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Nie mehr einsam?

1. KAPITEL

Die beiden jungen Frauen sahen nicht wie Schwestern aus, und erst recht nicht wie Zwillinge, obwohl ein DNA-Test ihre gleiche Abstammung bewiesen hatte. Sie ähnelten einander weder äußerlich noch vom Charakter her, und sie waren in unterschiedlichen Familien aufgewachsen.

Jaicey Craddock, die zwei Minuten ältere Schwester, hatte blaue Augen und gewelltes blondes Haar, das durch die texanische Sonne noch hellere Strähnen bekommen hatte. Ihre gebräunte Haut bildete einen reizvollen Kontrast zu ihrem Haar. Sie war eine fröhliche, selbstbewusste Frau. Ihre zuversichtliche Art hatte sie zum einen sicher ihrer Adoptivfamilie und zum anderen einem angeborenen Optimismus zu verdanken. Sie fand schnell Kontakt zu anderen Menschen.

Ihre Schwester Marla Norris war etwas kleiner als sie und viel zurückhaltender. Das kräftige braune Haar fiel ihr glatt auf die Schultern. Der fransige Pony betonte die braunen Augen mehr, als sie ahnte. Jahrelang hatte sie ihre wahren Gefühle unterdrückt. Ihr distanzierter Blick gab ihr etwas Geheimnisvolles. Sie wirkte älter und nachdenklicher als ihre Zwillingsschwester.

Marla war durch ihre harte und entbehrungsreiche Kindheit genauso geprägt worden wie Jaicey durch ihre glückliche Jugend. Im Gegensatz zu Jaicey hatte Marla ihre Adoptiveltern im Alter von acht Jahren verloren. Damals war ihre unbeschwerte Kindheit zu Ende, denn durch den Schock und die Trauer wurde sie zunehmend misstrauischer und verschlossener.

Anschließend war sie in mehreren Pflegefamilien untergebracht worden, wo man sie lieblos behandelte und sich niemand richtig um sie kümmerte. Niemals hatte es in ihrem Leben einen Menschen gegeben, dem sie sich anvertrauen konnte, der sie respektierte, geschweige denn liebte. Wie oft hatte sie sich unsagbar hilflos und allein gefühlt.

Allmählich lernte sie, die Einsamkeit zu ertragen, ohne vollkommen zu verzweifeln, und auf eigenen Füßen zu stehen.

Irgendwann hatte sie es geschafft, und dafür hatte sie hart gearbeitet. Nach ihrem High-School-Abschluss war Marla selbständig und unabhängig geworden, weil sie nie mehr im Leben auf andere Menschen angewiesen sein wollte. Sie gab sich nicht der Illusion hin, eines Tages „gerettet“ zu werden, wie das manche verlassene Kinder taten. Oder wie viele Frauen, die davon träumten, dass irgendwann ein Märchenprinz kommen und sie ins Paradies auf Erden entführen würde.

Nein, Marla glaubte nur an sich selbst. Wenn sie anderen Menschen nicht zu sehr vertraute und auf deren Hilfe hoffte, würde sie keine Enttäuschungen erleben. Und wenn sie sich von vornherein abschottete und niemanden näher an sich heranließ, konnte sie auch nicht verlassen werden. Der einzige Preis, den sie für diese Haltung zahlen musste, war der, dass sie sich manchmal einsam und unzufrieden fühlte.

Aber dann war wie aus heiterem Himmel ihre Schwester Jaicey aufgetaucht, von der sie nicht einmal zu träumen gewagt hatte, und ihr ganzes Leben hatte sich verändert.

„Tut es dir leid, dass ich dich überredet habe, nach Texas zu ziehen?“

Jaiceys Frage unterbrach das friedliche Schweigen in der Küche, wo die Schwestern Fotos in Alben einsortierten. Fast jeden Abend in dieser Woche hatten sie daran gearbeitet. Sie hatten zusätzliche Abzüge von Schulfotos eingeklebt und von Bildern, die sie selbst im Laufe der Jahre gemacht hatten.

Sie wollten sich gegenseitig einen Überblick über die ersten vierundzwanzig Jahre ihres Lebens verschaffen, die sie getrennt voneinander aufgewachsen waren. Außerdem hatten sie sich vor einem Monat gemeinsam fotografieren lassen und wollten die kleineren Abzüge einkleben.

Marla sah Jaicey nachdenklich an und stellte fest, dass sie besorgt wirkte. „Überhaupt nicht“, erwiderte sie voller Überzeugung. Sie staunte immer noch, dass sie vor drei Monaten ihre gesamte Habe eingepackt hatte und von Illinois nach Coulter City, Texas, gezogen war. Aber bisher hatte sie diesen Schritt keine Minute bereut.

Jaicey war trotzdem noch nicht beruhigt. „Stört es dich auch nicht, dass wir das große Geheimnis noch eine Weile für uns behalten müssen?“

„Wenn ich Bedenken hätte, wäre ich gar nicht erst umgezogen.“

„Würdest du denn am Wochenende auf die Ranch kommen, wenn ich dich darum bitte?“

„Da bin ich mir nicht so sicher.“

Jaicey lachte kurz auf. „Bist du immer noch nervös bei dem Gedanken an meinen großen Bruder, hm?“, vermutete sie. „So etwas nennt man körperliche Anziehungskraft, kleine Schwester.“

 Marla wurde ganz warm. Niemand außer Jaicey konnte ihre Gefühle so schnell erraten und auf den Punkt bringen, und darauf war sie immer noch nicht vorbereitet. „Vielleicht“, räumte sie ein, „aber je mehr Zeit ich mit deiner Familie verbringe, desto größer ist die Gefahr, dass wir unser Geheimnis verraten.“

„Und du magst ihren Fragen nicht ausweichen.“ Jaicey runzelte die Stirn. „Das kann ich gut verstehen. Ich habe auch keine große Lust auf Heimlichtuereien.“

„Das kommt noch dazu“, bestätigte Marla.

Vor allem Jaiceys älterer Bruder Jake Craddock stellte besonders bohrende Fragen. Egal, welche Antworten Marla ihm gab, sie schienen ihn eher noch misstrauischer zu machen.

Kaum hatte Jaicey sie den Craddocks vorgestellt, spürte Marla schon, dass Jake ihr nicht traute. Judd hatte sie freundlich begrüßt, aber Jake hatte sie streng und durchdringend gemustert, bevor er sich zu einem Lächeln und einer knappen Begrüßung durchgerungen hatte. Sie hatte es kaum abwarten können, von ihm wegzukommen.

Seitdem fielen ihm ständig neue Fragen ein, mit denen er Marla konfrontierte, auch wenn sie ihm aus dem Weg zu gehen versuchte. Wenn Jaicey ihn nicht abgelenkt oder ihm vorgeworfen hätte, dass er zu viele Fragen stellte, dann hätte Marla kaum vernünftige Antworten finden können, ohne dabei zu lügen.

Sie hasste Lügen, aber Jake war äußerst geschickt darin, gerade die Themen anzuschneiden, über die sie nicht reden wollte – oder auf Jaiceys Wunsch hin nicht reden sollte. Für Marla war es eine echte Herausforderung, wahrheitsgemäß zu antworten, oder gerade so viel von der Wahrheit preiszugeben, wie sie konnte. Nach ihrer ersten Begegnung hatte sie sich zu Hause alle möglichen Fragen ausgedacht, die Jake ihr eventuell stellen könnte, und sie versuchte, unverfängliche Antworten zu finden.

Immer wenn Marla zur Craddock-Ranch kam, riskierte sie, Jake versehentlich einen Hinweis zu geben und ihr Geheimnis zu lüften, bevor Jaicey den Zeitpunkt für gekommen hielt.

Vielleicht erreichte Jake sogar, dass sie sich verplapperte, denn er schien ihre Gefühle und ihren Verstand durcheinanderzubringen. Deshalb versuchte Marla ihm so weit wie möglich auszuweichen. Vor allem hatte sie Angst, mit ihm allein zu sein. Sie wollte schließlich nicht diejenige sein, die die Wahrheit ans Licht brachte.

Jaicey hatte Angst, Jake und seinem Vater unumwunden zu gestehen, dass sie nach ihrer leiblichen Familie geforscht und dabei herausgefunden hatte, dass sie eine Schwester besaß. Für Judd und Jake war Loyalität innerhalb der Familie sehr wichtig, und sie hätten sich möglicherweise zurückgestoßen fühlen oder Jaicey für undankbar halten können.

Immerhin hatten Judd und seine verstorbene Frau Nona Jaicey alles gegeben, was ein kleines Mädchen sich nur wünschen konnte, ganz besonders viel Liebe, und Jaicey wollte nicht, dass Judd das Gefühl haben könnte, er hätte nicht genug für sie getan.

Viele Adoptiveltern fühlten sich verletzt, wenn ihre Kinder nach den leiblichen Eltern suchten, und Marla konnte gut nachvollziehen, dass sie zumindest eine Zeit lang verunsichert sein könnten.

Außerdem war Judd Craddock in den vergangenen Jahren nicht der Gesündeste gewesen, und Jaicey wollte ihn nicht unnötig aufregen.

Deshalb hatte sie sich vorgenommen, eine günstige Gelegenheit abzuwarten und dann ganz behutsam und schonend die Wahrheit vorzubringen. Bis dahin sollte ihre Familie Marla besser kennenlernen. Sie glaubte fest, dass sie ihr Geständnis besser aufnehmen würden, wenn ihr Vater und Jake ihre neue „beste Freundin“ mochten.

Marla war sich dessen nicht so sicher. An Jaiceys Stelle hätte sie anders gehandelt, und sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht intensiver über die Folgen des Planes nachgedacht hatte. Vielleicht wäre es doch vernünftiger gewesen, in Chicago wohnen zu bleiben, bis mit den Craddocks alles geregelt wäre. Aber nachdem Jaicey sie immer wieder gedrängt hatte, nach Texas zu ziehen, hatte sie sich nicht länger weigern können.

Marla wohnte jetzt seit einigen Wochen hier und fühlte sich äußerst wohl. Sie bedauerte nur, dass sie niemandem verraten durfte, dass sie Jaiceys Schwester war.

Ich hätte mich besser nicht von Jaicey überreden lassen sollen, die Ranch zu besuchen, dachte sie. Aber andererseits war sie auch neugierig auf die Craddocks und wollte alles über das Leben ihrer Schwester erfahren.

Und Jaicey wollte die Familie zusammenbringen. Schon vor Wochen hätten sie den Craddocks die Wahrheit sagen sollen. Ihr Vater und ihr Bruder würden sicher verärgert sein, wenn sie es erst so spät erführen. Aber wahrscheinlich würden sie ihren Ärger dabei sowieso nicht an Jaicey auslassen, sondern eher Marla die Schuld geben. Sicher würden sie davon ausgehen, dass Marla das Geheimnis für sich behalten wollte.

Vielleicht würden sie Marla sogar unterstellen, einen schlechten Einfluss auf Jaicey ausgeübt zu haben, als es darum ging, die Wahrheit zu offenbaren. Für die Craddocks war es undenkbar, dass jemand aus der Familie Geheimnisse voreinander hatte.

Schlimmstenfalls würden die Craddocks Jaicey nicht mehr vertrauen, wenn sie ihnen nichts verriet, und das wollte Marla auf keinen Fall.

Die Craddocks waren in Texas als wohlhabend bekannt. Marla hatte von ihrer Schwester erfahren, dass sich schon einige Erbschleicher und Mitgiftjäger an sie herangemacht hatten. Obwohl Marla bei dem Gedanken ärgerlich wurde, dass jemand sie für geldgierig halten könnte, konnte sie verstehen, dass manche Menschen Fremden gegenüber argwöhnisch waren.

Vielleicht misstraute Jake deshalb auch ihrer Freundschaft mit seiner Schwester. Jaicey war eine reiche Erbin, und Marla hatte nur wenige tausend Dollar auf dem Sparkonto. Wenn Jake das herausfand, würde er vielleicht glauben, dass Marla sich weniger für Jaicey interessierte, sondern es vielmehr auf das Geld der Craddocks abgesehen hatte.

Aber Jake würde schnell merken, dass er sich irrte, denn Marla hätte in den letzten Monaten schon Gelegenheit genug gehabt, um Jaiceys Großzügigkeit auszunutzen.

Marla war von Anfang an vorsichtig, besonders, nachdem sie Probleme mit ihrem Auto hatte und ihre Schwester ihr angeboten hatte, ihr ein neues zu kaufen. Sie hatte sich strikt geweigert und auch andere Geschenke abgelehnt, sodass Jaicey den Schmuck und die Kleidung, die sie schon für Marla gekauft hatte, wieder zurückgeben musste.

Jaicey war nicht glücklich über Marlas Reaktion, aber sie verstand schließlich, dass Marla wirklich keine Geschenke von ihr annehmen wollte.

Marla hatte sogar eine Höchstgrenze an Ausgaben für Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke festgesetzt, über die Jaicey sich immer noch beklagte.

Das einzige, was sie von Jaicey angenommen hatte, war eine persönliche Empfehlung für einen Job als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei in Coulter City. Sicher würden die Craddocks daran nichts aussetzen können.

Jetzt stand Jaicey auf und griff nach der Aktentasche, die sie auf einen Stuhl gestellt hatte. „Es wäre wirklich schön, wenn du am Wochenende auf die Ranch kommen könntest. Ich habe das Gefühl, dass sich zwischen dir und Jake dann einiges ändert.“

Marla war nicht gerade begeistert von der Idee. Am liebsten würde sie Jake ganz aus dem Weg gehen, aber das behielt sie für sich.

Jaicey steckte ihr Fotoalbum in die Aktentasche, und Marla schob die Schnipsel zusammen, die sie von den Fotos abgeschnitten hatten, um sie später wegzuwerfen. „Übrigens wird er keine neugierigen Fragen mehr stellen.“

Marla blickte zu ihrer Schwester, die selbstzufrieden grinste. „Wieso nicht? Was hast du getan?“

„Ich habe Jake gesagt, dass er dich nicht mehr ausfragen soll. Er hatte schon immer eine Schwäche für geheimnisvolle Frauen, die ihm nicht sofort um den Hals fallen, und genau daran habe ich ihn erinnert.“

Marla war entsetzt. „Das ist doch wohl nicht dein Ernst!“

Jaicey kommentierte diese Bemerkung nur mit einer lässigen Handbewegung und fuhr dann fort: „Wenn er sich also bei dir entschuldigen wird, dann akzeptierst du das hoffentlich. Er will dich für das Wochenende einladen. Wir wollen gemeinsam campen, denn das hast du sicher noch nicht gemacht, oder?“

Jetzt wurde Marla noch nervöser. Sie wusste schon, dass die Craddocks Ranchbesitzer waren und draußen arbeiteten, jagten und angelten und auch die Wochenenden gern in freier Natur verbrachten, aber sie selbst hatte noch nie gecampt.

Das Angebot klang äußerst verlockend, wenn bloß nicht Jake mitkommen würde. Auf Jakes Anwesenheit würde Marla liebend gern verzichten. Es war ihr schon peinlich gewesen, dass sie reiten lernen musste, und sie könnte Jake sicher kaum entfliehen, wenn sie irgendwo in der weiten Landschaft Zelte aufgebaut hätten.

„Komm schon, Marlie“, forderte Jaicey sie auf. „Es wird dir gefallen. Jake meinte, dass es dir Freude machen könnte, nach Pfeilspitzen unserer Vorfahren zu suchen. Da müssen Dutzende herumliegen, die noch niemand aufgehoben hat. Vielleicht finden wir auch einige Tonscherben, wenn wir Glück haben. Außerdem glaubt er, dass es in der Nähe wieder einen Puma gibt. Wir können nach Spuren suchen.“

Obwohl sie nicht gern zur Ranch gehen wollte, waren Marlas Neugier und Interesse geweckt. Sie hatte sich immer schon für Archäologie interessiert, aber keine praktischen Erfahrungen auf dem Gebiet, sondern ihr Wissen nur durch Bücher, Zeitschriften und Fernsehsendungen erworben. Pfeilspitzen und Tonscherben waren sicher nichts Besonderes, aber Marla fand die Vorstellung aufregend, nach Gegenständen zu suchen, die Menschen gehört hatten, die vor Jahrtausenden gelebt hatten. Natürlich war es auch spannend, nach Spuren eines Pumas zu suchen. Ob man ihn auch zu Gesicht bekommen konnte? „Ich … werde es mir überlegen“, sagte sie nach kurzem Zögern. „Ich habe aber keine Campingausrüstung.“

„Wir haben die nötige Ausrüstung und Schlafsäcke“, versicherte Jaicey. „Du brauchst nur Reitkleidung, Stiefel und deinen Stetson, Sonnenschutz und Haargummis. Ich kann dir Handschuhe leihen. Make-up brauchst du nicht, sondern nur die notwendigsten Toilettenartikel, und bring bloß keinen Fön mit, denn damit kannst du nichts anfangen.“

Marla lächelte säuerlich. „Für wie dumm hältst du mich eigentlich? Das weiß ich auch, dass man beim Campen in der Wildnis keinen Strom hat.“

„Ich wollte mich nur vergewissern“, behauptete Jaicey und schloss die Aktentasche. „Wenn ich alles richtig geplant habe, dann kann ich Jake gleich die Tür aufmachen, sobald ich unten im Flur bin.“

Marla wollte schon vor ihrer Schwester ins Wohnzimmer gehen, als sie sich bei Jaiceys Worten umdrehte. „Jetzt gleich?“

Jaicey ignorierte ihre Bestürzung und lächelte. „Ja, er muss doch heute Abend kommen, denn morgen haben wir schon Freitag.“ Sie wies auf den Tisch. „Du solltest das Fotoalbum lieber noch wegräumen.“

Eine Sekunde danach lächelte sie nicht mehr. Sie stellte die Aktentasche ab und umarmte Marla kräftig.

Marla erwiderte die Umarmung, etwas, was sie selten getan hatte, bevor es durch Jaicey zu einer Selbstverständlichkeit geworden war. Jaiceys Worte erzeugten bei ihr eine Gänsehaut. „Ich habe das Gefühl, dass uns die Zeit davonläuft, Marlie. Schon vor Jahren hätte ich dich finden sollen. Ich weiß, dass ich alles zu schnell vorantreibe, aber ich kann nicht anders.“

Schon wieder schien Jaicey es besonders eilig zu haben, die verlorene Zeit mit ihrer Schwester aufzuholen. Häufig sprach sie von der fehlenden Zeit, und Marla beunruhigte das, denn sie empfand genauso.

Sie umarmten sich fest, bevor Jaicey sich zurückzog und blinzelte, um die Tränen aus den Augen zu vertreiben.

Marla versuchte, dasselbe zu tun, aber sie konnte ihre Stimmung nicht so schnell ändern. Die Liebe einer Familie und Zuneigung waren noch zu neu für sie, und da sie so gut wie keine glücklichen Erinnerungen an ihre Kindheit hatte, hielt sie länger als andere Menschen an Glücksmomenten fest.

Mit den Tränen ihrer Schwester konnte sie noch weniger umgehen. Sie wunderte sich nach wie vor, dass Jaicey sie liebte, und es bestand kein Zweifel daran, dass sie selbst diese Liebe erwiderte.

„Außerdem hätte ich nichts dagegen, wenn du dich in Jake verlieben könntest“, sagte Jaicey. „Durch eine Hochzeit wären wir dann alle miteinander verwandt.“

Diese Worte berührten Marla sehr, und sie schüttelte leicht den Kopf. „Ich habe das Gefühl, als sei ich gerade überrumpelt worden.“

Jaicey lachte. „Habe ich dir noch nicht erzählt, dass ich schon häufiger Menschen zusammengebracht habe? Sobald ich Daddy dazu bewegt habe, die Witwe Connie Lane zu heiraten, kann ich mich auch darum kümmern, eine passende Frau für Jake zu finden. Wenn es mir gelingt, dich mit Jake zu verkuppeln, bringe ich euch drei alle gleichzeitig unter einen Hut. Und danach kann ich endlich Bobby Kelsey heiraten.“

Verwundert schüttelte Marla wieder den Kopf. Jaicey glich einem Wirbelwind, der den ganzen Tag wehte und auf seinem Weg vieles mit Schwung und Energie bewegte.

Marla hatte bis vor kurzem nicht einmal geahnt, dass sie eine Schwester hatte. Aber sie hatte sich immer eine gewünscht. Und wenn sie sich früher die ideale Schwester in ihren Träumen vorgestellt hatte, dann war sie genau wie Jaicey gewesen. Jaicey war nicht nur das genaue Gegenteil von Marla, sondern auch eine der mitfühlendsten und liebenswertesten Frauen, die sie kannte. Wann hatte sie sich je so glücklich gefühlt?

Zufrieden lächelte sie. „Niemand wird dir jemals vorwerfen können, keine Ziele zu haben“, bemerkte Marla ungewohnt fröhlich. „Aber versuch bitte nicht, mich mit deinem Bruder zu verkuppeln. Wir würden gar nicht zusammenpassen“, fügte sie hinzu und hoffte, dass das Thema damit beendet war. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Jake Craddock eine Frau wie sie heiraten würde – oder sie jemanden wie ihn!

„Hast du eine Ahnung! Mein Bruder hat eine Vorliebe für Brünette, also bürste dein wundervolles Haar und schmink dich etwas, damit du nicht aussiehst, als würdest du gleich in Ohnmacht fallen. Außerdem ist Jake in Wirklichkeit nicht halb so unausstehlich, wie er tut.“

Dann griff der blonde Wirbelwind nach der Aktentasche und ging durch das Wohnzimmer aus dem Apartment. Bevor sie die Tür schloss, drehte sie sich noch einmal um. „Ich habe dich lieb, Marlie.“

„Ich dich auch“, sagte Marla verwundert, als Jaicey die Tür hinter sich zuzog. Sie starrte noch einen Moment auf die Tür, bevor sie tief Luft holte. Jake Craddock könnte jeden Moment kommen. Deshalb ging sie schnell in die Küche, wo das Fotoalbum lag.

Dort bekam sie plötzlich Angst. Erst dachte sie, es läge daran, weil sie bald mit Jake allein sein würde, aber dann wusste sie, dass er nichts mit dieser Vorahnung zu tun hatte.

Mit zitternden Händen öffnete Marla das Album, und ihre Besorgnis wurde noch größer, als sie die Bilder betrachtete, bis sie die fand, die ihr am besten gefielen: die Fotos, die ein Fotograf von ihr und Jaicey gemeinsam gemacht hatte. Die ersten Familienfotos, auf denen sie beide zu sehen war.

Ihr Lieblingsfoto hatte sie schon gerahmt, aber es war in ihrem Schlafzimmer. Bevor die Craddocks nicht alles wussten, wollte sie das Bild nicht im Wohnzimmer aufhängen, wo jeder es sehen könnte. Da Jake heute vorbeikommen wollte, war sie froh, dass sie so vorsichtig gewesen war.

Der Trost, den sie erhofft hatte, als sie sich die Fotos anschaute, stellte sich nicht ein. Deshalb brachte sie das Album ins Schlafzimmer und versuchte, auf andere Gedanken zu kommen. Zumindest konnte sie sich mit der weißen Bluse und den Jeans einigermaßen sehen lassen. Sollte sie Schuhe anziehen, oder waren die Socken okay?

Sie legte das Album auf den Nachttisch, überprüfte ihr dezentes Make-up und bürstete sich die Haare. Dann betrachtete sie sich im großen Schrankspiegel. Ihre Kleidung wirkte auf eine kultivierte Weise leger, und Marla sah wesentlich entspannter aus, als sie in Wirklichkeit war. Danach ging sie ins Wohnzimmer und war fest entschlossen, sich ihre Befangenheit nicht anmerken zu lassen.

Sicher würde Jake nur wenige Minuten bleiben. Wahrscheinlich handelte es sich um einen Pflichtbesuch, zum dem Jaicey ihn gedrängt hatte, und er hatte vermutlich nur zugestimmt, weil sie ihm auf die Nerven gegangen war.

Nicht einen Moment lang glaubte Marla, dass Jake Craddock sich entschuldigen würde, und sie ging davon aus, dass er seine Einladung – wenn sie überhaupt erfolgte – kurz und knapp vorbringen würde. Wahrscheinlich würde die ganze Angelegenheit nicht länger als zehn Minuten dauern, und die würde sie auch noch überstehen.

Während sie im Wohnzimmer ein Sofakissen aufschüttelte und für dezentes Licht sorgte, versuchte sie an etwas anderes als an ihre Angstgefühle zu denken. Natürlich fragte sie sich zuerst, wie Jake auf die Bemühungen seiner Schwester reagierte, ihn dazu zu bringen, dass er Marla akzeptierte und sie nicht weiterhin mit seinen bohrenden Fragen löcherte.

Ihre Schwester. Niemals hatte sie damit gerechnet, eine Schwester – und schon gar nicht eine Zwillingsschwester – zu haben, bevor Jaicey sich mit ihr in Verbindung gesetzt hatte. Aber leider musste sie ihre Schwester mit Jake Craddock teilen, und daran konnte sie sich nur schlecht gewöhnen.

Jaicey hielt viel von ihrem großen Bruder, und Marla hätte das vielleicht verstehen können, wenn er ihr gegenüber nicht so misstrauisch gewesen wäre. Auf der anderen Seite hatte sie bisher kaum Männer kennengelernt, die so fürsorglich wie Jake waren, und insgeheim würde sie von diesem Beschützerinstinkt gern profitieren. Sie hatte also ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Jake.

Marla hatte schon immer ein großes Bedürfnis nach Sicherheit und Beständigkeit gehabt. Aber da ihr das bisher niemand geben konnte, hatte sie diese Gefühle ständig unterdrückt.

Sie dachte an Jake. Er war ein Familienmensch und offenbar ein Mann, auf den man sich verlassen konnte, und der Sicherheit und Beständigkeit ausstrahlte. Aber er traute ihr nicht recht über den Weg.

Sich Jaicey zu öffnen, hatte Marla eine neue Welt erschlossen. Früher war sie immer reserviert und verschlossen gewesen, und jetzt taute sie allmählich anderen Menschen gegenüber auf.

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