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Noble Gesellschaft

Informationen zum Buch

Der schönste Mann der UFA ermittelt wieder.

Berlin im Herbst 1925: In der noblen Gesellschaft ist ein Dienstmädchen verschwunden. Ein alter Bekannter erzählt Carl von Bäumer, Starschauspieler der UFA, bei einem Galadinner davon – und schon am nächsten Tag ist er tot. Handelt es sich wirklich um Selbstmord? Carl glaubt nicht daran und forscht nach den Hintergründen. Gemeinsam mit Kommissar Paul Genzer taucht er tief ein in Berlins Gesellschaft der Zwanziger Jahre. Und plötzlich befinden sie sich in einem Verwirrspiel aus Rache, Diamantenschmuggel und jahrzehntealtem Hass.

Ein Kriminalfall in der Welt der Goldenen Zwanziger.

Im Laufe des Romans treten auf und teilweise auch ab:

Auf Seiten der Ermittlung:

Carl von Bäumer, der schönste Mann der UFA, berühmt für seine Rolle als Privatermittler Comte LeJuste und auch im wirklichen Leben ein sehr begabter Detektiv – zumindest nach eigener Einschätzung

Paul Genzer, Carl von Bäumers Lebensgefährte und Kommissar

Alfred Kapp, Kriminaloberwachtmeister und von diesem Fall ganz persönlich betroffen

Dr. Häßling, Polizeiarzt

Greta, Pauls Sekretärin

Pix, Polizeifotograf und manchmal Gretas Liebhaber

Auf Seiten der noblen Gesellschaft:

Graf Marian Sawicki, Juwelier mit einer Leidenschaft für Raritäten

Hans von Brunnen, Sawickis eifersüchtiger Liebhaber und Erbe der Brunnen Schokoladenfabrik

Hans von Keller, kunstsinniger Exzentriker

Gretchen von Keller, seine klatschsüchtige Schwägerin

Fabian Kranz, Buntstiftfabrikant und Opfer eines Diebstahls

Rosi Kranz, seine Schwester, bisher konnten sich noch alle Männer ihrer Heiratswut entziehen

Viktor von Rosskopf, ein Philanthrop mit einer obsessiven Liebe

Max von Volkmann, frisch verheiratetes ehemaliges Fliegerass

Jordan von Volkmann, seine amerikanische Gattin

Urte von Withmansthal, Carls stets bestens informierte Schwester

Otto von Withmansthal, Carls Schwager und Besitzer des größten Gutes von ganz Ostpreußen

sowie Patrick O’Kelly, dessen Identität noch geklärt werden muss

Auf Seiten der nicht ganz so noblen Gesellschaft:

Wilhelm Genzer, Paul Genzers Bruder und intimer Kenner der Berliner Unterwelt

Lotti Berschneider, ein vermisstes Dienstmädchen

Heinz Düserein, Leierkastenmann

Coco, sein diebisches Äffchen

Effi, Hausmädchen bei von Volkmann und fleißige Leserin von Spukgeschichten

Esther Rosenzweig, verschwand vor vielen Jahren spurlos

Christine Schenk, Zimmerwirtin mit Vergangenheit

Olga Tipper, Fabrikarbeiterin, aber vielleicht schon bald Tippfräulein

Josef Tipper, Kriegsinvalide und Gärtner bei Kranz

Georgie Tuchsäss, ein Strichjunge mit romantischen Vorstellungen und der Hoffnung auf Glück

Auf Seiten der überhaupt nicht noblen Gesellschaft:

Adolf Leib, genannt Muskel-Adolf, Herr über die Berliner Unterwelt und neuerdings verlobt

Lou Sad, Muskel-Adolfs Verlobte

Irene, Muskel-Adolfs Tippfräulein

Bert Kowaltschik, als Baby Bert war er lange Jahre Muskel-Adolfs Lieblingsschläger

Charlie, der Charmeur, lebt eigentlich auf dem Land, aber aktuell ist er geschäftlich in der Hauptstadt

Des Weiteren werden zu finden sein:

ein Gespenst, ein kleiner roter Kater und eine Träne Baba Jagas

Samstag, 14. Dezember 1912

Das menschliche Herz ist aus Glas.

Ist es einmal zerbrochen, beginnen die Scherben zu wandern, mal langsam, mal schnell, und irgendwann, an irgendeinem Tag, da stirbt man, innerlich verblutet.

Einer von den Jungs hatte ihr das erzählt.

Es war natürlich Unsinn, romantischer Quatsch, wie ihn die Jungs eben plapperten und weshalb Esther sie albern fand – alle, bis auf einen.

Bis auf den einen, der sie im Stich gelassen hatte. Sie und ihr gemeinsames Kind.

Esther schluchzte auf, die warmen Tränen rannen unaufhaltsam über ihre kalten Wangen, versickerten schließlich in der Wolle ihres Schals. Sie blieb nicht stehen, um in den Tiefen ihres Korbes ein Taschentuch zu suchen. Mit weit ausholenden Schritten eilte sie durch die erbarmungslose Kälte des Königsberger Winters. Es begann zu dunkeln, die ersten Straßenlaternen brannten schon.

Sie war spät dran, die Frau Mutter würde bestimmt warten, mit warmem Kakao und Weihnachtsgebäck. Was würde Esther sagen, wenn ihre Mutter sie fragte – nach den verweinten Augen und der aufgeplatzten Lippe? Was?

Und wie lange würde sie noch Zeit haben, bis man es sah? Wer würde ihr helfen? Würde ihr jemand helfen?

Esther sah in das glänzend schwarze Wasser des Pregels, sie sah das darauf schwimmende Eis, und für einen Moment war ihr, als flüsterten die Fluten lockend ihren Namen.

Freitag, 16. Oktober 1925

Gott erfand das Kokain, um die Wohltätigkeit erträglich zu machen – zumindest die Form der Wohltätigkeit, die Anwesenheit auf Dinnern und Galas erfordert.

Und so saß der Filmstar Carl von Bäumer leicht schniefend, aber unermüdlich lächelnd nun schon geschlagene sechs Gänge lang an der Tafel des Barons von Rosskopf. Es handelte sich um das jährliche Galadinner der von-Rosskopf-Stiftung für Kriegsblinde, deren Mitglied Carl auf Drängen seines Managers geworden war.

Herr Morgenstern war überzeugt davon, dass es außer vielleicht Carls Ableben wenig gab, was sich auf den Kartenverkauf so positiv auswirkte wie Bilder, auf denen man den schönsten Mann der UFA sah, wie er mit betroffener Miene Geschenke an stupsnasige Waisenkinder verteilte.

Bedauerlicherweise waren Ostern und Weihnachten nur einmal im Jahr, dazwischen mussten andere pittoreske Objekte der Wohltätigkeit gefunden werden. Nach längerem, intensivem Nachdenken war Herr Morgenstern schließlich auf die Kriegsblinden gekommen.

Jeder liebte Kriegsblinde!

Die waren wirklich hübsche Invaliden, die sah sich der potentielle Kinogänger gern in der Sonntagszeitung an, und deshalb waren sie all diesen Schauerlichkeiten mit zerstörtem Gesicht, fehlenden Gliedmaßen und derlei Unappetitlichkeiten unbedingt vorzuziehen.

Außerdem gab die von-Rosskopf-Stiftung eben jenes jährliche Dinner, über das in den Gesellschaftsbeilagen stets sehr ausführlich und bildreich berichtet wurde.

Carl lächelte noch etwas breiter. Seine Mundwinkel schmerzten, aber er wollte sich nicht durch acht Gänge quälen, nur um am nächsten Tag Vorwürfe zu hören, er habe nicht glücklich genug ausgesehen.

Auf Galadinnern musste man immer glücklich aussehen, so ernst der Anlass auch sein mochte – in diesem Punkt vertraten Herr Morgenstern und die feine Gesellschaft Berlins sehr strikte Ansichten.

Zwischen den Gängen lagen lange Pausen, in denen livrierte Diener mit Champagnerschalen auf Silbertabletts herumgingen, während die Gäste vorgaben, den Vorträgen über das Leid der Blinden zu lauschen.

Die Redner unterschieden sich von den geladenen Gästen optisch durchaus. Während die satten Herrschaften in englische Stoffe und holländische Spitzen gehüllt waren, kleideten sich die Referenten in billige Anzüge von der Stange und nicht zur Hose passende Sakkos. Carl war unsicher, ob es sich dabei um eine Form der Solidaritätsbekundung für die Blinden handelte, doch er hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als jemanden zu fragen.

Er kam aber sowieso nicht zu Wort, seine Tischdame plapperte in einem fort.

Bei jenem jungen Fräulein handelte es sich um Rosi Kranz, die Schwester des Buntstiftfabrikanten Fabian Kranz, und schon bei der Suppe hatte Carl das Gefühl beschlichen, dass dieses unentwegt dümmlich kichernde Bubiköpfchen nicht aus Zufall neben ihm saß.

Vor etwas über einem Monat hatten die Leserinnen der »Star Revue« Carl von Bäumer zum begehrtesten Junggesellen der Republik gewählt, die Verfasserinnen von »Kintopp aktuell« sahen es ähnlich und hatten am Freitag getitelt: »Warum so einsam, Carleken?«

Carl seufzte und lächelte: »Entschuldigen Sie, meine Teuerste, was haben Sie soeben gesagt?«

»Ich habe Sie gefragt, ob die Dreharbeiten nicht schrecklich schwierig waren. Ich meine, einen Russen zu spielen? Diese Brüder Karamso sind doch Russen, oder?«

»Karamasow«, verbesserte Carl leise. »Karamasow. Und, na ja, eigentlich war es nicht besonders schwierig, ich meine, nachdem ich mir einmal klargemacht hatte, dass Dmitri Karamasow im Grunde nur Liebe sucht, da …«

»Ja, also ich stelle es mir sagenhaft schwierig vor, weil so Russen, also das sind doch die reinsten wilden Bestien, und so etwas zu spielen, brrr …«, unterbrach sie ihn schaudernd und zog ihre nackten Schultern etwas in Richtung der Ohrdiamanten. »Mein Herr Bruder ist aktuell auch in der Sowjetunion und es ist bestimmt ganz grauenhaft dort. All diese Bären, und dann diese Sowjets. Er musste leider hin, geschäftlich, verstehen Sie?«

Carl nickte und begann, in der Hosentasche mit dem Deckel seines Kokaindöschens zu spielen. Er wäre gern auf die Toilette gehuscht, aber er fürchtete, man könnte ihm eine Blasenschwäche nachsagen.

Außerdem hatte er Paul versprochen, vernünftig zu sein. Paul war noch ein wenig angesäuert, weil Carl letzten Sonntag in ihren Fahrstuhl gekotzt hatte, mitten am Nachmittag. Letzteres fand Paul besonders verwerflich, zumindest betonte er den Umstand bei seinen Strafpredigten jedes Mal.

»Wissen Sie denn schon, was Sie machen, nachdem jetzt die Dreharbeiten für diese Brüder Karawoso abgeschlossen sind?«

Carl nickte. Kommenden Freitag planten Paul und er, für ihren Jahrestag an die Ostsee zu fahren. Unweit von Travemünde hatten sie ein Häuschen gemietet, auf rustikale Art recht hübsch und vor allem angenehm abgeschieden gelegen. Aber da er das diesem angemalten Fräulein Kranz auch wegen des Unzuchtparagraphen natürlich nicht sagen konnte, erklärte er: »Ab Mitte November drehe ich einen neuen Comte LeJuste.«

»Oh«, kiekste das Geschöpfchen so laut, Köpfe drehten sich nach ihnen um, und der Vortragende, der wohl eben etwas besonders Erschütterndes erzählt hatte, lächelte angesichts einer solchen Reaktion geschmeichelt.

»Oh«, drang es nun abermals, mit gedämpfter Stimme, aus dem rotgeschminkten Mund. »Hach, das ist meine absolute Lieblingsrolle mit Ihnen! Im Letzten, diese Szene im Morgenrock, also wirklich!« Sie hob tadelnd einen schwerberingten Zeigefinger. »Also wirklich, mein Herr Bruder war schlichtweg empört! Aber ich habe ihm gesagt, das ist eben Kunst! Sie müssen wissen, ich bin auch so etwas wie eine Künstlerin. Ich male nämlich, in Öl und in Buntstift. Also, ich male nicht so modern, mehr naturalistisch. Mein Herr Bruder findet nämlich dieses Gekleckse, das man heutzutage …«

Carl schniefte, lächelte und hörte nicht weiter zu. Er betrachtete die üppige, aus schneeweißen Lilien bestehende Tischdekoration, die spitz aufragenden Leinenservietten, die langsam an feingelenkigen Leuchtern hinabschmelzenden Kerzen, er schätzte desinteressiert den Wert des Tafelsilbers und des hauchzarten Porzellans und widmete sich dann der Beobachtung der übrigen Gäste.

Die feinste Gesellschaft Berlins war fast vollzählig erschienen. Da flüsterte der Reichskanzler vertraulich mit dem Baron von Horhleben, dort glänzte die Glatze des Theaterintendanten Saltenburg majestätisch im Kerzenlicht; hier verglichen blonde junge Gattinnen tuschelnd ihre Reitlehrer, während ihre älteren, meist aus den Staaten stammenden Männer den Börsenkurs diskutierten.

Und über alldem schwebte, gleich einem anheimelnd vertrauten Geruch, das unablässige Reden des Vortragenden, das nun aber plötzlich verstummte. Der Sprecher verneigte sich militärisch zackig, woraufhin man sofort begann, wohlerzogen Beifall zu spenden.

Es kam Bewegung in die Gesellschaft an den Tischen, und gerade als Carl gleichfalls aufstehen und mit seinem Silberdöschen vor Fräulein Kranz auf die Toilette fliehen wollte, legte sich ihm eine warme Hand in den Nacken. Angesichts solch plumper Vertraulichkeit wollte der Filmstar schon eisig um Distanz bitten, doch eine ihm entfernt vertraute Stimme lachte und sagte: »Du bist aber groß geworden!«

Hinter ihm stand niemand anderes als das einstige Fliegerass Max von Volkmann, die stahlblauen Augen spöttisch zusammengekniffen und die blonden Locken mühsam und mit Hilfe großer Mengen Pomade eng an den Kopf gebürstet.

»Der alte Rosskopf hat ja wirklich jedes hübsche Gesicht Berlins für sein ödes Dinner gewonnen. Junge, erzähl, wie geht’s dir?« Nun lachte von Volkmann, breit und so herzlich, man wollte fast vergessen, was für ein aufgeblasenes Arschloch er war. »Verdammt, wer hätte damals gedacht, dass aus dir so eine große Nummer wird? Ich hab immer zu Michail gesagt: Der Junge ist hübsch und vielleicht ein Luder im Bett, aber keinen Funken Talent.«

Carl riss die Augen auf und sagte nichts. Ihm fiel schlicht keine Erwiderung ein.

Wie lang mochte es her sein, dass er von Volkmann das letzte Mal gesehen hatte?

Drei Jahre war er nun mit Paul zusammen, also musste es definitiv vor mehr als drei Jahren gewesen sein. Ja, Carl war sicher, das Fliegerass seit der Trennung von Michail nicht mehr gesehen zu haben.

Er hatte Michails Freunde nie vermisst, und von all denen, die er nicht vermisst hatte, hatte er Max von Volkmann sicher am wenigsten vermisst.

»Na, bist du inzwischen stumm geworden? Ein Glück, dass der Tonfilm auf sich warten lässt«, sagte von Volkmann und lachte breit. »Jordan«, wandte er sich nun an seine Begleitung, »das, mein Darling, ist der große Filmstar Carl von Bäumer. Dass er bildschön ist, muss ich dir ja nicht erst sagen. Sonst besticht er aber durch keine weiteren Fähigkeiten. Carl, das ist Jordan, meine Gattin.«

Carl nickte und unterdrückte seine Wut.

Er ärgerte sich genauso wie vor vier Jahren, als der Widerling angeblich nicht mehr wusste, dass Michail seit dem Krieg den Geruch von bratendem Fleisch nur schwer ertrug, und sie zu Kalbssteak au four zu sich nach Hause einlud; oder wie er sich geärgert hatte, wann immer dieses Arschloch ihn Michails Zuckerstückchen nannte. Aber wie mit achtzehn, neunzehn, wie vor drei Jahren, fiel ihm keine Entgegnung ein, und während er noch überlegte, plapperte die Gesellschaft um ihn herum weiter.

»Wie sich das anhört: meine Gattin. Das musst du aber noch üben.« Jordan sprach mit starkem amerikanischen Akzent, und auch ihr etwas zu goldenes, glitzerndes Modellkleid wirkte sehr amerikanisch. »Wir sind gerade gestern aus den Flitterwochen zurück. Wir waren in Venedig, und ich muss sagen, es war himmlisch!«

»Herzlichen Glückwunsch.« Carl hauchte einen flüchtigen Kuss über ihre Hand und bemühte sich, nicht allzu überrascht zu wirken. Als er Max von Volkmann noch regelmäßiger gesehen hatte, da hatte das Fliegerass immer geschworen, er würde niemals heiraten.

Wie es 1922 Mode gewesen war, hatte er eine sehr stürmische Beziehung mit einer höheren Tochter geführt.

»Es sind schon meine zweiten Flitterwochen, aber sie sind definitiv in allen Punkten besser«, plauderte die frischgebackene Frau von Volkmann unterdessen weiter. »Damals waren wir an den Niagarafällen, und dauernd dieses Geplätscher, da kam ich gar nicht von der Toilette! Ich war nur am Pissen.«

»Ist sie nicht entzückend!«, rief von Volkmann angesichts dieser Bemerkung aus und zeigte voll Besitzerstolz auf seine Gattin. »Ist sie nicht bildhübsch? Und die Haare erst! Aber was erzähl ich dir, Carl, du bist ja der Mann, der rote Locken gesehen und darüber alles andere vergessen hat. Was zählen schon Treue und die Gefühle anderer angesichts roter Locken? Wie geht es denn eigentlich deinem Herrn … Kränzer? Glänzer?«

»Genzer«, korrigierte Carl trocken. »Paul Genzer, und es geht ihm gut.«

»Wer ist denn Paul Genzer?«, erkundigte sich nun Rosi Kranz, die bisher ungewöhnlich schweigsam dem Gespräch gefolgt war.

»Herr Genzer ist Kommissar und unerhört erfolgreich, was nicht eben für die Intelligenz unserer Ganoven zu sprechen scheint. Aber ich bin sicher, er hat Vorzüge, die nichts mit dem Intellekt zu tun haben. Außerdem ist er sehr rothaarig und sommersprossig und ein ziemlicher Bilderbuchsozialist. Ich finde es immer wieder schön, wenn sich politische Leidenschaft ins Privatleben überträgt.« Von Volkmann lächelte voll vergifteter Liebenswürdigkeit. »Also wirklich, Carl, dass ich dich hier treffe! Man ist heutzutage eben nirgends mehr unter sich. Ich wollte eigentlich gar nicht kommen, aber Viktor von Rosskopf und ich waren in einer Klasse, damals auf dem Internat.«

»Mein Herr Bruder war in derselben Klasse«, plapperte Rosi Kranz eifrig. »Mein Herr Bruder und Herr von Rosskopf sind sehr eng befreundet, sie sind nämlich beide …«

»Sag, Carl«, unterbrach das Fliegerass Carls Tischdame erbarmungslos, »kennst du die Geschichte vom Dienstmädchen, das bei unserem alten von Rosskopf in Stellung war?«

Carl nickte vage. Sein jüngster Neffe war letzten Sonntag getauft worden, und wie es sich gehörte für einen Sohn des Barons Otto von Withmansthal, war die Feier gleichermaßen dezent wie imposant gewesen. Hundertfünfzig Dienstmädchen benötigte man allein für die Bewirtung der Gäste, und das Pressen des Orangensafts für den Aperitif hatte volle zwei Tage in Anspruch genommen, und der aus Kleeblättern bestehende Blumenschmuck war eigens aus Irland eingeflogen worden.

Doch trotz des Getümmels hatten seine Schwester Urte und ihre nicht minder klatschsüchtige Freundin Gretchen von Keller Zeit gefunden, Carl irgendetwas über ein verschwundenes Dienstmädchen zu erzählen. Allerdings erinnerte er sich nicht mehr sehr gut daran. Es war gegen Ende der Feier gewesen, und es hatte seine volle Konzentration erfordert, sich nicht zwischen die eingeflogene Tischdekoration zu erbrechen. Er ertrug die Anwesenheit seines Herrn Vaters nur volltrunken oder auf größeren Dosen Morphium.

Es hatte auch wirklich gut funktioniert, mal abgesehen davon, dass Paul ihn aus dem Wagen ins Haus schleppen musste, und vielleicht abgesehen von dem kleinen Zwischenfall im Fahrstuhl.

»Es ist grauenhaft, sag ich dir. Vollkommen krank!«, drängte sich von Volkmanns Stimme in Carls Gedanken. »Der alte von Rosskopf hatte eine kleine Freundin, bestimmt zwölf Jahre ist es her. Es war damals noch in Königsberg auf dem Internat. Ich habe sie mal gesehen, ein ganz gewöhnliches kleines Ding, ganz hübsch vielleicht. Tochter eines Blumenhändlers, Jüdin, hatte auch so einen jüdischen Namen, Esther. Und die war von Rosskopfs Ein und Alles, er war vollkommen verrückt nach der, wie man eben nur mit siebzehn nach jemandem verrückt sein kann. Absolut lächerlich war das!«

Von Volkmann schüttelte konsterniert den Kopf. Und während Carl bitter daran dachte, wie ebendieser zufriedene Ehegatte vor drei Jahren noch, auf Knien bettelnd, vor einer Kaufmannstochter gelegen hatte, fuhr das Fliegerass fort: »Von Rosskopf wollte sie heiraten und mit ihr durchbrennen und was nicht noch alles, sein armer Vater ist halb wahnsinnig geworden. Der zukünftige Baron von Rosskopf, Erbe des von-Rosskopf-Vermögens, und dann so eine Mesalliance.«

Die Vorstellung bereitete dem Fliegerass sichtlich Vergnügen. »Leider kam es nicht dazu, das Mädchen hatte nämlich ganz offensichtlich mehr Grips als unser alter von Rosskopf. Sie sagte rundheraus: Nein! Außerdem war sie vielleicht auch schon verlobt, bestimmt mit dem Sohn eines Arztes oder so was. Diese Juden sind ja alle entweder Arzt oder Jurist …«

»Mein Herr Bruder sagt, das sei eine Schande für die deutsche Medizin …«, wusste Rosi Kranz beizutragen, aber von Volkmann hatte nicht vor, sich seine schöne Klatschgeschichte durch weltanschauliche Diskussionen ruinieren zu lassen. Ohne auf die Bemerkung einzugehen, fuhr er einfach fort: »Also, jedenfalls wollte das schlaue Mädchen nach einiger Zeit nichts mehr von unserem Baron wissen, aber er hat gebettelt und gebettelt, und eines Tages trafen sie sich noch mal. Auf eine heiße Schokolade, es war nämlich Winter, und du kommst ja selbst aus Ostpreußen – so ein Winter in Königsberg, der braucht den Vergleich mit dem in Moskau nicht zu scheuen. Also, kurz vor Weihnachten 12 oder 13 war es …«

»Es muss 12 gewesen sein. 13 hattet ihr doch schon euer Reifezeugnis.«

Von Volkmann schmetterte Fräulein Kranz’ Einwurf durch herrisches Kopfschütteln ab und erzählte weiter: »Jedenfalls war es vor Weihnachten, wann genau, ist doch egal. Auf jeden Fall war’s kalt und nass, das allein ist wichtig! Sie ist nämlich auf dem vereisten Pflaster ausgerutscht und im Fluss ertrunken.«

»Heißt es!«, warf Rosi Kranz nun ein, und wild entschlossen, sich diesmal nicht unterbrechen zu lassen, haspelte sie: »Das war es zumindest, was in der Zeitung stand. Wissen tut es keiner, sie ist nachmittags von zu Hause fort, und danach hat sie niemand mehr gesehen. Wie vom Erdboden verschluckt. Einfach weg. Mein Herr Bruder meint aber, von Rosskopf ist es selbst gewesen. Der hat sie in den Pregel geschubst, schön mit einem Gewicht in den Taschen, zur Strafe, weil sie nicht mit ihm durchbrennen wollte. Wer behauptet denn, dass er sie nicht getroffen hat? Nur er. Er ganz allein!«

Das musste auch von Volkmann zugeben, doch nachdem er sich von einem der bereitstehenden Diener eine Schale Champagner hatte reichen lassen, erklärte er selbstgefällig: »Das mag wohl sein, dass Ihr Herr Bruder das sagt, mein liebes Fräulein Kranz, aber Sie kennen kaum die ganze Geschichte. Es geht nämlich noch weiter. Der von Rosskopf, der war ja schon immer etwas eigen, hat sich ja auch so mit dem Tod seiner Frau Mutter gehabt, und nun wieder so ein Schlag. Da ist er einfach nicht drüber weggekommen, und nachdem sein Herr Vater verstorben ist und er alles geerbt hat, da hat er noch einmal nach dem Mädchen fahnden lassen. Vergeblich, sie blieb verschwunden. Und jetzt, jetzt wird es gruselig.« Die Stimme senkte sich zu einem vertraulichen Flüstern. »Er hat dann nach einer Doppelgängerin Ausschau halten lassen. In der ganzen Republik haben seine Detektive nach einem Mädchen gesucht, das aussah wie diese Esther, und als sie dann eins hatten – eine kleine Kölnerin ist es gewesen –, also jedenfalls, als sie ein Mädchen hatten, das dem verschwundenen glich wie ein Ei dem anderen, da hat er es bei sich als Hausmädchen eingestellt.«

»Als Hausmädchen, so sagt man.« Die rotbemalten Lippen des Fräulein Kranz verzogen sich zu einem süffisanten Lächeln. »Ich würde zwar niemals Dienstbotenklatsch weitertragen, aber meine Zofe ist verwandt mit der Köchin des Barons von Rosskopf, und sie hat mir erzählt, einmal in der Woche, da müsse das arme Mädchen ganz bestimmte Kleider anziehen. Repliken der Kleider, die diese Jüdin getragen hat, und in diesen Kleidern muss sie dann im Gartenzimmer sitzen und lesen. Immer dasselbe Buch, einen Gedichtband mit so Versen Walthers von der Vogelweide.«

»Und was macht der Herr Baron so lange?«, erkundigte sich Frau von Volkmann, wobei ihre Wangen vor Sensationsgier glühten. »Er muss doch irgendwas tun?«

»Nein.« Fräulein Kranz musste bedauernd den Kopf schütteln. »Er sitzt nur da und sieht sie an. Vollkommen krank ist das.«

In diesem Punkt waren sich alle einig, und auch Carl nickte, doch bevor er seine Zustimmung auch verbal hätte äußern können, verkündete das Fliegerass selbstzufrieden: »Mein liebes Fräulein Kranz, wie ich schon sagte, Sie kennen eben nicht die ganze Geschichte! Die Sache ist nämlich damit keineswegs beendet! Ganz im Gegenteil! Aus sicherer Quelle weiß ich, dass unserem alten von Rosskopf seit dieser Woche auch die Doppelgängerin abhandengekommen ist. Spurlos verschwunden, genau wie Esther damals. Einfach so weg, vom Erdboden verschluckt.«

»Oh, Darling, du bist so eine Klatschtante! Es wird dem armen Mädchen eben unheimlich geworden sein. Ich meine, von Lesestunden im Gartenzimmer weiß man, aber vielleicht ist es nicht dabei geblieben? Bestimmt wollte er grässlich unanständige Sachen von ihr.« Wohlige Schauer schienen Frau von Volkmann bei dieser Vorstellung zu überlaufen. »Ich wette, in ein paar Tagen taucht sie wieder auf, vermutlich in Köln oder woher auch immer sie stammt.«

»Und ich wette, die hat er auch umgebracht! Im Lustrausch erwürgt!«

Während Carl noch darauf wartete, dass Rosi Kranz diese Aussage durch die unvermeidliche Referenz auf ihren Bruder belegte, fragte von Volkmann: »Was sagt denn die Polizei? Carl, du kennst dich doch da aus.«

Carls Wissens nach hatte die Berliner Polizei schon genug zu tun, ohne nach irgendwelchen ausgerissenen Dienstmädchen zu fahnden, aber er wollte vermeiden, dass man ihn für schlecht informiert hielt.

Schlecht informiert zu sein war in den feinen Kreisen Berlins eine ebenso unverzeihliche Todsünde wie Krokodilleder nach fünf Uhr nachmittags, und so sagte er ernst: »Ich darf nicht darüber sprechen.«

Die allgemeine Missbilligung wäre vermutlich noch heftiger ausgefallen, wenn nicht in diesem Moment die kleine Glocke geklingelt hätte, die den nächsten Gang und den nächsten Vortrag ankündigte.

»Ein Jammer, da kommen ja noch zwei Gänge und dann diese Tombola zum Schluss«, seufzte Frau von Volkmann, »Herr von Bäumer, Sie müssen uns einfach einmal besuchen! Ich werde Ihnen eine offizielle Einladung schicken. Ich hätte so gern noch mit Ihnen geplaudert. Diese Galaabende sind ja derart ermüdend. Reicht es nicht, dass man spendet? Warum muss man sich denn auch noch langweilige Vorträge anhören?«

»Herr von Rosskopf ist absolut fanatisch mit seiner Stiftung! Ich habe gehört, er hat jede einzelne der Sachspenden für diese dumme Tombola selbst in Augenschein genommen. Der erste Preis ist auch von ihm persönlich gestiftet worden. Irgendein Bild von einem Herrn Beckmann. Ich hab’s gesehen – da beneidet man die Blinden fast.« Rosi Kranz kicherte einen Moment, dann seufzte sie. »Ich verstehe nicht, warum man nicht wenigstens tanzen darf. Es ist doch nicht so, dass die weniger blind sind, nur weil ich nicht tanze.«

Carl schwieg. Er spürte, wie Wut in ihm aufstieg. Er dachte an Michail, der sich beim Geruch von Steak übergeben musste, und er dachte an Pauls von Granatsplitternarben überzogenen Rücken. Er dachte daran, wie Paul manchmal nachts im Traum schrie, an das panische Zittern des schweißnassen Körpers, und wie er hinterher stets behauptete, er könne sich an nichts erinnern. Und er dachte an Herrn Morgensterns grausame Begeisterung für Kriegsblinde.

Höflich lächelnd stand Carl auf, verneigte sich zunächst in Richtung des Fliegerasses und seiner Gattin, dann zu seiner Tischnachbarin, und noch immer lächelnd sagte der Filmstar: »Bitte entschuldigen Sie mich. Ich muss leider gehen, Ihr Zynismus kotzt mich ganz kolossal an. Meine Verehrung, Fräulein Kranz. Ich hoffe aufrichtig, wir sehen uns nie wieder. Ich wünsche noch einen schönen Abend.«

Samstag, 17. Oktober 1925

Ein Aktenzeichen ist er immer gewesen. Im Säuglingsheim, im Waisenhaus, in der Erziehungsanstalt, in Moabit, in Tegel, dann wieder in der Erziehungsanstalt.

Jetzt hatte Georgie es besser, jetzt war er ein Straßenname, Ecke Brunnen- und Voltastraße war sowohl sein Name als auch sein Platz. Hier stand er jeden Tag von achtzehn Uhr bis Mitternacht und wartete, ob vielleicht einer der Besucher des nahe gelegenen Kintopps sich einsam fühlte.

Die anderen Jungs wollten hier nicht stehen, wegen des Gestanks aus der nahen Essigfabrik. Georgie fand den sauren, in der Lunge beißenden Geruch gar nicht schlimm, für ihn bedeutete er Arbeit und Sicherheit.

Außerdem war der Platz ideal. Leinwandschicksale machen das Herz weich, bringen dickflüssiges Blut in Wallung und wecken die Sehnsucht nach zarter Jungenhaut. An manchen Abenden verdiente er dreißig, vierzig Mark. Zehn Prozent davon durfte er behalten, der Rest ging an den »Ringverein Immertreu e. V.«.

Er gab es gerne, er war dankbar, und er war wirklich gut in seiner Arbeit.

Nie wäre Georgie auf die Idee gekommen, betrunken oder ungewaschen an seiner Ecke zu erscheinen, nie würde er die Kundschaft bestehlen oder einen Teil des verdienten Geldes heimlich für sich behalten.

Die Kunden mochten ihn, sie waren freundlich, und waren sie es nicht, dann dachte er einfach nur an sein schon gespartes Geld, dann war es fast nicht mehr schlimm. Er hatte Stammkunden, die ihn für einen ganzen Abend bezahlten, und es gab einen Verehrer, der ihn ganz und für immer haben wollte. Aus Mitleid und aus Liebe, so sagte er.

Heute hatte ihn ein Kunde beschimpft, hatte ihn ins Gesicht geschlagen, aber es war im Grunde nicht schlimm gewesen. Da kannte Georgie aus dem Heim ganz anderes.

Er hatte einfach die Augen geschlossen und im Geist sein Geld gezählt. Dreiundachtzig Mark und siebzehn Pfennig besaß er schon. Wenn er bei hundert war, würde er die Kaution für seinen älteren Bruder zahlen. Bis dahin war es nicht mehr weit, nur keine Zeit verschwenden.

Er war nach dem Vorfall nicht auf eine öffentliche Toilette gegangen, sondern hatte sich im Seitenspiegel eines Automobils das Blut mit Spucke von der Oberlippe gerubbelt, das ging schneller. Und jetzt stand er wieder hier, Ecke Brunnen- und Voltastraße, und wartete.

Da kam schon der nächste Kunde.

Es war immer dasselbe Spiel. Zuerst lächelte er dem Fremden zu. Nicht lüstern, nicht aufdringlich. Er lächelte wie ein Kind beim Anblick seines Lieblingsonkels, freudig überrascht, ein wenig schüchtern. Grade dich habe ich heute sehen wollen, scheint dieses Lächeln zu sagen, und es macht nichts, dass er den Passanten noch nie gesehen hat.

Es war nicht sein Verehrer.

Ein Ausländer schien er zu sein, vielleicht ein Pole? Sehr elegant war der Fremde gekleidet, mit weißen Gamaschen und einem Pelz, als ginge er in die Oper. Auf dem schwarzbelockten Schädel trug er einen Zylinder, in der Hand ein Spazierstöckchen mit Pudelkopf aus Silber, die Augen des Tieres aus grünfunkelnden Steinen. Wie ein Filmstar sah der aus, ein bisschen wie der Bäumer, nur mit dunklem Haar. Oder eher wie Rudolph Valentino?

»Junge, komm her!«, sagte der Fremde, aber er klang nur nach Privatschule und Studienaufenthalt in Paris und kein bisschen nach Polen. »Du schaffst doch für Immertreu an, oder? Du bist einer von Muskel-Adolfs Strichern, oder?«

Georgie nickte. Die Kundschaft mochte es nicht, wenn man zu viel plapperte.

»Dann hab ich Arbeit für dich. Hier sind zwei Mark, davon winkst du dir eine Taxe und fährst direkt zu deinem Chef. Den Rest darfst du behalten.« Aus einem schlangenledernen Portemonnaie nahm der Mann eine Münze und reichte sie ihm. »Sag Muskel-Adolf, Sawicki schicke dich, und sag ihm, ich habe keine Lust zu warten. Sag ihm, wir haben die Steine.«

Sonntag, 18. Oktober 1925

»Ich will, ich will, ich will nicht! Und ich tu’s auch nicht!« In Boxershorts saß Carl auf dem Bett und verschränkte zur Demonstration seines Unmuts nun auch noch die Arme vor der Brust. »Du kannst mich nicht zwingen zu gehen, wenn ich nicht will!«

»Gut, dann bleibst du eben hier, und ich geh allein.« Paul verdrehte die Augen und begann, sein Hemd zuzuknöpfen. Schweigend richtete er die Hosenträger, schlüpfte in den Pullunder, und erst als er das Sportsakko aus dem Schrank nahm, konstatierte er: »Aber es ist sehr unhöflich und für mich ausgesprochen peinlich!«

»Sag eben, mir ist schlecht.«

»Dir war schon letztes Mal schlecht, und an Gustas Geburtstag hattest du Ohrenschmerzen. Ich weiß wirklich nicht, warum es immer so ein Drama sein muss, wenn wir bei meinem Bruder zum Sonntagskaffee eingeladen werden.«

Das stimmte nicht. Paul wusste es durchaus, oder er ahnte es zumindest. Die Besuche bei Willi hatten ihre Tücken – zum Beispiel setzte sein Bruder den armen Carl immer zu seiner Frau und Paulinchen in die Küche, während die Männer in der guten Stube aßen, und statt eines Verdauungsschnapses bekam Carl zum Nachtisch grundsätzlich Kirschlikör angeboten – zu allem Überfluss hasste er Kirschen. »Die Kinder freuen sich so auf dich, und du musst nicht mal mit in den Zoo.«

»Ja, weil ich mit Gusta, Paulinchen und Willis Schwiegermutter die Kaffeetafel für eure Rückkehr vorbereiten darf! Letztes Mal musste ich Sahne steif schlagen, und Gusta erzählt mir dann immer, wie grässlich ihre Ehe ist, weil dein Bruder seinen Schwanz nicht bei sich behalten kann. Und wenn sie was sagt, dann kriegt sie als Antwort wohl nur, dass er ihr von Anfang an keine Treue versprochen hat. Ich will, ich will, ich will nicht!« Carl ließ sich vornüberfallen, trommelte wütig auf sein Kissen ein. »Ich will da nicht hin!«

»Ach, komm, diesmal wird’s bestimmt nett. Gerade hat Gusta doch wirklich keinen Grund zur Klage. Willi ist aktuell braver als mancher Konfirmand. Seine Letzte, das war dieses Revuegirl, diese Friedel Scheller, und von der hat er sich Ende Mai getrennt. Außerdem hab ich ihn vor zwei Wochen im Boxclub in Hosen gesehen, und da kann sich die Gute wirklich nicht beklagen.«

»Er hat abgenommen, ist mir auch aufgefallen.« Carl drehte sich auf den Rücken und lächelte listig: »Ich finde, er sieht aktuell richtig top aus. Groß und breit und rothaarig wie du, aber irgendwie wilder, archaischer? Willst du das wirklich riskieren? Nicht dass ich mich am Ende noch umorientiere.«

»Ich glaube, das wage ich.«

Paul fuhr Carl über das Schlüsselbein und flüsterte: »Bestimmt ist er eh schon anderweitig verliebt. Sollen wir rausfinden, in wen? Du ziehst jetzt einfach deinen gestreiften Pullunder an und schmierst dir ein bisschen Pomade in deine Frisselhaare, und dann gehen wir und investigieren im geheimnisvollen Fall der Wandlung des Willi Genzer.«

»Ich würde lieber vom Bett aus investigieren«, brummte Carl, doch dann verzog er das Gesicht und machte sich auf in Richtung Badezimmer, wobei er sein Hemd demonstrativ schlechtgelaunt hinter sich her über den Spannteppich schleifte.

Paul setzte sich seufzend aufs Bett, trank einen letzten Schluck bereits kalt gewordenen Frühstückskaffee, blätterte lustlos durch die Zeitung: Im Wintergarten Varieté hatten sie eine neue Revue, irgendein Schwein schlitzte seit Monaten Straßenkatzen der Länge nach auf, der Reichskanzler gab sich optimistisch, und natürlich hatte es auch die Verlobung des allgewaltigen Muskel-Adolf in den Gesellschaftsteil geschafft, sogar mit Bild des Gangsterbosses, sehr elegant mit Smoking und Zylinder. Zwischen den behandschuhten Fingern hielt er eine zarte Champagnerflöte, und es schien, als hätten diese Hände niemals anderes getan. Auch das breite Lächeln wirkte freundlich, offen, ja, vielleicht sogar ein wenig naiv – aber wehe dem, der es wagte, Muskel-Adolf, den Herrn über Berlins organisiertes Verbrechen, zu unterschätzen.

»Muskel-Adolf heiratet, hast du’s mitbekommen? Die, mit der er schon seit ein paar Monaten rummacht, diese Kaufmannstochter. Schöne Zeiten, in denen die Eheschließung eines Gangsterbosses zur romantischen Tagesneuigkeit erhoben wird«, rief er in Richtung Badezimmer, und Carl, der offensichtlich das Haarwaschmittel in seiner Garderobentasche vergessen hatte und noch einmal zurückkam, schwenkte grinsend den Zeigefinger und mahnte: »Pass bloß auf, dass dich keiner hört! Das ist Verleumdung und Rufmord – Herr Adolf Leib ist der unbescholtene Vorstand eines wohltätigen und sehr unbescholtenen Vereins, der sich der Rehabilitation und dem Schutz Straffälliger verschrieben hat. Diesen hingebungsvollen Philanthropen als Gangsterboss zu bezeichnen, tststs.«

»Irgendwann, eines schönen Tages, werden wir ihm was nachweisen können, wart’s ab«, meinte Paul bestimmt, doch von Carl kam keine Reaktion. Das plötzlich klingelnde Telefon hatte Paul wohl übertönt, und so brüllte der:

»Gehst du? Ist eh für dich!«

Das Schellen verstummte schlagartig, und obwohl Paul es noch immer für den Gipfelpunkt der Dekadenz hielt, war er wieder einmal sehr dankbar, dass sie auch im Badezimmer einen Telefonanschluss hatten.

»Kapp!«, triumphierte Carl, als er mit einem Handtuch bekleidet hereinkam und ihm das Telefon entgegenhielt. Er warf sich nackt aufs Bett und verkündete zufrieden: »Ich glaube, wir gehen heute doch nicht zu Willi. So ein Jammer, jetzt krieg ich gar keinen Kirschlikör!«

»Roter, bist du’s?«, drang die Stimme von Kriminaloberwachtmeister Kapp aus dem Hörer. »Sorry, ich weiß, ist dein freier Sonntag, aber meiner ist’s auch, und der dicke Gennat sagt, wir haben jetzt bald Urlaub, da können wir vorher noch was arbeiten. Hab ich eigentlich schon erwähnt, dass ich einen Tag mehr Urlaub habe als du? Ich fahre schon am Donnerstag, ich habe also nur noch drei Tage Dienst, während du … lass mich kurz rechnen, noch vier Tage musst. Hab ich schon erwähnt, wie leid mir das für dich tut?«

»Ja, ich glaube, das hast du«, stöhnte Paul in gespieltem Kummer. »Also, was will der Dicke von uns?«

»Ne, Roter! Nich’ der Dicke! Der Reichspräsident, wir sind janz jroße Fische«, sagte Kapp und lachte. »Aber im Ernst, es ist wohl so eine Geschichte, wo man Taktgefühl für braucht und Diskretion. Es ist nämlich der Patensohn von unserm liebsten Tattergreis Hindenburg.«

»Was ist der Patensohn des Reichspräsidenten? Das Opfer oder der vermutliche Täter?«

»So, wie ich’s verstanden hab, beides gleichzeitig. Selbstmord. Herr Max von Volkmann. Hat sich gerade erschossen, direkt nach dem Frühstück.« Letzteres schien Kapp für ein besonders faszinierendes Detail zu halten, denn er wiederholte: »Hat gerade noch groß Croissants vertilgt und sich dann die Pistole an die Schläfe gehalten. Ich hol dich mit dem Einsatzwagen ab, okay? Wartest du vor dem Haus, so in zwanzig Minuten?«

Carl suchte indessen die neue Anzeige für Alpina-Uhren, deren Werbegesicht er seit kurzem war, und nachdem er sie gefunden hatte, hielt er Paul die ganzseitige Reklame entgegen. »Findest du, dass der Retuscheur mit den Pupillen übertrieben hat?«

Paul gab vor, die Reklame sehr genau zu betrachten. Für ihn sah Carl aus wie immer, die berühmten Rasiermesserwangenknochen dunkel ausgeleuchtet, die leicht aufgeworfenen Schmolllippen, das blonde Haar streng aus der Stirn gekämmt und die Augen mit dem schon tausendfach abgelichteten Schlafzimmerblick ins Unendliche gehend.

Ihm fiel an den angeblich nachbearbeiteten Pupillen rein gar nichts auf, nur den Slogan Ich weiß immer, was die Stunde schlägt fand er etwas gewöhnungsbedürftig, doch er sagte: »Es geht gerade noch, mehr hätte es nicht sein dürfen. Übrigens ein sehr gutes Bild.«

Das war offenbar die richtige Antwort gewesen, denn Carl lächelte geschmeichelt, zündete sich eine Bulgaria Stern an und riss zufrieden die Seite heraus.

»Wer hat sich denn wieder umgebracht?«

»Der von Volkmann, der dich am Freitag so genervt hat.« Paul tauschte den sonntäglichen Pullunder gegen eine sehr werktägliche Weste aus. »Aber ich vermute, dass dein kleiner Temperamentsausbruch wenig damit zu tun hat.«

»Das kann nicht sein!«, entfuhr es Carl. »Also ich meine nicht, dass der sich erschossen haben muss, weil ich ihm gesagt habe, was ich von ihm halte. Ich meine, dass der sich überhaupt erschossen hat. Solche Leute erschießen sich nicht! Du erschießt dich, ich erschieße mich, sogar dein Bruder Willi könnte sich an einem sensiblen Tag erschießen, aber der Typ nicht! Der ist viel zu selbstgefällig, da erschießen sich vorher die anderen.«

»Sosehr es mich freut, dass du meinen Bruder in deinen Kreis illustrer Selbstmörder aufgenommen hast, muss ich deiner These leider entgegenhalten: Max von Volkmann hat sich erschossen. Wird schon seine Gründe gehabt haben.« Paul zuckte die Schultern und ging in Richtung Wohnungstür. Neben ihr hingen an einem elfenbeinernen Haken Hut und Mantel. »Ich denke, das wird nicht lange dauern. Reine Routine. Soll ich auf dem Rückweg über Jädickes gehen, Baumkuchen zum Sonntagskaffee kaufen?«

»Nicht nötig!« Carl stand plötzlich in Jumper und Hosen auf dem Gang. Es war immer wieder faszinierend, wie schnell Carl an- und ausgezogen war. »Ich komme mit. Der hat sich nicht umgebracht, der ganz sicher nicht!«

***

Seit Kriminaloberwachtmeister Alfred Kapp mit seiner süßen kleinen Professorentochter zusammen war, hatte er gegen den Sonntagsdienst noch mehr einzuwenden als früher.

Mit Miriam waren die Sonntage sicherlich nicht so gemütlich vertrödelt wie noch in Alfreds wilden Zeiten – Zeiten, die ihm den Beinamen ›der hübsche‹ bzw. ›der flotte‹ Kapp eingetragen hatten und in denen er mehrfach im Jahr die Wohnung wegen Damenbesuchs und Nachtbummelns gekündigt bekommen hatte.

Miriam stand sonntags wie werktags um Schlag fünf Uhr auf und werkelte dann erst einmal zwei Stündchen an ihren Zellkulturen herum. Dafür wurde sie bezahlt, weshalb es wohl nur gerecht war, dass der sonntäglich untätige Alfred aufstand und bis zu ihrer Rückkehr aus dem Institut ein Essen zubereitet hatte.

Der Selbstmord dieses von Volkmann brachte ihm nun alles durcheinander, weshalb er den Diener dieses Fliegerasses ziemlich unfreundlich behandelte.

»Wo ist die Leiche?«, fragte er knapp, als dieser ihnen die Tür zur Villa der von Volkmanns öffnete. Im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten Genzer verlangte von Alfred niemand übermäßiges Taktgefühl, und sich an Genzers Begleiter wendend, erklärte er: »So machen wir das immer. Bringt gar nichts, das Personal zu verhören, bevor man nicht weiß, was überhaupt passiert ist.«

Carl von Bäumer nickte zögernd, und Alfred dachte bei sich, dass ihn keine zehn Pferde dazu brächten, sonntagmittags freiwillig irgendeinen Tatort aufzusuchen, nur um die Ermittlungsarbeit der Berliner Polizei aus nächster Nähe zu studieren. Seiner Meinung nach lohnte all die Mühe sowieso kaum. In der Rolle als Comte LeJuste, da ermittelte der Bäumer doch eh nicht wirklich! Da wurde wild gerannt und geschossen, da explodierten Autos, da starb ständig einer, und dann gab es eine Großaufnahme vom bebenden Dekolleté der trauernden Witwe. Es waren wirklich Topfilme. Nur hatte die stumpfsinnige, oft ermüdende Polizeiarbeit der Realität damit wenig gemein.

Der Kriminaloberwachtmeister schüttelte den Kopf und folgte dann dem noch immer sehr verwirrt aussehenden Diener durch die dick mit Orientteppichen belegten Gänge der Villa, in der der Tote gewohnt hatte.

»Wo ist eigentlich der Doktor Häßling?«, erkundigte sich plötzlich Alfreds Vorgesetzter bei ihm. »Und wo steckt Pix?

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