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NIMUE ALBAN: Die eiserne Festung

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. September, im Jahr Gottes 893
  7. .I. – Echsenherdenplatz, Stadt Manchyr, Fürstentum Corisande
  8. .II. – Maikelberg, Herzogtum Eastshare, Königreich Chisholm
  9. .III. – Königlicher Palast, Stadt Talkyra, Königreich Delferahk
  10. .IV. – Stadt Manchyr, Herzogtum Manchyr, Fürstentum Corisande
  1. Oktober, im Jahr Gottes 893
  2. .I. – Merlin Athrawes’ Aufklärer-Schwebeboot, in safeholdnaher Umlaufbahn, geostationär über dem ›Amboss‹
  3. .II. – Nimues Höhle, die Berge des Lichts, die Tempel-Lande
  4. .III. – Castle Mairwyn, Stadt Serabor, Baronie Larchros, Fürstentum Corisande
  5. .IV. – König-Ahrnahld-Turm, Königlicher Palast, Stadt Gorath, Königreich Dohlar
  6. .V. – Palast des Erzbischofs, Stadt Tellesberg, Königreich Charis
  7. .VI. – Kirche Sankt Kathryn, Kerzenziehergasse, Stadt Manchyr, Fürstentum Corisande
  8. .VII. – IHNS Eisechse, Stadt Yu-Shai, Provinz Shwei, Kaiserreich Harchong
  1. November, im Jahr Gottes 893
  2. .I. – Kaiserlicher Palast, Stadt Cherayth, Königreich Chisholm und an Bord von HMS Dawn Wind, ›Straße der Delfine‹
  3. .II. – Erzbischöflicher Palast, Stadt Manchyr, Fürstentum Corisande
  4. .III. – Königlicher Palast, Stadt Manchyr, Fürstentum Corisande
  5. .IV. – HMS Rakurai, Gorath Bay, Königreich Dohlar und HMS Devastation, Kings Harbour, Helen Island, Altes Königreich Charis
  6. .V. – Stadt Fairstock, Provinz Malansath, im Westen des Kaiserreiches Harchong
  7. .VI. – Vor Hennet Head, Golf von Mathyas
  8. .VII. – Erzbischöflicher Palast, Stadt Tairys, Provinz Gletscherherz Republik Siddarmark
  1. Februar, im Jahr Gottes 894
  2. .I. – Arbeitszimmer von Herzog Kholman, Stadt Iythria, Jahras-Golf Kaiserreich Desnairia
  3. .II. – Eissegler Hornisse, Pei-See die Tempel-Lande
  4. .III. – Der Tempel, Stadt Zion, die Tempel-Lande
  5. .IV. – Königliche Hochschule, im Palast von Tellesberg, Stadt Tellesberg, Altes Königreich Charis
  6. .V. – Kaiserlicher Palast, Stadt Cherayth, Königreich Chisholm
  7. .VI. – Prinz Nahrmahns Wohnzimmer, Kaiserlicher Palast, Stadt Cherayth, Königreich Chisholm
  8. .VII. – Erzbischöflicher Palast, Stadt Tairys, Provinz Gletscherherz, Republik Siddarmark
  9. .VIII. – Herzog Eastshares Hauptquartier, Maikelberg, Herzogtum Eastshare, Königreich Chisholm
  10. .IX. – Kirche Sankt Kathryn, Kerzenziehergasse, und ein Lagerhaus, Stadt Manchyr, Fürstentum Corisande, und Captain Merlin Athrawes’ Gemach, Kaserne der Imperial Army, Maikelberg, Herzogtum Eastshare, Königreich Chisholm
  11. .X. – Priorei Sankt Zhustyn, Stadt Manchyr, Fürstentum Corisande
  12. .XI. – Grauechsenplatz, Sir Koryn Gahrvais Stadtvilla, und Priorei Sankt Zhustyn, Stadt Manchyr, Fürstentum Corisande
  13. .XII. – Ein privates Besprechungszimmer, Kaiserlicher Palast, Stadt Cherayth, Königreich Chisholm
  14. .XIII. – Erzbischof Maikels Gemächer, Erzbischöflicher Palast, Stadt Cherayth, Königreich Chisholm
  15. .XIV. – Madame Ahnzhelyk Phondas Stadtvilla, Stadt Zion, die Tempel-Lande
  16. .XV. – Der Tempel und Hahriman-Straße, Ecke Marktstraße, Stadt Zion, die Tempel-Lande
  17. .XVI. – Madame Ahnzhelyks Stadtvilla und der Tempel, Stadt Zion, die Tempel-Lande
  18. .XVII. – Lagerhaus Bruhstair & Söhne und der Tempel und die Nördliche Landstraße, die Tempel-Lande
  19. .XVIII. – Königlicher Palast, Stadt Tranjyr, Königreich Tarot
  1. Charaktere
  2. Glossar
  3. Eine Anmerkung zur Zeitmessung auf Safehold

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

David Weber

NIMUE ALBAN:

DIE
EISERNE
FESTUNG

Aus dem Amerikanischen von
Ulf Ritgen

Für Bobbie Rice

Warte auf uns, Schwieger-Omi!

Wir vermissen dich,

aber Sharon,

die Kinder und ich kommen nach.

September,
im Jahr Gottes 893

.I.

Echsenherdenplatz, Stadt Manchyr, Fürstentum Corisande

Paitryk Hainree stand auf seinem improvisierten Podest, gleich oben auf der Zisterne der städtischen Feuerwehr. Von dort aus wetterte er auf seine Zuhörerschaft hinab: »Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, Leute, aber ich für meinen Teil habe diese Drachenscheiße endgültig satt!«

»Genau. Mistkerle!«, ließ sich eine Stimme aus der kleinen Menschenmenge vernehmen, die sich vor der Taverne versammelt hatte. Es war früh am Morgen, ein ganz normaler Mittwoch. Wie überall auf Safehold waren auch in Manchyr die Tavernen geschlossen und würden es auch bis zum Ende der Frühmesse bleiben. Die Sonne war gerade eben erst aufgegangen. Daher lagen die engen Straßen der Stadt noch im Schatten der sie begrenzenden Häuser – dunkle Adern in einer Höhle, die Stadt hieß. Die Wolken am Himmel versprachen einen verregneten Nachmittag, und die Luftfeuchtigkeit war immens.

Immens war auch, wie Hainree nicht entging, die Gereiztheit seiner Zuhörer. Es waren nicht allzu viele. Tatsächlich waren es sogar deutlich weniger, als er sich eigentlich erhofft hatte, und wahrscheinlich war die Hälfte der versammelten Männer eher aus Neugier hier denn aus echter Überzeugung. Aber diejenigen, die tatsächlich überzeugt waren …

»Verfluchte Mörder!«, ereiferte sich jemand anderes.

Nachdrücklich nickte Hainree, damit ein jeder seiner zornigen Zuhörer die Geste auch deutlich erkennen konnte. Eigentlich war er Silberschmied. Er war also beileibe kein Redner oder Schauspieler – und ganz gewiss kein Priester. Aber im Laufe der letzten Fünftage hatte er Gelegenheit gehabt, aus den Erfahrungen und Ratschlägen von Männern zu lernen, die sehr wohl ausgebildete Priester waren. Von ihnen hatte er gelernt, seine Stimme richtig einzusetzen. Er hatte auch gelernt, wie scheinbar spontane Körpersprache Gesagtes zu unterstützen oder gar zu verstärken vermochte. Er wusste so den echten, flammenden Zorn seiner Worte noch gezielter einzusetzen.

»Ja!«, rief Hainree nun dem Mann aus dem Publikum eine Antwort zu. »Du hast vollkommen Recht: Es sind Mörder – es sei denn, du willst tatsächlich diesem verlogenen Mistkerl Cayleb glauben!« Hainree machte eine verächtliche Geste. »Natürlich ist Cayleb nicht verantwortlich! Ich meine, wie könnte er auch! Hätte er etwa einen Grund gehabt, den Mord an Prinz Hektor zu befehlen?«

Ein neuerlicher Sturm der Entrüstung brandete dem Mann auf der Zisterne entgegen. Dieses Mal war es pure Wut, Zorngebrüll, keine verständlichen Worte mehr. Hainree verzog die Lippen zu einem brutalen Grinsen.

»Gottverfluchte Schlächter!«, rief eine weitere Stimme. »Priestermörder! Ketzer! Ferayd soll nie vergessen sein!«

»Ja!« Wieder nickte Hainree, ebenso nachdrücklich wie zuvor. »Die da auf den Kanzeln, unser so genannter neuer Erzbischof und seine Bischöfe, die können sagen, was immer sie wollen! Ich aber glaube, dass ihr Recht habt, was Caylebs ach so heiß geliebte ›Kirche von Charis‹ angeht! Mag ja sein, dass es wirklich ein paar Priester gibt, die ihr Amt missbraucht haben. Nur glauben will das niemand - ich auf jeden Fall nicht! Und wie steht es mit euch? Aber vergesst nicht, was Erzbischof Wyllym in seinem Bericht über das Ferayd-Massaker geschrieben hat! Es steht völlig außer Frage, dass Caylebs Version der Ereignisse eine Lüge ist, und es steht verdammt noch mal fest, dass es eine Lüge ist, dass er und seine Speichellecker sich bei der Reaktion auf das Massaker zurückgehalten hätten! Mutter Kirche dagegen war wahrhaftig. Sie hat selbst bestätigt, dass sich die in Ferayd gehängten Priester – ohne anständiges Verfahren, gottlos gehängten Priester, und das von ›Erzbischof‹ Maikels eigenem Bruder! –, dass sich diese Priester haben Missetaten zuschulden kommen lassen. Mutter Kirche war wahrhaftig: Der Großvikar hat dem Großinquisitor persönlich eine Buße für Ferayd auferlegt – weil er es hat geschehen lassen! Klingt das für euch, als könne man Mutter Kirche nicht vertrauen? Klingt das für euch, als könnten wir uns nicht darauf verlassen, dass Mutter Kirche sich um Amtsmissbrauch und Korruption kümmern wird? Klingt das für euch, als sei die einzig mögliche Antwort offener Widerstand gegen Gottes Eigene Kirche? Klingt das für euch, als müsse man das Vikariat stürzen, das Langhorne persönlich verfügt hat?«

Zorniges Schnauben war die Antwort auf Hainrees Worte. Aber er bemerkte, dass es dieses Mal deutlich weniger heftig ausfiel als beim letzten Mal. Das enttäuschte ihn, aber es überraschte ihn nicht. Die meisten Corisandianer hatten sich nie unmittelbar durch die Politik der Kirche des Verheißenen und der Ritter der Tempel-Lande bedroht gefühlt. Das war in Charis sicherlich anders. Die Charisianer hatten ja auch erfahren müssen, dass eben jene Kirche beziehungsweise die Männer an ihrer Spitze ihr ganzes Königreich zum Tode durch Feuer und Schwert verurteilt hatte.

Trotzdem wäre es falsch, ja dumm gewesen, so zu tun, als hätten nicht reichlich Corisandianer Zweifel an den derzeitigen Regenten der Kirche. Manchyr lag nämlich weit entfernt vom Tempel oder der Stadt Zion. In Religionsfragen waren daher die Corisandianer deutlich freidenkerischer eingestellt, als das die Inquisition oder das Vikariat normalerweise geduldet hätten. Darüber hinaus hatten zahlreiche Corisandianer bei der Schlacht im Darcos-Sund Söhne, Brüder oder Väter verloren. Diese Seeschlacht war die entsetzliche Konsequenz eines Krieges gewesen, in dem das Fürstentum Corisande und seine Verbündeten gezwungenermaßen als Strohmänner für die Kirche fungiert hatten. Eines also wusste Hainree gewiss: Unter seinen Zuhörern waren auch jene, die von religiösem Eifer und Orthodoxie getrieben wurden; in ihnen loderte weiß glühend Zorn, der alles andere überwog. Doch der weitaus größte Teil der Corisandianer war, was Religion und Kirche anging, deutlich weniger leidenschaftlich. Ihr Widerstand gegen die Kirche von Charis rührte vor allem daher, dass es eben die Kirche von Charis war. Sie sahen diese Kirche untrennbar mit den Bestrebungen des Hauses Ahrmahk verbunden, sich das Fürstentum Corisande einzuverleiben. Mit übersteigerter Orthodoxie hatte das nichts zu tun. Zweifelsohne gab es auch in Corisande so manchen, der insgeheim ebenfalls für eine Reformierung von Mutter Kirche war. Und diese Leute mochten sich von der abtrünnigen Glaubensgemeinschaft durchaus angezogen fühlen.

Du darfst nicht zu sehr auf der Ketzerei herumreiten, Paitryk!, mahnte sich Hainree innerlich. Sollen doch die, die jetzt schon mit Feuereifer dabei sind, ihre Flammen allein nähren! Pater Aidryn hat schon ganz Recht: die werden auch ohne deine Mithilfe ihren Eifer nicht verlieren. Deine Funken aber solltest du auf den Zunder der anderen regnen lassen!

»Eines weiß ich ohne jeden Zweifel: Die Zeit wird kommen, und Gott, Langhorne und der Erzengel Schueler werden sich all der Verfehlungen im Glauben annehmen«, sagte Hainree. »Denn das ist Gottes Angelegenheit und Seine allein! Mutter Kirche und ich werden sie ihm nur zu gern überlassen. Aber was außerhalb der Kirche geschieht – was in Corisande geschieht, was hier auf den Straßen von Manchyr geschieht –, das ist Angelegenheit der Menschen! Unsere Angelegenheit! Ein Mensch muss wissen, wo er steht, und wenn er das weiß, dann muss er auch dafür einstehen, und nicht nur unschlüssig mit den Händen wedeln und lamentieren, er wünschte, es wäre irgendwie anders.«

Die letzten beiden Worte hatte er in einem höhnischen Falsett ausgesprochen, was erneut den Zorn seiner Zuhörer zu entfachen vermochte.

»Hektor!«, rief ein drahtiger Mann. Obwohl Hainree den Mann nicht sehen konnte, wusste er, dass dessen linke Wange von unschönen Narben überzogen war. Die Stimme hatte er auch sofort erkannt. Was auch sonst! Schließlich war Hainree selbst dabei gewesen, als eine geborstene Gussform und ein Spritzer geschmolzenen Silbers die Narbe auf der Wange erzeugt hatte. Rahn Aimayl war einer seiner erfahrensten Lehrlinge gewesen, bevor die charisianische Invasion Hainrees einst blühendes Geschäft ruiniert hatte, zusammen mit so vielen anderen Geschäften der belagerten Hauptstadt. Hainree war selbst dabei gewesen, als eine Gussform geplatzt war und ein Spritzer flüssigen Silbers die Narbe auf Aimayls Wange erzeugt hatte.

»Hektor!«, wiederholte Aimayl jetzt. »Hektor!«

»Hektor, Hektor!«, griffen andere den Ruf auf, und dieses Mal hätte Hainrees Lächeln einer Peitschenechse zur Ehre gereicht.

»Also«, rief er seinen Zuhörern zu, »letztendlich sind wir mehr als die! Zwar weiß ich nicht, wie es euch geht, aber zu einem bin ich noch nicht bereit - noch nicht, hört ihr! Ich will nicht glauben, sämtliche unserer Lords, unserer großen Männer und die Mitglieder des Parlaments wären bereit, vor Cayleb zu buckeln, genau wie dieser Regentschaftsrat! Vielleicht brauchen diese Männer einfach nur ein deutliches Zeichen, nämlich, dass auch wir nicht vor Cayleb buckeln!«

»Hek-tor! Hek-tor!«

Gequält verzog Sergeant Edvard Waistyn das Gesicht, als die Menschenmasse näher rückte und der wütende Schlachtgesang an Lautstärke zunahm. Selbst über das majestätische Geläut der Kathedrale in unmittelbarer Nähe war der Name zu verstehen. Das allerdings, so musste sich Waistyn eingestehen, konnte durchaus auch daran liegen, dass er diesen oder einen ähnlichen Schlachtruf im Laufe der letzten Fünftage recht häufig gehört hatte. Bedauerlicherweise.

In den nächsten Fünftagen werde ich ihn sicherlich auch nicht weniger häufig zu hören bekommen, dachte er grimmig.

Der Sergeant, einer der Aufklärer-Schützen des Ersten Bataillons von der Dritten Brigade der Imperial Charisian Marines, lag bäuchlings auf dem Dach und spähte auf die schmale Straße unter seinem Versteck hinab. Die Menschenmenge strömte aus den im Schatten liegenden Gassen zusammen wie jedes Mal. Dieses Mal nur schien Waistyn der Mob zögerlicher als sonst. Die Wut der Leute war unverkennbar echt. Daher zweifelte Waistyn keinen Augenblick daran, dass sie ihr Wutgebrüll schon bald wieder mit aller Kraft herausschrien. Doch jetzt hatte die Menge Kuppel und Kirchturm der Kathedrale vor sich. Klar, die Menschen wollten ihrer, nun … Unzufriedenheit Ausdruck verleihen. Nur galt diese Unzufriedenheit jetzt nicht mehr einem Ereignis in weiter Ferne, sondern einem in unmittelbarer Nähe. Der Mob spürte also, dass der herausgebrüllte Protest unschöne Konsequenzen mit sich bringen mochte.

Schade, dieses Unwetter verzieht sich nicht einfach wieder, sobald ein wenig Wind aufkommt. Stattdessen wird’s regnen – und höchstwahrscheinlich auch das eine oder andere Gewitter geben.

Wachsam wanderte Waistyns Blick über die Männer aller Altersstufen und die Jungen, die ihre Fäuste schüttelten und Verwünschungen ausstießen – in Richtung der Männer in den traditionellen Uniformen der Charisian Marines: dunkelblauer Kasack und hellblaue Hose. Die Marines hielten ihre Gewehre in den Händen und bildeten eine wachsame Sperrlinie. Sie waren die Barriere zwischen der brüllenden Menschenmenge und einer anderen, beinahe ebenso großen Gruppe – die allerdings sehr viel leiser auftrat und zügig die Tempelstufen hinter ihnen erklommen.

Bislang hatte sich noch keine dieser angeblich spontanen Demonstrationen auf das Gelände der Kathedrale gewagt. Eigentlich überraschte das Waistyn. Schließlich besaß dieses Gebäude dank seiner Bedeutung für die ›ketzerische‹ Kirche von Charis Anziehungskraft auf deren Gegner. Ob in Corisande schon vor der Invasion religiöse Unzufriedenheit geherrscht hatte? Gar deutlich mehr, als der Sergeant gedacht hatte? Vielleicht aber zögerte selbst der streitlustigste Aufrührer immer noch davor, den heiligen Grund und Boden von Mutter Kirche zu betreten.

Na, vielleicht ist diese Meute hier ja ein bisschen abenteuerlustiger gestimmt als die letzte, mit der wir es zu tun hatten, dachte Waistyn grimmig.

»Verräter!« Es gelang dem Ruf, den rhythmischen Schlachtgesang zu durchdringen, bei dem immer und immer wieder der Name des ermordeten Fürsten von Corisande beschworen wurde. »Mörder! Gedungene Mörder!«

»Verschwindet! Verschwindet endlich – und nehmt euren mordlüsternen, dreckigen ›Kaiser‹ mit!«

»Hek-tor! Hek-tor!«

Das Gebrüll wurde noch lauter, auch wenn das kaum vorstellbar war. Der Mob drängte vorwärts, jetzt deutlich entschlossener, als würden seine Flüche und Verwünschungen jegliches Zögern nach und nach aufreiben.

Ich wünschte, General Gahrvai hätte seine eigenen Leute hier, sinnierte Waistyn. Wenn das hier so übel wird, wie ich fürchte …

Mit festen Schritten marschierte eine Gruppe Waffenträger im Weiß und Orange der Erzbischöflichen Garde die Straße hinab auf die Kathedrale zu. Das Gebrüll der Protestierenden steigerte sich, als die Demonstranten die Gestalt sahen, die sich in der Mitte der Waffenträger-Formation befand: Es war ein Mann in weißer Soutane und einer Priesterhaube mit breitem, orangefarbenem Band und weißer Kokarde.

»Ketzer! Verräter!«, kreischte jemand. »Langhorne kennt die seinen - und Shan-wei auch!«

Na, wunderbar, dachte Waistyn angewidert. Durch den Hintereingang kann er wohl nicht gehen, was? Sei doch nicht albern, Edvard - natürlich kann er das nicht! Nicht heute! Er schüttelte den Kopf. Ach, was wird das ein Spaß!

Unten auf der Straße ging Lieutenant Brahd Tahlas, dem noch recht jungen Zugführer des Zweiten Zuges der Alpha-Kompanie, Ähnliches durch den Kopf wie dem deutlich diensterfahreneren Sergeant, der sich hoch über ihm auf dem Dach befand. Nur fluchte Tahlas innerlich weitaus deftiger dabei. Schließlich steckte er mittendrin im Mob.

Zudem lag es in seiner Verantwortung, mit diesem Schlamassel zurechtzukommen.

»Mit Verlaub, Sir, das hier gefällt mir so gar nicht«, murmelte Platoon Sergeant Zhak Maigee. Der Platoon Sergeant war fast doppelt so alt wie Tahlas; in den Dienst der Royal Charisian Marines eingetreten war er im zarten Alter von fünfzehn Jahren. Seitdem war er schon an vielen Orten in der Fremde gewesen und hatte vieles erlebt – oder, wie er es gerne ausdrückte: ›hab schon viele interessante Leute kennengelernt … und sie umgebracht!‹ All die Jahre hatten ihm eine anständige Ausbildung im Kriegshandwerk angedeihen lassen. Einen solchen Mann in seiner Nähe zu wissen, war normalerweise beruhigend. Momentan allerdings blickte er verbiestert drein, ganz wie ein erfahrener Unteroffizier, der die Lage einschätzt, auf Möglichkeiten abklopft und keine entdeckt. Maigee hatte sich bemüht, so leise zu sprechen, dass nur Tahlas ihn verstehen konnte. Der Lieutenant zuckte mit den Schultern.

»Mir passt das auch nicht«, gestand er ebenso leise. Tahlas war selbst ein wenig überrascht, dass es ihm gelang, dabei noch so ruhig zu klingen. »Falls Sie irgendwelche Vorschläge haben, wie man diesen Haufen Idioten wie von Zauberhand verschwinden lassen könnte, bin ich ganz Ohr, Sergeant.«

Der Anspannung zum Trotz schnaubte Maigee belustigt. Er mochte den jungen Lieutenant recht gern. Was auch immer man sonst über Tahlas sagen mochte: Mut hatte der Junge wirklich! Wahrscheinlich war das einer der Gründe, weswegen Major Portyr ihn für seine aktuelle Aufgabe ausgewählt hatte.

Diese Aufgabe, die auch Maigee zukam.

»Also, Sir, bedauerlicherweise will mir im Augenblick nichts rechtes einfallen. Aber ich mach mir mal ein paar Gedanken und meld mich wieder bei Ihnen.«

»Gut. Aber in der Zwischenzeit behalten Sie bitte diese kleine Gruppe da drüben im Auge – da, bei dem Laternenpfahl.« Unauffällig deutete Tahlas in die entsprechende Richtung, sodass Maigee genau wusste, welches Grüppchen sein Vorgesetzter meinte. »Ich beobachte die schon eine ganze Weile. Die meisten aus diesem Gesindel könnten mehr oder weniger zufällig hier sein. Aber für die Männer da drüben gilt das nicht.«

Maigee schaute zu den Corisandianern hinüber, auf die Tahlas ihn aufmerksam gemacht hatte. Ein Blick genügte: Der Lieutenant hatte Recht. Die kleine Gruppe drängte sich nicht an vorderster Front der Meute, hielten sich aber auch nicht möglichst weit hinten. Sonderbarerweise bildeten die Männer tatsächlich eine eigene kleine Gruppe … eine Einheit – ganz so, als gehörten sie überhaupt nicht zu dieser Menschenmenge. Doch zugleich beobachteten sie wachsam alle anderen hier, in einer Art und Weise, die Maigee bei niemandem sonst hier bemerkte. Und da gab es noch einzelne Männer in der Meute, die ihrerseits diese kleine Gruppe genau zu beobachten schienen. Als warteten sie auf etwas. Vielleicht rechneten sie auch mit etwas.

Waistyn sah die Gruppe bischöflicher Waffenträger näher kommen. Der Lärmpegel schwoll stetig an, auch wenn dem Sergeant das kaum noch möglich scheinen wollte. Zu den rhythmischen Prinz-Hektor-Rufen kamen jetzt auch noch Flüche, die sich eindeutig auf religiöse Belange bezogen.

»Also gut, Jungs«, sagte der Sergeant mit ruhiger Stimme zum Rest seines Trupps Aufklärer-Schützen, der zusammen mit ihm auf dem Dach lag. »Überprüft eure Zündsätze, aber solange ich keinen ausdrücklichen Befehl erteilt habe, zuckt hier niemand auch nur mit der Wimper!«

Leise wurde seine Anweisung bestätigt. Waistyn grunzte befriedigt. Die ganze Zeit über ließ er die Straße unter sich nicht aus den Augen. Trotz seiner rigoroser Ermahnung machte er sich keine Sorgen, einer seiner Männer könnte schießwütig werden. Seine Marines waren sämtlich Veteranen, und sie alle hatten Major Portyrs Befehle gehört. Portyr hatte seine Anweisungen sehr, sehr eindeutig formuliert. Das Letzte, was Charis gebrauchen konnte, war, dass charisianische Marines mitten auf den Straßen der Hauptstadt von Corisande das Feuer auf angeblich unbewaffnete Zivilisten eröffneten. Na ja, vielleicht war es auch nur beinahe das Letzte, was Charis gebrauchen konnte. Waistyn war sich sicher, dass Charis ein Attentat auf Erzbischof Klairmant noch weniger gebrauchen konnte. Schließlich bestand die Aufgabe von Waistyns Trupp eben genau darin, ein solches Attentat zu verhindern.

Tja, nur wenn wir nicht das Feuer eröffnen wollen, sobald die Idioten in Klairmants Reichweite kommen, könnte es ein bisschen zu spät sein, was das Verhindern betrifft, dachte er voller Abscheu.

»Gotteslästerer!«, brüllte Charlz Dobyns und drohte der näher kommenden Erzbischöflichen Garde mit der Faust. Seine Stimme schnappte über – wenn er sehr angespannt war, tat sie das ärgerlicherweise immer noch. Seine Augen funkelten wütend.

Um ehrlich zu sein: eigentlich hatte Charlz gar keine Meinung zu diesem ganzen ›Kirche-von-Charis‹-Unfug. Und er hatte sich diesen Schlachtruf auch gar nicht selbst überlegt. Es war Rahn Aimayls Vorschlag gewesen. Aimayl war ein Freund seines älteren Bruders. Charlz allerdings war auch nicht der Einzige, der den Schmähruf verwandte. Mindestens ein Dutzend Leute, die meisten kaum älter als Charlz selbst, schrien gerade das gleiche Wort, kaum dass sie Erzbischof Klairmant nahen sahen. Alles lief genau, wie sie es geübt hatten.

Manche Leute um Charlz herum reagierten sofort auf den Schmähruf. Rahn hatte also Recht damit gehabt, es wäre sicher effektiv, den Erzbischof der Gotteslästerei zu bezichtigen.

Eigentlich wusste Charlz gar nicht so genau, was ›Gotteslästerer‹ bedeutete. Ihn selbst hatte die Mutter jedes Mal so genannt und ihm eins hinter die Löffel gegeben, wenn er unnütz Langhornes Namen im Munde geführt hatte. Charlz hatte auch keine Ahnung, wie sich die Lehren der neuen Kirche von Charis von denen der alten Kirche unterschieden. Warum auch? Schließlich war er kein Priester. Aber dass die Anhänger der Kirche von Charis Orgien auf den Altären feierten und Menschenopfer darbrächten, am liebsten Kinder, so hieß es – das glaubte er nicht. Man musste schon ziemlich dämlich sein, um zu glauben, die Charisianer könnten so etwas in Corisandes Kathedrale durchziehen, ohne dass jeder davon gewusst hätte. Niemand Vertrauenswürdiges hatte je mit eigenen Augen eine solche Gräueltat gesehen. Denen aber, die davon erzählt hatten, hätte Charlz noch nicht einmal bei der Frage geglaubt, ob es nun regnete oder nicht.

Was den ganzen Rest betraf, hatte diese neue Kirche möglicherweise Recht. Es wurde viel über diese ›Vierer-Gruppe‹ geredet. Wenn nur ein Viertel davon stimmte, konnte Charlz verstehen, warum man wütend auf die Vikare sein konnte. Ihm aber war auch das eher egal. Das waren Vikare, klar? So weit Charlz wusste, gab es eine unumstößliche Regel: Was ein Vikar sagt, das gilt. Mit denen wollte Charlz sich auf keinen Fall anlegen. Wer das anders sah, und es schienen Charlz jede Menge Leute zu sein, sollte das Risiko doch seinetwegen ruhig eingehen. Momentan jedenfalls waren mehr Leute in der Kathedrale und damit gegen die Vikare als Shan-wei noch mal davor!

Charlz’ eigene Mutter war Haushälterin im Refektorium von Sankt Kathryn. Er wusste genau, wo sie sich heute Morgen befand, und nach allem, was sie in den letzten Fünftagen so erzählt hatte, schien auch Pater Tymahn dieser neuen Kirche von Charis immens zugeneigt zu sein.

Charlz war das egal. In vielerlei Hinsicht empfand er für Pater Tymahn den gleichen immensen Respekt wie seine Mutter. Aber hier und jetzt verstand die Gute einfach nicht, worum es eigentlich ging! Denn eigentlich ging es nicht um die kirchliche Lehre und auch nicht darum, wer denn nun hier in Manchyr die Haube des Erzbischofs trug. Oder es wäre zumindest nicht um die Frage nach der Priesterhaube gegangen – hätte ihr momentaner Träger, um sie zu erlangen, neben der Kirche von Charis nicht auch noch dem Kaiserreich Charis Treue schwören müssen. Und das war es, was Charlz an diesem Morgen auf die Straße getrieben hatte.

Dabei war Charlz gar kein fanatischer Patriot. Es gab gar nicht so viele corisandianische Patrioten – nicht in dem Sinne, wie jemand aus der seit Jahrtausenden erloschenen Terra-Föderation diesen Begriff aufgefasst hätte. Außer in der Republik Siddarmark und in Charis waren auf Safehold Treuegelübde in der Regel lokal eng begrenzt; sie galten einem örtlichen Feudalherrn, vielleicht noch einem Fürsten oder Monarchen – aber keiner Nation. Der junge Charlz beispielsweise sah sich in erster Linie als Manchyrianer, also als Bürger seiner Vaterstadt, und dann (mit abnehmender Wichtigkeit) als Untertan des Herzogs von Manchyr und damit auch als Untertan von Prinz Hektor. Es war nur ein Zufall, dass Hektor dies in Personalunion gewesen war.

Vor der charisianischen Invasion hatte Charlz nie darüber nachgedacht, wem eigentlich seine Treue galt oder wie es um die Beziehungen zwischen Corisande und dem Königreich Charis bestellt war. Er hatte nicht einmal verstanden, was den offenen Krieg zwischen Corisande und Charis eigentlich ausgelöst hatte. Andererseits war Charlz gerade einmal sechzehn Safehold-Jahre alt (das entsprach vierzehneinhalb Jahren auf der längst vergangenen Welt Terra). Es störte ihn nicht, nicht allzu viel über Politik zu wissen. Was ihn jedoch störte, war, dass ein anderes Reich Corisande überfallen hatte, dass die Stadt, in der er geboren war und lebte, belagert wurde, dass die Armee von Corisande eine echte Niederlage hatte hinnehmen müssen und dass Prinz Hektor bei einem Attentat ums Leben gekommen war. Und mit dem Prinzen war zumindest für Charlz das einzige echte Symbol für die Einheit und die Identität von Corisande gestorben.

Das war doch Grund genug, sich aufzuregen, oder etwa nicht?

Trotzdem: wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Charlz es dabei bewenden lassen. Er hätte einfach das Beste gehofft. Aber es ging eben nicht nach ihm. In Manchyr gab es reichlich Leute, die es eben nicht dabei bewenden lassen wollten, und die ihre Stimme immer lauter erhoben. Charlz fand, dass die Wortführer Recht hatten: Das Volk würde sich schon bald für die eine oder andere Seite entscheiden müssen. Charlz hatte sich bereits entschieden. Der Grund für den Krieg mit Charis war ihm egal. Nicht egal hingegen war ihm, dass dahergelaufene, dreckige Fremde sich in seiner Heimatstadt herumdrückten und in das eine oder andere Wespennest stachen.

(Und dreckig waren sie doch, denn schließlich waren sie unzweifelhaft Fremde, richtig?)

»Gotteslästerer!«, brüllte er erneut.

»Gotteslästerer!«, hörte er andere seinen Ruf aufgreifen. Dieses Mal waren es keine seiner Freunde. Aus immer mehr Kehlen erscholl der neue Schlachtruf. Charlz grinste über das ganze Gesicht, während er unter seinen Kasack griff und mit den Fingern den kleinen, schweren Knüppel umschloss, den er an seinem Gürtel trug.

»Das reicht!«

Paitryk Hainree war ernstlich überrascht. Aber die Stimme des jungen charisianischen Offiziers vermochte tatsächlich die lärmende Menschenmenge zu übertönen. Wahrscheinlich half es, dass der Offizier ein ledernes Sprachrohr zum Einsatz gebracht hatte. Hainree allerdings war sich sicher: Es lag eher an der Ausbildung der Offiziere. Man brachte ihnen bei, sich auch noch über das Getöse auf einem Schlachtfeld hinweg verständlich zu machen.

Hainree war noch überraschter davon, dass die vordersten Reihen dieses Mobs tatsächlich ins Stocken zu geraten schienen. Dann kniff Hainree die vor Überraschung geweiteten Augen zusammen und erkannte zumindest einen der Gründe für dieses Zögern. Gewiss, um verstanden zu werden, hatte der Charisianer die Stimme erhoben, aber eben nicht im Zorn. Nein, seine Stimme hatte eher … Erschütterung verraten. Und nun zeigte sich auch, dass die Körpersprache des jungen Mannes nichts Streitlüsternes besaß: Eine Hand hatte er in die Hüfte gestemmt, das sah Hainree, und ja, tatsächlich: Der junge Offizier da oben auf den Stufen zum Portal stampfte doch allen Ernstes mit dem Fuß auf!

Er sieht aus wie ein verärgerter Lehrer! Gar nicht wie ein Offizier, der es mit einer feindlich gesinnten Meute zu tun hat!, ging Hainree auf.

»Es ist Mittwochmorgen!«, fuhr der Charisianer fort. »Ihr alle solltet euch schämen! Wenn ihr schon nicht selbst in die Kirche geht, so solltet ihr alle diejenigen in Frieden die Messe besuchen lassen, die das wünschen!«

»Was weißt du denn schon von einer Messe, Ketzer?!«, brüllte jemand ihm entgegen – vielleicht war es Aimayl.

»Immerhin weiß ich, dass ich nicht kurz davor stehe, Steine durch die Fenster einer Kathedrale zu werfen!«, brüllte der Charisianer zurück. Er schüttelte sich in deutlich zur Schau gestelltem Abscheu. »Langhorne allein weiß, was meine Mutter mit mir anstellen würde, wenn sie so etwas über mich erführe!«

Hainree war ein weiteres Mal überrascht: Es gab tatsächlich welche in der Meute, die lachten (wahrscheinlich sogar zu ihrer eigenen Überraschung)! Andere hingegen fletschten zornig die Zähne, und wieder andere stießen erneut Verwünschungen aus, während Erzbischof Klairmant hinter den Marines durch das Portal in die Kathedrale schritt.

»Geht nach Hause!« Die Stimme des Charisianers klang beinahe freundlich; in ihr schwang mehr Resignation mit als Zorn. »Wenn ihr etwas vorzubringen habt, dann tut das an einem anderen Ort und nicht an einem Tag, der ganz allein Gott vorbehalten ist! An einem Mittwoch möchte ich niemanden verletzt wissen! Meinem Befehl nach soll ich auch genau das verhindern – wenn’s sich irgend bewerkstelligen lässt. Nur lautet mein Befehl zugleich, die Kathedrale zu beschützen und jeden, der sich in ihr aufhält. Wenn ich dafür jemanden verletzen muss, der sich vor der Kathedrale befindet, dann werde ich das auch tun!«

Die Stimme des Offiziers klang deutlich härter. Sein Ziel war immer noch, die aufgebrachte Menge wieder zur Vernunft zu bringen. Zugleich aber warnte er alle: Irgendwann hätte seine Geduld auch ein Ende.

Hainrees Blick galt den vier, fünf Männern in seiner unmittelbaren Nähe. Er bemerkte, dass sie gerade eben hilfesuchend zu ihm schauten. Einer von ihnen wölbte fragend eine Augenbraue und deutete mit dem Kinn kurz in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Daraufhin nickte Hainree knapp. Er selbst hatte keine Angst, sich auf ein Gefecht mit den Marines einzulassen. Doch Pater Aidryn hatte unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, es sei Hainrees Aufgabe, den anti-charisianischen Widerstand aufzubauen und anzuleiten. Beizeiten mochte dieser Widerstand Märtyrer erfordern. Momentan allerdings benötigte er weitaus dringender Anführer.

Der Mann, der die Augenbraue gehoben hatte, erwiderte das Nicken und bahnte sich einen Weg zur Front der Menschenmenge, die mittlerweile zum Stillstand gekommen war. Einen Moment lang schaute Hainree ihm noch hinterher, dann zog er sich zusammen mit mehreren anderen zu den hinteren Reihen zurück.

Na, da soll mich doch … Der Bursche kriegt das wirklich hin!, dachte Platoon Sergeant Maigee verwundert.

Der Sergeant hätte keine müde Harchong-Mark auf Tahlas verwettet. Aber es schien, als könnte Tahlas den Mob dazu bewegen, einfach kehrtzumachen und nach Hause zu gehen. Ganz offensichtlich hatte der Lieutenant einen wunden Punkt getroffen, als er die Leute daran erinnert hatte, dass Mittwoch war. Maigee hatte eher damit gerechnet, diese Argumentation könnte nach hinten losgehen. Schließlich hatte die Meute zuvor ständig ›Gotteslästerer‹ und ›Ketzer‹ geschrien. Offenkundig war Tahlas besser als sein Sergeant darin, die Stimmung einer Menschenmenge einzuschätzen.

»Dann geht jetzt!«, rief Tahlas freundlich. Der Lautstärke nach, die er brauchte, um sich Gehör zu verschaffen, hatte sich die Menge deutlich beruhigt. »Geht auseinander, bevor jemand verletzt wird! Denn das will ich nicht. Und Kaiser Cayleb, glaubt es oder nicht, will es auch nicht, ebenso wenig Erzbischof Klairmant, und verdammt noch mal – verzeiht mir meine Ausdrucksweise - Gott erst recht nicht! Also: was haltet ihr davon, wenn ihr und ich jetzt gemeinsam dafür sorgen, dass die alle glücklich und zufrieden sind?«

Charlz Dobyns verzog das Gesicht, als er bemerkte, wie die Stimmung der Leute in seiner Nähe plötzlich umschlug. Irgendwie war das nicht das, was er erwartet hatte. Dieser charisianische Offizier – Charlz hatte keine Ahnung, wie Rangabzeichen zu lesen waren – hätte stinkwütend sein und sie anbrüllen sollen. Er hätte sie bedrohen sollen, hätte ihnen deutlich machen müssen, dass er sie für den letzten Dreck hielte. Stattdessen redete er mit den Menschen! Diskutierte mit ihnen! Das konnte nicht ernst gemeint sein. Das war nur ein Trick.

Trotzdem war auch Charlz den Argumenten des Charisianers gegenüber nicht gänzlich immun. Irgendwie hatte der Mann ja Recht: Es war wirklich Mittwoch. Als der Charisianer seine Mutter erwähnt hatte, hatte Charlz sofort seine eigene vor Augen gehabt … wie sie darauf reagieren würde, was ihr geliebter Junge so getrieben hatte, statt in der Messe zu sein.

Was den anderen in der Menge durch den Kopf ging, wusste er natürlich nicht. Aber er spürte deutlich, dass sie ins Stocken gerieten. Der ganze Schwung war verloren, der die Menge so weit die Straße hinunter getrieben hatte. Ein paar Leute – darunter auch Charlz’ Freunde – stießen immer noch Verwünschungen aus. Doch sie klangen längst nicht mehr so leidenschaftlich. Vielmehr wirkten die Stimmen jetzt schrill, als würden die Rufer immer unsicherer, als wären sie isoliert.

Charlz nahm die Hand vom Knüppel unter seinem Kasack und war fast erschrocken, als er bemerkte, dass er eher erleichtert denn enttäuscht war ob dieser unerwarteten Wendung.

Er wollte sich schon umdrehen. Mit einem Mal jedoch hielt er inne … und riss entsetzt die Augen auf. Der Mann, der gerade noch hinter ihm gestanden hatte, zog etwas unter seinem Kasack hervor.

Charlz hatte noch nie eine dieser Steinschloss-Musketen gesehen, mit der in jüngster Zeit die Corisandian Army ausgestattet worden war. Trotzdem erkannte er die Waffe sofort. Sie war recht kurz und wirkte gedrungen – eine Muskete mit verkürztem Schaft, deren Lauf nur noch wenige Fuß lang war. Die Waffe war immer noch deutlich größer und unhandlicher als die Pistolen, die die Charisian Imperial Guard trug, und es musste außerordentlich schwierig gewesen sein, ein solches Gewehr unter der Kleidung zu verbergen. Aber ein Steinschloss, das man an die Stelle des Luntenschlosses gesetzt hatte, benötigte wenigstens keine unhandliche, schwelende und unmöglich zu verbergende brennende Lunte.

Wie erstarrt schaute er zu, als der Mann die Waffe hob. Sie ragte über die Schulter eines anderen jungen Mannes hinweg, der neben Charlz stand und höchstens ein Jahr älter sein konnte als er selbst. Der junge Mann zuckte erstaunt zusammen, wandte den Kopf zur Seite und blickte gerade auf die Mündung, als sie in sein Blickfeld kam … und genau in diesem Augenblick drückte der Mann ab.

Der plötzlich knallende Schuss überraschte jeden hier, selbst erfahrene Unteroffiziere wie Waistyn und Maigee. Vielleicht hätte es die Sergeants nicht ganz so unvorbereitet treffen sollen. Doch dass Tahlas so offensichtlich dabei Erfolg gehabt hatte, die aufgebrachte Menge zu beruhigen, hatte selbst sie ein wenig eingelullt.

Der Mann mit der Muskete hatte auf den Lieutenant der Marines gezielt. Doch Brahd Tahlas konnte von Glück reden, dass wirklich niemand die Waffe des Möchtegern-Attentäters als Präzisionsinstrument bezeichnet hätte. Das Gewehr hatte einen glatten Lauf, der auch noch sehr kurz war, und geladen war es mit Mehlpulver, nicht mit gekörntem Pulver. Es war erst weniger als ein Viertel des nur langsam abbrennenden, schwächlichen Treibmittels abgefackelt, als der Rest in einer großen, gleißend-hellen Wolke aus dem Lauf geschleudert wurde, und die Flugbahn des Geschosses ließ sich bestenfalls als … erratisch beschreiben.

Der bedauernswerte junge Mann, der genau im Augenblick des Schusses in Richtung Mündung geschaut hatte, schrie vor Schmerzen auf, als sein Gesicht üble Verbrennungen erlitt. Er taumelte rücklings, schlug die Hände vor die Augen, mit denen er niemals wieder etwas sehen würde, und vier oder fünf weitere Leute, die das Pech hatten, genau vor ihm gestanden zu haben, kreischten ebenfalls gequält auf, als lodernde Pulverflocken ihnen so genannte Bergarbeiter-Tätowierungen in den Nacken brannten. Bei einem ganz besonders unglücklichen Mann gerieten die Haare in Brand, und nun sackte er auf die Knie, heulte vor Schmerzen und Entsetzen und versuchte mit beiden Händen, die Flammen zu ersticken.

Charlz Dobyns war vom Ort des Geschehens weit genug entfernt, um nur ein paar oberflächliche Verbrennungen davonzutragen. Jetzt riss er den Kopf herum und schaute nach dem Mann, auf den die Muskete gezielt hatte.

»Scheiße.«

Lieutenant Tahlas fragte sich, ob Platoon Sergeant Maigee überhaupt bewusst war, laut gesprochen zu haben. Schließlich hatte das Wort beinahe beiläufig geklungen. Nicht, dass es einen großen Unterschied gemacht hätte.

Dem Lieutenant war durchaus bewusst, dass diese Musketenkugel höchstwahrscheinlich für ihn bestimmt gewesen war, doch getroffen hatte sie ihn nicht. Stattdessen war sie in die Brust eines seiner Privates eingedrungen, gute vier Fuß zu seiner Rechten. Der Marine brach zusammen, umklammerte mit beiden Händen seinen plötzlich blutigen Kasack, und in dem Augenblick begriff Tahlas noch etwas anderes. Major Portyrs Anweisungen waren absolut eindeutig gewesen, was zu geschehen habe, sollte jemand Schusswaffen oder scharfe Klingen gegen die Soldaten zum Einsatz bringen.

»Bajonette aufpflanzen!«, hörte er sich selbst befehlen, und sofort kamen sämtliche Männer aus seinem Zug der Aufforderung nach.

Er sah, wie zahlreiche Leute aus der Menschenmenge zurückzuweichen versuchten, als man Stahl klicken hörte und die langen, glitzernden Klingen an den Gewehren der Marines erschienen. Einigen der Aufrührer gelang der Rückzug. Die meisten aber behinderten sich gegenseitig im Versuch, den Platz vor der Kathedrale zu verlassen. Wieder andere reagierten in gänzlich anderer Art und Weise: Ihre Gesichter wurden zu Masken des Hasses. Die Männer zogen Schlagstöcke und Knüppel unter ihren Kasacks hervor. Der Mob drängte sich jetzt dichter, die vorderen Reihen bildeten eine Einheit. Es war unverkennbar, dass die Männer dort sich auf einen Kampf vorbereiteten. Ja, sie waren bereit.

Im Augenblick noch, dachte Brahd Tahlas. Im Augenblick vielleicht noch.

Er blickte zu dem blutüberströmten Private hinüber, und seine Kiefermuskeln spannten sich an. Mit einem Mal wirkte er deutlich älter, als sein jugendliches Äußeres eigentlich hätte gestatten sollen. Im Talbor-Pass hatte er mehr als genug Leichen gesehen. Er wandte den Blick ab, schaute zu Maigee hinüber, und seine jugendliche Stimme klang nun hart wie Stahl.

»Sergeant Maigee, lassen Sie die Straße räumen!«, befahl er.

.II.

Maikelberg, Herzogtum Eastshare, Königreich Chisholm

»Also«, meinte General Sir Kynt Clareyk von der Imperial Charisian Army. Bis vor kurzem war er noch Brigadier Clareyk von den Imperial Charisian Marines gewesen. Ebenso frisch war seine Erhebung in den Adelsstand, die ihm den Titel Baron Green Valley eingetragen hatte. Er schenkte Wein in den Kelch seines Gastes ein. »Was haltet Ihr davon, Seijin Merlin?«

»Wovon, Mein Lord?«, fragte der hochgewachsene Imperiale Gardist. Seine Stimme war sanft, und der Blick aus auffallend blauen Augen war fest auf seinen Gastgeber gerichtet. Wie stets trug der Seijin die schwarzgoldene Uniform des Hauses Ahrmahk.

Er griff nach seinem Kelch und kostete erwartungsvoll den Wein. Was Wein betraf, war Clareyks Geschmack schon immer erlesen gewesen. Seine jüngste Beförderung hatte den ehemaligen Marine keineswegs dazu bewogen, alte Gewohnheiten aufzugeben. Clareyk, so hatte Merlin Athrawes das Gefühl, hatte sich in keinster Weise geändert. Er war immer noch der gleiche fähige Offizier, der er schon immer gewesen war, immer noch bereit, sofort selbst die Ärmel hochzukrempeln und sich in seine Aufgaben zu vergraben. Deutlicher Beleg dafür war das Zelt, in dem Clareyk und Athrawes sich derzeit befanden, während eisiger Herbstregen auf das Dach aus (angeblich) wasserfestem Segeltuch einhämmerte. Übermorgen sollten Cayleb und Sharleyan Ahrmahk ihren ersten Hochzeitstag begehen, und dieser Tag war zugleich auch der Jahrestag der Gründung des Kaiserreiches Charis. Unwillkürlich verglich Merlin das nasskalte Wetter, das Green Valleys Zelt umtoste, mit dem strahlenden Sonnenschein, der tropischen Hitze und dem Blumenmeer, die jenen Hochzeitstag so unvergesslich gemacht hatten.

Der Unterschied war … frappierend. Es war kein Geheimnis, dass Kaiser Cayleb wie auch Kaiserin Sharleyan große Stücke auf Green Valley hielten. Dabei spielte es keine Rolle, dass der Mann lediglich ein kleiner Baron war und dazu einer der jüngsten Neuzugänge des charisianischen Adels (er hatte diesen Titel schließlich erst seit weniger als vier Fünftagen inne). Ebenso wenig war es ein Geheimnis, dass man Clareyk aus dem (mehr oder weniger) eroberten Fürstentum Corisande eigens nach Chisholm zurückbeordert hatte, gerade weil das Kaiserpaar ihn so hoch schätzte. Ein Mann mit solchen Beziehungen hätte doch, wie jeder Vernünftige angenommen hätte, gewiss eine behagliche Unterkunft in der nahe gelegenen Stadt Maikelberg finden können. Stattdessen aber hatte er in einem Zelt Unterschlupf gesucht, während der Winter unerbittlich näher rückte.

Und dann auch noch ein Winter im Norden!, dachte Merlin trocken. Sein Blick wanderte hinauf zu der großen, troffnassen Stelle des Zeltdaches. Dort zeigte sich das theoretisch wasserdichte Gewebe den momentanen heftigen Regenfällen nicht gewachsen. Er kommt doch aus dem tiefsten Süden! Da wird er den Winter in Chisholm keinen Schlag genießen können. Der Regen ist ja schon schlimm genug. Aber es wird ja noch viel schlimmer. Schnee? Was ist das denn, bitte schön?!

Merlin wusste sehr wohl um Green Valleys Motive, in einem Zelt zu residieren statt in einer prächtigen Stadtvilla – oder sich zumindest ein Zimmer in einer der angeseheneren Herbergen der Stadt zu suchen. Aber viele andere charisianische Ex-Marines würden unter wenig idealen Bedingungen den chisholmianischen Winter verbringen. Green Valley weigerte sich schlicht, sein Zelt aufzugeben, solange nicht auch der letzte Mann unter seinem Befehl ein trockenes, warmes Plätzchen in einer der Kasernen gefunden hatte, die derzeit hastig errichtet wurden.

»›Wovon‹, ja?«, wiederholte der General nun Merlins Frage und lehnte sich in seinem Klappstuhl zurück. Neben ihm bemühte sich ein gusseiserner Ofen – derzeit noch erfolgreich –, im Zelt für mehr oder minder annehmbare Temperaturen zu sorgen. »Also, lasst mich mal nachdenken … was könnte ich denn wohl gemeint haben? Hmmm …«

In ostentativer Nachdenklichkeit rieb er sich das Kinn, die Augen halb geschlossen. Stillvergnügt lachte Merlin in sich hinein. Es gab nicht allzu viele Menschen auf dem Planeten Safehold, die sich in der Gegenwart des gefürchteten Seijin Merlin hinreichend wohlfühlten, ihn tatsächlich zu veralbern. Die wenigen, auf die das zutraf, wusste Merlin Athrawes nur um so mehr zu schätzen.

»Schon gut, schon gut, Mein Lord!« Mit einem Grinsen gestand er seine Niederlage ein. Dann allerdings verschwand das Grinsen wieder. »Um ehrlich zu sein«, fuhr er ernst fort, »bin ich wirklich beeindruckt. Herzog Eastshare und Sie scheinen den Integrationsprozess sogar noch rascher und reibungsloser in Gang gesetzt zu haben und auch am Laufen zu halten, als Ihre Majestäten das erwartet hatten. Und ich habe den Eindruck, als seien Sie an sich zufrieden mit den sich daraus ergebenden Kommandostrukturen.«

Sein Tonfall verwandelte diesen letzten Satz in eine Frage, und Green Valley stieß ein Schnauben aus.

»Von Euch hatte ich einen etwas … visionäreren Kommentar erwartet, Merlin«, sagte er. »Tatsächlich bin ich sogar überrascht, dass Seine Majestät es für notwendig erachtet hat, Euch zur Begutachtung unserer Fortschritte bis nach hier oben zu schicken.«

Es gelang Merlin, nicht gequält das Gesicht zu verziehen. Sein Gegenüber war mit erbarmungsloser Schonungslosigkeit auf den Punkt gekommen. Andererseits war die Bemerkung durchaus vernünftig. Schließlich gehörte Green Valley zu den wenigen Menschen, die genau wussten, dass Seijin Merlin deutlich mehr war als nur Kaiser Caylebs persönlicher Waffenträger und Leibwächter.

Die Ereignisse der letzten Jahre hatten praktisch jeden in dem Teil Safeholds, der mittlerweile zum Kaiserreich Charis gehörte, eines gelehrt: Sämtliche der alten Legenden, in denen es um die sagenhaften Kriegermönche ging, die Seijin genannt wurden, beruhten auf Tatsachen. Nur hatten die Legenden die Tatsachen heruntergespielt. In Wahrheit waren die Kriegermönche noch todbringender als in diesen Erzählungen. Niemand bezweifelte, dass Seijin Merlin der tödlichste Leibwächter war, der jemals in den Diensten eines charisianischen Monarchen gestanden hatte. Seijin Merlin hatte bereits eine Vielzahl von Attentaten vereitelt (und beileibe nicht nur solche auf seinen Kaiser). Angesichts dessen war es nicht verwunderlich, dass er stets in Caylebs Nähe blieb. Er behielt seinen Herrn ständig im Auge, im Ratszimmer ebenso wie auf dem Schlachtfeld.

Green Valley allerdings wusste etwas, was wenige seiner charisianischen Mitbürger auch nur erahnten: Cayleb und Sharleyan hatten noch einen anderen Grund dafür, Merlin stets in ihrer Nähe zu behalten – einen ganz besonderen Grund.

Den Seijin ereilten Visionen. Er konnte Ereignisse sehen und hören, die sich in weiter Ferne zutrugen. Merlin Athrawes wusste, was in Tausenden von Meilen Entfernung geschah, und das zu genau dem Zeitpunkt, da es geschah. Er war in der Lage, den Kriegsratssitzungen und den politischen Debatten von Charis’ Gegnern praktisch persönlich beizuwohnen. Das bot dem von allen Seiten belauerten Kaiserreich einen unschätzbaren Vorteil. Der Seijin war der effiziente, todbringende Leibwächter, für den ihn alle hielten, und das war die perfekte Tarnung für seine andere Rolle: die als Ratgeber. Seiner Effizienz als Leibwächter wegen verstand jede noch so misstrauische Seele, warum Captain Athrawes mit den unmenschlich blauen Seijin-Augen stets in unmittelbarer Nähe zum Kaiser blieb – jeder Dorftrottel verstand das! Daher kam niemand auf die Idee, er könne mehr sein als ein bloßer Leibwächter.

Green Valley wusste es besser. Tatsächlich vermutete er allmählich, dass Merlin ebenso sehr ein Mentor war wie ein Ratgeber. Charis’ Überleben trotz der überwältigenden Übermacht, der sich das Reich gegenübersah, war – zumindest bisher – radikalen Neuerungen geschuldet. Green Valley glaubte, dass ein Großteil dieser Neuerungen auf Vorschläge des Seijin zurückzuführen war. Gewiss, es waren Charisianer gewesen, die die Neuerungen umgesetzt hatten – auf Vorschläge des Seijin hin. Genauso war es bei ihm, dem Baron, gewesen. Green Valley selbst, damals noch Major bei den Royal Charisian Marines, hatte die Rolle übernommen, revolutionäre neue Infanterie-Taktiken zu ersinnen. Ganz ›zufällig‹, kurz nachdem ein gewissen Merlin Athrawes in Charis aufgetaucht war, waren so die Feldartillerie runderneuert und Steinschlossmusketen mit gezogenen Läufen eingeführt worden. Um dieses Ziel zu erreichen, hatte Clareyk eng mit Merlin zusammengearbeitet, und während des Corisande-Feldzuges war ihre Zusammenarbeit in vielerlei Hinsicht sogar noch enger gewesen. Tatsächlich war der Sieg, der Green Valley seine Beförderung und seine Baronie eingebracht hatte – und der zugleich auch die endgültige Niederlage Prinz Hektors von Corisande besiegelte –, Merlins Verdienst. Merlin hatte Clareyk gegenüber offen eingestanden, ihn ereilten Visionen.

Baron Green Valley wusste also tatsächlich deutlich mehr über Merlin Athrawes als die weitaus meisten anderen Safeholdianer. Doch was er nicht wusste – und wovon Merlin inständigst hoffte, der General vermute es nicht einmal – war, wie viel mehr noch Merlin tatsächlich war.

Ich würde ihn wirklich gern in den Inneren Kreis aufgenommen wissen, sinnierte der Seijin, und ich weiß, dass Cayleb und Sharleyan in dieser Hinsicht gleicher Ansicht sind wie ich. Ich glaube sogar, wir werden ihn aufnehmen müssen. Es hätte überhaupt keinen Sinn, ihn nicht in alles einzuweihen, und ich glaube, bei ihm werden wir uns auch keine Gedanken machen müssen, die Wahrheit könnte ihn in eine religiös motivierte Krise stürzen.

Bei diesem letzten Gedanken, der viel mit dem eigentlichen Grund für Merlins Hiersein zu tun hatte, hatte Merlin Mühe, nicht – neuerlich – gequält das Gesicht zu verziehen.

»Ihre Majestäten haben mich tatsächlich aus mehrerlei Gründen zu Ihnen geschickt, Mein Lord«, sagte er. »Ihnen sind die Fortschritte wichtig, die Herzog Eastshare und Sie erzielen. Daher wollen Ihre Majestäten sie von mir begutachtet wissen. Denn sie hoffen, dass ich so gezielt auf auftauchende Fragen reagieren und im Namen Seiner Majestät den einen oder anderen Vorschlag unterbreiten kann. Hier allein auf Visionen zu vertrauen, ist, sagen wir, schwierig.«

»Einleuchtend«, nickte Green Valley. Dem Seijin entging nicht, dass es den General nicht im Mindesten zu stören schien, seine Arbeit von Merlin ›begutachtet‹ zu wissen.

»Und der zweite Grund, beinahe von gleicher Wichtigkeit«, gestand Merlin, »ist, mich weit genug in Eastshares Nähe zu bringen, sodass ich mit ihm … interagieren kann.«

Dieses Mal nickte Green Valley nur. Merlin war nicht sonderlich überrascht – der Baron war schon immer ein ebenso scharfsinniger wie diplomatischer Bursche gewesen. Er verstand, dass Merlin nicht einmal ihm gegenüber ganz offen sagen konnte: ›Das Kaiserpaar möchte wissen, ob vielleicht auch Eastshare ein Verräter ist.‹

Das Gute war: Merlin war beinahe sicher, dass sich dieser Verdacht bei Eastshare nicht erhärten würde. Das Schlechte hingegen: das ›beinahe‹ in dieser Gleichung. Der Herzog war Kaiserin Sharleyans angeheirateter Onkel und der Schwager des kürzlich verstorbenen Herzogs Halbrook Hollow. Beinahe fünfzehn Jahre lang war Eastshare unter Halbrook Hollow der ranghöchste General gewesen, der stellvertretende Kommandeur der Royal Chisholmian Army. Also war ›beinahe sicher‹ zu sein bedauerlicherweise nicht genug.

Nicht angesichts des Hochverrates, dessen sich Halbrook Hollow schuldig gemacht hatte.

»Darf ich fragen, welchen Eindruck Ihr bislang habt?«, erkundigte sich Green Valley höflich. »Nur ganz allgemein, meine ich natürlich. Ich möchte Euch keinesfalls nötigen, hinsichtlich irgendwelcher besonders verdienter Ex-Marines – vorausgesetzt natürlich, es sind entsprechende vor Ort – ins Detail zu gehen und mich mit Eurem überschwänglichen Lob zu beschämen«, setzte er hinzu.

Merlin schnaubte belustigt. »Wissen Sie, Mein Lord«, sagte er mit vorgetäuschter Nachdenklichkeit, »des Öfteren habe ich gehört, eine gewisse, nun … Unverfrorenheit sei unerlässlicher Bestandteil der Persönlichkeit eines jeden Marines. Sie wissen nicht zufälligerweise, wo der Ursprung dieses Gerüchtes zu suchen ist, oder?«

»Was denn, ich?« In völliger Unschuld riss Green Valley die Augen auf. »Ich bin doch kein Marine, Seijin Merlin! Ich bin Offizier der Imperial Army! Irgendwo hier liegt eine Bestallungsurkunde herum, mit der ich das sogar beweisen könnte. Also woher sollte ein schlichter, ehrlicher, von Natur aus bescheidener Army-Offizier denn etwas über Marines und ihr völlig überhöhtes Selbstbild wissen?«

»Das ist ein ausgezeichnetes Argument!«, pflichtete Merlin ihm bei. »Ich weiß überhaupt nicht, was mich dazu gebracht hat, Ihnen eine solche Frage zu stellen.«

»Das will ich doch wohl hoffen!«, gab Green Valley zurück, gespielt gestreng im Ton, während er nach der Weinflasche griff und Merlin nachschenkte.

»Nun, um nun Ihre Frage zu beantworten«, und Merlin wurde ernst, »ist mein erster Eindruck alles in allem gut. Um ganz ehrlich zu sein: Ich war überrascht davon, wie gut aufgestellt die Chisholmian Army tatsächlich war und ist. Dabei hätte ich das aus der Rolle, die sie unter König Sailys und nach dessen Tod gespielt hat, durchaus schließen können. Immerhin verdankte Königin Sharleyan ihr Uberleben auch auf politischem Gebiet ihrer Armee. Zwei Drittel der Ressortoffiziere sind Veteranen aus Sailys’ Feldzügen. Es ist ganz offenkundig, dass Eastshare – und auch Halbrook Hollow, wo wir gerade dabei sind – ausgezeichnete Arbeit geleistet haben, als es darum ging, diese Armee auszubilden und auszurüsten.«

Nachdenklich nickte Green Valley.

Merlin zuckte mit den Schultern. »Offensichtlich«, fuhr er fort, »waren sie weniger gut ausgerüstet als wir – aber schließlich gilt das für die Ausstattung einer jeden Armee, wenn wir einmal ehrlich sind. Und wie Sie zweifellos schon selbst bemerkt haben, sind die Formationen und der gesamte Drill, die sich auf bestimmte Taktiken beziehen, mittlerweile veraltet. Doch auch in dieser Hinsicht steht die Chisholmian Army kaum allein da. Angesichts der Waffen, die bisher zur Verfügung standen, habe ich den Eindruck, Eastshares Truppen könnten sich im Kampf Mann gegen Mann zumindest gegen jede Armee vom Festland behaupten – und dem Gegner dabei vermutlich noch ordentlich den Hintern versohlen. Außer Siddarmark, natürlich.«

Nun war es an Green Valley, ein Schnauben auszustoßen. Die Republik Siddarmark war – mit gutem Grund – allgemein dafür bekannt, die effektivste Streitmacht in der Geschichte von ganz Safehold zu besitzen. Zumindest, was Gefechte auf dem Land betraf. Über eine Navy verfügte Siddarmark praktisch nicht, und die Royal Charisian Navy hatte auch schon vor Merlin Athrawes’ Eintreffen in Tellesberg praktisch über sämtliche Meere von Safehold geherrscht. Aber wo immer eine siddarmarkianische Piken-Phalanx genug Platz fand, sich ordentlich aufzustellen, beherrschte sie das Gelände. Das erklärte auch die erfolgreiche, anhaltende Expansion der Republik, die ihren Einflussbereich seit mehr als einhundertundfünfzig Safehold-Jahren stetig nach Süden ausbreitete, in Richtung des Desnairianischen Reiches. Diese Expansion war erst zum Stillstand gekommen, als die Ritter der Tempel-Lande im Rahmen des Seidenstadt-Abkommens im Jahre 869 die Grenzen des Großherzogtums Silkiah garantiert hatten.

Zumindest formal war Silkiah unabhängig, auch wenn der Großherzog des Landes Desnairia jährlich einen beachtlichen Tribut entrichtete. Auch an die Ritter der Tempel-Lande zahlte er jedes Jahr, selbst wenn diese Zahlung als ›Zehnter‹ bezeichnet wurde, den bis vor kurzem jeder Regent auf ganz Safehold zu entrichten hatte. Natürlich ging das Geld offiziell nicht an die ›Ritter der Tempel-Lande‹. Doch das lag nur daran, dass die Ritter der Tempel-Lande zufälligerweise allesamt dem Rat der Vikare der Kirche des Verheißenen angehörten. Diese doppelte Rolle, als weltlicher wie als geistliche Herrscher, verschaffte ihnen einen immensen Vorteil, und doch gingen damit auch gewisse Nachteile einher. Vor allem jetzt. Schon seit langer, langer Zeit machten sich die Ritter der Tempel-Lande ernstlich Sorgen wegen der überlegenen Armee Siddarmarks, die unmittelbar auf der anderen Seite der gemeinsamen Grenze stand. Im Laufe der Jahre hatten sie ihre Macht als Fürsten der Kirche dazu ausgenutzt, jeglichem Abenteurertum Einhalt zu gebieten, was die Nachfolge des Reichsverwesers der Republik betraf. Das Seidenstadt-Abkommen mochte das eklatanteste, aber bei weitem nicht das einzige Beispiel ihres Eingreifens in die weltliche Politik darstellen. Das war den Beziehungen der Kirche zur Republik nicht gerade zuträglich gewesen. Zum offen Bruch war es allerdings nie gekommen, wie auch immer der eine oder andere Vikar das einschätzen mochte. Schließlich war die Vormachtstellung der Kirche unangreifbar.

Doch jetzt … jetzt, da die Vormachtstellung der Kirche eben doch angreifbar geworden war, stiegen die von Kanzlern seit Jahrzehnten gehegten Befürchtungen ins Unermessliche. Es gab noch keine deutlichen Hinweise darauf, die Siddarmarkianer könnten sich der Kirche von Charis zuwenden. Doch das hielt die ›Vierer-Gruppe‹ – die Gruppe einflussreicher Vikare, die letztendlich die Geschicke der gesamten Kirche lenkten – mitnichten davon ab, sich darum zu sorgen, genau das könne beizeiten geschehen.

Ich wünschte wirklich, das würde geschehen, dachte Merlin mehr als nur ein wenig wehmütig. Aber so sehr sich Stohnar auch zumindest über die ›Vierer-Gruppe‹ ärgert – er wird sich nicht offen auf die Seite von Chans stellen. Die Vorwürfe, die Charis hinsichtlich der Korruption in der Kirche erhebt, dürfte er sogar für berechtigt halten. Er gibt sich sicherlich auch nicht irgendwelchen Illusionen hinsichtlich der ›Heiligkeit‹ der ›Vierer-Gruppe‹ und ihrer Beweggründe hin. Aber er ist ein Pragmatiker. Daher ist er sich des herrschenden Gleichgewichts der Kräfte voll und ganz bewusst. Tatsächlich kennt er sich damit vermutlich sogar besser aus als jeder andere auf ganz Safehold. Abgesehen davon scheint er mir nicht der Ansicht, ein offener Bruch mit der Kirche würde in Siddarmark auf allgemeine Zustimmung stoßen. Und zumindest im Augenblick hat er mit dieser Einschätzung gewiss Recht.

»Aber was mich am meisten beeindruckt an den Chisholmianern«, wandte sich der Seijin wieder an seinen Gesprächspartner, »ist ihre Bereitwilligkeit, sich auf neue Taktiken einzustellen. Sie machen rasch Fortschritte.«

Er hob eine Augenbraue und blickte Green Valley an, um ihm eine Bemerkung zu entlocken, und der Baron nickte.

»Damit habt Ihr Recht«, bemerkte dieser. »Mir scheint, als würde das Offizierskorps die Gründe für diese neuen Taktiken sogar noch rascher begreifen als unsere eigenen Leute damals. Die Chisholmianer machen das auch nicht bloß, um Ihre Majestäten zufriedenzustellen. Sie lernen nicht einfach nur, was wir sie lehren. Sie machen sich selbst ernstlich Gedanken und bringen Verbesserungsvorschläge ein.«

»Das ist auch mein Eindruck«, bestätigte Merlin.

»Ich habe auch noch kein einziges Anzeichen für das gesehen, was mir im Vorfeld am meisten Sorgen bereitet hat«, fuhr Green Valley fort. Wieder wölbte Merlin eine Augenbraue, und der Baron zuckte mit den Schultern. »Charis hat nie über eine Armee verfügt, die diesen Namen verdient hätte, Merlin. Wir hatten eine wahrhaft unübertreffliche Navy, und niemand möchte es auf See mit unseren Marines aufnehmen müssen. Aber was Landstreitkräfte betrifft …

Hier in Chisholm hingegen …«, Green Valley lehnte sich in seinem Klappstuhl zurück, und seine Miene verriet immense Konzentration, »… ist die Army das, was zählt. Es war seinerzeit die Army, der es gelungen ist, die Macht der einflussreichsten Adeligen einzudämmen, und es war auch die Army, die in der Heimat für hinreichende Stabilität gesorgt hat. Mit Hilfe der Army haben der Vater Ihrer Kaiserlichen Majestät und später natürlich auch sie selbst den Wohlstand des Königreiches mehren können. König Sailys’ Navy … na ja, er musste halt Chisholms Handelsschiffe gegen corisandianische Freibeuter verteidigen. Diese Navy aber aufzubauen war ihm erst möglich, nachdem die Army dafür gesorgt hatte, dass das Reich überhaupt hinreichend wohlhabend geworden war. Während für uns Charisianer also die Navy unser ganzer Stolz ist – ganz zu schweigen davon, dass wir ihr auch den Drachenanteil unseres Reichtums verdanken –, ist es für Chisholm die Army.«

Wieder zuckte er die Achseln, ließ seine Worte sacken.

»Unter diesen Umständen«, fuhr er dann fort, »hatte ich ernstlich befürchtet, die Chisholmianer würden Ratschläge hinsichtlich neuer Armee-Taktiken unweigerlich ablehnen. Ich meine, was soll ein Haufen Marines denn schon über die richtigen Bedingungen und Erfordernisse wissen, die es bei Kämpfen auf dem Land zu beachten gilt? Und in vielerlei Hinsicht ist dieser Einwand auch mehr als berechtigt. Es ist sicherlich unter den charisianischen Navy-Offizieren weit verbreitet, von der Chisholmian Navy so wenig zu halten wie die Chisholmianer von unseren Landstreitkräften. Ich hatte befürchtet, die Chisholmianer könnten uns verübeln, dass unsere Marines sämtliche Gefechte in Corisande ausgetragen haben – während ihre glorreiche Army zu Hause hat herumsitzen müssen. Ach, natürlich haben sie alle gesagt, sie hätten das Argument verstanden, es sei logistisch nicht anders machbar gewesen. Also: sie verstünden, dass man nur eine begrenzte Anzahl von Soldaten so weit über den Ozean habe schicken können. Folglich war es notwendig, die neuen Waffen einzusetzen – und damit die Männer, die im Umgang mit ihnen auch ausgebildet waren. Aber ich hatte befürchtet, das seien Lippenbekenntnisse, und die Chisholmianer könnten sich wie eine Art ›Jugendmannschaft‹ behandelt fühlen, die auf der Ersatzbank sitzen gelassen wird, während die Profi-Liga in den Krieg zieht.

Das ist, womit ich gerechnet habe – und das nicht nur, weil man sich in Chisholm Sorgen um die ›Ehre‹ der Army machen könnte. Ihr, Merlin, wisst genauso gut wie ich, dass der Ruf einer Armee – und die Möglichkeit, auf Erfolge verweisen zu können – eine immense Rolle bei der Frage spielt, mit welchem Budget man rechnen darf. Das ist eine Berufsarmee, Merlin, mit einem Offizierskorps aus Berufssoldaten. Die müssen sich doch darum sorgen, dass es sich, wenn sie zu Hause bleiben müssen, während jemand anderes in die Schlacht zieht, auf jeden Fall … na ja, negativ auf ihre berufliche Karriere auswirken wird, könnte man wohl sagen. Ich habe schon bei einer ganzen Menge chisholmianischen Bürokraten, allesamt Zivilisten natürlich, bemerkt, dass sie der Ansicht zu sein scheinen, Charis habe im Gefüge dieses Kaiserreiches unangemessen viel Einfluss und Vorteile. Deswegen hätte es mich überhaupt nicht überrascht, wenn sich bei der Army eine ähnliche Meinung ausgebreitet hätte.«

»Ja«, Merlin nickte, »das habe ich auch schon bemerkt – das mit den Bürokraten, meine ich. Aber aus irgendeinem sonderbaren Grund scheinen sie doch ein wenig zögerlich, dieser Verärgerung Seiner Majestät dem Kaiser oder Ihrer Majestät der Kaiserin gegenüber Ausdruck zu verleihen.«

»Ach, tatsächlich? Woran könnte das denn bloß liegen?«, fragte Green Valley mit Unschuldsmiene, und wieder musste Merlin leise auflachen.

»Aber wie gesagt«, fuhr Green Valley dann fort, »es war meine große Sorge, dass die Army in Chisholm sich stur stellt. Na, ein bisschen was davon habe ich auch tatsächlich mitbekommen – wenngleich wirklich nicht allzu viel, Langhorne sei Dank!«

»Sie meinen also, Offiziere und Mannschaften hier ärgern sich nicht, dass plötzlich überall charisianische Marines herumlaufen?«, setzte Merlin nach.

Der Blick, mit dem er Green Valley bedachte, war sehr aufmerksam. Man hatte den Baron für seine derzeitige Aufgabe ausgewählt, obwohl er noch relativ jung war – er war noch nicht einmal vierzig Jahre alt. Man hatte ihn in den Adelsstand erhoben, nicht nur, weil er seine Aufgaben stets ausgezeichnet erfüllte, sondern auch, weil er über einen bemerkenswert scharfen Verstand verfügte. Nun lächelte Green Valley den Seijin ein wenig säuerlich an und schüttelte den Kopf, als wolle er ihn sanft dafür tadeln, eine Frage gestellt zu haben, auf die sie beide doch längst die Antwort wussten.

»Nein, das tun sie nicht«, sagte er dann. »Zum Teil liegt das, meine ich, daran, dass sie eben doch echte Profis sind. Sie sind einfach deutlich mehr daran interessiert zu erfahren, wie sie ihre Aufgabe noch besser erfüllen können, als daran, bloß ihren Ruf zu verteidigen. Was das betrifft, erinnern sie mich immens an unsere eigenen Navy-Offiziere, beispielsweise den Grafen Lock Island und Baron Rock Point. Die sind in erster Linie auch echte Profis, und die Primadonna kommt erst an zweiter Stelle – oder eher sogar: an dritter.

Aber wie gesagt, das ist nur einer der Gründe.« Jetzt kniff Green Valley die Augen zusammen. Seine Miene wirkte noch konzentrierter. »Viel wichtiger ist, dass, von den allerhöchsten Rängen einmal abgesehen, die Offiziere der Army hauptsächlich dem bürgerlichen Stand entstammen. Was den Adel hier in Chisholm am meisten am Kaiserpaar fuchst, ist wohl, von den wichtigen Positionen in der Army ausgeschlossen zu sein. Selbstverständlich überrascht dieses Vorgehen den Hochadel nicht. Denn König Sailys und Baron Green Mountain – ebenso wie Halbrook Hollow, das muss man ihm zugestehen – haben die Royal Army doch überhaupt nur ins Leben gerufen, um Kronrechte zurückzugewinnen, und das auf Kosten des Hochadels. Nach den Streitigkeiten war klar, dass Generalsposten nicht an Adelige gehen würden, deren Treue der Krone gegenüber nicht über jeden Zweifel erhaben ist. Und dass Soldaten niederen Standes so weit in den Rängen der Army haben aufsteigen können – und viele haben das auch getan! –, erklärt gewiss, warum das Bürgertum die Army so rückhaltlos unterstützt. Hier in Chisholm hat die Army zumindest bei den Bürgerlichen genau den gleichen Stand wie in Charis die Navy. Und diese Army ist noch jung und professionell genug, um flexibel zu sein.« Green Valley schüttelte den Kopf. »Mit derart viel Flexibilität hatte ich allerdings nicht gerechnet.«

Zustimmend nickte Merlin. Er war von Anfang an ein wenig optimistischer gestimmt gewesen, was die Bereitschaft der Royal Chisholmian Army betraf, neue Waffen und Taktiken zu akzeptieren. Doch der Enthusiasmus der Chisholmianer, diese Veränderungen aufzunehmen, überraschte selbst ihn.

Und, dachte der Seijin, Green Valley hat sogar noch deutlich mehr Recht, als ihm selbst vielleicht bewusst ist, was die Bedeutung der Army in den Augen der chisholmianischen Untertanen des Kaiserreiches angeht.

Im Großen und Ganzen schien die Mehrheit der Chisholmianer fest hinter der Entscheidung zu stehen, die Königreiche Chisholm und Charis (das jetzt fast überall nur noch als ›das Alte Charis‹ bezeichnet wurde, um Verwirrung zu vermeiden) zu einem neuen Charisianischen Kaiserreich zu vereinigen. Aber das galt natürlich nicht für alle. Manche – vor allem diejenigen, die in erster Linie an ihre eigene Macht und ihren eigenen Einfluss dachten – bezweifelten, dass die versprochene Gleichheit von Chisholm und dem Alten Charis tatsächlich aufrechterhalten würde. Manche bezweifelten sogar, dass das überhaupt möglich sei. Die Bevölkerung des Alten Charis war anderthalb mal größer als die von Chisholm, und der Reichtum von Charis übertraf den von Chisholm mindestens um das Vierfache. Die Wirtschaft von Chisholm war auch schon vor der Vereinigung der beiden Königreiche eindeutig von den charisianischen Manufakturen und Händlern dominiert gewesen. Die charisianische Handelsmarine war der unangefochtene Herrscher über alle Meere von Safehold, und die Royal Chisholmian Navy war – fast spurlos – in der sehr viel größeren Royal Charisian Navy aufgegangen, auch wenn das Ergebnis dieser Vereinigung offiziell als die Imperial Navy bezeichnet wurde.

Unter diesen Umständen waren die Zweifel zumindest einiger Chisholmianer daran zu verstehen, ob Chisholm nicht schon bald zum Partner zweiter Klasse im imperialen Gefüge absteigen würde.

Cayleb und Sharleyan waren entschlossen, genau das zu verhindern. Aus diesem Grund war Sharleyan Caylebs Ko-Regentin. Deshalb hatte sie von Tellesberg aus in ihrem eigenen Namen das gesamte Kaiserreich regiert, während Cayleb sich auf dem Feldzug gegen Corisande befunden hatte. Sie – nicht Cayleb – hatte die schwierige Geburt des neuen Kaiserlichen Parlaments überwacht. Das alles hatte das Ziel, Gleichheit zwischen Charis und Chisholm zu gewährleisten, in greifbare Nähe rückenzulassen. Dass für die Hälfte eines jeden Jahres die Kaiserliche Regierung in Cherayth residieren würde, der Hauptstadt des Königreiches Chisholm, und die andere Hälfte des Jahres in Tellesberg, der Hauptstadt des Königreiches Charis, trieb das Ganze noch ein wenig weiter. Die Bürger von Chisholm sollten deutlich spüren, dass die kaiserliche Regierung sich nicht vom charisianischen Blickwinkel dominieren lassen würde.

Die Schaffung einer gemeinsamen Imperial Army sollte ebenfalls ein Zeichen für Einheit und Gleichheit beider Teile des Reiches sein. Durch die imperiale Rolle würde die Armee Chisholms und damit gleichzeitig das bürgerliche Lager an Einfluss im Kaiserreich gewinnen. Damit gewännen auch die beiden Fraktionen Einfluss, die während der Regentschaft von König Sailys und Königin Sharleyan der Krone von Chisholm unverbrüchliche Treue entgegengebracht hatten. Bürgertum und Army hatten Sharleyans junge Regentschaft überleben lassen, genau wie Green Valley es eben gesagte hatte. Bürgertum und Army waren das unerschöpfliche Reservoir, aus dem Sharleyan Unterstützung für die Entscheidung bekommen hatte, Cayleb zu ehelichen und das neue Kaiserreich zu schaffen.

Dessen waren sich Sharleyan und Cayleb voll und ganz bewusst. Deswegen hatte Cayleb darauf bestanden, den chisholmianischen Händlern und Manufakturbesitzern in gleichem Maße Zugang zu den Märkten des Kaiserreiches zu ermöglichen wie den Charisianern. Genau deswegen hatte Das Kaiserpaar auch gemeinsam erklärt, Chisholm habe die Führung bei der Schaffung der Imperial Army zu übernehmen. Natürlich gab es Royal Charisian Marines, die sich gegen diese Entscheidung aussprachen (auch wenn sie klug genug waren, das in den weitaus meisten Fällen nur sehr leise zu tun). Die errungenen Erfolge, in Corisande etwa, wo das Marines Corps den Gegner regelrecht aufgerieben hatte, hatten sie stolz auf ihr Corps werden lassen. Daher war man im Corps zutiefst verletzt ob der Vorstellung, die Marines sollten nicht nur wieder ausschließlich an Bord von Schiffen eingesetzt werden, sondern ein Großteil der Veteranen, die beim Corisande-Feldzug so siegreich gewesen waren, seien der Army zu überstellen.

Diejenigen, die töricht genug gewesen waren, ihre Einwände öffentlich zu erheben, hatten rasch … andere Aufgabenfelder gefunden.

»Ich denke, dazu gehört noch etwas anderes«, sagte der Seijin nun. »Da Cayleb und Sharleyan vernünftigerweise Charis bei der Navy die Vormachtstellung eingeräumt haben, erscheint es doch nur angemessen, dasselbe Chisholm bei der Army zuzugestehen. Und genau deswegen sind Sie ja nun auch Offizier der Army. Die Entscheidung, einen Großteil der Imperial Marines in die Army einzugliedern – und dabei auch die Weisungsbefugnis der bereits existierenden Offiziere der Army anzuerkennen –, war gewiss nicht leicht, aber sicherlich richtig.«

»Voll und ganz!« Green Valleys Nicken fiel noch heftiger und nachdrücklicher aus als Merlins. »Für die Offiziere, mit denen ich im Augenblick zusammenarbeite, ist diese Entscheidung der Beweis, dass Ihre Majestäten ihren Worten über die Reorganisation der Streitkräfte auch wirklich Taten folgen lassen. Vor allem, nachdem … na ja …«

Der Baron stockte, und es klang beinahe – nicht ganz, aber doch beinahe –, als sei ihm etwas peinlich. Merlin lächelte, jedoch ohne jede Spur von Belustigung.

»Meinen Sie, vor allem, nachdem der Oberkommandierende der Army sich mit den Tempelgetreuen verschworen hat, um Sharleyan ermorden oder zumindest entführen zu lassen?«

»Naja … eigentlich ja«, gestand Green Valley ein. Kaum merklich schüttelte er den Kopf. »Man kann es Mannschaften wie Offizieren kaum verübeln, dass sie sich deswegen Sorgen machen. Ich an ihrer Stelle hätte jedenfalls Sorge, ob die Krone der Army im Ganzen noch traut. Vor allem, wenn man bedenkt, wie beliebt Halbrook Hollow war – und ich meine hier: auch bei den einfachen Soldaten, nicht nur im Offizierskorps. Er war derjenige, der diese ganze Army überhaupt erst aufgebaut hat, Merlin! Er hat sie zu dem gemacht, was sie heute ist, er hatte bei den entscheidenden Schlachten das Kommando, und er hat seine Soldaten bei jedem einzelnen Feldzug zum Sieg geführt. Wie sollten sie sich nach dem Verrat ihrer aller Galionsfigur nicht Sorgen darum machen, wie das Kaiserhaus sie sieht? Viele Soldaten schämen sich darüber hinaus für Halbrook Hollows Verrat. Sie selbst haben nichts Falsches getan, aber er war ihr Kommandeur, und zumindest einige sind der Ansicht, sein Hochverrat habe auch ihre eigene Ehre befleckt.«

»Ich weiß genau, was Sie meinen«, gab Merlin ernst zurück.

In Wahrheit, setzte er für sich selbst hinzu, teilen zumindest einige Offiziere der Army Halbrook Hollows Zweifel am neuen Reich. Beispielsweise der hochwohlgeborene Graf Swayle.

Barkah Rahskail, seines Zeichens Graf Swayle, war noch jung, gerade einmal siebenunddreißig Safehold-Jahre alt. Für einen Safeholdianer war er sehr hochgewachsen, kaum mehr als einen Zoll kleiner als Merlin selbst. Mit seinem hellen Haar, seinen dunklen Augen und der stets sonnengebräunten Haut war er zudem sehr gut aussehend. Als Merlin Athrawes noch Nimue Alban gewesen war, hätte sie diesen Swayle ganz gewiss ein wenig genauer in Augenschein genommen.

Doch zusätzlich zu seinem guten Aussehen und seinem edlen Geblüt war Swayle auch noch ein eingefleischter Tempelgetreuer. Er wusste das besser zu verbergen als manche seiner Gleichgestellten – Halbrook Hollow beispielsweise. Doch Merlin glaubte genau zu wissen, wie der junge Graf dachte. Wem Swayles Treue galt, wusste der Seijin nicht. Würde sein Abscheu vor der ›Abtrünnigkeit‹ und ›Ketzerei‹ der Kirche von Charis ihn zum Hochverrat treiben? Oder reichte da schon der schändliche Tod seines Army-Kommandeurs, den er zutiefst bewundert und respektiert hatte? Für chisholmianische Hochadelige wie Swayle selbst und die Mitglieder seiner Familie war es ungewöhnlich, über eine so lange Zeit dem Hause Tayt Treue entgegenzubringen. Würde das und sein Eid als Offizier der Royal Army ihn davor schützen, es Halbrook Hollow gleichzutun?

Merlin fürchtete bereits zu wissen, welchen Weg Swayle letztendlich einschlagen würde. Doch noch war der Graf diesen Weg nicht gegangen. Weder Cayleb noch Sharleyan neigten dazu, Leute für etwas zu strafen, was sie vielleicht tun könnten.

Was Merlin Athrawes, wenn er ganz ehrlich war, nur recht sein konnte.

Ich werde all diejenigen im Auge behalten, von denen wir wissen, dass sie zumindest einige der gleichen Zweifel hegen, die auch Halbrook Hollow umgetrieben haben, rief er sich ins Gedächtnis zurück. Und auch wenn Cayleb und Sharleyan sich auf niemanden stürzen, dessen Verrat noch nicht zweifelsfrei bewiesen ist, werden sie keineswegs zögern zuzuschlagen, wenn es dann so weit ist. Ich weiß, dass sie darauf hoffen, das niemals tun zu müssen. Aber sollte es notwendig werden, werden sie handeln. Und wenigstens sieht es so aus, als wären Adelige mit einer gewissen Neigung zu den Tempelgetreuen eindeutig in der Minderheit … derzeit, zumindest.

»Und Herzog Eastshare?«, fragte er dann. »Was, glauben Sie, empfindet er angesichts dieser Situation, Mein Lord?«

»Ihr fordert mich da gerade auf, eine Aussage über meinen direkten Vorgesetzten zu tätigen, Seijin Merlin«, gab Green Valley mit plötzlicher – und unerwarteter – Heftigkeit zurück und legte die Stirn in Falten. »Ich verstehe wohl, warum Euch diese Frage umtreibt, aber um ehrlich zu sein, erscheint es mir unangemessen, ein Urteil über die Treue Seiner Durchlaucht der Krone gegenüber abzugeben.«

Leicht erstaunt hob Merlin eine Augenbraue. Er wollte schon etwas erwidern, doch dann hielt er inne.

Eigentlich, dachte er, ist Green Valleys … Zögerlichkeit ja bereits ein Urteil über Eastshares Treue. Wenn Green Valley zögerte, dann nicht, weil er Scheu davor hatte, sich den Zorn eines einflussreichen Adeligen zuzuziehen – für den Fall, das Eastshare die Kritik seines Untergebenen zu Ohren kommen sollte.

Das Zögern ist zugleich ein Indiz dafür, wie sehr der Baron Eastshare mittlerweile respektieren gelernt hat, sinnierte Merlin. Hätte er hingegen Zweifel an Eastshares Treue der Krone gegenüber, würde er seinem Vorgesetzten keinen Respekt entgegenbringen. Es wäre dann auch egal, wie flexibel der Herzog sich in beruflicher Hinsicht erweisen hätte. Ich habe also meine Antwort eigentlich schon.

»Ich verstehe, Mein Lord«, sagte Merlin und klang dabei deutlich förmlicher als sonst in seinen Gesprächen mit Green Valley. Einen Moment lang blickte ihn der Baron an, dann nickte er kaum merklich, und sein Stirnrunzeln verschwand.

»Also sind Sie alles in allem zufrieden?«, fuhr Merlin dann in normalem Konversationston fort, und wieder nickte Green Valley, dieses Mal deutlich nachdrücklicher.

»Ich bin sogar sehr zufrieden. Ich wünschte nur – ebenso wie Herzog Eastshare im Übrigen –, wir hätten ein noch größeres Marines-Kader bereitstellen können. Aber uns beiden ist durchaus bewusst, warum Ihre Majestäten General Chermyn eine hinreichend große Garnisonsstreitmacht für Corisande überlassen mussten. Außerdem wäre es mir lieb, wir könnten die neuen Gewehr- und Kanonengießereien hier in Chisholm deutlich schneller fertigstellen. Aber Chisholm verfügt einfach nicht über so viele erfahrene Mechaniker und Handwerker wie das Alte Charis. Wenigstens sind schon die ersten Gewehr-Lieferungen eingetroffen. Deswegen müssen zumindest nicht alle mit Besenstielen üben.

Positiv wirkt sich auch die Landstreitkraft-Tradition Chisholms aus. Der Herzog und seine Offiziere schenken mir, dem Entwickler der neuen Kampftaktiken, sehr höflich Aufmerksamkeit und hören sich geduldig an, was ich an Erfahrungen mit den neuen Waffen im Einsatz habe sammeln können. Aber in Wahrheit haben sie schon reichlich Möglichkeiten gefunden, meine taktischen Ideen zu verbessern. Und von der Logistik, die eine Landstreitkraft benötigt, wissen sie eh mehr als ich. Wir machen so in mancherlei Hinsicht sogar gewaltige Fortschritte.«

Und es spricht immens für Sie, Mein Lord, dachte Merlin, dass Sie diese Wahrheit nicht nur erkennen, sondern dass Sie auch bereit sind, sie einzugestehen – anderen und sich selbst gegenüber.

»Sind Sie also der Meinung, ich kann nach Cherayth zurückkehren und Ihren Majestäten berichten, das große Army-Integrationsprojekt laufe gut?«, fragte Merlin noch einmal nach.

»Ja«, bestätigte Green Valley und blickte dem Seijin fest in die blauen Augen. Damit stellte er noch einmal deutlich heraus, dass ihm voll und ganz bewusst war, auf wie vielen verschiedenen Ebenen ihr Gespräch gerade stattfand. »Ja, ich meine sogar, dass Ihr Ihren Majestäten berichten könnt, es laufe sogar sehr gut.«

.III.

Königlicher Palast, Stadt Talkyra, Königreich Delferahk

»Was glauben Sie, was die wirklich wollen, Phylyp?«

Irys Daykyns Tonfall klang sehr ruhig, während sie über die leeren Teller auf den Esstisch hinweg ihren Vormund anschaute. Doch ihre haselnussbraunen Augen, die ihre Ähnlichkeit mit ihrer verstorbenen Mutter noch unterstrichen, wirkten dunkel. Das konnte nicht allein Folge des im Raum herrschenden matten Lichtscheins sein.

»Das, was sie gesagt haben, Euer Hoheit«, erwiderte Phylyp Ahzgood, seines Zeichens Graf Coris, und zuckte mit den Schultern. »Ach, ich bezweifle nicht, dass sie noch mehr im Schilde führen. Aber genau wie Ihr, kann ich nur raten, was das sein könnte«, fuhr er fort und meinte auch, was er sagte. Irys Daykyn mochte erst siebzehn Jahre alt sein – und damit noch keine sechzehn Erdenjahre –, doch sie war kaum eine typische Siebzehnjährige. Nicht einmal eine typische siebzehnjährige Prinzessin.

»Ich glaube nicht, dass sie ihre … Einladung einzig aus Sorge um Daivyn ausgesprochen haben.« Nun klang Coris’ Tonfall regelrecht beißend. Niemals hätte er in der Öffentlichkeit diesen Ton bei einem Gespräch über die ›Vierer-Gruppe‹ angeschlagen. Aber außer der Prinzessin war niemand anwesend, und ihr gegenüber brauchte er sich, was diese Männer anging, nicht zu verstellen. »Allerdings«, fuhr Coris fort, der so viele Jahre lang der Leiter der Spionageabteilung Prinz Hektors von Corisande gewesen war, »glaube ich, dass unsere Lage noch deutlich schlechter sein könnte. Wenigstens bestehen sie nicht darauf, dass Ihr und Euer Herr Bruder mich begleiten.«

»Warum sollten sie sich die Mühe machen, mich einzuladen, wie auch immer ihre Motive nun aussehen mögen?«

Irys’ Miene war nun sehr viel angespannter, und Coris ertappte sich dabei, zustimmend zu nicken. Seine letzte Bemerkung war eigentlich als kleiner ironischer Scherz gedacht gewesen. Doch es überraschte ihn nicht, dass er danebengegangen war. Ebenso wie Irys selbst wusste er, dass sie für die ›Vierer-Gruppe‹ nur von geringem Wert war. Ihr kleiner Bruder Daivyn war der rechtmäßige Fürst von Corisande – selbst Cayleb und Sharleyan von Charis hatten zumindest das offen eingestanden –, auch wenn er sich derzeit im Exil befand. Aber Irys? Ihr schenkte man höchstens einen unbedeutenden zweiten Gedanken. Für die ›Vierer-Gruppe‹ besaß sie keinerlei Wert als politische Figur auf dem Spielbrett der Macht. Gewiss würden die Vikare keinen Gedanken darauf verschwenden, was eine Prinzessin im Exil denken mochte, die von den armseligen Brosamen entfernter Verwandter lebte (zumindest soweit sie wussten).

Das war nach Phylyp Ahzgoods Meinung unfassbar töricht von den Vikaren.

Allerdings war durchaus möglich, dass sie beizeiten einsahen, wie sehr sie sich in Irys getäuscht hatten. Und vielleicht wird diese Erkenntnis schmerzhafter, als ihnen jetzt bewusst ist, dachte er mit einer gewissen unverkennbaren Befriedigung.

»Was das angeht, habt Ihr leider Recht, zumindest, was deren Sicht der Dinge angeht«, beantwortete er die Frage seines Mündels. »Andererseits: wenn die ›Vierer-Gruppe‹ umgehend umzusetzende Pläne mit Daivyn hätte, dann hätte man vermutlich darauf bestanden, dass ich ihn mitbringe.«

Irys mochte ihren Vormund wirklich. Dennoch und trotz all der Sorgen, die sie selbst momentan umtrieben, konnte sie sich doch angesichts von Coris’ säuerlichem Tonfall ein Grinsen nicht verkneifen. Sie grinste, obwohl eine Reise von annähernd neuntausend Meilen selbst im Sommer kein Spaß war. Aber der Winter rückte rasch näher. Zumindest die letzten Etappen mochten für Coris wirklich gefährlich werden.

»Glauben Sie, sie haben der anstrengenden Reise wegen darauf verzichtet?«, fragte sie und sprach damit indirekt auch ihre Sorge um Coris aus.

»Nein, wohl nicht.« Der Graf verzog die Lippen und schüttelte den Kopf. »Eventuell würde Duchairn sich solche Gedanken machen. Selbst Trynair könnte wegen des Wertes, den Daivyn für die ›Vierer-Gruppe‹ hat, darüber nachdenken. Aber dass Maigwair auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwendet, wie unschön es wäre, einen Neunjährigen durch hüfttiefen Schnee zu schleppen, bezweifele ich. Und Clyntahn …«

Coris hielt inne und zuckte mit den Schultern, und nun war es an Irys zu nicken. Vikar Zahmsyn Trynair war vermutlich der kaltblütigste, berechnendste Kanzler, den die Kirche des Verheißenen in den neunhundert Jahren seit dem Tag der Schöpfung hervorgebracht hatte. Er sah in Daivyn Daykyn vermutlich lediglich einen potenziellen politischen Aktivposten, aber keinen kleinen Jungen, dessen Vater erst kürzlich brutal ermordet worden war. Und nach allen Berichten besaß Allayn Maigwair, der Captain General der Kirche, etwa so viel Fantasie und Einfühlungsvermögen wie ein mittelgroßes Stück Holz. Von ihm zu erwarten, sich um Daivyn Sorgen zu machen, wäre ebenso töricht wie vergebens.

Und dann gab es da noch Zhaspahr Clyntahn. Irys zweifelte ebenso wenig wie Coris daran, dass der Großinquisitor jeden, der die Frechheit besessen hätte, ihm vorzuschlagen, er könne sich doch in der einen oder anderen Art und Weise um Daivyns Wohlergehen kümmern, einfach nur verständnislos angestiert hätte.

»Falls sie mit Daivyn etwas vorhätten, würden sie ihn in Zion wissen wollen. Denn nur so hätten sie notfalls jederzeit Zugriff auf ihn«, fuhr der Graf fort. »Was das betrifft, wird zumindest Clyntahn die Gelegenheit nutzen wollen, Daivyn damit zu … beeindrucken, wie gewaltig das Interesse des Inquisitors und seiner Gefährten an ihm ist.« Coris schüttelte den Kopf. »Nein, ich glaube, dass es weitgehend tatsächlich um das geht, was Trynairs Nachricht uns auch hat wissen lassen. Sie werden sichergehen wollen, dass ich die Pläne, die sie für Daivyn und seine Zukunft haben, voll und ganz verstehe. Und natürlich werden sie auch erfahren wollen, wie ich die Lage in Corisande einschätze.«

Einen Moment lang wirkte es, als wolle Irys angewidert ausspucken. Coris konnte es ihr wirklich nicht verübeln.

»Ich bin mir sicher, dass sie aufbessere Quellen zurückgreifen können als ich – als wir«, sagte er. »Oder zumindest vermögen ihre Quellen deren Berichte rascher nach Zion zu schaffen, als unsere Agenten sich bei uns melden können. Aber alles, was man in Zion über Corisande weiß, stammt bestenfalls aus zweiter Hand, selbst wenn es aus jüngerer Zeit stammt als unsere letzten Nachrichten. Der Versuch, einen Ratgeber Eures Herrn Vaters ausquetschen zu wollen, würde mich nicht überraschen.«

Mit einem kurzen aufblitzenden Lächeln sagte Irys: »Vor allem den Leiter der Spionageabteilung, meinen Sie.« Dann fuhr sie fort: »Vor allem jetzt, da Vater tot ist. Zweifellos werden die von Ihnen erfahren wollen, welchen Eindruck Sie von der Reaktion des Volkes darauf haben, dass Cayleb ihn hat ermorden lassen.«

Dieses Mal nickte Coris nur. Er kannte Irys Daykyn seit ihrer Geburt, war sogar, womit er gern vor ihr kokettierte, mehr als einmal dabei gewesen, als ihre Windeln gewechselt wurden. Er wusste ganz genau, wie nahe sie ihrem Vater gestanden hatte, und er wusste ganz genau, was sein Tod ihr bedeutete. Stets hatte er sich bemüht, sie auch andere Gründe anerkennen zu lassen, die zur Ermordung ihres Vaters geführt haben könnten. Nichtsdestotrotz machte sie Cayleb dafür verantwortlich.

Coris’ eigene Vermutungen gingen eher in eine andere Richtung. Diesen Verdacht auszusprechen aber, war gefährlich – nicht nur für ihn, sondern auch für Prinzessin Irys.

»Ich bin mir sicher, dass das zu den Dingen gehören wird, über die wir sprechen werden«, pflichtete er ihr bei. »Dennoch halte ich es für wahrscheinlich, dass die Vikare die Absicht haben, Euch und Daivyn fürs Erste hier in Talkyra bei König Zhames bleiben zu lassen. Bis ich in Zion ankomme, werden mehr als zwei Monate vergehen. Wie lange sie mich dann dort behalten werden, weiß ich nicht. Meines Erachtens aber werden sie mich weder auf Dauer von Daivyn trennen oder ihn, ohne mich, seinen Vormund, an einen anderen Ort schicken. Mit anderen Worten: Er wird wohl mindestens weitere fünf oder sechs Monate hier bleiben. Wahrscheinlich sogar noch länger.«

»Ich wäre nicht todunglücklich, wenn dem so wäre.« Irys seufzte und schüttelte den Kopf. »Keinem von uns gefällt es hier sonderlich. Aber Daivyn braucht unbedingt eine gewisse Stabilität in seinem Leben, Phylyp. Er muss einfach eine Zeit lang an ein und demselben Ort bleiben dürfen, um wenigstens etwas über den Verlust hinwegzukommen.«

»Ich weiß.« Coris streckte den Arm aus und tätschelte der Prinzessin über den Tisch hinweg sanft die linke Hand. »Ich weiß. Und ich werde mein Bestes geben, auch sie davon zu überzeugen.«

»Das weiß ich doch.«

Irys lächelte ihn an und hoffte dabei, dass er nicht bemerkte, wie viel Furcht sich hinter diesem Lächeln verbarg. Irys kannte Phylyp Ahzgood gut. Trotz des Rufes, in dem er stand – zumindest bei einigen Corisandianern –, wusste sie, dass er ihrem Vater stets treu ergeben gewesen war, und sie vertraute ihm unbedingt. Wahrscheinlich vertraute sie ihm sogar mehr, als gut war. Dies aber nicht etwa, weil sie es für möglich hielt, dass er ihr Vertrauen missbrauchen oder sie verraten könnte. Nur hatte ihr Vater stets zu sagen gepflegt, niemand, der auf einem Thron saß oder dafür verantwortlich sei, einen Herrscher zu unterstützen, könne es sich leisten, jemandem vollends zu vertrauen.

Aber es gab gute Gründe, weswegen ihr Vater Coris zum Vormund für Daivyn und sie bestimmt hatte. Und zumindest einer der Gründe war, dass Hektor von Corisande, was Phylyp Ahzgood anging, von seiner eigenen Regel, niemandem zu sehr zu vertrauen, abgerückt war.

Und genau deswegen werden sie auch versuchen, dich von uns zu trennen, wenn sie die Wahrheit erst einmal begreifen, Phylyp, dachte sie. Im Augenblick mögen sie ja all den Geschichten Glauben schenken, die du und Vater stets verbreitet haben, was deinen eigenen Ehrgeiz, deine eigenen Ziele und deine düsteren Motive angeht. Aber wenn sie jemals erfahren, wem deine wahre Treue gilt, dass du nicht bereit bist, Daivyn deinem eigenen Vorteil zu opfern oder dich bei ihnen lieb Kind zu machen, dann wirst du für sie zur Bedrohung. Und wenn das geschieht, dann werden Trynair und Clyntahn keinen Augenblick zögern, uns – oder zumindest Daivyn – offiziell zu Mündeln des Rates der Vikare zu erklären.

Im Schein der Lampen blickte sie Ahzgood über den Tisch hinweg an und betrachtete aufmerksam seine Mimik. Einen kurzen Augenblick lang fühlte sie sich so jung, wie sie körperlich war. Jetzt war sie wirklich nur das junge Mädchen, das der Rest der Welt in ihr sah. Sie wünschte, sie wäre noch so klein, um auf seinen Schoß klettern zu dürfen, den Kopf gegen seine Schulter zu lehnen und sich von ihm umarmen zu lassen. Er würde ihr sagen, alles werde wieder gut, und ihre Furcht verschwände.

Aber es würde nicht alles wieder gut. Niemals wieder. Und das wusste Irys Daykyn auch.

Lass nicht zu, dass man dich mir wegnimmt, Phylyp!, dachte sie. Was auch immer sonst geschehen mag, lass nicht zu, dass sie dich uns wegnehmen!

.IV.

Stadt Manchyr, Herzogtum Manchyr, Fürstentum Corisande

CORISANDIANER!

BÜRGER VON MANCHYR!

Das Blut Eures ermordeten Prinzen, vergossen auf den Straßen Eurer eigenen Stadt, schreit nach Vergeltung! Die Stiefel der Sklaven und Lakaien jenes Ungeheuers, das dieses Blut vergießen ließ, marschieren durch Eure Straßen! Die Stimmen der abtrünnigen Priester erklingen in Euren Kirchen! Die Verteidiger des Wahren Glaubens werden zum Schweigen verdammt und in Verstecke getrieben!

Wie lange noch wollt Ihr derartige Schmach, derartige Beleidigungen erdulden?

Diese Kränkung Gottes und der Menschen gleichermaßen? Wie lange noch …

Konzentriert legte Paitryk Hainree die Stirn in Falten, während er den mit Lettern gefüllten Winkelhaken in seiner Linken begutachtete. Als Silberschmied war er natürlich ein geschickter Graveur. Aber er hatte feststellen müssen (nicht unbedingt zu seiner Überraschung), dass doch nur sehr wenig Gemeinsamkeit zwischen ›Gravieren‹ und ›Setzen‹ bestand. Zum einen hatte er ernstliche Mühe, die spiegelverkehrten Buchstaben zu lesen. Er hatte keine Schwierigkeiten, jeden der Buchstaben eindeutig zu identifizieren, schließlich entnahm er sie stets dem richtigen Fach aus dem Setzkasten (auch wenn er dabei immer zweimal hinschauen musste). Es war eigentlich recht einfach, sich im Vorfeld zu überlegen, welche Lettern denn nun zeilenweise wohin auf den Winkelhaken gehörten. Die Zeilen wurden dann ausgeschossen, das heißt dem gewünschten Format angepasst. Setzlinie nach Setzlinie wurde der Winkelhaken mit Lettern gefüllt, bis der so gesetzte Text aufs Schiff gehoben wurde, ein winkelrechtes Brettchen. Waren auf dem Schiff endlich alle Zeilen einer Seite versammelt, folgten Unterschlag und Kolumnenschnur, und die fertig gesetzte Seite wurde aufs Setzbrett ausgeschossen und war druckfertig. Nur beharrte Hainrees Gehirn störrisch darauf, jedes einzelne Wort zu lesen, während er die Lettern anordnete. Daher war er stets versucht, die spiegelverkehrten Lettern richtig herum, statt, wie es der Druck erforderte, umgekehrt zu Zeilen zusammenzufügen.

Auch wenn einen Text zu setzen ein gänzlich anderes Handwerk war als die Silberschmiedekunst, gab es Ähnlichkeiten, die Hainree die Arbeit leichter von der Hand gehen ließen. Er hatte schon immer Freude an kleinen Details gehabt, hatte sich schon immer gerne auf winzige Einzelheiten konzentriert. Er arbeitete gerne mit Metall, und ihm gefiel, dass man Auge und Hand dabei so perfekt koordinieren musste. Wieder handwerklich tätig zu sein statt als Agitator auf der Straße, besaß zudem viel Reiz für ihn.

Er griff nach der nächsten Letter. In Gedanken aber beschäftigte ihn anderes. Die Plakate, die er gerade setzte, sollten von hier aus – einem Keller der Stadt, in dem sorgfältig verborgen eine Druckpresse stand – durch ein ganzes Netzwerk engagierter Unterstützer weiterverteilt werden. Morgen Abend würden sie dann überall in der Stadt hängen. Natürlich wären schon am nächsten Morgen die Stadtwachen damit beschäftigt, sie allesamt wieder abzureißen. Nicht alle Stadtwachen kämen dem Befehl gern nach – dessen war sich Hainree sicher. Aber sie würden gehorchen. Dafür würden der ›Regentschaftsrat‹ und dieser verräterische Mistkerl Gahrvai schon sorgen!

Hainree stellte fest, dass er vor Zorn schon wieder die Kiefermuskeln angespannt hatte. Er zwang sich, sich zu entspannen. Irgendwann gehorchten ihm die Muskeln sogar … zumindest ein wenig. Tief atmete er durch. Allein schon an Sir Koryn Gahrvai zu denken, reichte aus, puren Zorn durch jede einzelne von Hainrees Adern pulsieren zu lassen. Wenn Hainrees Grundstimmung freundlicher war, war er bereit, Gahrvais Niederlage in Unfähigkeit, aber auch schlicht Pech begründet zu sehen. Shan-wei schien sich offenkundig nun einmal um die Ihren zu kümmern. Aber nach seiner Niederlage hatte Gahrvai das Kommando über die Truppen übernommen, die, Schande über Schande, bereit waren, Ahrmahk in Corisande zu Willen zu sein – und das war lupenreiner Verrat! Verräter ist Verräter –, da drängte sich einem doch die Vermutung förmlich auf, dass das, was Unfähigkeit und Pech gewesen zu sein schien, auch schon Verrat gewesen war! Hatte es vielleicht von Anfang an schon eine Art stillschweigende Übereinkunft zwischen Gahrvai und den Angreifern gegeben?

In freundlicherer Stimmung gestand Hainree Gahrvai zu, aus Opportunismus das von den Invasoren ihm angetragene Kommando angenommen zu haben. Das spräche den Mann dann wieder vom Verdacht des Verrates frei. Hainree war sich bewusst, dass es beim derzeitigen Kenntnisstand voreilig wäre, Gahrvai und seinen Vater zu beschuldigen, schon vor Abschluss der Kampfhandlungen mit Cayleb gemeinsame Sache gemacht zu haben. Um das zu begreifen, hätte es Pater Aidryns dezenten Hinweises nicht bedurft. Vielleicht aber wusste man bald mehr, beispielsweise, wenn die Frage nach den Hintermännern des Attentats auf Prinz Hektor endlich beantwortet wäre. Hainree war sich sicher, wie diese Antwort lauten würde, lauten musste. Wer schon als diejenigen, die am meisten vom Tod des Fürsten profitierten, sollten den Mord geplant haben? Und wer war das? Dieser so genannte Regentschaftsrat, wer sonst! Die Kerle da konnten sich noch so sehr Prinz Daivyns ›Berater‹ nennen – es änderte nichts daran, wem sie tatsächlich Rechenschaft schuldig waren! Und eins war sicher: Ihnen war es nicht nur gelungen, hier zu überleben, nein, sie waren aus der Krise mit noch mehr Einfluss als je zuvor hervorgegangen. Für Hainree ließ das keine Fragen offen.

Und dann noch dieses verdammte Parlament, das so bereitwillig kapituliert hat!, dachte Hainree grimmig. Mit mürrischer Miene betrachtete er den Winkelhaken in seiner Linken. Vermutlich war es unvernünftig zu erwarten, dass das Parlament des Fürstentums sich Ahrmahk widersetzte, wenn der ›Regentschaftsrat‹ sich Ahrmahks Willen schon gebeugt hatte und Corisande von annähernd sechzigtausend Charisian Marines besetzt war. Zwanzigtausend Marines hatte Chermyn allein hier in Manchyr. Auch wenn Chermyn sich redlich Mühe gab, seine Soldaten nicht allzu offenkundig durch die Straßen stolzieren zu lassen, wusste doch jeder, dass sie da waren. Jeder! Also auch das Ober- und das Unterhaus. Und daher tanzten sie alle nach der Pfeife des charisianischen Vizekönigs General Chermyn.

Andererseits mochte es ja durchaus einen Unterschied geben zwischen dem, was sie nach einer Abstimmung beschlossen hatten und dem, was sie tatsächlich tun würden. Allen Berichten zufolge würde das Parlament schon bald aufgelöst werden. Sämtliche Abgeordneten würden wieder in ihre Heimatstädte zurückkehren und stünden nicht mehr ständig unter dem wachsamen Auge – und den Bajonetts – der Besatzungsmacht. Was dann passieren würde, wäre wirklich interessant! Erster Widerstand hatte sich bereits in Manchyr organisiert, zumindest ein erstes Grundgerüst. Einer von Hainrees Kontaktleuten aus diesem ›harten Kern‹ hatte ihm berichtet, außerhalb der Stadt sei es nicht anders. Natürlich war es nun erforderlich, dieses Grundgerüst, dieses ›Skelett‹ des Widerstandes, entsprechend auszubauen, es sozusagen mit Sehnen und Muskeln auszustatten. All das käme mit der Zeit. Hainree war sich sicher, dem Widerstand wüchse Kraft aus unerwarteten Quellen zu. Sein Kontaktmann etwa hatte fallen lassen, dass die Anführer des Widerstandes bereits diskret Kontakt zu diversen Parlamentsmitgliedern geknüpft hätten. Zweifellos hatten sie auch noch, ähnlich diskret, an anderen Orten den einen oder anderen Samen gesät, der beizeiten reiche Früchte tragen würde.

In der Zwischenzeit würde sich Paitryk Hainree ganz um seine eigenen kleinen Ränke kümmern und sie zu hegen und zu pflegen wissen.

Hainree war viel zu sehr in seine Arbeit vertieft, um das winzige Gerät zu bemerken, das in einer Ecke seines Kellers an der Decke hing. Selbst wenn er nicht durch die Druckpresse abgelenkt gewesen wäre, hätte er das Ding vermutlich nicht bemerkt. Es war beinahe schon mikroskopisch klein, obwohl es immer noch größer war als manches seiner Geschwister. Und hätte irgendjemand Paitryk Hainree erklärt, was dieses kleine Ding zu leisten vermochte, so hätte er diese ungeheuerlichen Behauptungen umgehend ins Reich der Märchen verwiesen.

Bedauerlicherweise für ihn hätte er sich hier getäuscht. Später an diesem Abend, in der weit entfernten Stadt Cherayth, lehnte sich ein imperialer Gardist mit einem dichten Schnurrbart, zu dem ein sauber gestutzter Kinnbart gehörte, mit geschlossenen Augen zurück und rieb sich nachdenklich mit dem Zeigefinger über eine Narbe am Kinn. Währenddessen dachte er über das Bildmaterial nach, das ihm die winzige Spionageplattform übermittelt hatte.

Diesem Meister Hainree würde ich ja zu gern einen Besuch abstatten, sinnierte Merlin Athrawes, ohne die Augen zu öffnen. Seine Freunde und er sind einfach ein bisschen zu gut organisiert für meinen Geschmack. Andererseits liegt uns allmählich ein ziemlich detaillierter Überblick über ihre gesamte Organisation vor. Das in Corisande jemanden wissen zu lassen, wäre hilfreich. Aber so einfach ist es eben nicht.

Dieser Gedanke brachte Merlin Athrawes dazu, die Lippen zu einem säuerlichen Lächeln zu verziehen. Es passte ihm gar nicht, wie viel seiner eigenen Zeit – und der von Owl, Cayleb und Sharleyan – dieses Projekt auffraß. Aber er hatte seine ferngesteuerten Aufklärerplattformen, seine SNARCs, in beachtlicher Anzahl kreuz und quer über die ganze corisandianische Hauptstadt verteilt. Sobald ein neues Mitglied dieser gerade erst entstehenden Widerstandsbewegung identifiziert war, wurde ihm eine dieser Parasiten-Plattformen dauerhaft zugewiesen. Immerhin war die interne Organisation dieser Leute nicht sonderlich ausgeklügelt. Aidryn Waimyn – jemand, mit dem Merlin wirklich gern ein paar Worte gewechselt hätte –, hatte sein Bestes gegeben, die Organisation aus einzelnen Zellen aufzubauen. Bedauerlicherweise für Waimyn waren einige seiner Mitstreiter entschieden zu einfach gestrickt und zu direkt für ein ernstlich ausgeklügeltes System. Zudem besaßen sie mehr Enthusiasmus als Geschick, sich unauffällig wie ein Profi zu bewegen. Merlins Beobachtungen nach hatte Waimyn bislang nur wenige Geheimdienstleute des Grafen Coris in die Reihen seiner Organisation eingegliedert.

Natürlich wissen wir nicht, wie lange das noch so bleibt, rief er sich ins Gedächtnis zurück.

Es gab Zeiten, in denen er sehr versucht war, in sein Aufklärer-Schwebeboot zu springen, kurz nach Manchyr zu düsen und Waimyn persönlich auszuschalten. Allzu schwierig wäre das nicht. Es wäre sogar lächerlich einfach – und dazu eine in der momentanen Lage geradezu angenehme Aufgabe. Allerdings hätte Merlin dann in Corisande bleiben und seine Nächte damit verbringen müssen, einen Anführer der Widerstandsbewegung nach dem anderen umzubringen. Viel zu lästig. Da blieb er doch lieber hier vor Ort und vertraute darauf, dass er mit all seinem Wissen zumindest das Schlimmste würde verhindern können. Aber die Aufgabe, einen Aufrührer nach dem anderen auszuschalten, wäre nicht nur lästig, sondern obendrein auch noch unklug: Würde Merlin eingreifen, würde er dem Widerstand lediglich die Anführer und die Organisiertheit nehmen. Im Augenblick war es hilfreicher, Waimyn zu lassen, wo er war, immer zu wissen, wo die führenden Köpfe der Bewegung gerade waren und was sie für Pläne hegten. Zwar wuchs so die Effizienz der Bewegung, aber zerschlüge man die Struktur, wäre der Widerstand unorganisiert, nicht gut zu beobachten, nicht gut auszuheben, wenn dann der Augenblick dazu gekommen wäre, und damit umso gefährlicher.

Ich wünschte nur, dachte Merlin und konzentrierte sich wieder ganz auf das Bildmaterial der SNARC, mein Instinkt sagte mir nicht, dass sie in der Zwischenzeit immensen Schaden anrichten werden.

»Das ist unerträglich, ich weiß«, knurrte Hauwyl Chermyn. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, starrte er aus dem Fenster seines Arbeitszimmers zum wolkenverhangenen Himmel empor. »Und um ehrlich zu sein, würde ich diese Mistkerle am liebsten erschießen, sobald sie sich aus der Deckung wagen!«

Brigadier Zhoel Zhanstyn, Kommandeur der Dritten Brigade der Imperial Charisian Marines, betrachtete den Rücken seines Vorgesetzten und lächelte in sich hinein. Dieses Lächeln verriet Zuneigung und Respekt, auch wenn es gewiss ein wenig Belustigung barg – und vielleicht auch ein wenig Erschütterung zu verbergen suchte. Erschütternd war die Lage, nicht das, was Vizekönig General Chermyn tat oder sagte.

Und wenn der Alte einfach mal an irgendwem seine Wut auslassen muss, dann bin ich wohl der, den ’s trifft, weil er gleich daneben steht, sinnierte Zhanstyn. Ist ja nicht so, als gäbe es hier noch jemand anderen, dem gegenüber er nicht ständig auf der Hut sein muss.

Aber das, so grübelte der Brigadier weiter, träfe wohl auf praktisch jeden zu, der sich in Chermyns alles andere als beneidenswerten Situation befände. Chermyn trug doppelte Verantwortung: Er war Kommandeur der Besatzungsstreitmacht und als Vizekönig offizieller Vertreter von Kaiser Cayleb und Kaiserin Sharleyan. Diese Verantwortung hätte wohl für jeden eine beachtliche Herausforderung dargestellt. Chermyn verabscheute die Politik. Bisher war es ihm stets gelungen, alles zu vermeiden, was auch nur ansatzweise nach einer Tätigkeit bei Hofe aussah. Dementsprechend schwierig wäre es gewesen, jemanden zu finden, der sich für diese Aufgabe noch weniger geeignet fühlte als der frisch eingesetzte Vizekönig.

Das Kaiserreich Charis konnte von Glück reden, dass Hauwyl Chermyn niemals der Gedanke gekommen wäre, seinen derzeitigen Auftrag abzulehnen. Das war deswegen gut, weil man, unabhängig davon, für wie ungeeignet er selbst sich hielt, keinen Besseren hätte auswählen können, um diese Aufgabe zu meistern. Gut, der Vizekönig-General mochte Politik nicht, und bei Hofe benahm er sich vielleicht recht ungeschliffen (und das war noch milde ausgedrückt). Aber er verstand etwas von Politik, und zu eisernem Pflichtgefühl und Integrität gesellte sich immense Bereitschaft, einen Konflikt auch wirklich auszutragen. Und das bemerkte selbst noch der größte Narr.

Chermyns Bereitschaft, Konflikte auszutragen, hatten zweifelsohne Adelige wie Bürgerliche im Parlament von Manchyr deutlich gespürt. Denn niemand war töricht genug gewesen, ihn herauszufordern. Zumindest nicht offen. Zhanstyn zweifelte nicht daran, dass es immer wieder, zu den unterschiedlichsten Anlässen und in den verschiedensten Privatgemächern, zu heimlichen Unterredungen käme. Man würde sich dann angelegentlich fragen, ob es nicht eine Methode gäbe, Chermyns Entschlossenheit, die vom Kaiser verfügte politische Linie umzusetzen, heimlich und unbemerkt zu hintertreiben. Doch im Augenblick hatte der Vizekönig-General die hohen Lords von Corisande fest im Griff.

Vereinfacht wurde ihm die Lage dadurch, dass der Hochadel ebenso wie die wohlhabenderen Mitglieder des Unterhauses einfach zu viel zu verlieren hatten. Das ließ sie vorsichtig werden und hielt sie von offenem Widerstand ab. Zudem hatte Chermyn in seiner ebenso schonungslosen wie ungehobelten und dabei kristallklaren Art erklärt, was er mit jedem Adeligen zu tun beabsichtigte, der die kürzlich geschworene Lehnstreue der charisianischen Krone breche. Da er auf die sonst üblichen diplomatischen Verzierungen verzichtet hatte, konnten seine Zuhörer überhaupt nicht auf die Idee kommen, er könne das Gesagte vielleicht doch anders meinen. Ebenso unmissverständlich war Chermyn auch bei einem anderen Punkt gewesen: Bei ihm, so hatte er gesagt, stieße die Ausrede, ein einem Exkommunizierten geleisteter Eid sei nicht bindend, auf taube Ohren, wenn er mit seiner Belagerungsartillerie vor den Burgmauern eines Eidbrechers auftauche.

»Unerträglich oder nicht«, fuhr Chermyn jetzt fort, wandte sich von dem Fenster ab und drehte sich mit hinter dem Rücken verschränkten Händen zu dem Brigadier um, »so muss es nun einmal laufen. Zumindest im Augenblick.« Er verzog das Gesicht. »Mir wäre wirklich nichts lieber, als diese verdammten Aufrührer in die Finger zu bekommen, am liebsten aber die Anführer! Denn die meisten, die denen hinterherlaufen, da bin ich mir sicher, werden nur an der Nase herumgeführt.« Er schnaubte verächtlich. »Selbstverständlich habe ich deren polemische Flugblätter gelesen, genau wie Sie! Da versucht jemand, die ganze Situation hier aufzumischen, ganz wie Seine Majestät es ja auch schon vermutet hat. Sich provozieren zu lassen, wäre also gänzlich falsch.«

»Ganz Ihrer Meinung, Sir«, bestätigte Zhanstyn und erlaubte so seinem Vorgesetzten, zumindest verbal noch ein wenig mehr Dampf abzulassen. Besser als zum falschen Zeitpunkt zu platzen.

»Das Letzte, was wir hier gebrauchen können, ist, den Mistkerlen, die hinter der ganzen Sache stecken, auch noch ein paar Märtyrer zu liefern«, knurrte Chermyn prompt. Neuerlich warf er einen Blick aus dem Fenster; in dicken Bächen strömte der Regen daran herab. »Wahrscheinlich verhielten sich die meisten aus dieser Bande irgendwie Unzufriedener still und unauffällig, wenn die Hintermänner des Aufruhrs sie nur in Ruhe ließen. Ich will damit nicht behaupten, wir könnten die ganze Sache ewig im Griff behalten. Aber eigentlich müssen wir das ja auch nur so lange schaffen, bis Anvil Rock, Tartarian und der Rest des Regentschaftsrates endlich ein Bein auf den Boden bekommen. Respekt und Legitimität brauchen sie – das ist es, was sie sich erarbeiten müssen! Diese Sache da kürzlich vor der Kathedrale«, unvermittelt schaute er Zhanstyn direkt in die Augen, »das hätte wirklich unschön werden können. Ist schon schlimm genug, dass wir einen von unseren Leuten verloren haben. Aber dieser junge Lieutenant, den Sie da eingesetzt hatten – Lieutenant Tahlas, richtig?« Chermyn schwieg, bis Zhanstyn bestätigend genickt hatte. Dann schnaubte er. »Wenn dieser junge Kerl die Beherrschung verloren hätte und nicht nur ein paar Schädel eingeschlagen und ein paar Knochen gebrochen hätte, hätte das der Gegenseite das Blutbad geliefert, auf das die mit Sicherheit aus gewesen sind!«

»Ich habe Lieutenant Tahlas deswegen bereits belobigt, Sir«, gab Zhanstyn zurück. Deutlich zeigte er seine Freude darüber, dass der Vizekönig-General sich an den Namen des jungen Offiziers erinnerte. »Und mit Verlaub, Sir, bin ich in allem ganz Ihrer Meinung. Trotzdem, Sir: die Gegenseite legt es auf eine offene Konfrontation an. Wenn wir dabei weitere Leute verlieren, werden wir irgendwann zurückschlagen müssen. Es ist eine Sache, Zurückhaltung zu üben. Aber es ist etwas völlig anderes, wenn die Gegenseite Gelegenheit hat, das als Zeichen der Schwäche zu deuten.«

»Das stimmt.« Mit grimmiger Miene nickte Chermyn. »Deswegen möchte ich ja auch, dass Gahrvais Truppen so rasch wie möglich aufgestellt werden. An vorderster Front wäre mir nämlich bei dieser Art von Konfrontation ein Corisandianer lieber. Wir sollten nur noch die Rolle der Unterstützung im Hintergrund spielen.« In einem sehr schmalen Lächeln entblößte der Vizekönig die Zähne. »Glauben Sie, einer von diesen Kerlen da draußen versteht, dass wir auf keinen Fall mehr als absolut unvermeidbar von denen umbringen wollen?«

»In einer perfekten Welt, Sir, gewiss. Nur ist dies keine perfekte Welt.«

Der Brigadier zuckte mit den Schultern, und Chermyn stieß ein raues, knappes Lachen aus. Dann straffte er die Schultern und ging zu seinem Schreibtisch hinüber. Er ließ sich in den Sessel sinken und griff nach der ersten Akte, die auf einem ganzen Stapel von Ordnern lag.

»Nun, dann werden wir uns in dieser unperfekten Welt, Brigadier, wohl einiger unperfekter Details annehmen müssen. Und mit diesem Ersuchen von Brigadier Myls fangen wir an.« Mit dem Zeigefinger tippte er auf das Deckblatt des Ordners. »Ich glaube, er hat mit seiner Einschätzung nicht ganz Unrecht. Er hat tatsächlich zu wenig Männer und ist wirklich überlastet.«

»Richtig, Sir.« Gequält verzog Zhanstyn das Gesicht. »Er hat wirklich ein Problem. Bedauerlicherweise ahne ich bereits, wo Sie die erforderlichen Männer zu finden glauben, um dieses Problem zu lösen.«

»Auf Draht wie immer, was!« Chermyns leises Lachen klang schon deutlich fröhlicher. »Also, was denken Sie: Wo sollte ich Sie am besten ausplündern?«

»Also, Sir, wenn wir die Alpha-Kompanie aus dem Zwoten Bataillon der Dritten nehmen, und dann auch noch die Charlie-Kompanie aus dem Ersten Bataillon der Vierten, dann hätten wir eine ziemlich gute Mischung aus Erfahrung und Enthusiasmus. Und wenn wir dann noch …«

Oktober,
im Jahr Gottes 893

.I.

Merlin Athrawes’ Aufklärer-Schwebeboot, in safeholdnaher Umlaufbahn, geostationär über dem ›Amboss‹

Kaiserin Sharleyan hatte sich darauf vorbereitet geglaubt, ein Wunder zu erleben. Doch sie war es nicht. Das, was sie gerade erlebte, ging über alles, was sie sich hatte vorstellen können, weit hinaus. Sich darauf vorzubereiten war gar nicht möglich.

Sie saß in der Passagierkabine des ›Aufklärer-Schwebebootes‹, wie Merlin es nannte. Ihre Nase war vielleicht fünf Zoll von der Wand der absolut durchsichtigen Kuppel aus PanzerPlastik entfernt. Fassungslos starrte Sharleyan den Nachthimmel darüber an. Der Mond stand klar und hell am Firmament. Wie eine unfassbar glitzernde Silbermünze schimmerte er am Himmel, der schwärzer war, als Sharleyan es jemals zuvor erlebt hatte. Rings um den Mond leuchteten die Sterne, unfassbarerweise heller noch als der Mond. Es war sonderbar, die Sterne so klar und deutlich erkennen zu können, ohne die Spur ihres üblichen Funkelns. Nicht einmal am klarsten und kältesten aller Wintertage waren die Sterne so klar zu erkennen. Unwillkürlich erschauerte Sharleyan, als ihr noch einmal Merlins Erklärung dafür durch den Kopf ging.

Wir sind hier so hoch, dass es nicht einmal mehr Luft gibt. Zumindest nicht genug. Sharleyan schüttelte den Kopf. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass die Sterne nur deswegen funkeln, weil wir sie durch so viele Meilen von Luftschichten sehen, die das Bild verzerren. Ich hatte immer gedacht, klare Luft würde auch wirklich ›klar‹ bedeuten. Aber so ist das gar nicht! Und jetzt bin ich oberhalb von alledem. Ich bin genau an der Grenze zu dem, was Merlin ›Weltraum‹ nennt!

Kein anderer auf Safehold geborener Mensch war jemals so hoch emporgestiegen, das wusste Sharleyan. Nicht einmal Cayleb auf seinem Flug von Corisande nach Charis. Sharleyan starrte nach unten, in die unendliche Tiefe, in der ihr ganzer Heimatplanet sich in eine riesige Kugel verwandelt hatte. Sie starrte dorthin, wo die Wolken, unfassbar weit vom Schwebeboot entfernt, silbrig-schwarz dahinzogen, langsam über den ›Amboss‹ trieben, jene windumtoste Wasserfläche zwischen Chisholm und der Hammer-Insel. Aus dieser Höhe konnte sie die Oberfläche der Welt nicht erkennen, nicht in der Dunkelheit der Nacht, nicht mit ihren eigenen Augen, die nun einmal nur die Augen einer Sterblichen waren. Doch sie wusste, dass alles, was sie kannte, wirklich dort war. Sie brauchte nur den Kopf zur Seite zu drehen und sich das so genannte Display anzuschauen, um die gewaltige, sturmbewegte Salzwasserfläche in atemberaubendem Detailreichtum sehen zu können. Merlin hatte ihr gezeigt, wie sie das Display bedienen konnte. So lieferten ihr die computergesteuerten Sensoren bereitwillig tageslichthelle Echtfarbenaufnahmen von allem, worauf Sharleyan sie auszurichten beliebte. Sie konnte den Bildausschnitt vergrößern – ›heranzoomen‹, nannte Merlin das –, bis selbst noch Dinge, die sich in weitester Ferne befanden, so wirkten, als seien sie zum Greifen nah.

Cayleb hatte ihr prophezeit, es würde ihr so ergehen, und so war es nun auch: Das Wunder des Displays, diese Möglichkeit, die Welt mit den Augen Gottes zu sehen, verblasste angesichts dessen, was Sharleyan mit ihren eigenen Augen wahrnahm, sobald sie durch die PanzerPlastik-Scheibe blickte.

Diese ›Bildgeber‹ sind Zauberwerk, dachte sie, egal, was Merlin sagt. Das verrät mir mein Gefühl: Sie stammen aus dem Märchenland wie die Märchen meiner Kindheit. Die Bilder eines Displays sind nicht ganz … real. Aber das hier – der Mond, die Sterne, die Wolken –, das alles sehe ich mit meinen eigenen Augen! Das ist wirklich real. Und ich sehe sie hier aus einer Höhe von Tausenden und Abertausenden Fuß! Ich bin wirklich hier oben, ich fliege zwischen dem Mond und den Sternen! Sie alle sind wirklich dort draußen, über mir, unter mir und um mich herum!

Tief atmete sie durch und grinste in sich hinein, weil dieser Gedanke ihr den vorangegangenen Abend ins Gedächtnis zurückrief.

Endlich hörte Sharleyan auf, sich zu übergeben (hoffte sie zumindest). Mit einem warmen, feuchten Tuch wischte sie sich das Gesicht ab. Der ekelige Geschmack, den sie im Mund hatte, blieb zurück und brachte ihren Magen dazu, sich erneut zu verkrampfen. Doch mit festem Willen kämpfte Sharleyan dagegen an. Ein paar Sekunden lang versuchten die Muskeln in ihrem Unterleib sich der Entscheidung zu widersetzen. Doch dann gaben sie auf … vorerst, zumindest.

»Besser?«, fragte eine Stimme. Mit einem matten Lächeln blickte Sharleyan von der Schüssel in ihrem Schoß auf.

Trotz des Feuers, das hinter ihrem Gemahl prasselte, und den Heizungsrohren unter den Kacheln des Schlafzimmerfußbodens war die Luft gelinde gesagt kühl. Von dem frischen Tuch, das ihr Cayleb gerade aus dem Topf auf dem Ofen geholt hatte, stieg dick der Dampf auf. Unter diesen Umständen war es nur verständlich, dass der Kaiser sich in eine Decke gehüllt hatte, so wenig hochherrschaftlich es auch aussehen mochte. Tatsächlich war Sharleyan sogar der Ansicht, dass es über ›wenig hochherrschaftlich‹ weit hinausging. Er sah albern aus.

Andererseits, dachte sie, ist er wirklich sofort aus dem Bett gesprungen und hat mir ein Tuch geholt, als er hörte, dass ich mich schon wieder übergeben musste. Das zählt ja auch etwas … immerhin ist das Ganze seine Schuld!

»Besser … glaube ich«, erwiderte sie. Die Einschränkung kam ein wenig später. Schließlich versuchte ihr Magen schon wieder, sich gegen sie aufzulehnen.

»Gut.«

Cayleb nahm ihr das Tuch ab, mit dem sie sich das Gesicht abgewischt hatte – und das bereits merklich abgekühlt war – und reichte ihr ein anderes, das er gerade erst ausgewrungen hatte. Das benutzte Tuch landete wieder im Topf mit dem kochenden Wasser. Die Schüssel trug Cayleb ins benachbarte Badezimmer. Kurz darauf hörte Sharleyan, wie die Toilettenspülung betätigt wurde. Als er zurückgekehrt war, stellte er die frisch ausgewaschene Schüssel auf ihren Nachttisch. Dann kletterte er zu ihr ins Bett und schlang die Arme um sie.

»Uah!«, protestierte sie, als seine eisigen Füße die ihren berührten.

»Also«, erklärte Cayleb Zahn Haarahld Bryahn Ahrmahk, Herzog Ahrmahk, Fürst von Tellesberg, Schutzherr des Reiches, König von Charis und von Gottes Gnaden Kaiser von Charis, seiner Gemahlin, Sharleyan Alahnah Zhenyfyr Ahlyssa Tahdayo Ahrmahk, Herzogin Cherayth, Schutzherrin von Chisholm, Königin von Chisholm und von Gottes Gnaden Kaiserin von Charis, »sie sind schließlich in deinen Diensten eingefroren. Da kannst du mir doch wenigstens dabei behilflich sein, sie wieder aufzutauen!«

»Und wenn der Schock, mit zwei Eisklumpen gepiesackt zu werden, mich dazu bringt, mich wieder zu übergeben?«, fragte sie mit düsterer Stimme.

»Der Kürze der Intervalle wegen, mit denen du dich erbrichst, macht es keinen Unterschied, ob ich dich jetzt mit Eisklumpen piesacke oder nicht«, gab er philosophisch zurück.

Manche Dinge konnte keine Kaiserin, die auch nur einen Funken Selbstachtung kannte, auf sich sitzen lassen. Also fuhr Sharleyan herum und bohrte ihrem Mann rachsüchtig den Zeigefinger in die Achselhöhle. Es war eine der gerechteren Entscheidungen des Universums gewesen, Cayleb deutlich kitzliger sein zu lassen als sie, und nun nutzte Sharleyan diesen Vorteil gnadenlos aus.

»Schon gut! Schon gut!«, japste er schließlich. »Ich gebe auf! Dann taue ich meine Füße halt allein auf, du undankbares und unvernünftiges Weibsbild!«

»Ooooh! Weibsbild, ja?«, gab sie zurück. Cayleb lachte und kicherte und japste, als sie ihn durchkitzelte. Endlich aber bekam er ihre Handgelenke zu fassen und zwang Sharleyan auf die Matratze. Als er sich über sie beugte und sie sanft auf die Stirn küsste, gab Sharleyan jeglichen Widerstand auf.

»Aber du bist mein absolutes Lieblings-Weibsstück auf der ganzen Welt«, sagte er leise, und sie schüttelte lächelnd den Kopf.

»Euer Majestät, Euer romantischer Wortschatz bedarf der Überarbeitung!«, erklärte sie hoheitsvoll. »Allerdings angesichts der Tatsache, dass das vermutlich das Beste ist, was ein armes, primitives Männerhirn zustande zu bringen in der Lage ist, lasse ich mich herab, Eure Entschuldigung anzunehmen.«

»Entschuldigung?« Fragend hob er eine Augenbraue. »Ich kann mich nicht erinnern, eine Entschul …«

Ein Hüftknochen bohrte sich Cayleb in den Magen. »Ich wollte natürlich sagen«, korrigierte er sich in würdevollem Tonfall, »dass ich dankbar bin - zutiefst dankbar – ob deiner Nachsicht.«

»Deswegen erlebst du überhaupt nur den nächsten Morgen«, säuselte sie.

»Ein Gedanke, der mir auch schon gekommen war«, gestand er und küsste sie erneut auf die Stirn, bevor er sich wieder auf das Kissen zurücksinken ließ.

Angesichts des Geschmacks in ihrem Mund konnte Sharleyan es ihm nicht verübeln, dass er sie nicht auf die Lippen küsste. Er schlang den rechten Arm um sie und zog sie an sich, sodass ihr Kopf an seiner Schulter ruhte. Sie kuschelte sich an ihn, genoss die Wärme ihrer Decken und sog seinen Duft ein. Zärtlich strich Cayleb ihr über das Haar.

»Ernsthaft jetzt«, sagte er dann, »was denkst du, wie lange das noch so weitergeht?«

»Auf jeden Fall zu lange«, erwiderte sie düster. Dann zuckte sie mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Mutter sagt, ihr sei morgens nie schlecht geworden, und Oma auch nicht, soweit Mutter sich erinnert. Also hilft uns das nicht weiter. Und wirklich fair ist es auch nicht, wenn ich’s mir recht überlege. Sairah sagt, ihre Mutter habe die ganze Schwangerschaft darunter gelitten. Oder sogar noch länger. Ach, keine Ahnung, jedenfalls zu lang!«

Sie deutete ein gequältes Grinsen an. Cayleb brummte mitfühlend. Sairah Hahlmyn war seit Sharleyans Kindertagen ihre persönliche Zofe. Sairah schien die Schwangerschaft der Kaiserin momentan mehr zu genießen als die Schwangere selbst. Auf jeden Fall war sie ständig in der Nähe ihrer Herrin. Egal, was Pater Derahk, der Palastheiler, auch sagte, man konnte sich darauf verlassen, dass Sairah immer eine ihrer unzähligen weiblichen Vorfahren einfiel, die angeblich das gleiche Problem durchlitten hatte – nur stets ungleich schlimmer. Zweifellos glaubte sie, es sei ihrer Regentin eine Beruhigung zu wissen, es hätte noch schlimmer kommen können.

»Naja, vielleicht kann Merlin uns ja eine grobe Abschätzung vorlegen.«

»Vielleicht.« Sharleyan wusste, dass ihre Stimme ein wenig vorsichtig klang. Doch zugleich fand sie, ein gewisses Maß an Besorgnis stehe ihr einfach zu, wenn man bedachte, was für eine Reise für sie vorgesehen war.

»Nervös?«, fragte Cayleb mit sanfter Stimme, als hätte er ihre Gedanken gelesen … nicht dass es eines esoterischen Talentes bedurft hätte, sich zu überlegen, worüber genau sie gerade nachgedacht hatte.

»Ein bisschen«, gestand sie und kuschelte sich noch enger an ihn. »Ist ja nicht so, als hätte ich so etwas jemals schon gemacht.«

»Naja, ich hab’s bislang auch nur zweimal gemacht – und wenn wir von einer Rundreise sprechen, dann sogar nur ein einziges Mal«, gab Cayleb zurück. »Merlin hingegen hat das schon wer weiß wie oft gemacht. Natürlich sind wir innerhalb der Atmosphäre geblieben«, der Tonfall des Kaisers ließ vermuten, er schmolle deswegen, »aber damals musste er auch nicht so weit reisen wie jetzt. Und wenn er sich sicher ist, dass seine Tarnvorrichtung für diese Fahrt geeignet ist, werde ich ganz bestimmt nicht mit ihm darüber diskutieren.«

»Das ist sehr großherzig von dir. Du sollst ja auch gar nicht auf diese Reise gehen«, merkte sie sehr trocken an.

»Nein, das stimmt«, pflichtete er ihr bei. »Aber tatsächlich wünschte ich, es wäre so.« Liebevoll drückte er seine Frau erneut an sich. »Trotzdem, da er ja nur einen Passagier mitnehmen kann, denke ich wirklich, dass du für diese Reise besser geeignet bist als ich, und das sogar in mancherlei Hinsicht. Pater Derahk versichert uns ständig, dass alles in Ordnung ist und diese morgendliche Übelkeit völlig normal sei. Aber trotzdem wäre es mir lieber, wenn Owl uns das noch einmal bestätigen würde.«

»Mir auch«, gab Sharleyan zu, und dann kicherte sie leise in sich hinein. Es klang unverkennbar nervös. »Trotzdem fühlt es sich ein bisschen komisch an, dass man die Meinung einer … Maschine einholen möchte.«

»Nur ›komisch‹?«, fragte Cayleb leise nach.

»Na gut«, antwortete sie nach kurzem Schweigen und klang nun deutlich ernster. »Ich gebe wohl zu, dass es mich auch ein bisschen beunruhigt. Ich kann nichts dafür. Hier oben …«, sie tippte sich gegen die Schläfe, »… weiß ich, dass alles, was uns die Kirche gelehrt hat, eine einzige Lüge ist. Ja, ich weiß es, und ich glaube es auch, ganz und gar aufrichtig. Aber trotzdem wurde ich als Tochter von Mutter Kirche erzogen, Cayleb. Irgendwo tief in mir ist da immer noch dieses kleine Mädchen, dass brav seinen Katechismus rezitiert. Und dieses kleine Mädchen kann gar nicht anders, als ein bisschen Angst davor zu haben, geradewegs Shan-weis Versteck zu betreten. Ich weiß auch, dass das albern ist, aber …«

Sie sprach nicht weiter, und Cayleb schloss sie noch fester in die Arme.

»Ich halte das überhaupt nicht für albern«, erwiderte er ihr. »Es ist noch nicht einmal fünf Monate her, dass du die Wahrheit über Merlin und alles andere erfahren hast. Und tatsächlich denke ich, das ist einer der Gründe, warum es besser ist, wenn du Merlin bei dieser Reise begleitest, und nicht ich. Schließlich hatte ich schon viel länger Zeit, mich an das alles anzupassen – soweit das überhaupt möglich ist. Und ich müsste lügen, wollte ich sagen, ich hätte nicht hin und wieder immer noch meine Zweifel. Und ich weiß auch ganz genau, was du meinst. Es geht hier nicht darum, ob man Zweifel hat oder nicht. Es geht darum zu begreifen, dass man wirklich endgültig und ganz mit allem gebrochen hat, was zu glauben einem das ganze Leben gelehrt worden ist. Mit allem zu brechen, was man glauben sollte. Andererseits hilft es, sich zu fragen, ob der Erzengel Langhorne, gäbe es ihn wirklich, zugelassen hätte, dass sich etwas wie die ›Vierer-Gruppe‹ bildet.«

»Das stimmt wohl«, pflichtete Sharleyan ihrem Gemahl grimmig bei.

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