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Night Moves

 

J. Kenner

Night Moves

Dark Desires –

Gefährliche Leidenschaft

 

Blackout –

Verbotene Spiele

J. Kenner

Dark Desires –

Gefährliche Leidenschaft

Erotischer Roman

Aus dem Amerikanischen von

Gabriele Ramm

1. KAPITEL

Keine Angst, mein Engel; Liebende können sich alles sagen. Diese Worte, die in weniger heißen Augenblicken unangebracht wären – geben sie dem süßen Mysterium der Liebe nicht neue Würze? Auch du wirst sie bald flüstern und dann ihren Charme verstehen.

Detective Jack Parker zog sich ein Paar Gummihandschuhe über und nahm den Zettel mit der Botschaft von dem Satinkopfkissen. Ordentlich getippt auf hellrosa Papier, schien die Nachricht eigentlich ziemlich unschuldig. Verdammt, zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, hätten diese Worte romantisch klingen können, Liebende, die sich intime Koseworte und gewagte Anspielungen zuraunten.

Heute Nacht waren die Worte jedoch dazu bestimmt gewesen, Angst einzuflößen.

Dieses Schwein!

Der „Casanova“ hatte vorher schon zweimal zugeschlagen, und bisher hatte die Polizei nicht einen einzigen vernünftigen Anhaltspunkt. Die Sache machte Jack richtig zu schaffen.

Dabei hasste er nichts so sehr wie zu verlieren.

Er schloss die Augen und zählte von zehn rückwärts, während er die geschäftigen Spurensicherungsleute an sich vorbeirauschen ließ. Das sanfte Surren des Saugers, der verräterische Fasern einsammelte, das Klicken der Kamera, die alle Einzelheiten des Zimmers festhielt. Hier waren die besten Leute der New Yorker Polizei im Einsatz. Sie würden den Widerling schnappen.

Sie mussten ihn schnappen.

Nachdem er noch einmal tief Luft geholt hatte, öffnete Jack die Augen wieder und sah, dass sein Partner Tyler Donovan in der Tür stand und ihn zu sich winkte. Jack bahnte sich einen Weg durch das große Schlafzimmer und gab den Liebesbrief, den er vom Kissen aufgelesen hatte, an einen Kollegen weiter, damit er zusammen mit den anderen Beweisen untersucht werden konnte.

„Ich hoffe, du hast gute Neuigkeiten für mich.“

„Im Martini’s gibt’s die ganze Woche über Bier für einen Dollar“, sagte Donovan und zuckte mit den Achseln. „Mehr kann ich dir nicht bieten. Hier haben wir absolut keine Anhaltspunkte.“

„Das war nicht das, was ich hören wollte.“

„Ach nein? Das Einzige, was ich dir sagen kann, ist, dass sie nicht die leiseste Ahnung haben, wer für das hier verantwortlich ist. Aber die Frau wirkt ziemlich mitgenommen.“

„Kann ich ihr nicht verdenken.“ Über Donovans Schulter hinweg konnte Jack Caroline Crawley auf einer gepolsterten Bank im Wohnzimmer sitzen sehen. Ihr Mann, der Nachrichtenmoderator Carson Crawley, stand mit versteinerter Miene hinter ihr und hatte eine Hand auf ihre Schulter gelegt. Auf den Gesichtern der beiden spiegelte sich der Schock, den diese Verletzung ihrer Intimsphäre bei ihnen ausgelöst hatte. Es war ein Ausdruck, den Jack nur allzu gut kannte. Diesen gehetzten, verwundeten Blick hatte er vor vielen Jahren bei seiner Cousine Angela gesehen.

Sie war nur drei Monate jünger, und sie beide lebten nur zwei Blocks voneinander entfernt, daher hatten er und Angie viel Zeit miteinander verbracht. Jedenfalls bis zu jenem Sommer, als sie sechzehn Jahre alt war.

Das Monster hatte nicht einmal gewartet, bis es dunkel war. Er hatte Angie direkt nach der Schule von ihrem Rad gezerrt, als sie an der örtlichen Tankstelle vorbeigeradelt war, hatte sie in die übel riechende Herrentoilette geschleppt und sie dort liegen lassen, als er mit ihr fertig war. Der Tankstellenbesitzer hatte sie Stunden später gefunden, ohnmächtig und misshandelt, ihr hübsches Gesicht entstellt und ihre beiden Arme gebrochen. Ihr Gesicht und die Arme waren irgendwann verheilt; der Rest von ihr nicht.

Die süße Angie hatte sich genau ein Jahr später das Leben genommen.

Vermutlich wäre Jack sowieso zur Polizei gegangen, denn auch sein Vater und Großvater waren schon Polizisten gewesen. Aber für den Posten in der Abteilung für Sexualverbrechen hatte er sich aus ganz persönlichen Gründen beworben.

Ja, Jack kannte den Ausdruck auf Caroline Crawleys Gesicht. Kannte ihn nur zu gut. Und wie stets rief er eine unglaubliche Wut in ihm wach, die sich erst wieder legen würde, wenn der Täter tot war oder hinter Gittern saß. Bis dahin war alles andere zweitrangig.

„Crawley lässt die Kinder zu seinen Eltern bringen“, sagte Donovan und riss damit Jack aus seinen Gedanken. „Seine Frau sollte besser mitgehen, doch sie will nicht. Außerdem hat er veranlasst, dass die Schlösser ausgetauscht werden und die Alarmanlage aufgerüstet wird.“ Donovan schüttelte den Kopf. „Wie, zum Teufel, ist der Bastard hier reingekommen? Wir sind hier im zwanzigsten Stock. Diese Wohnung ist besser gesichert als Fort Knox.“

„Mir macht viel mehr zu schaffen, dass er überhaupt hier reinwollte.“ Jack fummelte in seiner Tasche nach einer Zigarette, bis ihm einfiel, dass er ja vor einem Jahr mit dem Rauchen aufgehört hatte. „Unser Casanova wird langsam gefährlich.“

„Wem sagst du das. Aber es ergibt alles keinen Sinn. Seit drei Wochen stopft er ihren Briefkasten mit Aktpostkarten und herausgerissenen Romanseiten aus Lady Chatterley voll. Und dann beschließt er plötzlich, dass es an der Zeit sei, sich in ihre Wohnung zu schleichen und eine kleine Aufmerksamkeit auf ihrem Kopfkissen zu hinterlassen? Warum gerade jetzt?“

Donovan hatte recht. Es ergab keinen Sinn. Und das Ärgerlichste an allem – und der Grund, warum Jack zwanzig Stunden am Tag damit zugebracht hatte, aussichtslosen Spuren nachzujagen – war, dass sie heute noch genauso weit davon entfernt waren, den Täter zu finden, wie vor drei Wochen.

Er ballte die Fäuste und versuchte, seine Wut zu unterdrücken. Verdammt, verdammt, verdammt. Was hatten sie bisher übersehen?

„Und warum ausgerechnet Mrs Crawley?“, fügte Donovan hinzu. „Wir haben ihr gesamtes Umfeld genauestens durchforstet, aber nicht eine einzige Person gefunden, der man diese Tat zutrauen könnte.“

„Dann haben wir nicht genau genug hingeschaut.“

Donovan öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, schloss ihn aber dann gleich wieder. Nach zwei Jahren als Jacks Partner hatte er gelernt, wann es zwecklos war, ihm zu widersprechen. Stattdessen nickte er. „Okay. Vielleicht. Aber es könnte auch einfach nur Zufall gewesen sein. Carson Crawleys Gesicht ist jeden Tag um sechs auf der Mattscheibe zu sehen. Vielleicht ist unser Mann einfach nur fixiert darauf, die Frau eines Prominenten zu verfolgen. Könnte ja sein, dass er nichts weiter als ein abgedrehter Kerl ist.“

„Na toll. Ein Stalker, der es auf Prominente abgesehen hat und weder Fingerabdrücke noch sonst irgendwelche Spuren hinterlässt.“ Irritiert fuhr Jack sich mit der Hand durchs Haar und marschierte durch die offene Tür in das prunkvolle Treppenhaus. Hier am Tatort war alles unter Kontrolle, und er konnte besser nachdenken, wenn er sich bewegte. „Was haben wir bloß übersehen?“

„Verdammt, wenn ich das nur wüsste.“ Donovan drückte den Fahrstuhlknopf. „Aber das werden wir heute Nacht wohl nicht mehr rauskriegen. Es ist zwei Uhr morgens. Und in meinem Bett wartet eine sehr nackte, sehr willige Frau auf mich.“

„Das erklärt, warum du so erschöpft aussiehst.“ Seit seiner Scheidung vor neun Monaten wechselte Donovan seine Freundinnen mehr oder weniger monatlich.

„Nicht erschöpft. Erfrischt.“ Donovan grinste. „Sie hat auch noch eine Schwester, falls du Interesse hast.“

Die Fahrstuhltüren öffneten sich, und sie traten in den Lift. „Die haben alle Schwestern. Hat deine Lady auch einen Namen?“

„Mindy, Cindy. Irgendwas in der Art.“

„Du bist echt krank, Detective Donovan.“

„Nicht krank. Nur flexibel.“

Jack bedachte ihn mit einem strengen Blick, den er sich normalerweise für Verhöre aufsparte, wenn er die Rolle des bösen Cops übernahm.

„Okay, okay“, lenkte Donovan ein und hob abwehrend die Hände. „Sie heißt Cindy, es ist unser viertes Date, und sie hat wirklich eine Schwester.“

Er folgte Jack aus dem Fahrstuhl, und sie traten vor die Tür nach draußen. Automatisch griff Jack nach seiner Krawatte und lockerte den Knoten an seinem Hals.

Donovan schob eine Hand in seine Hosentasche und zog eine Büroklammer heraus. „Also, wie sieht’s aus?“, fragte er und bog die Klammer auseinander. „Sollen wir sie anrufen und dann zusammen irgendwo frühstücken gehen?“

„Warum sollte ich mit einer Frau ausgehen wollen, die so verzweifelt ist, dass sie sich nachts um zwei auf eine Verabredung einlässt?“

„Sie ist Krankenschwester. Schichtende. Cindy ruft sie an, sie trifft sich mit uns, und dann feiern wir gemeinsam eine kleine Party.“

„Nein.“ Das Mädel mochte ja nicht mal übel sein, aber er hatte trotzdem kein Interesse.

„Du musst dir auch mal ’ne Pause von dem Fall gönnen, Mann. Der ist morgen früh auch noch da.“

Jack warf Donovan einen bösen Blick zu. „Und das ist genau das Problem.“

„Man kann im Leben nicht immer nur die bösen Jungs festnageln, Jack. Du musst auch mal ein paar Frauen nageln.“

Stöhnend verdrehte Jack die Augen. „Du bist echt anstrengend.“

„Ja, aber wenigstens komm ich mal raus, hock nicht die ganze Zeit an meinem Schreibtisch und lecke meine Wunden.“

„Pass auf, was du sagst, Donovan“, fuhr Jack ihn an.

„Hey, ich mach mir nur Sorgen um dich.“

„Dazu gibt es keinen Grund. Ich lecke nicht meine Wunden. Ich selbst war es, der die Sache mit Kelly beendet hat, schon vergessen?“

„Genau das meine ich ja. Du hast mit ihr Schluss gemacht, damit du dich auf deine Karriere konzentrieren kannst.“

Da hatte er durchaus recht. Kelly hatte drei Dinge von ihm gewollt – einen Ring, seine Liebe und seine Zeit. Aber die Wahrheit war, dass er ihr nur den Ring hätte geben können. Den konnte man mit Geld kaufen. Aber Liebe ließ sich nicht so einfach herzaubern, sosehr er es auch versucht hatte. Und in seinem Job wollte er sicher nicht kürzertreten. Nicht für Kelly. Verdammt, eigentlich für niemanden.

„Aber du bist doch kein Mönch“, rief Donovan, um seinen Standpunkt zu unterstreichen. „Und tägliche Arbeitszeiten von zwanzig Stunden bringen dich irgendwann um. Du musst dich dringend mal wieder von jemandem flachlegen lassen.“

„Ist das Dr. Donovans Erfolgsrezept?“

„Scheiße, ja.“

„Ich kann mir selbst eine Frau suchen“, sagte Jack. „Da brauchst du nicht für mich zum Kuppler zu werden.“

Donovan lachte laut auf. „Wie schade. Ich habe einen tollen Geschmack.“ Neben seinem verbeulten Jeep, der direkt vor einem Feuerhydranten geparkt war, blieb er stehen. „Komm schon, vielleicht ist Cindys Schwester ja genau die Richtige für dich. Vielleicht verpasst du den Sex deines Lebens.“

Jetzt lachte Jack. „Das Risiko gehe ich ein“, erklärte er. „Im Moment will ich nichts weiter, als nach Hause fahren und mir eine Mütze Schlaf holen.“

„Schlaf?“, wiederholte Donovan skeptisch.

„Genau, du hast richtig gehört.“ Und schlafen würde er auch. Sobald er noch einmal auf dem Revier vorbeigefahren war und einen Blick in die Akten geworfen hatte.

Die Sommerhitze setzte ihr mächtig zu und brachte sie um den Schlaf. Vor ihr lagen fotokopierte Seiten aus Die Perle und Das Boudoir wild verstreut auf der alten Eichentür, die sie in eine Schreibtischplatte verwandelt hatte. Ronnie nahm aufs Geratewohl eine der Seiten hoch, weil sie eigentlich arbeiten sollte, aber keine rechte Lust dazu verspürte. Stattdessen vertiefte sie sich in den Text, und schon bald erhöhte sich ihr Puls.

Dort, auf der Seite, hob der fiktive Monsieur die Röcke seiner Geliebten hoch, entblößte ihre seidenen Strümpfe … ihre Strumpfbänder … ihren Schoß. Ehrfürchtig schob er ihre Schenkel auseinander, kniete sich dann vor sie und ließ seine Zunge auf intimste Weise über sie gleiten.

Mit einem leisen Stöhnen schloss Ronnie die Augen und stellte sich vor, sie selbst und nicht die Bertha aus dem Buch wäre es, der der Monsieur seine Aufmerksamkeit schenkte. Während sie den Kopf zurücklegte, strich sie sich mit ihren Händen über ihr dünnes Baumwollnachthemd und erzitterte wohlig, als sie mit ihnen die Rundungen ihrer Brüste umschloss. Ihre Brustwarzen wurden sofort hart, und sie verstärkte das köstliche Gefühl, indem sie sie langsam mit den Fingerspitzen umkreiste.

Oh, verdammt, sie war echt frustriert.

Und wirklich zu bemitleiden.

Sie zog die Hände fort und setzte sich aufrecht auf den Stuhl, die Ellenbogen auf die Schreibtischplatte gestützt. Am anderen Ende des Zimmers blies die Klimaanlage am Fenster schubweise kühle Luft herein, ohne jedoch in dieser drückenden Hitze wirkliche Erleichterung zu bringen.

Welcher Wissenschaftlerin wurde bei der Arbeit schon so heiß? Nun, das war leicht zu beantworten. Einer, die blöd genug war, sich ein Forschungsthema auszusuchen, das mit erotischer Literatur zu tun hatte, und die dann auch noch so dumm war, mitten in der Nacht, lange nach Schlafenszeit, in ihren Quellen zu lesen. Noch dazu in einem Erotikbestseller namens Das Boudoir.

Nicht dass diese Recherchen nicht … faszinierend waren. Aber wenn das so weiterging, dann würde sie sich eine Hightech-Klimaanlage anschaffen müssen. Wie auf ein Stichwort begann die uralte Klimaanlage vor dem Fenster zu rattern und zu ächzen, bevor sie einen letzten Hauch von lauwarmer Luft ins Zimmer blies und dann für immer den Geist aufgab.

Angesichts der Tatsache, dass auch für den Rest der Woche Rekordtemperaturen vorhergesagt waren, hätte Ronnie sich schon denken können, dass das Teil irgendwann vor der Hitze kapitulieren würde. Mist, erst dieser Einbruch, dann ließ die Polizei seit mittlerweile schon zwei Tagen nichts mehr von sich hören, heute Morgen noch der Streit mit ihrem Doktorvater und jetzt das hier. Das setzte einer ohnehin schon unglaublich beschissenen Woche noch die Krone auf.

Eine kalte Dusche, das war es, was sie jetzt brauchte. Bestimmt konnte sie besser schlafen, wenn sie sich ein wenig abkühlte. Frustriert nahm sie ihre Brille ab und warf sie auf den Schreibtisch. Sie rieb sich über die Nasenwurzel und fuhr sich mit den Fingern durch das verschwitzte Haar. Wem wollte sie hier denn etwas vormachen? Selbst wenn sie ihre Wohnung auf eine konstante Temperatur von zwanzig Grad herunterkühlen würde, könnte sie nicht schlafen.

Seit dem Einbruch zuckte sie bei jedem Knacken und Ächzen des alten Gebäudes zusammen. Zumal die Polizei sich als so zugeknöpft erwies und ihr nicht den kleinsten Hinweis darauf gab, ob sie irgendwelche Spuren verfolgte oder eine Ahnung hatte, wer sich gewaltsam Zutritt zu ihrem Buchladen unten im Erdgeschoss verschafft haben könnte.

Und dann war es auch noch ein so gruseliger Einbruch gewesen. Als hätte jemand nur ihre Sachen durchwühlen wollen. Der Laden war voller teurer Bücher und seltener Manuskripte, und doch war nichts davon angerührt worden. Weder eine der fast unbezahlbaren Inkunabeln aus der Ausstellungsvitrine noch die gebundene Ausgabe der Fortsetzungsgeschichten von Dickens, die hinter ihrem Arbeitsplatz ausgestellt war. Nicht einmal die dreihundert Dollar Bargeld aus der obersten Schreibtischschublade hatte der Einbrecher mitgenommen.

Stattdessen hatte er die Bücher aus den Regalen gerissen und überall auf dem Boden verstreut, und auch die Papiere von ihrem Schreibtisch hatte er durcheinandergebracht und zu Boden geworfen. Einen ganzen Tag lang hatte Ronnie gebraucht, um ihre Vorlesungsnotizen, ihre private Post und die geschäftlichen Rechnungen wieder auseinanderzusortieren.

Ärgerlich und beängstigend. Definitiv beängstigend.

Und wenn sie neben dem Einbruch auch noch an den bedrohlich näher rückenden Abgabetermin für ihre Doktorarbeit dachte, bezweifelte sie, dass sie würde schlafen können. Selbst bei Friedhofsstille, eisiger Kälte und mit bewaffneten Wachen vor dem Haus wäre das unmöglich.

Ein weiterer Schweißtropfen rann ihr die Schläfe herunter. Sie wischte ihn weg und versuchte, sich wieder auf die Arbeit zu konzentrieren. Es war keine vierundzwanzig Stunden her, seit ihr Doktorvater das Thema für ihre Dissertation – „Der Einfluss erotischer Literatur auf die gegenwärtige Popkultur“ – als zu allgemein abgelehnt hatte. Was bedeutete, dass sie sich ein anderes Thema suchen musste, und zwar schnell. Da sie um vier Uhr mitten in der Nacht hellwach war, sollte sie die Zeit wenigstens produktiv nutzen. Sie hatte hart daran gearbeitet, die Sammlung mit erotischer Kunst und Literatur in ihrem Laden aufzubauen, und hatte gehofft, das Durchblättern einiger dieser Bücher würde sie inspirieren.

Sie verzog das Gesicht, als sie daran dachte, wie ihr Körper auf die Geschichte des Monsieurs reagiert hatte. Sie war inspiriert gewesen, das schon, aber leider nicht auf produktive Art und Weise. Stattdessen war ihr heiß, sie machte sich Sorgen und bemitleidete sich selbst angesichts ihres nicht vorhandenen Liebeslebens – vor allem im Vergleich zu den interessanten exotischen und definitiv erotischen Abenteuern der Frauen, die sie Abend für Abend einsam las.

Sie lehnte sich zurück und stieß einen tiefen Seufzer aus. Ein Mann. Das war es, was sie brauchte.

Nein. Sie presste die Finger auf ihre geschlossenen Lider und massierte sich die Augen. Ihr Tag war mit ihrem Studium und dem Versuch, den Buchladen profitabel zu führen, schon zu mehr als hundert Prozent ausgelastet. Und selbst das schien nicht zu reichen.

Außerdem hatte sie ja einen Mann gehabt, und auch wenn die Sache mit dem Sex fantastisch gewesen war, hatte Burt sich als das Gegenteil von fantastisch erwiesen. Sie schüttelte den Kopf und versuchte, das in ihrer Erinnerung noch immer ziemlich lebhafte Bild von ihrem Exmann und seiner Rezeptionistin zu verscheuchen, die sich splitterfasernackt in ihrer zweihundertfünfzig Dollar teuren Ralph-Lauren-Bettwäsche vergnügt hatten. Es war kein schönes Bild.

Aber zumindest war sie ihn los. Sie war direkt von der Wohnung zum Büro ihres Anwalts marschiert, um sich von diesem Idioten zu trennen. Das war vor fast zwei Jahren gewesen. Himmel, vielleicht sollte sie zum Jubiläum eine Party schmeißen.

Nein, sie brauchte keinen Mann. Aber vielleicht einen Vibrator …

Während sie gedankenverloren an ihrer Unterlippe knabberte, blätterte sie in den Papieren auf dem Schreibtisch, Schriften, die von Leidenschaft und Lust berichteten, von gewaltigen Höhepunkten. Höhepunkten, die sie in letzter Zeit schmerzhaft vermisste.

Was für eine Ironie. Veronica Archer – Besitzerin des Buchladens Archer’s Rare Books and Manuscripts, Spezialistin für seltene Erotikromane und Autorin von mehr als zwanzig wissenschaftlichen Aufsätzen über erotische Schriften und Kunstwerke – hatte selbst das mitleiderregendste Sexleben, das man sich nur denken konnte.

Ronnie verdrängte den Gedanken. Sie war zufrieden mit ihrem Leben. Im Moment stand ihre Karriere an erster Stelle. Das war kein Opfer – es war eher befreiend. Während ihre Freundinnen am Telefon hockten und darauf warteten, dass Mr Right anrief, besaß sie die Freiheit, ihren Geist mit weit interessanteren Dingen zu beschäftigen. Anders als Joan, ihre vierundzwanzigjährige, stets verknallte und ständig auf Dates fixierte Assistentin, konnte Ronnie auch mal ein Pfund zunehmen, ohne gleich in Panik zu geraten, konnte sich so viele rührselige Filme ausleihen, wie sie wollte, und brauchte sich nicht sonderlich um die hohe Kunst des Smalltalks zu scheren.

Seufzend sammelte sie ihre Papiere und Notizen zusammen. Da die Klimaanlage ihren Geist aufgegeben hatte, musste sie, wenn sie überhaupt noch etwas schaffen wollte, unten weiterarbeiten. Zumindest wollte der Elektriker morgen wieder in den Laden kommen. Vielleicht konnte er dieses blöde Teil dazu bewegen, wenigstens noch einen Sommer lang durchzuhalten.

Ihre Haustür öffnete sich in das innere Treppenhaus, das die fünf Stockwerke des alten, schon lange im Familienbesitz befindlichen Backsteinbaus miteinander verband. Früher war es von der Dienerschaft benutzt worden, und jetzt führte es vom Buchladen in den ersten beiden Etagen über den Lagerraum im dritten Stock bis zu Ronnies Wohnung im vierten und zur Wohnung ihres Bruders Nat im fünften Stock.

Sie öffnete die Tür und trat hinaus auf den Treppenabsatz, tunlichst darauf bedacht, die Stelle zu vermeiden, die immer so fürchterlich laut knarrte. Seit dem Einbruch war Nat besonders um ihre Sicherheit besorgt. Von daher war es besser, wenn er nicht mitbekam, dass sie unter Schlafstörungen litt.

Im Erdgeschoss blieb sie stehen und drehte sich noch einmal zur Treppe herum, um sicherzugehen, dass oben kein Licht zu sehen war. Nichts. Gut. Sie würde am Morgen einfach literweise Kaffee in sich reinschütten, und Nat würde gar nicht merken, wie schlecht sie in letzter Zeit schlief.

Langsam und vorsichtig drehte sie den Knauf und drückte die Tür in genau der richtigen Geschwindigkeit auf, damit das alte Scharnier, das sie immer zu reparieren vergaß, nicht allzu laut knarrte. Als sie die Tür weit genug geöffnet hatte, um hindurchschlüpfen zu können, schlich sie hinein, schloss die Tür wieder und schaltete das Licht an.

Geschafft.

„Vorsichtig, Schwesterlein, du könntest mich aufwecken.“

Oder auch nicht.

Stirnrunzelnd schaute sie sich im Laden um und entdeckte Nat schließlich in einem der gemütlichen Sessel, die sie neben dem antiken Ofen aufgestellt hatte. „Was machst du denn hier unten?“, fragte sie.

„Ich dachte mir schon, dass du noch ein bisschen nervös bist, nachdem wir hier einen ungebetenen Gast hatten. Da habe ich mir überlegt, ich bleibe mal wach und bedauere dich ein wenig.“

„Ich bin nicht nervös“, log sie.

„Komm schon, Ronnie. Dazu kenne ich dich zu gut. Außerdem, es ist noch nicht einmal Morgen, und du bist schon seit Stunden wach.“

„Stunden?“ Sie ließ die Papiere auf den antiken Schreibtisch fallen, der als Kommandozentrale des Ladens fungierte, bevor sie die Kaffeemaschine anstellte, die sie vorsorglich immer mit Wasser und Kaffeepulver füllte, damit sie jederzeit einsatzbereit war. „Woher weißt du, seit wann ich auf bin?“

Er wackelte mit den Augenbrauen, eine vertraute Geste, die sie zum Lachen brachte. „Ich sehe alles.“

„Aha“, meinte sie und ließ sich in den Sessel ihm gegenüber fallen. „Spuck’s aus.“

„Ich bin gegen eins nach Hause gekommen. Das Licht bei dir war an. Vor ungefähr einer Stunde bin ich tierisch durstig aufgewacht und hab festgestellt, dass ich kein Mineralwasser mehr habe.“ Er beugte sich vor und tätschelte kurz ihr Knie. „Als ich hier runterkam, um mir eine Flasche aus dem Pausenraum zu holen, was sehe ich da? Es dringt immer noch ein Lichtschein unter der Wohnungstür meiner süßen kleinen Schwester hervor.“

„Vielleicht bin ich eingeschlafen“, meinte sie, bereute es aber schon im selben Augenblick. Ob sie wach blieb oder bei angeschaltetem Licht einschlief – so oder so würde ihn das zu der Annahme verleiten, dass sie unruhig war, Angst vor der Dunkelheit hatte oder sonst wie durch den Einbruch in Aufregung versetzt worden war.

Entsprechend hob er auch nur skeptisch eine Augenbraue, ehe er einen Schluck Mineralwasser trank. „Ich passe bloß auf dich auf, Ronnie. Es gefällt mir nicht, dass ich mir um dich Sorgen machen muss. Es gefällt mir nicht, dass du Angst hast.“

„Nat“, versuchte sie – ganz die vernünftige und verantwortungsvolle Schwester –, ihn zu beschwichtigen, „in ein paar Tagen wirst du in ein Flugzeug steigen. Für den National Geographic auf den Galapagosinseln Fotos zu machen, das ist doch nun wirklich eine richtig große Sache. Darüber solltest du dir Gedanken machen. Nicht über mich.“

„Ich mache mir immer Sorgen um dich, McDonald.“

Ronnie verdrehte die Augen über den albernen Spitznamen. Während der achten Klasse war sie in Billy Hobbs verknallt gewesen, der allerdings auf rothaarige Mädchen stand, nicht auf solche mit kaum zu bändigenden braunen Locken. Nach einem kleinen Missgeschick mit einer Haartönung waren Ronnies Locken flammend orange und nicht – wie auf der Packung angegeben – betörend rot geworden. Billy Hobbs hatte gelacht, und Nat hatte sie wieder aufgemuntert. Nachdem er sicher gewesen war, dass sie die Sache überleben würde, hatte er ihr den ziemlich ärgerlichen Spitznamen Ronald McDonald verpasst. Anscheinend schrieb das Regelwerk für ältere Brüder eine Quote von drei zu eins vor, was das Abscheulich- und Nettsein anging.

Jetzt musterte sie ihn liebevoll, und er erwiderte den Blick lächelnd. Schließlich schüttelte sie den Kopf und musste gegen ihren Willen lachen. „Du bist unmöglich.“

„Deshalb liebst du mich ja auch.“

„Wer sagt, dass ich das tue?“, neckte sie ihn.

Er grinste. „Ich weiß alles. Ich sehe alles.“

Als sie abermals lachte, trank er noch einen Schluck Wasser. Dabei fiel ihr der übel aussehende Kratzer über seinem Ellenbogen auf. „Was ist dir denn da passiert?“

„Wo?“ Er folgte ihrem Blick und sah auf seinen Arm herab. „Ach, das.“ Er zuckte mit den Schultern und ließ den Arm sinken. „Ich war dabei, ein paar von meinen Fotos aufzuhängen, und bin gestolpert. Dabei habe ich mich an einem Nagel verletzt.“

„Autsch“, sagte sie. Als sie sachte mit dem Finger über die Wunde fuhr, zuckte er zusammen, als müsste er einen heftigen Schmerz unterdrücken. „Du meine Güte, Nat. Hat es sich entzündet? Was hast du draufgetan?“

Er entzog ihr seinen Arm und sah ein wenig schuldbewusst aus, als er antwortete: „Wasserstoffperoxid. Ist schon okay. Ich mach noch mal was drauf, wenn ich nach oben gehe.“

Sie runzelte die Stirn, widersprach aber nicht. „Das solltest du doch sowieso nicht tun. Ich hab doch gesagt, ich würde dir deine Sachen einrahmen und aufhängen. Du brauchst mehr Farbe in deiner Wohnung.“ Ihr Bruder war ein begnadeter Fotograf, aber die meisten seiner tollen Bilder hatte er in Kisten verstaut, und er besaß nicht das geringste Gespür für eine wohnliche Atmosphäre. Seit mehr als einem Jahr hatte sie ihm schon versprochen, seine Aufnahmen in bunte Rahmen zu stecken und an seinen schrecklich langweiligen kahlen Wänden zu arrangieren. Doch weil sie leider eine furchtbar nachlässige Schwester war, hatte sie sich noch nicht darum gekümmert.

„Kein großes Ding“, beruhigte er sie. „Und es ist nicht in Ordnung, dass du versuchst, das Thema zu wechseln.“ Anklagend zeigte er mit dem Finger auf sie. „Ich merke das.“

Sie verdrehte die Augen. „Mir geht es gut. Ehrlich.“ Die Arme ausbreitend, fügte sie hinzu: „Ich fühle mich pudelwohl.“

„Du bist ängstlich“, widersprach er und streckte ihr eine Hand hin. „Das gefällt mir nicht.“

Ach, sie konnte sich wirklich glücklich schätzen, einen großen Bruder mit solch einem Beschützerinstinkt zu haben. Sie ergriff seine Hand und drückte sie. Seit dem Tag, als ihre Mutter die Familie verlassen hatte, war es Nat gewesen, der die Rolle eines Elternteils übernommen hatte. Ihm war auch kaum was anderes übrig geblieben, da ihr Dad viel zu sehr mit seinen Büchern beschäftigt gewesen war, als dass er an diesem Posten groß Interesse gehabt hätte.

Nats Vater war gestorben, als Nat fünf Jahre alt gewesen war, und Ashley, seine Mutter, hatte Kendall Archer geheiratet, der unverzüglich den kleinen Jungen adoptierte. Ein paar Jahre später kam Ronnie zur Welt. Zwei Tage nach Ronnies fünftem Geburtstag entschied Ashley Archer, dass sie ihrer Mutterrolle überdrüssig war. Sie verschwand und tauchte nie wieder auf. Nat, der damals zwölf war, erwies sich während der nächsten Jahre für Ronnie als Fels in der Brandung. Er half ihr durch die schwierige Teenagerzeit und hielt ihre Hand, als ihr Vater starb.

Aber inzwischen war sie dreißig, und Nats Vaterrolle hatte sich irgendwie überholt.

Doch als sie ihm das sagte, schüttelte er nur den Kopf. „Es ist mir egal, wie alt du bist, Ron. Du bist und bleibst meine kleine Schwester, und ich werde immer ein Auge auf dich haben.“

Leicht genervt entzog sie sich ihm. „Ich brauche niemanden, der auf mich aufpasst. Es war nur ein Einbruch. Der Elektriker kommt morgen, um die Alarmanlage wieder anzuschließen.“

Nat presste die Getränkedose gegen seine Stirn. „Na, dann klingelt bei dem ja wieder die Kasse“, sagte er. „Dein Laden hier ist ein Fass ohne Boden, Ron.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Dann kannst du das ja reparieren.“

Er schüttelte den Kopf. „Das übersteigt leider meine Fähigkeiten, fürchte ich.“

Sie bezweifelte es. Ihr Bruder war eigentlich ein ganz guter Handwerker. Er hatte sich in seiner Wohnung eine hochmoderne Dunkelkammer eingerichtet, samt spezieller Beleuchtung und sonstiger Ausstattung. Aber er war auch ein wenig faul. Mit dem richtigen Anreiz war er zu allem in der Lage. Ohne Anreiz wurde nie etwas fertig.

Sie liebte ihn, aber das hieß nicht, dass sie seinen Fehlern gegenüber blind war.

„Komm schon, Ron. Wir sitzen hier auf einem verdammten Vermögen. Verkauf den Laden, verkauf das ganze Haus, und wir brennen nach Paris durch. Ich mache Fotos, und du kannst an deiner Doktorarbeit schreiben.“

„Nat, diese Diskussion haben wir doch schon oft genug geführt. Ich verkaufe nicht.“ Wann begriff er es denn endlich? Schon mehr als einmal hatten sie über das Thema gesprochen, und sie hatte verdammt noch mal nicht vor, das Ganze jetzt, mitten in der Nacht, noch einmal durchzukauen. Das war ein Brocken, der ihr nur wieder auf den Magen schlagen würde.

Seine Brust hob und senkte sich. „Na gut. Wie du willst. Ich meine, hey, ich wohne in einer tollen Wohnung im Gramercy Park, für die ich nicht einen Cent zahlen muss. Es ist ja nicht so, dass ich mich beschwere.“ Er sah sie an, und der Blick aus seinen braunen Augen war ernst und besorgt. „Aber wenn meine Schwester die ganze Nacht aufbleibt, weil sie Angst hat, dann frage ich mich natürlich, ob sie nicht vielleicht mal einen Tapetenwechsel braucht.“

„Ich habe keine Angst“, erwiderte Ronnie. „Ich habe gearbeitet.“ Das war immerhin die halbe Wahrheit. Sie hatte gearbeitet, aber nur, weil sie zu aufgedreht war, um schlafen zu können. „Außerdem“, fügte sie hinzu, in der Hoffnung, ihren Bruder damit zu beruhigen, „sind die Cops ja an dem Fall dran. Es gibt also nichts, worüber man sich Sorgen machen muss.“

Er lehnte sich zurück und legte die Füße auf den Schreibtisch. „Haben die denn schon irgendwelche Fortschritte gemacht?“

Sie hatte keine Ahnung. „Reichlich. Sie haben zig Spuren.“ Vielleicht dachten die bei der Polizei ja, es sei ein völlig belangloser Fall, und hielten es daher nicht für nötig, sie auf dem Laufenden zu halten. Es war ja auch kaum etwas weggekommen. Wobei genau das der Punkt war, der ihr einen Schauder über den Rücken trieb.

„Ronnie“, sagte Nat und riss sie damit aus ihren Gedanken.

„Was?“

„Was für Spuren?“

„Oh. Ich weiß nicht. Einfach nur Spuren.“ Sie musterte ihre Fingernägel.

„Du meine Güte, Ron. Wir wohnen hier. Wir haben ein Recht darauf zu erfahren, was sie rausgefunden haben.“

Sie zuckte mit den Schultern und wünschte, sie könnte ihm etwas Handfestes berichten. Verdammt, sie wünschte, sie hätte überhaupt mal mit einem Polizisten gesprochen. „Du weißt doch, wie vage die Cops sein können.“

„Ich weiß, wie vage meine Schwester sein kann.“

Ronnie seufzte. Sie wusste, wann sie sich geschlagen geben musste. „Okay. In Ordnung. Ich möchte, dass du in ein paar Tagen in den Flieger zu den Galapagosinseln steigst. Was muss ich machen, damit du es auch wirklich tust?“

Langsam breitete sich ein selbstgefälliges Grinsen auf seinem Gesicht aus. „Na ja, kleines Schwesterlein, ich denke, du könntest entweder den größten, fiesesten Bodyguard anheuern, den du finden kannst, damit er nachts hier sitzt und Wache hält …“

„Wohl nicht.“

„… oder du wirst die Cops bezirzen müssen, um ihnen ein paar Informationen zu entlocken.“

2. KAPITEL

„Arbeitest du schon oder immer noch?“

Die mehr oder weniger vertraute Stimme drang durch Jacks benebeltes Hirn und fügte sich schließlich zu einem zusammenhängenden Gedanken – Irving. Die Stimme gehörte zu Lieutenant Irving. Stöhnend pellte er sein Gesicht vom Staatsschreibtisch und blinzelte den Fragesteller an. „Was?“, krächzte er. Keine sonderlich geistreiche Erwiderung, aber mehr brachte er im Augenblick nicht zustande.

Dan Irving grinste und stellte einen Kaffeebecher auf den Tisch. „Du brauchst ihn mehr als ich.“ Er hob eine Tüte hoch und schüttelte sie. „Aber die Donuts behalte ich. Muss ja schließlich darauf achten, dass wir hier nicht von den Klischees abweichen.“

Jack trank einen Schluck flüssigen Himmel, schloss die Augen und ließ sich von dem glücklicherweise legalen Aufputschmittel das Gehirn wiederbeleben. „Das mit dem Feuer, das kann ich ja noch verstehen. Aber was ich einfach nicht begreife, ist, wie die Leute in grauer Vorzeit ohne Koffein überlebt haben.“

„Das nennst du überleben?“ Irving machte eine ausladende Handbewegung, die das gesamte Büro umfasste. „Die Tiere im Central Park haben bessere Gehege als wir.“

Jack grinste und hob den Kaffeebecher. „Aber wir haben den besseren Speiseplan.“

Der Lieutenant drehte sich einen Holzstuhl herum, setzte sich rittlings darauf, und Jack schob ihm eine Fotokopie von Mrs Crawleys Kissen-Botschaft rüber. „Was hältst du davon?“

Irving nahm die Kopie und hielt sie dann immer weiter von sich weg, so als wollte er Posaune spielen, bis er schließlich den Arm ganz ausgestreckt hatte. Jack unterdrückte ein Lachen. Der Lieutenant weigerte sich, nachzugeben und sich eine Lesebrille anzuschaffen, aber wenn seine Augen noch schlechter wurden, dann würde er bald längere Arme brauchen.

„Keine Angst, mein Engel.“ Irving runzelte die Stirn. „Eine Drohung. Aber da ist noch was anderes. Irgendwie klingt die Sprache seltsam. So gestelzt.“

„Das habe ich auch gedacht.“

„Der Crawley-Fall?“

Jack nickte. „Das ist jetzt schon der dritte Vorfall. Diesmal ist der Täter sogar bis ins Schlafzimmer vorgedrungen. Es erübrigt sich wohl zu erwähnen, dass Mr und Mrs Crawley nicht sonderlich erfreut darüber waren.“ Er schnappte sich erneut die Kopie und blickte grimmig auf die säuberlich getippten Worte. „Das ist merkwürdig. Es scheint irgendein Zitat zu sein, das könnte noch wichtig werden.“

„Dann finde heraus, woraus unser Täter zitiert.“

„Bin schon dabei.“ Jack grinste. „Oder besser gesagt, Donovan ist schon dabei.“

Irving lachte. „Was heckst du wieder aus, Parker?“

„Ich mach nur meinen Job. Hab meinen Partner heute Morgen um halb sieben angerufen und ihm gesagt, er solle einen Literaturprofessor für uns auftreiben.“

„Lass mich raten, Donovans Mädel der Woche war darüber nicht gerade begeistert?“

„Vermutlich nicht.“ Jack musste ein Lächeln unterdrücken, als er an die deutliche Verärgerung in der Stimme der Frau dachte, die das Telefon abgenommen hatte. Er grinste. „Na ja, wenn man Probleme mit Schichtdienst hat, dann darf man sich eben nicht mit einem Cop einlassen.“

In Anbetracht der Tatsache, dass sich Jack die ganze Nacht mit den Beweisen um die Ohren geschlagen hatte, während Donovan die seine vermutlich auf sehr viel unterhaltsamere Weise – und ganz und gar nicht allein – verbracht hatte, verspürte Jack kein allzu schlechtes Gewissen, die beiden geweckt zu haben. Und es war ja wirklich so, dass er jemanden auftreiben musste, der dieses Zitat zuordnen konnte – vorausgesetzt, es handelte sich tatsächlich um eines. Da sie sonst so gut wie nichts hatten finden können, war es die beste Spur, die sie besaßen. Verdammt, es war genau genommen ihre einzige Spur.

„Wie kommt’s, dass du auf diesen Fall angesetzt worden bist?“, fragte Irving. „Kümmert sich die Abteilung für Sexualverbrechen jetzt schon um Papierschnipsel?“

Jack schüttelte den Kopf. „Unser Täter hat eine Schwäche für Erotika. Auszüge aus Büchern und ein paar hübsche, sehr anschauliche Akt-Postkarten.“

Irving zog einen Donut aus der Tüte, reichte diese dann an Jack weiter und stand auf. „Lass mir mal eine von den Postkarten zukommen, und wir sind quitt.“

Jack lachte, und als sein Magen laut knurrte, fiel ihm ein, dass er seit gestern Mittag nichts mehr gegessen hatte. Er griff sich einen Apfel-Donut und hatte schon die Hälfte davon verschlungen, ehe Irving noch den Mannschaftsraum der Wache durchquert hatte.

Jack wischte gerade die Krümel von seinem Schreibtisch, als Donovan auftauchte und sich auf den Stuhl fallen ließ, den Irving gerade verlassen hatte.

„Dir ist hoffentlich klar, dass du mir was schuldest“, erklärte Donovan.

Jack nickte. „Das ist doch nichts Neues. Hast du jemanden gefunden?“

Sofort war Donovan wieder beim Geschäftlichen. „Einen Gastdozenten für das Fachgebiet Weltliteratur. Keine Sommerkurse. Die Familie war jahrelang im Buchhandel tätig. Müsste so gegen neun Uhr hier sein, um mit dir zu reden.“

„Gut. Ich muss wegen des Bleeker-Falls um elf im Gericht sein, das passt also hervorragend.“

„Ich lebe, um zu dienen.“ Donovan lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Vergiss die Weste nicht“, fügte er hinzu.

„Würde mir im Leben nicht einfallen“, erwiderte Jack. Der Bleeker-Fall hatte sich zu einer ziemlich abscheulichen Sache entwickelt: Kinderpornografie, Verbindungen zur Mafia, alle möglichen Spielarten von Scheiße. Und auf der Straße wurde gemunkelt, Darian Bleeker habe vor, sich der Zeugen einfach zu entledigen. Kevlar war für einen modebewussten Detective geradezu unerlässlich geworden. Jack hasste die schusssichere Weste, aber er fügte sich und trug das Ding, wenn er als Zeuge aussagen musste. Sie war verdammt unangenehm in der sommerlichen Hitze, aber immer noch besser, als niedergestreckt zu werden.

Donovan riss sich eine Ecke von Jacks Apfel-Donut ab. „Sieht so aus, als wärst du die ganze Nacht hier gewesen, was? Hast du noch irgendwas gefunden?“

„Nicht wirklich.“

„Fingerabdrücke?“

„Das Labor sagt Nein.“

„Was ist mit dem Papier?“

Jack schüttelte den Kopf. Das Fehlen jeglicher Spuren machte ihm zu schaffen. „Keinerlei Anhaltspunkte. Sieht nach ziemlich normalem Briefpapier aus. Aber dies …“ Er schob die Fotokopie wieder über den Schreibtisch. „Fällt dir daran irgendetwas auf?“

Donovan zuckte mit den Schultern. „Sollte es?“

„Das e ist ein klein wenig nach oben gerutscht. Das ist einem der Typen aus der Forensik aufgefallen.“

„Eine Schreibmaschine? Echt? Soll das heißen, unser Täter kann nicht mit dem Computer umgehen?“

„Könnte eine erste Spur sein – aber nur, wenn wir die zugehörige Maschine finden.“

Donovan verzog das Gesicht. „Na toll. Es gibt bestimmt noch Tausende von Schreibmaschinen in Manhattan und Umgebung. Ich fang mal an, die Trödelläden abzuklappern“, spottete er.

„Ich hoffe, dein Professor kann uns weiterhelfen“, meinte Jack.

„Das glaub ich dir aufs Wort.“ Donovan blickte auf seine Armbanduhr. „In der Zwischenzeit gehe ich mal ins Labor und frag, ob jemand Schreibmaschinen als Hobby hat.“

Jack trank einen großen Schluck Kaffee. „Viel Spaß.“

Als Donovan den Raum verließ, holte Jack die Beweisstücke heraus, über denen er die ganze Nacht gebrütet hatte – der Brief vom Kopfkissen, zwei Seiten, die aus dem Buch Lady Chatterley herausgerissen waren, eine Postkarte, auf der eine halb nackte Frau abgebildet war, und drei weitere, die Männer und Frauen in Positionen zeigten, die Jack durchaus auch mal ausprobieren würde – vorausgesetzt, die richtige Frau lief ihm über den Weg.

„Ich hatte gehofft, jetzt mit ihm reden zu können. Ich bin ein wenig in Eile.“ Beim Klang der weiblichen Stimme blickte Jack auf und schob instinktiv die anrüchigen Postkarten unter einen Schnellhefter. Nahe dem Eingang stand eine große Frau mit rotbraunen Locken und Lippen, für die man sterben könnte, und unterhielt sich angeregt mit der diensthabenden Polizistin. Sie blickte auf ihre Uhr, runzelte die Stirn und wandte sich erneut an Jacks Kollegin. „Ich würde gern um zehn Uhr wieder im Buchladen sein.“

Buchladen. Gott sei Dank, sie war schon früher gekommen. Er hatte massenweise Fragen. Jack sprang auf und rannte fast, um nach vorn zum Empfangstresen zu kommen. Dort blieb er stehen und streckte seine Hand aus.

„Detective Parker. Ich glaube, Sie wollten mich sprechen.“

Carla, die diensthabende Polizistin, hob eine Augenbraue, doch Jack machte eine abwehrende Geste. Die Frau auf der anderen Seite des Tresens klemmte sich ihre Tasche unter den anderen Arm und ergriff Jacks Hand. Das Kribbeln, das dabei durch seine Fingerspitzen zuckte, kam völlig unerwartet.

„Veronica Archer.“ Sie schaute zwischen Carla und ihm hin und her. Die Augen hinter ihrer Brille weiteten sich, und sie hielt seinem Blick für einen winzigen Moment stand, bevor sie wegsah und errötete. „Ich … ich soll mit Ihnen sprechen?“

„Ja, richtig“, sagte er, dankbar für die kleinen Aufmerksamkeiten. Er öffnete die Klappe und bat sie hinein. Als sie an ihm vorbeiging, bewunderte er den Schwung ihrer Hüften, die sich unter dem eng anliegenden Wollrock abzeichneten.

Eine Sekunde lang überlegte er, ob Donovan wohl mit Absicht die verführerischste Frau vom ganzen Campus ausgewählt hatte, um ihn in Versuchung zu führen, verwarf den Gedanken aber dann gleich wieder. Nach Dienstschluss mochte sein Partner ihn ja ständig verkuppeln wollen. Aber bei der Arbeit war Donovan ein vollkommener Profi. Was bedeutete, dass diese Frau etwas von ihrem Metier verstand. „Wie ich hörte, sind Sie etwas in Eile. Detective Donovan ist gerade im Labor.“

„Oh.“ Ihr sanftes Lächeln bewegte ihn auf eine Art, die nicht sonderlich professionell war. Mit Mühe zwang er sich dazu, sich auf ihre Worte zu konzentrieren. „In dem Fall“, fügte sie hinzu, „danke ich Ihnen, dass Sie sich die Zeit für mich nehmen.“

Ihr Lächeln vertiefte sich, und Jack merkte, dass er gar nicht anders konnte, als es zu erwidern. Er räusperte sich. „Okay. Na ja, Donovan und ich arbeiten zusammen an dem Fall.“ Nachdem er auf einen Stuhl gedeutet hatte, setzte er sich wieder hinter seinen Schreibtisch. Er war dankbar für den Stuhl unter seinem Hintern. Denn irgendwie schien es die Frau zu schaffen, dass ihm die Knie weich wurden – mit nichts weiter als einem Blick.

„Ich verstehe.“ Sie schlug ein Bein über das andere, und Jack musste sich zwingen, den Blick abzuwenden. „Ist er derjenige, mit dem ich schon einmal gesprochen habe? Ich konnte mich an seinen Namen nicht erinnern.“

„Ja, genau, das ist er.“

Sie rutschte ein wenig auf ihrem Stuhl hin und her, was dazu führte, dass sich ihr Pullover noch enger an ihre Brüste schmiegte. Jack bekam einen trockenen Mund.

„Na ja“, sagte sie, „wie ich heute Morgen am Telefon schon sagte, würde ich gern wissen …“

„Ms Archer, ich sollte Ihnen am besten gleich erzählen, was wir von Ihnen wissen wollen.“ Das schien ein guter Ansatz zu sein. Es war ja nicht nur so, dass er die Informationen brauchte, vielmehr musste er auch dringend zusehen, dass er seine Selbstbeherrschung wiederfand, die er in dem Moment verloren hatte, als er Veronica Archer erblickt hatte. „In diesem Stadium der Ermittlungen müssen wir natürlich größtmögliche Diskretion wahren. Ich bin sicher, Sie haben dafür Verständnis.“

Sie biss sich auf die Unterlippe und zog die Brauen zusammen. „Hm, ja, natürlich.“ Im nächsten Augenblick runzelte sie jedoch die Stirn und schüttelte den Kopf. „Nein. Eigentlich, wenn ich ehrlich sein soll, verstehe ich das nicht. Ich möchte doch nur …“

„Bitte.“ Er zog einen Beweisbeutel heraus, in dem sich eine einzelne Buchseite befand, und schob ihn zu ihr hinüber, während er gegen den Drang ankämpfte, ihr den gesamten Fall zu erklären. Ganz offensichtlich drehte er langsam durch. Es war ja nicht nur so, dass er sie liebend gern berührt hätte, nein, etwas an der Frau rief in ihm den Wunsch hervor, sich ihr zu öffnen, ihr alles zu erzählen – von den anonymen Briefen und Postkarten, von dem Frust, keinerlei Anhaltspunkte in dem Fall zu finden …

Reiß dich zusammen, Jack. Vermutlich war es ihm nur unangenehm, eine Frau mit erotischer Literatur zu konfrontieren. Das war nicht gerade eine Tätigkeit, wie er sie sich in einem beruflichen Zusammenhang vorstellen mochte. Himmel, etwas in dieser Art hatte er sich überhaupt noch nie vorgestellt. Obwohl er sich in Hinsicht auf Veronica Archer durchaus ein paar interessante Aktivitäten ausmalen konnte.

Innerlich gab er sich einen Ruck und versuchte, sich wieder zu konzentrieren, verärgert darüber, dass allein die Nähe zu einer schönen Frau ihn derart von der Rolle brachte. Vielleicht hatte Donovan doch recht. Vielleicht war er schon zu lange nicht mehr mit einer Frau ausgegangen.

„Und?“ Sie wedelte mit der Tüte und ließ sie dann auf den Tisch fallen.

„Erkennen Sie das?“

„Sicher. D. H. Lawrence. Lady Chatterley.“ Sie sah ihm direkt in die Augen, und er meinte, aufkeimende Wut in ihren zu entdecken. Eine unwillkommene Abwechslung zu eben, und etwas, das er gar nicht verstand.

„Noch etwas?“, fragte er.

„Ist das wirklich nötig?“

Ein harscher Unterton hatte sich in ihre Stimme gemischt, aber das war ja verständlich. Sie war Akademikerin und von daher wahrscheinlich nicht daran gewöhnt, dass man ihre Antworten hinterfragte. Aber er musste sichergehen, dass sie etwas von der Materie verstand. „Ja, ich denke schon.“

„Kapitel zehn“, sagte sie mit angespannter Stimme. „Connie und der Wildhüter. Sie waren noch nie zusammen, kennen sich eigentlich so gut wie gar nicht, aber er sagt ihr, sie soll sich hinlegen, was sie auch tut, und dann berührt er sie … auf diese Weise.“

Sie hob eine Augenbraue, und Jack schluckte, weil er sich auf einmal wie ein Student fühlte, der bei einem Test durchgefallen war.

„Warum fragen Sie?“

Statt die Frage zu beantworten, reichte er ihr eine Postkarte und dann noch eine, die sie beide ohne zu zögern identifizierte. Die Dame kannte sich aus. Donovan hatte wirklich die beste Expertin für den Job engagiert.

Aber die Karten waren Peanuts. Sogar er und Donovan hatten es schließlich geschafft, die Quelle der Buchseiten und der Illustrationen aufzuspüren. Jetzt wurde es Zeit für den richtigen Test. Jack schob eine Fotokopie des Liebesbriefes auf Caroline Crawleys Kissen zu ihr hinüber. „Was ist hiermit? Wissen Sie, was das ist?“

„Detective …“ Sie hielt inne, runzelte die Stirn und schaute erst auf den Schreibtisch, dann wieder zu ihm. Nach einem Augenblick schien sie zu einer Entscheidung gelangt zu sein. „Ich habe mich wirklich bemüht, höflich zu bleiben, mich vernünftig zu verhalten. Aber ich bin ehrlich gesagt nicht in der Stimmung, um hier irgendwelche Quizfragen zu beantworten, okay?“ Sie klemmte sich ihre Handtasche unter den Arm, schob den Stuhl zurück und funkelte Jack wütend an. Ihre Augen wirkten geradezu eisig und hatten all die Wärme von vorhin verloren. „Es stimmt, ich habe mich auf Erotika spezialisiert. Aber ich begreife wirklich nicht, warum ich Jeopardy! mit Ihnen spielen soll, nur damit die Polizei ihre Arbeit tut.“

Jack spürte förmlich, wie die Wut wie statische Elektrizität aus ihr herausströmte. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, warum sie so sauer war, doch er verspürte einen überwältigenden Drang, die Sache wieder in Ordnung zu bringen. Das, was sie quälte, wiedergutzumachen. „Hören Sie, Ms Archer, wenn es hier ein Missverständnis gegeben hat …“

„Missverständnis? Dass mein Fall ignoriert wird? Dass meine Anrufe nicht erwidert werden?“ Sie deutete auf die Beweise, die er ihr gerade gezeigt hatte. „Und jetzt diese … diese … Haltung angesichts der Tatsache, dass ich mich mit Erotikliteratur beschäftige.“ Sie sah ihn böse an, und aus ihren grünen Augen sprühten geradezu die Funken. „Zufällig habe ich nun einmal eine große Anzahl seltener Bücher und Manuskripte in diesem Laden, ganz zu schweigen davon, dass ich direkt darüber wohne.“

Sie zog ihre Strickjacke enger um sich, und der dünne Wollstoff spannte sich über ihren Brüsten. Eigentlich hätte ihm das gar nicht auffallen sollen, doch Jack war machtlos dagegen, genauso wie er den Reaktionen seines Körpers gegenüber machtlos war. Er versuchte, ihr nicht auf die Brüste zu starren. Dabei ertappt zu werden, wie er sie in diesem speziellen Moment mit Blicken verschlang, würde ihm gewiss keine Pluspunkte bei ihr einbringen.

Sie schluckte. „Ich habe Angst, Detective. Okay? Und ich schätze es wirklich nicht, wenn man mich wegen meines Berufs verspottet.“

Heftig blinzelnd stand sie auf. „Ich rufe später noch einmal an, um Antworten zu erhalten“, sagte sie. „Und ich hoffe doch, Sie sind dann besser informiert und haben ein paar Antworten parat, denn sonst werde ich mich an Ihren Vorgesetzten wenden.“ Sie hob trotzig das Kinn, drehte sich um und eilte hinaus, wobei das Klacken ihrer hohen Absätze auf dem ausgetretenen Linoleum im Raum widerhallte.

Jack verstand gar nichts mehr, und sie war verschwunden, ehe sein Gehirn Zeit hatte, wieder einigermaßen vernünftig zu funktionieren. Plötzlich jedoch arbeitete es auf Hochtouren, und klare Gedanken begannen sich zu formen, als ihm die beiläufigen Worte wieder einfielen, die sie hatte fallen lassen – ihr Fall, ignorieren, Angst, Antworten. Stöhnend ließ er den Kopf auf die metallene Schreibtischplatte sinken.

Veronica Archer war ein Opfer.

Na toll, Jack. Der Täter läuft noch frei herum, und obendrein verärgerst du noch die Opfer. Ganz clever gemacht.

Und Ms Archer war nicht irgendein Opfer, sondern die Besitzerin eines Buchladens und zugleich Spezialistin für erotische Literatur. Wenn man einmal davon absah, dass er es gerade geschafft hatte, sie tierisch zu verärgern, könnte sie ihm bei dem Crawley-Fall wahrscheinlich sehr viel besser helfen als irgend so ein alter Literaturprofessor aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaften. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass er sie unheimlich gern wiedersehen würde.

Als er jetzt den Kopf hob, bemerkte er einen Mann in einem zerknitterten Anzug, der mit Carla sprach. Der Literaturprofessor, vermutete er. Das Bild von rotbraunen Locken, funkelnden grünen Augen und einem zum Küssen einladenden Mund schoss ihm durch den Kopf. Äußere Erscheinungsmerkmale, die von einer feurigen Persönlichkeit zusammengehalten wurden, mit der Jack definitiv gern zusammenarbeiten würde.

Stattdessen bekam er Professor Neunmalklug.

„Detective Parker“, rief Carla, „dieser Herr hier möchte mit Ihnen sprechen.“

Jack winkte, um ihr zu bedeuten, dass er gleich da sein würde. „Oh, und Jack? Die Frau eben, sie sagte, ich soll Ihnen ausrichten, dass es aus Das Boudoir ist.“

„Das ging ja schnell.“ Joan blickte vom Computer auf, als Ronnie in den Laden marschierte und die kleine Glocke über der Tür ihre Ankunft verkündete. Joan hob eine Schachtel hoch. „Das ist für dich angekommen. Von deinem heimlichen Verehrer, vermute ich mal.“

Ronnie lächelte schwach, als sie die Schachtel entgegennahm, doch ihre schlechte Laune hob sich ein klein wenig. Sie nahm den Deckel ab und sah eine Packung mit Hershey’s Kisses, dem leckeren Schokoladenkonfekt, sowie einen kleinen Zettel, auf dem in schönster Kalligrafie-Schrift Süßes für die Süße stand.

Joan schaute ihr über die Schulter. „Oh. Wie süß“, meinte sie scherzhaft. „Also, ich würd mal sagen, bei dem stimmt irgendwas nicht, wenn der sich nicht traut, sein Gesicht zu zeigen.“

„Sei nicht so gemein“, ermahnte Ronnie sie. „Wer auch immer das schickt, ist vermutlich einfach nur schüchtern.“ Seit ungefähr zwei Monaten bekam sie jetzt von einem anonymen Verehrer fast wöchentlich kleine Geschenke. Zu jedem fand sich eine kurze Botschaft, immer ein bisschen klischeehaft, aber nett.

Sie sah sich die Schachtel genauer an. „Post?“

„Nee. Lag draußen vor der Tür. Einer der Kunden hat es mit reingebracht.“

Ronnie schüttelte den Kopf und seufzte. Sie fragte sich, ob sie wohl je herausfinden würde, wer ihr geheimer Verehrer war. Sie vermutete, es handelte sich um Tommy, den schüchternen jungen Mann, der bisher jeden einzelnen ihrer kostenlosen Vorträge über Erotik besucht hatte, die sie zweimal im Monat hier im Laden hielt.

Sollte sie damit richtig liegen, dann hoffte Ronnie allerdings, dass er anonym blieb. Tommy schien ein netter Junge zu sein, vermutlich ein Erstsemester aus dem College, aber er war definitiv nicht ihr Typ.

Vor ihrem geistigen Auge erschien das Bild von Detective Parker. Der war schon eher nach ihrem Geschmack …

Joan nahm ihr die Schachtel aus der Hand und klaute sich einen Schokokuss. „Also, was hast du erreicht? Ich hätte nicht gedacht, dass du so schnell wieder da bist.“

Prompt kehrte Ronnies schlechte Laune zurück. Sie warf ihre Handtasche auf den Schreibtisch und eilte zielstrebig auf die Kaffeemaschine zu. „Es war völlige Zeitverschwendung“, sagte sie. „Die sind echt unmöglich. Er ist unmöglich.“

„Er?“ Joan linste über den Rand ihrer psychedelischen Halbbrille, die anscheinend das modische Accessoire der Woche darstellte. „Wer ist er?“

Ronnie nahm einen großen Schluck Kaffee und schüttelte den Kopf, während sie schluckte. „Ein Detective“, erwiderte sie und schaute böse auf die französischen Postkarten aus der Zeit der Jahrhundertwende, die Joan gerade katalogisierte – die Art von Postkarten, mit denen er sie auf dem Revier genervt hatte.

Sie machte eine ausladende Handbewegung zu den herumliegenden Sammlerstücken und meinte grimmig: „Ein Er mit einem Komplex, was dieses Zeug hier angeht.“

„Unglaublich. Echt? Deshalb passiert nichts wegen des Einbruchs hier? Weil die bei der Polizei prüde sind?“

Ronnie nippte an ihrem Kaffee. „Sieht so aus.“ Jedenfalls fiel ihr keine andere Erklärung für sein merkwürdiges Verhalten ein.

Aufgebracht ging sie vor dem Schaufenster auf und ab und beobachtete ihre Nachbarn, die auf dem Weg zur Arbeit an ihrem Laden vorbeigingen. Bankangestellte, Busfahrer, Lehrerinnen, Börsenmakler. Es war eine bunte Nachbarschaft, und Ronnie liebte es hier. Die vertrauten Anblicke und Gerüche, die sie so beruhigten, genoss sie schon seit Jahren. Mrs Carmichael, die den Laden an der Ecke aufschloss. Duncan Tanner, der seine Hotdogs aus einem kleinen Wagen heraus verkaufte, wobei der Duft nach Sauerkraut die morgendliche Luft erfüllte.

Es war Ronnie gelungen, ihre Verärgerung – nein, verdammt, ihre Wut – ein wenig zu zügeln, als sie vom Revier nach Hause gegangen war. Doch jetzt wallte der Zorn wieder in ihr auf, und zwar noch stärker als vorhin. Jemand war in ihr Zuhause eingedrungen und hatte ihre Intimsphäre brutal verletzt. Diese Nachbarschaft. Ihr Leben. Wie konnten es die Cops nur wagen, den Einbruch bei ihr derart auf die leichte Schulter zu nehmen, und das nur, weil sie mit erotischer Literatur handelte?

Und die Tatsache, dass Detective Parker so verdammt gut aussah, goss nur weiteres Öl ins Feuer. Aus Gründen, die sie lieber nicht allzu genau untersuchte, war er ihr während des gesamten Wegs vom Revier nach Hause durch den Kopf gespukt, und zudem hatte sie das Gefühl, seine Berührung noch immer auf den Fingern ihrer Hand zu spüren.

Eine ziemlich ärgerliche Angelegenheit, vor allem angesichts der Tatsache, dass Detective Parker ein totaler Idiot war. Wahrscheinlich einer dieser scheinheiligen Macho-Typen, die meinten, eine Frau habe züchtig, ordentlich und unterwürfig zu sein. Gott bewahre, dass womöglich eine Frau die Initiative ergriff, wenn es um Sex ging.

Wobei ihr vieles Lesen ja nicht unbedingt als der wahre Sex durchging. Sie grinste. Genauso wenig wie ein Vibrator.

Er könnte da sicherlich Abhilfe schaffen …

Dieser dekadente Gedanke schoss ihr durch den Kopf, und im selben Moment wurden ihr die Knie weich. Um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, hielt sie sich an einem Bücherregal fest, als Bilder von stechend grauen Augen und einem kantigen Kinn mit einem Bartschatten, der weit über den eines Fünf-Uhr-Schattens hinausging, vor ihrem inneren Auge auftauchten.

Oh ja, das waren Bilder, die einen zu langen Nächten ausgiebigen Studiums inspirieren konnten.

Seufzend ließ sie sich in den weichen Ledersessel fallen, der neben dem Schreibtisch stand, und umfasste den warmen Becher mit beiden Händen. Obwohl der Mann sie fast zur Weißglut gebracht hatte, kribbelte ihr Körper noch immer, wenn sie an seine Berührung dachte. Sie versuchte, sich einzureden, es hätte gar nicht an ihm gelegen, sondern an ihr – weil sie ständig an Sex dachte, doch leider nie welchen hatte. Aber es war schon aufregend, sich vorzustellen, wie Detective Parker sie an sich zog und …

Sie gab sich diesem Gedanken ein wenig länger hin, als sie es hätte tun sollen, und versuchte, sich auszumalen, wie sich seine Hände wohl auf ihren Brüsten, ihrer Taille, ihren Hüften anfühlen würden. Sein Handschlag war fest gewesen, seine Hände groß, und die Vorstellung, wie sich diese über ihren Körper tasteten, bereitete ihr eine wohlige Gänsehaut. Es war eine Fantasievorstellung, die sie nur zu gern Wirklichkeit werden lassen würde, doch natürlich wusste sie, dass das unmöglich war.

Noch einmal seufzte sie, bevor sie den Tagtraum verscheuchte und zu Joan blickte. „Wie kommt es eigentlich, dass die Männer, die am besten aussehen, unweigerlich Neandertaler sind?“

Joan lachte. „Ach, einer von denen war es? Wirklich schade. Wir hätten mal einen kleinen Augenschmaus hier gebrauchen können. Ein rauer Detective, der hier … auf Entdeckungsreise geht.“ Sie zwinkerte Ronnie zu. „Hätte ganz lustig werden können.“ Sie fuhr sich mit der Hand durch ihre wilde Lockenmähne. „Ich frag mich, ob er auf Blondinen steht? Trey fängt langsam an, mich zu Tode zu langweilen.“

„Alle Männer mögen Blondinen“, entgegnete Ronnie. „Das kriegen sie schon mit dem Y-Chromosom mitgeliefert, glaube ich. Da brauchst du dir keine Gedanken zu machen.“ Sie beugte sich vor und kniff die Augen zusammen. „Ich dachte, er heißt Andy?“

„Andy ist schon längst passé. Er hat mit einer Kellnerin rumgemacht, da hab ich ihm den Laufpass gegeben. Trey ist ein Künstler, sehr chic, aber leider etwas unterbelichtet, was Konversation angeht.“

Ronnie verdrehte die Augen. Ein Künstler. Soso, das erklärte zumindest Joans neue unkonventionelle Brille.

„Ich wette, ein Detective hätte viel zu erzählen“, fügte Joan nachdenklich hinzu.

„Na, du wirst dich mit deinem Kerl begnügen müssen, denn hier wirst du keinen hübschen Detective zu Gesicht bekommen.“ Wenn man bedachte, wie unglücklich das Treffen auf dem Revier verlaufen war, führte wohl kein Weg an dieser traurigen Erkenntnis vorbei. „Ich habe so das dumme Gefühl, dass wir auf uns gestellt sind. Ich glaube, die Polizei taucht hier überhaupt nicht mehr auf.“

„Wer taucht hier nicht mehr auf?“, hakte eine Stimme nach.

Nat. Verdammt.

Ronnie stand auf und drehte sich zum Treppenhaus herum. Ihr Bruder trug Jeans und ein ausgeleiertes T-Shirt, aber weder Schuhe noch Socken. Sein Haar stand in alle Richtungen ab, was ihn eher wie sechzehn und nicht wie einen doppelt so alten Mann aussehen ließ.

„Du wirkst, als wärst du von den Toten auferstanden“, bemerkte Ronnie und hoffte, die Beleidigung würde ihn von dem Thema ablenken.

„Meinen wärmsten Dank. Wer kommt nicht? Die Cops?“

„Sei nicht albern“, meinte sie und kreuzte die Finger in ihrer Tasche, während sie zu einer Notlüge griff. „Ich habe vom Elektriker gesprochen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Es ist alles unter Kontrolle.“

Nachdem er ihr einen Blick zugeworfen hatte, der eindeutig verriet, dass er ihr kein Wort glaubte, marschierte er zur Kaffeemaschine, füllte sich einen Becher und ging zurück zur Treppe. Als er an Ronnie vorbeikam, drückte er kurz ihre Schulter. Dann hielt er inne und schaute noch einmal zu ihr zurück. „Bist du in diesem Aufzug aufs Revier gegangen?“

Automatisch blickte sie an sich herab. Rock, Jacke, Schuhe. Nichts fehlte, nichts wurde entblößt. „Ja. Wieso?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich dachte nur gerade an all die Typen, die auf den Polizeiwachen so rumhängen. Dieser Rock überlässt nichts der Fantasie.“

Ronnie verschränkte die Arme vor der Brust. Seit sie zwölf war und ihren ersten BH erstanden hatte, fühlte Nat sich dazu berufen, ihre Aufmachung zu kritisieren. Inzwischen war sie zwar daran gewöhnt, aber es ärgerte sie trotzdem. „Es ist ein Strickrock, der muss eng anliegen. Und das, was er verhüllt, nennt man Oberschenkel. Die hat jeder. Ich versichere dir, ich habe keine schlimme Sünde begangen, nur weil ich einen eng anliegenden Stoffrock trage.“ Sie wusste, sie klang schnippisch, aber sie war jetzt wirklich nicht in der Stimmung für so eine Unterredung.

Nat verzog das Gesicht, äußerte sich aber nicht weiter zu dem Thema. Nach einer Sekunde fragte er stattdessen: „Na, du scheinst ja nicht sehr lange dort gewesen zu sein. Was genau haben die Cops denn erzählt?“

„Nicht viel.“ Sie hob die Schultern und verdrängte ihr schlechtes Gewissen ob der Notlüge. Sie hatte während ihrer Collegezeit so manche Stunde vor dem Fernseher vergeudet, doch nicht eine einzige Folge von Law & Order kam ihr jetzt in den Sinn. „Ich nehme mal an, die Polizisten dort sind morgens ziemlich beschäftigt“, fügte sie hinzu, wobei sie innerlich zusammenzuckte, weil die Ausrede so lahm klang. „Aber einer der Detectives kommt nachher noch vorbei, um mich über den Stand der Dinge aufzuklären.“

Nat rieb sich das Kinn, hakte aber nicht weiter nach. Ronnie hielt den Atem an. Dann, mit einem kurzen Nicken und einem gemurmelten „Okay“, ging ihr Bruder zurück ins Treppenhaus und zog die Tür hinter sich zu.

Wieder meldete sich Ronnies schlechtes Gewissen. Nat war immer jemand gewesen, auf den sie sich verlassen, dem sie sich anvertrauen konnte und zu dem sie gehen konnte, wenn sie Probleme hatte. Auch ihre Träume hatte sie mit ihm teilen können. Sie hasste es wirklich, ihn anzulügen, aber sie wollte nicht, dass er sich ihretwegen Sorgen machte. Ihm bot sich gerade eine tolle Gelegenheit, in seinem Job weiterzukommen, und sie wollte nicht, dass er diese Chance sausen ließ, weil er sich unnötigerweise um seine kleine Schwester sorgte.

Sie tröstete sich damit, dass es ja keine große Lüge gewesen war. Wenn sie sich am Telefon geschickt anstellte und laut genug beschwerte, schaffte sie es vielleicht wirklich, dass ein Detective vorbeikam und sie heute Abend noch auf den neuesten Stand der Ermittlungen brachte.

Nur leider würde es wohl nicht Detective Parker sein.

3. KAPITEL

Das Bild spukte durch seinen müden Geist, verfolgte und reizte ihn.

Ihr rotbraunes Haar wurde von einem einzelnen Band zurückgehalten, dem einzigen Schmuck, den sie trug. In den Händen hielt sie ein zartes blaues Tuch, das zu durchsichtig war, um sittsam zu sein, denn auch wenn sie es vor ihren herrlichen Körper hielt, verhüllte es die dunklen Kreise um ihre Nippel so gut wie gar nicht. Sie lächelte, ein stilles, verführerisches Lächeln, das einer Einladung gleichkam …

„Jack? Hallo! Parker. Hey, komm zurück zu den Lebenden, Kumpel!“

Mit einem Ruck riss sich Jack aus seinem Traum los und kehrte in die Wirklichkeit zurück. Er fuhr sich mit den Händen übers Gesicht, um wieder wach zu werden.

Donovan grinste und blickte auf den Schreibtisch. „Träumst du von den Beweisen?“

„Was?“, fragte Jack noch immer ziemlich benommen. Donovans Blick folgend, sah er die Postkarte. Eine blonde Schönheit, nackt von der Taille an aufwärts, flirtete, halb verborgen hinter einem durchsichtigen Tuch, mit der Kamera.

Jack blinzelte. In seinem Traum war die halb nackte Frau auf der antiken Postkarte eine Brünette gewesen. Weiche Locken waren über ihre nackte Schulter gefallen … funkelnde grüne Augen … ein kecker Mund.

Veronica Archer.

Verdammt, die Frau hatte es ihm wirklich angetan. Er begehrte sie mit einer Heftigkeit, die er so noch nie zuvor verspürt hatte. Aber leider war sie, wenn er sich nicht sehr täuschte, stinksauer auf ihn.

Wirklich schade.

„Es gibt da noch mehr“, sagte Donovan, und sein Tonfall verriet, dass mehr in diesem Fall nichts Gutes verhieß.

Noch einmal schüttelte Jack den Kopf, dann war er wieder aufnahmebereit. „Schieß los.“

„Eine weitere Postkarte.“ Donovan warf den Beweisbeutel auf den Tisch. Die antike Karte zeigte eine unkonventionelle junge Frau der Zwanzigerjahre, die nichts weiter trug als Seidenstrümpfe, eine lange Perlenkette und im Gesicht ein Lächeln, das zu sagen schien: Komm her.

„Sonderzustellung von heute Morgen.“

Ganz automatisch wanderte Jacks Blick zur Wanduhr. Es war noch nicht einmal zehn Uhr. „Das kann nicht mit der Post gekommen sein.“

„Sonderzustellung direkt aufs Kopfkissen.“

Jack runzelte die Stirn. „Scheiße. Noch eine.“

„Ja. In Brooklyn. Ein Kumpel von mir hat mich mit dem zuständigen Detective zusammengebracht. So wie es scheint, gibt es dort eine Frau, der dasselbe widerfahren ist wie Mrs Crawley.“

„Na toll. Ein Stalker. Unser unartiger Bösewicht verbreitet Freuden in allen Bezirken.“ Er seufzte. „Ein Segen für uns, ein Fluch für diese Frauen.“

„Es wird sich nur als Segen entpuppen, wenn wir eine Verbindung zwischen der Sache in Brooklyn und der bei Mrs Crawley herstellen können.“

„Hast du schon irgendwas gefunden?“, fragte Jack, überzeugt, die Antwort lautete Nein.

„Abgesehen von den erotischen Postkarten? Nein, in den letzten fünfundvierzig Minuten ist nichts Neues aufgetaucht.“

Jack fuhr sich mit der Hand durch die Haare und verzog das Gesicht. „Na ja, aber das hier ist immerhin eine vielversprechende Spur. Lass uns die weiterverfolgen und die Hintergründe der beiden Frauen näher beleuchten. Vielleicht gibt es da irgendwo Gemeinsamkeiten.“

„Eine Gemeinsamkeit haben wir schon gefunden.“

Akt-Postkarten und anzügliche Geschichten. „Stimmt. Dieses erotische Zeug ist der Schlüssel. Aber ich würde verdammt noch mal gern wissen, wohin uns das führen soll.“

„Was hat Professor Baker dazu gesagt?“ Donovan schwang seine Füße auf Jacks Schreibtisch und schraubte den Deckel von dem kleinen Glas mit den Magentabletten auf.

„Der Mann war völlig nutzlos.“ Und nervig. Der Professor hatte wie ein lebendes Telegramm geredet, nur dass das Stopp leider nach jedem einzelnen Wort kam, was sein Sprechtempo derart verlangsamte, dass man dabei beinahe einschlief. Schon nach zwei Sätzen war Jack nahe dran gewesen, den Mann zu erwürgen. „Über Erotikliteratur wusste er gerade so viel, dass sie existiert. Oh, und von Fanny Hill hatte er auch schon gehört.“

Donovan zuckte mit den Schultern. „Das ist doch schon mal was.“

„Das ist rein gar nichts. Jeder Junge auf der Highschool, der auf der Suche nach Aufregung ist, kennt Fanny Hill.“

Donovans Mundwinkel zuckten amüsiert. „Ich damals nicht. Ich hab mich mehr an den Playboy gehalten.“

Jack ignorierte den Kommentar. „Was ich sagen will, ist, dass er überhaupt keine Hilfe war. Während du versuchst, eine Verbindung zwischen den Frauen herzustellen, muss ich jemanden finden, der mit diesem Zeug etwas anfangen kann, der mir sagt, ob es da irgendein Muster, irgendeine versteckte Bedeutung gibt. Irgendetwas.

„Die Abteilung hat nicht so viele Sachverständige in der Hinterhand, an die man sich wenden könnte, Jack. Wenn du dem Professor sagst, er soll sich zum Teufel scheren, dann haben wir Pech gehabt.“

Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Ein bewundernswertes schiefes Lächeln. Grüne Augen. Tief rotbraunes, dichtes Haar. Die Bilder wirbelten Jack durch den Kopf, und er griff im Geiste danach, als wollte er die Vision näher zu sich heranholen.

„Donovan, mein Lieber. Vielleicht ist das hier aber auch mein Glückstag.“

„Was meinst du?“ Joan marschierte vor dem Tisch im Pausenraum auf und ab und drehte einen Bleistift zwischen ihren Fingern. Postkarten, Bücher, Drucke und Illustrationen lagen auf dem Tisch verstreut, zusammen mit einem einzelnen Ringbuch, dem einzigen Modernen in einem Meer von antikem Papier.

Ronnie nahm das Ringbuch hoch und betrachtete die Inhaltsangabe. „Nachkriegserotika? Anaïs Nin und Henry Miller? Frank Harris’ Mein Leben und Lieben?“

„Sicher. Zusammen mit Rojans Lithografien und diesen coolen Postkarten, die du aus Paris mitgebracht hast. Ich wette, das wird unser bislang bester Katalog.“

„Zusammengehalten von dem Thema ‚Verbotene Bücher‘, was?“, meinte Ronnie lächelnd. Archer’s Rare Books veröffentlichte zwei Kataloge im Jahr, in denen die schönsten Stücke des Bestands aufgelistet wurden, sowie einen Spezialkatalog, der sich auf Erotikromane konzentrierte. Mit Joan über das Thema dieses speziellen Katalogs zu diskutieren war eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen im Sommer.

„Sie waren nicht alle verboten. Und außerdem sind diese Bücher damals in den Zwanziger- und Dreißigerjahren wirklich bis an die Grenze gegangen. Es war eine gänzlich neue Ära.“

Mit einer geschickten Handbewegung drehte Ronnie sich das Haar hoch und steckte es mit einem Bleistift fest. „Du willst also eine Art historisches oder soziologisches Statement abgeben?“ Sie runzelte die Stirn.

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