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Nichts ist verziehen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
  7. Samstag, 22. August
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
    6. 6
    7. 7
    8. 8
    9. 9
    10. 10
    11. 11
    12. 12
    13. 13
    14. 14
    15. 15
    16. 16
    17. 1988
  8. Sonntag, 23. August
    1. 17
    2. 18
    3. 19
    4. 20
    5. 21
    6. 22
    7. 23
    8. 24
    9. 1988
    10. 25
    11. 26
    12. 27
    13. 28
    14. 29
    15. 30
    16. 31
    17. 32
    18. 33
    19. 1989
  9. Montag, 24. August
    1. 34
    2. 35
    3. 36
    4. 37
    5. 38
    6. 39
    7. 1989
    8. 40
    9. 41
    10. 42
    11. 43
    12. 44
    13. 45
    14. 46
    15. 47
    16. 1989
  10. Dienstag, 25. August
    1. 48
    2. 49
    3. 50
    4. 51
    5. 52
    6. 53
    7. 54
    8. 55
    9. 1989
  11. Mittwoch, 26. August
    1. 56
    2. 57
    3. 58
    4. 59
    5. 60
    6. 61
    7. 62
    8. 63
    9. 1989
  12. Donnerstag, 27. August
    1. 64
    2. 65
    3. 66
    4. 67
    5. 68
    6. 69
    7. 1990
    8. 70
    9. 71
    10. 72
    11. 73
    12. 74
    13. 75
  13. Freitag, 28. August
    1. 76
    2. 77
    3. 78
    4. 79
    5. 80
    6. 81
    7. 82
    8. 83
    9. 84
    10. 85
    11. 86
    12. 87
    13. 88
    14. 89
    15. 90
  14. Samstag, 29. August
    1. 91

Über dieses Buch

Die Journalsitin Magdalena Hansson wird zu einem Klassentreffen eingeladen. Man will in einer Sommerhütte übernachten, so wie damals in der 9. Klasse. Magdalena sagt widerstrebend zu. Vor Ort fallen alle von Beginn an in ihre alten Rollen im Klassenverband zurück. Und man feiert. Doch dann werden zwei Klassenkameraden brutal ermordet. Die beiden Morde tragen unterschiedliche Handschriften, scheinen aber vom gleichen Täter begangen. Was ist das Motiv? Und: Sind noch weitere Klassenkameraden in Gefahr?

Über die Autorin

Ninni Schulman, geb. 1972, ist in Värmland aufgewachsen, wo auch ihre Kriminalromane spielen. Sie hat als Journalistin für Tageszeitungen und Wochenmagazinen gearbeitet. Heute lebt und arbeitet in Stockholm. Der vorliegende Band ist der dritte in der Reihe um die Journalistin Magdalena Hansson in Hagfors, die beiden ersten Titel waren „Mädchen im Schnee“ und „Feuerteufel“.

Ninni Schulman

NICHTS
IST
VERZIEHEN

Schwedenkrimi

Aus dem Schwedischen von
Susanne Dahmann

Prolog

Gesprächsaufzeichnung eines Notrufs, Sonntag, 23. August um 01:33 Uhr:

Notrufzentrale: »Hier die Notrufzentrale.«

Eine Frauenstimme: »Wir brauchen einen Notarzt. Es ist … (undeutlich) … Oh mein Gott!«

Notrufzentrale: »Wo befinden Sie sich?«

Frauenstimme: »Ich weiß die Adresse nicht. Es ist nur ein Sommerhaus … Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll. Sie müssen kommen. Schnell!«

Notrufzentrale: »Wie heißt der nächste größere Ort?«

Frauenstimme: »Ekshärad oder Gustafsfors, ich bin nicht sicher. Es ist am Nordende vom Knon, also von dem See. Können Sie nicht über das Telefon sehen, wo ich bin? Es ist …«

Notrufzentrale: »Was ist passiert?«

Frauenstimme: »Weiß nicht. Ein Fest und … (unverständlich) … neben dem Weg, total blutig. Überall ist Blut.«

Notrufzentrale: »Können Sie einen Puls fühlen?«

Frauenstimme: (Pause) »Nein …«

Das Gespräch wird unterbrochen.

Samstag, 22. August

1

Magdalena Hansson bog vor dem gelben Holzhaus am Stjärnäsvägen in die Einfahrt und schaltete den Motor aus. Sie lehnte den Kopf an die Rückenlehne. Schloss die Augen. Endlich zu Hause.

Die Bilder kreisten in ihrem Kopf. Die rußgeschwärzte Fassade und die geschockten Menschen, denen es auf fast mysteriöse Weise gelungen war, noch aus dem brennenden Haus herauszukommen. Der Junge in einem viel zu großen Pullover mit einem verwaschenen Logo der Valsarna auf dem Rücken, der sich still an den Hals seiner Mutter klammerte. Die Pulloverärmel mehrere Male umgeschlagen.

Er hatte sie so sehr an Nils erinnert.

Es war der dritte Brand in kurzer Zeit, und vermutlich würde es nicht der letzte sein. Die Flüchtlingsunterkunft hatte für viel Unmut in der Gegend gesorgt.

Petter kam ihr auf dem Kiesweg, der voller Löwenzahnblätter lag, entgegen. Er trug Arbeitshosen und T-Shirt und hatte Liv auf dem Arm. Sein lockiges und etwas widerspenstiges Haar hatte er zu einem Knoten gebunden.

»Wie war es da oben?«, fragte er, als sie die Autotür aufschob.

Magdalena sog den Geruch von frisch gemähtem Gras ein, und mit einem Mal war sie wieder sieben Jahre alt und balancierte so vorsichtig wie möglich mit einem Glas Wasser zu ihrem Vater, der den ganzen Nachmittag Rasen gemäht hatte. Ihre Mutter war immer so überbeschützend gewesen.

Ehe sie anfangen konnte, wehzutun, schüttelte sie die Erinnerung schnell wieder ab.

»Zum Glück ist auch diesmal niemand ernsthaft verletzt worden. Aber das ist nur eine Frage der Zeit.«

Livs Gesichtchen war ganz rotgeweint.

»Sie ist hingefallen und hat sich an der Schaukel gestoßen«, erklärte Petter und zeigte ihr die Beule auf der Stirn der Kleinen. »Aber es ist schon wieder besser.«

»Mein Schätzchen«, sagte Magdalena und stieg aus dem Auto.

Liv streckte sich nach ihr, und sie nahm das Kind auf den Arm.

»Natürlich hat auch diesmal keiner von den Nachbarn etwas gesehen. Und niemand will sich in der Zeitung äußern. Wahrscheinlich trauen sie sich nicht.«

»Oder sie sind einfach nur froh, dass es brennt«, meinte Petter.

Er nahm ihre Kameratasche vom Beifahrersitz, schlug die Tür zu und folgte ihr ins Haus.

»Das ist doch total krank, oder?«, meinte Magdalena.

»Es ist aber auch nicht völlig unproblematisch, in einem Dorf, in dem tausend Menschen wohnen, zweihundert Flüchtlinge zu platzieren.«

Magdalena umarmte Liv fester und sah ihn über ihr Köpfchen hinweg an.

»Du brauchst mich gar nicht so anzustarren«, sagte Petter. »Wir müssen doch über die Realitäten sprechen können, ohne dass du mich gleich für einen heimlichen Rassisten hältst.«

»Das heißt, du findest es auf irgendeine Weise logisch, dass Leute die Wohnungen anderer Menschen anzünden?«

Magdalena setzte Liv auf den krümeligen Küchenfußboden und ging zum Tisch, auf dem ihr Laptop stand.

»Nein, das habe ich nicht gesagt. Das ist furchtbar. Was ich meine, ist, dass es ziemlich viele gibt, die das für eine gute Lösung halten. Das Problem sind nicht einzelne Verrückte, die mit Benzinkanistern rumrennen, sondern all die anderen, die schweigen. Und die Frage, warum sie schweigen, muss man ja wohl stellen dürfen.«

Magdalena nahm die Kamera aus der Tasche und verband sie mit dem Laptop, um die Bilder auf den Computer zu ziehen.

»Ich geh mal raus und mache mit dem Rasen weiter«, sagte Petter.

»Okay. Kannst du Liv erst mal noch mitnehmen? Ich komme, sobald ich den Webtext geschrieben habe. Das dauert nicht lange.«

»Klar. Und hör mal, ich bin wirklich kein Rassist.«

Magdalena seufzte.

»Das weiß ich doch.«

Sie ließ sich am Küchentisch nieder und klappte mit einer langsamen Bewegung den Bildschirm hoch.

Es gelang ihr meist, zu den Sachen, über die sie schrieb, Distanz zu wahren, doch wenn Kinder betroffen waren, dann setzte ihr das immer zu. Die Bilder drangen direkt in ihr Herz und scheuerten es wund.

Doch wie üblich hatte sie keine Zeit, nachzudenken. Sie loggte sich auf Newspilot ein, öffnete einen neuen Artikel und schrieb so schnell es ging den kurzen Nachrichtentext.

Die Bilder waren einigermaßen gelungen, auch wenn sie natürlich nicht dasselbe Niveau hatten wie die von Jens Sundvall.

Zwanzig Minuten später konnte sie endlich in die Sonne hinausgehen und sich auf den Rand des Sandkastens setzen. Sie schlang die Arme um die Knie und sah zu, wie Liv mit einer Plastikschaufel eine kleine Kuhle grub. Wie groß sie in diesem Sommer geworden war. Das naturkrause Haar war jetzt so lang, dass man ihr Zöpfe flechten konnte. Die waren zwar nicht so lang wie die von Pippi Langstrumpf, aber Liv war trotzdem zufrieden.

Wenn sie doch nur einfach für den Rest des Tages dasitzen und zusehen könnte, wie Liv spielte und Petter den Rasen mähte. Widerwillig hatte sie schon im Keller nach Schlafsack und Isomatte gesucht.

»Ich habe keine Lust auf das Fest«, sagte sie, als Petter mit dem Rasenmäher vorbeikam, »und schon gar nicht darauf, da zu übernachten.«

»Natürlich wirst du hingehen«, sagte er und schaltete den Motor ab. »Klassentreffen gibt es schließlich nicht so oft.«

»Nein, zum Glück.«

Die Einladung war vor ein paar Wochen gekommen, und seither war sie unentschlossen.

Wir werden Spaß haben und alte Erinnerungen aufleben lassen, hatten Lena Wahlström und Sandy Kristensson geschrieben. Bringt gerne alte Fotoalben mit.

Zuerst hatte Magdalena vorgehabt, nicht hinzugehen, aber dann war Sandy eines Nachmittags in der Redaktion aufgetaucht und hatte erzählt, dass Jack Paulsson dabei sein würde. Daraus könnte doch eine unterhaltsame Reportage in der Zeitung werden, oder? Er war bisher noch auf keinem einzigen Klassentreffen gewesen, aber jetzt würde er kommen und, genau wie früher, im Zelt übernachten. Und als sie mit ihm geredet hatte, war er ganz normal gewesen, kein bisschen eingebildet oder komisch.

Magdalena konnte nicht von der Hand weisen, dass ein solcher Artikel wahrscheinlich lesenswert wäre, obwohl Jack inzwischen mehr für seine Soap-Karriere und seinen wilden Lebenswandel bekannt war als für seine Musik. Sie hatte ihm eine SMS geschrieben und gefragt, ob er zu einem Interview bereit wäre, und er hatte keinen Widerwillen gezeigt – im Gegenteil. Und tatsächlich klang das, was er schrieb, wie immer. Er hatte sie auch sofort Magda genannt.

Während Liv mit ihrer Schaufel zugange war, nahm Magdalena das Handy heraus und ging auf die Facebookgruppe »Asplundsschule 1989«.

Eine Stunde zuvor hatte Sandy einen neuen begeisterten Beitrag gepostet, wie aufgeregt sie beide seien, und dass sie sich total freuen würden, dass alle endlich kämen. Was man so »alle« nannte. Als Magdalena das letzte Mal nachgeschaut hatte, war nur ein Drittel der Klasse angemeldet gewesen, und sie hatten für fünfzehn Personen Essen bestellt.

Magdalena klickte weiter, um herauszufinden, ob es sich vielleicht noch jemand in letzter Sekunde anders überlegt hatte, doch da waren dieselben Leute wie vorher. Lena, Sandy, Ted Jonsson und Jussi Berg. Denen begegnete sie ab und zu in Hagfors. Und dann Sune, ihr ehemaliger Klassenlehrer. In seiner Hütte sollte das Fest stattfinden, sozusagen als eine Art Wiederholung der Party mit Übernachtung, die sie gleich nach Schulanfang in der Neunten dort gefeiert hatten.

Aber Unni Olander hatte sie bestimmt seit zehn Jahren nicht gesehen, ebenso wenig Alice Nordin, obwohl die wieder nach Hause nach Munkfors gezogen war.

Jack, Mårten Johansson und Freddie Kullberg würden nach wie vor kommen.

»Aber das wird doch vielleicht ganz lustig«, beharrte Petter. »Tina triffst du schließlich auch nicht jeden Tag.«

»Dich auch nicht«, sagte sie und schob das Handy wieder in die Tasche.

Petter schien sie nicht gehört zu haben, sondern schob den Rasenmäher weiter über das restliche Stück Rasen.

Magdalena sah ihm nach, wie er mit seinen Ohrenschützern Richtung Kompost wanderte.

Seit er angefangen hatte, in Norwegen zu arbeiten, waren die gemeinsamen Wochenenden fast heilig. In die Zeit musste alles hineingepackt werden. Diese Woche war Nils bei seinem Vater in Stockholm und Vanessa und Vendela auf einem Handballturnier in Örebro, da hätten sie sich endlich mal richtig umeinander kümmern können.

Magdalena hörte, wie das Handy wegen einer neuen Nachricht in der Hosentasche piepte. Mit einem halben Auge auf Liv, die immer noch mit großer Konzentration schaufelte, holte sie das Handy wieder heraus. Der Krampf im Magen, den sie in der letzten Zeit öfter verspürt hatte, war wieder da, als sie den Absender »einvolk@hotmail.com« sah, doch sie machte die Mail trotzdem auf.

»Man sollte dir einen Baseballschläger so fest in die Fotze rammen, dass die Gedärme rausfallen, damit du endlich mal mitkriegst, wie sich das anfühlt, und so richtig merkst, dass Araber hier nicht hergehören. Aber man könnte dich auch nackt an einen Laternenpfahl hängen und auspeitschen. Hör besser mal auf, mit dem Moslempack rumzumachen, du Hure.«

Schnell klickte sie die Nachricht weg und schob das Handy in die Tasche zurück. Als ob das helfen würde.

Seit sie vor einem Monat angefangen hatte, über die untragbaren Verhältnisse in der Flüchtlingsunterkunft zu schreiben, war ihr Posteingang von Hassmails unterschiedlicher Heftigkeit überflutet worden. Die widerlichsten Nachrichten kamen von drei verschiedenen Adressen und liefen zu jeder Tages- und Nachtzeit auf repeat in ihrem Kopf.

»Du solltest in allen Löchern gleichzeitig gruppenmäßig vergewaltigt werden, bis du erstickst, und dann in einen Graben geschmissen werden, du verdammte Promenadenmischung.«

Aber Petter hatte sie nichts davon erzählt.

Wenn er in Norwegen war, konnte er ihr sowieso nicht helfen, und an den Wochenenden wollte sie von anderen, schöneren Dingen reden. Es gehörte inzwischen einfach zum Job, mit Hassmails umzugehen.

Die Sonne verschwand hinter einer Wolke, Magdalena kauerte sich zusammen und schlang die Arme wieder fest um die Beine, so dass sie nicht zitterte.

»So schlimm wird es schon nicht sein«, sagte Petter, als er das nächste Mal vorbeikam. »Wenn du dich erst mal aufraffst, hast du doch meistens auch Spaß.«

*

Auf dem Polizeirevier herrschte feiertägliche Stille, als Christer Berglund und Betty Lisspers aus Ekshärad zurückkamen.

Auch diesmal hatte niemand den Brandstifter oder jemanden bemerkt, der die Fassade mit Hakenkreuzen besprüht hatte.

Der ehemalige Hotelkomplex lag zwar ein Stück von der Straße entfernt, und die Gebäude standen über Eck, so dass es leicht war, sich dort zu verstecken, aber trotzdem. Es musste irgendjemand die Täter gesehen haben, sie konnten doch nicht einfach so aus dem Nichts auftauchen.

Christer und Betty waren den halben Nachmittag über von Haus zu Haus gegangen, aber niemand konnte von einem Auto berichten, das vorbeigefahren wäre, und niemand hatte ein Fahrrad oder Moped bemerkt.

Was war hier draußen eigentlich los? Woher kam all der Hass?

Hoffentlich würden Soda und seine Techniker etwas finden, mit dem man weiterarbeiten konnte.

Christer wandte sich an Betty.

»Willst du noch einen Kaffee, ehe wir für heute aufhören?«

»Nein, ich glaube nicht«, erwiderte sie. »Ich haue gleich ab.«

»Ehrlich?«, fragte Christer erstaunt.

Einen Moment lang erwog er, sie zu fragen, ob sie etwas Besonderes vorhatte. Betty hatte es normalerweise nie sonderlich eilig, nach Hause zu kommen, vor allem nicht an den Wochenenden, doch er ließ es bleiben. Wie auch immer, war er doch derzeit ihr Chef, und da war es vielleicht gut, eine gewisse Distanz einzuhalten. Wenn sie nicht von selbst etwas erzählte, dann blieb es dabei.

»Dann bis Montag«, sagte er stattdessen. »Schönes Wochenende.«

»Dir auch.«

Christer beschloss, trotzdem noch einen Kaffee zu trinken.

Eigentlich hätte er umgehend nach Hause fahren sollen, aber da war das ganze Haus voller Leute. Seine Schwester Tina war mit ihrer Familie, Ehemann Mats und Sohn Xerxes, übers Wochenende aus Göteborg gekommen. Scheinbar irgendein Klassentreffen, zu dem sie gehen wollte.

Er musste noch ein wenig seine Gedanken ordnen, ehe er dafür bereit war.

Während die Kaffeemaschine loslegte, musste er wieder an die Flüchtlingsunterkunft denken. Er sah den abgenutzten Teddybären vor sich, den einer der jüngeren Teenager in der Jackentasche gehabt hatte. Der Junge war vor ungefähr einer Woche alleine nach Schweden gekommen. Der Teddy gehöre seinem kleinen Bruder, hatte er erzählt. Als Christer fragte, was passiert sei, schluckte der Junge wieder und wieder und kämpfte sichtlich, um vor den Zimmergenossen nicht weinen zu müssen. Dann legte er sich mit dem Gesicht zur Wand auf sein Bett. Er behauptete, vierzehn zu sein, sah jedoch aus wie höchstens zwölf.

Christer schenkte sich einen großen Becher Kaffee ein und schaltete die Maschine aus. Er musste versuchen, diese Gedanken jetzt loszulassen.

Langsam wanderte er den stillen Flur entlang und nahm dabei ein paar vorsichtige Schlucke von dem heißen Kaffee.

Das ehemalige Zimmer von Folke stand immer noch leer, noch hatten sie keinen Ersatz für ihn bekommen, obwohl er schon seit einiger Zeit seinen IT-Dienst in Karlstad begonnen hatte. Es sah auch nicht so aus, als ob sie jemanden bekommen würden, obwohl es dringend nötig wäre. Im vergangenen Jahr hatte Christer nahezu jeden Tag Überstunden gemacht. Sein Konto war dermaßen voll, dass er gar nicht wusste, wie er das jemals abfeiern sollte.

An Folkes Pinnwand waren noch ein paar Ansichtskarten zurückgeblieben, und im Regal standen eine leere Tupperdose und eine gestreifte Blechdose mit Stiften, die vor sich hin staubten.

Auch Petras Schreibtisch in dem großen Chefzimmer war nahezu leer. Geschwindigkeitskontrollen und Alkoholtests erforderten nicht sonderlich viel Büroarbeit. Es war immer noch ihr Zimmer, und sie war immer noch die Chefin des Teams, zumindest auf dem Papier. Die Zeit und ihre Rekonvaleszenz mussten zeigen, wie es damit weitergehen würde.

Bis dahin war es Christer, der das Team leitete.

Noch vor wenigen Jahren hatte er sich auf dem Revier unter dem Veteranen Sven Munther als Chef wie ein Grünschnabel gefühlt. Und jetzt war er es plötzlich, der für Kompetenz und Erfahrung stand. Wie schnell die Jahre vergangen waren.

Aber Urban Bratt war wenigstens noch da.

Was für ein Glück, dachte Christer und musste unwillkürlich in sich hineinlachen. Das war ein Gedanke, den er lange nicht für möglich gehalten hätte. Denn trotz all seiner Widerborstigkeit war Urban doch ein fähiger Polizist.

Als Christer in seinem Zimmer ankam, klingelte sein Handy.

»Hallo, mein Schatz«, sagte er und sank auf den Schreibtischstuhl.

»Wie läuft es bei dir?«, fragte Torun.

Christer hörte Stimmen im Hintergrund, seine Mutter Gunvor redete mit Xerxes. Bisher ihr einziges Enkelkind.

»Ich bin hier jetzt fertig«, sagte er. »Wir sind gerade vom Hotel Wermlandia in Ekshärad zurückgekommen.«

»Ich hab davon im Radio gehört. Wie grässlich. Aber gut, dass du bald fertig bist. Mats wird Tina demnächst zum Fest fahren, und Gunvor und Bengt sind schon da.«

Sie klang fröhlich und schien die Situation mit seiner Schwester und seinem Schwager im Griff zu haben, obwohl sie sich kaum kannten. Ein bisschen Stress klang in ihrer Stimme durch, aber kein Ärger.

»Könntest du auf dem Nachhauseweg ein Stück Kräuterkäse kaufen?«, fragte Torun. »Das habe ich vergessen.«

»Na klar«, sagte er, »fehlt sonst noch etwas?«

»Nein, ich glaube, das ist alles. Dann bis gleich.«

Christer beendete das Gespräch, immer noch erleichtert, dass die Zeiten, in denen sie ihn ständig ausgefragt hatte, was und vor allem mit wem er gearbeitet hatte, vorbei zu sein schienen. Nur ab und zu verstrickte sie sich noch in eingebildete Eifersuchtsdramen, doch inzwischen konnten sie meist beide hinterher darüber lachen.

Hoffentlich blieb das so.

Christer lehnte sich zurück. Der Kaffee war jetzt abgekühlt, so dass er ein paar große Schlucke nehmen konnte.

Er wurde nicht schlau daraus, wieso Tina unbedingt auf dieses Ehemaligentreffen am Ende der Welt oben im Wald gehen wollte. Sie hatte nie damit hinterm Berg gehalten, wie sehr sie Hagfors im Allgemeinen und ihre damalige Klasse auf dem Gymnasium im Besonderen hasste.

Sogar als Gunvor und Bengt aus ihrem Haus ausziehen mussten, hatte sie sich so lange wie möglich davor gedrückt, mal vorbeizukommen. Die Auswahl des Maklers, die Schätzung des Hauses, die Entscheidung über das betreute Wohnen, den Pflegedienst und das Testament – alles das hatte Tina auf irgendeine Weise per Telefon erledigt.

In der schlimmsten Zeit hatte Christer schon Schnappatmung bekommen, wenn er nur ihre Telefonnummer auf dem Display gesehen hatte.

Als Tina dann vor ein paar Wochen plötzlich anrief, überhaupt nicht meckerte, sondern nur fragte, ob die ganze Familie an diesem Wochenende im August bei ihnen wohnen dürfe, war er gelinde gesagt erstaunt gewesen.

Sie hatte es sogar geschafft, ihn um Entschuldigung zu bitten, dass sie quasi alle praktischen Dinge bezüglich des Umzugs ihrer Eltern ihm überlassen hatte, und ihn und Torun dafür zu loben, wie großartig sie das alles geregelt hatten.

Als er sie fragte, wieso denn ausgerechnet sie zu einem Klassentreffen gehen wolle, da lachte sie nur und sagte, das könnte doch »durchaus mal lustig« sein. Dabei klang sie dermaßen seltsam, dass er schon glaubte, sie sei etwas angeschickert und würde am folgenden Tag noch einmal anrufen und alles zurücknehmen.

Doch das hatte sie nicht getan.

Torun hatte sofort begonnen, ein kleines Krebsfest zu planen, und hatte ein zusätzliches Bett für Xerxes in das Zimmer neben ihrem Schlafzimmer gestellt, das immer noch Gästezimmer genannt wurde, auch wenn die grün gepunkteten Tapeten schon in einem Karton im Schrank bereitlagen.

Nein, das war alles wirklich seltsam.

Christer leerte den Kaffeebecher in einem Zug und ließ ihn auf dem Schreibtisch stehen.

Aber jetzt Kräuterkäse.

2

Noch ist Zeit, alles abzusagen, dachte Magdalena, als sie vor Jeanettes Reihenhaus parkte. Sie könnte Jeanette zum Fest kutschieren, das Interview mit Jack erledigen und dann direkt wieder nach Hause zu Petter fahren. Aber sie wusste schon, wie das aussehen würde, wie man dann über sie tuscheln würde, dass sie komisch geworden sei.

Als ob das der Grund wäre.

Magdalena nahm die Treppe in zwei großen Schritten, drückte für ihr übliches Signal auf den Klingelknopf und öffnete dann die unverschlossene Tür.

Die kleine Diele sah viel größer aus, seit man nicht mehr über Sebastians große Schuhe steigen musste.

Jeanette kam zu »Tainted love« von den Soft Cells aus dem Schlafzimmer getanzt, kurzer Rock und Paillettenhemd, das schwarz gefärbte lange Haar zu einem Knoten gebunden.

»Kann ich so gehen?«, fragte sie und klapperte mit den falschen Wimpern.

»Du siehst rattenscharf aus«, erwiderte Magdalena.

Jeanette, die offensichtlich den halben Tag auf Glitter-Make-up und Nagellack verwandt hatte, rauschte auf ihren frisch pedikürten nackten Füßen vorbei und holte einen der Küchenstühle ins Wohnzimmer. Magdalena folgte ihr.

Das Zimmer, das sonst immer perfekt aufgeräumt war, lag voller verstreuter Kleider und Haarprodukte. Mitten im Durcheinander auf dem Couchtisch stand ein aufgeklappter Laptop, aus dem die Musik kam.

»Und es ist auch nicht zu viel?«, fragte Jeanette und betrachtete sich selbst in der Spiegelwand, vor die sie den Stuhl gestellt hatte.

»Nein, sicher nicht«, sagte Magdalena, »glaub mir.«

Jeanette schloss die Lockenschere an den Strom an, legte sie auf den Stuhl und ging zum Computer.

»Ich habe eine Spotify-Liste mit lauter alten Songs angelegt«, erklärte sie. »Das wird so cool!«

»Forever young« von Alphaville ging los, und Magdalena schloss die Augen. Sie konnte fast den Geruch von Dillchips und das Kratzen von Jacks struppigen Haaren an den Schläfen spüren.

»Komm, gib’s schon zu, ein bisschen glaubst du auch, dass es spannend sein wird. Mårten. Jack. Freddie.«

Magdalena antwortete nicht, sondern fischte stattdessen eine halbleere Flasche aus den ganzen Schminkprodukten.

»Marinella?«, fragte sie ungläubig und schnupperte an dem Aperitif. »Du lässt aber auch nichts aus, was?«

Jeanette lachte.

»Man muss es sich so lustig wie möglich machen, aber das Zeug ist tatsächlich immer noch genauso widerlich wie damals. Sag mal, ist Freddie nicht verdammt süß geworden?«

Jeanette hielt Magdalena ihr Handy hin, auf dem ein Facebook-Foto von ihm mit einem großen Hecht zu sehen war.

»Welcher von beiden ist Freddie?«

»Sehr witzig«, sagte Jeanette und fühlte nach, ob die Lockenschere heiß genug war.

So schnell, wie sie die Hand wegzog, war das offensichtlich der Fall.

»Jetzt komm schon her und setz dich, du schlecht gelaunte Ziege.«

Magdalena setzte sich auf den Küchenstuhl und betrachtete ihr eigenes Spiegelbild. Zumindest hatte sie sich ein neues Kleid gegönnt, so was Kleingeblümtes, was ansonsten eigentlich nicht ihr Ding war, aber sehr süß aussah. Und zum ersten Mal seit mehreren Jahren hatte sie Jeanette ihre Haare schneiden, färben und mit Strähnchen versehen lassen. Es war nicht nur schlecht, dass Petter die Woche über nicht da war.

Magdalena studierte Jeanettes Technik des Lockendrehens. Das sah so einfach aus, wenn sie es machte, doch wenn Magdalena es selbst versuchte, war das etwas völlig anderes. Da hatte sie nie genug Arme, und im Spiegel war alles einfach verkehrt herum.

Ehe Jeanette die Seite wechselte, schob sie Magdalena noch ein Schuljahrbuch hin. Die richtige Seite war bereits aufgeschlagen. Es war lange her, seit sie das Bild angeschaut hatte.

Magdalena ließ den Blick über die Reihen wandern. Sandy stand ganz hinten, das Kinn aufmüpfig vorgeschoben und mit toupierten Haaren. Daneben Lena, rund und üppig, in Collegepullover und mit Ohrgehängen aus Plastik.

Magdalena saß mit frisch gefärbten Haaren und in Flickenjeans zwischen Jeanette, in übergroßem Strickpullover unter einer Weste, und Ted, der einen Trainingsanzug trug. Wenigstens hatte er in der Neunten mit diesen Holzfällerhemden aufgehört, die seine Mutter ihm die gesamte Mittelstufe über aufgenötigt hatte.

Vorn in der Mitte kauerte Danjel. Fast alle Jungs aus der Klasse hatten ihre Haare mit Spray in Form gebracht, aber seine hingen völlig platt herunter. Er versuchte nicht einmal mehr, reinzupassen. Es wirkte, als befände er sich ganz woanders.

Magdalena schauderte es, und sie zwang sich, seinen leeren Blick nicht zu beachten.

Freddie hingegen, der neben Danjel saß, war in höchstem Maße gegenwärtig, er warf sich ordentlich in die Brust in seiner IK-Viking-Jacke und grinste breit. Die Pickel im Gesicht und die Lücke zwischen den Zähnen schienen ihm überhaupt nichts auszumachen. Im selben Jahr spielte er Värmland bei der schwedischen U15-Meisterschaft im Eishockey ins Halbfinale.

»Ich habe in den letzten Wochen eine Menge mit Freddie gesimst«, sagte Jeanette.

»Ach so?«, sagte Magdalena. »Jetzt bin ich aber doch neugierig. Warum hast du nichts davon erzählt?«

»Weiß nicht«, erwiderte Jeanette und zuckte die Achseln.

Das ist wirklich seltsam mit uns, dachte Magdalena. Wir sind zusammen aufgewachsen, wir sprechen uns mehrere Male die Woche, und trotzdem gibt es so viel, was wir für uns behalten.

Und so war es schon immer gewesen.

»Sitz gerade«, mahnte Jeanette, »sonst ist es schwer, dich richtig schön zu machen.«

Magdalena lächelte sie im Spiegel an. Zum Beispiel hatte sie nie die richtige Gelegenheit gefunden, Jeanette zu erzählen, dass sie wieder zu einer Psychologin ging. Über so etwas konnte sie leichter mit Ann-Sophie reden, ihrer Freundin aus Stockholmer Zeiten. Da ging fast jeder, den man kannte, ab und zu in eine Therapie oder zu einer Familienberatung. Hier in Värmland klang sowas immer gleich schräg und komisch. Petter wusste es natürlich, aber sonst niemand. Ihr Vater nicht, und auf keinen Fall seine Lebensgefährtin Kerstin.

Magdalena fand, dass man sich für Panikanfälle nicht schämen musste, aber trotzdem hielt sie es geheim.

»Das heißt, du machst dich nicht für Mårten so schick, sondern für Freddie?«, neckte sie.

Mårten war der Typ, den fast alle Mädchen angebetet hatten, auch Jeanette. Stundenlang hatte Magdalena sich anhören müssen, wie süß Mårten war. Selbst hatte sie sich immer mehr vor ihm gefürchtet.

Pechschwarze Wimpern hatte er, so lang und dicht, dass jedes Mädchen ihn darum beneidete. Und eisblaue Augen.

Jeanette wurde rot bis über beide Ohren.

»Freddie hat mich auf Facebook geadded, nachdem Lena diese Gruppe angelegt hatte. Er sieht wirklich verdammt gut aus inzwischen. Und nett ist er auch, überhaupt nicht mehr so wie damals zu Schulzeiten. Ich habe ihm sogar von Sebastian erzählt, und er gehört überhaupt nicht zu den Leuten, die einen verurteilen.«

»Na ja, wir sind wahrscheinlich nicht die Einzigen, die sich in den letzten fünfundzwanzig Jahren verändert haben. Aber er ist doch verheiratet, oder?«

»Offenbar nicht mehr. Es hat damit angefangen, dass wir über dieses Buch geredet haben, das Jack offenbar schreibt. Hast du seinen Eintrag auf Instagram gesehen?«

»Ja«, meinte Magdalena, »klar habe ich den gesehen.«

Ein paar Wochen zuvor hatte Jack ein Foto von seinem Laptop auf einem schattigen Balkontisch eingestellt. Im Hintergrund Palmen und blauer Himmel, im Vordergrund ein Drink mit Schirmchen. »Jetzt wird alles offenbart. Keine Geheimnisse mehr. Krass! Werde mehr berichten, sobald ich kann.«

Magdalena hatte nur geseufzt, als sie das gelesen hatte. Nichts war so lächerlich wie Leute, die in sozialen Medien von »geheimen Treffen« erzählten. »Ich habe eine lustige Neuigkeit, von der ich grad aber noch nicht erzählen kann!«

»Was er wohl schreiben wird?«, fragte Jeanette. »Was könnte er offenbaren?«

Magdalenas Handy brummte.

»Eine SMS von Lena«, sagte sie.

»Wie läuft es? Wo seid ihr?«

Magdalena las Jeanette die Nachricht laut vor und tippte dann eine Antwort:

»Auf dem Weg zum Coop. Beeilen uns.«

»Ok. Das Fest fängt bald an, und ihr habt versprochen, beim Dekorieren zu helfen.«

Versprochen stimmte nicht ganz. Es war vielmehr als selbstverständlich angenommen worden, dass diejenigen, die noch in Hagfors wohnten, helfen sollten. Nun war aber dieses Fest ja kein bisschen Magdalenas Idee gewesen.

Jeanette schüttelte nur den Kopf – ja, ja, das schaffen wir schon – und drehte noch völlig ohne Eile ein paar Locken.

Dann hüllte sie die Festfrisur mit großzügigen Bewegungen in eine Wolke aus Haarspray.

»Na, dann«, sagte sie und zog das Kabel aus der Steckdose. »Ich hole nur noch meinen Schlafsack, dann zischen wir ab.«

Magdalena betrachtete die sanften Locken, die Jeanette so leicht in ihr ansonsten völlig glattes Haar bekommen hatte.

»Ich verstehe nicht, warum wir unbedingt da übernachten müssen«, maulte sie.

»Musst du immer so negativ sein? Das wird total witzig werden!«

Magdalena ging in die Diele und begann, sich die Converse anzuziehen. Da Jeanette auf sich warten ließ, holte sie ihr Handy aus der Tasche.

Der Schweiß rann ihr schon den Nacken hinunter.

Es wird gut werden, redete sie sich selbst ein. Das hier ist nur ein Gefühl, und nur weil ich etwas fühle, muss es nicht die Wahrheit sein.

Jeanette kam auf Sandalen mit Keilabsatz in die Diele geschwankt.

»Halber Preis im Schuhladen«, sagte sie und hob den einen Fuß.

»Nennst du das bequemes Schuhwerk?«, fragte Magdalena. »Es wird eine Gespensterwanderung durch den Wald geben. Sogar mit Brennball wurde gedroht!«

»Egal!«, entgegnete Jeanette. »Wenn gefeiert wird, dann richtig.«

Jeanette warf sich die Tasche über die Schulter, nahm den Schlafsack in die eine Hand und die Isomatte in die andere.

»Komm, auf geht’s. Wenn nötig, wird mich Freddie halt tragen müssen.«

*

Ted Jonsson klappte die Sonnenblende herunter und trat noch kräftiger auf das Gaspedal. Eigentlich sollte er auf dem kurvigen Schotterweg nicht so schnell fahren, es wäre richtig ärgerlich, wenn er einen Stein in die Scheibe kriegen würde, aber die Versuchung war einfach zu groß.

Er hatte ein Schnäppchen gemacht, das stand fest. Vier Jahre alt und kaum gefahren. Er fühlte sich immer noch wie fabrikneu an.

Und für all die Fahrten nach Ekshärad brauchte er ein funktionierendes Auto. Die Bequemlichkeit durfte er sich ausnahmsweise mal gönnen. Nach allem, was gewesen war, hatte er das verdient.

Seit die Einladung gekommen war, hatte er an das Fest denken müssen. Er war nicht besonders scharf darauf, wieder zu Sunes Hütte zu kommen, aber er freute sich wirklich darauf, all die anderen zu treffen. Oder zumindest die meisten.

Die letzten Klassentreffen hatte er aus Gründen, die auf der Hand lagen, ausgelassen, doch seit er Johanna kannte, fühlte es sich an, als liefe das Leben wieder in die richtige Richtung.

»Das hast du mir zu verdanken«, pflegte Wilma zu sagen. »Es ist mein Verdienst.«

Und so war es wohl auch.

»Du kannst nicht einfach immer nur hier sitzen«, hatte sie gesagt. »Fünf Jahre sind vergangen, und Mama kommt nicht zurück.«

Nein, das war ihm auch klar.

Johanna war ein ganz anderer Typ als Pia, robust, fast immer guter Dinge und mit einer Haarmähne, die ihr eigenes Leben lebte. Das Beste von allem war, dass sie ihn scheinbar ganz genau so mochte, wie er war. Es gab fast nichts, was sie wirklich wütend oder ärgerlich machen konnte.

Manchmal fand er, sie glich einem großen Baum mit ganz tiefen Wurzeln, der jedem Sturm standhielt. Er sollte mal einen solchen Baum malen und ihr schenken. Zwar würde es ihm niemals gelingen, die Farben so zu mischen, wie Johanna es vermochte, dazu brauchte man viele Jahre der Übung, aber der Gedanke daran bereitete ihm dennoch eine kindliche Freude.

Das Dasein war wirklich ein anderes geworden, seit er sie kannte.

»Jetzt heißt es wir zwei«, sagte sie immer.

Das erste Mal, als sie das gesagt hatte, war ihm fast das Herz stehen geblieben.

Jetzt heißt es wir zwei.

Ted drehte die Temperatur im Wagen herunter, er wollte nicht schon Schweißflecken auf dem Hemd haben, bevor das Fest überhaupt angefangen hatte.

Als er sich der Abzweigung näherte, nahm er noch mal die Einladung zur Hand, die er auf den Beifahrersitz gelegt hatte, um die Karte auf der Rückseite anzuschauen. Er konnte sich nicht erinnern, wie man zur Hütte kam, schließlich war es über fünfundzwanzig Jahre her, seit er dort gewesen war.

Damals durfte er zusammen mit Mårten und Jack in Sunes Auto fahren. Er hatte den Rucksack auf seinem Schoß fest umklammert gehalten, aber die Klirrgeräusche waren ohnehin vom Motor übertönt worden. Wie hatte er bloß das Angebot annehmen können, von einem Lehrer mitgenommen zu werden, wenn er doch den Rucksack voller Alkohol hatte? Und wie hatte er nur wagen können, die Flaschen vom Kellerregal zu klauen?

Weil ich immer alles gemacht habe, was sie verlangten. Alles.

Mårten, der selbstverständlich auf dem Beifahrersitz saß, hatte ihn im Rückspiegel fragend angesehen und dann mit dem Snusbeutelchen unter der Oberlippe zufrieden gegrinst, als Ted, immer noch zitternd, nickte. Alles okay, alles dabei.

Wenn sein Vater rauskriegte, was er getan hatte! Von dem Gedanken wurde ihm schwindelig im Kopf. Meine Güte, was würde er ihn verprügeln. Doch das alles war lange her, und sein Vater war tot. Im Laufe der Jahre war alles Scharfe und Gefährliche in den alten Geschichten rundgeschliffen worden. Übrig blieben Märchen, die gut ausgingen.

Und heute Abend würde er nicht trinken.

Er befühlte den Schlüsselring, auf dem ein Sonnenuntergang abgebildet war, der vom Zündschloss baumelte. Recovery is a journey, not a destination.

One day at a time.

Über zwei Jahre hatte er sich nun völlig nüchtern gehalten, keinen Tropfen zu sich genommen.

Wenn sie nun wieder zueinander finden würden. Vielleicht würden Jack und Mårten sogar mal vorbeikommen und ihn besuchen. Das würde Johanna gefallen. Manchmal fragte sie, warum er eigentlich keine Freunde hatte.

Seine Erklärung war dann immer die Scheidung, alle gemeinsamen Freunde hätten sich zurückgezogen, so war es doch immer, und Johanna nickte dann und schien es zu verstehen.

Doch das hieß ja nicht, dass es keine Freunde gab. Oder zumindest gegeben hatte.

Als Ted die kleine Abzweigung am Strommast nahm, zog es in seinem Inneren.

Endlich war dieser Abend da.

3

Der Puls dröhnte ihr in den Ohren, als Magdalena auf den schmalen Weg einbog, der zu Sunes Hütte führte und der sich höher und höher wand.

Das Auto rumpelte und klapperte, und die kleinen Büsche in der Mitte des Schotterwegs kratzten am Unterboden.

Damals in der Neunten war der Weg glatt und alle Löcher mit kleingeschlagenen Ziegeln gefüllt gewesen. Tina und sie schleppten ihr Gepäck das letzte Stück rauf, weil sie ihren Vater Peo angewiesen hatte, sie an der Abzweigung rauszulassen. Sein altes Vier-Mann-Zelt wog fast eine Tonne, und sie bereuten schnell, dass sie sich nicht bis nach oben hatten fahren lassen.

»Das ist so aufregend!«, rief Jeanette vom Rücksitz und beugte sich vor, um besser sehen zu können.

Magdalena brummte irgendetwas, als sie die letzte Biegung auf den Vorplatz nahm und ihr Auto bei den anderen an der Wand des Schuppens parkte.

Die rote einstöckige Hütte lag ganz oben am Waldrand und sah aus, als würde sie sich unter die hohen Tannen ducken.

Als Magdalena den Motor ausschaltete, war Musik zu hören.

»Sieht alles viel kleiner aus, als ich es in Erinnerung habe«, sagte Jeanette und schaute hinaus.

Magdalena nickte. Nur der Wald nicht. Der war seit ihrem letzten Besuch hier sichtlich gewachsen und hatte sich in Wiesen und Weiden vorgearbeitet.

In den breiten Rabatten wucherte das Unkraut, und die Sonnenuhr, die letztes Mal auf ihrem Stein thronte, neigte sich nun besorgniserregend zur Seite.

Dennoch war nicht zu übersehen, dass es eine richtige Party geben würde. Eine bunte Lichterkette hing über einem gedeckten langen Tisch auf der Veranda.

Während Magdalena sich noch abschnallte, kam schon Lena über die Wiese marschiert. Die kleinen Schultervolants ihres Kleides flatterten und der Sonnenbrand im Ausschnitt glänzte schweißnass.

Ohne ein Wort der Begrüßung klappte sie den Kofferraum auf und ließ ihren Blick über die Aluminiumbehältnisse wandern, die dort standen.

»Wolltet ihr nicht auch Obst mitbringen?«, fragte sie.

Die Rolle als Klassensprecherin legte man wohl nie ganz ab.

»Das ist hier auf dem Rücksitz«, sagte Jeanette und warf Magdalena einen Blick im Rückspiegel zu.

Die holte ein paarmal tief Luft, dann öffnete sie die Autotür. Sandy, wie immer rockig in schwarz und grau gekleidet und mit extra Spray in ihrer Mohikanerfrisur, war auch von der Hütte herübergekommen, um tragen zu helfen.

Es war keine Überraschung, dass ihr die kurzen Haare besser standen als den meisten. Sandy sah in allem gut aus, das war schon immer so gewesen. Gab es irgendeinen Jungen, der nicht in sie verliebt gewesen war? Wohl kaum.

»Sune hat schon einen im Kahn«, erklärte Sandy und nahm die große Schale mit Kartoffelsalat entgegen. »Er hat es grade so geschafft, vorher noch den Rasen zu mähen.«

»Was einen ja nicht gerade erstaunt«, entgegnete Jeanette.

Schon in ihrer Schulzeit war es ein offenes Geheimnis gewesen, dass Sune heimlich soff, aber irgendwie war es ihm trotzdem gelungen, seinen Job nicht zu verlieren.

»Jetzt steht hier nicht rum und quatscht«, meckerte Lena, die schon wieder auf dem Weg zurück in die Hütte war. »Die anderen kommen bald.«

Magdalena und Jeanette nahmen jede eine Schüssel und folgten über den Plattenweg, der voller Moos und Grasbüschel war. Sunes Großmutter wäre nicht erfreut, wenn sie sähe, wie er alles hatte verkommen lassen.

Doch Lena und Sandy hatten sich richtig ins Zeug gelegt, um eine schöne Atmosphäre zu schaffen. Ein Feuerkorb mit Birkenholz stand neben der halb verrotteten Treppe, und der Apfelbaum hing voll mit an Drähten aufgehängten Gläsern.

Magdalena sah über die Weide, die damals das Wochenende über als Zeltplatz gedient hatte. Wenn sie sich recht erinnerte, waren sie am Samstagmorgen der ersten Schulwoche der Neunten hingefahren und am Sonntagnachmittag wieder nach Hause. Am besten konnte sie sich noch an die Gespensterwanderung erinnern, die sie spät am Abend unternommen hatten, doch vorher hatten Kanufahren und Baden auf dem Programm gestanden.

Hatten nur Tina und sie im Zelt ihres Vaters geschlafen? Oder waren Jeanette und Lisa auch dabei? Durchaus möglich.

Sie erkannte den Platz wieder, an dem das Zelt damals gestanden hatte, und erinnerte sich, dass sie erst mal eine Menge Tannenzapfen hatten aufsammeln müssen, ehe sie es aufstellen konnten. Das kleine Zwei-Mann-Zelt von Alice und Unni hatte gleich daneben gestanden. Eine Tanne gab es nicht mehr, nur einen Baumstumpf, der in dem hohen Gras fast nicht zu sehen war.

Danjel hatte ein Zelt für sich allein gehabt. Magdalena erinnerte sich, wie er unter dem schlaffen Zelttuch herumgekrochen war, nachdem Freddie und Mårten ihm alle Heringe rausgezogen hatten. Mårten hatte so gelacht, als Danjel versucht hatte, im Halbdunkel den Ausgang aus dem Zelt zu finden. Und sie selbst? Nichts hatte sie getan. Dagestanden und zugeschaut, wie alle anderen auch.

War doch nur ein Scherz.

Ich werde das hier schaffen, dachte Magdalena und holte noch einmal tief Luft. Es sind nur meine Klassenkameraden, und wir sind jetzt erwachsen.

»Wie schön ihr alles hergerichtet habt«, sagte sie, als sie auf die Veranda kamen. Die geliehenen Biertische standen in einer langen Reihe und waren mit weißen Einmaltischdecken belegt. Es gab goldfarbene Pappteller und Platzkarten, Blumen und Glitter. Mårten, Jack, Tina, Jussi. Aber kein Danjel.

Niemand, dem man ein Bein stellen konnte, so dass er mit dem Teller voller Essen hinfiel.

Magdalena atmete ein paarmal ein und aus.

»Nun, es muss reichen«, sagte Lena und schaute demonstrativ auf die Uhr. »Unter diesen Umständen.«

»Jetzt lass mal locker«, sagte Jeanette.

»Wenn ihr gesagt hättet, dass ihr keine Zeit habt, das Essen zu holen, dann hätte ich es auch selbst machen können.«

»Aber wir hatten doch Zeit«, erwiderte Jeanette unbekümmert, die offensichtlich gerade ausreichend mit Marinella vorgeglüht hatte.

»Das Fest beginnt in einer halben Stunde«, antwortete Lena und schleppte die Tüten weiter in die Küche.

Magdalena stellte das Roastbeef auf die Spüle, wo sich Sandy sofort darum kümmerte und es weiter auf den Küchentisch brachte.

Ein Schatten tauchte in der Tür auf, und dann stand Sune dort mit einer Bierdose in der Hand, fröhlich und mit roten Wangen. Das kurzärmelige Hemd war ordentlich in die hellen Jeans gesteckt.

»Willkommen«, sagte er. »So sollte es immer sein. Die ganze Küche voller schöner Frauenzimmer.«

»Das glaube ich gern«, sagte Lena, die Schüsseln und Schalen arrangierte und Vorlegebesteck dazulegte. »Da würdest du dich gut fühlen, was?«

»Wie ein Prinz.«

Sune nahm ein paar Schlucke aus der Dose, die garantiert nicht die erste des Tages war. Wahrscheinlich auch nicht die zweite.

Abgesehen von der rosa Gesichtsfarbe und der kleinen Kugel vor dem Bauch sah er immer noch sehnig aus.

»Kannst du mal die Baguettes aufschneiden?«, fragte Sandy und reichte Magdalena ein Brotmesser.

Jeanette erhielt den Auftrag, den Käse zu verteilen.

»Es wird gut gehen, es wird lustig werden, entspann dich …«

Still wiederholte Magdalena ihr Mantra, während sie das Brot aufschnitt.

»Die Gespensterwanderung wird voll gruselig«, sagte Sandy hinten am Küchentisch.

»Ja, das haben wir gut hingekriegt«, erwiderte Sune.

Er betrachtete Lena eingehend, die jetzt mit einer Suppenkelle aus einem Eimer Willkommensdrinks in Plastikbecher schöpfte, und am Ende landete sein Blick auf ihrem Hintern.

»Alleine würde ich mich nie trauen, den Weg zu gehen«, sagte Sandy und lachte.

Stockdunkel war es damals an jenem Augustabend gewesen, und die Lichtkegel der Taschenlampen waren über Bäume und Steine geglitten. Magdalena hatte Jeanette fest an der Hand gehalten und sich vorgestellt, es sei die Hand von Jack, und als sie genau unter dem Brett, über das sie liefen, den Puppenkopf im Bach entdeckt hatten, hatten beide laut losgeschrien.

Sandy nahm den Laptop vom Kühlschrank.

»Was wollt ihr hören?«, fragte sie. »Wünscht euch was!«

Lena warf ihr einen ärgerlichen Blick zu und sah sich im Küchenchaos um, sagte aber nichts und füllte weiter die Drinks ein.

Noch ehe jemand antworten konnte, hatte Sandy »Moonlight shadow« von Mike Oldfield angemacht und die Lautstärke hochgedreht. Dann schloss sie die Augen und machte ein paar Tanzschritte, wie immer wohl wissend, dass alle anderen sie anschauten. Mit dem Käsehobel in der Hand legte Jeanette ein paar Moves hin.

Magdalena meinte, Motorengeräusche von draußen zu hören, und trat ans Fenster, um nachzusehen. Eine Frau, die sie auf die Entfernung nicht erkannte, stieg aus einem Auto, ging dann zur Fahrerseite und gab demjenigen, der hinter dem Steuer saß, einen Kuss, um dann auf die Hütte zuzugehen.

»Hallo, hallo!«, war bald aus der Diele zu hören.

Sandy sah auf und drehte die Musik wieder leiser. Sune trat ein paar Schritte zur Seite und machte der Frau Platz, die in einem Top mit kleinen Puffärmeln, weißen Hosen und einer Stoffblume im offenen Haar in die Küche kam.

»Ja, hallo, Alice!«, rief Sandy und umarmte sie fröhlich. Jetzt erkannte auch Magdalena sie. »Willkommen! Wie schick du aussiehst!«

Alice drehte eine Runde durch die Küche, Magdalena legte das Messer weg und umarmte sie.

»Wie schön, dich zu sehen!«

Das klang fast natürlich.

»Ja, wie du siehst, sind wir noch nicht ganz fertig«, sagte Lena.

»Ich bin ja auch zu früh«, erwiderte Alice. »Kann ich bei irgendwas helfen?«

Sandy schüttelte den Kopf.

»Nein, ist nicht nötig. Ist gleich alles fertig. Aber du kannst dir einen Song wünschen. Was willst du hören?«

Ohne die Antwort abzuwarten, hatte sich Sandy schon für »Girls just want to have fun« entschieden und drehte die Lautstärke wieder hoch.

»Genau, jetzt legen wir los und haben Spaß«, sagte Jeanette.

Sie wollte eben noch etwas sagen, als draußen mehrere Autos wild hupend vorfuhren. Das klang wie eine ganze Rockerkarawane.

Jetzt kamen sie alle. Magdalena schloss die Augen und umklammerte das Handy in ihrer Tasche.

4

Durch das Küchenfenster waren gedämpft fröhliche Stimmen zu hören, am lautesten die von Jeanette, die mit einem Glas in der Hand über die Wiese stöckelte.

Magdalena holte ein weiteres Mal tief Luft, als sich die Gruppe näherte.

Der Mann mit dem grauen Vollbart, der sich in Jeanettes Nähe hielt, war vermutlich Freddie, jedenfalls sah er seinem Vater ungeheuer ähnlich. Den Hockeybody schien er sich erhalten zu haben, wenn er auch viel kleiner aussah, als sie ihn in Erinnerung hatte.

Und da stand Ted und wiegte sich von einem Fuß auf den anderen.

Der Mann in der Lederweste musste Jussi sein. Doch, klar, das war er. Der Einzige, der mit einem Paar Krücken in der Hand zufrieden aussehen konnte. Den warf nichts aus dem Gleichgewicht.

Und dann Jack in schlabberigem T-Shirt und mit der Sonnenbrille auf dem Kopf. Und das alte selbstsichere Lächeln.

Sie sollten das Interview möglichst bald machen, damit es fertig war, ehe irgendjemand die Contenance verlor.

Lena ging mit einem Tablett voller Plastikbecher herum und sorgte dafür, dass sich jeder einen nahm.

Magdalenas Finger begannen zu kribbeln, und sie spreizte sie, um das unangenehme Gefühl abzuschütteln.

Als ein weiteres Auto auf den Vorplatz gefahren kam, verstummten alle Gespräche.

Dem dunkelblauen BMW entstieg eine fremde Frau. Sie beugte sich vor und sagte etwas zum Fahrer, dann schlug sie die Tür zu und kam über die Wiese geschritten, während der BMW zurücksetzte und wieder im Wald verschwand. Es dauerte ein paar Momente, ehe Magdalena begriff, dass es Tina war. Ihre Tina.

Das normalerweise mittelblonde oder rattenfarbene Haar, wie Tina es in ihrer Jugendzeit selbst genannt hatte, war inzwischen fast platinblond und von einer teuren Sonnenbrille lässig zurückgehalten. Das ärmellose Kleid zeigte einen Körper, um den sie jeder Elitesportler beneiden würde. In der Armbeuge baumelte eine teure Handtasche, und auch Tina hatte sich nicht mit bequemem Schuhwerk abgegeben.

Jeanette gab einen neuen kleinen Freudenruf von sich und eilte mit ausgestreckten Armen auf sie zu.

»Meine Güte, Tina!«, tönte sie. »Ich habe dich ja fast nicht wiedererkannt!«

Magdalena sah zu, wie sie einander fest umarmten und hin und her wiegten.

Eine Frau in einem Vintage-Kleid schloss sich an. Das musste Unni sein. Lange Zeit standen die drei so, wie Teamspieler vor einem Match, ehe sie einander losließen und auf die Hütte zugingen.

Magdalena nahm ihr Handy. Konnte sie Petter anrufen?

»Da bist du ja!«, war eine künstlich aufgedrehte Stimme zu hören, und im nächsten Augenblick stürmte Tina mit Unni im Gefolge in die Küche.

Und plötzlich war die Küche ein Chaos aus Absätzen, klappernden Armbändern und schwerem Parfümgeruch.

»Es ist so schön, dich zu sehen«, sagte Tina dicht an ihrem Ohr und drückte sie an sich.

Magdalena erwiderte die Umarmung und konnte ein wenig locker lassen.

»Ja, das finde ich auch.«

Dann war Unni an der Reihe, Magdalena zu umarmen.

»Wir müssen nachher unbedingt noch mehr reden«, sagte Tina, als Unni sie losließ. »Wir haben so viel aufzuholen!«

Magdalena bekam ein »auf jeden Fall« heraus, dann nahm sie wieder das Handy. Sie musste einfach Petters beruhigende Stimme hören, musste ihn sagen hören, dass es hier nur um einen einzigen Abend ging und dass er da war und auf sie wartete. Dass ihr normales Leben noch existierte.

Während sie die Nummer aufrief, ging sie auf die Veranda hinaus.

»Hallo, Magda«, sagte eine Stimme.

Magdalena sah auf. Ted stand unten an der Treppe und lächelte sie an, in der Hand einen halb geleerten Becher.

»Entschuldige«, sagte sie und hielt das Handy hoch. »Ich muss nur schnell telefonieren.«

Atmen. Es ist nicht gefährlich. Das hier wird gut gehen.

Ted blieb stehen und sah Magdalena nach, die mit dem Handy in der Hand wieder durch die geöffnete Tür verschwand. Die hielt sich ja für ganz schön wichtig. Mein Gott, sie arbeitete ja schließlich nicht bei CNN, oder?

Er nahm ein paar Schlucke von dem alkoholfreien Drink, den Lena so zuvorkommend serviert hatte, ohne dass er darum gebeten hatte, und hielt über den Becherrand nach jemand anders Ausschau, mit dem er plaudern könnte. Tina, Alice und Sandy standen in einem Kreis zusammen, alle etwas steif in ihren schicken Kleidern, aber die Stimmen zwitscherten laut. In der Schule war Tina eigentlich nicht so übermäßig hübsch gewesen, oder?

In früheren Zeiten hätte er sich da reingedrängt, den Arm um eine von ihnen gelegt und etwas halb Witziges gesagt, aber jetzt wusste er nicht mehr, wie er sich verhalten sollte.

An der Wand zur Hütte standen Freddie und Jeanette. Freddie grinste und lachte glucksend, während Jeanette ihn mit zusammengekniffenen Augen ansah und wieder und wieder eine unsichtbare Haarsträhne wegwischte, die in der leichten Abendbrise an ihrem Kinn hängenzubleiben schien.

Auch da war kein Platz für ihn.

Mit einem Mal kam ihm sein Hemd viel zu groß vor, es flatterte wie ein Sack um seinen Oberkörper. Als er Freddie in seiner abgenutzten Jeans und den Sneakers sah, bereute er seine eigene Kleiderwahl. Dieses T-Shirt, das so perfekt auf dem gut trainierten Brustkorb saß, war obendrein sicher doppelt so teuer wie sein Hemd.

Sune und Jussi hatten sich jeder in einem Plastikstuhl unter dem Apfelbaum geparkt, Jussis Krücken lehnten am Baumstamm.

Als er Schritte über die Veranda kommen hörte, drehte er sich um. Dankbar bemerkte er Lena, die mit dem Tablett voll mit frischen, von Eis beschlagenen Bechern die Treppe herunterkam.

Nur einen Drink, dachte er, als sie näher kam. Einen einzigen, mehr nicht.

Du wusstest, dass dies hier eine Prüfung sein würde, aber du wirst es schaffen, zu widerstehen. Wenn du es geschafft hast, mehrere Jahre lang nüchtern zu bleiben, dann schaffst du auch einen weiteren Abend.

Lena hatte sich zur Feier des Tages Schraubenzieherlocken in das grau gesprenkelte Haar gedreht, die ihr über die Schultern fielen. Das sollte sie öfter tun, dachte er, es machte ihr Gesicht ein wenig sanfter. Und der Lippenstift stand ihr auch gut. Sie sah wie ein ganz anderer Mensch aus als die Lastwagenfahrerin, die er sonst bei der Arbeit traf.

»Komm, nimm noch einen«, sagte sie und schaute an ihm vorbei zu den anderen. »Die rechts sind die alkoholfreien. Davon wird jede Menge übrig bleiben.«

Im Augenwinkel sah Ted, wie Jussi eine Dose Bier aus einer der typischen Tüten vom Systembolaget holte. Das war sicher schon lauwarm, aber das zischende Geräusch ließ ihm dennoch das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Nur eins.

»Ich finde, es ist echt stillos, wenn man was zu arrangieren versucht, und die Leute springen in letzter Sekunde ab«, sagte Lena. »Oder lassen schon mal gleich gar nichts von sich hören.«

Sie sah auf die Uhr.

»Wer ist abgesprungen?«, erkundigte sich Ted.

»Sara, Lisa und Robban haben heute Nachrichten geschickt. Und bestimmt zehn Leute haben sich gar nicht gemeldet. Das kann doch nicht so schwer sein!«

Warum nahm sie es immer auf sich, alles zu organisieren, wenn doch das Einzige, was sie davon hatte, schlechte Laune war? Bei der Arbeit war es ganz genauso. Lena sorgte immer für alles, sie war es, die Geld für Geburtstagsgeschenke sammelte und Abschiedsfeiern organisierte, und fast jedes Mal endete es damit, dass sie den Mund verzog über alle, die irgendetwas falsch gemacht hatten. Doch schien sie sich in ihrer Opferhaltung sichtlich wohlzufühlen.

»Hältst du nach Jack Ausschau?«, fragte er, als ihr Blick wieder zu der Gruppe am Apfelbaum wanderte.

Lena fuhr zusammen, als sie den Namen hörte, und für einen kurzen Moment sah es so aus, als ob einer der Becher vom Tablett kippen würde.

»Nein, wieso? Was meinst du?«

»Was ich meine? Immerhin wart ihr doch eine ganze Weile zusammen.«

»Schon, aber das ist ein halbes Leben her.«

»Trotzdem muss es sich doch irgendwie besonders anfühlen, oder? Wie lange habt ihr euch nicht gesehen?«

Anstatt zu antworten, hielt sie ihm das Tablett entgegen.

»Wie gesagt, es wird jede Menge übrig bleiben.«

Knapp zwei Jahre war er jetzt abstinent. Weihnachten, Ostern und Mittsommer gab es jedes Jahr, aber wie oft gab es denn ein Klassentreffen?

Wenn er es mal wieder probieren durfte, dann ja wohl an einem solchen Abend.

Nicht weil er nicht widerstehen könnte, denn das konnte er, sondern weil er sich mal selbst beweisen musste, dass es möglich war, ein Glas zu trinken, ohne deshalb aus der Rolle fallen zu müssen.

Sune schlug Jussi unter dem Apfelbaum schwer und freundschaftlich auf die Schulter – klopf, klopf, klopf – und sagte etwas, das Jussi über die kleine Gruppe schauen und dann laut herauslachen ließ.

Alles könnte so befreiend einfach sein. Warum sollte er sich immer alles versagen müssen?

Er sah auf die Becher, die so kühl aussahen. Hatte er nicht sich selbst bewiesen, dass er Charakter besaß und seine Impulse kontrollieren konnte? Und so wie er Lena kannte, bestand die Mischung ohnehin mehr aus Obst und Limonade.

Ted leerte den Becher, den er in der Hand hatte, machte ein paar Schritte auf die Veranda zu und warf ihn in den Müllsack neben der Treppe.

Dann streckte er die Hand zum Tablett aus.

Einen nur. Einen einzigen. Nach dem ganzen Kampf habe ich eine Belohnung verdient. Jetzt habe ich die Kontrolle, nicht der Alkohol.

»Ich glaube, da kommt Mårten«, sagte Lena und sah zum Vorplatz, auf den ein Mazda einbog und parkte.

Als Ted Mårten aus dem Auto steigen sah, nahm er einen Becher. Von der linken Seite.

Er trank ein paar rasche Schlucke und knöpfte seinen Kragen noch einen weiteren Knopf auf. Zum Glück hatte er keinen Schlips umbinden müssen.

Ich habe das hier wirklich verdient, dachte er und sah in den Becher. Man muss sich auch mal was gönnen, ohne sich gleich zu schämen. Er war jetzt imstande, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, und zwar, wann er trinken würde und wann nicht.

»Hallo, Ted!«

Ein kleiner Mensch hatte sich neben ihn geschlängelt, ohne dass es ihm aufgefallen war.

Er hatte Unni vorher schon bei den anderen Mädels gesehen, hatte aber nicht stören wollen.

»Ja, hallo!«, sagte er. »Schön, dich zu sehen!«

Er beugte sich vor und umarmte sie, zurückhaltender, als er es eigentlich wollte, und sah sie dann an.

Die einzigen Alterszeichen waren ein paar Krähenfüße in den Augenwinkeln, ansonsten war das ungeschminkte Gesicht ganz glatt. Die rotgefärbten langen Haare waren fast wie bei einem Turban in einen Schal gewickelt. Sie strahlte ihn an.

»Wie geht es dir denn so?«, fragte sie.

Was machst du denn so, warum lässt du nie von dir hören …

Ted bereute es sofort, als er den alten Schlager von Tomas Ledin zu singen begann, und ließ es in einem Huster enden.

»Mir geht’s gut«, erwiderte er. »Absolut.«

Er wusste nicht, was er sonst noch sagen sollte, sondern sah sie weiterhin an. Zwischen Rocksaum und Gummistiefeln schauten die nackten Knie heraus, und das Muster des Kleides erinnerte ihn an die Tapete, die sie in der Wohnung im Abborrtorpsvägen gehabt hatten, als er ein Kind war. Ehe sie nach Sundfall zogen.

»Und wie geht es dir?«, brachte er schließlich heraus und zeigte mit dem Becher auf Unni.

Dann nahm er noch ein paar Schlucke, ohne den Blick von ihr zu wenden. Richtete sich auf.

»Mir geht es auch gut«, erwiderte sie.

»Wo wohnst du? Was machst du?«

Ted wollte erst noch sagen, dass er sie ein paarmal erfolglos auf Facebook gesucht hatte, ließ das aber lieber bleiben. Das würde vielleicht doch zu aufdringlich klingen.

»Auf Frage eins antworte ich Stockholm, oder genauer gesagt Bagarmossen, ein Stück südlich von der Stadt, wenn man ganz exakt sein will. Und auf Frage zwei antworte ich: alles Mögliche. Meist verdiene ich meine Brötchen als Kunstlehrerin, mache aber gerade eine Ausbildung zur Gesprächstherapeutin. Und dann antworte ich noch: keine Familie, keine Kinder. Das ist, ja, im Prinzip selbstgewählt, du musst also kein Mitleid mit mir haben.«

Sie hob ihren Becher und prostete ihm wie zum Abschluss ihres kleinen Vortrags zu.

»Und du?«

»Noch einer, der hier hängengeblieben ist«, antwortete er und versuchte, so zu klingen, als wäre er damit zufrieden. »Tooling. Pressschmiede Uddeholm. Und dann antworte ich noch: geschieden. Meine Tochter Wilma wird jetzt achtzehn und wohnte jedes zweite Wochenende bei mir.«

Ted nahm noch ein paar Schlucke und spürte endlich, wie seine Glieder sich entspannten. Er wollte gerade davon erzählen, dass er wieder angefangen hatte zu malen, und von Johanna, die er in dem Kurs kennengelernt hatte, als ihn ein Arm um den Nacken und schwerer Biergeruch unterbrachen.

»Sieh da, das alte Liebespaar wieder vereint«, grölte Mårten.

Unni lachte auf, ein Lachen, das Ted viele Male gehört hatte. Dieses nervöse Kichern.

»Hör schon auf«, sagte sie. »Wir stehen einfach hier und unterhalten uns.«

Ted wand sich, aber Mårtens Arm saß wie ein Schraubstock um seinen Hals.

»Ja, aber du warst doch in Ted verliebt!«, fuhr Mårten fort und rieb Ted fest mit der Faust über den Kopf.

»Nein, das war ich nicht«, gab Unni zurück und kicherte wieder. »Mein Gott, wie kommst du bloß darauf?«

»Lass mich los, verdammt noch mal!«, fauchte Ted.

Er fuhr den Ellenbogen aus und ließ Mårten ein paar Schritte rückwärts stolpern.

Als der das Gleichgewicht wiedererlangte, indem er sich am Treppengeländer festklammerte, starrte er Ted an.

»Verträgst du keinen Spaß mehr, oder was?«

»Und kannst du einfach nie aufhören, oder was?«, fragte Ted.

Als er Mårtens arrogantes Grinsen sah, hätte er sich am liebsten auf ihn geworfen und zugeschlagen, bis ihm die Zähne aus der Fresse kullerten, stattdessen warf er den halbvollen Becher ins Blumenbeet und drehte ihm und Unni den Rücken zu.

Sein Gesichtsfeld war zusammengeschnurrt, er sah nur noch ein kleines Stück vom Rasen vor sich. Die anderen bewegten sich wie Schatten um ihn herum. Seine Hände zitterten.

»Das war ja auch mal höchste Zeit.«

Als Ted den Kopf wandte, stand Jeanette direkt neben ihm.

»Allerdings«, ergänzte Freddie und schlug ihm auf die Schulter. »Gute Arbeit.«

Ted lächelte, aber die Wut pulsierte immer noch durch seine Muskeln. Freddies Schulterklopfen fühlte sich eher übergriffig an als kameradschaftlich, und er musste sich zusammenreißen, um zu bleiben und dabei möglichst entspannt auszusehen.

»Wir werden nie erwachsen«, sagte Jeanette, »es ist einfach so.«

*

»Ich begreife ja nicht, warum Tina unbedingt zu diesem Klassentreffen gehen wollte«, sagte Mats und setzte sich auf die Bank im Fitness-Raum.

Christer ließ sich neben ihm nieder, nahm eine Hantel vom Boden auf und wog sie in der Hand.

»Wie meinst du das?«

Mats sah zur Tür, um sicher zu sein, dass niemand sie hörte, wenngleich die Wahrscheinlichkeit hier unten direkt neben der Waschküche sehr gering war. Bengt war im Wohnzimmer geparkt, und dass Xerxes sich von Sofa und iPad wegbegeben haben könnte, war eigentlich keine Option.

»Na ja, es ist einfach so seltsam. Immer hat sie gesagt, dass sie ihre alte Klasse hasst, aber als diese Einladung kam, wollte sie unbedingt hinfahren.«

Mats holte sein Handy aus der Brusttasche und sah darauf.

»Sie hat nicht zufällig was zu dir oder zu Torun gesagt, oder?«

»Nein, wieso?«

Mats ließ das Handy in der Hand kreisen, tippte dann das Passwort ein, so dass es entsperrt war, blieb aber sitzen.

»Ich weiß nicht. Manchmal habe ich fast den Verdacht, sie hat einen anderen.«

»Nein. Glaubst du?«

Zwar hatte sich Tina, wie Torun es ausdrückte, unglaublich aufgebrezelt, ehe sie sich von Mats zur Hütte rauffahren ließ, aber dass sie da oben im Wald irgendein heimliches Date haben sollte, konnte er sich nicht vorstellen. Tina war viel zu kontrolliert und erfolgreich, um untreu zu sein. Sie hatte bereits den perfekten Ehemann (natürlich), den perfekten Job (selbstverständlich) und wohnte in dem perfekten Haus (alles andere wäre ausgeschlossen). Den Ruf der Erfolgreichen aufs Spiel zu setzen, und dann auch noch im Heimatort, das würde nie geschehen.

Christer versuchte, Mats genau das zu erklären, und achtete dabei darauf, dass kein Neid durchschien.

»Ich muss versuchen, darauf zu vertrauen«, sagte Mats tonlos. »Ich wollte zu den anderen nichts sagen, aber sie war in den letzten Tagen wirklich ein bisschen seltsam drauf.«

»Bestimmt ist sie nur aufgeregt. Warst du jemals auf einem Klassentreffen?«

Mats lachte.

»Das würde mir nicht im Traum einfallen.«

»Mir auch nicht«, sagte Christer.

Er konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen, als sich auf diese Weise mit seinen alten Klassenkameraden abgeben zu müssen. Es war in Ordnung, dem einen oder anderen mal zu begegnen, und es war auch nicht mehr so, dass er ihnen aus dem Weg ging, aber er hatte wirklich keine Lust darauf, sich erinnern zu müssen, wie sie früher einmal gewesen waren.

»Schatz!«, war Torun zu hören.

Schnelle Schritte näherten sich.

Mats erhob sich von der Bank und glättete sein Hemd.

»Ah, hier seid ihr also«, sagte sie. »Ich habe mich schon gefragt, wohin ihr verschwunden seid.«

Sie trug die große Schüssel aus dem feinen Porzellanservice von Christers Eltern im Arm, die Gunvor immer für die Elchfilets benutzt hatte. Jetzt lag ein sorgfältig gestapelter Berg mit roten Krebsen darauf, dekoriert mit frischen Dillblüten.

Es war das erste Mal, dass sie das Geschirr benutzten.

»Wie schön ihr es habt«, sagte Mats. »Es ist doch herrlich, wenn man so viel Platz hat.«

»Ja, das ist es wirklich«, stimmte Torun zu und lächelte ein etwas zu breites Lächeln.

Der Griff um die Schüssel verkrampfte sich, und Christer sah, wie sie sich wappnete.

»Tina hätte auch gern einen eigenen Fitness-Raum zu Hause.«

»Ja, das ist wirklich praktisch«, sagte Torun.

Ihre Hände entspannten sich wieder.

»Okay, aber ihr braucht bestimmt Hilfe da draußen«, sagte Mats und schob sich an ihr vorbei.

Christer atmete aus.

»Xerxes ist so nett«, sagte Torun. »Er ist total versunken in sein iPad.«

Sie lächelte ihn an und kam etwas näher.

»Das ist heute Abend wohl die letzte Chance für diesen Monat.«

Christer nickte.

Die Funktionen der Eisprung-App waren ihm schon eine ganze Weile vertraut, er wusste genau, wann es Zeit war.

»Halt dich also ein bisschen zurück mit dem Schnaps«, fuhr Torun fort. »Aber das machst du ja sowieso immer, das ist es nicht. Ich dachte nur.«

»Schon klar.«

Christer wollte sie umarmen, aber die Krebsschüssel war im Weg. So musste er sich damit begnügen, ihr über den Arm zu streicheln.

Ein knappes Jahr des Wartens war in ihrem Alter eigentlich nichts Besonderes, zumindest versuchten sie, sich das einzureden, auch wenn es mit jedem Monat, der verging, an Überzeugungskraft verlor.

Torun hatte ihnen für nächste Woche einen Termin in der Kinderwunschsprechstunde in Karlstad besorgt. Christer wusste, dass sie deswegen genauso nervös war wie er, auch wenn sie alles unternahm, es zu unterdrücken. »Je eher wir wissen, ob irgendwas nicht stimmt, desto besser sind unsere Chancen«, hatte sie gesagt.

Wenn sie heute Abend ein Kind machten, dann würden sie sich diese Erniedrigung vielleicht ersparen können. Dann würden sie im nächsten Sommer schon Eltern sein. Die Hoffnung, an Weihnachten zu dritt zu sein, hatten sie aufgeben müssen, dasselbe galt für Ostern, aber ein Sommerbaby könnte es werden. Er sah schon einen Kinderwagen mit Mückennetz im Schatten des großen Ahorns stehen, und eine stillende Torun, die in der Hollywoodschaukel saß.

Er musste es heute Abend hinkriegen.

5

Magdalena ging, oder floh eigentlich mehr, in das kleine dunkle und übermäßig möblierte Fernsehzimmer. Das bräunliche Stoffsofa, die Plüschsessel und der Teaktisch standen da sicher schon seit der großen Zeit dieser Hütte in den Fünfzigerjahren.

Es roch nach kaltem Rauch und uraltem Staub.

Nachdem sie die fleckige Sitzfläche der Sessel gesehen hatte, nahm sie Abstand davon, sich hinzusetzen.

Stattdessen wählte sie Petters Nummer und schaute durch die Spitzengardinen hinaus, während ein Klingelton nach dem anderen verging.

Dann ging die Mailbox an, und sie drückte das Gespräch weg, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Sie sah auf die Uhr des Displays.

Natürlich. Bestimmt brachte er gerade Liv ins Bett.

Magdalena stellte den Willkommensdrink aufs Fensterbrett und wollte eben eine SMS schreiben, als sich hinter ihr jemand räusperte.

»Hier versteckst du dich also.«

Jack stand mit seinem Becher in der Hand in der Tür und lächelte ihr zu. Seine Rolex glänzte in der Abendsonne.

»Ich wollte nur kurz telefonieren.«

»Na, dann Prost«, sagte Jack und kam ins Zimmer. »Schön, sich nach all den Jahren mal wiederzusehen.«

»Ja, wirklich. Prost«, erwiderte Magdalena und hob den Becher.

Zucker, Alkohol und der kindische Erdbeergeruch machten das Atmen auf jeden Fall leichter.

Jack hatte das altbekannte Lächeln aus der Schulzeit aufgelegt. Magdalena wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Üblicher Smalltalk wäre hier nicht angebracht, denn zu fragen, was er jetzt so machte, würde sich nur albern anfühlen. Schließlich wusste sie durch die sozialen Medien schon das meiste über sein Leben. Wenn sie trotzdem aus Gründen der Höflichkeit fragte, dann würde er vielleicht gekränkt sein, weil sie nicht schon informiert war. Sollte sie ihn vielleicht nach dem Buch fragen? Nein, das tat sie besser in dem Interview.

Wie fühlte es sich wohl an, wenn alle schon alles von einem wussten? Oder zumindest glaubten, sie wüssten alles.

Sie hatte nie erwogen, eigene Bilder auf Instagram zu posten. Ihren Account hatte sie, um anderen folgen zu können, doch je weniger die Leute von ihr selbst wussten, desto besser.

»Sollen wir das Interview jetzt gleich machen, dann haben wir es erledigt«, sagte sie.

»Ja, doch, klar«, erwiderte Jack, »von mir aus gern.«

»Dann können wir uns danach entspannen.«

Magdalena stellte den Becher weg und ging in die Küche, um ihre Kameratasche zu holen. Alle Leute standen auf der Veranda, in der Küche war es jetzt ganz leer. Immer lauter werdende Stimmen waren durch die offene Tür zu hören.

Als sie wieder zurückkam, saß Jack auf dem Sofa. Die Sonne schien kräftig ins Zimmer, doch er hatte die Sonnenbrille immer noch wie ein Diadem in die Haare geschoben.

Er wirkte tatsächlich unverändert. Vielleicht war der Haaransatz ein klein wenig nach oben verschoben, doch ansonsten war alles wie immer. Dieselben Augen und dasselbe Lächeln, dasselbe Muttermal am Hals.

Wenn sie auf einem der Schulfeste einmal eng getanzt hatten, dann war dieses Muttermal immer genau in ihrem Blickfeld gelandet. Der kleine Schönheitsfleck hatte ihm eine seltsame Aura der Verletzlichkeit verliehen, und sie hätte am liebsten ihre Lippen daraufgelegt. Aber das hatte sie natürlich nicht gewagt.

»Seltsam, wieder hier zu sein«, sagte er jetzt. »Hätte ich nicht gedacht. Es ist wie ein Déjà-vu.«

Er klopfte auf das Polster und hustete, als eine kleine Staubwolke aufwirbelte.

»Ich hab auf dem Sofa hier geschlafen. Eigentlich sollte man ja im Zelt schlafen, aber als ich am Morgen aufwachte, lag ich hier.«

Magdalena ließ sich etwas widerwillig auf der äußeren Kante des Sessels nieder und stellte die Kameratasche zwischen die Füße.

Jack sah sich weiter im Zimmer um, während sie sich herunterbeugte, um ihren Notizblock hervorzukramen.

Und da war auch der Stift. Gut.

Alles klar.

Das funktionierte immer. Ihr Schild gegen die Umwelt.

»Wie lange ist es eigentlich her, dass wir uns gesehen haben?«, fragte er. »Das müssen doch mindestens zwanzig Jahre sein.«

»Wir haben uns mal ganz kurz auf einer Grammy-Gala gesehen, aber ich weiß nicht, ob du dich daran erinnerst. Ich glaube, ihr wart als Anfängergruppe des Jahres nominiert.«

Jack zog die Augenbrauen hoch, und die Sonnenbrille glitt ein Stück hinab auf die Stirn.

»Warst du da?«, fragte er und schob die Brille zurück. »Daran erinnere ich mich nicht.«

Er war ihr so nah, dass sie den Geruch seines Parfums wahrnahm. Kein Lagerfeld mehr.

»Das kann ich gut verstehen. Ich hatte eine elfmonatige Vertretung bei einer der Abendzeitungen und war da für so eine Partyreportage. Aber Mårten war nicht mehr dabei, soweit ich mich erinnere.«

»Nein, der hatte da schon aufgehört.«

Es war ziemlich viel darüber geschrieben worden, wie Mårten, in der Schulzeit der große Star, ausgebootet worden war, als die Band die Plattenfirma gewechselt hatte.

»Aber du hast ihn seither doch schon mal wieder getroffen, oder?«, fragte Magdalena.

Jack schaute in seinen Becher und dann wieder hoch.

»Nein, ehrlich gesagt, nicht. Aber du bist jetzt wieder in Hagfors. Gefällt es dir?«

Er sah sie an, als ob er es wirklich wissen wollte, ganz offensichtlich handelte es sich nicht um eine Höflichkeitsphrase, und aus irgendeinem Grund verursachte ihr das Unbehagen.

»Ja, doch, im Großen und Ganzen schon.«

Jack zog eine Miene, die andeutete, dass er ihr überhaupt nicht glaubte.

»Petter und ich haben eine gemeinsame Tochter, die jetzt zweieinhalb Jahre alt ist.«

»Oh, verdammt«, sagte Jack, »das klingt romantisch. Bist du seinetwegen wieder zurückgezogen?«

»Nein, nicht wirklich.«

Sie hatte keine Lust, näher auf die Umstände ihres Umzugs einzugehen, wollte nicht von Ludvig und der Scheidung reden, und auch nicht von Nils und seinem schweren Start in Hagfors.

»Aber wir wollten ja nicht von mir reden«, sagte sie und blätterte zu den Fragen, die sie vorbereitet hatte.

Jack lehnte sich zurück und breitete die Arme über die Sofalehne aus.

»Ich finde es interessant, von den Wendungen zu hören, die das Leben für die Leute genommen hat«, sagte er. »Vielleicht ist das eine Alterserscheinung. Fehler, die man macht, können zu interessanten Erfahrungen werden, und der Zufall ist vielleicht in Wirklichkeit oft gar keiner.«

»Ich habe gelesen, du würdest darüber nachdenken, Pfarrer zu werden«, erwiderte Magdalena, ohne seine Worte zu kommentieren.

Jack trank einen Schluck aus dem Plastikbecher und sah sie lächelnd mit zusammengekniffenen Augen an.

»Soso, du hast deine Hausaufgaben gemacht. Wie immer.«

»Pfarrer ist gelinde gesagt nicht gerade der Beruf, den man mit dir verbinden würde.«

»Mein ganzes Leben lang habe ich nach etwas gesucht, aber immer an der falschen Stelle. Ich habe zu viel gefeiert und mich zu viel mit den falschen Menschen abgegeben. Ja, aber das weißt du ja bestimmt. Aber jetzt habe ich gefunden, wonach ich gesucht habe. Gott und Jesus. Ich bin mit meinem Leben versöhnt worden.«

Magdalena machte rasche Notizen.

»Ist es dann auch eine Art Versöhnung, hierherzukommen?«

»Ich weiß nicht. Doch, auf eine Art schon.«

Seine Stimme klang plötzlich heiser, und er räusperte sich.

»Erzähl gerne mehr«, ermunterte ihn Magdalena.

Jack nahm einen Schluck aus dem Becher, ließ sich Zeit.

»Ich glaube, alle, die heute hierhergekommen sind, haben irgendeinen Grund dafür. Entweder will man sich präsentieren, oder man möchte etwas zurechtrücken. Oder man sehnt sich nach früheren Zeiten zurück.«

»Ja, vielleicht«, erwiderte Magdalena.

»Und warum bist du hier, Magdalena?«, fragte er und sah sie auf eine Weise an, die ihr überhaupt nicht angenehm war.

»Weil ich versprochen habe, dieses Interview zu machen.«

»Im Ernst?«

»Ganz im Ernst. Wenn die Zeitung nicht einen Artikel über dich hätte haben wollen, wäre ich nicht hier. Ich habe nichts zu präsentieren und sehne mich auch nach nichts zurück. Möglicherweise hätte ich Dinge zurechtzurücken, aber da gehe ich lieber weiter und vergesse alles. Das ist eher so meine Methode.«

Jack nickte bedächtig.

»Tja, wir haben alle so unsere Strategien im Leben.«

So ist es wohl, dachte Magdalena und nahm etwas von dem Drink, den sie auf den Tisch gestellt hatte. In der Sonne war er lauwarm geworden.

»Hast du denn Pläne, wieder hierher zu ziehen?«, fragte sie.

Die obligatorische Frage, die ein Lokalredakteur einfach stellen musste.

Jack lachte los – ein Lachen, das sie nicht im Text wiedergeben würde.

»Nein«, antwortete er und sammelte sich. »Zumindest nicht im Moment.«

»Und wie geht es mit dem Buch voran?«

Jack zog die Augenbrauen hoch.

»Warum siehst du so erstaunt aus?«, fragte Magdalena. »Du hast doch schon auf Instagram etwas davon verraten.«

»Stimmt, auf eine Art schon«, gab Jack zu. »Aber es ist noch so früh, dass ich nicht viel mehr sagen kann. Es ist immer noch geheim.«

»Aber ein bisschen kannst du doch wohl verraten, oder?«

Jack sah auf seine Hände hinab, als würde er mit sich selbst verhandeln, doch Magdalena fand, die Geste sah eingeübt aus. Gespielte Nachdenklichkeit.

»Ich rechne mit meiner Vergangenheit ab, so könnte man es nennen«, sagte er. »Es wird ein autobiografisches Buch, und mein Ziel ist, wirklich alles zu erzählen.«

»Alles? Zum Beispiel?«

»Drogen, Untreue, ja, die Skandale, das unter anderem. Aber auch meine Kindheit und die Schulzeit. Ich war damals wirklich nicht sonderlich nett.«

Nein, das warst du wirklich nicht.

Magdalena erinnerte sich daran, wie Jack und Mårten einmal Danjel im Werkraum in einen Schrank eingeschlossen hatten und dann einfach weggegangen waren. Es hieß, er wäre über drei Stunden da drin gewesen, ehe einer der Lehrer ihn gefunden hatte. Da hatte er sich schon eingenässt.

Jack drehte wieder seine Hände und sah auf. Noch eine wohlbekannte Geste, die er viele Male im Fernsehen gezeigt hatte.

»Manchmal muss man es wagen, die Wahrheit zu sagen«, erwiderte er.

Magdalena schrieb weiter. Vielleicht meinte er ja tatsächlich, was er da sagte.

»Jösses, was für ein Gekrakel.«

Jack lehnte sich über den Tisch, um zu sehen, was auf ihrem Block stand.

»Kannst du das selber lesen?«

Er legte seine linke Hand auf ihre rechte und schob sie zur Seite, so dass er sehen konnte, was sie geschrieben hatte.

Als Magdalena versuchte, ihre Hand zurückzuziehen, hielt er sie fest.

Erst als ein langer Schatten auf dem Sofatisch landete, ließ er los.

»Störe ich?«, fragte Lena, die immer noch mit dem Tablett herumging, das nun leicht in ihren Händen zitterte.

Wir haben alle so unsere Methode, uns zu verstecken, dachte Magdalena und nahm noch einen Schluck von ihrem Drink. Der Druck über dem Brustkorb hatte sich zumindest verflüchtigt.

»Kein Problem«, meinte Jack.

Lena errötete bis in ihren Ausschnitt hinein.

»Wenn wir ein Gruppenbild machen wollen, dann sollten wir es jetzt tun. Dann könnten wir danach nämlich auch mal etwas essen.«

»Natürlich«, erwiderte Jack. »Dann machen wir das doch.«

Er führte den Becher zum Mund und leerte ihn mit einer raschen Bewegung. Nachdem er die Obststückchen gekaut hatte, wandte er sich Magdalena zu.

»Vielleicht können wir mit dem Interview ja später noch weitermachen.

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