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Niemand war für mich da

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Vorbemerkung der Autorin
  8. Vorwort
  9. Schmusen mit Daddy
  10. Schlammpfützen
  11. Ein totgeschwiegenes Übel
  12. Er kann mir nichts mehr tun
  13. Die Rebellin
  14. Wieder und wieder
  15. Der Albtraum beginnt
  16. Verlorene Unschuld
  17. Ungeliebt
  18. Geraubt
  19. Eingesperrt
  20. Ein dunkles Geheimnis
  21. Bringt mich weg
  22. Alles vergessen
  23. Der Besucher
  24. Je mehr ich es versuche
  25. Durchgebrannt
  26. Abschied
  27. Geständnisse
  28. Der Preis meiner Kindheit
  29. Neue Heimsuchung
  30. Neubeginn
  31. Epilog
  32. Dank

Über dieses Buch

Terrie wollte immer nur Teil einer normalen Familie sein. Doch ihre frühesten Erinnerungen sind die von ihrem Vater – wie er sie vergewaltigt. Sie ist zehn als sie in eine Pflegefamilie kommt. Das Leben scheint besser, doch der schlimmste Verrat steht ihr noch bevor: Denn ihr Babysitter weiß genau, wie er Terries Wunsch nach Nähe ausnutzen kann. Mit zehn verführt er sie zum ersten Mal. Mehrmals wird das Mädchen schwanger, muss abtreiben, bekommt sogar eine Tochter von ihm. Niemand will ihr glauben, niemand ist für sie da. Bis Terrie mit sechzehn ihr Leben selbst in die Hand nimmt.

Ehrlich und schonungslos erzählt die junge Frau ihre inspirierende Geschichte, wie sie nicht nur für Gerechtigkeit kämpfte, sondern auch die Stärke aufbrachte, sich von ihrer Vergangenheit zu lösen, zu heiraten und eine eigene, glückliche Familie zu gründen.

Über die Autorin

Terrie O’Brian lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in der Nähe von London.

Terrie O’Brian

Niemand war
für mich da

Meine Eltern lieferten mich meinem
Peiniger aus, dann konnte ich mich befreien

Vorbemerkung der Autorin

Dies ist meine Geschichte, mit meinen Worten und zum ersten Mal in voller Länge erzählt. Alles in diesem Buch ist wahr, auch wenn ich beim Schreiben nur auf mein Gedächtnis zurückgreifen konnte. Zur Wahrung der Privatsphäre und im Interesse der beteiligten Personen habe ich die meisten Namen verändert und einige Personen auf deren Wunsch ganz gestrichen.

Vorwort

Ich saß auf dem Flur vor dem Gerichtssaal und versuchte verzweifelt, tief zu atmen. Aber ich schaffte es nicht, genug Luft in die Lunge zu bekommen. Ich starrte auf die Uhr, und dabei gingen mir unzählige Dinge durch den Kopf. Dinge, die er mir angetan hatte. Um mein Gedächtnis aufzufrischen, hatte ich meine Aussage am Abend zuvor noch einmal durchgelesen. Trotzdem wusste ich nicht genau, was ich sagen würde, wenn ich in den Zeugenstand trat. Aber ich musste ja einfach nur die Wahrheit erzählen. Dass dieser Mann mich, seit ich zehn Jahre alt war, wieder und wieder missbraucht, mir meine Kindheit und meine Unschuld geraubt hatte.

Es kam mir vor, als würden sich die Zeiger kaum bewegen, als stünde die Zeit still. Ich blickte auf meine elegante Kleidung, strich den Rock glatt und bemerkte erst jetzt, dass meine Hände und Beine zitterten.

Komm schon, Terrie. Reiß dich zusammen. Ich wusste, dies war die einzige Chance, der Welt zu sagen, was er mir angetan hatte, und ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen. Jetzt hat nicht mehr er die Fäden in der Hand, sondern du. Ich war noch ein Kind gewesen, als der sexuelle und emotionale Missbrauch begann. Nun aber war ich älter und stärker; die Zeit war reif, mich gegen ihn zur Wehr zu setzen.

Ich setzte mich aufrecht hin, und in diesem Moment öffnete sich die glänzende Tür, eine amtlich aussehende Dame erschien und nickte mir zu. Im Saal hörte ich Stimmen: Anwälte und Gerichtsbeamte, die halblaut miteinander sprachen.

»Sie können jetzt hinein, Terrie«, sagte die Dame. »Sind Sie bereit?«

Ich nickte. Jetzt, dachte ich. Darauf habe ich all die Jahre gewartet. Die Gelegenheit, meine schreckliche Vergangenheit ein für alle Mal hinter mir zu lassen. Als ich mit einem tiefen Atemzug über die Schwelle trat, fühlte ich alle Augen auf mich gerichtet und spürte die erdrückende Stille im Raum. Und dann sah ich ihn …

Schmusen mit Daddy

Ich drehte mich um, sodass ich allen den Rücken zuwandte, und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Nein!«, schrie ich heftig, gerade vier Jahre alt. »Ich will mich nicht hier anziehen!«

Liz, die Freundin meiner Mutter, die bei uns wohnte, lachte. »Sei nicht albern, Terrie«, sagte sie. »Niemand schaut dir zu. Und jetzt runter mit dem Nachthemdchen und rein in die Klamotten!«

Ich blickte sie unverwandt an, zog das Nachthemd über den Kopf und schlang die Arme um meinen nackten, zitternden Körper. Dann stieg ich mit einem Bein in die Unterwäsche, die sie vor mich hielt.

»Braves Mädchen.« Sie grinste. »Siehst du? Kein Grund, so einen Aufstand zu machen.«

Meine Kleidung wurde bei uns zu Hause oben in meinem Schlafzimmer aufbewahrt, meine Höschen aus irgendeinem Grund aber in einer Schublade unten im Wohnzimmer. Deshalb wurde ich dort angezogen. Das Zimmer war ständig voller Erwachsener. Mein Dad, ein Onkel und zwei Großonkel saßen dort herum, und ich spürte immer mindestens ein Augenpaar auf meiner nackten Haut. Das gab mir schon in diesem zarten Alter ein ungutes Gefühl.

Rasch zog ich mir mein Kleid über. Jetzt konnte ich wieder nach oben gehen und mit Meine kleinen Ponys spielen, einem meiner wenigen Second-Hand-Spielzeuge. Über die Schulter sah ich, wie mein Großonkel Pat lüstern nach mir schielte. Er war Ende Sechzig und sah mit seiner viel zu großen Jeans mit den Hosenträgern aus wie eine Comicfigur. Und wie gewöhnlich hatte er seine Polaroid-Kamera griffbereit, um schnell ein paar Fotos zu schießen. Wegen einer angeborenen Gaumenspalte konnte Pat den Mund nicht richtig schließen. Wenn er lächelte, sabberte er den blauen Pullover voll, den er praktisch immer trug. Und wenn er mich fotografierte, dann lächelte er immer.

»Nicht!«, rief ich und versuchte, mich von ihm wegzudrehen, als er den Apparat auf mich richtete. Schon beim Abstreifen meines Nachthemds hatte ich ihn knipsen gehört, aber nichts gesagt, weil ich es für das Beste hielt, mich möglichst schnell anzuziehen. Wie gewöhnlich ignorierten die anderen sein Treiben. Ron, mein zweiter Großonkel, rührte unbeirrt in seinem Tee, Mum saß mit leerem Blick auf ihrem Sessel, und Liz schien nichts zu bemerken. Dad war im Badezimmer.

Ich wusste nicht, warum Onkel Pat so gerne Fotos machte. Sobald die Polaroid sie ausspuckte, verschwanden sie in seiner Hosentasche. Manchmal streckte ich ihm, bevor er abdrückte, frech die Zunge heraus.

Meine Mutter Carole, mein Vater Reg, die beiden Großonkel Ron und Pat, Onkel Simon, meine Oma Margaret, Mums Freundin Liz und ich – wir alle lebten zusammen in einem vom Wohnungsamt gestellten Haus in Stevenage. Von außen gesehen waren wir eine große, lebhafte Familie mit meinem Vater Reg als Mittelpunkt. Dad war untersetzt, er hatte eine Stirnglatze und keinen einzigen Zahn mehr. »Ich hatte mal ein Gebiss, aber ein Hund hat’s im Garten vergraben«, sagte er lachend. Trotzdem konnte er ganz normal essen; er zerquetschte einfach alles mit seinem Zahnfleisch. Er war sehr beliebt, half ständig Freunden und Nachbarn und galt als handwerklicher Alleskönner, der sich immer und für jeden Zeit nahm. Vor allem für alleinstehende Frauen. Wenn er von einer hörte, klopfte er an ihre Tür und bot ihr seine Dienste an. Seine Saufkumpane wussten zwar, dass er ein übler Charakter war, aber sie mochten ihn dennoch. Er schlenderte gern mit einem breiten Grinsen die Straße hinunter und winkte den Leuten zu. Doch zu Hause zeigte sich eine ganz andere Seite des Mannes, den die Nachbarn so nett und hilfsbereit fanden.

Schon als kleines Mädchen erfuhr ich, dass er als Sexualverbrecher verurteilt worden war. Ich wusste zwar, dass das etwas Schlimmes war, aber niemand erklärte es mir genau. Mein Vater missbrauchte mich jedoch nicht nur sexuell, sondern misshandelte mich auch. Für ihn war ich je nach Lust und Laune Sandsack oder Sexspielzeug.

Von Anfang an war klar, dass ich kaum eine Chance auf eine normale, liebevolle Erziehung hatte. Meine Mutter wurde am 9. Dezember 1958 in Hitchin geboren, nicht weit von Stevenage. Meine Großmutter Margaret hatte ein nettes, freundliches Wesen, doch sie war ihr Leben lang manisch-depressiv. Meinem Großvater Ted begegnete ich nur einmal, als er aus dem Gefängnis kam und in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wurde. Ich weiß nicht, woran er litt. Mum sagte, er habe zu sprechen aufgehört und sei deshalb in die geschlossene Psychiatrie gekommen. Ich weiß auch nicht, weshalb er damals im Gefängnis saß, doch zuvor hatte man ihn schon einmal eingesperrt, weil er meine Mutter vergewaltigt hatte. Sie war damals zwischen siebzehn und neunzehn gewesen, und er hatte sie nie zuvor berührt.

So lange ich mich zurückerinnern kann, wusste ich von diesem Missbrauch. Derlei Dinge wurden in unserer Familie nicht vertuscht. Mum und die anderen Erwachsenen sprachen offen über Sex und ihre Vergangenheit als Vergewaltigungsopfer, als sei das ganz alltäglich. Mum hatte große Angst vor meinem Großvater, der sie nachts vergewaltigte, wenn Großmutter in einem anderen Zimmer war und nichts davon mitbekam. Vielleicht liegt der Grund für die psychischen Probleme meiner Mutter in dem Missbrauch, den sie selbst erlitt, womöglich sind sie auch vererbt. Das werde ich wohl nie erfahren.

Schließlich schaffte es Mum, ihr Elternhaus zu verlassen, und sie traf Phil wieder, einen ihrer ersten Freunde, und heiratete ihn. Er sah Patrick Swayze zum Verwechseln ähnlich und war ebenso charmant. Doch hinter seinem Hollywood-Lächeln verbarg sich ein gewalttätiges Temperament; Phil war ständig in Schlägereien und krumme Dinger verwickelt. Meine Mutter, die froh war, ihrem Vater zu entkommen, wollte das jedoch nicht sehen; sie wollte sich mit ihm ein neues Leben aufbauen. Sie fühlte sich in ihrem neuen Zuhause sicher und fasste eines Abends den Mut, ihrem Ehemann von dem ihr widerfahrenen Missbrauch zu berichten. In Tränen erzählte sie davon.

Sie hatte gehofft, sich ihrem Mann anvertrauen und sich bei ihm sicher und beschützt fühlen zu können. Umso entsetzter war sie, als seine Reaktion absolut nicht ihren Erwartungen entsprach. Er bekam einen Wutanfall, schimpfte sie wieder und wieder eine »dreckige Hure« und verprügelte sie.

Mum ging schluchzend zu Boden, doch so gebrochen sie war, fasste sie in diesem Augenblick den Entschluss, sich Gerechtigkeit zu verschaffen. Schon am nächsten Tag zeigte sie ihren Vater an. Ich weiß nicht, was sie dazu brachte. Vielleicht war es dieser Gewaltausbruch – oder musste sie Phil beweisen, dass sie das, was ihr Vater tat, nicht verdient hatte? Was immer es war, Phils Brutalität führte dazu, dass sie Anzeige erstattete.

Mum erzählte mir, dass Großvater aufgrund ihrer Aussage ins Gefängnis kam. Meine Großmutter war entsetzt, als sie erfuhr, was geschehen war, und erlitt den ersten von vielen noch folgenden Nervenzusammenbrüchen. Später wurde auch noch bekannt, dass Großvaters Bruder Pat, der mit uns zusammenzog, pädophil war und gerne unanständige Fotos von Kindern machte. Ich habe keine Ahnung, warum diese Familie zwei solche Perverse hervorbrachte. Hatte Großvaters Vater sie missbraucht? Oder ein anderes Mitglied der Familie? Schwer zu sagen.

Die Eltern meiner Großmutter lebten in Vauxhall und waren beide berufstätig, der Vater in einer Blechfabrik und die Mutter in einer Wäscherei. Ihr Bruder Ron war zwar lernbehindert, doch ihre Schwester Vera hatte eine gute Stelle als Friseurin. Der Missbrauch meiner Mutter durch meinen Großvater war für die Angehörigen ein großer Schock. So etwas war in ihrer Familie noch nie vorgekommen. Doch meiner Großmutter war nicht klar, dass dieser Missbrauch zu weiteren führen würde, die erst eine Generation später offenkundig werden und auch für mich unsägliches Leid bedeuten würden.

Nach Großvaters Verurteilung verbrachte Mum einige ebenso glückliche wie chaotische Jahre an Phils Seite. Sie unterstützte ihn durch Höhen und Tiefen, und die beiden waren ein geselliges, lebenslustiges Paar. Bis Phil eines Abends blutüberströmt nach Hause kam.

»Bring die Sachen in die Wäscherei!«, herrschte er seine junge Frau an. Meine Mum, die daran gewöhnt war, dass ihr Mann immer wieder in Schlägereien verwickelt war, zögerte nicht, seinem Befehl nachzukommen. Erst als am nächsten Tag die Polizei erschien, begann sie zu befürchten, dass etwas wirklich Schlimmes geschehen sein musste.

Phil wurde verhaftet und wegen Mordes angeklagt. Mum musste vor Gericht aussagen, und was sie dort erfuhr, schockierte sie. Phil und ein paar seiner Komplizen hatten versucht, eine alte Frau auszurauben, aber durch Alkohol und ihre ohnehin vorhandene Neigung zu extremer Gewalt war der Überfall völlig aus dem Ruder gelaufen. Das Opfer war zuerst mit einem Ast sexuell missbraucht und dann fast zweigeteilt worden.

Von der Tat ihres Mannes ganz am Boden zerstört, zögerte Mum nicht, vor Gericht gegen ihn auszusagen. Während er seine Strafe verbüßte, ließ sie sich von ihm scheiden.

Während seiner fünfzehn Jahre ohne Bewährung lernte Phil im Gefängnis Reg kennen, meinen Vater. Auch Reg musste eine Strafe absitzen, aber noch Jahre nach seiner Entlassung wusste niemand, wofür er eingesessen hatte. Aus einer früheren Beziehung hatte er eine Tochter, Sarah, und er erzählte, er sei ins Gefängnis gekommen, weil er Sarahs Freund verprügelt habe, nachdem dieser sie geschwängert habe. Aber schließlich kam heraus, dass er sie selbst vergewaltigt hatte und der Vater ihres Kindes war.

Mum wusste davon nichts, als Reg kurz nach seiner Entlassung an ihre Tür klopfte.

Phil hatte Reg gebeten, sich um seine Ex-Frau »zu kümmern«, behauptete er, und sie glaubte ihm.

Zunächst war meine damals erst einundzwanzigjährige, naive und einsame Mum zwar argwöhnisch, doch schon bald erlag sie dem dunkelhaarigen Charmeur, der immer mit einem feschen Hut ankam. Trotz des beträchtlichen Altersunterschieds von vierundzwanzig Jahren wurden die beiden ein Paar und heirateten im Februar 1981. Mum glaubte, endlich einen Partner gefunden zu haben, der sie umsorgte, wie ein Ehemann es tun sollte. Doch Reg war in der Gegend bereits als Sittenstrolch bekannt. Wusste Mum das, als sie ihn heiratete und ein Kind von ihm erwartete? Ich weiß es nicht. Mir wäre es lieber, sie hätte es erst herausgefunden, als es bereits zu spät war.

Ich wurde am 7. Juli 1984 geboren, fünf Jahre, nachdem sie sich kennengelernt hatten. Meine Mum war fünfundzwanzig und Dad neunundvierzig. Als ich zwei Jahre alt war, zogen wir von Essex nach Stevenage. Dieses Haus wurde für mich die nächsten acht Jahre meiner Kindheit zum Schauplatz eines tagtäglichen Albtraums.

Meine erste Erinnerung ist, dass ich im Garten hinter dem Haus beim Spielen aus einem Kinderwagen fiel und mir auf dem Pflaster den Kopf aufschlug. Als Dad mein Schreien hörte, kam er angerannt und trug mich auf den Armen ins Badezimmer, wo er mit einem gelben Schwamm das hellrote Blut von meiner Wunde abtupfte.

»Das wird schon wieder«, tröstete er mich.

Ich beruhigte mich rasch. »Danke, Daddy«, murmelte ich.

Er tippte mir sanft mit dem Finger unter das Kinn.

»Ich hab dir doch gesagt, ich mache es besser, eh?«, sagte er. Ich erwiderte sein Lächeln und sprang vom Rand des Waschbeckens herunter. Als ich gehen wollte, packte er mich am Arm. »Du bist ein Terror, kleine Terrie, das bist du!«

Das war sein Spitzname für mich. »Terrie der Terror.« Damals wusste ich noch nicht, was das bedeutete. Später erkannte ich, dass er in mir womöglich jene Haltung sah, die er bei Mum und allen anderen in der Familie ausmerzte. Eine Haltung, auf die ich heute sehr stolz bin.

Ich lief wieder hinaus und beschäftigte mich mit meiner Puppe. Ich liebte es, sie im Kinderwagen herumzuschieben und Mum zu spielen, kleine Teetassen und Untertassen aufzustellen und das Püppchen anzuziehen – alles reine Realitätsflucht. Stundenlang plapperte ich mit mir selbst und meiner Puppe und erklärte ihr, wie man sich zu benehmen hatte. Vielleicht spielte ich gerne die Mum, weil ich meine eigene kaum zu Gesicht bekam. Sie war nie da, wenn ich sie brauchte – meistens lag sie oben im Bett oder saß in ihrem Sessel im Wohnzimmer. Sie wurde nach meiner Geburt sehr depressiv, genau wie meine Großmutter nach der Geburt ihres Kindes – meiner Mutter. Seit der Verurteilung ihres Vaters litt sie noch mehr an Depressionen, und meine Geburt gab ihr anscheinend den Rest. Tagelang saß sie stumm in ihrem Sessel, ohne zu essen, und trank nur, wenn jemand ihr Tee brachte.

Nachdem ich meiner Puppe etwas vorgesungen hatte, fütterte ich sie. Doch als Dad zu mir herüberschaute, fiel mir das Plastiktellerchen aus der Hand.

»Machst du schon wieder alles dreckig, Terrie?«, schrie er. »Was habe ich dir zu deinen Spielsachen gesagt?«

Starr vor Angst hielt ich die Luft an. Schon damals wusste ich, dass Dads Stimmungen sich in Windeseile ändern konnten. Er konnte zuckersüß sein, nur um mir dann in der nächsten Sekunde mit dem Handrücken eine kräftige Ohrfeige zu verpassen. Ich versuchte ständig, jede seiner Bewegungen vorauszuahnen, wusste aber nie, was mich erwartete.

»Tut mir leid, Daddy«, sagte ich und betete im Stillen inständig, seine Laune sollte vergehen. Zum Glück wurde seine Miene dieses Mal sanfter. Ich hob den Plastikteller rasch vom Boden auf.

»Behalt deine Sachen einfach in deinem Zimmer«, knurrte er.

Bald nach unserem Umzug nach Stevenage vergrößerte sich unsere Familie. Als Erstes zog meine Großmutter bei uns ein. Das Alleinsein in Essex fiel ihr schwer, und meine Mum war einverstanden. Dann kamen mein Großonkel Pat, der Bruder meines Großvaters, und Ron, der Bruder meiner Großmutter, und danach auch noch Mums Bruder Simon. Ron und Simon waren beide lernbehindert. Man sagte mir, Simon sei als normales, intelligentes Kind aufgewachsen, doch im Alter von elf Jahren habe sein Vater ihn bei einem Streit auf ein Bett geworfen und er habe sich an dem eisernen Gestell den Kopf angeschlagen. Nach Wochen im Krankenhaus sei er mit einer irreparablen Hirnschädigung entlassen worden.

Inzwischen war er Ende Zwanzig und praktisch ein Kind im Körper eines übergewichtigen Mannes. Da er weder lesen noch schreiben konnte, saß er den ganzen Tag zu Hause in seinem Zimmer und bastelte Modellflugzeuge. Er war sehr verspielt, und manchmal drehte er die Stühle im Wohnzimmer um und verwandelte sie in »Boote«. Ab und zu spielte ich mit ihm, doch meistens blieb er lieber für sich. Gelegentlich verbrannte er zum Spaß in seinem Zimmer Papierschnitzel in einem Aschenbecher, was Dad jedes Mal ausrasten ließ. Jede Woche, wenn Simon seine Unterstützungszahlung bekam, kaufte er mir Bonbons und eine Tüte Chips. Das wiederholte sich Woche für Woche, und er sagte nie etwas, wenn er mir diese Sachen gab, aber ich freute mich jedes Mal darauf und schenkte ihm dafür ein breites Lächeln.

Ron war ein kräftig gebauter, zur Glatze neigender alter Knacker Ende Fünfzig, der den ganzen Tag im Haus herumhing, weil er absolut keine Freunde hatte. Den größten Teil der Zeit verbrachte er damit, für Dad Kartoffeln zu schälen und ihm dabei zu helfen, sie zu kochen. Er war wie ein Schatten, immer da, aber nie an einem Gespräch beteiligt, es sei denn, er stritt sich mit Dad, der ihn hasste. Im Großen und Ganzen blieben Ron und Simon beide ziemlich für sich. Vor Pat, den ich »Perverso-Pat« nannte, musste ich mich in Acht nehmen. Doch all diese Untermieter brachten Dad Geld ein, und deshalb ließ er sie bei uns wohnen. Ron und Simon zahlten je fünfzig Pfund die Woche für ihr Zimmer, Pat sogar neunzig. So hatte Dad immer Geld, obwohl er nie arbeitete. Dennoch heizte er unser Haus auf die billigste und gefährlichste Art und Weise: Wir hatten in der Mitte jedes Zimmers einen Butangas-Brenner mit offener Flamme stehen. Das war billiger, als die Zentralheizung aufzudrehen.

»Geh ans Feuer, und du verbrennst!«, zischte Dad mir zu. Also tat ich es nicht, aber dass es nie zu einem Unfall kam, ist mir bis heute unbegreiflich. Ich weiß nur, dass sich Liz einmal eine Hand verbrannte.

Liz, die Freundin meiner Mutter, die ich »Tantchen Liz« nannte, hatte sich gerade von einem gewalttätigen Partner getrennt und brauchte ein Dach über dem Kopf, also kam sie auch noch zu uns. Sie war eine chaotische dunkelhaarige Schönheit, die immer versuchte, etwas aus sich zu »machen«, und College-Kurse besuchte, um vorwärtszukommen. Von allen Untermietern kam sie mit Dad am besten zurecht. Manchmal hörte ich sie nachts in seinem Schlafzimmer lachen, während Mum unten in ihrem Sessel saß. Und obwohl sie wie alle anderen alles tat, um seinen Launen zu entgehen, sagte sie, er habe das »Herz am rechten Fleck«. Liz war immer irgendwie beschäftigt, doch von allen Erwachsenen im Haus schenkte sie mir am meisten Aufmerksamkeit – positive Aufmerksamkeit, genauer gesagt.

Mit so vielen Menschen unter einem Dach war es natürlich eng. Mum und Dad hatten das größte Schlafzimmer, und Liz und ich teilten uns einen Raum. Sie schlief in einem Einzelbett; ich hatte einen Schlafsack mit dem Coca-Cola-Schriftzug und eine nackte Matratze ohne Kissen. Ron und Pat schliefen in einem weiteren Zimmer in Stockbetten, Simon hatte das Zimmer daneben, und meine Großmutter schlief unten auf dem Sofa. Irgendwann bekam Großmutter eine neue Sozialwohnung, und Simon zog bei ihr ein, weil er und Ron sich ständig stritten wie Hund und Katze. Von da an hatte Ron ein Zimmer für sich allein.

Das Haus war ziemlich groß, aber es war nicht nur voller Menschen, sondern auch bis oben hin mit allem möglichen Krempel angefüllt. Riesige billige Spanplatten-Kommoden standen an den Wänden, und hinter ihren Glastüren lagerten Unmengen von Kram, Uhren und Nippes. Die Zimmer waren, so weit ich mich zurückerinnern konnte, nie tapeziert worden; die Tapete war blau mit pinkfarbenen Blumen. Der schmutzige rote Teppichboden war zerschlissen und voller Haare von unserer Schäferhündin Kim. Mum mochte ihren Plunder, doch es gehörte zu ihrer Krankheit, dass sie ständig Zeug kaufte, es dann achtlos irgendwo abstellte und nie abstaubte. Und Dad war besessen von Dingen aus Messing. Er sammelte Teller und Figuren, die er an die Wand hängte, wo sie dann verstaubten und matt wurden. Sein größter Stolz waren zwei Schwerter, die über der Wohnzimmertür hingen.

Dad führte in unserem überfüllten Haus ein eisernes Regiment. Niemand wagte es, sich gegen ihn aufzulehnen, denn seine Beherrschung war dünn wie Papier und sein Wesen gewalttätig und unberechenbar. Wir hatten alle Angst vor ihm. Er konnte mit einem einzigen Blick jeden zum Schweigen bringen und scheute sich auch nicht, seine Fäuste einzusetzen. Es brauchte nicht viel, um ihn auf die Palme zu bringen: ein Stück verbrannter Toast oder eine Tasse Tee, die nicht nach seinem Geschmack war, genügten. Es reichte auch schon, wenn ich zu schnell oder zu langsam an ihm vorbeiging. Ich lief ständig wie auf rohen Eiern. Seine häufigste Strafe war ein Schlag mit dem Handrücken auf meinen Hinterkopf.

Einmal, als ich fünf Jahre alt war, kam ich ihm in der Küche in die Quere. Klatsch! Noch bevor er etwas sagte, hatte er mir schon eine saftige Ohrfeige verpasst. »Weg da!«, schrie er, während ich mir jammernd den Kopf hielt. Der Schlag hatte mich vollkommen überrascht. Aber es war immer unverdient. Sein Spitzname für mich war zwar »Terrie der Terror«, doch in Wirklichkeit war ich es, die ihn fürchtete. Er sagte mir ständig, ich sei ein »Störenfried«. Bisweilen klang es wie ein Spaß, manchmal schien sogar etwas wie Stolz mit dabei zu sein. Meistens fühlte es sich jedoch einfach schrecklich an.

»Auf dich muss ich mal achtgeben«, sagte er oft. Doch ich hatte schon damals begriffen, dass ich mich vor ihm in Acht nehmen musste.

Da meine Mutter viel schlief oder sich wegen ihrer Depression und der Medikamente in einer Art Trance befand, schaute meine Großmutter gelegentlich nach mir, doch am meisten kümmerte sich Liz um mich. Wenn sie mich morgens aus dem Bett holte und anzog, hatte ich immer das Gefühl, als sei sie auf eine Art und Weise in mich vernarrt, wie ich es mir von Mum gewünscht hätte. Sie machte mir Frühstück und half mir abends im Badezimmer. Mum und Dad (wenn dieser es erlaubte, die Heizung aufzudrehen) wärmten meinen Pyjama an einem Heizkörper, bevor ich ihn angezogen bekam – eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen sie mich umsorgten. Doch tagsüber war Liz kaum zu Hause, weil sie oft ins College ging, und sie redete ständig davon, auszuziehen und mit ihrem jeweiligen Freund im Leben vorankommen zu wollen.

Das Leben mit Dad und seinen Regeln war nicht leicht. Er bestimmte, was geschah, wer wo schlief und was es zu essen gab. Außer an Schweinefleisch mit gekochten Kartoffeln kann ich mich an nichts erinnern. Bei so vielen Mäulern, die er füttern musste, sparte Dad und kochte jeden Abend für alle. Er machte Kartoffelbrei, kochte das Fleisch und klatschte es auf die Teller – ohne Soße oder sonst etwas. Niemand beschwerte sich. Meine Onkel, Großmutter und Mum konnten sich nichts anderes leisten, also aßen sie, was sie vorgesetzt bekamen. Der kleine Esstisch wurde vergrößert, sodass sechs Personen Platz hatten, doch ich durfte mich nicht dazusetzen. Ich musste mich im Zimmer nebenan auf den Boden hocken. Das machte mir aber nichts aus. So lange ich in Ruhe essen und vielleicht danach noch fernsehen konnte, ohne von Dad oder Pat behelligt zu werden, konnte ich mir keinen besseren Abend wünschen. Oft legte Dad einen Horrorfilm für mich ein, bevor ich zu Bett ging. Wir hatten über fünfhundert Videos, die überall herumlagen. Schon im frühen Alter sah ich Filme ab achtzehn wie Nightmare oder Halloween – Die Nacht des Grauens. Ich fand sie nicht furchterregend, sondern lustig, aber bei meiner alltäglichen Realität ist das vermutlich nicht verwunderlich.

Vom Leben außerhalb unserer vier Wände bekam ich nicht sehr viel mit. Ich wurde nie irgendwohin mitgenommen – außer zum Shoppen ins nahe gelegene Hitchin oder im Sommer mal nach Southend an den Strand. Oder ins Oval in Stevenage, wo ich zusehen durfte, wie er sich mit seinen Freunden betrank. Er setzte mich an einen Tisch, bestellte mir einen Fruchtsaft und zischte mir ins Ohr: »Setz dich hin und rühr dich nicht vom Fleck!« Und das tat ich auch nicht, den ganzen Abend lang.

Während ich da saß, die Beine untergeschlagen und an meinem Saft nippend, lernte ich, Menschen zu beobachten. Manchmal bekam ich auch eine Tüte Chips mit Käse-und-Zwiebel-Geschmack. Aber das Wichtigste war, dass ich mich nicht bewegte. Wenn Dad mir etwas auftrug, befolgte ich das peinlich genau. Vielleicht wollte ich ihm selbst in so einer Situation noch gefallen. Nur damit er nett zu mir war und mich nicht schlug.

Die anderen Männer, mit denen sich Dad zu seinen Saufgelagen traf, gingen die Woche über ihren Jobs nach, aber er arbeitete nie. Er hatte einen Gabelstapler-Führerschein, musste also vor meiner Geburt einmal gearbeitet haben, doch ich hatte Leute davon reden gehört, dass er »wegen einem Herzleiden« auf der Krankenliste stand.

Die beste Zeit des Jahres war für mich der Sommer, weil Dad mich dann einmal pro Woche nach Southend-on-Sea mitnahm. Dort trafen wir auch meine ältere Schwester Sarah. Ich weiß nicht mehr viel von diesen Besuchen, außer dass Sarah ihn jedes Mal um zweihundert Pfund anpumpte. Die beiden hatten nicht viel füreinander übrig, aber um mich machte sie eine Menge Wirbel und kaufte mir Eiskrem. Ich stand vor dem Verkaufswagen, blickte auf all die vielen wunderbaren Sorten und bestellte mir dann immer dasselbe Eis, und wenn ich Glück hatte, bekam ich obendrauf noch Himbeersauce.

»Du erinnerst mich an mich selbst«, sagte Sarah oft und drückte mich.

Ich liebte meine große Schwester; sie war zehn Jahre älter und kam mir so erwachsen vor. Erst später fand ich heraus, dass sie Dad schon mit dreizehn Jahren angezeigt hatte, weil er sie vergewaltigt und geschwängert hatte.

Etwas zu essen gab es nur an einem Stand am Meer, der Muscheln verkaufte. Dort erstand Dad für jeden eine Schachtel Meeresfrüchte. Ich liebte den Essiggeruch, der von dieser Styroporverpackung ausging, und freute mich jedes Mal darauf. Ich bat ihn nie, mit mir zum Rummelplatz zu gehen, und nur selten suchten wir eine Spielhalle auf. Ich traute mich einfach nie, ihn um etwas Besonderes zu bitten, aber schon die vielen bunten, blinkenden Lichter zu sehen und das Geschrei der Kinder zu hören, wenn wir am Rummel vorübergingen, machte mir Freude. Es war wie eine Flucht aus Stevenage und unserem übervollen Haus, auch wenn ich den ganzen Spaß nur als Außenstehende mitbekam.

Dad kaufte mir nie Geschenke, aber ich bekam jede Woche fünf Pfund Taschengeld – eine ordentliche Summe für ein sechsjähriges Mädchen –, das ich allerdings nur für Süßigkeiten ausgeben durfte. Ansonsten bekam ich nie etwas, obwohl immer Geld von unseren Miete zahlenden Mitbewohnern da war. Deshalb ging ich einmal die Woche allein zu Woolworth und kaufte mir eine riesige Tüte mit vielen Leckereien, die ich dann zum größten Teil schon auf dem Heimweg verschlang, bis mir fast schlecht wurde und meine Zähne voll klebrigem Zucker waren. Lakritze mochte ich immer am liebsten.

Als ich begann, mir Weihnachtsfilme anzusehen, und zu Weihnachten Freundinnen besuchte, wurde mir zum erste Mal bewusst, dass in dieser Zeit alle feiern. Ich bekam wunderschön geschmückte Bäume mit Geschenken darunter zu sehen, ein krasser Kontrast zu unserem kahlen Wohnzimmer, das nur mit Dads Messingramsch und Mums Schnickschnack dekoriert war. Weihnachten gab es bei uns zu Hause einfach nicht – keinen Schmuck, keinen Christbaum, keine Geschenke, kein Festessen und keine Verwandtschaft, die uns besuchen kam. Dads einzige Anerkennung des Weihnachtsfests bestand in den fünfzig Pfund, die er mir in die Hand drückte und die ich ein paar Tage später im Schlussverkauf ausgeben konnte.

An Weihnachten saßen wir zu Hause, sahen uns Videos an und hörten draußen die Nachbarskinder lachen, die mit ihren neuen Rädern, Skateboards und sonstigen Sachen spielten. Es war der einzige Tag des Jahres, an dem alle in der Siedlung gut gelaunt zu sein schienen. Alle außer uns.

Sobald Dad mir das Geld gegeben hatte, saß ich wie an allen anderen Tagen auch vor dem plärrenden Fernseher. Dad hielt nichts davon, um besondere Anlässe viel Aufhebens zu machen. »Ist doch nur Zeit- und Geldverschwendung«, meinte er. An Geburtstagen war es dasselbe. Ich habe als Kind nie ein in Geschenkpapier eingewickeltes Präsent bekommen.

Vor allem an ein Weihnachten erinnere ich mich gut: als ich fünf Jahre alt war. Ich sah mir einen Film mit dem Titel Eine Weihnachtsgeschichte an. Er handelte von einem sehr armen Jungen, Ralphie, der von seiner Familie nichts geschenkt bekam; dabei wollte er nur ein Spielzeuggewehr. Ich liebte diesen Film, weil er eine Familie wie die unsere zeigte: eine mit Eltern, die sich nicht kümmerten und Weihnachten nicht feierten wie andere Familien. Nur sehr wenige Filme schildern solche Situationen, abgesehen von Verfilmungen viktorianischer Erzählungen wie etwa Ein Weihnachtsmärchen. Der Film faszinierte mich und gab mir das Gefühl, nicht ganz allein zu sein. So als würde es auch noch andere Leute geben, die so ein Leben führten wie ich.

Dad mochte es nicht, wenn Pat mich fotografierte, und brüllte ihn an, wenn er ihn dabei erwischte. Doch das tat er nur, weil er selbst mich benutzte und mich mit niemandem teilen wollte. Auch wenn ich Perverso-Pat von mir fernhalten konnte, wurde ich doch regelmäßig von meinem Dad missbraucht. Fast jeden Morgen, in seinem Bett. Es begann so früh, dass ich mich an die Anfänge nicht mehr erinnern kann. Wahrscheinlich war ich damals sogar noch ein Baby.

Während die meisten Kinder von Eltern geweckt werden, die ihnen sagen, sie sollen aufstehen und sich für die Schule fertig machen oder zum Frühstück herunterkommen, wachte ich auf, wenn Dad mich zu sich in sein Schlafzimmer rief.

»Terrie!« Mein Herz begann zu dröhnen wie eine Trommel. Mum schlief nachts nicht viel; sie schien dafür den ganzen Tag zu verdösen. Deshalb war sie schon auf, wenn Dad nach mir rief. Am liebsten hätte ich mir die Decke über den Kopf gezogen und ihn ignoriert, doch ich wusste, dann würde er einen Wutausbruch bekommen, deshalb wagte ich das nicht. Ich sprang auf wie ein geölter Blitz und lief barfuß den Flur entlang zu seinem Zimmer. Dann musste ich die Tür aufstoßen und diesen düsteren Raum betreten, in dem das Morgenlicht durch die schmuddeligen, immer halb heruntergefallenen Vorhänge drang. Die Tapete war vergilbt vom vielen Rauchen, der Teppichboden dunkelrot, und das Mobiliar bestand aus nicht mehr als einem Bett und einem Schrank. Das Bettzeug hatte nicht zusammenpassende, kitschige Muster und roch immer muffig und verschwitzt, so dass es mir halb den Magen umdrehte.

Er grinste mir zu, und ich musste unter seine Bettdecke schlüpfen. Nach diesem kurzen Blick schaute er mich die nächsten gut zehn Minuten nicht mehr an.

Er legte mich flach auf das Bett, zog mir mit einer raschen Bewegung die Unterhose herunter und schob mein Nachthemd nach oben. Dann positionierte er sich über mich, und ich schaute zu, wie er sich auf mich hievte, rubbelte und stöhnte und sich erregte, indem er sein hartes, haariges Geschlecht an meinem rieb. Ich drehte den Kopf zur Seite, Tränen rollten über meine Wangen. Manchmal schrie ich laut, aber meistens ertrug ich die Tortur lediglich stumm schniefend. Dad ignorierte mich so oder so. Manchmal öffnete ich ein Auge und sah die Tattoos auf seinem Arm. Er hatte auf einer Seite den Schriftzug »Beatrice« und auf der anderen einen Vogel, den ich nicht erkannte. Mum sagte, Beatrice sei eine Ex von ihm und wurde sauer, wenn man den Namen erwähnte.

Ich wollte, dass er aufhörte, wusste aber, dass ich Geduld haben musste, wenn er über mir schnaubte und Grimassen schnitt. Sein muffiger Schweißgeruch und der seines Aftershaves vom Vortag stiegen mir in die Nase. Sein Atem war heiß und stank. Am liebsten hätte ich mich übergeben, doch ich wusste instinktiv, dass ich mich nicht rühren durfte, bis er fertig war. Wie jeden Tag wurde er immer hektischer, und schließlich verzog er das Gesicht und verspritzte seinen weißen Glibber auf meinem Bauch.

Danach ließ er sich müde zur Seite fallen. Und sagte nach einer Weile, noch immer, ohne mich anzusehen: »Geh dich waschen, Terrie.«

Ich schlüpfte aus dem Bett und lief ins Badezimmer, wo er mich wie jeden Tag überwachte, wenn ich die Wasserhähne aufdrehte. Ich ließ Wasser über meinen Bauch laufen, und der Glibber klebte an meinen Fingern und unter meinen Fingernägeln, wenn ich die Hände unter dem brühendheißen Wasser wusch. Ich fühlte mich immer schrecklich schmutzig, und dieses Gefühl wurde ich nie los.

Wenn mein Blick in den Spiegel fiel, sah ich Dad, der mir mit harter, eisiger Miene zusah, einer Miene, die mir einen kalten Schauder über den Rücken jagte.

»Wasch es gründlich ab«, befahl er. »Und dann ab mit dir nach unten zum Anziehen!«

»Ja, Daddy«, war meine Antwort. Pflichtbewusst drehte ich den Hahn zu, trocknete mich ab und ging nach unten, um meinen Tag zu beginnen. Dies geschah fast jeden Morgen, meine gesamte Kindheit hindurch.

Dad schloss hinter mir das Bad ab und machte sich fertig. Er duschte fast nie, sondern bespritzte sich mit seinem Aftershave, um seinen Körpergeruch zu überdecken, und kam kurz darauf nach unten. Was immer er tat, und das war für gewöhnlich nicht viel, er sah jeden Tag schick und perfekt gekleidet aus. Ich weiß nicht, ob er je einer bezahlten Arbeit nachging, aber in seiner Anzughose und seinem Hemd wirkte er zumindest immer wie für jegliche geschäftliche Situation bestens gerüstet. Nachdem er sich mit den Fingern durch die Haare gefahren war, setzte er noch seinen senffarbenen Lieblingshut auf, einen Trilby, wie immer in einem kecken schrägen Winkel. Das war seine muntere Verkleidung für die Außenwelt, der er sich so ganz anders präsentierte als der, den ich als »Daddy« kannte.

Ich verstand damals nicht, was mir mein Dad mit diesem morgendlichen »Geschmuse« antat. Ich wusste lediglich, dass es falsch war und ich mich danach entsetzlich und schmutzig fühlte. Meistens benahm ich mich tagsüber ganz normal und schaffte es, das morgendliche Geschehen aus meinen Gedanken zu verbannen. Aber an manchen Tagen hatte ich das Gefühl, dass mir alles zu viel wurde, und ich schleppte mich wieder zurück in mein Schlafzimmer, weinte stumme Tränen und betete und hoffte, irgendwo anders auf der Welt sein zu können.

Laut loszuheulen war zwecklos. Geholfen hätte mir sowieso niemand. Also verkroch ich mich in meinen Schlafsack und zog den Reißverschluss hoch, so weit es ging. Dann weinte und schluchzte ich so heftig, dass meine nassen Wangen an dem Stoff klebten. Ich begriff einfach nicht, warum Dad das tat. Ich wusste, dass Sex etwas war, was die Erwachsenen mochten, weil sie oft in meiner Gegenwart darüber sprachen. Ich hatte im Fernsehen Pornos gesehen, wenn einer meiner Onkel heimlich welche anschaute. Aber es waren nie Kinder darin vorgekommen. Ich hasste es, das »Ding« meines Dad ansehen zu müssen, und ich hasste es, wenn er sich stöhnend über mir auf und ab bewegte.

Nachdem die Tränen getrocknet waren, lag ich mit geschlossenen Augen in meinem Schlafsack und versuchte verzweifelt auszublenden, was vorhin geschehen war. Aber ich wusste, irgendwann konnte ich mich nicht mehr verstecken und musste aufstehen.

Mein Schlafzimmer war pinkfarben, mit einem riesigen, auf die Tapete gemalten Bild von Schneewittchen und den sieben Zwergen, das ein Freund von Dad angefertigt hatte. Anfangs mochte ich dieses Bild; alle Figuren darauf waren immer fröhlich und lächelten, ganz anders als die meisten Gesichter bei uns zu Hause. Aber manchmal dachte ich, sie würden mich mit leeren Mienen anstarren oder sogar ein bisschen auslachen. Meine Spielsachen waren gebraucht auf Flohmärkten gekauft, unter anderem ein großes Barbie-Haus mit einer Menge halb kaputter Puppen. Die mochte ich am liebsten. Ich spielte ganz normal Vater-Mutter-Kind mit Barbie, die ein Kleinkind babysittete und mit ihren Freundinnen Kaffeeklatsch veranstaltete. So, stellte ich mir vor, konnte das Leben aussehen. Aber manchmal, an besonders schwermütigen Tagen, spielte ich »Barbie zusammenschlagen«. Dazu stellte ich die Puppen auf dem Dach auf, fragte dann: »Werde ich dich retten, Barbie?«, schrie halblaut: »Neeeiiin!« und stieß sie alle um, sodass sie klappernd auf dem Boden landeten. Rückblickend ist mir klar, dass ich so die Wut herausließ, die sich in mir aufstaute. Hätte ich richtig laut losgebrüllt, wäre ich von Dad nur wieder verprügelt worden. Hätte ich geweint oder geschluchzt, wäre niemand da gewesen, der mich in den Arm genommen hätte. Es gab niemanden, bei dem ich mich hätte beklagen oder mit dem ich hätte reden können. Und so suchte ich Trost darin, dass ich meinen Second-Hand-Barbiepuppen »wehtat«. Wenn ich ihnen Schmerz zufügte, dachte ich, würde ich vielleicht selbst nicht so viel Schmerz spüren.

Schlammpfützen

Als ich in die Grundschule kam, tat sich eine neue Welt für mich auf. Dad fuhr mich immer in seinem alten roten Cavalier hin, und danach ging er zu Woolworth in Hitchin und kaufte sich zwei Butterbrötchen und eine Tasse Kaffee. Das wurde sein unveränderliches tägliches Ritual. Er blieb den ganzen Tag dort und plauderte mit seinen Kumpels, die auf einen Sprung bei ihm vorbeikamen.

Allem Anschein nach kümmerte sich Dad um meine Bildung; er stellte immer sicher, dass ich rechtzeitig zur Schule kam, und manchmal half er mir beim Lesen der Kinderbücher, die ich von dort mit nach Hause brachte. Er setzte mich auf seinen Schoß, und wir lasen langsam Seite für Seite, wobei ich seinem die Zeilen entlangstreifenden Zeigefinger folgte. Andere Bücher gab es nicht in unserem Haus; die meisten Erwachsenen konnten ohnehin nicht lesen und schreiben. Wir hatten nicht einmal Zeitungen, sogar das Lokalblättchen wanderte geradewegs in die Mülltonne. An Zeitschriften hatten wir nur die Pornomagazine in Perverso-Pats Zimmer und die, die Simon manchmal herumliegen ließ. Die einzigen geschriebenen Worte, die ich zu Gesicht bekam, waren also die in meinen Schulbüchern.

»Braves Mädchen«, sagte Dad, wenn ich fehlerfrei las. Ich las gerne, es gab mir das Gefühl, klug zu sein. Zu lesen bedeutete, mich in einer anderen Welt verlieren zu können. So zu tun, als könne ich jemand anderes sein.

In Wirklichkeit wollte Dad mich wohl einfach loshaben und die Schule war sozusagen ein praktischer und kostenloser »Babysitter«. Jedenfalls sollte ich schon bald feststellen, dass er mich von jeglichem Schulbesuch abhielt, wenn er davon keinen Vorteil hatte.

Die Schule selbst war auch nicht schöner als mein Zuhause. Es war zwar wunderbar, sechs Stunden lang weg sein zu können, aber das Schulgebäude war heruntergekommen, und viele der Kinder hänselten mich. Sie sagten, ich sähe ungepflegt aus und sei dumm. Einige von ihnen kamen wie ich aus sehr armen Familien in der Siedlung und hatten ebenfalls keine guten Eltern, und auch die meisten von ihnen wurden gemobbt. Schon nach wenigen Monaten mochte ich die Lehrer nicht mehr, die mir ständig sagten, was ich zu tun hätte, denn Regeln hatte ich ja zu Hause schon mehr als genug. Doch mein Instinkt riet mir, ein braves Mädchen zu sein, im Unterricht mein Bestes zu geben und mich aus Schwierigkeiten so weit wie möglich herauszuhalten.

Während meiner frühen Schulzeit wurde Laura aus dem Haus gegenüber meine beste Freundin. Manchmal durfte ich zu ihr zum Abendessen gehen, und ihr ordentliches, gepflegtes Elternhaus war immer wie eine Offenbarung für mich. Ihre Mutter und ihr Stiefvater gingen jeden Tag zur Arbeit, sie bekam jeden Abend etwas anderes zu essen und musste dazu am Tisch Platz nehmen. Sie hatten sogar einen Staubsauger, etwas, was ich noch nie zuvor gesehen hatte. Bei uns war es immer schmutzig, und die Teppiche wurden lediglich mit einer harten Bürste geschrubbt. Laura durfte nach dem Abendessen noch draußen spielen und musste, anders als ich, zu einer bestimmten Zeit zu Hause sein. Dad kümmerte sich nie darum, wann ich heimkam oder zu Bett ging. Nur wenn es regnete, verbot er mir, in den kleinen Park in der Nähe zu gehen. Das hatte jedoch mehr damit zu tun, dass dann meine Kleidung wieder gewaschen werden musste.

Eines Sonntagnachmittags sagte er, ich dürfe nicht hinausgehen. Ich wollte aber unbedingt mit Laura spielen, die in Gummistiefeln und Regenanorak auf der Straße herumtollte. Wasserdichte Sachen zum Anziehen hatte ich natürlich keine.

»Du bleibst da«, erklärte Dad und wandte sich wieder seinem Fernseher zu.

»Bitte, Dad«, jammerte ich. »Lass mich gehen!«

Normalerweise fragte ich kein zweites Mal, denn ich wusste, dass ich dann eine Backpfeife riskierte. Doch die Vorstellung, den ganzen Nachmittag im Haus bleiben zu müssen, war einfach unerträglich.

»Bitte, Daddy«, wiederholte ich in der Hoffnung, ich würde so nett klingen, dass er nicht zornig wurde.

»Dann verzieh dich, du kleiner Terror!«, fauchte er. »Wirst schon sehen, ob es mir was ausmacht, wenn du vom Regen klatschnass wirst!«

Fast schwindlig vor Freude nahm ich mein Mäntelchen vom Haken und rannte hinaus. Wie die meisten meiner Sachen war es mir zu klein. Doch Dad beharrte darauf, dass ich keinen neuen Mantel bekam, »bis der auseinanderfällt«.

Laura und ich verbrachten einige wunderbare Stunden miteinander bei den Schaukeln und mit Fangenspielen.

Dann entdeckte ich am Rand des Parks eine riesige Pfütze. »Los, da gehen wir hin!«, rief ich.

Wir rannten hinüber, und Laura sprang mitten hinein – mit ihren Stiefeln hatte sie kein Problem damit. Ich hatte nur meine Turnschuhe an, doch nachdem Dad gesagt hatte, es sei ihm egal, ob ich nass würde oder nicht, folgte ich ihrem Beispiel, kreischend vor Begeisterung. Ausgelassen stapften wir im Wasser herum und sauten uns Klamotten, Gesichter und Haare ein. Nach ein paar Minuten waren wir ganz nass, doch unsere Wangen glühten vor Freude.

»Du bist tropfnass!«, lachte Laura. Der Regen hatte längst aufgehört, aber der Spaß in der Pfütze hatte mich durchgeweicht.

»Ja«, grinste ich. »Ich gehe nach Hause und ziehe mich um.«

Laura begleitete mich. Sie sagte nie etwas über Dad oder meine Familie, doch insgeheim dachte ich, dass sie mich bemitleidete.

Ich öffnete die Haustür, die fast direkt ins Wohnzimmer führte. Dad blickte auf, und noch ehe ich das Haus ganz betreten hatte, sprang er auf und packte mich an den Haaren.

»Du kleines Miststück!«, brüllte er. »Sieh dich bloß an! Total durchnässt!«

Mit der flachen Hand schlug er mir ins Gesicht, dass ich quer durch den Raum geschleudert wurde. Ich fand keine Zeit, meinen Kopf abzudecken; seine Schläge prasselten so schnell auf mich ein, dass mir die Ohren dröhnten.

Aus dem Augenwinkel sah ich Laura, die die Szene mit offenem Mund verfolgte. Durch den Schmerz hindurch tauchte ein neues Gefühl auf: Demütigung. Schluchzend versuchte ich, mein Gesicht zu schützen, und sah, wie Laura still kehrtmachte und ging. Nach mindestens zehn Schlägen hörte Dad heftig schnaufend auf.

»Du hast doch gesagt, es kümmert dich nicht, wenn ich nass werde!«, schluchzte ich.

»Ich meinte, wenn du vom Regen nass wirst!«, tobte er. »Aber nicht, dass du in jede Pfütze hüpfen kannst, die du siehst! Du hast ein derart bösartiges Wesen, Terrie. Du ekelhaftes kleines Biest, du!«

Nun hatte Laura gesehen, wie mein Dad wirklich war. Ich heulte vor Schmerz und Beschämung, rannte nach oben und bekam dabei einen letzten Schlag auf den Hintern. Auf meiner Matratze liegend versuchte ich, die roten Flecken wegzureiben, die seine Hände hinterlassen hatten. Wut erfüllte mich. Warum war ich nicht in eine Familie wie die von Laura geboren worden?

Laura sprach nie von Dads Prügeln. Bei unserem nächsten Treffen sah sie mich nur traurig an. »Ich wünschte, ich könnte dir meinen Regenanorak schenken«, sagte sie.

Als ich etwa fünf war, kaufte Dad ein riesiges Kinderplanschbecken und stellte es im Garten auf. Es wurde zum Magneten für Kinder aus der ganzen Nachbarschaft; sie liebten es, darin herumzutoben oder einfach nur die Zehen hineinzustecken, sobald sich die Sonne zeigte. Dies sind einige der schönsten Erinnerungen meiner Kindheit. Endlich hatte ich einmal etwas, worauf ich stolz sein konnte und weswegen die Kinder aus der Siedlung bei mir »anklopften«.

Aber genau wie ich versuchten alle Kinder, unsere Untermieter zu meiden. Simon und Ron hielten sich meistens von uns fern, Pat jedoch schlich herum und beobachtete uns kichernd. Aber das war mir gleichgültig, denn wenn der Pool voll war, ließ mich Dad am ehesten in Ruhe, und vor ihm hatte ich wesentlich mehr Angst als vor Perverso-Pat.

Mit der Zeit wurde mir immer mehr bewusst, dass mein Leben anders war als das der anderen Kinder. Einmal ging ich nach der Schule mit zu Laura, und wir aßen Hühnchen mit Gemüse von einem chinesischen Take Away. Es schmeckte köstlich; ich hatte nicht gewusst, dass Essen so gut sein konnte. Laura hatte auch neues Spielzeug und einen begehbaren Kleiderschrank, in dem ihre Sachen ordentlich gestapelt waren, ganz anders als mein Haufen Second-Hand-Klamotten, die alle in eine Schubladenkommode gezwängt waren. Ich habe Laura nie viel über unser Haus erzählt. Und sie fragte nicht, jedenfalls nicht mehr, nachdem sie miterlebt hatte, wie ich geschlagen worden war. Außer zum Spielen im Pool lud ich sie auch nie mehr ein; ich ging immer zu ihr, oder wir spielten draußen. Wahrscheinlich hatten ihre Eltern Angst vor meinem Dad, der zwar Charme versprühen konnte, aber als Schlägertyp bekannt war. Deshalb durfte ich nie zu lange bei Laura bleiben und schon gar nicht bei ihr übernachten. Jedes Mal musste ich schweren Herzens wieder nach Hause gehen und durfte Lauras Welt nur mit großen Augen und stummem Neid von außen betrachten.

Mit sechs Jahren wurde es mir zunehmend peinlich, wie ich gekleidet war. Ich hatte immer die billigsten Turnschuhe, die rasch Löcher in den Sohlen bekamen, und starrte neidvoll auf die blendend weißen Markenschuhe meiner Klassenkameraden. Eines Tages nach der Schule beklagte ich mich bei Mum und allen, die zuhören wollten.

»Ich will auch richtige Fila-Turnschuhe!«, wetterte ich. »Das ist nicht fair!« Kaum waren die Worte heraus, wünschte ich mir, sie nicht gesagt zu haben. Ich hatte schreckliche Angst, Dad würde in Wut geraten. Aber gleichzeitig merkte ich, dass ich meinen Zorn nicht mehr schlucken konnte; ich spürte, wie er überkochte. Denn es war unfair, und die anderen Kinder machten sich über mich lustig. Dad versuchte, mich zu beruhigen, verschwand dann für eine halbe Stunde und kam mit einem brandneuen Paar Fila-Turnschuhen zurück. Er warf mir die Schachtel hin und fixierte mich mit eisigem Blick.

»Gibst du jetzt endlich Ruhe?!«, herrschte er mich an.

Im Rückblick bin ich mir sicher, dass er sie nicht gekauft hat, weil er nett zu mir sein wollte. Er erkaufte sich damit mein Schweigen. Denn allmählich wurde ich älter und tauschte mich mit anderen Kindern und den Lehrern an der Schule aus, und er befürchtete wahrscheinlich, ich könnte eines Tages jemandem erzählen, wie es bei uns zu Hause wirklich zuging – oder gar von seinem morgendlichen »Geschmuse«.

Am nächsten Morgen war Liz in der Küche, machte den Wasserkocher an und ordnete ihre College-Bücher. Wie immer lief der Fernseher, Mum und Ron saßen auf dem Sofa, Pat trank Tee und sabberte aus dem Mundwinkel.

»Morgen, Süße«, sagte Liz.

Ich lächelte ihr zu. Ich liebte Liz und wie sie mir stumm zublinzelte. Manchmal war es, als wäre sie der einzige Mensch, der mich auf eine nette Art zur Kenntnis nahm.

»Möchtest du einen Toast?«, fragte sie.

»Ja, bitte«, erwiderte ich.

Es kam mir nie in den Sinn, ihr zu sagen, was Dad mit mir trieb. Ich wusste, das hätte ihn wütender denn je gemacht. Die fünf Minuten Schulweg ging ich inzwischen zu Fuß, und so verabschiedete ich mich von Mum, sobald ich meinen Toast gegessen hatte. Sie sah mich mit ihrem leeren Blick an und ging dann nach oben, um zu waschen. Die Wäsche war das Einzige, worum sie sich im Haushalt kümmerte. Die Waschmaschine im Erdgeschoss lief die ganze Zeit, doch Bett- und Handtücher wusch sie im Bad. Dad bezahlte seit einigen Monaten die Gasrechnung, und seither waren sämtliche Heizkörper im Haus ständig heiß und mit allen möglichen Kleidungsstücken behängt. Aber nicht einmal der Duft frischer Wäsche konnte den Geruch vom Kochen, den Gestank von Schmutz und Schweiß und die allgemein stickige, muffige Luft überdecken, die jeden Winkel unseres Hauses erfüllte.

Gelegentlich fragte ich mich auf dem Schulweg, ob Mum über Dads »Geschmuse« Bescheid wusste. Einmal war sie noch im Schlafzimmer gewesen, als ich morgens kam. Sie stand gerade auf, mit abwesendem Blick wie immer, und ich näherte mich Dad unter seiner schmuddeligen Bettdecke, bereits zitternd beim Gedanken an das, was mir bevorstand. Doch als ich sah, dass sie noch hier war, fühlte ich mich sofort erleichtert.

»Hallo, Mummy«, sagte ich.

»Morgen«, gähnte sie.

Dad begaffte mich bereits mit seinem harten Blick, und sein Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. »Komm schon«, forderte er mich auf und klopfte neben sich auf die Matratze. »Komm rein für dein Geschmuse!«

Ich blickte Mum flehentlich an. »Mummy?«, sagte ich, und wieder begann mein Kopf zu dröhnen. »Ich muss doch nicht, oder?«

Für den Bruchteil einer Sekunde erwartete ich darauf, dass meine Mum etwas unternahm. Doch sie schaute durch mich hindurch, als wäre ich aus Glas, und verzog den Mund.

»Geh einfach ins Bett und schmus mit deinem Dad!«, fuhr sie mich an, stand dann abrupt auf und verließ das Zimmer.

Und als wäre mein Herz wirklich aus Glas, spürte ich es zerbrechen. Im ersten Moment kämpfte ich noch darum, ein Schluchzen zurückzuhalten, doch dann erfüllte mich eine schreckliche Erkenntnis. Mum kümmerte sich nicht um mich. Meine eigene Mutter, die mich doch mehr lieben sollte als irgendjemand sonst, wollte mich nicht retten. Wusste sie, was Dad mit mir machte? Oder glaubte sie, hier ging es wirklich nur um »Schmusen«? Ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn Dad klopfte bereits voller Ungeduld auf die Matratze.

»Rein mit dir!«, befahl er.

Mit Gliedern schwer wie Blei kroch ich in sein Bett. Ich fühlte mich so wertlos. Ich versuchte nicht einmal, die Tränen zurückzuhalten, die mir bis über das Kinn liefen und meine Haare benetzten. Dad zog mir die Unterhose herunter und starrte auf meinen bleichen, kleinen Körper. Wie gewöhnlich rollte er mein Nachthemd hoch und begann seine von leisem Stöhnen begleitete Prozedur, noch während ich meine Mum auf bloßen Sohlen die Treppe hinuntergehen hörte, um Frühstück zu machen. Sie überließ mich einfach meinem Schicksal. Ich fühlte mich krank und elend – und verraten, obwohl ich die Bedeutung dieses Worts damals noch gar nicht kannte.

Wenn ich morgens auf dem Schulhof ankam, sah ich andere Mütter, die sich mit Küssen von ihren Kindern verabschiedeten, ihnen liebevoll gepackte Essenspakete daließen und beim Weggehen winkten. Ich bekam in der Schule umsonst zu essen und wusste, dass Mum weinend auf dem Sofa sitzen würde, wenn ich heimkam. So war es in letzter Zeit immer öfter gewesen.

Mum war in meinem Leben zwar ohnehin nicht gerade allgegenwärtig, doch eines Nachmittags war sie plötzlich ganz verschwunden. Ich hatte in letzter Zeit schon etwas gespürt, denn sie war immer stiller geworden, und ihre Weinkrämpfe dauerten immer länger. Jetzt war ihr Sessel leer.

»Wo ist Mum?«, fragte ich Liz.

»Oh, meine Süße, sie ist im Krankenhaus«, sagte sie.

»Weshalb?«, wollte ich wissen.

»Sie ist einfach erschöpft«, versuchte Liz mir zu erklären.

Ich verstand nicht. Ich war oft müde. Ich ging immer spät ins Bett, erst nachdem Dad mir einen Horrorfilm eingelegt hatte. Aber selbst wenn ich wirklich lange aufblieb und mich total erschlagen fühlte, musste ich nicht gleich ins Krankenhaus. Brauchte sie vielleicht nur mehr Schlaf?

Einige Tage später brachte Dad mich zu ihr. Sie hatte ein Klinik-Nachthemd an und war bleich und völlig apathisch. Mum saß stumm in einem Schaukelstuhl, wir saßen ihr gegenüber an einem Plastiktisch und rührten uns nicht vom Fleck. Sie roch nach Chemie.

Dad sagte andauernd nur: »Es geht ihr nicht gut.«

Mum sprach nur mit Dad und sah nur ihn an, nicht mich. Sie sagte ihm, sie würde mit Elektroschocks behandelt, und weinte, als sie davon erzählte. »Die halten mich fest«, jammerte sie, auf einen vorbeikommenden Arzt zeigend. Die Angst in ihren Augen ließ mich schaudern. Ich saß nur da, die Füße unter dem Stuhl, und fragte mich, wann wir nach Hause gehen könnten. Damals beschloss ich, Krankenhäuser nicht zu mögen.

Ungefähr das ganze nächste Jahr lang war Mum weg. Sie hatte einen schweren Nervenzusammenbruch erlitten, was mir damals jedoch niemand wirklich erklärte. Dad bestand darauf, dass ich sie regelmäßig besuchte, auch wenn sie mich manchmal kaum erkannte. Ich vermisste sie nicht sonderlich, denn es war Liz, die sich letztlich um mich kümmerte, vor allem seit meine Großmutter eine neue Sozialwohnung zugewiesen bekommen hatte und nicht mehr bei uns wohnte. Die Klinik war ein kalter, schrecklich riechender Ort, in dem alle krank aussahen, in ihren Pyjamas umherschlurften, zitterten und halblaut Selbstgespräche führten. Mum redete kaum und blickte immer ins Leere – erst wenn Dad sich mit einem Kuss von ihr verabschiedete, brachte sie ein Lächeln zustande oder versuchte, sich an ihn zu klammern.

Einmal betrat ich das Besuchszimmer und sagte »Hallo Mum«, doch als sie mich sah, begann sie laut zu schreien.

»Bringt sie weg!«, kreischte sie und zeigte auf mich. »Wer ist dieses Kind? Es ist nicht meines! Es gehört mir nicht!«

Sie wurde so wild, dass Krankenschwestern sie festhalten und wegbringen mussten. »Du gehörst nicht zu mir!«, brüllte sie und starrte mich wütend an. Ihre Worte klangen mir noch in den Ohren, als Dad mich bereits den Flur entlang zum Auto zog.

»Terrie der Terror, wieso hast du deine Mum so verärgert?«, schimpfte er und starrte mich an, als sei es meine Schuld gewesen. Dann setzte er mich auf den Rücksitz, und wir fuhren schweigend nach Hause.

»Nächste Woche, wenn es ihr besser geht, besuchen wir sie wieder, Terrie«, erklärte er. Ich wollte das nicht, wusste aber, dass ich nicht Nein sagen konnte.

Doch in der Woche darauf passierte etwas, was jegliche Pläne, Mum zu besuchen, zunichte machte. Ich saß vor dem Fernseher, und Dad rollte sich in der Küche gerade eine Zigarette, aber plötzlich erstarrte er. Wie in Zeitlupe fasste er sich ans Herz, die Adern an seinem Hals traten hervor, dann fiel er langsam vornüber und schlug sich am Boden den Kopf an.

Ich sah entsetzt, wie er sich vor Schmerzen wand. Mein furchteinflößender Dad, dieser brutale Rohling, lag mit unerträglichen Schmerzen auf dem Boden – noch nie hatte ich ihn so angreifbar gesehen. Dummerweise war gerade niemand sonst zu Hause. Ich hatte keine Ahnung, was mit ihm los war, aber ich wusste, dass es schlimm sein musste – er hatte eine seltsame Farbe bekommen und japste nach Luft.

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