe hätte er ihr Angebot angenommen, wenn auch aus einem ungewöhnlichen Grund: Sie faszinierte ihn. Außerdem hatte sie ihn daran erinnert, wie lange er schon mit keiner Frau mehr zusammen gewesen war.

Die Versuchung war groß, aber im Augenblick durfte er sich keinen Skandal leisten. Niemand wusste, was wirklich hinter den Palasttoren geschehen war, von dem Geheimnis, das ihm seit sieben Jahren zu schaffen machte und ihn aus Bajul fortgetrieben hatte.

Nachdem die Limousine zum Stehen gekommen war, beeilte er sich, auszusteigen. Dennoch entgingen ihm die „Kha’en!“ – Rufe nicht. Nur … wie sollte er die Behauptungen widerlegen, er sei ein Verräter, ohne die ganze Wahrheit zu enthüllen?

Zwei Wachposten öffneten das schwere Tor, boten Zain eine Zuflucht vor den lauten Protestrufen. Doch die imposanten Marmorhallen fühlten sich so kalt an wie die Mauern, die sie begrenzten. Dabei hatte es eine Zeit gegeben, als er sich hier ganz zu Hause gefühlt hatte. Es war sein Zufluchtsort gewesen, kostbar ausgestattet und geschichtsträchtig.

Mit dieser Geborgenheit war es nun vorbei. Trotzdem freute ihn der Anblick der kleinen Frau, die am Ende des langen Korridors stand. Elena Battelli, das italienische Kindermädchen, das von seinem Vater entgegen der Bedenken des Ältestenrats eingestellt worden war, um auf seine Söhne aufzupassen.

Für Zain hatte Elena eine wichtige Rolle gespielt: als Lehrerin wie als Vertraute – und schließlich, nach dem schmerzlichen Todesfall, als Mutterersatz.

Elena war die Einzige, die ihn und seine innere Getriebenheit verstand.

Während er ihr entgegeneilte, breitete sie strahlend die Arme aus. „Willkommen, caro mio“, begrüßte sie ihn.

Nach einer herzlichen Umarmung trat Zain einen Schritt zurück, um sein ehemaliges Kindermädchen prüfend zu mustern. „Du bist noch immer elegant wie eine Gazelle, Elena.“

Unnötigerweise strich sie sich glättend über ihre sorgfältig frisierten silbergrauen Haare. „Vielleicht eine etwas ältere Gazelle“, meinte sie schmunzelnd. „Aber du bist ganz der charmante Giovinetto geblieben, den ich so mag.“ Im nächsten Moment wurde sie ernst. „Jetzt, wo dein Vater uns verlassen hat und du König wirst, muss ich dich wohl Hoheit nennen.“

„Denk nicht mal dran! Du gehörst zur Familie, und so wird es immer bleiben.“

Elena erhob sich auf Zehenspitzen, um ihm zärtlich die Wange zu tätscheln. „Natürlich. Trotzdem bist du König.“

„Offiziell noch nicht. Wo steckt eigentlich Rafiq?“

„Im Arbeitszimmer deines Vaters, Caro, wie so oft“, antwortete sie und bekam feuchte Augen.

Zain küsste sie sanft auf die Wange. „Sobald wie möglich plaudern wir ausführlich“, versprach er. „Ich freue mich schon drauf.“

Ohne sich um seine Bodyguards und Deeb zu kümmern, lief Zain die Stufen nach oben ins Heiligtum seines Vaters. In dem Moment, als er durch die Tür schritt, erinnerte er sich unwillkürlich daran, wie sehr er diesen Raum früher gehasst hatte. Oft war hier die Wut mit König Aadil Mehdi durchgegangen, der mit eiserner Hand und wenig Herz regiert hatte. Und jetzt war er tot.

Zain fühlte sich schuldig, bedauerte es aufrichtig, dass auch ihre letzte Unterhaltung von Zorn geprägt gewesen war. Er hatte seinem Vater dessen Übergriffe nicht verzeihen können. Wie auch immer … jetzt durfte er nicht ins Grübeln verfallen. Denn im Augenblick gab es Dinge, die wie ein Damoklesschwert über ihm hingen.

Wie erwartet saß Zains Bruder im Lieblingssessel des Vaters. Rafiq hatte sich verändert. Um den Kopf trug er das klassische arabische Tuch, die Keffiyeh, die Zain für sich zumindest im Moment ablehnte.

Und wie einst der Vater schmückte er sich mit einem säuberlich geschnittenen Spitzbart. Überhaupt wirkte Rafiq wie die jüngere Ausgabe des früheren Königs, sowohl vom äußeren Erscheinungsbild als auch von den Ansichten her.

Er ließ die Zeitung sinken und blickte Zain unbewegt entgegen. „Ah, wie ich sehe, bist du heil angekommen.“

Zain gefiel weder seine Coolness noch die Tatsache, dass er sich hier breitmachte. „Und wie ich sehe, hast du dich im Büro des Königs eingerichtet. Beabsichtigst du, länger zu bleiben?“

Sorgfältig legte Rafiq die Zeitung zusammen. „Die Frage ist doch, Bruderherz, ob du länger bleiben willst. Oder ist das nur ein Kurzbesuch?“

Zain zwang sich, ruhig zu bleiben. „Pech für dich: Als rechtmäßiger Thronerbe räume ich so schnell nicht das Feld. Schließlich bereite ich mich seit Jahren auf meine neue Rolle vor.“

„Indem du das Leben eines Playboys führst?“

„Tu doch nicht so, als würdest du mich kennen, Rafiq“, stieß Zain mühsam beherrscht hervor.

„Würde ich nie wagen! Seit sieben Jahren erfahre ich Neuigkeiten über dich ja nur noch aus der Zeitung.“

Früher waren die Brüder unzertrennlich gewesen. Irgendwann hatte sich Rafiq auf die Seite des Vaters geschlagen und damit die geschwisterlichen Bande zerstört. „Ich bin gegangen, weil unser Vater mich in eine unerträgliche Lage gebracht hat.“

„Er wollte nur, dass du die Regeln einhältst.“

Längst überholte Regeln, die in der Moderne keinerlei Sinn mehr ergaben … Aber diese Meinungsverschiedenheiten waren nicht der Hauptgrund dafür gewesen, dass Zain das Land verlassen hatte.

Von alldem hatte Rafiq keine Ahnung und verehrte nach wie vor ihren Vater. „Er wollte, dass ich so werde wie er“, fuhr Zain fort. Mit derart überholten Ansichten lässt sich ein Land nicht ins dritte Jahrtausend führen.“

Rafiq stand auf und trat ans Fenster. „Das Volk versammelt sich vor den Toren. Die Presse ist auch dabei. Eine Gruppe möchte wissen, warum sich der neue Regent jahrelang im Ausland aufgehalten hat. Andere verlangen, dass der unberechenbare Kronprinz sein fragwürdiges Verhalten erklärt. Ein ziemliches Problem.“

„Ich werde die Fragen zu gegebener Zeit beantworten.“

Skeptisch sah Rafiq ihn an. „Sicher, dass du mit dem Druck klarkommst?“

Nun fehlte nicht mehr viel, und Zain würde seinem Bruder eine Ohrfeige verpassen – ein gefundenes Fressen für die Medien. „Dein Mangel an Vertrauen tut mir weh, Bruderherz. Wann hätte ich je die Menschen nicht für mich einnehmen können?“

„Wir sind keine Kinder mehr, Zain“, versetzte Rafiq. „Es genügt nicht mehr, charmant zu lächeln und ein paar nette Worte zu sagen.“

Zain ballte die Fäuste. „Trotz allem hat Vater mich zu seinem Nachfolger bestimmt – ob es dir passt oder nicht.“

„Das hat er gemacht, damit du nach Bajul zurückkommst. Und vergiss bitte nicht: Noch bist du nicht gekrönt!“

Hoffte Rafiq etwa darauf, er würde vor der Zeit abdanken? Nicht in hundert Jahren! „Na und? Ist eben eine Übergangszeit für mich.“

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