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Nie wieder ohne dich!

1. KAPITEL

Er sollte überhaupt nicht hier sein. Heute hatte er keine Nachtschicht. Eigentlich sollte er sich in dieser Woche gar nicht um Notfälle kümmern. Es sei denn, sie ereigneten sich während der Sprechstundenzeiten.

Aber wegen einer Hochzeit oder aus irgendeinem anderen Grund fehlten auf der Notaufnahme der Kinderstation Ärzte. Also hatte Quinton zugestimmt, die Schicht von seinem Partner Bart zu übernehmen. Obwohl es Freitagabend war, hatte Quinton nichts Besseres zu tun.

Ein jämmerlicher Zustand, wenn er so darüber nachdachte. Doktor Quinton Searle, Kinderarzt, fünfunddreißig Jahre alt, sollte am Freitagabend Verabredungen und Pläne haben.

Aber die hatte er nun mal nicht. Als der Anruf kam, war er daher zur falschen Zeit am falschen Ort. Er drehte sich zu der Krankenschwester um. „Worum geht’s?“, fragte er.

„Vierjähriges Kind. Sie hat die Erkältungstabletten der Mutter gegessen.“

Er runzelte die Stirn. „Wie viele?“

Elaine warf einen Blick auf ihre Notizen. „Die Mutter meint, es wären nur zwei. Aber sie ist sich nicht sicher. Die Dose ist jedenfalls leer.“

Wunderbar. Quinton hasste solche Unsicherheitsfaktoren. „Ist sie schon da?“

Elaine schüttelte den Kopf. „Sie muss jeden Moment kommen. Die unten wissen Bescheid und piepen mich sofort an, damit wir das Kind raufbringen können.“

Quinton nickte. „Unten“ war die Bezeichnung für die allgemeine Notaufnahme. Im Chicago Presbyterian Hospital wurden Kinder in der Notaufnahme aufgenommen und dann zur Kinderstation hochgeschickt. Quinton steckte die Hände in die Taschen seines weißen Arztkittels. „Sag Bescheid, sobald sich was rührt.“

„Geht klar“, antwortete Elaine. „Ich sehe nur noch mal nach dem Patienten in Raum 12. Der Kinderarzt für plastische Chirurgie hätte schon vor zwanzig Minuten dort sein sollen.“

„Gute Idee“, stimmte Quinton zu. Als er vor einer Weile angerufen hatte, versprach der Chirurg, in zehn Minuten da zu sein. Inzwischen war eine halbe Stunde vergangen.

Jetzt konnte er Koffein brauchen. In einem ruhigen Moment ging er in den Aufenthaltsraum und füllte einen weißen Styroporbecher mit heißem Kaffee. Das bittere schwarze Getränk besserte seine Laune jedoch nicht. Er dachte über die wahren Gründe nach, warum er an diesem Wochenende arbeitete.

Sein Job hatte ihn davor bewahrt, an einem Familientreffen wegen der bevorstehenden Hochzeit seiner Schwester teilzunehmen. Auch wenn er seine Eltern und seine einzige Schwester liebte, war er nicht scharf darauf, sie zu sehen oder ihre ewige Frage zu hören: Wann ziehst du endlich wieder nach Hause?

Denn er wollte nicht zurück nach St. Louis. Vom Fenster des Aufenthaltsraumes hatte man einen herrlichen Blick über einen Teil von Chicago. Seit seinem Medizinstudium an der Northwestern University war diese Stadt seine Heimat. Chicago pulsierte vor Leben. Außerdem spielten gesellschaftliche Unterschiede in dieser Stadt keine so große Rolle.

In Chicago war er nicht der Sohn von Fred Searle, der seit seiner Geburt dazu bestimmt war, die Praxis seines Vaters zu übernehmen. Seine Eltern hatten alles bis ins Detail geplant: von der Hochzeit mit der richtigen Frau, dem passenden Club, bis zu den perfekten Schulen für seine Kinder. In Chicago war er frei von all diesen Zwängen. Und das Beste an Chicago war das großartige Ufer vom Lake Michigan. Die blaue Weite des Wassers sorgte immer wieder dafür, dass er sich ruhiger fühlte. Seine Wohnung hatte Panoramafenster mit Blick auf den See.

Wenn er über das Wasser hinweg nach Indiana schaute, fühlte sich Quinton fast, als ob er fliegen könnte. Noch besser, im Sommer konnte er endlich sein Segelboot losmachen und die Freiheit auf dem Wasser genießen.

Aber bis Juni waren es noch fünf Monate.

Er warf den leeren Kaffeebecher in den Papierkorb. Ganz in Gedanken versunken hatte er gar nicht gemerkt, wie er den Kaffee getrunken hatte.

Die Tür des Aufenthaltsraums ging auf, und Elaine streckte den Kopf herein. „Sie sind unten“, verkündete sie. „Jena ist schon unterwegs, um sie zu holen.“

Carly Johnson war den Tränen nahe. Sie hasste Krankenhäuser. Ihr Daddy war in einem gestorben.

„Schhh.“ Ihre Mommy hielt sie fest, während sie Carly durch die Doppeltüren trug.

Carly fühlte sich gleich sicherer. Sie hatte eine gute Mommy, das wusste sie. Ihre Mommy war nicht einmal wirklich sauer, dass Carly mit ihrer Handtasche gespielt hatte. Nein, dachte Carly, als grelle Lichter sie blendeten, ihre Mommy machte sich wohl eher Sorgen.

Das merkte Carly immer daran, wie Mommys blonde Augenbrauen sich zusammenzogen und ihre blauen Augen sich verdunkelten. Carly hatte gehört, wie Tante Ida zu ihrer Mommy sagte, dass sie mit ihren sechsundzwanzig Jahren zu viel arbeitete. Ihre Mommy musste alt sein, das wusste Carly. Denn Carly konnte nicht bis zwanzig zählen, ohne ein paar Zahlen durcheinanderzubringen. Als sie versuchte zu verstehen, was die Krankenschwester sagte, war ihr ein bisschen schwindlig. Die Krankenschwester hatte einen Kittel mit Teddybären drauf an. Carly mochte Teddybären.

„Wie viele hat sie genommen?“

„Ich glaube nur zwei. Aber ich bin mir nicht sicher.“

„Also, dann bringen wir sie erst mal nach oben. Wir haben schon ein Zimmer vorbereitet.“

Carly spürte, wie ihre Mommy sich die Arme enger um sie schlang. Das Leben war nicht leicht ohne Daddy. Ihre Mommy arbeitete jeden Tag ganz lange bei Luie’s. Dort war sie Kuchenbäckerin. Darum bekam Carly immer jede Menge übrig gebliebene Cookies ab. Aber weil sie nicht viel Geld hatten, gab es selten Spielsachen für Carly. Ganz anders sah es dagegen bei Sarah aus, dem neuen Nachbarmädchen in der Wohnung im zweiten Stock. Sarah hatte wirklich alles: Spielzeug, Cookies und Süßigkeiten.

Darum hatte Carly auch die hübschen grünen Drops gegessen, die sie in Mommys Handtasche gefunden hatte. Es lag so lange zurück, seit sie zuletzt Bonbons bekommen hatte. Das letzte Mal zu Weihnachten. Zu Ostern schenkte Mommy ihr immer einen großen Schokohasen. Aber es war noch schrecklich lange hin bis Ostern.

„So, da sind wir“, sagte die Krankenschwester. „Du bekommst Zimmer 3, Carly. Wir nennen es auch das Schmetterlingszimmer, weil die Wände mit Schmetterlingen bemalt sind.“

„Echt?“, fragte Carly. Sie wand sich aus den Armen ihrer Mommy. „Ganz ehrlich“, versicherte die Krankenschwester und zeigte auf die Tür. „Schau es dir doch selbst an.“

Beth beobachtete, wie Carly ins Zimmer hüpfte. Auf den ersten Blick wirkte ihre Tochter gar nicht, als ob sie etwas angestellt hatte. Beth hatte es zuerst selbst nicht geglaubt. Jedenfalls nicht, bis sie die verräterischen grünen Flecken um Carlys Mund herum gesehen hatte. Carly hatte alles abgestritten. Aber ein Blick auf ihre Zunge hatte Beth’ schlimmste Befürchtungen bestätigt – Carly hatte ihre grünen Erkältungstabletten gegessen. Die Plastikdose war leer, und Beth konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, wie viele noch übrig gewesen waren.

Wenigstens war die Notaufnahme der Kinderstation anders als die im unteren Stockwerk. Von solchen kalten, sterilen Räumen hatte Beth in ihrem Leben schon mehr als genug gesehen. Hier oben waren wenigstens die Wände bunt bemalt.

Carly war gerade dabei, grüne Schmetterlinge zu zählen.

Und ehe die Krankenschwester wieder ging, legte sie einen Zeichentrickfilm ein.

„Hallo, Carly. Ich bin Schwester Elaine.“ Eine weitere Krankenschwester trat ein. Anders als der Kittel ihrer jüngeren Kollegin war der von Elaine ganz pink. „Dann werden wir dich mal untersuchen. Kannst du mir einen Gefallen tun und das Thermometer unter deine Zunge stecken?“ Carly machte den Mund auf. „Habe ich’s doch gewusst, du kannst das. Du bist schon ein großes Mädchen.“

Das Thermometer piepte, und Elaine zog es heraus. „Kein Fieber. Das ist ein sehr gutes Zeichen.“

Beth atmete erleichtert auf.

„Also, Carly, dein Arzt ist Doktor Searle.“

„Doktor Searle“, sprach Carly brav nach.

„Ausgezeichnet“, meinte Elaine. „Er kommt gleich zu dir. Viel Spaß mit dem Film. Der gefällt mir wirklich gut.“

„Mir auch“, sagte Carly. Sie fing an zu klatschen und zu singen, während die Filmfiguren eine Musikeinlage zum Besten gaben.

Elaine trat auf Beth zu. „Dr. Searle wird gleich bei Ihnen sein. Wenn sich der Zustand Ihrer Tochter verändert, drücken Sie bitte diesen Knopf.“

„Okay.“

Als Carlys Arzt eintrat, war Beth überzeugt, dass heute wirklich einer der schlimmsten Tage ihres Lebens war.

Dr. Quinton Searle schaute einfach durch sie hindurch und konzentrierte sich ganz auf ihr Kind. „Hi, Carly“, sagte er. „Hi, Carlys Mom.“

„Hi, Dr. Searle!“, rief Carly.

„Hast du meinen Namen gelesen?“ Er zeigte auf die blaue Stickerei über seiner linken Brust.

„Nein! Elaine hat mir das beigebracht.“

„Du bist klug und ehrlich“, sagte er. Er ging zu ihr. „Das gefällt mir. Und hübsch bist du auch.“

Carly kicherte und wurde rot. Nicht einmal sie war immun gegen Dr. Searles Charme.

„Also, du hast grüne Tabletten gegessen.“

„Das war ganz böse von mir“, sagte Carly und nickte ernsthaft.

„Furchtbar böse“, stimmte Dr. Searle zu.

Carly blinzelte angesichts seines ernsten Tonfalls. „Muss ich jetzt sterben?“

Der Arzt wollte gerade einen Zungenspatel aus einem durchsichtigen Plastikcontainer nehmen. Jetzt hielt er inne und runzelte leicht die Stirn. „Aber nein. Warum denkst du denn so etwas?“

„Weil mein Daddy in einem Krankenhaus gestorben ist. Er hat Krebs gehabt.“

Der Arzt schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Du musst nicht sterben. Du hast Medikamente geschluckt, die nicht gut für dich sind. Aber deine Mommy hat dich hierher gebracht, und jetzt mache ich dich wieder ganz gesund. Dafür muss ich dich aber untersuchen. Kannst du deine Zunge rausstrecken?“

Beth blieb stehen, während der Arzt seine Untersuchungen machte. Die Art und Weise, wie Carly auf ihn reagierte, tat ihr weh. Sie wusste ja, dass ihre vierjährige Tochter den Vater vermisste. Aber bisher war ihr nicht klar gewesen, wie sehr Carly sich nach der Aufmerksamkeit eines Mannes sehnte. Dabei ging es Beth ja genauso.

„So, Carly, ich glaube, ich weiß jetzt, was wir tun müssen. Das kriegen wir auf jeden Fall wieder hin“, meinte Quinton.

Carly lächelte ihn hoffnungsvoll an. „Echt?“

„Ja.“ Dr. Quinton Searle erwiderte Carlys Lächeln.

Dann wurde er ernst. „Aber leicht wird das nicht. Du musst etwas trinken, das ziemlich scheußlich schmeckt.“

„Das schaffe ich!“ Carlys blonder Pferdeschwanz wippte, während sie nickte.

„Da gehe ich jede Wette ein. Jetzt sag ich schnell Elaine Bescheid, damit sie einen ganz besonderen Saft für dich holt. Ich bin gleich wieder da.“

„Okay.“ Carly beobachtete, wie er aus dem Zimmer ging. Mit weit aufgerissenen blauen Augen drehte sie sich zu ihrer Mutter um. „Er sieht so gut aus wie ein Prinz, findest du nicht auch, Mommy?“

Man musste nicht zweimal hinsehen, um festzustellen, dass Dr. Quinton Searle der Beschreibung „groß, dunkelhaarig und gutaussehend“ bis aufs i-Tüpfelchen entsprach. Er musste fast einen Meter neunzig groß sein, und unter seinem weißen Kittel konnte sie breite Schultern und schmale Hüften erkennen. Sogar zu seinen besten Zeiten hatte Randy nicht so fit ausgesehen.

Beth strich ihrer Tochter die Ponyfransen aus der Stirn. „Da hast du aber großes Glück gehabt, wenn du nur einen Saft trinken musst.“

Carly nickte. „Ich weiß. Es tut mir wirklich leid, Mommy.“

„Ich habe dich lieb“, sagte Beth.

„Ich dich auch!“

Beth lächelte mühsam. Zu dumm, dass es in Wirklichkeit keine Prinzen gab, die Prinzessinnen zu Hilfe eilten. Allerdings hielt Beth sich auch nicht für eine Prinzessin. Prinzessinnen hatten kein stumpfes, ausgeblichenes blondes Haar, keine müden blaue Augen, und sie hatten auch nicht mindestens fünf Pfund zu viel auf den Rippen. Und ihr Prinz war gestorben, ehe er sie retten konnte. Wenn er das überhaupt vorhatte.

Sie musste diese melancholische Stimmung überwinden. Die Schuld an ihrem mühseligen Alltag konnte sie wirklich nicht auf Randy schieben. Dafür war nur sie selbst verantwortlich. Sie hatte schließlich darauf bestanden zu heiraten, als sie merkte, dass sie schwanger war. Hätte ihre Ehe gehalten, wenn er nicht gestorben wäre? Das konnte sie beim besten Willen nicht sagen.

„So, hier haben wir einen ganz speziellen Saft nur für dich.“ Elaine war wieder da und hatte einen großen weißen Styroporbecher dabei. Ein bunter Strohhalm ragte aus dem Plastikdeckel heraus. „Und ich bleibe bei dir, bis du ausgetrunken hast.“ Sie gab Carly den Becher. „Carly, Dr. Searle muss kurz mit deiner Mommy sprechen.“

„Okay“, sagte Carly. Sie nahm einen Schluck und zog eine Grimasse.

Beth merkte, dass ihre Tochter versuchte, tapfer zu sein, als Carly meinte: „So schlimm ist das gar nicht.“

Elaine wandte ihre Aufmerksamkeit Beth zu. „Das kleine Sprechzimmer, die vierte Tür den Gang runter auf der linken Seite.“

„Ich bin gleich wieder da.“

Carly nickte mit vollem Mund.

Als Beth das Sprechzimmer betrat, war Dr. Searle noch nicht da. Sie musterte den beige gestrichenen, unpersönlichen Raum. Hier gab es keine kindgerechte Farbgestaltung. Stattdessen herrschte typisch düstere Krankenhausatmosphäre.

„Mrs. Johnson?“

Sie wandte sich um. „Ja.“

Als der Arzt ins Zimmer kam, fasste Beth sich automatisch ans Haar. Plötzlich wurde ihr bewusst, wie jämmerlich sie wirken musste – unfähig als Mutter, unattraktiv als Frau. Seit über einem Jahr war sie nicht mehr beim Friseur gewesen. Ein einfaches schwarzes Band zähmte ihr langes Haar. Unordnung und Chaos waren ihr eigentlich zuwider, aber in letzter Zeit bestand ihr Leben nur noch daraus.

Und dieser Mann war Arzt, hatte jahrelang studiert, während sie nie aufs College gegangen war. Noch schlimmer, er war einer dieser attraktiven, selbstbewussten Männer mit Charisma. Sie versteifte sich innerlich. Obwohl sie eigentlich nichts zu befürchten hatte, verkrampfte sich ihr der Magen.

„Ich wollte mit Ihnen über Carlys Behandlung sprechen, wo sie uns nicht hören kann.“

„Gut.“

„Kann ich Ihnen einen Kaffee oder etwas anderes anbieten? Wasser?“ Er nahm sich einen Becher Kaffee.

„Wasser, bitte“, sagte sie.

Er stellte seinen Kaffee ab und schenkte ihr Wasser ein. Als sie den Becher entgegennahm, berührten sich ihre Finger kurz. Die Berührung eines gut aussehenden Mannes. Beth zitterte leicht. Seine Augen verengten sich, und Beth konnte sehen, wie grau sie waren.

„Ist Ihnen kalt?“, fragte er.

„Ich mache mir nur Sorgen“, sagte Beth.

„Dazu besteht kein Grund. Carly trinkt gerade – laienhaft ausgedrückt – flüssige Kohle. Die Kohle wirkt wie ein Schwamm und nimmt die Wirkstoffe der Medikamente auf. Dann durchläuft das Ganze ihr Verdauungssystem und wird ausgeschieden.“

Sie hatte wohl die Stirn gerunzelt, denn er fügte hinzu: „Das wird ziemlich heftig für Carly. Und sie wird ein paar Mal starken Durchfall haben. Nach dem ersten Mal entlassen wir sie. Wenn Sie nichts Ungewöhnliches bemerken – wie etwa Benommenheit oder Hyperaktivität, muss sie nicht noch mal herkommen. Aber Sie sollten auf jeden Fall morgen früh noch einmal Ihren Kinderarzt konsultieren.“

„Okay.“

„Das war’s auch schon.“ Er wandte sich ab.

Eine merkwürdige Panik erfasste Beth. Vielleicht lag es an seiner unpersönlichen Art. Oder einfach nur an ihren Schuldgefühlen – sie hätte ihre Handtasche außer Reichweite aufbewahren sollen, hätte umsichtiger, wachsamer sein sollen. Sie musste ihm das einfach klarmachen. „Ich habe meine Tasche nicht einfach herumliegen lassen. Ich habe nicht einmal gewusst, dass sie die Tasche in den Fingern hatte.“

Er lächelte nachsichtig, als ob er solche Entschuldigungen ständig hörte. Hatte Beth auf Mitleid gehofft, würde sie es nicht bekommen. Stattdessen zeigte er sich verständnisvoll. „Sie ist ein Kind. Kinder machen so etwas nun einmal. Sie wird aus ihrem Fehler lernen.“

Beth folgte ihm nach draußen. Den ganzen Flur hinunter konnte man Carlys Stimme hören, wie sie sich lautstark beschwerte: „Ich will nichts mehr trinken. Das ist eklig. Und ich bin voll.“

Der Arzt betrat das Zimmer ihrer Tochter. „Wie ich höre, bist du voll.“

„Ja. Ich bin voll“, wiederholte Carly.

Als Beth die Tür erreichte, nahm Quinton Elaine den Becher ab. Er hob den Deckel an und überprüfte die Menge. Dann schüttelte er den Kopf. „Carly, Carly. Du hast mir doch versprochen, dass du alles austrinkst.“ Sein Tonfall war scherzhaft.

Beth verzog schmerzlich das Gesicht. Krank wie er war, hatte Randy sich kaum richtig um Carly kümmern können. Dr. Searle dagegen schaffte das mit beneidenswerter Leichtigkeit. Warum hatte Beth keinen Mann wie ihn finden können?

„Es ist eklig“, sagte Carly. „Mein Bauch tut weh.“

Er sah noch mal in den Becher. „Wie wäre es mit einem Abkommen? Du trinkst die Hälfte hiervon. Den Rest schütte ich dann weg.“

„Die Hälfte?“

Dr. Searle zog einen Stift aus der Tasche und malte einen schwarzen Strich außen auf den Becher. „Bis hier. Ich warte einfach, bis du fertig bist. Was meinst du, kannst du drei tiefe Schlucke für mich nehmen?“

Carly sah schon viel fröhlicher aus. „Ja.“ Sie griff nach dem Becher, und Dr. Searle hielt ihn fest, während sie an dem Strohhalm saugte.

„Eins“, zählte er mit. Carly machte eine Pause. Quinton schüttelte den Becher. „Noch zwei.“

Carly saugte noch einmal kräftig an dem Trinkhalm.

Beth litt von ganzem Herzen mit, als sie sah, wie sich das Gesicht ihrer Tochter verzog.

„Das war super“, sagte er. „Noch einmal, Carly. Du schaffst das.“

Carly ließ sich anscheinend von seinem Enthusiasmus anstecken, denn sie sagte: „Ich schaffe das.“ Dann nahm sie noch einen langen Zug. Als sie schluckte, zog sie eine Grimasse.

Quinton überprüfte den Becher nicht noch einmal, sondern reichte ihn einfach Elaine, die ihn hinaustrug. „Fertig! Gut gemacht!“

„Super!“ Carly klatschte. Aber dann ließ sie die Hände nach unten sinken und zuckte zusammen. „Mein Bauch tut weh.“

„Das muss sein“, sagte Dr. Searle. „Dieser Saft spült die ganze grüne Medizin aus deinem Körper raus. Du wirst jetzt ganz bald dringend aufs Klo müssen.“

„Oh.“ Carly starrte ihn an.

„Und dann landet die böse Medizin im Klo, und du kannst nach Hause gehen“, fügte er hinzu. Er wandte sich an Beth. „Drücken Sie die Ruftaste, wenn Carly zur Toilette muss.“

Sie nickte.

Sein weißer Kittel flatterte, als er aus dem Raum eilte.

„Es tut mir leid, Mommy“, sagte Carly.

Da das Bettgeländer nicht hochgeklappt war, setzte sich Beth neben Carly aufs Bett und schloss ihre Tochter in die Arme. „Alles in Ordnung“, sagte sie einfach. „Ich habe dich lieb, und ich verzeihe dir. Ich bin nur froh, dass du wieder ganz gesund wirst.“

„Ich werde dich nie verlassen. Nicht wie Daddy“, sagte Carly. Jetzt war sie den Tränen nahe. „Es tut so weh, Mommy.“

„Ich weiß.“ Beth wünschte sich, sie könnte die Prozedur irgendwie beschleunigen. Sie streichelte Carly übers Haar. „Du wirst nie wieder Medizin schlucken, ohne vorher zu fragen, oder?“

„Nein“, sagte Carly. Sie schüttelte den Kopf, während Beth sie beruhigend streichelte.

Beth sorgte dafür, dass ihre Tochter sich auf den Rücken legte, und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Gut.“

Quinton beobachtete die gefühlvolle Szene durch die Glaswand.

„Carly hat freiwillig zugegeben, dass sie die Medikamente genommen hat“, sagte Elaine.

Quinton nickte. Man konnte Beth Johnson vielleicht vorwerfen, verantwortungslos mit ihrer Handtasche umgegangen zu sein. Aber sie hatte ihr Kind weder vernachlässigt noch misshandelt. Nein, Beth Johnson hatte ganz einfach einen Fehler gemacht. Das war nun wirklich kein Fall fürs Jugendamt. Und er hatte keinen Zweifel daran, dass sie alles für ihre Tochter tun würde. Im Sprechzimmer hatte sie diesen Eindruck mit ihrer leidenschaftlichen Bitte um Verständnis bestätigt. Als er sich daran erinnerte, runzelte er die Stirn. Wie er auf sie reagiert hatte, gefiel ihm nicht.

Er starrte den Stift in seiner Hand an. Vielleicht wurde ihm heute Abend der Druck, den seine Familie auf ihn ausübte, einfach zu viel. Er beobachtete, wie Beth ihrer Tochter half, sich vorsichtig aufzusetzen. Beth Johnson war einfach von Natur aus fürsorglich. Plötzlich leuchtete die Ruftaste auf, und Elaine rannte los. Einen Augenblick später hasteten alle drei ins Badezimmer.

Quinton seufzte. Das bedeutete, dass er bald Carlys Entlassungspapiere unterzeichnen würde. Dann würden sie und ihre beunruhigend schöne Mutter in der Dunkelheit verschwinden.

Er drehte sich um und machte sich auf den Weg, um nach einem neuen Patienten zu sehen.

2. KAPITEL

„Komm schon, Quinton. Sei kein Langweiler. Bleib wenigstens für die Stripeinlage.“

Quinton ließ die halb geleerte Bierflasche sinken. Er wollte wirklich nach Hause. Junggesellenabschiede waren absolut nicht sein Ding. Schlimmer noch, sie erinnerten ihn daran, dass er – anders als die meisten Männer im Raum – nicht verheiratet war. Nicht, dass Quinton es eilig hatte, sesshaft zu werden und zu heiraten. Das war es, was seine Familie von ihm erwartete. Aber er wollte nichts weniger als die wahre Liebe. Und falls er die nicht fand, war er gern bereit, für immer allein zu leben.

Für ihn sollte ein Märchen wahr werden. Zynisch, wie er war, wusste Quinton jedoch, dass Märchen nur Illusionen waren.

Anders als Carly Johnson. Mit ihren vier Jahren hatte sie ihn für einen Prinzen gehalten. Aber das war er nicht. Quinton schüttelte den Kopf. Vor acht Tagen hatte Carly die Notaufnahme verlassen, aber ihr kleines Gesicht ging ihm immer noch nach.

Sie hatte ihn zum Abschied sogar umarmt. Die Erinnerung an Beth verfolgte ihn ebenfalls. So etwas war ihm noch nie zuvor passiert. Er erinnerte sich an sie so deutlich wie an dem Tag, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren …

„Sind alle da?“ Mike, einer der Chefärzte in der Praxis, sah sich um. „Wundervoll. Also, Bill, diese kleine Show ist nur für dich. Damit du merkst, was du alles aufgibst, weil du dumm genug bist, dich wieder ins Joch der Ehe zu begeben!“

Pfiffe und Johlen begleiteten eine Frau auf ihrem Weg in den Raum. Die breite Krempe ihres Hutes überschattete ihr Gesicht. Ein brauner Trenchcoat bedeckte ihren Körper. Sie stellte eine Boom Box ab, drückte eine Taste, und Musik fing an zu spielen. Als sie sinnlich die Hüften kreisen ließ, ertönten Beifallsrufe.

Quinton beugte sich vor und nahm sich eine Handvoll Erdnüsse von einem Teller auf dem Couchtisch. Er hätte doch gehen sollen. Solche Darbietungen konnte er nicht ausstehen. Ihm war so etwas immer peinlich.

Ihr Hut verbarg immer noch teilweise ihr Gesicht. Aber der gelockerte Trenchcoat offenbarte jetzt schwarzen Spitzenstoff.

Bill grinste breit.

Das Bier, das Quinton getrunken hatte, hinterließ auf einmal einen faden Geschmack in seinem Mund. Die Frau stand auf und reizte die Menge, indem sie ihren Trenchcoat öffnete und wieder schloss. Dann ließ sie ihn von ihren Schultern gleiten.

Jetzt schob sie ihren Hut nach oben. Sie musste sich nur umdrehen, dann könnte Quinton ihr Gesicht sehen. Aber sie bog den Rücken und wandte sich ab.

Der Mantel fiel zu ihren Füßen auf den Boden, und alle Männer außer Quinton johlten. Stattdessen schluckte er schwer. Die Frau hatte keinen perfekten Körper. Aber es verlangte ihn danach, ihre weibliche Figur zu berühren. Sie öffnete die Strapse auf der einen Seite ihres Strumpfgürtels, und Quinton spürte, wie seine Jeans auf einmal eng wurden.

Die Frau richtete sich auf. Mit einer Drehung des Handgelenks schleuderte sie endlich den Hut von sich. Dunkelblondes Haar fiel auf ihre Schultern herab. Dann drehte sie sich um.

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