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No Baggage

Inhalt

  1. Kapitel 1: Schwerelos
  2. Kapitel 2: Auf Wanderschaft
  3. Kapitel 3: 957 Bäume
  4. Kapitel 4: Der Raum zwischen uns beiden
  5. Kapitel 5: Rosa Ring
  6. Kapitel 6: Die Eiche
  7. Kapitel 7: Griechische Erwartungen
  8. Kapitel 8: Wanted! The Outlaws
  9. Kapitel 9: Erkenne dich selbst
  10. Kapitel 10: Die lange Busfahrt
  11. Kapitel 11: Der Weg nach Sarajevo
  12. Kapitel 12: Wie löst man ein Problem namens Maria?
  13. Kapitel 13: Yin und Yang
  14. Kapitel 14: Himmlische Entfaltung
  15. Kapitel 15: Das mittlere Alter
  16. Kapitel 16: Es ist nicht gewiss
  17. Epilog
  18. Tafelteil

Kennst du den Typen überhaupt, mit dem du da wegfährst?«

Jaime schaute mich im Rückspiegel an. Seine Augen waren hinter einer dunklen Sonnenbrille versteckt, aber ich wusste, dass er es nicht ernst meinte. Der »Typ«, mit dem ich wegfuhr, war sein ehemaliger Mitbewohner Jeff, der gerade neben ihm auf dem Beifahrersitz des Volvos saß. Wir drei schlängelten uns im Morgenverkehr durch das Beton-Labyrinth Houstons auf dem Weg zum George Bush Intercontinental Airport, wo Jeff und ich in ein Flugzeug steigen würden.

»Jaime, nicht doch«, sagte Jeff. Er sagte es halb lächelnd, wie eine Mutter, die eine Rüge ausspricht und ihre Belustigung über die kindliche Missetat verbergen möchte.

»Ich meine ja nur«, fuhr Jaime unbeeindruckt fort, »als einer der wenigen, die das ›Vergnügen‹ hatten, mit dir zu reisen, denke ich, sie sollte wissen, worauf sie sich da einlässt.« Er nahm eine Hand vom Steuer, stieß Jeff leicht mit dem Ellbogen an, widmete sich dann wieder meinem Abbild im Rückspiegel und wartete auf eine Antwort. Kennst du diesen Typen überhaupt?

Ich wusste keine rechte Antwort darauf, also wich ich aus. »Gibt es irgendetwas, das ich wissen sollte?«

»Wie viele Stunden hast du Zeit?«, witzelte Jaime. »Ich wette, Jeffrey hat ›versehentlich‹ nicht erwähnt, wie er die Infusion mit Kochsalzlösung aus seinem Arm riss und aus dem Pariser Krankenhaus abhaute. Es war der Morgen nach dem französischen Nationalfeiertag. Mein Gott, da rannte er den Flur runter in seinem Krankenhauskittel. So einer, in dem man den Hintern sehen kann, weißt du, was ich meine? Hat noch nicht mal angehalten, um irgendwelche Kleidung anzuwerfen – stürmte einfach raus aus der Tür und checkte direkt aus Frankreich aus.«

»Jaime, nicht doch!«, schrie Jeff mit gespieltem Entsetzen. »Das war vor zwanzig Jahren. Da hatten wir noch nicht mal Schamhaare.«

»Ich weiß nicht, Mann«, sagte Jaime und zuckte mit den Achseln, »mein Rosenkranz wird in den nächsten drei Wochen jedenfalls hart rangenommen werden.«

Ich saß auf der Rückbank und ließ meine Finger über den bestickten Saum meines Kleids gleiten. Drüben am Horizont, jenseits der halb fertig gebauten Wohnanlagen und leeren Betonparzellen konnte ich eine Reihe winziger Flugzeuge ausmachen, die in den versmogten Sonnenaufgang abhoben. Wir näherten uns. In einigen Stunden würde mein Flieger – unser Flieger – auf die Startbahn rollen. Die Frage war berechtigt: Kannte ich den Typen überhaupt, der neben mir sitzen würde, wenn das Flugzeug von der Piste abhob?

Ja. Und nein.

Ich wusste, dass Jeff Naturwissenschaftler war, eine Professur innehatte und es sich bei ihm um einen Texaner in sechster Generation mit wild funkelnden Augen handelte. Ich erinnerte mich, dass ich: »Ach, du schon wieder« gedacht hatte, als ich ihn zum ersten Mal sah, so als hätte ich gerade einen alten Freund wiedergetroffen. Ich wusste, dass sich unsere Beziehung nach einer einzigen Runde Tequila zu einer blinkenden Kirmes-Nummer hochgeschaukelt hatte. Ich wusste, dass er mit Meersalz gesprenkelte Schokolade mag. Ich wusste, dass er sechs Jahre verheiratet und seit zwei Jahren geschieden war – und dass er eine fünfjährige Tochter mit leuchtend braunen Augen hatte. Ich wusste, dass er dem Unkonventionellen hinterherjagte wie ein Zugvogel, der im Winter Richtung Norden statt Richtung Süden fliegt. Ich wusste, dass er ein spritziger Provokateur war, ihn Dear Mama von Tupac allerdings zum Weinen brachte und er gelegentlich seinen Wagen anhielt, um tote Katzen sanft von der Straße zu entfernen – ein weichherziger Schalk, falls es so etwas gibt.

Aber kannte ich ihn damit wirklich? Das war die Frage. Wie gut kann man jemanden kennen, dessen Bekanntschaft man gerade erst übers Internet gemacht hat?

Vielleicht waren Zeit und Umstände ja gar nicht so wichtig. In den paar Wochen seit unseren ersten forschen E-Mails – die wir hin und her schickten wie zischende Tennisbälle – hatte Jeff es geschafft, meine Mauer aus stiller Literaten-Reserviertheit zu durchbrechen: eine seltene Meisterleistung. Unser Internet-Geplänkel führte ganz leicht zum ersten Date, das sich dann eher wie ein Wiedersehen als ein erstes Kennenlernen anfühlte.

Ich war eine zurückgezogene Wissenschaftsjournalistin aus einer großen Familie unverbesserlicher Introvertierter. Mein Bruder, meine drei Schwestern und ich wurden alle bis zur neunten Klasse zu Hause unterrichtet. Unsere evangelikalen Eltern behielten uns aus religiöser Überzeugung daheim (ich stellte mir die örtliche Schule stets wie einen mit Kondomen und Nadeln übersäten Sündenpfuhl vor). Doch sie achteten darauf, dass wir eine gute Bildung genossen und nicht wie die unsicheren, von Kopf bis Fuß in Jeans gekleideten, in der Familie nur mit überliefertem Wissen unterrichteten Kinder gerieten. Als Erwachsene war ich nicht schüchtern, aber wenn ich die Wahl hatte, beobachtete ich die Welt lieber vom Fenster aus. Mein Kleiderschrank war voller gedämpfter grau melierter und beiger Töne. Ich besaß mehr Zimmerpflanzen als Freunde.

Wenn ich ein empfindsames, introspektives Yin war, dann war Jeff ein glühendes, rastloses Yang. Für ihn gab es keine Fremden. Er war ein verrückter Wissenschaftler, der sich daran ergötzte, sich vor den anderen zum Affen zu machen. Für jeden neutralfarbenen Pulli in meinem Schrank besaß er dunkelorangene Chinos und mit Blitzen geschmückte Socken. (Beim Wäschewaschen musste er niemals die weiße Wäsche aussortieren – er hatte schlicht keine.) Subtil existierte nicht in seinem Wortschatz, war für mich hingegen absoluter Standard. Nach einigen Wochen unserer aufkeimenden Romanze machten wir einen Persönlichkeitstest, der meine Vermutung bestätigte. Wir waren diametral entgegengesetzte Persönlichkeitstypen: Er war ein Alpha-Draufgänger, der einen Eisblock zum Schmelzen bringen konnte, wohingegen ich eine stille Träumerin war, die Konflikte um jeden Preis mied.

Doch wir bewunderten unsere Unterschiedlichkeit. Er ging mit meinem Hang zur Schweigsamkeit um, wie man vermutlich mit einer fremden Spezies unter vorsichtiger Beobachtung umgeht.

»Wie viele Worte hast du heute schon laut ausgesprochen?«, fragte er eine Woche nach unserem Kennenlernen. Wir saßen gerade in einer dämmerigen Bar und tranken Bier.

»Vor diesem Bier? Ich hab im Café heute Morgen einen Cappuccino bestellt«, sagte ich und zählte mit meinen Fingern nach, »also fünf?«

Er schüttelte verwundert seinen Kopf und kritzelte einige anthropologische Aufzeichnungen in das kleine Notizbuch, das er stets in seiner Hosentasche mit sich führte. »Und wie viele Worte sind dort durchgegangen?« Mit einem frechen Grinsen im Gesicht tippte er auf meinen Kopf.

»Genug, um mir einen Aus-Schalter zu wünschen«, sagte ich, was schon immer der Fall gewesen war.

Wir waren unterschiedlich, und trotzdem haben wir uns auf Anhieb gut verstanden, als wir uns zum ersten Mal persönlich sahen: um 19:52 am 5. April 2013. 19:52 war die exakte Zeit des Sonnenuntergangs, doch das war mir nicht klar, als er mir die Zeit für unser Treffen, die Koordinaten und ein Hinweisfoto eines Sterns schickte, der in einen Zementblock eingelassen war. »Treff mich am Stern«, schrieb er. Es handelte sich um einen schlicht aussehenden Stern aus Ton mit fünf terrakottafarbenen Spitzen, der ein leuchtend blaues Viereck mit einem Riss durch die Mitte umkreiste. Die Schlichtheit war natürlich trügerisch. Als ich die Koordinaten ins Handy tippte, stellte sich heraus, dass Jeffs terrakottafarbener Stern direkt vor dem pompösesten Gebäude der gesamten Skyline von Austin eingelassen worden war – dem Texas State Capitol.

Um 19:20 überprüfte ich meinen Lippenstift, übte das, was ich für ein verführerisches Lächeln hielt, und trat aus der Eingangstür meines kompakten Ein-Zimmer-Apartments. Die sich am Horizont abzeichnende Kuppel des Texas State Capitol aus rosarotem Granit war normalerweise dreißig Gehminuten entfernt, doch an diesem Abend schaffte ich es in zwanzig. Mein Körper bewegte sich mit langen, schnellen Schritten die Gehsteige entlang – so versuchte ich die Anspannung abzuschütteln. Ich war nicht wegen der üblichen Dinge nervös, über die man sich kurz vor der Begegnung mit einem Internet-Verehrer sorgt – dass Jeff sich herausstellen würde als: kahl werdender C++-Programmierer, heimlich verheiratet mit einem Dutzend Kinder, jemand mit Latex-Fetisch oder stolzer Besitzer jedes Beanie-Baby-Modells seit 1993. Ich war deshalb nervös, weil ich den Eindruck hatte, ein gigantischer interplanetarer Körper käme auf das Kapitol zugerast und bereitete sich darauf vor, mich in seine Umlaufbahn hinfortzureißen.

Ich erreichte den Stern noch vor Jeff. Er tauchte erst auf, als die Straßenbeleuchtung entlang der Congress Street anflackerte. Da erblickte ich ihn – eine kanarienvogelgelbe Hose, die sich ihren Weg zur Eingangstreppe der monolithischen Kuppel bahnte, wo ich auf ihn wartete. Er kam direkt auf den Stern zu und gab mir einen mutigen Kuss auf die Backe. Dort fing es an – in einer kleinen Welt, die alles in sich trug: lange Kanarienvogelhosen, einen terrakottafarbenen Stern, den perfekten Bogen der Kuppel und allem voran die letzten Streifen der April-Sonne.

* * *

Nach diesem Abend waren wir unzertrennlich, auch wenn es nie eine formelle Abmachung gegeben hat. Beide stimmten wir überein, dass eine Definition unserer Romanze zu diesem Zeitpunkt der Partie schon passé und nicht mehr nötig war. Alles ziemlich modern also.

Er unterrichtete Umweltwissenschaften an der Universität von Texas in Brownsville, fünf Stunden südlich der mexikanischen Grenze, bewarb sich aber damals gerade um eine neue Stelle in Austin und fuhr per Auto oder Linienbus so oft es ging dorthin. An den Wochenenden lagen wir in meinem Bett und verfassten abwegige Geschichten. Wir rieten dann herum, wie sich unsere Wege in anderen Körpern und Epochen wohl gekreuzt haben mochten. Vielleicht war er die Glückskatze gewesen, die einst in meinem Schoß schnurrte. Vielleicht hatte er meine Postkutsche auf der Straße nach Flagstaff überfallen. Vielleicht hatten wir unsere Hände am selben Feuer in einer kühlen Nacht in der mongolischen Steppe gewärmt. Vielleicht werden wir eines Tages ein Raumschiff über die Grenze des Universums fliegen, wie in dem alten Highwayman-Song.

OkCupid, die Online-Partnervermittlung, über die wir uns kennenlernten, verwendet einen Blackbox-Algorithmus, der die Chemie zwischen uns zu befürworten schien. Unsere Internetprofile wurden mit einer großzügigen neunundneunzigprozentigen Übereinstimmung bedacht. (Obwohl diese Metrik in einem Kessel mit Rosenblütenblättern und Engelslöckchen hervorgebracht wurde, wenn Sie mich fragen.) Egal, ob fundiert oder nicht, diese Zahl gab mir jedenfalls einen Extra-Schub Vertrauen, als wir uns nach nur vier Wochen in morgendlicher Nacktheit an meinem Küchentisch einfanden und ängstlich meinen Laptop-Bildschirm beäugten. Wir waren einen Klick davon entfernt, zwei One-Way-Flüge nach Istanbul sowie zwei Rückflüge ab London zu buchen.

Der Trip war seine Idee gewesen. Er hatte für den Sommerurlaub bereits Pläne für eine Reise von Istanbul nach London gehabt, doch im Laufe der letzten Woche hatte sich sein »Ich fliege nach Istanbul« in ein »Wir fliegen nach Istanbul« gewandelt.

So kam es also, dass wir über meinem Tisch kauerten und uns trauten, auf »Kaufen« zu klicken.

»Das könnte ein Riesenfehler gewesen sein«, sagte ich.

»Mit einem Typen abzuhauen, den du gerade erst im Netz kennengelernt hast? Was wäre das Schlimmste, das passieren kann?«, sagte er und ließ seine Hand an meiner Hüfte entlanggleiten, als wäre es alte Gewohnheit.

Wir lachten sorglos und klickten auf den Button.

Zum damaligen Zeitpunkt erschien es mir nicht unangemessen leichtsinnig, nach nur allerdürftigsten Interaktionen bis ans andere Ende der Welt zu reisen – ein wenig gewagt vielleicht, aber keineswegs leichtsinnig. Jeff war einer der wenigen, die einfach auftauchten und ihren Platz einnahmen, so als ob die Verbindung seit Ewigkeiten existiert hätte und er sie lediglich festigte durch seine körperliche Hülle. Wir konnten die Vorrunde demnach einfach überspringen und uns ins Abenteuer stürzen.

Andererseits: Selbst wenn wir im achtzehnten Jahrhundert mit einem Schoner verschwunden wären, hätten wir vorher noch das eine oder andere praktische Detail zu klären gehabt. Wir mussten uns gegenseitig auf den neuesten Stand bringen, was unsere derzeitigen Inkarnationen so getrieben hatten, seit sie ihren jeweiligen Mutterleib verließen. Es galt, Geschichten auszutauschen und Zeitleisten zu erstellen: Familien-Stammbäume, vergangene Liebhaber, alte Wunden, lang gehegte Schrullen, der Grund für die gezackte Narbe an seinem unteren Rücken, der Grund meines schiefen Lächelns.

Eins stand fest: Dieser Trip würde die Geschichten aus uns herausquetschen. Mit all der einhergehenden himmlischen Desorientiertheit, mit all den wechselnden Zeitzonen, fremden Skylines und unverständlichen Sprachen hatte es das Reisen so an sich, dass es die Menschen bis zu ihren rohen, unschönen (teils betrunkenen, teils kranken) Unterschichten aufreibt. Während in Jeffs Vergangenheit Pariser Krankenhausfluchten lauerten (und weiß der Himmel was sonst noch), hütete ich meinen eigenen Koffer voller Geheimnisse, die nur darauf warteten, ans Tageslicht zu huschen. Jaime hätte besser Jeff ausfragen sollen, wie gut er mich eigentlich kenne.

* * *

»Ich habe eine geringfügige psychische Krise vorzuweisen«, gestand ich Jeff im Rahmen eines frühen OkCupid-Schriftwechsels. Es war ein unaufgeregter Vermerk, vorsichtig eingeworfen in einen Schwall frechen Flirtens. Das mache ihm nichts aus, meinte er, obwohl ich nicht sonderlich mitteilsam gewesen war, was die Feinheiten anbelangte. Etwa, wie finster das Loch war, in das ich nach dem Uni-Abschluss fiel, oder wie kurz es erst her war, dass ich dort wieder herausgekrochen kam. Als wir die Flüge buchten, erwähnte ich nicht, dass die Reise nach Istanbul seit Jahren der erste lange Flug sein würde, für den ich stabil genug war, um ihn anzutreten. Kein Wort verlor ich darüber, welch süßes Wunder es bedeutete, nicht nur das Land, sondern auch die Wände meines Apartments zu verlassen.

Er hatte keine Ahnung, wie gierig und ausgehungert nach Leben ich war, nachdem ich mich aus einem zweijährigen Zusammenbruch wieder aufgerappelt hatte. Er wusste nicht, dass ich die Realität einer für mich völlig unerwarteten Genesung noch immer nicht ganz erfasst hatte, dass der Trip nach Istanbul Teil eines weit größeren Leitsatzes echten, hemmungslosen Hungers darstellte: Du hast nichts zu verlieren, raus mit dir, verschlinge die Welt, riskiere etwas, bring wieder Fleisch an deine mageren Knochen.

Nur eine begierige Frau hätte sich auf die Art Sommerreise einlassen können, die Jeff in seiner dritten OkCupid-Mail beiläufig beschrieb (lange bevor er meinen Nachnamen kannte oder wusste, ob ich wirklich wie die ernste, schiefmäulige junge Frau in meinem Profilbild aussah). Jeff machte keine normalen Sommerurlaube. Es gab für ihn keine Pauschalreisen oder palmbedeckte Hütten an weißen Sandstränden. Er flog in ein Land und kehrte aus einem anderen wieder zurück mit null Hotels, null Reservierungen und null Reiseplänen zwischen Flughafen A und Flughafen B. In meinen Augen war diese unverlässliche Art des Reisens Abenteuer genug, für Jeff hingegen war das gerade mal der Anfang – im Normalfall stieg er mit nichts als Kreditkarte, iPhone-Ladegerät und Reisepass in seiner Hosentasche ins Flugzeug. Was danach passierte, konnte man nur erahnen.

Ohne Gepäck durch die Welt zu ziehen war eine der extremeren Offerten, die in meinem OkCupid-Posteingang auftauchten (Kopf an Kopf mit BDSM-Sex-Einladungen und Heiratsanträgen), und ich schlug sie dennoch nicht gleich aus. Mein Post-Genesungs-Mantra hatte ich nämlich Rilkes Stunden-Buch entnommen. »Lass dir alles geschehn«, schrieb er, »Schönheit und Schrecken.«

In den ersten vier Wochen undefinierten Datings hatten Jeff und ich der Schönheit dadurch Rechnung getragen, dass wir im Texas Hill Country über Teppiche aus Wildblumen fuhren und in den finsteren Seitengassen von Austin lange, planlose Spaziergänge machten. Der Schrecken wurde an jenem sonnendurchfluteten Nachmittag abgehakt, als Jeff mich offiziell fragte, ob ich nicht auf seine gepäcklose Vergnügungsreise mitkommen wolle. Dieser Vorschlag kam ohne Vorwarnung, als wir gerade die Congress Street Bridge überquerten. Ich war dabei, die roten und gelben Kajaks zu beobachten, die auf dem Lady-Bird-See verstreut waren wie Zuckerstreusel, als er plötzlich verkündete: »Du solltest mitkommen.«

Mein Atem stockte, als er diese Worte sprach. Jeff reiste durch die Welt seit 1996, und von den siebzig Ländern, die in seinem Reisepass zu Stempeln geführt hatten, hatte er sechzig komplett allein betreten. Er pries seine freie Art des Reisens an wie ein Tea-Party-Republikaner das Recht auf Waffenbesitz. Rucksäcke und Koffer daheimzulassen schockierte mich. Die Tatsache, dass er mich überhaupt bat, mitzukommen, bestürzte mich noch mehr.

Die Intensität seiner Bitte erinnerte mich an die Szene in Die Liebe in den Zeiten der Cholera, als Florentino Ariza der Flamme seines Lebens, Fermina Daza, einen Antrag machte und die von Unsicherheit geschüttelte Fermina sich an ihre Tante Escolástica wendet, die ihr voller Inbrunst rät: »Sag ja. Selbst wenn du vor Angst stirbst, selbst wenn du es später bereust. Denn egal, was du tust, du wirst es den Rest deines Lebens bereuen, wenn du Nein sagst.«

Ich hatte eine Menge Gründe, Nein zu sagen – ich kannte Jeff kaum, mein Einkommen liebäugelte ständig mit der Armutsgrenze, meine geistige Gesundheit steckte noch in den Kinderschuhen – und doch kamen die Worte aus meinem Mund und in die warme Seeluft geschossen, als ob sie Flügel hätten: »Ja. Ich bin dabei.« Es war ein instinktives, physisches »Ja« – ein Urteil von tief in der Magengrube, tief in den Knochen, das der Geschwindigkeit der Gedanken voranging. Ich würde in dieses Flugzeug steigen. Selbst wenn ich es später bereuen sollte.

* * *

Jeff griff nach hinten und legte seine Hand auf mein Knie, als Jaime in die Haltezone vor Terminal D einbog.

»Bereit?«, fragte er.

»Du kannst es dir immer noch anders überlegen«, fiel Jaime ein.

Ich legte meine Hand auf die von Jeff. »Jaime, du weißt, dass ich in dieses Flugzeug steigen werde.«

»Ich weiß«, witzelte er, »aber ruf mich bloß an, wenn er auf die Bastille losgeht.«

»Hör bloß nicht hin«, veräppelte ihn Jeff, »er versucht bloß deine Nummer rauszukriegen.«

Wir stiegen alle drei aus und versammelten uns vor dem Auto, wo die Unterschiede zwischen den beiden alten Freunden noch mehr ins Auge stachen. Jeffs Reisemontur bestand aus hummerroten Chinos, einem gestreiften leichten Pulli und dem Open-Road-Cowboyhut von Stetson, der seinem Urgroßvater gehörte und den er noch in allerletzter Minute beschlossen hatte mitzunehmen. Jaime hingegen sah förmlich aus mit seiner dunkelblauen Krawatte und seinem maßgeschneiderten Büroanzug. (Jeff meinte, er sei schon immer so herausgeputzt gewesen; zur Highschool habe er damals immer eine Aktentasche mitgeschleppt.) Ich konnte Aftershave riechen, als er sich nüchtern nach vorne beugte, um uns zum Abschied zu umarmen. »Okay, jetzt ohne Scheiß. Passt schön auf euch auf, Leute. Ich seh euch dann in drei Wochen.«

Dann war er verschwunden, und wir machten uns durch die Schiebetüren auf ins Innere des vollgestopften Abflug-Terminals. Frühflieger eilten an uns vorbei – mit Take-Away-Kaffee in der einen und Reisetrolley in der anderen Hand. Das Einzige, was wir alle gemeinsam hatten, war die kollektive Bewegung irgendwo anders hin – auf in eine der fernen Städte, deren Namen so verheißungsvoll auf den Bildschirmen mit den Abflugzeiten blinkten. Wir steuerten den Check-in-Schalter an, wo uns eine Flugbegleiterin mit geübtem Lächeln zu sich her winkte. Sie sah wie aus dem Ei gepellt aus, trug einen perfekten Haarknoten und einen dunkelblauen, ordentlich um den Hals geknoteten Schal.

»Möchten Sie irgendwelches Gepäck aufgeben?«, fragte sie, während sie unsere Reisepässe überprüfte.

»Wir versuchen, das sein zu lassen«, teilte Jeff ihr ganz sachlich mit. »Genau genommen haben wir gar kein Gepäck.«

Sie hielt kurz inne, um von ihrem Computer aufzuschauen. »Verzeihung. Sie haben kein Gepäck, das Sie aufgeben möchten, oder Sie haben kein Gepäck, Punkt?«

»Wir haben kein Gepäck, Punkt«, sagte er und lehnte sich gegen den laminierten Schalter, als ob er dabei wäre, einen pikanten Happen Tratsch preiszugeben. »Wir reisen einfach nur so.« Jeff zeigte auf mich, Beweisstück A: Kein Koffer zu meinen Füßen, keine Reißverschluss-Tragetasche, kein Touren-Rucksack mit angehängtem Schlafsack. Nichts als eine kleine Lederhandtasche für meinen Reisepass und ein paar Kosmetikartikel.

Die Flugbegleiterin zog ihre Augenbrauen skeptisch nach oben und blickte mich an – diejenige, die keine hummerroten Hosen trug –, so als ob sie sagen wollte: »Meint er das ernst?«

»Er sagt leider die Wahrheit«, meinte ich. »Das soll’s gewesen sein für die nächsten einundzwanzig Tage.«

»Oh je«, sagte sie mit Schrecken, so als ob ich gerade verkündet hätte, dass ich demnächst an den Wochenenden oben ohne an der Stange tanzen werde. »Sind Sie sicher?«

Herrgott, nein, ich bin mir nicht sicher. Was diese Reise anbelangte, konnte ich die Dinge, deren ich mir sicher war, an einer Hand abzählen: Ich war mir sicher, dass ich auf Platz 32 A in einem Flugzeug in die Türkei sitzen würde und mich diese Tatsache total überforderte.

Ohne Gepäck auf einem Flughafen herumzustehen hat viel von dem Traum, in dem man auf einer Party auftaucht und feststellt, dass man als Einzige vergessen hat, sich anzuziehen. Ich fühlte mich nackt. Losgelöst. Schwerelos. Ich habe nichts. Wir haben nichts. Mein Kopf war ganz leicht wegen dieses Nichts. Ohne einen Koffer, der mich am Boden hielt, fühlte ich mich schwer gefährdet, auf und davon zu fliegen, den Oberlichtern von Terminal D entgegen – wie die heitere Mary Poppins (aber ohne ihre magische Tasche).

Was war schon ein Koffer? Nur ein Objekt – ein Behälter für andere Objekte –, zusammengehalten von Reißverschlüssen, Textilfasern und Nähten. Er war ein einfaches Tragemittel, und doch fühlte ich mich ohne ihn haltlos und überrascht vom Schreckgespenst der Angst. Mich überkam der überwältigende Impuls, meine Arme auszustrecken und den Leerraum zu füllen – mit irgendetwas Schwerem und Großem. Einem Daunenkissen. Einem Sack roter Kartoffeln. Einer riesigen plüschigen Amerikanischen Waldkatze. Während meiner gesamten fünfundzwanzigjährigen Existenz war ich noch nie ohne wenigstens ein paar Dinge gewesen, um die ich meine Arme schlingen und die ich mein Eigen nennen konnte. Mit leeren Händen das Haus zu verlassen fühlte sich absolut fremd an.

In den Tagen, die unserer Abreise vorausgingen, versuchte ich das Nichts dadurch zu kompensieren, indem ich das perfekte Reise-Outfit zusammenstellte – als ob die richtige Kombination aus geruchsabsorbierendem Stoff, Cargo-Hosen mit mehreren Taschen und Teva-Sandalen die Tücken, die mit dem einundzwanzigtägigen Tragen derselben Kleidung einhergingen, tatsächlich abwehren könnten. Doch wie mit allem anderen in den letzten vier Wochen stand ich am Ende mit etwas komplett Unerwartetem da: mit einem durchgeknöpften flaschengrünen Baumwollkleid, das einen Bund zarter Stickereien direkt über dem Knie besaß. Es war hell leuchtend, schmeichelhaft, hervorragend geschneidert – und nicht zu vergessen, völlig unpraktisch. Dennoch lag in genau dieser totalen Abwesenheit alles Praktischen der Reiz. Wenn ich schon mit leeren Händen auf der Erde umherstreifen sollte, warum nicht den Surrealometer noch eine Stufe höher stellen mit einem überraschenden Hauch von Eleganz?

Unsere letzte Nacht in den USA verbrachten wir in Jaimes Vorstadthaus in Houston. Jeff bestand darauf, den Wecker auf eine unchristliche Zeit zu stellen, damit er aufstehen und eine wissenschaftliche Aufzeichnung von auch noch dem letzten unserer mitgenommenen Gegenstände anfertigen konnte. Er zeichnete alles obsessiv auf und filmte die Artefakte seines täglichen Lebens – banale Gespräche im Auto, Toastbrötchen zum Frühstück, Schläfchen im Park. Egal, um welches Thema es sich handelte, er übertrug den Film gewissenhaft auf Festplatte und widmete dem Inhalt nicht mehr als einen flüchtigen Blick.

Die Sonne war noch nicht einmal aufgegangen, als ich ihn in der Küche dabei entdeckte, wie er die Inhalte meiner Geldbörse akribisch auf Jaimes hölzerner Kochinsel arrangierte. Auf der linken Seite lag die Gesamtheit seiner Reisegegenstände, ordentlich gefaltet und im rechten Winkel zueinander positioniert: ein Paar kirschrote Chinos, ein Stetson-Cowboyhut, ein Paar Unterhosen, ein Paar Socken, ein gestreiftes Baumwoll-Shirt, ein iPhone, Ohrhörer, ein Ladekabel, eine halbe Zahnbürste, eine halbe Landkarte von Osteuropa, sein Notizbuch, einen Drehbleistift, ein bisschen Bares, eine Kreditkarte und sein Reisepass. Das alles wanderte in seine Hosentaschen.

Auf der rechten Hälfte lagen meine Sachen, ebenfalls gefaltet und perfekt angeordnet: ein grünes Kleid, drei Paar Unterhosen (extravaganter Luxus), ein Baumwollschal, ein schwarzer BH, ein Lavendel-Deostick, eine ganze Zahnbürste, die Zahnspange, die ich trage, seit ich sechzehn bin, ein Kontaktlinsenbehälter, eine Ersatzbrille, zwei Tampons, ein iPhone, ein iPad Mini, ein Notizbuch, ein Stift, mein Reisepass, eine winzige schwarze Schultertasche (anstelle von Hosentaschen), ein Stapel Cowboy-Magnete zum Verteilen als Souvenir aus Texas und ein Lippenpflegestift mit Kirschgeschmack.

»Morgen, Baby. Zeit, sich nackt zu machen«, sagte Jeff.

»Ich wünschte, das wäre eine Einladung zu heißem Küchensex. Ist es aber nicht, was?«, sagte ich und schenkte mir eine Tasse Kaffee ein.

War es nicht. Die letzte Stufe des Aufzeichnungsvorgangs, klärte Jeff mich auf, würde eine Packübung mit gestoppter Zeit sein, nackt und auf Film. »Was, wenn Jaime reinkommt?«, protestierte ich. Er sei noch am Schlafen, versicherte mir Jeff. Es werde nicht lange dauern. Okay, okay. Diese ganze Reise war eine Übung in nackter Verletzlichkeit. Mein Bademantel glitt auf die Keramik-Fliesen in der Küche, während das Morgen-Sonnenlicht durch das Fenster oberhalb der Spüle zu schimmern begann. Splitterfasernackt stand ich in Jaimes Küche, und meine bloße Haut begann im Zug der Klimaanlage zu kribbeln. Jeff knipste die Kamera mit der einen Hand an, mit der anderen stellte er den Timer. Er signalisierte mir, dass ich anfangen solle.

Ich streckte meine Arme durch das smaragdgrüne Kleid und sog den Duft neuer Baumwolle ein – ein Duft, der bald von Schweiß und Bier überdeckt werden sollte. Es dauerte acht Minuten, bis meine Finger die Reihe von neun grünen Knöpfen hochgewandert waren, jeder Gegenstand sorgfältig in meiner Handtasche verstaut und ich in ein Paar dünne Ledersandalen geschlüpft war. Acht Minuten für eine Reise um die Welt.

»Nicht schlecht«, sagte Jeff sichtlich beeindruckt.

Seine Packzeit dauerte schnelle zwei Minuten und dreißig Sekunden – hauptsächlich deshalb, weil er seine Kleidung anwarf, als ob der Vater seiner Freundin gerade in die Auffahrt eingebogen wäre. Als die Kücheninsel frei war, rannte er aus der Küche, den Flur entlang und aus Jaimes Haustür hinaus, wie einer der rebellischen Lost Boys. Seine Hosen strahlten derart heftig, dass er ausgestreckt auf dem gepflegten Rasen von den Google-Earth-Satelliten als kleines feuerrotes V unmittelbar nördlich des Golfs von Mexiko ausgemacht worden wäre.

Ich dachte kurz darüber nach, ob ich den Mann mit den leuchtenden Hosen immer noch liebhaben würde, wenn wir in Heathrow unseren Rückflug antraten. Zwei Menschen, die sich leicht und ohne Last durch eine Reihe unvorhersehbarer Ereignisse bewegen, das klang wie ein zen-buddhistisches Haiku. Die Kombination aus Jetlag, Schlangen am Zoll und verkrusteter Unterwäsche allerdings ähnelte eher einem schonungslosen Speed-Date – ob wir beide zusammenpassten (oder eben nicht), würde sich ganz schnell herausstellen. Und irgendwie war das Ende gar nicht so wichtig: Ich wandte mich wieder der Welt zu, in einem flaschengrünen Kleid und begierig nach Schönheit und Schrecken.

Jeff kehrte zurück auf die Veranda und gab mir einen Kuss auf die Backe, der nach Kaffee roch. »Sollen wir Jaime aufwecken?«

»Jep«, sagte ich und sog die feuchte Morgenluft ein. »Zeit zu gehen.«

Kapitel 2

AUF WANDERSCHAFT

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Mein Orientierungssinn ist suboptimal. Diese Unzulänglichkeit hat nichts mit mangelnder Aufmerksamkeit für meine Umgebung zu tun – es ist eher eine Frage meines inneren Kompasses, der sich seit jeher auf die Seite der Poesie anstelle der Praktikabilität geschlagen hat. Ich folge den Pfaden des Naturforschers John Muirs, der schrieb: »Solange ich lebe, werde ich Wasserfälle und Vögel und den Wind singen hören. Ich werde die Felsen deuten, die Sprache der Flut, des Sturms und der Lawine lernen.« Ich weiß genau, wo in meiner Nachbarschaft die Bienen einen Stock in einer stacheligen Rauschopf-Palme gebaut haben, und ich kann sofort zu dem Fleckchen wandern, an dem wilder Rosmarin in duftenden struppigen Büscheln wächst. Den Weg zur nächsten Tankstelle kann ich jedoch nicht eindeutig beschreiben – hauptsächlich deshalb, weil ich mich nie bemüht habe, die Himmelsrichtungen zu lernen.

Als Jeff und ich einmal die Autobahn von Austin nach San Antonio entlangfuhren, deutete ich ehrfurchtsvoll auf eine Ansammlung strahlender Lichter in der Ferne. »Sieht San-Antonio-Stadt nachts nicht aus wie eine Galaxie?«

»Das ist eine Zementfabrik, meine Liebe«, sagte er lächelnd. »Wir befinden uns achtzig Kilometer nördlich von San Antonio.«

Trotzdem, Navigationsmethoden der Romantik beiseite, kann ich normalerweise die richtige Antwort geben, wenn ich den Kontinent bestimmen soll, auf dem ich mich gerade befinde. Das war allerdings nicht der Fall, als Jeff und ich unsere verkrampften Beine in der Ankunftshalle des Atatürk-Flughafens ausstreckten.

Istanbul ist die einzige Weltstadt, die auf zwei Kontinenten liegt. Die Bosporus-Meerenge wird überspannt von gewaltigen Brücken und befahren von einer Fährflotte, die sich mitten durch das Herz der Stadt bewegt und dabei Ost und West, Asien und Europa miteinander verbindet. Während der Anfangsphase des Anflugs war ich abgelenkt worden von der Poesie des Mittelmeers (eine weite, blaue Picknickdecke, die in der Sonne dahinplätschert) und einer Flotte grauer Frachtkähne, die durch das Wasser pflügten (wie Entenscharen aus Metall). Jeff lag bewusstlos auf meiner Schulter mit leicht geöffnetem Mund und leicht schiefer Brille. Er zuckte nicht einmal, als die Stimme des Piloten über die Sprechanlage knisterte. »Es ist ein sonniger und klarer Nachmittag, meine Damen und Herren. Ein wunderschöner Tag in Istanbul. Siebenundzwanzig Grad am Boden mit einer leichten Brise aus Nordost. Lehnen Sie sich zurück und entspannen Sie sich, wir werden in Kürze landen.«

Die Räder ächzten aus dem Bauch des Flugzeugs, als wir mit dem Anflug auf Istanbul begannen. Ich konnte Palmen und Minarette ausmachen, die wie schlanke, in die Erde gesteckte Nadeln nach oben ragten. »Wenn man nur einen einzigen Blick auf die Welt werfen könnte, so sollte man sich Istanbul ansehen«, riet Alphonse de Lamartine, ein französischer Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts. Zu seinen Lebzeiten stand Istanbul – damaliges Zentrum des zerfallenden Osmanischen Reichs – gerade erst am Anfang der Moderne. Lamartine dürfte einer der Ersten gewesen sein, die das Gewässer des Goldenen Horns auf einer Brücke überquert oder eine Nachricht nach Hause per Telegraf versendet haben (wenngleich er wohl kurz vor dem ersten Pfeifen des Orient-Express von Paris nach Istanbul verstarb).

Im Gegensatz zu dem Lamartines war mein erster Blick auf Istanbul eindeutig modern. Er traf auf das wuselige Ankunfts-Terminal – Visa-Zeichen wirbelten hier mit den Schnörkeln des türkischen Alphabets umher; Türen führten zu stillen Gebetsräumen, wo Reisende gen Osten knieten; Bildschirme mit Anschlussflügen nach Beirut, Dubai und Kairo blinkten; und Designer-Kopftücher leuchteten in den Zollschlangen.

Ein Detail, das ich allerdings nicht klären konnte, war die Frage, ob der Flughafen sich auf der europäischen oder der asiatischen Seite befand. Dass ich absolut keine Ahnung hatte, auf welchem Kontinent ich mich befand, fiel mir auf, als ich auf der Toilette in meinem vom Flug zerzausten Haar herumwühlte. Und das, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich mehr mit meinem zotteligen Spiegelbild als den geografischen Koordinaten beschäftigt war.

Jeff und ich übersprangen wohl die »Schau stets heiß aus«-Phase des frühen Verliebtseins, denn es waren gerade einmal vierundzwanzig Stunden vergangen, und ich nahm bereits jetzt schon eine gewisse Ähnlichkeit mit dem verschnofften Zipferlaken von Lewis Carroll an. Die Wurzeln meines Haars waren dunkel gefärbt von Fett, meine Augen dunkle Halbmonde, mein Kleid roch wie muffige Finger auf Flugzeug-Kopfkissen, und meine Achseln hatten ihren langsamen Übergang in Bakterienkultur-Laborschalen begonnen. Was soll’s. Ich schmierte eine dicke Schicht Deo darauf und ging nach draußen in die Empfangshalle.

Jeff lehnte gerade gegen eine Säule und war eifrig damit beschäftig, seine Bordkarte in ein Notizbuch zu stecken, das bereits voller anderer Zettel und wahllosem Infokram war – Visitenkarten, Sand, Federn, Zahnstocher und Hundehaare. Seit 1999 sammelte er vereinzelte Schnipsel des Lebens in Notizbüchern – noch so eine Aufzeichnungsmarotte.

Er klappte das Buch zu, und ich gähnte. »Okay, was nun?«

Unter dem Stetson glänzten seine Augen vor Begeisterung, als hätte er gerade einen Shot Espresso geext, während ich auf der Toilette war. »Ich bin dafür, einen Zug Richtung Zentrum zu nehmen und einfach irgendwo auszusteigen.« Er sagte das so, als ob es der nächste logische Schritt wäre.

»Echt? Meinst du nicht, wir sollten erst mal schauen, wo wir sind?« Einfach irgendwo aussteigen klang furchtbar für mich.

Doch er zuckte nur nonchalant mit den Achseln. »Das finden wir schon raus.«

Das englische Wort für Reise, »travel«, lässt sich auf das französische »travail«, also »Arbeit«, zurückführen, was einen an die Art beschwerliche Reisen erinnert, die für Blasen an den Knöcheln, Sonnenbrand an den Waden und allerlei Gründe für den Wunsch, man hätte das Zuhause besser nie verlassen, sorgen. In Wahrheit sieht es aber doch so aus, dass alles Gute und Wunderbare mit einem gewissen Maß travail einhergeht. Auf jeden umwerfenden Aussichtspunkt und auf jedes legendäre Selfie kommen notgedrungen lange Warteschlangen, schreiende Babys im Flugzeug oder entsetzliche Unterzuckerung.

Ich (zum Beispiel) hatte beinahe vierundzwanzig Stunden lang das Eintreten in eine REM-Phase entbehrt. Im Gegensatz zu Jeff, der höchstwahrscheinlich auch auf einem ohrenbetäubenden Rammstein-Konzert wegdösen könnte, hatte ich den Großteil des transatlantischen Flugs damit verbracht, meinen Körper origamimäßig so zusammenzufalten, dass der Blutfluss zu lebenswichtigen Gliedern nicht behindert würde. (Eine Mission, die mir nichts als ein dürftiges Nickerchen und einen steifen Nacken bescherte.) Mein Eindruck von Istanbul war im Moment noch wenig atemberaubend: Er war erschöpft und voll krustigem Schlafsand.

Travail erschien ebenso unvermeidlich in Sachen Unterkunft. Wenn wir uns an unsere selbst auferlegten experimentellen Leitlinien (und das Landstreicher-Budget) hielten, waren Hotels verboten und Hostels letzter Ausweg. Unser Plan sah vor, bei Einheimischen via Couchsurfing.com – eine weltweite Gemeinschaft, die Reisende als eine Art Kulturaustausch umsonst bei sich daheim beherbergt – zu übernachten. Doch obwohl wir Dutzenden von Gastgebern in Istanbul Couch-Anfragen stellten, hatten wir null Einladungen gesammelt, was vermutlich bedeutete, dass wir durch die Straßen von Istanbul wandern und Pappschnipsel für provisorische Betten im Park sammeln würden.

Der Gedanke daran, mein Bett der Willkür des Zufalls zu überantworten, ließ eine überraschende Panik in mir aufsteigen. Seife und Kissen würden nicht an irgendeiner Zughaltestelle vom Himmel fallen. Statt unbekümmert durch die Stadt zu latschen, brauchten wir eine Strategie-Sitzung. Wir brauchten einen Stadtplan. Wir brauchten eine Internetverbindung, um eine Salve Couchsurfing-Notanfragen abzufeuern. Wir mussten ermitteln, auf welchem Kontinent wir uns befanden.

Heftiger Protest wollte sich gerade aus meinem Mund entladen. Doch ich schluckte ihn sofort herunter, als ich Jeff ansah, der noch immer gegen die Säule gelehnt war, eine Schlange Taxis im Rücken hatte und mich faul anlächelte. Er war in höchstem Maße unbesorgt wegen der Eventualität der Pappbetten. Genau genommen konnte ich mich nicht erinnern, dass er sich in den wenigen Wochen unseres Zusammenseins um irgendetwas anderes Sorgen machte als um die Frage, ob ich Erdnusseis mit Stückchen im Gefrierfach hatte. Er besaß vollkommenes Vertrauen in seine Fähigkeit, sich irgendetwas einfallen zu lassen auf Basis der augenblicklichen Gegebenheiten. Und genau das war ja auch die eigentliche Übung, wegen der wir den weiten Weg gekommen waren.

Auf einmal beschloss ich, nachzugeben, mich für eine Weile verloren fühlen zu dürfen, erschöpft und ohne Dach über dem Kopf, und zu schauen, was im schlimmsten Fall passieren könnte. Ich strich mit meinem Handrücken über seine Wange, die bereits splittrig scharf von einem Tag Stoppelwuchs war. »Okay, Cowboy. Wo geht’s zum Zug?«

* * *

Von dem Gefühl des Verlorenseins kann ich ein Lied singen. Ich genoss eine erstklassige Ausbildung darin, als ich mich in den wilden und bangen Gebieten meines eigenen Verstands verirrte und zwei grauenhafte Jahre lang weg vom Fenster war. Jeff wusste das damals nicht, doch als er mich auf den Stufen zum Kapitol traf, war es gerade einmal vier Monate her, dass ich zurück in die moderne Zivilisation gefunden hatte.

Noch heute bin ich nicht sicher, warum ich mich überhaupt verlor. Vielleicht war es schierer Neurotizismus. Vielleicht war es meine Überempfindlichkeit bezüglich der conditio humana – insbesondere bezüglich des Wirtschafts-Crashs 2008, der auf brutale Art und Weise die Folgen von Geiz und Habgier offenlegte. Vielleicht war es eine tief sitzende Sehnsucht nach der unerschütterlichen Gewissheit meiner evangelikalen Kindheit, in der auch das letzte biblische i-Tüpfelchen von Gott direkt ins Ohr seines Jüngers diktiert wurde. Vielleicht war es der Schrecken über die Erkenntnis, dass Jesus kein netter Bursche im Himmel war, der göttliche Bestimmungen austeilte – dass die Aufgabe, etwas Bedeutungsvolles aus dem kurzen Piep meines Lebens zu machen, direkt auf meinen eigenen Schultern lastete. Vielleicht musste ich mich einfach verlieren, wie heruntergekommene Gebäude abgerissen werden müssen und Wälder Lauffeuern bedürfen, um altes Unterholz wegzubrennen.

Ich weiß lediglich, dass ich im Herbst 2010 noch stolze Begleitschreiben für meine Bewerbung an Hochschulen verfasste. Doch dann, 2011, als die Narzissen zu blühen begannen, umschlang ich ein Klo und erbrach mich vor Panik.

Das Verlorensein trug unterschiedliche Namen. Meine Eltern sagten, es sei eine »schwierige Phase«. Mein Großvater sagte, ich würde meine Midlife-Crisis ein paar Jahrzehnte früher ausfechten (den anderen stets ein Stück voraus!). Mein Hausarzt sagte, ich hätte eine schwere »psychische Störung« bekommen, ausgelöst durch ein chemisches Ungleichgewicht tief in meinem Gehirn. Er verschrieb mir eine silberne Packung Beruhigungstabletten. Meine Therapeutin sagte, ich hätte mich in eine dunkle Nacht meiner Seele aufgemacht, und riet mir, mich gut festzuhalten, denn der einzige Weg nach draußen sei der Weg mitten durch. Dann gab es noch die lang verstorbenen französischen Philosophen, deren dicke Bücher bestätigten, dass ich in einer klassischen Existenzkrise steckte – eine förmliche Art zu sagen, dass ich keinen guten Grund mehr hatte, mich morgens aus dem Bett zu schälen.

Welche Bezeichnung diese lähmende Angst, die sich in meinem Bauch breitmachte, auch immer trug, ich hoffte, sie war nur von gewisser Dauer, so wie ein Jack-Daniel’s-Kater, der nach einer ordentlichen Portion Schlaf und einem fettigen Cheeseburger üblicherweise nachlässt. Ich wünschte mir sehnlichst die Normalität zurück: Unikurse, Cocktailkleider und blühende literarische Ambitionen. Doch mit jeder Woche, die ich in den albtraumhaften Klauen der Angst gefangen war, glitt das Normale ein Stück weiter aus meinem Gedächtnis.

Ich jagte dem Vertrauten hinterher, wie ein verirrter Wanderer einem Orientierungspunkt oder Kilometerstein hinterherjagte – eine Biegung des Flusses, ein ungewöhnliches Zutagetreten von Felsgestein. Doch das Normale war verschwunden wie eine kalt gewordene Spur. Stattdessen wurde mir mein Inneres fremd. Die einzigen Wesen, die meine Misere nachvollziehen konnten, waren die gepeinigten Seelen der religiösen Kunst des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts: Hieronymus Boschs Darstellung des Letzten Gerichts, ein verstörendes Triptychon einer schwarzen, glühenden Höllenlandschaft, in der Sünder ächzen und mit den Zähnen knirschen, sowie Gustave Dorés brutale Holzstich-Interpretationen von Dantes Inferno, die einen weiteren Haufen angstgepeinigter, von Giftschlangen, Drachen und einem flammenden golfballgroßen Hagel geplagter Sünder darbieten. Brennende Bälle waren definitiv nicht normal.

Meine verzweifelten Versuche, meine sich im Sturzkampf befindliche psychische Gesundheit unter Kontrolle zu bringen, manifestierte sich schließlich in Form einer bizarren Essstörung (und das, obwohl ich das Kochen liebte und noch nie eine Personenwaage besessen hatte). Eines Nachmittags konnte ich schlicht nichts mehr essen. Mein Appetit war verschwunden. Mein Speichel im Dauerurlaub. Das Essen kam wieder hoch, sobald ich es hinuntergeschluckt hatte. Ich nahm an, dass meine Psyche ein schwerwiegendes Problem hatte, dass ich dabei war, verrückt zu werden. Nie ist mir in den Sinn gekommen, dass jemand mit andauernder pulsbeschleunigender Angst das Essen nur schwer verdauen kann oder Essstörungen eine ganz normale Begleiterscheinung von Nervenzusammenbrüchen waren. (»Üblicherweise konnte ich sie dazu bewegen, etwas zu essen«, schrieb Leonard über seine Frau Virginia Woolf während einer Phase des Wahnsinns, »doch es war ein fürchterlicher Vorgang.«)

Im Juni des Jahres 2011 – als meine Rippen sichtbar wurden – war es dann klar, dass ich nach außen hin den Schein des Normalen nicht mehr länger aufrechterhalten konnte. Ich hatte mich verloren, und es war Zeit, sich das einzugestehen. In schneller, erbarmungsloser Abfolge kündigte ich meinen Verwaltungsjob bei einem Juwelier, meine allererste Mietwohnung und rollte einen Koffer zurück in mein Kinderzimmer.

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