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Nimue Alban: Haus der Lügen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. März, im Jahr Gottes 894
  7. .I.- HMS Dancer, vor der Thairmahn-Halbinsel, Südozean
  8. .II. - Gipfelhaus, Provinz Gletscherherz, Republik Siddarmark
  9. .III. - HMS Chihiro, Gorath Bay, Königreich Dohlar
  10. .IV. - Kahsimahr-Gefängnis, Stadt Manchyr, und Klippenhaus, Stadt Vahlainah, Grafschaft Craggy Hill
  11. .V. - Kaiserlicher Palast, Stadt Cherayth, Königreich Chisholm
  12. .VI. - Rhobair Duchairns Privatkapelle, der Tempel, Stadt Zion, die Tempel-Lande
  1. April, im Jahr Gottes 894
  2. .I. - Königlicher Palast, Stadt Talkyra, Königreich Delferahk
  3. .II. - Rhobair Duchairns Arbeitszimmer, der Tempel, Stadt Zion, die Tempel-Lande
  4. .III. - Pater Paityr Wylsynns Arbeitszimmer, Goldmark-Straße, Stadt Tellesberg, Altes Königreich Charis
  5. .IV. - Das Schloss, Lock Island, der Schlund, Altes Königreich Charis
  6. .V. - Zitadelle King's Harbour, Helen Island, Howell-Bay, Altes Königreich Charis
  7. .VI. - Kathedrale von Manchyr, Stadt Manchyr, Fürstentum Corisande
  8. .VII. - Das Klippenhaus, Stadt Vahlainah, Fürstentum Craggy Hill, Fürstentum Corisande
  1. Mai, im Jahr Gottes 894
  2. .I. - HMS Chihiro, Gorath Bay, Königreich Dohlar
  3. .II. - HMS Dancer, vor der Klaueninsel, Harchong-See
  4. .III. - HMS Dancer, vor der Fundinsel, Golf von Dohlar
  5. .IV. - HMS Chihiro, Gorath Bay, Königreich Dohlar
  6. .V. - HMS Squall, Hankey-Sund, Königreich Dohlar
  1. Juni, im Jahr Gottes 894
  2. .I. - Königlicher Palast, Stadt Manchyr, Fürstentum Corisande
  3. .II. - Vor der Dracheninsel, Hankey-Sund, Königreich Dohlar
  4. .III. - HMS Kaiserin von Charis, Tellesberg, Altes Königreich Charis
  5. .IV. - HMS Chihiro, Gorath Bay, Königreich Dohlar
  6. .V. - HMS Dancer, Fundinsel, Golf von Dohlar
  7. .VI. - HMS Ahrmahk, Charis-See, und HMS Dawn Wind, Carters Ozean
  8. .VII. - Erzbischöflicher Palast, Stadt Tellesberg, Altes Königreich Charis
  1. Juli, im Jahr Gottes 894
  2. .I. - König Gorjahs Schlafgemach, Königlicher Palast, Stadt Tranjyr, Königreich Tarot
  3. .II. - Merlin Athrawes' Aufklärer-Schwebeboot, über der Howell Bay, Altes Königreich Charis
  4. .III. - Kaiserlicher Palast, Stadt Tellesberg, Altes Königreich Charis
  1. August, im Jahr Gottes 894
  2. .I. - HMS Dancer, Harchong-See
  3. .II.- HMS Rakurai, Golf von Dohlar
  4. .III. - HMS Dancer, Golf von Dohlar
  5. .IV. - Kathedrale von Tellesberg, Stadt Tellesberg, Altes Königreich Charis
  6. .V. - Östlich der Harchong-Meerenge, Golf von Dohlar
  7. .VI. - Kaiserlicher Palast, Stadt Tellesberg, Altes Königreich Charis
  1. September, im Jahr Gottes 894
  2. .I. - Sir Koryn Gahrvais Stadtvilla und Königlicher Palast, Stadt Manchyr, Fürstentum Corisande
  3. .II. - Stadt Telitha, Telith Bay, Grafschaft Storm Keep, Fürstentum Corisande
  4. .III. - Kaiserlicher Palast, Stadt Tellesberg, Altes Königreich Charis
  5. .IV. - Der Tempel, Stadt Zion, die Tempel-Lande
  6. .V. - HMS Royal Charis, Stadt Tellesberg, Altes Königreich Charis
  1. Oktober, im Jahr Gottes 894
  2. .I. - HMS Royal Charis, Zebediah-See, HMS Ahrmahk, Charis-See, und HMS Destroyer, Thol Bay
  3. .II. - HMS Destiny, vor dem Terrence-Kap, Golf von Mathyas, und Arbeitszimmer des Herzogs Kholman, Stadt Iythria, Desnairianisches Reich
  4. .III.- HMS Ahrmahk, Markovianische See
  5. .IV. - HMS Destroyer, Larek, Howell Bay, Altes Königreich Charis
  1. November, im Jahr Gottes 894
  2. .I. - NGS Schwert Gottes, vor der Windmoor-Küste, Golf von Tarot
  3. .II. - HMS Ahrmahk, Golf von Tarot, und Kaiserlicher Palast, Cherayth, Königreich Chisholm
  4. .III. - Vor der Windmoor-Küste, Golf von Tarot
  5. .IV. - Kaiserlicher Palast, Stadt Cherayth, Königreich Chisholm
  1. Charaktere
  2. Glossar
  3. Eine Anmerkung zur Zeitmessung auf Safehold

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

David Weber

NIMUE ALBAN:

HAUS DER
LÜGEN

Aus dem Amerikanischen von
Ulf Ritgen

Für Bobbie Rice

Warte auf uns, Schwieger-Omi!

Wir vermissen dich,

aber Sharon, die Kinder und

ich kommen nach.

März,
im Jahr Gottes 894

.I.

HMS Dancer, vor der Thairmahn-Halbinsel, Südozean

Trotz des gleißenden Sonnenlichts war es kühl an Deck von HMS Dancer. Ein frischer Ostwind trug sie unaufhörlich nach Westen. Man hörte den Wind in der Takelage singen und die Wellen gegen den Rumpf schlagen, das Rauschen des Wassers, wenn der Bug hineintauchte. Die Galeone fuhr fast mit Höchstgeschwindigkeit. Der Wind kam von Steuerbord achteraus. Da alle Segel gesetzt waren, einschließlich der Oberbram, machte die Dancer fast zehn Knoten. Das war eine beachtliche Geschwindigkeit für eine Galeone, selbst für eine, die vor noch nicht einmal zwei Monaten die Werft verlassen hatte. Wie bei jeder Galeone der Imperial Charisian Navy war auch der Rumpf der Dancer unter der Wasserlinie mit Kupfer beschlagen. Das schützte den Rumpf vor dem Befall durch Bohrer. Diese Muschelart zerfraß nur allzu oft die Planken eines Schiffes, ohne dass es aufgefallen wäre (jedenfalls nicht, bis dem Schiff förmlich der Rumpf wegbrach). Zugleich verhinderte der Kupferbeschlag auch übermäßigen Algenbewuchs, der ein Schiff erschreckend viel Geschwindigkeit kosten konnte. Natürlich vermochte nichts die Alterung des Rumpfes zu verhindern. Doch das Kupfer verlieh der Dancer auch in dieser Hinsicht einen beachtlichen Vorteil. Daher war sie schneller als die meisten Schiffe, auf die sie stoßen mochte. Das galt auch so weit von der Heimat entfernt wie eben jetzt, im Golf von Dohlar.

Trotzdem könnte sie noch mehr Fahrt aufnehmen, wäre sie allein unterwegs, dachte Admiral Sir Gwylym Manthyr. Er ging gerade auf der Galerie auf und ab, die sich über die gesamte Breite des Hecks erstreckte. Schiffe, die im Konvoi fuhren, waren immer langsamer als bei Einzelfahrt. Denn jedes Schiff besaß nun einmal seine Eigenheiten, und so besaß jedes Schiff auch seinen eigenen idealen Kurs zum Wind. Selbst Schwesterschiffe aus ein und derselben Werft, für das Auge nicht zu unterscheiden, verhielten sich Wind und Wellen gegenüber immer ein wenig unterschiedlich. Sie benötigten immer etwas anders geartete Bedingungen, um Höchstgeschwindigkeit zu erreichen. Ein Kapitän, der sein Schiff so gut kannte, wie das für Captain Raif Mahgail galt, wusste genau, wie man die Dancer dazu bringen konnte, ihr Bestes zu geben. Doch wenn Schiffe gemeinsam fuhren, dann musste man sich unabhängig von Wind- und Wetterbedingungen immer an die Geschwindigkeit des langsamsten Begleiters anpassen.

Solange Manthyr das Kommando über HMS Dreadnought innegehabt hatte, das Flaggschiff des damaligen Kronprinzen Cayleb, waren solche Überlegungen für ihn nur hypothetischer Natur gewesen. Es hatte nicht zu den Aufgaben eines einzelnen Captains gehört, auch nicht des Flaggschiff-Kommandeurs, über die nächste Aufgabe der ganzen Flotte zu entscheiden. Oder sich darum zu kümmern, wie lange es dauerte, um sämtliche Schiffe einer Flotte von einem Punkt zum nächsten zu bringen.

Aber Manthyr war jetzt nicht mehr nur Kommandeur des Flaggschiffs.

Die Dreadnought hatte er im Darcos-Sund verloren. Diese Erinnerung schmerzte immer noch. Er hatte das Schiff geliebt, und dennoch hatte er sie gezielt in eine corisandianische Galeere hineingesteuert. Unter allen Segeln, die man nur setzen konnte, hatte er das gegnerische Schiff gerammt. Obwohl er genau mit dem Bug getroffen hatte, war die Dreadnought doch zu schnell gewesen. Die Wucht des Aufpralls hatte fast alle Fugen aufplatzen lassen. Zudem war ihr Bug gute zwanzig Fuß tief in den Rumpf des gegnerischen Schiffes eingedrungen. Sie hatte auch unter der Wasserlinie zu viel Schaden genommen, um noch gerettet werden zu können, allen Bemühungen der Mannschaft zum Trotz. Manthyr hatte gewusst, dass ihm dieses Ramm-Manöver sein Schiff kosten könnte. Doch nichts von alledem war der Grund, warum die Erinnerung an den Verlust der Dreadnought so schmerzlich war. Manthyr quälte, dass er zu spät gekommen war. Seine Mannschaft und er hatten alles Menschenmögliche getan. Dennoch waren sie zehn Minuten zu spät gekommen. Zehn Minuten. Wären sie nur diese zehn Minuten früher da gewesen, hätten sie das Leben ihres Königs noch retten können.

Gwylym Manthyr wäre bereit gewesen, ein ganzes Dutzend Galeonen auf den Meeresgrund zu schicken, hätte er sich damit die zehn fehlenden Minuten erkaufen können.

Ohne es zu bemerken, war er stehen geblieben. Die Hände an der Reling der Heckgalerie, starrte er ins Kielwasser der Dancer. Er hob den Blick, sah hinaus auf die unermessliche Weite des Südozeans und riss sich zusammen. Der Einzige, der ihm vorwarf, zu spät gekommen zu sein, war er selbst. Das wusste er genau. Seine Erhebung in den Ritterstand, seine Beförderung vom Captain zum Admiral sprachen für sich. Seines derzeitigen Auftrags als Vertrauensbeweis in seine Fähigkeiten hätte es also nicht bedurft.

Sein Geschwader operierte am weitesten von Charis entfernt: Um die große Flottenbasis auf Lock Island zu erreichen, wäre Manthyr zwei Monate unterwegs. Das Geschwader bestand aus achtzehn Kriegsgaleonen, sechs Schonern und nicht weniger als dreißig Transportern. Bislang hatten Wind und Wetter sich in unberechenbarem Maße freundlich gezeigt. Manthyr war seinem Zeitplan um beinahe zwei Fünftage voraus und befand sich nun einige Hundert Meilen südlich der Thairmahn-Halbinsel. Das Geschwader umrundete die Südspitze des Kontinents Howard und steuerte die Gosset-Passage zwischen der Westbreak-Insel und der Westspitze der ungleich größeren Insel an, die überall nur das ›Ödland‹ hieß. Von dort aus sollte es dann in die Harthianische See weitergehen. Damit wäre Manthyr dann neuntausend Meilen weit von Lock Island entfernt – Luftlinie. Nun, kein Schiff vermochte durch die Luft zu fliegen! Um diesen Punkt zu erreichen, hatte Manthyrs Geschwader mehr als fünfzehntausend Meilen zurücklegen müssen, und vor ihnen lagen noch fünftausend weitere. Derart weit von seinen Vorgesetzten entfernt, war Manthyr ganz auf sich allein gestellt. Deutlicher ließ sich nicht zeigen, dass besagte Vorgesetzte immenses Vertrauen in ihn setzten und auch auf sein Urteilsvermögen bauten, egal, wie er selbst über sein Scheitern im Darcos-Sund denken mochte. Schließlich verfügte Manchyr hier nur über die Ressourcen, die er an Bord seiner eigenen Schiffe mit sich führte – und die, die er sich zu ›organisieren‹ verstand. Aber Anleitung oder Empfehlungen fand er hier nirgendwo.

Damit unterschied er sich keineswegs von allen anderen Kapitänen, die sich mit ihrem Kriegsschiff im eigenständigen Einsatz befanden. Letztendlich war jeder Kapitän in einer solchen Situation ganz auf sich allein gestellt. Jede Entscheidung wollte allein getroffen und verantwortet sein. Im Nachhinein gäbe es wahrscheinlich auch immer jemanden, der zu dem Schluss käme, die getroffene Entscheidung sei falsch, und es auch lauthals verkündete. Das aber war der Preis, den ein jeder zu zahlen hatte, der ein Schiff Seiner Majestät des Königs (oder jetzt eben des Kaisers) befehligte.

Trotzdem, dachte Manthyr und ließ den Blick über die gewaltigen, dunkelblauen Weiten schweifen, muss ich zugeben, dass ich, als ich noch einfacher Captain war, nie richtig eingeschätzt habe, um wie viel … komplizierter alles wird, wenn man erst einmal Flaggoffizier ist.

Er verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen. Schon vor langer Zeit hatte er gelernt, dass Standpunkte veränderlich waren. Als Midshipman hatte er gedacht, ein Captain wäre Gott und die Lieutenants Erzengel. Als Lieutenant hatte er allmählich begriffen, dass ein Captain nur unmittelbar nach Gott kam, aber in Autorität und Macht den Erzengeln relativ gleichgestellt war. Als Manthyr selbst zum Captain aufgestiegen war, verstand er schließlich – dieses Mal richtig –, welche Verantwortung ein Captain als Gegenleistung für seine allmächtige Autorität auf See zu schultern hatte. Doch nun, da er Admiral war, begriff er, dass es von allen Offizieren ein Flaggoffizier am schlechtesten hatte. Ja, sie hatten viel Macht: Sie befehligten Geschwader und Flotten, nicht bloß Schiffe. Sie wiesen an, sie verwalteten, sie entwickelten Strategien. Das ganze Gewicht der Verantwortung für Sieg oder Niederlage lastete auf ihnen. Dennoch waren sie dabei auf andere angewiesen: Sie mussten sich darauf verlassen, dass andere ihre Pläne in die Tat umsetzten und ihren Befehlen Folge leisteten. Nur bis es zur Schlacht kam, waren sie die Götter der Flotte. Aber in der Schlacht waren Admiräle plötzlich nur noch unbeteiligte Zuschauer. Passagiere. In ihrer Macht stand es zwar, viele Schiffe zu befehligen, ja. Aber sie selbst würden nie wieder ein eigenes Schiff haben. Erst langsam begann Manthyr zu begreifen, wie schmerzlich das war.

Ach, jetzt hör aber auf, Gwylym! Rau lachte er in sich hinein. Wenn du das wirklich so siehst, kannst du ja immer noch darum bitten, dass man dir diesen hübschen Admiralswimpel wieder abnimmt! Oder hättest ihn gleich ablehnen können! Alles hat seinen Preis, und das wusstest du schon lange, bevor du dein Patent erhalten hast. Glaubst du wirklich, irgendjemand nimmt dir ab, dass du in Wirklichkeit gar nicht tun willst, was du gerade jetzt hier draußen treibst? Das glaubst du doch selbst nicht!

Nein, wahrscheinlich nicht, ging es ihm durch den Kopf. Auf ein unmissverständliches Knurren seines Magens hin zog Manthyr seine Taschenuhr hervor.

Kein Wunder, dass er allmählich Hunger bekam! Schon vor zehn Minuten hätte er beim Essen sein sollen. Er zweifelte keinen Moment daran, dass Captain Mahgail und der Rest seiner Offiziere bereits in der Messe auf ihn warteten.

Noch ein Beweis für die Privilegien, die mit dem Rang kommen, dachte er, grinste erneut und klappte seine Taschenuhr zu. Er ließ die Reling los, richtete sich auf und sog noch einmal tief die klare Salzluft ein. Die sitzen alle da und warten auf mich, während ich in hochherrschaftlicher Pracht ganz allein hier herumstehe. Ich frage mich, wie viel Zeit sie mir noch zugestehen, bis sie Dahnyld nach mir losschicken, ganz respektvoll natürlich!

Manthyr musste sich eingestehen, dass ein winziger, gehässiger Teil versucht war, es auszuprobieren: Wie lange würde Dahnyld Rahzmahn, sein höchst effizienter Flaggleutnant, wohl noch warten, bis er seinen Admiral ach-so-diplomatisch darauf hinwiese, dass man in der Messe seiner harrte? Die Versuchung war nicht groß, aber doch zweifellos da – was nicht gerade für Manthyrs Charakter sprach.

Er grinste breit und schüttelte den Kopf.

Hat ja schon was, Admiral zu sein, was, Gwylym!, sagte er sich. Nur zu Kopf steigen sollte dir das nicht. Etwas in dieser Art hat Admiral Lock Island bei der Ausgabe der aktuellen Befehle ja wohl gemeint – natürlich in der ihm eigenen unnachahmlich diplomatischen Art!

Dieser Gedanke verwandelte Manthyrs Grinsen in schallendes Gelächter. Noch einmal schüttelte er den Kopf. Dann wandte er sich um und trat durch die verglaste Tür in sein Arbeitszimmer.

.II.

Gipfelhaus, Provinz Gletscherherz, Republik Siddarmark

»Wie lange, Eure Eminenz, bin ich nun schon Euer Kammerdiener?«

Nachdenklich blickte Zhasyn Cahnyr zu Fraidmyn Tohmys hinüber. Diese Art geduldig scheinenden Tonfalls kannte er nur zu gut.

»Schon eine ganze Weile«, gab er milde zurück. Tohmys verschränkte die Arme vor der Brust und blickte sein Gegenüber streng an.

Der Erzbischof von Gletscherherz saß vor einem herrlich prasselnden Kaminfeuer. Das Gipfelhaus, ein Stück außerhalb der Stadt Tairys, lag höher in den Bergen als die Stadt selbst. Vor vielen Jahren hatte einer von Cahnyrs Vorgängern auf dem Bischofsstuhl seiner Sommerresidenz diesen Namen gegeben. Selbstredend besaß das Gipfelhaus die bei Bauten in den Bergen übliche steile Dachstuhlkonstruktion (damit Schnee abrutschte und die Schneelast nicht zu groß würde). Nichtsdestotrotz war das relativ bescheidene Gebäude eigentlich nur für die Nutzung im Sommer gedacht. Es sollte ein Rückzugsort für den Erzbischof und einige ausgewählte Gäste sein, ein Ort für Einkehrtage und Besinnlichkeit. (Cahnyr vermutete, mindestens einer seiner Vorgänger hatte das Haus auch als hinreichend abgelegenen Schauplatz für ausschweifende Festlichkeiten und die eine oder andere Orgie genutzt. Es lag weit genug von den Wohnhäusern der Gemeindemitglieder entfernt, die ein derartiges Verhalten nicht gutgeheißen hätten. Skandale waren also schon deshalb nicht zu fürchten.) Das für den Sommer gedachte Gebäude, so wetterfest es auch sein mochte, war allerdings nicht darauf ausgelegt, im kältesten Monat eines East-Haven-Winters genutzt zu werden. Trotz des beachtlichen Kohlenfeuers im Kamin des Salons ließ die Temperatur in den Räumlichkeiten doch sehr zu wünschen übrig. Deswegen trug Cahnyr auch einen dicken Pullover über seiner schweren, wollenen Winter-Soutane.

Die Temperaturen waren geeignet, Cahnyrs Vorstellungskraft zu beschäftigen: Ob sich so ein großer Schinken im Kühlhaus fühlte?

»Seit dreiundvierzig Jahren, Eure Eminenz«, erklärte Tohmys nun. »So lange bin ich nun schon Euer Kammerdiener.«

»Ach, tatsächlich?« Cahnyr neigte den Kopf zur Seite. »Ja, Sie könnten Recht haben. Sonderbar. Irgendwie dachte ich, es wäre noch länger gewesen.«

Tohmys’ Augen blitzten auf. Vielleicht zuckten sogar seine Mundwinkel, dem gestrengen Blick zum Trotz. Vielleicht.

»Also, Eure Eminenz, ich hoffe, Ihr werdet mir meine Unverblümtheit nicht verübeln. Aber das hier ist von allen Schnapsideen, die Euch im Laufe der Jahre gekommen sind, mit Abstand die dümmste! Selbst eingedenk der ›kleinen‹ Feier, derentwegen Ihr beinahe aus dem Priesterseminar geflogen wäret!«

»Leider habe ich im Augenblick kaum eine andere Wahl, Fraidmyn«, erwiderte Cahnyr ernst. »Ich bedauere wirklich zutiefst, Sie in diese ganze Sache hineingezogen zu haben. Aber …«

Er zuckte mit den Schultern, und Tohmys stieß ein Schnauben aus.

»Meiner Erinnerung nach, Eure Eminenz, stand meine Begeisterung der Euren in nichts nach. Ich an Eurer Stelle würde mir nicht allein jede Schuld zuschreiben.«

»Nun, das stimmt wohl. Nur bin ich hier der Erzbischof. Es ist nicht recht, dass Sie unter einer meiner Entscheidungen zu leiden haben. Oder Sie hier oben zusammen mit mir festsitzen und darauf hoffen, dass der geheimnisvolle Briefschreiber wirklich meint, was er – zumindest andeutungsweise – verspricht.«

»Ach, und wo, glaubt Ihr, wäre ich jetzt lieber als hier?«, verlangte Tohmys zu wissen. »Wir sind beide erwachsene Menschen, Eure Eminenz, und Ihr braucht nun einmal jemanden, der sich um Euch kümmert – eine Aufgabe, die mir Gewohnheit geworden ist.« Er zuckte mit den Schultern. »Von welcher Warte aus auch immer betrachtet: Es hat nur wenig Sinn, geschehene Dinge zu bedauern. Und es hat noch viel weniger Sinn, etwas ändern zu wollen, was bereits geschehen ist.«

»Na ja …« Cahnyr lächelte, und aus unerfindlichen Gründen brannten seine Augen ein wenig. »Wenn Sie das so sehen, warum dann die plötzliche Kritik an meinen Plänen?«

»Also, was das betrifft: Hätten Sie überhaupt irgendwelche Pläne, die dieser Bezeichnung würdig wären, hätte ich sicher nichts gesagt.« Das zu glauben fiel Cahnyr ernstlich schwer. »Aber bislang, so scheint es mir zumindest, bestehen Eure Pläne darin, mitten in der Nacht, mitten in den Bergen, mitten im Winter einfach hier aufzutauchen und nichts bei sich zu haben als die Kleider, die Ihr tragt. Und dann hofft Ihr darauf, dass jemand, dem Ihr nie begegnet seid und dessen Namen Ihr nicht einmal kennt, hier auf Euch wartet. Trifft das in etwa den Kern der Sache, Eure Eminenz?«

»Ich halte das sogar für eine geradezu meisterhafte Beschreibung«, gestand der Erzbischof.

»Ach, und Ihr haltet das allen Ernstes für eine gute Idee?«, setzte Tohmys nach.

»Nein. Es ist einfach nur die beste Idee, die wir derzeit haben«, erwiderte Cahnyr. »Warum fragen Sie? Ist Ihnen etwa etwas Besseres eingefallen?«

»Nein, und es ist auch nicht meine Aufgabe, mir Besseres einfallen zu lassen!« Falls Cahnyrs Frage Tohmys aus dem Konzept gebracht hatte, so ließ er sich das nicht anmerken. Abgesehen davon wussten sie beide doch ganz genau, dass es seine erste Pflicht als Kammerdiener war, für Weltuntergangsstimmung zu sorgen. Ganz gewiss war es mitnichten seine Aufgabe, Vorschläge zu unterbreiten, wie man dem dräuenden Weltuntergang entgehen könnte. »Ich wollte nur sicher sein, die Lage richtig verstanden zu haben.«

»Das scheint mir durchaus der Fall«, gab Cahnyr bedächtig zurück.

»Nun gut, wenn dem so ist und Euer Entschluss offenkundig feststeht, sollte ich mich wohl um unser Gepäck kümmern, nicht wahr?«

Sehr viel später an diesem Tag erhob sich Zhasyn Cahnyr und blickte aus dem Schlafzimmerfenster. Es war spät am Abend, und das Gipfelhaus befand sich auf der Ostseite des Mount Tairys, des höchsten Gipfels der Tairys-Kette. Auch unter idealen Wetterbedingungen wäre daher zu dieser Stunde der Abend finsterster Nacht gewichen. Beim derzeitigen Wetter erkannte der Erzbischof kaum mehr als die Flocken des heftigen Schneetreibens. Sie tanzten durch den matten Schein der wenigen Laternen.

Sturm umtoste das Gipfelhaus, und trotz des Feuers, das immer noch im Kamin loderte, sah Cahnyr seinen eigenen Atem aufsteigen. Eine wahrhaft wunderbare Nacht, um zu erfrieren!, ging es ihm durch den Kopf.

Er drehte sich um und betrachtete das kleine Schlafgemach. In dieser Nacht würde er hier doch keinen Schlaf finden. Er verstand, warum seine Entscheidung, für Einkehrtage zum Gipfelhaus zu reisen, den jungen Gharth Gorjah so bestürzt hatte. Da waren die schlichte Einrichtung des Hauses, die kaum isolierten Wände und die Möglichkeit, dass sich genau die Sorte Wetter einstellte, die diese Nacht verhieß: Mehr war wohl kaum nötig, um sich Sorgen zu machen. Cahnyr musste auch zugeben, dass er zumindest einige der Sorgen, die Gorjah umtrieben, durchaus teilte. Andererseits wusste er etwas über das Gipfelhaus, über das sein offenkundig besorgter Sekretär gewiss nicht nachgedacht hatte. Nun, Gorjah hatte ja auch keinerlei Veranlassung, darüber nachzudenken. Schließlich hatte Cahnyr sorgsam darauf geachtet, den jungen Unterpriester nichts von den schweren Sorgen wissen zu lassen, die seinen Erzbischof niederdrückten. Was Gorjah Sorgen machte (ein alter Herr, der unbedingt einige Fünftage hoch oben in den Bergen verbringen wollte), trieb auch Bryahn Teagmahn um … der ganz gewiss nichts von den Besonderheiten des Gipfelhauses wusste.

Allerdings war es möglich, dass Bischof-Vollstrecker Wyllys von diesen Besonderheiten wusste, jenen Besonderheiten, die das Gebäude für Cahnyrs derzeitige Absichten so perfekt geeignet machten – trotz des Winterwetters. Bevor Cahnyr in den Stand eines Erzbischofs erhoben worden war, hatte Wyllys bereits acht Jahre lang Cahnyrs Vorgänger gedient. Während dieser Zeit hatte er das Gipfelhaus häufig genutzt, bevorzugt während der heißesten Sommertage. Daher war es durchaus möglich, dass Wyllys die gleiche Entdeckung gemacht hatte wie Cahnyr. Doch auch dann war es nicht wahrscheinlich, dass er auf dieselbe Idee gekommen war wie Cahnyr, was die Residenz betraf.

Nicht wahrscheinlich. Nun ja …

Cahnyr wusste nicht, ob der Bischof-Vollstrecker aktiv im Dienst der Inquisition stand. Eigentlich bezweifelte er es. Liebend gern sogar, und das war das Gefährliche daran: sein eigener Wunsch, Wyllys’ Loyalität gehöre mitnichten dem Großinquisitor. Cahnyr mochte Wyllys Haimltahn. Wyllys war fleißig, arbeitete mit Hingabe für die Erzdiözese und die Gemeinde, und er war bemerkenswert zurückhaltend, was das Einstreichen von Schmiergeldern betraf. Gut, auch er war nicht immun gegen die in der Kirche allgegenwärtige Korruption. Das wäre wohl auch zu viel erhofft gewesen. Schließlich wurde ja gewissermaßen von ihm erwartet, die eine oder andere Mark in die eigene Tasche zu wirtschaften. Es war betrüblich, aber allgemeine Praxis. Das Schatzamt des Tempels berücksichtigte Einnahmen dieser Art sogar bei der Bemessung der offiziellen Dienstbezüge.

Haimltahn war Teil eben dieses Systems – und das war alles, was Cahnyr ernstlich an seinem Bischof-Vollstrecker zu kritisieren hatte. Allerdings – auch das bedauerlich, aber nicht zu ändern – hatte Haimltahn nie durchblicken lassen, er wisse um die deutlich schlimmere Korruption im Herzen des Tempels oder sei gar bereit, sich ihr entgegenzustellen. Nicht, dass er diese Korruption gutgeheißen hätte. Zumindest dessen war sich Cahnyr sicher. Doch Wyllys Haimltahn war Bischof-Vollstrecker in der tiefsten Provinz, und man hatte ihn in eine der ärmsten Erzdiözesen in ganz East Haven geschickt. Er würde also niemals in Zion oder gar im Tempel selbst Dienst tun. Daher hatte er sich ganz auf seine Welt konzentriert und auf die Pflichten, die ihm in dieser Welt zukamen. Die Probleme der Großen und Mächtigen überließ er auch den Großen und Mächtigen.

Auch daraus konnte Cahnyr dem Bischof-Vollstrecker keinen Vorwurf machen. Dennoch hatte es keinerlei Basis für Vertraulichkeit in einer gewissen Sache zwischen ihnen gegeben. Also hatte Cahnyr Haimltahn wohl kaum fragen können, ob er vermute, aus welchem eigentlichen Motiv heraus der Erzbischof sich ins Gipfelhaus zurückzog.

Ach, Schluss jetzt!, schalt er sich. Zunächst einmal tust du Wyllys wahrscheinlich Unrecht, überhaupt nur darüber nachzudenken, ob er sich vielleicht mit Teagmahn verschworen hat. Zweitens: selbst wenn dem so wäre, hat sich Teagmahn ja ganz offenkundig nicht gegen deine Reise hierher ausgesprochen. Also weiß er entweder nichts von deinem kleinen Geheimnis, oder aber er vermutet keine Auswirkungen auf die derzeitige Lage.

Die Lage war ernst. Dennoch konnte Cahnyr nicht anders: Er schnaubte belustigt. Denn Teagmahns Reaktion auf die Entscheidung seines Erzbischofs, einige Tage im Gipfelhaus zu verbringen, ließ vermuten, dass der Intendant zu genau dem Schluss gekommen war, auf den Cahnyr auch gehofft hatte: Es war ganz im Sinne der Inquisition, wenn sich der Erzbischof in eine abgelegene Residenz zurückzog, die nur über eine einzige, sehr schmale Straße erreichbar war (eigentlich war es sogar mehr ein Feldweg). So wüsste Teagmahn von jedem Schritt, den der Erzbischof machte.

Und das stimmte ja auch … aber es war gänzlich bedeutungslos für Cahnyrs eigene Pläne. Wenn man sich bei dem, was er sich zurechtgelegt hatte, überhaupt von ›Plänen‹ sprechen durfte.

Es klopfte an der Tür zu seinem Schlafgemach, so leise, dass man es bei dem tosenden Sturm kaum hörte. Als die Tür sich leise öffnete, wandte sich Cahnyr vom Fenster ab.

»Es ist Zeit, Eure Eminenz«, sagte Fraidmyn Tohmys und reichte ihm eine schwere Winterjacke.

Gletscherherz lebte vom Bergbau. Das hatte es immer schon getan. Niemand wusste, wie viele Schächte, Stollen und Höhlen Generation um Generation von Bergarbeitern in das Gestein getrieben hatten. Natürlich gab es Karten und dergleichen. Aber niemand war töricht genug zu glauben, sie seien auch nur ansatzweise vollständig. Oder genau.

Der Stollen, der sich unter dem Felsbrocken befand, auf dem später das Gipfelhaus errichtet worden war, befand sich auf keiner einzigen jener Karten, und es existierten auch sonst keine Aufzeichnungen darüber. Der Stollen war sehr alt, und Cahnyr hatte sich schon oft gefragt, wer ihn wohl angelegt haben mochte. Es war ganz offenkundig, dass der Stollen ursprünglich einem Kohleflöz gefolgt war. Doch ebenso offenkundig war auch, dass sich dieses Flöz hier, unter dem Gipfelhaus, längst erschöpft hatte. Das Gipfelhaus aber war meilenweit vom Grauwasser oder dem Tairys-Kanal entfernt. Außerdem vermutete Cahnyr, dass dieses Bergwerk hier schon lange aufgelassen gewesen war, als der Kanal schließlich angelegt und die Schleusen im Fluss gebaut worden waren. Also musste es damals, als der Stollen noch ergiebig gewesen war, unfassbar anstrengend gewesen sein, diese Kohle zu verkaufen.

Doch im Augenblick war nur von Bedeutung, dass Zhasyn Cahnyr vor vielen, vielen Jahren, während eines Besuchs im Sommer, auf eine der verrotteten Planken getreten war, mit denen die Abzugsschächte dieser Mine abgedeckt waren. Unter seinem Gewicht war die Planke sofort geborsten, und Cahnyr war in die Tiefe gestürzt.

Der Abzugsschacht befand sich ganz in der Nähe eines Stollens, der unmittelbar unter dem Gipfelhaus endete. Deshalb war er nur dreißig, vielleicht auch vierzig Schritt lang. Damals war für Cahnyr noch viel wichtiger eines gewesen: Der Abzugsschacht war schräg angelegt, nicht senkrecht. Gewiss, bei dem Sturz hatte sich Cahnyr einige unschöne Prellungen zugezogen. Doch damals war er noch deutlich jünger gewesen, und die Neugier hatte recht rasch das Bedürfnis verdrängt, im Dunkeln sitzen zu bleiben, sich das aufgeschrammte Schienenbein zu reiben und Worte auszustoßen, die Mutter Kirche gewiss nicht gutgeheißen hätte. Also war Cahnyr in das Gipfelhaus zurückgekehrt und hatte Gharth Gorjah und Fraidmyn Tohmys zu sich gerufen. Beide kannten des Erzbischofs Begeisterung für Höhlen und unterirdische Gänge. Und so hatten sie einen Sack Kerzen, ein Stück Kreide und ein Knäuel Bindfaden zusammengepackt und waren aufgebrochen.

Cahnyr hatte keine Ahnung, warum er anderen gegenüber von seiner Entdeckung unter dem Gipfelhaus geschwiegen hatte. Ganz gewiss hatte er es nicht getan, weil er sich schon damals gedacht hatte, es geheim zu halten sei gewiss hilfreich, nur für den Fall, dass er eines Tages vor der Inquisition fliehen müsste. Und um ganz ehrlich zu sein: irgendjemandem gegenüber hätte er es erwähnen sollen, vor allem, weil er die Absicht hatte, sich noch weiter im Inneren dieses Berges herumzutreiben. Er war zwar nicht hier in Gletscherherz aufgewachsen, aber als erfahrener Höhlenforscher war ihm nur zu bewusst, welche Gefahren dort unten stets lauern konnten: Ein Gang konnte einstürzen; man konnte Schwierigkeiten mit Grubengas oder plötzlich einströmendem Wasser bekommen; man konnte einfach nur unglücklich fallen – Mutter Natur kannte viele Möglichkeiten, sich der Männer zu entledigen, die sie um ihre Reichtümer bestehlen wollten. Bisher war Cahnyr immer sehr vorsichtig gewesen. Nie zuvor war er allein auf Erkundungstour gegangen. Trotzdem hatte Cahnyr über all die Jahre hinweg seine Entdeckung für sich behalten.

Zum Teil, das hatte er später begriffen, lag das daran, wie herrlich still es in dieser Mine war. Völlig lautlos. Gut, der alte Kohlenstollen war etwas völlig anderes als die natürlichen Höhlen und Felsspalten, die Cahnyrs Höhlenforscherdrang geweckt hatten. Eigentlich war der alte Stollen auch nicht sonderlich interessant. Es war einfach nur ein sehr langes, sehr tiefes, sehr dunkles Loch im Boden.

Doch es war ein sehr, sehr altes Loch, und dieses Loch war von Menschenhand gemacht, nicht von Wasser, das sich mit unendlicher Geduld stets neue Wege suchte. Hier hatte der Erzbischof das Gefühl, in die Vergangenheit zu reisen, das Leben der Bergarbeiter kennen zu lernen, die Dutzende oder gar Hunderte von Jahren vor Cahnyrs Geburt hier unten gearbeitet hatten. Es war sonderbar, aber wahr: Für Cahnyr war der alte Stollen zu einer Kathedrale geworden. Die völlige Stille, die ihn hier umgab, bot ihm ideale Bedingungen, nachzudenken und die Gegenwart Gottes zu spüren. In vielerlei Hinsicht war dieser Ort hier für spirituelle Einkehrtage schlichtweg perfekt. Es war Cahnyrs eigener Rückzugsort, und er hatte ihn mit niemandem geteilt, außer mit seinem Sekretär, mit seinem Kammerdiener und mit Gott. Ausdrücklich aufgefordert, über diesen Ort Stillschweigen zu bewahren, hatte Cahnyr seine Mitarbeiter nie. Doch zweifellos wussten die beiden, wie sehr dem Erzbischof daran gelegen war, diesen Ort für sich zu behalten.

Allerdings hatte Cahnyr dort unten nicht ausschließlich meditiert. Tatsächlich hatte er so manche Stunde damit verbracht, das Gangsystem zu erkunden und sich die einzelnen Stollen und Schächte genau anzusehen. Das Gestein war zweifellos massiv, und das Holz der Grubenverzimmerung schien kaum verrottet zu sein. Damit bestand nicht die Gefahr, dass die Grube zur Todesfalle würde. Allerdings hatte Cahnyr einen bestimmten Nebenstollen sofort gemieden, nachdem er nur einen kurzen Blick auf die Stützbalken an der Decke geworfen hatte. Daneben gab es durch Wassereinbrüche unpassierbare Bereiche, was natürlich jegliche weitere Erkundung in diese Richtung verhinderte. Trotzdem hatte Cahnyr mehrere Meilen unter der Erdoberfläche zurückgelegt und die Wände dabei stets markiert. Und immer hatte er seinen Bindfaden ausgelegt, um im Notfall jederzeit auf dem kürzesten Weg wieder zurückzufinden.

Genau am Eingang jenes Stollens, den er vor so vielen Jahren entdeckt hatte, blieb Cahnyr nun stehen und klopfte sich mit den Handschuhen den Schnee von der Winterjacke. Der kurze Weg vom Gipfelhaus bis zum Eingang des Schachts war deutlich anstrengender gewesen, als Cahnyr gedacht hatte. Der Wind war noch heftiger als vermutet. Und die Temperatur sank immer noch. Am Tag nach ihrer Ankunft am Gipfelhaus hatte er zusammen mit Tohmys einen kleinen Bestand unerlässlicher Vorräte in den Schacht gebracht. Es war ganz offenkundig gut gewesen, damit nicht zu warten. Allein schon die Rucksäcke, die sie beide geschleppt hatten, wären bei diesem Wetter heute fast schon zu viel gewesen.

Nachdem Cahnyr sich nach Kräften abgeklopft hatte, streifte er einen Handschuh ab und zog sein Zunderkästchen hervor. Es war eisig kalt, und seine Hände zitterten so sehr, dass er deutlich länger brauchte als sonst, um die Blendlaterne zu entzünden. Aber nachdem endlich der Docht brannte, entschädigte ihn das Licht für die Anstrengung. Die meisten hätten den Anblick des kalten, nackten Gesteins kaum als angenehm empfunden. Doch Zhasyn Cahnyr war nicht wie die meisten Menschen, und die meisten Menschen auf Safehold wussten auch nicht, dass die Inquisition nur noch ein wenig abwartete, bevor sie mit ganzer Härte zuschlüge.

»Na ja, so weit, so gut!«, sagte er fröhlich.

»Ach ja?« Im Schein der Laterne blickte Tohmys ihn skeptisch an. »Und wie weit ist dieses ›so weit‹, Eure Eminenz?«

»Die Heilige Schrift lehrt uns, selbst die längste Reise beginne mit dem ersten Schritt«, erwiderte Cahnyr gelassen.

»Das stimmt wohl, Eure Eminenz, und ich werde den Erzengeln gewiss nicht widersprechen. Aber trotzdem will es mir scheinen, als lägen noch jede Menge weitere Schritte vor uns.«

»Nun, das, Fraidmyn, ist eine Auslegung, die der kirchlichen Lehre voll und ganz entspricht.« Cahnyr hob die Laterne und griff nach der Deichsel des kleinen, zweirädrigen Karrens, auf den sie ihre Vorräte geladen hatten. »Wollen wir?«, fragte er.

Mehrere Stunden später waren Cahnyr die Beine so schwer geworden wie noch nie.

Es war wirklich schon einige Zeit her, seit er das letzte Mal so tief in das Gangsystem vorgedrungen war. Er hatte dessen Ausdehnung ganz vergessen gehabt. Oder vielmehr: als er das letzte Mal hier gewesen war, war er noch deutlich jünger gewesen. Deswegen hatte er nicht daran gedacht, wie viel länger der Weg allein durch den Lauf der Jahre wurde. Es würde noch sehr, sehr lange dauern, bis Tohmys und er das andere Ende des Stollens erreichten. Wahrscheinlich hätte sich bis dahin der Tag seinem Ende zugeneigt.

Dieser Gedanke brachte ein müdes Lächeln auf Cahnyrs Lippen. Er saß auf dem Karren und kaute an dem Sandwich herum, das Tohmys ihm angeboten hatte. Das Brot war dick geschnitten, und das Fleisch, der Käse und die Zwiebeln waren einfach köstlich. Gern hätte er auch noch ein Blatt Salat darauf gewusst. Aber Salat bekam man im Winter in Gletscherherz nur sehr selten zu Gesicht. Seit Jahren dachte Cahnyr schon darüber nach, ob er nicht auf dem Gelände des Erzbischöflichen Palastes ein kleines Gewächshaus errichten lassen sollte. Eigentlich hatte er das schon längst in Angriff nehmen wollen. Aber jetzt …

Er verdrängte diesen Gedanken, zog seine Taschenuhr hervor und hielt sie weit genug in den Lichtkegel der Laterne, um sie ablesen zu können. Hier, so tief unter der Oberfläche, war es nur allzu leicht, die Zeit aus den Augen zu verlieren. Wenn man weder die Sonne noch den Himmel sehen konnte und auch nichts vom Wetter mitbekam, war es viel schwieriger, Zeitspannen abzuschätzen, als man vermuten sollte. Wenigstens herrschte in diesem Gangsystem stets die gleiche, unveränderliche Temperatur, auch wenn Cahnyr niemals so weit gegangen wäre, es ›warm‹ zu nennen. Aber obwohl Tohmys und er sich hier den Weg durch ein gewundenes Gangsystem bahnen mussten, kamen sie doch deutlich schneller voran, als wenn sie sich draußen, oberhalb der Mine, mitten im heulenden Schneesturm hätten ihren Weg suchen müssen. Trotzdem mussten sie ihr Ziel unbedingt zu dem Zeitpunkt erreichen, den der geheimnisvolle Briefschreiber angegeben hatte.

»Wir müssen weiter«, bemerkte Cahnyr also, nachdem er einen Bissen Sandwich gekaut und heruntergeschluckt hatte.

»Zweifellos.« Tohmys reichte ihm einen großen Krug mit Bier. »Und sobald Ihr dieses Sandwich aufgegessen habt, können wir das auch tun.«

»Ich kann gleichzeitig gehen und kauen«, gab Cahnyr milde zurück und stopfte die Uhr wieder in seine Tasche, um eine Hand für den Krug freizubekommen. »Ich kann sogar gleichzeitig gehen und schlucken, wenn ich mich ein bisschen konzentriere.«

»Dass Ihr das könnt, Eure Eminenz, bedeutet nicht, dass es Euch auch gut täte«, erwiderte sein gänzlich unbeeindruckter Diener. »Jetzt esst!«

Einen Moment lang blickte Cahnyr Tohmys nur an. Dann schüttelte er den Kopf und aß widerspruchslos weiter.

»Und: Hat uns die kleine Essenspause aus dem Zeitplan gebracht, Eure Eminenz?«

Für Fraidmyn Tohmys’ Verhältnisse war der Tonfall nur mäßig selbstzufrieden. Resignierend schüttelte Cahnyr den Kopf. Allerdings war es noch schlimmer, wenn – selten, aber durchaus vorgekommen – Tohmys nicht Recht hatte. Dann stieß selbst die Leidensfähigkeit eines Erzbischofs an ihre Grenzen.

»Nein, Fraidmyn, tatsächlich sind wir sogar ein wenig zu früh«, gestand er.

»Wer hätte das gedacht!«, murmelte Tohmys in sich hinein. Cahnyr tat, als habe er nichts gehört.

»Und was tun wir jetzt, Eure Eminenz?«, fragte der Kammerdiener nach einer kurzen Pause.

»Jetzt stecken wir unsere Köpfe hinaus und schauen, wie das Wetter ist«, entschied Cahnyr, griff wieder nach der Blendlaterne und machte sich daran, das eben Entschiedene in die Tat umzusetzen.

Am Ausgang aus dem Tunnel musste er sich ein wenig bücken. Von früheren Erkundungsgängen wusste Cahnyr, dass dieser Teil des Schachts erst recht spät entstanden sein dürfte: vermutlich viele Jahre, nachdem die eigentliche Mine aufgelassen worden war. Dieser Schacht war von außen in den Fels getrieben. Cahnyr hatte sich immer gefragt, wie enttäuscht die Leute, die ihn gegraben hatten, wohl gewesen waren, als sie zum alten Stollen durchbrachen und feststellen mussten, dass die Kohle, die sie zu finden gehofft hatten, längst abgebaut war.

Glücklicherweise hatten sie nicht allzu viel Arbeit leisten müssen, um zu dieser Erkenntnis zu kommen. Der ›neue‹ Schacht war kaum einhundert Schritt lang; zudem war er niedrig und nie richtig ausgebaut und abgestützt worden. Also war Vorsicht geboten, denn an den grob behauenen Wänden konnte man sich schmerzhafte Schürfwunden beibringen. Außerdem durfte Cahnyr dem Ausgang nicht zu nahe kommen, schließlich hielt er eine brennende Laterne in der Hand. Etwa fünfzehn Schritt vor dem Ausgang verengte er die Blende der Laterne zu einem schmalen Schlitz und tastete sich Schritt für Schritt weiter vor.

Mit jedem Schritt, der Cahnyr näher zum Ausgang brachte, wurde es kälter. Wieder sinnierte Cahnyr darüber, was den geheimnisvollen Briefschreiber dazu bewogen hatte, diesen abgelegenen Stolleneingang eines längst aufgelassenen Bergwerks als Treffpunkt auszuwählen. Gut, der Ort war durchaus mit Bedacht gewählt: eine bescheidene Poststation irgendwo in der tiefsten Provinz, zudem an der Kreuzung zweier unbedeutender, unbefestigter Bergsträßchen (eher Pfade als Straßen), die einander nur wie zum Gruß zunickten und sich sogleich wieder trennten. Obendrein war die Straßenführung verschlungen. Daher bevorzugten die meisten Reisenden die Hauptstraße, die dem Hauptmassiv der Tairys-Kette auswich. Auch wenn diese Verbindung länger war, führte sie doch durch ein Gebiet, das in der Provinz Gletscherherz als ›Niederung‹ durchging.

Einer der beiden Bergwege führte in südwestliche Richtung, zu den südlichen Ausläufern der Tairys-Kette und der Stadt Bergsee am Ufer des Gletschersees. Er wurde im Winter so gut wie gar nicht genutzt.

Im Winter dürfte in der Poststation sowieso nicht viel los sein. Die Eigentümer wären gewiss hocherfreut, überhaupt einen Gast aufzunehmen. Aber die Abgelegenheit der Station garantierte, dass niemand von dem Fremden erführe, bis das kleine Zeitfenster, das der geheimnisvolle Briefschreiber ausgewählt hatte, schon lange verstrichen wäre. Darüber hinaus lag besagte Station, vom Erzbischöflichen Palast aus betrachtet, nicht gerade günstig. Tatsächlich war sie von Tairys beinahe achtzig Meilen entfernt – Luftlinie. Reiste man über Land, musste man fast dreihundert Meilen zurücklegen. Selbst vom Gipfelhaus, hätte es eine Straße gegeben, hätte Cahnyr bis zur Wegkreuzung immer noch fast fünfundvierzig Meilen weit marschieren müssen – mitten im tiefsten Winter, durch unwegsames Berggelände. Dank der aufgegebenen Kohlenstollen würden Tohmys und er allerdings kaum mehr als fünfzehn Meilen von ihrem Ziel entfernt wieder ans Tageslicht kommen. Nur: das konnte der geheimnisvolle Briefschreiber, der wahrscheinlich aus Zion stammte, wohl kaum wissen. Vom fernen Zion aus musste die Wegkreuzung zweifellos der am ungünstigsten gelegene der drei möglichen Treffpunkte sein, die der Briefschreiber vorgeschlagen hatte. Der Erzbischof vermutete, eigentlich habe die Poststation nur Erwähnung gefunden, sollten alle anderen Treffpunkte für Cahnyr gänzlich unerreichbar sein. Er hielt es daher für beliebig unwahrscheinlich, dass jemand damit rechnete, Cahnyr könne die Poststation überhaupt erreichen.

Wir sind also hier, dachte Cahnyr und tastete sich in der Dunkelheit vorsichtig weiter vor. Aber ich weiß immer noch nicht, wie ich es anstellen soll, Kontakt aufzunehmen. Soll ich einfach in die Poststation hineinspazieren? Ich bin ja nun nicht gerade die unbekannteste Person in ganz Gletscherherz! Ich kann natürlich immer noch darauf hoffen, dass mich hier, so weit von Tairys entfernt, niemand erkennt. Aber irgendwie scheint es mir nicht sonderlich ratsam, mich darauf zu verlassen. Tja, wie könnte ich also möglichst diskret …

Mitten im Gedanken brach Cahnyr ab und erstarrte. Seine Augen, die sich schon an die Dunkelheit gewöhnt hatten, weiteten sich plötzlich. Licht! Da vorne war Licht, und …

»Eigentlich, Eure Eminenz«, sagte eine Stimme vor ihm, »hatte ich schon gestern Abend mit Euch gerechnet.«

Cahnyrs Augen wurden noch größer. Das konnte doch nicht sein!

»Gharth?!«, hörte er sich selbst heiser ausstoßen.

»Nun ja«, antwortete sein Sekretär und trat, in der Hand ebenfalls eine Blendlaterne, um die letzte Biegung des Stollens. Er grinste über das ganze Gesicht. »Meine Verwickelung in das Ganze hat die Zustellung des Briefs doch ein wenig vereinfacht, oder nicht, Eure Eminenz?«

»Sie sind ja völlig verrückt, Gharth!«, stellte Zhasyn Cahnyr mit sanftem, aber doch unverkennbarem Nachdruck wenige Minuten später fest. »Ich habe Gott weiß viele Jahre damit verbracht, Sie aus dem Ganzen herauszuhalten! Sie sind Familienvater – und Sahmantha ist schwanger, um Pasquales willen!«

»Ja«, bestätigte Gharth Gorjah mit einem bemerkenswert ruhigen Nicken. »Clyntahn hätte sich wirklich einen besseren Zeitpunkt für das Ganze aussuchen sollen, findet Ihr nicht auch?« Er warf seinem Vorgesetzten einen unbestreitbar strengen Blick zu, und im Schein der Laterne wirkte sein jugendliches Gesicht erstaunlich alt. »Solltet Ihr wirklich geglaubt haben, es sei Euch gelungen, mich die ganze Zeit über im Unklaren über Eure Aktivitäten zu lassen, Eure Eminenz, muss ich mich erstaunt fragen, wie ein derart untalentierter Verschwörer so lange hat unentdeckt bleiben können.«

»Aber …«, setzte Cahnyr an.

»Eure Eminenz, wir können uns, wenn Ihr wünscht, noch ein bisschen länger deswegen streiten«, fiel ihm Gorjah ins Wort, »aber wir sollten währenddessen schon weiterziehen. Sofern Ihr nicht einfach kehrtmachen, den ganzen Weg durch den Berg zurückstapfen und das Ganze schlichtweg vergessen wollt. Das allerdings würde ich nicht empfehlen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Teagmahn, diese Aasechse, jederzeit den Befehl erwartet, Euch festzunehmen.«

Cahnyr schloss den Mund wieder, und Gorjah tätschelte ihm sanft den Arm.

»Eure Eminenz, Ihr habt mich nicht in Eure Angelegenheiten hineingezogen. Alles, was ich tue, tue ich, weil ich mich bewusst dafür entschieden habe. Sahmantha hatte im Übrigen schon eine ziemlich genaue Vorstellung von meinen Überzeugungen, bevor ich um ihre Hand angehalten habe. Ich habe nichts unternommen, ohne mich zuvor mit ihr abzusprechen, und sie hat mich stets rückhaltlos unterstützt. Glaubt mir, sie denkt, was Clyntahns Wahl des Zeitpunkts angeht, genauso wie Ihr und ich. Und ich will auch nicht behaupten, sie habe keine Angst vor dem, was mit uns allen geschehen wird, allen voran mit den Kindern. Und mir selbst geht es nicht anders. Wir haben beide sogar entsetzliche Angst davor. Aber es ist ja nicht so, als hätten wir das nicht schon längst kommen sehen.«

»Aber was genau tun Sie, Gharth?«, bohrte Cahnyr nach. »Ich mag nicht glauben, Sie hätten lediglich herumgesessen und mich im Auge behalten, nur für den Fall, dass ich irgendwie in Schwierigkeiten geriete. Aber wenn Sie nicht aktiv an dem beteiligt waren, was ich in letzter Zeit so getan habe, woran waren Sie dann beteiligt?«

»Eigentlich, Eure Eminenz, habe ich tatsächlich vor allem herumgesessen und Sie im Auge behalten.« Gorjah zuckte mit den Schultern. »Ich werde Euch darüber berichten, sobald ich kann – sobald mir das gestattet ist. Aber im Augenblick nehmt bitte einfach zur Kenntnis, dass noch jemand über Euch und Eure Freunde im Tempel Bescheid weiß. Wer das ist, vermag ich nicht zu sagen. Ich weiß auch nicht über alles Bescheid, was Ihr getan habt. Aber ich weiß, warum Ihr mich nach einigen Dingen in den Unterlagen der Erzdiözese habt suchen lassen. Warum Ihr nach einem unumstößlichen Beweis für Korruption gesucht habt oder nach Anweisungen, die vom Tempel ausgingen, die für Gottes Vikare und Erzbischöfe schlicht unangemessen sind. Ich verstehe jetzt auch, warum Ihr manches Mal eigene Standpunkte vertreten habt in dem sicheren Wissen, damit bei den anderen Mitgliedern des Episkopats nicht gerade auf Begeisterung zu stoßen.

Ich muss zugeben, dass es mich zunächst tief getroffen hat, zu erfahren, dass etwas von wahrhafter Tragweite, etwas wirklich Gefährliches vorging, Ihr es mir aber vorenthalten habt. Anfangs dachte ich, Ihr würdet mir nicht vertrauen. Oder schlimmer noch: Ihr könntet denken, ich würde nicht empfinden wie Ihr, wann immer offenkundig wurde, dass Mutter Kirche ihre Pflicht zu tun versäumte. Dann aber habe ich begriffen, dass Ihr mich beschützen wollt – mich, Sahmantha, die Kinder. Und dafür war ich Euch noch inniger zugetan.«

Kurz drückte er Cahnyrs Arm, und seine Stimme war auf einmal sehr belegt. Er hielt inne und räusperte sich; dann sprach er weiter.

»Mir wurde auch klar, dass Ihr ganz Recht hattet. Ich musste auch an andere Menschen denken – Menschen, die dann, in Bédards Worten, zu Geiseln des Schicksals würden. Also habe ich zugelassen, dass Ihr mich ausschließt. Aber dann wurde ich angesprochen – von jemandem, der mich davon überzeugt hat, dass er nicht für die Inquisition arbeitet. Dieser Jemand wollte, dass ich in Gletscherherz bliebe und mir überlegte, wie man Euch von hier fortschaffen könnte, sobald das erforderlich würde. Darüber war ich froh, Eure Eminenz, wirklich froh.

Euer unbekannter Freund in Zion hat mich schon vor Monaten informiert, dass ein gewaltiger Schlag bevorstehe. Seitdem war ich mit Vorbereitungen beschäftigt. Teagmahn hat nichts mitbekommen, denn ich gehöre schon seit Jahren zum Kreis seiner Informanten.« Der Sekretär gestattete sich ein gehässiges Grinsen. »Das hat Euer Freund in Zion vorgeschlagen, um mich unverdächtig zu machen – neben anderen Strategien. Es gefiel mir nicht, aber Euer Freund hatte ganz Recht: Es war die ideale Tarnung. Alles, was ich Teagmahn berichtet habe, war die lautere Wahrheit. Also werde ich als sehr zuverlässige Quelle angesehen. Das hat zusätzlich noch einen anderen Vorteil: Teagmahn ist so sehr damit beschäftigt, Euch im Auge zu behalten, dass er nicht ein einziges Mal nach mir geschaut hat.«

Der Unterpriester zuckte mit den Schultern.

»Also, Eure Eminenz: Sahmantha und die Kleinen warten in der Poststation – deren Besitzer ist zufälligerweise einer ihrer Vettern. Er weiß nicht viel, nur, dass Ihr in Schwierigkeiten steckt. Aber ebenso wie eine erstaunlich große Zahl von Leuten hier in Gletscherherz verehrt er Euch zutiefst. Alles, was er tun muss, ist den Mund darüber zu halten, dass er uns gesehen hat. Meines Erachtens kann die Inquisition unmöglich auf die Idee kommen, Ihr hättet es irgendwie vom Gipfelhaus hierher auf die andere Seite des Tairys-Berges schaffen können – während einer der schlimmsten Schneestürme der letzten dreißig Jahre! Sie denken aber sicher auch nicht, Ihr wäret wieder den Berg hinabgestiegen und über Tairys selbst entkommen. Dennoch dürfte ihnen das immer noch deutlich einleuchtender erscheinen als das hier. Also werden sie sich wohl ganz auf den Verkehr konzentrieren, der durch die Stadt fließt, was heißt: auf den Verkehr auf dem Grauwasser und auf der Straße, die am Flussufer entlang nach Bergsee führt und von dort nach Siddar-Stadt. Währenddessen aber marschieren wir nach Westen, bis nach Klippenkuppe. Dann wenden wir uns nach Süden und durchqueren die Südmark bis nach Silkiah.«

Cahnyr starrte Gorath an. Es gab also einen geheimnisvollen Wohltäter, aha, einen mit so viel, ja schier unglaublich viel Weitblick, dass so weit im Voraus hatten Vorbereitungen für seine, des Erzbischofs, Flucht getroffen werden können! Nur Gorjah in die Sache hineinzuziehen, seine junge Familie diesen Gefahren auszusetzen, nein, das widerstrebte Cahnyr doch heftig. Nur hatte er ganz offenkundig die Dinge nicht mehr in der Hand – zumindest vorerst.

Die Heilige Schrift lehrt, dass Gottes Wege unergründlich sind, Zhasyn, mahnte er sich. Vergiss nicht, was du damals gedacht hast, als dieser Brief dich erreicht hat: Dieses Schreiben hat doch bewiesen, dass es noch andere gibt, die kommen sahen, was du vorausgesehen hast, die erkannt haben, was auch du und der ganze ›Kreis‹ erkannt habt. Cahnyr verzog die Lippen zu einem schiefen Grinsen. Und die besser organisiert sind als der ›Kreis‹! Wenn es andere gibt, fähig und willens, sich gegen einen übermächtig scheinenden Feind zu stellen, gänzlich unbemerkt, auch von mir, dann muss es in Clyntahns und Trynairs ach so sauberem Haus deutlich mehr Spinnenratten im Gemäuer geben, als ich mir hätte träumen lassen! Samyl hat wohl Recht – die wirkliche Veränderung, die echte Reform, braucht die Bedrohung von außen, durch die Kirche von Charis. Und im Schoß von Mutter Kirche gibt es mehr, die bereit sind zu handeln, als Clyntahn jemals vermutet hätte – oder ich jemals zu hoffen gewagt!

Bei diesem letzten Gedanken verspürte er tiefe Scham. Scham angesichts der Arroganz, die ihn davon abgehalten hatte, zu glauben, es könne noch andere solche Menschen geben. Scham, weil er Gharth Gorjah ausgeschlossen hatte, so hehr und edel seine Motive auch gewesen sein mochten – ausgeschlossen von etwas, dem der junge Priester doch so unbedingt angehören wollte. Scham, weil er, ein Erzbischof, daran gezweifelt hatte, Gott werde die Herzen und Seelen finden, wann immer Er sie brauchte und zu sich rief.

Sanft strich er dem jüngeren Priester über die Wange und lächelte ihn im trüben Licht der Laterne an.

»Ich halte Sie immer noch für verrückt«, sagte er leise, »aber wenn Sie verrückt sind, dann bin auch ich es. Und manchmal sind es Verrückte, die Gott braucht.«

.III.

HMS Chihiro, Gorath Bay, Königreich Dohlar

»Bischof Staiphan und Admiral Hahlynd kommen gleich längsseits, Mein Lord.«

Graf Thirsk blickte von dem Bericht auf, der auf seinem Schreibtisch lag. Gerade steckte Lieutenant Bahrdailahn den Kopf durch die Tür zur Kajüte hinein. Der Leutnant, ein recht gut aussehender junger Mann mit kohlenschwarzem Haar, war respektvoll wie immer. Er war Baron Westbars jüngster Bruder, daher bei gesellschaftlichen Anlässen nicht Lieutenant, sondern Sir Ahbail Bahrdailahn. Die Baronie seines Bruders lag im Südwesten des Herzogtums Windborne und besaß keinerlei Zugang zum Meer. Trotzdem hatte sich Bahrdailahn schon sehr früh für eine Karriere bei der Navy entschieden. Sein Bruder liebte es, von seinem Entsetzen zu berichten, als des kleinen Ahbails erste Worte ›Ahoi, du Landratte!‹ gewesen seien. Sicher war die Geschichte hemmungslos übertrieben. Doch ebenso sicher hatte Ahbails Familie, die schon seit Urzeiten Offiziere der Royal Army hervorbrachte, ihr Bestes getan, den Jüngsten von einem derart widernatürlichen Schritt abzuhalten. Zu Ahbails herausragendsten Eigenschaften aber gehörte Sturheit, und seine diversen Brüder, Schwestern, Cousins und Cousinen, Tanten und Onkel hatten jeglichen Versuch, ihn von seinem Entschluss abzubringen, bereits aufgeben, als er noch nicht einmal zwanzig Jahre alt gewesen war. (Seine Eltern waren schlau genug gewesen, bereits sehr viel früher die Segel zu streichen.)

Nun, etwa fünf Jahre später, war Bahrdailahn Thirsks Flaggleutnant. Der junge Mann hatte, gelinde gesagt, nicht allzu viel von diesem Posten gehalten, den man ihm angeboten hatte. Er hätte es vorgezogen, das Kommando einer der neuen Briggs zu übernehmen, oder, sollte das nicht möglich sein, als First Lieutenant auf einer Galeone zu dienen. Und ganz ehrlich: er wäre für beides mehr als qualifiziert gewesen. Gewiss, er war kein solcher Seebär wie manch Altgedienter bei der Navy. Das jedoch machte er mit seinem Eifer wett, die Seemannschaft zu erlernen – einem Eifer, den so mancher Offizier der so genannten Alten Navy vermissen ließ. An Mut oder Kampfkraft mangelte es Bahrdailahn auch nicht, ganz im Gegenteil.

Trotzdem hatte der junge Mann sich gefügt, ohne groß zu murren. Später gestand er Thirsk, ursprünglich habe er die Absicht gehabt, sich als hirnloser Adelsfatzke zu gebärden, damit Thirsk ihn so rasch wie möglich austauschen ließe. Er sei aber von diesem Plan rasch abgerückt, nachdem er erkannt habe, welch gewaltige Aufgabe es zu erfüllen gelte: der Aufbau einer brandneuen Navy. Es sollte eine Navy entstehen, die auf dem leistungsfähigen Modell der Charisianer basierte, was einen Aufbau von Grund auf bedeutete. Im Gegensatz zu allzu vielen Offizieren der Alten Navy hatte Bahrdailahn nicht nur verstanden, was Thirsk eigentlich zu erreichen versuchte, sondern war mit ganzem Herzen dabei. Zugleich war er auch scharfsinnig genug, zu erkennen, wie viele Feinde sich Thirsk dabei machte. Thirsk war bereit gewesen, das hinzunehmen – was Bahrdailahns Respekt vor seinem Vorgesetzten in Bewunderung für ihn umschlagen ließ. Dabei war es nicht geblieben: In den vergangenen anstrengenden Fünftagen und Monaten war aus Bewunderung Verehrung geworden.

Das erklärte vielleicht auch die versteckte Beklommenheit in Bahrdailahns Blick. Thirsk aber kannte den Leutnant mittlerweile zu gut, um das zu übersehen.

»Ich danke Ihnen für die Vorwarnung, Ahbail«, sagte der Graf jetzt. Er hörte schon die Pfeife des Bootsmanns und das Trappeln der Füße an Deck. Captain Baiket hatte die nahende Barkasse offenkundig ebenfalls bemerkt und ein Empfangskomitee antreten lassen.

»Bitte stellen Sie sicher, dass Mahrtyn sich uns anschließt!«, fuhr Thirsk fort. »Bitten Sie Paiair, eine Flasche meines besten Whiskys bereitzustellen und halten Sie selbst sich bereit, unsere Gäste nach achtern zu führen!«

»Jawohl, Mein Lord.« Bahrdailahn wollte sich schon wieder zurückziehen. Doch als Thirsk einen Finger hob, hielt der Leutnant inne. »Ja, Mein Lord?«

»Ich kenne Admiral Hahlynd schon seit vielen Jahren, Ahbail, und zumindest bislang habe ich den Eindruck, als sei Bischof Staiphan durchaus vernünftig. Ich rechne nicht damit, mir mit einem der beiden innerhalb der nächsten Stunden einen Kampf auf Leben und Tod zu liefern.« Er deutete ein Lächeln an. »Habe ich mich klar genug ausgedrückt?«

»Jawohl, Mein Lord. Selbstverständlich!« Vielleicht lief Bahrdailahn ein wenig rot an. Sonnenverbrannt wie er war, war das schlecht auszumachen. Der junge Mann lächelte verlegen. »Ich bitte um Verzeihung, Mein Lord«, sagte er in deutlich neutralerem Tonfall, »nur …«

Er unterbrach sich, schüttelte kurz den Kopf. Thirsks Lächeln wurde breiter.

»Glauben Sie mir, Ahbail, ich weiß genau, was Ihnen durch den Kopf geht! Ich weiß Ihre … Loyalität auch sehr zu schätzen.« In seinen Augen blitzte es schalkhaft auf, als Bahrdailahn die Geste machte, mit der ein Fechter einen Treffer bestätigte. »Aber ich glaube, niemand könnte die Arbeiter in den Werften noch mehr antreiben, als wir das ohnehin schon tun.« Das Lächeln wich einer deutlich ernsteren Miene. »Herzog Thorast und seine Freunde werden sich wohl einfach damit abfinden müssen, dass ich diese kleinen Ausbildungsmissionen durchführen lasse.«

Bahrdailahn wirkte, als hätte er dieser letzten Aussage nur zu gern widersprochen. Bahrdailahn war entfernt mit Herzog Windborne verwandt. Die Alltäglichkeit gewordenen, gelegentlich sogar tödlichen Streitigkeiten innerhalb des dohlaranischen Hochadels waren ihm so vertraut, als hätte er sie mit der Muttermilch aufgesogen. Er wusste ganz genau: Herzog Thorast und seine Verbündeten mochten in der Öffentlichkeit ihre Treue gegenüber Graf Thirsk betonen; sie ließen sich aber dennoch nie auch nur eine Gelegenheit entgehen, ihm in den Rücken zu fallen. Im Augenblick galten ihre Angriffe der ›schändlichen Trägheit‹, mit der die neue Flotte gebaut würde, und den von Thirsk befohlenen, wie sie fanden, unüberlegten und immens gefährlichen Ausbildungsmissionen. Beides hatte ganz offensichtlich zumindest am Rande mit der heutigen Besprechung zu tun – ob der Graf das nun einzugestehen bereit war oder nicht.

»Dann gehen Sie jetzt!« Mit einer Hand wedelte Thirsk, als wolle er seinen Untergebenen verscheuchen.

Bahrdailahn lächelte ihm noch einmal kurz zu, nickte und verschwand. Thirsk griff nach dem Bericht, in dem er gelesen hatte, und stieß die Blätter sorgfältig zu einem Stapel zusammen. Dann legte er sie in einen Aktenordner, den er in der Schublade seines Schreibtischs verschwinden ließ. Er erhob sich aus seinem Sessel und ging zum großen Heckfenster der Kajüte hinüber.

Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, blickte er durch das salzgefleckte Glas auf die Gorath Bay hinaus. Es war kalt, ein frischer Wind wechselte beständig die Richtung. Thirsk hoffte, Bischof Staiphan Maik und Admiral Pawal Hahlynd wären während der langen Fahrt hinaus zur Chihiro nicht übermäßig nass geworden. Durchgefroren wären sie auf jeden Fall. Thirsk blickte über die Schulter, als mit raschen Schritten Paiair Sahbrahan eintrat, sein Kammerdiener.

Sahbrahan war ein bemerkenswert kleiner Mann, noch kleiner als Thirsk, mit raschen, geschickten Händen. Paiair war außerordentlich effizient und scheute sich nicht im Mindesten, seinen Admiral recht ruppig an gewisse Kleinigkeiten zu erinnern – wie beispielsweise zu essen oder sich schlafen zu legen. Zugleich war er ein ausgezeichneter Koch, der sich sein Auskommen vermutlich sehr gut auch als Küchenchef hätte verdienen können, wenn ihm der Sinn danach gestanden hätte. Thirsk brachte ihm uneingeschränktes Vertrauen entgegen, was die Verwaltung des gräflichen Weinkellers und der Spirituosen betraf.

Sonderlich beliebt aber war der Kammerdiener bei Thirsks Stab oder seinem Haushalt nicht. Sie wussten Paiairs Fähigkeiten sehr wohl zu schätzen. Sie kannten allerdings auch seine Eitelkeit und Arroganz. Sahbrahan achtete peinlich (für so manchen schmerzhaft) genau darauf, dass jeder, der dem Grafen an Geburt oder Rang nicht gleichgestellt war, Thirsk gegenüber entsprechend unterwürfig auftrat, auch wenn Thirsk selbst das nicht tat. Paiair konnte Angestellte in Herbergen und Hotels mit überzogenen Forderungen – frische Laken hier, saubere Handtücher da, heißes Wasser, aber bitte plötzlich! – an den Rand des Wahnsinns treiben. An Bord eines Schiffes verhielt er sich nicht anders. So hatte er sich redlich den Ruf erworben, Kammerdiener und Stewards einfacher Schiffskapitäne hemmungslos zu schikanieren. Seine Streits mit Köchen und Zahlmeistern verschiedener Flaggschiffe waren sogar legendär.

Thirsk kannte die Schwächen seines Kammerdieners ebenso wie jeder andere auch. Sahbrahan selbst wusste, dass er sich dergleichen niemals in Gegenwart des Grafen leisten durfte. Thirsk hingegen war klar, dass es schwierig wäre, einen gleichwertigen Ersatz für Paiair zu finden. Abgesehen davon stand Sahbrahan schon seit fast acht Jahren in seinen Diensten.

Nun balancierte der Kammerdiener raschen Schrittes ein Silbertablett mit zwei Karaffen Whisky und einer Karaffe Brandy über den dicken Teppich, der die blanken Schiffsplanken verdeckte. Paiair stellte seine Fracht auf einem Beistelltisch ab und wandte sich an seinen Herrn.

»Ich habe mir erlaubt, den Stahlmyn, den Waykhan und den Tharistan zu bringen, Mein Lord«, erklärte er und deutete auf die jeweiligen Karaffen. »Ist das zu Ihrer Zufriedenheit?«

»Voll und ganz«, erwiderte Thirsk.

»Weiterhin habe ich die Kombüse angewiesen, heiße Schokolade für Ihre Gäste bereitzustellen, falls dergleichen gewünscht wird«, fuhr Sahbrahan fort. »Und Ihrem Wunsch entsprechend wird das Essen pünktlich um vierzehn Uhr serviert.«

»Gut.« Thirsk nickte. Dann jedoch blickte er an seinem Kammerdiener vorbei: Mahrtyn Vahnwyk, sein Privatsekretär und Erster Adjutant, war in die Admiralskajüte getreten.

Der Sekretär war deutlich größer als Sahbrahan, obwohl er sich immer ein wenig gebückt hielt. Trotz seiner Kurzsichtigkeit war er einer der besten Sekretäre, die Thirsk je zu haben das Glück beschieden gewesen war. Sahbrahan und Vahnwyk hassten einander aus tiefstem Herzen.

Der Graf beobachtete, wie die beiden Männer sich redlich mühten, einander in seiner Gegenwart keine finsteren Blicke zuzuwerfen, und dachte nüchtern: Nun, ich fürchte, eigentlich hasst jeder Paiair. Und so ungern ich das zugebe: mit Grund, wahrlich mit Grund!

»Falls der Herr Graf keine weiteren Wünsche hat, ziehe ich mich dann jetzt zurück und kümmere mich um die weiteren Vorbereitungen«, verkündete Sahbrahan steif. Thirsk nickte zustimmend. Der Kammerdiener reckte sich zu voller Größe auf, verneigte sich dann kurz und zog sich gemessenen Schrittes zurück … und schaffte es dabei, die Anwesenheit Vahnwyks geflissentlich zu ignorieren.

Bei Langhorne!, dachte Thirsk. Und ich dachte immer, die Stimmung zwischen mir und Thorast sei angespannt!

Den amüsanten Gedanken unterbrach Lieutenant Bahrdailahn, der an die Tür der Kajüte klopfte und diese auf Thirsks »Herein!« öffnete, um die Gäste des Admirals in dessen Kajüte zu lassen. Thirsk ging den beiden hohen Herren zur Begrüßung rasch entgegen.

Pawal Hahlynd war etwa so alt wie Thirsk selbst, dabei aber etwa einen Fuß größer und deutlich weniger wettergegerbt. Weihbischof Staiphan lag von der Körpergröße ziemlich genau zwischen Thirsk und Hahlynd, hatte dichtes, silbriges Haar und auffallend lebhafte braune Augen. Er war ein sehr vitaler Mann, wirkte stets, als strotze er vor mühsam zurückgehaltener Energie. Allerdings hatte Thirsk erfahren, der Bischof habe eine ernstliche Schwäche für Süßigkeiten. Eben diese Schwäche für Süßes jedweder Art war einer der Gründe, weswegen Maik geradezu fanatisch Sport betrieb. Aus gleicher Quelle wusste Thirsk, dass Maik sich redlich mühte, diese Schwäche nicht allgemein bekannt werden zu lassen – vermutlich weil er der Ansicht war, das passe nicht so recht zu einem Schueleriten, Mitglied eines Ordens, der stets nach Enthaltsamkeit und Selbstdisziplin strebte. Thirsk selbst empfand diese Schwäche eher als beruhigend – wenigstens ein Beleg dafür, dass der offizielle Intendant der Flotte, Schuelerit hin oder her, ein ganz normaler Mensch war.

»Mein Lord.« Der Graf begrüßte zunächst Maik. Er verneigte sich und hauchte einen Kuss auf den Ring an Maiks Hand, dem Zeichen der bischöflichen Würde. Dann richtete er sich wieder auf und streckte Hahlynd die Hand entgegen. Mit einem breiten Lächeln auf den Lippen griff sein Gast danach. »Pawal.«

»Admiral«, erwiderte Maik nun die Begrüßung und das Lächeln. »Es ist gut, Sie zu sehen, auch wenn ich gestehen muss, dass die Fahrt quer durch das Hafenbecken doch etwas … lebhafter war, als mir lieb gewesen wäre.«

»Ich bedauere, das zu hören, Mein Lord. Wie Sie wissen …«

»Bitte, bitte, Mein Lord!«, fiel ihm der Bischof ins Wort und hob mahnend die Hand, den Zeigefinger ausgestreckt. »Mir sind die Gründe – die offiziellen Gründe – für ein Zusammentreffen hier draußen durchaus bewusst.«

»Mein Lord?«, fragte Thirsk, zur Belustigung des Bischofs, ein wenig skeptisch nach. Doch die Belustigung war aufgesetzt, wie Bischof Maiks Stirnrunzeln deutlich verriet.

»Ich sagte, ich sei mir bewusst, warum wir uns an Bord Ihres Flaggschiffs treffen, nicht an einem deutlich bequemeren Ort an Land«, sagte er. »Und ich kenne auch durchaus die inoffiziellen Gründe. Etwa die Liste all der Personen, die sich bei einer Besprechung in einem entsprechenden Arbeitszimmer an Land noch zusätzlich hätten einfinden können.«

»Ich verstehe.« Thirsk blickte den Bischof an. Lange Zeit maßen die beiden einander mit Blicken. Dann lächelte der Kirchenmann erneut. Dieses Mal geriet das Lächeln ein wenig schief.

»Ausnahmsweise, Mein Lord Admiral, bin ich einmal ganz Ihrer Meinung, auch wenn ich das besser nicht zugeben sollte. Ich halte Ihre Strategie für nötig. Auch wenn diese Strategie zu noch schlechterer Stimmung zwischen Ihnen und Herzog Thorast führt.«

»Mein Lord, ich bedauere die … schlechte Stimmung zwischen Thorast und mir«, gab Thirsk ruhig zurück. »Sie hat sich angesichts der Entscheidungen, die ich habe fällen müssen, tatsächlich noch verschlechtert. Oder vielmehr: weil der Herzog diesen Entscheidungen Widerstand entgegenbringt und sie mir zutiefst verübelt.«

»Die Wahrheit ist, Graf Thirsk«, sagte Maik, durchquerte die Kajüte und ließ sich in einem der Sessel nieder, die vor Thirsks Schreibtisch standen, »dass Thorast Sie abgrundtief hasst. Er stellt sich gegen die von Ihnen gefällten Entscheidungen, ja, aber vor allem, weil sie von Ihnen stammen. Ob besagte Entscheidungen nun sinnvoll und angemessen sind oder nicht, tut dabei herzlich wenig zur Sache. Mit der Frage nach deren Sinn dürfte Thorast sich auch kaum befasst haben – wenn überhaupt.«

Thirsk konnte sein Erstaunen nicht verhehlen und Maik nicht seine wenn auch säuerliche Belustigung darob.

»Ich kenne die Lage«, sagte er. »Wäre es anders, wäre ich wohl kaum geeignet für das Amt des Navy-Intendanten! Bedauerlicherweise aber sehe ich keine Lösung für dieses Problem.« Er hielt inne und deutete dann auf die beiden noch freien Sessel: den einen neben sich und den anderen hinter Thirsks Schreibtisch. »Bitte, meine Herren, nehmen Sie doch Platz!«

Beide Admiräle gehorchten, auch wenn sich Thirsk dabei ertappte, sich ein Grinsen zu verkneifen. Es war schon erstaunlich, mit welcher Mühelosigkeit Maik es geschafft hatte, zumindest vorübergehend Herr über die Kajüte zu sein. Kurz blickte der Bischof zu Vahnwyk hinüber, kam aber offenkundig zu dem Schluss, man könne sich auf die Verschwiegenheit des Sekretärs verlassen. So schenkte er seine Aufmerksamkeit wieder ganz dem Grafen.

»Ich fürchte«, griff er seinen letzten Gedankengang wieder auf, »es gibt nichts, wodurch Sie ungeschehen machen könnten, dass Sie mit allen Ihren Warnungen vor der Schlacht vor dem Armageddon-Riff Recht hatten – und Thorasts Schwager Unrecht. Thorast wird Ihnen niemals die ungeheuerliche Frechheit vergeben, Herzog Malikais unfassbare Inkompetenz allen so deutlich vor Augen geführt zu haben.«

Thirsk lehnte sich in seinem Sessel zurück. Der Bischof ließ in einem etwas angespannten Lächeln kurz die Zähne aufblitzen.

»Natürlich hat auch Thorasts Bereitschaft, sich Ihnen entgegenzustellen, Grenzen«, fuhr er dann sehr nüchtern und analytisch fort. »König Rahnyld hat ihm gegenüber sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, dass es … wenig ratsam wäre, Sie im Augenblick allzu offen anzugreifen. In der mir eigenen, viel subtileren Art habe ich ihn das auch noch einmal wissen lassen, ebenso Bischof-Vollstrecker Ahrain. Daher beschränkt Thorast sich im Augenblick darauf, Gerüchte zu streuen, die selbst für die Inquisition nahezu unmöglich zurückzuverfolgen sind. Die Befehle aber, die Sie ihm zukommen lassen, führt er aus. Gut, er lässt sich dennoch keinerlei Gelegenheit entgehen, in den Berichten, die er für mich erstellt, wortreich seine sorgfältig begründeten Vorbehalte gegen eben diese Befehle darzulegen.« Maik verzog das Gesicht. »Das ist ein Recht und ein Privileg, das ihm zukommt. Bedauerlicherweise.«

»Mein Lord«, ergriff nun Thirsk das Wort, »ich weiß um Thorasts Vorbehalte gegen mich. Ich muss allerdings zugeben, dass mich Ihre Offenheit in dieser Sache … überrascht.«

»Nun, Admiral«, erklärte Maik, »Thorast verfügt über ein stabileres Netz aus Beziehungen als Sie. Lebenslange Übung. Sie hingegen haben auf Ihrer Seite lediglich Tugendhaftigkeit, Intelligenz, Mut, Geschick, Erfahrung und Integrität. Bedauerlich, aber wahr: alles Eigenschaften, die auf dem Schlachtfeld ungleich wichtiger sind als in Ratssälen und bei Hofe. Falls sich nichts drastisch ändert, wird es Thorast langfristig gelingen, Sie zu vernichten. Er wartet nur, bis die derzeitige Notsituation bereinigt ist.«

Über seinen Schreibtisch hinweg blickte Thirsk den Bischof schweigend an. Dieser erwiderte den Blick nachdenklich. Dann nickte er langsam.

»Ich sehe schon: Nichts von dem, was ich gesagt habe, überrascht Sie, Mein Lord. Mein Respekt! Ich gebe Ihnen mein Wort: Solange ich Intendant der Navy bin, vergesse ich nicht, wie Herzog Thorast zu Ihnen steht. Im Augenblick, seien Sie versichert, stehe ich ganz und gar hinter Ihnen! Ehrlich gesagt, wüsste ich auch nicht, wodurch sich das ändern sollte. Sicher wissen Sie, in der Politik erfahren, wie Sie sind, dass Mutter Kirche nicht über politische Ränke und Klüngelei erhaben ist. Herzog Thorast hat enge Beziehungen gleich zu mehreren einflussreichen Dienern Gottes. Es ist durchaus möglich … nein, wir sollten ehrlich sein: es ist praktisch sicher, dass er diese Beziehungen dazu nutzen wird, meine Position ebenso zu unterminieren wie die Ihre. Er braucht nur zu begreifen, dass ich im Streitfall Partei für Sie nehme.

Ich erwähne das nur aus einem Grund: Die einzige Möglichkeit, Ihnen den Handlungsspielraum zu lassen, den Sie brauchen, besteht darin, dass wir beide Erfolge vorweisen. Das muss geschehen, solange alle noch besorgt genug sind, um uns – oder vielmehr: Sie – gewähren zu lassen. Bitte: wir reden hier nicht nur von bedeutungslosen kleinen Erfolgen! Es geht hier nicht allein darum, dafür zu sorgen, dass die Flotte tatsächlich gebaut und bemannt wird. Das ist natürlich ohnehin die erste Voraussetzung. Es wird vielmehr erforderlich sein, Siege vorzuweisen.«

Mehrere Sekunden lang herrschte völlige Stille in der Admiralskajüte. Dann atmete Thirsk hörbar durch und blickte Maik konzentriert an, den Kopf ein wenig geneigt.

»Einen Sieg kann ich nicht versprechen, Mein Lord«, sagte er leise. »Kein Sterblicher könnte das, richtig. Aber hier gilt es, auch noch dies zu bedenken: Egal, wie gut unsere Schiffe gebaut sind, wie gut wir unsere Mannschaften ausbilden – unser Gegner ist die Navy von Charis! Ob sie nun Imperial Navy heißt oder Royal Navy – es bleibt die gleiche Navy mit den gleichen Admirälen, den gleichen Kapitänen, den gleichen Mannschaften. Es sind keine Übermenschen, ja – also kann man sie besiegen. Und trotzdem: momentan ist das die bestausgebildete, erfahrenste Kriegsflotte auf ganz Safehold! Vielleicht sogar die bestausgebildete, erfahrenste Kriegsflotte, die je über die Meere von Safehold kreuzen wird. Das heißt nicht, dass ich einer Schlacht gegen diese Navy ausweichen werde. Im Gegenteil! Nur heißt das, dass wir vermutlich noch mehrere Niederlagen erleiden müssen, bevor wir die ersten Siege erringen. Wir müssen das Handwerk, den Kampf auf See, erst noch erlernen. Allzu viele unserer Offiziere und unserer Matrosen fürchten den Ruf der Charisianer – ob unsere Männer das nun zugeben oder nicht. Man kann ihnen das nicht verübeln, denn der Ruf, in dem Charis steht, ist berechtigt. Er war schon berechtigt, bevor es zu den Schlachten vor der Felsnadel, in der Klippenstraße und im Darcos-Sund gekommen ist. Wir müssen also unseren eigenen Leute erst einmal genug Selbstbewusstsein den Charisianern gegenüber einimpfen, ehe sie in der Lage sein werden, gegen sie tatsächlich zu siegen.«

Nachdenklich blickte der Bischof sein Gegenüber an.

»Na, das war ein offenes Wort!«, meinte er.

»Wie ich es bevorzuge«, gab Thirsk unumwunden zurück.

»Was allgemein bekannt ist.« Maik lehnte sich in seinem Sessel zurück, die Fingerspitzen vor der Brust aneinander gelegt, die Lippen geschürzt. »Verstehe ich Sie richtig, Admiral?«, fragte er nach kurzem Schweigen. »Sie glauben eine Flotte aufstellen zu können, die langfristig in der Lage ist, es mit den Charisianern aufzunehmen, ja? Gleichzeitig aber glauben Sie, dass unsere Offiziere und Mannschaften zunächst eine Feuertaufe werden überstehen und Niederlagen einstecken müssen, richtig?«

»Ja, richtig«, erwiderte Thirsk. »Ich könnte mich natürlich täuschen. Nichts wäre mir lieber als das. Es ist durchaus möglich, dass wir früher als erwartet unsere zahlenmäßige Überlegenheit werden ausnutzen können. Und ich versichere Ihnen, Mein Lord: Ich habe die Absicht dafür zu sorgen, dass jedes unserer Geschwader, das sich in die Schlacht begibt, dieses Gefecht auch gewinnen will! Niemand soll davon ausgehen, dass die Niederlage unausweichlich ist, noch ehe der erste Schuss abgefeuert wurde! Außerdem sind Wind und Wellen unparteiisch, und die Ressourcen der Charisianer sind schon jetzt völlig ausgelastet. Sie können nicht überall in hinreichender Stärke auftreten. Wenn wir uns auf einzelne ihrer Kontingente konzentrieren und sie für örtlich begrenzte Gefechte von ihrer Verstärkung abschneiden, bevor wir uns auf eine ausgewachsene Schlacht einlassen, wird das die Situation sehr zu unseren Gunsten verändern. Aber ich kann nicht versprechen, dass das wirklich geschehen wird. Und wenn sich nicht genau solche Umstände einstellen, ja, dann werden wir wohl oder übel noch weitere Verluste hinnehmen müssen, bevor wir dem Feind Verluste bescheren können!

Wenn ich mein Ausbildungsprogramm abschließen und unsere derzeitigen Flaggoffiziere und Kapitäne dazu bewegen kann, in Galeonen-Taktiken und in auf Galeonen zugeschnittenen Strategien zu denken, rechne ich damit, dass wir letztendlich obsiegen. Wir verfügen über eine hinreichende Truppenstärke, und wir verfügen über die erforderlichen Ressourcen. Tatsache ist nun einmal, dass wir, im Vergleich Schiff gegen Schiff, nicht so gut zu sein brauchen wie die Charisianer, solange wir nur genug weitere Schiffe bauen können und fast so gut sind wie sie. Und ich denke, dafür kann ich sorgen … ob ich dann selbst noch das Kommando innehabe oder nicht.«

Es war das erste Mal, dass der Admiral das offen aussprach. In der Kajüte war es noch stiller geworden. Maik bedachte Thirsk mit einem langen, ruhigen Blick.

»Ich verstehe«, sagte der Bischof schließlich. »Mein Respekt vor Ihnen ist soeben noch weiter gestiegen. Ich hoffe natürlich, dass Sie sich täuschen. Ich hoffe, dass Sie die Gelegenheit erhalten, die Navy, die Sie gerade aufbauen, auch zum Sieg zu führen. Ich habe jetzt, glaube ich, deutlich besser verstanden, was Sie hier zu erreichen versuchen. Warum Sie beispielsweise so hartnäckig darauf bestanden haben, statt einzelner Schiffskompanien Geschwader zusammenzustellen, und warum Sie diese Geschwader zu Übungen auf See ausgeschickt haben – trotz der Witterungsschäden, die sich dann nun einmal nicht vermeiden lassen.«

Maik wechselte einen Blick mit Hahlynd, der bisher geschwiegen hatte – nicht etwa, weil er anderer Meinung gewesen wäre als Thirsk; das war ihm deutlich anzusehen. Sich Hahlynds Unterstützung sicher, nickte der Bischof bedächtig.

»Ihnen ist gewiss bewusst, Mein Lord«, sagte er schließlich und wandte sich wieder Thirsk zu, »dass Thorast Ihre Vorgehensweise mit genau dieser Begründung scharf kritisiert hat.« Der Bischof verzog das Gesicht. »Er kann ja schlecht kritisieren, wie sehr Sie den Schiffsbau und die Bemannung der Schiffe vorangetrieben haben. Also hat er seine Kritik dafür aufgespart, wie Sie diese Schiffe organisieren, sobald sie einsatzbereit sind … und wie sehr Sie Besatzung und Schiffe gleichermaßen fordern. Kurz gesagt lautet seine Meinung wie folgt: Da es ja noch seine Zeit dauert, bis ein Großteil der neu gebauten Schiffe letztendlich in Dienst gestellt werden, sei es wenig sinnvoll, diese kleinen Einheiten auslaufen zu lassen – vor allem im Winter, wo sie dann mit Schäden wieder in den Hafen zurückkehrten und die Werftarbeiter davon abhielten, sich um die neu zu bauenden Schiffe zu kümmern. Er ist der Ansicht, es sei ratsamer, unsere Kraft hier im Hafen zu sammeln, wo man an den Geschützen und den Segeln exerzieren könne, ohne sich in Gefahr zu begeben. Und das sollte man so lange so halten, bis wirklich alle Schiffe einsatzbereit seien. Welchen Sinn habe es, so meint er, Spieren, Masten und Segel, die sich nur schwer neu beschaffen lassen, den winterlichen Stürmen auszusetzen, wo sich doch im Umkreis von zweitausend Meilen von der Gorath Bay keine einzige charisianische Galeone befinde?«

»Wir verlieren nicht nur Spieren und Masten, Mein Lord. Wir verlieren auch Männer«, gestand Thirsk ein, ohne mit der Wimper zu zucken. »Aber das liegt nur daran, dass man die erforderlichen Fertigkeiten als Seemann eben nur auf See erwerben kann. Salzwasser ist ein sehr harter, strenger Lehrmeister. Ob uns das nun gefällt oder nicht: die charisianischen Matrosen sind die Besten der Welt, und Charis kann auf deutlich mehr gut ausgebildete Matrosen zurückgreifen als wir. Ein großer Prozentsatz unserer eigenen Besatzungsmitglieder hingegen besteht aus echten Landratten. Wenn die nicht Seemannschaft gelernt haben, wenn die Zeit gekommen ist, mit einem charisianischen Geschwader die Klingen zu kreuzen, dann ist alles, was sie lernen müssen, möglichst rasch die Flagge zu streichen!«

Der Graf verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf.

»Natürlich ist mir bewusst, dass Herzog Thorast mich dafür kritisiert, meine Schiffe auf bedeutungslose Kleinst-Einheiten aufzuteilen und auch noch für Reparaturkosten zu sorgen. Und natürlich weist er immer wieder und mit Nachdruck darauf hin, ich würde das Leben unserer Matrosen achtlos wegwerfen. Die Wahrheit ist: Hätten wir die Zeit, die Dinge anders anzugehen, würde ich ihm beipflichten!

Aber wir haben diese Zeit nicht. Die Charisianer wissen, dass wir eine neue Flotte bauen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sie die ersten Geschwader ausschicken, um etwas dagegen zu unternehmen. Dohlar ist Tausende von Meilen von Charis entfernt, gewiss, und die Charisianer haben wirklich genug andere Sorgen. Aber sie haben ihre Bereitschaft bereits unter Beweis gestellt, jede einzelne ihrer Galeonen bis zum Armageddon-Riff zu schicken – und da haben sie nicht einmal gewusst, wo genau sich unsere Schiffe befanden! Das ist ja wohl Grund genug, um mit Störmanövern ihrerseits zu rechnen. Ihre Flotte ist jetzt um einige schlagkräftige Kontingente größer, und dieses Mal wissen sie, wo sie uns finden können. Sie werden kommen, und wenn sie kommen, brauche ich kampfbereite Geschwader! Was haben wir da von einer gewaltigen Flotte, die nicht einsatzbereit ist? Wozu das führt, haben wir schon vor der Felsnadel und im Darcos-Sund erlebt! Ein sozusagen harter Kern an kampfbereiten Schiffen aber würde vieles ändern, auch wenn dieser harte Kern recht klein ausfällt. Wir hätten die Chance, uns den Charisianern zu stellen und ihnen ebenbürtig zu sein, zumindest fast.«

»Ich verstehe, Admiral Thirsk«, erwiderte Maik leise. »Und ich bin ganz Ihrer Ansicht. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um Sie zu unterstützen, sowohl Mutter Kirche gegenüber als auch vor Seiner Majestät. Natürlich werde ich hin und wieder nicht den … direkten Weg dabei wählen können. Wie ich bereits angedeutet habe, hat der Herzog einflussreiche Verbündete und verfügt über Beziehungen. Je länger er glaubt, ich wäre nicht auf Ihrer Seite, umso mehr Zeit vergeht, ehe er seine Beziehungen spielen lässt.«

Thirsk nickte. Der Bischof gestattete sich ein schmales Lächeln.

»Mir fallen schon jetzt ein paar Möglichkeiten ein, einige seiner Einwände abzuschwächen, wenigstens vorerst. Wahrscheinlich wird Thorast nicht einmal begreifen, dass ich das ganz gezielt tue. Und ich denke, es wird von immenser Wichtigkeit sein, dass Sie und ich diskret – wirklich äußerst diskret, Admiral! – in Kontakt bleiben … abseits der offiziellen Kommunikationswege.« Er schüttelte den Kopf. »Die Verteidiger von Mutter Kirche sollten es wirklich nicht nötig haben, sich im Schatten zu verbergen. Schließlich wollen sie nichts, als diese Verteidigung möglichst effektiv zu machen. Bedauerlicherweise benutzt der Mensch den freien Willen, den er als Geschenk von Gott erhielt, nicht immer so, wie es vernünftig wäre. Manche von uns sind echte Esel, nicht wahr?«

Überrascht lachte Thirsk auf.

»Nun«, fuhr der Bischof daraufhin fort, »es hat ja keinen Sinn, sich vorzumachen, ein Unkraut sei in Wirklichkeit eine wunderschöne Rose! Unbenommen, dass ich einen gewissen Adeligen, von dem heute die Rede war, für einen Haufen Drachendung halte, der nur wie eine Rose duftet. Also, wie viel es letztendlich bewirken mag: Sie haben meine Unterstützung. So lange ich dazu in der Lage bin, werde ich dafür sorgen, Ihnen besagten Dunghaufen vom Leib zu halten. Davon abgesehen«, nun blickte der Bischof Thirsk geradewegs in die Augen, und mit einem Mal wirkte seine Miene sehr, sehr ernst, »liegt nun alles bei Admiral Hahlynd und Ihnen.«

.IV.

Kahsimahr-Gefängnis, Stadt Manchyr, und Klippenhaus, Stadt Vahlainah, Grafschaft Craggy Hill

Pater Aidryn Waimyn stand vor dem vergitterten Fenster seiner Zelle und starrte den Galgen im Gefängnishof an. Im Laufe der letzten Fünftage war dieser Galgen erschreckend häufig genutzt worden. Mindestens ein Viertel aller Verurteilten, die jene letzten Holzstufen zur Schlinge emporgestiegen waren, hatte Waimyn wiedererkannt.

Ich sollte mich wohl geschmeichelt fühlen, dass sie mich dafür ausgewählt haben, der Letzte zu sein, dachte er. Diese Mistkerle!

Sein Gesicht verriet seine Anspannung. Seine Nasenflügel bebten, als er mit der Hand über den schlichten, grob gewebten Gefängnis-Kasack strich, gegen den er seine Soutane hatte eintauschen müssen. Man hatte die Güte besessen, ihm sein Zepter zu lassen. Nun betasteten seine Fingerspitzen die vertraute, tröstlich schwere Kette, die er um den Hals trug. Mehr aber hatte man ihm nicht zugestanden. Seine Finger verkrampften sich um das Zepter. Er lehnte den Kopf gegen die Gitterstäbe und spürte erneut, wie Zorn und – schwer, das zuzugeben – Entsetzen ihn zu übermannen drohten.

Er hatte immer noch keine Ahnung, wer ihn verraten hatte. Irgendjemand musste es getan haben! Schlimmer noch, es musste jemand aus seinem eigenen Orden gewesen sein. Das kam ihm gallebitter an. Doch so sehr er sich auch sträubte, der Wahrheit ins Antlitz zu schauen: Nur so konnte dieser auf ewig verdammte Gahrvai gewusst haben, wo man ihn im Kloster Sankt Zhustyn hatte finden können. Nur der Schueler-Orden wusste von den verborgenen Räumen, von dem geheimen Eingang am Ende des sorgfältig versteckten Tunnels. Es musste jemand gewesen sein, der Waimyn sehr nahe gestanden hatte, jemand, dem er vertraut hatte. In jener katastrophalen Nacht seiner Verhaftung hatten Gahrvai und die anderen Verfluchten des Regentschaftsrats die gesamte Organisation enthauptet, die Waimyn unter so großer Mühe aufgebaut hatte. Nein: nicht nur enthauptet, völlig zerschlagen! Es drehte Waimyn den Magen um – und zwar buchstäblich: Er spürte, wie schon wieder Übelkeit in ihm aufstieg –, wenn er nur daran dachte: Gebürtige Corisandianer, die behaupteten, Gott zu lieben, hatten wissentlich und bewusst den einzigen organisierten Widerstand in Manchyr zerschlagen! Und dessen Ziel war doch kein anderes, als den Schmutz, das Gift und die Lügen der verfluchten, abtrünnigen Ketzer zu bekämpfen, die auf der Seite der ›Kirche von Charis‹ standen!

Waimyn schluckte den Brechreiz hinunter und zwang sich dazu, tief durchzuatmen. Dann öffnete er wieder die Augen und starrte erneut den Galgen an.

Morgen wäre es an ihm, diese Stufen zu erklimmen. Er spürte, wie bei diesem Gedanken die Furcht aufstieg. Doch noch war der Zorn größer als die Angst. Waimyn war bereit, für Gott zu sterben. Er würde nicht dafür um Verzeihung bitten, Gottes wahren Willen verteidigt zu haben, Seinen Plan für die Menschheit. Es war Waimyns Aufgabe gewesen, die gottlosen Lügen und die Verderbtheit der anderen zu bekämpfen! Doch er war ein geweihter Priester. Er war kein einfacher Straftäter, kein kleiner Krimineller, der durch die ungeweihten Hände der weltlichen Autoritäten gehenkt werden durfte – selbst wenn er einen einzigen Herzschlag lang die Rechtmäßigkeit dieser Autorität anerkannt hätte! Die Heilige Schrift selbst lehrte das unmissverständlich: Nur Mutter Kirche besaß Autorität über ihren Klerus. Nur sie konnte ein Strafmaß festlegen, und nur ihr stand es zu, diese Strafe auch zu vollstrecken.

Aber auch dafür haben die eine Antwort parat, nicht wahr? Waimyn fletschte die Zähne, und seine Hände verkrampften sich so fest um das Zepter an seinem Hals, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Den weltlichen Autoritäten steht es nicht zu, einen Priester zu hängen? Na, dann erkennen wir ihm doch seine Priesterwürde ab!

Und genau das hatten sie getan. Die exkommunizierten Verräter hatten es gewagt – sie hatten es wirklich und wahrhaftig gewagt! –, einem Priester das geistliche Amt zu entziehen, das der Großvikar persönlich ihm im Tempel verliehen hatte! Sie stellten ihren Shan-wei-verwünschten Stolz und ihre Arroganz über alles andere, noch über die Erzengel und selbst über Gott. Sie hatten Waimyn tatsächlich erklärt, er sei nicht länger ein Priester Gottes. Sie erklärten, sie – sie! – hätten das Urteil gefällt, er sei nicht nur in den Augen dieser weltlichen Marionetten aus Charis ein Verbrecher, sondern auch vor dem Gesetz Gottes. Sie hatten erklärt, die Hinrichtung des Ketzers Hahskans sei nicht etwa im Namen der Inquisition vollstrecktes Recht, sondern schlicht und einfach Mord gewesen. Und der noch viel schlimmere Ketzer Gairlyng – ›Erzbischof‹ Klairmant, ha! – hatte den Vorsitz gehabt und erklärt, er, Waimyn, habe dadurch, dass er diese Hinrichtung angeordnet habe, die Heiligkeit der Priesterwürde verletzt. Gairlyng, der abtrünnige, exkommunizierte Ketzer, hatte ein Urteil über den rechtmäßigen Intendanten von Corisande gesprochen! In einer profanen, ketzerischen Verletzung jedes einzelnen kirchenrechtlichen Gesetzes hatte er Waimyn aus der Priesterschaft der Kirche ausgestoßen. Die Begründung: er habe einen Konfrater, einen Bruder und ein unschuldiges Kind Gottes foltern und ermorden lassen. Ha! Ermorden!

Waimyn hatte vorher nicht glauben wollen, jemand könne derart unverschämt sein. Sich vor Gott versündigen und sich selbst diese Autorität anmaßen! Doch genau das hatte dieser so genannte Erzbischof getan, und die weltlichen Autoritäten hatten sein Urteil akzeptiert. Ja, sie hatten es sogar begrüßt.

Waimyn bemerkte, dass er schon wieder mit den Zähnen knirschte. Er zwang sich zur Ruhe. Leicht fiel es ihm nicht. Während dieses Fünftages, den seine Inhaftierung nun schon andauerte, hatte er es sich angewöhnt, auf diese Weise seine Anspannung abzubauen. Er verzog die Lippen zu einem freudlosen Grinsen, als ihm durch den Kopf ging, dass er sich wenigstens über dieses Problem nicht mehr allzu lange würde Sorgen machen müssen.

Er wandte sich vom Fenster ab und ging langsam in seiner Zelle auf und ab. Wahrscheinlich war diese Zelle noch besser als die meisten anderen. Aber es war immer noch eine Zelle, die für einen gewöhnlichen Kriminellen gedacht war. Zehn Fuß lang, zehn Fuß breit, mit einer schmalen Pritsche, einem Tisch, einem Stuhl, einem Wasserkrug, einer Waschschüssel, einem zerbeulten Becher und einem Nachttopf. Das war alles, von einer Ausgabe der Heiligen Schrift abgesehen, die man ihm ach-so-gütigerweise zugestanden hatte. Die Kargheit der Zelle war nur eine weitere wohlbemessene Beleidigung, eine Möglichkeit, Verachtung für einen Mann zu zeigen, der in Wahrheit Mutter Kirches Auserwählter Wahrer Krieger war.

Letztendlich jedoch hatten seine Feinde nicht den Mut – oder die Unverfrorenheit – aufgebracht, das in die Tat umzusetzen, was sie zuvor so lautstark verkündet hatten. Aidryn Waimyn wusste nur zu gut, welche Strafen das Buch Schueler für diejenigen vorsah, die man der Dinge schuldig befand, für die diese Ketzer Waimyn verurteilt hatten. Ja, was dem Verräter Hahskans widerfahren war, kam den eigentlich vorgesehenen Strafen noch nicht einmal nahe! Aber mehr hatte man in der Zeit, die ihnen geblieben war, und mit den Geräten, die ihnen zur Verfügung gestanden hatten, nun einmal nicht tun können.

Waimyn war Schuelerit. Er kannte die Strafen genau, jawohl! Ja, richtig, er war, ob er wollte oder nicht, zutiefst dankbar dafür, dass diese Ketzer zu feige gewesen waren, ihn der peinlichen Befragung zu unterziehen oder die Strafen zu verhängen, die Schueler vorsah. Zu Recht fürchtete ein jeder aufs Rad geflochten zu werden. Jedem jagte der Gedanke an die Streckbank und die weiß glühenden Eisen Furcht ein, an die Entmannung und das Blenden, daran, dass der Bauch aufgeschlitzt und einem bei lebendigem Leibe die Eingeweide herausgerissen wurden, bis schließlich das Feuer kam. Schueler hatte nicht nur strafen wollen, sondern auch Straftaten verhindern. Doch hätten ›Erzbischof‹ Klairmant und seine Schoßhündchen, dieser so genannte Regentschaftsrat, wahrhaft den Mut besessen, zu ihren Überzeugungen zu stehen, dann hätten sie angeordnet, an Waimyn für seine angeblichen Verbrechen die gesamte Strafe Schuelers zu vollziehen. Sie hätten sich nicht dafür entschieden, ihn einfach nur zu hängen.

Verächtlich schürzte Waimyn die Lippen, als er an das zurückdachte, was bei der ›Kirche von Charis‹ eine ›Vernehmung‹ genannt wurde. Sie weigerten sich, selbst die harmlosesten Techniken der Inquisition anzuwenden. Schlafentzug, gewiss, und zahllose Verhörführer, die nacheinander kamen und Fragen stellten, Fragen stellten und Fragen stellten. Waimyn musste zugeben, dass sie ihm mehr entlockt hatten, als er selbst erwartet hatte. Das lag aber vor allem daran, dass sie so viel bereits gewusst hatten. Es war ihm viel schwerer gefallen, als er je gedacht hätte, ihre Fragen nicht zu beantworten. Schließlich hatten sie bereits deutlich gezeigt, dass sie zwei Drittel aller Antworten schon kannten, bevor sie die zugehörigen Fragen stellten. Und als die Müdigkeit immer weiter zugenommen hatte, war es Waimyn schwerer und schwerer gefallen, das eine oder andere nicht doch auszuplappern.

Aber das große Geständnis haben sie mir nicht abringen können, dachte er grimmig. Sie sind dem näher gekommen, als sie ahnen, und das mehr als einmal. Aber sie haben es mir nie abgerungen! Wenigstens das Geheimnis bleibt gewahrt. Sie haben gewusst, wer diesen Befehl erteilt hat – oder sie haben es bei Shan-wei vermutet. Aber ganz offensichtlich haben sie keinen einzigen Beweis dafür, und wenigstens Cahmmyng muss ihnen entkommen sein. Dieser Mistkerl hätte mich augenblicklich verraten, wenn man ihm ein entsprechend verlockendes Angebot gemacht hätte. Aber mich haben sie nicht dazu gebracht, es auszuplaudern. In seinen Augen flackerte grimmiger, hasserfüllter Triumph – und Verachtung für seine Feinde. Diese Narren! Mit der richtigen Befragungsart kann jeder zum Geständnis gebracht werden. Das weiß ein Inquisitor doch besser als jeder andere! Wären sie bereit gewesen, mich der peinlichen Befragung zu unterziehen, dann hätten sie mir alles abgerungen. Aber das haben diese Feiglinge ja nicht gewagt!

Die weltlichen Autoritäten waren deutlich eher bereit gewesen, auch … härtere Techniken anzuwenden. Ja, Waimyn war ernstlich schockiert darüber, mit welcher Bereitschaft einfache Soldaten ihn mit ihren groben, gottlosen Händen gepackt hatten. Anscheinend war Hahskans, dieser Verräter, bei Gahrvais Truppen noch beliebter gewesen als bei der einfachen Bevölkerung von Manchyr. Als die Soldaten erfuhren, dass Waimyn den Befehl erteilt hatte, den Priester entführen und hinrichten zu lassen, hatte der blanke Hass in ihren Augen gelodert. Das hatte den Intendanten zutiefst entsetzt – und mehr noch die Fausthiebe und Fußtritte, die er anschließend über sich hatte ergehen lassen müssen. Man hatte ihn übel zusammengeschlagen; halbnackt und blutüberströmt hatte er auf dem Boden gelegen, kaum noch bei Bewusstsein, ehe ein Captain, zwei Lieutenants und vier lautstark herumbrüllende Sergeants ihn retteten. Auch hier im Gefängnis war es ein- oder zweimal vorgekommen, dass ein Wärter ihn hatte stolpern lassen. Zwei von ihnen hatten Waimyn sogar mit methodischer Grausamkeit übel verprügelt. Sie waren aber so geschickt gewesen, dass für einen nichts ahnenden Beobachter keinerlei Prellungen zu erkennen gewesen waren.

Zunächst hatte Waimyn geglaubt, die Soldaten, die ihn damals zusammengeschlagen hatten, hätten das auf direkte Anweisung ihrer Vorgesetzten hin getan. Er hatte gedacht, dass sei das wahre Antlitz der ›Kirche von Charis‹, die doch öffentlich die Methoden der Inquisition zurückwies. Doch nach und nach begriff Waimyn, dass er sich getäuscht hatte. Die Angriffe gegen ihn waren zu unkoordiniert und ineffizient gewesen – gemessen an dem, was ein Inquisitor, der diesen Titel wahrhaft verdiente, bewerkstelligt hätte, auch bevor ein Gefangener offiziell der peinlichen Befragung unterzogen worden wäre. Während seines eigenen Noviziats war Waimyn selbst mindestens ein Dutzend Mal bei dergleichen zum Einsatz gekommen.

Darüber hinaus waren mindestens drei der Wärter, die für seine ›Sonderbehandlung‹ verantwortlich gewesen waren, durch ihre Vorgesetzten hart diszipliniert worden. Danach hatte man ihn auch weiterhin schikaniert, aber die, die man bestraft hatte, beteiligten sich nicht mehr daran.

Dass die Ketzer sich an das hielten, was sie sagten, hatte Waimyn mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Einerseits verachtete er sie für ihre Weigerung, ihn effektiv zu verhören. Andererseits war da etwas, das ihn immer noch schockierte und verwirrte: Diese Soldaten hatten eigenmächtig gehandelt. Sie waren so wütend über Hahskans Tod, dass sie allen Ernstes ihren ausdrücklichen Befehlen zuwiderhandelten und einen geweihten Priester verprügelten und misshandelten.

Und schlimmer, viel schlimmer noch, war die niederschmetternde Erkenntnis, dass die Soldaten in ihrer Wut ganz und gar nicht allein dastanden.

Trotz aller Vorwürfe gegen Waimyn hatte man ihm gestattet, Kontakt mit dem Klerus zu halten. Sicher war das aus kalter Berechnung geschehen. Dennoch war Waimyn dafür sehr dankbar. Man hatte ihm sogar gestattet, mit einem echten Priester zu sprechen – einem von Gottes tatsächlichen Dienern, der die Integrität, den moralischen und spirituellen Mut aufgebracht hatte, ein offen gottergebener Tempelgetreuer zu sein. Nein, die Ketzer hatten Waimyn nicht die Gelegenheit gegeben, ihren eigenen falschen, gottlosen Klerus zurückzuweisen. Man hatte ihm auch gestattet, zur Beichte zu gehen. Aber als verurteilter Mörder war es ihm nicht gestattet, Gespräche unter vier Augen zu führen, nicht einmal mit seinem Beichtvater. Ein Priester der ›Kirche von Charis‹ war stets anwesend. Dieser hatte natürlich geschworen, das Beichtgeheimnis zu wahren. Waimyn glaubte nicht einen einzigen Moment lang daran. Daher hatte er nicht die Möglichkeit besessen, mit Hilfe seines Beichtvaters Nachrichten aus dem Gefängnis herauszuschmuggeln. Allerdings gab es nach Gahrvais erfolgreichem Schlag gegen Waimyns Organisation sowieso keinen Adressaten für eine solche Nachricht mehr.

Sein Beichtvater besuchte Waimyn dreimal je Fünftag in seiner Zelle. Auf diese Weise erfuhr Waimyn, was sich jenseits der Gefängnismauern abspielte. Die Berichte seines Beichtvaters aber, der erst geschwiegen hatte, vielleicht aus Mitleid mit dem Intendanten, bestätigten nur, was Waimyns Häscher ihm schon hämisch an den Kopf geworfen hatten. Waimyn war gescheitert – voll und ganz.

Und nun würde man ihn also hängen. Sein großes Werk im Namen Gottes würde ausgelöscht – nur wegen der törichten Leichtgläubigkeit und schwärmerischen Sentimentalität dieser ignoranten, ungewaschenen Schwachköpfe! Denn ein Schwachkopf war, wer sich wegen eines einzigen Provinz-Pfarrers aufregte, den das angemessene Schicksal ereilt hatte, das Gott und die eigenen Gelübde ihm beschert hatten.

Aidryn Waimyn schloss wieder die Augen, ging auf und ab, hin und her. Dabei brannte er vor Hass, entzündet durch einen Lavastrom aus Verzweiflung ob des eigenen Scheiterns.

»Es ist bestätigt, Eure Eminenz«, erklärte Wahlys Hillkeeper, seine Zeichens Graf Craggy Hill, mit grimmiger Miene. »Gerade ist ein Läufer von der Semaphorenstation eingetroffen. Heute Morgen haben sie ihn gehängt.«

»Mögen Gott und die Erzengel ihn als einen der ihren willkommen heißen«, murmelte Bischof-Vollstrecker Thomys Shylair und schlug das Zeichen von Langhornes Zepter.

Einen Moment lang senkte sich völlige Stille über das prachtvoll eingerichtete Gemach. Es war so leise, dass man das Stimmengewirr und die Geräusche der Stadt Vahlainah selbst durch die dicken Mauern der gräflichen Residenz hören konnte. Der allgemein Klippenhaus genannte Palast war mehr Herrensitz als Festung, auch wenn er von einer zwanzig Fuß hohen Mauer umgeben war. Zugleich war das Gebäude groß genug und verfügte über genügend … unauffällige Ein- und Ausgänge, dass sich Shylair hier sicher fühlte. Gut, das Klippenhaus war nicht so abgelegen und auch nicht so sicher wie das winzige Kloster außerhalb von Serabor. Dort war Shylair zu Gast bei Amilain Gahrnaht gewesen, dem rechtmäßigen Bischof von Larchros. Dennoch fühlte er sich hier sicher, vor allem, seit Craggy Hill, Storm Keep und Larchros heimlich die Truppenstärke ihrer Leibwache aufgestockt hatten.

Und um ganz ehrlich zu sein, dachte Shylair jetzt, ich fühle mich hier sogar deutlich sicherer als seinerzeit in Sardor.

Der Bischof-Vollstrecker war gut darin ausgebildet, sich Gefühlsregungen keinesfalls anmerken zu lassen. Niemand hätte gemerkt, wie sehr er sich beherrschen musste, nicht das Gesicht zu verziehen. Zusammen mit Mahrak Hahlynd, seinem Sekretär und Gehilfen, war er fast einen Monat lang Gast von Mailvyn Nohrcross gewesen, dem Bischof von Barcor. Nohrcross war einer der ranghöheren Kirchenmänner, die der ›Kirche von Charis‹ die Treue geschworen hatten, um ihren Bischofsstuhl behalten zu dürfen. Er hatte Shylair nach seiner Flucht aus Manchyr einen vielversprechenden Zufluchtsort angeboten. Doch dabei hatte sich herausgestellt, dass Nohrcross’ Palast in Sardor, der Hauptstadt der Baronie Barcor, längst nicht so geeignet für seine Zwecke war, wie Shylair sich das erhofft hatte.

Nohrcross’ Treueschwur auf die neue Kirche hatte weder ihm noch Shylair sonderlich Kopfzerbrechen bereitet. Denn niemand konnte einen bindenden Eid auf jemanden ablegen, den Mutter Kirche offiziell exkommuniziert hatte. Nohrcross’ Entrüstung und sein Zorn über die Ketzerei der ›Kirche von Charis‹ war Shylair aufrichtig erschienen – selbst wenn ein Bischof, der offiziell eben jener Kirche die Treue geschworen hatte, sehr genau aufpassen musste, was er in der Öffentlichkeit sagte und tat. Außerdem war der Bischof von Barcor jetzt schon viel zu sehr in die ganze Sache verstrickt, um sich einfach zurückziehen zu können. Doch das hatte Shylair auch nicht glücklicher darüber gemacht, dass er, was seine Sicherheit betraf, auf den Baron Barcor angewiesen war.

Shylair war zu dem Schluss gekommen, Sir Zher Sumyrs, der derzeit den Titel des Barons führte, wäre deutlich besser darin, Prahlereien und große Versprechungen hervorzubringen, als diese auch in die Tat umzusetzen. Das Ausmaß, in dem er seine persönliche Leibgarde aufgestockt hatte, war geradezu armselig im Vergleich zu den Ergebnissen, die Craggy Hill und Baron Larchros vorzuweisen hatten. Und so sehr Barcor auch im Gespräch unter vier Augen weitschweifig Garantien für die Sicherheit seiner Gäste abgab, wollte er offenkundig das Risiko nicht eingehen, diesen Garantien entsprechend auch zu handeln. Er hätte ja, oh je!, die Aufmerksamkeit des verhassten Sir Koryn Gahrvai und des restlichen so genannten Regentschaftsrats auf sich ziehen können. Mit anderen Worten: Barcor war ein Feigling. Reden schwingen konnte er … und, ja gut, große Summen in die Widerstandsbewegung investieren.

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