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Nie wieder Ferienhaus

Bernd Stelter

Nie wieder
Ferienhaus

BASTEI ENTERTAINMENT

Die letzte Villa

Das Haus war mindestens so schön, wie es im Prospekt ausgesehen hatte. O.K., billig war es nicht. Und abgesehen davon, dass die Dänen anscheinend ganz genau wissen, wie viel man deutschen Familien für einen Urlaub maximal abnehmen kann (sie halten sich exakt an diese Summe!), kostet ein Glas Bier schon mal sechs Euro! Man soll im Urlaub ja auch nicht so viel Alkohol trinken. Bei solchen Preisen lebt man halt gesund.

Aber das Haus! Ein eingeschossiges Blockhaus in einem lichten Grau mit schicken Holzterrassen auf einem wunderschönen Grundstück, sogar der Spielplatz war genauso toll wie auf dem Foto. Der Wellnessbereich verfügte über ein Schwimmbad, eine Sauna, einen Whirlpool und ein Solarium, die Einrichtung war geschmackvoll. Ich hatte die ersten drei Urlaubstage damit verbracht, den Haken zu suchen. Es gab keinen. Kurzum, das Haus war perfekt!

Das Haus stand am Ortsrand von Holl. Das ist ein witziger kleiner Ort an der dänischen Ostseeküste. Holl schreibt sich mit einem Strich durch das o, nur gibt es auf meiner Tastatur kein o mit Strich. Der Strand dort war eher schmal, dafür aber ein gutes Stück natürlicher und vor allem weniger belagert als die Pendants in Rimini oder Cala Ratjada. Außerdem soll man kleine blonde Kinder auch gar nicht unbedingt der südlichen Sommersonne aussetzen, nee, Dänemark war schon genau richtig. Und dann dieses Haus!

Die Dänen sind übrigens Weltmeister im Hot-Dog-Machen. Ich weiß, die herrschende Meinung verlegt dieses Attribut eher nach Nordamerika, aber ich finde, ein Hot Dog schmeckt am besten mit dänischer Sauce, und dänische Sauce können eben am besten die Dänen, deswegen heißt die ja auch so. Direkt neben der Hot-Dog-Bude gab es ein niedliches kleines Geschäft, wo man alles das kaufen konnte, was man als Urlauber so braucht: Sonnencreme, blauweiße Leuchttürme mit und ohne Windlicht, die Bild, die Bunte und vor allem Schwimmtiere.

Schwimmtiere sind unerlässlich, wenn man mit zwei kleinen Kindern, die beide noch nicht schwimmen können, in ein Traumhaus mit Schwimmbad fährt. Diese Schwimmtiere gibt es in vielen Variationen, als Dalmatiner, Walfisch und Hummer, zum Reinsetzen, zum Draufliegen und zum Überstülpen, aber vor allem gibt es sie nur in einer Qualitätsstufe. Sie sollten so schnell kaputt gehen, dass der durchschnittliche Zwei-bis-Drei-Wochen-Urlauber mindestens zwei davon kaufen muss.

Tristan war dreieinhalb, und Edda war gerade zwei geworden – genau das Alter, das Eltern wirklich genießen sollten. Alle Freunde haben mir erzählt, das geht so schnell vorbei, dass die Kinder so süß sind, und wenn man dann diese Zeit nicht ganz bewusst erlebt hat, dann ist man selber der Dumme. Deshalb freut man sich als Vater auch so, wenn die Kleinen im Schwimmbad rumtollen oder sich auf der Holzterrasse die Splitter in Hände und Füße rammen. Das muss man genießen, denn sonst: Ehe man sich versieht, haben die das Abitur und sind aus dem Haus. Nein, ich wollte gerade diesen Urlaub nutzen, um auch ein bisschen das schlechte Gewissen zu beruhigen. Zeit haben für die Kinder, das ist schließlich die oberste Pflicht für jeden guten Papa.

Und so liefen die Tage dann ab: Ich bin morgens losgelaufen zum Brötchenholen. Währenddessen hat Anne den Tisch gedeckt, und die Kinder haben entweder den Kiesweg gepflügt oder die Steine in die Küche getragen, sich mit Sand beworfen oder sich noch mehr Splitter in die Hände oder die Füße gerammt.

Dann haben wir gefrühstückt und danach die verwüstete Küche renoviert. Man traut sich in so einem tollen Haus nun mal nicht, einfach irgendetwas rumliegen zu lassen. Also hat einer die Küche wiederhergestellt, und der andere war mit den Kindern auf dem traumhauseigenen Spielplatz.

Zum Mittag gab es nur eine leichte Kleinigkeit, einen Salat, ein paar Nudeln, irgendwas, was den Kindern schmeckt, aber nicht zu schwer ist, denn der noch ausstehende Hot Dog hat ja auch ein paar Kalorien. Und nachmittags ging es dann an den Strand. Abends habe ich eine Geschichte vorgelesen, und während Anne dann die zweite Geschichte vorgelesen hat, fragte ich mich wieder einmal, warum die Kinder von anderen Leuten vom Rumtollen müde werden und nur in genau unserer Familie wird man davon wach!

Halb neun, na, wollen wir mal ehrlich sein: halb zehn. Die Kinder waren im Bett. Alle verfügbaren Psychotricks (Papa, ich hab noch Durst! Mama, ich muss noch mal Pipi!) waren aufgebraucht, der Monstermoppel und die Prinzessin lagen in ihren Kissen und schliefen.

Anne hatte die Füße hochgelegt, sie hatte sich ein Buch geholt. Ich musste nicht nachschauen, was für ein Buch. Sie entspannt mit psychopathischen Serienkillern am besten. Das Buch war noch geschlossen, aber die Tafel Schokolade war schon aufgerissen. Ich soll sie immer daran erinnern, dass sie keine Schokolade essen will. Sie möchte nämlich immer noch das kleine Bäuchlein loswerden, das als Erinnerung an zwei Schwangerschaften übrig geblieben ist.

Doch sollte ich so diesen Tag beschließen? Mit dem Satz: »Liebling, du wolltest doch keine Schokolade essen!«? Sie hätte wahrscheinlich gesagt: »Ja, danke, du hast Recht!« Dann hätte sie ihr Buch genommen, und sie wäre ins Bett gegangen. Genau das wollte ich nicht. Ich wollte ihr zusehen, wie sie den Kopf auf die Sofalehne legt, als betrachtete sie den Himmel über Dänemark.

Das konnte sie natürlich nicht. Sie hätte vielleicht die weiß gestrichene Decke unseres Traumhauses betrachten können, aber auch das nur mit geöffneten Augen. So träumte sie sehr wach, kaute an einem Stück Kaffee-Sahne-Schokolade und lächelte dabei, als hätte sie gerade das Glöckchen gehört, weil das Christkind vor der Tür steht.

Ich mag es, wenn sich der Haaransatz an den Schläfen beim Kauen bewegt. Ich mag auch das Bäuchlein. Ich werde sie niemals an ihre diversen Diäten erinnern! Ich glaube, wenn sie Schokolade isst, dann liebe ich sie am meisten!

Sie öffnete die Augen und nahm das Buch zur Hand, schlug es aber nicht auf. »Woran liegt das eigentlich, dass wir hier die einzigen Leute in der ganzen Siedlung sind?«

Ha, da war er, der Haken, aber immerhin hatte es vier Tage gedauert, ihn zu finden. Warum sind wir hier die einzigen Leute in der Siedlung? Wir konnten diese Frage nicht beantworten, aber es war auch erst Donnerstagabend. Und diese Frage lässt sich in Holl mit einem Strich durch das o nun mal an Donnerstagen nicht beantworten.

Am Freitagnachmittag, da erfährt man das dann. Denn am Freitagnachmittag kommen die Besitzer der umliegenden Traumhäuser, um ihr Wochenende darin zu verbringen.

Diese Besitzer haben übrigens keine Kinder. Wahrscheinlich ist das in Dänemark wie in anderen Ländern auch. Kinder sind teuer, und wenn die Kinder aus dem Haus sind, dann kann man sich das Haus leisten. Das ist wie mit dem Porsche, auch der Porsche ist teuer, und wenn man ihn gebrauchen kann, weil man ein flotter, potenter Feger ist und mit dem notwendigen Coolnessgrad ausgerüstet, um in einem Porsche so richtig klasse auszusehen, dann kann man ihn sich nicht leisten.

Aber wenn man die sechzig überschritten hat, wenn kein oberes Haupthaar bei Cabriofahrten dem Wind trotzt, wenn der Ischias eigentlich nach einem Auto verlangt, in das sich leichter einsteigen lässt, dann kann man sich vielleicht so ein Auto leisten. Man sieht dann in dem Wagen nicht mehr so klasse aus, aber wenigstens fühlt man sich dann so!

Holl mit dem Strich im o war nur am Wochenende bevölkert – von älteren dänischen Ehepaaren. Von kleinen Spielkameraden war weit und breit nichts zu sehen. Unserem Drei-Wochen-Arbeitsvertrag als Vierundzwanzig-Stunden-Animateure der eigenen Kinder stand nichts mehr im Weg. (Das ist auch gut so, denn irgendwann haben die das Abitur, sind aus dem Haus und dann ist man selber der Dumme.)

So ein Schwimmbad lässt als Anziehungspunkt für kleine blonde Kinder ziemlich schnell nach, wenn man es jeden Tag haben kann. Der Whirlpool war für Tristan schon mal überhaupt nichts. Das Gerät war wirklich groß genug für die ganze Familie, wie sich das so gehört für ein Traumhaus. Aber als wir dann drinsaßen und fröhlich vor uns hinblubberten, weigerte er sich beharrlich, mit reinzukommen.

Wir konnten uns seiner Argumentation allerdings nicht entziehen. Sein »Ich will nicht kochen!« war einfach so überzeugend, dass wir uns zur Freizeitgestaltung schon noch ein paar Alternativen überlegen mussten.

Genau das dürften die Dänen geahnt haben. Ich glaube, nirgendwo sonst auf der Welt gibt es eine solche Dichte an Zoos, Aqua-Zoos, Tierparks und Vergnügungszentren, die nur darauf warten, dem Familienoberhaupt sechs Euro für ein Bier abzuknöpfen!

In einer einzigen Woche waren wir im Kategatt-Center zum Haiegucken, im Zoo von Odense mit den Elefanten und den lustigen Äffchen und im Legoland in Billund.

Die entsprechenden Autofahrten brachten immerhin den nicht zu unterschätzenden Vorteil mit sich, dass unsere beiden Süßen durchaus mal ein Stündchen Mittagsschlaf hielten, wenn sie in einem fahrenden Auto saßen. Denn ansonsten waren sie durch nichts in der Welt dazu zu bewegen.

Das Kategatt-Center hat meinen Sohn so beeindruckt, dass er noch nach Wochen allen vom Kategatt-Center berichtete. Und Kategatt-Center von einem Dreieinvierteljährigen ausgesprochen bot immer wieder ein hohes Entertainment-Potenzial. »Tristan, erzähl der Oma noch mal, wo waren die Haie?« – »Im Katagasenta!«

Es war also ein Traumurlaub in unserem Traumhaus in Holl mit dem Strich durch das o, nur von Erholung konnte keine Rede sein. Anne hat noch drei Seiten lang Mörder gejagt, ich habe den Reiseführer auf der Suche nach weiteren Ausflugszielen durchstöbert. Dann sind wir hundemüde in die Kiste gefallen.

Eines Morgens klingelte das Handy. Bettina war dran. Bettina ist fünf Jahre älter als ich, Bettina ist mit Rainer verheiratet, die beiden haben nicht zwei, sondern vier Kinder, und Bettina ist meine Schwester.

»Habt ihr nicht Lust, uns auf dem Campingplatz zu besuchen? Wir sind auch in Dänemark, auch in Jütland, nur oben im Norden, in Fjerritslev!«

Klar! Da bot sich wieder einmal die Möglichkeit, Tristan und Edda ein ausgiebiges Mittagsschläfchen zu verpassen. Es gab keine unbesuchten Zoos mehr, und wir hatten noch fünf Tage. »O.K., am Samstag, wir fahren direkt nach dem Frühstück los! Dann bis übermorgen, Ciao-i!«

Andere Leute haben es besser

Ich hatte eigentlich gedacht: Dänemark ist ein kleines Land, Jütland ist noch kleiner, also wird das wohl die Kategorie Fahrtstrecke sein, die ich gewöhnlich auf einer Pobacke abreiße. Dann los: Rolf Zuckowski und seine Freunde in den Schacht des Kassettenradios, und auf ging’s.

Seit diesem Tage weiß ich, wie groß Jütland ist, und seit diesem Tage weiß ich, ich habe nichts gegen Rolf Zuckowski, im Gegenteil, nächstes Mal werde ich sogar mehr als eine Kassette dabeihaben. September, Oktober, November, Dezember und dann … und dann …, fängt das alles noch einmal von vorne an. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Wir haben so oft zurückgespult, dass ich schon fürchtete, die Kassette würde irgendwann reißen. (Was heißt hier »fürchtete«? Ich hätte in diesem Urlaub einiges darum gegeben.)

Wir kamen trotzdem gegen Mittag in Fjerritslev auf dem Campingplatz an. Bettinas Kinder standen schon sehnsüchtig an der Schranke, um uns in Empfang zu nehmen.

Bettina und Rainer haben ein Zelt, ein holländisches, in der Form eines Kriechzeltes, aber von gewaltigen Ausmaßen, mit zwei Schlafabteilen und noch richtig Platz für Tisch und Stühle und Kocher.

Mich überfiel eine gewisse Sentimentalität. Als ich ein kleiner, dicker Junge war, sind wir mit unseren Eltern auch immer mit einem Zelt in den Urlaub gefahren. Das war genauso ein riesengroßes Ding, oder es kommt mir heute nur so riesengroß vor. Ein Haufen Stangen, eine Menge Stoff, dazu natürlich Kocher, Gasflasche, Stühle, Tisch, Luftmatratzen, Schlafsäcke, meine Eltern, Bettina, ich und meine Cousine, und das alles in einem VW Käfer. Ich weiß noch sehr genau, immer wenn wir abbauten, hatte sich der halbe Campingplatz um unser Zelt versammelt. »Mal sehen, wie ihr das ganze Zeug in das kleine Auto kriegen wollt.«

Papa hat das jedes Mal geschafft. Er war Weltmeister im Große-Zelte-in-einen-Käfer-Packen. Die dicken Pullover kamen dabei in die Rückbank. Die war dann hinterher so hart, mir tut heute noch bei dem Gedanken daran der Hintern weh.

Dabei reizte mich Zelten noch immer. Aber wie sollte ich das Anne beibringen? Sie hatte nun mal eine ganz andere Kindheit als ich. Sie erinnerte sich am liebsten an die Fahrt mit ihren Eltern durch Schottland. Immer anders übernachtet, mal Bed and Breakfast, mal ein tolles Hotel. Aber Camping? Da hast du Luftmatratze statt Bed. Und wenn du nicht beim Campingplatzbäcker in der Schlange gestanden hast, dann ist da nichts mit Breakfast. Nein, Camping, das wäre nichts für sie, da war ich mir sicher.

Es gab frischen Kaffee und dänische Plätzchen! Das Wetter war gut, wir saßen vor dem Zelt, und ich stellte erstmalig fest, dass nicht jeder Campingstuhl die Tragkraft aufweist, einem Zwei-Zentner-Mann eine würdevolle Sitzhaltung zu ermöglichen. Andererseits haben sich alle sehr amüsiert, als der Stoff nachgab und mein Gesäß sich tief zwischen dem Alurahmen positionierte; also – alle außer mir!

Der Nachbar hatte einen Wohnwagen. Auf dem Wohnwagen stand Eifelland, aber der Nachbar kam aus Münster. So ein Wohnwagen ist auch was Spannendes. Darin gab’s ein Etagenbett für die Kinder mit einer kleinen Spielecke. In der Sitzecke habe ich dann mit dem Nachbarn noch ein Bier getrunken, und dabei hat er mich in die Geheimnisse der Anhängerkupplung eingeweiht.

Anne gefiel der Wagen auch, aber sie wollte kein Bier. »Was mich stört, ist das ständige Umbauen. Wenn man schlafen will, muss man die Sitzecke abbauen und das Bett basteln, und am nächsten Morgen zum Frühstück wieder zurück!« Das sei also überhaupt kein Problem. »Das geht so ruckzuck, das dauert keine zwei Minuten.«

»Wo sind eigentlich die Kinder?« – »Mit unseren unterwegs auf dem Spielplatz! Macht euch keine Sorgen, die passen schon auf!«

Bettina stand die Erholung geradezu ins Gesicht geschrieben. Sie leitet einen Kindergarten in Lünen, und als ich sie das letzte Mal besucht hatte, da konnte man schon sehen, dass das gar kein so leichter Job ist. Aber hier in Fjerritslev war scheinbar alles anders.

Mir fiel die Geschichte damals am Rosenfelder Strand ein. Der Rosenfelder Strand an der Ostsee gliedert sich in Rosenfelder Strand (Textil) und Rosenfelder Strand (FKK). Wir waren am Rosenfelder Strand (Textil). Rainer war zu der Zeit bei der Bundeswehr in Neumünster, er hatte eine Übung in Puttlos, und er kam zu Fuß mit dem Rucksack zum Campingplatz marschiert. Ich wusste damals schon, dass Liebe schön sein sollte, ich hatte schließlich auch die Bravo gelesen. Aber dass sie so schön sein konnte, dass man von Puttlos bis zum Rosenfelder Strand zu Fuß …! Na ja, ich war halt ein kleiner, dicker Junge.

Bettina war sechzehn, und Rainer musste in einem Extra-Zelt schlafen, darauf bestand der Papa. Aber gegen ein Mittagsschläfchen, da hatte er nichts einzuwenden.

Eines Nachmittags erschien er zum Kaffee, hielt triumphierend eine kleine Packung in den Händen und fragte in die Runde: »Wer raucht hier Blausiegel?«

Ich war damals wohl der Einzige, der den Gag nicht verstanden hatte, vielleicht kann ich mich deshalb noch so gut daran erinnern.

Diese alten Urlaube fielen mir wieder ein, als ich Bettina sah. Sie war gelöst, sie lachte, nicht nur, als ich mich in den Stuhl »hineinversetzte«, sie war einfach meine große Schwester von damals.

Sicher kann ich das nachvollziehen. Aufstehen, frühstücken, Kinder weg! Aber will man das? Irgendwann haben die Abitur …

Der andere Nachbar hatte einen LMC und Tuborg-Bier und statt eines Vorzeltes nur ein Vordach, allerdings mit Wänden an beiden Seiten. Das war der Kompromiss, denn er hatte eigentlich immer gezeltet. Jetzt hatte er die Vorzüge des Wohnwagens, aber draußen noch das Ursprüngliche! Der Wohnwagen hatte sogar Teppichboden, das würde er beim nächsten Mal aber nicht mehr machen, denn in dem Teppichboden setzte sich der Sand so fest.

Es ist schon unpädagogisch, wenn man die Kleinen einfach nur so laufen lässt. Also sind wir zum Spielplatz gestiefelt. Aber dann schauten wir wirklich nur von weitem. Unser Blick fiel auf eine Menge vollkommen zufriedener Kinder, darunter zwei ganz blonde, von denen ausnahmsweise keines gerade dabei war, sich Splitter in die Füße zu hauen.

Ein Nachbar hatte einen Tabbert-Wohnwagen. »Das ist der Mercedes unter den Caravans!«, erfuhr ich. Ein Mercedes diente auch als Zugwagen. Der Tabbert hatte Schrankeinbauten, wie ich sie mir in der altdeutschen Küche meiner Mutter nicht schöner hätte vorstellen können. Hängeschränke mit Bleiverglasung, eine Satellitenschüssel auf dem Dach und einen ungeheuer stolzen Besitzer mit einem Kühlschrank voll Faxe-Bier, na ja, sagen wir mal, hinterher halb voll!

Es wurde schon dunkel, als wir aufbrachen, gegen den entschiedenen Protest von Tristan und Edda. Rolf Zuckowski brauchten wir auf der Rückfahrt nicht, die beiden waren schon eingeschlafen, als wir die Schranke passierten.

Anne ist gefahren! Ich war vielleicht nicht volltrunken, aber auf jeden Fall ziemlich angeschickert. Wahrscheinlich wäre ich auch ziemlich schnell eingeschlafen, aber dann fragte Anne: »Was hältst du von Urlaub in einem Wohnwagen?«

Urlaub in einem Wohnwagen! Ich liebe sie schon für ihre Gedanken. Und ich liebe sie noch mehr, weil sie mich immer wieder überraschen kann.

Als wir endlich in unserem Traumhaus im Bett lagen, beugte ich mich zu ihr hinüber: »Weißt du was, ich liebe dich im Moment gerade ungeheuer!« Sie gab mir einen Kuss auf die Nase und sagte: »Ich liebe dich auch wieder ungeheuer. Und zwar dann, wenn du nicht mehr so nach Bier stinkst!«

Jetzt machen wir aber direkt Nägel mit Köpfen

Ein Urlaub in Dänemark hat den großen Vorteil, dass das Wetter zu Hause auch nicht schlechter ist. Es ist doch immer ungeheuer frustrierend, wenn man aus dem Spanien-Urlaub kommt: Erstens ist der Urlaub vorbei und zweitens das gute Wetter. Man kann nur noch jeden Morgen im Spiegel beobachten, wie die tolle Farbe langsam nachlässt! Da lobe ich mir doch Urlaub in Dänemark, wo man erst gar nicht braun wird.

»Morgen lege ich mich in der Badehose an den Strand!« – »Ja prima, bei zwölf Grad!« – »Ja genau, wenn jemand kommt und fragt, warum liegen Sie bei den Temperaturen in der Badehose am Strand, dann sage ich, ich kriege Farbe, und wenn es blau ist!«

Wir konnten es uns zu Hause sofort genauso schön machen wie im Urlaub in Dänemark. Und zwar mit allem Tamtam, denn die dänische Sauce hatten wir in ausreichender Menge nach Hause importiert. »Haben Sie etwas zu verzollen? Bier für sechs Euro oder Zigaretten?« – »Nein, nur eine Palette dänische Sauce!«

Schon auf der Rückfahrt drehten sich unsere Gespräche um den imaginären Wohnwagen.

Wahrscheinlich sollte man erst mal einen leihen. »Ich weiß, es gibt im Nachbarort einen Händler, der vermietet Wohnmobile, also solche LKW s mit Haus drin. Dann muss doch auch irgendwer Wohnwagen zum Anhängen vermieten! Und wenn du dann merkst, dass es doch nicht der richtige Urlaub für dich ist, dann haben wir nicht so ein Monstrum in der Einfahrt stehen.«

»Es gibt für mich bestimmt einen schöneren Urlaub als drei Wochen im Wohnwagen, aber darum geht es ja nicht. Weißt du noch, wie Bettina aussah? Völlig erholt, total zufrieden. Vielleicht haben Eltern nur dann Urlaub, wenn auch die Kinder Urlaub haben.«

»O.K ., aber stell dir mal vor deinem geistigen Auge vor, wie du mit dem Kulturbeutel unterm Arm zum Waschen gehst. Für mich ist das kein Problem. Ich weiß noch sehr genau, was das für ein erhabenes Gefühl ist, wenn man mit einer neuen Rolle Klopapier zur Toilette stolziert.« In diesem Moment knuffte sie mich ziemlich heftig in die Seite.

»Es wird Abende geben, da kommst du vom Strand, und dann willst du einfach nur unter die Dusche! Das geht aber nicht, da gibt es eine Schlange. Und wenn du dran bist, dann hast du erst mal damit zu tun, den Sand aus der Dusche zu kriegen.«

»Jetzt stell mich hier nicht als die Luxus-Tussi hin, die eine Zofe braucht, die ihr nach getaner Erholung die langen Haare kämmt. Hol lieber die Gelben Seiten. Wir schreiben jetzt mal alle Wohnwagenhändler raus, und dann fahren wir die ab und schauen, wer auch Caravans vermietet!«

Das waren eine ganze Menge Einträge. Scheinbar gab es doch mehr Leute mit zwei kleinen blonden Kindern, als wir dachten. »Schau mal hier, das ist ganz in der Nähe, Wohnwagen Winterscheid, Caravans und Mobilheime von Tabbert, Weippert, Knaus und Eifelland. Hast du morgen was Besonderes vor?« – »Ich habe noch Urlaub!« Und sie hatte noch eine Tafel Kaffee-Sahne!

Wir mussten an dem Ausstellungsgelände schon dreiundzwanzig Mal vorbeigefahren sein. Und es hätte uns auffallen müssen. Eigentlich war es unmöglich, so viele Wohnwagen auf so einem Grundstück zu parken. Es war wirklich erstaunlich, dass der gute Herr Winterscheid die Kisten nicht übereinander gestapelt hatte.

Frau Winterscheid war eine freundliche Person, ein bisschen rund, nicht unbedingt so gekleidet, wie man sich den deutschen Normalcamper vorstellt, sie trug einen Cartier-Panter um den Hals und sah eher aus, als stünde sie unmittelbar vor einem Einkaufsbummel auf der Kö, und auch der Ausdruck von Erholung im Gesicht, den wir bei Bettina gesehen hatten, wollte sich bei Frau Winterscheid überhaupt nicht einstellen. »Schauen Sie sisch einfach um, de meisten Waaren sin offen, un wenn Se Fraaren haben, wenden Se sisch an einen von unseren kompetenten Verkaufsberater!« Immerhin sprach sie so wie der Mann mit der Bleiverglasung in dem Tabbert in Dänemark. Anne flüsterte: »Ich könnte wetten, dass Frau Winterscheid eine Zigarettenspitze benutzt!« Ich liebe sie für ihre Gedanken!

Wahrscheinlich gibt es im ganzen Rheinland keinen Spielplatz, der Tristan und Edda so viel Freude gemacht hätte wie der Platz von Familie Winterscheid bei diesem rein prophylaktischen Informationsnachmittag.

Wir haben ihnen beim Betreten der Wagen immer die Schuhe ausgezogen. Nicht dass wir hinterher so ein Gerät kaufen mussten, nur weil die beiden es durch Fußabdrücke auf den Betten und den Übergardinen schon faktisch in Besitz genommen hatten.

Es gab Wohnwagen, das wusste ich mittlerweile. Aber wie viele Ausprägungen der Spezies Wohnwagen es gab, das hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können.

Es gab lange, extra lange, breite, extra breite, es gab sämtliche Einrichtungsstile, es gab sogar Wohnwagen, bei denen das Dach nach oben ausgestellt werden musste, und wenn man das Dach wieder einklappte, dann konnte man den Wohnwagen in die Garage stellen.

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