Logo weiterlesen.de
An Der Quelle

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Klappentext

Buch und Autorin

Zitat

REISENOTIZEN

Der letzte Spross (1) – Das Leben der Elke Hansen

Der letzte Spross (2) – Die verlorenen Seiten

AUS JUDITHS TAGEBUCH

Der letzte Spross (3) – Schriftliche Zeugnisse

Der letzte Spross (4) – Die Suche

Der letzte Spross (5) – Gemälde

NATALIAS BRIEFE AN ZOE

NICOLAES BRIEFE AN VIRGIL

Der letzte Spross (6) – Die Versuchung

AUFZEICHNUNGEN EINES WAHNSINNIGEN

Der letzte Spross (7) – Aufbruch

Der letzte Spross (8) – Heimat

Der letzte Spross (9) – Amy

Der letzte Spross (10) – Das Schulfräulein

Der letzte Spross (11) – Das Sanatorium

Der letzte Spross (12) – Hausgeister

Der letzte Spross (13) – Offenbarungen

Der letzte Spross (14) – Emily in Öl

EMILYS PERSÖNLICHE NOTIZEN

Der letzte Spross (15) – Die alte Eiche

Der letzte Spross (16) – Die geheime Bucht

Der letzte Spross (17) – Spuk im Cottage

Der letzte Spross (18) – Tudor-Haus

TANTE NELLY ERZÄHLT

Der letzte Spross (19) – Auf den Spuren der da Larucs

TANTE NELLY ERZÄHLT WEITER

Der letzte Spross (20) – Die wandelnde Quelle

TANTE NELLY KOMMT ZUM ENDE

Der letzte Spross (21) – Wurzeln

Der letzte Spross (22) – Enthüllungen

Der letzte Spross (23) – Die Schriften

Der letzte Spross (24) – Neue kalte Welt

Der letzte Spross (25) – Die „goldene Ära“

Der letzte Spross (26) – Das Eibenherz

Der letzte Spross (27) – Zu Besuch

Der letzte Spross (28) – Mrs. Finch

Der letzte Spross (29) – Der Traumraum

Der letzte Spross (30) – Zurück im Tudor-Haus

Der letzte Spross (31) – Die fünf Weisen

Der letzte Spross (32) – Das Grammophon

Der letzte Spross (33) – Der letzte Spross

EPILOG

GLOSSAR

PERSONENVERZEICHNIS

MEIN DANK GILT

LETZTE ANMERKUNGEN

Klappentext

„Es braucht nur einen, der an uns glaubt;
nur einen, dem Du diese Geschichte erzählen kannst …“

Das ausgehende 19. Jahrhundert zieht Nicolae und seine Familie in einen Strudel aus Aufbruch- und Endzeitstimmung.

Die Londoner und Bukarester Kreise, in denen sie sich bewegen, zeugen vom Zerfall einer Epoche und der verzweifelten Suche nach neuen Werten.

Familiäre Veränderungen und Enthüllungen konfrontieren Nicolae immer wieder mit seiner Vergangenheit – und mit seiner Schuld. Die Dämonen sind noch lange nicht besiegt. Mit aller Macht kämpft er um sein Glück und den Erhalt seiner Familie.

Mit der nächsten Generation wird die Geschichte der da Larucs weitererzählt.

Sichtweisen verändern sich, Schleier heben sich.

Band 7 der Nicolae-Saga:

Das Ende einer Epoche. Das Ende einer Geschichte.

Und der Anfang einer großen Hoffnung.

Buch und Autorin

Mit dem vorliegenden siebten Band der Nicolae-Saga wird die Romanreihe abgeschlossen. „Die magische Zahl ist erreicht“, so die Autorin. Zwei mal sieben Jahre hat die Schaffensperiode gedauert, in der eine eigene Welt entstanden ist – die Welt der da Larucs. Die Familie ist fiktiv. Ihr Vorfahre ist es nicht.

Aurelia L. Porter setzt den mittelalterlichen rumänischen Fürsten Vlad III. aus dem Hause Basarab, besser bekannt als „der Pfähler“, vollkommen neu in Szene, beleuchtet die mystischen Seiten und hinterfragt die historischen. Sogar im bahnbrechenden ausgehenden 19. Jahrhundert wabert sein Geist durch die Geschichte und gelangt durch dubiose Umstände in die Feder des irischen Schriftstellers Bram Stoker – und somit später als berühmte Spukgestalt an die Öffentlichkeit. Nicolae sieht den Ruf seiner Familie einmal mehr besudelt. Entschlossen begibt er sich auf Spurensuche, um die Quellen zu ermitteln.

Die Autorin gewährt uns spannende Einblicke in historische Hintergründe und setzt dabei den Fokus auf das gesellschaftliche und kulturelle Leben im viktorianischen England sowie im Königreich Rumänien. Dabei knüpft sie ein Band quer durch Europa.

Bei aller Liebe zum historischen Detail hält sie ein Plädoyer für die Magie der Fantasie und legt es in die Hände des Lesers, diese zu retten …

Zitat

Oh, could I feel as I have felt,

or be what I have been,

Or weep as I could once have wept,

o’er many a vanished scene …

Lord Byron

REISENOTIZEN

TAG 1

Vormittag

Was für eine Bruchbude! Und ich werde sie nicht einmal verkaufen können. Dafür gibt mir doch keiner auch nur eine Zehn-Pfund-Note! Bestimmt ist der Wurm drin. Zumindest im Gebälk, das unentwegt knackt.

Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe, allein herzukommen. Und auch noch hier zu nächtigen! Es zieht durch jede Ritze. Die Dielen knarren zum Gotterbarmen. Und von den Wänden bröckelt der Putz.

Sicher, ich hätte das für mich reservierte Zimmer im Palace Hotel beziehen können, aber ich fühlte mich dort fehl am Platz. Zu vornehm, zu viele steife Oberlippen – und das bereits an der Rezeption! Ich reise schließlich ohne Golfschläger.

Also habe ich mich mit der Adresse und dem Schlüssel in meiner Tasche auf die Socken gemacht. Ich musste mehrfach nach dem Weg fragen. Die meisten schüttelten nur bedauernd den Kopf und rieten mir, beim Postamt nachzufragen.

Kein Wunder, die heruntergekommene Bude ist von der Landstraße aus nicht zu sehen, weil sie vollständig von Wildnis umwuchert ist. Sie muss seit Jahrzehnten unbewohnt sein. Als ich sie endlich entdeckte, weil ein kleiner Junge, der hier öfters mit seinen Freunden zum Spielen herkommt, mir den Weg gewiesen hat, wurde es bereits dunkel.

Noch nicht einmal elektrisches Licht gibt es hier! Immerhin fand ich ein paar Kerzen in einer verzogenen Tischschublade, die ich nur mit Mühe aufbekam. Ein Feuerzeug hatte ich selbst dabei.

Die Nacht habe ich auf dem durchgesessenen Sofa verbracht. Jetzt tut mir jeder Knochen einzeln weh. Zum Frühstück hatte ich ein paar Hände voll frisch gezapften Brunnenwassers, einen Mars-Riegel, den ich noch in meiner Tasche fand, und eine Zigarette – Den Duft der großen weiten Welt. Ein Passagier auf dem Fährschiff bot sie mir an. „Willst ‘ne Lulle?“, versuchte er mich einzulullen. Ihm gefiel wohl mein wippender Pferdeschwanz, oder die Art, wie ich an der Reling stand und mein Gesicht in die Sonne hielt, auf dass die Sommersprossen auf meiner Nase aufblühen wie Buschwindröschen. Ich begrabe sie jeden Morgen unter einer dicken Schicht Puder. Auch wenn Doris Day sie salonfähig gemacht hat, mich stören sie.

Ich hab Peter Stuyvesant eingesteckt und den Typen stehen lassen.

Mutti sagt, ich darf nicht mit fremden Männern sprechen.

In der Küche fand ich später eine Büchse mit Scottish Shortbread –hart wie Stein. Ein paar Krümel schwarzer Tee waren auch noch da, aber woher soll ich wissen, ob nicht Mäusekötel dazwischen sind? Der runde Deckel in der eckigen Dose war zwar festgerostet, sodass ich ihn nur gewaltsam mit einem ebenso angerosteten Schraubenzieher aufbekam, der in einer der Küchenschubladen vor sich hin rottete, aber man kann ja nie wissen …

Nachher werde ich in den Ort gehen, mir etwas zu essen kaufen und eine Telefonzelle suchen, damit ich zu Hause Bescheid geben kann, dass ich gut angekommen bin. (Die sind hier übrigens rot statt gelb.) Danach werde ich die Nummer meiner englischen Tante wählen, von deren Existenz ich erst seit ungefähr einer Woche weiß. Es war so etwas wie ein Überraschungsgeschenk zur bestandenen Prüfung an der Höheren Handelsschule. Hurra! Ich will nicht undankbar erscheinen, aber wer in meinem Alter träumt nicht eher von einer Vespa? Stattdessen kam ein Umschlag mit der Post, auf der Briefmarke Queen Elizabeth II. Er enthielt eine Hotelreservierung, die Abschrift eines Erbscheins, einen Schlüssel mit Adresse und die Telefonnummer meiner bis dahin unbekannten Tante.

Nachmittag

Ich soll sie Nelly nennen, und sie will versuchen, am Wochenende anzureisen – jedenfalls ist es das, was ich verstanden habe. Mein Schulenglisch ist anscheinend doch nicht so gut, wie ich dachte. Zudem hat der Schlitz im Telefonapparat die Münzen nur so gefressen, sodass das Klimpern Auntys Stimme übertönte. Tante Nelly. Na, so was! Bin gespannt, aus welcher Versenkung sie so plötzlich aufgetaucht ist. Mutti hat sich dazu ausgeschwiegen. Meine Tante würde mir dann alles erklären. Mit diesen Worten überreichte sie mir eine Fahrkarte für die Eisenbahn und eine für die Fähre. Ab Dover fahre ein Zug.

Ich staune immer noch, dass sie mich hat alleine reisen lassen, wo ich doch bis vor Kurzem kaum einen unbegleiteten Schritt außer Haus setzen durfte, weil einem jungen Mädchen wie mir überall Gefahren drohen. Was Wunder, bei den engen Röhrenhosen, in die ihr euch zwängt. Die müssen die Kerle ja ganz kirre machen. Und dann all diese Rocker heutzutage! Sagt die mit der geblümten Kittelschürze und den Lockenwicklern im Haar. Richtig, der obligatorische Schrubber in ihrer Hand fehlte nicht! Aber sie kann auch auf chic mit ihrem Cocktailkleid von Neckermann und den spitzen Pumps mit Pfennigabsätzen, die auf dem Straßenpflaster so laut klappern, weil sie sie der längeren Haltbarkeit wegen mit Metall hat beschlagen lassen. Sie sind ihr ganzer Stolz. Ebenso wie ihre Zigarettenspitze, aus der sie damenhafte Züge nimmt, wenn wir mal in Gesellschaft verkehren, was selten genug vorkommt.

Abend

Es ist herrlich am Wasser. Aber ich mochte mich dort vorhin nicht im Bikini zeigen, sonst habe ich, so allein und unbeschützt ich bin, gleich zwei Tommies an jeder Backe kleben. Lieber warte ich, bis der Strand sich leert. Es ist ohnehin eine schönere Stimmung dann.

Stattdessen habe ich die Bude gelüftet und alles verspakte Gerümpel in den Garten geschleppt. Viel ist nicht zurückgeblieben an brauchbarem Mobiliar, vom Inhalt ganz zu schweigen. Man müsste die Hütte plattmachen, einfach abreißen und neu bauen. Aber wovon?

Der Garten ist gar nicht mal so übel. Verwildert zwar, aber es ließe sich bestimmt etwas daraus machen, wenn man was davon versteht. Ich verstehe nichts davon, denn ich bin in einer Mietswohnung groß geworden. Einen Balkon haben wir, mit ein paar Geranientöpfen am Geländer. Sie erinnern Mutti an Italien, sagt sie, und den azurblauen Himmel dort – obwohl sie den nur aus Caterina Valentes und Adriano Celentanos Schlagern kennt.

Eine weitere Nacht auf diesem furchtbaren Sofa steht an. Vielleicht sollte ich lieber auf dem Fußboden schlafen …

Es gibt noch zwei winzige Schlafräume mit richtigen Betten, aber in den Matratzen wohnen die Motten. Igitt!

Mutti hatte mich gewarnt, die Engländer hätten es nicht so mit der Reinlichkeit. Okay, ich muss nicht vom Fußboden essen können wie bei uns zu Hause, wo Mutti alles mit Ata scheuert und mit Sagrotan nachbearbeitet, sodass nicht der winzigste Keim eine Überlebenschance hat, aber das hier …? Zumutung – lautet das Wort, das mir dazu einfällt.

Naja, ich hätte es ja wesentlich luxuriöser haben können im Hotel. Aber hier kann ich wenigsten tun und lassen, was ich will, ohne dass ich mich an irgendwelche Anstandsregeln halten muss, von denen ich

ohnehin wenig Ahnung habe. Es ist sehr angenehm, mal ohne Muttis ewige Ermahnungen einfach nur in den Tag hineinzuleben.

Sitz gerade, sonst kriegst du einen Buckel! Nimm den Kaugummi aus dem Mund! Schlag die Beine übereinander! Mach den Mund zu, es zieht! Und vor allem: Lächle, sonst kriegst du keinen Mann!

Warum hat mir mein unbekanntes Tantchen nicht einfach ein Bed & Breakfast an der Promenade gebucht, mit einer typisch englischen Landlady, die mich nach Strich und Faden verwöhnt? Das hätte ich mir gefallen lassen! Orange juice und ham and eggs zum Frühstück kenne ich nur aus dem Englischbuch in der Schule. Zu Hause gibt’s immer Marmeladenbrot zum Caro-Kaffee und sonntags auch mal Rosinenstuten mit einem hart gekochten Ei. Klöben, sagt Mutti dazu, und zum Kaffee Muckefuck. Echten können wir uns nicht leisten, den gibt’s nur zu Feiertagen.

Zum Abendbrot werde ich mir eine kalte Fleischpastete reinwürgen, und sie mit Cola runterspülen. – Wenn das Mutti wüsste!

TAG 2

Am Morgen

Ich bin völlig gerädert. Und aufgeregt!

Gestern Abend, als ich mich aufs Sofa hauen wollte, bin ich über die jetzt frei liegende Teppichkante gestolpert. Sie blieb umgeschlagen liegen. Als ich sie wieder richten wollte, fiel mein Blick auf eine lose Bodendiele unterhalb des Sofas. Darum schob ich es ein wenig zur Seite. Etwas Helles schimmerte aus dem Spalt hervor, und als ich die Diele anhob, erblickte ich drei gebündelte Briefe und ein Tagebuch.

Klar, dass ich sie sofort aus ihrem Versteck holte, eingestaubt und vergilbt, wie sie da wer weiß wie lange schon lagen und darauf warteten, gelesen zu werden. Ich habe mir zunächst das Tagebuch vorgenommen. Es ist in rotbraunes Leder gebunden, mit Goldschnitt, prall gefüllt mit hauchfeinen Seiten und einer energischen, ebenmäßigen Handschrift. Es stammt noch aus dem letzten Jahrhundert und beginnt mit dem 16. Februar 1882. Fast achtzig Jahre ist das jetzt her! Die unbekannte Schreiberin ist anscheinend eine schon etwas ältere Londoner Wissenschaftlerin, die kurz vor der Hochzeit steht. Doch dann bringt ein plötzlich auftauchender ausländischer Graf, den sie von früher kennt und das Mysterium nennt, ihre Gefühle völlig durcheinander. Er ist von einer seltsamen Macht umgeben und manipuliert sein Umfeld, ohne dass dieses es überhaupt bemerkt. Nur sie durchschaut ihn und kann sich ihm trotzdem nicht entziehen. Schlimmer noch, sie fühlt sich zu ihm hingezogen, obwohl sie sich mit aller Kraft dagegen wehrt.

Der Graf stellt sich ein paar Zeilen später als Vater ihres Neffen und ihrer Nichte heraus, dem sie einst geholfen hat, diese großzuziehen. Doch das war in einem anderen Leben, mit dem sie abgeschlossen zu haben hoffte. Ein ominöses Amulett, welches sie in einer Silberschatulle vergraben hatte, die sie nun wieder ans Licht geholt hat, scheint der Schlüssel zu allem zu sein. Es birgt all ihre Erinnerungen, die in ihrem neuen Leben keinen Platz mehr haben dürfen. Sie weiß: wenn sie die Schatulle öffnet, öffnet sie eine Tür zur Vergangenheit – und damit zu ihm, den sie ebenso verabscheut wie begehrt. Der Zwiespalt, in dem sie steckt, ist furchtbar und droht sie zu zerreißen. Selbst ihre Heirat mit einem Neurologen, den sie zärtlich liebt, kann diesen Spuk nicht beenden. Immer größer wird ihre Sehnsucht nach dem geheimnisvollen Grafen …

Ich kann es kaum erwarten, zu erfahren, wie es weitergeht! Ich wünschte nur, ich könnte schneller lesen. Aber erstens habe ich Mühe, die geschwungene Handschrift im Kerzenschein zu entziffern, und zweitens muss ich viele Wörter in meinem Langenscheidt nachschlagen. Das hält ziemlich auf. Letzte Nacht habe ich gelesen, bis mir die Augen zufielen. Da wurde es bereits wieder hell.

Später am Tag

Ich habe in einem Tea-Room eine Tasse Tee getrunken und ein Sandwich gegessen. Anschließend bin ich auf der Promenade spazieren gegangen, denn es ist heute ein herrlicher Sommertag.

Ich sollte mir einen Strohhut kaufen. Zu viel Sonne bekommt mir nicht. Das habe ich mit den Engländern gemeinsam. Sie laufen hier alle rot wie die Krebse herum.

Ich habe mir den Guardian mitgebracht.

Die heutige Schlagzeile: Das Ober- und das Unterhaus stimmen dem Beitritt Großbritanniens zur EWG zu.

Na, also. Wir wachsen zusammen, zumindest wirtschaftlich. Dafür droht in Berlin die Zonengrenze geschlossen zu werden, wie ich dem winzigen Artikel auf der letzten Seite „Aus aller Welt“ entnehme. Die Flüchtlingszahlen aus Ost nach West sollen in den letzten Tagen weiterhin drastisch angestiegen sein.

Komisch, diese Meldung scheint mit mir nicht mehr das Geringste zu tun zu haben. Berlin ist plötzlich so weit weg. Nicht nur geografisch.

Ich muss zurück zu Judiths Tagebuch, denn so heißt die fleißige Tagebuchschreiberin.

Am Nachmittag

Was für Wechselbäder der Gefühle. Die Ärmste!

Alles ist wieder im Lot, schrieb Judith am 4. März 1883. Sie hatte beschlossen, die Finger von der Schatulle zu lassen, und schien ihren Seelenfrieden wiedergefunden zu haben. Ein ganzes Jahr lang erfolgte kein Eintrag. Man kann also davon ausgehen, dass sie in dieser Zeit eine glückliche Ehe mit ihrem Edward führte, in der ihr entweder nichts Außergewöhnliches widerfuhr oder in der sie einfach keine Zeit fand, ihr Tagebuch zu führen. Seiten wurden jedenfalls keine herausgerissen.

Zu meiner großen Überraschung hat sie nach der langen Zeit dann doch noch die Schatulle geöffnet – und damit all ihre Erinnerungen und Sehnsüchte freigesetzt.

Warum tat sie das? Sie wusste doch um die Gefahr …

Etwas später

Sie wolle Gewissheit, schreibt sie, denn sie sei eine Frau der Wissenschaft – ungewöhnlich für die Zeit, in der sie lebte.

Und prompt beginnt sie an ihrer Ehe zu zweifeln. Wie eine Droge wirkt das Amulett, sie kann einfach nicht davon lassen. Je häufiger sie es zur Hand nimmt, desto größer wird ihr Verlangen danach – und natürlich nach IHM, dem ominösen Grafen. Eine unbändige Liebe entbrennt in ihr, aufregend und verboten!

Aber dies ist kein kitschiger Liebesroman aus viktorianischen Zeiten. Es ist das Tagebuch einer vernunftbegabten Frau Ende des letzten Jahrhunderts. Sie hat tatsächlich existiert.

Wie können Erinnerungen so viel Macht über einen haben? Wie kann überhaupt etwas oder jemand so viel Macht über einen haben?

Judith quält sich mit dieser Sünde und glaubt, ihren Mann jeden Tag gedanklich und in ihren Träumen zu betrügen, was er – der beste Ehemann aller Zeiten – nicht verdient habe. Trotzdem kann sie nicht anders. In ihrer Not wendet sie sich an ihre Freundin Jane, die in einem Cottage in der Grafschaft Kent wohnt.

Mir stockte der Atem, als ich von einer losen Bodendiele las, in der einst die Briefe ihrer Schwester versteckt gehalten worden waren. Sollte etwa dieselbe Diele gemeint sein, in der ich nach achtzig Jahren ihr Tagebuch und das mir noch unbekannte Bündel Briefe gefunden habe? Hat sich die Szene zwischen den beiden Frauen womöglich genau hier, in dieser Bruchbude zugetragen?

Und heißt die Kirche in diesem Ort nicht ebenfalls St. Mary’s? Davon ist in dem Tagebuch nämlich die Rede. Höchste Zeit, dass ich mir mal die Füße vertrete!

Viel später

So ist es.

Ich habe einen Rundgang über den Friedhof gemacht und mir die Gräber angeschaut. Aber die Steine sind ziemlich verwittert, die Inschriften teilweise kaum zu lesen. Ich konnte jedenfalls keine Judith Williams darunter entdecken. Ein junger Vikar lief mir über den Weg. Er war so freundlich, mich einen Blick ins Innere der Kirche werfen zu lassen. Sie ist prachtvoll. Besonders der Altar. Stolz hat er mir von ihrer langen Historie erzählt. Ich konnte sein Englisch gut verstehen. Er fragte, ob ich hier Badeurlaub mache und woher ich komme. Ich bejahte, sagte ihm, dass ich aus Deutschland bin, und log, dass ich im Palace Hotel wohne.

Ich weiß nicht, warum ich das tat. Ich hatte plötzlich das Gefühl, mich verbotenerweise im Cottage aufzuhalten. Als wäre es ein geweihter Ort. Oder als würden noch die Geister aus alten Tagen darin wohnen und ich diese in ihrem Frieden stören. Schließlich war das Tagebuch nicht für meine Augen bestimmt. Wie indiskret von mir!

Anschließend trieb mich mein knurrender Magen hinunter zum Hafen. Dort fand ich eine Fish 'n' Chips Bude. Panierter Fisch mit Pommes in Zeitungspapier. Und dann kippen die Engländer auch noch Essig über das Ganze. Nun ja, ich muss zugeben, dass mir das fettige Zeug verdammt gut schmeckte. – Keine Kraftausdrücke! Entschuldige Mutti. – Auf jeden Fall dürfte es eine Weile vorhalten.

Das Essen wird allmählich zum Problem. Hätte ich einen Kühlschrank, könnte ich mir Milch kaufen und mich von Cornflakes ernähren. Aber so etwas Modernes hat diese Hütte wahrscheinlich noch nie gesehen. Irgendwie sympathisch!

Allmählich fange ich an, den alten Schuppen mit anderen Augen zu sehen. Das ging schnell.

Abends

Ich habe Judiths irische Großmutter Granny Bridget kennengelernt und Judiths Vater, den Vikar, sterben sehen. Er soll ihre Schwester getötet haben. Du lieber Himmel, was für eine Familie!

Das Kerzenlicht flackert in einer Tour. Als ob Geister hier umherschleichen …

Ich kann kaum noch die Augen offen halten und sollte mich besser schlafen legen. Nur noch ein paar Zeilen …

Sie tut’s! Sie verlässt ihn!!!

Nach drei Jahren Ehe und Selbstquälerei gesteht Judith sich endlich ihre wahre Liebe ein und reist zu ihm. GOTT SEI DANK. Nun kann ich endlich mein müdes Haupt beruhigt niederlegen.

TAG 3

Letzte Nacht hatte ich seltsame Träume. Was mich wundert, denn ich hatte eigentlich den Eindruck, nicht ein Auge zugetan zu haben. Naja, es knackte überall und der Wind pfiff durch die Fensterritzen. Ringsumher sind nichts als Wiesen, Felder und Weiden sowie ein Wäldchen. Wenn Mutti wüsste, dass ich hier so ganz abgeschieden hause und dann auch noch in einem fremden Land …

Ich muss wahnsinnig sein! Wenn mir etwas passierte, könnte ich noch nicht einmal Hilfe holen. Das Cottage liegt total im Abseits. Um in den Ort zu gelangen, muss ich einen fünfzehnminütigen strammen Fußmarsch hinlegen. Tagsüber ist es hier richtig idyllisch, ich könnte splitterfasernackt sonnenbaden, wenn ich nicht so eine helle Haut hätte. Aber nachts …

Vielleicht lag es auch nur an dem fettigen Fisch, der mir im Magen lag. Oder an meiner Bettlektüre, die mich so unruhig schlafen ließ.

Judith scheint unverrichteter Dinge nach Hause zurückgekehrt zu sein, zu ihrem Edward. Ohne Erklärung. Zu meiner großen Enttäuschung klafft in ihrem Tagebuch eine Lücke von sage und schreibe fünf Jahren! Ich werde also niemals erfahren, was geschehen ist.

Erst Ende 1890 erfolgt der nächste Eintrag. Nichte und Neffe samt dem Grafen weilen zu jener Zeit wieder in London, bzw. in Hampstead Heath, wo sie ein altes Herrenhaus im Tudor-Stil bewohnen.

Judith spricht von Güte und Harmonie – von Liebe kein Wort!

Wodurch sie wohl wieder zur Besinnung gekommen ist? Schade. Und doch trauert sie heimlich ihrer wahren Liebe nach.

Ein paar Seiten weiter schildert sie etwas Unfassbares: Ein Attentat wurde auf die Familie verübt! Glücklicherweise konnten sich alle in Sicherheit bringen und in ihrem Heimatland untertauchen, wo auch immer das sein mag. Und als wäre das nicht schon schlimm genug – zumindest einen Tagebucheintrag wert! –, deckt Judith hinterher Ungeheuerliches am verlassenen Tatort auf, an dem nur ein kläglicher Rest an Dienerschaft zurückgeblieben ist. Die meisten sind vor Entsetzen geflohen. Es wird stellenweise derart abstrus, dass ich die Zeilen mehrfach lesen musste, weil ich dachte, sie missverstanden zu haben. Demnach gab es bei dem Überfall – Judith spricht von einem hinterlistigen Anschlag – zwei Tote: der alte Gärtner und ein Stallknecht. Diese hatten ihrer Herrschaft wohl zu Hilfe eilen wollen. So ganz habe ich die Zusammenhänge jedoch nicht begriffen. Es las sich so, als ob das jüngste Kind der Familie entführt werden sollte. Der geschockte Gärtnersohn, der seinen Vater hat sterben sehen, spricht Judith gegenüber von Reitern mit Fackeln und Schwertern, wildem Gemetzel und einem Wald von Gepfählten. – Na, er wird wohl zu viele Horrorfilme im Kino gesehen haben. Obwohl es damals so etwas doch noch gar nicht gab, oder?

Judith war jedenfalls unerschrocken genug, den Ort des Grauens in Augenschein zu nehmen. Wie nicht anders erwartet, konnte sie nichts entdecken – keinen einzigen Pfahl, keine einzige Leiche. In seiner Panik hatte sich der arme Junge das wohl nur eingebildet.

Ich meine … Gepfählte, also bitte! Ich weiß nicht, ob Bram Stoker seinen „Dracula“ zu dem Zeitpunkt bereits veröffentlicht hatte, ich glaube eher nicht. Ansonsten hätte ich vermutet, dass dem Jungen nach einer solchen Lektüre die Fantasie durchgegangen ist. Wahrscheinlich fehlte ihm eine Mutter wie die meine, die ihn ständig ermahnt, zur Abwechslung mal etwas Anständiges zu lesen.

Was das denn bitte schön sei?, habe ich Mutti unlängst gefragt.

Na, so was wie „Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm oder „Der Mann im Strom“ von Siegfried Lenz.

Nur weil sie im Bertelsmann-Lesering ist! Komisch, ich habe sie noch nie mit der angepriesenen Lektüre vor der Nase angetroffen, die zieren lediglich unser Bücherregal. Umso häufiger blättert sie in Illustrierten, wenn es wieder irgendwelche Skandalgeschichten um Liz Taylor gibt oder Sophia Loren auf dem Titelblatt prangt. Die Hören und Sehen gehört ohnehin zu ihrer Lieblingslektüre, sobald Nadja Tiller in ihrem Nerz oder Lieselotte Pulver mit ihrem Bubikopf vom Titelblatt lächelt. Dabei haben wir nicht einmal einen Fernseher! Zum Fernsehen gehen wir immer zu ihrer Freundin rüber, die im Nebenhaus wohnt. Deren Mann hat oft Nachtdienst, dann dürfen wir seinen Platz einnehmen.

Aber jetzt bin ich völlig vom Thema abgekommen.

Jedenfalls kamen Judith nach dem geschilderten Horrorszenario verstörende Bilder in den Sinn, als hätte sie etwas Derartiges schon einmal mit eigenen Augen gesehen – in einem Traum, in einer Vision, auf einer Reise? Auf jeden Fall in einem Wald. Deshalb war sie geneigt, dem Jungen zu glauben.

Erst ein halbes Jahr später folgt der nächste Tagebucheintrag. Von einer Miss Farrell ist dort die Rede, der Judith zur Flucht verhelfen soll, weil die Attentäter nun auch hinter ihr her seien, da sie eine Freundin des Hauses gewesen sei und um die Natur der Familie wisse. Was soll das denn heißen?

Dann wird es immer verworrener. Zwei Absätze weiter verdächtigt Judith plötzlich ihren Ehemann. Wessen, begreife ich allerdings nicht. Des Verrats! Verrat an wem? An der Familie? An ihr? Und wieso? Worum geht es da eigentlich?

Ich glaube, ich war zu müde, um dem folgen zu können. Ich werde die Passagen nachher noch einmal lesen.

Mein ewig knurrender Magen holt mich in die Gegenwart zurück. Es ist heiß heute. Ich habe es mir unter dem grünen Dach der Linde gemütlich gemacht, wozu ich erst einmal mit einer kleinen Sichel, die ich im Schuppen fand, den Urwuchs bekämpfen musste. Scharf ist sie natürlich nicht mehr, darum konnte ich mein Plätzchen damit nur plattklopfen.

Vorhin war ich einkaufen und habe mich mit einer Schachtel Pall Mall Blue, einem Schokoriegel – Cadbury’s Dairy Milk für die Extraportion Milch! – und einer Tüte Lakritz ausgestattet. Obendrein eine Packung Kaugummi. Das muss eine Weile vorhalten.

Am Nachmittag

Ich bin unter der Linde eingeschlafen. Kein Wunder, viel Schlaf habe ich in diesem Land bisher nicht bekommen.

Gleich werde ich auf die Promenade gehen und mir in einem dieser überteuerten Hotels ein Abendessen gönnen. Irgendwann muss ich ja mal etwas Vernünftiges zwischen die Zähne bekommen, sonst falle ich noch ganz vom Fleisch, wie Mutti sagen würde. Nur Süßigkeiten und Zigaretten sind auf Dauer auch keine Lösung – obwohl Zucker ja zaubern soll!

Spät am Abend

Ich wünschte, meine mir unbekannte Tante wäre schon da! Gleich, wie steif ihre Oberlippe auch sein mag, und selbst wenn sie mir das Kaugummikauen und Rauchen verbieten sollte, ich nähme alles in Kauf, um nicht länger alleine zu sein.

Nein, mir ist kein Tommy über den Weg gelaufen, der mir auf den Leib gerückt wäre – leider nicht! Aber vielleicht ein Geist.

Ich habe unten am Strand gesessen, in einer kleinen Bucht abseits des öffentlichen Badebetriebes. Es war sehr schön dort. Von einem Felsen, der halb ins Wasser ragt, sah ich zu, wie die letzten Sonnenstrahlen im Meer versanken – echt romantisch! Sie tauchten die Kreidefelsen von Dover, die man von dort sehen kann, in ein rosa Licht. Meine Freundin Gisela wäre ausgeflippt vor Begeisterung. Sie hat’s nämlich mit der Malerei und ein Faible für kitschige Postkartenmotive. Ich darf nicht vergessen, ihr eine zu schicken. Jedenfalls wurde das Rauschen der Brandung allmählich leiser. Der Wind hatte nachgelassen und eine friedvolle Stille breitete sich aus. Eine Möwe, die an der Wasserkante nach Nahrung suchte, flog plötzlich wie aufgescheucht davon. Da war mir, als summte jemand ein Lied. Ich sah mich suchend um. Aber der Strand war leer. Schon dachte ich, ich hätte es mir nur eingebildet, da vernahm ich die Töne wieder. Und selbst jetzt bekomme ich die Melodie nicht aus meinem Kopf. Das Eigenartige daran ist, dass sie mir bekannt vorkommt, obwohl ich schwören könnte, sie nie zuvor gehört zu haben!

Was hat das zu bedeuten?

Als es dunkel wurde, habe ich den Strand verlassen. Für den Weg die Klippen hinauf reichte das Tageslicht gerade noch aus. Oben am Küstenweg hatte ich hinter einem Ginsterbusch ein Fahrrad deponiert, das ich vorhin im Schuppen unter einer Plane gefunden hatte. In einem der Regale lag sogar noch eine eingesponnene Luftpumpe. Es muss ein furchtbar altes Vehikel sein, so schwer, wie es sich treten lässt. Aber immerhin fährt es, trotz rostiger Kette. Gerade als ich für den Heimweg den alten Drahtesel besteigen wollte, überkam mich das unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden. Wieder ließ ich meine Blicke schweifen, aber es war rein niemand zu sehen.

Ich bin wohl noch niemals zuvor so schnell in die Pedale getreten. Kurz vor dem Cottage wäre ich fast von einem Auto erfasst worden, weil ich in meiner Aufregung vergessen hatte, auf der linken Seite zu fahren. Die Straßen hier sind echt eng und kurvig.

Kurz vorm Schlafengehen

Zurück zu Judith. Sie ist im Besitz von begehrlichem Wissen und hat ihren Mann in Verdacht, ihr Tagebuch gelesen zu haben. Immer wieder geht es dabei um die Natur ihres Neffen und dessen Familie. Einem namens Dorin, der bei ihnen ein- und ausging und am selben Institut wie ihr Mann arbeitete, hatte man anscheinend ebenfalls nach dem Leben getrachtet und ihn mitten auf der Straße niedergestochen. Ich weiß nicht, in welch verwandtschaftlichem Verhältnis er zur Familie steht, das ging aus den Notizen nicht hervor. Das Seltsame ist, dass Dr. Williams hinterher niemals mit seiner Frau über dieses schreckliche Erlebnis geredet hat, dabei war er derjenige, der Dorin als Erster zu Hilfe geeilt war, als dieser blutend am Boden lag. Wann immer Judith darauf zu sprechen kommen wollte, gab Edward vor, sich nicht zu erinnern. Ich meine, das ist schon mehr als seltsam, oder? So etwas vergisst man doch nicht! Aber dann erinnert sich Judith daran, dass sie selbst etwas erfolgreich verdrängt hatte – und zwar ihre Erinnerungen an die Zeit unmittelbar nach ihrem Ausbruchversuch aus ihrer Ehe, als ich dachte, sie würde zu ihrer wahren Liebe, dem Grafen, zurückkehren. Diese Zeit hat nicht nur eine Lücke in ihrem Tagebuch hinterlassen, sondern anscheinend auch in ihrem Gedächtnis. Erst die Stätte des Überfalls auf dem Anwesen der Familie hat offenbar eine Tür zu dieser Vergangenheit geöffnet. Doch das Einzige, was ich aus den gerade gelesenen Zeilen entnehmen kann, ist, dass sie seinerzeit in Rumänien war.

TAG 4

Er hat’s tatsächlich getan! Judith hat ihren Mann im Januar 1892 inflagranti erwischt, als er in ihrem Tagebuch gelesen hat. Um das Ganze noch absonderlicher zu machen, soll er dabei unter Hypnose gestanden haben, wurde also von Unbekannten dazu angestiftet, um an interne Informationen über DIE FAMILIE zu kommen.

Was ist denn mit ihnen? Was macht sie so besonders oder interessant oder gefährlich oder was weiß ich? Nun wird alles furchtbar traurig. Dieser Tabubruch zerschmettert Judiths Ehe mit einem einzigen gewaltigen Hieb. Sie kann sich ihrem Mann nicht mehr anvertrauen, steht allein mit ihrem Kummer, weiß nicht mehr, wem sie noch trauen kann und wem nicht.

Ihr ehemaliger Schwager Peter taucht auf. Er scheint der Ehemann ihrer vom Vater ermordeten Schwester Becky gewesen zu sein und Vater ihres Neffen und ihrer Nichte. Versteh ich nicht, ich dachte, der ominöse Graf sei der Vater der beiden. Sie schreibt jedoch, Natalia trage einen Teil Beckys Liebe zu Peter in sich – hm.

Und dann schleicht sich da plötzlich dieser eine Satz ein, so ganz unbemerkt von der Seite, sodass man ihm zunächst gar nicht so viel Bedeutung beimisst. Ich zitiere Peter: Sie sind Seelenfänger, Judith. Man versucht ihnen schon seit Jahrhunderten das Handwerk zu legen.

Wie bitte? Was habe ich mir denn darunter vorzustellen? Sind die eine Art Sekte oder was?

An der Stelle konnte ich letzte Nacht leider nicht weiterlesen, weil ich meinte, ein Geräusch im Garten zu hören. Schnell löschte ich die Kerze und stierte hinaus. Aber ich konnte nichts erkennen. Wahrscheinlich war es nur der Wind, der in den Ästen ächzte. Aber es war ja total windstill!

Nach einer Weile zündete ich die Kerze wieder an, um weiterzulesen, da hörte ich das Geräusch wieder, diesmal deutlicher, wie ein Flattern. Aber die Vögel schliefen längst. Nicht einmal der Ruf eines Käuzchens war zu hören – obwohl ich ehrlich gesagt gar nicht weiß, wie der überhaupt klingt, weil ich in der Stadt aufgewachsen bin. Also pustete ich die Flamme wieder aus und wickelte mich fest in die muffige Wolldecke ein.

Ich kann nicht gerade behaupten, geschlafen zu haben. Es war mehr ein Hin- und Herwälzen. Ich war froh, als der Morgen endlich dämmerte.

Das Alleinsein bekommt mir ganz und gar nicht. Es wird Zeit, dass Aunty Nelly übermorgen kommt! Und ich dachte, es wäre klasse, mal ein paar Tage allein zu sein und machen zu können, was man will: Kaugummiblasen zerplatzen lassen, so oft ich lustig bin, Cola direkt aus der Flasche trinken und eine nach der anderen paffen, bis mir schlecht wird. Als Betthupferl Karamellbonbons – nach dem Zähneputzen, liebe Mutti! –, auf das ich hier sowieso verzichte. Ich müsste mir sonst die angestoßene Emaille-Schüssel mit Wasser aus dem Brunnen füllen. Falls ich es noch nicht erwähnte: ein Badezimmer hat diese Bude selbstverständlich nicht! Dafür ein Plumpsklo in der hintersten Gartenecke, da, wo sich die Fliegen auffällig tummeln, seit ich von dem Örtchen Gebrauch mache. Naja, es gibt Schlimmeres: unser Etagenklo daheim zum Beispiel. Das ist nämlich, wenn’s am dollsten pressiert, meist von irgendwelchen Nachbarn besetzt, die dort stundenlang nur laue Luft ablassen.

Nachmittags

Heute Vormittag war ich auf der Promenade und habe mir einen Sonnenhut und ein Eis gekauft. Endlich Ferienfeeling!

Es stimmt nicht, dass nur Italiener gutes Eis machen. Das Flake 99 war himmlisch schmelzig-vanillig mit einem Stück knackiger Borkenschokolade on top.

Ich sollte in Reklame machen! Das sagt Mutti immer, weil ich die so gerne schaue, wenn wir bei ihrer Freundin Lilo fernsehen.

Als ich später in einem Lokal an der Promenade eine Limo trank, sprach mich ein Herr an, jung oder alt, weiß ich nicht zu sagen.

Ob er sich mit an meinen Tisch setzen dürfe, fragte er, nachdem er mich höflich um Verzeihung gebeten und seinen Hut vor mir gezogen hatte.

Sämtliche Tische waren belegt. Da konnte ich es ihm ja schlecht abschlagen, oder? Außerdem sah er fesch aus in seinen hellen Shorts und den Leinenslipper, in denen er barfuß steckte. Er bestellte sich irgendwas mit Eiswürfeln in einem breiten Glas und einer Scheibe grüner Zitrone obenauf. Dann zückte er ein silbernes Zigarettenetui und bot mir eine an.

Und was tat ich dumme Gans? Ich lehnte höflich ab und behauptete, nicht zu rauchen! Warum? Es wäre doch die Gelegenheit für ihn gewesen, mir beim Feuergeben unauffällig näherzukommen.

Während ich mich noch über mich selbst ärgerte, lehnte er sich entspannt in seinem Stuhl zurück und nahm in sich hineinlächelnd einen tiefen Zug aus seiner Zigarette, wobei er genüsslich aufs Meer hinausschaute. So genau kann ich es aber nicht sagen, denn er trug eine Sonnenbrille.

Linkisch griff ich nach meinem Glas und schlürfte den Rest Limo durch den Strohhalm. Natürlich machte es dieses peinlich laute Geräusch, das Kinder so gerne fabrizieren. Ich kam mir vor wie ein Teenager, keinesfalls wie eine neunzehneinhalbjährige Erwachsene.

Warum nur hatte ich mir, bevor ich herkam, nicht die Lippen nachgezogen und die Nase gepudert?

Wie lässig er dasaß, das eine Bein über das andere geschlagen, einen Arm angewinkelt auf der Rückenlehne des Stuhles ruhend, sodass seine Hand entspannt in der Luft hing, während er mit der anderen die Zigarette zu seinen wohlgeformten Lippen führte. Sein Gesicht war glatt rasiert, bestimmt mit der Klinge mit dem Doppelschwert, und doch konnte man einen kräftigen dunklen Bartwuchs erahnen.

Zu spät merkte ich, dass er mir eine Frage gestellt hatte. Ich musste nachfragen und mir Mühe geben, nicht zu erröten. Er machte ein wenig Small Talk, das Übliche: Wetter, die diesjährige Badesaison, woher ich käme. Really? From Germany? Also ein Fräuleinwunder? Wieso ich ausgerechnet hier meine Ferien verbrächte. Und wie es komme, dass ich so gänzlich ohne Begleitung …

Meine mir immer noch unbekannte Tante musste herhalten: Ich würde bei ihr den Sommer über wohnen, sie sei schon alt und etwas gebrechlich und freue sich über meine junge Gesellschaft …

Die Unterhaltung wurde zusehends anstrengend. Gerade als ich beschloss zu zahlen, schob er seine Sonnenbrille auf die Nasenspitze und zwei unsagbar tiefblaue Augen schauten mich darüber hinweg an. Blau wie das Meer, ging es mir durch den Sinn. Ich ärgerte mich über den Kitsch in meinem Kopf und wandte den Blick ab. Er hielt es wohl für Schüchternheit, denn ich bemerkte ein belustigtes Zucken in seinem Mundwinkel, bevor er erneut von seinem Getränk nippte.

Mein Gott, hatte dieser Mann schöne Lippen! Sie waren irgendwie perfekt: nicht zu breit, nicht zu schmal, nicht zu blass, nicht zu rot, nicht zu fest, nicht zu weich – obwohl ich Letzteres natürlich nicht beurteilen kann.

Was soll diese Schwärmerei? Und seit wann sind die Lippen eines Mannes von Belang? Erwähnte ich schon das Grübchen an seinem Kinn? Oje, ich bin anscheinend doch noch ein Teenager!

Ob er mich auf ein weiteres Getränk einladen dürfe.

Oho, das hätte ich eher von einem Italiener oder Franzosen erwartet, aber doch nicht von einem steifen Engländer! Seit wann rauschen die so ran?

Bedaure, antwortete ich ihm mit einem wohlerzogenen Lächeln, aber meine Tante würde mit dem Essen auf mich warten.

Wenn ich jetzt sagen würde, dass sein Blick mich gefangen nahm, würde es zwar zutreffen, aber furchtbar abgedroschen klingen.

Im Geiste sah ich bereits die Schlinge um meinen Hals. Daher bedankte ich mich höflich für sein freundliches Angebot, gab aber vor, nun gehen zu müssen.

Die mahnenden Worte meiner Mutter dröhnten mir in den Ohren: Denk dran, Kind, Männer wollen immer nur das eine! – was genau das aber sein soll, hat sie mir nie gesagt, diese geheime Information musste ich mir selbst beschaffen.

Ich spürte seine bedauernden Blicke auf meinem Rücken, als ich ging, und verfluchte mich für meine Blödheit.

Was wäre denn dabei gewesen, es ging doch lediglich um eine Limo!

Stattdessen hocke ich nun wieder in dieser modrigen Hütte und vergrabe mich in die abstruse Geschichte fremder Leute, welche inzwischen „nur noch“ siebzig Jahre zurückliegt.

Abends

Ich kann mich kaum auf Judith konzentrieren. Es ist total schwül. Bestimmt zieht noch ein Gewitter auf. Immer wieder sehe ich diese blauen Augen vor mir. Eigentlich ganz schön dreist. Ich meine, man lädt doch nicht ein wildfremdes junges Mädchen so mir nichts, dir nichts auf ein Getränk ein! Ist das etwa die feine englische Art? Und ich hätte mich auch gar nicht so einfach einladen lassen dürfen! Meine Ablehnung war überhaupt nicht so kindisch, wie sie mir zunächst vorgekommen war, sondern die einzig richtige, nämliche vernünftige und daher erwachsene Art, auf so ein unverschämtes Angebot zu reagieren. – Lackaffe! Auch wenn er Leinenslipper trug, die ziemlich teuer aussahen.

Gott, diese verdammten Augen! – Keine Kraftausdrücke! – Ich weiß, Mutti, ich weiß. Aber in diesem Fall sind sie zutreffend.

Spät in der Nacht

Unglaubliches hat sich zugetragen, während Judith sich bei ihrer Freundin Jane in genau diesem Cottage vom Verrat ihres Mannes zu erholen sucht. Sie ist völlig niedergeschlagen, umso mehr, als Jane ihr die Leviten liest, weil Judith in ihrem Tagebuch Geheimnisse über ihre Familie ausgeplaudert habe.

Ja, was denn, bitte schön?

Vom Bann des Vergessens sei darin die Rede. Doch was soll ich mir darunter vorstellen? Und vom Amulett. Ach du Schreck! Na und? Ist doch bloß Hokuspokus. Und schließlich werde sogar der Wächter mit dem Schlüsselbund in Verkörperung des mysteriösen Grafen erwähnt, von dem ich lediglich weiß, dass er aus Rumänien kommt, einem Land mit tiefen dunklen Wäldern und Bergen, in denen Drachen hausen. So soll es zumindest früher gewesen sein, bevor die Kommunisten ganz Osteuropa in Besitz nahmen, alles Märchenhafte daraus vertrieben und die Länder zu Bauern- und Arbeiterstaaten machten – so haben sie es uns jedenfalls in der Schule erzählt. Der Graf aber stammt aus alten Zeiten, als es noch Adlige gab, welche die Welt wie eine Sahnetorte unter sich aufteilten und Dienstboten für’n Appel und ’n Ei für sich schuften ließen. Seine Macht sei fast unbegrenzt, schreibt Judith. – Echt irre. Wenn das nicht den Stoff für einen spannenden Roman abgibt!

Daraufhin rät Jane Judith doch tatsächlich, das Tagebuch zu verbrennen! Was diese Gott sei Dank nicht getan hat. Auch schreibt sie davon, die verfänglichen Seiten heraustrennen zu wollen, was sie offenbar ebenso unterlassen hat. Stattdessen hat sie – oder Jane? – es hier versteckt.

Anfang Februar reist Judith nach Irland zu ihrer Granny Bridget, die inzwischen schon steinalt ist. Diese feiert mit ihr und den Bewohnern des Fischerdorfs, in dem sie lebt, das Lichterfest Imbolc. Und nun erfahre ich endlich, dass Judiths Großmutter die Hohepriesterin eines alten Druidenordens ist und Judith als Nachfolgerin bestimmt war. Doch diese fand mit ihrem wissenschaftlich geprägten Verstand keinen Zugang zu der Welt ihrer keltischen Ahnen, weswegen ihre jüngere Schwester auserkoren wurde, die es – wie bereits ihre Mutter zuvor – mit dem Leben bezahlen musste. Der Graf – das Mysterium, der Wächter mit dem Schlüsselbund, der dakische Hohepriester – hatte den Auftrag, nun Judith auf diese Aufgabe vorzubereiten. Es wäre ihm fast gelungen, wenn sie sich ihm nicht kurz zuvor wieder entwunden hätte, aus Furcht vor dem Unbegreifbaren. Aus Furcht vor sich selbst.

So stand es dort natürlich nicht, aber ungefähr. Es ist alles etwas nebulös. Immerhin habe ich eine vage Idee bekommen.

An genau der Stelle ist mir das Tagebuch aus der Hand gerutscht und zu Boden gefallen. Dabei haben sich einige, anscheinend nachträglich eingefügte Seiten gelöst. Ich bin zu müde, um sie zu sichten und zu

ordnen, das muss bis morgen warten. Jetzt will ich nur noch schlafen.

TAG 5

Vor dem Frühstück

Ich habe lauter wirres Zeug geträumt und bin mit dem Gefühl aufgewacht, nicht eine Sekunde geschlafen zu haben. Wie immer.

Alles purzelte heute Nacht durcheinander: Meeresrauschen, blaue Augen, das Lichterfest – Letzteres so klar und deutlich, als wäre ich selbst dabei gewesen. Ich meine, wir haben Sommer, es war heute Nacht extrem stickig in der Bude, und doch stand ich an einem eisigen Februarmorgen frierend am Strand, umgeben von einem Lichterkranz, um gemeinsam mit meinen Brüdern und Schwestern das erste Frühlingslicht zu begrüßen, das sich langsam über den Horizont erhob, sich fast unmerklich über dem Meer ausbreitete und schließlich über uns ergoss. Ich sah die vor Frost zitternden Zweige, lauschte den Gesängen der Weißgewandeten, vernahm ihre alte Sprache und erkannte sie wieder, die Melodie, welche ich tags zuvor unten in der Bucht gehört hatte – hier in dieser Welt, in diesem Jahrhundert! Wie kann das sein? Und ich blickte in Granny Bridgets Augen, die von einem irisierenden Blau waren, so wie die des Lackaffen! Ich bin zwei-, dreimal völlig verschwitzt aufgewacht und habe, um mir Kühlung zu verschaffen, den Kopf aus dem Fenster gesteckt. Da war mir, als hörte ich wieder dieses Flattern. Aber ich konnte rein gar nichts erkennen, zumal der Mond immer wieder hinter den schnell ziehenden Wolken verschwand.

Wenig später – glaube ich jedenfalls – zog Sturm auf und fegte brausend durch die Bäume im Garten, sodass ich schon Sorge hatte, er würde das Dach abtragen. Aber es ist ja mit Reet gedeckt, es hält bestimmt den stärksten Seewinden stand. Beruhigt döste ich wieder ein und träumte von allerlei, an das ich mich nicht mehr erinnere. Bis ich in der Ferne das erste Grummeln vernahm. Der Schreck hierüber ließ mich senkrecht vom Sofa hochfahren. Einen Blitzableiter hat diese Bude nämlich nicht und das Reetdach brennt bestimmt wie Zunder! Ich stand auf und schaute aus dem Fenster. Der Mond war inzwischen weitergewandert. Aber es hätte ihn ohnehin nicht gebraucht, denn das Wetterleuchten tauchte die grüne Hölle da draußen für Sekunden in ein unwirklich grelles Licht. Und da sah ich deutlich einen Hund. Er stand direkt unter der Linde und äugte zu mir her. Mir wurde ganz anders. Ich prüfte umgehend, ob die Haustür richtig verschlossen war, und machte vorsichtshalber sämtliche Fenster zu. Wie sollte ich wissen, ob der Köter nicht durch sie hereinkäme, wenn der Hunger ihn dazu trieb. Ich habe keine Erfahrung mit Hunden. Mutti kann sie nicht ausstehen, diese Kläffer, die überall ihr Bein heben und alles ansabbern. Aber kurz darauf glaubte ich zu ersticken, während sich draußen die Luft endlich auf ein erträgliches Maß abkühlte. Also sah ich mich gezwungen, das Fenster wieder einen Spalt breit hochzuschieben. Dabei hielt ich nach dem Hund Ausschau, aber er war nicht mehr da. Ich legte mich wieder hin und versuchte mir einzureden, dass ich ihn mir nur eingebildet hatte.

Ob ich mich dafür verfluche, dass ich nicht im Palace Hotel abgestiegen bin? Ja doch!

Nach dem Frühstück

Also Frühstück ist nun wirklich zu viel gesagt. Es war eine Packung Biscuits mit Custard Cream.

So langsam rebelliert mein Gedärm. Es weigert sich, den Kram zu verdauen, den ich seit Tagen in mich hineinstopfe. Wie bei unseren Nachbarn daheim kommt nur noch laue Luft.

Draußen ist alles nass und es ist merklich abgekühlt. Aber die Sonne tut ihr Bestes, um die aufsteigenden Dunstschichten zu durchdringen. Es dampft von allen Seiten. Die Vögel singen nicht, sie schrillen vor Entzücken. Offenbar fühlen sie sich wie neu geboren. Ich hingegen bin von dieser chaotischen Nacht völlig zerschlagen.

Die Wassermassen, die in den frühen Morgenstunden unaufhörlich heruntergerauscht kamen, ließen mich schon befürchten, dass aus meiner Bude eine Arche Noah würde und ich mich am Morgen auf dem Berge Ararat wiederfände. Also werde ich mich jetzt erst mal eine Runde aufs Sofa hauen und mir den Rest von Judiths Tagebuch vornehmen … und die herausgefallenen Blätter sortieren.

Gegen Mittag

Die Sonne hat den Kampf gegen den Dunst verloren. Draußen ist inzwischen alles zugezogen und es fällt ein feiner Regen – ein frischer Landregen, wie Mutti dazu sagen und wie immer hinzufügen würde: gut für die Vegetation. Als ob diese hier es nötig hätte, es ist das reinste Gewächshaus!

Aber jetzt will ich schnell von Judith berichten, bevor ich mich auf den Weg in den Ort mache. Ich brauche nämlich dringend eine anständige Mahlzeit, mir ist schon ganz blümerant. – Ja, Mutti, du hast mal wieder recht behalten!

Anfang März kehrt Judith nach London zurück, hält es an der Seite ihres Gatten aber nicht aus und fährt wieder hierher zu Jane. Sie sprechen viel über Granny Bridget und die Weisen der Altvorderenzeit. Diese hätten in steter Zwiesprache mit der Natur und mit Gott gestanden, der in allem wohne und alles beseele. Judith erhält damit eine Erklärung für ihre nächtlichen Träume. Sie sind etwas tief in ihr Verborgenes, das an die Oberfläche drängt und ein längst vergessenes Wissen freisetzt, ein Wissen um bestimmte Kräfte und den großen universellen Zusammenhang.

Doch dann folgt die Tragödie schlechthin. Judith bekommt ein Telegramm: Edward, ihr Mann, hat sich umgebracht, mit irgend so einem Zeugs, das sie damals bei Schlafstörungen und jedem kleinen Wehwehchen geschluckt haben. Judith begreift dies als Schuldeingeständnis. Ihre bisherige Welt bricht in sich zusammen. Sie glaubt, an Edwards Seite ein Leben in Lüge geführt zu haben. Am Boden zerstört ruft sie nach ihrem rettenden Engel. Dieser kniet plötzlich tatsächlich neben ihr – in Gestalt des Grafen! Er hilft ihr, wieder auf die Beine zu kommen und nimmt sie schließlich zu sich.

Das sind die letzten Zeilen, geschrieben im Mai 1892, die mit der Frage schließen, ob nun alles wieder gut wird.

Das frage ich mich auch!

Aber was ich mich noch viel mehr frage, ist, ob das Amulett wohl noch immer an den Wurzeln der alten Eiche begraben liegt, wo Jane es einst vor Judith versteckt gehalten hatte, damit diese nicht in Versuchung geriete. Denn die Schatulle, nach der Judith zuletzt immer häufiger gegriffen hatte, war leer!

Ich hätte nicht übel Lust, mich auf die Suche zu machen. Ob ich besagte Eiche wohl finde?

Irgendwann zwischen spätem Nachmittag und frühem Abend

Es bringt keinen Spaß, bei Regen im Wald herumzuspazieren und Bäume zu suchen, darum hatte ich mich dazu entschieden, lieber in den Ort zu radeln, um in einer Teestube eine Kleinigkeit zu essen. Meine Regenjacke klebte eklig auf der feuchten Haut, ich kam völlig verschwitzt dort an.

Die Promenade war wie ausgestorben. Wo sind die Badegäste nur alle hin? Wahrscheinlich sitzen sie in ihren Hotels und Pensionen und spielen Scrabble oder Memory. Das haben Mutti und ich damals auch getan, als wir für eine Woche nach Büsum an die Nordsee gefahren sind. Ich fand’s stinklangweilig, den ganzen Tag in einem dämlichen Strandkorb rumzusitzen und ab und zu durch Matsch zu waten … Schlick, hat Mutti mich korrigiert. Es soll sehr gesund sein, barfuß durch Schlick zu laufen! Und sich die große Zehe an einer scharfkantigen Muschelschale kaputt zu schneiden, habe ich gedanklich hinzugefügt. Das Beste an dem Urlaub – unser bisher einziger! – waren die Krabben auf Schwarzbrot. Die haben wir unten im Hafen fangfrisch vom Kutter gekauft und selbst gepult. Wie die Finger hinterher stanken! Die halbe Woche war Land unter. Wir saßen den ganzen Tag in unserem kärglichen Zimmerchen der Frühstückspension und haben gescrabbelt, was das Zeug hielt. Gut, dass wir überhaupt Spiele mitgenommen hatten, ich wäre sonst umgekommen vor Langeweile! Ich glaube, ich war damals die einzige Dreizehnjährige dort weit und breit.

Während ich vorhin in dem völlig überfüllten Tea-Room lustlos ein labberiges Sandwich kaute – mein Gott, wie ich unser Schwarzbrot vermisse! – und heißen Tee mit Milch dazu schlürfte, wurde mir bewusst, dass ich ab morgen wieder unter ständiger Aufsicht stehe. Dann hat das Lotterleben ein Ende.

Ich versuche mir Tante Nelly vorzustellen. Von der Stimme her klang sie jünger als Mutti. Ich bin sehr gespannt auf ihre Story!

Auf dem Rückweg, ich wollte gerade meinen Drahtesel besteigen, hielt ein Auto neben mir. Der Fahrer kurbelte die völlig beschlagene Scheibe runter, weswegen ich ihn erst dann erkannte. Natürlich, der Lackaffe! Heute aber mit langer Hose – naja, bei dem Wetter. Ob er mich ein Stück mitnehmen könne?

Wie käme ich wohl dazu, zu einem Fremden ins Auto zu steigen? Was bildete er sich denn ein? – Und mein Fahrrad? Das könne ich doch nicht so einfach hier stehen lassen.

Und wie ich das konnte! Zack, saß ich in einem roten mit schwarzen Ledersitzen ausgestatteten Sportwagen, ein Austin Healey 3000, wie ich erfuhr. Er trug Autofahrerhandschuhe aus feinstem Wildleder, beige. Sie saßen wie angegossen. Sein bestimmt teures Eau de Toilette mischte sich mit der Feuchtigkeit, die von meinen nassen Klamotten aufstieg. Mit einem Tuch musste er die sich immer wieder beschlagende Windschutzscheibe frei wischen. Es machte kaum einen Unterschied, der Ausblick blieb grau in grau. Mir war es peinlich, dass ich Sitz und Fußraum dieser Nobelkarosse nass machte, aber er lachte nur darüber, als hätte er mir meine Gedanken von der Stirn abgelesen. Never mind! Sein Garagist würde sich nachher darum kümmern.

Ich kann immer noch nicht fassen, dass ich genau das getan habe, wovor mich Mutti stets gewarnt hat. Wie konnte ich nur?

Mir wurde ziemlich ungemütlich zumute mit ihm allein auf so engem Raum. Er spürte es und verwickelte mich in ein Gespräch. Meine Anspannung wollte jedoch nicht weichen und ich blieb einsilbig. Mit dem Auto sind es ja nur wenige Minuten bis zum Cottage, versicherte ich mir selbst. Und wenn er mich an der Straße absetzt, kann er nicht sehen, wo ich wohne. Er soll keinesfalls mitkriegen, dass ich hier ganz allein hause! Wenn ich heil ankäme, so schwor ich mir, würde ich so etwas nie wieder tun. Einfach zu einem völlig Unbekannten ins Auto zu steigen, also wirklich! Do you like a fruit drop? Erschrocken sah ich auf die dargebotene Dose, die er mir mit einem liebenswürdigen Lächeln hinhielt. Tja, kleine Mädchen lockt man eben mit Bonbons! Dankend lehnte ich ab und bemerkte, dass ich immer mehr zu frösteln begann. Außer einer Tasse Tee hatte ich ja wieder nichts Warmes in den Magen bekommen. Doch mehr kann ich mir beim besten Willen nicht leisten, mein Geld ist fast aufgebraucht. Ich hätte mir den Sonnenhut nicht kaufen dürfen, der bei dieser Wetterlage nun völlig überflüssig geworden ist. Abgesehen davon hätte ich mich ohnehin nicht allein in ein richtiges Restaurant getraut.

Das eintönige Hin und Her der Scheibenwischer sowie das unaufhörliche Plattern des Regens aufs Verdeck ließen meine Lider immer schwerer werden, kaum dass ich Lackäffchens Worten noch folgen konnte, der locker daherplapperte, um mir die Scheu zu nehmen. Einlullen nennt man das. Und leider gelang es ihm. Mein Schlafmangel rächte sich zum ungünstigsten Zeitpunkt. Would you fancy a nice cup of coffee? I can’t do without one in the afternoon, though it isn’t very British. Irgendetwas ließ mich vermuten, dass er nicht aus England stammt, obwohl er das reinste Oxford English spricht, mit leichter Betonung der Vokale, wie es hier im Süden des Landes üblich zu sein scheint. Ich höre sie gern, diese akkurate Sprechweise, die nicht einen einzigen Konsonanten am Ende verschluckt. Nicht so wie die Franzmänner, die in ihrer Kehle drei Buchstaben zu einem einzigen Laut vermengen und als undefinierbaren Klumpen wieder ausspucken. Die hiesige Sprachmelodie weist eine deutlich umfangreichere Tonleiter auf als die unsere. Wie monoton, abgehackt und hart im Vergleich dazu das Deutsche doch klingt.

All das ging mir durch den müden Kopf, während er weitersprach und ein vages Lächeln seine Lippen umspielte. Mein Blick wurde dabei immer wieder von seinem Grübchen am Kinn angezogen. Ich kann kaum fassen, dass ich so etwas überhaupt bemerke, und dann auch noch wiederholt notiere! Erst seine hochgezogene Augenbraue machte mir bewusst, dass ich ihm noch keine Antwort auf seine Einladung zum Kaffee gegeben hatte. I am so sorry but … stotterte ich und hatte vor, abermals mein imaginäres Tantchen vorzuschieben. Yes, please. It would be lovely! – Hatte ich das wirklich gerade geantwortet? Ich muss völlig verrückt geworden sein!

Dieser Lackaffe verwirrt mich, oder wieso habe ich jedes Mal etwas anderes getan und gesagt als beabsichtigt? Als Entschuldigung kann ich nur meine Müdigkeit vorschützen. Wieso aber habe ich dann so nebensächliche Dinge wahrgenommen wie seine Schuhe? Echte Dandy-Schuhe, zweifarbig, braunweiß, mit Lochmuster im Übergang – und diesmal tatsächlich aus Lack! Ich starrte auf sie, als er mir mit aufgespanntem Regenschirm die Wagentür aufhielt und mir beim Aussteigen behilflich war. Wie schaffte er es nur bei diesem Mistwetter, die Hosenbeine seines hellen Sommeranzugs frei von jeglichen Dreckspritzern zu halten?

Wir waren bei einem französischen Café angekommen. Es lag ein ganzes Stück außerhalb des Ortes, eingebettet in einem lauschigen, von Hortensien umsäumten Garten, in dem es von den Blättern nur so tropfte. Die Front war verglast, sodass wir den herrlichen Blick auf die blühenden Beete nicht zu entbehren brauchten. Der Garçon brachte für ihn einen café noir und für mich einen café au lait, dazu frisch gebackene Madeleines. Allein der Duft war überwältigend. Richtiger Kaffee mit noch warmem Gebäck! Mein Dandy spricht übrigens perfektes Französisch – auch das noch! Es sei vermutlich nicht gerade das, was dem Fräulein aus Germany vorschwebe, wenn es das Vereinigte Königreich besuche, aber die Nähe zu Frankreich könne man nun einmal nicht leugnen. Immerhin befänden wir uns hier an der fast engsten Stelle zum Kontinent. Er plauderte ungezwungen und charmant. Er liebe diese kleinen versteckten Oasen. Die Ferienausflügler führen hier so gut wie nie hin. Sie seien zufrieden mit dem Strand und der Promenade, den Spielhallen und Vergnügungspavillons. Er aber liebe das Abgeschiedene und Ursprüngliche. Es seien übrigens echte Franzosen, die das kleine Café hier betrieben, wahrscheinlich die Nachkommen irgendwelcher Schmuggler oder Piraten, ergänzte er augenzwinkernd, während ich mir ungeniert das französische Gebäck einverleibte.

Ich muss auf ihn wohl einen ziemlich ausgehungerten Eindruck gemacht haben. Ob die Frau Tante nicht gut für mich sorge?

Doch, doch, versicherte ich ihm, sie könne nur nicht mehr so lange am Herd stehen, darum schicke sie mich hin und wieder zum Essen holen in den Ort. Vielleicht auch, um ungestört ihren Mittagsschlaf halten zu können, fügte ich haspelnd hinzu.

Die dumme Antwort rettete mich keineswegs. Er lud mich zum Abendessen ein. Keine Sorge, er würde sich natürlich zuvor die Genehmigung der verehrten Frau Tante einholen. Völlig perplex starrte ich ihn an. Dann zog ich die Notbremse. Ich glaube kaum, antwortete ich ihm streng, dass Tante Nelly mich mit einem wildfremden Mann ziehen lässt … Da stutze er. Er bitte vielmals um Verzeihung, beeilte er sich zu erwidern, er habe nichts Unschickliches im Sinn. Es bereite ihm lediglich Freude, einer Touristin Schutz vor dem englischen Wetter zu bieten und ihr etwas Gesellschaft zu leisten. Und was das Wildfremde anbelange … Sinclair, Percival Theodore Sinclair, seine Freunde würden ihn Percy rufen. Und dabei erfassten mich seine Meeresaugen mit einer Treuherzigkeit, die jegliche Zweifel mit einer einzigen Woge hinwegspülte.

Schon zappelte ich im Netz. Und nun? Wie sollte ich mich da wieder hinauswinden? Wie konnte ich jetzt noch Nein sagen? Schlimmer: Wie sollte ich ihm meine nicht anwesende Tante erklären und meinen Wohnort geheim halten? Ich errötete unter seinem Blick. Er sah zwar nicht aus wie ein Massenmörder oder Mädchenentführer, aber was heißt das schon? Er blieb ein Fremder, selbst wenn ich nun seinen Namen kannte.

Es tue ihm furchtbar leid, füllte er zerknirscht die Stille zwischen uns und legte mir betroffen seine Hand auf den Unterarm, es habe nicht in seiner Absicht gestanden, mich derart in Verlegenheit zu bringen. Er bitte aufrichtig um Verzeihung. Er werde mich sogleich nach Hause fahren. Und falls ich es mir anders überlegen sollte, so würde ich ihn im Palace Hotel finden. Ich bräuchte an der Rezeption nur eine telefonische Nachricht für Zimmer 107 zu hinterlassen, dann werde er sofort kommen und mich abholen. Er werde rein vorsichtshalber einen Tisch für acht Uhr reservieren.

Damit zückte er ein schwarzledernes Etui und reichte mir eine Visitenkarte des Hotels, in dem ich ebenfalls hätte absteigen sollen und in dem ich ihm eventuell sowieso über den Weg gelaufen wäre, sodass man bereits von Schicksal sprechen könnte. Unsere Wege sollten sich wohl kreuzen. Nur ob er in dieser Nobelunterkunft überhaupt auf mich aufmerksam geworden wäre, ist die große Frage. Höchstens wegen meiner schäbigen Aufmachung, denn das Hotel ist für unsereins mindestens drei Nummern zu groß.

Jetzt sitze ich hier mit knurrendem Magen am wackligen Küchentisch. Draußen schüttet es immer noch wie aus Kübeln. Mir ist wieder fröstelig geworden, denn es ist kühl und klamm in der Bude. Momentan könnte ich mir nichts Schöneres vorstellen, als mit diesem charmanten und unverschämt gut aussehenden Engländer – oder auch Nichtengländer, völlig wurscht! – eine warme Mahlzeit einzunehmen. Wir wären in dem großen Hotel ja unter vielen Menschen, was soll also passieren? Außerdem ist er durch und durch ein Gentleman.

Die Versuchung ist groß. Sehr groß!

Ich müsste mich allerdings zuvor aufs Fahrrad schwingen und durch den strömenden Regen zur nächsten Telefonzelle radeln, um besagtes Telefonat zu tätigen. Die Vorstellung ist wenig verlockend, aber immer noch besser, als den restlichen Abend Kohldampf zu schieben und vollends durchzuklappern.

Ich werde es tun!

Ich werde ihn anrufen, zurückradeln, mich trocknen, und mein einziges Kostüm anziehen, das ich mitgenommen habe, denn eines der Sommerkleider wäre bei diesem Wetter und zu dieser Stunde unpassend. Und meine Dreiviertelröhre trage ich nun schon seit meiner Ankunft hier.

Er soll mich an der Stelle aufpicken, an der er mich vorhin abgesetzt hat. Denn darauf hatte ich bestanden und es rundweg abgelehnt, dass er mich unter seinem Regenschirm bis zum Haus geleitet. Mein Wunsch sei ihm Befehl, hatte er kleinbeigegeben und mich am Straßenrand mit einem Handkuss verabschiedet. Ganz schön old school mein gelackter Dandy.

Kurz nach Mitternacht

Zu Hause kam ich mir so schick vor in meinem rosa Jackie-Kennedy-Kostüm, dessen Jacke mit einem einzigen großen Knopf asymmetrisch geschlossen wird. Ich hatte es mir von meinen Ersparnissen zur Abschlussfeier an der Höheren Handelsschule gekauft. Sogar ein Paar weiße Handschuhe hatte ich mir dazu gegönnt und einen dieser modischen kleinen Hüte. Ich trage also eigentlich den letzten Schrei! Meine sonst zum Pferdeschwanz gebundenen Haare hatte ich mir vorhin locker aufgesteckt und dazu einen seitlichen Audrey-Hepburn-Pony gekämmt. Warum auch nicht? Ich habe wie sie eine Knabenfigur, wie Mutti dazu sagt, wenn eine Frau nicht so viel Holz vor der Hütte hat wie sie selbst. Nur dass ich mit meinem Straßenköterblond und der Wischiwaschiaugenfarbe aus schmutzigem Grüngraugelbgemisch nicht ganz so apart aussehe wie die brünette Audrey mit ihren großen dunklen Augen. Ich hatte sogar meine kurze Perlenkette umgelegt, die ich von meiner Patentante zur Konfirmation geschenkt bekommen habe, und fand mich zusammen mit den weißen Pumps und der gleichfarbigen Handtasche ziemlich flott.

Das änderte sich schlagartig, als ich mit meinem „Rendezvous“ das Foyer des Palace Hotels betrat. Die dortige Damenwelt war in gedeckten Farben erschienen, die meisten in einem figurbetonten Etuikleid mit lässiger Jacke oder in einem schicken schwarzen Cocktailkleid. Zwischen ihnen nahm ich mich aus wie ein rosa Marzipanschweinchen. Mir brach augenblicklich der Schweiß aus und ich verfluchte mich dafür, dass ich die Abendeinladung angenommen hatte. Für so etwas bin ich einfach nicht ausgerüstet und musste es bisher auch nicht sein – schon gar nicht in dieser Preisklasse! Gott sei Dank trug Mr. Sinclair keinen Smoking wie die meisten dort anwesenden Herren, sondern „lediglich“ einen Nadelstreifenanzug – als wollte er den Standesunterschied zwischen uns nicht noch mehr betonen.

Ich hegte die Hoffnung, dass wir möglichst unbemerkt zu unserem Platz geleitet würden. Das Gegenteil war der Fall. Mr. Sinclair schien sämtlichen Gästen wohlbekannt zu sein, sie grüßten ihn von allen Seiten mit großer Ehrerbietung, wie mir schien, und nahmen natürlich seine Begleitung – also mich – genauestens unter die Lupe. Die neugierigen bis konsternierten Blicke waren nicht zu übersehen, doch Mr. Sinclair erklärte nonchalant, dass ich ein deutsches Fräulein auf Verwandtschaftsbesuch sei, das erste Mal im Vereinigten Königreich und sehr am britischen Lebensstil interessiert. Sofort entspannten sich die Mienen und schenkten mir ein nachsichtiges bis mitleidiges Lächeln. Mein Ausländerstatus erklärte und verzieh anscheinend einiges.

So viel Glanz und Eleganz wie in jenem Speisesaal kannte ich bisher nur aus Filmen. Wir wurden zu dem schönsten Tisch geleitet. Noch nie habe ich von so edlem Porzellan und mit so schwerem Tafelsilber gespeist, die Tischdecke war von einem geradezu beängstigenden Weiß. Trotz der höflichen Behandlung fühlte ich mich völlig fehl am Platz. Mr. Sinclair schien es zu bemerken. Röte stieg mir ins Gesicht. Ich wäre am liebsten aufgestanden und weggelaufen, selbst wenn ich den ganzen Weg im strömenden Regen hätte zurücklegen müssen. Da legte er mir seine Hand auf die meine. Die Berührung tat gut. Ich atmete auf und versank in seinen Augen wie auf eine rettende Insel.

Er bestellte uns zwei Aperitifs, irgendwas in einem Cocktailglas mit einem kleinen grünen Ding auf einem Zahnstocher. Ich traute mich nicht nachzufragen, um was für einen Drink es sich handelte, ich wollte mir nicht noch mehr Blöße von Weltunerfahrenheit geben. Ob mir der Martini zusage, fragte er mich schmunzelnd. Er trinke ihn immer gerne mit einem Spritzer …, es folgte irgendwas Französisches. Oh ja, auch ich würde ihn so bevorzugen, beteuerte ich. Meine Antwort schien ihn prächtig zu amüsieren. Ich hätte ihn dafür schlagen mögen. Der Ober näherte sich unserem Tisch, um die Bestellung aufzunehmen. Panisch versenkte ich meinen Blick in die Speisekarte, deren Gerichte ich auf die Schnelle nicht zu identifizieren vermochte. Don’t worry, my little sunshine, flüsterte er und bestellte für uns beide.

Nach der Suppe wollte er endlich meinen Namen erfahren, den ich ihm bis dahin erfolgreich vorenthalten hatte. Er war nur zu höflich gewesen nachzufragen, denn eigentlich hätte es sich ja bereits heute Nachmittag gehört gehabt, ihm diesen zu nennen, nachdem er sich mir in dem französischen Café offiziell vorgestellt hatte.

Doris, antwortete ich. Doris Ottensen, from Hamburg.

Er schien es mir abzunehmen. Warum auch nicht?

Wir hatten einen französischen Wein zum Essen, und mit jedem warmen Bissen im Bauch – er hatte Traditional English Roastbeef mit Gartengemüse und Röstkartoffeln für uns bestellt – ging es mir besser.

Naja, der Wein wird wohl auch einiges dazu beigetragen haben, schließlich bin ich nicht an Alkohol gewöhnt. Zu Hause trinken Mutti und ich nur zu Weihnachten ein Gläschen. Erben Spätlese.

Ich glaube, ich hatte einen Schwips. Jedenfalls wurde mir wunderbar leicht zumute, und je später es wurde, desto mehr konnte ich den Abend tatsächlich genießen. Die anderen Gäste, die hin und wieder zu unserem Tisch hinüberschielten, waren mir auf einmal völlig schnuppe, ebenso mein Marzipanschweinchenkostüm, das ich beim Dessert mit warmem Schokokuchen vollkrümelte.

Bei der abschließenden Tasse Kaffee warfen die Kerzen auf unserem Tisch einen hellen Schimmer auf Mr. Sinclairs volles pomadisiertes Ebenholzhaar. Er nahm die Serviette, um sich die Mundwinkel zu tupfen, da fiel mein Blick auf seinen Fingerring. Es war nicht einer dieser üblichen Siegelringe, wie einige Herren sie passend zu ihren Manschettenknöpfen tragen. Es war ein Rubin in einer antiken Fassung, es muss ein sehr altes Schmuckstück sein.

Ein Familienerbstück, erklärte er, als er meinen Blick bemerkte. Er wisse nicht aus welchem Jahrhundert, auf jeden Fall sehr sehr alt.

Demnach komme er aus gutem Hause, erkundigte ich mich, was selten dämlich war, weil es offenkundiger ja nicht mehr ging. Gleich welchen Zwirn er trägt, er ist unverkennbar edel und teuer.

Wieso interessiert er sich überhaupt für ein so unscheinbares Ding wie mich? Aus purer Gastfreundschaft? So behauptet er jedenfalls. Er wolle, dass ich einen guten Eindruck von England mit nach Hause nähme. Sorry, für das Wetter könne er nichts. Aber alles andere versuche er mir so angenehm wie möglich zu gestalten. Weswegen er mich für den morgigen Tag auf einen Ausflug nach Canterbury einlade. Die Frau Tante müsse schon entschuldigen, aber er könne das Fräulein keinesfalls ziehen lassen, bevor es nicht die berühmte Kathedrale besichtigt habe – Sitz des Erzbischofs!

Ob es derselbe Ort sei, wo das gleichnamige Gespenst hause, wollte ich wissen, nicht wenig stolz auf meine Kenntnisse englischen Kulturgutes.

Ich sah ihn stutzen. Ich würde wohl Gespenstergeschichten lieben, stellte er belustigt fest. Nun, die Engländer – er sagte nicht: wir Engländer! – lieben sie auf jeden Fall. Schließlich gebe es von hier bis hinauf nach Schottland genug alte Burgen, Schlösser und Herrenhäuser, wo sie ihr Unwesen treiben könnten. Nur habe Oscar Wilde sein berühmtes Gespenst in Canterville spuken lassen, was ein altes Schloss sei, nicht in Canterbury.

Na, da hatte ich mir ja eine feine Blöße gegeben! Ich laufe immer noch rot an, wenn ich nur daran denke. Aber er verstand es, mir jegliches Gefühl von Peinlichkeit zu nehmen und lenkte galant auf ein anderes Thema über.

Trotzdem wollte ich der Bekanntschaft nun doch einen Riegel vorschieben. Sich von einem Nobelmann auf einen Kaffee einladen zu lassen, ist eine Sache, ein teures Abendessen anzunehmen schon eine andere. Aber ein Ausflug, an dem man von morgens bis abends zusammen ist, führt nun wirklich zu weit. Schließlich würde ja auch meine Tante morgen anreisen – fiel mir als rettender Gedanke ein. Genau in dem Moment näherte sich der Ober mit einem Kärtchen auf dem Silbertablett, darauf eine Nachricht meiner Tante, die ich in dem Glauben gelassen hatte, ich würde in dem für mich reservierten Hotelzimmer logieren.

Ich sei doch die junge Dame aus Zimmer Einhunderteins?, vergewisserte sich der Ober. Ich haspelte, dass da wohl eine Verwechslung vorliegen müsse, ich sei nur die Begleitung dieses Hotelgastes, und wies auf Mr. Sinclair. Der Ober schaute verwirrt zwischen uns hin und her, bat um Entschuldigung und zog unverrichteter Dinge wieder ab.

Meine Wangen brannten. Ich behauptete, mir sei ein wenig heiß – vom Wein und vom guten Essen. Daraufhin bat mich Mr. Sinclair hinaus auf die Terrasse, die einen großartigen Blick auf das umliegende Parkgelände bot, das im weichenden Tageslicht dalag. Der Regen hatte inzwischen gänzlich nachgelassen, gierig sog ich die frische Luft ein.

Mr. Sinclair bot mir galant seinen Arm. Wir stiegen hinab in den Garten und spazierten eine Zypressenallee entlang, die zu einem weiter hinten gelegenen Rondell führte.

Nun?, fragte er unvermittelt. Darf ich morgen auf Ihre Gesellschaft hoffen, Fräulein Hansen? Für Sonntag sei schönes Wetter mit nur noch vereinzelten Schauern vorhergesagt. Gegen einen kleinen Ausflug habe die werte Frau Tante doch gewiss nichts einzuwenden.

Sein Zwinkern irritierte mich weniger, als die Tatsache, dass er meinen richtigen Nachnamen kannte! Verwirrt starrte ich ihn an.

Er ließ ein spitzbübisches Grinsen und damit zwei Reihen absolut weißer, ebenmäßiger Zähne sehen.

Gab es eigentlich irgendeinen Makel an diesem Mann?

Er bitte um Verzeihung für diese Indiskretion, er habe meinen Namen vorhin auf der Vorderseite der Notiz gelesen, die ich so vehement als Fehlläufer von mir gewiesen hätte.

Diese Erklärung verwirrte mich nur noch mehr. Was gab ihm die Gewissheit, dass ich, entgegen meiner Behauptung, doch Fräulein Hansen war?

Auf dem Weg zurück zum Hotel schwiegen wir.

Es sei spät geworden, ich würde nun gerne wieder heim zu meiner Tante, sagte ich und dankte ihm für den wundervollen Abend.

Es habe ihm das allergrößte Vergnügen bereitet, versicherte er mir, rief einen Bediensteten heran und ließ meinen Regenmantel holen.

Anschließend fuhr man ihm den Wagen vor.

Wer sind Sie, Mr. Sinclair?, flüsterte ich, während er mir die Autotür aufhielt und beim Einsteigen behilflich war.

Und wer sind Sie, Fräulein Hansen, fragte er, nachdem er hinter dem Steuer Platz genommen und den Schlüssel ins Zündschloss gesteckt hatte. Wer sind Sie, dass Sie es vorziehen, in einem baufälligen Cottage zu wohnen, statt Ihr hiesiges Zimmer zu beziehen und vernünftige Mahlzeiten zu sich zu nehmen?

Ich erstarrte und lief puterrot an.

Da startete er den Motor und fuhr los.

Er hat keine Erklärung mehr eingefordert, sondern mich einfach an der Stelle abgesetzt, wo er mich aufgepickt hatte.

Wir sehen uns morgen, ich hole Sie gegen zehn Uhr hier ab. Schlafen Sie gut und träumen Sie was Schönes!

Ich stand wie angewurzelt. Erst als er beim Losfahren zum Gruße hupte, löste sich meine Starre.

Noch immer spüre ich seine Lippen auf meinem Handrücken. Die Handschuhe stecken noch in meiner Handtasche, ich hatte sie vorhin beim Gehen vergessen wieder anzuziehen. Das kommt davon, wenn man große Dame spielen will!

Dieser Mann bringt mich völlig aus der Fassung.

Wer ist er? Sherlock Holmes persönlich?

Ich bin viel zu aufgewühlt, um mich schlafen zu legen. In meinem Kopf dreht sich alles. Wenn ich die Augen schließe, noch mehr.

Vielleicht werde ich die letzten Seiten in Judiths Tagebuch lesen, um auf andere Gedanken zu kommen, bzw. um Mr. Sinclair aus ihnen zu vertreiben. Denn obwohl er vor gut einer Stunde weggefahren ist, ist er immer noch bei mir – wie der Wein in meinem Blut.

Halb zwei nachts

An Schlaf ist nicht zu denken. Ich bin berauscht. Nicht nur vom Wein! Warum sollte ich mir etwas vormachen?

Es klafft eine große Lücke zwischen Judiths letztem und dem folgenden Eintrag. Erst ein halbes Jahr nachdem der rettende Engel sie zu sich genommen hatte, schreibt sie aus einem Palast in Bukarest; der Hauptstadt von Rumänien, wenn ich im Erdkundeunterricht richtig aufgepasst habe. Sie kennt die Stadt anscheinend von früher, denn sie kommt ihr verändert vor. Genauso wie ihre Familie. Vor allem Neffe und Nichte verhalten sich merkwürdig. Judith fühlt sich ausgeschlossen und fremd.

Irgendetwas ist passiert, schreibt sie. Das Haus befindet sich in einer Art Schockstarre. Alle huschen mit starren, bleichen Gesichtern umher und sprechen kaum ein Wort. Elena sieht verweint aus und meidet den Blick ihres Vaters. Nicolaes Züge haben sich erschreckend verhärtet. Aus des Grafen Augen sprühen Zornesfunken. In meiner Gegenwart unterdrückt er seine Wut.

Ich will nicht geschont werden! Ich möchte wissen, was los ist!

„Familienangelegenheiten …“, antwortete der Graf knapp und stieß mich damit zurück in das schwarze Loch, aus dem er mich befreit hatte.

Ich gehöre also nicht zu ihnen. Ich habe kein Recht zu erfahren, was alle so sehr betrübt. Es ist ihre Privatangelegenheit. Ich bin hier nur Gast!

Wo ist der Engel geblieben? Der Engel, der mir zur Seite stand, der mich barg und in seine Welt zurückbrachte?

Es sind nur noch zwei undatierte Seiten übrig, bevor das Tagebuch endet. Plus die herausgefallenen losen Seiten, die ich vorhin sortiert habe. Aber jetzt muss ich schlafen.

Morgen werde ich nicht an der vereinbarten Stelle auf Mr. Percy Sinclair warten. Irgendwie führt das Ganze zu weit. Auch auf die Gefahr hin, unhöflich zu erscheinen, aber …arunter ist nichts!

Wieso weiß er eigentlich von dem verlassenen Cottage? Wie kann er davon wissen? Dass er meinen richtigen Namen auf der Notiz gelesen haben will, hätte ich ihm beinahe abgekauft. Aber was weiß er noch über mich? Und woher?

Ich werde das Gefühl nicht los, dass er sich neulich gezielt mit an meinen Tisch in dem Lokal an der Promenade gesetzt hat. Dass er bereits da schon wusste, wer ich bin.

Auf solche Spielchen habe ich keine Lust.

Ohnehin werde ich den ganzen Sonntag im Palace Hotel auf Tante Nelly warten müssen – nachdem ich nach der alten Eiche im Wäldchen Ausschau gehalten habe, versteht sich, um nach einer silbernen Schatulle zu graben!

Montagabend – fast 48 Stunden später

Mir schwirrt der Kopf. Ich habe mich frühzeitig auf mein Zimmer zurückgezogen unter dem Vorwand, dass mich Kopfschmerzen plagen. Ich habe Percy angesehen, dass er mir nicht glaubt. Er durchschaut mich, als wäre ich gläsern, als würde alles auf meiner Stirn geschrieben stehen. Dabei ging er zunächst auf die Maskerade ein, was ihn unfreiwillig zu meinem Verbündeten macht. Ich will ihn aber gar nicht zum Verbündeten! Ich habe einen solchen nämlich nicht nötig. Wenn ich will, reise ich einfach Ende der Woche ab. Dann gehen meine Ferien hier ohnehin zu Ende. Dann ist Schluss mit dem ganzen Mummenschanz. Ich kehre zurück in unsere kleine Wohnung in Ottensen und helfe Mutti beim Kohlenschleppen und Ofensäubern, selbst wenn sie mich, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr haben will. Aber warum nicht, will ich von ihr selbst hören. Diese Erklärung ist sie mir schuldig.

Eine halbe Stunde später

Ich musste mich erst mal ausheulen. Percy hat es leider mitgekriegt. Er klopfte an meine Zimmertür und fragte, ob alles in Ordnung sei, ob ich etwas bräuchte.

Ich kacke auf seine Fürsorge! Ich will sie nicht. Was bildet sich dieser Lackaffe eigentlich ein? Snob! Schnösel!

Kaum zu glauben, dass er mich fast so weit hatte. Dass ich mir sogar eine Nacht um die Ohren gehauen habe wegen ihm. Dass ich erlaubt habe, dass er sich in meine Gedanken stiehlt. Es macht mich geradezu wütend!

Tante Nelly ist wieder zurück nach London gefahren. Sie hat dort einen wichtigen Termin mit einem Galeristen, denn sie ist Kuratorin und Künstlerin. Auch das noch! Ich kann weder mit dem einen noch mit dem anderen etwas anfangen, weiß noch nicht einmal, was Ersteres überhaupt sein soll. Sag ich doch: Elende Snobs. Alle beide.

Verdammt! Wieder muss ich heulen. Ich fühle mich – im wahrsten Sinne des Wortes – verraten und verkauft. Wie ein Paket, das nach Jahren endlich seinem richtigen Besitzer zugestellt wird. Nur dass dieser sich absolut nichts daraus macht. Warum also sollte ich bleiben?

Das Dumme ist nur, dass ich erst in anderthalb Jahren volljährig werde. Bis dahin darf Tante Nelly über mich bestimmen. Sie kann mich einfach irgendwo abstellen, hinstecken oder liegen lassen. Ich bin ihr ausgeliefert, dieser fremden, durchgeknallten, völlig irren Person. Ich weigere mich, sie als meine Tante anzusehen, und ich werde sie auch nicht so nennen. Sie ist nicht meine Tante, auch wenn das Gesetz etwas anderes besagt.

Wie konnte Mutti mir das nur antun? Wie konnte sie mich völlig kaltschnäuzig wegschicken und mich damit ein für alle Mal aus ihrem Leben verbannen?

Weil du nicht ihre Tochter bist, Herzchen – sagte die durchgeknallte Person und sah mich bekümmert an. Ich hätte ihr am liebsten die Augen ausgekratzt.

Kurz vor Mitternacht

Percy hat darauf bestanden, dass ich etwas esse. Und weil ich zurzeit nicht vorzeigbar bin, hat er das Essen aufs Zimmer kommen lassen. Es steht dort immer noch unangerührt.

Ich liege wie erschlagen auf dem breiten Queensize-Bett. Wenn ich heute Nacht stürbe, wäre es mir egal. Mehr noch, es wäre mir sogar recht. Man hat mir so mir nichts, dir nichts mein Leben gestohlen. Mehr sogar als das – meine Identität. Im Grunde weiß ich gar nicht, wer ich bin.

Ich werde jetzt schlafen und hoffen, dass ich nie mehr aufwache!

Dienstagmorgen

Es hat leider nicht geklappt. Draußen scheint die Sonne und verhöhnt mich. Aus dem einen Fenster kann ich bis zum Golfplatz hinüberschauen. Wie abtrünnige weiße Ameisen, die die Orientierung verloren haben, krabbeln sie träge auf dem Grün herum, hier marschieren ein paar zum nächsten Loch, dort verharren einige beim Abschlag, und da werden welche vom Caddy zur Sandkuhle gekarrt. Weiter hinten kann ich das Meer liegen sehen, denn das Hotel liegt oberhalb der Klippen. Aus dem anderen Fenster – ich bin in einer Suite untergebracht, unter dem ging es wohl nicht! – kann ich fast das gesamte Parkgelände einsehen. Links unten ist noch eine Ecke der Terrasse sichtbar. Einige Hotelgäste haben sich dort nach dem Lunch in Liegestühle gesetzt und lassen sich die Sonne ins Gesicht scheinen. In dem Pavillon, der weiter hinten die makellose Rasenfläche ziert, haben sich welche in den Schatten verzogen. Ein Kellner reicht Eistee und Tonics. Dazwischen hat sich eine Familie um ein Rasenspiel gruppiert. Die Kinder hüpfen vor Begeisterung nach jedem Schlag mit dem Holzschläger. Auf der anderen Seite des Gebäudes befindet sich ein Tennisplatz. Vorhin konnte ich hören, wie sie sich dort die Bälle um die Ohren schlugen. Auch Tante Nelly erschien gestern Nachmittag chic im weißen Tennisdress mit Sonnenblende auf der Stirn und protzigen Goldklunkern an den Ohren.

Ich hasse sie. Alle wie sie da sind. Was soll ich hier? Ich gehöre hier nicht hin. Und schon gar nicht zu ihnen!

Mein Leben in der Bruchbude, wie schön und unbeschwert es doch war, und wie lange her es mir vorkommt. Dabei liegen gerade mal drei Tage zwischen meinem alten und neuen Leben – eine gefühlte Ewigkeit.

Komisch, mein richtiges Leben bei Mutti scheint mir in weite Ferne gerückt. Es beginnt rasant zu verblassen. Was geschieht mit mir?

Etwas später

Meine Wut hat inzwischen einer gewissen Erschöpfung Platz gemacht. Ich heule jetzt nur noch aus purer Resignation.

Heute Morgen bin ich einfach nicht aufgestanden. Ich habe das Türschild „Bitte nicht stören“ rausgehängt und mich wieder ins Bett gelegt. Das Zimmermädchen hat trotzdem zweimal geklopft. Ich habe ihr ein rüdes No durch die geschlossene Tür entgegengeschrien und mir die Decke über den Kopf gezogen.

Percy hat mir eine Nachricht unter der Tür hindurchgeschoben. Er wisse, dass ich zurzeit mit niemandem sprechen wolle und er werde dies selbstverständlich respektieren. Dennoch halte er es für wichtig, mir mitzuteilen, dass er den Vormittag über geschäftlich unterwegs sei, aber zum Fünfuhrtee zurückkomme. Er bestehe darauf, dass ich diesen mit ihm zusammen einnähme.

Pah, der Lackaffe kann mir gestohlen bleiben mit seinen feinen Manieren und seiner geschliffenen Konversation!

Irgendwann am Nachmittag

Ich bin zurück in der Bruchbude. Hier fühle ich mich wesentlich wohler als bei den steifen Oberlippen. Und warum auch nicht? Ob ich mich nun hier verschanze oder dort. Hier klopft wenigstens keiner alle naslang an die Tür und will das hier ohnehin nicht vorhandene Badezimmer putzen.

Es war fast ein bisschen wie nach Hause kommen. Ich weiß, dass es lächerlich klingt, schließlich habe ich gerade mal eine Woche lang hier gehaust. Wie ein Hottentotte, hätte Mutti entrüstet hinzugefügt. Genau: herrlich frei und ungezwungen. Erst jetzt weiß ich es richtig zu schätzen.

Ich nehme mir die Freiheit. Wer sollte mich aufhalten? Es ist ja keiner von denen da. Na also …

Es war ein Fußweg von gut einer halben Stunde. Mein Herz schlug freudig, als ich mich dem Cottage näherte. So vertraut erscheint mir bereits alles. Es ist meine Rettungsinsel.

Ich hatte mich auf mein Plätzchen unter der Linde fallen lassen, tief durchgeatmet und die Augen geschlossen. Ich konnte spüren, wie die Sonnenflecken auf meinem Gesicht tanzten. Es ist schön dort im lichten Schatten. Ich versuche mir einzureden, dass alles, was ab Sonntag geschehen ist, nur ein böser Traum war. In Wirklichkeit bin ich die ganze Zeit hier im Cottage gewesen.

Dieser Gedanke machte mich glücklich. Jedenfalls so lange, bis ich wieder dieses Flattern vernahm, dasselbe wie neulich Nacht. Als ich die Augen aufschlug, sah ich einen Raben über mir in der Baumkrone hocken. Er äugte auf mich herab, als beobachtete er mich. Darum bin ich reingegangen. Ich will nicht auch hier noch unter Beobachtung stehen.

Im Cottage spüre ich sofort wieder Judiths Gegenwart. Aber nicht nur ihre, auch die einer mir bisher unbekannten Person, vielleicht die von Jane, von der ich so gut wie nichts weiß, außer dass sie Judiths Freundin war, ihre Vertraute, ihre Geheimnisträgerin.

Die Schatulle kommt mir in den Sinn, das Amulett. – Ich werde mich nachher erneut auf die Suche machen, doch zuvor will ich endlich die letzten Seiten aus Judiths Tagebuch lesen.

Eine Viertelstunde später

Sie sind nicht da! Ich kann sie nirgends finden! Dabei bin ich mir ziemlich sicher, sie ordentlich gestapelt auf dem Küchentisch liegen gelassen zu haben. Auch das Tagebuch kann ich nicht finden. Ich hatte es zuletzt neben dem Sofa abgelegt.

Moment, da kommt mir eine Idee. Vielleicht habe ich beides, als mein Kopf am Samstagabend noch vom Wein umnebelt war, unter das Sofa geschoben …

Darunter ist nichts! Rein gar nichts. Auch die drei gebündelten Briefe nicht mehr. Als hätte ich mir alles nur eingebildet.

Was soll das? Ob wohl die Kinder, die hier ab und zu spielen … Aber warum sollten sie ein Tagebuch mitnehmen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass kleine Jungs daran Interesse haben. Die spielen doch lieber im Garten, toben durchs Gebüsch, klettern auf Bäume oder hüpfen auf den alten Matratzen rum. Auch wurde nichts von meinen Sachen berührt. Die halbe Tüte Lakritzkonfekt liegt unangetastet im Küchenbord, und die hätten sich die Kinder bestimmt unter den Nagel gerissen. Sie sind also nicht hier gewesen. Aber wer sonst sollte herkommen? Die meisten Einheimischen wissen ja gar nicht um das verlassene Cottage, sonst hätten sie mir bei meiner Ankunft den Weg weisen können.

Percy! Er weiß vom Cottage. Er hat es selbst gesagt, als er mich Samstagabend hierher zurückfuhr. Er fragte mich, warum ich hier hausen würde, statt das für mich reservierte Zimmer im Hotel zu beziehen. Sollte er zwischenzeitlich hier gewesen und das Tagebuch und die Briefe an sich genommen haben?

Wenn ich ihn nicht so sehr hassen würde, würde ich ihn fragen.

Wo ist der Engel geblieben? Der Engel, der mir zur Seite stand, der mich barg und in seine Welt zurückbrachte?

Diese Frage wird nun wohl unbeantwortet blei–

Abends

Ich hätte vorhin fast einen Herzstillstand bekommen, als es so plötzlich ans Küchenfenster klopfte. Ich konnte gerade noch mein Heft in meine Tasche gleiten lassen und beten, dass er es nicht gesehen hat. Wer weiß, vielleicht nimmt er es mir auch noch weg! Ich bin ziemlich sicher, dass er der Dieb war. Wer denn sonst?

Percy wirkte recht ungehalten, dass er mich hier antraf und ich ihn nicht wie befohlen zum Fünfuhrtee im Hotel erwartet hatte.

Immerhin, stellte er zufrieden fest, scheine ich mich ein wenig gefangen zu haben. – Arschloch!

Es sei bedauerlich, dass ich mich so unversöhnlich zeige, aber durchaus verständlich.

Ich warf ihm einen vernichtenden Blick zu, den er kommentarlos hinnahm.

Dennoch wünsche er, dass ich ihn zurück ins Hotel begleite. Das hier sei kein geeigneter Aufenthaltsort für mich.

Wieso ich den Schuppen dann geerbt hätte? Da stünde doch mein Name auf dem Erbschein, oder etwa nicht?

Nur weil es das Erbrecht so vorsehe, bedeute dies noch lange nicht, dass es zu meinem Besten sei. Ich sei fremd hier, wisse nichts von der Vergangenheit und den Geschehnissen, die sich hier einst zugetragen haben. Das alles wolle er mir gerne nach und nach auseinandersetzen. Danach solle ich selbst entscheiden, ob ich dieses Erbe antreten wolle oder nicht. Doch dazu müsse ich bereit sein, ihm zuzuhören, und meine Feindseligkeit ihm gegenüber ablegen. Er habe mir schließlich nichts Böses getan. Im Gegenteil, er habe versucht …

Oh, ich wüsste genau, was er versucht habe. Und ich sei auch noch darauf hereingefallen. Er habe am Sonntag meine Unerfahrenheit weidlich ausgenutzt. Wie er da erwarten könne, dass ich ihm jetzt noch vertraue?

Ich würde irren, er habe nichts dergleichen getan. Und nun solle ich endlich ins Auto steigen.

Er verliert allmählich die Geduld. Irgendwie macht mir das Angst. Ich kann an seinem Blick erkennen, dass es noch eine andere Seite an ihm gibt, die ich lieber nicht kennenlernen will. Eine dunkle, eine düstere, die mich schaudern macht.

Widerwillig folgte ich ihm.

Da er mich vom Cottage fernhalten will, reizt es mich umso mehr, bei nächster Gelegenheit dahin zurückzukehren. Zumal ich die alte Eiche vorhin wieder nicht gefunden habe.

Mittwoch

Nur noch zwei Tage. Dann reise ich ab. Ich bin wild entschlossen. Keiner darf mich hier gegen meinen Willen festhalten, wo kämen wir denn da hin? Ich bin Deutsche und werde nach Hamburg zurückkehren. Und wenn Mutti nicht mehr für mich sorgen will, werde ich es eben selber tun. Schließlich bin ich erwachsen. Mit meinem guten Abschlusszeugnis werde ich in jedem x-beliebigen Büro sofort eine Anstellung als Stenotypistin finden. Ich habe immerhin einen Anschlag von Hundertzwanzig pro Minute.

Percy und ich haben vorhin zusammen gefrühstückt. Er war außergewöhnlich still. Etwas scheint ihm Sorge zu bereiten.

Was ihm denn querliege, fragte ich ihn. Er habe doch jetzt alles, was er wolle: das Tagebuch, die Briefe, mich …

Ich erntete einen verständnislosen Blick. Entweder er ist ein verdammt guter Schauspieler oder er hat tatsächlich nichts mit dem Verschwinden von Judiths Hinterlassenschaft zu tun.

Er würde gerne mit mir morgen nach London fahren.

Es klang nicht wie eine Bitte, also antwortete ich nicht darauf.

Zum Notar.

Aha!

Sein Blick wirkte plötzlich gehetzt, während er von seinem Toast abbiss und den Bissen mit einem Schluck Tee hinunterspülte.

Und dann würde er mich noch ein paar Leuten vorstellen wollen.

Und wenn ich nicht will?

Es sei wichtig. Wichtig für mich.

Damit tupfte er sich den Mund mit der Serviette und erhob sich.

Er griff nach meinen Händen und hielt sie eine Weile in den seinen. Ich hätte sie ihm gern entzogen.

Es tue ihm leid, flüsterte er mir ins Ohr und war verschwunden.

Mit einem Mal kam ich mir wie der einsamste Mensch der Welt vor. Ich saß in dem lichtdurchfluteten Frühstücksraum dieses feudalen Hotels, umringt von plaudernden ferienglückseligen feinen Pinkeln und kämpfte mit den Tränen.

Schließlich erhob ich mich und ließ den Berg Rührei, den er mir hatte auffüllen lassen, unangetastet auf meinem Teller zurück. Und in Afrika müssen die Menschen hungern! Und wir hatten damals auch nichts zu essen außer ein paar Steckrüben … Ich weiß, Mutti, seufzte ich still in mich hinein.

Zum ersten Mal in meinem Leben sehne ich mich nach ihr.

Später

Sobald ich im Cottage bin, scheine ich wieder zum Leben zu erwachen. Es reicht schon der Garten, um mich geborgen zu fühlen. Hier bin ich viel weniger allein als unter all den Menschen im Hotel.

Judith ist bei mir, hier in diesen Wänden. Und mit ihr noch andere, die ich bisher noch nicht kennengelernt habe. Aber ich spüre ihre Anwesenheit. Unter anderem eine junge Frau in meinem Alter – trotzig wie ich. Sie scheint hier viele Tränen vergossen zu haben.

Schade, dass ich Judiths letzte Zeilen nun nicht mehr lesen kann. Dass ich nicht weiß, ob sie glücklich geworden ist oder nicht. Ob sie in Bukarest geblieben ist oder hierher zurückkam.

Ich könnte mich beim Vikar nach Jane erkundigen. Die verstorbenen Schäfchen seiner Gemeinde sind doch bestimmt in irgendwelchen Kirchenbüchern aufgeführt.

Ach, was soll’s. Was kümmert mich das noch? Als ob ich nicht andere Sorgen hätte!

An dieser Stelle sollte ich besser notieren, worum es eigentlich geht, obwohl ich es selbst nicht genau weiß. Alles ist so verworren. Völlig abstrus. Ich weiß nur, dass ab jetzt fremde Leute über mich bestimmen dürfen, allen voran besagte „Tante“.

Sie erklärte mir rundweg, und das gleich nach ihrer Ankunft am Montagmorgen, dass ab sofort sie für mich verantwortlich sei, meine Mutter sei nur so etwas wie eine Ziehmutter gewesen.

Einer ihrer Neffen habe sich während des Zweiten Weltkriegs – unterwegs in Spionageangelegenheiten – mit einer deutschen Spionin eingelassen. Das sei 1942 gewesen, in Bukarest, als Rumänien noch an der Seite Hitlerdeutschlands gekämpft habe. Aus dieser höchst brisanten Liebelei sei ein Jahr später ein Kind hervorgegangen. Ich! Ingrid, meine angebliche Mutter und Meisterspionin – und daher längst hopsgenommen und exekutiert –, sei daraufhin mit mir in der Hauptstadt Rumäniens untergetaucht. Aber mit dem Seitenwechsel dieses Landes zu den Alliierten im Jahr 1944 sei es zu gefährlich für sie dort geworden. Tantchens Neffe Sorin – also mein Vater! – habe Mutter und Kind aus dem Land geschmuggelt und nach Hamburg verfrachtet. Keine Sekunde zu spät. Kurz darauf sei die Bukarester Wohnung, in der meine Wiege gestanden habe, aufgebrochen und durchsucht worden.

Die Sache sei nun die, dass der liebe Sorin seiner Familie diese Nachkommenschaft all die Jahre über aus verständlichen Gründen verheimlicht habe – oder vielleicht auch nur vergessen, wer weiß. Daher habe keiner von meiner Existenz gewusst. Bis ihnen vor Kurzem auf inoffiziellem Wege die Abschrift einer Geburtsurkunde ins Haus geflattert sei, zusammen mit einer Notiz über die unerfreulichen Begleitumstände … Daraufhin habe Sorin seinen damaligen Fehltritt eingestanden und angefangen, nach mir zu suchen. Das sei bei seinen Verbindungen zwar ein Leichtes, aber aufgrund der politischen Situation in seinem Land eine recht riskante Unternehmung gewesen. Ein Teil der Familie habe seine Wurzeln in England, daher habe dieser den Auftrag erhalten, mich aufzuspüren und heimzuholen – in den Schoß der Familie. – Wie nett!

Zudem erfuhr ich, dass Geheimagentin Ingrid ihre Mutterschaft selbstverständlich vertuschen musste. Darum brachte sie, zurück in der Heimat, ihr Kind bei einer ehemaligen Schulfreundin unter, die ohne jegliche Familienbande war. Man beschaffte dieser gefälschte Papiere, die mich als ihr leibliches Kind auswiesen. Vater: unbekannt! Darüber hinaus erhielt sie einen versiegelten Brief, den sie im Notfall an ein Postfach in Berlin schicken sollte. Dieser Notfall sei nun kürzlich eingetreten.

Das alles ist für mich unfassbar und hört sich wie eine wild konstruierte Story an. Nur wozu? Welchem Zweck sollte so etwas dienen? Und was will man von mir???

Ich bin wie so viele Kinder meiner Generation ohne Vater aufgewachsen, obendrein wurde ich unehelich gezeugt. Dieser künstliche Makel macht Mutti das Leben nicht gerade leicht, die mit ihrem Einkommen als Friseuse gerade so über die Runden kommt.

Jetzt habe ich von heute auf morgen zwar einen Vater – obendrein einen noch lebenden – verpasst bekommen, dafür aber keine Mutter mehr! Die bis gestern gekannte und in diesem Heft oft zitierte Mutti ist eine Fremde. Wer also bin ich?

Wieso sich meine angebliche Ziehmutter überhaupt bereit erklärt habe, in jenen schweren Zeiten auch noch ein fremdes Kind aufzuziehen, fiel mir ein zu fragen.

Für Geld täten die Menschen so manches, erwiderte Aunty mit gekräuselten Lippen. Geheimagentin Ingrid habe sich ihren Eltern, kurz bevor sie von oberster Stelle aufgespürt und abgeholt worden sei, noch anvertrauen können, doch hätten diese nichts von der Schande ihrer Tochter wissen wollen. Sich diese zusammen mit dem Feind vorzustellen, obendrein einem Rumänen – undenkbar! Immerhin hätten sie so viel Anstand besessen, besagter Schulfreundin für die Aufzucht ihres von ihnen nicht anerkannten Enkelkindes ein paar Lebensmittelscheine zukommen zu lassen, später etwas Geld, jeden Monat eine kleine Summe, bis sie vor ein paar Monaten beide bei einem Autounfall ums Leben gekommen seien. Seit meine „Mutti“ keinen monatlichen Scheck mehr erhalte …

Diese Auskunft haute mich schlichtweg aus den Latschen. Das würde ja bedeuten, dass ich all die Jahre nichts als eine reine Geschäftsangelegenheit für Mutti gewesen wäre. Auch wenn wir keine besonders herzliche Beziehung zueinander pflegen, so hat sie sich doch stets um mich gekümmert und aufgepasst, dass aus mir etwas wird, dass ich einen vernünftigen Schulabschluss mache, damit ich einen ordentlichen Beruf erlernen kann. Und als ich die Masern hatte, hat sie da etwa nicht an meinem Bett gesessen und mir Märchen vorgelesen? Mir Wadenwickel gemacht, um das Fieber zu senken?

Bis vor Kurzem hatte ich also auch noch Großeltern, quicklebendig, womöglich ganz in der Nähe, und habe nicht einmal um sie gewusst! Und sie hatten sich all die Jahre nicht die Bohne um mich, die einzige Hinterlassenschaft ihrer Tochter, geschert.

Naja, fuhr meine Tante unbarmherzig fort, so sei nun mal der Stand der Dinge.

Nein, das glaube ich alles nicht! Ich will das von ihr selber hören, aus ihrem eigenen Mund. Und dann entscheide ich selbst, was ich als nächstes tue, und wie und wo ich leben werde. Und diese Hütte hier, wer auch immer sie mir vermacht hat – denn das wurde mir noch nicht offenbart, das erfahre ich wohl erst morgen beim Notar –, wird die meine bleiben, egal ob ich jeden Sommer herreise, um darin zu hausen, oder ob ich sie verfallen lasse. Punktum. Ich lasse mir doch nicht alles nehmen!

So schnell sitzt man auf den Trümmern seines Lebens – und das ganz ohne Krieg, ganz unverschuldet und in so jungen Jahren.

Dabei war ich am Sonntag noch so glücklich.

Wohl zu glücklich. Das kommt davon!

Percy duldet nämlich keine Absagen. Ein Mann wie er ist es nicht gewohnt, stehen gelassen zu werden. Also holte er mich aus dem Cottage, weil ich nicht zum verabredeten Zeitpunkt am Straßenrand stand. Auf meinen Einwand, ich müsse den ganzen Tag im Hotel bleiben, um auf meine Tante zu warten, eröffnete er mir, dass diese erst am Montagmorgen anreisen werde, denn sie müsse am Sonntagabend in London noch an einer Finissage teilnehmen – was immer das auch sein mag. Und hätte ich nicht am gestrigen Abend vor dem Ober im Hotelrestaurant Theater gespielt, so wäre mir dieser Umstand längst bekannt. Insofern stünde einem Sonntagsausflug nichts im Wege.

Woher er denn wissen wolle, was in der Notiz an mich gestanden habe. Ob er befugt sei, fremder Leute Nachrichten zu lesen?

Ich könne ohne Sorge sein, eines solchen Vergehens würde er sich niemals erdreisten. Er habe diese Nachricht ebenfalls erhalten.

Wieso denn bitte schön meine Tante ihn darüber in Kenntnis setzen sollte? Was ihn das überhaupt anginge?

Als Hotelier, der von ihr den Auftrag erhalten habe, ein Auge auf ihr unbekanntes deutsches Mündel zu haben, ginge ihn dies sehr wohl etwas an. Immerhin sei ich noch minderjährig und befände mich zudem in einem fremden Land. Die Frau Tante trage schließlich die Verantwortung für mich und habe diese – solange sie nicht vor Ort weile – an ihn übertragen.

Oh, verstehe, Sie sind also mein Aufpasser?, entfuhr es mir gereizt. Da waren wir längst Richtung Canterbury unterwegs.

Er warf mir einen amüsierten Blick zu. Und zwar äußerst gern, versicherte er mir, auch wenn er es mit meinem Trotzkopf nicht leicht habe. So viel Widerspenstigkeit habe er nicht erwartet, als er der verehrten Frau Tante das Versprechen gegeben habe, ihr diesen Gefallen zu tun. Andere Teenager wären gewiss entzückt gewesen, in einem solch luxuriösen Hotel logieren zu dürfen. Die gute Tante habe sogar Anweisungen erteilt, mich in London entsprechend ausstaffieren zu lassen. Doch da ich von Anfang an durch Abwesenheit geglänzt hätte, habe er mich erst einmal suchen und sich mir von anderer Seite nähern müssen, unter anderem um sicherzustellen, dass ich nicht zu fremden Männern ins Auto stiege!

Ich wurde knallrot, wofür ich mich am liebsten geohrfeigt hätte. Aber er lachte nur und drehte das Autoradio lauter – ein Transistorradio von Philips, das Neueste vom Neusten! Ich muss leider zugeben, dass es mich tief beeindruckte. Es spielte „Walking Back To Happiness“ von Helen Shapiro und er sang es lauthals mit. Er schien fest entschlossen, sich den Tag nicht von einem übellaunigen Teenager verderben zu lassen.

Ich schwieg und schaute mir die an uns vorbeirauschende Landschaft an, während im Radio späterhin ein Elvis-Song nach dem nächsten gedudelt wurde, sogar einer auf Deutsch.

„Wooden Heart“ sei seit Wochen auf Platz eins der Charts, klärte mich Mr. Sinclair fröhlich auf.

Schwarzwaldkitsch! Nicht jeder in Deutschland trage Lederhosen, esse Sauerkraut und habe eine Kuckucksuhr im Haus, klärte ich ihn auf. Danach hing ich wieder meinen Gedanken nach.

Wieso habe er sich mir nicht gleich als „Hotelier im Auftrag Seiner Majestät“ vorgestellt? Warum der ganze Mummenschanz?

Weil er einem freiheitsliebenden Teenager die paar Tage in Freiheit einfach habe gönnen wollen.

Also aus reiner Kinderfreundlichkeit? Wie nett!

Er grinste sein makelloses Grinsen.

Irgendwie machten seine Erklärungen die Sache nicht besser. Meine Laune sank immer mehr. Sie hatten mich nämlich meiner Illusion beraubt, dass ein attraktiver Herr aus der High Society meiner selbst wegen meine Gesellschaft suchte und freundlich zu mir war, und nicht nur, weil er den Auftrag dazu erhalten hatte!

Bei diesem Gedanken kamen mir vor lauter Enttäuschung fast die Tränen. Stur starrte ich aus dem Seitenfenster in die üppig grüne Landschaft hinaus und versuchte, meine Gefühle wieder in den Griff zu bekommen.

Nach einer Weile des Schweigens sagte er, dass er am vorherigen Tag sowohl den Kaffee als auch das Abendessen mit mir ungemein genossen habe. Es sei ihm währenddessen völlig entfallen, dass es sich nur um einen Auftrag handele.

Ich wischte mir unauffällig die Augen und schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln. Mir wurde plötzlich bewusst, wie kindlich ich auf ihn wirken musste mit meinem wippenden Pferdeschwanz und dem hellblauen Sommerkleid mit großen weißen Tupfen und bravem weißem Krägelchen. Ich passte einfach nicht in solch einen schicken Sportwagen neben einen eleganten Herrn, und das ärgerte mich maßlos. Heimlich musterte ich ihn von der Seite. Hatte ich gestern noch geglaubt, er müsse Ende zwanzig sein, so glaubte ich jetzt, er wäre bereits um die vierzig oder gar älter. Schließlich passte er auf mich auf wie ein Vater; ein reicher, gut aussehender Vater, so einen, wie ich ihn mir immer erträumt hatte. Mutti hatte mir nämlich früher, als ich klein war und oft nach meinem Vater gefragt hatte, das Märchen von einem attraktiven Soldaten auf Heimaturlaub erzählt, dem sie einmal sein herrlich glänzendes Haar habe schneiden dürfen. Ein höchst gebildeter junger Mann sei er gewesen, der eine vielversprechende Zukunft als Ingenieur vor sich gehabt habe. Er habe ihr nach ihrer Liebesnacht versprochen gehabt, ihr – sobald dieser Wahnsinn endlich ein Ende habe – einen Heiratsantrag zu machen. Leider sei er nie aus diesem verdammten Krieg zurückgekehrt. Geblieben sei ihr nur die Erinnerung an eine einzige Liebesnacht – und ich.

Was für eine grandiose Lügnerin Mutti doch ist! Aber die Hoffnung stirbt zuletzt, und so hatte ich mir als Kind oft vorgestellt, wie er eines Tages vor unserer Tür stehen würde: großgewachsen, dunkelhaarig, gutaussehend, wenn auch etwas hohlwangig, aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, ein Spätheimkehrer. Aber Mutti würde ihn schon wieder aufpäppeln mit ihrer auf Ochsenbein gekochten Graupensuppe. Sonntags würde er sich besonders sorgfältig rasieren und gut nach seinem Rasierwasser Tabac Original duften. Dann würde ich an seiner Hand durch den Jenisch-Park spazieren und er mir am Schiffsanleger in Teufelsbrück eine Stange Karamellbonbons kaufen. Denn das war es, was die Väter anderer Kinder taten. Mutti hatte für solche Extravaganzen kein Geld.

Vielleicht war ja doch nicht alles gelogen, vielleicht hatte Mutti wirklich diese Liebesnacht mit dem attraktiven Soldaten auf Heimaturlaub erlebt – nur, dass nicht ich daraus entstanden war.

Mr. Sinclair bot mir das Du an, was es im Englischen nicht gibt, also erlaubte er mir, ihn Percy zu nennen. Er hatte den Tag perfekt geplant. Wir machten sogar ein very british picknick. Er hatte alles in einem Lederköfferchen dabei, samt Decke. Wir hatten uns ein lauschiges Plätzchen auf einer Wiese am Flussufer ausgesucht, mit Blick über eine Pferdeweide. Im Hintergrund lugten bereits die mächtigen Türme der Canterbury Cathedral zwischen einzelnen Bäumen hervor.

Im Laufe des Tages, der sich wettermäßig von seiner besten Seite zeigte, denn die angekündigten Schauer blieben aus und es trieben lediglich ein paar Schäfchenwolken über den blauen Himmel, verliebte ich mich immer mehr in Percy. Mein Argwohn verflog, er war charmant und liebenswürdig, und ich glaubte ihm, dass es für ihn nicht nur eine lästige Pflichterfüllung war, den Tag mit mir zu verbringen. Sein Blick verursachte mir Kribbeln im Bauch, sodass ich jedes Mal wegschauen musste. Schon kam ich mir wieder wie eine dumme Gans vor und ärgerte mich über mich selbst. Ich war ganz erfüllt von ihm; von seinem Duft, seinem Blick und den zufälligen Berührungen. Seinen Ausführungen in der Kathedrale konnte ich nur mit Mühe folgen. Mir doch egal, wann welcher Turm gebaut und dass Thomas Beckett darin ermordet wurde. Wer soll das überhaupt gewesen sein? Ich wollte lieber mit Percy draußen am Flussufer entlangspazieren, seiner sonoren, warmen Stimme lauschen, die mir Chaucers „Canterbury Tales“ erzählte oder Gespenstergeschichten von Oscar Wilde, bis wir an einem Eiswagen stehen blieben, wo er mir ein Flake 99 kaufen würde.

Wenn er schon wegen des Standesunterschiedes nicht als mein Geliebter noch wegen des zu geringen Altersunterschiedes als mein Vater in Betracht käme, dann vielleicht als mein großer Bruder?

So verlor ich mich in albernen Tagträumereien bis in den späten Abend hinein. Die Nacht gehörte ganz ihm – also gedanklich. Ich lag im Hotel auf meinem Queensize-Bett und hatte seine Stimme im Ohr, seinen Rasierwasserduft Taylor of Old Bond Street in der Nase und seinen tiefen Meeresblick vor Augen.

Hotelier … Darum grüßten ihn alle so respektvoll, darum hatten wir den schönsten Tisch bekommen. Ein reicher Hotelbesitzer also. Den hatte man ihm während des Ausflugs jedoch nicht angemerkt. Er ist leger gekleidet gewesen, wahrscheinlich aus Rücksicht auf mich. Trotzdem wirkten sein Polohemd und Sportjackett wie alles an ihm exklusiv. Er war ausgelassen, hat gelacht und gescherzt. Stolz hat er mir den gotischen Prachtbau präsentiert, die Mutterkirche der anglikanischen Glaubensgemeinschaft.

Anschließend hat er mich in einen Pub geführt. Es waren ganze Familien dort versammelt gewesen, Jung und Alt. Nicht wie bei uns, wo in schmierigen Eckkneipen nur ein paar olle Suffköppe rumhängen und ihr kümmerliches Dasein fristen, ein Skatblatt nach dem anderen dreschen oder mürrisch vor sich hin grummelnd Bier und Korn kippen. Percy bestellte mir eine Apple Pie mit Custard zum Tee. Er selbst trank lediglich ein Stout und rauchte zwei Zigaretten. Wieder traute ich mich nicht, in aller Öffentlichkeit eine von ihm anzunehmen, man hätte sonst meinen können, der große Bruder verführe seine kleine Schwester zum Rauchen. Als ich mit meinem Apfelkuchen fertig war, beugte er sich lächelnd vor und wischte mir mit dem Daumen einen Krümel aus dem Mundwinkel. Es war eine fürsorgliche, eine fast zärtlich zu nennende Geste. Ich hätte ihm die Hand dafür küssen mögen, wenn nicht noch mehr.

Das böse Erwachen erfolgte erst am Montagmorgen mit dem Erscheinen meiner Tante. Ich habe keine Lust, sie näher zu beschreiben, denn sie ist mir durch und durch unsympathisch, und diese Antipathie verstärkte sich noch um ein Vielfaches, nachdem sie mir diese verworrene Geschichte um die Ohren geschlagen hatte.

Aber der schlimmste, der allerschlimmste Faustschlag, der mich mitten in die Magengrube traf, war, als Percy hinzutrat und meine Tante mit einem Wangenkuss begrüßte. Hielt ich sie für eine Schrecksekunde noch für ein Liebespaar, wurde in der nächsten dieser Irrtum aufgeklärt, indem er sie ebenfalls mit „Tante“ anredete. Percy ist mein Großcousin. Und ich hasse ihn gründlich dafür.

Übermorgen reise ich ab, komme was wolle. Und dann kann diese ganze englische Mischpoke mich mal kreuzweise. Ich will nichts mit ihnen zu tun haben.

Und diese Bruchbude hier können sie auch geschenkt haben!

Nur warum komme ich mir dann wie eine Verräterin vor?

Warum erfüllt es mich mit einer solchen Traurigkeit, das Cottage zu verlassen?

Der letzte Spross (1) – Das Leben der Elke Hansen

Kürzlich fand ich beim Aufräumen einiger Schubladen die Reisenotizen meiner Mutter wieder. Sie hatte sie in ein dickes Heft geschrieben in ihrer mädchenhaft verspielten Schrift, ihre Punkte glichen kleinen Kringeln. Fast ist mir, als verströme das Papier noch immer den unschuldigen Geruch von Kaugummi und Zigarettenrauch – der Inbegriff der damals revoltierenden Rockabilly-Jugend, die noch keine Ahnung von der echten Jugendrevolte hatte, die nur wenige Jahre später über die westlichen Gesellschaften hinwegrollte und diese nachhaltig verändern sollte. Ob ausschließlich zum Besseren, darf bezweifelt werden. Die pastellige Doris-Day-Welt meiner Mutter jedenfalls wurde dabei brutal zerstört und durch schrille Flower-Power ersetzt. Sex & Drugs getarnt als Love & Peace. Erlaubt war alles außer Spießertum. Wie dieses definiert wurde, entschied eine einzige Generation und deren intellektuellen Unterstützer. In Deutschland stempelte diese die vorherige völlig undifferenziert zu Biedermännern, sprich Mitläufern, oder Nazis, sprich: Täter ab. Wer einen Gartenzwerg zwischen den Beeten stehen hatte und Volksmusik hörte, machte sich zwangsläufig verdächtig. Die Kohlroulade am Sonntag setzte dem Ganzen die Krone auf.

Meine Mutter war ein Kriegskind ohne Eltern, mit einem unbekannten Vater und einer Mutter, die plötzlich keine mehr war. So hatte es ihr eine auf einmal auftauchende Sippschaft verkündet. Meine Mutter wurde in mehrfacher Hinsicht komplett entwurzelt.

Eine Erbschaft rief sie damals, im Jahr 1961, von Deutschland nach England, wo ihr höchst Merkwürdiges widerfuhr. Ihre Erlebnisse hat sie in ihren Reisenotizen niedergeschrieben, die ich zu Beginn dieser Aufzeichnungen wortgetreu wiedergegeben habe.

Verwirrt reiste sie zurück nach Hamburg, die einzige Heimat, die sie bis dahin gekannt hatte. Nachdem ihre dort in dürftigen Verhältnissen lebende Ziehmutter ihr plötzlich die Tür wies, kam ihr ihre Heimatstadt mitten im heißen August plötzlich kalt und fremd vor. Sie schlüpfte vorübergehend bei ihrer Freundin Gisela unter, suchte sich eine Stelle als Stenotypistin bei einer großen Handelsfirma im Hafen, mietete eine muffige Bude mit Blick auf einen düsteren Hinterhof und ging sonntags zum Tanztee, in der Hoffnung … na, wie man eben damals meinte, sich einen Ehemann angeln zu können, um gemeinsam in eine vermeintlich bessere Zukunft zu segeln.

Es funktionierte nicht. In jedem jungen Mann, dem sie begegnete, suchte sie den von ihr offen gehassten und heimlich geliebten Percy. Diesen als bloße Urlaubsbekanntschaft zu bezeichnen wäre ein britisches Understatement. Sie vermisste seine meeresblauen Augen ebenso wie seine etwas dandyhaft nonchalante Art, den Duft seines teuren Rasierwassers ebenso wie sein Grübchen am Kinn.

Ein Teenie-Schwarm? Nein, eher ein Traumprinz, der wie eine Seifenblase zerplatzte, sobald sie ihn berührte. Zudem ihr Großcousin.

Mehr und mehr wurde ihr bewusst, dass er – sowie die noch inniger gehasste Tante Nelly – die einzigen Verwandten waren, zu denen sie hätte Kontakt aufnehmen können. Die andere Hälfte der Sippschaft lebte hinter dem Eisernen Vorhang. Fremde Leute, die aus einer fremden Kultur und einer fremden Kaste stammten.

Obwohl meine Mutter sich geschworen hatte, nie mehr nach England zurückzukehren, wo man ihr ihr ganzes bisheriges Leben gestohlen hatte, spürte sie mit Einzug des Herbstes so etwas wie eine unerklärliche Sehnsucht in ihrem Herzen. Sobald sie ihr düsteres Zimmer nach einem arbeitsreichen Tag betrat, kehrten ihre Gedanken zu dem Cottage zurück, in dem sie für ein paar herrlich zwanglose Sommertage mit Cola und Zigaretten gehaust hatte. Sie bestand immer auf den Ausdruck „gehaust“, will heißen: jenseits jeglicher Kontrolle und Benimmregeln.

Meine Mutter kehrte vorerst nicht dorthin zurück, denn wenige Monate später kam ich zur Welt. Wer eins plus eins zusammenzählen kann, braucht nicht mehr nach meiner Augenfarbe zu fragen.

Der letzte Spross (2) – Die verlorenen Seiten

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass die Reisenotizen meiner Mutter erst der Anfang einer äußerst seltsamen Reise in die Vergangenheit waren, die anzutreten sie mir strikt untersagte. Und doch hatte sie Spuren für mich ausgelegt, denen ich zu folgen nicht widerstehen konnte.

Ihre „wehmutsvolle Phase“, wie ich diese zu nennen pflegte, war die einzige Zeit, in der wir uns als Mutter und Tochter nahe waren. In dieser überreichte sie mir die herausgefallenen Tagebuchseiten der in ihren Reisenotizen erwähnten Judith, welche ihr in ihren letzten Tagen im Cottage auf so ominöse Weise abhandengekommen waren. Sie hatte sie bereits durchnummeriert, um sie in die richtige Reihenfolge zu bringen.

In deren Besitz war sie auf höchst profane Weise gelangt. Eines Tages wurden sie ihr in einem großen braunen Umschlag per Kurier zugestellt. Ich erinnere mich noch, ich mag fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, dass sie tagelang in diese vertieft war und verstört wieder aus ihnen auftauchte. Sie reichte Urlaub ein, brachte mich bei einer Freundin unter und kehrte Wochen später noch verstörter nach Hause zurück.

AUS JUDITHS TAGEBUCH

189 … ? (leider unleserlich, da die Tinte verwischt ist, doch offensichtlich zu einem deutlich späteren Zeitpunkt notiert als die Handlung)

Mein Weg zum Ziel war beschwerlich und schmerzhaft. Ein unüberwindbares Hindernis stand mir im Weg: ich selbst!

Nach Edwards Tod hatte ich den Drang verspürt, zu meiner Familie zurückzukehren. Doch es blieb mir zunächst verwehrt. Ich war zum ungünstigsten Zeitpunkt nach Rumänien zurückgekommen.

In Bukarest wurde ich in eine schicke möblierte Wohnung nahe dem Stadtpalast einquartiert, so lange die Stadtvilla für mich renoviert wurde. Dadurch blieb ich außen vor und bekam von den jüngsten Ereignissen und internen Familienangelegenheiten kaum etwas mit. Es kränkte mich, dass ich von allem ferngehalten wurde, als ginge es mich nichts mehr an, als wäre ich nur eine entfernte Verwandte, die zu Besuch gekommen war und irgendwo beherbergt werden musste – nach allem, was ich zusammen mit dieser Familie durchgestanden hatte.

Was blieb mir anderes übrig, als geduldig in meiner neuen Bleibe auszuharren? Immer mehr versank ich in Selbstzweifel. Sollte ich mich in allem so sehr getäuscht haben? Hatte ich mir die starken Bande nur eingebildet? War ich aus purer Trauer einer Träumerei erlegen oder einem Wunschbild aufgesessen? War ich, wie einst, einfach nur die englische Tante?

Wie hätte ich wissen sollen, wie es in seinem Herzen aussah?

Er führte mich gelegentlich aus, wirkte aber trotz seines charmanten Gebarens angespannt und mit den Gedanken woanders. Meinen Nachfragen wich er geschickt aus.

Meist verabschiedete er mich mit einem galanten Handkuss auf offener Straße. Im nächsten Augenblick sah ich nur noch seinem Schatten in der abfahrenden Kutsche hinterher. Wie sehr hätte ich mir zu jener Zeit gewünscht, dass er mich wenigstens einmal bis nach oben vor meine Wohnungstür begleitet …

Ich spürte keine Nähe mehr, keine Verbundenheit, was mein Gefühl von Verlorensein aufs Unermessliche steigerte. Völlig fremd kam mir diese Stadt vor, in der ich früher so viele Jahre gelebt hatte. Völlig fremd auch meine Familie, zu der ich nicht mehr richtig dazugehörte.

Erinnerungen an unser damaliges Familienleben, als die Kinder noch klein gewesen waren, stiegen in mir auf; Erinnerungen an intime Momente, die ich nicht zu würdigen gewusst, ja sogar ignoriert oder schlimmer: als lächerlich abgetan hatte.

Die entstandene Distanz versetzte meinem Herzen schmerzhafte Stiche, die zeitweise Panik in mir auslösten. Was tat ich hier? Was hatte ich, eine englische Wissenschaftlerin, hier zu suchen am anderen Ende Europas? Es erinnerte sich keiner mehr an mich. Und auch ich erinnerte mich an niemanden mehr.

Die Straßen waren bevölkerter als früher. Bauernkarren und elegante Kutschen gaben sich ein Stelldichein neben einem ausgebauten Liniennetz an Pferdebahnen. Schon da war im Gespräch, dass die Metropole eine Elektrische bekommen soll. Der Einzug moderner Zeiten wird hier wie immer hungrig begrüßt. Die Kehrseiten sind noch jenseits alles Vorstellbaren.

Die Tage bis zu unserem Wiedersehen versuchte ich so gut es ging mit Arbeit auszufüllen. Ich war wieder in die Administration mehrerer Krankenhäuser eingebunden und unterhielt Kontakte zur medizinischen Fakultät, die er für mich hergestellt hatte. Ich wusste meine Zeit also durchaus sinnvoll zu verbringen. Aber eigentlich war es nichts als Warten. Warten auf ihn!

Eines Tages hielt ich es nicht mehr aus, fuhr zum Stadtpalast und sprach bei Elena vor. Ich gestand ihr meine Gefühle für ihren Vater. Sie erblasste. Mir war klar, dass sie fürchtete, ich könnte ihn ihr abspenstig machen, was absurd ist. Er ist derjenige, der entscheidet – sogar zwei Frauen gleichzeitig zu lieben.

Er würde sich nicht noch einmal zum Idioten machen lassen, sagte sie im anklagenden Ton, als hätte ich sie damals vor den Kopf gestoßen und nicht ihn.

Aber ja, ich verließ die Familie und damit auch sie. Ich hatte ihnen allen wehgetan mit meinem Fortgehen.

Wie sollte er annehmen, fuhr sie mit ungewohnt kaltem Blick fort, dass meine Empfindungen für ihn über all die vielen Jahre – Jahre der Abwesenheit! – plötzlich gewachsen seien? Meine privaten Umstände seien doch wohl hoffentlich nicht der einzige Grund …?

Sie müsste mich eigentlich besser kennen.

Nun, die seinen hätten sich jedenfalls geändert. Er habe sie vor fast fünf Jahren geehelicht und nunmehr zwei Kinder mit ihr. Und ja, sie sei endlich glücklich und hoffe es auch weiterhin zu bleiben!

Die Botschaft war angekommen.

Aus Judiths Tagebuch II

Ich will zurück in Eure Welt.

Ich stehe nur eine Armlänge von Ihnen entfernt, Mrs. Williams, Sie bräuchten nur einen einzigen Schritt zu tun.

Ich weiß nicht, wie!

Tun Sie ihn einfach.

Könntet Ihr mir nicht Eure Hand reichen?

Nein, ich habe sie oft genug nach Ihnen ausgestreckt. Ich will mir nicht den Vorwurf machen lassen, ich hätte Sie gegen Ihren Willen gezogen. Diesmal müssen Sie ganz allein eintreten. Die Türen stehen Ihnen offen – wie sie es stets getan haben.

Ich habe es getan. Ich bin eingetreten. In sein Reich. In ihn.

Aus Judiths Tagebuch III

So einfach, wie ich es niedergeschrieben habe, war es in Wahrheit nicht. Höchstens aus der verklärten Erinnerung. Die Qual – unser beider Qual – habe ich erfolgreich verdrängt. Wie so vieles, was sich in jenen Tagen zugetragen.

Eine erschreckende Blässe hatte sein Gesicht an jenem Abend überzogen. Ich konnte nicht einfach darüber hinwegsehen. Wir kamen von einer Gesellschaft und ich bat ihn um einen Spaziergang im Cişmigiu, bevor er mich wie immer unten vor meiner Wohnung absetzen würde. Ich hoffte, er würde sich mir dort, ohne lauschende Ohren um uns herum, endlich öffnen. Es war einer der ersten milden Abende. Es mag im April gewesen sein, so genau weiß ich es nicht mehr. Die Zeit zwischen meiner Ankunft in diesem Land und meiner tatsächlichen Rückkehr in die Familie ist von Nebel umhüllt, in dem sich nur ab und zu die Sicht auf kleine Episoden klärt. Das Wort ist eigentlich schon zu groß gewählt, es ist eher wie ein Aufblitzen von Eindrücken – Erinnerungsfetzen.

Wir blieben am Seeufer stehen und blickten den Ruderbooten mit den verliebten Pärchen hinterher, die traumwandlerisch durch das dunkle Wasser glitten. Die Laternen am Heck warfen warme Schimmer auf die romantische Szenerie. Ich erinnere mich an den intensiven Duft von Flieder, der den Park erfüllte. Still schlenderten wir weiter, ein wenig befangen von so viel spürbarer Liebe um uns herum. Im Geheimen verfluchte ich mich, dass ich hierher hatte ausgeführt werden wollen, denn es gab wohl kaum ein Paar, das nicht in Abständen eng umschlungen stehen blieb, sich in einer lauschigen Ecke heimlich küsste oder zumindest Hand in Hand … jedenfalls wurde es mir zu anstrengend, das allgegenwärtige Liebesgeflüster zu ignorieren, und so bat ich ihn, mich nach Hause zu bringen. Ich rechnete damit, wie immer vor der abfahrbereiten Kutsche verabschiedet zu werden, doch diesmal begleitete er mich hinauf. Natürlich bat ich ihn auf ein Getränk herein, allein der Anstand gebot es. Wie hätte ich annehmen sollen, dass er meiner Einladung Folge leisten würde, so gänzlich woanders er mit seinen Gedanken den Abend über gewesen war. Fraglich, ob er mich an seiner Seite überhaupt bemerkt hatte.

Ich schenkte ihm Armagnac ein, denn er sah so aus, als könnte er einen gebrauchen. Dankend nahm er das Glas entgegen, ließ sich auf dem Kanapee nieder und starrte geistesabwesend zum Ofen hin. Nachts wurde es immer noch klamm in den Räumen, weswegen ich Mable gebeten hatte, diesen am Brennen zu halten. Nachdem ich ein Scheit nachgelegt hatte, warf ich meine Mantille über den Sessel und setzte mich zu ihm. Er bemerkte es nicht einmal.

Es lag nicht in meiner Absicht, Euch aufzuhalten … stand ich im Begriff anzumerken, als er, die durch die Ofenklappe schimmernde Glut nicht aus den Augen lassend, erstmals den Mund auftat. Diesmal, um mehr als ein paar Höflichkeitsfloskeln herauszulassen.

„Sie hat mich verlassen …“, sagte er tonlos.

Verwirrt blickte ich zu ihm auf.

„Mein Engel, mein kleiner Engel …“ ergänzte er, das kummervolle Gesicht mir zuwendend. „Er hat mir kein Vertrauen mehr geschenkt … und nun ist er fort.“

Er nippte von seinem Armagnac und begann das Glas in seiner Hand zu drehen, den Blick nunmehr in die bernsteinfarbene Flüssigkeit versunken.

„Keiner hat ihn bisher gesichtet … keiner weiß, wohin er geflogen. Er weiß sich gut zu tarnen. Immerhin.“

„Exzellenz“, entfuhr es mir bestürzt, „sprecht Ihr etwa von …“

„Natalia.“

„Ich verstehe nicht, was heißt: sie ist fort? Ist sie etwa von zu Hause weggelaufen?“

„Schlimmer“, antwortete er, indem er sein Kinn ein wenig in meine Richtung hob. „Sie wurde vertrieben – von ihrem eigenen Bruder. Er schickte sie in die Verbannung. Sie floh in ein freiwilliges Exil, wo immer das auch sein mag. Ich kann sie nicht erreichen, sie hat, wie damals Nicolae, die Bande zu mir gekappt. Jetzt ist sie ganz auf sich allein gestellt.“

Es folgte ein stimmloser Seufzer, mit dem sämtliche Kraft aus ihm zu weichen schien.

„Sie fand keinen Rückhalt, denn ich war nicht da. Ich hatte einen langjährigen Freund zu betrauern … Doch selbst wenn ich zum fraglichen Zeitpunkt dagewesen wäre, hätte sie sich mir nicht anvertraut. So sehr fühlte sie sich von mir allein gelassen.“

Ich sah ihn schlucken, und als er seinen Blick endlich auf mich richtete, schimmerten seine Augen dunkler denn je.

„Seit wann …“, fragte ich mit versagender Stimme.

„Kurz vor Weihnachten“, kam die unglaubliche Antwort, worauf er tief Luft holte und sich beim Ausatmen übers Gesicht fuhr.

Fassungslos saß ich neben ihm und versuchte zu begreifen.

Das also waren die Familienangelegenheiten, mit denen sie mich nicht hatten belasten wollen … Die bleichen Gesichter kamen mir wieder in den Sinn, Elenas verweinte Augen, Nicolaes erstarrte Züge, des Grafen zorniges Funkeln, derweil ich Natalia bei Miss Farrell im Karpatenschloss glaubte. Keiner hatte mir etwas gesagt.

Die Hochzeit sei verschoben worden, hatte man mir kurz darauf mitgeteilt, Miss Farrell fühle sich seit geraumer Zeit nicht ganz wohl, was mir Nicolaes anschließenden und dauerhaften Aufenthalt im Karpatenschloss erklärte.

Erst jetzt erfuhr ich, dass der Graf ihn dorthin verbannt hatte.

Es sei übrigens nicht nur Natalia betroffen. Zuvor sei Dorin von Nicolae des Hauses verwiesen worden – ausgerechnet er!

„Dorin?“, wunderte ich mich. „Aber warum?“

„Weil die beiden Verschwundenen sich lieben.“

„Dorin und Natalia sind ein Liebespaar? Das habe ich nicht gewusst“, erklärte ich idiotischerweise, denn offenbar hatte es keiner gewusst. Obwohl, wenn ich heute so darüber nachdenke, hatte sich bereits zu Londoner Zeiten eine traute Zweisamkeit zwischen den beiden entwickelt. Allerdings hatte ich nie mehr darin gesehen als eine innige Beziehung zwischen Cousin und Cousine, die in ihrer jeweils eigentümlichen Art begründet lag.

„Ich habe es gewusst“, erwiderte er.

Überrascht blickte ich zu ihm auf.

Er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glas und ließ ihn langsam die Kehle hinunterlaufen.

„Ich wusste, wie es in Natalias Herzen aussah, seit sie damals nach dem Angriff auf Dorin nicht mehr von seiner Seite hatte weichen wollen; seit Dorin die Flucht nach Wien ergriffen hatte, sobald er wieder zu Kräften gekommen war, um sie sich aus den Kopf zu schlagen; und seit er das ganze letzte Jahr vor lauter Nervosität das Zittern bekam, sobald er mich sah, weil er sich zu sehr fürchtete, bei mir um ihre Hand anzuhalten. – Ich hätte ihm entgegenkommen können, aber ich wollte, dass er sich überwindet; dass er um meine Tochter kämpft; dass er seinen Mann steht … Wie hätte ich all das absehen können, wie hätte ich ahnen sollen, dass Nicolae derart überreagiert?“

Mich traf sein verzweifelter Blick.

„Der schlimmste Schlag jedoch ist nicht einmal Nicolaes Verhalten, der immer mehr unserem Vorfahren nachkommt, ohne dass ich es zu verhindern wüsste, sondern der Brief Dorins und Natalias, der mich kurz vor Weihnachten erreichte und in dem meine Tochter mir ihr Vertrauen entzog. Ihre Worte erschüttern mich noch immer, und doch muss ich zugeben, dass … aus ihrer Sicht …“

Seine Stimme versagte, ich sah ihn um Fassung ringen.

Bestürzt saß ich neben dem geschlagenen Vater, dem ohnmächtigen Grafen, dem flügellahmen Engel, der so kläglich am Boden flatterte, dass ich es kaum ertragen konnte. Tröstend hob ich meine Hand, um sie ihm auf die Schulter zu legen, ließ sie aber wieder sinken. In mein anfängliches Mitleid mischte sich helle Empörung.

Über ein Vierteljahr lang, stieß ich atemlos hervor, habe er diesen Kummer mit sich herumgetragen und gemeint, ihn ganz allein stemmen zu müssen? Warum ich ihm nicht wie früher zur Seite stehen dürfe? Warum er diese Last nicht mit mir teile? Ob ich keinerlei Recht mehr dazu besäße? Ob ich nicht mehr zur Familie gehörte, ob ich in seinen Augen denn gar nicht mehr zählte …

Und im selben Maße, wie sich nun meine Tränen an die Oberfläche drängten, stockten die seinen. Überrascht schaute er mir ins Gesicht. Dann durchfuhr ihn ein jäher Schmerz und mir war, als ob er sich mir von einer Sekunde zur nächsten wieder verschließe.

Enttäuscht wandte ich mich ab. Er sagte sekundenlang nichts, dann reichte er mir wortlos sein Taschentuch. Ich nahm es mit geflüstertem Dank entgegen und knetete es in meinen Händen. Der aufsteigende Duft – sein Duft – entfachte die Sehnsucht in mir. Behutsam trocknete ich mir damit die Wangen. Dann räusperte ich mich und bat ihn um Verzeihung. Es sei äußerst unpassend von mir, in dieser Situation die Gekränkte zu spielen. Wir sollten lieber überlegen, was zu tun sei.

„Aber ich habe Sie gekränkt, Mrs. Williams“, erwiderte er und steckte das tränenfeuchte Tuch ein. Er erhob sich, um nun mir einen Armagnac einzuschenken. Als er mir das Glas reichte, zitterten meine Hände derart, dass ich es nicht entgegennehmen konnte.

„Sehen Sie?“, sagte er und stellte es auf dem Tischchen neben mir ab. „Genau das habe ich vermeiden wollen. Sie sind noch in Trauer, Mrs. Williams, Sie haben die Selbsttötung Ihres Gatten und die fragwürdigen Umstände noch nicht überwunden.“

Es sei morgen auf den Tag genau ein Jahr her, rief ich ungehalten. Viel schlimmer als das Ende meines bisherigen Lebens, sei, dass ich mein neues nicht antreten dürfe. Ich hätte gehofft … Weiter wagte ich nicht zu sprechen.

„Nehmen Sie einen Schluck, Mrs. Williams.“

„Ich will aber keine Mrs. Williams mehr sein!“, schrie ich ihm ins Gesicht, während ich ihm das dargebotene Glas aus der Hand schlug. Ich weiß nicht, was in mich gefahren war, dass ich derart die Beherrschung verlor. Beschämt sah ich zu, wie er sich die Flüssigkeit vom Revers seines Rockes tupfte.

„Ich werde wohl besser gehen“, murmelte er daraufhin.

„Nein! Das will ich erst recht nicht.“ Es mag zwar besänftigt, aber dafür ziemlich verzweifelt geklungen haben.

„Was wollen Sie denn?“

„Ich will zurück in Eure Welt.“

„Ich stehe nur eine Armlänge von Ihnen entfernt, Mrs. Williams, Sie bräuchten nur einen einzigen Schritt zu tun.“

„Ich weiß nicht, wie.“

„Tun Sie ihn einfach!“

„Könntet Ihr mir nicht Eure Hand reichen?“

„Nein, ich habe sie oft genug nach Ihnen ausgestreckt. Ich will mir nicht den Vorwurf machen lassen, ich hätte Sie gegen Ihren Willen gezogen. Diesmal müssen Sie ganz allein eintreten. Die Türen stehen Ihnen offen, wie sie es stets getan haben …“

Mit diesen Worten erhob er sich und ging.

Ich heulte die ganze Nacht, zerrte mir an den Gliedern und riss mir an den Haaren. Ich glaube, ich war niemals zuvor so verzweifelt in meinem Leben wie in jener Nacht. Mable, die ich mit meinem Getobe immer wieder aus dem Schlaf riss, hatte ihre liebe Not.

Er hatte mich fernhalten wollen von seinem Leid, weswegen ich ihm zürnte. Da begriff ich, dass er mich hatte schonen wollen, weil er wusste, dass sein Leid auch mein Leid war, welches er mir nicht zusätzlich hatte aufbürden wollen. Da endlich begriff ich alles.

Der Schock darüber war so groß, dass ich mich einer Ohnmacht nahe fühlte. Aber dann triumphierte die Wut über mich selbst. Wieder einmal hatte ich es nicht vermocht, über meinen Schatten zu springen.

Am nächsten Morgen erwachte ich mit einer heftigen Migräne. Das ganze Leid meiner Familie und mein eigenes zerrten an mir.

Wie egoistisch ich gewesen war, nur an das meine zu denken, wo er mir gerade das seine im vollen Ausmaße offenbart hatte; wo ich seinem Schmerz direkt ins Antlitz geblickt hatte.

Mable musterte mich mit ängstlichen Blicken. Sie schien sich an die Zeit direkt nach Edwards Tod zu erinnern, in der ich kurz davor stand, den Verstand zu verlieren. Sie erinnerte sich glücklicherweise auch daran, dass der Graf allein es vermocht hatte, mich zu retten.

Die folgenden Tage musste ich das Bett hüten, von heftigen Kopfschmerzen und fruchtbaren Träumen geplagt. Ein Schüttelfieber gesellte sich dazu, wie immer wenn meine Gefühle für ihn mit im Spiel waren. Seltsam, erst da erkannte ich es. So spät.

Meine Mable hat Cupido gespielt. Nicht absichtlich, sondern weil sie sich keinen anderen Rat wusste zwischen all meinen selbstzerstörerischen Tränen und Träumen, die nicht enden wollten.

Mir war klar, dass, wenn ich von irgendeinem Nutzen für meine Familie sein wollte, ich mich wieder in den Griff bekommen musste; wusste, dass er wieder einen Fels in der Brandung brauchte, da er selbst am Boden zerstört war – ebenso wie der vom Vater ins Höhennest verbannte Nicolae; ebenso wie Natalia und Dorin, die fernab der Familie in einer für sie fremden und diesen Wesen feindlich gesinnten Welt ums Überleben kämpften; ebenso wie die arme Miss Farrell, deren Hochzeit geplatzt war wie eine schillernde Seifenblase, der Bräutigam in Ungnade, die einzige Freundin und Schwägerin in spe im Exil …

Aller Träume hatten sich von jetzt auf gleich in Nichts aufgelöst. Und ich lag da, wälzte mich auf tränen- und fieberfeuchtem Laken und bedauerte mich selbst. Scham überkam mich, sodass ich mich am liebsten in den dunkelsten Winkel der Welt verkrochen hätte, um nie mehr daraus hervorzukommen. Und diese Scham entfachte ein Fieber in mir, dass ich glaubte, daran zu verglühen.

Wie schon einmal vor vielen Jahren saß er plötzlich an meinem Bett. Draußen war es bereits dunkel. Seine kühle Hand auf meiner heißen Stirn tat gut. Besorgt blickte er mir ins Gesicht.

„Es ist meine Schuld“, sagte er geknickt und tauchte einen Schwamm in die nebenstehende Wasserschüssel. „Ich hätte Ihnen das nicht zumuten dürfen. Bitte verzeihen Sie mir.“

Behutsam tupfte er mir die Stirn. Sein bleiches Gesicht war, obwohl von Kummer gezeichnet, immer noch schön. Wie gern ich meine Hand danach ausgestreckt hätte, um es zu berühren, oder um die dunkle Haarsträhne, die ihm beim Vorbeugen ins Gesicht gefallen war, wieder hinter sein Ohr zu streifen. Sie war von etlichen grauen Haaren mehr durchzogen als damals.

„Es ist meine eigene Schuld, Exzellenz“, erwiderte ich mit fiebertrockenem Mund, „weil ich es immer noch nicht vermag, mein selbst angelegtes Korsett zu sprengen, obwohl ich mit der festen Absicht herkam, dies zu tun.“

„Werden Sie gesund, Judith, dann sehen wir weiter …“

Er erhob sich und gab Mable irgendwelche Anweisungen, bevor er ging. Sie schien erleichtert. Ich war es auch.

Aus Judiths Tagebuch IV

Vor der Zufriedenheit kam die Lust. Sie ist die Voraussetzung für Zufriedenheit. Nicht für die oberflächliche Zufriedenheit, die man auf die Frage „Wie geht’s“ antwortet, nur um den Fragenden zufriedenzustellen. Sondern für die tiefe, tatsächliche Zufriedenheit, die einen durch und durch erfüllt, sofern der Lust Genüge getan wurde.

Während die Zufriedenheit gesellschaftsfähig ist, man sich getrost zu ihr bekennen darf, ist die Lust etwas Verwerfliches. Sie unterstellt dem Menschen etwas Triebhaftes. In seiner Gier danach tut er Böses, um zu bekommen, was er sonst erst im Tod erreichen kann – Erlösung. Ich erfahre sie bereits auf Erden, denn ich bin eine Auserwählte. Das gibt es wirklich! Ich setze Glück an.

Früher aß ich lediglich, um meinen Hunger zu stillen. Ich aß nur so viel, bis ich gesättigt war und mein Körper mir signalisierte, dass er genug hatte. Die Mahlzeit diente einem puren Zweck. Jetzt esse ich über diesen Moment hinaus – aus purer Lust. Einer sinnlichen, aber nicht maßlosen Lust, die zu genießen er mich gelehrt hat.

So wie er mich gelehrt hat, meinen Körper zu genießen, ihn mit Freude zu erleben. Früher war mein Körper lediglich ein Werkzeug meines Geistes und wurde ausschließlich für die Arbeit eingesetzt. Genuss kannte er nicht. Wenn ich meinen geplagten Leib zu Bett legte, meinte ich so etwas wie Zufriedenheit zu verspüren, die meine Glieder durchfuhr. Der nachlassende Schmerz war mir Lob eines arbeitsreichen Tages.

Er hat mich Lust gelehrt. Lust, die vor der Zufriedenheit kommt, sie bedingt. Lust am Wahrnehmen, um Genuss überhaupt erst zu empfinden. Er hat all meine Sinne zum Leben erweckt. Nicht im sündigen Sinne, sondern im gottgefälligen.

Ich genieße echte Glücksmomente. Seine Liebe geht in die Tiefe, ist allumfassend. Mein Herz ist voll von ihm und voll von Glück.

Kaum vorzustellen, dass ich je ohne ihn war.

Er nennt mich Judiţa. Wie zärtlich das im Rumänischen klingt!

Judiţa hat nichts mit der alten Judith gemein. Sie ist eine völlig andere Frau. Judiţa ist vor allem eine Frau!

Aus Judiths Tagebuch V

Wir machen Spazierfahrten auf der Kiseleff. Wie verändert mir die Stadt plötzlich vorkommt. So vornehm, so mondän. Es sind in den letzten Jahren viele neue Gebäude vorwiegend im französischen Stil entstanden. Schicke Hotels und Paläste sowie öffentliche Gebäude.

Es lebt sich gut in Klein-Paris, wie es dieser Tage genannt wird. Sogar einen Triumphbogen haben wir seit unserer Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich, wenn auch nur aus Holz.

Daneben werden auch viele neue Häuser im neo-rumänischen Stil gebaut, worauf Vitalie mich regelmäßig hinweist. Hier stehe Ost neben West, fügt er augenzwinkernd hinzu, während wir Hand in Hand in der offenen Kalesche die prächtigen Villen an uns vorüberziehen lassen. Man kann zwischen all dem grünen Blattwerk nur hier und da einen kurzen Blick auf sie erhaschen, so dicht sind die Kronen der Straßenbäume entlang der Chausseen. Dann aber kitzelt das Auge ein verspieltes Detail nach dem anderen aus Stuck, Schmiedeeisen oder buntem Glas. Es gibt wohl kaum eine Stadt, in der mehr antike Götter und Sagengestalten bemüht werden, verzierte Söller und Balkone zu tragen, prächtige Portale zu bewachen oder hinter Rundkuppeln versteckt die Wege der Menschen zu beobachten. Während dort noch eine Putte mit Amors Pfeil auf einen Passanten zielt, grinst demselben die dämonische Fratze eines Satyrs vom gegenüberliegenden Erker hinterher. Die Vorübergehenden ahnen nicht einmal, wer ihre Geschicke lenkt.

Gelegentlich führt uns unser Weg in die Casa Capşa. Die Ananastörtchen dort sind ein Traum! Man trifft auf wichtige Männer aus Kultur und Politik, manchmal sogar mitsamt ihrem schmückenden Beiwerk, zu dem ich mich jetzt ebenfalls zählen darf.

Seltsam, dass es mir gar nichts ausmacht.

An seiner Seite zu sein, ist mehr als genug. Es ist eine Ehre. Die ich endlich zu schätzen weiß.

Zuweilen habe ich Angst. Angst vor dem Erwachen. Es ist schön in seinem Traum zu leben. Erfüllend.

Am Abend sprechen wir über das Erlebte. Er lässt mich hinter die Kulissen schauen, zeigt mir die wahren Gesichter. Es sind nicht alle hässlich und von Habsucht oder Geltungsdrang verzerrt. Es gibt noch Menschliches aus Fleisch und Blut unter den Mächtigen, wenn auch selten. Diese gilt es zu stärken. Diesen gilt es zu den richtigen Kontakten zu verhelfen, damit sie ihre Kräfte bündeln können.

Unser König ist übrigens eine Marionette. Die Strippenzieher sitzen im Café Capşa oder im Grand Hotel Broft – Aristokraten, Diplomaten und Militärs aller Herren Länder.

Dort, in der Podul Mogoşoaiei – die jetzt Calea Victoriei heißt, seit 1878 der Siegeszug nach dem gewonnenen Unabhängigkeitskrieg hindurchführte –, wird die Zukunft gebraut: beim Mittagessen, beim Fünfuhrtee oder beim Souper; auf Kostümbällen, im Kasino, im Schwitzbad und sonstigen Etablissements dieser Stadt. Man weiß sich beim Schicksalspielen zu vergnügen. Fürs leibliche Wohl ist in Europas politischer Schmiede gesorgt. Wie viele Agenten und Spione sich wohl in der Stadt tummeln? Und erst im Königspalast?!

Meine teure Freundin, Königin Elisabeta, lebt in der Verbannung. Sie hat sich in ihre Heimat Deutschland zu ihrer gestrengen Frau Mama an den Rhein zurückgezogen, erzählt man sich. Elisabeta soll leidend sein.

Eine überaus peinliche Affäre ging dem Ganzen voraus. Ich kann kaum glauben, dass sie, die ich als äußerst verständige und pragmatische Frau kennengelernt habe, sich derart von einem kleinen Hoffräulein hat manipulieren lassen. Sie muss völlig vernarrt in diese gewesen sein, sie vielleicht als heimliche Tochter angesehen haben, die sie selbst nicht mehr hat und doch so schmerzlich vermisst. Wie traurig …

Was für eine emotionale Kälte muss am Hofe herrschen?

König Carol, der sich sonst von eiserner preußischer Disziplin zeigt, habe im letzten Jahr mehr als einmal die Beherrschung in Bezug auf seine Gattin verloren. Die Skandalblätter sollen brühwarm berichtet haben. Doch seit im Januar Kronprinz Ferdinand mit der überaus schönen, aber noch sehr jungen Maria – Enkelin Königin Victorias und Zar Alexanders II. – vermählt wurde, scheint Gras über die Sache zu wachsen. Die Gefahr für den rumänischen Thron ist beseitigt. Er ist wieder fest in europäischer Hand.

Nichts fürchten die Rumänen so sehr wie sich selbst.

Wie es Nicolae wohl geht? Ich sehe kaum noch etwas von ihm.

Er kann von Glück sagen, dass sein Vater ihn rechtzeitig in Sicherheit brachte. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätten uns alle ausgelöscht. Alle wie wir da sind. Also auch mich.

Einem erneuten „Erdbeben“ sind wir nur knapp entkommen.

Sie vermögen uns immer dann aufzuspüren, wenn wir Schwäche zeigen, wenn die Familie nicht intakt ist. Weil wir nur als Ganzes funktionieren wie ein einziger lebender Organismus, der alle seine Gliedmaßen benötigt, um sich im Kampf zu behaupten, selbst den kleinen Zeh. Ja, ich beziehe mich mittlerweile mit ein, denn ich gehöre untrennbar zu ihnen, auch wenn es fast ein Leben lang brauchte, um dies zu begreifen.

Es ist wie einst in jener magischen Nacht beim „Auge des Herrn“, als ich scheinbar allein und von allem befreit ins Nichts eintauchte, und erst hinterher gewahrte, dass wir alle zugleich aus demselben Traum wieder aufgetaucht waren, einer einzigen Träne gleich, die an Seinem Wimpernrand hängen geblieben war. Mein Alleinsein war nur Trug gewesen. Ich stand gleich dem Gestirn im festen Verbund mit ihnen. Die Familie umgab mich schützend wie jeden einzelnen von uns. Nie zuvor hatte ich so viel Glückseligkeit empfunden wie damals auf der nächtlichen Picknickwiese, als Hansemann unterm Sternenhimmel Eminescu* rezitierte und Nicolae und Sergej ihren psychedelischen Tanz darboten, der selbst Maître Jacques, Meister des Tanzes, in Begeisterung versetzt hatte. Es war eine Nacht voller Zauber – verstörend klar und wirr zugleich.

Ich bin jungfräulich in die Ehe gegangen, so unglaublich das auch klingen mag. Er hat es mir in der Hochzeitsnacht von den Augen abgelesen und konnte es kaum fassen. Ich muss wohl schlotternd auf der Bettkante gesessen haben wie ein einfältiges Kind, das zum ersten Mal einem Manne in seiner ganzen Leibhaftigkeit begegnet – als wäre ich nicht jahrelang mit Edward verheiratet gewesen.

Offiziell war ich Mrs. Williams, das ist amtlich, so steht es in den Kirchenbüchern. Aber wir haben die Ehe nie vollzogen. Das heißt nicht, dass wir einander nicht zugetan gewesen wären. Es war eine durchaus zärtlich zu nennende Verbindung, die mich voll und ganz befriedigte. Mir mangelte es an nichts. Es war auch keineswegs so, dass mir Edward in unserer Hochzeitnacht nicht hätte näherkommen wollen. Nur war er ein sehr rücksichtsvoller Mensch. Vielleicht zu rücksichtsvoll. Niemals hätte er mir wehtun können, nicht einmal auf diese offiziell erlaubte, gesetzlich wie kirchlich abgesegnete Weise. Schließlich waren wir keine jungen Leute mehr, welche die Neugierde des bisher Verbotenen trieb. Kurz und gut, Edward hat mich heil gelassen. Wir machten uns beide nicht viel aus körperlichen Dingen, es waren mehr die geistigen Triebe, die uns verbanden.

„Echte Viktorianer“, flüsterte mein jetziger und einzig wahrer Gatte ungläubig und löste mein Nachtkleid. „Ich will dich ganz, Judiţa“, sagte er, während er seine Blicke zärtlich über meinen unberührten Leib gleiten ließ, „mit Leib und Seele, denn beides gehört untrennbar zu dir und nunmehr auch zu mir. Gib dich mir hin, mein unschuldiges Herz, so werde auch ich mich dir heute Nacht hingeben. Verliere dich in mir und wandle mit mir zusammen durch mein Reich, das kein Sterblicher bisher zu sehen bekam.“

Es war kein romantisches Liebesgeflüster, es war eine Einladung, die Welt unserer Vorfahren zu erkunden. Und so taten wir die folgenden drei Nächte …

Aus Judiths Tagebuch VI

Mein Gott, wie lange es gebraucht hat, diesen Sprung zu tun! Den Sprung über den eigenen Schatten. Den Sprung in ihn.

Mable stieß mich. Sie könne die selbst bereiteten Qualen der Herrschaften nicht länger ertragen. Man sollte mich mit ihm in ein Turmzimmer sperren und erst wieder herauslassen, wenn …, grummelte sie und schüttelte verständnislos den Kopf. Worauf ich noch warten würde? Mehr Gelegenheiten könne ein Mann seiner Angebeteten doch wohl kaum bieten.

Nur, dass ich diese mal wieder alle übersehen hatte.

Aber wäre es nicht an ihm, sich mir zu erklären?, wandte ich ein.

Ob er das nicht schon genug getan hätte mit seinen täglichen Besuchen? – Es war die Zeit, nachdem er mir von Natalias und Dorins Verschwinden erzählt hatte und ich fiebernd zu Bett lag. – Und all die Blumen, das viele Obst, die teuren Pralinen, ganz zu schweigen von den Blicken! Von solchen könnten sie daheim in England doch nur träumen. Jeder Blinde sehe, dass er mich anbete.

Ich glaube, ich wurde tatsächlich rot.

Ich malte mir tausend und eine Situation aus, doch sobald sie Realität zu werden drohte, wurde ich wieder zu einer Gefangenen meiner selbst. Hinterher verfluchte ich mich dafür. Ich wusste ja, dass ich nur einen einzigen Schritt zu tun brauchte. Nur einen!

Je mehr Mable mich drängte, je mehr ich mich selbst nötigte, desto unmöglicher erschien es mir. Bis ich in eine völlige Starre verfiel, sobald er in meiner Nähe war.

Eines späten Abends Anfang Mai – ich hatte mich inzwischen von meinem Fieber erholt und er führte mich ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Nicolae: An der Quelle - Band 7" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen