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Nimue Alban: Codename Merlin

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. Mai, im Jahr Gottes 892
  8. .I. - Eraystor Bay, Fürstentum Emerald
  9. .II. - Königlicher Palast, Manchyr, Fürstentum Corisande
  10. .III. - Kathedrale von Tellesberg, Tellesberg, Königreich Charis
  11. .IV. - Königlicher Palast, Tellesberg, Königreich Charis
  12. .V. - HMS Destroyer, Eraystor Bay, Fürstentum Emerald
  13. .VI. - Königlicher Palast, Stadt Eraystor, Fürstentum Emerald
  14. .VII. - Villa Breygart, Hanth Town, Grafschaft Hanth
  1. Juni, im Jahr Gottes 892
  2. .I. - Der Tempel Gottes, Stadt Zion, Die Tempel-Lande
  3. .II. - Königin Sharleyans Palast, Stadt Cherayth, Königreich Chisholm
  4. .III. - Ehdwyrd Howsmyns Gießerei, Delthak, Grafschaft High Rock Königreich Charis
  5. .IV. - Galeone Südwind, Margaret Bay; Schenke ›Zum Grauen Schiff‹, Hanth Town, Grafschaft Hanth
  6. .V. - Bei Madame Ahnzhelyk, Stadt Zion, Die Tempel-Lande
  7. .VI. - Hanth Town, Grafschaft Hanth Königreich Charis
  8. .VII. - Königlicher Palast, Stadt Tellesberg, Königreich Charis
  9. .VIII. - Erayk Dynnys' Zelle und der Platz der Märtyrer, am Tempel Gottes, Stadt Zion, die Tempel-Lande
  10. .IX. - Im Saal des Hohen Rates, Palast von Königin Sharleyan, Stadt Cherayth, Königreich Chisholm
  11. .X. - Königlicher Palast, Stadt Tellesberg, Königreich Charis
  12. .XI. - North Bay, Fürstentum Emerald
  13. .XII. - Königlicher Palast, Stadt Eraystor, Fürstentum Emerald
  14. .XIII. - Kathedrale von Tellesberg und Königlicher Palast, Stadt Tellesberg, Königreich Charis
  1. Juli, im Jahr Gottes 892
  2. .I. - Königliche Hochschule, Stadt Tellesberg, Königreich Charis
  3. .II. - Königlicher Palast, Stadt Tellesberg, Königreich Charis
  4. .III. - Palast des Erzbischofs, Stadt Tellesberg, Königreich Charis
  5. .IV. - Königlicher Palast und Kloster von Sankt Zherneau, Stadt Tellesberg, Königreich Charis
  6. .V. - Truppenübungsplatz der Marines, Helen Island, Königreich Charis
  7. .VI. - Captain Merlin Athrawes' Gemach, Erzbischöflicher Palast und Königlicher Palast, Stadt Tellesberg, Königreich Charis
  8. .VII. - König Caylebs privater Speisesaal, Königlicher Palast, Stadt Tellesberg, Königreich Charis
  1. Charaktere
  2. Glossar
  3. Eine Anmerkung zur Zeitmessung auf Safehold

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

David Weber

NIMUE ALBAN:

CODENAME:
MERLIN

Aus dem Amerikanischen von
Ulf Ritgen

Dieses Buch habe ich für Sharon geschrieben.

Na ja, eigentlich alle anderen auch, und normalerweise schreibe ich auch keine öffentlichen Liebesbriefe, aber dieses Jahr mache ich eine Ausnahme.

Ich danke Dir, dass Du mich immer wieder heiraten würdest.

Ich liebe Dich.

Prolog

An Bord des Aufklärer-Schwebebootes herrschte völlige Stille.

So war es im Orbit eigentlich immer, von gelegentlichen Audiosignalen des Flugdatenrechners einmal abgesehen, und dieses leise Piepsen schien die Stille eher zu betonen als sie zu stören. Der Mann, der einst Nimue Alban gewesen war, lehnte sich im Pilotensessel zurück, blickte durch das Panzer-Plastik seiner Kanzel auf den Planeten hinab, über den er gerade hinwegflog, und genoss die ruhige, friedliche Stille.

Ich sollte wirklich nicht hier sein, ging es ihm durch den Kopf, während er die atemberaubend schöne, blau-weiß gemaserte Murmel des Planeten Safehold betrachtete; stetig hielt sein Schwebeboot auf die dunkle Linie des Terminators zu. Es gibt viel zu viele Dinge, die ich dringend in Tellesberg erledigen müsste. Und eigentlich ist es auch überhaupt nicht sinnvoll, dass ich jetzt hier oben herumschwirre, getarnt oder nicht.

Das alles stimmte, und zugleich war es bedeutungslos. Besser gesagt: Es war nicht bedeutsam genug, um ihn davon abzuhalten, weiter hier oben zu bleiben.

In gewisser Weise bestand überhaupt keine Notwendigkeit für ihn, sich tatsächlich körperlich hier oben aufzuhalten. Die Selbsttätig Navigierenden, Autonomen Aufklärer- und Kommunikationsplattformen, die er ausgesetzt hatte, konnten ihm exakt das gleiche Bildmaterial liefern, ohne dass er es wirklich mit eigenen Augen hätte betrachten müssen … wenn man überhaupt behaupten konnte, dass er genau das gerade tat. Und die SNARCs waren deutlich kleiner und noch ungleich besser getarnt als sein Aufklärer-Schwebeboot. Wenn das System für die kinetische Bombardierung, das der wahnsinnige Langhorne im Orbit rings um Safehold installiert hatte, tatsächlich über Grenzbereich-Passiv-Sensoren verfügte, dann war es sehr viel weniger wahrscheinlich, dass diese eine SNARC orten würde als ein Schwebeboot, und das war dem Piloten dieses Schiffes auch bewusst.

Und doch gab es Zeiten, in denen er diese ruhigen, friedlichen Momente einfach brauchte, diesen Rückzug in seinen Horst im klaren Vakuum, von dem aus er auf diesen letzten Planeten hinabblicken konnte, den die Menschheit jemals in Besitz genommen hatte. Er musste sich daran zurückerinnern, wer – was – er in Wirklichkeit war, und was er diese Menschen würde lehren müssen, die sich auf jenem Planeten drängten, der so unendlich tief unter ihm lag. Und er musste auch die Schönheit dieser Welt sehen, um … seine Gedanken zu ordnen und seine Entschlusskraft zurückzugewinnen. Er verbrachte so viel Zeit mit den Daten, die ihm sein Netzwerk aus SNARCs lieferte, und damit, die Berichte seiner Spione durchzuarbeiten und die Pläne und Verschwörungen all der Feinde des Königreiches zu belauschen, das er sich zur Heimat gewählt hatte, dass es ihm manchmal so schien, als bestehe das ganze Universum aus nichts anderem. Dass alleine schon der Einfluss seiner zahllosen Gegner, die ihn von allen Seiten zu erdrücken drohten, einfach zu groß war – viel zu stark, als dass ein einzelnes Wesen sich ihm hätte entgegenstellen können.

Das Volk jenes Reiches, dieses Volk, dem zu helfen er gekommen war, stellte das wahre Heilmittel gegen die Verzweiflung dar, die ihn zu übermannen drohte, wann immer er über die immense Tragweite der Aufgabe nachdachte, die man ihm übertragen hatte. Sie waren diejenigen, die ihn immer wieder daran erinnerten, dass die Menschheit es wert war, für sie zu kämpfen, und sie erinnerten ihn auch an die gewaltigen Errungenschaften, zu denen die Menschheit in der Lage war, an den Mut und die Opferbereitschaft – und das Vertrauen –, zu dem der Homo sapiens fähig war. Obwohl man ihre Geschichte und ihre Religion in so zynischer Art und Weise manipuliert hatte, waren sie so stark, so lebendig und so mutig wie alle anderen Menschen in der Geschichte der Spezies, der auch er selbst einst angehört hatte.

Und dennoch gab es Zeiten, da all das einfach nicht ausreichte. Wenn er sich bewusst wurde, wie gering ihre Überlebenschancen standen, wenn die erdrückende Verantwortung auf ihm lastete und er über die unerträgliche Einsamkeit nachdachte, die damit einherging, dass er zwar sehr wohl unter ihnen lebte, aber doch niemals zu ihnen gehören würde. Wenn er die Last spürte, die seine theoretische Unsterblichkeit ihm aufbürdete, gerade angesichts dieser nur zu vergänglichen Lebensspanne, zu der sie alle verurteilt waren, und ihn schmerzliche Trauer erfasste ob all der Verluste, die ihm bevorstanden. Wenn ihm erneut bewusst wurde, dass er ganz alleine für diese Welle der Glaubenskriege verantwortlich war, die allmählich diese ganze blauweiße Murmel erfassten. Und wenn die Frage, wer – und was – er eigentlich war, ihn in eine Einsamkeit stürzte, die an seiner Seele zerrte wie jenes Vakuum, durch das sein Schwebeboot immer weiter seine Bahn zog.

Und genau gegen derartige Augenblicke und Gedanken halfen Momente wie dieser: Er blickte auf die Welt hinab, die jetzt in seiner Obhut lag, für die jetzt er verantwortlich war. Erneut musste er der Wirklichkeit ins Auge sehen, musste die aufkeimende Zukunft erkennen, die all diese harschen Anforderungen letztendlich lohnenswert machten.

Es ist wirklich eine wunderschöne Welt, dachte er fast schon verträumt. Und wenn man sie von hier oben betrachtet, dann rückt das tatsächlich alles wieder ins rechte Licht, nicht wahr? So schön diese Welt auch sein mag, so wichtig mir die Spezies der Menschheit ist, so ist es doch nur eine Welt unter Milliarden, nur eine Spezies von hunderten von Millionen – mindestens. Wenn Gott sich mit Seinem Universum so viel Mühe gibt, dann kann ich ja wohl verdammt noch mal genau das tun, was Er von mir verlangt, oder nicht? Und – er verzog die Lippen zu einem schiefen Grinsen – und ich kann mir wenigstens ziemlich sicher sein, dass Er das auch verstehen wird. Wenn Er all dies hier zusammenfügen und mich dann dort mitten hineinsetzen kann, dann muss ich doch wohl davon ausgehen, dass Er genau weiß, was Er tut. Und das bedeutet, ich brauche nur noch herauszufinden, was ich nun tun sollte.

Er stieß ein belustigtes Schnauben aus; im lautlosen Cockpit klang es fast widernatürlich laut, dann schüttelte er den Kopf und stellte die Lehne seines Pilotensitzes wieder senkrecht.

Genug der Planetenschau, Merlin, rief er sich zur Ordnung. In drei Stunden bricht über Tellesberg der Tag an, und Franz wird sich schon fragen, wo seine Ablösung wohl bleibt. Es wird Zeit, deinen MolyCirc-Hintern nach Hause zu schaffen – da gehört er ja schließlich hin.

»Owl?«, sagte er laut.

»Jawohl, Lieutenant Commander?«, meldete sich über eine abgesicherte Kommunikationsverbindung fast augenblicklich die KI aus ihrem Versteck unter dem höchsten Berg von Safehold.

»Ich mache mich auf den Heimweg. Sondier das Gelände rings um Basis Alpha in einem Umkreis von einhundert Kilometern und sorg dafür, dass niemand in der Nähe ist, der zuschauen könnte, wie das Schwebeboot in der Garage einparkt. Und überprüf auch meinen Balkon. Sieh zu, dass niemand beobachten kann, wie du mich absetzt.«

»Jawohl, Lieutenant Commander«, bestätigte die KI, und Merlin streckte die Hände nach den Instrumenten des Schwebeboots aus.

Mai, im Jahr Gottes 892

.I.

Eraystor Bay,
Fürstentum Emerald

Die helle Morgensonne spiegelte sich auf den gekreuzten goldenen Szeptern, die den Mittelpunkt im grünen Banner der Kirche des Verheißenen bildeten. Das Kurierschiff mit den zwei Masten, über denen dieses Banner im Wind flatterte, während eine steife Brise es stetig vorantrieb, war ein wenig länger als siebzig Fuß; es war auf Geschwindigkeit ausgelegt, nicht auf Ausdauer … geschweige denn auf Widerstandsfähigkeit gegen stärkeren Seegang oder Stabilität. Ihre sechzigköpfige Besatzung wäre für jede Galeere kaum ausreichend gewesen, selbst für ein derart kleines Schiff wie dieses, doch ihr schlanker, leichter Rumpf war sehr gut dafür geeignet, rasch gerudert zu werden, und unter ihren Lateinersegeln durchschnitt es zügig die schäumende Gischt. Das Sonnenlicht glitzerte auf dem Wasser; schaumgekrönte Wellen brandeten über den dreißig Meilen breiten Kanal zwischen Callie’s Island und der Nordostküste der Eraystor Bay hinweg.

Pater Rahss Sawal, der Kommandant des kleinen Flottenschiffs, stand auf der winzigen Schanz, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und mühte sich nach Kräften, Zuversicht auszustrahlen, während er zu den Seevögeln und Wyvern aufblickte, die über den geradezu schmerzhaft gleißend-blauen Himmel zogen. Es fiel ihm deutlich schwer, das Ausmaß an Zuversicht zu zeigen (es wäre unziemlich gewesen, es als ›Arroganz‹ zu bezeichnen), die dem Kapitän eines Kurierschiffes von Mutter Kirche angemessen war, und der Grund dafür gefiel Sawal ganz und gar nicht.

Die Boten des Tempels, ob sie nun über Land reisten oder die Meere durchkreuzten, genossen in jeder Hinsicht absolute Priorität und konnten sich ganz nach Gutdünken frei bewegen. Sie überbrachten die Botschaften und Befehle Gottes Selbst, mit der Autorität der Erzengel persönlich, und kein Sterblicher war so verwegen, ihnen den Weg verwehren zu wollen, wohin auch immer Gott oder Seine Kirche sie auch schicken mochten. Das war im wahrsten Sinne des Wortes schon seit Anbeginn der Zeiten so, seit dem Tag der Schöpfung, und niemand hatte jemals gewagt, das in Frage zu stellen oder zu bestreiten. Bedauerlicherweise war sich Sawal mittlerweile nicht mehr sicher, dass diese jahrhundertealte Unantastbarkeit der Boten von Mutter Kirche immer noch Gültigkeit hatte.

Dieser Gedanke war … verstörend, und das in mehr als einer Hinsicht. Zunächst einmal wirkte es sich natürlich auf ihn persönlich aus – schließlich hätte es ernstliche Konsequenzen auf seine eigene derzeitige Mission. Langfristig gesehen war es verstörend, weil ein Aufgeben dieser Unantastbarkeit schlichtweg undenkbar wäre. Sich der Autorität der Kirche Gottes zu widersetzen konnte nur eine Konsequenz für die Seelen eben jener haben, die es wagten, und wenn das Vorbild Einzelner andere dazu verführte, ebenfalls der Sünde anheimzufallen …

Erneut verdrängte Sawal diesen Gedanken. Er versuchte sich selbst nach Kräften davon zu überzeugen – welcher Wahnsinn auch immer das Königreich Charis befallen haben mochte, Gott würde doch niemals zulassen, dass er sich über die Grenzen von Charis hinaus ausbreitete. Die unbeschränkte Autorität von Mutter Kirche war der Dreh- und Angelpunkt nicht nur der Welt, in der er lebte, sondern auch Gottes eigenen Plans für das Heil der ganzen Menschheit. Würde diese Autorität in Frage gestellt – würde dieser Plan scheitern –, so wären die Konsequenzen schlichtweg undenkbar. Angesichts dieser Vorstellung musste sich Shan-wei, die verlorene und verdammte Mutter alles Bösen, schon die Reißzähne lecken – in jener dunklen, feuchten Ecke der Hölle, in die der Erzengel Langhorne sie einst für ihre Sünden verbannt hatte. Schon in diesem Augenblick musste sie die Gitterstäbe ihres Gefängnisses prüfen, die Stärke ihrer Fesseln, wann immer sie den anmaßenden, sündigen Stolz all jener spürte, die ihr eigenes, fehlbares Urteilsvermögen über das Urteil Gottes Selbst stellten. Langhorne persönlich hatte das Tor hinter ihr versperrt, mit der unumstößlichen Autorität der Ewigkeit, doch der Mensch besaß einen freien Willen. Selbst jetzt konnte er jederzeit den Schlüssel in jenem Schloss herumdrehen, so er das wünschte, und wenn er das tat …

Diese verdammten Charisianer, dachte Sawal verbittert. Begreifen die denn überhaupt nicht, welches Tor sie da gerade öffnen? Ist denen das egal? Sehen die einfach nicht ein …

Seine Kiefer mahlten, und der Kommandant zwang sich dazu, die Schultern wieder ein wenig zu entspannen, dann atmete er tief durch, um sich zu beruhigen. Besonders hilfreich war es nicht.

Die Anweisungen, die ihm Bischof-Vollstrecker Thomys erteilt hatte, waren völlig eindeutig gewesen: Sawal sollte die Depeschen des Bischof-Vollstreckers um jeden Preis zu Bischof-Vollstrecker Wyllys in Eraystor bringen. Diese Formulierung – ›um jeden Preis‹ – war niemals zuvor zu Sawals Anweisungen aufgetaucht. Bislang hatte auch niemals eine Notwendigkeit dafür bestanden, doch jetzt …

»Achtung!« Der Ruf erscholl aus dem Krähennest. »Achtung! Drei Segel Backbord voraus!«

»So, so«, murmelte Commander Paitryk Hywyt von der Royal Charisian Navy, während er durch das Fernglas spähte. »Das dürfte interessant werden.«

Er ließ das Fernglas sinken und legte nachdenklich die Stirn in Falten. Seine Anweisungen in dieser Hinsicht waren eindeutig. Als er sie empfangen hatte, war ihm dabei alles andere als wohl gewesen, doch die Anweisungen waren völlig eindeutig, und nun entdeckte er, dass er sich sogar darauf freute, sie zu befolgen. Sonderbar. Er hätte nicht für möglich gehalten, dass es jemals dazu kommen würde.

»Ja, das ist wirklich ein Kurier der Kirche«, sagte er etwas lauter, und Zhak Urvyn, der First Lieutenant der HMS Wave, stieß einen Laut aus, der unverkennbar verriet, wie unwohl er sich in seiner Haut fühlte.

»Einigen der Männer wird das wohl kaum gefallen, Sir«, sagte Urvyn leise. Hywyt blickte ihn von der Seite an, dann zuckte er mit den Schultern.

»Ich habe das Gefühl, die Einstellung der Männer könnte uns durchaus überraschen, Zhak«, sagte er nüchtern. »Sie sind immer noch so übelgelaunt, wie ich es noch nie zuvor bei ihnen erlebt habe … und die wissen ganz genau, für wen dieser Kurier hier wirklich unterwegs ist.«

Urvyn nickte, doch er blickte noch düsterer drein als zuvor, und Hywyt verzog ein wenig das Gesicht. Es waren nicht die Männer, die mit den Anweisungen ein Problem hatten: Es war Urvyn selbst.

»Bringen Sie sie bitte drei Strich Backbord, Lieutenant«, sagte Hywyt und sprach dabei deutlich förmlicher, als er das eigentlich zu tun pflegte. »Gehen Sie auf Abfangkurs.«

»Aye aye, Sir«, bestätigte Urvyn mit besorgter Miene, doch er salutierte und gab den Befehl an den Rudergänger weiter, während andere bereits über die Holzplanken des Decks stapften, um sich um Segel und Brassen zu kümmern.

Die Wave änderte den Kurs, glitt hart am Wind über die Wellen hinweg, und Hywyt verspürte erneut den vertrauten Stolz darüber, wie gut sich sein Schiff steuern ließ. Der schlanke Zweimast-Schoner mit dem Glattdeck war auf der Wasserlinie etwas über fünfundneunzig Fuß lang; er war mit vierzehn Dreißig-Pfund-Karronaden bewaffnet. Anders als einige ihrer Schwesternschiffe war die Wave vom Kiel aus als leichter Kreuzer für die Royal Charisian Navy gebaut worden. Ihr revolutionärer Segelriss machte sie schneller und gestattete es, deutlich härter am Wind zu segeln als jedes andere Schiff, das Hywyt jemals erlebt hatte, geschweige denn selbst befehligt, und seit der Schlacht im Darcos-Sund hatten sie bereits ganze sieben Prisen gemacht – fast die Hälfte aller Schiffe, die das gesamte Blockadegeschwader hier in den emeraldianischen Gewässern bislang eingefangen hatte. Genau das war der Sinn von Geschwindigkeit und Gewandtheit – und die beachtlichen Prisengelder, die ihnen so zugefallen waren, hatte dazu beigetragen, jegliche Bedenken, die seine Mannschaft vielleicht noch hegen mochte, ein für allemal auszuräumen. Schließlich sind sie ja allesamt Charisianer, dachte der Commander mit einem Anflug von Belustigung. Die zahlreichen Kritiker des Königreiches Charis, die sich nur zu gerne in Verunglimpfungen ergingen, bezeichneten das Land als ein ›Königreich von Krämern und Geldverleihern‹ – und wenn sie es aussprachen, klang es alles andere als beifällig. Jahrelang hatte sich Hywyt ihren erbitterten Neid angehört, und er musste zugeben, dass dieses Klischee, Charisianer seien stets auf der Jagd nach dem schnellen Geld, zumindest nicht ganz von der Hand zu weisen war.

Natürlich sind wir dabei auch ziemlich gut, oder etwa nicht?, sinnierte er, und er lächelte vor sich ihn, als er sah, wie rasch das Kurierschiff mit der dunkelgrünen Flagge näher und näher kam.

Der Commander konnte sich nicht sicher sein, dass dieses andere Schiff wirklich von Corisande aus aufgebrochen war, doch jede andere Erklärung wäre ihm doch sehr unwahrscheinlich erschienen. Dieses Depeschenboot war ganz offensichtlich durch die ›Straße der Delfine‹ gekommen, und das bedeutete zweifellos, dass es auch die Zebediah-See durchquert hatte. Kein Kurier von Haven oder Howard wäre aus dieser Richtung gekommen, und Hywyt bezweifelte, dass Sharleyan von Chisholm sonderlich daran interessiert war, mit Nahrmahn von Emerald zu korrespondieren. Und wenn man berücksichtigte, dass der Bursche am Steuer sich für die Meerenge zwischen Callie’s Island und der Küste von Emerald entschieden hatte, wurde ganz offensichtlich, dass er es ganz und gar nicht darauf anlegte, die Aufmerksamkeit des Blockadegeschwaders auf sich zu ziehen.

So bedauerlich das für ihn auch sein mochte: Genau das hatte er bereits getan, und es war unverkennbar, dass sein Schiff, so schnittig es auch gebaut sein mochte, unter den gegebenen Umständen doch ein wenig langsamer war als die Wave.

»Klar zum Gefecht«, sagte Hywyt und schaute zu, wie der Abstand zwischen den beiden Schiffen kleiner und kleiner wurde, während an Bord die ersten Trommelwirbel dröhnten.

Mühsam verkniff sich Rahss Sawal einen Fluch, als der charisianische Schoner auf ihn zuhielt. Offensichtlich waren die Informationen, die er zusammen mit seinen Anweisungen von Bischof-Vollstrecker Thomys erhalten hatte, noch deutlich veralteter, als ohnehin schon befürchtet. Er hatte nicht damit gerechnet, tatsächlich in der Eraystor Bay selbst auf charisianische Kriegsschiffe zu stoßen. Andererseits hatte er auch nicht damit gerechnet, den goldenen Kraken auf schwarzem Grund – die charisianische Flagge – über der Festung auf Callie’s Island wehen zu sehen, die doch einst zum Königreich von Emerald gehört hatte.

Dass die charisianischen Kriegsschiffe ausschwärmten, war der deutlichstmögliche Beleg für ihren überwältigenden Sieg bei der Schlacht am Darcos-Sund. Wie schwer sie die Flotte tatsächlich geschlagen hatten, war noch nicht ganz klar gewesen, als Sawal von Manchyr aus aufgebrochen war. Dass es eine vernichtende Niederlage gewesen war, das war ganz offensichtlich, doch jeder in Corisande hatte sich an die Hoffnung geklammert, ein Großteil der Schiffe, die nicht zurückgekehrt waren, hätten vielleicht Zuflucht in Emerald gefunden und dort Nahrmahn dabei unterstützt, ihren Ankerplatz zu verteidigen.

Wohl nicht, dachte Sawal säuerlich.

Mittlerweile konnte er vier Schiffe erkennen – den Schoner mitgezählt, der geradewegs auf das Fahrzeug zuhielt, das ihm unterstellt war –, und sie alle fuhren unter charisianischer Flagge. Zudem fuhren sie in breitem Abstand zueinander, um die Bay so weit wie möglich abzusichern, und das hätten sie niemals getan, hätte die Gefahr bestanden, irgendjemand könne auch nur in Erwägung ziehen, sie anzugreifen. Das und die Tatsache, dass sämtliche Befestigungsanlagen auf der Insel, die Sawal von seiner Schanz aus erkennen konnte, ganz eindeutig mittlerweile charisianische Stützpunkte geworden waren, machte ihm deutlich klar, dass es keine ›Verbündeten-Flotte‹ mehr gab … geschweige denn eine, die immer noch ihren Ankerplatz verteidigen würde.

Noch nie zuvor hatte Sawal einen dieser neuen Schoner der Charisianer erlebt, und er war zutiefst erstaunt, als er begriff, wie hart am Wind diese neuen Schiffe fahren konnten. Und Gleiches galt auch für die Größe und die Leistungsfähigkeit ihres Segelrisses. Sein eigenes Schiff verfügte über die gleiche Anzahl Masten, doch die Segelfläche dieses Schoners der Charisianer war mindestens doppelt so groß. Zudem war dieses Schiff stabil und groß genug, derart viel Segel auch auszunutzen, und unter diesen Umständen fuhr der Schoner ungleich schneller, als sein eigenes Schiff es jemals würde schaffen können.

Die Anzahl der Geschützpforten, über die gesamte Längsseite des Schiffes verteilt, war mindestens ebenso beeindruckend, und Sawal spürte, wie sich sein Magen zusammenkrampfte, als er die stummeligen Mündungen der Kanonen sah, die nun aus den Geschützpforten herausragten.

»Pater?«

Er blickte zu seinem ersten Offizier hinüber. Diese Frage, nur ein einziges Wort, verriet die Anspannung des anderen Priesters nur allzu deutlich, und Sawal konnte es ihm nicht einmal verübeln. Nicht, dass er eine Antwort auf das wusste, was der Mann ihn eigentlich fragen wollte – das war ihm bewusst.

»Wir werden sehen, was geschieht, Bruder Tymythy«, sagte er daher nur. »Halten Sie den Kurs.«

»Er ändert nicht den Kurs«, sagte Urvyn.

Selbst für eine unnötige Beschreibung des Offensichtlichen war das noch eine ganz besondere Leistung, schoss es Hywyt durch den Kopf.

»Nein, tut er nicht«, stimmte der Commander unter Aufbietung sämtlicher Selbstbeherrschung zu, als der Abstand sich stetig verringerte. Jetzt betrug er nur noch weniger als dreihundert Fuß, und er wurde noch kleiner, so dass sich der Commander fragte, wie weit der andere Skipper wohl dabei gehen wollte, ihn dazu zu zwingen, bei diesem Spiel hier Farbe zu bekennen; er musste fest davon überzeugt sein, die Wave wolle nur bluffen. »Geben Sie dem Schützen Anweisung, bereit für einen Schuss vor dem Bug zu sein.«

Urvyn zögerte. Es dauerte nur einen Sekundenbruchteil. Jemand anderes hätte es wohl kaum bemerkt, doch Urvyn war bereits seit mehr als sechs Monaten Hywyts First Lieutenant. Einen Augenblick lang glaubte Hywyt schon, er müsse seinen Befehl wiederholen, doch dann wandte sich Urvyn mit schwerfälligen Bewegungen ab und hob sein ledernes Sprachrohr.

»Bereit für einen Schuss vor den Bug, Master Charlz«, rief er, und der Schütze der Wave hob die Hand, um kundzugeben, dass er verstanden hatte.

»Ich glaube, er will …«

Bruder Tymythy brachte den Satz nicht zu Ende. Es war nicht notwendig. Der dumpfe Knall einer einzelnen Kanone unterbrach ihn, und Sawal schaute zu, wie die Kanonenkugel über die Wellen hinwegraste und das Weiß der Schaumkronen so scharf und säuberlich durchschnitt wie die Rückenflosse eines Kraken.

»Er hat auf uns geschossen!«, sagte Tymythy stattdessen. Seine Stimme klang vor Entrüstung unnatürlich schrill, und er hatte die Augen weit aufgerissen, als sei er allen Ernstes überrascht, dass selbst Charisianer es wagen sollten, Mutter Kirche derart zu beleidigen. Und vielleicht war er es auch tatsächlich. Sawal hingegen musste feststellen, dass es ihn selbst nicht im Mindesten überraschte.

»Ja, das hat er«, stimmte ihm der Unterpriester deutlich ruhiger zu, als er sich eigentlich fühlte.

Ich hätte es wirklich nicht für möglich gehalten, dass sie es tun würden, dachte er. Und warum überrascht mich das hier dann nicht? Das ist der Anfang vom Ende der Welt, um Gottes Willen!

Erneut dachte er über die Depeschen nach, die er mit sich führte: an wen sie gerichtet waren, und auch warum. Er dachte an die Gerüchte, die allmählich die Runde machten, was genau sich Prinz Hektor und seine Verbündeten eigentlich erhofft hatten … welche Belohnungen ihnen die Kirche versprochen hatte.

Nein, nicht die Kirche, ermahnte sich Sawal selbst. Die Ritter der Tempel-Lande. Es gibt da sehr wohl einen Unterschied!

Und so sehr er sich selbst das auch einzureden versuchte, er wusste es besser. Welcher technische oder rechtliche Unterschied zwischen diesen beiden Dingen auch existieren mochte, Pater Sawal wusste es besser. Und das, so begriff er jetzt zu seinem eigenen Entsetzen, war auch der Grund dafür, dass er über die Entwicklung hier eigentlich nicht überrascht war.

Selbst jetzt konnte er es nicht einmal für sich selbst in Worte fassen, er brachte es nicht über sich, sich dieser Erkenntnis zu stellen, doch er wusste es. Was auch immer ›die Wahrheit‹ gewesen sein mochte, vor diesem gewaltigen Angriff, den Prinz Hektor und seine Verbündeten gegen das Königreich von Charis geführt hatten: Die Charisianer wussten genauso gut wie Sawal, wer in Wahrheit dahinter gesteckt hatte. Sie alle wussten, welche zynischen Überlegungen man angestellt hatte, wie bereit man gewesen war, nahezu beiläufig das Blut eines ganzen Volkes zu vergießen und dabei alles in Schutt und Asche zu legen, und sie wussten auch, welche Arroganz diese Angreifer erfüllt und inspiriert hatte. Dieses Mal hatte sich die ›Vierer-Gruppe‹ zu weit aus den Schatten herausgewagt, und das, was sie als ein einfaches kleines Attentat auf ein unliebsames Königreich angesehen hatten, hatte sich zu etwas völlig anderem entwickelt.

Charis wusste sehr wohl, wer schon die ganze Zeit über der eigentliche Feind gewesen war, und das erklärte auch genau, warum dieser Schoner hier bereit war, das Feuer auf ein Schiff zu eröffnen, das unter der Flagge von Gottes Eigener Kirche fuhr.

Der Schoner war ihnen jetzt noch näher gekommen, er krängte unter den gewaltigen Segelmassen; vor ihrem Bug schien das weiße Wasser zu kochen, im Sonnenlicht schimmerte die Gischt zahllosen schwebenden Edelsteinen gleich in allen Farben des Regenbogens. Mittlerweile konnte Sawal einzelne Besatzungsmitglieder sehen, die sich hinter das niedrige Schanzkleid kauerten; er erkannte auch den Captain in seiner Uniform: Dort stand er, achtern, nahe dem Steuer. Und gleichzeitig sah Sawal, wie die Geschützbedienung die vorderste Kanone der Steuerbord-Breitseite nachlud. Der Kommandant blickte zu seinen eigenen Segeln auf, dann betrachtete er erneut die Anmut, mit der dieser Schoner über die Wellen dahinglitt wie ein gewaltiger Kraken. Sawal holte tief Luft.

»Streichen Sie die Flagge, Bruder Tymythy«, sagte er.

»Pater?« Bruder Tymythy starrte ihn an, als könne er nicht glauben, was er soeben gehört hatte.

»Streichen Sie die Flagge!«, wiederholte Sawal mit festerer Stimme.

»Aber, der Bischof-Vollstrecker …«

»Streichen Sie die Flagge!«, fauchte Sawal.

Einen Augenblick hatte der Kommandant des Schiffes den Eindruck, Tymythy wolle diesen Befehl verweigern. Schließlich kannte Sawals Stellvertreter die Anweisungen ebenso gut wie er selbst. Doch natürlich fiel es einem Bischof ungleich leichter, einem Unterpriester den Befehl zu erteilen, ›um jeden Preis‹ die Autorität von Mutter Kirche zu wahren. Schließlich müsste dazu nicht er selbst, sondern eben Pater Rahss Sawal die gesamte Besatzung seines Schiffes in den Tod führen – in einer nutzlosen, völlig vergeblichen Schlacht.

Wenn auch nur die geringste Hoffnung für uns bestünde, unsere Depeschen doch noch abzuliefern, würde ich die Flagge nicht streichen lassen, sagte er zu sich selbst, und gleichzeitig fragte er sich, ob das tatsächlich die Wahrheit war. Aber es ist ganz offensichtlich, dass wir vor ihnen nicht fliehen können, und wenn diese Leute da drüben so feuerbereit sind, wie es mir scheint, werden sie mit einer einzigen Breitseite dieses Schiff hier in einen treibenden Haufen Zahnstocher verwandeln – allerhöchstens mit zwei Breitseiten. Es hat überhaupt keinen Sinn, meine eigenen Männer für nichts und wieder nichts abschlachten zu lassen, und wir sind nicht einmal bewaffnet.

Die Flagge der Kirche flatterte im Wind; langsam sank sie nun von der Mars des Kurierschiffes herab – diese Flagge, die noch nie zuvor angesichts einer Streitmacht Sterblicher gestrichen worden war. Sawal schaute zu, wie sie eingeholt wurde, und ein eisiger Wind schien ihm geradewegs ins Mark zu fahren.

In so vielerlei Hinsicht war dieser kleine, bestickte Stofffetzen nur eine bedeutungslose Kleinigkeit. Doch so begannen alle Katastrophen, nicht wahr? Mit einer Kleinigkeit, wie den ersten fallenden Kieseln, denen ein gewaltiger Erdrutsch folgte.

Vielleicht hätte ich sie doch dazu zwingen sollen, das Feuer auf uns zu eröffnen. Dann hätte es wenigstens keinerlei Fragen mehr gegeben, keinerlei Zweifel mehr. Und wenn Chans tatsächlich bereit ist, sich Mutter Kirche entgegenzustellen, dann hätten einige tote Matrosen das nur noch klarer verdeutlicht.

Vielleicht wäre das so gewesen, und vielleicht hätte er die Charisianer tatsächlich dazu zwingen sollen, sie anzugreifen, doch er war nun einmal Priester, kein Soldat, und er hatte es einfach nicht tun können. Und, so sagte er sich, alleine schon die Tatsache, dass Charis das Feuer auf ein Schiff eröffnet hatte, das unter der Flagge der Heiligen Mutter Kirche stand, sollte mehr als genug Beleg sein. Es war wirklich nicht erforderlich, dass er selbst dafür auch noch seine Männer in den Tod führte.

Zweifellos reichte das aus, und während er sich das noch einzureden versuchte, wusste Pater Rahss Sawal es doch besser.

Die Menschenleben, die er an diesem Morgen gerettet hatte, würden so bedeutungslos werden wie Senfsamen im Sturm, wenn sie erst einmal die entsetzlichen Berge des Todes überschritten hatten, die vor dem Himmel des morgigen Tages aufragten.

.II.

Königlicher Palast,
Manchyr,
Fürstentum Corisande

Mit dem Zeh blieb Hektor Daykyn an einer splittergesäumten, tiefen Scharte hängen, die eine Kanonenkugel der Charisianer in das Deck der Galeere Lanze gefräst hatte. Es war eine Scharte unter vielen, und nun fuhr der Prinz von Corisande vorsichtig mit der Hand über ein geborstenes Schanzkleid, auf das der gesplitterte Mast heruntergestürzt war.

»Captain Harys hatte alle Hände voll zu tun, sie wieder nach Hause zu bringen, Euer Hoheit«, sagte mit ruhiger Stimme der Mann, der neben ihm ging.

»Ja. Ja, das hatte er wohl«, stimmte Hektor zu, doch seine Stimme klang sonderbar abwesend, und sein Blick galt etwas, das nur er alleine sehen konnte. Dass er so in die Ferne starrte, rief bei Sir Taryl Lektor, dem Grafen Tartarian, beträchtliche Besorgnis hervor. Nachdem nun bestätigt war, dass Graf Black Water während der Schlacht den Tod gefunden hatte, war Tartarian selbst der ranghöchste Admiral der Corisandian Navy – oder dem, was davon noch übrig geblieben war –, und es gefiel ihm ganz und gar nicht, dass die Gedanken des Prinzen gelegentlich … abzuschweifen schienen. Das passte so gar nicht zu Hektors normalem, entschiedenem Auftreten.

»Vater, können wir jetzt gehen?«

Nun nahmen Hektors Augen wieder seine Umgebung wahr, und er blickte den Jungen an, der neben ihm an Deck stand. Der junge Bursche hatte Hektors dunkle Augen und auch das charakteristische Kinn seines Vaters, doch das kupferrote Haar hatte er von seiner verstorbenen Mutter, die aus den Nordlanden stammte. Wahrscheinlich würde der Junge eines Tages auch eine ähnliche Statur aufweisen wie sein Vater, doch noch war es zu früh, sich dessen sicher zu sein. Mit seinen fünfzehn Jahren musste Kronprinz Hektor immer noch ein gutes Stück wachsen.

In mehr als nur einer Hinsicht, ging es seinem Vater düster durch den Kopf.

»Nein, können wir nicht«, sagte er dann laut. Der Kronprinz legte die Stirn in Falten und zog die Schultern hoch, als er die Hände tief in die Taschen seiner Kniebundhosen schob. Es wäre nicht ganz gerecht gewesen, seinen Gesichtsausdruck als ›Schmollen‹ zu bezeichnen, doch Prinz Hektor fiel kein Wort ein, das besser gepasst hätte.

Irys, du bist ein Dutzend mal mehr wert als er, dachte der Prinz. Warum, oh warum nur, konntest du nicht als Junge auf die Welt kommen?

Bedauerlicherweise hatte das nun einmal nicht sein sollen, und so konnte Hektor sich nicht auf Prinzessin Irys verlassen, sondern musste sich mit seinem Namensvetter begnügen.

»Pass gut auf!«, sagte er jetzt kühl und warf dem Jungen einen recht gestrengen Blick zu. »Es sind Männer gestorben, um dieses Schiff hier nach Hause zu bringen, Hektor. Vielleicht kannst du ja etwas aus dem Beispiel, das sie uns gegeben haben, lernen.«

Angesichts dieser öffentlichen Rüge schoss dem jüngeren Hektor das Blut ins Gesicht. Mit einer gewissen Befriedigung nahm sein Vater sein Erröten zur Kenntnis, doch dann rief er sich wieder ins Gedächtnis zurück, dass es wahrscheinlich keine gute Idee war, das Kind, das eines Tages selbst auf seinem Thron sitzen und über dieses Fürstentum herrschen würde, öffentlich zu demütigen. Prinzen, die sich an derartige Dinge erinnerten, neigten dazu, das an ihren eigenen Untertanen auszulassen, und die Ergebnisse konnte man sich schon im Vorhinein ausmalen.

Auch wenn die Chancen nicht allzu gut standen, dass dieser Kronprinz hier auch nur die Gelegenheit haben würde, irgendetwas in jener Art überhaupt zu tun. Und das hatte auch viel mit dem Schaden zu tun, den die angeschlagene Galeere genommen hatte, auf der Hektor hier stand.

Er machte auf dem Absatz kehrt und blickte der Länge nach über das Deck des Schiffes hinweg. Dieses Schiff in den heimatlichen Hafen zu schaffen musste ein wahrer Albtraum gewesen sein. Selbst jetzt noch, obwohl die Lanze längst vor Anker lag, arbeiteten die Lenzpumpen mit aller Kraft. Die lange Heimreise vom Darcos-Sund, fast siebentausend Meilen, hatte diese Galeere nur im Kriechtempo hinter sich bringen können: ein Schiff, dessen Rumpf unter der Wasserlinie mindestens ein Dutzend Mal durchschlagen worden war und von dessen Besatzung die charisianische Artillerie mindestens ein Drittel abgeschlachtet hatte. Das war der Stoff, aus dem Legenden gemacht wurden. Hektor hatte nicht einmal versucht, die Einschläge oberhalb der Wasserlinie zu zählen, doch er hatte sich bereits fest vorgenommen, Captain Zhoel Harys eine Beförderung angedeihen zu lassen.

Wenigstens sind ja für eine Beförderung jetzt wieder genügend Planstellen frei, nicht wahr?, ging es Hektor durch den Kopf, während er die dunklen Flecken an Deck der Lanze betrachtete; das Blut zahlloser Menschen war tief in das Holz eingezogen.

»Also gut, Hektor«, sagte er. »Ich denke, wir können jetzt gehen. Du kommst sowieso schon zu spät zur Fechtstunde.«

Einige Stunden später saßen Hektor, Admiral Tartarian, Sir Lyndahr Raimynd – Hektors Schatzmeister – und Graf Coris – der Leiter seiner Spionageabteilung – in einem kleinen Ratszimmer, von dessen Fenster aus man den Hafen einblicken konnte.

»Wie viele ergibt das, Mein Prinz?«, fragte Graf Coris.

»Neun«, antwortete Hektor deutlich harscher, als er eigentlich beabsichtigt hatte. »Neun«, wiederholte er dann in deutlich ruhigerem Ton. »Und ich bezweifle, dass wir noch viele weitere von denen sehen werden.«

»Und laut der letzten Nachrichten, die uns vom Großherzog erreicht haben, hat es bislang noch keine der von Zebediahnern bemannten Galeeren nach Hause geschafft.«

»Das ist mir nicht entgangen.«, gab Hektor zurück.

Und es überrascht mich auch nicht sonderlich, dachte er. Allzu viele waren das ohnehin nicht – und was auch immer Tohmys sagen mag, ich wäre dennoch bereit zu wetten, dass seine geschätzten Captains sich fast ebenso rasch ergeben haben wie Sharleyans Chisholmer. Er verkniff sich ein spöttisches Schnauben. Schließlich lieben die mich ja fast genauso wie Sharleyan selbst.

Eigentlich ist das ein wenig ungerecht, sinnierte er. Mehr als zwanzig Jahre waren vergangen, seit er den letzten Prinzen von Zebediah besiegt, abgesetzt und dann hatte hinrichten lassen. Und der war schon vor der Eroberung seines Reiches kein sonderlich guter Regent gewesen, auch mit seinem Kopf, wie selbst die hartgesottensten Patrioten von Zebediah eingestehen mussten. Hektor mochte vielleicht eine gewisse Skrupellosigkeit an den Tag gelegt haben, wenn es darum ging, potenziellen Widerstand auszumerzen und dafür zu sorgen, dass die gesamte bisherige Dynastie ein für allemal ausgerottet wurde, und er hatte sich auch gezwungen gesehen, seitdem an dem einen oder anderen allzu ehrgeizigen Adeligen ein Exempel zu statuieren. Doch wenigstens hatten die Zebediahner eine anständige Regierung erhalten, seit sie zu Untertanen von Corisande geworden waren, und ihre Steuern waren eigentlich auch nicht viel höher als zuvor. Natürlich wurde ein Großteil dieser Steuern tatsächlich für Corisande ausgegeben, nicht für Zebediah, aber wenn man unbedingt Kriege verlieren will, kann man eben nicht alles haben.

Und was auch immer das gemeine Volk denken mochte: Tohmas Symmyns, der Großherzog von Zebediah, und die anderen Aristokraten, die überlebt hatten, wussten ganz genau, wo es etwas zu holen gab. So war Symmyns Vater beispielsweise nur ein einfacher Baron gewesen, bevor Hektor ihn in den neu geschaffenen Stand eines Großherzogs erhoben hatte, und dieser derzeitige Großherzog wusste auch genau, dass er diesen Titel nur so lange würde führen können, wie er Hektors Vertrauen genoss. Dennoch war unbestreitbar, dass seine zebediahnischen Untertanen doch weniger begeistert darüber waren, ihr Blut im Dienste des Hauses Daykyn zu vergießen, als die gebürtigen Corisander.

Das hatte vermutlich irgendetwas damit zu tun, wie viel von ihrem Blut im Laufe der letzten Jahrzehnte durch das Haus Daykyn vergossen worden war.

»Um ehrlich zu sein, Euer Hoheit«, sagte Tartarian, »sollte es mich verwundern, wenn wir noch weitere davon zu Gesicht bekämen, ob die Mannschaft nun aus Corisandern oder Zebediahnern besteht. Die Lanze ist kaum mehr als ein Wrack. Wenn man bedenkt, welche Schäden sie davongetragen hat und wie viele Verluste ihre Mannschaft erleiden musste, ist es ein echtes Wunder, dass Harys sie überhaupt noch in die Heimat hat schaffen können … und das auch nicht gerade in Rekordzeit.« Der Admiral schüttelte den Kopf, und seine Miene wirkte sehr grimmig. »Wenn es noch weitere Schiffe gibt, die möglicherweise noch schwerer beschädigt wurden, so sind die höchstwahrscheinlich längst in den Fluten versunken. Oder sie sind zumindest auf irgendeiner Insel irgendwo zwischen ihrem Heimathafen und dem Darcos-Sund auf Grund gelaufen.«

»Das denke ich auch«, stimmte Hektor zu und holte tief Luft. »Und das bedeutet, wann auch immer Haarahld uns erreicht, werden wir über keinerlei Flotte verfügen, mit der wir ihn abhalten könnten.«

»Wenn die Berichte wirklich zutreffen, Euer Hoheit, könnte eine gewöhnliche Galeeren-Flotte ihn ohnehin nicht aufhalten«, gab Tartarian zu bedenken.

»Stimmt. Also werden wir uns wohl eine eigene Flotte dieser neumodischen Galeonen bauen müssen.«

»Wie wahrscheinlich ist es denn, dass Haarahld uns die dafür erforderliche Zeit lässt, Mein Prinz?«, fragte Coris nach.

»Das kann ich genauso wenig sagen wie Sie, Phylyp. Tatsächlich …« – Hektors Lächeln wirkte sehr verbittert – »… hatte ich sogar gehofft Sie wären im Raten deutlich besser als ich.«

Coris begann zwar nicht zu zittern, doch auch sein Gesichtsausdruck wirkte nicht sonderlich glücklich. Ebenso wie sein Gegenstück in Charis war auch Phylyp Ahzgood nicht in den Adelsstand hineingeboren. Man hatte ihm seinen Titel in Anerkennung seiner Arbeit als Leiter der Spionageabteilung im Dienste Prinz Hektors verliehen (nachdem sich herausgestellt hatte, dass sein bedauerlicherweise verblichener Vorgänger, der letzte Graf Coris, in den letzten ernstzunehmenden Versuch, ein Attentat auf Hektor zu verüben, verwickelt gewesen war); und man konnte in Ahzgood am ehesten etwas ähnliches wie einen ›Ersten Ratgeber‹ Hektors sehen. Doch er war im Ansehen des Prinzen deutlich gesunken, als nach und nach schmerzlich klar wurde, in welchem Ausmaß man die seefahrtstechnischen Neuerungen Haarahlds von Charis unterschätzt hatte. Es war sehr gut möglich, dass sein Kopf nur deswegen immer noch seinem Körper Gesellschaft leisten durfte, weil alle anderen davon im gleichen Maße überrascht worden waren.

»Tatsächlich denke ich, dass uns zumindest noch ein wenig Zeit bleibt, Euer Hoheit«, sagte Tartarian jetzt. Dem Admiral schienen die Untertöne im Gespräch zwischen seinem Prinzen und Coris zu entgehen, auch wenn Hektor ernstlich bezweifelte, dem sei tatsächlich so.

»Und ich bin sogar geneigt, Ihnen beizupflichten, Admiral«, sagte der Prinz. »Allerdings bin ich neugierig zu erfahren, ob Sie dafür die gleiche Begründung anführen, die ich mir selbst überlegt habe.«

»Es hängt sehr viel davon ab, über welche Ressourcen Haarahld verfügt und wie präzise er seine Strategie beibehalten kann, Euer Hoheit. Um ehrlich zu sein, lassen die Berichte, die uns bislang erreicht haben, zumindest vermuten, dass er nicht allzu viele dieser verwünschten Galeonen verloren hat – wenn überhaupt welche. Andererseits hatte er auch schon vor dieser Schlacht nicht gerade eine übermäßig große Zahl davon. Sagen wir einfach, er hätte noch dreißig oder vierzig Schiffe. Das ist eine sehr schlagkräftige Flotte, vor allem mit dieser neuen Artillerie. Sie könnte wahrscheinlich jede Flotte auf ganz Safehold besiegen. Doch sobald der diese Flotte aufteilen muss, um mehrere Angriffsziele gleichzeitig abzudecken, wird sie das deutlich schwächen. Und trotz all dem, was unseren Flotten widerfahren ist, muss er doch zumindest einige Vorsichtsmaßnahmen treffen, um seine heimatlichen Gewässer und seine Handelsschiffe zu schützen.

So wie ich das sehe, bedeutet das wahrscheinlich, dass er immer nur eine einzige Offensive starten kann, nicht jedoch mehrere zur gleichen Zeit. Natürlich wäre es mir sehr recht, wenn er sich an mehreren Feldzügen gleichzeitig versuchen würde, aber ich glaube nicht, dass er dafür dumm genug ist. Und wenn wir schon über die Art Feldzüge nachdenken, auf die er sich einlassen könnte, sollten wir auch nicht vergessen, dass er eigentlich überhaupt keine Armee besitzt – und Corisande ist nicht gerade ein kleiner Fleck auf der Landkarte. Von Wind Hook Head bis nach Dairwyn sind es mehr als siebzehnhundert Meilen, und beinahe zweitausend von Cape Targan bis nach West Wind Head. Wir mögen deutlich weniger dicht besiedelt sein als Harchong oder Siddarmark, aber das ist immer noch ein beachtliches Territorium, das man da abdecken muss. Wenn er es wirklich darauf anlegt, kann Haarahld sehr wohl eine Armee aufstellen, mit der er sowohl gegen uns als auch gegen Emerald marschieren kann, aber das wird dauern und einen Shan-wei-hohen Preis fordern. Und zugleich wird es ihn auch daran hindern, weiterhin seine Flotte entsprechend zu vergrößern.

Selbst im besten Falle – und das meine ich jetzt ganz aus seiner Sicht – wird es mehrere Fünftage oder sogar Monate brauchen, bevor er bereit wäre, irgendwelche ernstzunehmenden Übersee-Angriffe zu starten. Und selbst wenn es so weit käme, liegt Emerald Charis doch immer noch deutlich näher als wir. Haarahld wird nicht zulassen, dass ihm Prinz Nahrmahn ungehindert im Nacken sitzt, während er einen Großteil seiner Flotte und jeden einzelnen Marine, den er nur auftreiben kann, gegen uns in den Krieg schickt. Und das bedeutet, dass er sich wahrscheinlich zunächst um Emerald kümmern wird. Und auch wenn ich nicht allzu viel von der Emeraldian Army halten mag, so existiert sie eben doch. Wenn sich Haarahld also für einen Kampf entscheidet, wird ihn das mindestens einige weitere Monate kosten, einfach nur, um zumindest die größten Häfen und Städte einzunehmen. Und wenn er das ganze Land erobern will, so wird es noch deutlich länger dauern – vorausgesetzt natürlich, Nahrmahns Untertanen halten ihm weiterhin die Treue.

Wenn er sich also für eine konventionelle Strategie entscheidet, halte ich es für äußerst unwahrscheinlich, dass er sich überhaupt noch im Laufe dieses Jahres um uns kümmern wird.«

»Das sind überzeugende Argumente«, sagte Hektor. »Und alles in allem muss ich sagen, dass ich Ihnen beipflichte. Aber bitte vergessen Sie eines nicht: Haarahld von Charis hat bereits einmal bewiesen, dass er sehr wohl bereit ist, sich für unkonventionelle Strategien zu entscheiden, Admiral.«

»Oh, das vergesse ich nicht, das versichere ich Euch, Euer Hoheit. Niemand, der irgendetwas mit der Navy zu tun hat, wird das so bald vergessen.«

»Gut.« Hektor lächelte ihn frostig an, dann hob er die Hand.

»Aber gehen wir doch im Augenblick davon aus, Ihre Einschätzung der Lage sei hinreichend treffend. Und selbst, wenn dem doch nicht so sei, bleiben uns zweifellos immer noch mindestens ein Monat oder zwei, bevor Haarahld hier vorstellig werden wird. Natürlich werden wir vielleicht schon früher den einen oder anderen Kreuzer sehen, der sich vor der Küste herumtreibt und jedes Handelsschiff abfängt, das töricht genug ist, sich zu nähern, aber Haarahld wird doch länger dafür brauchen, eine ernstzunehmende Expedition aufzustellen. Und wenn er lange genug dafür braucht, werden wir vielleicht auch die eine oder andere unschöne Überraschung für ihn bereithalten können, wenn er schließlich hier auftaucht.«

»Welche Art ›Überraschung‹, Mein Prinz?«, fragte Coris nach.

»Zumindest sind Black Waters Depeschen mit den Skizzen der neuen charisianischen Kanonen sicher hierher gelangt«, merkte Hektor an. »Es ist eine Schande, dass die eigentlichen Prisenschiffe letztendlich aus irgendeinem geheimnisvollen Grund in Eraystor gelandet sind, aber dank seiner Skizzen und Captain Myrgyns begleitenden Berichts wissen wir jetzt von diesen neuen Lafetten und den abgepackten Pulverladungen. Ich würde zu gerne auch mehr über dieses neue Schießpulver erfahren, das die verwenden, aber …«

Hektor verzog das Gesicht und zuckte kaum merklich mit den Schultern. Das war der einzige Teil von Myrgyns Bericht, der nicht absolut vollständig gewesen war.

»Ich denke, wir können selbst ohne das immer noch ausnutzen, was wir über ihre Verbesserungen auf dem Gebiet der Artillerie in Erfahrung gebracht haben«, sprach er nach kurzem Zögern weiter. »Die Frage ist nur, wie viel Zeit uns bleibt, das auch in die Tat umzusetzen.«

»Ich habe über diese neuen Kanonen schon mit dem Artilleriemeister gesprochen, Euer Hoheit«, sagte Tartarian nun. »Er ist genauso wütend darüber wie ich, dass wir nicht von alleine auf diese Ideen gekommen sind. Sie sind so verdammt einfach, dass …«

Der Graf hielt inne und schüttelte den Kopf.

»Ich bitte um Verzeihung, Euer Hoheit.« Er räusperte sich. »Worauf ich hinauswollte, das war, dass er bereits an den Gussformen für die ersten Kanonen in diesem neuen Stil arbeitet. Natürlich wird er dabei einige Versuche durchführen müssen, und man muss die neuen Kanonen auch noch bohren und auf die Lafetten aufbringen. Dennoch ist er der Ansicht, er könne die ersten innerhalb von anderthalb Monaten abliefern. Ich habe ihm gesagt …« – Tartarian blickte Hektor geradewegs in die Augen – »… ich sei mir der Tatsache bewusst, dass dies nur eine erste Schätzung sei, und er müsse nicht mit negativen Konsequenzen rechnen, sollte sich seine Schätzung trotz größter Bemühungen als übermäßig optimistisch herausstellen.«

Erneut verzog Hektor das Gesicht, doch er nickte dabei zustimmend.

»Während der Artilleriemeister daran arbeitet«, fuhr Tartarian fort, »habe ich mich bereits daran begeben, mir zu überlegen, wie man die Galeonen so umbauen könnte, dass sich die neuen Waffen auch montieren lassen. Ich denke nicht, dass es einfach möglich ist, nur neue Geschützpforten in die Seitenwände zu schneiden, und ich will zu diesem Zeitpunkt nicht einmal wagen, eine Schätzung darüber abzugeben, wie lange es wohl dauern wird, ein Schiff tatsächlich damit auszustatten. Wir geben unser Bestes, aber eine Flotte, die in der Lage sein kann, sich Haarahld entgegenzustellen, werden wir frühestens in einem oder zwei Jahre aufstellen können, Euer Hoheit. Es tut mir Leid, aber so ist es nun einmal.«

»Verstanden. Ich bin über diese Zahlen ebenso wenig glücklich wie Sie, Admiral, aber wir werden in der Zeit, die uns bleibt, einfach versuchen das Beste zu erreichen, was wir nur können. Ich denke, das wird bedeuten, zumindest kurzfristig gesehen, dass diese neuen Kanonen, wenn sie aus der Gießerei kommen, zunächst einmal in unseren wichtigsten Geschützbatterien an der Küste eingesetzt werden, und erst danach an Bord neuer Schiffe der Flotte.«

»Wenn Ihr gestattet, Euer Hoheit, würde ich Euch gerne einen anderen Vorschlag unterbreiten«, erwiderte Tartarian. »Ich stimme zu, dass die Geschützbatterien an der Küste eindeutig vorrangig sind, aber jede Kanone, die wir auf See einsetzen können, wäre ebenso lohnenswert. Ich bin der Ansicht, wir könnten relativ rasch schwimmende Geschützbatterien konstruieren – ich rede hier von im Prinzip nichts anderem als großen Flößen, mit Schatzkleidern, die der Besatzung Schutz vor kleineren Schusswaffen und leichter Artillerie bieten. Diese schwimmenden Geschützbatterien könnten die Verteidigung unserer wichtigsten Häfen unterstützen. Und jede Galeone, die wir mit den neuen Kanonen ausstatten, wäre bei der Verteidigung der Hafenanlagen geradezu unschätzbar wertvoll.«

»Ich verstehe.«

Hektor schürzte die Lippen, dachte konzentriert über diesen Vorschlag nach. Dann zuckte er mit den Schultern.

»Sie mögen durchaus Recht haben, Admiral. Ich gehe zwar davon aus, dass dieser Aspekt zumindest anfänglich irrelevant sein wird. Sobald wir erst einmal damit beginnen, Galeonen zu bauen, die diese neuen Kanonen an Bord nehmen können, werden wir selbstverständlich darüber nachdenken müssen, was letztlich Vorrang haben wird.«

»Jawohl, Euer Hoheit.«

»Und damit kommen wir zu Ihnen, Lyndahr«, fuhr Hektor fort und wandte sich seinem Schatzmeister zu. »Mir ist sehr wohl bewusst, dass wir nicht einmal ansatzweise über die Gelder verfügen, die für eine vollständig neue Flotte erforderlich wären. Andererseits ist es vermutlich kostengünstiger, eine neue Flotte zu kaufen als ein neues Fürstentum. Also werden Sie sich etwas einfallen lassen müssen.«

»Ich verstehe, Mein Prinz«, erwiderte Raimynd. »Und ich habe darüber bereits ausgiebig nachgedacht. Das Problem ist: Die Schatzkammer enthält einfach nicht genug Geld, um auch nur ansatzweise ein derartig gewaltiges Rüstungsprogramm zu finanzieren. Oder vielleicht sollte ich lieber sagen, dass unsere Schatzkammer nicht genügend Geld dafür enthält.«

»Ach?« Fragend hob Hektor eine Augenbraue, und Raimynd zuckte die Achseln.

»Ich denke, Mein Prinz«, sagte er recht geziert, »die Ritter der Tempel-Lande werden vom Ergebnis des letzten Feldzuges nicht sonderlich … erbaut sein.«

»Das ist wohl noch milde ausgedrückt«, gab Hektor trocken zurück.

»Ich habe mir das bereits gedacht, Mein Prinz. Und mir kam der Gedanke, unter den gegebenen Umständen könnten die Ritter der Tempel-Lande wohl erkennen, dass es ein … sagen wir … gewisses, berechtigtes Interesse gibt, das sie mit dem Fürstentum gemein haben. Tatsächlich glaube ich, dass es durchaus vernünftig von uns wäre, ihre Hilfe zu erbitten, um die Kosten tragen zu können, die unsere gemeinsamen Bemühungen verursacht haben.«

Raimynd hätte Diplomat werden sollen, ging Hektor durch den Kopf, und nicht bloß ein Geldzähler.

»Ich pflichte Ihnen bei«, sagte er laut. »Bedauerlicherweise sind die Ritter der Tempel-Lande recht weit von uns entfernt. Selbst mit Hilfe des Semaphorensystems und der Depeschenboote der Kirche dauert es mehrere Fünftage, um auch nur einfache Nachrichten hin und her zu schicken, von Gold oder Silber ganz zu schweigen. Und wenn Haarahld erfährt, dass tatsächlich Barren verschifft werden, weiß ich schon jetzt ganz genau, wo er seine Kreuzer als Nächstes zum Einsatz bringen wird.«

»Damit habt Ihr Recht, Mein Prinz. Bischof-Vollstrecker Thomys hingegen befindet sich hier in Manchyr. Ich glaube, wenn Ihr Euch an ihn wenden und ihm unsere Bedürfnisse genau schildern würdet, könntet Ihr ihn davon überzeugen, uns Unterstützung für unsere Bemühungen zukommen zu lassen.«

»Und wie genau stellen Sie sich das vor?«, fragte Hektor nach.

»Ich glaube, wenn der Bischof-Vollstrecker willens ist, könnte er entsprechende Kreditbriefe zu Lasten der Schatzkammer eben der Ritter der Tempel-Lande ausstellen. Vielleicht werden wir gewisse Abstriche hinsichtlich des Nennwertes hinnehmen müssen, aber tatsächlich halte ich es sogar für wahrscheinlich, dass sie ihren vollen Wert beibehalten werden, schließlich weiß jeder, dass die Zahlungsfähigkeit völlig außer Frage steht. Dann könnten wir unsererseits Kreditbriefe ausstellen, die durch die des Bischof-Vollstreckers gedeckt wären, um das notwendige Rüstungsprogramm zu finanzieren.«

»Und wenn der Bischof-Vollstrecker nicht willens ist, einer derartigen offiziellen Verbindlichkeit der Ritter der Tempel-Lande zuzustimmen?«, fragte Tartarian sofort. Raimynd blickte ihn an, und der Admiral zuckte mit den Schultern. »Ich stimme jedem einzelnen Punkt Ihrer Argumentation voll und ganz zu, Sir Lyndahr. Bedauerlicherweise könnte der Bischof-Vollstrecker der Ansicht sein, er sei nicht befugt, in dieser Weise die Schatzkammer der Ritter der Tempel-Lande zu belasten. Und, um ganz ehrlich zu sein: Wäre ich ein Gießereibesitzer oder ein Schiffsbauer, würde es mich selbst auch durchaus nervös machen, einen Kreditbrief der Tempel-Lande zu akzeptieren, der nicht im Vorhinein durch die Ritter der Tempel-Lande selbst gebilligt wurde. Ich denke, Sie verstehen, was ich meine.«

»Ein verständlicher Einwand«, merkte nun Hektor an. »Aber ich denke nicht, dass er völlig unüberwindbar ist. Lyndahr, ich halte das für eine sehr gute Idee, der wir unbedingt nachgehen sollten. Und wenn Bischof-Vollstrecker Thomys sich als zögerlich erweist, wenn wir mit ihm sprechen, sollten wir – so denke ich zumindest – darauf hinweisen, dass er, auch wenn er nicht berechtigt ist, die Schatzkammer der Ritter der Tempel-Lande zu belasten, sehr wohl über die Ressourcen der Erzdiözese zu verfügen befugt ist. Ihm steht genau hier, in Corisande, alles für einen hinreichend umfassenden Kreditbrief zur Verfügung, um die Kosten der ersten Monate zu decken. Bis dahin werden wir zweifellos von den Rittern der Tempel-Lande selbst eine Antwort erhalten haben. Ich denke, sie werden die Logik Ihres Vorschlages erkennen und dieser Abmachung zustimmen. Und wenn sie das nicht tun, werden wir uns eben dann eine andere Vorgehensweise überlegen müssen.«

»Jawohl, Euer Hoheit.« Raimynd neigte den Kopf zu einer angedeuteten Verbeugung.

»Also gut«, sagte Hektor und schob seinen Sessel zurück. »Ich denke, damit hätten wir alles besprochen, was an diesem Abend zu besprechen lohnenswert gewesen sein dürfte. Ich möchte Berichte – regelmäßige Berichte – im Hinblick auf alles, was wir bislang besprochen haben. Mir ist sehr wohl bewusst, dass unsere Lage im Augenblick, sagen wir, recht … wenig beneidenswert ist.« Er verzog die Lippen zu einem angespannten Grinsen. »Aber wenn Haarahld sich nur lange genug Zeit damit lässt, Emerald einzunehmen, sollten wir, so denke ich, in der Lage sein, genug zu bewirken, um ihm zumindest heftige Bauchschmerzen zu verursachen, wenn er sich dann schließlich Corisande zuwendet!«

.III.

Kathedrale von Tellesberg,
Tellesberg,
Königreich Charis

Es war sehr still in der Kathedrale von Tellesberg.

Der gewaltige Rundbau war überfüllt, fast so wie bei der Totenmesse für König Haarahld; doch die Atmosphäre, die hier herrschte, war völlig anders geartet als bei jener Begebenheit. Immer noch gab es diese Stimmung voller Zorn, Entrüstung und Entschlossenheit, doch jetzt war noch etwas anderes hinzugekommen – etwas, das an die drückende Stille vor einem gewaltigen Gewitter erinnerte. Eine Anspannung, die in den Fünftagen seit dem Tode des alten Königs nur noch größer und bedrohlicher geworden war.

Captain Merlin Athrawes von der Charisian Royal Guard hatte vollstes Verständnis für diese Anspannung. Während er vor dem Eingang zur königlichen Loge wartete und über König Cayleb und seine beiden jüngeren Geschwister wachte, wusste er ganz genau, was diese gewaltige, nicht ganz lautlose Menschenmenge gerade dachte und was ihr Sorgen bereitete. Doch er wagte es noch nicht einmal, darüber Mutmaßungen anzustellen, wie sie wohl reagieren würde, wenn der langerwartete Augenblick schließlich gekommen war.

Was, so dachte er trocken, in etwa fünfundzwanzig Sekunden der Fall sein wird.

Als hätte dieser Gedanke die Wirklichkeit erst heraufbeschworen, öffneten sich die Türen der Kathedrale. Zu diesem Anlass gab es weder Musik noch einen Chor, und das metallische Klacken des Riegels hallte wie ein Musketenschuss schier endlos in der Stille des gewaltigen Baues wider. Lautlos und sanft schwangen die Türblätter auf ihren wohlgeölten, sorgsam gewarteten Scharnieren zur Seite, und dann trat ein einzelner Szepterträger hindurch. Auch Thuriferare gab es an diesem Tag nicht, ebensowenig wie Kerzenträger. Es war eine schlichte Prozession – für die wichtigste Kathedrale eines ganzen Königreiches relativ klein. Nach und nach betraten Priester im vollen, funkelnden Ornat der Kirche des Verheißenen das Gotteshaus.

Sie durchquerten den Sonnenstrahl, der durch die Buntglasfenster der Kathedrale fiel, und die Stille schien noch weiter zuzunehmen; in Wellenbewegungen schien sie sich von ihnen über die gesamte versammelte Gemeinde auszubreiten. Die Spannung wuchs und wuchs, und Captain Athrawes musste seine rechte Hand davon abhalten, zum Heft seines Katana zu wandern.

Die Prozession bestand aus zwanzig Priestern; angeführt wurde sie von einem Mann, der die orangefarben abgesetzte, weiße Soutane eines Erzbischofs trug. Darüber prunkte ein atemberaubend bestickter, steifer Chorrock, von goldenen Fäden durchwirkt und mit zahllosen Juwelen geziert. Die rubinbesetzte, goldene Krone, die er anstelle des bischöflichen Diadems trug, das sonst in seiner Kathedrale für ihn üblich war, verriet seine Stellung ebenso wie seine Soutane, und an seiner Hand blitzte der Rubinring seines Amtes.

Die anderen neunzehn Männer trugen nur geringfügig weniger majestätische Chorröcke über ihren weißen Soutanen, die allerdings nicht in der charakteristischen Farbe eines Bischofs abgesetzt waren, doch statt Kronen oder Diademen ruhten auf ihren Häuptern nur die schlichten, weißen Kopfbedeckungen mit Kokarden, wie es sich für Bischöfe geziemte, die die Kathedrale eines anderen Prälaten betraten. Ihre Mienen wirkten nicht so gelassen wie die ihres Anführers. Tatsächlich wirkten einige von ihnen sogar deutlich angespannter und besorgter als die Laien, die hier ihrer Ankunft harrten.

Stetig und mit gleichmäßigen Bewegungen zog die Prozession weiter; die Priester schritten den Mittelgang hinab, dann traten die einzelnen Bischöfe zur Seite. Der Mann in der Soutane eines Erzbischofs nahm auf dem Thron Platz, der dem Statthalter des Erzengels Langhorne in Charis vorbehalten war, und hier und dort brandete leises Gemurmel auf, als der sichtlich ranghöchste Gottesmann sich setzte. Captain Athrawes wusste nicht, ob der Erzbischof sie gehört hatte. Falls ja, so ließ er es sich nicht anmerken, während er darauf wartete, dass auch die Bischöfe ihre Plätze in den reich verzierten, und doch deutlich bescheideneren Sitzen einnahmen, die so aufgestellt waren, dass sie den Thron des Erzbischofs zu beiden Seiten flankierten.

Schließlich hatte sich auch der letzte Bischof gesetzt, und wieder herrschte in der Kathedrale völlige Stille; sie schien vor Bedeutsamkeit und Anspannung fast zu knistern, als Erzbischof Maikel Staynair den Blick über die Gemeinde schweifen ließ.

Für einen Safeholdianer war Erzbischof Maikel recht hochgewachsen; er hatte einen beeindruckenden Bart und eine auffallende Nase, seine Hände waren groß und kräftig. Zudem war er der einzige Mensch in der ganzen Kathedrale, der tatsächlich völlig ruhig wirkte. Der höchstwahrscheinlich sogar ruhig ist, ging es Captain Athrawes durch den Kopf, und er fragte sich, wie dieser Mann das nur fertigbrachte. Selbst der Glaube musste doch seine Grenzen haben. Vor allem, wenn Staynairs Recht, diese Krone und die Soutane zu tragen, die er angelegt hatte, keineswegs durch den Rat der Vikare der Kirche bestätigt worden war. Und es bestand auch nicht einmal der Hauch einer Hoffnung, dass die Vikare ihn jemals in seinem neuen Amt bestätigen würden.

Was natürlich die Anspannung aller anderen in dieser Kathedrale sehr wohl erklärte.

Schließlich, endlich, ergriff Staynair das Wort.

»Meine Kinder«, erfüllte seine kräftige, perfekt ausgebildete Stimme die ganze Kathedrale und vertrieb die völlige Stille der wartenden Gemeinde, »wir sind uns wohl bewusst, wie besorgt, wie beunruhigt und sogar verängstigt viele von euch angesichts dieser beispiellosen Veränderungen sein müssen, die in den vergangenen Monaten über Charis gekommen sind.«

Etwas, das noch nicht einmal Captain Athrawes mit seinem einzigartigen Gehör als einen ›Laut‹ bezeichnet hätte, brandete über die lauschenden Gemeindemitglieder hinweg, als die Worte des Erzbischofs ihnen erneut diesen Eroberungsversuch ins Gedächtnis zurückriefen, der ihren König das Leben gekostet hatte. Und dass Staynair das kirchenrechtlich bedeutsame Wort ›wir‹ verwendete, betonte zusätzlich, dass er hier tatsächlich ex cathedra sprach und somit auch förmlich die offizielle, rechtsgültige und bindende Doktrin und Ordnung seiner ganzen Erzdiözese verkündete.

»Veränderung ist etwas, bei dem es gilt, Vorsicht walten zu lassen«, fuhrt Staynair fort, »und Veränderung nur um der Veränderung willen gilt es stets zu vermeiden. Doch selbst das Offizium der Inquisition von Mutter Kirche hat in der Vergangenheit anerkannt, dass es Zeiten gibt, in denen Veränderung sich nicht vermeiden lässt. Großvikar Tohmys’ Lehrschrift Über Gehorsam und Glauben hat vor fast fünf Jahrhunderten festgelegt, dass es Zeiten gibt, in denen jeglicher Versuch, die Konsequenzen notwendiger Veränderungen zu leugnen oder zu vermeiden, selbst zur Sünde wird.

Und eine derartige Zeit ist nun angebrochen.«

Als er dann schwieg, war die Stille in der Kathedrale vollkommen. Was Anspannung gewesen war, verwandelte sich in atemlose, völlige Konzentration; alle Augen ruhten auf Erzbischof Maikel. Der eine oder andere Kirchgänger zuckte mit dem Kopf, als sei er versucht, zur königlichen Empore hinüberzublicken, statt den Erzbischof anzuschauen, doch niemand tat es. Captain Athrawes vermutete, es sei für jeden hier in der Kathedrale derzeit schlichtweg körperlich unmöglich, den Blick von Staynair abzuwenden.

»Meine Kinder.« Sanft schüttelte der Erzbischof den Kopf, und sein Lächeln verriet tiefe Trauer. »Wir wissen sehr wohl, dass viele von euch besorgt sind, möglicherweise sogar erzürnt, angesichts der Gewänder, die wir angelegt haben. Es betrifft die Kleidung des Priesteramtes, in das wir berufen wurden. Und wir bringen es auch nicht übers Herz, euch das vorzuwerfen. Dennoch glauben wir, dass das, was heute in Charis geschieht, der Wille Gottes ist. Dass Gott Selbst uns in dieses Amt berufen hat. Nicht für besondere Fähigkeiten, Beredsamkeit oder Ehrenhaftigkeit, die wir wie jeder andere Sterbliche auch besitzen mögen, sondern weil es Sein Wille und Seine Absicht ist, in Seinem Haus hier auf Safehold und in den Herzen Seiner Kinder - all unserer Herzen – Ordnung einkehren zu lassen

Dies ist ein Tag großen Kummers und großer Trauer für uns alle, doch zugleich muss es auch ein Tag der Erneuerung und Wiedergeburt sein. Ein Tag, an dem wir – wir alle, jeder Mann und jede Frau hier – erneut bestätigen, was wahr und gut und gerecht ist, und an dem wir diese Dinge von jedem zurückfordern, der sie entweiht. Wir müssen dies tun, ohne den Versuchungen der Macht zu erliegen, ohne auf die Stimme des Eigennutzes zu hören oder uns mit Hass oder dem Verlangen nach Rache zu besudeln. Wir müssen ruhig und bedächtig handeln, mit allem gebührenden Respekt und aller Ehrfurcht vor den Ämter und Institutionen von Mutter Kirche. Aber vor allem müssen wir handeln.«

Sämtliche Zuhörer lauschten jedem einzelnen Wort des Erzbischofs, und doch hatte Captain Athrawes nicht das Gefühl, ihre Spannung würde nachlassen, er verspürte keinerlei Erleichterung, trotz Staynairs ruhiger, sachlicher, beinahe schon besänftigender Stimme.

»Meine Kinder, mit König Caylebs Erlaubnis, Billigung und Unterstützung bringen wir euch heute unsere erste offizielle Botschaft für den Großvikar und den Rat der Vikare. Wir möchten nicht den Eindruck erwecken, wir würden uns in den Schatten verbergen und vor euch auch nur einen winzigen Teil dessen geheim halten, was wir hier tun, und warum wir es tun. Ihr seid Gottes Kinder. Ihr habt das Recht, alles zu erfahren.«

Der Erzbischof streckte die Hand aus, und einer der anderen Bischöfe erhob sich. Er trat an den Thron des Erzbischofs heran und legte seinem Hirten ein reich verziertes, versiegeltes Dokument in die ausgestreckte Hand. Bunte Bänder, Wachs und metallische Siegel hingen davon herab, und das Rascheln dicken, teuren Pergaments, auf dem diese Botschaft abgefasst worden war, durchdrang die absolute Stille im Inneren der Kathedrale.

Dann las der Erzbischof vor.

»Gerichtet an Seine Durchlaucht, Großvikar Erek, siebzehnter Träger dieses Namens, achtunddreißigster Inhaber dieses Amtes, Statthalter und Diener Gottes und des Erzengels Langhorne, der Gottes Stellvertreter hier auf Safehold ist, war und sein wird, von Erzbischof Maikel Staynair, Hirte von Charis, der ihn im Namen und der Bruderschaft Gottes seinen Gruß erbietet.«

Wenn der Erzbischof etwas verlas, klang seine Stimme ebenso kräftig wie bei allen anderen Dingen, die er im Amt vortrug. Mit seiner Stimme konnte er selbst beim Verlesen des trockensten, uninteressantesten Dokuments seinen Zuhörern den Eindruck vermitteln, jenes sei von immenser Wichtigkeit.

Nicht, dass es eines besonderen Talents bedurft hätte, um seine Zuhörer an diesem Tage davon zu überzeugen.

»Mit tiefstem Bedauern«, fuhr Staynair fort, »müssen wir Euer Durchlaucht davon in Kenntnis setzen, dass die Ereignisse der jüngsten Zeit hier in Charis uns ein gewaltiges Übel enthüllt haben, das Gottes Eigene Kirche befallen hat.«

Die Luft in der Kathedrale bewegte sich, als hätte jeder einzelne seiner Zuhörerinnen und Zuhörer absolut gleichzeitig scharf eingeatmet.

»Die Kirche und der Rat der Vikare, die der Erzengel Langhorne in Gottes Eigenem Namen ordinierte, sind verderbt«, sprach Staynair mit der gleichen ruhigen, unerschütterlichen Stimme weiter. »Ämter, Entscheidungen, Ablässe, Schriften der Zustimmung und der Bezeugung und ebenso Schriften der Verdammnis und des Kirchenbanns werden veräußert und gehandelt, und die Autorität Gottes Selbst wird verfälscht und missbraucht, um dem Ehrgeiz, der Arroganz und dem Zynismus jener Männer dienlich zu sein, die sich selbst Vikare Gottes nennen.

Wir legen dieser Botschaft Belege bei, die jene Dinge beurkunden und bestätigen, die wir Euch nun mit unseren eigenen Worten schildern.«

Er hielt inne, wenn auch nur kurz, und blickte dann auf; nun las er nicht mehr vor, sondern rezitierte das Schreiben aus dem Gedächtnis, während sein Blick über die angespannten, schweigenden Mienen der Zuhörer wanderte, die diese gewaltige Kathedrale anfüllten.

»Wir klagen an: Zahmsyn Trynair, genannt ein Vikar Gottes und Kanzler der Kirche des Verheißenen, und mit ihm Allayn Maigwair, Rhobair Duchairn und Zhaspyr Clyntahn, ebenfalls genannt Vikare Gottes, für Verbrechen gegen dieses Königreich, diese Erzdiözese, die Heilige Mutter Kirche und Gott Selbst. Wir erbringen Euch Beweise, dass sie, gemeinschaftlich tätig unter dem Titel der ›Vierer-Gruppe‹, den kürzlich erfolgten Angriff auf das Volk von Charis vorbereitet und angeleitet haben. Wir erbringen Euch Beweise, dass Zahmsyn Trynair alleine und auch sie alle in Gemeinschaft ihre Funktion als ›Ritter der Tempel-Lande‹ dazu ausgenutzt haben, die Könige von Dohlar und Tarot, die Königin von Chisholm und die Prinzen von Emerald und Corisande, aufzuwiegeln und dazu anzuleiten, sich zu einem Bündnis zusammenzuschließen, mit dem einzigen Ziel, dieses Königreich mit Feuer und Schwert zu zerstören. Wir erbringen Euch Beweise, dass sie Gelder aus den Schatzkammern von Mutter Kirche missbraucht, wissentlich fehlgeleitet und gestohlen haben, um auf diese Weise ihren Plan, Charis zu zerstören, zu finanzieren. Wir erbringen Euch Beweise, dass sie, und andere mit ihnen, systematisch und kontinuierlich ihre Positionen und ihre Autorität missbraucht haben, um auf diese Weise ihre persönliche Macht, ihren persönlichen Reichtum, ihr persönliches Ansehen und ihren persönlichen Luxus zu mehren.

Wir können uns angesichts dieser niederträchtigen Korruption nicht länger taub und blind stellen. Die hohen Ämter von Mutter Kirche sind weder von der verhandelbaren Tugend einer Straßendirne, noch sollen sie die Beute von Räubern und Dieben sein, die in dunklen Kammern in die Obhut von Hehlern zu geben ist, verborgen vor dem Blick all jener, die noch die Ehrlichkeit schätzen. Sie sind uns von Gott Selbst anvertraut, es liegt in ihrer Aufgabe, Gottes Kindern zu dienen, doch in den Händen jener niederträchtigen Männer, die es zugelassen haben, Gottes Eigene Kirche zu vergiften, wurden sie zu Werkzeugen der Unterdrückung, des Missbrauchs und der willkürlichen und gleichgültigen Anordnung des Massenmords.

Wir, der Erzbischof von Charis, der wir im Namen und mit der Zustimmung unseres geschätzten Landesherren, König Caylebs II., sprechen, können und werden uns mit einer weiteren Entwürdigung von Mutter Kirche nicht abfinden. Die Mutter aller Männer und Frauen ist zur Hure Shan-weis selbst verkommen, denn sie hat alle in diesem Schreiben aufgezählten und belegten Übel nicht nur zugelassen, sondern noch wissentlich vorangetrieben. Entsprechend können wir weder uns selbst, noch unsere Regenten, noch die Kinder Gottes in unserer Obhut, weiterhin zur sklavischen Treue den Männern gegenüber anhalten, die die Gunst jener Hure dem Meistbietenden verkaufen. Wir sagen uns von ihnen los, und auch von Euch, und wir verbannen Euch, denn Ihr habt gestattet, dass sie gedeihen und wuchern wie Unkraut in jenem Garten, den Gott Euch anvertraut hat.

Die Erzdiözese Charis, und ebenso das Königreich Charis, weisen die Autorität von Mördern, Vergewaltigern, Brandstiftern und Dieben zurück. Wenn Ihr nicht die Kirche von derartigen Geschwüren befreien könnt, so werden wir uns selbst von ihnen befreien, und wir werden, so es Gottes Wille ist, zu gegebener Zeit auch Mutter Kirche von all jenen befreien, die mit jedem Atemzug, den sie tun, und mit jeder Entscheidung, die sie treffen, ihre Gewänder und die Ringe, die ihren Stand anzeigen, aufs Schändlichste entweihen.

Wir sind nicht leichten Herzens zu dieser Entscheidung gekommen«, erklärte Maikel Staynair, an den Rat der Vikare gerichtet, der in weiter Ferne saß. Der Blick des Erzbischofs wanderte von einem Gemeindemitglied zum nächsten, schien tief in jeden Mann und jede Frau einzudringen. »Wir haben sie unter Tränen und tiefster Trauer gefällt. Wir haben sie als Kinder gefällt, die ihrer Mutter nicht mehr dienen können, so sehr sie sie stets geliebt haben, weil der einzige Ehrgeiz jener Mutter darin bestand, ein System zu errichten, das die systematische Versklavung und Ermordung ihrer eigenen Kinder zur Grundlage hat.

Und so sehr es uns schmerzt, so sehr wir uns auch wünschen, es sei anders, haben wir diese Entscheidung doch gefällt. Hier stehen wir, wir können nicht anders, und wir berufen uns als Zeugen auf den Gott, der uns alle geschaffen hat. Möge er die Wahl zwischen uns und den wahren Vätern der Korruption entscheiden.«

.IV.

Königlicher Palast,
Tellesberg,
Königreich Charis

In die schwarz-goldenen Farben der Charisian Royal Guard gekleidet stand Merlin Athrawes vor der Tür des Ratszimmers und beobachtete einen jungen Mann, der aus einem Fenster zum Ufer von Tellesberg blickte und zuschaute, wie die letzte Regenbö über die Howell Bay hinweg auf die Stadt zuhielt. Dieser junge Mann hatte dunkle Haare und dunkle Augen, und für einen Bewohner des Planeten Safehold war er recht hochgewachsen, vor allem für einen Bürger des Königreiches Charis. Zudem war er kaum dreiundzwanzig Jahre alt – was nur einundzwanzig Jahren auf dem Planeten entsprach, auf dem seine Spezies sich eigentlich entwickelt hatte (auch wenn dieser junge Mann davon nichts wusste). Damit war er tatsächlich sogar bemerkenswert jung, denn schließlich trug er die smaragdbesetzte goldene Kette, deren glitzerndes grünes Feuer das Zeichen eines Königs war.

Zweifellos wären viele erstaunt gewesen über seine Jugendlichkeit, und sie hätten mit Recht angemerkt, er sei – seiner bereits jetzt schon kräftigen Figur zum Trotze – eindeutig noch im Wachstum begriffen. Andere hätten vielleicht die Ruhelosigkeit bemerkt, mit der er nach einer zweistündigen Diskussion und Planungsbesprechung an das Fenster herangetreten war. Möglicherweise hätten sie diese Ruhelosigkeit fälschlicherweise mit Langeweile oder Interesselosigkeit verwechselt … doch auch das nur so lange, bis sie seine Augen gesehen hätten, dachte Merlin. Diese Augen waren nicht mehr so jung, wie sie noch vor kurzer Zeit gewirkt hatten, und auch der Mund dieses jungen Mannes war viel schmaler geworden. Seine Mimik war die eines ungleich älteren Mannes – eines Mannes, der weiser, zäher und deutlich härter war. Dies war Cayleb Zhan Haarahld Bryahn Ahrmahk, König Cayleb II., Regent von Charis, der innerhalb eines Zeitraums von kaum drei örtlichen Monaten drei der vernichtendsten, einseitigsten Siege in der Geschichte der Seeschlachten von Safehold errungen hatte. Während dieser Zeit hatte er seinen Vater verloren, die Krone geerbt und den vier mächtigsten Männern der ganzen Welt offenen Widerstand geboten und damit den Zorn Gottes Eigener Kirche herausgefordert.

Und er war ein König, dessen Reich immer noch vor der völligen Vernichtung stehen mochte – es sei denn, er und seine Berater würden eine Möglichkeit finden, genau dies zu verhindern.

Noch einige Augenblicke lang spähte Cayleb zum strömenden Regen in der Ferne hinüber, dann wandte er sich wieder besagten Beratern zu.

Diese Männer, die dort an einem massiven Tisch saßen, stellten nicht den gesamten Königlichen Rat dar. Tatsächlich war noch nicht einmal der Großteil des Königlichen Rates anwesend … und gleichzeitig saßen dort auch Männer, die nicht dem Staatsrat angehörten. Cayleb wusste sehr wohl, dass nicht alle Räte anwesend waren und sie ihm ankreiden würden, von dieser Besprechung ausgeschlossen worden zu sein, sobald sie davon erfuhren. Falls sie davon erfuhren. Doch auch wenn Caylebs Vater dafür gesorgt hatte, dass der junge König von Charis sehr wohl wusste, wie notwendig es war, sich auch der Unterstützung des Volkes zu versichern, vor allem unter den gegebenen Umständen, war er dennoch durchaus bereit, diesen Groll zu ertragen.

»Also gut«, sagte er. »Ich denke, damit hätten wir alle inländischen Berichte abgeschlossen.«

Er blickte sich am Tisch um, die gehobene Augenbraue machte aus dieser Feststellung eine Frage, und der gedrungene, äußerst vornehm wirkende Mann, der am gegenüberliegenden Ende des Tisches saß, nickte zustimmend. Rayjhis Yowance, Graf Gray Harbor, hatte Caylebs Vater beinahe vierzehn Jahre lang als Erster Ratgeber von Charis gedient; nun diente er seinem neuen König in der gleichen Funktion.

»Zumindest vorerst, Euer Majestät«, sagte er. Obwohl er Cayleb im wahrsten Sinne des Wortes schon sein ganzes Leben lang kannte – oder vielleicht gerade deswegen –, legte er sehr viel Wert darauf, sich dem jugendlichen Monarchen gegenüber deutlich förmlicher zu verhalten als vor dessen Thronbesteigung. »Ich glaube allerdings, Maikel möchte noch auf einen weiteren Punkt zu sprechen kommen, auch wenn er noch einige andere Berichte abwarten möchte, bevor es so weit ist.« Die Art und Weise, wie Gray Harbors Tonfall beim letzten Teil des Satzes anstieg, verwandelte auch diese Aussage in eine Frage, und mit gehobener Augenbraue blickte er zu dem Mann hinüber, der in der weißen Soutane eines Bischofs neben dem König am Ratstisch saß.

»Dem ist so«, bestätigte Erzbischof Maikel. »Wie Sie schon sagten, Rayjhis, warte ich noch die beiden Berichte ab, die ich angefordert habe. Wenn Ihr gestattet, Euer Majestät, wäre ich Euch dankbar, wenn Ihr mir morgen oder übermorgen einige Minuten Eurer Zeit würdet widmen können.«

»Selbstverständlich«, antwortete Cayleb dem Mann, der einst der Beichtvater seines Vaters gewesen war und der nun – trotz gewisser … technischen Schwierigkeiten – das Amt des Erzbischofs von ganz Charis bekleidete.

»Auch ich erwarte weitere Berichte von Hanth, die in den nächsten Tagen eintreffen sollten«, sprach Gray Harbor weiter und verzog die Lippen zu einem schmalen Lächeln. »Derzeit will es scheinen, als plane Mahntayl einen hastigen Umzug nach Eraystor.«

»Wahrscheinlich das Klügste, was diesem Mistkerl seit Jahren eingefallen ist«, murmelte jemand so leise, dass selbst Merlin Schwierigkeiten hatte, es zu verstehen. Die Stimme, so stellte Merlin fest, hatte erstaunlich unverkennbar nach Graf Lock Island geklungen.

Falls Cayleb diese Bemerkung ebenfalls gehört haben sollte, so ließ er es sich zumindest nicht anmerken.

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