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Nimue Alban: Der Kriegermönch

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Mai, im Jahr Gottes 896
  7. .I.
  8. .II.
  9. .III.
  10. .IV.
  11. .V.
  12. .VI.
  13. .VII.
  14. .VIII.
  15. .IX.
  16. .X.
  17. .XI.
  18. .XII.
  19. .XIII.
  20. .XIV.
  21. .XV.
  1. Juni, im Jahr Gottes 896
  2. .I.
  3. .II.
  4. .III.
  5. .IV.
  6. .V.
  7. .VI.
  8. .VII.
  9. .VIII.
  10. .IX.
  11. .X.
  12. .XI.
  13. .XII.
  14. .XIII.
  1. Juli, im Jahr Gottes 896
  2. .I.
  3. .II.
  4. .III.
  5. .IV.
  6. .V.
  7. .VI.
  8. .VII.
  9. .VIII.
  10. .IX.
  11. .X.
  12. .XI.
  1. Charaktere
  2. Glossar
  3. Die Erzengel
  4. Hierarchie der Kirche des Verheißenen

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

.I.

Palast des Reichsverwesers
und
Charisianische Botschaft,
Siddar-Stadt,
Republik Siddarmark

Der Donnerhall von Salutschüssen, die oben auf den Festungszinnen abgegeben wurden, verschluckte die Fanfarenstöße. Sie waren das Willkommen für den hochgewachsenen jungen Mann, der die Gangway betrat. Der Jubelschrei der Menschenmenge kam wie aus einer Kehle, und ganze Schwärme von Seevögeln und Wyvern störte der plötzliche Lärm auf. Sie kreisten über dem Hafenbecken, in dem dicht an dicht Schiffe vor Anker lagen. Manche der Seevögel stürzten sich zwischen Masten und Takelage hindurch den Wellen entgegen, nur um gleich wieder Höhe zu gewinnen.

Der Jubel an Land schien kein Ende nehmen zu wollen. Die Menschen, die sich am Hafen von Siddar-Stadt versammelt hatten, drängten sich der Absperrkette siddarmarkianischer Pikeniere entgegen. Deren Aufgabe war es, die Fläche am Fuß der Gangway freizuhalten. Zu behaupten, jeden Einwohner der Hauptstadt reiße Cayleb Ahrmahks Ankunft in diesen Freudentaumel, wäre albern gewesen. Aber Buhrufe oder Abschätziges war nur äußerst selten zu hören, was durchaus verständlich war. Obwohl der harte Winter vorbei war, gab es viele ausgezehrte Gesichter in der Menge. Die eisige Luft an diesem Tag war als Echo der beißenden Winterkälte Erinnerung genug an die Schrecken des vergangenen Winters. Was hatten die Siddarmarkianer in den letzten Monaten nicht alles erdulden müssen! Hinter HMS Kaiserin von Charis konnte man charisianische Handelsgaleonen vor Anker liegen sehen. Wer am Kai stand und jubelte, wusste eines sehr genau: Diese Galeonen und all ihre Vorgänger hatten die durchlittenen Schrecken gemildert und für so manchen den Unterschied zwischen Leben und Tod ausgemacht.

Reichsverweser Greyghor ging Cayleb entgegen, kaum dass dieser den Fuß auf das Pflaster des Piers setzte. Stohnar wollte sich verneigen. Cayleb aber legte ihm die Hand auf die Schulter und ließ ihn so mitten in der Bewegung innehalten. Der Jubel wurde noch lauter, so laut, dass keiner der beiden Männer sein eigenes Wort hätte verstehen können, geschweige denn den Gruß des Gegenübers. Doch dann schüttelte der Kaiser lächelnd den Kopf, und noch einmal schwoll der Jubel an. Immer schon war es Tradition in der Republik gewesen, dass der Reichsverweser vor keinem weltlichen Herrscher das Haupt neigte. Jeder hier am Hafen aber verstand sofort, was Greyghor Stohnar dazu bewogen hatte, in diesem Fall eine Ausnahme zu machen: Charis’ Galeonen, beladen mit Lebensmitteln, waren Erklärung genug. Caylebs Reaktion nahm die Menge nun noch mehr für ihn ein.

Ein Händeschütteln und ein Nicken war die wechselseitige Begrüßung von Kaiser und Reichsverweser. Dann trat Stohnar neben seinen Gast und deutete auf die Kutschen, die bereitstanden. Ein kurzer Blickwechsel mit dem hochgewachsenen Offizier der Kaiserlichen Garde, der dicht neben dem Kaiser stand, genügte. Der Mann mit den bemerkenswerten Saphiraugen hatte die unauffällige Überprüfung der Kutschen durch ein Dutzend Kaiserlicher Leibgardisten überwacht und nickte nun zustimmend. Zhaspahr Clyntahns Welle von ›Rakurai‹-Attentaten war zwar mittlerweile abgeklungen, aber hatte viele Opfer gefordert. Deswegen blieben Sicherheitsmaßnahmen angezeigt, die bis dato undenkbar gewesen wären: Man überprüfte mit handverlesenen Leuten lieber alles doppelt und dreifach und suchte selbst an den unmöglichsten Stellen nach versteckten Sprengladungen. Sogar unter jede der Kutschen war einer der Gardisten gekrochen, um sich zu vergewissern, dass den wachsamen Augen der siddarmarkianischen Soldaten nichts entgangen war. Der blauäugige Kaiserliche Gardist legte zum Salut die Faust an seinen geschwärzten Brustpanzer und ließ seinen Kaiser, dessen Gastgeber und beider Gefolge einsteigen. Die Kutschen brachten ihre Passagiere zum Regierungssitz. Die Straßen, durch die sie fuhren, waren von wachsamen Pikenieren und unablässig jubelnden Bürgern gesäumt.

»Ein wahrhaft beeindruckender Empfang, Mein Lord«, sagte Cayleb Ahrmahk, während er Seite an Seite mit Greyghor Stohnar den gefliesten Gang entlangschritt.

»Ein Empfang, wie Ihr ihn Euch verdient habt, Euer Majestät. Ohne Charis’ Hilfe wären viele der jubelnden Menschen dort draußen längst tot oder so entkräftet, dass ihr Tod nur noch eine Frage der Zeit wäre. Ich werde uns beiden die Peinlichkeit ersparen, mich erneut bei Euch zu bedanken. Ihr habt ja in Euren Schreiben bereits zum Ausdruck gebracht, wie Ihr darüber denkt. Aber die Einwohner dieser Stadt sind sich wie ich der Tatsache bewusst, dass wir in Eurer Schuld stehen.«

»Das aber kann man auf vielerlei Weise, Mein Lord«, erwiderte Cayleb. »Ihre Majestät und ich haben die Hilfeleistungen für die Siddarmark als unsere Pflicht angesehen. Gut, wir hätten auch geholfen, wenn Zhaspahr Clyntahns Gräueltaten in der Republik nichts mit dem Krieg Zions gegen Charis zu tun gehabt hätten. Aber die Wahrheit ist nun einmal, dass ohne uns nichts von alledem«, mit einer Handbewegung schien er die ganze Stadt einzuschließen, »je geschehen wäre.«

»Vielleicht nicht jetzt, Euer Majestät, aber irgendwann in jedem Fall! Clyntahn hätte uns das nicht erspart.« Stohnars Miene wirkte wie versteinert. »Um darüber nicht nachdenken zu müssen, habe ich mich jahrelang selbst belogen. Ich tat, als gebe es Hoffnung, der Großinquisitor könnte Vernunft annehmen … zumindest was die Siddarmark betrifft. Die letzten zwei Jahre haben mir die Augen geöffnet. Denn leider ist es nicht Clyntahn allein, sondern das ganze Vikariat, dass die Siddarmark unter seiner Knute sehen will. Wir haben, politisch gesehen, unverzeihliche Fehler gemacht: Wir sind zu groß geworden, zu mächtig … und zu tolerant. Aber …«, ein dünnes Lächeln umspielte Stohnars Lippen, »an dieser Toleranz ist Charis nicht ganz unschuldig. Wie hat Clyntahn es doch gleich so schön bildhaft ausgedrückt? Es ist schon eine Weile her … Wartet … Ah, ja, jetzt! Er sagte, wir seien noch willfähriger mit Euch ins Bett gestiegen als jedes andere größere Reich auf dem Festland. Also hat damals schon der verderbliche Einfluss der Charisianer als Begründung für die Gefährlichkeit unserer Denkweise herhalten müssen. Doch, stellt Euch vor, wir Siddarmarkianer brauchen gar kein Charis, um widerspenstig zu sein.« Er schüttelte den Kopf. »Verachten konnten wir die ›Vierer-Gruppe‹ immer schon. Nur etwas gegen sie zu unternehmen – dazu fehlte uns bisher der Mumm oder auch die Willensstärke.«

»Glauben Sie mir, Mein Lord«, erwiderte Cayleb trocken. »Charis’ Mumm und Willensstärke haben durchaus etwas damit zu tun, dass unsere Heimat einige tausend Meilen von Zion entfernt liegt und uns diese Idioten ohnehin keine andere Wahl gelassen haben. Mein Vater hat das zwar alles schon vor Jahren kommen sehen, aber vermieden hätten wir den ganzen Schlamassel dann doch gern!«

»Tja, manches lässt sich trotz aller Anstrengung eben nicht vermeiden, Euer Majestät«, gab Stohnar zurück. Sie näherten sich dem Konferenzsaal, und ein Gardist öffnete ihnen die schwere Flügeltür. Das hochglanzpolierte Holz schimmerte im Licht. »Mit Unvermeidlichem habe ich in den letzten Monaten so manche Erfahrung sammeln dürfen.«

»Zweifellos«, meinte Cayleb und trat gleichzeitig mit dem Reichsverweser ein, dicht gefolgt von Merlin Athrawes. Stohnars engste Ratgeber verneigten sich tief.

»Aber offenkundig ist die Zeit des Lernens noch nicht vorbei, Euer Majestät«, fuhr Stohnar mit bebenden Nasenflügeln fort. »Armeen lassen sich nur schwer durch unsere Gebirge schaffen. Aber einzelne Kuriere und Boten finden ihren Weg. Informationen aus den besetzten Provinzen haben wir reichlich … und was wir erfahren, lässt wenig Raum für Hoffnung.«

»Das war zu erwarten.« Dieses Mal wechselte Cayleb keinen Blick mit seinem persönlichen Waffenträger. »Auch wir haben unsere Spione und Informanten; die berichten uns Ähnliches. Deswegen habe ich Graf Hanth und Marineinfanterie in die Eralth Bay entsandt. Uns kam Ihre Südflanke derzeit am wenigsten geschützt vor, Mein Lord. Daher sollen Ihre Truppen dort ein wenig Unterstützung bekommen, während wir darauf warten, dass Herzog Eastshare in Siddar-Stadt eintrifft … und darauf, wohin die Armee Gottes im Norden zieht. Aber was auch immer wir tun, wahrscheinlich verlieren wir erst noch viel Terrain, ehe wir darauf hoffen können, den Feind zurückzutreiben.«

»Aber wir werden ihn zurücktreiben, Euer Majestät!«, warf ein stämmiger Mann ein. Er hatte beachtlich breite Schultern; den braunen Bart durchzogen zahlreiche weiße Strähnen, und Unerschütterlichkeit umgab ihn wie ein schützender Mantel.

»Lord Daryus Parkair, der Seneschall der Republik, Euer Majestät«, erklärte Stohnar. »Daryus neigt gelegentlich zu … unverblümter Offenheit.«

»Dann werden wir wohl bestens miteinander auskommen, Mein Lord.« Caylebs Mundwinkel zuckten. »Gelegentlich behauptet man dergleichen auch über mich. Und Ihre Majestät die Kaiserin würde vermutlich noch hinzufügen, ich wäre obendrein stur.«

»Ach, tatsächlich?« Stohnar schnaubte belustigt. »Meine selige Frau beliebte mich auch stur zu nennen. Meine älteste Tochter lässt es sich seitdem nicht nehmen, diesem Amt ihrer Mutter selig neuen Glanz zu verleihen.«

»Bei allem schuldigen Respekt, Euer Majestät«, ergriff nun ein anderer Siddarmarkianer das Wort, »mir scheint, da wirft jemand mit Steinen, der im Glashaus sitzt – wenn ich so vermessen sein darf, das offen auszusprechen. Die ganze Welt weiß doch, wie … entschlossen Sharleyan von Chisholm sein kann.«

»Lord Henrai Maidyn«, stellte Stohnar den Mann vor. Cayleb nickte ihm zur Begrüßung zu.

»Ah ja, Lord Henrai. Der Leiter Ihrer Spionageabteilung, wenn meine Informationen stimmen?« Der Kaiser lächelte und verneigte sich dann vor der einzigen Frau im Saal. »Und das muss die Ehrfurcht gebietende Aivah Pahrsahn sein.« Sie knickste formvollendet. Der Kaiser aber nahm ihre Hand und hauchte ihr einen Handkuss auf. »Ich habe schon viel von Ihnen gehört«, fuhr er fort, »und freue mich daher besonders, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ein Freund von Major Athrawes, Ahbraim Zhevons, hat mich gebeten, Sie grüßen zu lassen.«

Der Name Zhevons rief bei allen anwesenden Siddarmarkianern Neugier hervor. Madame Pahrsahn schien das nicht zu bemerken. Sie schenkte dem Kaiser ein bezauberndes Lächeln, das ihre Grübchen wunderbar betonte.

»Ich danke Euch, Euer Majestät.« Sie verneigte sich leicht. »Wenn es nicht zu viel verlangt ist, wäre es sehr freundlich, Ihr, Majestät, oder Seijin Merlin könntet Meister Zhevons beim nächsten Zusammentreffen zurückgrüßen. Ich nehme an, die … Korrespondenz, die ich Euch habe zukommen lassen, habt Ihr wohl zu nutzen gewusst?«

»Als detaillierte Hintergrundinformationen und um besser zu verstehen, wie die verschiedenen Fraktionen im Tempel aussehen, ja«, bestätigte Cayleb. »Von der Nutzung der etwas … heikleren Aspekte haben wir allerdings Abstand genommen. Das hat zwei Gründe: Zum einen fürchten wir, es könnte zu Repressalien in Zion führen. Schließlich befindet sich der eine oder andere, der in den Schreiben genannt wird, immer noch dort. Aber hier spielt auch eine Rolle, was für eine Art Propaganda-Schlacht zwischen uns und der ›Vierer-Gruppe‹ tobt.«

»Beide Gründe leuchten mir sofort ein, Euer Majestät. Aber eine Waffe verdient nur dann diesen Namen, wenn der, der sie in der Hand hält, bereit ist, sie einzusetzen.« Sie blickte dem Kaiser fest in die Augen. »Einige Aspekte besagter Informationen dürften ihre Wirkung auf eine ganze Reihe von Vikaren haben, die Clyntahn fest im Griff zu haben meint.«

»Zweifellos. Aber es gilt ja auch, den richtigen Zeitpunkt zu wählen. Meine Ratgeber und ich sind der Ansicht, es sei besser, diese … Waffe aus einer Position der Stärke heraus einzusetzen, nicht aus Hilflosigkeit oder Verzweiflung.«

»Das sollte man im Hinterkopf behalten, ja«, bestätigte Madame Pahrsahn. Cayleb drückte ihr die Hand, bevor er sich den beiden Männern zuwandte, die man ihm bislang noch nicht vorgestellt hatte.

»Lord Samyl Gahdarhd«, erklärte Stohnar. »Und das hier, Euer Majestät«, seine Stimme klang mit einem Mal dunkler, »ist Erzbischof Dahnyld.«

»Eure Eminenz.« Cayleb verneigte sich, um pflichtschuldig Dahnyld Fardhyms bischöflichen Ring zu küssen.

»Euer Majestät«, gab der Erzbischof zurück und verneigte sich dann ebenfalls.

»Erzbischof Maikel lässt grüßen«, sagte Cayleb. »Zu meinem Bedauern haben ihm seine seelsorgerischen Pflichten es nicht erlaubt, mich zu begleiten. Doch dürften wir alle der Meinung sein, dass selbst die Ankunft eines einfachen Kaisers mehr als genug Auswirkungen haben wird. Da braucht die Republik nicht auch noch das Oberhaupt der Kirche von Charis anzuerkennen, indem man es förmlich willkommen heißt …«

»Ganz zu schweigen von den Auswirkungen, die es hätte, täte dies der Erzbischof der Siddarmark … und zwar im Namen von Mutter Kirche«, meinte Fardhym.

»Das, Eure Eminenz, versteht sich von selbst. Ich wollte nur diplomatisch sein.« Entschuldigend zog Cayleb die Schultern hoch. »Das habe ich meiner Frau fest versprochen.«

»Ich verstehe.«

Der Erzbischof war mehrere Zoll kleiner und doppelt so alt wie der Kaiser. Er war untersetzt, und an den Schläfen ergraute sein schwarzes Haar bereits. Beim letzten Satz des Kaisers huschte ein Lächeln über sein faltendurchfurchtes Gesicht. Doch seine Augen, von denen Cayleb vermutete, dass sie sonst mitfühlend und warmherzig wirkten, schienen in diesem Moment härter als Achat.

»Ich weiß Ihre Bemühungen zu schätzen, Euer Majestät«, fuhr er fort. »Aber viel Diplomatie ist unter den gegebenen Umständen wahrlich nicht erforderlich. Ich mag ja an Erzbischof Maikels Lehren das eine oder andere auszusetzen haben. Aber angesichts dessen, was diese Unmenschen in Zion angerichtet haben, wäre das spitzfindig.«

»Tatsächlich?« Erstaunt hob Cayleb die Augenbrauen. Fardhym stieß ein Schnauben aus: ein rauer, zorniger Laut.

»Ich bin auch Bédardist, Euer Majestät. Ebenso wie den Pasqualaten kommt auch uns die Pflicht zu, das Wohl in die Welt zu tragen und sie zu heilen, nicht etwa Schaden zu bringen. Das ist die vornehmste Pflicht unseres Ordens … vom Dienst an Gott natürlich abgesehen. Das jedoch wird für viele von uns zunehmend zum Problem. Ja, ich gebe es offen zu: Wie viele Angehörige meines Ordens hier habe auch ich schon vor Clyntahns ›Schwert Schuelers‹ reformistisches Gedankengut gehegt – wenn auch nicht in dem Maße wie Euer Erzbischof. Aber dessen Glaubensflamme brennt ja auch reiner und höher als meine, und um seine Furchtlosigkeit beneide ich ihn. Aber der letzte Winter hat in mir alles verändert: Ich habe die gleichen Berichte gelesen wie Reichsverweser Greyghor. Ich habe das Charisianische Viertel der Stadt besucht. Ich habe mit Flüchtlingen gesprochen und Narben und Wunden gesehen, gebrochene Menschen, zerrissene Seelen: Beweise genug für die Gräueltaten, die im Namen Gottes verübt wurden. Ich weiß, wer in Wahrheit für all das verantwortlich ist. Es wäre mir eine Freude, Erzbischof Maikel in der Kathedrale von Siddar zu empfangen und von Herzen willkommen zu heißen! Das Einzige, was diese Freude trübt, ist das Wissen, damit nicht nur Zhaspahr Clyntahn gehörig vor den Kopf zu stoßen, sondern Mutter Kirche. Bitte versteht mich nicht falsch, Euer Majestät: In Glaubensfragen bin ich im Großen und Ganzen durchaus Eurer Ansicht. Aber ich bin nur ein fehlbarer Mensch. Deswegen kann ich nicht leugnen, wie abgrundtief meine Abscheu gegen jene Männer in Zion ist, die ihrem eigenen verderbten Ehrgeiz alles unterwerfen, wofür Gott steht.«

Caylebs Augen weiteten sich. Beinahe hätte er Merlin doch einen Blick zugeworfen, denn ein Muskel im Nacken zuckte bereits verräterisch. Nie zuvor hatte Fardhym derart offen und ehrlich gesprochen – niemandem gegenüber. Nun, die Fernsonden hatten den Erzbischof von Siddar schon seit geraumer Zeit im Auge behalten. Die Aufnahmen ließen zwar keinerlei Zweifel daran, wie tief gläubig Fardhym war, aber damit, dass er derart offen über seine Position sprechen würde, war nicht zu rechnen gewesen. Das Mienenspiel der Siddarmarkianer im Saal zeigte, dass die Worte des Erzbischofs alle hier überraschte.

»Eure Eminenz, ich will nicht verhehlen, dass es für Charis ein Gottesgeschenk ist, die Republik als Verbündeten auf dem Festland zu haben«, sagte der Kaiser schließlich. »Trotzdem vermag ich mein Bedauern über die Gräuel, die die Siddarmark hat ertragen müssen, nicht in Worte zu kleiden. Sie haben das wahre Gesicht Zhaspahr Clyntahns gesehen. Wir in Charis haben damit mittlerweile genug Erfahrung sammeln dürfen. Auch die Tempel-Lande blieben von seinen entsetzlichen Pogromen nicht verschont. Aber eines steht fest: Er wird nicht damit aufhören, niemals! Er wird sich in seinen Exzessen nicht einmal mäßigen, solange ihn niemand aufhält. Das zu tun, ihn aufzuhalten, hat das Kaiserreich Charis gelobt. Und wenn das geschehen ist, wird ihn die gerechte Strafe für seine Verbrechen ereilen: für seine Verbrechen hier in der Republik ebenso wie überall sonst.«

»Dann, Euer Majestät, bleibt mir nur eines zu sagen: Mögen Gott und Langhorne diesen Tag schon bald kommen lassen!«

Nach diesen harten Worten senkte sich Schweigen über den Konferenzsaal. Schließlich räusperte sich Stohnar leise.

»Dem können wir wohl alle nur zustimmen.« An Cayleb gewandt fuhr er fort: »Mit diesem Ziel, gemeinsam Clyntahn aufzuhalten, wollen wir ja dann auch heute Nachmittag in aller Förmlichkeit einen Bündnisvertrag unterzeichnen, Euer Majestät. Zuvor aber sollt Ihr von Daryus und Henrai erfahren, wie schlimm es um Euren neuen Verbündeten steht.«

»Bevor wir vor dem Armageddon-Riff einen ersten Sieg erringen konnten, Mein Lord, ist es uns sicher ebenso schlimm oder gar schlimmer ergangen als Ihnen. Aber wie Sie alle sehen können, gibt es uns immer noch.« Grimmig lächelte Cayleb. »Wie es um unseren neuen Verbündeten steht, macht mir keine Sorgen. Na, rein taktisch gesehen vielleicht.« Er machte eine abwiegelnde Geste. »Aber ansonsten? Nein. Denn die Heilige Schrift lehrt uns, dass das Böse stets seinen eigenen Niedergang vorbereitet. Der Großinquisitor hat diese Stelle wohl überlesen, ich hingegen nicht. Und ich setze uneingeschränktes Vertrauen darauf.«

»Mir geht es ebenso, Euer Majestät. Aber ich rechne dennoch damit, auf dem Weg dorthin ein paar, nun … besorgniserregende Momente durchleben zu müssen.«

»Ist das je im Leben anders gewesen?« Cayleb lachte leise. »Die Heilige Schrift lehrt uns auch, dass Gott jene prüft, die würdig sind, Ihm zu dienen. Gemessen an dem Dienst, den Er von uns verlangt, wäre es geradezu merkwürdig, wenn die Prüfungen, die Er uns auferlegt, nicht besorgniserregend wären. Hin und wieder, zumindest.«

Immer noch lächelnd wandte er sich an Parkair und Maidyn.

»Zweifellos werden Sie in mir in kürzester Zeit genug besorgniserregende Dinge vortragen, um mich für geprüft zu halten und zur Tat schreiten zu wollen, Meine Lords. Also legen wir doch einfach los!«

»Danke, dass Ihr mich empfangt, Euer Majestät.«

»Dafür brauchen Sie mir nicht zu danken, Sir Rayjhis«, erwiderte Cayleb. »Was Sie hier in der Siddarmark geleistet haben, war … außergewöhnlich. Ihre Majestät die Kaiserin und ich sind Ihnen zutiefst dankbar dafür, mit welcher Treue und Aufopferungsbereitschaft Sie Charis gedient haben.«

Der Kaiser saß in einem Lehnsessel, der zumindest eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Thron hatte. Hinter ihm stand wie stets Merlin Athrawes. Durch das Fenster hinter dem Lehnsessel fiel die Morgensonne herein. Sonderlich groß war das Arbeitszimmer nicht. In Siddar-Stadt bevorzugte man kleinere Räume mit niedrigeren Decken, weil diese sich im Winter nun einmal besser beheizen ließen. Allerdings war das Zimmer behaglich möbliert, und die deckenhohen Bücherschränke, die die Wände säumten, trugen zu dieser angenehmen Atmosphäre viel bei. Bevor das Zimmer Cayleb zur Verfügung gestellt worden war, hatte Sir Rayjhis Dragoner es genutzt, der charisianische Botschafter vor Ort. Cayleb wusste sehr zu schätzen, dass Dragoner seine Büros für ihn geräumt hatte, so sehr, wie er den Mann an sich schätzte. Doch auf die Besprechung mit ihm hatte sich der Kaiser wahrlich nicht gefreut. Er wusste genau, warum Dragoner das Gespräch erbeten hatte.

Nun lehnte Cayleb sich in den Sessel zurück und betrachtete das abgezehrte, erschöpfte Gesicht und den gehetzten Blick des Mannes, der so lange und so gut in der Siddarmark die Interessen von Charis vertreten hatte. Cayleb hatte Dragoner vor seiner Bestellung zum Botschafter durch König Haarahld nur wenige Male persönlich getroffen. Seitdem war der Mann ungleich mehr gealtert, als das Verstreichen einiger weniger Jahre rechtfertigen könnte. Dragoners dunkles Haar war beinahe schlohweiß, die Haut über den Wangenknochen war straff gespannt und wirkte durchscheinend, als wolle sie reißen. Die Augen waren dunkel und lagen tief in den Höhlen, und die Finger des Mannes zitterten merklich, wann immer er die Hände nicht zu Fäusten verkrampft hatte.

Wir hätten ihn abberufen sollen, unbedingt!, dachte Cayleb reumütig. Es nicht zu tun, war ihm gegenüber nicht fair.

Allerdings hatte es für dieses Versäumnis einen guten Grund gegeben: Niemand besaß so gute Kontakte zu den höchsten Regierungskreisen der Republik wie Sir Rayjhis. Niemand sonst hätte in seine Depeschen derart aufschlussreiche Bemerkungen über aktuelle Entwicklungen einfließen lassen können. Niemand sonst war mit den Gepflogenheiten im politischen Leben der Siddarmark so vertraut wie er. Niemand hätte Charis besser zu vertreten vermocht, trotz Dragoners tief empfundener Vorbehalte, was alle Entwicklungen und Entscheidungen betraf, die mit Glaubensfragen zu tun hatten.

Eben diese, die Vorbehalte und jener innere Konflikt, hatten Sir Rayjhis über Gebühr altern lassen.

»Euer Majestät«, setzte Dragoner an, doch sofort hob Cayleb in einer sehr ruhigen Bewegung die Hand. Augenblicklich verstummte der Botschafter.

»Sir Rayjhis, ich möchte, dass Ihnen eines sehr genau bewusst ist: Niemand vermag besser als die Kaiserin und ich zu beurteilen, wie treu Sie Charis gedient haben. Wir wissen, welche fast übermenschlichen Anstrengungen Sie seit dem ersten Angriff der ›Vierer-Gruppe‹ auf Charis unternommen haben. Wir wissen, wie unablässig Sie sich selbst angetrieben und wie sehr Sie sich in unseren Diensten verausgabt haben, wie wachsam, umsichtig und aufrichtig Sie stets waren. Und«, nun blickte der Kaiser Dragoner fest in die Augen, »wir wissen auch, welche persönlichen Schwierigkeiten und welche Schmerzen es Ihnen bereitet hat, Ihre Pflichten uns gegenüber derart treu und gut zu erfüllen.«

Dragoners Lippen zitterten. Erneut öffnete er den Mund, um etwas zu sagen, und erneut hielt ihn der Kaiser zurück.

»Ich weiß, warum Sie um dieses Gespräch gebeten haben«, sagte Cayleb sehr ruhig. »Ich bedauere zutiefst, dass Sie die Notwendigkeit dafür sehen. Aber noch mehr bedauere ich, dass wir Sie eben wegen Ihrer außerordentlichen Fähigkeiten und Ihrer immensen Sorgfalt die ganze Zeit über unmöglich abberufen konnten. Wir wussten, dass Ihnen das, was wir Ihnen in Ihrer Funktion als Botschafter von Charis abverlangt haben, als treuer Sohn von Mutter Kirche unerträglich sein musste. Wir wussten, dass Sie hin und her gerissen sein würden zwischen Ihrer Treue Charis gegenüber und dem, was Sie für Ihre Pflicht Gott und den Erzengeln gegenüber ansehen. Und wir wussten auch, dass Sie, trotz all der Schmerzen, die wir Ihnen bereiten, doch niemals um Ablösung ersuchen würden. Niemals würden Sie Ihren Posten aufgegeben, solange Charis in Gefahr ist. Das wussten wir. Und genau deswegen müssen wir es uns selbst eingestehen: Wir haben Sie benutzt, Sir Rayjhis. Wir haben Sie gnadenlos ausgenutzt, weil wir keine andere Wahl hatten. Wir waren auf Sie angewiesen.«

Dragoner schluckte schwer, und Cayleb schüttelte den Kopf.

»Es beschämt mich, Ihnen das eingestehen zu müssen. Als König und Kaiser blieb mir keine andere Wahl, aber als Mensch bin ich zutiefst beschämt. Als König und Kaiser hätte ich diese Besprechung ablehnen sollen, denn niemand hier in ganz Siddar-Stadt könnte uns je so wertvoll sein wie Sie, auch jetzt noch. Eines weiß ich genau: Sollte ich von Ihnen verlangen, weiterhin Ihren Dienst zu versehen, so werden Sie das tun. Für einen Kaiser, der sich dessen bewusst ist, kann es nur eine Antwort auf das Gesuch geben, das Sie zu mir führt. Aber ich habe feststellen müssen, dass ich nicht nur Kaiser bin. Nicht hier, nicht jetzt. Ich verstehe, warum Sie hier sind, und es gibt Augenblicke, in denen die Pflichten eines Kaisers hinter den Pflichten eines Menschen zurückstehen müssen. Und deswegen lautet meine Antwort: ja.«

In den Augen des Botschafters glitzerten unvergossene Tränen. Cayleb erhob sich, ging zu dem älteren Mann hinüber und legte ihm sanft beide Hände auf die Schultern.

»Ich weiß, dass Sie selbst jetzt, nach allem, was Zhaspahr Clyntahn getan hat, niemals das Schwert gegen Mutter Kirche erheben könnten«, fuhr er leise fort. »Ich gebe zu, ich halte das für falsch. Ich glaube, dass der Schaden mittlerweile zu groß geworden ist. Das Gift ist schon zu tief in den Leib von Mutter Kirche gedrungen. Deswegen scheint es mir keine andere Lösung mehr zu geben, als die Wunde mit dem Schwert auszubrennen. Aber ich verstehe, wie viel Ehrfurcht Sie Mutter Kirche nach wie vor entgegenbringen. Sie respektieren die Kirche für alles, was sie einst gewesen ist und was sie in der Vergangenheit erreicht hat. Sie fürchten sich davor, was hinter den Türen lauern könnte, die wir öffnen, wenn wir uns jenen entgegenstellen, die durch ihr Handeln die wahre Lehre der Kirche bis zur Unkenntlichkeit entstellt haben, und dafür ohne jeden Respekt die Hand eben gegen die Kirche erheben. Ich respektiere Ihre Sichtweise. Ich respektiere, dass wir in dieser Hinsicht anders denken. Und da ich diesen Unterschied in unserer Sichtweise kenne, weiß ich auch, dass wir Ihnen entschieden zu viel abverlangt haben.

Das muss ein Ende haben. Die Unterzeichnung des Bündnisvertrages gestern ist auch Ihr Werk, Sir Rayjhis. Es ist ein wohlverrichtetes Werk, so sehr Sie auch jeder Satz, jeder Punkt, jedes Komma schmerzen mögen. Von keinem Menschen hätten wir mehr erwarten können, geschweige denn es zu verlangen. Aus diesem Grund entbinde ich Sie von Ihren Pflichten, Sir Rayjhis. Ich danke Ihnen von Herzen, auch im Namen Ihrer Majestät der Kaiserin, und bitte Sie erneut um Verzeihung für alles, was wir Ihnen aufgebürdet haben. Kehren Sie zu Ihrer Familie zurück, lassen Sie Ihre Wunden verheilen. Und falls wir Ihnen gegenüber noch eine letzte Bitte aussprechen dürfen, so wären wir dankbar, wenn Sie uns vergeben, sollten Sie je in Ihrem Herzen die Kraft dafür finden.«

»Euer Majestät«, entgegnete nun Dragoner heiser, »es gibt nichts, was ich Euch zu vergeben hätte. Ich hätte Euch jederzeit um Ablösung ersuchen können, und ich habe es nicht getan. Vielleicht war das falsch. Aber es war eine Entscheidung, die einzig und allein mir selbst oblag. Und doch habt Ihr recht. Ich kann nicht … ich kann Euch nicht mehr länger zu Diensten sein. Nicht hierbei.« Nun konnte Dragoner die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie rollten ihm über die Wangen. »Ich liebe Charis, und das wird sich auch niemals ändern. Niemals könnte ich etwas tun, was meinem Heimatland, Euch oder dem Haus Ahrmahk schadet. Aber wenn ich sehe, was ich bereits im Namen von Charis getan habe und welche Konsequenzen das für Mutter Kirche haben mag, dann weiß ich, dass ich keinen Schritt mehr in diese Richtung machen kann. Ich bin müde, Euer Majestät, unendlich müde. Vielleicht ist diese Müdigkeit nichts als eine Form der Feigheit, aber ich bin am Ende meiner Kraft. Ich danke Euch aus tiefstem Herzen dafür, dass Ihr mir Gelegenheit gebt, mich dem Schmerz zu stellen und ihn verheilen zu lassen und dass Ihr mich versteht und mir Euer Mitgefühl schenkt.«

»Sie haben Ihren Dienst in schwerer Zeit versehen, Sir Rayjhis. Sie teilen dieses Schicksal mit vielen, was es schlimmer, nicht besser macht: Niemand kann Ihnen verdenken, dass Sie Ihrem Gewissen folgen. Deswegen war Erzbischof Maikel, Ihrer Majestät der Kaiserin und mir von Anfang an wichtig, dieses Recht auch den Tempelgetreuen in Charis zuzugestehen. Wie könnten wir Ihnen dann dieses Recht absprechen, nachdem Sie uns so lange Zeit gute Dienste geleistet haben? Ich verstehe Ihre Angst davor, wie sich unser Handeln letztendlich auf Mutter Kirche auswirkt. Aber gestatten Sie mir, aus dem Buch Langhorne zu zitieren: ›Recht so, du guter und getreuer Knecht. Geh ein in die Freude Deines Herrn und genieße den Lohn, den du dir wohl verdient hast.‹« Sanft tätschelte Cayleb dem charisianischen Botschafter die Schulter. »Kehren Sie nach Hause zurück, Sir Rayjhis. Kehren Sie zurück zu all jenen, denen Sie am Herzen liegen, und bedenken Sie stets, dass Sharleyan und ich niemals vergessen werden, wie tief wir in Ihrer Schuld stehen.«

.II.

HMS Destiny,
auf der Chisholmianischen See

Freude an Handarbeiten hatte Irys Daykyn noch nie gehabt. Hätte man sie vor die Wahl gestellt, sich einen Zahn ziehen zu lassen oder einen Nachmittag mit Stickerei zu verbringen, hätte sie minutenlang überlegt, was ihr wohl lieber wäre. Aber die Entscheidung hätte mitnichten schon von vornherein festgestanden.

Trotzdem saß sie jetzt zwischen Kaiserin Sharleyan und Lady Mairah Breygart auf der Heckgalerie von HMS Destiny und verzierte mit recht säuberlichen Stichen eine Serviette. Das verlieh nach ihrem Dafürhalten dem Begriff ›Sinnlosigkeit‹ eine ganz neue Bedeutung. Rings um das Ruder gurgelten die Wellen, Seewyvern folgten dem Kielwasser des Schiffes und suchten wieder und wieder nach Leckerbissen. Inzwischen hatten diese Wyvern schon gute einhundert Meilen zurückgelegt: Sie folgten der Destiny schon seit dem Wyvernschnabel, der nördlichsten Spitze der Insel Zebediah. Plötzlich stießen sie triumphierende Pfiffe aus. Einer der Schiffsköche hatte gerade einen Abfalleimer über die Reling ins Wasser geleert. Ein halbes Dutzend Wyvern stürzten sich in die Wellen, holten sich voller Begeisterung die schmackhaftesten Bissen. Sie kreischten empört, wann immer einer der gierigen Artgenossen zu dem Schluss kam, es sei einfacher, Futter zu rauben, statt selbst auf die Suche nach Essbarem zu gehen.

So groß ist der Unterschied zwischen Wyvern und Menschen wohl doch nicht, ging es der Prinzessin durch den Kopf.

Der Gedanke hatte etwas unbestreitbar Düsteres. Denn ihre Überlegungen über das Verhalten der Wyvern erinnerte sie daran, wie ihr Vater einst Zebediah erobert hatte. Seine Armeen hatten die Insel bereits besetzt, als seine Tochter noch Windeln trug … Zwischen seiner letzten Strafexpedition gegen zebediahanische Rebellen und dem Angriff auf Charis hatte dann weniger als ein Jahr gelegen. Gewiss, besagte Rebellen waren Adelige gewesen; es hatte sich nicht etwa das Volk von Zebediah erhoben. Aber auch das einfache Volk hatte den corisandianischen Eroberern nicht gerade unverbrüchliche Treue entgegengebracht.

Vaters Reaktion auf die Auflehnung des örtlichen Adels war, ganzen Dörfern und Städten den roten Hahn aufs Dach zu setzen – gern auch bei Gebäuden, in denen sich noch jemand befand. Kann man es dann den einfachen Leuten verdenken, dass sie Corisande nicht bereit waren, ewige Treue zu schwören?

»Nicht einmal Stickarbeit sollte Euch derart viel Kummer bereiten, Hoheit«, bemerkte Lady Mairah und lachte leise. Irys blickte auf und spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss: Sie musste lauter geseufzt haben als gedacht.

»Wenn man darin so schlecht ist wie ich, Meine Lady, kann Stickarbeit sogar zu einem ausgewachsenen Wutanfall führen«, erwiderte sie leichthin. »Oder zumindest Anlass für eine schwere Depression sein.« Sie hob ihren Stickrahmen und präsentierte die Wyvern, an der sie arbeitete. Zweifellos war das Tier farbenfroh. Dabei war es aber so krumm und schief, dass es, hätte es in der Natur existiert, ebenso zweifellos flugunfähig gewesen wäre. »Wie Sie sehen, gehört das Sticken nicht gerade zu meinen Stärken.«

»Sie könnten es mit Stricken versuchen«, schlug Sharleyan vor und blickte von den Nadeln auf, die geschäftig klickten.

Auch die Kaiserin schlug einen leichten Ton an. Ihr Blick aber bewies Einfühlungsvermögen. Sie schien zu verstehen, wie schnell eine Prinzessin im Exil düstere Gedanken überfielen. Im Laufe der Fünftage, die Irys mittlerweile an Bord der Destiny verbracht hatte, war ihr zumindest eines klar geworden: Die Behauptungen der Inquisition, Sharleyan ergehe sich in Zauberei und Unzucht mit Dämonen, waren schlicht unhaltbar. Was allerdings die ihr zugesprochene Fähigkeit betraf, Gedanken zu lesen … da war sich Irys alles andere als sicher.

»Auch das erfordert nun einmal ein gewisses Geschick, Eure Majestät.« Bedauernd schüttelte Irys den Kopf. »Nein, Stricken ist sicher auch nicht das Richtige für mich. Sticken erfordert wenigstens einige Zeit zwischen den einzelnen Stichen. Das heißt, ich kann nur langsam Schaden anrichten.«

Die beiden anderen Frauen lachten, und Irys wandte sich wieder ihrem Stickrahmen zu.

Es war schon sonderbar: So sehr Irys auch Handarbeit verabscheute, genoss sie doch die nachmittäglichen Gespräche dabei. Zu ihrer eigenen Überraschung hatte sie feststellen müssen, dass sie Ihre Majestät und Ihre Ladyschaft deutlich besser leiden konnte, als vielleicht gut für sie war. Nun, so groß die Destiny auch war: Sie war immer noch nur eine kleine Welt. Der Genuss, der Irys ein langer Ausritt bedeutete, war ihr schon viel zu lange verwehrt gewesen – die nervenaufreibende und zermürbende Flucht quer durch Delferahk nicht mitgerechnet. Dass es an Bord wirklich keinerlei Möglichkeiten gab, sich körperlich zu betätigen, war das Schlimmste an dieser langen Reise. Natürlich hätte sie Handarbeit nie als körperliche Betätigung sehen wollen.

Selbst Haarahld Breygart und Daivyn fanden kaum noch Möglichkeiten, in Schwierigkeiten zu geraten. Auf einen Vorschlag von Baron Sarmouth hin ließ Captain Lathyk die Jungs, die eigentlich nur Passagiere an Bord waren, an den täglichen Unterrichtsstunden für die Midshipmen teilnehmen. Erwartungsgemäß hatte Daivyn sich beklagt: Schließlich sah das verdächtig danach aus, als könnte man dabei etwas lernen. Dabei gab es für ihn doch genug Zeitvertreib: Er könnte sich, wie so oft, im Frachtraum herumtreiben, er könnte die Wanten emporflitzen, oder er könnte beim Drill der Geschützbedienungen zuschauen – »Nur, um mal so einen Geschützverschluss ganz aus der Nähe zu sehen, Irys, ehrlich!« Doch Lady Mairah und Irys waren unerbittlich geblieben – vor allem, nachdem man während eines Drills wie üblich die Geschütze ausgerannt hatte … und eines davon beinahe Daivyns linken Fuß zerquetscht hätte. Rahskho Mullygyn, Tobys zweiter Stellvertreter, war zur Stelle gewesen und hatte Daivyn und Haarahld gerade noch rechtzeitig (und ein wenig unsanft) in Sicherheit gebracht. Ansonsten wäre Corisandes rechtmäßiger Fürst vermutlich als ›Daivyn der Lahme‹ in die Geschichte eingegangen.

Zu Daivyns Überraschung erwiesen sich die Unterrichtsstunden für die Midshipmen als interessant. Daivyn selbst hätte statt zu ›Überraschung‹ sogar zu dem Wort ›Erstaunen‹ gegriffen. Erstaunt war auch Irys gewesen, als sie ein paar der Stunden beigewohnt und festgestellt hatte, dass ihr kleiner Bruder mit der gleichen Aufmerksamkeit wie die Midshipmen der Destiny Zahlen auf einer Schiefertafel notierte. Irys wusste natürlich, dass Charis gerade im Begriff stand, die gesamte Arithmetik zu revolutionieren. Schon vor sechs Jahren, als die neuen Ziffern (unerfindlicherweise ›arabische‹ Zahlen genannt) eingeführt wurden, war das abzusehen gewesen. Damals aber hatte Irys nicht begriffen, dass die Neuerung mehr mit sich brachte, als nur das Niederschreiben größerer Zahlen zu vereinfachen. Das Klicken der Perlen zahlreicher Abakus (was für ein nützliches Werkzeug!) übertönte fast Wellen und Wind, während die Midshipmen sich mit einem Fachgebiet abmühten, das die Charisianer ›Trigonometrie‹ getauft hatten. Damit sollten, bezogen auf die Längen- und Breitengrade, genaue Positionsbestimmungen möglich sein (allerdings war das Wort ›sollte‹ zu betonen: Bei den meisten Midshipmen ließen die Mathematikkenntnisse sehr zu wünschen übrig).

Schon seit dem Tag der Schöpfung war bekannt, was Längen- und Breitengrade waren. Sie waren auf allen Karten des Erzengels Hastings im Tempel angegeben (allerdings noch in den unhandlichen alten Zahlen). Aber eine Schiffsposition berechnen zu können, allein anhand der Beobachtung des Sonnenstands und der Sterne … das war etwas ganz Neues! Irys verstand den Nutzen des Verfahrens sofort, auch wenn sich Captain Lathyk bemerkenswert wenig darum scherte. Lathyk zog es vor, die Position zu gissen: Das hieß, er schätzte sie mit Hilfe von Kompass und Windrichtung, Zeit und Geschwindigkeit ab, mit der das Schiff die Wellen durchschnitt. Sein Hilfsmittel dabei waren die Seehandbücher, die Aufzeichnungen zahlloser charisianischer Matrosen aus vielen, vielen Jahrzehnten. Die Königliche Hochschule hatte dafür die nötigen Aufzeichnungen zusammengetragen. Viele der Originale waren beim Brand des alten Hochschulgebäudes, der auch das Archiv betroffen hatte, vollständig vernichtet worden. Die Handbücher aber gab es in großer Zahl.

Ein guter Navigator, der es gewohnt war, mit den Seehandbüchern zu arbeiten, erreichte das gewünschte Ziel mit einer Genauigkeit von weniger als dreißig Meilen Abweichung. Das galt selbst bei einer Überfahrt von Tausenden von Meilen. Auch Irys’ bescheidener Erfahrung nach hatten es charisianische Skipper zu wahrer Meisterschaft gebracht, sich ausschließlich auf den Kompass, die gemessene Windgeschwindigkeit und den Wind zu verlassen. Die Meisterschaft darin er klärte, warum die Charisianer als Erste gewagt hatten, die küstennahen Gewässer zu verlassen: Sie waren nicht nur geschickte Navigatoren, sie verließen sich auf ihr Geschick. Deswegen dominierte Charis’ Safeholds Handelsschifffahrt. Das war schon so gewesen, bevor ein gewisses König- beziehungsweise Kaiserreich systematisch andere Handelsschiffe aufbringen ließ, weil es sich im Krieg mit dem gesamten Rest der Welt befand.

Langfristig gesehen, dessen war sich Irys sicher, würde es immer wichtiger werden, völlig frei zu navigieren – was hieß, abseits der verzeichneten Handelsrouten. Bislang sahen erfahrene Seefahrer wie Captain Lathyk in der neuen Technik bestenfalls ein nützliches Hilfsmittel. Immerhin ließ er seine eigene Positionsabschätzung hin und wieder rechnerisch überprüfen. Aber die neue Arithmetik bot jenseits der Navigation weitere Anwendungsmöglichkeiten. Daivyn aber wäre selbst ohne praktischen Nutzen derselben fasziniert gewesen. Irys sah förmlich, wie im Kopf ihres kleinen Bruders die Zahnrädchen auf Hochtouren liefen, als er die völlig neue Welt der Zahlen kennenlernte – Zahlen, von deren Existenz er bislang nicht einmal etwas geahnt hatte. Hin und wieder erinnerte Daivyn seine Schwester gar an Hektor Aplyn-Ahrmahks Bruder Chestyr.

Dieser Gedanke ließ Irys erneut seufzen – leiser dieses Mal. Ihr Bruder hätte sich wahrhaftig einen schlechteren Reisegefährten aussuchen können als den Leutnant, an den sie sofort dachte: Auch er war, was diese neue Mathematik betraf, nicht unbeleckt. Was wohl die Inquisition und die Tempelgetreuen in Corisande unternähmen, sollten sie je erfahren, dass Prinz Daivyn Interesse am ›gottlosen, unreinen Wissen‹ der Königlichen Hochschule entwickelt hatte? Die Vorstellung, wie die Antwort ausfiele, versetzte die Prinzessin nicht gerade in Hochstimmung.

Vor allem, weil ich selbst mich dafür doch fast genauso interessiere, dachte sie. Welche Versuchung! Ich hätte besser an das alte Sprichwort denken sollen: ›Charisianer, die Geschenke bringen …‹! Leider hat selbst Phylyp mich nicht gewarnt, wie verlockend es ist, zu verstehen, wie Gott und die Erzengel die Welt gestaltet haben.

Ja, genau jener Wahrheit in all ihrer Schönheit hätte sie gern nachgespürt. Rasch, vielleicht zu rasch, hatte Irys sich davon befreit, in der Hochschule den Hort von Gottlosigkeit und Unreinheit zu sehen. In ihren Augen schmälerte nichts von dem, was Dr. Mahklyn oder die anderen Gelehrten der Hochschule herausgefunden hatten (und immer weiter erkundeten), die Herrlichkeit des Werks Gottes und der Erzengel. Im Gegenteil: sie offenbarten in den atemberaubenden Feinheiten der Regeln und Gesetze die Komplexität dessen, was an Wundern und berauschender Schönheit Gott geschaffen hatte. Wie könnte Gott, der dem Menschen Verstand geschenkt hatte, nicht wollen, dass der Mensch die herrlichen Wunder erkundete, mit denen Er Seine Kinder umgab?

Irys blickte auf den Stickrahmen in ihrem Schoß hinab und stellte fest, dass sich ihre Finger nicht mehr bewegten. Sie fragte sich, wie lange sie schon so dagesessen hatte. Sie wagte nicht, den Kopf zu heben und Sharleyans oder Lady Mairahs Blick zu begegnen.

Das, dachte sie, nennt man wohl eine Offenbarung. Komisch, ich habe mich schon immer gefragt, wie sich so etwas anfühlt. Jetzt hatte ich selbst eine … und weiß es immer noch nicht.

Sie umklammerte den Stickrahmen. Die Finger, die Hände, die ihr vertraut sein sollten, schienen einer Wildfremden zu gehören. Oder war Irys nur winziger Teil einer Welt, die sich zwischen zwei Atemzügen völlig verändert hatte?

Genau darum geht es doch in Wirklichkeit, oder? Irys’ Augen schwammen plötzlich in Tränen. Eine Vielzahl von Empfindungen stürzte auf sie ein: Verwunderung, Entsetzen, Freude und eine sonderbare Hochstimmung. Clyntahn und die Inquisition mögen ja noch so oft behaupten, Charis habe sich dem Unreinen und Verbotenen verschrieben, aber das ist eine Lüge! Es ist nichts Unreines daran, die Welt in all ihrer atemberaubenden Komplexität verstehen zu wollen. Die ganze Welt ist ein Abbild Gottes, und Menschen wie Dr. Mahklyn, Dr. Brahnsyn und Dr. Lywys wollen doch nichts anderes, als dieses Abbild deutlicher erkennen. Was kann daran verderbt oder falsch sein? Wenn Charis und seine Kirche hier recht haben, können sie sich dann täuschen, wenn sie erklären, sterbliche Menschen hätten Mutter Kirche in die Finsternis geführt, Menschen wie Zhaspahr Clyntahn? Das war doch nicht Gottes Werk! Die Kirche von Charis verehrt nicht Tod und Zerstörung. Ihr geht es um Leben und Liebe, um Verständnis und Anerkennung … und um Toleranz, die selbst den Feinden zugestehen, zu glauben, was ihr Gewissen verlangt. Was auch immer Clyntahn denkt: die Menschen von Charis feiern die Freude Gottes. Sie sind nicht Teil der Dunkelheit, der sich der Großinquisitor verschrieben hat. Aber selbst wenn die Menschen von Charis sich von Proctor oder gar Shan-wei haben verführen lassen, würde ich lieber zusammen mit diesen Menschen in die Hölle fahren. Denn sonst säße ich zusammen mit Zhaspahr Clyntahn zur Rechten eines Gottes, der in gleicher Weise urteilt wie dieser Unmensch in Zion.

Erst eiskalt, dann heiß durchfuhr es Irys, kaum dass sie diesen Gedanken zu Ende gebracht hatte. Und doch war es wahr. Ein altes Sprichwort ging ihr durch den Kopf: ›An ihren Freunden sollt ihr sie erkennen.‹ Bebend holte Irys Luft. Sie fragte sich, wohin diese neue Erkenntnis sie wohl führen würde und welches Schicksal sie und ihren Bruder erwartete.

Dann hob sie den Kopf, und ihr Blick suchte die Wyvern, die dem Schiff folgten. Sie beobachtete, wie sich die Tiere mit ausgebreiteten Schwingen vom Wind tragen ließen. Gottes Werk war schön, oh ja! Wind strich ihr übers Gesicht, zupfte an ihrem Haar und erfüllte alles rings um Irys mit ungeahntem Leben, mit Bewegung und Kraft, mit reiner Energie. Jeden Tag waren die Wyvern dem Schiff gefolgt. Es war etwas Alltägliches. Und doch war es ungewöhnlich und wunderbar.

»Irys?« Sie wandte den Blick von den Wyvern ab, als Sharleyan sie leise ansprach. »Geht es Ihnen gut?«, erkundigte sich die Kaiserin.

»Ich …«

Irys stockte, legte den Stickrahmen beiseite und wischte sich mit beiden Händen die Tränen von den Wangen – Tränen, die Irys nicht einmal bemerkt hatte. Bebend schüttelte sie den Kopf.

»Ich … keine Ahnung, Eure Majestät«, gab sie schließlich zu. Noch einmal atmete sie tief durch. Dann erhob sie sich und hatte das Gefühl, überhaupt keinen Gleichgewichtssinn mehr zu haben. Die ganze Welt kam ihr sonderbar schief vor.

»Aber Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen, Eure Majestät«, fuhr sie fort und fragte sich im gleichen Augenblick, ob das wirklich stimmte. »Ich habe nur …« Sie schüttelte den Kopf. »Mir ist nur gerade bewusst geworden, dass ich über manches dringend nachdenken muss, Eure Majestät, gründlich nachdenken! Wenn Ihr erlaubt, würde ich mich gern zurückziehen.«

»Dafür brauchen Sie doch nicht meine Erlaubnis«, antwortete Sharleyan noch sanfter. Dann blickte sie zu Gräfin Hanth hinüber, die sich mit Irys eine Kajüte teilte. »Sagen Sie, Mairah: meinen Sie, Irys könnte die Kabine eine Weile für sich allein haben?«

»Aber natürlich.« Mairah nickte, streckte den Arm aus und drückte Irys rasch die Hand. »Lassen Sie sich Zeit, Hoheit. Soll ich vielleicht Pater Bahn zu Ihnen schicken?«

»Nein, vielen Dank«, erwiderte Irys und spürte die nächste Welle dieser merkwürdigen Mischung aus Entsetzen und Hochstimmung aufsteigen. Sie musste ihr Gewissen befragen, ganz allein, ohne die Hilfe des Kaplans, der zugleich ihr Beichtvater war. Da war sie sich ganz sicher. Aber was verriet das nun wieder über sie?

»Sollte ich zu dem Schluss kommen, seinen Rat zu benötigen, werde ich natürlich nach ihm schicken«, meinte sie lahm, obwohl sie wusste, dass es dazu nicht kommen würde. Nicht dieses Mal.

»Aber natürlich«, wiederholte Mairah. »Soll ich dann vielleicht Daivyn … ähm, ablenken, wenn er, von Kopf bis Fuß mit Tinte beschmiert, seinen Ausflug in die Wunderwelt der Mathematik beendet hat?«

»Dafür wäre ich Ihnen sehr dankbar.«

Ein Lächeln huschte über Irys’ Gesicht. Es war echt, nicht aufgesetzt – auch wenn unter der Belustigung Ungewissheit lauerte, die ihr so beißend und scharf vorkam wie eine Rasierklinge. Die Inquisition würde rundweg abstreiten, derlei Dinge allein entscheiden zu dürfen, schon gar für jemand anderen. Hatte Irys denn überhaupt das Recht, in dieser Frage auch für Daivyn zu sprechen? Sicher, was seine große Schwester tat, war für Daivyn von enormer Bedeutung. Die Wunder der Welt, die er bislang unter dem Einfluss der Charisianer zu entdecken begann, zogen ihn doch schon jetzt an wie Motten das Licht. Wenn Irys dann auch noch in diese Welt eintauchte, würde keine Macht der Welt ihren kleinen Bruder davon abhalten, es ihr gleichzutun. Welche Folgen hätte das für die unsterbliche Seele ihres Bruders und das gesamte Fürstentum, das zu regieren ihm bestimmt war, und damit für die unsterblichen Seelen all seiner Untertanen?

Ich bin keine zwanzig!, klagte tief in ihrem Herzen eine Stimme. Derlei Entscheidungen sollte ich einfach nicht fällen müssen – zumindest noch nicht! Das sollte nicht meine Aufgabe sein.

Falsch: es war, ungerecht oder nicht, sehr wohl ihre Aufgabe. Früher oder später hätte es so kommen müssen. Genau davor hatte sie sich gefürchtet: dass ihre Entscheidungen auch für andere gewaltige Auswirkungen nach sich zögen, die sich nicht wieder rückgängig machen ließen. Ob sich Cayleb und Sharleyan seinerzeit genauso gefühlt hatten, als ihnen diese Entscheidung abverlangt wurde? Was war dem Kaiserpaar durch den Kopf gegangen, als ihnen bewusst geworden war, dass sie sich entscheiden müssten, wo sie stünden – ganz egal, wie andere darüber denken mochten, was andere sagten, worauf andere bestanden? Was hatten die beiden gedacht angesichts einer Entscheidung, die sie nicht nur für sich selbst treffen mussten, sondern eben auch für das ganze Volk, über das sie herrschten? Woher im Namen Gottes und aller Erzengel hatten die beiden die Kraft genommen, sich dieser Frage mit derart unerschütterlichem Mut zu stellen? All das brannte Irys auf der Seele. Denn nun war es an ihr, diesen Mut zu finden. Sie wusste nicht, ob sie es schaffen würde.

Das lässt sich ja nur auf eine Weise herausfinden!, sagte sie sich selbst. Dann, ganz unerwartet, schoss ihr das Blut in die Wangen, als ihr eines klar wurde und sie es vor sich selbst zugab: Nein, mit Pater Bahn will ich nicht darüber sprechen, aber mit jemand anderem, einem ganz gewissen Jemand! Ach, was für ein verführerischer Gedanke! Er hätte jeden nur erdenklichen Grund, mich anzulügen und mich dazu zu bringen, Proctors Verführung zu erliegen, genau wie sein Bruder und seine Monarchen … und er selbst. Es wäre sogar seine Pflicht, genau das zu tun – genauso, wie es meine Pflicht ist, stets daran zu denken, was alles von meiner Entscheidung abhängt … Und trotzdem weiß ich, dass er mich nie belügen und nie zu etwas drängen wird.

Anscheinend war dies wirklich der Tag tiefschürfender Erkenntnisse! Erneut floh Irys’ Blick hinüber zu den Wyvern. Sie schaute zu, wie das Sonnenlicht auf den Wellen der Chisholmianischen See funkelte und fragte sich, wo wohl Erdbeben und Sturm blieben, Flammensäulen und die Rakurai, die sie niederstrecken müssten. Aber Irys sah nur die Schönheit von Wind und Wellen, die weißen Schaumkronen des Kielwassers, die funkelnden Wellenkämme … und vor ihrem geistigen Auge ein sonnengebräuntes, lächelndes Gesicht mit bemerkenswert prägnanter Nase.

»Ich sollte jetzt gehen, Eure Majestät«, erklärte sie der Frau, die ihre Heimat erobert hatte. »Ich muss wirklich über so einiges nachdenken.«

.III.

Nördlich von Jairth,
in der Sylmahn-Kluft,
Alte Provinz,
Republik Siddarmark

»Wenigstens stehen wir nicht mehr bis zum Arsch im Schnee, Sir«, merkte Sergeant Grovair Zhaksyn gelassen an. »Das ist doch auch schon mal was.«

»Wohl wahr, Grovair«, meinte Major Zhorj Styvynsyn, Kommandeur der Zweiten Kompanie des 37. Infanterieregiments der Republic of Siddarmark Army.

Nach dem schrecklichen Winter hätte niemand auf den ersten Blick zu sagen gewusst, wer von beiden der Offizier und wer der Unteroffizier war. Nebeneinander lagen die beiden Männer auf dem Felskamm und spähten in nordwestlicher Richtung die Sylmahn-Kluft entlang. Beide wirkten geradezu mitleiderregend abgerissen und ausgehungert. Selbst ihrer sorgsam gepflegten Ausrüstung – Kampfgeschirr und Brustpanzer – war anzusehen, dass sie schon einmal bessere Zeiten erlebt hatte.

Styvynsyn kniff die Augen zusammen, um mehr Details erkennen zu können. Innerlich fluchte er erneut darüber, dass ihm beim letzten Gefecht Mann gegen Mann sein Fernglas zerbrochen war. Dabei hatte die Zwote ihre Stellung in Terykyr nicht halten können. Er hätte das Glas jetzt besser brauchen können denn je. Dann fuhr er fort: »Allerdings halte ich knietiefen Schlamm jetzt auch nicht gerade für eine Verbesserung. Nein, wenn diese Dreckskerle dann wirklich zu Hause blieben, wäre mir jetzt ein ausgewachsener Schneesturm geradezu willkommen.«

Nur dass die Aufständischen selbst im schlimmsten Sturm unterwegs gewesen waren. Um genau zu sein, hatten sie die miserablen Sichtverhältnisse in Schneestürmen bestens ausgenutzt: Nur so hatten sie seine Männer und ihn überhaupt erst aus Terykyr vertreiben können. Bis jetzt wusste der Major nicht, was eigentlich mit seinen Vorposten geschehen war. Aber es war nicht schwer zu erraten: Erfrierungen, Hunger und Erschöpfung spielten eine nicht unbedeutende Rolle dabei.

Ich hoffe einfach nur, die armen Kerle waren schon tot, bevor sie Baikyrs Schlächtern in die Hände gefallen sind, dachte er verbittert.

»Wenn sie nicht aus ihren Löchern kommen, kann man sie nicht umbringen, Sir.« Ein fatalistisches Schulterzucken folgte. »Und wenn ich mir die Kundschafter anschaue, die da unten gerade herumschlendern, möchte ich meinen, die haben uns noch nicht bemerkt.«

»Manchmal trügt der Schein«, gab Styvynsyn zurück.

Einige Minuten lang spähte er schweigend in das tiefe Tal hinab. Dann pustete er sich nachdenklich in seinen Bart (ein Terraner hätte den als ›Seehundsbart‹ bezeichnet) und zog ein zerknautschtes, zerfleddertes Notizbuch aus der Gürteltasche. Um von den gegnerischen Kundschaftern nicht ausgemacht zu werden, achtete er peinlich darauf, dass sich seine Silhouette nicht gegen den Himmel abhob. Dann kritzelte er rasch, aber doch lesbar, etwas auf ein Blatt, riss es heraus und drückte es dem Private in die Hand, der Zhaksyn und ihn zum Felskamm begleitet hatte. Der junge Soldat trug die rote Armbinde eines Melders.

»Ach, noch einmal so jung und beweglich sein!« Der grauhaarige Sergeant stieß ein Schnauben aus. Schließlich war Styvynsyn selbst gerade einmal dreißig Jahre alt.

»Na, wenn wir dem Burschen folgen, können wir es ja etwas gemächlicher angehen«, meinte Styvynsyn. »Eile ist für einen alten Mann wie Sie und jemanden von meinem honorigen Dienstgrad unziemlich, finde ich.«

»Klar, wie der Herr Major meinen«, erwiderte Zhaksyn ausgesucht höflich. »Dann geb ich mal mein Bestes, den Herrn mit meinen morschen Knochen nicht allzu sehr aufzuhalten.«

»Lobenswert, Sergeant.« Der Major tätschelte ihm die Schulter. »Sehr lobenswert.«

Knurrend nahm Colonel Lywys Maiksyn den Helm ab und wischte sich mit einem Taschentuch über die schweißnasse Stirn. Vor einer halben Ewigkeit war das Taschentuch einmal weiß gewesen. Fast genauso lange war es mittlerweile her, dass seine Miliz-Uniform gepflegt ausgesehen hatte. So wie zu Friedenszeiten. Damals war Maiksyn noch ein einfacher, leidlich wohlhabender Händler gewesen, der sich seinen Lebensunterhalt damit verdiente, auf dem Kanal Getreide, Vieh, Äpfel, Tafelnüsse und Bergananas nach Siddar-Stadt zu befördern. Aber das war einmal: Momentan stand Maiksyn auf durchweichtem Grund um einen kleinen Teich. Aus dem Teich, ragten noch die Kronen sauber beschnittener Apfelbäume heraus wie Grabsteine: eine weitere kleine, einst gut geführte Farm, die dem Heiligen Krieg zum Opfer gefallen war.

Hol’s Shan-wei!, dachte er zornig. Den ganzen Winter erfrieren wir fast, und jetzt ist es gerade einmal Mai, und wir stecken bereits in einem gottverfluchten Hochofen!

Wütend stopfte er das Tuch zurück in die Hosentasche. Die Hitze war nur Einbildung. Er wusste das. Gewiss, warm war es hier unten auf dem Grund der Kluft durchaus, aber nicht heiß. Bedauerlicherweise half dieses Wissen dem Colonel keinen Deut: Er hatte trotzdem das Gefühl, die Glut der Höllentore zu spüren – kein Wunder nach dem langen, bitterkalten Winter! Überall summten und sirrten frisch geschlüpfte Insekten, denen der feuchte Boden zu beiden Seiten der Saiknyr-Landstraße ideale Brutplätze geboten hatte. Insekten allüberall: nichts, was die Stimmung des Milizoberst hätte heben können. Die Schneeschmelze hatte eingesetzt, und Schmelzwasser schoss in gewaltigen Mengen ins Tal hinab. Gurgelnd und gluckernd strömte es durch die Düker unter dem leicht erhobenen Straßenbett und ergoss sich in den Guarnak-Sylmahn-Kanal. Der Kanal war der nördlichste Zufluss des Sylmahn und kreuzte die Landstraße wieder und wieder. Er schlängelte sich von einem Durchlass zum nächsten, immer entlang der Ostwand der Schneewüstenberge. Ebenso wie bei allen Bächen und Flüsschen hier stieg der Wasserspiegel auch im Kanal immer weiter an. Wenn diese Idioten am anderen Ende der Kluft nicht bald die Serabor-Schleuse öffneten, würde dieses ganze verdammte Tal absaufen!

Und genau darauf legen es die Dreckskerle an!, dachte er und gestand sich damit den wahren Grund für seinen Zorn ein. Wenn wir denen erlauben, sich dort festzusetzen, riegeln die den Kanal ab, einfach so – und den ganzen Fluss gleich mit dazu, bis nach Terykyr! Dann kann vor Anfang Juli niemand in die Kluft gelangen. Genau deswegen schickt uns Baikyr ja auch her. So ein Glück aber auch!

Maiksyn konnte Pawal Baikyr nicht leiden: Baikyr, ein Berufssoldat, war mit einem Viertel seines ursprünglichen Regiments zu den Rechtgläubigen übergelaufen. Aber gegen dessen strategische Entscheidung ließ sich wenig machen. Als Berufssoldat wurde er automatisch ranghöher eingestuft als jeder ranggleiche Offizier der Miliz. Zudem hatte er seinen Posten Pater Shainsail Edwair zu verdanken: Der Schuelerit und Oberpriester sprach nun einmal im Namen des Großinquisitors. Darüber hinaus war Baikyr zwar ein Kotzbrocken, aber er leistete verdammt gute Arbeit.

Außerdem hat er recht damit, was in ein paar Tagen geschieht, nehmen wir bis dahin nicht die Serabor-Schleuse ein!

Auch wenn Befehle sinnvoll waren, machte einem das die praktische Ausführung nicht leichter. Serabor einzunehmen, war ihnen schon nicht gelungen, als die Regimenter noch mit voller Truppenstärke gekämpft hatten – und damals kam man auf dem Gelände deutlich besser voran als jetzt! Die Wetterbesserung bestand darin, dass man nicht mehr Gefahr lief zu erfrieren. Aber das sich aufstauende Schmelzwasser durchweichte den Boden so sehr, dass die Beweglichkeit der Truppen deutlich einschränkt war. Gut, vielleicht war das ja tatsächlich ohne Bedeutung – sofern stimmte, was die Kundschafter und Pater Shainsails Spione über die Absichten der Ketzer berichteten. Es gab nur einen Weg herauszufinden, was von diesen jüngsten Berichten zu halten war … und dafür hatte man die 3. Saiknyr-Infanterie ausgewählt.

Einer der Kundschafter des Regiments kam Maiksyn auf einem der wenigen, ausgemergelten Pferde entgegen, die den Winter überstanden hatten. Unter gewöhnlicheren Umständen hätte man den armen Klepper zweifellos schon vor mehreren Fünftagen von seinen Leiden erlöst. Doch hier und jetzt war diese Schindmähre ihr Gewicht in Gold wert. Na ja, zumindest in Silber.

»Die Straße is’ bis nach Jairth frei, Sir. Keine Spur von denen!«

»Und abseits der Straße?«

»Darüber weiß ich nix, Sir.«

Der Kundschafter gehörte zu Maiksyns eigenen Milizionären. Der letzte Hauch militärischer Etikette, die bei der Saiknyr-Dritten einst vorgeherrscht hatte, war im Laufe des Winters verschwunden. Doch so formlos sich die Überlebenden der Einheit auch gaben, sie hatten in dieser rauen Zeit ungeahnte Fähigkeiten erworben: Sie waren gefährlich geworden.

»Im Westen is’ das Wasser schon mächtig gestiegen, Sir«, fuhr der Corporal düster fort. »Da verfängt sich jede Menge Mist in den Abzugskanälen und Rohren.«

Das kam nicht überraschend. Der Grund der Kluft war felsig, die fruchtbare Erdschicht nur sehr dünn – ganz anders als in den Hochebenen im Norden oder der Hügellandschaft im Süden und Osten der Berge. Ein Großteil der Farmen in der Kluft selbst wurden nur von einer einzigen oder allerhöchstens zwei Familien betrieben: Mehr Menschen ließen sich damit einfach nicht ernähren. Hauptsächlich wurden in ausgedehnten Plantagen Äpfel und Bergananas angebaut. Wie die meisten kleineren Ortschaften zu beiden Seiten der Landstraße waren auch diese Farmen durch die Gefechte in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Handvoll Gebäude, die nicht bis auf die Grundmauern niedergebrannt waren, hatte man aufgegeben; nun gluckerte zwischen Trümmern und Ruinen das Hochwasser. Natürlich sammelten sich Schutt und Trümmer in den Abflüssen aus dem Tal – und das machte Maiksyn mehr Sorgen, als er zuzugeben bereit war. Jedes Jahr aufs Neue mussten die Kanäle und Rohre freigeräumt und gewartet werden. Es machte Maiksyn einfach … unruhig, nicht dieser in der Heiligen Schrift festgelegten Pflicht nachgehen zu können. Der Trümmer wegen würde das Problem dieses Jahr noch deutlich schwerwiegender sein als sonst. Zudem gab es nach all den Gefechten in der Kluft nicht mehr genug Männer und Frauen, die sich darum kümmern könnten. Wenn die Abflüsse völlig verstopften, würde sich der Damm der Landstraße in einen zweihundert Meilen langen, veritablen Staudamm verwandeln. Die ganze Fläche zwischen der Straße und den Schneewüstenbergen liefe voll und würde zu einem gewaltigen See. Es würde Monate dauern, alles wieder trockenzulegen! Schon jetzt war die Sylmahn-Kluft für jede angreifende Armee ein Engpass, geradewegs aus einem Albtraum entsprungen. Würde sich die Frontbreite nun auf die Landstraße beschränken, wäre ein Fortkommen schlichtweg unmöglich.

Doch Heilige Schrift hin oder her: keine der beiden widerstreitenden Armeen hatte genug Männer, die Abflussrohre und Düker auch nur zu inspizieren – vom ordnungsgemäßen Freiräumen gar nicht erst zu reden. Und wer Männer dafür abstellte, wusste genau, dass die Gegenseite in genau diesem Augenblick gnadenlos zuschlüge. Also gab es für die Rechtgläubigen nur eine einzige Möglichkeit, sich dieses Problems anzunehmen: Sie mussten bis nach Serabor vorstoßen – je früher, desto besser.

»Wer sich in den Matsch rauswagt, bleibt stecken und bricht sich die Beine«, fuhr der Kundschafter fort. »Ich kann auch nich’ sagen, wie tief das ist – da hätt’ ich rausschwimmen müssen. Aber dafür is’ mir das Wasser dann doch ’n bisschen zu kalt.« Er zuckte die Achseln. »Im Osten isses bald genauso schlimm, so verstopft, wie die Kanäle jetzt schon sind. Aber selbst wenn wir über das Wasser rüberkämen, geht’s da ganz schön steil hoch in die Schneewüstenberge. Das würd ich nich’ mal zu Fuß schaffen, geschweige denn mittem alten Klepper hier.« Er tätschelte dem Pferd den Hals, und die Sanftheit seiner Bewegung strafte seine rauen Worte Lügen. »Und dann hab ich mir gedacht: Wenn wirklich wer da oben wär, würd ich mir bloß ’nen Armbrustbolzen einfangen – und dann könnt ich Ihnen nich’ mal berichten, dass ich nich’ hoch genug gekommen bin, um ’nen Blick zu riskieren. Also hab ich’s gar nicht erst versucht.« Er machte eine entschuldigende Geste. »Der Sergeant hat dann auch dem Rest der Abteilung befohlen, die Augen offen zu halten, Sir. Aber bislang hat keiner was gesehen.«

»Soll mir reichen.« Mehr oder minder zufrieden nickte Maiksyn. Es war ihm lieber, es mit einem Kundschafter zu tun zu haben, der offen eingestand, wie viel (oder eben: wie wenig) er wusste, statt einem Burschen zuhören zu müssen, der behauptete, gründlicher gearbeitet zu haben, als das tatsächlich der Fall war. »Kehren Sie zu Ihrem Sergeant zurück und helfen Sie ihm dabei, die Augen offen zu halten.«

»Aye, Sir, mach’ ich!«

Kurz schlug sich der Kundschafter gegen den Lederpanzer auf seiner Brust, den Milizionäre anstelle des Panzers aus Stahl trugen, wie er Berufssoldaten zustand. Dann ließ er das Pferd wenden und kehrte wieder in die Kluft zurück. Maiksyn blickte ihm kurz hinterher, wandte sich zur Seite und winkte Major Hahlys Cahrtair herbei, den Kompanieführer der Dritten des 3. Milizregiments von Saiknyr.

Cahrtair war ein Mann, wie er gewöhnlicher nicht aussehen konnte. Seine Uniform war ebenso abgerissen und schlammverschmiert wie die aller anderen. Allerdings hatte er wie die meisten von Maiksyns Offizieren einen Brustpanzer aus Stahl angelegt: Ihre ursprünglichen Besitzer, Stohnar treu gebliebene Berufssoldaten, hatten für ihre Panzerung mittlerweile keinerlei Verwendung mehr. Auch für den Major hatte Maiksyn wenig übrig. Dafür hatte er gleich eine ganze Reihe guter Gründe. Schon vor dem ›Schwert Schuelers‹ waren sie einander nicht grün gewesen. Und seitdem war nichts geschehen, was Maiksyn dazu bewogen hätte, seine Meinung zu ändern. Hinter Cahrtairs Maske aus nichtssagender Freundlichkeit verbarg sich eiskalte Berechnung und Boshaftigkeit. Zu Friedenszeiten hatte sich der Major noch im Griff gehabt, auch wenn er schon damals wegen seiner Vorliebe für ›rigorose Disziplin‹ zu den unbeliebtesten Offizieren der Miliz gehört hatte. Hätte besagte Disziplin dazu geführt, dass seine Kompanie in irgendeiner Weise leistungsfähiger gewesen wäre als die anderen seines Regiments, hätte man darüber ja noch reden können. Aber Cahrtairs Vorstellung von Disziplin beschränkte sich in erster Linie auf Schuldzuweisungen und Willkür.

Nun, trotzdem war der Major ein leistungsfähiger Offizier. Seit der Erhebung war Cahrtairs Beliebtheit bei der Truppe sogar deutlich gestiegen. Die Art der Kriegführung machte das möglich. Denn was Skrupellosigkeit betraf, war Cahrtair ein echtes Naturtalent. Diese nun passte wunderbar zu Verbitterung und Zorn vieler, die Mutter Kirche die Treue hielten. Diese Sorte Männer schienen sich fast wie von selbst um Offiziere wie Cahrtair zu scharen. Die 3. Kompanie hatte von allen Kompanien Maiksyns die meisten Rekruten, die sich selbst als ›Geißeln der Abtrünnigkeit‹ verstanden. Möglicherweise lag das daran, dass alle anderen Kompanieführer der Ansicht waren, diese Rekruten seien eher eine Bürde als ein Gewinn. Schließlich fehlte es ihnen an Disziplin, Ausbildung und Ausrüstung. Cahrtair jedoch nahm diese Männer, und zum Dank schenkten sie ihm ihre Treue: Der Major war einer von ihnen, einer, der die Welt genauso sah wie sie. Oder zumindest fast genauso. Bislang hatte der Major nicht einen Gefangenen gemacht. Seine Männer hatten mit zu den Ersten gehört, die es für eine gute Idee hielten, Farmen und Dörfer abzufackeln. Sie hatten auch keine Zeit darauf verschwendet, den Bewohner die Möglichkeit zu lassen, die Gebäude noch rasch zu verlassen, bevor alles in Brand gesteckt wurde. Zudem hielten sich hartnäckig Gerüchte über Vergewaltigungen und Folterungen.

Stohnar war ein verderbtes Bündnis mit Charis eingegangen. Maiksyn war daher nicht willens, Mitleid an jemanden zu verschwenden, der dem Reichsverweser eher die Treue hielt als Gottes Kirche. Aber das bedeutete noch lange nicht, dass der Colonel eigenmächtiges Foltern guthieß. Frauen und Kinder einfach in die eisige Kälte hinauszujagen war nicht seine Sache. Und nirgends im Buch Schueler fand sich etwas darüber, dass Soldaten im Dienste Gottes Frauen vergewaltigen durften, die möglicherweise – möglicherweise aber eben auch nicht! – Ketzerinnen waren.

Einmal hatte er darüber mit Cahrtair reden wollen. Bedauerlicherweise hatte Pater Shainsail in seinen Predigten sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, der Kampf müsse, ganz wie der Major und seine Anhänger es meinten, mit Heftigkeit und Schärfe geführt werden. Wahrscheinlich hatte der Oberpriester ja auch recht, was das Vorgehen gegen Ketzer betraf: Schließlich hatte Schueler selbst das so festgelegt. Der Pater war ein Priester Gottes, und Maiksyn war nur ein Laie, der derlei Fragen der Kirchenlehre ganz in den Händen der Kirche ruhen lassen wollte … so, wie es sich gehörte. Da es zudem keine Beweise gab, die die Vorwürfe gegen Cahrtair erhärtet hätten, hatte Maiksyn davon Abstand genommen, einzuschreiten. Das war der Disziplin des 3. Saiknyr-Regiments alles andere als dienlich. Ironischerweise gaben Baikyrs kurz darauf ausgehändigten Dienstvorschriften ihm, dem übertrieben vorsichtigen Colonel, recht und nicht Pater Shainsail. Nachgewiesene Vergewaltigungen etwa und das Foltern und Töten von Personen, die nicht förmlich durch die Inquisition der Ketzerei für schuldig befunden worden waren, war nun unter schwere Strafen gestellt. In Maiksyns anderen Kompanien war so größerer Schaden verhindert worden. Aber die wechselseitige Abneigung zwischen ihm und Cahrtair war seitdem noch gewachsen. Der Colonel war sich sicher, dass Cahrtair und alle, die dachten wie er, Baikyrs Vorschriften weiterhin nach Herzenslust ignorierten. Sie ließen vielleicht etwas mehr Vorsicht walten, und ihre Berichte fielen nicht mehr ganz so detailliert aus wie früher. Maiksyn jedoch wusste genau, was da vor sich ging.

Eines aber musste er dem Major bei aller Abneigung zugestehen: Die Boshaftigkeit, mit der er Frauen und Kinder in die Kälte und damit in den sicheren Tod hinausschickte, machte Cahrtair im Gefecht zu einem gefürchteten Gegner. Zaudern und Zögern kannte der Major nicht. Wenn es überhaupt etwas gab, was man ihm auf dem Schlachtfeld vorwerfen konnte, dann übermäßig aggressives Vorgehen.

Damit ist er für diese Aufgabe genau der Richtige. Und wenn ich wählen könnte, ob nun er oder doch lieber Chermyn fertig gemacht wird, wüsste ich schon jetzt, wen ich wählen würde. Eigentlich, Maiksyns Lippen zuckten und beinahe hätte er gelächelt, als er sah, wie der Major von der Landstraße abbog und durch den Schlamm auf ihn zustapfte, habe ich die Wahl ja schon getroffen.

»Sir?« Cahrtair legte sogar die Hand an den Brustpanzer. In einem persönlichen Gespräch hatte Baikyr ihn sich vorgeknöpft. Unmissverständlich hatte er klargemacht, er werde Insubordination eines einfachen Miliz-Majors nicht dulden. Selbst wenn besagter Miliz-Major zufälligerweise Pater Shainsails persönlicher Liebling war.

»Die Kundschafter melden, der Weg sei frei bis Jairth«, erklärte Maiksyn knapp. »Die Flanken konnten sie nicht angemessen erkunden, und es war auch nicht möglich, die Hänge abzusuchen. Führen Sie Ihre Kompanie auf der Straße bis zu den Ruinen. Wenn Sie Patrouillen bis nach Ananasberg weiterschicken können, tun Sie das – aber Ihre Kompanie zieht nicht weiter als bis Jairth. Ich schicke Ihnen zur Unterstützung die Erste Kompanie hinterher. Provozieren Sie kein Gefecht, solange wir hier nicht genug Verstärkung haben, um Ihnen notfalls beizuspringen – vor allem, wenn die Gegenseite über diese verdammten Gewehre verfügt.«

»Wenn die Straße bis nach Jairth frei ist, warum dann nicht bis nach Serabor vorstoßen … Sir?« Die militärische Ehrenbezeugung kam gerade noch rechtzeitig, um die Vermutung zu gestatten, der Major sei lediglich ein wenig geistesabwesend gewesen. »Wenn der Feind sich wirklich so weit zurückgezogen hat, wie wir annehmen, wäre es doch besser, ihn so weit wie möglich die Kluft hinunterzudrängen, bevor er Verstärkung erhält.«

»Recht bedacht, Major«, versetzte Maiksyns bemerkenswert kühl, »wissen wir nicht, ob der Feind sich wirklich ›so weit zurückgezogen hat, wie wir annehmen‹. Und ich möchte noch einmal betonen, dass Colonel Baikyr ausdrücklich betont hat, dahingehende Berichte seien bislang noch unbestätigt. Oder habe ich das falsch in Erinnerung?«

»Nein … Sir«, erwiderte Cahrtair nach kurzem Schweigen.

»Und wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, was die Landkarten angeht – ganz zu schweigen von all den zahllosen Fahrten von Saiknyr aus den Kanal hinab –, wäre das Gelände südlich von Jairth für einen Hinterhalt geradezu ideal, oder nicht?«

Maiksyn blickte dem übereifrigen Major so lange fest in die Augen, bis Cahrtair widerwillig nickte. Dann atmete der Colonel tief durch und nahm sich sichtlich zusammen.

»Ich weiß es wirklich zu würdigen, dass Sie den Feind so weit wie möglich nach Süden treiben wollen, Major! Falls sich dazu eine Gelegenheit bietet, werden wir das auch tun. Aber wir haben schon viel zu viele gute Männer verloren. Ich möchte unbedingt vermieden wissen, dass Ihre Männer in eine brenzlige Situation kommen, bevor der Rest des Regiments sie notfalls heraushauen kann.«

»Ich verstehe, Sir.« Cahrtairs Stimme und auch seine Mimik verrieten zumindest ein wenig mehr Respekt als zuvor, und er nickte seinem Vorgesetzten zu.

»Gut. Machen Sie sich auf den Weg«, sagte Maiksyn forsch. Dann schaute er zu, wie die Dritte Kompanie sich auf der breiten, gepflasterten Landstraße allmählich wieder in Bewegung setzte.

.IV.

Fünfundsiebzig Meilen nördlich von Serabor,
in der Sylmahn-Kluft,
Provinz Mountaincross,
Republik Siddarmark

»Na, so recht überrascht bin ich jetzt nicht«, meinte Colonel Wyllys mit Blick auf Major Styvynsyns Depesche. »Wenigstens sieht es nicht danach aus, als käme da mehr als ein Regiment auf einmal … vorausgesetzt, Zhorj hat recht.«

Lieutenant Charlz Dahnsyn, Wyllys Adjutant, war ein intelligenter junger Mann. Genau deswegen hielt er jetzt wohlweislich den Mund.

»Ich beiße Sie schon nicht, Charlz.« Wyllys knurrte es fast. »Sicher, früher oder später würde ich gern jemanden zerfleischen – und das nicht nur, weil ich Fleisch wirklich gut brauchen könnte!«

»Jawohl, Sir.«

»Ach, jetzt entspannen Sie sich mal!« Wyllys schüttelte den Kopf. »Es konnte nur ein Frage der Zeit sein. Das war uns allen klar. Und wenigstens ist der Schnee jetzt geschmolzen. Die Gelegenheit ist gut, herauszufinden, ob die Idee von Klairynce tatsächlich so großartig ist. Nicht, dass ich auch nur einen einzigen Augenblick lang am Erfolg zweifeln würde, verstehen Sie mich bloß nicht falsch!«

»Jawohl, Sir.« Dahnsyn wirkte nicht nur angespannt, er klang auch so. Wyllys gestattete sich ein säuerliches Lächeln, bevor er wieder zur Karte zurückkehrte, die auf dem leicht angesengten Tisch ausgebreitet lag. Den Tisch hatten seine Männer aus den Ruinen eines Farmhauses gerettet und in den behelfsmäßigen Gefechtsstand geschleppt.

Die Sylmahn-Kluft erstreckte sich über mehr als zweihundertfünfzig Meilen von Nord nach Süd. Es sah aus, als hätte einer der Erzengel mit seiner Streitaxt eine tiefe, schmale Furche zwischen die Schneewüstenberge und die Monddornen gezogen, die Bergkette auf der anderen Seite. Fast über ihre gesamte Länge hinweg war die Kluft kaum mehr als zwanzig oder dreißig Meilen breit, an manchen Stellen sogar halb so schmal. Am breitesten war sie an ihrem Nordwest-Ende, wo sie aus den Bergen auf die fruchtbaren Hochebenen im westlichen Mountaincross führte, geradewegs zur Stadt Malkyr. Dort maß die Kluft fast einhundert Meilen … doch fast über die gesamte Breite erstreckte sich der tiefe, eisige Wyvern-See.

Nach Süden hin fiel der Talboden in der Kluft immer weiter ab. Dort verlief der Guarnak-Sylmahn-Kanal in ihrer Mitte. Der Kanal verband die gerade noch schiffbaren Abschnitte des Sylmahn mit dem sechshundertfünfzig Meilen entfernten Hildermoss im Nordwesten. Über den Guarnak-Ascheneis-Kanal wiederum war er mit dem schiffbaren Ascheneis fünfhundertdreißig Meilen im Nordosten verbunden. Im Süden speiste der Sylmahn den Tairmana- und den Siddar-Stadt-Kanal. Letzterer führte, wie der Name schon vermuten ließ, geradewegs zur Hauptstadt, die siebenhundertzwanzig Meilen in südöstlicher Richtung lag.

Der Guarnak-Sylmahn-Kanal war fast einhundertfünfzig Fuß breit und fünfundzwanzig Fuß tief. Zu beiden Seiten befanden sich gut vierzig Fuß breite Treidelpfade, auf denen in friedlicheren Zeiten Hügeldrachen Lastkähne zogen. Die Landstraße, die von Guarnak bis nach Siddar-Stadt führte, lag auf der westlichen Seite des Kanals, noch jenseits des nach Norden führenden Treidelpfades. Nicht zuletzt wegen der Wassermassen bei Schneeschmelze hatte man die Landstraße auf ein System aus Drainagerohren und Dükern gebaut. Die Fahrbahn lag daher gute zwanzig Fuß oberhalb des Kanals. Der Treidelpfad Richtung Süden befand sich an dessen Ostufer. Insgesamt ergab sich damit für jemanden, der die Kluft durchqueren wollte, ein Hindernis von gut einhundert Fuß Breite. Dabei war die Freifläche zwischen dem Kanal und den steilen Hängen der Monddornen im Osten schmaler als ihr Gegenstück im Westen. Unterhalb von Jairth nun verengte sich die gesamte Kluft auf weniger als dreizehn Meilen. Natürlich verlangte es einem viel ab, dreizehn Meilen mit einem einzigen Regiment sichern zu wollen. Vor allem, nachdem das 37ste den ganzen Winter über Verluste zu beklagen hatte.

Aber, dachte Colonel Wyllys, es gibt wider Erwarten auch gute Nachrichten. Und ich wette, genau das erklärt Zhaksyn dem guten Styvynsyn gerade jetzt, in diesem Moment.

Er lächelte, und seine Belustigung war echt. Schließlich hatte er die Kompanie, die die Führung übernehmen sollte, nicht aufs Geratewohl bestimmt. Der junge Styvynsyn war ein ordentlicher, zuverlässiger Kompaniechef, und Grovair Zhaksyn hatte schon vor Styvynsyns Geburt in der Armee der Republik gedient. Deswegen machte sich Wyllys auch keine Sorgen, die Zwote könnte unnötige Risiken eingehen. Wenn alles nach Plan liefe, sollte ihm ohnehin schon bald auch Gahvyn Sahlys’ 5. Kompanie zur Verfügung stehen, die notfalls eingreifen könnte.

Vorausgesetzt natürlich, der Kerl da drüben hat keine Pläne, von denen ich nichts weiß, sinnierte Wyllys.

Mit dem Zeigefinger verfolgte er den Verlauf der Landstraße. Wie die Heilige Schrift vorschrieb, war sie sechzig Fuß breit, mit einem beidseitigen Randstreifen von je fünfzehn Fuß. Die Fahrbahn war zu den Seiten hin leicht abschüssig, damit Regenwasser besser abfließen konnte. Neben den in regelmäßigen Abständen angelegten Abzugskanälen unterhalb der Fahrbahn, die hier in den Bergen schlichtweg unerlässlich waren, musste die Landstraße auch noch den oberen Lauf der Sylmahn überqueren. Oberhalb von Serabor war der Fluss selbst nicht schiffbar: Er war kaum mehr als ein flacher, munter sprudelnder Gebirgsbach. Daher führte der Kanal ja auch in das künstlich angelegte Staubecken vor der Serabor-Schleuse. Im Frühjahr jedoch verwandelte sich der Oberlauf des Sylmahn in einen schäumenden, tiefbraunen Strom, der neben gewaltigen Wassermassen auch Unmengen von Erdreich ins Tal hinabriss. Mittlerweile staute sich das Wasser nicht nur in der Kluft selbst, sondern auch in den Abzugskanälen, deren Aufgabe es eigentlich war, das Schmelzwasser abzuleiten. Natürlich war das jedes Jahr im Frühling so. Doch dieses Mal verstopften Trümmer und Schutt gut die Hälfte aller Abzugskanäle: Viele hatten Wyllys’ Männer erst auf seinen Befehl hin beim Rückzug aus Terykyr verstopft. Es hatte Protest gegen diesen Befehl gegeben. Schließlich hatte Pater Ahlun, General Stohnars Kaplan, darauf hingewiesen, dass die Aufständischen damit angefangen hätten, die Kanäle und auch die Landstraße selbst zu sabotieren. Obwohl die Heilige Schrift das ausdrücklich verbiete, handelten sie auf ausdrücklichen Befehl des Großinquisitors. Zufrieden waren die Männer mit dieser Erklärung nicht, aber die lautstarken Proteste verstummten.

Nun staute sich das Wasser zwischen den Schneewüstenbergen und der Landstraße, stieg höher und höher und verwandelte das gesamte Terrain in einen gefährlichen, schlammbraunen Sumpfsee. Wie hoch das eisige Wasser wo stand, konnte man nur vermuten: Hier und da mochten es nur wenige Zoll sein, an anderen Stellen dafür aber auch gute zehn oder gar fünfzehn Fuß. Unter der braunen Soße verbarg sich so manches: Fundamente von Ruinen und Mauern, Lattenzäune, Trümmer von Schuppen und Ställen – ganz zu schweigen von Sinkkästen, eingestürzten Getreidespeichern, Sickergruben und dergleichen mehr. Hier hindurchzuwaten war lebensgefährlich, und das nicht nur, weil das Wasser eisig war. Die Landstraßenseite des Kanalufers war zwar im Augenblick noch relativ leicht passierbar, aber das würde sich schon bald ändern.

Normalerweise hätten die Rechtgläubigen den Vorteil nutzen können. Schließlich hatten sie Terykyr eingenommen – und damit befanden sie sich oberhalb des heranrückenden Feindes. Sie hätten mit Hilfe der Schleusen auch über den Wasserstand im Kanal entscheiden können. Doch nachdem all das Schmelzwasser nun in gewaltigen Mengen die Hänge hinabströmte, gab es Wasser im Überfluss, und der Kanal war schon jetzt über die Ufer getreten. General Stohnars Plan sah eine dramatische Verschlechterung dieses Zustands innerhalb der kommenden Fünftage vor. Die Serabor-Schleusen lagen zu niedrig, um noch etwas zu bewirken. Aber der Damm, den Handwerker und Freiwillige gemeinsam errichtet hatten, war deutlich höher. Dahinter stieg das Wasser immer weiter an und stand bereits kurz davor, die Treidelpfade zu überfluten. Schon bald wäre nur noch die Landstraße selbst passierbar. Sie wäre wie ein Damm, der mitten durch ein Katastrophengebiet führte.

Und keine der beiden Seiten kann dann mehr als eine Kompanie gleichzeitig auf die Landstraße schicken, dachte Wyllys grimmig. Das kann uns natürlich nur recht sein. Denn wir haben im Augenblick nur ein einziges Ziel: die Gegenseite davon abzuhalten, noch weiter nach Süden vorzustoßen. Aber es wäre mir lieber, das hinzubekommen, ohne dass Styvynsyns Kompanie aufgerieben wird. Ich glaube auch nicht, dass der General sich beklagen wird, falls wir es schaffen, währenddessen ein paar Hundert dieser verräterischen Dreckskerle zu erledigen!

Eigentlich wusste er ja, dass sie von Glück reden konnten, im Augenblick überhaupt hier zu stehen – auch wenn General Trumyn Stohnar es vorgezogen hätte, sich jetzt deutlich weiter im Norden zu befinden. Die Sylmahn-Kluft einzunehmen war beim ›Schwert Schuelers‹ eines der bevorzugten Ziele gewesen. So waren die Aufständischen während der ersten Tage in großer Zahl die Kluft hinabgestürmt. Es war ihnen sogar gelungen, die Milizionäre, die sich ihnen entgegenstellten, bis nach Serabor zurückzudrängen. Während dieser ersten Angriffswelle war alles im Tal in Schutt und Asche gelegt worden, auch Serabor selbst.

Eine Zeitlang war die Stadt von Osten wie von Westen in die Zange genommen worden. Während der monatelangen Belagerung hatten die Aufständischen zahllose Brandsätze in die Stadt geschleudert. Erst Stohnars Entsatz hatte die Belagerung beendet. Da aber waren die überwiegend aus Holz errichteten Gebäude Serabors schon niedergebrannt. Und die meisten Wohn- und Lagerhäuser aus Stein hatten die Verteidiger selbst abgetragen, um Schutzwälle zu errichten. Anders als in manchen anderen Reichen auf dem Festland war es in der Republik im Grenzgebiet östlich der Marschen kaum üblich, Städte mit massiven Stadtmauern zu umgeben oder gleich Festungsstädte anzulegen. Bisher war man auch in Serabor davon ausgegangen, die Armee habe dafür zu sorgen, dass Befestigungsanlagen und dergleichen einfach nicht benötigt würden. Die Handvoll Milizionäre vor Ort hatten sich zwei unterbesetzten Kompanien von Berufssoldaten angeschlossen und alles nur Erdenkliche zusammengesammelt, um für ein Mindestmaß an Befestigung zu sorgen.

Doch auch die Rebellen waren am Ende ihrer Kraft, als General Stohnar eintraf. Halb erfroren, halb verhungert standen sie plötzlich relativ ausgeruhten, gut ausgebildeten Berufssoldaten gegenüber, die ihnen zahlenmäßig überlegen und wütend waren. Zum ersten Mal erlebten die Aufständischen Gewehre im Einsatz (auch wenn diese Waffen nur in relativ geringer Stückzahl zur Verfügung standen). Mehr als einhundertsiebzig Meilen weit wurden sie zurückgedrängt, bis es gelang, sich in Malkyr zu verschanzen. Dort hatten sie Verstärkung erhalten und konnten deswegen Stohnar unter großem Blutzoll wieder zurücktreiben. Stohnar waren die Vorräte ausgegangen, und auf Verstärkung durfte er nicht hoffen. Nun lag die vorderste Front des Generals ziemlich genau auf halber Strecke zwischen den Ruinen von Serabor und Jairth. Diese Stellung nicht zu halten, durften sich die Truppen des Reichsverwesers nicht erlauben.

Na ja, dachte der Colonel, war doch klar, dass die Ruhe nicht ewig währt. Verräter und Schlächter sind das, aber keine hirnlosen Idioten! Denen muss klar sein, dass wir die gesamte Kluft in einen riesigen Sumpf verwandeln, wenn die nicht durchbrechen und den Damm zerstören. Wenigstens zwei ganze Fünftage haben sie sich Zeit gelassen. Zeit genug, um zu Atem zu kommen. Tja, jetzt heißt es wohl, herauszufinden, ob all die schönen Ideen, die mir während dieser Verschnaufpause gekommen sind, auch was bringen.

Er hoffte es inständig. Nicht, dass er sich darauf freuen würde. Nein, das gewiss nicht – ganz egal, was Pater Ahlun dazu zu sagen wusste. Aber wenn sie die Landstraße schon nicht halten könnten …

»Schicken Sie einen Boten zu Major Sahlys«, wies er Dahnsyn an, ohne den Blick von der Karte zu nehmen. »Ich weiß, dass er sich bereits in Position befindet. Aber überbringen Sie ihm Styvynsyns Nachricht und sagen Sie ihm, ich rechne innerhalb der nächsten anderthalb Stunden mit Feindkontakt.«

»Jawohl, Sir!«

Der Leutnant schlug sich auf den Brustpanzer und verschwand dann aus dem behelfsmäßigen Kommandostand. Wyllys hörte das Schmatzen von Stiefeln im Matsch und lächelte grimmig in sich hinein.

Mehr als eine Kompanie kann ich nicht gleichzeitig auf die Landstraße schicken, dachte er und sah vor seinem geistigen Auge bereits die herannahenden Rebellen. Ihr aber auch nicht, ihr Dreckskerle! Außerdem kennt ihr das Gelände viel besser als ich. Tja, da werde ich wohl kaum einen Hinterhalt hinbekommen. Also kommt nur einfach immer schön weiter auf uns zu!

Sein Lächeln hatte etwas von einer Peitschenechse, die voller Vorfreude die Zähne fletschte. Nachdenklich tippte der Oberst mit dem rechten Zeigefinger immer wieder auf die Karte. Wahrscheinlich war es eine gute Idee von ihm gewesen, General Stohnar im Vorfeld in seine Pläne einzuweihen. Eigentlich stammte die Idee von Lieutenant Hainree Klairynce, dem diensttuenden Kommandeur der Dritten Kompanie. Er war Wyllys’ mit Abstand jüngster Kompaniechef. Tatsächlich war er sogar zu jung, um – rein rechtlich – das Kommando über eine Kompanie innezuhaben, selbst wenn besagte Einheit derart unterbesetzt war wie die Dritte vom 37sten. Aber Klairynce war nicht nur sehr jung, sondern eben auch sehr schlau. Er war in Gletscherherz geboren und aufgewachsen und kannte sich in den Bergen bestens aus. Eigeninitiative entwickelte er fast schon im Übermaß. Er war der Ansicht, wirklich alles, was Clyntahn bei seinen eigenen Truppen billigte, durfte man auch gefahrlos gegen die Truppen des Großinquisitors zum Einsatz bringen. Der Leutnant entstammte zudem einer Bergarbeiterfamilie, die mit Arbeit unter Tage ebenso vertraut war wie mit Kanalbau.

Und das, meine lieben Tempelgetreuen, wird euch schlecht bekommen. Ihr werdet schon sehen!, dachte Wyllys eisig. Schließlich müsst ihr durch die Kluft, ich hingegen brauche euch nur hier festzuhalten, bis der Reichsverweser uns Verstärkung schickt – und genau das habe ich auch vor.

.V.

Jairth,
Sylmahn-Kluft,
Provinz Mountaincross,
Republik Siddarmark

Die Hufe von Hahlys Cahrtairs Pferd klapperten auf dem Steinpflaster der Landstraße. Grimmig folgte der Major dem Zwoten Zug. Mindestens jeder zehnte seiner Pikeniere lief barfuß. Dabei hatten Pater Shainsail und Colonel Baikyr versprochen, schon bald würden neue Stiefel aus Guarnak eintreffen. Glauben würde Cahrtair das erst, wenn er sie in Händen hielte.

Wenigstens hat sich das Wetter gebessert, munterte er sich selbst auf. Erfrierungen holen sich die Jungs jetzt nicht mehr. Na ja, davon haben sie ja auch schon genug.

Lange Zeit über war die Armee der Siddarmark für die Effizienz ihrer Quartiermeister berühmt gewesen. Doch das war vor der Erhebung gewesen. Beide Seiten hatten sich nach Kräften bemüht, das über alle Provinzen verteilte Netzwerk aus Lagerräumen zu zerstören, damit die dort gelagerten Versorgungsgüter bloß nicht der anderen Seite in die Hände fielen. Das hatte natürlich seinen Teil zum Elend der Zivilbevölkerung beigetragen. Schließlich waren die Lager zugleich auch dafür gedacht gewesen, zu Notzeiten Zivilisten zu versorgen. Dass das Transportsystem der Republik faktisch zerstört worden war – vor allem durch Sabotage an zahlreichen Schleusen –, hatte eine unerfreuliche Lage in eine ausgewachsene Katastrophe verwandelt. Echtes Chaos herrschte, seit sich in großer Zahl Flüchtlinge auf der Suche nach einem Zufluchtsort durch Schnee und Eis kämpften. Genau dieses Chaos belegte sehr deutlich, wie sinnvoll Langhornes Weisungen gewesen waren, die Kanäle, von denen so viel abhing, stets mit Sorgfalt zu behandeln. Nun hatte sich der Großinquisitor gezwungen gesehen, die unumstößlichen Regeln der Erzengel vorübergehend auszusetzen – und das trotz der entsetzlichen Folgen für die Zivilbevölkerung. Das war Beweis genug, dass Gott beschlossen hatte, die Siddarmark für die Sünden ihrer Regierung zu strafen. Das war beileibe nicht die einzige Geißel, die die schwer angeschlagene Republik über sich ergehen lassen musste.

Die ausgehungerten, jämmerlich ausgerüsteten Truppen im Feld waren nicht mehr in der Lage gewesen, Pasquales Gesetze zu befolgen. Die unweigerlich ausbrechenden Krankheiten hatten unter den Rechtgläubigen mehr Opfer gefordert als die Gefechte auf allen Schlachtfeldern zusammen. Und falls Cahrtair sich nicht sehr täuschte, war das Schlimmste noch nicht vorüber. Nachdem vor drei Fünftagen endlich Verstärkung eingetroffen war, war seine Kompanie auf die ursprünglich geplante Mannstärke aufgestockt worden. Sie war ja auch nur noch halb so groß gewesen wie geplant. Ein Großteil seiner ursprünglichen Männer war tot. Diejenigen, die es bislang noch nicht erwischt hatte, rund fünfzig Mann, waren zu krank, um zu marschieren. Der Entbehrungen der letzten Wochen und Monate wegen war ihre körpereigene Abwehr geschwächt. Mindestens die Hälfte von diesen fünfzig würde noch sterben, selbst wenn heute oder morgen wundersamerweise Nahrungsmittel einträfen. So war es nun einmal, und Cahrtair konnte nicht das Geringste dagegen unternehmen.

Wenn die ketzerischen Dreckskerle es tatsächlich schaffen, die Kluft zu fluten, stecken wir bis zum nächsten Herbst mitten in einem gottverdammten Sumpf. Welche Krankheiten dann noch grassieren, weiß Pasquale allein!

Hahlys Cahrtair zumindest wusste es nicht, und er wollte es auch nicht herausfinden. Deswegen hatte er die Absicht, so weit wie möglich nach Süden vorzustoßen – ganz egal, was Maiksyn sagte.

Er ist ein altes Waschweib – wenn auch nicht ganz so schlimm, wie ich vor der Erhebung gedacht habe, gestand sich der Major widerwillig ein. Wenn ich endlich auf die Dreckskerle treffe, wäre es mir ganz recht, etwas Unterstützung zu bekommen. Aber bei Jairth kommt die Landstraße der Westwand der Kluft einfach zu nahe. Wenn die Ketzer unsere Flanke mit ihren verdammten Gewehrschützen angreifen, stehen zwischen denen und uns ein paar hundert Schritt Wasser. Und dann sind wir in Schwierigkeiten. Zurückdrängen können wir sie so nicht mehr.

Die Schützen der Gegenseite waren deutlich effizienter, als sie alle erwartet hatten. Ja, sie hatten sogar der Moral der Truppe den Rest gegeben, als Stohnars Angriff die Aufständischen aus Serabor vertrieben hatte. Das lag nicht etwa daran, dass die Schützen viele Aufständische erwischt hätten: Dafür waren es zu wenige. Nein, die enorme Entfernung, aus der sie zu töten vermochten, erklärte den Schrecken, den sie verbreiteten. Niemand auf Seiten der Tempelgetreuen, nicht einmal Colonel Baikyr und seine Berufssoldaten, hatte je zuvor Gewehren gegenübergestanden. Gewiss, mit einer höheren Effizienz als bei Luntenschlössern hatten sie gerechnet. Aber niemand wäre auf die Idee gekommen, man könne damit ein menschengroßes Ziel noch über dreihundert Schritt Entfernung treffen. Langhorne und Chihiro sei gedankt dafür, dass die Ketzer nur über wenige Gewehre verfügten! Aber selbst diese wenigen Waffen hatten ausgereicht, um Cahrtair und seinen Männern gehörigen Respekt vor deren Leistungsfähigkeit einzuimpfen. Maiksyn, anders als ihm selbst, war der enorme Vorteil von Gewehren auf freiem Terrain noch gar nicht aufgegangen. Und Gott sei Dank, verfügte Stohnar nicht auch noch über Artillerie!

Noch nicht. Soweit wir wissen, verbesserte Cahrtair sich sofort. Leider haben wir selbst auch keine.

Versprochen hatte man ihnen Geschütze wie Gewehre. Geschehen war bislang nichts. Und so ungern er sich das eingestand: um die verdammten Ketzer letztendlich zu besiegen, brauchten sie beides, und zwar reichlich! Die neuen Waffen, momentan auf beiden Seiten Mangelware, würden schlachtentscheidend sein. Letztendlich liefe es beim Kampf um die Sylmahn-Kluft auf ein Wettrennen hinaus: Bei einer frontalen Konfrontation befand sich ein gut vorbereiteter Verteidiger stets im Vorteil. Da die Kluft schmal war, gab es gar keine andere Möglichkeit, als den Gegner frontal anzugreifen. Zumindest konnte niemand mit achtzehn Fuß langen Piken bewaffnete Männer auf die Echsenpfade schicken, die sich kreuz und quer durch die Berge schlängelten. Das hatten die Ketzer ganz offensichtlich ebenso begriffen wie Cahrtair. Sie wussten auch, dass ihre Bemühungen, das Tal zu fluten, bis nur noch die Landstraße selbst übrig wäre, die Lage für Angreifer immer schwieriger machte.

Langhorne allein weiß, wie viele tausend Mann wir schon verloren haben. Aber wenn wir nicht durchbrechen, bevor sich die Ketzer verschanzen und überall Abwehrfestungen errichten, war’s das! Alles, was wir bislang erreicht haben, wäre dann umsonst … und all die Männer umsonst gestorben, dachte Cahrtair. Wir müssen jetzt durchstoßen, selbst wenn uns das noch ein oder zwei Regimenter kostet! Pater Shainsail hat das bereits begriffen. Wenn er fest hinter mir steht, nehme ich es sogar mit Maiksyn und Baikyr auf.

»Es wird Zeit, den Reigen zu eröffnen«, meinte Major Styvynsyn, den Blick fest auf die Kolonne der aufständischen Infanterie gerichtet, die sich auf der Landstraße näherte.

Zusammen mit Sergeant Zhaksyn stand er auf der Kuppe eines kleinen Hügels, kaum mehr als ein Dutzend Fuß hoch. Es verriet viel darüber, wie flach der Grund der Sylmahn-Kluft war, wenn schon eine derart kleine Erhebung als Hügel durchging: Er bot praktisch keinerlei Deckung und ließe sich taktisch kaum nutzen, hätten die Rebellen die Hänge zu beiden Seiten des Tales anständig sondiert. Von dort aus hätten sie die Kluft meilenweit einsehen können – so wäre ihnen nicht entgangen, was der Feind hätte hinter dem Hügelchen verbergen wollen.

Haben sie aber nicht, die Deppen, freute sich der Major im Stillen. Selbst die wenigen Gewehre, die General Stohnar mitgebracht hatte, reichten aus: Damit konnten seine Truppen die schmalen Pfade sichern, die sich zu beiden Seiten der Kluft durch die Berge schlängelten. Eine unnötige Vorsichtsmaßnahme: Die Rebellen schickten nicht einmal auf dem Grund der Kluft eine anständige Vorhut aus. War das ebenfalls Vorsicht, weil sie eine ganze Reihe Kundschafter in Hinterhalten verloren hatten? Oder war es Arroganz?

Egal, schließlich hielt Styvynsyn verdammt wenig hinter dem Hügel verborgen. Er hatte auch keinerlei Interesse daran, seine derzeitige Stellung zu halten. Andererseits konnte es nie schaden, den Gegner zu verunsichern.

Er blickte zu Captain Dahn Lywkys hinüber, dem Kommandeur des Zwoten Zuges, und hob die Hand, um mit ihr in Kopfhöhe einen Kreis zu beschreiben. Dann deutete er auf die Straße, in Richtung der anrückenden Rebellen. Lywkys sah die Handbewegung und nickte auffordernd seinem Fahnenträger zu. Sofort setzte sich die Flagge des Zwoten Zuges in Bewegung. Ein ganzer Wald aufrechter Piken folgte ihr, als sich Lywkys’ Männer in Marsch setzten.

Endlich kamen die Ketzer heraus. Hahlys Cahrtairs Magen verkrampfte sich. Überrascht, sie zu sehen, war er dennoch nicht. Er hatte schon früher mit ihnen gerechnet. Zugegebenermaßen hatten die Ketzer für das unausweichliche Aufeinandertreffen eine gute Position gewählt.

Sie befanden sich mehrere Meilen südlich von Jairth, zwischen den verkohlten Ruinen der Dörfer Ananasberg und Harystn. Dieses Gelände kannte der Major noch gut von einem Einsatz der Dritten Kompanie im letzten Herbst. Der Punkt, an dem er laut Maiksyns Anweisungen hätte anhalten sollen, lag bereits gute sechs Meilen hinter ihm. Er wusste auch, dass der Abstand zwischen seinen eigenen Truppen und der Ersten Kompanie unter Dahnel Chermyns Kommando gewachsen war … vermutlich, weil Chermyn sich brav an seine Befehle gehalten hatte und stehen geblieben war, statt auch nur einen Funken Eigeninitiative zu entwickeln. Schön für ihn, aber die Dritte Kompanie hatte deutlich mehr Mumm! Nachdem sie auf keinerlei Widerstand gestoßen waren, wäre es Cahrtair doch sträflich dumm erschienen, seine Männer einfach dämlich in der Gegend herumstehen zu lassen und darauf zu warten, dass Chermyns ängstliche Kompanie einzutrödeln beliebte. Seine rechte Flanke wurde vom steigenden Hochwasser gesichert, seine linke vom Kanal, den die Ketzer freundlicherweise aufgestaut hatten: Der Feind konnte nur frontal angreifen, und die Landstraße war, die Randstreifen mitgerechnet, gerade einmal hundert Fuß breit. Das Hochwasser hatte die Fahrbahn mittlerweile fast schon erreicht. Vom Wasserspiegel trennten den Treidelpfad in Richtung Norden kaum mehr als zwei Fuß (normal waren sechs). Gut, der Treidelpfad würde eine Frontlinie um fünfundvierzig Fuß verbreitern. Aber zwischen Pfad und Landstraße gab es einen fünfzehn Fuß hohen steilen Abhang.

Rechts war das Wasser seicht genug, um hindurchzustapfen – zumindest theoretisch. Praktisch war es unmöglich: Das schlammige Wasser war eiskalt und verbarg die Hindernisse unter seiner Oberfläche, kleinere Senken etwa. Es wäre töricht gewesen, es auch nur zu versuchen. Das ganze Terrain, zwischen Landstraße und Westwand des Tals gut dreitausend Schritt breit, war von Spitz- und Tafelnussbäumen, wilden Ananasstauden und Hickorybüschen bewachsen. Sie reichten weniger als einhundert Schritt an die Landstraße heran und ragten aus dem schlammigen Wasser heraus wie trübsinnige Wächter. Selbst die Spitzbäume schienen niedergeschlagen in sich zusammengesunken. Das immergrüne Laub ihrer Wipfel hing fast bis in die Fluten. Die anderen Bäume schienen mittlerweile trotz des Hochwassers bemerkt zu haben, dass der Frühling nahte: In zartem Grün zeigten sich erste Blattansätze. Doch wirkte es einsam und verloren zwischen brauner Hochwasserbrühe und aufgeweichtem, schlammigen Boden. Cahrtair hatte nie viel Fantasie besessen, weshalb ihn der trostlose Anblick nicht scherte. Für ihn war nur wichtig, dass keine Pikenier-Einheit der Welt dieses Terrain zu überwinden vermochte. Er hatte es mit einer schmalen Front zu tun, mit sonst nichts!

Deswegen überfluten diese Dreckskerle ja auch das ganze Tal. Beim letzten Mal haben wir sie schwer erwischt. Da haben wir sie bis hinter Terykyr zurückgetrieben. Grund genug für sie, es uns unmöglich zu machen, die zahlenmäßige Überlegenheit zu nutzen.

Üblicherweise besaß ein siddarmarkianisches Pikenierregiment in Gefechtsformation eine Frontbreite von sechzig Schritt. Jede Kompanie bestand aus vierhundertundfünfzig Mann, die sich auf sieben Züge aufteilten, jeder Zug dann in zwei Abteilungen mit je dreißig Mann. Eine fünfzehnte Abteilung, die Stabsabteilung, bestand ebenfalls aus dreißig Mann und war dem Kompaniechef persönlich unterstellt. In Gefechtsformation marschierten die einzelnen Abteilungen unmittelbar hintereinander. Bei einer Frontbreite je Mann von einem Schritt und sechs Fuß Tiefe ergab sich für jeden Zug eine Frontbreite von dreißig Schritt und eine Tiefe von vier Schritt. Marschierte eine ganze Kompanie auf, ergab sich die gleiche Frontbreite, aber eine Tiefe von dreißig Schritt, wenn man die Stabsabteilung mitzählte. Damit konnte jede Kompanie bei Bedarf als eigenständiges Geviert angreifen. Allerdings war das nicht die übliche Vorgehensweise. Normalerweise stellte sich ein Regiment in Form eines übergroßen Gevierts auf: je zwei Kompanien breit und tief. Eine fünfte Kompanie – leichte Infanterie – schirmte die Front beim Anmarsch auf den Feind mit Armbrüsten oder Musketen ab. Alternativ zog sich die leichte Infanterie zwischen die einzelnen Pikenier-Gevierte zurück, sobald mehrere Regimenter in dem Schachbrett-Muster aufmarschierten, das die gewohnte Taktik gebot. Sobald die Piken Feindkontakt hatten, war es in beiden Fällen für die leichteren Einheiten an der Zeit, aus dem Weg zu gehen: Entweder sie ließen sich hinter die angreifenden Gevierte zurückfallen, oder sie scherten aus und schirmten die Flanken der Pikenier-Kompanien ab. Musketiere und Armbrustschützen, die ansonsten nur noch ein Schwert führten, hatten zwischen der massiven Wand aus Piken im Gefecht einfach nichts zu suchen … und das wussten die Infanteristen auch.

Dank der jüngst eingetroffenen Unterstützung kam Cahrtairs Kompanie auf mehr als drei Viertel der normalen Mannstärke. Damit stand er deutlich besser da als die völlig zerlumpten Kompanien der Ketzer. Aber im Augenblick half ihm das auch nicht viel. Selbst wenn er das gesamte Regiment hinter sich wüsste, und zwar in ordnungsgemäßer Truppenstärke, hätte sich seine Frontbreite hier und jetzt auf nur eine einzige Kompanie beschränkt. Zusätzlich wurde diese Front auch noch durch den Höhenunterschied auseinandergezogen.

Als die Ketzer über den Hügelkamm kamen, machten Cahrtairs Abteilungen umgehend Halt, genau wie er es zuvor befohlen hatte. Die Formation des Gegners war deutlich geschlossener und disziplinierter, als seine eigenen Männer das selbst unter Idealbedingungen hinbekommen hätten. Der Major knirschte mit den Zähnen, als er die Standarte des 37. Infanterieregiments erkannte. Er hatte über die Einheiten und die Truppenstärke der Ketzer so einiges in Erfahrung gebracht: Es war erstaunlich, wie gesprächig ein Ketzer werden konnte, wenn man ihn nur angemessen … ermutigte. Und dafür hatte Cahrtair genau die richtigen Leute. Das 37ste war das Herzstück der Einheiten gewesen, die den Rechtgläubigen den Sieg entrissen hatten. Beinahe wäre Serabor gefallen. Aber dann hatte dieses Regiment sie zurückgedrängt.

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