Logo weiterlesen.de
Nimue Alban: Der Krieg der Ketzer

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Februar, im Jahr Gottes 891
  7. .I. - King's Harbour, Helen Island
  8. .II. - Königlicher Palast, Tellesberg
  9. .III. - Das ›König-Haarahld-V.‹-Stadion, Tellesberg
  1. April, im Jahr Gottes 891
  2. .I. - Vor der Trhumahn-Untiefe, südliche Howell Bay
  3. .II. - Zitadelle von King's Harbour, Helen Island
  4. .III. - Königlicher Palast, Eraystor
  1. Juni, im Jahr Gottes 891
  2. .I. - Tellesberg
  1. Juli, im Jahr Gottes 891
  2. .I. - Königlicher Palast, Tranjyr, Königreich Tarot
  3. .II. - Die Galeone Segensreicher Langhorne, Markovianische See
  4. .III. - Königlicher Palast, Stadt Gorath, Königreich Dohlar
  1. August, im Jahr Gottes 891
  2. .I. - Palast des Erzbischofs, Tellesberg
  3. .II. - King's Harbour, Helen Island
  4. .III. - Die Suite von Vikar Zahmsyn Trynair, der Tempel
  1. September, im Jahr Gottes 891
  2. .I. - Königlicher Palast, Manchyr, Corisande
  3. .II. - Königin Sharleyans Palast, Cheryath, Königreich Chisholm
  4. .III. - Königlicher Palast, Tellesberg
  1. Oktober, im Jahr Gottes 891
  2. .I. - Gorath Bay, Königreich Dohlar
  3. .II. - King's Harbour, Helen Island
  4. .III. - Königlicher Palast, Manchyr
  5. .IV. - Port Royal, Königreich Chisholm
  6. .V. - Königlicher Palast, Eraystor
  1. November, im Jahr Gottes 891
  2. .I. - Ankerplatz der Royal Charisian Navy, Lock Island
  3. .II. - Meerenge des Jüngsten Gerichts, Südozean
  4. .III. - Eraystor Bay, Emerald
  5. .IV. - Besprechungsaal des Hohen Rates, der Tempel
  6. .V. - Vor dem Triton-Kap, die Charis-See
  1. Februar, im Jahr Gottes 892
  2. .I. - Broken Anchor Bay, Armageddon-Riff
  3. .II. - Im Süden der Parker'schen See, vor dem Armageddon-Riff
  4. .III. - Die Schlacht an der ›Felsnadel‹, vor dem Armageddon-Riff
  5. .IV. - HMS Dreadnought, vor dem Armageddon-Riff
  6. .V. - In der ›Klippenstraße‹, Armageddon-Riff
  7. .VI. - HMS Dreadnought, vor dem Armageddon-Riff
  8. .VII. - In der ›Klippenstraße‹, Armageddon-Riff
  9. .VIII. - HMS Dreadnought, In der ›Klippenstraße‹, Armageddon-Riff
  1. März, im Jahr Gottes 892
  2. .I. - HMS Dreadnought, vor dem Armageddon-Riff
  3. .II. - Eraystor Bay, Fürstentum Emerald
  4. .III. - HMS Dreadnought, im ›Kessel‹
  5. .IV. - Der ›Kessel‹
  6. .V. - HMS Royal Charis, in der Charis-See
  7. .VI. - Galeere Corisande, Eraystor Bay
  8. .VII. - Vor dem Triton-Kap, in der Charis-See
  9. .VIII. - HMS Royal Charis, im Darcos-Sund
  10. .IX. - Galeere Corisande, im Darcos-Sund
  11. .X. - Im Darcos Sund
  1. April, im Jahr Gottes 892
  2. .I. - Königlicher Palast, Tranjyr
  3. .II. - Königlicher Palast, Eraystor
  4. .III. - Kathedrale von Tellesberg, Tellesberg
  1. Charaktere
  2. Glossar
  3. Eine Anmerkung zur Zeitmessung auf Safehold

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

David Weber

NIMUE ALBAN:

DER KRIEG
DER KETZER

Aus dem Amerikanischen von
Ulf Ritgen

Für Fred Saberhagen, dessen Werke mir – und so vielen anderen – so viel Freude bereitet haben. Es ist immer schön festzustellen, dass jemand, dessen Werke man so sehr liebt, ein noch viel liebenswürdigerer Mensch ist.

Und …

Für Sharon, die mich liebt, die meinen verrückten Zeitplan erträgt, die mir immer dabei hilft, im Kopf zu behalten, welcher Tag welchen Monats gerade ist, die praktisch alles über das Schwimmen weiß, was es nur zu wissen gibt, und die mir des Öfteren Vorschläge für eine oder zwei Szenen unterbreitet hat, die ganz besonders auf die Tränendrüsen drücken.

Womit ich nicht sagen will, dass sie es dieses Mal getan hat.

Oh nein, wirklich nicht!

Ich liebe Dich.

Februar,
im Jahr Gottes 891

.I.

King’s Harbour, Helen Island

»Ich behaupte ja immer noch, dass Ihr zu wenig schwitzt, Merlin.«

Merlin hob ein Augenlid und schaute zu Cayleb hinüber.

Nimue Alban entstammte einer Kultur, die sämtliche Gefahren von Hautkrebs – und auch die Vorteile, die mit Sunblocker-Cremes und dergleichen kamen – zutiefst verinnerlicht hatte. Und sie hatte auch eine entsprechende genetische Disposition. Für Cayleb hingegen traf beides nicht zu. Er genoss Sonnenbäder sogar außerordentlich, und es hätte überhaupt keinen Sinn gehabt, wenn Merlin versucht hätte, ihm die Nachteile zu erklären, die es hatte, seine Epidermis völlig ungeschützt der Sonne auszusetzen. Und Merlin konnte auch schlecht die Ehre ablehnen – und es stellte wirklich eine ganz außerordentliche Ehrenbezeugung dar –, sich dem Kronprinzen dieses Reiches bei diesem Freizeitvergnügen anzuschließen.

Glücklicherweise vermochte Nimues PICA die Hautfarbe beliebig zu verändern, deswegen war Merlins Haut jetzt fast ebenso bronzefarben wie die von Cayleb selbst. Und außerdem hatte Nimue sich nach diesem … anregenden Rugby-Spiel noch ein wenig mit der Feinprogrammierung beschäftigt und gewisse Funktionen deaktiviert. Infolgedessen war zumindest dieses spezielle Problem nicht wieder aufgetreten, auch wenn Merlin zugeben musste – natürlich nur ganz sich selbst gegenüber –, dass Cayleb Ahrmahk tatsächlich ein außerordentlich attraktiver junger Mann war.

»Und ich sage immer noch, dass einige von uns nicht ganz so viel zu schwitzen brauchen wie andere«, gab er zurück, und Cayleb lachte leise.

»Was haltet Ihr denn nun von Howsmyns Vorschlag?«, fragte der Prinz einen Augenblick später, und dieser abrupte Themenwechsel brachte Merlin dazu, beide Augen zu öffnen. Er setzte sich auf, griff nach einem Handtuch und tupfte sich den (relativ dünnen) Schweißfilm von der Stirn, auf den Cayleb gerade eben angespielt hatte.

»Ich halte ihn für wirklich ausgezeichnet und sinnvoll«, erwiderte er dann und griff nach der Flasche mit dem gekühlten Fruchtsaft, den sie mitgenommen hatten, als sie zum Dach des Arbeitszimmers des Hafenmeisters aufgebrochen waren.

Dieses Arbeitszimmer befand sich ganz am Ende des Hauptkais im Dockraum der Zitadelle – des rein militärisch genutzten Ankerplatzes unter den hochaufragenden Mauern der Hauptbefestigungen von King’s Harbour. Es war ein idealer Platz zum Fischen, und wenn der Wind von Südwesten her wehte, gab es dort immer eine leichte, angenehm kühlende Brise. Deswegen war es ein auch bei den leitenden Offizieren äußerst beliebter Platz zum Sonnenbaden – und für Cayleb gab es dort noch weitere Anreize, sich genau dort in die Sonne zu legen. Zum einen sagte es seinen Leibgarden sehr zu, sich dort eindeutig vergewissern zu können, dass sich wirklich niemand in dem Arbeitszimmer dort aufhielt, um dann mit Leichtigkeit das ganze Gebiet zwischen Kai und Ufer vollständig abzusperren – und auf diese Weise dem Prinzen wenigstens die Illusion von Privatsphäre zu verschaffen. Cayleb schätzte diese Stelle aus genau den gleichen Gründen, und so zeigte die Tatsache, dass er Merlin eingeladen hatte, ihn an diesem Nachmittag zu begleiten, nur um so mehr, wie sehr er den Seijin schätzte.

Jetzt nahm Merlin einen Schluck von dem Saft, der immer noch angenehm kühl war, wenn auch natürlich nicht mehr so kalt wie zur Zeit ihres Aufbruchs. Selbstverständlich hätte Merlin dieses Getränk eigentlich überhaupt nicht benötigt, doch das hielt ihn nicht davon ab, den fruchtigen Geschmack zu genießen, bevor er die Flasche dann an Cayleb weiterreichte.

»Eine unserer Hauptsorgen war schon immer die Zeit, die erforderlich sein würde, die Artillerie zu produzieren«, fuhr er dann fort, während der Prinz dankbar trank. »Ich war die ganze Zeit davon ausgegangen, dass wir jede einzelne Kanone gießen müssten, wenn wir wirklich Drehzapfen einsetzen wollten.« Er zuckte mit den Schultern. »Und die einzige Möglichkeit, die mir einfiel, das zu bewerkstelligen, war nun einmal, sämtliche bereits existierenden Kanonen einzuschmelzen, um deren Bronze zurückzugewinnen, und sie dann von Grund auf neu zu gießen.«

Er stand auf und streckte sich, legte sich das Handtuch um den Nacken und ging zu der hüfthohen Mauer hinüber, die das gesamte Flachdach dieses Arbeitszimmers umringte. Dort lag seine säuberlich zusammengefaltete Kleidung auf einer Bank, die wie ein Sockel die gesamte Innenseite dieser Brüstung umgab; sein Wakizashi – selbstverständlich in der zugehörigen Scheide – beschwerte den Stapel, und ein Sonnensegel spendete einen Schattenstreifen, in dem sich Merlin nun gegen die Mauer lehnte und über den Hafen hinausschaute.

Die Außenmauer des jetzt leer stehenden Arbeitszimmers fiel steil bis zum Ende des Kais ab, und das Wasser, auf das Merlin nun hinunterblickte, leuchtete geradezu schmerzhaft blau; dort, wo der Meeresgrund zum Ufer hin immer weiter anstieg, ging dieses Blau in ein ähnlich leuchtendes Grün über. An diesem Tag wehte kaum eine Brise, nicht einmal ein Stück weit über dem Meer. Sanfte Wellen rollten über das sonnenbeschienene Wasser hinweg, und sechs oder sieben Kinder in einer kleinen Barkasse mit vier Rudern hielten langsam, wenn auch mit nicht sonderlich gleichmäßigen Ruderschlägen – und auch nicht sonderlich gerade –, auf das Kai zu. Die Angelruten, die in verschiedenen Winkeln aus dem Boot herausragten, verrieten deutlich, womit sie sich beschäftigt hatten, und Merlin verspürte so etwas wie Sehnsucht in sich aufkommen, als er sich an die Angelausflüge in Nimues Kindheit erinnerte.

Das Boot war immer noch fast einhundert Meter weit vom Kai entfernt, doch das sieben- oder achtjährige Mädchen auf der vordersten Ruderbank schaute zu Merlin hinauf und winkte ihm zu.

Er winkte zurück, dann wandte er dem Hafen den Rücken zu, als Cayleb sich erhob und sich zu ihm in den Schatten gesellte.

»Ich wäre nie auf die Idee gekommen«, fuhr Merlin ihr Gespräch fort, »dass es möglich sein könnte, die Drehzapfen auch an bereits existierenden Kanonen anzubringen.«

Cayleb stieß einen zustimmenden Grunzlaut aus. Auf dem Dach lag ein interessantes Gemisch verschiedenster Gegenstände – vermutlich Dinge, die andere Sonnenbadende und Angler hier zurückgelassen hatten. Der Prinz hob fasziniert eine Augenbraue, als er die Harpune entdeckte, die in einer Ecke aufgestellt war. Er hob sie an, probierte fast ein wenig träge aus, ob die Waffe auch gut ausbalanciert sei, dann blickte er zu Merlin hinüber.

»Wie hattet Ihr das gestern noch ausgedrückt?«, fragte er. »›Über den Tellerrand schauen‹, nicht wahr?« Merlin nickte, und der Prinz zuckte mit den Schultern. »Naja, ich denke, wir sollten dankbar sein, dass Howsmyn so gut darin ist.«

»Das ist noch milde ausgedrückt, Euer Hoheit«, sagte Merlin und grinste, dann wandte er sich wieder der Barkasse zu. Erneut winkte ihm das Mädchen zu, und Merlin lachte leise.

Cayleb hat recht, dachte er. Ehdwyrd Howsmyn hatte das Problem von einem völlig neuen Standpunkt aus betrachtet. Er hatte darauf hingewiesen, dass die Kanone, die in der Royal Charisian Navy nur als ›Kraken‹ bezeichnet wurde – eine Kanone mit einem Durchmesser von sechseinhalb Zoll und etwa elf Fuß Länge, die eine Kugel von fast fünfunddreißig Pfund Gewicht abfeuerte –, fast dem entsprach, auf das sich Merlin und Captain Seamount als ›Sollwert‹ geeinigt hatten. Zudem war es am ehesten eine großkalibrige ›Standard-Kanone‹ – und das bedeutete, dass sie in größerer Stückzahl verfügbar war als die meisten anderen.

Es gab noch weitere, einige davon waren noch deutlich schwerer – etwa der ›Todeswal‹: Diese Waffe wog mehr als viereinhalb Tonnen, und ihre Kugeln wogen je zweiundsechzig Pfund. Sogar noch massiger war der ›Große Todeswal‹, ein Sechstonnen-Ungeheuer, dessen Geschosse ganze fünfundsiebzig Pfund wogen. Doch diese Waffen waren viel zu schwer für den beabsichtigten Einsatz. Letztendlich würde man sie alle einschmelzen müssen, um sie dann durch Waffen sinnvollerer Größe zu ersetzen, doch derzeit waren sie alle völlig nutzlos.

Nun hatte Howsmyn vorgeschlagen, die ›Kraken‹ zum Standard zu machen und bei so vielen, wie sie nur konnten, einen Eisenstreifen um den Lauf der Kanonen befestigen zu lassen. Dann würde eben dieser Streifen mit dem Drehzapfen verbunden werden, und das ließ sich deutlich schneller bewerkstelligen, als wenn man vollständig neue Kanonenrohre gießen und bohren müsste. Natürlich würde diese Konstruktion dann nicht ganz so stabil werden, als wenn die Drehzapfen tatsächlich mit dem Lauf selbst verbunden würden, doch als Provisorium würde es voll und ganz ausreichen – und je nachdem, wie es zeitlich machbar war, würden dann nach und nach die Kanonen tatsächlich eingeschmolzen und neu gegossen werden können.

Eine perfekte Lösung war das natürlich nicht. Der Vorrat an ›Kraken‹ war schließlich alles andere als unerschöpflich. Aber es würde tatsächlich reichlich Zeit, Rohstoffe und Arbeitskräfte sparen, und nachdem sich herausgestellt hatte, dass diese neue Karronade, die Merlin und Seamount ersonnen hatten, tatsächlich funktionierte, bedeutete das …

Ein gellender Schrei riss ihn aus seinen Gedanken, und sofort blickte Merlin wieder zum Hafenbecken hinunter.

Die Barkasse war jetzt keine siebzig Schritt mehr vom Kai entfernt, doch nun schrie eines der anderen Mädchen – etwas älter als das, das Merlin zugewinkt hatte – aus Leibeskräften: Eine Hand an den Mund gepresst deutete sie mit der anderen auf die drei dreieckigen Flossen, die nun geradewegs auf das Boot zuhielten.

»Kraken!«, spie Cayleb. Sofort lehnte er sich über die Brüstung des Daches und blickte zu dem Boot mit den Kindern hinab. »Nicht!«, sagte er, und es war offensichtlich, dass er nicht mit Merlin sprach. »Nicht in Panik verfallen!«

Doch die Kinder in der Barkasse konnten ihn nicht hören. Das älteste Kind konnte kaum älter als vierzehn Jahre sein, und dass sie alle plötzlich zutiefst verschreckt waren, ließ sich an ihren hektischen Ruderbewegungen nur allzu deutlich ablesen. Das Boot geriet immer stärker ins Wanken, als das entsetzte Mädchen sich gegen das Dollbord presste, um sich vor dem Kraken in Sicherheit zu bringen; als zwei weitere Mädchen ebenfalls dorthin flüchteten, erhielt das Boot deutliche Schlagseite.

Die Flossen peitschten durch das Wasser, näherten sich immer weiter dem Boot, und plötzlich schoss, ganz in der Nähe des Bootes, einer der Kraken ein Stück weit aus dem Wasser.

Es war das erste Mal, dass Merlin tatsächlich mit eigenen Augen eines dieser gefürchteten Raubtiere zu Gesicht bekam, die doch normalerweise deutlich tiefere Gewässer bevorzugten als Hafenbecken. Ein ausgewachsener Krake wurde zwanzig, sogar zweiundzwanzig Fuß lang und war im Prinzip nichts anderes als Fleisch gewordene Fresslust. Sein Körper ähnelte dem terrestrischen Hai, er war lediglich etwas länger gestreckt, doch der Kopf sah völlig anders aus. Das runde Maul mit den zahllosen Reißzähnen entsprach dem eines Neunauges, doch es gab einen deutlichen Unterschied: der Rumpf, der mehr als einen Fuß dick war – bei ausgewachsenen Exemplaren bis zu drei Fuß – war von zehn kräftigen Tentakeln umgeben. Diese Tentakel waren jeweils vier bis sechs Fuß lang. Während der normalen Schwimmbewegung waren sie eng an den Leib gepresst, doch wenn ein Krake zum Angriff überging, dann streckte er sie aus und griff damit nach seiner Beute und hielt sie fest, um sie besser verschlingen zu können.

Das alleine hätte schon völlig ausgereicht, um das Entsetzen zu erklären, das diese Ungeheuer bei jedem auch nur halbwegs vernünftigen Menschen hervorriefen, doch zudem waren sie auch noch intelligent. Nicht annähend so intelligent wie der terrestrische Delfin, aber doch immerhin schlau genug, um miteinander zu kooperieren, wenn sie auf die Jagd gingen. Und auch schlau genug, um zu wissen, dass sich an Bord von Booten immer Nahrung befand.

Die entsetzten Kinder kreischten, als der Kopf des ersten Kraken die Wasseroberfläche durchbrach, und das Schreien wurden noch lauter, als ein zweiter von unten den Bootsrumpf rammte. In dem schäumenden Wasser schaukelte die Barkasse so wild hin und her, dass sie fast schon kenterte, und dann ging einer der Jungen über Bord.

Kurz schien das Wasser zu kochen. Der Kopf des Jungen tauchte wieder auf, der Junge öffnete den Mund und stieß einen Schmerzensschrei aus, dann packte ihn von unten einer der Kraken und zog ihn wieder unter Wasser.

»Shan-wei!«, fluchte Cayleb hilflos und schlug mit der Faust auf die Brüstung; die Barkasse, die jetzt noch weiter aus dem Gleichgewicht gekommen war, hüpfte wie wild über die Wellen, als der Krake erneut den Rumpf rammte. Dieses Mal kenterte das Boot, und schreiend stürzten sämtliche Kinder ins Wasser.

Merlin hielt nicht einmal inne, um über die Lage nachzudenken. Bevor Cayleb auch nur hatte bemerken können, dass sein ›Leibgardist‹ hier reagierte, hatte Merlin ihm schon mit übermenschlich schnellen Bewegungen die Harpune aus der Hand gerissen, die Cayleb zuvor noch achtlos festgehalten gehalten hatte. Unfassbar schnell spannte er die Waffe, dann riss Cayleb trotz seines Entsetzens ungläubig die Augen auf, als er sah, wie die Harpune in einem flachen, todbringenden Winkel einen Bogen beschrieb, der erst nach ganzen siebzig Schritt endete.

Einer der Kraken reckte sich so weit aus dem Wasser, dass fast zwei Drittel seiner Körperlänge zu sehen waren; er stemmte sich auf seinen Schwanz, und seine Tentakel ließen nun sein zerfleischtes Opfer los, als die Harpune ihn traf. Nein, begriff Cayleb dann, die Waffe hatte ihr Ziel nicht nur getroffen; sie hatte den massigen Leib aus kräftigen Muskeln und schweren Knochen vollständig durchschlagen.

Zumindest einer der anderen Kraken stürzte sich auf seinen Gefährten, als dessen Blut nun das Wasser färbte. Doch Cayleb hatte das Gefühl, ihm erfriere das Herz, als er sah, wie ein weiteres der schreienden Kinder – dieses Mal ein Mädchen – für alle Zeiten in diesem brodelnden, blutigen Mahlstrom des Schreckens verschwand, der diesen einst so friedlichen Hafen erfasst hatte.

Und dann nahm er aus dem Augenwinkel eine weitere Bewegung wahr und streckte voller Entsetzen die Arme aus. Doch es war zu spät, noch irgendetwas zu verhindern: Merlin war bereits auf die Brüstung getreten und sprang nun auf das Wasser zu – das mehr als dreißig Fuß unter ihnen lag.

In unglaublicher, unmöglicher Art und Weise schien sich die Zeit selbst zu dehnen, so schnell der Augenblick in Wirklichkeit auch vergehen mochte. Der Kronprinz sah alles, er begriff genau, was hier geschah, und doch war er dazu verurteilt, nur Zuschauer zu sein. Fassungslos musste er mit ansehen, wie Merlin nun in einem unmöglichen Bogen auf das Wasser zustürzte. Er flog fast zwanzig Schritt weit, bevor er das Wasser erreichte.

Merlin befand sich schon mitten in der Luft, bevor er selbst begriff, was er da eigentlich gerade tat – und da war es für ein Umdenken wohl ein wenig zu spät. Er schlug auf die Wasseroberfläche auf, tauchte dann tief ein, trotz seiner flachen Flugbahn. Ein Mensch aus Fleisch und Blut hätte wieder auftauchen müssen, um sich neu zu orientieren – vom ›Luftholen‹ ganz abgesehen –, doch Merlin war ein PICA. Sein eingebauter Sonar verriet ihm genauestens, wo sich das Boot, die kreischenden, wild um sich schlagenden Kinder und die Kraken befanden, und mit kräftigen Beinschlägen steuerte er nun auf das Chaos zu; seine Bewegungen waren so heftig und so schnell, dass kein gewöhnlicher Mensch es ihm hätte gleichtun können.

Ohne auch nur bewusst darüber nachzudenken, riss er sein Wakizashi aus der Scheide. Dann umklammerte er mit beiden Händen das Heft und presste die Siebzehn-Zoll-Klinge dabei fest gegen den rechten Unterarm, um den Widerstand im Wasser zu minimieren, während er durch die Fluten jagte. Er brauchte weniger als zwanzig Sekunden, um die gekenterte Barkasse zu erreichen. Zwanzig Sekunden, in denen der Krake, den Merlin harpuniert hatte, sich aus dem Griff seines angreifenden Gefährten hatte befreien können und dann mit ungleichmäßigen, zuckenden Bewegungen tiefere Gewässer aufsuchte. Zwanzig Sekunden, in denen ein drittes Kind schreiend in die Tiefe gezerrt worden war.

Doch dann hatte Merlin sie erreicht.

Die Kinder, die diesen Angriff bislang überlebt hatten, ruderten wie wild mit Armen und Beinen, versuchten verzweifelt, auf den Rumpf des gekenterten Bootes zu klettern, um noch einige Sekunden lang in Sicherheit zu sein. Ein älterer Junge ergriff eines der kleineren Mädchen und schleuderte es regelrecht auf den glitschigen, nassen Bootsrumpf, obwohl gleichzeitig einer der beiden verbliebenen Kraken mit todbringend grazilen Bewegungen auf ihn zu jagte. Tentakel wurden ausgestreckt, schnellten wie angreifende Schlangen auf den Jungen zu. Einer umfasste seinen Knöchel und riss das Bein auf ein zahnbewehrtes Maul zu, doch dann schloss sich eine Menschenhand seinerseits um den Tentakel. Mit der Kraft eines Hydraulik-Schraubstocks griff sie zu, und ein Wakizashi aus Panzerstahl fuhr in den Schädel des Kraken, an einem Punkt unmittelbar hinter den hervorgewölbten Augen des Tieres. Bis zum Heft versank die Waffe: Mühelos durchtrennte die unmögliche, widernatürlich scharfe Klinge Knochen, Knorpelgewebe und Muskeln.

Die Bewegung des Kraken trug noch zur Wucht des Schlages bei, den der PICA diesem Meeresungetüm versetzte; das Wakizashi wurde tiefer und tiefer in den Leib hineingetrieben, bis durch das Gehirn hindurch; in einer Blutwolke trat die Waffe durch das geöffnete Maul wieder aus. Die Tentakel, die sich im Todeskampf um den Knöchel des Jungen verkrampft hatten, hätten ihn zusammen mit dem immer noch zuckenden Kadaver des Kraken unweigerlich in die Tiefe gerissen, doch ein zweiter, schnell ausgeführter Schlag mit dem Wakizashi durchtrennte sie zwei Fuß oberhalb des jetzt weit offen liegenden Schädels dieses Tieres.

Der Todeskampf des anderen Kraken, den Merlin mit der Harpune verletzt hatte, wurde nun schwächer, doch immer noch drehte und wand sich das Untier, versuchte vergeblich, sich von der Waffe zu befreien, die in seinem Rumpf steckte; doch mittlerweile blickte sich Merlin mit Hilfe seines Sonars schon erneut um: Er suchte den dritten der Kraken. Zwanzig Fuß unter der Oberfläche spürte er ihn schließlich auf; der Meeresräuber zog langsame Kreise, während er immer weiter an den Überresten seines zweiten Opfers zerrte und nagte.

Merlin krampfte sich zu einer Kugel zusammen, orientierte sich kurz und streckte sich dann blitzschnell, hielt geradewegs auf das immer weiterfressende Ungeheuer zu. Hätte der Krake begriffen, dass etwas so winziges, unbedeutendes wie ein ›Mensch‹ eine ernstliche Bedrohung für ihn darstellen konnte, hätte er mühelos fliehen können – mit einer Geschwindigkeit, die zu erreichen nicht einmal ein PICA hoffen konnte. Doch wahrscheinlich hatte der Krake nicht einmal bemerkt, dass sich ihm hier überhaupt etwas näherte.

Selbst noch in dieser Wassertiefe konnte Merlin dank seines Restlichtverstärker-Blicks alles klar und deutlich erkennen, doch er weigerte sich, den zerfetzten Leichnam im Griff der Kraken-Tentakel zu betrachten. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Kraken selbst, und dann schoss seine linke Hand auch schon hervor und umklammerte die Rückenflosse.

Der Krake hob den Kopf, als sei er überrascht, und wieder hieb das Wakizashi zu. Waagerecht durchtrennte es die breiteste Stelle des Rückgrats dieses Meeresungeheuers, unmittelbar vor der Flosse; fast hieb Merlin hier den ganzen Leib in zwei Stücke. Wie wild peitschte der Krake um sich. Dann sank er in die Tiefe; der Krake war bereits tot, doch immer noch schlug er nach seinem Gegner, als hätten die Muskeln noch nicht begriffen, dass sie zu einem Leichnam gehörten. Merlin stieg zur Wasseroberfläche auf.

Die Kinder, die diesen Zwischenfall überlebt hatten, schrien nach Leibeskräften und versuchten verzweifelt, sich am Bootsrumpf festzuklammern; Merlin stieß das Wakizashi bis zum Heft in den Kiel der Barkasse, damit die Kinder sich an irgendetwas festhalten konnten.

»Alles in Ordnung!«, rief er. »Alles in Ordnung – ihr seid jetzt in Sicherheit!«

Sie schienen ihn überhaupt nicht zu hören, und so streckte Merlin die Arme nach dem jüngsten Kind im Wasser aus. Es war das Mädchen, das ihm zugewinkt hatte, wie er jetzt bemerkte, und es schrie entsetzt auf und wand sich voller Verzweiflung – bis es begriff, dass es Menschenarme waren, die es hielten, und nicht die Tentakel eines Kraken. Dann presste es sich an ihn und umklammerte mit der Kraft der Verzweiflung seinen Hals, sodass jeder Mensch aus Fleisch und Blut hätte befürchten müssen, es könne ihn erwürgen. Doch genau damit hatte Merlin bereits gerechnet, und seine künstlichen Muskeln konnten selbst ihrer Kraft der Verzweiflung mühelos standhalten; so schob er es nun, so sanft er nur konnte, auf den Rumpf des gekenterten Bootes hinauf. Sofort griff das Mädchen nach dem Kiel, hielt sich fest, und schon drehte Merlin sich um und holte ein weiteres Kind aus dem Wasser.

»Ihr seid in Sicherheit!«, rief er erneut, und dieses Mal schienen sie ihn tatsächlich zu hören.

Er hörte, dass eine andere Stimme seine Worte wiederholte, und begriff schließlich, dass sie zu dem Jungen gehörte, der das Mädchen aus dem Wasser herausgestoßen hatte. Diese ihnen viel vertrautere Stimme schien nun tatsächlich endgültig zu den Überlebenden vorzudringen, selbst wenn das für Merlins eigene Stimme nicht gegolten haben mochte, und so legte sich ihre Panik allmählich – zumindest so weit, dass nun endlich alle fünf auf den Rumpf der Barkasse hinaufklettern konnten und sich dort eng aneinanderpressten.

Drei von ihnen umklammerten mit ihren Fingern den Kiel des Bootes so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten; sie schluchzten so verängstigt, dass es Merlin fast das Herz brach. Doch viel schlimmer für ihn waren die beiden Kinder – darunter auch das Mädchen, dem Merlin als erstes aus dem Wasser herausgeholfen hatte: Immer und immer wieder riefen sie nach den beiden Brüdern und der Schwester, die sie niemals wiedersehen würden.

Merlin blieb im Wasser, sprach beruhigend auf die Kinder ein, versuchte sie nach Kräften zu trösten, und noch während er das tat, regte sich in seinem Hinterkopf die Frage, wie er das nun wieder Cayleb würde erklären sollen.

»Das war … beeindruckend«, sagte Kronprinz Cayleb einige Stunden später mit ruhiger Stimme.

In schweren Sesseln saßen Merlin und er einander in Caylebs Gemach in der Zitadelle gegenüber. Die Sonne war mittlerweile untergegangen, der Raum angenehm kühl, vom Schein der Lampen nur matt erleuchtet; Merlin blickte den Kronprinzen ausdruckslos an.

»Ich glaube nicht«, fuhr Cayleb fort, »jemals davon gehört zu haben, dass ein Mensch, nur mit einem Kurzschwert bewaffnet, einen Kraken besiegt hat – von zweien ganz zu schweigen. Ach ja, und wir wollen doch auch nicht den Kraken vergessen, den Ihr harpuniert habt … über siebzig Schritt hinweg. Seijin oder nicht, Merlin, das war wirklich eine beeindruckende Leistung.«

Merlin schwieg weiter, und Cayleb lehnte sich in seinem Sessel weit genug zurück, dass sein Gesicht jetzt im Schatten lag. Das Schweigen zog sich hin, bis nach mehreren Sekunden der Kronprinz seufzte.

»Hättet Ihr wohl die Güte, mir zu erklären, wie Ihr das alles fertiggebracht habt?«

Unter den gegebenen Umständen klingt der Prinz erstaunlich ruhig und vernünftig, dachte Merlin.

»Das kann ich nicht, Cayleb«, sagte er nach kurzem Nachdenken. »Ich wünschte, ich könnte es. Wirklich, das wünschte ich wirklich. Aber ich kann es nicht.«

»Merlin«, gab Cayleb leise zurück, »es ist mir egal, ob Ihr ein Seijin seid oder nicht. Kein Sterblicher könnte das leisten, was Ihr an diesem Nachmittag vollbracht habt. Ich habe es doch mit eigenen Augen gesehen. Niemand, nicht einmal ein Seijin. Ich habe Euch schon einmal gefragt, was Ihr in Wirklichkeit seid, und Ihr habt mir versichert, Ihr würdet dem Licht dienen. Aber was für eine Art Diener des Lichts seid Ihr?«

»Cayleb … Euer Hoheit«, setzte Merlin leise an. »Das kann ich Euch nicht sagen. Das bedeutet nicht ›ich will es nicht‹, und auch nicht ›ich weigere mich, es Euch zu sagen‹; ich kann es einfach nicht.«

»Ihr verlangt hier sehr viel von mir, Merlin«, fuhr Cayleb mit der gleichen, ruhigen Stimme fort. »Mein Vater vertraut Euch. Er vertraut Euch genug, sich und sein ganzes Königreich an Eure ›Dienste‹ zu binden – an Eure ›Visionen‹ und all das Wissen und die Vorschläge, die Ihr uns unterbreitet habt. Und ich habe Euch ebenfalls vertraut. Haben wir uns getäuscht? Wenn Ihr etwas zu leisten imstande seid, was ein Mensch nicht zu vollbringen vermag, dann seid Ihr mehr als ein Sterblicher. Und woher soll ich wissen, ob jemand, der entweder ein Engel oder ein Dämon sein muss, die Wahrheit sagt?«

»Ich bin weder ein Engel noch ein Dämon«, erwiderte Merlin. »Das schwöre ich Euch. Ich kann Euch einfach nicht erklären, was ich bin. Nicht jetzt – vielleicht niemals. Und ich nehme an, Ihr werdet einfach selbst für Euch ganz alleine entscheiden müssen, ob Ihr jemandem vertrauen könnt, der Euch diese Fragen nicht beantworten kann, oder eben nicht.«

Er schaute Cayleb geradewegs an, und wieder sah Cayleb in diese sonderbaren, saphirblauen Augen. Mindestens eine Minute lang wandte der Kronprinz den Blick nicht ab. Dann holte er tief Luft.

»Ihr hättet nicht tun müssen, was Ihr an diesem Nachmittag getan habt.« Er sprach so beiläufig, so normal, dass es unter den gegebenen Umständen fast schon bizarr wirkte. »Andererseits hätte ich dann niemals erfahren, was ich jetzt weiß, nicht wahr?«

»Das hättet Ihr nicht«, bestätigte Merlin. »Aber das bedeutet nicht, dass ich es nicht auch so getan hätte.«

»Nein, das bedeutet es wirklich nicht«, pflichtete Cayleb ihm bei. Und dann, zu Merlins großem Erstaunen, lächelte er. Es war ein fast schon sanftmütiger Gesichtsausdruck, und der Prinz schüttelte den Kopf. »Und das, Merlin, ist auch der Grund, warum ich Euch sehr wohl vertraue.«

»In der Tat?« So sehr Merlin sich auch bemühte, es gelang ihm nicht, sich die Überraschung nicht anmerken zu lassen. Cayleb lachte leise.

»Ihr habt mir gezeigt, was Ihr zu leisten vermögt, Ihr habt mir bewiesen, dass Ihr sogar mehr seid als ein Seijin, nur um ein paar Bälger aus dem Hafen zu retten, die Ihr nicht einmal kanntet. Ihr habt all das Vertrauen riskiert, das Ihr in der Zwischenzeit bei mir und meinem Vater gewonnen habt. Und ich glaube Euch, dass Ihr das getan habt, ohne auch nur in Erwägung zu ziehen, dass es Euch zum Nachteil gereichen könnte.«

»Ihr habt recht.« Merlin schüttelte den Kopf. »Der Gedanke ist mir nicht einmal gekommen.«

»Und genau deswegen vertraue ich Euch«, erklärte Cayleb nun schlicht. »Ein Mann – oder jemand, der mehr ist als ein Mann –, der im Dienste der Finsternis steht, hätte niemals zugelassen, dass eine Handvoll Hafenbälger ein Hindernis für seine eigenen Ziele darstellt. Aber genau das habt Ihr getan. Da Ihr bereit wart, alles zu riskieren, alles zu verlieren, was Ihr bereits erreicht habt, um das Leben einiger Kinder zu retten, dann verrät mir das alles, was ich über Euch wissen muss. Was natürlich nicht bedeutet …« – plötzlich lächelte er Merlin in einer Art und Weise an, die verdächtig nach einem ›verschlagenen Grinsen‹ aussah – »… dass ich nicht trotzdem gerne mehr erfahren würde!«

»Euer Hoheit«, gab Merlin zurück und versuchte nicht einmal, seine Erleichterung zu verbergen, »an dem Tag, an dem ich Euch mehr werde sagen können, wenn er denn jemals kommt, werde ich es auch tun. Das schwöre ich Euch.«

»Ich hoffe, dass dieser Tag kommt«, merkte Cayleb an. »Aber jetzt sollten wir beide, Ihr und ich, uns überlegen, was für eine Erklärung wir uns für diesen Nachmittag zurechtlegen. Die gute Nachricht lautet: Niemand am Ufer, von mir abgesehen, befand sich in einer Position, von der aus man genau hätte erkennen können, was eigentlich wirklich passiert ist. Die schlechte Nachricht ist, dass die Geschichte, die diese Kinder erzählen, wirklich ziemlich ungeheuerlich ist.«

»Ihr wisst doch genau, wie schnell etwas für Kinder aufregend sein kann, Euer Hoheit.« Merlin lächelte. »Es würde mich überhaupt nicht überraschen, wenn den Kindern das, was da wirklich geschehen ist, viel aufregender und beeindruckender erschienen wäre, als es letztendlich war!«

»Das ist ja alles schön und gut«, gab Cayleb zu bedenken, jetzt sehr viel nüchterner. »Aber ein Kraken-Kadaver wurde bereits an Land geschleppt. Der, den Ihr harpuniert habt. Glaubt mir, alleine das hat schon für reichlich erstaunte Blicke gesorgt, selbst wenn ich in meinen Schilderungen die Distanz, über die Ihr die Harpune eingesetzt habt, sagen wir … ein wenig … abgemildert habe. Wird es noch mehr erstaunte Blicke geben, wenn auch noch die beiden anderen gefunden werden?«

»Oh, ich denke, davon wird man fest ausgehen können«, gab Merlin zu.

»Und hat das vielleicht irgendetwas mit dem Messer zu tun, das Ihr bis zum Heft in den Bootsrumpf gerammt habt?«, fragte Cayleb höflich nach.

»Ja, das hat es tatsächlich.«

»Na wunderbar.« Nachdenklich blies Cayleb die Backen auf und atmete langsam aus, dann zuckte mit den Schultern. »Wenigstens haben sich die noch in der Hauptfahrrinne befunden. Der, den Ihr harpuniert habt, ist ins deutlich flachere Wasser gelangt, bevor er schließlich verendet ist. Da draußen ist es recht tief, und ich habe gehört, dass es dort auch eine ziemliche Strömung gibt. Wir können zumindest darauf hoffen, dass die beiden anderen überhaupt nicht mehr gefunden werden.«

»Das wäre zweifellos das Beste«, stimmte Merlin zu und blickte den Prinzen mehrere Sekunden lang nur schweigend an.

»Seid Ihr Euch sicher, dass Ihr mit dieser Lage gut leben könnt, Cayleb?«, fragte er schließlich.

»›Gut leben‹ ist gewiss nicht der Ausdruck, den ich in diesem Zusammenhang verwendet hätte.« Cayleb verzog die Lippen zu einem schiefen Grinsen. »Tatsächlich geht es noch nicht einmal ansatzweise in die Richtung, in der meine bevorzugte Formulierung liegt. Aber wenn Ihr meint, ob ich vielleicht an meiner Entscheidung zweifle, dann lautet die Antwort auf diese Frage: nein.«

»Das weiß ich zu schätzen«, sagte Merlin sehr sanft. »Wirklich.«

»Na, sehen wir uns doch einmal die Lage an«, schlug Cayleb vor. »Bislang habt Ihr mein Leben gerettet, und auch das von Rayjhis, ihr habt den vielleicht gefährlichsten Verräter in der Geschichte dieses Königreiches zur Strecke gebracht, habt beide Haupt-Spionageringe in Charis zerschlagen, habt uns Dinge gelehrt, die uns vielleicht tatsächlich davor werden bewahren können, in absehbarer Zeit aufgerieben zu werden, und jetzt habt Ihr auch noch fünf Untertanen meines Vaters vor dem sicheren Tod bewahrt. Ich würde sagen, damit ist Eure Bilanz bei mir durchaus positiv. Bislang, zumindest.«

»Von dieser Seite hatte ich das bisher noch überhaupt nicht betrachtet.«

»Dann hättet Ihr das vielleicht einfach mal tun sollen. Tatsächlich …« Cayleb stockte, als jemand an die Tür klopfte.

Er verzog das Gesicht und schüttelte dann verärgert den Kopf.

»Ich hatte doch ausdrückliche Anweisungen erteilt, dass wir nicht gestört werden sollten!«, sagte er, dann erhob er sich und drehte sich zur Tür herum.

»Herein!«, rief er mit einer Stimme, die nur zu deutlich verriet, dass es keine gute Idee war, jetzt ohne einen wirklich triftigen Grund hier anzuklopfen, wer auch immer auf der anderen Seite dieser Tür stehen mochte.

Die Tür öffnete sich, und Ahrnahld Falkhan schaute den Prinzen mit einem entschuldigenden Blick an.

»Ich weiß sehr wohl, dass Ihr Anweisung erteilt hattet, Euch nicht zu stören, Euer Hoheit«, sagte er. »Aber ein Kurierboot aus Tellesberg ist eingetroffen.«

Er streckte seinem Kronprinzen einen Umschlag entgegen, der unverkennbar das karmesinrote Wachssiegel König Haarahlds persönlich trug. Cayleb nahm ihn entgegen; seine Miene war auf einmal völlig ausdruckslos, und er erbrach das Siegel. Steifes, schweres Papier raschelte, als er die kurze Nachricht aus dem Umschlag herausnahm, sie entfaltete und dann las. Dann blickte er auf und schaute Merlin mit einem dünnen Lächeln an.

»Es sieht so aus, als würden wir beide in Tellesberg benötigt, Merlin«, sagte er. »Der Intendant der Kirche hat seinem … Bedürfnis Ausdruck verliehen, mit uns zu sprechen.«

.II.

Königlicher Palast, Tellesberg

Es war das erste Mal, dass Merlin Pater Paityr Wylsynn persönlich begegnete, und als der Oberpriester in den Thronsaal geführt wurde, wünschte Merlin sich inständig, es wäre unter anderen Umständen zu dieser Begegnung gekommen. Praktisch unter allen anderen nur erdenklichen Umständen.

Wylsynn war noch recht jung; zwar älter als Cayleb, aber wahrscheinlich nicht deutlich älter als Nimue Alban zum Zeitpunkt ihres biologischen Todes. Er war schlank, mit rotgelocktem Haar, und seine grauen Augen schienen vor lebhafter Intelligenz regelrecht zu sprühen; diese Augen wiesen ihn, ebenso wie auch sein Haar, unverkennbar als Fremden in Charis aus.

Er trug den purpurnen Habit des Schueler-Ordens, und das Abbild eines Schwertes und einer goldenen Flamme, eingestickt in seinen Ärmel, war das deutliche Zeichen, dass er zugleich auch der kirchliche Intendant in Charis war.

Er folgte dem Kammerherrn bis zum Fuß des Podestes und verneigte sich geziemend – zunächst vor Haarahld, dann vor Bischof Maikel, der neben seiner Majestät stand, und schließlich auch vor Cayleb.

»Euer Majestät.« Der Priester hatte eine angenehme Tenorstimme, und er sprach mit einem Akzent, der sofort verriet, dass er der Elite des Tempels und der Stadt Zion angehörte.

»Vater«, gab Haarahld zurück, und sein weicher, melodischer Charis-Akzent wirkte angesichts der Sprechweise des Oberpriesters nur noch ausgeprägter.

»Ich danke Euch, dass Ihr mich so kurzfristig noch empfangt«, fuhr Wylsynn fort. »Und ich danke Euch, dass Ihr Euch zu uns gesellt habt, Eure Eminenz«, setzte er noch hinzu und deutete Bischof Maikel gegenüber eine zweite Verbeugung an.

»Sie sind uns höchst willkommen, Vater«, gab der Bischof zurück. »Und gestatten Sie mir, mich bei Ihnen dafür zu bedanken, dass Sie mich davon in Kenntnis gesetzt haben, dieses Gespräch zu suchen. Diese Geste der Höflichkeit weiß ich zutiefst zu schätzen.«

Wylsynn lächelte und vollführte eine kleine, abwehrende Handbewegung, als sei es für ihn keineswegs etwas Besonderes gewesen, Staynair hierüber zu informieren. Doch eindeutig war dem in Wirklichkeit ganz und gar nicht so. Als Intendant der Kirche hatte Pater Paityr das Recht, jeden Ort aufzusuchen, zu jedem beliebigem Zeitpunkt, und jederzeit nach eigenem Gutdünken jede beliebige Person zu befragen, ohne irgendjemanden im ganzen Königreich zuvor davon in Kenntnis setzen zu müssen – Bischof-Vollstrecker Zherald eingeschlossen.

»In Ihrer Nachricht habt Ihr die Anwesenheit von Kronprinz Cayleb und Lieutenant Athrawes erbeten«, merkte Haarahld nach kurzem Schweigen an. »Wie Ihr seht, sind beide hier. Dürfen wir jetzt den Grund erfahren, warum Ihr uns zu sprechen wünscht?«

»Selbstverständlich, Euer Majestät.« Wylsynn neigte den Kopf; es war nicht ganz eine Verneigung, aber doch eine Geste des Respekts.

»Ich fürchte, es haben den Tempel gewisse Berichte erreicht, die einige Dinge hier in Charis betreffen«, sagte er ruhig. »Die meisten, so vermute ich, sind die Folge gewöhnlicher, unvermeidbarer Übertreibungen. Andere hingegen könnten durchaus auch in böswilliger Absicht vorgelegt worden sein, von Personen, deren Interessen … nicht mit denen Eures Königreiches übereinstimmen, so könnte man es vielleicht ausdrücken. Wie dem auch sei: Wenn es so viel Rauch gibt, fühlen sich der Rat der Vikare und das Offizium der Inquisition verpflichtet, sich zu vergewissern, dass dort wirklich kein Feuer schwelt. Daher habe ich um diese Unterredung gebeten.«

Einige Sekunden lang saß Haarahld nur schweigend dort und betrachtete mit nachdenklicher Miene den jungen Oberpriester. Merlin achtete sorgsam darauf, die eigene Miene völlig ausdruckslos zu halten, während er hinter Caylebs Thron stand, doch gleichzeitig dachte er angestrengt über die Erklärung nach, die Wylsynn hier abgegeben hatte. Der Oberpriester sprach mit ruhiger, gemessener Stimme, doch es gab einen Unterton, eine Andeutung, ein Hauch von etwas, das beinahe schon Wut sein mochte, und Merlin erinnerte sich an ein kurzes Gespräch mit Bischof Maikel über die Gründe, weswegen Wylsynn die Intendanz über Charis übertragen worden sein könnte.

»Vergebt mir, Vater«, sagte Haarahld schließlich, »aber ich muss annehmen, dass sich sämtliche dieser Berichte auf die neuen Vorgehensweisen und Gerätschaften beziehen, die im Laufe der letzten Monate hier in Charis eingeführt wurden. Ich war der Ansicht, sie seien samt und sonders untersucht und für makellos befunden worden.«

»Damit habt Ihr auch durchaus recht, Euer Majestät«, stimmte Wylsynn zu. »Ich habe tatsächlich sämtliche dieser Vorgehensweisen und Gerätschaften untersucht, die dem Offizium des Intendanten zur Billigung vorgelegt wurden, ganz wie es auch erforderlich ist. Und ich war auch tatsächlich der Ansicht, nichts davon käme einer Verletzung der Achtungen auch nur nahe. Und dieser Ansicht bin ich nach wie vor.«

Wäre Merlin immer noch ein Wesen aus Fleisch und Blut gewesen, hätte er jetzt erleichtert ausgeatmet. Doch Wylsynn hatte seine Ausführungen noch nicht beendet, und nun hob er die Hand in einer Geste, als wolle er sich beim König fast entschuldigen.

»Bedauerlicherweise, Euer Majestät, hat mich Erzbischof Erayk persönlich aufgefordert, mich noch einmal zu vergewissern, dass meine Ansicht tatsächlich gerechtfertigt ist. Seine Semaphoren-Botschaft war natürlich äußerst knapp gehalten, und er hat keinen Grund angeführt, warum eine derartige Neubegutachtung erforderlich sei. Ich kann lediglich mutmaßen, dass dies eine Folge eben dieser übertriebenen Berichte ist, die ich bereits erwähnt habe.«

»Ich verstehe. Und ich begreife auch, dass es Eure Pflicht ist, die Anweisungen des Erzbischofs zu befolgen. Allerdings …« – Haarahld ließ seine Stimme ein wenig besorgt klingen – »… haben wir, nachdem man uns versichert hat, sämtliche dieser Neuerungen seien voll und ganz akzeptabel, schon viele davon in die Tat umgesetzt. Wenn nun diese Begutachtung erneut erfolgen muss, bedeutet das gewaltige Mühen – und nicht unbeträchtliche finanzielle Verluste – für zahlreiche unserer Untertanen, die in gutem Glauben gehandelt haben.«

»Glaubt mir, Euer Majestät, dessen bin ich mir voll und ganz bewusst«, entgegnete Wylsynn. »Ich habe über dieses Problem ausgiebig nachgedacht, seit ich diese Botschaft seiner Eminenz erhalten habe. Ich bin voll und ganz der Ansicht, meine bisherige Einschätzung der Lage sei in jeder Hinsicht korrekt, und die Bewertung sämtlicher Dinge, die meinem Offizium vorgelegt wurden, sei angemessen. Auch wenn ich seiner Eminenz selbstverständlich diensteifrigen Gehorsam schulde, sehe ich doch keinerlei Notwenigkeit, die Begutachtung und Prüfung zu wiederholen – ich bin sehr zuversichtlich, dass am Ende dessen meine Meinung unverändert bliebe. Aber derzeit bin ich doch geneigt zu bezweifeln, dass jegliches Protestieren meinerseits seiner Eminenz gegenüber Eurem Königreich … zuträglich wäre.«

Merlin kniff die Augen zusammen, und er spürte, wie sich Caylebs Schultern anspannten. Über den jungen Pater Paityr war man allgemein der Ansicht, er sei an den politischen Realitäten der einzelnen Fraktionen der Kirche des Verheißenen geradezu geringschätzig desinteressiert – und auch daran, wie die weltlichen Herrscher eben diese Fraktionen zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzen. Und das machte seinen letzten Satz noch deutlich interessanter, als er es an sich schon gewesen wäre.

»Wenngleich ich der Ansicht bin, die Befürchtungen des Erzbischofs – angenommen natürlich, es seien tatsächlich seine Befürchtungen, und nicht die des Rates der Vikare – seien unangemessen«, fuhr Wylsynn fort, »bin ich doch durch meinen Amtseid und durch meine Pflichten als einer der Priester Gottes gezwungen, seine Anweisungen nach bestem Wissen und Gewissen zu befolgen. Nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluss gekommen, die wahre Natur der Dinge, die hier zur Besorgnis Anlass geben, habe doch weniger mit den eigentlichen Vorgehensweisen und Gerätschaften zu tun, die ich bereits im Namen von Mutter Kirche gebilligt habe, als vielmehr mit der Zukunft, zu der sie dereinst führen könnten.«

Was, dachte Merlin mehr als nur ein wenig besorgt, nur um so mehr ›politisches‹ Verständnis dieses Oberpriesters zeigt. Und mit einem einzigen Satz hat er den Nagel genau auf den Kopf getroffen.

»Die Heilige Schrift warnt uns, dass Veränderungen stets Veränderungen gebären, und dass Shan-weis Versuchungen immer einen Weg finden, sich Schritt um Schritt in unsere Herzen zu stehlen«, erklärte Wylsynn ernst. »Angesichts dessen erscheinen mir die Befürchtungen seiner Eminenz durchaus berechtigt. Und, um ganz ehrlich zu sein: Ich muss feststellen, dass ich ihm in mancherlei Hinsicht sogar ein wenig zustimmen muss. Euer Volk hier in Charis ist … ungestüm, Euer Majestät. Ich habe es lieben und bewundern lernen können, aber es mag im Schoße von Mutter Kirche jene geben, die Vorbehalte gegen ein Volk haben könnten, das stets Verbesserungen an allem vornimmt, was immer es auch tut – und jene eben mögen darin tatsächlich einen Grund für ihre Befürchtungen sehen.

Genau deswegen, und auch, um das zu tun, wovon ich glaube, es sei das, was der Erzbischof tatsächlich beabsichtigt hat, habe ich nach langen Gebeten und langer Meditation einen Weg gefunden, wie wir meines Erachtens verfahren sollten. Ich schlage vor, unmittelbar die Dinge anzugehen, die der eigentliche Grund für die Befürchtungen des Erzbischofs sind.«

»Wie das, Pater?«, fragte Haarahld ein wenig skeptisch.

»Folgendermaßen, Euer Majestät«, entgegnete Wylsynn und berührte das Szepter Langhornes an seiner Brust. Es war größer als bei den meisten anderen und reichhaltig mit Edelsteinen besetzt – genau die Art Szepter, die man bei jemandem, der aus einer so reichen und berühmten Familie wie der Wylsynns stammte, erwarten würde. Doch niemand im Thronsaal rechnete mit dem, was geschah, als Wylsynn dieses Szepter nun in die Hand nahm und Ober- und Unterteil gegeneinander verdrehte.

Das Oberteil mit der Krone löste sich, und nun war zu erkennen, dass der Stab selbst sich in einer mit Gold ausgeschlagenen Öffnung im Inneren dieses Oberteils fortsetzte.

Wylsynn ließ das Oberteil sinken – nun hing es an der goldenen Kette um seinen Hals – und tippte mit dem rechten Zeigefinger gegen die obere Spitze. Und als er den Stab berührte, begann dieser zu leuchten.

Wie verzaubert starrten Haarahld, Bischof Maikel, Cayleb und sämtliche Leibgardisten des Königs das immer kräftiger werdende blaue Leuchten an. Merlin tat es ihnen gleich, tat es aber aus völlig anderen Gründen.

»Dies hier«, sagte Wylsynn mit ruhiger Stimme, »ist ein Schatz von Mutter Kirche, der meiner Familie bereits vor Jahrhunderten anvertraut wurde. Gemäß den Überlieferungen, die von Generation zu Generation weitergereicht wurden, gehörte es einst dem Erzengel Schueler persönlich.«

Er führte die Fingerspitzen zuerst an sein Herz, dann an die Lippen, und alle anderen Anwesenden, Merlin eingeschlossen, folgten seinem Beispiel.

»Es gehört zum Wesen des Steins von Schueler«, fuhr Wylsynn dann fort, »dass, so denn jemand, der ihn berührt und eine Lüge ausspricht, der Stein sich blutrot verfärbt. Wenn Ihr gestattet, Euer Majestät, schlage ich vor, dass ich jedem der hier Anwesenden einige einfache Fragen stelle. Der Stein wird mich lehren, ob die Antworten, die ich erhalte, die Wahrheit sind oder nicht, und zusammen mit den Begutachtungen, die ich bereits vorgenommen habe, wird mir das ermöglichen, auf die Befürchtungen des Erzbischofs in gutem Glauben zu reagieren.«

Immer noch hatte der Oberpriester den Blick fest auf Haarahld gerichtet, Miene und Körperhaltung zeigten unverkennbar, wie ernst ihm das alles hier war, und nun legte er beide Hände auf den leuchtenden, blauen Kristall.

»Niemand, von wenigen Mitgliedern meiner eigenen Familie abgesehen, weiß, wem in dieser Generation der Stein gewährt wurde«, sagte er. »Tatsächlich glauben sogar die meisten Diener der Kirche, er sei zum Zeitpunkt des Todes von Sankt Evyrahard für alle Zeiten verlustig gegangen. Ich enthülle Euch das nicht leichten Herzens, aber ich habe … meine eigenen Befürchtungen, was die wahre Natur dieser Anschuldigungen betrifft, die derzeit im Tempel gegen Charis erhoben werden.«

Für Merlin war es unverkennbar, dass es diesem jungen Oberpriester beinahe körperliches Ungemach bereitete, etwas Derartiges zugeben zu müssen, doch der Kristall glomm nach wie vor leuchtend blau, und Wylsynn fuhr fort, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Ich glaube, dass Gott mir diesen Stein für genau diesen Augenblick hat zukommen lassen, Euer Majestät. Ich glaube, Er hat die Absicht, meine eigene Besorgnis zu zerstreuen, damit ich weiß, wie ich am besten auf die Befürchtungen anderer reagiere.«

Er hielt inne, und Merlin hielt innerlich den Atem an, als Haarahld VII. von Charis dem jungen Oberpriester tief in die Augen blickte.

Im Gegensatz zu Haarahld wusste Merlin genau, was dort im Inneren von Wylsynns ›Reliquie‹ versteckt war; nicht, dass er damit gerechnet hatte, so etwas jemals zu Gesicht zu bekommen.

Es war ein Verifikator – die ultimative Weiterentwicklung der alten, schwerfälligen Lügendetektoren aus der Zeit vor der Entwicklung der Raumfahrt. Im Gegensatz zu allen früheren Versuchen, den Wahrheitsgehalt einer Aussage zu ermitteln, analysierte ein solcher Verifikator das Hirnwellenmuster des jeweils

vernommenen Individuums. Laut den Gesetzen der alten Terra-Föderation durften Verifikatoren nur auf ausdrückliche Anordnung eines ordentlichen Gerichtes eingesetzt werden, und selbst dann galten strenge Sicherheitsvorkehrungen: deutliche Einschränkungen bei der Art und Weise der Fragen, die gestellt werden durften, um unspezifische Erkundungen oder Hexenjagden zu vermeiden.

Selbst diese Verifikatoren waren keine perfekten Hüter der Wahrheit. Während der Zeit, in der sie eingesetzt worden waren – fast ein Jahrhundert –, hatte es keinen Fall gegeben, in dem ein Verifikator jemals eine bewusste Lüge als ›Wahrheit‹ interpretiert hatte, doch dieses Gerät vermochte einem Vernehmer nur zu verraten, ob die vernommene Person das sagte, was sie für die Wahrheit hielt. Ein Verifikator konnte nicht wie von Zauberhand eine Wahrheit enthüllen, die niemand kannte … und gewisse Geisteskrankheiten konnten zu widersprüchlichen Ergebnissen führen.

Das Gerät, das Wylsynn jetzt in der Hand hielt, mochte sich durchaus tatsächlich zuvor in Schuelers unmittelbarem Besitz befunden haben. Zumindest hatte es einem Mitarbeiter aus Langhornes Kommandostab gehört, und ganz offensichtlich war das Gerät so gebaut worden, dass es praktisch für alle Zeiten funktionieren würde. Der Kristall selbst war eigentlich nichts anderes als ein gewaltiger Brocken aus Molekularschaltungen, den selbst ein Vorschlaghammer nicht hätte beschädigen können – doch durch irgendetwas musste dieses Gerät auch die erforderliche Energie erhalten. Merlin war sich nicht sicher, doch es erschien ihm sehr wahrscheinlich, dass der ›Engel‹, der diese ›Reliquie‹ einst Wylsynns Familie vermacht hatte, sie auch ein Ritual gelehrt hatte, mit dem dieses Gerät immer wieder aufgeladen wurde – vielleicht einfach mit einem schlichten Sonnenenergie-Konverter, der in das Gerät eingebaut war.

Doch nichts von alledem war jetzt von Bedeutung. Von Bedeutung war nur, dass dieser örtliche Repräsentant der Inquisition in Charis über ein derartiges Gerät verfügte.

»Es ehrt mich, dass Ihr bereit seid, uns die Existenz dieser Reliquie kundzutun, Pater. Und Gleiches gilt für Euer Vertrauen in unsere Verschwiegenheit und Eure Entschlossenheit, über diese Angelegenheit gerecht zu urteilen«, sagte Haarahld schließlich. »Ich selbst fürchte keine Frage.« Er blickte die anderen Anwesenden nicht einmal an.

»Wir werden die Fragen beantworten, die Ihr uns stellt«, entschied er.

Reglos stand Merlin hinter Caylebs Thron, als Wylsynn auf den König zuschritt. Der Oberpriester streckte ihm den Verifikator entgegen, und mit festem Griff nahm Haarahld ihn in beide Hände, ohne jegliches Zögern – trotz des unwirklichen Lichtes, das diese ›Reliquie‹ verströmte. Er blickte über das blaue Leuchten, das seine Finger fast durchsichtig wirken ließ, geradewegs zu Wylsynn hinüber.

»Ich werde meine Fragen so kurz halten, wie ich nur kann, Euer Majestät«, versprach der Oberpriester.

»Fragt nur, Pater«, gab Haarahld mit fester Stimme zurück.

»Nun gut, Euer Majestät.« Wylsynn räusperte sich. »Euer Majestät, nach allem, was Ihr wisst: Verstoßen jegliche dieser neuen Vorgehensweisen, Gerätschaften oder Konzepte, die bereits in Charis eingeführt wurden oder eingeführt werden sollen, in irgendeiner Weise gegen die Achtungen der Jwo-jeng?«

»Das tun sie nicht«, erwiderte Haarahld förmlich, mit ruhiger Stimme, und der Verifikator glomm weiterhin gleichmäßig blau.

»Wisst Ihr von irgendeiner Person hier in Charis, die sich Gottes Plan für Safehold widersetzen will?«, fuhr Wylsynn fort, und wieder hielt Merlin innerlich den Atem an.

»Ich weiß von niemandem hier in Charis, der sich dem Willen Gottes würde widersetzen wollen«, sagte Haarahld. »Ich bezweifle nicht, dass es derartige Personen gibt, denn es gibt immer jene, die das Böse dem Guten vorziehen, aber wenn sie denn existieren, so weiß ich nicht, wer sie sein mögen oder wo sie sich aufhalten.«

Und der Verifikator glomm stetig weiter.

»Akzeptiert Ihr, als Individuum und als Monarch, Gottes Plan für Safeholds Heil?«, fragte Wylsynn weiter, und dieses Mal spannte sich Haarahlds Miene sichtlich an, als durchzucke ihn immenser Zorn. Doch er antwortete in der gleichen ruhigen, gemessenen Art und Weise.

»Ich akzeptiere Gottes Plan für diese Welt, für mein Königreich und für mich selbst«, antwortete er, und der Verifikator leuchtete weiterhin blau.

»Habt Ihr Böses gegen jene im Sinne, die nichts Böses gegen Euch im Sinne haben?«, fragte Wylsynn sehr leise, und Haarahld neigte den Kopf ein wenig zur Seite.

»Vergebt mir, Vater«, sagte er über das blaue Leuchten hinweg, »aber diese Frage scheint mir doch ein wenig zu weit zu gehen.«

Wylsynn wollte schon etwas erwidern, doch der König schüttelte den Kopf, bevor der Oberpriester dazu kam.

»Dennoch«, fuhr Haarahld fort, »werde ich sie beantworten. Ihr habt mir Euer Vertrauen geschenkt, also werde ich Gleiches mit Gleichem vergelten. Die Antwort auf Eure Frage lautet: Ich habe gegen niemanden etwas Böses im Sinn, der nicht gegen mich oder gegen die Untertanen, für deren Leben und Sicherheit ich verantwortlich bin, handelt oder zu handeln versucht.«

Das blaue Glimmen des Verifikators ließ nicht nach, und Wylsynn verneigte sich tief vor dem König, dann trat er einen Schritt zurück.

»Ich danke Euch, Euer Majestät«, sagte er und richtete den Blick dann auf Cayleb.

»Euer Hoheit?«, fragte er, und Cayleb streckte die Hand ebenso furchtlos aus wie vor ihm sein Vater.

»Ihr habt die Antwort Seiner Majestät auf meine Fragen gehört, Euer Hoheit«, sagte Wylsynn. »Darf ich fragen, ob Ihr im Einklang mit seinen Antworten steht?«

»Das tue ich.«

»Teilt Ihr die Ansichten Eures Herrn Vaters in diesen Belangen?«

»Das tue ich.«

»Ich danke Euch, Euer Hoheit«, sagte Wylsynn, nachdem die ganze Zeit über sein Verifikator blau geleuchtet hatte. Dann richtete er den Blick auf Merlin.

»Zusätzlich zu der Sorge wegen der Behauptung, es würde gegen die Achtungen verstoßen, hat mich seine Eminenz auch davon in Kenntnis gesetzt, dass es Berichte über einen schlechten Einfluss auf den Königlichen Rat gegeben habe. Namen wurden nicht genannt, aber ich könnte mir vorstellen, dass sämtliche dieser Berichte sich um Sie ranken, Lieutenant Athrawes. Sie sind schließlich ein Fremder, und es halten sich hartnäckig Gerüchte, Sie wären ein Seijin. Der Erzbischof hat mich nicht ausdrücklich aufgefordert, diesen Gerüchten nachzugehen, aber es wäre für mich von immensem Wert – und auch eine immense Erleichterung für mich –, wenn Sie mir gestatten würden, dies trotzdem zu tun.«

Einige Sekunden lang blickte Merlin ihn nur schweigend an; er spürte, dass Caylebs Anspannung deutlich zunahm. Dann verzog er die Lippen zu einem schiefen Grinsen und verneigte sich vor dem Oberpriester.

»Ich hätte niemals etwas Derartiges erwartet, Pater«, sagte er völlig aufrichtig. »Aber wenn ich zu Diensten sein kann, so habt Ihr selbstverständlich meine Einwilligung.«

Er streckte die Hand aus und legte sie auf den Verifikator. Während er das tat, glomm ein kleines grünes Icon in seinem Augenwinkel auf, und innerlich atmete er tief durch, als er auf diese Weise davon in Kenntnis gesetzt wurde, dass dieser Verifikator vollständig einsatzbereit war. Die Schaltungen dieses Geräts und die zugehörige Programmierung hatten bereits festgestellt, dass er in Wirklichkeit ein PICA war, aktiv im autonomen Modus. Dieses Gerät konnte nicht feststellen, dass er mit manipulierter Software arbeitete, und es bestand auch keinerlei Möglichkeit, Wylsynn davon in Kenntnis zu setzen. Doch das Gerät war so konstruiert, dass es auch mit dem MolyCirc-Gehirn eines PICA interagieren konnte, nicht nur mit einem menschlichen, und so war das Gerät sofort in den entsprechenden Analysemodus umgesprungen.

Und das bedeutete, dass dieser Verifikator sofort bemerken würde, wenn Merlin diesen Oberpriester anlog.

»Sind Sie ein Seijin, Lieutenant?«, fragte Wylsynn.

»Ich verfüge über einige, aber bei Weitem nicht über alle Fähigkeiten, die gemeinhin den Seijin zugesprochen werden«, erwiderte Merlin ruhig; er wählte seine Worte äußerst bedachtsam. »Ich habe sie im Laufe zahlreicher Jahre in den Bergen des Lichts erlangt, aber keiner meiner Lehrer oder Ausbilder hat mich jemals als ›Seijin‹ bezeichnet.«

Wylsynn betrachtete das gleichmäßige, blaue Glimmen des Verifikators, dann blickte er Merlin wieder in die Augen.

»Warum sind Sie nach Charis gekommen?«

»Aus vielerlei Gründen«, sagte Merlin. »Insbesondere bin ich in dieses Königreich gereist, um meine Dienste und mein Schwert anzubieten, weil ich König Haarahld bewundere und respektiere, und weil ich glaube, dass Charis den Menschen die besten Möglichkeiten bietet, so zu leben, wie Gott es für die Menschen vorgesehen hat.«

»Darf ich anhand Ihrer letzten Antwort davon ausgehen, dass Sie auf Gottes Plan für Safehold vertrauen?«

»Pater«, sagte Merlin sehr ernsthaft, »ich glaube an Gott, ich glaube, dass Gott einen Plan für alle Menschen hat, und ich glaube, dass es die Pflicht eines jeden Mannes und einer jeden Frau ist, sich stets im Dienste des Lichtes der Finsternis entgegenzustellen.«

Der Verifikator flackerte nicht ein einziges Mal, und Wylsynns bislang angespannte, konzentrierte Miene verzog sich zu einem leichten, schiefen Grinsen.

»Ich wollte Ihnen eigentlich noch einige weitere Fragen stellen, Lieutenant«, sagte er, »aber Sie scheinen von der Wirksamkeit ausführlicher Antworten überzeugt zu sein.«

»Man müht sich, Pater«, murmelte Merlin, und er und der Oberpriester verneigten sich kurz voreinander, bevor Wylsynn sich wieder von dem Podest zurückzog, sorgfältig den Verifikator deaktivierte, ihn dann wieder mit dem Kopfteil des Szepters verschloss und auf diese Weise vor den Blicken anderer verbarg.

»Ich danke Euch, Euer Majestät. Und Ihnen ebenfalls, Lieutenant Athrawes. Ich glaube, ich weiß jetzt alles, was ich wissen musste, um angemessen auf die Befürchtungen des Erzbischofs reagieren zu können.«

»Wir waren Euch gerne zu Diensten«, entgegnete Haarahld, und Merlin fragte sich, ob die ruhige Stimme des Königs wohl ebenso viel Erleichterung verbarg, wie Merlin sie selbst verspürte.

»Und nun, Euer Majestät, Eure Eminenz, werde ich mich mit Eurer Erlaubnis zurückziehen. Es ist mir sehr wohl bewusst, dass Ihr Euch noch um zahlreiche Pflichten kümmern müsst.«

»Selbstverständlich, Pater«, gab Haarahld zurück, und Bischof Maikel hob die Hand zum Segen.

»Sie haben hier gute Arbeit geleistet, Pater«, sagte der Bischof. »Wären doch nur alle Priester von Mutter Kirche so standfest im Glauben, so eifrig und so sorgsam darin, ihre Pflichten zu erfüllen. Der Segen Gottes und der Erzengel sei mit Ihnen.«

»Ich danke Euch, Eure Eminenz«, gab Wylsynn mit leiser Stimme zurück. Dann verneigte er sich erneut und war fort.

.III.

Das ›König-Haarahld-V.‹-Stadion,
Tellesberg

»Streeeeeike drei!«

Sämtliche Zuschauer im ausverkaufen ›König-Haarahld -V.‹-Stadion schrien missmutig auf, als die Entscheidung verkündet wurde, doch der weiß gekleidete Schiedsrichter hinter dem Schutzwall ignorierte alle Schmährufe. Schiedsrichter waren schließlich die einzigen Personen aus der Hierarchie von Mutter Kirche, die es gewohnt waren, ausgebuht zu werden und erbitterten Widerspruch zu ernten.

Gelegentlich bedauerte Bischof-Vollstrecker Zherald Ahdymsyn, dass dem so war. Es widersprach seinem Verständnis von Schicklichkeit und Anstand, dass jegliche Diener vor Mutter Kirche in dieser Weise geschmäht werden sollten, auch wenn der Erzengel Langhorne äußerst vorsichtig vorgegangen war, als er in den Gesetzen der Heiligen Schrift gefordert hatte, das Amt des Schiedsrichters solle nur von Laien besetzt werden. Also buhte die Menge hier keinen geweihten Priester aus. Und gerade in diesem Falle hier verstand selbst der erbosteste Sportbegeisterte, dass die Entscheidung des Schiedsrichters durchaus seine Richtigkeit gehabt hatte.

Aber es wäre vielleicht ein bisschen zu viel verlangt, das auch noch zuzugeben. Die jährliche Meisterschaft des Königreiches – wieder fand das Endspiel zwischen den Tellesberg-Kraken und ihrem traditionellen, verhassten Gegner, den Hairatha-Drachen statt – stand mit drei zu drei Spielen bislang unentschieden, und jetzt hatten sie bereits das siebte Inning des entscheidenden letzten Spiels erreicht; die Kraken standen mit zwei Runs und vollbesetzten Bases im Rückstand, und das machte ein zweites Out bei einem Strike um so schmerzhafter.

Langsam verebbte das Getöse der Menge wieder zu normalem Stadionlärm, und nur noch gelegentlich waren Mutmaßungen über die Sehfähigkeit des Schiedsrichters zu vernehmen; der nächste Batter betrat die Plate. Ein abschätziges Spottjubeln der Zuschauer ertönte, als er in die Batter’s Box trat. Zhan Smolth war einer der bekanntesten Pitcher der ganzen Liga, vor allem in der Nachsaison, und an sich war er immens populär. Doch wie die meisten Pitcher war er mit dem Schläger bestenfalls mittelmäßig. Und nicht nur das: Bei seinem letzten Einsatz war er in ein Double Play geschlagen worden, mit dem das gesamte Inning beendet worden war, und ganz offensichtlich rechneten die Zuschauer damit, jetzt … enttäuscht zu werden.

Und das sind Umstände, sinnierte Ahdymsyn, die den Strikeout des letzten Batters nur noch qualvoller machen.

Dieser Gedanke ließ den Bischof leise auflachen, als Smolth die Stollen seiner Schuhe tief in den Boden stemmte und mit dem Schläger kurz die Plate antippte; dann lehnte sich Ahdymsyn in seinem bequemen, schattigen Sitz in der Loge zurück, die ausschließlich der Kirche vorbehalten war. Eine derartige Loge gab es in jedem größeren Baseball-Stadion. Alle anderen Zuschauer beobachteten gespannt das Drama, das sich jetzt auf dem sonnigen Platz abzuspielen drohte, doch Ahdymsyns Lächeln schwand. Er hatte andere Dinge im Kopf – deutlich wichtigere Dinge.

Im Haarahld-V.-Stadion befand sich die Kirchenloge unmittelbar zur Rechten der königlichen Loge. Zherald brauchte nur den Kopf zur Seite zu drehen, um König Haarahld und Kronprinz Cayleb sehen zu können, die jetzt gebannt auf das äußerst gepflegte Spielfeld hinabschauten, und er legte, wenn auch kaum merklich, die Stirn in Falten, als er die beiden sah. Die gerunzelte Stirn verriet, wie besorgt er war – doch das hatte mit diesem Spiel nicht das Geringste zu tun.

Zherald Ahdymsyn hatte nicht so viele Jahre lang als Bischof-Vollstrecker im Königreich Charis gedient, ohne ein gewisses Gespür für die derzeitigen politischen Strömungen im Tempel entwickelt zu haben, selbst noch über diese gewaltige Entfernung nach Zion hinweg. Normalerweise erzählte ihm niemand irgendetwas, doch er hatte immense Erfahrung darin, die Briefe Erzbischof Erayks zu lesen – durchaus auch zwischen den Zeilen –, und die letzten Depeschen, die ihn erreicht hatten, waren … deutlich offener gewesen als üblich. Es war für Ahdymsyn ganz offenkundig, dass seine derzeitigen Herren ungewöhnlich beunruhigt waren ob der Berichte, die sie aus Charis erhielten – und nicht alle dieser Berichte stammten aus seiner Feder. Das war niemals gut, und wegen dieses bedauernswerten, sonderbaren Unfalls, der verhindert hatte, dass der Erzbischof zum gewohnten Zeitpunkt die Reise zu seiner Gemeinde antrat, kam nun dem Bischof-Vollstrecker die Verantwortung zu, sich darum zu kümmern. Und das war, zumindest nach Zherald Ahdymsyns Meinung, sogar noch schlimmer.

Kurz grübelte er über diesen unschönen Gedanken nach, dann schaute er zu dem jüngeren Priester hinüber, der neben ihm saß.

Wie ein dunkler, purpurner Fleck hob sich Pater Paityr Wylsynn von den bischöflichen Weiß-, Braun- und Grüntönen der anderen Bischöfe und Priester ab, die zusammen mit ihm in dieser Loge saßen. Der Wettbewerb um einen Sitzplatz war während der Meisterschaft des Königreiches stets heftig, und rein formal war Wylsynn einigen der anderen Oberpriester und kirchlichen Würdenträgern, die dieses Mal keinen Sitzplatz in der kirchlichen Loge ergattert hatten, deutlich untergeordnet. Doch das war bedeutungslos. Als der Intendant von Mutter Kirche (und der Inquisition) in Charis war der einzige aus der charisianischen Hierarchie, der diesem jungen, konzentrierten Schueleriten faktisch übergeordnet war, Ahdymsyn selbst.

Und damit fühlte sich der Bischof-Vollstrecker deutlich unwohl. Priester wie Wylsynn stellten oft selbst unter normaleren Umständen ein echtes Problem für ihre verwaltungstechnischen Vorgesetzten dar. Und falls sich Ahdymsyn nicht wirklich drastisch täuschte, konnte hier von ›gewöhnlichen Umständen‹ nicht die Rede sein.

»Sagen Sie, Vater«, ergriff er nach kurzem Nachdenken das Wort, »sind Ihnen schon neue Gedanken zu dem Thema gekommen, über das wir am Donnerstag gesprochen haben?«

»Wie bitte, Eure Eminenz?« Wylsynn drehte sich zu dem Bischof herum. »Ich habe mich ganz auf das Spielfeld konzentriert, deswegen habe ich Eure Frage nicht verstanden.«

»Das ist nicht schlimm, Pater.« Ahdymsyn lächelte. »Ich habe nur gefragt, ob Ihnen schon weitere Gedanken zu dem Problem gekommen sind, über das wir letztlich gesprochen haben.«

»Oh.« Wylsynn neigte den Kopf zur Seite; seine Miene wirkte auf einmal deutlich nachdenklicher, doch dann zuckte er fast unmerklich mit den Schultern.

»Eigentlich nicht, Eure Eminenz«, gab er dann zurück. »Ich habe weidlich über die letzten Depeschen und Anweisungen nachgedacht, und wie Ihr ja selbst wisst, habe ich angesichts dieser letzten Anweisungen den König und den Kronprinzen persönlich befragt. Ich habe auch meine eigenen Aufzeichnungen bezüglich der ersten Untersuchung all dieser neuen Vorgehensweisen und Gerätschaften noch einmal ausgiebig durchgesehen. Und genau wie ich es Euch ja bereits versprochen hatte, habe ich zahlreiche Stunden in meiner Zelle verbracht und ernsthaft über dieses Thema meditiert und gebetet. Im Augenblick haben weder Gott noch die Erzengel …« – er führte die Fingerspitzen der rechten Hand zuerst ans Herz, dann an die Lippen – »… mir zusätzliche Erkenntnisse gewährt. Ich …«

»Strike eins!«, rief der Schiedsrichter, als der Pitcher der Drachen einen Ball mit immenser Geschwindigkeit geradewegs in die Mitte der Strike Zone schleuderte. Bei seinem viel zu späten und recht ungelenk ausgeführten Schlag berührte Smolth den Ball nicht einmal, und zahlreiche Zuschauer stöhnten enttäuscht auf. Zu denen gehörte auch Wylsynn, dann schoss ihm das Blut ins Gesicht, als ihm bewusst wurde, dass er sich durch ein Spiel von einem Gespräch mit seinem geistlichen Vorgesetzten hatte ablenken lassen.

»Ich bitte um Verzeihung, Eure Eminenz.« Sein entschuldigendes Lächeln ließ ihn noch jünger erscheinen, fast schon jungenhaft. »Ich weiß, dass ich ein guter Nordjunge aus den Tempel-Landen bin, aber ich fürchte, die Kraken haben mich verführt, meine Treue nicht den Peitschenechsen gelten zu lassen. Bitte erzählt Vater nichts davon! Dafür würde er mich zumindest enterben!«

»Machen Sie sich keine Sorgen deswegen, Pater.« Der Ernsthaftigkeit seiner eigenen Gedanken und all seiner Sorgen zum Trotze erwiderte Ahdymsyn das Lächeln. Trotz des nur zu oft bedrohlichen Rufes, in dem der Schueler-Orden stand – und auch trotz des geradezu frustrierenden Desinteresses, das Wylsynn sämtlicher Politdynamik im Tempel selbst entgegenbrachte –, war er doch ein äußerst sympathischer junger Mann. »Ihr Geheimnis ist gut bei mir bewahrt. Aber was wollten Sie gerade sagen?«

»Ich glaube, ich wollte gerade sagen – bevor uns dieser Schiedsrichter so unsanft unterbrochen hat –, dass trotz all meiner Gebete und Meditationen, oder vielleicht gerade deswegen, ich immer noch recht zufrieden mit meiner ursprünglichen Beurteilung all dieser Dinge bin.«

»Dann machen Sie sich weiterhin keinerlei Sorgen, die Achtungen könnten übertreten werden?«

»Eure Eminenz«, gab Wylsynn ernst zurück, »als Mitglied des Ordens, und als der Intendant von Mutter Kirche hier in Charis, mache ich mir stets Sorgen darüber, die Achtungen könnten übertreten werden. Tatsächlich ist sich der Orden durchaus der Tatsache bewusst, dass man gerade hier in Charis besonders wachsam sein muss, so weit vom Tempel entfernt, und ich versichere Euch, dass ich in dieser Hinsicht sowohl die Anweisungen des Großinquisitors als auch die des Erzbischofs äußerst sorgfältig befolgt habe. Doch nicht eine der neueren Entwicklungen hier im Königreich kommt einer Übertretung der Achtungen auch nur nahe.«

»Ich weiß sehr wohl, dass dies vor allem in den Verantwortungsbereich der Schueleriten fällt, Pater Paityr«, gab Ahdymsyn zurück. »Und falls es so gewirkt haben mag, als würde ich etwaige Zweifel an dem Eifer hegen, mit dem Sie diese Verantwortung tragen, so war das doch nicht meine Absicht.« Nachdenklich legte er die Stirn in Falten. »Ich denke, es ist einfach nur die Tatsache, dass so viele … Innovationen in so kurzer Zeitspanne aufgetaucht sind, die mich in gewissem Maße beunruhigen.

Und es will mir ganz so scheinen, als gelte Gleiches in ungleich stärkerem Maße mittlerweile auch für gewisse andere Personen – jetzt, da die Kunde davon den Tempel erreicht hat, dachte er.

»Strike zwei!«

Das Stöhnen der Menge wurde lauter, als der Ball klatschend im Handschuh des Fängers landete. Nicht, dass irgendjemand das Smolth zum Vorwurf hätte machen können. Der Pitcher der Drachen wusste genau, dass schon ein einziger Patzer einen gewaltigen Unterschied an der Anzeigetafel bewirken konnte, und so warf er Smolth den Ball nicht in der Art und Weise zu, wie er es normalerweise bei jemandem getan hätte, der das gleiche Schlaggeschick an den Tag gelegt hätte wie Smolth in der Hauptsaison. Dieser hinterlistige Wurf, bei dem er dem Ball einen deutlichen Effet versetzt hatte, hätte wohl jeden Schlagmann in Schwierigkeiten gebracht.

»Ich verstehe sehr wohl, warum Ihr Euch gewisse Sorgen macht, Eure Eminenz«, sagte Wylsynn nun und schüttelte mit einem schiefen Grinsen den Kopf, als er zuschauen musste, wie Smolth aus der Batter’s Box heraustrat, um sich kurz zu sammeln. Dann drehte sich der Schuelerit wieder herum und blickte Ahdymsyn geradewegs in die Augen.

»Tatsächlich«, sagte er dann deutlich ernsthafter, »hat selbst mich das ein wenig erschreckt, selbst hier in Charis! Auch wenn ich im Laufe der Jahre, die ich hier nun schon der Kirche diene, noch keinerlei Hinweise auf dämonische Einflüsse habe entdecken können, muss ich doch gestehen, dass die Leidenschaft, mit der die Charisianer sich bemühen, alles stets noch zu verbessern, gelegentlich doch geradezu beängstigend ist – und diese Königliche Hochschule, die sie seit einiger Zeit haben, macht alles nur noch schlimmer. Auch ich habe schon einige Male daran meine Zweifel gehabt, und dass so viele neue Ideen fast gleichzeitig auftauchen, hat mich regelrecht erschreckt.

Dennoch möchte ich darauf hinweisen, dass sämtliche dieser Innovationen, mit denen wir uns im Laufe der letzten Monate befasst haben, in Wirklichkeit nichts anderes sind als die Anwendung bereits existierender, längst gutgeheißener Techniken und Praktiken – nur eben die Anwendung auf bislang ungewohntem Gebiet. Aber jede dieser Techniken und Vorgehensweisen wurde zuvor ausführlich durch Mutter Kirche überprüft, bevor der Orden sie offiziell gebilligt hat. Und die Heilige Schrift untersagt nirgends, gebilligte Techniken zu anderen Zwecken als den bisherigen zu nutzen, solange diese Zwecke nicht im Widerspruch mit Gottes Plan stehen.«

»Ich verstehe.« Einige Sekunden lang blickte Ahdymsyn den jüngeren Mann nur schweigend an und wünschte sich sehnlichst, er könne ihm die Frage stellen, die ihm eigentlich auf der Zunge lag.

Bei den meisten anderen Intendanten hätte er das vielleicht sogar tun können, aber man hatte Wylsynn nicht ohne Grund nach Charis abgeschoben. Es gab tatsächlich sogar mehrere Gründe dafür, und einer davon war, dass er sich ganz offen gegen die Art und Weise aussprach, mit der ranghöhere Prälaten von Mutter Kirche zuließen, dass sich ein gewisser Pragmatismus auf ihren Entscheidungsfindungsprozess auswirkte. Seine ebenso offen zur Schau gestellte Ablehnung all dessen, was er als ›Dekadenz‹ im Lebensstil genau der gleichen Prälaten erachtete, und nicht zuletzt seine Herkunft hatten die möglichen Konsequenzen dieser Grundhaltung durchaus bedrohlich erscheinen lassen.

Im Laufe der Zeit hatte die Familie Wylsynn nicht weniger als sechs Großvikare gestellt. Noch der Vor-Vorgänger des derzeitigen Großvikars war ein Wylsynn gewesen, und einer aus ihren Reihen – Großvikar Evyrahard der Gerechte – hatte vor einhundert Jahren als inbrünstiger Reformer gegen den ›Amtsmissbrauch‹ des Tempels gekämpft. Das Amt eines Großvikars hatte er weniger als zwei Jahre ausgeübt, dann war er mysteriöserweise von seinem Balkon gestürzt und hatte dabei den Tod gefunden – doch in den oberen Reihen des Episkopats erinnerte man sich immer noch mit Schaudern an ihn. Als direkter Erbe von Sankt Evyrahard – und das in mehr als nur einer Hinsicht – hätte der junge Paityr mit Leichtigkeit zu beträchtlichem Einfluss im Tempel aufsteigen können, wenn er sich nur dafür entschieden hätte, sich an die allgemeinen Spielregeln zu halten. Und das hätte für zu viele durchaus behagliche Beziehungen des Tempels eine untragbare Bedrohung dargestellt.

Glücklicherweise war Pater Paityr an Politik so desinteressiert, wie es nur denkbar war – und die gleichen familiären Beziehungen hatten verhindert, dass ihn die schlimmstmöglichen Konsequenzen des Unmuts seiner Vorgesetzten ereilt hatten. Andererseits konnte man, gerade angesichts seines familiären Hintergrunds, seinen derzeitigen Rang, den eines bescheidenen Oberpriesters, durchaus als Strafe für seine Tendenz werten, große Wellen zu schlagen. Und Gleiches galt natürlich auch dafür, dass er überhaupt nach Charis versetzt worden war.

Doch niemand konnte die Frömmigkeit oder den Verstand von Pater Paityr Wylsynn anzweifeln. Das war sogar Teil genau des Problems, mit dem sich Ahdymsyn jetzt herumplagen musste: Wylsynn war viel zu eifrig darauf bedacht, die Pflichten zu erfüllen, die ihm sein Orden auferlegte – eben die Orthodoxie der Kirche zu wahren –, als dass er Zeit auf Dinge wie die internen Fraktionen der Kirche hätte verschwenden können, oder auf die beständigen Streitigkeiten, in die sich diese Fraktionen immer wieder ergingen – und niemand in seinem ganzen Orden war besser darüber informiert, was alles zu den Pflichten seines Ordens gehörte. Das mochte gleichermaßen der Grund sein, ihn in Charis einzusetzen, wie ihn von Zion fernhalten zu wollen. Doch gemeinsam nahmen alle diese Faktoren Ahdymsyn jegliche Möglichkeit, mit ihm über die eventuellen Konsequenzen zu sprechen, die so viele charisianische Neuerungen für die politischen Überlegungen des Tempels haben mochten.

Oder die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Karriere eines gewissen Bischof-Vollstreckers namens Zherald.

»Würden Sie sagen«, fragte der Bischof stattdessen, »dass Doktor Mahklyns neue ›Ziffern‹ und dieser ›Abakus‹, den er vorgestellt hat, in diese Kategorie fallen?«

»Welche Kategorie, Eure Eminenz?« Wylsynn schaute ihn verwirrt an, und es gelang Ahdymsyn, ein Seufzen zu unterdrücken.

»Die Kategorie der Dinge, die auf gebilligten Verfahrensweisen und Techniken basieren, Pater«, erklärte er geduldig.

»Vergebt mir, Eure Eminenz«, erwiderte der Schuelerit, »aber diese Frage stellt sich einfach nicht. Auch wenn ich gerne zugeben will, dass ich weniger in Mathematik bewandert bin als viele andere, ist es doch nach meiner ausgiebigen Begutachtung der Arbeiten von Doktor Mahklyn offensichtlich, dass sie von immensem Nutzen sind und sein werden. Die Händler, die sich bereits mit diesen neuen ›Ziffern‹ vertraut gemacht haben, zeigen das nur allzu deutlich.

Selbstverständlich bedeutet die Tatsache, dass etwas im weltlichen Sinne von Nutzen sein mag, nicht zwangsweise, dass es auch vor Gott Gnade findet. Schließlich hat auf genau die gleiche Art und Weise Shan-wei ihre ursprünglichen Anhänger zum Bösen verführt und der ewigen Verdammnis anheimfallen lassen. Doch die Achtungen besagen nichts darüber, wie man Zahlen zu zählen oder zu schreiben hat, weder in der einen, noch in der anderen Richtung. Ich versichere Euch: Nach unseren bisherigen Gesprächen habe ich mich lange Zeit mit meinen Konkordanzen befasst und nach jeglichen Hinweisen dazu in der Heiligen Schrift oder in den Erkenntnissen gesucht. Doch ich habe nichts gefunden.

Die Achtungen befassen sich mit unreinem Wissen, der Art Wissen, das die Pforten zu eben der Verführung öffnet, die letztendlich in Shan-weis Netz führt. Der Erzengel Jwo-jeng hat sich diesbezüglich sehr deutlich ausgedrückt, und das Gleiche gilt auch für die Erkenntnisse, doch die Verführung findet sich darin, in von Gott abgewandter Weise das Wissen und die Macht zu entweihen, die Gott und Seinen Engeln vorbehalten sind. Innerhalb der Sphäre des Wissens, das für den sterblichen Menschen vorgesehen ist, stellt alleine der Versuch, bereits bekannte, vertraute Arbeiten effizienter zu bewältigen, wohl kaum eine Bedrohung für das Seelenheil dar. Zumindest, solange dabei keine der Grenzen übertreten werden, die uns die Achtungen vorgeben.«

»Ich verstehe«, wiederholte Ahdymsyn, auch wenn er sich sehr wohl bewusst war, dass in dieser Hinsicht nicht alle Wylsynns Ansichten teilten – nicht einmal seine Mitbrüder im Schueler-Orden. Andererseits fiel ihm etwas an Wylsynns Stimme auf – oder lag es an seinem Blick? Der junge Intendant hatte die Antwort ohne zu zögern und geradezu leichthin gegeben: mit dem Selbstvertrauen eines Gelehrten, der sich tatsächlich zahlreiche Stunden mit dem Thema auseinandergesetzt hatte. Doch zugleich spürte Ahdymsyn auch etwas … Herausforderndes in der Art des Oberpriesters. Es war kein Trotz und keine Respektlosigkeit. Das niemals. Und doch hatte Ahdymsyn zunehmend das Gefühl, dieser junge Mann sei sich, als er seine Entscheidung getroffen hatte, voll und ganz bewusst gewesen, dass die Entscheidung nicht so ausfiel, wie es sein Erzbischof oder vielleicht sogar der Rat selbst gewünscht hätten.

Nun schaute der Bischof-Vollstrecker zu, wie Smolth wieder in die Box trat und den Schläger hob; er wartete, während Pitcher und Catcher sich überlegten, was sie als Nächstes versuchen sollten. Auch wenn, dachte Ahdymsyn, ihnen diese Entscheidung eigentlich nicht so schwerfallen sollte. Nach zwei Outs und zwei Strikes ohne Treffer musste Smolth sich immens in der Defensive fühlen, und die Drachen hatten noch drei freie Würfe, mit denen sie würden arbeiten können. Jeder im Stadion musste doch wissen, dass es Zeit für einen unschlagbaren Wurf wurde, weit außerhalb der Strike Zone, dass sie ihn vielleicht dazu würden überreden müssen, einen Strikeout zu wagen.

Anscheinend ist der Spieler auf dem Schlaghügel der einzige in ganz Tellesberg, der sich dessen nicht bewusst ist, dachte der Bischof sardonisch. Er schaute zu, wie der Pitcher ein Handzeichen des Catchers nach dem anderen mit einem Kopfschütteln abtat, dann blickte er wieder zu Wylsynn hinüber.

»Dann war das wohl alles, was dazu gesagt werden muss, Pater«, merkte er an. »Darf ich davon ausgehen, dass Ihr Bericht zu diesem Thema innerhalb des nächsten oder übernächsten Tages abgeschlossen sein wird? Ein Boten-Schiff, das nach Clahnyr aufbrechen soll, habe ich schon so gut wie einsatzbereit. Wenn Ihr Bericht bis dahin vorliegen würde, könnte ich das Schiff lange genug im Hafen zurückhalten, sodass der Bericht zusammen mit meiner eigenen Korrespondenz Erzbischof Erayk zugestellt wird.«

»Ich kann Euch den Bericht morgen Nachmittag vorlegen, Eure Eminenz.«

»Ausgezeichnet, Pater. Ich freue mich schon darauf, ihn selbst zu lesen, und …«

KRACK!

Das plötzliche Knallen von Holz auf Leder ließ die Zuschauer voller Erstaunen verstummen. Der Pitcher der Drachen hatte sich endlich zu einer Wurftechnik durchgerungen – und er hatte sich für einen wahrlich hinterlistigen Wurf entschieden. Tatsächlich berührte der Ball beinahe den Boden und verfehlte die Plate um fast zehn Zoll. Doch irgendwie war es dem Spieler der Kraken dennoch gelungen, ihn zu erreichen. Und nicht nur zu ›erreichen‹. Sein Schlag, bei dem er einen regelrechten Satz nach vorne vollführte, sah unglaublich ungelenk aus, und doch trug er den Ball weit aus dem Infield hinaus, sodass der Second Baseman ihn nicht erreichen konnte, so sehr dieser auch springen mochte, und schließlich landete er auf dem Centerfield. Doch der Schlag schien ihm einen äußerst hinterhältigen Effet versetzt zu haben, und dann musste der Ball auch noch irgendetwas berührt haben, sodass er einen regelrechten kleinen Satz vollführte, woraufhin der Centerfielder, der sich gerade auf ihn stürzen wollte, ihn verfehlte – kaum einen Fuß vom Fängerhandschuh entfernt sauste er vorbei … und bei vollbesetzten Bases und zwei Strikes waren die Runner losgestürzt, kaum dass Smolth den Ball getroffen hatte.

Das ungläubige Tosen der Menschenmenge war ohrenbetäubend, und selbst Zherald sprang auf die Beine, als der Ball fast bis zur Mauer des Centerfields rollte, bevor der Rightfielder der Drachen ihn schließlich erreichen und aufheben konnte. Der erste Spieler der Kraken hatte schon die Plate erreicht, als sein Gegenspieler den Ball endlich zurückwerfen konnte, und nun sauste der Ball über den Kopf des Cutoff Man hinweg. Angesichts der Entfernung, die er überwinden musste, und auch, wie schnell er das schaffte, war es eigentlich gar kein schlechter Wurf. Doch gut war er eben auch nicht. Der Catcher war gezwungen, fast ein Viertel der Strecke zur First-Base-Line zurückzulegen, sich deutlich von der Home Plate zu entfernen, und der Ball fiel ihm auch noch fast aus der Hand, während der zweite Spieler der Kraken die Homeplate erreichte und so den Ausgleich erzielte.

Der Pitcher der Drachen war losgestürmt, um die Plate zu sichern – doch das zu spät, als könne er überhaupt nicht fassen, dass Smolth den Ball tatsächlich getroffen haben sollte. Kurz nach dem zweiten Läufer traf er dort ein, doch er hatte sich immer noch nicht ganz zum Catcher herumgedreht, der seinerseits immer noch mit dem Ball kämpfte und zugleich versuchte, sich selbst für einen Wurf aufzustellen, als auch schon der dritte Krake donnernd die Third-Base-Line heruntergestampft kam; er hatte schon den ganzen Weg von der First Base zurückgelegt. Endlich gelang es dem Catcher, den Ball wieder zu werfen – ein perfekter Wurf, der Ball traf genau die Plate –, doch der Pitcher blickte noch nicht einmal in die Richtung des Läufers, als der Kraken geradewegs in ihn hineinrannte, ihn zu Boden schleuderte und seinerseits die Home Base berührte, sodass die Kraken jetzt in Führung lagen. Der zu Boden gestürzte Pitcher ließ den Ball fallen, und Smolth – der schneller rannte als je zuvor in seinem Leben – erreichte keuchend die Third Base, während im ganzen Stadion die Hölle losbrach.

»Na ja«, sagte Ahdymsyn einige Minuten später, nachdem der Tumult sich ein wenig gelegt hatte, und lachte leise, während er sich wieder setzte, »es sieht ganz so aus, als geschähen doch noch Wunder, nicht wahr, Pater?«

»Natürlich geschehen noch Wunder, Eure Eminenz!«

Wylsynns Tonfall brachte Ahdymsyn dazu, dem Oberpriester geradewegs in die Augen zu schauen. Der junge Mann schien über die Leichtfertigkeit, mit der der Bischof diese Aussage getätigt hatte, zutiefst erstaunt zu sein. Nein, dachte Ahdymsyn dann, nicht ›erstaunt‹. Vielleicht missbilligte er diese Äußerung eher, auch wenn selbst das nicht genau das richtige Wort zu sein schien. Vielleicht suchte er nach dem Wort ›enttäuscht‹?

Was auch immer es nun sein mag, ich werde es mir merken müssen, dachte Ahdymsyn. Er ist nicht nur hier, um nicht länger dem Tempel im Weg zu stehen. Und er hat keinerlei Interesse an … administrativen Kompromissen und Übereinkünften. Ich hoffe, das wächst sich nicht zu einem ernstlichen Problem aus.

»Ja, das tun sie, Pater«, stimmte der Bischof-Vollstrecker zu, und nun waren auch seine Stimme und sein Gesichtsausdruck deutlich ernsthafter. »Das tun sie tatsächlich.«

Einige hundert Sitze von Bischof Zherald und Pater Paityr entfernt saß Zhaspahr Maysahn. Wie viele Individuen und Firmen, die in Tellesberg Geschäfte abschlossen, hatte auch das kleine Handelshaus, das vorgeblich ihm gehörte, Saisonkarten für sämtliche Spiele der Kraken. Sein Sitzplatz war nicht so gut wie die in der königlichen Loge oder der Loge der Kirche, doch er befand sich fast genau hinter der Third Base, und nun schüttelte er ungläubig den Kopf, als Smolth tatsächlich diese Base erreichte.

»Das wird unschön«, merkte Zhames Makferzahn, der neben ihm saß, fröhlich an, und Maysahn bedachte ihn mit einem finsteren Blick.

»Ist doch erst das siebte Inning«, grollte er, und Makferzahn lachte leise.

»Aber sicher«, sagte er beschwichtigend und rieb Daumen und Zeigefinger aneinander.

Es gelang Maysahn, eine angemessen aufsässige Miene beizubehalten, doch er fürchtete, Makferzahn könne durchaus recht haben. Die alles niederwalzende, offensive Aufstellung der Drachen hatte sie zum eindeutigen Favoriten in dieser Meisterschaft werden lassen. Selbst die Buchmacher in Tellesberg hatten es so gesehen, so verstimmt sie darüber auch sein mochten. Doch Makferzahn hatte behauptet – und er war auch bereit gewesen, darauf zu wetten, dass die Pitcher der Kraken, die durch die Bank sehr gut waren, ihr Team letztendlich doch zum Sieg führen würden. Auf diese Wette war Maysahn eingegangen, mit zwei zu eins, und nun begann er zu vermuten, zumindest in dieser Hinsicht könne das Urteilsvermögen seines neuen Untergebenen besser sein als sein eigenes.

Und es passte sehr zu Makferzahn, dass er diesem Urteilsvermögen mit charisianischem Geld Nachdruck verliehen hatte, trotz der relativ kurzen Zeit, die er sich erst in diesem Königreich aufhielt. Vor weniger als einem Monat war er als Ersatz für Oskahr Mhulvayn eingetroffen, doch er hatte schon deutlich mehr aufgeschnappt als nur das Kräfteverhältnis der verschiedenen Baseballteams des Reiches. Es war schon jetzt offensichtlich, dass er mindestens so fähig war wie sein Vorgänger. Zudem war er sehr selbstbewusst und sogar noch emsiger … und zweifellos war er auch sehr ehrgeizig. Und das Beste von allem: Er stand ohne jeden Zweifel nicht auf Baron Wave Thunders Liste mutmaßlicher feindlicher Agenten.

Das alles – vielleicht vom ›Ehrgeiz‹ einmal abgesehen – erschien Maysahn äußerst positiv. Bedauerlicherweise stand Makferzahn immer noch ganz am Anfang, sich ein eigenes Spionagenetzwerk aufzubauen. Maysahn hatte in Erwägung gezogen, seinen neuen Untergebenen in Kontakt mit einigen der erfahreneren Mitgliedern aus Mhulvayns altem Netzwerk zu bringen, um das Ganze etwas zu beschleunigen, doch es war ihm gelungen, dieser Versuchung zu widerstehen.

Es erschien ihm unwahrscheinlich, dass es Wave Thunder gelungen sein sollte, viele von Mhulvayns Agenten zu identifizieren, so offensichtlich der Baron Mhulvayn selbst auch verdächtigt hatte – schließlich war kein einziger von ihnen in Gewahrsam genommen worden. Es war jedoch auch möglich, dass Wave Thunder genau wusste, wer für Mhulvayn gearbeitet hatte, und dass er sie ganz bewusst ungehindert weiterarbeiten ließ – in der Hoffnung, Mhulvayns Nachfolger würde sie selbst eindeutig identifizieren, wenn er mit ihnen Kontakt aufnahm. Doch angesichts der Tatsache, dass das Spionagenetzwerk Nahrmahns von Emerald vollständig zerschlagen worden war – soweit Maysahn das beurteilen konnte –, stellte Maysahns eigene Organisation jetzt die einzige Möglichkeit der Informationsbeschaffung dar, die Prinz Hektor und seine Verbündeten in Charis hatten. Unter diesen Umständen war er zu dem Schluss gekommen, es sei besser, ein wenig länger darauf zu warten, bis Makferzahn mit ganzer Kraft würde loslegen können, als das Risiko einzugehen, in eine von Wave Thunder gestellte Falle zu tappen und auch noch diese Gelegenheit zu verspielen.

Ganz zu schweigen davon, dass das natürlich auch einen gewissen Zhaspahr Maysahn den Kopf kosten könnte.

Nun schaute er zu, wie sich die Spieler der Kraken vor der Trainerbank gegenseitig gratulierten und sich kräftig auf die Schultern klopften. Schließlich trat der nächste Batter – Rafayl Furkhal, der Leadoff Man der Kraken – zur Plate, während der Catcher der Drachen zum Hügel hinübertrottete, um sich kurz mit dem Pitcher abzusprechen. Vermutlich ging es eher darum, den Pitcher ein wenig zu beruhigen, als tatsächlich um ernsthafte Strategiediskussionen. Die Drachen hatten die Beurteilungen der einzelnen Spieler der Kraken sehr genau studiert, und sie wussten, dass Furkhals Stärke vor allem im linken Feld lag. Schon jetzt stellten sich die Infielder deutlich weiter links neu auf – der Second Baseman war jetzt fast zu einem Second Shortstop geworden, und der First Baseman hatte fast die halbe Strecke zum Second Baseman zurückgelegt –, während der Catcher immer noch beruhigend auf seinen Pitcher einredete.

Ich wünschte, ich hätte jemanden gehabt, der mich in den letzten Monaten ein bisschen beruhigt hätte, dachte Maysahn mürrisch. Es war unendlich frustrierend zu bemerken, dass insgeheim alles mögliche geschah, während ihn selbst die Umsicht dazu zwang, so vorsichtig wie nur irgend möglich vorzugehen, um das eigene Überleben zu sichern. Er hatte sein Bestes gegeben, doch die meisten seiner Informanten saßen nun einmal bei den Händlern in Tellesberg. Bis Oskahr gezwungen gewesen war, um sein Leben zu rennen, hatte er überhaupt nicht bemerkt, wie sehr er sich auf Mhulvayns Urteilsvermögen und auch dessen aktive Arbeit verlassen hatte, wenn es um politische oder militärische Belange ging. Die gute Nachricht dabei war: Prinz Hektors Depeschen zeigten deutlich, dass der Prinz sehr wohl wusste, welchen Einschränkungen der Leiter seiner Spionageabteilung in Charis unterlag.

Oder zumindest behauptet er, es zu verstehen, schoss es Maysahn durch den Kopf. Schon mehr als einmal hatte er sich gefragt – gerade angesichts von Makferzahns unverkennbarer Tüchtigkeit –, ob Hektor diesen neuen Mann vielleicht nach Charis geschickt hatte, um langfristig ihm die leitende Position in Charis zu übertragen. Diese Möglichkeit bestand durchaus, und wenn es tatsächlich dazu kam, dann würde Maysahns Rückruf nach Corisande sich auf seine eigene Karriere alles andere als positiv auswirken. Aber wenigstens neigte Hektor deutlich weniger dazu als etwa Nahrmahn, einen seiner eigenen Agenten einfach zu eliminieren.

Vorerst, so hatte Maysahn beschlossen, wollte er die Versicherung seines Prinzen, ihm weiterhin ganz zu vertrauen, einfach für bare Münze nehmen und sich darauf konzentrieren, endlich herauszufinden, woran Haarahld und Wave Thunder so emsig arbeiteten – und die ganze Zeit über sorgfältigst darauf achteten, niemanden erfahren zu lassen, worum es denn eigentlich ging.

Der Pitcher schleuderte seinen ersten Ball, kräftig schlug Furkhal zu … und verfehlte.

»Strike eins!«, verkündete der Schiedsrichter, und Furkhal schüttelte in offensichtlicher Selbstverachtung den Kopf. Kurz trat er aus der Box heraus, musste sich sichtlich zusammennehmen, dann kehrte er wieder zurück – ohne auf Handzeichen des Coachs der Krakens zu achten, der an der Third Base stand. Dann ging er in Schlagposition, und der Pitcher warf seinen zweiten Ball.

In diesem Augenblick erstaunte Furkhal jeden Anwesenden in diesem Stadion, indem er fast gleichzeitig zuschlug und schon auf die First-Base-Line zustürmte. Es war ein fast – nicht ganz, aber fast – selbstmörderisches Unterfangen, ein hochgradig riskanter Zug, selbst für jemanden, der so schnell war wie Furkhal. Trotzdem überraschte die Gewagtheit dieses Schlages die Abwehr vollends. Dass er beim ersten Wurf den Ball verfehlt hatte, trug sicherlich zur Überraschung noch bei, doch ganz offensichtlich war alles genau so geplant und abgesprochen gewesen, obwohl der Coach an der Third Base ihm keinerlei Anweisungen gegeben hatte, denn im gleichen Augenblick, in dem Furkhal zugeschlagen hatte, war Smolth auch schon auf die Home Plate zugestürzt.

Durch die Umstellung im Infield war nun der Pitcher dafür verantwortlich, die First Base zu sichern, doch er war Linkshänder, und so lief er instinktiv auf die Seite des Hügels, die der Third Base zugewandt war. So brauchte er einen entscheidenden Moment, sich umzuentscheiden, die Richtung zu wechseln, weiterzulaufen und den Ball aufzusammeln. Nun war es zu spät, Furkhal noch abzuschlagen, und als er sich schließlich herumgedreht hatte, um den Ball zur Home Base zurückzuwerfen, war Smolths Vorsprung gerade groß genug, um noch vor dem Ball einzutreffen und einen Punkt zu erzielen; die Menge schrie, pfiff und stampfte anfeuernd mit den Füßen.

Hier zeigt sich eine Analogie, stellte Maysahn fest.

Er war sich nur zu bewusst, dass er nicht alles von dem wusste, was die Charisianer gerade im Schilde führten. Das meiste von dem, was er bereits wusste, war eher dazu angetan, zu einer gewissen Besorgnis zu führen, als sich tatsächlich bedroht zu fühlen. Wenn Maysahn sich nicht völlig vertat, dann stellte diese neue Takelung, die Sir Dustyn Olyvyr entwickelt hatte – diese ›Schoner-Takelung‹ –, die größte unmittelbare Herausforderung dar, die bislang bekannt war. Maysahn bezweifelte, dass all diese fantastischen Geschichten darüber, wie effizient sie sei und welche weiteren Vorteile diese Neuerung doch mit sich bringe, tatsächlich ernstzunehmen waren – doch es war ganz offensichtlich, dass gewisse Vorteile tatsächlich mit dieser Form der Takelung kamen. Sie hatten Olyvyr Dutzende weiterer Bauaufträge neuer Schiffe eingebracht, und die ersten davon verließen jetzt auch schon die Werften und vergrößerten immer weiter die Handelsmarine von Charis. Und diese Handelsmarine war schon jetzt viel zu gewaltig und hatte entschieden zu viele Vorteile.

Andererseits konnte das ›Geheimnis‹, wie diese neue Takelung aufgebaut war und funktionierte, ja nun nicht lange bewahrt werden – nicht, wenn sie tatsächlich zum Einsatz kam und jeder sie würde sehen können. Und das Gleiche galt auch für diese neue Zählweise, die Rahzhyr Mahklyn ersonnen hatte. Maysahn selbst hatte bereits einen ›Abakus‹ erstanden und ihn umgehend nach Corisande geschickt. Makferzahn und er gingen auch den Gerüchten nach, dass es unter den Textilproduzenten von Charis zu weiteren Neuerungen gekommen sei, und er rechnete damit, innerhalb der nächsten Fünftage auch darüber zumindest einen ersten, einleitenden Bericht abliefern zu können.

Ein wenig war er schon geneigt anzunehmen, all das zeige doch nur zu deutlich, dass er langsam, aber sicher wieder Herr der Lage wurde, doch eine leise, sehr eindringliche Stimme warnte ihn vor genau dieser Schlussfolgerung. Das, worüber er bereits etwas in Erfahrung gebracht hatte – das, was zu sehen man hier in Charis dem Rest der Welt gestattete –, war doch nur ein Teil des Ganzen. Es wurde ganz offenkundig zur Schau gestellt, damit sich alle auf die Spitze des Eisbergs konzentrierten, die sie alle ungehindert betrachten konnten – genau wie Furkhals erster Fehlschlag jeden von dem Gedanken abgebracht hatte, er könne beim nächsten Mal einen echten Volltreffer landen.

Und ich frage mich, dachte Maysahn, ob die › Väter‹ dieser Innovationen tatsächlich alle selbst für ›ihre Arbeit‹ verantwortlich sind.

Das war eine Frage, über die er schon oft nachgedacht hatte. Sämtliche Hinweise ließen darauf schließen, dass Mahklyn, Olyvyr und Raiyan Mychail tatsächlich eigens diese ganze Flut neuer Ideen hervorgebracht hatten. Die Tatsache, dass sie alle in Haarahlds Hochschule zusammengetroffen waren, sodass sie sich gegenseitig mit neuen Ideen hatten befruchten können, würde tatsächlich erklären, wie so viele neue Konzepte in so kurzer Zeit hatten entstehen können. Doch Maysahn konnte einfach nicht den Verdacht abschütteln, dass dieser ›Merlin Athrawes‹, der so unvermittelt in Tellesberg aufgetaucht war, irgendetwas damit zu tun hatte – und genau das machte den Leiter der Spionageabteilung auch so nervös.

Zerbrich dir nicht für andere den Kopf, Zhaspahr, sagte er fest entschlossen zu sich selbst. Selbst wenn diese Geschichten, dieser Fremde sei ein Seijin, tatsächlich einen wahren Kern hätten, macht ihn das ja nicht zu einem Übermenschen, der wirklich alles kann! Wenn tatsächlich dieser Athrawes hinter all dem stecken sollte, dann hätten die den doch anders eingesetzt, als ihn nur zu einem Lieutenant der Royal Guards zu ernennen, in Langhornes Namen! Statt dir immer weiter Sorgen um ihn zu machen, solltest du lieber darüber nachdenken, was der Rest der Welt bislang noch nicht zu Gesicht bekommen durfte! Wenn die uns so bereitwillig von all den Dingen erzählen, die wir ohnehin schon wissen, was könnte es denn dann wohl sein, was sie hier hinter den Dingen, die sie uns zeigen, noch verbergen?

Auf diese Frage wusste er keine Antwort, doch er wusste sehr wohl, dass Wave Thunder und High Admiral Lock Island die ohnehin schon strikten Sicherheitsvorkehrungen um Helen Island und Sand Shoal Island noch weiter verstärkt hatten. Seit dem Tod von Kahlvyn Ahrmahk wurde auch in Hairatha deutlich mehr auf die Sicherheit geachtet. Das alles ließ sich leicht als reine Routinevorsichtsmaßnahmen erklären, nachdem ein Attentat auf Cayleb vereitelt worden war und sich herausgestellt hatte, dass jemand von hohem Range – der Herzog von Tirian, in Langhornes Namen! – mit den Feinden des Königreiches im Bunde gestanden hatte. Doch zugleich lieferte das auch einen schönen Sichtschutz, hinter dem praktisch alles geschehen konnte, und das gefiel Zhaspahr Maysahn ganz und gar nicht.

Nein, das passte ihm wirklich überhaupt nicht.

April,
im Jahr Gottes 891

.I.

Vor der Trhumahn-Untiefe,
südliche Howell Bay

»Signal des Flaggschiffs, Sir!«

Graf Gray Harbor, der an der Reling des Achterdecks stand, drehte sich herum, als der Ruf des jüngeren der beiden Midshipmen in der Besansaling ihn erreichte. Er verschränkte die Arme hinter dem Rücken, passte mit Leichtigkeit seine Bewegungen dem Rollen des Decks an – eine Folge seiner mehr als zwanzig Jahre Erfahrung auf See –, und schaute zu, wie der Captain der HMS Taifun zu dem Midshipman hinaufblickte, der hier Meldung gemacht hatte. Der junge Mann wandte den Blick nicht vom Flaggschiff ab. Die charakteristischen Geräusche an Bord eines Schiffes – der Wind, der durch die Takelage streifte, das rhythmische Rauschen des Wassers am Rumpf, das Knarren von Balken und Masten, die schrillen Schreie und Pfiffe der Seevögel und Wyvern, die der Taifun folgten – hüllten Gray Harbor von allen Seiten ein, während er zuschaute, wie der ranghöhere der beiden Offiziersanwärter sich mühte, die Flaggensignale zu erkennen, die am Besanmast der HMS Sturmwind flatterten. Der andere junge Mann saß nur dort, den Rücken gegen den Mast gestützt, und hielt mit beiden Händen einen Folianten in seinem Schoß fest, um zu verhindern, dass der Wind das Buch fortriss; geduldig wartete er darauf, die Seiten umzuschlagen.

»Und, Master Mahgentee?«, fragte Captain Stywyrt auffordernd und blickte mit finsterer Miene zum Besansegel hinauf, während die Sekunden verstrichen.

»Ich kann den obersten Heiß nicht ganz erkennen, Sir, und …«, setzte Midshipman Mahgentee an, doch dann stockte er. »Jetzt hab ich’s, Sir! Nummer neun und Nummer siebenunddreißig – nach Backbordhalse Linie bilden, Sir!«

»Sehr gut, Master Mahgentee«, gab Captain Dahryl Stywyrt zurück und schaute zu einem weiteren Midshipman hinüber, der erwartungsvoll neben ihm auf dem Achterdeck stand.

»Hissen Sie die Bestätigung, Master Aymez«, wies ihn der Captain an. »Schnell, schnell!«

»Aye aye, Sir!«, erwiderte Midshipman Aymez und bellte gleich darauf den ihm unterstellten Matrosen Befehle zu.

Gray Harbor schaute zu, ohne auch nur zu lächeln, obwohl Aymez mit seinen dreizehn Jahren noch nicht einmal den Stimmbruch hinter sich hatte und selbst der jüngste der Matrosen unter seinem Kommando mindestens doppelt so alt war wie er.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Nimue Alban: Der Krieg der Ketzer" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen