Logo weiterlesen.de
Nimm mich mit zum Horizont!

1. KAPITEL

Skyler Quinns Sucher bot ihr Sichtschutz und lieferte ihr zugleich einen Vorwand. Ohne ihn verriet ihr Blick niemals mehr als ein mildes Interesse. Nur wenn sie durch die Kamera schaute, wusste sie richtig zu schätzen, was sie sah. Durch den Sucher fand sie Dinge, die sie sonst strikt ignorierte. Zum Beispiel die Kehrseite von fünf gut aussehenden Cowboys, die sich gerade über einen Weidezaun beugten. Sie würde das Foto Fünf perfekte Jeans nennen.

Aber plötzlich waren es nur noch vier.

Skyler ließ die Kamera sinken. Das aufregendste Paar Jeans entfernte sich gerade. Der Cowboy ganz links war über den Zaun geklettert und hatte dadurch die Symmetrie des Bildes verdorben. Sie stieg einige Stufen hinauf und postierte sich auf der ersten Ebene der Haupttribüne, auf der sich bald das erwartungsfrohe Publikum drängen würde, um das Rodeo zu verfolgen. Im Moment hielten sich in der Arena nur Cowboys, Tiere und eine unauffällige Fotografin auf.

Skyler beobachtete, wie das abtrünnige Fünftel ihres Motivs mit entschlossenen Schritten über die staubige Erde zu einem der Ropers ging, die sich am Rand aufwärmten, bevor sie mit dem Lasso Kälber und Wildpferde einfingen. Der Mann sah in seine Richtung, registrierte die knappe Handbewegung des Cowboys und stieg sofort aus dem Sattel.

Skyler holte die beiden mit dem Zoom näher heran, als der Cowboy dessen Platz einnahm. Da sie sich mit Pferden auskannte, entging ihr nicht, wie der Fuchs mit der markanten Blesse auf den neuen Reiter reagierte. Unter dem Roper hatte es nervös getänzelt und sogar gebockt, jetzt sprach es aufmerksam auf Zügelhilfen und Schenkeldruck an. Die Kamera hielt jede subtile Einzelheit seiner Körpersprache fest. Augenspiel, Ohrenbewegung, Haltung, Gangart. Vor Skylers verborgenem Auge verwandelte sich ein normales in ein außergewöhnliches Pferd.

Das ist doch mal eine gute Story, dachte sie.

Genauer gesagt, es würde eine werden, wenn sie einen spannenden Text dazu schrieb. Der Zentaur lebt, würde sie behaupten. Das Wesen aus der griechischen Sage mit einem menschlichen Oberkörper und einer Pferdegestalt existierte tatsächlich. Man brauchte nur etwas Fantasie, um es zu erkennen. Aber dieser Mann war weder eine Laune der Natur noch ein Fabelwesen. Er war nicht barbarisch und erst recht kein Reiter, wie man ihn bei jedem Rodeo sah, sondern ein Partner. Er teilte seine Intelligenz mit dem Pferd, und das Pferd gab ihm dafür Kraft und Eleganz. Es war die äußerst reizvolle Kombination zweier Prachtexemplare.

Ihre Fotos würden die Geschichte erzählen und vor allem verkaufen. Die meisten Pferdezeitschriften wurden von jungen Frauen gelesen, und das hier war ein Mann, bei dem kein Mädchen weiterblättern würde. Hochgewachsen, schlank, geschmeidig und mit langen Beinen, war er der geborene Reiter. Das kantige Kinn war vielversprechend, aber sie wünschte, er würde den Hut etwas nach hinten schieben, damit sie mehr von seinem Gesicht sehen konnte.

Skyler blieb auf Distanz, während sie mit dem Objektiv seinen Ritt durch die Arena verfolgte. Wollte er das Pferd kaufen oder verkaufen? Oder führte er dem anderen Mann vor, wie man es richtig beherrschte? Oft überließ ein Cowboy sein Pferd einem anderen, um sich anschließend das Preisgeld mit ihm zu teilen, aber dazu war der Fuchs mit der Blesse vermutlich noch zu eigenwillig. Sie fragte sich, was der Cowboy zum ersten Reiter sagte, als er abstieg. Deal, kein Deal oder ein Rat unter Kollegen? Falls es ein Rat war, würde der sie interessieren. Erst kürzlich hatte sie gelernt, was einen guten Bereiter, wie sie es war, von einem echten Pferdetrainer unterschied.

Mehr als ihre Zukunftspläne interessierten sie im Moment allerdings die Motive, die sich ihr boten. Sie stieg von der Tribüne und schlenderte zum Ausgang, wobei ihr zwei rassige Pferde mit goldfarbenem Fell und weißer Mähne auffielen, die sich über den Zaun hinweg beschnupperten. Skyler war kein Rodeofan, aber Pferde und Reiter gehörten zu ihren Lieblingsmotiven. Noch war das Fotografieren nur eine Freizeitbeschäftigung, und es war höchste Zeit, dass sie mit wenigstens einem ihrer Hobbys etwas Geld verdiente.

„Geschäft oder Vergnügen?“

Skyler drehte sich zu der tiefen, melodischen Stimme um und sah direkt in zwei goldbraune ausdrucksvolle Augen. Der Blick, der sie daraus traf, war unerwartet offen und gewinnend, ganz nah und privat, aber keineswegs aufdringlich. Da bist du ja, sagte ihr Herz. „Wie bitte?“, sagte ihr Mund.

„Sie haben mich fotografiert.“ Es klang belustigt und kein bisschen verunsichert. „Sind Sie Profi oder Fan?“

Sie wartete, bis ihr Verstand wieder die Kontrolle übernahm und die Hormone sich ihm widerwillig unterordneten.

„Ich kenne Sie zwar nicht, aber ich erkenne Pferdeverstand, wenn er mir begegnet. Sie haben offenbar eine Menge davon, und ich mache gern Fotos.“ Sie lächelte. Sein Gesicht passte zum Rest des Körpers. Es war lang, schmal, gepflegt, ideal für eine Nahaufnahme. „Ich hätte nichts dagegen, dafür bezahlt zu werden, aber im Moment ist es leider nur ein Hobby.“

„Bilder von … Pferdeverstand zu schießen.“

Skyler schaltete die Kamera ein, drückte auf einen Knopf und hielt ihm das Display hin. „Wollen Sie mal sehen?“

Er klickte sich durch ihre Fotos. „Sie haben einen guten Zoom. Schauen Sie sich das hier mal an.“ Er stellte sich neben sie und zeigte ihr, was er meinte. „Man erkennt sogar, wo ich mich heute Morgen beim Rasieren geschnitten habe.“

„Ich sehe nichts.“

„Zum Glück hat es nur mein Gesicht erwischt. Der Pferdeverstand ist unbeschädigt.“

„Das ist ein wertvolles Talent.“ Sie zeigte auf die Aufnahme. Beeindruckender Cowboy auf imposantem Pferd. „Interessieren Sie sich für das Pferd?“

„Vielleicht kaufe ich es sogar.“ Nachdenklich betrachtete er das Foto. „Wenn der Preis stimmt. Der jetzige Besitzer setzt es falsch ein. Es ist klein und schnell. Viel zu schade fürs Kälberfangen.“ Ihre Finger berührten sich, als er ihr die Kamera zurückgab. Skyler schluckte eine Entschuldigung herunter. Und eine nicht besonders originelle Bemerkung über kalte Hände. Auch sein Blick war voller Wärme. „Bei seiner Wendigkeit und Spurtstärke wäre es ideal für den Rindertrieb.“

„Sie sind Trainer?“ Natürlich.

„Ich bin Wildpferdreiter.“ Er schob die Daumen in die Hosentaschen. „Kommen Sie heute Abend zur Show?“

„Ich habe mich noch nicht entschieden.“ Sie wollte sich am Nachmittag die Ropers ansehen. Das war genug Rodeo für einen Tag. Jedenfalls hatte sie das bis gerade eben gedacht.

„Sie würden ein paar gute Fotos bekommen.“

„Meine Aufnahmen wären nichts für die Rodeo Sports News. Und Ritte, die nur acht Sekunden dauern, interessieren mich nun wirklich nicht.“

„Nur?“ Er lachte. „Das sind acht verdammt lange Sekunden, glauben Sie mir. Wenn jede einzelne Sekunde zählt, weiß man, dass man lebt. Wie viele würden Sie durchhalten?“

„Ich fühle mich auf einem Pferderücken auch so schon lebendig genug. Ich könnte den ganzen Tag im Sattel sitzen.“

Er nickte lächelnd. „Es wird behauptet, dass die Zeit stillsteht, wenn sich die richtige Paarung findet. Glauben Sie das auch?“

„Ich glaube, Sie stellen sich unter der richtigen Paarung etwas anderes vor.“

„Wonach suchen Sie denn?“

„Nach einem guten Pferd.“

„Ich auch. Wir satteln sie nur anders auf, aber wir reiten beide.“ Er zögerte höchstens eine Sekunde. „Übrigens, falls Sie Durst haben, kenne ich eine gute Tränke, in der es um diese Tageszeit vermutlich ruhig zugeht. Die erste Runde übernehme ich.“

„Das ist ein äußerst verlockendes Angebot, aber ich muss …“ Nein, eigentlich musste sie gar nicht. Sie hatte in Sheridan, Wyoming, nichts Besonderes vor. Sie kam immer allein her, damit sie sich das Kälberfangen ansehen und anschließend wieder nach Hause fahren konnte, wo es immer reichlich zu tun gab. „Treten Sie heute Abend beim Rodeo an?“ Er nickte. „In welchem Wettbewerb?“

„Wie gesagt, ich reite Wildpferde ohne Sattel.“ Er schob eine Hand in die Hosentasche. „Ich habe eine Freikarte. Leider nur eine, wenn Sie also mit jemandem …“

„Nein, ich …“ Sie nahm die Karte, die er ihr reichte, und inspizierte sie, als hätte sie noch nie eine gesehen. „Ich meine, ich weiß noch nicht, ob ich so lange bleibe. Es wäre doch schade, die Karte zu verschwenden.“

Als sie den Kopf hob, sah sie sein aufmunterndes Lächeln. „Sie sollten meinen Pferdeverstand mal sehen, wenn ich Beinschützer trage. Bringen Sie Ihre Kamera mit.“

Sie lächelte belustigt. „Ihr Cowboys seid doch alle gleich.“

„Ich frage jetzt nicht, wie viele Sie kennen.“ Er ging auf Abstand. „Sie können es mir heute Abend erzählen, wenn Sie zu den Startboxen kommen, um mir Glück zu wünschen.“

„Ich weiß ja nicht mal, wie Sie heißen.“

„Mein Name steht im Programm.“ Er war schon zu weit entfernt, um ihm die Eintrittskarte zurückzugeben. „Sagen Sie mir Ihren?“

„Ich weiß noch nicht. Und ich stehe nicht im Programm.“

Trace war Realist. Sicher, die Frau mit der Kamera war ebenso rätselhaft wie attraktiv, aber er rechnete nicht wirklich damit, dass er sie beim Rodeo wiedersehen würde. Allerdings schloss er es auch nicht aus. Solche Überraschungen gaben Trace Wolf Tracks Leben die Würze.

So hatte er es nicht immer gesehen. Im Gegenteil, eine ganze Weile hatte er versucht, sein Leben zu planen, aber inzwischen hatte er seine Lektion gelernt. Jeder neue Tag hielt neue Überraschungen bereit. Menschen waren nun mal unberechenbar. Und ein kluger Mann machte das Beste daraus, anstatt sich darüber zu ärgern, wenn etwas nicht so lief, wie er es sich vorgestellt hatte.

Trotzdem blickte er zur Tribüne hinauf und drehte sich sogar nach einer Frauenstimme um, bevor er in die Startbox kletterte, sich auf den Pferderücken sinken ließ und den ledernen Haltegriff packte.

Und dann verfluchte er sich dafür, dass er nicht sofort gepfiffen hatte, damit das Tor aufflog. Er hatte ein Wildpferd erwischt, das schon in der engen Box wie verrückt buckelte. Einen geborenen Kämpfer. Vergiss es, Cowboy. Ich will raus hier. Mit dir, wenn es sein muss, aber am liebsten ohne dich.

Trace gab das Kommando, das Tor zur Arena öffnete sich, und acht Sekunden sauste er durch die Luft. Sein Abgang vom Pferderücken fiel nicht ganz so elegant aus wie sonst. Dass ihn dabei auch noch ein Huf am Kopf traf, war nicht weiter schlimm. Aber dass er beim Aufstehen stolperte und den Hut verlor, kostete Punkte. Na ja, Pech gehabt, sagte er sich. Er hob seine staubige Kopfbedeckung auf, winkte dem applaudierenden Publikum kurz zu und hielt dabei nach der hübschen Fotografin Ausschau. Er hatte keine Ahnung, welchen Sitzplatz er ihr mit seiner Freikarte verschafft hatte, schaute aber zweimal hin, als in der ersten Reihe eine gut aussehende Frau aufsprang und ihrer Nachbarin ein Baby abnahm.

Er musste über sich selbst lachen. Nein, das war sie nicht. Das Haar war zu gelb, die Hüften waren zu breit, und das Kind schien ihr eigenes zu sein. Den ganzen Nachmittag hatte er an die Fotografin mit den grünen Augen und dem rotblonden Haar denken müssen. Er hatte überlegt, welcher Name zu ihr passte und wie sie lebte. Ein Kind war in dem Bild, das er sich von ihr machte, nicht vorgesehen.

Trace löste die Riemen seiner Beinschützer und wischte sich mit dem Ärmel die Schläfe. Der Huf hatte eine offene Wunde verursacht. Blut am Hemd störte ihn nicht, aber am Ärmel war das Logo seines Sponsors aufgenäht. Er hatte seinen rechten Arm verkauft, um für Zigaretten zu werben, das Geld eingesteckt und selbst mit dem Rauchen aufgehört.

Er setzte den Hut auf. Ein würdevoller Abgang war wichtig. So lässig wie möglich schlenderte er aus der Arena. Manche Kollegen stolzierten ziemlich breitbeinig daher. Nur wer selbst an fast jedem Tag seines Lebens im Sattel gesessen hatte, wusste, warum man daran einen Cowboy erkannte. Für Trace war der Arbeitstag vorbei, und er freute sich auf den Feierabend. Schließlich waren acht Sekunden beim Rodeo wie acht Stunden am Schreibtisch oder an der Supermarktkasse. Er hatte seinen Auftritt überlebt und sich ein wenig Entspannung verdient.

„Guter Ritt“, sagte Larry Mossbrucker. Er ritt Wildpferde mit Sattel und holte Trace auf dem Weg zur Sanitätsstation ein. „Wo findet heute Abend die Party statt?“

„Ich habe noch nichts gehört.“

„Du bist dran, Mann. Die erste Runde geht auf den Sieger.“ Larry klopfte ihm mit seiner riesigen Pranke auf die Schulter. „Bei Bob’s? Die Burger Night solltest du dir nicht entgehen lassen. Es gibt zwei Burger für den Preis von einem.“

Schlimmer als einer war nur ein zweiter Bronc Buster Burger. Aber der Laden würde trotzdem aus allen Nähten platzen. Manchmal war es dort so voll, dass die ausgestopften Forellen an den Wänden auf einem Meer aus Köpfen zu schwimmen schienen.

„Ich glaube, auf die Burger verzichte ich lieber. Die Dinger schmecken wie ein Tritt in den Bauch, und für heute reicht mir der Tritt gegen den Kopf. Aber ich komme vorbei und gebe einen Drink aus, sobald ich mich frisch gemacht und einen Happen gegessen habe.“ Er musste über Larrys enttäuschtes Gesicht lächeln. „Etwas, das nicht zurückbeißt.“

„Wie geht’s deinem Kopf?“

„Ich behalte den Hut auf.“

„Mann, tu das nicht. So eine frische Wunde bringt dir bei den Frauen jede Menge Mitleid ein. Nutz deine Chance. Bei Bob wimmelt es bestimmt von saftigen Leckerbissen, und wenn du schon keinen Burger willst …“ Larry grinste. „Du hast es dir verdient.“

„Ja, ich schmecke es bereits. Aber solche Gerichte gibt es nicht gratis. Und erst recht nicht zwei für eins.“ Trace nahm den Hut ab. Das Schweißband brachte ihn um. „Aber wenn die erste Portion satt macht, braucht man keine zweite.“

„Sie haben die Burger Night eingeführt, nachdem sie die Ladys’ Night abschaffen mussten“, fuhr Larry fort und ließ sich nicht abschütteln.

Trace war im Moment nicht sehr gesprächig, was bedeutete, dass er nicht in der Stimmung für Larry war.

Aber Larry gab nicht auf. Der Mann redete gern. „Irgendein Tourist hat sich darüber beschwert, dass Männer mehr bezahlen mussten als Frauen. Das sei Diskriminierung, hat er behauptet. Vielleicht gibt es ja dort, wo er herkommt, genug Frauen, aber hier sind die guten selten, und es herrscht kein Mangel an Nachfrage. Und es gibt jede Menge Bars und Bier, also woran sollten wir uns halten? An das Gesetz von Angebot und Nachfrage oder an das, nach dem Diskriminierung verboten ist?“

Trace lachte. „Ich vermute, es ist mal wieder die US-Verfassung, die alte Spaßverderberin.“

„Eine Frau, die sich bei Bob’s einen Gratisburger holt, muss eine Touristin sein.“

„Eine Touristin mit einem Magen aus Teflon. Aber bei Bob’s ist trotzdem Hochbetrieb, und wir leiden nicht unter Frauenmangel.“

Larry schnaubte. „Du vielleicht nicht.“

Noch zwanzig Yards, und Trace würde den Sanitäter fragen, ob sein Kopf genäht werden musste. Und dabei würde er ebenso beiläufig klingen wie jetzt. „Hat Angie dich mal wieder hinausgeworfen?“

„Nein, verdammt. Sie lässt mich auf der Couch schlafen.“ Betrübt schüttelte Larry den Kopf. „Als ich sie kennengelernt habe, fand sie es toll, mit einem Cowboy zusammen zu sein. Jetzt will sie, dass ich mit dem Reiten aufhöre.“

„Irgendwann müssen wir das doch alle.“ Solange man noch genug gesunde Knochen im Leib hat. Und einen gesunden Kopf auf den Schultern.

„Ich nicht, Junge. Ich höre erst auf, wenn ich es selbst will.“ Sie hatten die „Cowboy Clinic“ erreicht, das große Wohnmobil des Sanitäters, aber Larry klebte noch immer an Trace wie eine Klette. „Ich kann nichts anderes. Verdammt, ich wüsste nicht, was ich sonst tun sollte.“

„Okay, Larry. Bis nachher. Vielleicht sehen wir uns nachher bei Bob’s.“

Larry nickte, blieb jedoch, wo er war.

„Wo bist du abgestiegen?“, fragte Trace, obwohl er die Antwort bereits kannte. Larry war kein Großverdiener, seine mageren Preisgelder reichten gerade fürs Nötigste, und niemand teilte gern ein Zimmer mit ihm, also übernachtete er vermutlich in seinem Pick-up.

„Sagen wir mal, es gibt kein fließendes Wasser“, erwiderte er.

„Komm ins Sheridan Inn. Ich habe mir diesmal ein richtiges Bett gegönnt.“

„Ich will dich nicht daraus verdrängen, Trace. Das ist ein schicker Laden.“

„Tust du nicht. Ich biete dir nur Wasser und Seife.“ Trace klopfte dem großen Mann mit dem Handrücken auf die Brust. „Du willst doch nicht schlimmer riechen als Bobs Burger, oder?“

Nach seinem Steak spülte Trace zum Nachtisch ein paar Kopfschmerztabletten herunter. Als er den Speiseraum des Hotels verließ, hoffte er, dass Larry sein Badezimmer in einem benutzbaren Zustand hinterlassen hatte. Es machte ihm nichts aus, das Bad mit jemandem zu teilen, denn so war er aufgewachsen. Aber man hatte ihm auch beigebracht, hinter sich aufzuräumen. Als Kind hatte er mit seinem Bruder ein kleines Zimmer nach dem anderen bewohnt. Und noch kleinere Betten.

Leider hatte Ethan sich nie an die Regeln gehalten. Seitdem wohnte Trace nur noch mit Leuten zusammen, die im Bad kein Chaos anrichteten. Die einzige Ausnahme galt für seinen Bruder. Jetzt brauchte Ethan bloß noch aufzutauchen.

Genau wie die Frau mit der Kamera. Die war in Traces Bad jederzeit willkommen. Er hatte nicht erwartet, dass sie seine Freikarte nutzte, aber er wusste, dass sie mit dem Gedanken gespielt hatte. Sie hatte in ihm mehr als ein interessantes Fotomotiv gesehen.

Jetzt fragte er sich, wo er sie finden konnte. Wohin ging jemand wie sie, wenn sie sich amüsieren wollte. Sollte er sie suchen? Eine Frau, die wie ein Orangenbaum in einem Pferdestall roch? Ziemlich riskant.

Auf dem Weg zur Hotelbar und einem flüssigen Schmerzmittel begegnete er Mike Quinn. Er hätte schwören können, dass der Kalbfänger zu jung war, um dort bedient zu werden. Doch dessen Führerschein bewies, dass er volljährig war. Wenn auch erst seit Kurzem. Trace hatte gerade Mikes Rodeopferd ausgebildet, ein Nebenjob, der immer profitabler wurde.

„Ich bin dir einen Drink schuldig“, sagte Mike, als er ein Bündel Banknoten auf den Tresen knallte. „Elf-zwei, Mann, so schnell war ich noch nie in diesem Sommer. Das Pferd ist wie ausgewechselt. Lenkt sich großartig.“

„Dafür hast du mich bezahlt.“

Trace machte einer Lady Platz, die sich auf einen Hocker setzen wollte. Er brauchte heute Abend keinen, denn mehr als einen Drink in einem schicken Hotel konnte er sich nicht leisten. Das Rodeo war in der Stadt, und die richtige Party fand am bescheideneren Ende der Main Street statt, auf der anderen Seite der Straße. Vorausgesetzt, sein Schädel hörte vorher auf zu dröhnen.

„Ich weiß, was du denkst“, begann Mike leise und wirkte plötzlich verlegen. „Das Pferd hat gute Arbeit geleistet, aber der Reiter war zu langsam.“

Trace zuckte mit den Schultern. „Du hast bei der Auslosung ein großes Kalb gezogen.“

„Und es gefangen. Aber verdammt noch mal, die Viecher werden immer störrischer. Leider hat es eine Weile gedauert, bis ich es im Griff hatte. Jetzt, da du mein Pferd fit gemacht hast, werde ich mir auch einen persönlichen Trainer zulegen müssen. Du hast nicht zufällig …“

„Ich arbeite nur mit Pferden. Cowboys sind mir zu launisch.“ Und sie nannten Kälber nicht mehr Viecher. Es war höchste Zeit, dass Mike seinen iPod mit ein paar aktuelleren Songs bestückte.

„Der hier nicht. Egal, ob ich gewinne oder verliere, ich feiere immer.“ Mike legte Trace eine Hand auf die lädierte Schulter. Der Junge hatte noch viel zu lernen, bevor er sich Cowboy nennen durfte. „Was immer du heute Abend trinkst, es geht auf mich. Frank Taggert ist hier. Und Earl Kessler auch. Kennst du Earl?“

„Nein.“

„Earl hat eine große Ranch drüben am Powder River. Ich gehöre zu einem Team, das sich bei ihm trifft und mit seinen Rindern trainiert. Schau doch mal vorbei. Wir kommen von überallher, einer sogar aus Casper.“

„Mannschaftssport habe ich seit der Highschool nicht mehr gemacht.“ Und er war ganz und gar nicht daran interessiert, hundert Meilen oder mehr zu fahren, um Cowboy zu spielen. Nicht, dass er etwas gegen Teamsport hatte. Er hatte schon einige Pferde trainiert, die bei Mannschaftswettbewerben mitmachten.

„Earls Ranch liegt zentral und ist leicht zu erreichen. Und er nimmt nichts dafür, dass wir mit seinen Rindern arbeiten. Außerdem wirft er jedes Mal den Grill an und spendiert eiskaltes Bier. Ich habe ihm für heute Abend eine Verabredung zum Essen organisiert.“ Mike lachte. „Mit meiner Mutter. Stark, was?“

Trace nahm den Blick von seinem Drink. Kam noch etwas? Irgendein dummer Spruch, zum Beispiel? Der Junge hatte einen eigenartigen Humor.

„Mein Dad ist seit einem Jahr tot. Zeit, dass sie wieder aufblüht.“

Trace erinnerte sich daran, wie er sich einen neuen Vater gewünscht hatte. Nicht, dass er den Alten vermisst hatte, wer auch immer der Mann war. Aber mit zehn hatte er sich vorgestellt, dass es seiner Mutter guttun würde, endlich mal jemanden zu haben, der bei ihr blieb. Einen besseren als Logan Wolf Track hätte er sich nicht wünschen können. Denn der war sogar bei ihm und seinem Bruder geblieben, nachdem ihre Mutter sie alle verlassen hatte.

Trace nickte anerkennend. Dass Mike sich um seine einsame Mutter kümmerte, brachte ihm einige Pluspunkte ein.

Mike schaute über Traces Schulter und runzelte die Stirn. „Da wir gerade vom Teufel reden …“

Trace fühlte sich plötzlich, als hätte er ein Glas zu viel getrunken, dabei war der Whiskey gar nicht so stark. Langsam drehte er sich um. Im Eingang zur Bar stand eine schmale Silhouette, die sich vor der hell erleuchteten Hotelhalle abzeichnete. Er spürte ein unerwartetes Kribbeln, ein unglaublich angenehmes Gefühl. Es stammte daher, dass er die Frau kannte. Und obwohl er ihr Gesicht nicht genau erkennen konnte, wusste er auch, dass sie ebenso überrascht war wie er.

„Das ist deine Mutter?“, fragte er verblüfft.

„Stiefmutter“, verbesserte Mike leise, als sie die Bar betrat und auf sie zukam. Entschlossen, aber ohne jede Hast. „Aber der Ausdruck gefällt mir nicht. Er klingt so kalt, weißt du?“

„Kalt wie der Teufel.“ Trace blickte ihr entgegen, nickte und tippte sich automatisch an den Hut, den er gar nicht trug. „Mrs Quinn.“

„Trace Wolf Track.“ Ihre Augen leuchteten. „Ihr Name stand im Programm.“

„Sie waren da?“

„Wo hätte ich das Programm sonst bekommen?“ Sie lächelte. „Sie waren großartig.“

„Danke.“ Großartig. Verdammt.

„Acht ganze Sekunden lang.“

„Das war nur eine Kostprobe. Stellen Sie sich acht ganze Stunden vor.“

Ihr Lachen war heiser und melodisch. „Ihr seid euch wirklich alle ähnlich.“

Trace zog eine Augenbraue hoch und warf ihr einen herausfordernden Blick zu. Wenn du dich da mal nicht täuscht …

„Sieht aus, als könnten wir auf eine Vorstellung verzichten“, warf Mike ein.

„Nur wenn deine Mutter lieber mit Mrs Quinn angesprochen wird“, erwiderte Trace, ohne ihn anzusehen. Augen und Ohren hatte er nur für …

„Skyler.“

„Er ist der Typ, der Bit-o-Honey trainiert hat“, sagte Mike. „Du hast den Scheck ausgeschrieben. Erinnerst du dich?“

Trace betrachtete das Glas in seiner Hand. Er hatte sich den Scheck kaum angesehen. Er hatte die Nullen gezählt und auf das Einzahlungsformular kopiert. Warum fühlte es sich so eigenartig an, dass sie es gewesen war, die ihn bezahlt hatte?

„Ich bin die Buchhalterin.“ Sie lachte wieder, und auch diesmal ging der melodische Laut ihm unter die Haut. „Namen merke ich mir selten, aber eine Ausgabe vergesse ich nie.“

„Sie haben sich meinen gemerkt. Aus dem Programm.“

„Weil ich ihn mit einem Gesicht verbinden konnte.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Nimm mich mit zum Horizont!" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen