Logo weiterlesen.de
Nie mehr ohne deine Küsse

1. KAPITEL

Goose schlug mit dem Kopf, tänzelte zur Seite und riss Lily mit einem Ruck aus ihren Tagträumen. In letzter Sekunde konnte sie das Pferd davon abhalten, unter einem gefährlich niedrig hängenden Ast hindurchzulaufen, und lenkte es zurück auf den Weg.

„Benimm dich gefälligst, du verwöhntes Pferd!“

Goose schnaubte empört.

Würde er sie jetzt abwerfen, wäre das ihre eigene Schuld. Schließlich wusste sie genau, wie gern Goose seine Reiter herausforderte. Doch die stille Idylle des Marshall-Anwesens zog Lily immer wieder in ihren Bann. Und der gleichmäßige Rhythmus von Gooses Schritten versetzte sie in einen fast tranceartigen Zustand. Kein Wunder, dass ihre Konzentration nachließ.

All die Leute, die viel Geld für exklusive Yogastunden und Gesprächstherapeuten ausgaben, sollten sich einmal eine halbe Stunde auf ein Pferd setzen und durch die Natur reiten. Dann bräuchten sie keine komischen Verrenkungen oder endlose Sitzungen über ihren Vaterkomplex mehr, um endlich Frieden zu finden. Das hier war besser als jede Therapie – und dazu noch umsonst.

Nein, es war mehr als umsonst. Die Marshalls zahlten ihr sogar etwas dafür, dass sie ausritt. Manchmal konnte Lily ihr Glück nicht fassen. Es war zu perfekt.

Goose fiel in einen leichten Trab, als der Wald sich lichtete und das Glitzern der Sonnenstrahlen auf der Wasseroberfläche des Flusses durch das Blattwerk schimmerte. Während sie auf das Ufer zuritten, hob Lily ihr Gesicht der Sonne entgegen, um sich zu wärmen. Ohne zu zögern, watete Goose ein paar Schritte ins Wasser hinein. Nur ein scharfer Zug am Zügel hielt ihn davon ab, weiter ins Tiefe zu gehen.

„Nicht mit mir, Goose. Ich kenne deine Tricks. Diesmal werde ich nicht wieder den ganzen Tag mit nassen Stiefeln herumlaufen.“

Als hätte es sie verstanden, schnaubte das Tier widerwillig, um dann den Kopf zu senken und einige Schlucke zu trinken. Lily zog ihre Wasserflasche aus der Satteltasche und blieb einige Minuten still auf dem Pferderücken sitzen, um den Ausblick auf den Fluss und die dahinterliegenden Berge zu genießen, die von der Sonne angestrahlt wurden.

Das Marshall-Anwesen – Hill Chase – glich einem Stück Himmel auf Erden. Es lag nah genug an Washington, um den Familienmitgliedern mit ihren wichtigen Positionen in Politik und Regierung einen Zufluchtsort zu bieten. Gleichzeitig fühlte man sich meilenweit von der Stadt entfernt. Das Anwesen war Familiensitz und Unternehmen zugleich. Und Lily tat ihr Bestes, um sich in die Schar der unzähligen Angestellten zu integrieren. Tief sog sie die frische, saubere Luft ein und dachte daran, wie misstrauisch sie am Anfang gewesen war.

Ihre Sozialarbeiterin hatte ihr prophezeit, dass der Tag kommen würde, an dem sie ein neues Leben beginnen würde. Damals hatte Lily Jerry nicht geglaubt, doch nun …

Es war tatsächlich ein ganz neues Leben, das sie jetzt führte. Die Lily von früher schien immer mehr zu verblassen. Es fühlte sich an, als wäre sie jahrelang in einem Käfig gefangen gewesen und könnte sich erst jetzt wieder frei bewegen.

Sie schüttelte den Kopf, um sich von den Gedanken zu befreien. Am liebsten würde sie den ganzen Tag hier verbringen, doch es warteten noch zwei weitere Pferde darauf, bewegt zu werden – und eine ganze Liste zusätzlicher Aufgaben im Stall.

„Na los, Goose. Lass uns gehen“, forderte sie das Pferd auf.

„Jetzt schon? Du bist doch gerade erst gekommen.“

Beim Klang der Stimme, die wie aus dem Nichts zu kommen schien, verlor Lily vor Schreck fast das Gleichgewicht. Die Wasserflasche entglitt ihren Fingern und landete mit einem lauten Platschen im flachen Wasser neben den Hufen des Pferds. Verwirrt drehte sie sich im Sattel um. Nur wenige Meter vor ihnen schwamm ein Mann im Fluss. Lediglich sein Kopf und seine Schultern ragten aus dem Wasser.

„Entschuldigung. Ich wollte dir keine Angst einjagen.“ Das freche Lächeln strafte seine Worte Lügen.

„Ich habe mich bloß erschrocken.“

Das war auch berechtigt, denn die Reitwege waren Privatbesitz und niemand wusste, dass sie hier war. Als Goose die Stimme des Mannes hörte, wieherte er leise, als wollte er ihn begrüßen.

Ehe Lily sich versah, begann das Pferd auch schon, tiefer ins Wasser zu waten. Sosehr sie auch an den Zügeln zog, um es zu stoppen, es half nichts.

Glücklicherweise kam der Mann ihnen auf halbem Wege entgegen, sodass sie lediglich ihre Beine anziehen musste, um nicht nass zu werden. Vertrauensvoll rieb Goose seinen Kopf an der Brust des Fremden, und für einen Moment war der Mann abgelenkt.

Plötzlich wusste Lily, wen sie vor sich hatte: Ethan Marshall, einen der Großenkel von Senator Marshall. Sie hatte gehört, dass er gerade von einem langen Londonaufenthalt zurückgekehrt war. Die ganze Familie war seinetwegen während der letzten Tage in Aufruhr gewesen. Sie kannte zwar bereits einige Bilder von ihm, stellte nun aber fest, dass sie kein Vergleich zur Realität waren.

Die Marshalls waren ohnehin von Natur aus mit guten Genen gesegnet: honigblondes Haar, tiefgrüne Augen, markantes Kinn und hohe Wangenknochen. Ethan jedoch stahl ihnen allen die Show. Kräftiges Haar, das sich um die Ohren herum ein wenig lockte, ein muskulöser gebräunter Oberkörper mit breiten Schultern, auf dem unzählige Wassertröpfchen in der Sonne funkelten und hinab zu seiner Taille rannen.

Verdammt. Sie schaffte es kaum, den Blick von ihm abzuwenden. Der Mann war so attraktiv, dass es wohl kaum eine Frau gab, die in seiner Nähe nicht nervös werden würde. Und als er aufsah und sie anlächelte, musste sie sich fast am Sattel festklammern, um nicht erneut aus dem Gleichgewicht zu geraten.

„Ich bin Ethan Marshall.“

„Ich weiß.“ Jetzt sieh ihm schon in die Augen und reiß dich zusammen! „Schön, Sie endlich einmal zu treffen.“

Lily ließ Goose ein paar Schritte zurückgehen, um die Beine, die sie immer noch angezogen hatte, wieder nach unten strecken zu können. Ethan sah sie erwartungsvoll an, doch ihr fiel nichts mehr ein, was sie noch sagen könnte.

„Willkommen zurück“, setzte sie dann noch hinzu.

„Danke. Und du bist …“

Sofort stieg ihr das Blut in die Wangen. Wie dumm von ihr.

„Lily. Lily Black.“

„Nett, dich kennenzulernen, Lily. Und wie oft hat Goose dir schon nasse Stiefel beschert, bis du ihn durchschaut hast?“, erkundigte er sich lächelnd.

„Ganze drei Mal.“

Er lachte, und sie hob die Schultern.

„Offensichtlich lerne ich nicht besonders schnell.“

„Tinker macht übrigens das Gleiche, falls du das bisher noch nicht mitbekommen haben solltest.“

Tinker war Ethans Pferd. Ein großer, weißer Hengst, der nur Flausen im Kopf hatte.

„Oh, Tinker hat mich bereits an meinem zweiten Arbeitstag kopfüber in den Fluss befördert.“

Als sie Ethan schmunzeln sah, fühlte sie sich ermutigt, auch noch den Rest der Geschichte zu offenbaren. „Anschließend ist er abgehauen und hat mich den ganzen Weg klatschnass zum Stall zurücklaufen lassen.“

Ethans Lachen klang so herzlich und gleichzeitig maskulin, dass sie innerlich dahinschmolz.

„Von der Geschichte hab ich schon gehört. Ich wusste aber nicht, dass er das mit dir gemacht hat. Es tut mir leid.“

„Warum? Haben Sie ihm das etwa beigebracht?“

„Immerhin konnte ich so meine Brüder und Cousins von meinem Pferd fernhalten, wenn ich nicht da war.“

Seine gute Laune war ansteckend. Lily bemerkte, dass es ihr richtig Spaß machte, sich mit ihm zu unterhalten. Wie lange war es her, dass sie auf so nette Art Belanglosigkeiten mit jemandem ausgetauscht hatte? Was für ein schönes, wenn auch ungewohntes und fast vergessenes Gefühl.

„Dein Pferd ist ein Schlawiner. Ein hübscher Schlawiner, muss man dazusagen.“

Belustigt zwinkerte Ethan ihr zu. „Angeblich sagt man das Gleiche über mich.“

Ohne den ironischen Tonfall hätte der Kommentar furchtbar selbstgefällig gewirkt. Lily konnte gar nicht anders, als ihren Blick erneut über den nackten Oberkörper schweifen zu lassen. ‚Hübsch‘ fand sie bei Weitem untertrieben. Der Mann war ein Prachtexemplar.

Ungeduldig zog Goose an den Zügeln und schnaubte. Fast erleichtert über die Ablenkung brachte sie das Pferd wieder unter Kontrolle. Ethan Marshall sollte nicht glauben, dass sie dem Pferd nicht gewachsen war.

„Er freut sich offensichtlich, Sie zu sehen, Mr Marshall. Normalerweise ist er lammfromm.“

„Ethan“, korrigierte er. „Einfach nur Ethan. Schließlich gibt’s hier so viele Mr Marshalls, dass man völlig den Überblick verliert.

Wieder spürte Lily, wie ihr vor Verlegenheit die Röte ins Gesicht stieg. „Also gut, Ethan“, wiederholte sie.

Sein warmes Lächeln ließ ihr Herz schneller schlagen. Glücklicherweise lenkte Goose in diesem Moment ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich.

„Ähm, also ich sollte wahrscheinlich besser zurück zum Stall reiten. Es war schön, dich zu treffen.“

„Danke gleichfalls, Lily.“

Während sie Goose zurück zum Ufer trotten ließ, sah sie ihre Wasserflasche im flachen Wasser treiben.

„Mr Marsh – ich meine, Ethan – wärst du so nett, mir die Flasche zu reichen?“, bat sie.

„Nein, tut mir leid.“

Erstaunt wandte sie sich im Sattel um. Hatte sie sich in ihm getäuscht? Es war doch wirklich nicht zu viel verlangt, die Flasche für sie aus dem Wasser zu fischen. War ein Marshall sich zu gut, um für seine Angestellten etwas aufzuheben?

„Ich würde ja absteigen, aber dann bekomme ich nasse Füße“, erklärte sie.

Doch Ethan zuckte bloß die Schultern. „Tut mir leid. Da kann ich dir nicht helfen.“

Verdammt, wie konnte man nur so eingebildet sein?

Sein Lächeln wurde sogar noch breiter, als er die Arme über der Brust kreuzte, sie herausfordernd ansah und sagte: „Du hast es vielleicht nicht bemerkt, aber ich trage nichts als Wasser auf meiner Haut.“

Als ihr die volle Bedeutung seiner Worte bewusst wurde, spürte Lily, wie ihre Wangen anfingen zu glühen. Er stand gerade mal zwei Meter von ihr entfernt und hatte nichts an? Sie konnte sich nicht helfen, ihr Blick glitt automatisch zurück zu seinem Oberkörper und hinab zu der Wasserlinie, die direkt unterhalb seines Bauchs begann …

Ethans Lachen veranlasste sie, sich schnell wieder umzudrehen.

„Wenn ich sie hole, könnte das etwas unangenehm für einen von uns beiden werden …“

Sein Tonfall verriet ganz deutlich, wen er damit meinte.

Wie peinlich! Während sie die Brust- und Bauchmuskeln des Mannes bewundert hatte, war nur wenige Zentimeter darunter … Lilys Wangen brannten mittlerweile wie Feuer.

„Möchtest du trotzdem, dass ich sie hole?“

Und ehe sie sich versah, hörte sie auch schon Wasser spritzen, als würde er Anstalten machen, ans Ufer zu kommen.

„Nein!“, protestierte sie heftig und räusperte sich dann verlegen. „Ich meine, ist schon gut. Ich hole sie.“

Ohne ihn anzusehen, sprang sie blitzschnell vom Pferd, schnappte sich die Flasche und schwang sich wieder in den Sattel. Das Wasser spritzte um Gooses Hufe, als sie ihm die Sporen gab. Es war ihr egal, ob ihr plötzlicher Rückzug in seinen Augen feige und verklemmt wirkte. Sie musste hier weg, sonst würde sie vor lauter Scham noch im Boden versinken.

Ethans Gelächter hallte in ihren Ohren, als sie hocherhobenen Hauptes davontrabte.

Er war die ganze Zeit splitternackt gewesen.

Je weiter Lily sich vom Fluss entfernte, desto ruhiger wurde ihr Puls. Dafür fühlte sie sich nun unbehaglich. Zweifellos hatte Ethan die Situation lustig gefunden, vielleicht sogar so lustig, dass er den anderen davon erzählte. Seiner Großmutter zum Beispiel? Mrs Marshall würde sicher nicht darüber lachen können.

War das ein Kündigungsgrund? Bei dem Gedanken lief es ihr eiskalt den Rücken herunter. Es war nicht nur der Job, den sie dringend brauchte – sie brauchte auch die Sicherheit, die Hill Chase ihr bot. Dieses friedliche Zuhause, wo sie endlich zur Ruhe kommen konnte.

Er hat die ganze Zeit nackt vor mir gestanden. Wie soll ich ihm jemals wieder in die Augen schauen können?

Entschlossen hob Lily ihr Kinn. Es war purer Zufall, dass sie in diese Situation geraten war. Niemand war zu Schaden gekommen. Die Chancen, dass sie ihren Job verlor, waren also äußerst gering. Sie musste aufhören, sich immer gleich die schlimmsten Dinge auszumalen. Und bei der nächsten Begegnung mit Ethan würde sie einfach so tun, als wäre nie etwas passiert. Das fand sie am vernünftigsten. Sicher würde er die Sache auch schnell vergessen wollen.

Konnte sie es denn vergessen? Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie, wie …

Nein. Ethan Marshall splitterfasernackt im Fluss war definitiv ein Bild in ihrem Kopf, das sie mit ins Grab nehmen würde. Und sie musste sich eingestehen, dass ihr dieses Bild sogar ziemlich gut gefiel.

„Kannst du mir vielleicht einmal verraten, was das zu bedeuten hat?“, erkundigte sich Brady, als er sich ein paar Stunden später auf Spiders Rücken schwang.

Ethan musste sich das Lachen verkneifen, während er die Steigbügel prüfte und dann ebenfalls aufsaß.

„Was meinst du?“, fragte er unschuldig.

„Warum ist Lily fast über ihre eigenen Füße gefallen und knallrot geworden, als sie uns vorhin im Stall gesehen hat? Was hast du mit ihr gemacht?“

„Ich bin noch nicht einmal zwölf Stunden hier. Wie kommst du darauf, dass ich etwas mit ihr gemacht haben könnte?“, entgegnete Ethan.

Brady schnaubte empört.

„Weil du es immer irgendwie schaffst, die Frauen zu verwirren.“

Lilys Reaktion auf den Anblick der beiden Brüder war ziemlich amüsant gewesen. Sie hatte Ethan nur einen Blick zugeworfen, war rot angelaufen und hätte fast den Sattel in ihren Händen fallen gelassen.

„Vielleicht ist sie immer so nervös“, sagte Ethan.

„Das kann ich mir kaum vorstellen. Dann würde sie die Pferde ganz verrückt machen.“

„Du kannst es dir nicht vorstellen? Ich dachte, du weißt immer alles.“

„Ich habe kaum drei Worte mit ihr gewechselt, seit sie hier arbeitet.“

Tinker und Spider trotteten langsam durch die breiten Stalltüren in die Sonne, und Ethan schob sich seine Sonnenbrille auf die Nase.

„Bist du dir mittlerweile schon zu gut, um mit dem Stallpersonal zu reden?“

„Jetzt hör aber auf. Ich bin schließlich nicht ständig hier. Ich hab auch noch einen Job, falls du dich erinnerst.“

Brady klang ein wenig müde. Er steckte bis zum Hals in der Politikmaschine, für die seine Familie seit mehr als vierzig Jahren lebte. Und es war offensichtlich, dass die Arbeit und die Verantwortung, die er trug, bereits jetzt an ihm zehrten.

„Außerdem war sie auch nicht gerade gesprächig. Ich glaube, sie ist etwas schüchtern.“

Vormittags am Wasser hatte Ethan eigentlich nicht das Gefühl gehabt, dass sie übermäßig schüchtern war. Ruhig würde es eher treffen.

Spider und Tinker drängten ungeduldig vorwärts. Sie konnten es nicht erwarten, sich richtig auszutoben. Doch Ethan zügelte Tinker vorerst und erzählte Brady von ihrer Begegnung am Fluss.

„Und sie hat es nicht gemerkt?“, fragte sein großer Bruder ungläubig.

„Nein, erst als ich es ihr gesagt habe.“

„Das war nicht fair von dir. Du hättest es ihr gleich sagen sollen. Kein Wunder, dass sie jetzt durcheinander ist.“

„Mein Gott, sie wird schon drüber hinwegkommen.“

Brady antwortete nicht.

„Was ist denn?“

„Vielleicht solltest du dich entschuldigen.“

„Wofür? Was hab ich denn getan?“

„Abgesehen davon, dass du ihr nicht gleich offenbart hast, dass du nackt badest?“

„Mein Gott, wir sind doch erwachsen …“

„Trotzdem. Du wirst schließlich die nächsten Wochen hier verbringen. Und das …“, Brady nickte mit dem Kopf in Richtung Stall, „kann nicht so weitergehen. Lass das Mädchen in Ruhe und quäl sie nicht jedes Mal, wenn du in den Stall kommst.“

Brady hatte recht. Die Renovierungen in Ethans Wohnung in Washington waren immer noch in vollem Gange. Er würde so lange auf Hill Chase wohnen müssen, bis die Arbeiten abgeschlossen waren. Und egal, wie viel Arbeit sich auf seinem Schreibtisch türmte, er würde versuchen, so viel Zeit wie möglich auf dem Pferderücken zu verbringen. Was hieß, dass er ständig Lily über den Weg laufen würde.

Bradys Handy klingelte. Beim Blick auf das Display verdrehte er die Augen und stöhnte. „Da muss ich rangehen.“

Ethan nickte. Die Wahlkampagne lief auf Hochtouren, und ihr Vater musste sich verdammt anstrengen, um seinen Sitz im Senat zu behalten. Ethan kümmerte es nicht im Geringsten, ob er den Sitz behielt oder nicht. Doch sein Großvater, dessen politische Vergangenheit wahrscheinlich der einzige Grund war, warum Douglas Marshall überhaupt einen Sitz bekommen hatte, legte großen Wert darauf.

Während bei Brady das Verantwortungsgefühl überwog, schaffte Ethan es einfach nicht, seine negativen Gefühle ihrem Vater gegenüber zu ignorieren. Er brachte es nicht über sich, ihn zu unterstützen. Doch aus Respekt vor seinem Großvater behinderte er ihn auch nicht bei seiner Kampagne.

Für Brady hingegen als einem der wichtigsten Mitarbeiter ihres Vaters war es eine sehr anstrengende Zeit. Die Wahl stand kurz bevor. Eigentlich wunderte es Ethan, dass sein Bruder überhaupt Zeit gefunden hatte, raus aufs Land zu fahren.

Im Paddock vor ihnen sah er, wie Lily Biscuit am Halfter führte. Der weiße Verband am Bein der Stute und Lilys langsame Schritte wiesen darauf hin, dass das Tier verletzt sein musste.

Neben Biscuit wirkte Lily klein. Als sie heute Morgen auf Goose gesessen hatte, hatte er ihre Größe nicht abschätzen können. Das dunkelgrüne T-Shirt mit dem Logo vom Marshall-Stall umspielte locker ihre Hüften. Die kurzen Ärmel ließen den Blick auf ihre von der Stallarbeit leicht muskulösen Oberarme frei. Das T-Shirt steckte in einer eng sitzenden Jeans, die ihre schlanken Beine betonte. An den Füßen trug sie wie immer ihre Lederstiefel.

Leise und ruhig sprach sie mit Biscuit. Wenn sie den Kopf bewegte, wippte der lange dunkle Pferdeschwanz, während Biscuit gelegentlich mit dem Kopf schlug, als würde sie Lily zustimmen.

Lily schien Ethans Blick in ihrem Rücken zu spüren, denn plötzlich drehte sie sich um und sah ihn über die Schulter hinweg an.

Brady telefonierte noch immer. Es klang, als würde er noch eine Weile beschäftigt sein. Also lenkte Ethan Tinker in Lilys Richtung. Als er den Zaun erreichte, stieg er ab. Dies war die perfekte Gelegenheit, um sich zu entschuldigen.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte Lily und kam an das Gatter, während sie besorgt hinüber zu Brady schaute.

„Alles in Ordnung. Brady musste nur gerade einen Geschäftsanruf annehmen, also dachte ich mir, ich komme kurz zu dir rüber, um mich zu entschuldigen.“

„Entschuldigen? Wofür denn?“

Sie wirkte ernsthaft verwirrt.

„Für heute Morgen …“

Irritiert schüttelte sie den Kopf. „Ich bin diejenige, die sich entschuldigen muss. Es war mir furchtbar unangenehm …“

„Das habe ich gemerkt.“

„Ich hatte gerade überlegt, wie ich mich bei dir entschuldigen könnte, und da kamst du auch schon in den Stall. Daher war ich nicht ganz vorbereitet.“ Verlegen sah sie zu Boden.

„Na ja …“ Tinker unterbrach ihn, indem er Ethan zuerst mit dem Kopf anstieß und sich dann an Lilys Schulter rieb. Im nächsten Moment schnappte er nach ihrem Zopf und zerrte daran.

„Hey!“, schimpfte sie und musste im nächsten Moment lachen, als Tinker sie unschuldig ansah. Sie kraulte ihn ein wenig zwischen den Augen, seiner Lieblingsstelle.

Ethan beobachtete sie erstaunt. Offensichtlich kannte sie sein Pferd bereits sehr gut.

„Ist schon gut, du kleiner Schlingel“, murmelte sie zärtlich und schwang ihren Zopf über die Schulter, damit Tinker nicht wieder nach ihm schnappen konnte.

Brady hatte Lily ganz falsch eingeschätzt. Sie war kein bisschen schüchtern, sondern nur ein wenig introvertiert. Aber das hatte er sich ja bereits heute Morgen gedacht. Ethan konnte es kaum erwarten, Brady aufzuklären. Der hasste es nämlich, im Unrecht zu sein.

„Er scheint dich zu mögen. Und Tinker mag definitiv nicht jeden.“

„Er weiß genau, dass ich seinem Charme nicht widerstehen kann. Zwar hat es mit uns am Fluss nicht besonders gut angefangen, aber irgendwie hat er es geschafft, meine Sympathie zu wecken. Und jetzt verstehen wir uns blendend. Nicht wahr, mein Junge?“, flüsterte sie ihm ins Ohr.

„Na dann besteht für mich ja auch noch Hoffnung“, scherzte Ethan.

Lily erstarrte. Dann sah sie ihm zum ersten Mal seit ihrer Begegnung am Fluss wieder in die Augen. Ihre Mundwinkel zuckten amüsiert. „Vergleichst du dich etwa mit deinem Pferd?“

Nein, Lily war ganz und gar nicht schüchtern. Diese Erkenntnis löste etwas in Ethan aus.

„Oh, ja, wir haben viel gemeinsam“, erklärte er, bemüht, ernst zu bleiben.

Für einen Moment blieb Lily der Mund offen stehen, doch sie hatte sich schnell wieder unter Kontrolle. „Also stimmen die Gerüchte tatsächlich …“, murmelte sie.

„Welche Gerüchte meinst du?“

„Dass du ein kleiner Charmeur bist, der es faustdick hinter den Ohren hat.“

Er grinste.

„Jetzt hast du mich enttarnt.“

„Wenigstens gibst du es zu.“

„Ehrlichkeit währt am längsten, findest du nicht?“

Sie überlegte einen Moment. „Meistens.“

„Meistens? Nicht immer?“, fragte Ethan überrascht.

Ein leichter Schatten glitt über ihr Gesicht. Er wäre ihm mit Sicherheit entgangen, wenn er sich nicht so auf sie konzentriert hätte.

„Das Leben ist zu kompliziert, um alle Dinge in Schwarz oder Weiß einzuteilen. Manchmal ist eine kleine Lüge besser als die Wahrheit.“

„Da muss ich dir widersprechen, Lily.“

„Ach ja?“ Stirnrunzelnd legte sie den Kopf auf die Seite. „Du glaubst also, man sollte immer die Wahrheit sagen?“

„Ja.“

„Das hätte ich gar nicht von dir gedacht“, spottete sie lächelnd.

Ohne es zu wollen, versteifte Ethan sich.

„Und warum nicht?“

„Ganz einfach: Deine Familie besteht ausschließlich aus Politikern.“

Sein plötzlicher Lachanfall ließ die Köpfe der beiden Pferde hochzucken. „Dann weißt du ja, woher meine Sehnsucht nach Ehrlichkeit kommt.“

Lily musste ebenfalls lachen.

In diesem Moment kam Brady mit Spider auf sie zu. „Na, das sieht ja schon viel besser aus als vorhin“, bemerkte er.

Prompt errötete Lily bei seinen Worten.

„Entschuldigen Sie, Mr Marshall.“

Verdammt, sie muss sich doch nicht entschuldigen. Kein Wunder, dass Brady sie für schüchtern hält, dachte Ethan.

„Das macht doch nichts, Lily.“ Brady zwinkerte ihr zu, und Ethan bemerkte überrascht einen leichten Anflug von Eifersucht. „Ich bin sicher, dass alles Ethans Schuld war.“

„Na vielen Dank“, erwiderte sein Bruder.

„Ich weiß, die Wahrheit tut manchmal weh“, spottete Brady und bemerkte irritiert, wie Ethan und Lily sich daraufhin verschwörerisch anlächelten. Schließlich schüttelte er den Kopf. „Bist du so weit, Eth?“

„Jep.“ Er schwang sich auf Tinkers Rücken und passte die Steigbügel an. „Bis später, Lily!“

„Viel Spaß!“, rief Lily ihnen hinterher und winkte.

Als er Spider antraben ließ, schien Brady in Gedanken noch bei dem Telefongespräch zu sein.

„Ist alles in Ordnung?“, erkundigte sich Ethan.

Brady seufzte. „Bloß der übliche Mist. Ich werd’ heut’ Abend wieder zurückfahren müssen.“

„Großmutter wird enttäuscht sein.“

„Sie wäre noch viel enttäuschter, wenn ich die Sache nicht in Ordnung bringe und wir dadurch die Wahl verlieren.“

„Vielleicht muss er auch einfach mal verlieren.“

„Er ist ein mieser Vater, aber ein verdammt guter Politiker. Das hat er immerhin von unserem Großvater gelernt.“ Brady stieß resigniert die Luft aus.

„Ich verstehe trotzdem nicht, wie du dich so engagieren kannst.“

„Ich sehe das Ganze mit etwas Abstand, Ethan. Unser Vater setzt sich für die Bürger ein, und ich möchte das unterstützen.“

„Ich nehme dich beim Wort.“

„Heißt das, wir können auf deine Stimme zählen?“, fragte Brady.

„Willst du die Wahrheit hören?“

Sein Bruder wich seinem Blick aus, bevor er antwortete.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Nie mehr ohne deine Küsse" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen