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Nimue Alban: Mit Dampf und Donner

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Oktober, im Jahr Gottes 896
  7. .I.
  8. .II.
  9. .III.
  10. .IV.
  11. .V.
  12. .VI.
  13. .VII.
  14. .VIII.
  15. .IX.
  16. .X.
  17. .XI.
  18. .XII.
  19. .XIII.
  20. .XIV.
  21. .XV.
  22. .XVI.
  23. .XVII.
  24. .XVIII.
  25. .XIX.
  26. .XX.
  27. .XXI.
  1. November, im Jahr Gottes 896
  2. .I.
  3. .II.
  4. .III.
  5. .IV.
  6. .V.
  7. .VI.
  1. Februar, im Jahr Gottes 897
  2. .I.
  3. .II.
  4. .III.
  5. .IV.
  6. .V.
  7. .VI.
  8. .VII.
  9. .VIII.
  1. März, im Jahr Gottes 897
  2. .I.
  1. Epilog
  2. Charaktere
  3. Glossar
  4. Die Erzengel
  5. Hierarchie der Kirche des Verheißenen

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

.I.

Allyntyn,
Provinz Midhold,
Republik Siddarmark

Im Kamin des mehr oder minder intakten Hauses, das als Hauptquartier requiriert worden war, brannte munter ein Feuer. Dennoch fror Kynt Clareyk, seines Zeichens Baron Green Valley, erbärmlich. Das Haus lag in einem Stadtteil, der früher einmal als besseres Viertel gegolten hatte, und hier oben im Norden der Siddarmark waren Häuser generell recht robust gebaut: Dicke Wände hielten im Winter die Kälte ab, im Sommer sorgten sie für angenehme Kühle. Bedauerlicherweise befand sich das Haus wie die meisten Häuser in Allyntyn nicht gerade im Bestzustand. Im Dach klafften Löcher, die Fenster im Obergeschoss hatten keine Scheiben mehr und waren nur vernagelt: Es zog praktisch überall, und den Großteil der Möbel hatten bereits die Vorbesitzer des Hauses verfeuert.

Das Haus war aber wenigstens keine Ruine und damit in besserem Zustand als der überwiegende Rest der Stadt. Und die Tatsache, dass das Feuer im Kamin mit Kohlen gespeist wurde, während die Tempelgetreuen vor ihrem hastigen Rückzug aus Allyntyn die Möbel hatten verheizen müssen, legte beredt Zeugnis darüber ab, wie es um die Logistik der Gegenseite bestellt war.

Clareyk trat näher an den Kamin heran und rieb die Hände aneinander. Seit der Herbst-Tagundnachtgleiche war kaum ein Monat vergangen, und der Baron erinnerte sich bestens daran, wie ein zu ihm abgestellter siddarmarkianischer Kavallerieoffizier das Klima von Midhold beschrieben hatte: ›Ein Monat Sommer, fünf Monate Winter, und die nächsten vier Monate wird’s dann richtig übel.‹ Bislang hatte Clareyk noch keinen Grund zu widersprechen. Ob nun offiziell schon Winter herrschte oder nicht: Nach heftigem Nachtfrost zog in den frühen Morgenstunden eisiger Nebel auf. Allein schon diese morgendliche Kälte war für den Baron, der im Klima von Charis aufgewachsen war, mehr als genug. Chisholms Winter waren ja schon unerfreulich genug, doch Allyntyn lag viel nördlicher als Alyksberg. Die Stadt befand sich zwar ziemlich genau auf dem gleichen Breitengrad wie die Ramsgate Bay von Raven’s Land, genoss dabei aber nicht den mäßigenden Einfluss des Chisholmstroms.

Missbilligend verzog Clareyk das Gesicht und wandte sich der Karte zu. Sie lag ausgebreitet auf einem Tisch, der in einem einst sicher geschmackvoll eingerichteten Wohnzimmer gestanden hatte. Das war eine Vermutung, denn vom Mobiliar war nur wenig, darunter dieser Tisch, dem Schicksal entgangen, als Feuerholz zu dienen. Der Baron ertappte sich bei dem Gedanken, ob wohl die ursprünglichen Eigentümer dieses Hauses je wieder zurückkehrten. Ob sie überhaupt noch lebten? Der Baron hoffte es. Es gefiel ihm, sich vorzustellen, selbst in der zerrissenen, geschundenen Provinz Midhold gäbe es noch Überlebende, die eines Tages versuchen würden, wieder in ein normales Leben zurückzufinden – vielleicht gar ganze Familien.

An manchen Tagen war es schwerer als an anderen, sich diese schöne Vorstellung nicht zerstören zu lassen.

Mit gerunzelter Stirn betrachtete der General die Position seiner Truppen auf der Karte: Sie war ebenso mit Bleistift eingetragen wie alle bislang bekannten feindlichen Stellungen. In Wahrheit kannte Clareyk besagte feindliche Stellungen besser als der junge Slokym, der die Karte auf den neuesten Stand gebracht hatte. Denn Owl konnte detaillierte Karten mit Echtzeit-Bildmaterial überlagern. Wenn es um taktische Fragen ging, griff der Baron auf diese technischen Möglichkeiten gern zurück. Die Orientierung für langfristige Planungen aber fiel ihm immer noch leichter anhand der Karten, mit denen er aufgewachsen war.

Bislang hatten seine Truppen Bahrnabai Wyrshyms Flanke ungehindert passiert. Bis die Kavallerie der Tempelgetreuen gelernt hatte, die charisianischen Infanteristen in Ruhe zu lassen, hatten sie schwere Verluste erlitten. Wyrshym hatte auf die Bedrohung schließlich reagiert und seine besseren Infanteriedivisionen die linke Flanke abschirmen lassen. Deren Kommandeure, darunter vor allem Nybar, hatten inzwischen dazugelernt. Sie sondierten das Terrain deutlich besser als früher – und schränkten die Beweglichkeit der gegnerischen Patrouillen drastisch ein. Zur Schlachtordnung dieser Divisionen gehörten mittlerweile keine Pikeniere mehr. Stattdessen hatte man die Schaufel als probates Mittel gegen den Gegner entdeckt und grub sich nun gern zu jeder erdenklichen Gelegenheit ein: Bittere Erfahrung hatte Nybars Männer gelehrt, dass ein Gewehrschütze, der aufrecht stehen musste, um seine Waffe zu laden, deutlich verwundbarer war als ein Gewehrschütze, der beim Nachladen auf dem Bauch liegen und idealerweise dabei auch noch hinter einem umgestürzten Baum oder einem Erdhügel Deckung nehmen konnte. Schützengräben und Verschanzungen waren da enorm praktisch, auch wenn man selbst noch auf Vorderlader angewiesen war.

Schade, dass das keine Desnairianer sind, dachte Clareyk und fuhr mit dem Finger die Position von Gorthyk Nybars Langhorne-Division entlang, die in der Northland-Klamm stand. Nybars Männer sind nicht nur motivierter und disziplinierter, sie werden auch von kompetenteren Offizieren geführt. Unschön, diese Lage! Bei unseren ersten Zusammenstößen hat die gegnerische Kavallerie ordentlich eingesteckt. Hatte wohl noch zu gut in Erinnerung, wie erfolgreich sie sich gegen die Siddarmarkianer in den westlicheren Provinzen geschlagen hat. Aber die Überlebenden haben dazugelernt, und das verflixt schnell. Schlimmer noch: Sie haben dafür gesorgt, dass auch die dazulernen, die bislang noch nicht das Vergnügen mit uns hatten. Also ist der Gegner da drüben von der schlauen Sorte, lernwillig und bereit, Vorgesetzten gegenüber einzugestehen, wenn etwas verbockt wurde. Wahrlich keine schöne Kombination. Und wenn Nahrmahn recht hat, bekommt dieser Gegner über kurz oder lang neue Gewehre, und dann wird’s richtig hässlich.

Alles in allem war Clareyk dennoch froh, nicht in der Haut der Tempelgetreuen zu stecken.

Derzeit waren seine beiden charisianischen Infanterieregimenter unterbesetzt: Es fehlten fünf- oder sogar sechshundert Mann. Einen Großteil der Männer sollten die Heiler jedoch innerhalb der nächsten Fünftage wieder diensttauglich schreiben können. Major Dyasaiyls Bataillon Aufklärer-Schützen bestand mittlerweile nur noch aus etwas mehr als tausend Mann. Andererseits war im letzten Fünftag Brigadier Mohrtyn Braisyns 3. Berittene zu ihm gestoßen, und ebenso General Fhranklyn Pruaits 2. Siddarmarkianische Division, die mit Gewehren ausgestattet war. Rechnete man die etwa zweitausendvierhundert Kavalleristen aus der Siddarmark dazu, kam Clareyk insgesamt auf dreiundzwanzigtausend Mann – die Artillerie nicht mitgezählt. Das entsprach etwa zwei Dritteln von Wyrshyms Truppenstärke auf dem Feld (seine Pikeniere hatte er in die Etappe beordert). Dazu kamen noch ungefähr zwanzigtausend siddarmarkianische Milizionäre, die Clareyk allerdings nicht offiziell unterstellt waren. Derzeit befassten sie sich vor allem damit, in Midhold und im westlichen Mountaincross die letzten Nester tempelgetreuer ›Ranger‹ auszuheben.

Zimperlich gingen die Milizionäre dabei nicht vor, was Massen an Menschen bedeutete, die vor ihnen flüchteten. Es gefiel Clareyk zwar überhaupt nicht, dass Unbeteiligte Hunger litten und die bittere Winterkälte ertragen mussten – vor allem die Kinder! Sein Mitgefühl hielt sich aber in Grenzen. Dies waren Menschen, die wenigstens nicht von ihren eigenen Nachbarn aus dem Hinterhalt heraus angegriffen wurden, während sie sich die langen, steinigen Pfade in den Kalgarans entlangschleppten. Die Miliz der Republik führte zwar mit grimmiger Entschlossenheit jeden Nachhuttrupp der ›Ranger‹ seiner gerechten Strafe zu, legte es aber nicht darauf an, auch deren Frauen und Kinder zu schikanieren. Clareyks Männer waren angewiesen, flüchtende Tempelgetreue so behutsam wie entschlossen durch die Northland-Klamm zu treiben.

Und das nicht, weil ich so ein herzensguter Mensch wäre, sinnierte er grimmig. Jeder, der ›vor der Ausbreitung der Ketzerei flieht‹, muss von Wyrshym den Winter über verpflegt und untergebracht werden. Und in nur wenigen Fünftagen werden wir ihm das deutlich erschweren.

Trotz des Wetters, das sich täglich verschlechterte, war es derzeit um Clareyks Nachschublinien recht gut bestellt. Die ersten Herbst-Fünftage waren noch ungewöhnlich mild gewesen, doch die Wetterpropheten vor Ort rechneten mit einem harten Winter – und Owl stimmte ihnen zu. Zumindest in den nördlicheren Regionen von East Haven würden spätestens Mitte November sämtliche Flüsse und Kanäle zufrieren. Clareyks logistische Lage würde das allerdings in mancherlei Hinsicht vereinfachen. Schließlich waren Kaiser Caylebs über Semaphoren geführte Verhandlungen mit den Lords von Raven’s Land bemerkenswert erfolgreich verlaufen.

Viele Exportgüter hatten die Lords von Raven’s Land nicht zu bieten, aber an zweierlei fehlte es ihnen wahrlich nicht: an Eisechsen und Karibus. Raven’s Lands Eisechsen waren kleiner als ihre Verwandten auf dem Festland – vor allem kleiner als die Arten, die im Norden von Harchong und auf den gewaltigen Farmen der Tempel-Lande nahe der Hsing-wu-Passage gezüchtet wurden. Die Karibus waren deutlich größer als ihre Vorfahren von Terra: Wie bei so vielen anderen Spezies auch, die für den ›Export‹ nach Safehold vorgesehen waren, hatten Shan-weis Terraformierer auch an den Karibus genetische Modifikationen vorgenommen. Das durchschnittliche Karibu von Raven’s Land wog mehr als siebenhundert Pfund – bei Bullen war auch ein Lebendgewicht von acht- oder sogar neunhundert Pfund keine Seltenheit. Ein geradezu legendäres Exemplar, der Goliath aus Tymythtyn, hatte sogar mehr als elfhundert Pfund auf die Waage gebracht. Allerdings hielten sich hartnäckig Gerüchte, besagte Waage sei seinerzeit des Anlasses wegen … besonders eingestellt gewesen.

Als Zugtiere waren weder Eisechsen noch Karibus so effektiv wie Drachen. Dafür kamen sie mit dem Klima im Norden noch besser zurecht als Hügeldrachen. Das war auch gut so, denn nördlich vom Graybacksee gab es in Midhold keine Kanäle und praktisch keine schiffbaren Flüsse. Vor allem aus diesem Grund hatte Midhold trotz seiner an sich so günstigen Lage zur Alten Provinz schon vor dem Aufstand zwei Drittel weniger Einwohner als diese. Gewiss, den Schwarzbergen entsprang der Schwarznatterfluss, doch nur dessen unteren Abschnitte waren schiffbar. Der Fluss durchquerte leider keine einzige Region, die für Clareyk hilfreich gewesen wäre. Die Versorgungsgüter für seine Truppen mussten also ebenso über Land geschleppt werden wie die von Wyrshym. Nur musste sich Clareyk um weniger Männern kümmern, und dank der zunehmend positiven Einstellung der Lords von Raven’s Land dem Kaiserreich Charis gegenüber (was heißt: dessen Gold gegenüber) würde er bestimmt zeitig genug so viele Karibus und Eisechsen erhalten, wie er bräuchte.

Aber noch ist es nicht so weit, dachte er. Während sich die Miliz um die letzten ›Ranger‹ kümmert, müssen wir uns erst einmal konsolidieren, hier in Allyntyn einen Versorgungsvorposten einrichten und sicherstellen, dass die Truppen den Winter über auch anständig untergebracht sind. Soll sich Wyrshym ruhig noch ein bisschen den Kopf zerbrechen, was wir als Nächstes vorhaben.

Es war wahrscheinlich, oder zumindest gut möglich, dass Wyrshym zu dem Schluss käme, sein Gegner bereite hier das Quartier für den Winter vor. Schließlich fanden auf Safehold zumindest oberhalb des fünfunddreißigsten Breitengrades den Winter über nur äußerst selten Feldzüge statt. Doch es gab kein Gesetz, dass aktive Operationen während der Wintermonate ausdrücklich verbot. Entsprechend hatte sich die Imperial Charisian Army bereits einiges überlegt, was sie während dieser Zeitspanne unternehmen könnte. Schon bald wären Clareyks Truppen mit anständigen Winteruniformen ausgestattet … und seine Berittene Infanterie ritte auf High Hallows.

Diese chisholmianische Pferderasse war das Ergebnis jahrhundertelanger Zucht der Herzöge von High Hallow: Angefangen hatten sie mit terranischen Morgans, denen im Vorfeld bereits Behandlungen durch Pei Shan-weis Genetiker zugutegekommen waren. Es handelte sich um kleine, wendige Pferde (störrische leider auch) mit zottigem Winterfell, sehr verschieden von den kräftigen, lebhaften und eleganten Schlachtrössern, die die Armeen des Festlands bevorzugten. Brigadier Braisyns Männer hatten sich schon so manche spöttische Bemerkung über Zwergenponys anhören dürfen, doch das machte ihnen nichts aus. Ja, High Hallows waren zottelig und unansehnlich, aber sie benötigten weniger Futter und trabten auch noch unter Bedingungen munter weiter, unter denen ihre beeindruckender aussehenden Vettern längst zusammenbrachen. Zudem kamen High Hallows mit Temperaturen zurecht, die für viele andere Rassen innerhalb kürzester Zeit tödlich wären. Ja, High Hallows waren so störrisch, dass sie sich selbst dann noch weiterschleppten, wenn sie völlig erschöpft waren. Für das Klima im Alten Charis oder in Chisholm wären sie wenig geeignet gewesen, doch dort befanden sie sich ja nun einmal nicht. Vielleicht war es wirklich nicht so beeindruckend, wenn Scharen von High Hallows inmitten von flatternden Bannern und unter dem Klang der Signalhörner über das Schlachtfeld galoppierten – na und? Die Berittenen Truppen der Charisianer hatten ohnehin nicht die Absicht, jene Art glorreicher Sturmangriffe zu führen, wie sie vor Maiyam Colonel Tyrnyrs Reihen ordentlich gelichtet hatten. Ließe es sich nicht vermeiden, ginge auch die Berittene Infanterie in den Nahkampf, aber prinzipiell überließen sie derlei Torheiten lieber dem desnairianischen oder harchongesischen Adel. Charis’ Kavallerie waren Dragoner – berittene Infanteristen, das Pferd allein dazu da, die Beweglichkeit zu vergrößern. Im Kampfgetümmel stiegen Dragoner ab und führten ihren Krieg mit Gewehren, Bajonetten, Handgranaten und (zunehmend) Revolvern. Deswegen wurden ihre Einheiten auch als berittene Regimenter bezeichnet, nicht als Kavallerieregimenter. Für Dragoner aber waren High Hallows schlichtweg perfekte Reittiere – vor allem in Eis und Schnee.

Und genau das wollte General Kynt Clareyk einem gewissen Bischof-Kommandeur Bahrnabai innerhalb der nächsten Monate eindrucksvoll demonstrieren.

Ein Lächeln huschte über Clareyks Gesicht, als er ein letztes Mal die Karte betrachtete. Dann stellte er sich wieder vor den Kamin und rieb sich die Hände über der willkommenen Wärme des prasselnden Feuers.

.II.

Sarkyn,
die Tairohnberge,
und
Palast des Erzbischofs,
Sankt Vyrdyn,
Fürstentum Sardahn

Ganz schön frisch heute Morgen!, dachte Mahlyk Pottyr wenig begeistert.

Eigentlich war das nicht verwunderlich. In nicht mehr allzu vielen Fünftagen würde der Heiliger-Langhorne-Kanal endgültig zufrieren. Normalerweise hätte sich Pottyr darauf gefreut. Geboren und aufgewachsen war er in Mhartynsberg, jenseits der Grenzen von Sardahn, in der Baronie Charlz. Mittlerweile hatte er hier im Norden fünfundsechzig Winter erlebt. In diesem Jahr mehrten sich die Anzeichen, dass der Winter genauso kalt und ebenso früh anbrechen würde wie im vergangenen Jahr. Wenigstens hatte die Schleusenwärterhütte hier in Sarkyn anständig dicke Wände, ein vernünftiges Dach und einen ordentlich befüllten Kohlenkeller. Wäre der Kanal erst einmal zugefroren, würde Pottyr die kurzen Wintertage und langen Winternächte in seinem Lieblingssessel vor dem Kamin verbringen und dabei dem eiskalten Winterwind lauschen, der über die sanften Hügelkuppen der jetzt eisbedeckten Tairohnberge pfiff.

Leider lagen in diesem Jahr die Dinge anders. Pottyr wusste nicht genau, was er von den Berichten halten sollte, die ihn aus der Republik erreichten: Geschichten über Blutvergießen und Hungersnöte. Ja, er hatte Flüchtlinge am Ufer des Kanals entlang nach Westen ziehen sehen. Viele waren völlig ausgemergelt gewesen; manche hatten so entsetzliche Erfrierungen erlitten, dass ihnen Finger oder Ohrmuscheln (oder beides) fehlten. Es waren zu viele gewesen, um Zweifel am Wahrheitsgehalt der Berichte aufkommen zu lassen. Und trotzdem …

Er gab sich einen Ruck und schob die Hände noch tiefer in die Manteltaschen. Ärgerlicherweise hatte er vergessen, die Handschuhe mitzunehmen. Die Sonne, die auf Sarkyn herabschien und sich im Kanalwasser brach wie in einem Zerrspiegel, besaß keinerlei Kraft und Wärme mehr. Ihr Lächeln hatte daher etwas von der vorgetäuschten Herzlichkeit eines angeheirateten Verwandten. Pottyr wäre gern wieder ins Haus zurückgekehrt – vor allem raus aus dem schneidenden Wind!, doch momentan ging es um einen der ganz besonderen Schubverbände.

Die sind alle ganz besonders, Mahlyk, dachte er. Jede Tonne, die wir weiter nach vorn schaffen, ist gut für die Armee, selbst wenn sich das Zeug vor Seenstadt allmählich auftürmt. Diese verdammten Ketzer!

Pottyr konnte sich nicht erinnern, jemals so viele Frachtkähne gesehen zu haben – nicht einmal auf dem Heiliger-Langhorne-Kanal. Doch über die Semaphoren hielt er Kontakt mit den anderen Schleusenwärtern zwischen Sarkyn und Seenstadt. Um Landesgrenzen hatte sich die Kanalaufsicht noch nie geschert: Ihre Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass die Kanäle befahrbar blieben, was auch immer sonst geschehen mochte. Schleusenwärter waren daher eine eingeschworene Gemeinschaft. Mahlyk Pottyr war entsetzt gewesen zu erfahren, dass die charisianischen Shan-wei-Anbeter den gesamten Nordostbogen des Kanalsystems zerstört hatten. Berichte über die Berge an Frachtgut, die sich in Seenstadt und Traymos auftürmten, waren ihm Beleg genug, wie ernst die Schäden wirklich waren. Vikar Rhobairs Arbeitstrupps verbrachten vor Ort wahre Wunder, auch wenn es Pottyr eigentlich nicht zusagte, dass die Reparaturen derart schludrig durchgeführt wurden. Nichtsdestotrotz ließe sich ein Abschluss der Arbeiten bis zum Frühjahr unmöglich schaffen. Dass in der Zwischenzeit eine schier endlose Reihe Lastdrachen nach Westen zog, wo die Tiere den Winter besser überstünden, bedeutete dann wohl, die angesammelten Frachtgüter würden auch während der nächsten Wochen nicht über Land weitergeschafft. Pottyr war ein pflichtbewusster Sohn von Mutter Kirche. Gelegentlich aber fragte er sich, ob es sinnvoll war, immer weiter Versorgungsgüter nach Osten zu schaffen, wenn diese dann doch nicht mehr bis zur Armee Gottes gelangten.

Da sind doch auch reichlich Eisechsen dabei, Mahlyk, und laut den Frachtpapieren werden das noch mehr. Die Schlittenkufen hast du doch auch gesehen, oder? Du musst bloß dafür sorgen, dass die von Sarkyn aus nach Osten kommen. Von da an wird Vikar Rhobair schon wissen, wie es weitergehen soll. Auf deinen guten Rat wird er wohl verzichten können, meinst du nicht auch?

Dieser Gedanke rang ihm ein Schnauben ab, und er trat etwas näher an das jahrhundertealte, robuste Mauerwerk der Schleusenkammer, während Lastdrachen pfiffen und der erste jener Sondergutfrachter in die Kammer fuhr.

Trotz der leuchtend roten Flaggen mit schwarzen Streifen an Heck und Bug, mit der alle Sondergutfrachter gekennzeichnet waren, wirkte der Kahn nicht sonderlich gefährlich. Doch der Schein mochte trügen, und es war Mahlyk Pottyrs Aufgabe, den Kahn und dessen Besatzung sicher durch die Schleusen zu leiten. Schließlich sollten Fracht und Frachter Bischof-Kommandeur Bahrnabai bald erreichen.

Der Heiliger-Langhorne-Kanal gehörte zu Safeholds ältesten Kanälen, und gerade diese hatten nur wenige Schleusen. Im gleichen Kapitel der Heiligen Schrift, das den normalen Sterblichen detaillierte Bauvorschriften für Schleusen an die Hand gab, fand sich auch die Erklärung dafür: Während normale Sterbliche um große Berge und andere Hindernisse nun einmal den einen oder anderen Bogen machen und dabei steile Schleusentreppen anlegen mussten, brauchten sich die Erzengel seinerzeit nicht um Hindernisse wie diese zu scheren. Und wer daran zweifelte, dass die Erzengel derlei Dinge auf eine andere, viel einfachere Art und Weise erledigten, brauchte sich nur anzuschauen, wie etwa die Kanäle hier regelrecht in die Tairohnberge hineingeschnitten waren. Besonders gut war das am Ambyltyngraben zu erkennen, der keine vier Meilen östlich von Sarkyn lag: An der tiefsten Einschnittstelle ragten die beiden Steilwände mehr als vierhundert Fuß weit über den Kanal auf, und die Seitenwände des Grabens waren glatt wie polierter Marmor.

Pottyr schüttelte den Kopf und fragte sich erneut, wie die charisianischen Ketzer so verrückt sein konnten, die Weisungen der Diener Gottes zu missachten und an deren Weisheit zu zweifeln. Die Diener Gottes hatten nur gesprochen: ›Es werde der Ambyltyngraben!‹, und so ward er. Hielten sich die Ketzer wirklich für standhafter als Hügel und Berge? Glaubten sie tatsächlich, sie könnten jenem unsterblichen, allmächtigen Willen trotzen, vor dem sich zu Anbeginn der Zeit das Fundament der Welt gehorsam verneigt hatte?

Glücklicherweise brauchte das ja nicht Mahlyk Pottyrs Sorge zu sein. Er hatte sich nur um die Schleusen von Sarkyn zu kümmern, und das reichte ihm voll und ganz. Selbst die Erzengel hatten seinerzeit hier und dort eine Schleuse entstehen lassen, denn nur so herrschte in jenen schnurgeraden Kanalabschnitten stets ein angemessener Pegel. Nur deswegen gab es Sarkyn überhaupt. Eigentlich war es eher eine Ortschaft mit nur wenigen hundert Häusern und der Kirche; dazu kamen auf den umliegenden Hügeln noch eine Reihe ärmlicher Farmen. Doch die Schleusen waren ein wichtiger Teil des Heiliger-Langhorne-Kanals, weswegen man sie jemandem mit Pottyrs Berufserfahrung anvertraut hatte.

Und genau deswegen legte Mahlyk Pottyr Wert darauf, die Passage der Sondergutfrachter persönlich zu überwachen.

Der Konvoi bestand aus sechs Kähnen, und der Schauer, der Pottyr über den Rücken lief, als sein Blick dem Verlauf des Kanals nach Westen folgte und er bemerkte, welch großen Abstand die Kähne zueinander hielten, hatte nichts mit der beißenden Morgenkälte zu tun. Im Laufe der Zeit hatten sich die Maße der Kanäle verändert: Die älteren waren nur für kleinere Kähne schiffbar, der Heiliger-Langhorne-Kanal etwa für Kähne von bis zu einhundertdreißig Fuß Länge und einer maximalen Breite von fünfunddreißig Fuß. Als die Aufgabe, weitere Kanäle anzulegen, nicht mehr dem uneingeschränkten göttlichen Willen unterworfen war, sondern einfache Sterbliche Hand anlegen mussten, hatte man sich zuerst mit bescheideneren Maßen zufriedengegeben, und zwar bis das Schießpulver erfunden worden war. Jene ersten von Menschenhand geschaffenen Kanäle konnten nur von höchstens einhundertzehn Fuß langen und zwanzig Fuß breiten Kähnen befahren werden. Diese Kähne hier, um die sich Pottyr jetzt zu kümmern hatte, waren zwanzig Prozent kleiner, als es der Heiliger-Langhorne-Kanal eigentlich verkraftet hätte, und waren kein Vergleich zu den noch deutlich wuchtigeren Kähnen, die im Osten zum Einsatz kamen. Die Frachter, die Getreide aus der Provinz Tarikah oder Kohle aus den Ascheneisbergen holten, konnten fast viermal so viel Ladung aufnehmen wie diese Sonderfrachter hier. Momentan konnte der Schleusenwärter mit solch vergleichsweise kleinen Kähnen bestens leben.

Denn da sie kleiner waren, konnte jeder dieser Sondergutfrachter immerhin ›nur‹ vierhundertfünfzig Tonnen Schießpulver laden.

Für den Transport von Pulver an Bord von Lastkähnen hatte Vikar Rhobair sehr strenge Vorschriften erlassen. Derartige Kähne wurden zu gesondert gekennzeichneten Konvois zusammengefasst und stets von Kavalleriepatrouillen begleitet. Jedem Kahn war ein ganzer Zug Infanteristen zugeordnet – und entlang des gesamten Transportwegs waren offene Flammen strengstens verboten. Einem Sondergutkonvoi durfte sich kein weiterer Kahn anschließen – und schon gar keine Personentransporter. Nutzten Sondergutkonvois Schleusen, durfte sich während des Ein- und Ausschleusens niemand, der nicht der Kanalaufsicht angehörte, auf weniger als fünfzig Schritt Entfernung nähern. Das war verständlich, denn Menschen begingen Fehler und forderten Unfälle heraus, so sehr man ihnen auch im Vorfeld die katastrophalen Folgen eines Fehltritts erläutern mochte. Während der Schleusennutzung hatten die einzelnen Kähne einen Abstand von mindestens vierhundert Schritt zu wahren, und niemals durfte ein Sondergutfrachter zusammen mit einem anderen Schiff eine Schleuse nutzen.

Pottyr schaute zu, wie das Wasser in die untere Schleusenkammer strömte und den ersten Kahn langsam anhob. Schon bald könnte er den nächsten Abschnitt seiner Reise antreten. Während der Wasserpegel stieg, stieß der Kahn sanft gegen die Fender, und die Schleusengehilfen passten die Spannung der Schlepptaue entsprechend an.

Ein ungünstiges Zusammenspiel von einströmendem Wasser und beißendem Wind sorgte dafür, dass der Rumpf des Lastkahns ein wenig kräftiger gegen die Fender prallte als sonst. Der Unterschied war kaum merklich.

Doch er reichte aus. Ein Ruck ging durch das sorgsam aufgestapelte Frachtgut.

Das Pulver wurden in versiegelten Fässern transportiert. Die nebeneinander gelegten Fässer waren durch Keile vor dem Verrutschen gesichert und die einzelnen Lagen durch dicke, geflochtene Strohmatten voreinander geschützt. Niemand trug die Schuld daran, dass bei einem Fass in der untersten Lage eine Daube gerissen war. Der Riss war schon beim Beladen des Kahns entstanden, doch er war so fein, dass ihn seinerzeit niemand bemerkt hatte … ebenso wie niemandem aufgefallen war, dass während der dreitausendfünfhundert Meilen langen Überfahrt vom Peisee hierher ein wenig Pulver herausgerieselt war und nun zwischen dem beschädigten Fass und dessen unmittelbarem Nachbarn lag.

Keiner der wachsamen Menschen, die sorgsam jede von Rhobair Duchairn erlassene Sicherheitsvorschrift beachteten, bemerkte die winzige Bewegung der Fässer, eine Bewegung aber, bei der gerade genug Reibungshitze entstand.

Die Explosion verletzte einundsechzig und kostete achtundsiebzig Menschen das Leben, darunter Mahlyk Pottyr, der diesen Winter doch nicht im Sessel vor dem Kamin verbringen würde.

»Wie bitte?« Lawrync Zhaikybs, der Erzbischof von Sardahn, runzelte die Stirn und blickte den Oberpriester an, der die purpurne Soutane des Schueler-Ordens trug. »Was sagen Sie da?«

»Ich sagte, derlei Sabotageakte werden wir nicht dulden, Eure Eminenz«, wiederholte Pater Hahskyll Seegairs kategorisch.

Seegairs, der vor Zhaikybs’ Schreibtisch stand, war dreißig Jahre jünger als der grauhaarige, schon recht gebrechliche Erzbischof. Der untersetzte Schuelerit hatte einen bemerkenswert dunklen Teint und schor sich regelmäßig den Kopf. Der Blick aus seinen braunen Augen war streng, der Gesichtsausdruck unerbittlich. Pater Hahskyll war nicht nur Schuelerit, sondern auch ranghohes Mitglied im Stab von Inquisitor-General Wylbyr Edwyrds. Nachdem er den Erzbischof mit seinem Blick durchbohrt hatte, schaute er sich in Zhaikybs’ Arbeitszimmer im erzbischöflichen Palast von Sankt Vyrdyn um. Groß war dieser Palast nicht, aber das Fürstentum Sardahn war auch keine besonders wohlhabende Erzdiözese.

»Sabotage? Haben Sie irgendwelche Beweise dafür, dass Sabotage im Spiel war, Pater?«

»Die Tatsache, dass sich eine Explosion überhaupt ereignet hat – und wo, reicht.«

Seegairs klang tonloser denn je, und seine Augen wirkten im Schein der Lampe, als bestünden sie aus poliertem Feuerstein.

»Das ist alles?« Zhaikybs versuchte redlich, nicht zu ungläubig zu klingen, doch der Blick aus jenen Feuersteinaugen wurde unstet.

»Glauben Sie bitte nicht, ich würde diesen Zwischenfall nicht gebührend ernst nehmen, Pater«, setzte der Erzbischof nach kurzem Schweigen hinzu. »Aber ich habe den Bericht gelesen, den Bürgermeister Thompkyns über Semaphore Fürst Styvyn übermittelt hat. Obendrein habe ich mit Pater Mahkzwail gesprochen – das ist, wie Sie wissen, Vikar Rhobairs persönlicher Vertreter hier im Ort. Weder im Bericht des Bürgermeisters noch in Pater Mahkzwails vorläufigen Untersuchungen wird die Möglichkeit der Sabotage überhaupt erwähnt

»Beim Schießpulvertransport gelten außergewöhnlich strikte Sicherheitsvorschriften, Eure Eminenz«, erwiderte Seegairs. »Ich habe mich persönlich damit befasst, und das Gleiche gilt auch für den Inquisitor-General und den Großinquisitor selbst. Es gibt keine vernünftige natürliche Erklärung, wie und warum ein Kahn, der in Übereinstimmung mit besagten Vorschriften sachgemäß mit Pulver beladen wurde und ohne Zwischenfall beinahe viertausend Meilen zurückgelegt hat, plötzlich und unerwartet explodiert. Und er ist nicht einfach nur explodiert: Die Explosion hat sich zu genau dem Zeitpunkt ereignet, da der Kahn in die entscheidende Schleusenkammer eingefahren ist – die erste Schleuse eines beinahe sechzig Meilen langen Kanalabschnitts!«

Wortlos starrte Zhaikybs den Oberpriester an. Dann schüttelte er den Kopf.

»Ganz in Übereinstimmung mit Vikar Rhobairs Anweisungen, Pater, hat sich die Wachabteilung zum fraglichen Zeitpunkt vollständig an Deck befunden. Jeder der Männer gehörte seit der Beladung des Kahns zu dessen Besatzung. Von diesen Männern abgesehen hatte niemand den geringsten Kontakt mit dem Kahn oder dessen Ladung. Wie also hätte jemand das Pulver gerade zu diesem Zeitpunkt und an diesem Ort gezielt zur Explosion bringen sollen?«

»Ganz offenkundig hatte eben doch jemand Kontakt mit der Ladung.« Seegairs reagierte auf Zhaikybs’ ungläubigen Blick mit so unverhohlener Verachtung, wie ein Oberpriester einem Erzbischof gegenüber es gemeinhin nie gewagt hätte. »Der Saboteur musste ja Kontakt dazu haben, um die Explosion herbeizuführen.«

Zhaikybs biss sich auf die Lippen, um sich eine Bemerkung darüber zu verkneifen, wohin sich Pater Hahskyll derartige Zirkelschlüsse bitte schön schieben könne.

»Mir ist bewusst, dass es in der Verantwortung der Inquisition liegt, eine solche Katastrophe so gründlich wie möglich zu untersuchen«, entgegnete der Erzbischof stattdessen nach kurzem Schweigen. »Und ich weiß es auch zu schätzen, dass sorgsam die Möglichkeit durchdacht wird, es habe sich vielleicht eben doch nicht um einen Unfall gehandelt. Aber keiner der Zeugen, die die Explosion überlebt haben, hat in der Nähe der Schleuse jemanden gesehen, der dort nicht hingehört hätte. Die zur Sicherung des Konvois abgestellte Kavallerie hatte das Gelände im Vorfeld vollständig räumen lassen, sodass nur noch der Schleusenwärter, seine beiden Assistenten, die Schleusengehilfen und die Wachen der Kähne vor Ort waren – ganz, wie das Vikar Rhobairs Standard-Arbeitsanweisungen vorsehen. Über die Wachen kann ich natürlich nichts sagen, aber Schleusenwärter Pottyr und dessen Mitarbeiter haben hunderte von Lastkähnen und tausende Tonnen Pulver durch Sarkyn hindurchgebracht, ohne dass es jemals zu Schwierigkeiten gekommen wäre. Wollen Sie vielleicht andeuten, ein solcher Schleusenwärter ohne jeden Fehl und Tadel könne plötzlich beschlossen haben, ausgerechnet diesen Kahn in die Luft zu jagen – und sich selbst dabei gleich mit?«

»Wenn er es nicht war, dann jemand anderes aus Sarkyn.« Seegairs Gesicht wirkte wie aus Stein gemeißelt. »Die Wahl des Zeitpunkts, die Wahl des Ortes, die Tatsache, dass der Kahn ohne Schwierigkeiten so weit gekommen war – das alles betont doch nur, dass es sich um Sabotage gehandelt haben muss. Die geltenden Sicherheitsbestimmungen konnten nur durch jemanden unterlaufen werden, der mit eben diesen Bestimmungen bestens vertraut ist. Das wiederum legt den Schluss nahe, es müsse sich um jemanden aus Sarkyn oder der unmittelbaren Umgebung handeln. Vorausgesetzt natürlich, es war weder Pottyr selbst noch einer seiner ständigen Mitarbeiter. Was die Frage betrifft, warum jemand, der stets ein treuer Sohn von Mutter Kirche zu sein schien, plötzlich einen derart abscheulichen Akt verübt: Shan-wei ist die Mutter der Lügen, des Betrugs und der Täuschung! Woher sollen wir wissen, mit welchen falschen Versprechungen sie jemanden gefügig machen konnte, der insgeheim ohnehin schon seine Seele an sie verkauft hat?«

»Aber dafür gibt es doch keinerlei Anzeichen! Keine Hinweise, keine Andeutungen … gar nichts!«

»Wirklich nicht?« Seegairs neigte den kahl geschorenen Kopf und schürzte abschätzig die Lippen. »Hat wirklich niemand etwas gesehen? Oder wurde nur allgemein verabsäumt, das meinen Agenten-Inquisitoren gegenüber zu erwähnen?«

Lawrync Zhaikybs hatte das Gefühl, von einem Eiszapfen durchbohrt zu werden. Agenten-Inquisitoren? Seegairs hatte bereits eigene Agenten-Inquisitoren hier in Sarkyn?

»Leider, Eure Eminenz«, fuhr der Oberpriester fort, »scheint mir eine Fortsetzung dieses Gesprächs nicht zielführend. Meine Ermittler sind bereits zu dem Schluss gekommen, zu diesem besonders ungünstigen Zeitpunkt und an diesem besonders ungünstigen Ort lasse sich die Explosion der Pulverladung ausschließlich durch gezielte Sabotage erklären. Daran besteht keinerlei Zweifel.« Seine Worte kamen langsam und gemessen. »Und genau das habe ich auch dem Inquisitor-General gemeldet.«

»Aber …«

»Mir liegt bereits seine Antwort vor«, fuhr Seegairs fort und nahm Zhaikybs damit jegliche Chance auf einen Einwurf. »Seine Anweisungen wurden bereits sowohl an die Wachabteilungen weitergeleitet, die für die Sicherung des Schießpulvers verantwortlich sind, als auch an meine Agenten-Inquisitoren vor Ort.«

»Anweisungen?« Zum ersten Mal blitzte unverkennbar Ärger in Zhaikybs’ Stimme auf. »Was für Anweisungen, Pater?«

»Ketzerei und Verrat an Gott müssen bestraft werden, und sie werden bestraft.« Seegairs’ ausdrucksloser Blick erinnerte den Erzbischof an eine Schlange. »Wir werden herausfinden, welche Ketzer diese Explosion ermöglicht haben, Eure Eminenz. Und wir werden auch herausfinden, warum niemand im Ort auch nur das Geringste darüber wusste, was hier geplant war … oder warum niemand Mutter Kirche darüber informiert hat. Wenn wir die Zeugenaussagen gründlich durchforstet und auf diese Weise das ganze Ausmaß dieses ungeheuerlichen Verrats ermittelt haben, werden an den Verantwortlichen die Strafen Schuelers vollzogen.«

»Die Einwohner von Sarkyn gehören zu meiner Gemeinde, Pater!« Zhaikybs’ Stimme brach, während er den ausdruckslosen Blick des Schueleriten erwiderte. »Ich wiederhole: Ich sehe keinerlei Hinweise, keine Indizien, keinen Beleg für gezielte Sabotage – gar nichts! Jegliche Fortsetzung dieser Untersuchungen erfolgt damit ganz in Ihrer eigenen Verantwortung! Ich verlange, die von Ihren Agenten-Inquisitoren zusammengetragenen Beweismittel einzusehen, bevor ich ein derartiges Vorgehen in meiner Erzdiözese gestatte!«

»Bedauerlicherweise liegt diese Entscheidung nicht in Eurem Ermessen, Eure Eminenz. Gemäß einer ausdrücklichen Anweisung des Großinquisitors ist es die Pflicht des Inquisitor-Generals, Kanäle und Transportwege der Armee Gottes vor weiteren Angriffen durch die Feinde Gottes zu schützen. Bischof Wylbyr wird die nötigen Entscheidungen treffen, die ihm zur Erfüllung dieser Pflicht angemessen und erforderlich erscheinen. In dieser Hinsicht setzen seine Entscheidungen die aller lokalen Autoritäten, ob geistlich oder weltlich, außer Kraft.«

»Das verbiete ich!« Zhaikybs’ Faust landete auf der Schreibtischunterlage. Seegairs neigte nur kühl den Kopf.

»Eure Eminenz, leider liegt es schlichtweg nicht in Eurer Macht, irgendetwas zu verbieten, was der Inquisitor-General entschieden hat. Seine Anweisungen wurden bereits nach Sarkyn übermittelt. Selbstverständlich steht es Euch frei, Euch unmittelbar an den Großinquisitor zu wenden und ihn darum zu ersuchen, Bischof Wylbyrs Entscheidung aufzuheben. Solange das allerdings nicht geschehen ist, werden meine Kollegen und ich den Anweisungen unserer Vorgesetzten Folge leisten. Ich verstehe Eure Bestürzung, und sie scheint mir durchaus nachvollziehbar. Aber eine Fortsetzung dieses Gesprächs ist dennoch nicht sinnvoll. Ich habe Euch aufgesucht, um Euch die Entscheidung des Inquisitor-Generals mitzuteilen, weil es mir ein Gebot der Höflichkeit schien. Nun muss ich mich wieder verabschieden. Ich bedauere allerdings zutiefst, dass Ihr die Haltung des Inquisitor-Generals nicht zu akzeptieren vermögt. Selbstverständlich werde ich ihm Eure Bedenken vortragen. Ich wünsche Euch eine gute Nacht.«

Er deutete vor dem Erzbischof eine Verneigung an, wandte sich um und verließ Zhaikybs’ Arbeitszimmer ohne ein weiteres Wort.

.III.

HMS Rottweiler,
Dahltyn,
Jahras-Golf,
Kaiserreich Desnairia

»Bringen Sie sie bitte einen Viertelstrich nach Backbord, Master Mahkbyth!«

Symyn Mastyrsyn hatte eine bemerkenswert kräftige Stimme, die sogar Schlachtlärm zu übertönen vermochte. Die Geräuschkulisse aber, die derzeit an Bord von HMS Rottweiler herrschte, drohte sie dennoch zu ersticken. Allerdings hatte Ahmbrohs Mahkbyth, der First Lieutenant der Panzergaleone, den Befehl bereits erwartet.

»Aye, aye, Sir!«, gab er von seiner Position neben dem Steuerrad aus Leibeskräften zurück, und Captain Mastyrsyn konnte sich wieder Dringlicherem zuwenden.

Der Umbau der Rottweiler von einem Linien- zu einem Panzerschiff, den Sir Dustyn Olyvyr und Baron Seamount geplant hatten, wirkte sich unglücklich auf die Relings und das Schanzkleid des Schiffes aus. Normalerweise bot das Finknetz, in dem dicht zusammengerollt die Hängematten der Mannschaften untergebracht waren, einen, obwohl leichten, doch recht effektiven Schutz vor Kugeln. Auf der Rottweiler gab es stattdessen ein Regal, das sich auf der Innenseite einer massiv gepanzerten Schanz von sechseinhalb Fuß Höhe befand, ein Schutz für die Geschützbedienmannschaften, der unbestreitbar notwendig war. Die erhöhte Schanz sorgte aber auch für eingeschränkte Sicht (Pulverdampf hin oder her), und der Blick durch eine Geschützpforte bot nicht das gesamte Bild (schon gar nicht mit, aber auch nicht ohne Kanone in der Pforte, und Kanonen wurden natürlich immer im ungünstigsten Moment abgefeuert).

Deshalb hatte sich Sir Dustyn an Doktor Frymyn von der Königlichen Hochschule gewandt, und die Wissenschaftlerin, die sich vor allem mit den verschiedensten Optiken befasste, hatte tatsächlich eine Lösung für das Problem gefunden: ein schlichtweg genial konstruiertes Gerät, dass sie Winkelglas nannte. Es bestand aus einem Metallrohr, das – senkrecht verschiebbar – auf der Innenseite der Schanz montiert war. Am unteren Ende des Rohrs befand sich ein Okular, das sich in nichts von dem eines gewöhnlichen Fernglases unterschied, und in seinem Inneren mehrere Spiegel, die es ermöglichten, die Abbilder dessen zu betrachten, was es oberhalb der Schanzoberkante zu sehen gab.

Die Rottweiler war bemerkenswert lang, daher gab es zwischen den Geschützpforten ungewöhnlich viel Platz, den Sir Dustyn Olyvyr nutzte, indem er an der Back- wie Steuerbordseite des Panzerschiffs vier Winkelgläser hatte anbringen lassen. Gerade in diesem Moment betätigte Mastyrsyn die Kurbel, mit der das hinterste Steuerbord-Winkelglas in die Höhe geschoben wurde. Durch dessen Okular spähte er durch den Rauch, während die Rottweiler ein brennendes Wrack passierte. Die allmählich sinkende Galeone der Imperial Desnairian Navy hatte doch tatsächlich einen Angriff gewagt! Einen gewissen Mut musste Mastyrsyn deren Kapitän zugestehen. Trotzdem fiel es ihm schwer, einen Offizier zu bewundern, der für den Untergang seines Schiffes und den Tod von zwei Dritteln der Besatzung verantwortlich war … und es eigentlich hätte besser wissen müssen. Dahltyn war die dritte Stadt – wobei diese Bezeichnung eine Übertreibung war –, die Admiral Shains Geschwader in den letzten vier Tagen angegriffen hatte, und jeden dieser Angriffe hatte die Rottweiler angeführt. Mittlerweile hätten doch selbst die Desnairianer begreifen müssen, dass Kanonenkugeln von diesem Schiff abprallten.

Pah, arg streng mit dem Kerl, was, Symyn?, dachte er bei sich. Vielleicht hat er ja ganz genau gewusst, worauf er sich einlässt und nach Iythria keine andere Wahl gehabt! Jeder weiß doch, was Clyntahn mit den Familien von Herzog Kholman und Baron Jahras angestellt hat. Vielleicht kommt es einem dann klüger vor, sich in die Luft jagen zu lassen, als der Feigheit vor dem Feind bezichtigt zu werden.

Was auch immer sich der desnairianische Kommandant gedacht hatte: Erreicht hatte er gar nichts, denn die Panzerung der Rottweiler hielt, was Sir Dustyn versprochen hatte. Hier und dort wiesen die Panzerplatten leichte Dellen auf (dort, wo eine besonders gut gezielte Kugel abgeprallt war), einmal mussten sogar zwei Haltebolzen erneuert werden, bislang aber hatte noch kein Geschoss die Panzerung durchdrungen. Mehrere gegnerische Granaten, die tatsächlich ihr Ziel trafen, hatten sich in Wohlgefallen aufgelöst, und ein paar massive Kanonenkugeln waren beim Aufprall in tausend Stücke gegangen. Unter diesen Umständen fiel es Mastyrsyn schwer, nicht zu vergessen, dass auch die Rottweiler nicht unzerstörbar war. Fände eine feindliche Granate durch eine Geschützpforte ihren Weg ins Schiffsinnere, wäre der Schaden sicher groß. Bislang aber hatten sie Glück gehabt, hierbei und was die Takelage anging: Schwerere Schäden waren ausgeblieben. Aber nur ein Narr würde sich darauf verlassen, dass das für alle Zeiten so bliebe.

Doch vorerst …

Mastyrsyn schwenkte das Winkelglas herum und beobachtete, wie das Feuerfloß auf die Rottweiler zutrieb. Es war natürlich kein richtiges Floß, wohl eher ein alter Frachtprahm. Doch es hatte weder Besatzung noch Masten oder Ruder, weshalb Mastyrsyn es nicht als Feuerschiff bezeichnen mochte. Es war das erste Mal, dass die Desnairianer sich an der Taktik versuchten, einen Brander einzusetzen, und insgeheim fragte sich Mastyrsyn, warum es so lange gedauert hatte. Wenigstens hatten sie die Gezeiten richtig eingeschätzt, und der Brander trieb tatsächlich auf die Rottweiler und ihre Geleitschiffe – allesamt konventionelle Galeonen – zu. Nun passierten diese die Rottweiler an Backbord, während die Panzergaleone zwischen ihnen und den Batterien am Ufer stand und ihren eben nicht so prächtig gepanzerten Gefährtinnen Schutz bot. Plötzlich stieß ein zweites Floß, das dem ersten dichtauf folgte, Feuer und Rauch aus. Sofort wandte sich Mastyrsyn vom Winkelglas ab und hob das Sprachrohr.

»Master Fynlaityr!«

Lynyx Fynlaityr, der Geschützmeister der Rottweiler, blickte auf und hielt eine Hand hinter das rechte Ohr, um anzuzeigen, dass er aufmerksam zuhörte.

»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie das kleine Freudenfeuer an Steuerbord beseitigen könnten, Master Fynlaityr! Ich gehe davon aus, dass Ihnen die Geschützbatterien am Ufer noch ein wenig länger erhalten bleiben.«

»Aye, aye, Sir, wird gemacht!«

Fynlaityr gab seinerseits Befehle aus, und Mastyrsyn beobachtete wieder den Feind.

Mit kühler Befriedigung stellte er fest, dass die Befestigungen, die anzugreifen die Rottweiler hierher gekommen war, sich bereits in einem bedauernswerten Zustand befanden. Das alte Mauerwerk der ursprünglichen Feste war schwer beschädigt, was ja auch nicht anders zu erwarten gewesen war. Am Fuß des Festungsbergs stand eine Batterie Fünfundzwanzigpfünder neuer Baureihe, die man anständig hinter einem Erdwall eingegraben hatte. Dieser Wall hätte den ganzen Tag über massive Kanonenkugeln schlucken können, ohne sonderlich darunter zu leiden. Auch gegen Dreißigpfünder-Granaten hätte er gute Dienste geleistet. Doch die Granaten der Rottweiler waren mehr als doppelt so schwer … und mit einer zehnmal größeren Sprengladung beschickt. Dagegen half der Wall nicht: Mindestens fünf der insgesamt zwanzig Fünfundzwanzigpfünder hatte die Explosion sofort zerstört. Mastyrsyn hielt es für unwahrscheinlich, dass Kanoniere, die den Erstschlag überlebt hatten, sich wieder in die Nähe der noch verbliebenen Geschütze wagten, während sich die Geschützmeister der Rottweiler um die Branderflöße kümmerten.

Die Geschütze der Panzergaleone waren in Dreiergruppen zu Divisionen unterteilt, fünf pro Breitseite. Jede Division wurde von einem Leutnant oder einem Offiziersanwärter befehligt. Mastyrsyn sah Fynlaityr mit vor der Brust verschränkten Armen neben Lieutenant Graisyn stehen, dem die vorderste Steuerborddivision unterstellt war. Der Gesichtsausdruck, mit dem er den jungen Mann beobachtete, hatte etwas Väterliches. Graisyn hantierte noch einen Augenblick lang hektisch an Geschütz Nummer zwei seiner Division herum, dann trat er zurück und hob das Schwert.

Im allgemeinen Lärm an Bord konnte Mastyrsyn nicht den Befehl verstehen, der erteilt wurde, doch er sah, wie das Schwert herabsauste. Alle drei Geschütze feuerten gleichzeitig, und alle drei trafen ihr Ziel mittig. Es detonierte geräuschvoll, und die Seitenwand des Branders verwandelte sich in eine Splitterwolke und neuerlich aufsteigenden Rauch. Augenblicklich machte Fynlaityr Graisyn auf das zweite Floß aufmerksam, und Mastyrsyn nickte befriedigt.

Enttäuschend an diesem Angriff war nur die Sache mit den vier Schonern, die in der Werft von Dahltyn bereitstanden, jederzeit in See zu stechen: Gerade fertiggestellt warteten sie nur noch auf ihre Bemannung. Eigentlich hatte Captain Mastyrsyn gehofft, diese Schoner kapern und in Admiral Shains Geschwader eingliedern zu können. Doch wegen wechselhafter Winde hatte man den Angriff bis weit nach Sonnenaufgang verschieben müssen, und zu diesem Zeitpunkt stieg bereits dick Rauch über dem Hafen auf: Die Freibeuter hatten die Schoner in Brand gesteckt, um zu verhindern, dass sie gekapert würden. Derzeit sah es so aus, als würden die Landungstrupps dafür sorgen, dass auch die Werft selbst bald ihren Teil zur dichten Rauchdecke beitrüge – zusammen mit den erst halb fertiggestellten Rümpfen zweier weiterer Schoner und einer Brigg, einem beachtlichen Stapel bereits zurechtgeschnittener Spanten, Segeltuch, Farbe, Terpentin und Pech und sämtlichen anderen Komponenten, die beim Schiffsbau nun einmal gebraucht wurden.

Der erfahrene Seemann Symyn Mastyrsyn trauerte ein wenig um all diese Schiffe, die nie in See stechen würden, denen nie Gelegenheit vergönnt wäre, ihre Stärke und Geschwindigkeit mit den Meeren zu messen. Als Offizier der Imperial Charisian Navy hingegen jubilierte er angesichts von Flammen und Rauchwolken – und das war es, was letztendlich zählte.

Nächstes Mal sollten wir ein paar Äste mitnehmen und Mäusespeck zum Rösten, dachte er, als das nähere der beiden Branderflöße in einer Wolke aus Rauch und Dampf rings um die geborstene Seitenwandung einbrach; es wirkte, als krümme es sich wie ein Mann mit schlimmen Bauchweh zusammen. Aber für den Moment soll’s mir reichen, dass das Mistding einfach untergeht!

.IV.

Guarnak,
Provinz Mountaincross,
Republik Siddarmark

Bischof-Kommandeur Bahrnabai Wyrshym war nicht gerade bester Laune, als er vom Fenster seines Arbeitszimmers aus das Ufer des Guarnak-Kanals betrachtete.

Für seine schlechte Stimmung gab es gleich mehrere Gründe – etwa die Tatsache, dass der Kanal entschieden zu wenig Wasser führte oder dass die angelandeten – und ausgebrannten – Kähne und Lagerhäuser wie Mahnmale an den verhängnisvollen Überfall der Charisianer erinnerten. Obwohl die Arbeitstrupps seitdem viel geleistet hatten, mussten Unmengen Versorgungsgüter, die noch zu retten gewesen waren oder erst später eingetroffen waren, unter einfachen Planen statt regendichten Dächern gelagert werden.

Das war niederschmetternd genug, aber nicht so schlimm wie das, was der Bischof-Kommandeur von seinem Arbeitszimmer aus nicht sehen konnte. Das Straßennetz war der einzige noch verbliebene Nachschubweg für Wyrshyms Armee, und hier machten sich bereits jetzt Schnee und Eis bemerkbar, vor allem in höheren Lagen. Von Tag zu Tag wurde das Wetter unfreundlicher, und viel länger würde Wyrshyms Quartiermeister auch die Drachen nicht mehr antreiben können. Die Harchongesen verhielten sich natürlich so, wie sie es zu tun pflegten: Sie verlangten exorbitante Preise für die Eisechsen, die bestenfalls als zweitklassiger Ersatz für die Drachen anzusehen waren. Aus den Tempel-Landen waren mehr als zweitausend Tiere ausgeschickt worden, doch eingetroffen waren weniger als sechshundert. Schlimmer noch: Die Tempel-Lande konnten keine mehr entbehren, wollte man sich dort den Winter über nicht sämtlicher Transportmöglichkeiten berauben.

Den Ketzern war es unter schweren Verlusten bei der Zivilbevölkerung gelungen, sämtliche Rechtgläubigen aus Midhold zu vertreiben – und dazu auch noch aus sämtlichen Regionen von Mountaincross östlich der Monddornen und der Kalgarans. Das war natürlich auch nicht dazu angetan, dem Bischof-Kommandeur das Leben zu versüßen. Doch einen Vorteil hatte die aktuelle Lage doch: Die Mountaincross Rangers waren dieses Vorstoßes wegen schwer angeschlagen. Eigentlich hätte Wyrshym das nicht erfreulich finden dürfen, tat er aber. Denn abgesehen von ihrer Ortskenntnis waren diese selbsternannten Einheiten ohne jeglichen militärischen Wert. Ehrlich gesagt, wollte der Bischof-Kommandeur nicht, dass deren Disziplinlosigkeit sich am Ende auch noch auf die tempelgetreue Miliz auswirkte, die er in die Sylmahn-Armee eingegliedert hatte. Aus diesen Milizionären waren rasch echte Soldaten geworden. Bahrnabai Wyrshym war nicht gewillt, sich das durch eine Bande von Briganten, Vergewaltigern und Dieben zunichtemachen zu lassen.

Das war der Vorteil. Der große Nachteil waren die tausende und abertausende hungriger Zivilisten, die wie eine Lawine auf seine Truppen zusteuerten. Derzeit lag die offizielle Schätzung bei etwas mehr als zweihunderttausend … und weitere Flüchtlinge wurden erwartet. So rasch es ging, ließ er sie zu Konvois zusammenfassen und dann weiter nach Westen führen. Aber bis die Flüchtlinge wenigstens Tarikah erreichten, musste er sie irgendwie verpflegen. Natürlich war gerade jetzt kein guter Zeitpunkt, sich aus dem Versorgungslager in Guarnak zu bedienen, das ja noch im Entstehen war. Die einzige gute Nachricht brachte Erzbischof Arthyn. Ihm war gelungen, deutlich mehr Ackerland zu bewirtschaften, als gemeinhin erwartet worden war – und bei dem milden Wetter, das zumindest noch bis zum letzten Fünftag geherrscht hatte, war dem Getreide genug Zeit zum Reifen geblieben. Natürlich fehlte es an Arbeitskräften zum Einbringen der Ernte. Wyrshym jedoch hatte so viele Männer aus seiner Nachhut zum Ernteeinsatz abgestellt, wie er eben entbehren konnte, und einige seiner Pikenierregimenter hatten bei ihrem Marsch nach Westen ebenfalls hier eine Pause eingelegt und mitgeholfen. Doch selbst das hätte niemals ausgereicht, hätten nicht auch Inquisitor-General Wylbyr und Pater Zherohm ihren Teil beigetragen. Wyrshym wusste, dass er eigentlich keinerlei Skrupel haben sollte, Ketzer (und mutmaßliche Ketzer) zur Zwangsarbeit heranzuziehen, und natürlich war es für ihn eine gewaltige Erleichterung, dass auf diese Weise genügend Arbeitskräfte zusammenkamen. Ein Gedanke aber ließ ihn nicht los: Wenn in diesem Winter die Nahrungsmittel knapp würden (und das ließe sich überhaupt nicht vermeiden), würden die armen Insassen von Wylbyr Edwyrds’ Internierungslagern als Erste verhungern … darunter auch die, die maßgeblich dazu beigetragen hatten, dass die Ernte überhaupt erst eingebracht werden konnte.

Wenigstens gab es noch eine weitere gute Nachricht: Vermutlich würden sich in Tarikah genügend Unterkünfte für alle Flüchtlinge finden. Sie hätten also ein Dach über dem Kopf; was sie dennoch bräuchten, wäre neben Nahrungsmitteln Brennholz. Und daran mangelte es gewaltig, denn von dort, wo es eigentlich während der wärmeren Monate den Wintervorrat an Kohlen herbeizuschaffen gegolten hätte, war nichts zu holen … derzeit.

Nach alter Tradition stammten die Kohlen für Tarikah aus Gletscherherz und den Ascheneisbergen und wurden über den New-Northland und den Guarnak-Ascheneis-Kanal befördert – und beide Kanäle hatten durch das ›Schwert Schuelers‹ während der Erhebung beachtliche Schäden erlitten. Wieder einsatzbereit gemacht, war die Versorgung von Wyrshyms Vorhut vorrangig gewesen … und dann hatten die Ketzer den gesamten Guarnak-Ascheneis-Kanal und alle entscheidenden Schleusen im westlichen Teil des New-Northland-Kanals zerstört. Davor war kein Brennmaterial aus dem Osten eingetroffen, und selbst über den Heiliger-Langhorne-Kanal, den letzten noch nutzbaren Transportweg nach Tarikah, kamen Frachtgüter nicht weiter nach Osten als bis zum Ostsee. Auch über die Hsing-wu-Passage und den Hildermoss war kein Transport möglich. Zum einen hatte die verwünschte Flotte der Charisianer mit ihren Patrouillen die Passage fest im Griff. Sie unterband nun jeglichen ungewünschten Schiffsverkehr auf der breiten Wasserstraße, die von Anbeginn der Zeiten schon immer als Eigentum von Mutter Kirche angesehen worden war. Darüber hinaus hatte die Ketzer-Garnison in Salyk die Einmündung des Hildermoss vollständig und erschreckend effizient abgeriegelt. Abgesehen davon hatten die Tempel-Lande, aus denen nun das dringend benötigte Brennmaterial herbeigeschafft werden musste, in der Vergangenheit stets selbst Kohle aus anderen Ländern importiert. Die zunehmende Zahl an Gießereien und Manufakturen zur Unterstützung des Heiligen Krieges hatte diesen Bedarf nur noch gesteigert.

Im Norden von Harchong gab es reiche Kohlereviere. Nur gab es dort wenig Kanäle und schiffbare Flüsse, was den Abtransport von Rohstoffen aus diesen Regionen kostspielig machte – also gab es eigentlich keinen guten Grund, die Kohle dort überhaupt abzubauen. Während der vergangenen zwei Jahre war der Kohleabbau in Harchong zwar allen Kosten zum Trotz deutlich angestiegen; doch Gletscherherz und Mountaincross zu verlieren, hatte die Versorgung der Verkokungsöfen von Mutter Kirche katastrophal schwierig gemacht. Cahnyr Kaitswyrths Vorstoß nach Gletscherherz hatte daher auch der Sicherung der dortigen Minen gegolten.

Na, wie das geklappt hat, was?!, sinnierte Wyrshym sardonisch. Mittlerweile arbeitet man in den Minen dort sicher wieder durch, und es wurde reichlich Kohle geliefert – aber eben nach Osten, zu Stohnar und seinen Freunden, und nicht zu uns.

Dem Großinquisitor hatte das natürlich gar nicht gefallen, und er machte Druck.

Allayn Maigwairs Depeschen verrieten ein gewisses Gespür für militärische Gegebenheiten; Zhaspahr Clyntahn hingegen schien an derlei nicht sonderlich interessiert. Der Großinquisitor war erbost darüber, dass Rechtgläubige, wie er es ausdrückte, mit vorgehaltenen Bajonett von Gotteslästerern und Mördern aus ihrem Heim vertrieben worden seien. Es war ihm nicht genug, besagte Ketzer mit einem Kirchenbann nach dem anderen zu belegen, nein, er wollte ihnen auch noch die Sylmahn-Armee entgegenschicken! Wie genau das vonstattengehen sollte, war allerdings alles andere als klar.

Wyrshym hätte gern einen Gegenangriff unternommen, und das schon bevor Clyntahn sich in seinen jüngsten Hasstiraden ergangen hatte. Es war ja auch verführerisch: Wyrshym müsste nur seine Truppen teilen. Die einen würde er zurücklassen, damit sie sich den Ketzern südlich vom Wyvernsee entgegenstellen könnten. Den Rest könnte er dann nach Nordosten schicken, durch die Ohlarnsenke und die Provinz Northland hindurch, wo sie Green Valley frontal angriffen. Gewiss, nach dem Rückzug der Pikeniere in die Etappe war seine zahlenmäßige Überlegenheit nicht mehr so ausgeprägt, aber dafür hatte seine Schlagkraft deutlich zugenommen … In der Überzahl waren seine Truppen allemal, und außerhalb der viel zu beengten Sylmahn-Kluft sollte sich diese Überzahl viel effektiver nutzen lassen. Wäre der charisianische General doch nur so freundlich gewesen, weit genug nach Westen zu ziehen! Dann hätte es Wyrshym vielleicht geschafft, seine mannstarke Kavallerie hinter Green Valleys Reihen zu bringen. Es hätte ihn in die Lage versetzt, die Nachschublinien der Ketzer so zu stören wie die verwünschten Panzerschiffe seine eigenen.

Doch so gern er die entsprechenden Befehle ausgegeben hätte: Green Valley hatte mehrfach unter Beweis gestellt, dass er kein Narr war. Es war höchst unwahrscheinlich, dass er sich ausmanövrieren und umstellen, geschweige denn vollständig aufreiben ließe. Bestenfalls hätten ihn Wyrshyms Truppen zurück zum Graybacksee getrieben, und damit hätte die Sylmahn-Armee genau gar nichts erreicht. Aber selbst dafür hätte sich Wyrshym zunächst in großem Stil an den Vorräten bedienen müssen, die er hier in Guarnak so mühsam zusammengetragen hatte. Das konnte und wollte er nicht wagen, nachdem durch Green Valleys Zutun besagte Vorräte auch für die Flüchtlinge reichen mussten. Es bestand Gefahr, dass dem Bischof-Kommandeur die Armee verhungerte … und er wurde den Verdacht nicht los, genau das habe Green Valley im Sinn gehabt.

Bislang hatte sich Clyntahn darauf beschränkt, den Kaplänen der Armee Gottes flammende Moralpredigten zukommen zu lassen. Er hatte die Ketzer gebannt und sie bis in die hundertste Generation ihrer Nachkommen hinein verflucht. Zugleich hatte er Wyrshym dringend nahegelegt, so aggressiv wie möglich vorzugehen und bei Bedarf die Initiative zu ergreifen. Mit jedem Tag, der verging, war Wyrshym dankbarer dafür, Weihbischof Ernyst zum Intendanten zu haben – und dafür, dass Ernyst Abernethy in gewisser Weise bereits ›verdorben‹ war. Schließlich hatte er persönlich die Gegebenheiten kennengelernt, mit denen es die Armee Gottes zu tun hatte. Natürlich konnte der Weihbischof sich nicht offen gegen die Weltsicht des Großinquisitors aussprechen oder dessen Schreiben ignorieren. Aber er achtete in seinen Berichten und Antwortschreiben peinlichst genau darauf, was er meldete … und welche Worte er dafür wählte.

Es ist ja auch nicht so, als gäbe es überhaupt keine guten Nachrichten, rief Wyrshym sich ins Gedächtnis zurück. In Safeholds ganzer Geschichte war im Norden von East Haven noch nie ein Feldzug vor Anfang Mai begonnen worden, und das war Zeit genug für die Reparaturen sämtlicher Schleusen zwischen dem Katzenechsensee und der kleinen Ortschaft Five Forks, wo sich der New-Northland-Kanal in den Hildermoss ergoss. Rhobair Duchairns neuesten Schätzungen zufolge sollten diese Reparaturen nämlich bis Mitte April abgeschlossen sein. Das klang besser, als Wyrshym überhaupt zu hoffen gewagt hatte … Die unerwartet frühe Fertigstellung auch der provisorischen Schleusen war nur durch Zwangsarbeiter aus Edwyrds’ Internierungslagern möglich. In seinen düsteren Momenten fragte sich Wyrshym, wie weit Pater Zherohms Effizienzdenken wohl reichte: Würde er, um Löschkalk zu sparen, den Mörtel für die Kanäle wohl mit den gemahlenen Knochen der Lagerinsassen vermischen, die im eisigen Winter der Siddarmark ums Leben kamen?

In noch düstereren Momenten begriff Wyrshym, wie erleichtert er darüber war. Denn es gab sie, jene Insassen, die notfalls sterben mussten, damit jedoch dafür sorgten, dass sich die Kanäle, auf die er so dringend angewiesen war, rechtzeitig wieder befahren ließen.

Erfreulich war auch eine weitere optimistische Einschätzung: Duchairn und Maigwair versprachen ihm für das Frühjahr neue, bessere Geschütze. Trotz der derzeitigen Misere, die Versorgungslinien betreffend, ging Maigwair davon aus, dass die ersten Feldgeschütze mit gezogenem Rohr bereits Ende November eintreffen würden. Anscheinend hatte zudem einer seiner Gießereimeister etwas ersonnen, was mit den tragbaren Steilgeschützen der Ketzer vergleichbar schien. Inzwischen hatte Wyrshym schon ein ganzes Artillerieregiment echter Steilgeschütze erhalten – vier Batterien mit je sechs Geschützen. Sie ähnelten in der Bauweise denen der Royal Dohlaran Army, wiesen allerdings etwas längere Rohre auf und waren darauf ausgelegt, die bei der Flotte Gottes üblichen Fünfundzwanzig-Pfund-Granaten zu verschießen. Sie hatten eine geringere Reichweite als die Steilgeschütze der Ketzer. Dennoch waren sie eine gewaltige Verbesserung gegenüber all dem, was der Sylmahn-Armee zuvor zur Verfügung gestanden hatte. Die Lieferung weiterer Geschütze hatte man dem Bischof-Kommandeur fest zugesagt, und laut Maigwairs jüngstem Schreiben hatte man auch die Zuverlässigkeit der Zündschnüre deutlich erhöht.

Doch am ermutigendsten von allen Neuzugängen war das neue Hinterladergewehr – das mittlerweile nur noch Sankt-Kylmahn-Gewehr genannt wurde. Ein halbes Dutzend dieser Waffen waren nach Guarnak geschickt worden (zusammen mit der eindringlichen Warnung, es handele sich immer noch um Versuchsmodelle). Wyrshym hatte eine dieser Waffen persönlich in Augenschein genommen und Probeschüsse abgegeben. Danach hatte er zum ersten Mal seit dem Angriff auf den Kanal echten Optimismus empfunden. Der Name, den man diesen neuen Waffen gegeben hatte, passte sehr gut: Zum einen waren sie ja wirklich in der Gießerei Sankt Kylmahn gefertigt worden, zum anderen war Sankt Kylmahn einer der beliebtesten Kriegsheiligen. Im Krieg gegen die Gefallenen hatte er unter dem Oberkommando des Erzengels Chihiro den Märtyrertod erlitten: Niemand wäre als Namensgeber einer derart prächtigen Waffe besser geeignet gewesen.

Mit dem neuen, ihm noch unvertrauten Gewehr hatte Wyrshym eine Feuergeschwindigkeit von sechs Schuss in der Minute erreicht – das waren fünfzig Prozent mehr, als ein ausgebildeter, erfahrener Gewehrschütze mit einem Vorderlader zustande brachte! Jemand, der im Umgang mit einem Sankt-Kylmahn ordentlich geschult wäre, könnte sicher noch deutlich bessere Ergebnisse erzielen. Maigwair hatte ihm in einem persönlichen Schreiben über Botenwyvern große Hoffnungen gemacht, was das Gewehr anging. Wenn jetzt noch Duchairn und er es schafften, Clyntahn die Zustimmung für die Fertigung der Ketzer-›Zündhütchen‹ abzuringen, wäre Wyrshyms Infanterie endlich mit einer Waffe ausgestattet, die es ihm ermöglichte, es mit der verwünschten Infanterie der Charisianer aufzunehmen.

Wyrshyms Nasenflügel bebten, als er angesichts dieser Möglichkeit ins Sinnieren geriet. Dann gab er sich einen Ruck und wandte sich vom Fenster ab. So vielversprechend das alles auch klang: In hilfreicher Stückzahl würden die neuen Gewehre frühestens im Februar oder sogar erst im März eintreffen. Den Winter würde die Sylmahn-Armee ohne die Sankt-Kylmahns überstehen müssen, und das würde ganz gewiss … unerfreulich werden. Doch Unerfreuliches hatte er schon des Öfteren durchgestanden. Mit ein wenig Glück würde er es auch dieses Mal schaffen. Und unterdessen gab es ja noch all jene Berichte, Pläne und Konferenzen, ohne die es ihm wohl kaum gelänge, seine Armee lange genug zusammenzuhalten, um den Ketzern beizeiten gehörig in den Hintern zu treten.

Das, dachte er, und sein Blick wurde unvermittelt steinhart, ist als Motivationshilfe nicht das Schlechteste.

.V.

Cherayth,
Königreich Chisholm,
Kaiserreich Charis

»Meine Herren, ist das kalt da draußen!«

Tahvys Sahndfyrd schüttelte sich theatralisch und steuerte mit großen Schritten geradewegs auf den schmiedeeisernen Ofen zu. Den riesigen Kamin, mit dem sich das luxuriös eingerichtete Arbeitszimmer früher mehr schlecht als recht hatte beheizen lassen, hatte man zugemauert und anschließend den Ofen an den alten Rauchfang angeschlossen – mit beachtlicher Wirkung. Sahndfyrd blieb unmittelbar vor der Wärmequelle stehen und streckte die Hände darüber. Byndfyrd Raimahnd lachte leise.

»Das ist Ihre Meinung, Meister Sahndfyrd.« Der zierliche Bankier mit dem silbergrauen Haar schüttelte den Kopf. »Das Klima in Tellesberg hat Sie verweichlicht! So ist das halt bei Charisianern.«

»Stimmt genau, mir ist kalt, und ich denke, nicht nur mir«, versetzte Sahndfyrd scharf. Er war zwanzig Jahre jünger als Raimahnd; dank einer Brille mit Drahtgestell erinnerte er mit seinen braunen Haaren und Augen ein wenig an eine Eule. Eulen waren Raubtiere, und auch der Blick aus Sahndfyrds Augen verriet Wachsamkeit.

Raimahnd lächelte. Es herrschten schließlich immer noch mehrere Grad oberhalb des Gefrierpunkts. Aber für jemanden, der in Tellesberg geboren und aufgewachsen ist, so ging es ihm durch den Kopf, ist das vielleicht tatsächlich ein wenig frisch. Er dachte an seine bisher einzige Reise in die Hauptstadt von Charis, erinnerte sich an Blütenpracht, exotische Vogelarten und allgegenwärtigen Sonnenschein. Er fragte sich, wie Sahndfyrd wohl einen Winter in Chisholm überstünde.

Oder ob.

»Nehmen Sie doch Platz«, lud er seinen Besucher ein. »Wenn Sie mögen, können Sie sich den Sessel ja gleich neben den Ofen stellen.«

»Keine Macht der Welt könnte mich davon abhalten!«, versetzte Sahndfyrd, und seine Augen funkelten.

Der Alt-Charisianer, den man als Ehdwyrd Howsmyns Repräsentanten nach Cherayth geschickt hatte, war gewiss nicht der diplomatischste oder taktvollste Mensch, dem Raimahnd jemals begegnet war – vielleicht angesichts seines Auftrags hier in Chisholm ein Nachteil. Doch er besaß eindeutig Sinn für Humor und war ein kluger Kopf. Er kannte sämtliche neuen Produktionsmethoden in- und auswendig.

»Das mit Ihrer Majestät war wirklich eine nette Geste«, meinte der Chisholmianer nun und nahm wieder hinter seinem Schreibtisch Platz, während Sahndfyrd tatsächlich einen der Sessel an den Ofen heranschob.

»Ich wünschte, ich könnte dieses Verdienst mir selbst anrechnen. Aber im Alten Charis verfahren Ihre Majestäten bereits seit zwei Jahren in dieser Art und Weise. Allerdings betont es doch sehr deutlich, dass hinter unseren Bemühungen tatsächlich die Krone steht, finden Sie nicht auch?«

»Zweifellos«, pflichtete ihm Raimahnd bei, auch wenn er sich in Wahrheit, was diese Sache betraf, nicht sicher war.

Dass Kaiserin Sharleyan persönlich vor Baubeginn der neuen Manufaktur den ersten Spatenstich vorgenommen hatte (mit einem silbernen Spaten), betonte zweifellos die Zustimmung der Krone zum gesamten Bauvorhaben. Da zehn Prozent vom Umsatz dieser Neugründung in Chisholms Staatskasse floss, hätte das ohnehin jedem klar sein müssen, nur war nicht jeder im Land darüber informiert. Dabei hatte man sich sehr bemüht, es allgemein bekannt zu machen. Außerdem war eine Kaiserin, die persönlich den Fuß auf einen Spaten setzte, ein Bild von großer Unmittelbarkeit.

Der zum Staatsakt gewordene Spatenstich hatte natürlich Unmengen Schaulustige angelockt. Das war der Grund für Raimahnds gemischten Gefühle bei der ganzen Sache. Wie sehr Sharleyan Charis’ Industrialisierung unterstützte, hatte ihr persönliches Auftreten bei dieser Gelegenheit gerade dem einfachen Volk in einer Art und Weise verdeutlicht, wie das Detailinformationen über Investitionen und Kapitalflüsse niemals vermocht hätten. Und wie stets war Ihre Majestät bejubelt worden. Nur war eben nicht jeder zu dieser Veranstaltung Erschienene begeistert gewesen: So begannen die Zünfte allmählich zu begreifen, was es für sie bedeutete, wenn sich auch in Chisholm Manufakturen im charisianischen Stil durchsetzten. Also mochte sich in einer jubelnden Menschenmenge nur allzu leicht auch ein Wahnsinniger mit einer Pistole verbergen.

Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ein Attentäter Kaiserin Sharleyan auflauerte.

»Wie lange wird das Ganze dauern … reine Bauzeit, meine ich?«, erkundigte sich Sahndfyrd. »Wie Sie schon sagten: Ich bin Charisianer … Verzeihung, das heißt natürlich Alt-Charisianer. Deswegen habe noch überhaupt kein Gespür dafür, inwieweit das Winterwetter das Leben hier in Chisholm zum Erliegen bringt.«

»Die Fundamente sollten bis Ende des Monats stehen – es sei denn, bis dahin würde sich das Wetter hier drastisch verschlechtern.« Geistesabwesend spielte Raimahnd mit einem silbernen Brieföffner, während er über die Frage des charisianischen Repräsentanten nachdachte. »Spätestens dann ist es an der Zeit, Tragebalken hochzuziehen und für ein Dach zu sorgen, und zum Windschutz spannen wir Planen auf. Danach sollten wir eigentlich ungestört weiterarbeiten können, ganz egal, was das Wetter für uns bereithält. Das Gebäude selbst, oder zumindest der Rohbau, wird dann wohl … Mitte bis Ende März stehen. Anschließend müssen die Maschinen aufgestellt werden – und wie schnell das geht, hängt von Ihrem Meister Howsmyn ab.«

»Und vom Kriegsverlauf«, gab Sahndfyrd ein wenig säuerlich zu bedenken. »Aber alles in allem klingt das besser, als ich befürchtet hatte. Natürlich kann noch etwas passieren, was Meister Howsmyns Prioritäten durcheinanderwirbelt. Das ist bisher, wie ich leider zugeben muss, nicht nur einmal passiert. Ansonsten sollten wir spätestens zum fünfzehnten April den Kasten stehen haben.«

»Also kann ich davon ausgehen, dass der Betrieb Ende Juli die Arbeit aufnehmen wird? Es sei denn natürlich, wir hätten Schwierigkeiten mit der Belegschaft.«

»Und wie wahrscheinlich ist das?« Fragend neigte Sahndfyrd den Kopf zur Seite, und sein Blick wirkte noch wachsamer als sonst. Raimahnd zuckte vielsagend mit den Schultern.

»Wer weiß das schon? Unter denjenigen, die in die Manufakturen investieren und unter den ungelernten Arbeitern herrscht echte Begeisterung. Letztere haben alle möglichen Geschichten gehört – ein paar davon hoffnungslos übertrieben, wie hoch die Bezahlung in charisianischen Manufakturen ist und dass deren Eigner auch Ungelernte anstellen, die dann nach Bedarf ausgebildet werden. Es wird sich also Enttäuschung breitmachen, wenn sich herausstellt, dass in den Werkstätten die Böden doch nicht mit Gold gepflastert sind. Trotzdem werden die Arbeiter drei- bis viermal so viel verdienen … und manche sogar noch mehr. Wie ein Teil der adeligen Oberschicht zu den Neuerungen steht, haben Sie schon mitbekommen. In den Zünften wiederum dürfte die Unzufriedenheit wachsen, sobald man dort das Ausmaß begreift, in dem das Handwerk an Ansehen und Einfluss verliert. Mit offenem Widerstand rechne ich eigentlich nicht, aber auf Fälle von Sabotage oder Vandalismus werden wir uns wohl einstellen müssen.«

Nachdenklich nickte Sahndfyrd. Byndfyrd Raimahnd gehörte zu Chisholms wohlhabendsten Bankiers und stand loyal zur Tayt-Dynastie. Über dreißig Jahre hatte ihn eine sehr herzliche, innige Freundschaft mit Byrtrym Waistyn, seines Zeichens Herzog Halbrook Hollow, verbunden, Sharleyans Onkel mütterlicherseits. Dass Halbrook Hollow zum Hochverräter geworden war, war für Raimahnd ein echter Schock gewesen, doch damit stand er nicht allein. An seiner eigenen Treue der Kaiserin – und auch dem Kaiser – gegenüber hatte das jedoch nicht das Geringste geändert.

Allerdings war Raimahnd beileibe kein enthusiastischer Reformist. Ebenso wie Halbrook Hollow hatte ihn die Vorstellung zutiefst entsetzt, dass sich sterbliche Regenten der Erhabenheit der Kirche des Verheißenen widersetzten. Zugleich jedoch war ihm eben auch bewusst gewesen, wie korrupt jene Männer geworden waren, die über die Geschicke von Mutter Kirche entschieden. Zusammen mit seiner unverbrüchlichen Treue den Tayts gegenüber hatte ihn das dazu bewegt, den Krieg gegen die ›Vierer-Gruppe‹ zu unterstützen … zwar nicht gerade mit Feuereifer, aber dennoch voller Entschlossenheit.

Dabei investierte er auch einen guten Teil seines Privatvermögens. Sollte das Kaiserreich Charis diesen Krieg letztendlich gewinnen, würde Raimahnd dank dieser Investitionen geradezu sagenhaft reich werden. Sollte Charis diesen Krieg allerdings verlieren, bräuchte sich Raimahnd nicht wegen in den Sand gesetzter Investitionen zu grämen. Denn er gehörte zweifellos zu denjenigen, die man dann nicht mehr am Leben ließe.

»Ich verstehe es einfach nicht. Wie kann man sich die Gelegenheit entgehen lassen, an wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Neuerungen beteiligt zu sein?«, fragte Sahndfyrd nach kurzem Schweigen. »Gut, ich verstehe schon, warum Tempelgetreue davor zurückschrecken, sich an etwas zu beteiligen, was Charis zum Sieg in diesem Krieg verhelfen könnte. Aber für die meisten, die sich hier in Chisholm in Zurückhaltung üben, ist das doch kein Grund! Soweit ich das beurteilen kann, zumindest.«

»Sie können das nicht verstehen, weil Sie Charisianer sind – Verzeihung, das heißt natürlich Alt-Charisianer.« Raimahnd lächelte, als er Sahndfyrds eigene Worte gegen ihn ins Feld führte, dann ließ er mit einem Schnauben den Brieföffner auf die Schreibtischunterlage fallen. »Das sind allesamt Krämerseelen, schon vergessen? Sie beten immer und überall die heilige Mark an, nicht etwa das, was wirklich zählt! Und Sie in Alt-Charis haben überall diese Rauch speienden, stinkenden Manufakturen, mit denen Sie die ganze Gesellschaftsordnung durcheinanderbringen! Die Erzengel hatten es dereinst schon richtig gefügt, die Vorfahren des heutigen Adels in den Adelsstand zu erheben, was denken denn Sie! Kommen daher und sorgen dafür, dass Geld auch in die Börsen von Menschen ohne edles Geblüt, ohne reine Abstammung fließt! Es Bürgerlichen zu ermöglichen, die Wirtschaft zu dominieren?! Was denken sich Ihre Majestäten denn dabei?« Er verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. »Kein anständiger Adeliger wird sich die blütenweißen Hände mit Dingen schmutzig machen, die nach Handel oder gar der Herstellung von Waren riechen!«

»Ich weiß, dass diese Leute so denken, Byndfyrd. Ich verstehe nur einfach nicht, warum sie so denken – schon gar nicht in Zeiten wie diesen.«

»Tahvys, ein paar von denen ärgern sich bis zum heutigen Tag darüber, dass König Sailys ihnen seinerzeit einen Tritt in den Hintern verpasst hat. Hier einen Fertigungssektor wie im Alten Charis auf die Beine zu stellen, das kann doch nur die Krone stärken! Den Ewiggestrigen ist alles ein Gräuel, was Macht und Einfluss der Krone steigert. Sie träumen von dem Tag, an dem das Oberhaus wieder den ihm rechtmäßig zustehenden Platz als vorherrschende Macht von Chisholm einnimmt. Sicher, meines Erachtens ist es da wahrscheinlicher, dass schon morgen die Erzengel in Herrlichkeit zurückkehren, aber Teile des Adels bauen allen Ernstes nach wie vor darauf. Daneben gibt es die, die Manufakturen und diesen ganzen neuen Kram als vergängliche Modeerscheinung abtun und rundweg ablehnen. Deren gesamtes Familienvermögen besteht aus Landbesitz – Weinbergen, Getreidefeldern, Tierweiden. Damit kennen sie sich aus, und sie wollen einfach nichts haben, was die vertraute Weltordnung ändert. Hinter Neuem steckt keine Tradition, keine Gewohnheit, und die Heilige Schrift selbst warnt ja schließlich vor den Gefahren, die dem Neuen innewohnen.«

Bei diesem letzten Satz verfinsterte sich seine Miene unverkennbar, und Sahndfyrd musterte seinen Gastgeber aufmerksam.

»So ganz wohl fühlen Sie selbst sich bei dieser Sache auch nicht, oder?«, fragte er leise, und Raimahnd erstarrte. Es war das erste Mal, dass der Alt-Charisianer ihm diese Frage stellte. Er setzte schon zu einer raschen Erwiderung an, doch dann zögerte er und dachte länger über die Antwort auf diese wichtige Frage nach.

»Nein«, räumte er schließlich ein, »nicht so recht. Aber noch weniger wohl fühle ich mich mit so manch anderem, was derzeit geschieht. Ich wünschte wirklich, wir bräuchten uns nicht zu verändern. Ich wünschte, die Welt könnte weiterhin in der Art und Weise bestehen, wie Gott und die Erzengel es einst vorgesehen haben, ohne dass wir uns in derart gefährlicher Weise in Gottes großen Plan einmischen. Aber die Welt ist schon seit einiger Zeit nicht mehr so, wie ich sie mir wünsche. Und je mehr ich mitbekomme, was die Inquisition in der Siddarmark treibt, je öfter ich Zhaspahr Clyntahns öffentliche Beschuldigungen höre und höre, was Menschen wie Maikel Staynair und Erzbischof Ulys zu sagen haben, desto klarer wird mir, dass wir uns für eine Seite entscheiden müssen. Ich muss mich entscheiden, ob ich das nun will oder nicht. Ich bin nicht immer der gleichen Ansicht wie Erzbischof Maikel, aber in dieser Hinsicht hat er voll und ganz recht: Eines können wir nämlich nicht, und das ist, Mutter Kirche weiterhin in den Händen von jemandem wie Clyntahn zu lassen.«

Bedächtig schüttelte er den Kopf; er schien durch Sahndfyrd hindurch in eine ferne Welt zu blicken, die nur er zu sehen vermochte. Leise und mit unverkennbarer Trauer in der Stimme sprach er weiter.

»Eines, Tahvys, habe ich begriffen: Am Ende dieses Krieges kann die Kirche von Charis unmöglich wieder zur Treue dem Großvikar und dem Tempel gegenüber zurückkehren. Teile der Reformisten glauben – oder zumindest hoffen – immer noch, das wäre möglich und die Einheit von Mutter Kirche wäre wiederherzustellen, wenn Zion erst einmal von jeglicher Korruption befreit ist. Aber dem ist so nicht. Dafür hat es zu viel Blutvergießen gegeben, vor allem in der Siddarmark. Zu viele Menschen werden es Mutter Kirche niemals vergeben, derlei Gräuel zugelassen zu haben. Und so sehr mich das auch bekümmert, muss ich doch sagen, dass man Mutter Kirche diese Dinge auch nicht vergeben sollte. Da stehe ich nun: ein Mann, der Mutter Kirche immer ein treuer Sohn sein wollte und der siebzig Jahre seines Lebens auf den Versuch verwendet hat, dieses Ziel zu erreichen … und der nun den Rest seines Lebens der Aufgabe widmet, das Schisma unauslöschlich werden zu lassen.«

»Warum?«, fragte Sahndfyrd leise.

»Ich könnte behaupten, aus Treue meiner Königin gegenüber, oder weil mich nicht nur Clyntahns Gräueltaten entsetzen, sondern auch, dass er keinerlei Unterschied zwischen seinem und dem Willen Gottes macht. Ich könnte vorbringen, so sehr mich die Veränderungen bestürzten, würde ich doch erkennen, wie sehr sie das Leben vieler Chisholmianer verbessern. All das ist wahr, aber nicht die ganze Wahrheit. Mein Hauptgrund also, Mutter Kirche zu verraten? Nur so kann sie gerettet werden! Sie selbst kann die notwendigen Reformen nicht einleiten, würde es nie tun. Also muss jemand sie dazu zwingen – in dieser Hinsicht haben die Reformisten recht. Und wer sollte das tun?«

Schweigen breitete sich aus und währte bemerkenswert lange. Schließlich sog Raimahnd scharf die Luft ein.

»Da schnattere ich vor mich hin wie ein altes Waschweib! Sie wollten doch noch einiges besprechen, wenn ich mich nicht irre?«

Sahndfyrds Blick verriet, dass es so einiges gab, was er gern besprochen hätte: Wie sie dafür sorgen könnten, dass auch im Zentrum und im Westen von Chisholm Manufakturen errichtet würden, abseits der Kanäle, die den Lake Megan und den Lake Morgan speisten. Die Kohle in Eastshare, die Eisenvorkommen in den Sharon Mountains, die Tatsache, dass sich das Eisenerz auf kleinen Kähnen dank des Paul River leicht zu den Seen schaffen ließe – das alles machte den Osten von Chisholm zu einem idealen Ausgangspunkt. Genau aus diesen Gründen hatte Ehdwyrd Howsmyn seine Maikelberg-Werke am Ufer des Lake Morgan angelegt. Obendrein war die Nähe der großen Waffen- und Munitionsfabrik zum wichtigsten Stützpunkt der Imperial Charisian Army ein Grund dafür gewesen. Das vereinfachte die Auslieferung der bestellten Ware … und auch die Aufgabe, besagte Waffen- und Munitionsfabrik zu beschützen. Gerade im letzten Fünftag hatten die Maikelberg-Werke die ersten vor Ort produzierten Mahndrayns und Feldgeschütze mit gezogenem Rohr ausgeliefert, und es gab reichlich Argumente dafür, den Hauptteil der frisch erblühenden Industrie von Chisholm rings um dieses bestens bewachte Zentrum anzulegen und den Transportvorteil zu nutzen, für den die beiden Seen und der Edymynd- und der König-Sailys-Kanal sorgten. Doch die Krone war und blieb entschlossen, sämtliche Neuentwicklungen so weit wie möglich über das gesamte Königreich zu verteilen. Genau das sollten Tahvys Sahndfyrd und Byndfyrd Raimahnd irgendwie ermöglichen. Doch vorerst …

»Es gibt gewiss so einiges zu besprechen«, sagte Sahndfyrd. »Aber im Augenblick bin ich vor allem ein halb erfrorener Charisianer, der einsam und verloren in dieser kahlen Nordlandwüste steht. Ich brauche jemanden, der mir eine heiße Mahlzeit verschafft, eine gute Flasche Whisky und einen angenehmen Abend mit netten Gesprächen über Themen, die nichts mit Kriegen und Manufakturen zu tun haben.«

Völlig reglos betrachteten die Eulenaugen den Bankier hinter dessen Schreibtisch; dann verzogen sich die Lippen unter diesem Augenpaar zu einem Lächeln.

»Sie wüssten nicht zufällig, wo ich solch einen Retter in der Not finden könnte, oder?«

.VI.

Heiliger-Langhorne-Kanal,
Grafschaft Usher,
die Randstaaten

Die Regentropfen, die unablässig von Zweigen und Ästen der Bäume fielen, waren kälter noch als der schneidende Wind. Es machte keinen Unterschied, ob es einheimisch safeholdianische Waffelborken und Fasteichen waren oder ursprünglich terranische, auf diese Welt importierte Kastanien, Eschen und Eiben. Träge kroch der Winterabend der Nacht entgegen. Das Pferd, das dicke Decken vor der Kälte schützten, schnaubte dankbar und zermahlte mit den Kiefern stoisch das Getreide aus seinem Futtersack. Der Atem des Tieres zeichnete ebenso feine, weiße Linien in die Luft wie der Rauch, der von einem kleinen, sorgsam verborgenen Lagerfeuer aufstieg.

Dieses Feuer brannte in einer mit Steinen ausgekleideten Grube, die wiederum in einer kaum einsehbaren Senke dreihundert Schritt nördlich vom Heiliger-Langhorne-Kanal lag. Hätten sich Fährtenleser die Feuerstelle angesehen, die Dicke der Ascheschicht gemessen und den ganzen Lagerplatz etwas genauer erkundet, wären sie rasch darauf gekommen, dass die Feuerstelle schon seit mindestens einem Fünftag genutzt wurde. Jedenfalls stand das zu hoffen, denn die Fernsonden einer KI namens Owl hatten sich redlich Mühe gegeben, genau diesen Eindruck zu erwecken. In Wahrheit war dieses Lager keine zwei Tage alt, und die einsame Gestalt, die derzeit in ihrem Schützenversteck am Kanalufer kauerte, war vor kaum drei Stunden eingetroffen.

Der Mann hatte braunes Haar und Augen so dunkel wie Saphire; der Blick verriet Härte. Von Mund und Nase dieses Mannes stiegen keine weißen Wölkchen auf.

Die neue Verkörperung seines Selbst besaß keinen Namen und hatte bislang auch keinen benötigt. Denn vor dem heutigen Tag hatte sie noch nicht existiert. Einen Teil der Wartezeit hier am Kanal hatte er sich mit Überlegungen vertrieben, wie er sich wohl nennen könnte. Er war der Ansicht, es müsse ein Name sein, der zu der abgrundtiefen Finsternis der Aufgabe passte, die ihn hierhergeführt hatte. Es musste ein Name sein, den sich die Inquisition leicht merken konnte – selbst wenn sie ihn nicht verstünde.

Er hatte sich reichlich Mühe mit der neuen Persona und der Planung ihres nächtlichen Einsatzes gegeben. Denn möglicherweise müsste er diese Persona ein weiteres Mal einsetzen … und es durften keinerlei Zweifel über die Verantwortlichkeit aufkommen.

Nicht nach dem, was in Sarkyn geschehen war.

Wahrscheinlich sollten wir uns glücklich schätzen, dass die nicht einfach die ganze Ortschaft abgefackelt und anschließend auch noch den Boden gesalzt haben, nur um auf Nummer sicher zu gehen, dachte er. Genau das hätten die wahrscheinlich sogar getan, wäre es für sie nicht so wichtig gewesen, genug Zeugen übrig zu lassen, die die Kunde verbreiten würden.

Der Blick, stahlhart und kalt, passte zu dem Gesicht, das zu einer eisigen, düsteren Maske erstarrt war. Owls und Nahrmahns Schätzungen zufolge war die Bevölkerung von Sarkyn auf zweiunddreißig Prozent ihres Ausgangswertes gesunken. Sechsunddreißig Bewohner des Ortes, dreiundzwanzig Männer und dreizehn Frauen, hatten das volle Ausmaß der Strafen Schuelers durchlitten, nachdem die Schuldzuweisungen begonnen hatten. Wie hätten sie auch ausbleiben können? Die ›unvoreingenommenen‹ Ermittler hatten bereits im Vorfeld Zeugen benannt, die nicht nur zur Aussage bereit seien, sondern auch Namen zu nennen wüssten. Immerhin hatte der Inquisitor-General die Verhörleiter angewiesen, mit allen erforderlichen Mitteln für derlei Zeugen zu sorgen. So waren schließlich die ersten Namen gefallen. Drei der Männer, die letztendlich hingerichtet worden waren, hatten sich selbst belastet, obwohl sie genau wussten, was ihnen bevorstand: Sie hatten den anderen aus dem Dorf ein solches Schicksal ersparen wollen. Und bei einer der von der Inquisition ermordeten Frauen hatte es sich um eine harmlose Vierzigjährige gehandelt, die in ihrer geistigen Entwicklung auf dem Stand einer Zehnjährigen geblieben war. Doch bei Gott, die Inquisition hatten die Ketzer aufgespürt, die Abtrünnigen, die den Heiligen Langhorne und Mutter Kirche verraten hatten …! Und so ging sie eben mit den Schuldigen um, die es zuwege gebracht hatten, vierhundert Tonnen Schießpulver mitten im Ort zur Explosion zu bringen.

Natürlich hatte keiner der Hingerichteten persönlich diese Explosion ausgelöst. Nicht einmal die Inquisitoren konnten jemanden ermitteln, dem das möglich gewesen wäre. Doch die Beschuldigten aus dem Ort hatten von dem geplanten Anschlag gewusst und sich anschließend verschworen, um die wahren Ereignisse zu verschleiern. Damit waren sie ebenso schuldig wie derjenige, der die Lunte in Brand gesteckt hatte. Ihr Vergehen hatte die angemessene Strafe nach sich gezogen.

Um Wiederholungen eines so schändlichen Verbrechens wie dem von Mahlyk Pottyr und Bürgermeister Wylyt Thompkyn zu verhindern, hatte man als Vorsichtsmaßnahme mehr als neunhundert Einwohner des Ortes, ein Viertel davon Kinder, in sogenannte Vorbeugehaft genommen und zum Lager Fyrmahn gebracht, dem Internierungslager der Inquisition in der Provinz Westmarch.

Ein paar dieser Inhaftierten würden den Winter vielleicht sogar überleben.

Wahrscheinlich wird es der Inquisition allmählich zu langweilig, immer nur Siddarmarkianer abzuschlachten. Von denen hat’s ja genug – die haben schon ganze Lager damit gefüllt! Wo bleibt da die Herausforderung, wenn man noch mehr von ihnen zusammentreibt? Neue Opfer sind doch gleich viel interessanter – ob die Schreie von Sardahnern anders klingen als die von Siddarmarkianern? Tag für Tag immer nur das Gleiche zu hören, das muss ja auf die Dauer langweilig werden.

Angewidert verzog er die Lippen und schloss für einen kurzen Moment die Augen.

Wahrscheinlich ist das ungerecht von mir. Die haben das bestimmt nicht nur zu ihrem persönlichen Vergnügen gemacht. Klar, Vergnügen bereitet hat es denen schon. Damit haben sie bewiesen, wie tugendhaft sie selbst sind und dass die Schuldigen nie ungestraft davonkommen. Aber das war nicht der einzige Grund. Sie wollten, dass jeder das mitbekommt. Jeder, der mit dem Gedanken spielt, einen Pulvertransport anzugreifen, sollte genau wissen, was das bedeutet. Es würde mich überhaupt nicht überraschen, wenn Clyntahn schon seit Monaten auf so eine Gelegenheit gewartet hätte. Wenn sich ein solcher Zwischenfall auf dem Gebiet der Republik ereignet hätte, wäre ihm das vielleicht noch lieber gewesen … oder auch nicht. Vielleicht ist es für ihn sogar noch praktischer, dass es eben außerhalb der Siddarmark passiert ist. Es stützt seine unablässigen Beteuerungen, überall gebe es Ketzer, die nur darauf warteten, die Kirche zu verraten. Und nur das tatkräftige Einschreiten der stets wachsamen Inquisition verhindere das! Sabotage ist, so will Clyntahn allen sagen, den schlimmsten Tod wert.

Erneut schloss der Mann die Augen und wünschte sich, er könnte seine Erinnerungen ebenso ausblenden wie seine unmittelbare Umgebung. Doch er hatte das Bildmaterial gesehen. Nicht alles, denn er hatte nur einen sehr kleinen Teil davon sich anzuschauen geschafft. Es hatte ausgereicht. Es hatte gereicht, dass er niemals vergessen würde, was hier geschehen war … und es hatte gereicht, ihn zum Handeln zu bewegen.

Geschäftig kratzte Hahskyll Seegairs’ Feder über die Seite.

Es war kühl in dem engen, kleinen Arbeitszimmer, trotz der fest geschlossenen Fenster und des kleinen Kohleofens. Pater Hahskyll aber war ein sehr genügsamer Mensch. Seine Finger waren eiskalt, was er ignorierte. Ihn wärmte der Gedanke, eine unerfreuliche Aufgabe erfüllt zu haben, ohne mit der Wimper zu zucken – ganz so, wie es ihm die Pflicht abverlangte.

Gern wäre er zum Hauptquartier des Inquisitor-Generals in Tarikah zurückgekehrt. Man hatte ihn jedoch angewiesen, auf dem schnellsten Wege nach Zion zurückzukehren. Deswegen fuhr sein Kahn auch unter dem Wimpel des goldenen Szepters, das ihm Vorrang gegenüber jeglichem anderen Verkehr einräumte. Nach Einbruch der Dunkelheit würden die roten Laternen an Bug und Heck des Kahns diese Aufgabe übernehmen. Allein schon die Tatsache, dass das Boot überhaupt bei Nacht fuhr, sollte diese Maßnahme eigentlich überflüssig machen. Schon jetzt waren alle gewöhnlichen Flussboote vor Anker gegangen und bereiteten sich auf die Nacht vor, wie es in den Bestimmungen der Kanalaufsicht festgelegt war. Damit fuhren nur noch Vikar Rhobairs Sondergutfrachter, andere hatten sie schon seit Stunden nicht mehr gesehen.

Seegairs verabscheute es, auf diese Weise von seinen eigentlichen Pflichten in der Siddarmark abgehalten zu werden. Er war der Sünde des Stolzes nicht so weit verfallen, dass er meinte, der Einzige zu sein, der Ketzerei zu erkennen vermochte. Aber seine Erfolge sprachen für sich. Hahskyll Seegairs hatte mehr zuvor unerkannte Ketzer in der Republik aufgespürt als beliebige zwei von Wylbyr Edwyrds’ anderen Assistenten zusammen. Und nun waren da die Gräuel von Sarkyn. So dringend Pater Hahskyll auch auf dem Schlachtfeld gebraucht werden mochte, jemand musste dem Großinquisitor schließlich berichten, welchen lästerlichen Verrat sie dort aufgedeckt hatten. Und wer wäre dafür besser geeignet gewesen als der Inquisitor, der das Ganze überhaupt erst ins Rollen gebracht hatte? Erst recht, wenn Zhaikybs, dieses rückgratlose alte Waschweib, tatsächlich bei Vikar Zhaspahr förmlichen Protest eingereicht haben sollte! Es war wichtig, dem Großinquisitor die Beweise dafür vorzulegen, dass Seegairs’ Verdacht, den natürlich auch Bischof Wylbyr geteilt hatte, berechtigt gewesen war. Wer hätte gedacht, dass sich ein derart weitreichendes Ketzernetzwerk so effektiv hatte verborgen halten können? Und doch war keinerlei Zweifel möglich: Es hatte existiert, hatte alle Absichten verschleiert … bis die peinliche Befragung den Ketzern die Maske vom Gesicht gerissen hatte. Dass es ein solches Netzwerk gegeben hatte, betonte doch nur, wie weise es vom Offizium der Inquisition gewesen war, das ›Schwert Schuelers‹ zu organisieren! Nur so hatte sich verhindern lassen, dass dieses gottlose Krebsgeschwür aus der Siddarmark auf gesundes Gewebe des Festlands übergriff.

Natürlich bedauerte Pater Hahskyll, dass derart strenge Maßnahmen überhaupt notwendig waren. Aber es war wichtig gewesen, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Er hatte es sich nicht erlauben können, aus falscher Nachsicht Zurückhaltung zu üben. Und letztendlich hätte er damit auch den Ketzern keinen Gefallen getan. Vielleicht hatte so wenigstens der eine oder andere am Ende seines Lebens doch noch seine Taten bereut, nachdem ihm die Strafen Schuelers einen ersten Vorgeschmack auf die ewige Pein gegeben hatten, die seiner harrte. Es war niemals zu spät, zum reinen Glauben und zur Gnade Gottes zurückzufinden, die einen jeden von Sünden reinwusch. Sollten die Ketzer doch nicht bußfertig gewesen sein, hätten sie mittlerweile erfahren, dass alles, was sie aus der liebevollen Hand von Mutter Kirche erlitten hatten, nur ein Vorgeschmack des Preises gewesen war, den jene Shan-wei Verfallenen für alle Ewigkeit zahlen mussten.

Es klopfte an der Tür zu seiner Kajüte – wobei dem Pater wieder einmal auffiel, dass ›Kajüte‹ kaum eine treffende Bezeichnung für diesen besseren Kleiderschrank war. Kurz darauf wurde erneut geklopft, leise und unaufdringlich. Seegairs steckte die Feder in das Tintenfass und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

»Herein!«

Die Tür wurde geöffnet, und ein weiterer Oberpriester des Schueler-Ordens trat ein. Im Gegensatz zu Seegairs hatte sein Besucher, der etwa gleichen Alters war, volles dunkles Haar und trug einen kurzgeschorenen Bart. Seegairs kannte ihn. Sie beide hatten gemeinsam das Priesterseminar besucht, und beide waren sie von Erzbischof Wyllym persönlich zu Inquisitoren ausgebildet worden. Natürlich war Wyllym damals noch Pater gewesen. Dennoch war offensichtlich gewesen, dass das Schicksal für ihren Lehrmeister Großes im Dienste Gottes bereithielt, und so war es gekommen. Zur rechten Zeit hatte Wyllym sich seiner Schüler erinnert.

»Was kann ich für dich tun, Vyktyr?«, erkundigte sich Seegairs und bedeutete seinem Besucher, im einzigen weiteren Stuhl der Kajüte Platz zu nehmen.

»Ich habe hier den Bericht, um den du gebeten hast.« Pater Vyktyr Tahrlsahn setzte sich und legte Seegairs einen dünnen Aktenordner auf den Schreibtisch. »Überraschendes findet sich darin allerdings nicht.«

»Damit hatte ich auch nicht gerechnet.« Seegairs zuckte mit den Schultern. »Aber da unser Freund Pater Mahkzwail auf eine Zusammenarbeit mit uns nicht gerade erpicht schien, fand ich es ratsam, alles, was er mir in Sankt Vyrdyn erzählt hat, mit den Einschätzungen der Aufseher zu vergleichen.«

»Glaubst du wirklich, er würde es wagen, die Inquisition anzulügen?«

»Keine Ahnung.« Seegairs fuhr sich mit der Hand über den kahl geschorenen Schädel, und sein Blick verfinsterte sich. »Shan-wei verbirgt sich an so vielen Orten, manchmal sogar in den Herzen von Männern, die nicht einmal wissen, von ihr erobert worden zu sein. Ich denke da zum Beispiel an Erzbischof Lawrync.« Er ließ die Hand wieder sinken und schüttelte den Kopf. »Dieser Mann steht bereits am Schlund zur Hölle. Er wollte allen Ernstes der Heiligen Inquisition selbst Befehle erteilen. Er wollte, dass wir Zurückhaltung üben, und die Ketzer und Dämonenanbeter von Sarkyn wären unentdeckt geblieben! Aber warum? Weil er ihre Ziele billigte, oder einfach weil er so zart besaitet ist? Wollte er vielleicht nur von jener Strenge absehen, die uns die Erzengel in Zeiten wie diesen nun einmal abverlangen? Hat Shan-wei ihn zu Bösem angestachelt, oder hat sie sich ihm unter dem Deckmantel von Sanftmut und Gnade gezeigt?«

»Beides haben wir weiß Schueler schon oft genug erlebt«, pflichtete Tahrlsahn seinem Studienfreund bei. »Pater Myrtan zum Beispiel. Du erinnerst dich doch noch, oder? Myrtan Byrk?«

»So ein blonder Bursche, ein paar Jahre jünger als wir?«

»Genau den meine ich. Er war bei mir, als Vikar Zhaspahr mich nach Gorath geschickt hat, die Ketzer abzuholen, die Graf Thirsk uns vorenthalten wollte. Ich hatte bislang immer das Gefühl gehabt, er trage das rechte Eisen in sich. Aber den ganzen Weg bis nach Zion hat er ständig gejammert, man solle schonend mit denen umgehen. Immer wieder hat er Bemerkungen darüber gemacht, wie krank die Ketzer doch seien und wie viele ihrer Diener Shan-wei schon auf dem Weg nach Zion zu sich rufen würde. Er hat zwar behauptet, es gehe ihm nur darum, dass wirklich alle Gefangenen lebendig in Zion ankämen, damit man sie dort angemessen befragen könnte … aber so richtig sicher war ich mir da nie.«

»Ja, manchmal ist es wirklich schwierig«, seufzte Seegairs. »Schwierig für diejenigen, die nicht genug von Schuelers Eisen in ihren Seelen tragen, meine ich – wie Zhaikybs und Byrk eben. Und vielleicht trifft das auch auf Pater Mahkzwail zu. Deswegen wollte ich, dass du dir das einmal ansiehst.«

»Der Aufseher sagt ziemlich genau das Gleiche wie er«, erwiderte Tahrlsahn. »Trotz allem, was Pottyr und die anderen angestellt haben, hat die Explosion bis auf drei nur die Schleusen in Richtung Osten zerstört. Also kommt man doch noch nach Osten, und in Richtung Westen sind alle wieder in Betrieb. Die Explosion hat ein paar Pumpen und einige der großen Leitungsrohre bersten lassen, aber diese Schäden sollten sich eigentlich rasch beheben lassen. Die Verbindungsschleuse funktioniert ebenfalls noch; man kann also auch Kähne von einer Kanalrinne in die andere wechseln lassen. Das verlangsamt zwar den Verkehr im Ganzen, aber bis die eine Schleuse wiederhergestellt ist, können in der Rinne, die eigentlich nach Westen führt, Kähne in beide Richtungen fahren.«

»Und wie schätzt der Aufseher die Lage ein?«

»Er schließt sich Pater Mahkzwails Meinung an.« Tahrlsahn zuckte mit den Schultern. »Sarkyn steht nicht auf Vikar Rhobairs Liste der Schleusen, die mit vorgefertigten Teilen repariert werden sollen – zu weit hinter der Front. Da hat es niemand für möglich gehalten, die Ketzer könnten sie überhaupt erreichen. Allerdings ist es dem Aufseher gelungen, Baumaterial abzufangen, das eigentlich für das Vorratslager in Seenstadt bestimmt war. Schön wird das nach der Reparatur zwar nicht aussehen, aber der Aufseher ist zuversichtlich, dass zumindest noch das Gerüst aufgestellt werden kann, bevor alles zufriert. Ob sich bis zum Frühling die erforderlichen Reparaturen abschließen lassen, kann er aber im Augenblick noch nicht sagen.«

»Oh, deutlich besser, als befürchtet!«, freute sich Seegairs. »Wenn man das Schlangennest in Ruhe gelassen hätte, hätten die jederzeit einen zweiten Versuch unternehmen können …«

Seine Stimme erstarb, und beide Männer blickten einander in grimmiger Befriedigung an.

Nach Augenblicken völligen Schweigens gab sich Seegairs sichtlich einen Ruck.

»Also, so weit, so …«

Er unterbrach sich und lauschte mit seitlich geneigtem Kopf angestrengt in die Nacht hinaus.

»Was bei Shan-wei war das?«

Der Treiber in seiner überdachten, Howdah genannten Sänfte auf dem Drachenrücken hörte den Schuss nicht einmal, der ihn das Leben kostete.

Die fünfhundert Gran schwere Kugel traf ihn einen halben Zoll oberhalb seines linken Ohrs – mit einer Geschwindigkeit von sechzehnhundert Fuß pro Sekunde, also schneller als der Schall. Der Schädel des Mannes platzte, und die kinetische Energie des kleinen Geschosses riss die Leiche aus dem Sitz. Schlaff hing sie über der Seitenwand des Howdah. Im kühlen Nieselregen dampfte das ausströmende Blut.

Dem Drachen gefiel der dröhnende Knall des Gewehrs überhaupt nicht, doch das Tier war gut dressiert. Als der Treiber die Zügel fahren ließ, blieb es augenblicklich stehen. Darüber war der PICA froh, der beschlossen hatte, diese Version seiner selbst sollte den Namen Dialydd Mab tragen. Der Drache hatte schließlich niemandem etwas zu Leide getan.

Der Treibergehilfe steckte den Kopf aus dem Deckhaus des Kahns. Sein Gesichtsausdruck – den Mab dank seiner widernatürlich scharfen Augen trotz des Regens und der Dämmerung deutlich erkennen konnte – verriet, dass er den Schuss nicht gehört oder zumindest nicht als solchen erkannt hatte. Anscheinend fragte er sich, warum der Drache stehen geblieben war – und nicht etwa, was den Treiber veranlasst haben könnte, den Drachen zum Stehenbleiben zu bewegen. Die Erkenntnis, was geschehen würde, sobald der Schwung den Kahn den Kanal hinabtragen ließ und sich die derzeit schlaff herabhängende Schleppleine wieder spannte, entlockte dem jungen Burschen eine unflätige Bemerkung.

Mabs rechte Hand löste sich vom Abzug des Gewehrs, das Owl nach Plänen aus den Delthak-Werken gefertigt hatte. Soeben war zum ersten Mal ein M96-Mahndrayn zum Einsatz gekommen … und Mab fiel wahrlich kein besserer Ort und keine bessere Zeit dafür ein als hier und jetzt. Mit dem Daumen klappte er den Kammerstängel des Zylinderverschlusses hoch und schob ihn dann in einer geschmeidigen Bewegung zurück: Die leere Patrone wurde ausgeworfen. Mit einer leichten Drehung des Handgelenks schob er den kleinen Hebel nach vorn, wobei eine neue Patrone in die Kammer ...

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