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Nichts ist jemals vollendet

Inhalt

  1. Ein paar Worte vorweg
  2. Zwischen Familienalltag und Krieg – Eine politisierte Jugend
  3. Militärdienst und Studienzeit
  4. Auslandsstudien – ein erster Schritt in die weite Welt
  5. In Diensten Israels
  6. Die erste Zeit in Afrika
  7. Zurück in Jerusalem
  8. Als Sprachrohr Israels in Paris
  9. Begegnungen mit einem Nationalhelden
  10. Der Jom-Kippur-Krieg und die Folgen
  11. Über Europa zum Mossad – Zwischenjahre
  12. Gestatten, Albert Primor
  13. Neue Welten – Asien und Ozeanien
  14. Botschafter im Herzen Europas
  15. Vom Auswärtigen Amt an die Universität
  16. Auf dem Weg nach Deutschland
  17. Botschafter in Bonn – Auftakt mit gemischten Gefühlen
  18. Deutschland und die Vergangenheit
  19. Begegnungen im Zentrum der Macht
  20. Neuanfang in Berlin und Abschied
  21. Der Traum vom Miteinander
  22. Was zu wünschen bleibt
  23. Zum Abschluss – Kein toter Fisch
  24. ANHANG

MEINER FRAU ZIONA GEWIDMET

Ein paar Worte vorweg

Memoiren zu schreiben sollte eigentlich nicht kompliziert sein. Nicht nur kennt man seine eigene Geschichte, sondern es geht doch hier um die Vergangenheit, und die ist eher etwas, womit man vertraut ist. Was Angst macht, ist die Zukunft. Die Zukunft ist uns unbekannt, unverständlich oder bedrohlich. Aber mit der Vergangenheit ist man vertraut. Selbst wenn es Unannehmlichkeiten in der Vergangenheit gab, hat man längst gelernt, wie man sich damit abfindet, und findet die Vergangenheit beschaulich. Diese Vergangenheit kann man auch immer neu gestalten.

Ich glaube aber nicht, dass es wirklich so einfach ist. Und wenn ich an die Vergangenheit denke, so denke ich auch an die Zukunft, in der Überzeugung, dass nichts jemals vollendet ist.

Ich beginne das Schreiben meiner Memoiren in Tel Aviv, im Juni 2014, in einer Atmosphäre der Spannung im Lande. Schon wieder. Seit der Entstehung Israels leben wir in dieser erhöhten Spannung und gewöhnen uns trotzdem nicht daran. Diesmal geht es um die Entführung von drei israelischen Jugendlichen in einem Siedlungsgebiet im Westjordanland. Vermisste Israelis sorgen immer für eine große Aufregung im Land und für einen Aufruf der Bevölkerung an die Regierung, alles Mögliche zu tun, um die Verschollenen zu finden.

Was heißt alles? »Alles« heißt eine Sperrung des Westjordanlandes, die wiederholte Sperrung von Dörfern, Stadtteilen oder ganzen Städten und die Durchsuchung von Tausenden von Wohnungen. Die Filme und Bilder von diesen Durchsuchungen sind schwer zu verdauen. Die Grausamkeit des Einbruchs der Soldaten in der Mitte der Nacht in die Wohnungen der meistens unschuldigen Bürger, der Angriff der Hunde, der Schrecken der Kinder sind Dinge, die seit Beginn der Besatzung vor 47 Jahren nicht neu sind. Und dennoch …

Während ich dies schreibe, berichten die Zeitungen vom Tod eines ehemaligen Chefs des israelischen Geheimdienstes, Avraham Shalom, der im Alter von 86 Jahren gestorben ist. Der Mann war nicht nur einer der bekanntesten Geheimdienstchefs, sondern wahrscheinlich auch als einer der grausamsten bekannt. Das geht natürlich auf seine Behandlung der Palästinenser in den besetzten Gebieten zurück. Dennoch stand Avraham Shalom in dem berühmten Film über den israelischen Innengeheimdienst Schabak, The Gatekeepers, für ein Interview zur Verfügung. Er kritisiert die israelische Politik in den Gebieten und vor allem die Besatzung. Unter anderem sagt er ganz klar: »Was wir in den Gebieten betreiben, ist genau das, was die Deutschen im Zweiten Weltkrieg, abgesehen vom Holocaust und den Konzentrationslagern, in ihren besetzten Gebieten getrieben haben.«

Mich trifft das hautnah. Mein ältestes Enkelkind ist seit zwei Jahren im Militärdienst. Es dient in der Elitekampfeinheit, die die Hunde für diese Arbeit ausbildet und mit ihnen palästinensische Häuser durchsucht. Der Vater dieses Enkelkinds, mein ältester Sohn Adar, erzählte mir, er habe seinen Sohn gefragt, was genau er in diesen besetzten Gebieten mache. Der Junge, Noam, an sich ein sehr sanfter und liebenswürdiger Junge, antwortete seinem Vater: »Lass das, Papa. Du bist ein Liberaler, es ist besser für dich, wenn du es nicht weißt.«

Mir dreht sich der Magen um. Seit meiner Kindheit und meiner Leidenschaft für einen friedlichen jüdischen Staat sind schon fast achtzig Jahre vergangen, und ich kann nur sagen: Nichts ist jemals vollendet.

Eine Autobiografie, eine Geschichte, die man über sich selbst erzählt, wird oft mit ein wenig Argwohn betrachtet. Man denkt, jedem Menschen, der über sich selbst schreibt, wird vor allem daran gelegen sein, sich in einem guten Licht darzustellen. Friedrich Nietzsche schrieb: »›Das habe ich getan‹, sagt mein Gedächtnis. ›Das kann ich nicht getan haben‹, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt das Gedächtnis nach.«

Noch schlimmer ist, dass Erinnerungen oft verschwommen sind. Oft ist man ehrlich der Meinung, dass man etwas genau in Erinnerung hat, und ist sich nicht bewusst, dass man die Geschehnisse im Kopf falsch abgespeichert hat.

Zwei solcher Geschichten habe ich persönlich erlebt.

1970 starb der 80-jährige General de Gaulle. Obwohl er schon nicht mehr Staatspräsident war, stand ihm ein Staatsbegräbnis zu, und in Frankreich und weltweit herrschte das Gefühl, einem historischen Ereignis beizuwohnen. De Gaulle wollte kein Staatsbegräbnis, sondern hatte sich eine intime Beerdigung im Kreise seiner Familie in seinem Dorf Colombey-les-Deux-Églises gewünscht. In Paris wurde dennoch ein Staatsakt in Notre-Dame ausgerichtet. Zu diesem Staatsakt kamen Staatsoberhäupter und Prominente aus aller Welt.

Obwohl die Beziehungen zwischen Frankreich und Israel zu diesem Zeitpunkt regelrecht schlecht waren und obwohl, zumindest vom israelischen Blickwinkel aus gesehen, de Gaulle daran schuld war, entsandte Israel seinen Staatspräsidenten Zalman Shazar sowie den pensionierten ehemaligen Ministerpräsidenten David Ben-Gurion. Niemand in Frankreich wusste, wer Shazar war, aber Ben-Gurion sorgte für Aufsehen. Nicht nur, weil er der legendäre israelische Staatsgründer und langjährige Ministerpräsident war, sondern auch und besonders weil bekannt war, dass er mit de Gaulle auch korrespondiert hatte, als die Beziehungen zwischen den beiden Staaten merklich abgekühlt waren. Von allen Seiten wandten sich Journalisten an mich, der ich damals Sprecher der Botschaft war, und bewarben sich um ein Interview mit Ben-Gurion. 1970 war Ben-Gurion schon gesundheitlich angeschlagen und sehr geschwächt. Es wurde daher entschieden, dass er nur einen einzigen Journalisten empfangen würde, und ich wurde gebeten, diesen Journalisten auszusuchen. Ich entschied mich für den Leiter des Außenressorts der Tageszeitung Le Figaro, Yves Cuau, der ein großer Kenner der Weltpolitik und unter anderem Korrespondent seiner Zeitung in Deutschland und Kairo war und Israel mehrfach besucht hatte. Er hatte zugegebenermaßen auch einen Vorteil, weil er mein persönlicher Freund war …

Das Treffen fand in der Suite Ben-Gurions statt. Im dortigen Wohnzimmer befand sich ein kleiner runder Tisch mit drei Stühlen, an den sich Ben-Gurion, Yves Cuau und ich als Dolmetscher setzten. Neben uns stand ein Sofa, auf dem sich der israelische Botschafter in Paris und ehemalige Mitarbeiter von Ben-Gurion, Asher Ben-Natan (der erste israelische Botschafter in Deutschland), niederließ, um dem Gespräch zuzuhören. Ben-Gurion beantwortete gerne alle Fragen Cuaus und erzählte viel von seinen Gesprächen und von seiner Korrespondenz mit de Gaulle. Unter anderem berichtete er detailliert über ein Gespräch mit de Gaulle, das er geführt hatte, als die beiden in Bad Honnef bei der Beerdigung von Konrad Adenauer hinter dem Sarg hergingen.

De Gaulle, so Ben-Gurion, erzählte dabei von Gesprächen, die er mit Adenauer über Israel und den Nahen Osten geführt habe. Adenauer habe sich über das Verhältnis zu den arabischen Staaten Sorgen gemacht, die aufgrund der deutschen Beziehungen zu Israel auf ihn zukommen könnten. De Gaulle habe erzählt, er habe dem Kanzler einen Ratschlag gegeben: »Tun Sie, was ich in diesem Bereich tue. Meine Politik mit dem Nahen Osten ist eine Politik der Parallellinien. Ich unterhalte die besten Beziehungen zu Israel, ohne den arabischen Staaten zu erlauben, sich in diese Angelegenheit einzumischen. Parallel versuche ich, die Beziehungen zur arabischen Welt zu entwickeln, ohne den Israelis das Recht zu geben, mir ihre Meinung dazu kundzutun. So etwas können auch Sie sich erlauben.«

Dieser Geschichte folgten noch weitere Geschichten, bis nach eineinhalb Stunden der Adjutant Ben-Gurions kam, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass das Gespräch vorüber sei. Cuau bemerkte dies selbst, stand auf, und ich geleitete ihn hinaus. Ich begleitete ihn zum Hotelausgang, und er sagte mir, wie begeistert er von diesem Gespräch gewesen sei. Anschließend ging ich wieder hoch zu Ben-Gurions Suite, und als ich ankam, öffnete sich die Tür und Botschafter Ben-Natan trat heraus. Er sagte: »Komm, Ben-Gurion muss sich jetzt ausruhen. Lass uns kurz weggehen und später zurückkommen.«

Im Treppenhaus fragte er mich, wie ich das Gespräch empfunden habe. Ich sagte, es sei faszinierend gewesen und ich hätte viel daraus gelernt.

»Und was war für dich am interessantesten?«, fragte er weiter.

»Das Gespräch zwischen de Gaulle und Ben-Gurion bei Adenauers Beerdigung«, sagte ich.

»Du weißt doch, dass ich Botschafter in Deutschland war, als Bundeskanzler Adenauer starb«, sagte Ben-Natan. »Ben-Gurion war gar nicht da! Er ist zwar mit der Absicht nach Deutschland gekommen, zur Beerdigung zu gehen, dann aber im Hotel erkrankt und konnte der Beerdigung doch nicht beiwohnen. De Gaulle war da, ich auch, aber mit mir hat de Gaulle kein Gespräch geführt.«

Eine zweite Geschichte:

1977 war ich Leiter der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes in Jerusalem und Sprecher des Außenministers Yigal Allon. Zu dieser Zeit beschäftigten wir uns immer noch hauptsächlich mit der Durchbrechung der diplomatischen Barrikade Israels. Nicht nur waren wir aus der gesamten arabischen und islamischen Welt (mit Ausnahme der Türkei) ausgeschlossen, sondern auch aus der kommunistischen Welt und aus der Mehrheit der Entwicklungsländer in Afrika und Asien; selbst in Westeuropa gab es noch Länder, die Israel nicht anerkannt und mit ihm keine diplomatischen Beziehungen aufgenommen hatten.

Zu dieser Zeit befand sich Portugal, ein Land, in dem wir ein Konsulat hatten, mit dem wir aber keine diplomatischen Beziehungen führten und mit dem es keine gegenseitige Anerkennung gab, in einer neuen Phase. Drei Jahre zuvor hatte eine Revolution die alte Diktatur António de Oliveira Salazars beseitigt. Salazar war wie sein Nachbar Francisco Franco ein Faschist gewesen, der mit Mussolinis Italien und vor allem Hitlers Deutschland verbunden gewesen war. Mit einem Regime wie dem Estado Novo sprach man nicht über die Frage der gegenseitigen Anerkennung oder die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Das neue Regime war zunächst eine Militärregierung, die die Revolutionäre der Nelkenrevolution initiiert hatten, und war für Gespräche zwischen Israel und Portugal auch noch nicht bereit. 1976 aber war eine neu gewählte sozialistische Regierung unter Ministerpräsident Mário Soares an die Macht gekommen. Die Beziehungen zwischen der Sozialistischen Partei Portugals und der in Israel herrschenden Arbeitspartei waren seit geraumer Zeit gut entwickelt, aber die diplomatischen Ergebnisse ließen auf sich warten. Im Frühling 1977 fand nun ein Treffen der Sozialistischen Internationale in Amsterdam statt. Der Präsident der Arbeitspartei, Ministerpräsident Yitzhak Rabin, war verhindert und bat seinen Stellvertreter und Außenminister Yigal Allon, ihn dort zu vertreten. Allon nahm mich mit.

Ephraim Eldar, unser Konsul in Lissabon, der zwar keinen diplomatischen Status hatte, aber ein schlauer Beobachter war, schrieb mir im Voraus, dass zwar ein Treffen zwischen Soares und Allon in Amsterdam stattfinden würde, wir jedoch keine zu großen Erwartungen haben sollten: Soares würde die diplomatischen Beziehungen vorerst nicht aufnehmen. Der Konsul erzählte mir auch, dass es zur Vorbereitung auf die Gespräche in Amsterdam eine gemeinsame Sitzung der portugiesischen Regierung mit der Spitze der Sozialistischen Partei gegeben habe, in der unter anderem entschieden worden war, die diplomatischen Beziehungen mit Israel wegen des Drucks aus der arabischen Welt nicht aufzunehmen. Natürlich unterrichtete ich meinen Minister ausführlich über dieses Thema.

Allon schien nicht besonders beunruhigt zu sein. Er kommentierte meine Erläuterungen nicht, sondern versank stattdessen in seinen Gedanken.

Die Mitglieder der Delegationen zur Sozialistischen Internationale wurden alle im selben Hotel untergebracht. Das Hotel war daher voll von Staatsoberhäuptern, Ministerpräsidenten wie auch von ehemaligen (und zukünftigen) Staatsoberhäuptern und Ministerpräsidenten sowie allen Vorsitzenden der verschiedenen sozialistischen Parteien. Nur die wenigsten von ihnen ergatterten eine Suite im Hotel, da es für die vielen hochrangigen Gäste schlicht nicht genug gab. Yigal Allon bekam daher ein ganz normales kleines Zimmer, nicht größer als meins. Am Rande der Plenarsitzung gab es zahlreiche bilaterale Treffen, für die ebenfalls meist keine Sitzungssäle zur Verfügung standen. So wurden die meisten diplomatischen Besprechungen in normale Hotelzimmer verlegt.

Das Treffen mit den portugiesischen Regierungschefs fand aus diesem Grunde in Allons Zimmer statt. Soares kam in Begleitung seines Außenministers und des Generalsekretärs seiner Partei. In dem Zimmer befanden sich nur drei Stühle, die den Gästen angeboten wurden, während mein Außenminister und ich auf dem Bett saßen. Das Gespräch wurde auf Französisch geführt, in einer Sprache, die Allon nicht beherrschte, sodass ich als Dolmetscher einspringen musste.

Mário Soares eröffnete das Gespräch. Wie in der Sozialistischen Internationale üblich duzte er Allon und nannte ihn beim Vornamen. »Mein lieber Yigal«, sagte er, »ich komme mit guten Nachrichten. Unsere Regierung und unsere Partei sind entschieden, Israel anzuerkennen und mit ihm diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Das ist eine historisch gerechtfertigte und schon längst überfällige Entscheidung. Wir haben dennoch ein Problem wegen unserer Interessen in den arabischen Staaten und in der islamischen Welt, die für uns kritisch sind, und deshalb werden wir die Umsetzung dieses Beschlusses noch eine Weile verschieben müssen. Aber prinzipiell sind wir entschieden.«

Ich übersetzte, und Yigal Allon erwiderte, ohne lange nachzudenken, auf Hebräisch: »Lieber Mário, du kannst dir nicht vorstellen, was für eine Freude du mir soeben bereitet hast. Ich freue mich so sehr, dass wir endlich den Weg zu unserer gegenseitigen Anerkennung gefunden haben. Dass du, lieber Mário, Probleme hast, die für dein Land kritisch sind und deshalb vorerst keine Botschaft in Israel eröffnen kannst, dafür habe ich vollstes Verständnis. An deiner Stelle hätte ich wahrscheinlich auch noch ein wenig warten wollen. Ich hingegen habe solche Probleme nicht. Ich könnte also meine Botschaft in Lissabon eröffnen und du deine in Israel erst später. Ich habe ja ein Konsulat in Lissabon, das ich unmittelbar in eine Botschaft umwandeln kann, und du wartest ab, bis du so weit bist, eine Botschaft in Israel zu eröffnen.«

Das war natürlich ein Schwindel. Wenn ein Land in einem anderen eine Botschaft eröffnet, dann bedeutet das die volle gegenseitige Anerkennung und die Aufnahme offizieller gegenseitiger diplomatischer Beziehungen, auch wenn das andere Land vorerst keine eigene Botschaft eröffnet. Es ist nicht so selten, dass diplomatische Beziehungen bestehen, es aber nicht in beiden Ländern eine Botschaft gibt. Für ärmere Länder ist es häufig eine finanzielle Frage, ob sie eine ständige Botschaft im Partnerland eröffnen können. In solchen Fällen nimmt das eine Land mit dem anderen dadurch diplomatische Beziehungen auf, dass es dort eine Botschaft eröffnet, und das andere bestätigt die diplomatischen Beziehungen, indem es die Botschaft des ersten akzeptiert. Yigal Allons Trick war also völlig durchsichtig. Schon während ich übersetzte, bemerkte ich die wütenden Blicke des portugiesischen Außenministers und des Generalsekretärs der sozialistischen Partei. Soares aber schien in Verlegenheit geraten zu sein. Er suchte sichtlich nach Worten, warf seine Arme in die Luft und sagte schließlich: »Ja, vielleicht … äh … vielleicht.« Eine sehr zögerliche Zusage.

Daraufhin befahl mir Allon auf Hebräisch, sofort das Zimmer zu verlassen, runter in die Hotellobby zu laufen und dort offiziell zu erklären, dass wir – Portugal und Israel – soeben diplomatische Beziehungen aufgenommen hätten und dass wir, Israel, unmittelbar eine Botschaft in Lissabon eröffnen würden. »Mach das so schnell wie möglich, und komm umgehend zurück, denn wir können ja nicht miteinander sprechen, solange du als unser Dolmetscher nicht hier bist.«

Ich tat, was er mir aufgetragen hatte, und rannte danach die Treppen so schnell wie möglich wieder hinauf und atemlos in Allons Schlafzimmer hinein. Kaum war ich dort, ergriff Allon das Wort: »Lieber Mário, nachdem wir das jetzt erledigt haben, möchte ich mit dir die äußerst dringenden und wichtigen Angelegenheiten erörtern, die auf der Tagesordnung der Sozialistischen Internationalen stehen.« Er begann mit einer langen Rede, in großer Geschwindigkeit vorgebracht, über die Themen, die im Plenarsaal unter dem Vorsitz von Willy Brandt diskutiert worden waren und die in Wirklichkeit keinen interessierte. Er jedoch tat so, als seien diese Themen für ihn die allerwichtigsten, die man sich nur vorstellen kann. Ich hatte die größte Mühe, diesen Wortschwall zu übersetzen, und dem portugiesischen Ministerpräsidenten blieb nichts anderes übrig, als seine Kommentare zu diesen Themen abzugeben, bis die Zeit des Treffens abgelaufen war. So blieb keine Zeit, die portugiesisch-israelischen Beziehungen noch einmal anzusprechen.

Als die portugiesischen Gäste sich verabschiedet hatten, befahl Allon mir, zwei Dinge zu tun. Es war Sabbat, daher sollte ich den Generalsekretär des Auswärtigen Amtes, Professor Shlomo Avineri, bei sich zu Hause anrufen. Handys gab es damals noch nicht, und es sollte sie auch noch lange nicht geben. Ich sollte ihn bitten, sofort die Ernennungskommission des Auswärtigen Amtes einzubestellen, die nötig war, um unseren Konsul in Lissabon zum Botschafter in Portugal zu ernennen. Das musste schnell geschehen, damit Allon der Regierung schon in der wöchentlichen Sonntagssitzung des Kabinetts am nächsten Morgen den Beschluss der Ernennungskommission zur Bestätigung vorlegen könne. Zweitens bat er mich, den Konsul in Lissabon anzurufen und ihn damit zu beauftragen, sich für seine Ernennung am nächsten Morgen vorzubereiten und alles Nötige für die Verwandlung des Konsulats in eine Botschaft in Bewegung zu setzen.

Als ich Konsul Eldar anrief, begann er einen langen Monolog, um mir sein Schreiben, das er mir im Vorfeld geschickt hatte, noch einmal zu erklären. Er wusste nicht, dass unser Gespräch mit Soares schon stattgefunden hatte, und wollte mich davon überzeugen, dass die Portugiesen trotz ihrer negativen Entscheidung diplomatischen Beziehungen wohlwollend gegenüberstünden und unter echten Zwängen stünden und dass wir Verständnis und Geduld haben müssten.

Ich habe ihn nicht unterbrochen. Am Ende sagte ich ihm nur: »Ephraim, du bist Botschafter. Ab morgen bist du der israelische Botschafter in Portugal.«

Die Telefonleitung blieb ein paar Sekunden stumm, und danach hörte ich ein Seufzen, und der Konsul sagte: »Avi, wie lange kennen wir uns schon? Wir waren doch immer gute Freunde. Zwischen uns gab es im Grunde nie Verstimmungen. Warum musst du mit mir solche Scherze machen, du weißt doch, dass ich herzkrank bin.«

Mit viel Mühe habe ich dem armen Eldar von dem Gespräch zwischen Allon und Soares berichtet. Ich erzählte ihm auch von den Vorbereitungen des Generalsekretärs des Auswärtigen Amtes in Jerusalem, die im Auftrag von Allon bereits aufgenommen worden waren. Eldar war völlig verblüfft und brauchte lange, um die Überraschung zu verarbeiten.

Zehn Jahre später war ich neuer israelischer Botschafter in Brüssel. Akkreditiert war ich sowohl beim belgischen König als auch beim Großherzog von Luxemburg und bei der Europäischen Gemeinschaft. Kaum war ich in Brüssel angekommen, musste ich mich mit einer außergewöhnlichen Veranstaltung beschäftigen. Die hoch angesehene Freie Universität Brüssel hatte sich entschieden, meinem Außenminister Shimon Peres einen Ehrendoktortitel zu verleihen. Diesen Ehrentitel sollte er gemeinsam mit drei anderen Politikern entgegennehmen: mit dem italienischen Präsidenten Sandro Pertini, dem senegalesischen Staatspräsidenten Abdou Diouf und dem neuen portugiesischen Staatspräsidenten Mário Soares. Die Zeremonie fand am Nachmittag in der Universität statt, abends sollte es ein feierliches Abendessen im Schloss geben. Shimon Peres teilte den Gastgebern mit, dass er am Abend nicht in Brüssel bleiben könne und leider weiterfliegen müsse.

Ich habe niemandem verraten, was der Grund für diese Absage war: Shimon Peres, der immer von allerlei Stars fasziniert gewesen war, hatte eine Einladung bekommen, den Abend gemeinsam mit Liza Minnelli im Kabarett Folies Bergèrs in Paris zu verbringen, und das war ihm lieber als Universität, Staatsoberhäupter und sogar ein König. Mir gab er den Auftrag, ihn an diesem Abend zu vertreten. So begleitete ich ihn zum Flughafen, zog meinen Gehrock an und machte mich auf den Weg zum Schloss. Als ich meinen Platz einnahm, kamen die anderen Ehrengäste gerade erst nach und nach an. Mir fiel auf, dass mir gegenüber der Platz des portugiesischen Präsidenten war. Als er hereinkam, sah er sich um, erblickte mich, zögerte eine Minute, zeigte mit seinem Zeigefinger auf mich und sagte dann auf Französisch: »Sie kommen mir bekannt vor, ich kenne Sie irgendwoher.«

»Ja, Herr Präsident«, antwortete ich, »Sie haben mich tatsächlich schon einmal gesehen. Ich war bei der Sozialistischen Internationale in Amsterdam bei Ihrem Gespräch mit dem israelischen Außenminister Yigal Allon Ihr Dolmetscher, als wir gemeinsam die diplomatischen Beziehungen aufgenommen haben.«

Er zögerte eine Minute und brach dann in Gelächter aus. »Ja«, sagte er, »das war eine ganz merkwürdige Geschichte, da bin ich in eine Falle getappt.« Er lachte noch mehr und wandte sich an unsere Sitznachbarn: »Diese Geschichte muss ich euch erzählen.«

Er erzählte die Geschichte genauso wie ich, in allen Details, bis auf eines: Er bestand darauf, dass sein Gesprächspartner nicht Außenminister Yigal Allon, sondern Premierminister Yitzhak Rabin gewesen sei.

Nachdem der Name schon mehrmals gefallen war, bemühte ich mich, ihn flüsternd daran zu erinnern, dass er das Gespräch nicht mit Premierminister Rabin habe führen können, weil Rabin gar nicht nach Amsterdam gereist war, und dass er stattdessen mit Allon gesprochen hatte.

Laut erwiderte er: »Nein, nein! Was für Dummheiten erzählen Sie da? Ich war doch dabei. Ich war derjenige, der mit Yitzhak Rabin gesprochen hat, Sie waren doch nur der Dolmetscher.«

Ich schwieg.

Ein paar Jahre später eröffnete auch Portugal endlich eine Botschaft in Israel, und der portugiesische Botschafter suchte mich sofort auf, weil er die Geschichte von 1977 gehört hatte. Er lud mich zu einem Mittagessen ein, um von mir als damaligem Dolmetscher zu hören, wie es damals gelaufen sei. Natürlich bestand auch er darauf, dass Soares’ Gesprächspartner in Amsterdam Yitzhak Rabin gewesen sei.

Haben David Ben-Gurion und Mário Soares gelogen? Natürlich nicht. Die beiden hatten auch keinen Grund, zu lügen oder ihre Geschichten zu fälschen. Was de Gaulle bei der Beerdigung Adenauers gesagt haben soll, leuchtete ein, weil es seiner Politik vollkommen entsprach. Ben-Gurion, der damals schon nicht immer klar im Kopf war, hat wahrscheinlich verschiedene Geschichten, die er mit de Gaulle erlebt hat, verwechselt. Vielleicht hatte er das Erzählte auch tatsächlich gehört, nur eben in einem anderen Gespräch. Mário Soares hat die Geschichte, die für ihn eigentlich peinlich war, zehn Jahre danach ganz genau so wiederholt, wie sie sich ereignet hatte, und nur die Person verwechselt, mit der er gesprochen hat. Vielleicht lag das daran, dass ursprünglich Rabin nach Amsterdam fliegen sollte, um seine Partei zu vertreten, und Soares auf ein Gespräch mit ihm vorbereitet gewesen war.

Hätte ich Yves Cuau gesagt, dass das Gespräch bei der Beerdigung Adenauers nie stattgefunden hat, hätte er mich für einen Idioten gehalten, hatte er die Geschichte doch von Ben-Gurion persönlich gehört. Hätte ich den Zuhörern Soares’ in Brüssel gesagt, dass Soares in Amsterdam nicht Rabin, sondern Allon getroffen hat, würden sie mich sogar für einen frechen Idioten halten, hatten sie es doch von Soares persönlich.

Das Fazit der Geschichte: Das Gedächtnis des Menschen, auch wenn man versucht, vollkommen ehrlich und wohlwollend zu sein, hat seine Lücken.

Damit muss man rechnen, auch bei mir.

Die Franzosen sagen: »Un homme averti en vaut deux.« – Ein vorgewarnter Mensch ist so viel wert wie zwei.

Das sind Sie jetzt, liebe Leser.

Zwischen Familienalltag und Krieg – Eine politisierte Jugend

Oft werde ich gefragt, warum ich mich voller Überzeugung als Zionist bezeichne. Um dies zu beantworten, möchte ich ein wenig ausholen: Der Gründer der zionistischen Bewegung, Theodor Herzl, war ein emanzipierter und gut integrierter jüdischer Wiener Journalist. Herzl war von der Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert begeistert und zunächst davon überzeugt, dass die Juden bald ein integrierter und selbstverständlicher Bestandteil der Nation werden würden. Der neue Antisemitismus, der in Deutschland in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts einsetzte, breitete sich allerdings schneller aus, als die Integration fortschritt. Bei ihm handelte es sich um einen rassistischen Antisemitismus, der anders als der vorherige religiöse Antijudaismus keinen Ausweg für Juden ließ. Theoretisch konnte man dem Antijudaismus schließlich durch Taufe entfliehen, vor dem rassistischen Antisemitismus gab es jedoch kein Entkommen, da er bei der Geburt ansetzte. Herzl kam angesichts dieser Entwicklung zu dem Schluss, dass die Emanzipation der Juden ein Fehlschlag sei und dass die Juden, sollten sie irgendwann in Würde leben wollen, eine Nation werden müssten, und zwar genauso wie alle anderen (natürlich meinte er damit die Europäer). Dazu müssten sie ihr eigenes Land und ihre eigene Souveränität ergattern. Erst dann würden sie normal und in Würde leben können wie andere Menschen.

Es war nicht diese Denkweise des Zionismus, die mich in meiner Jugend beeinflusst und beeindruckt hat. Meine Antwort auf die häufig gestellte Frage lautet vielmehr: Weil ich dank der zionistischen Bewegung nie zu spüren bekommen habe, was es bedeutet, Angehöriger einer Minderheit zu sein. Ich habe nie die Minderwertigkeitsgefühle verspürt, unter denen Angehörige einer Minderheit oft leiden. Diese Gefühle führen im Übrigen bisweilen auch zu positiven Ergebnissen. So war immer bekannt, dass sich jüdische Schüler weltweit in den Schulen oft besonders hervortaten. Ihr Ansporn war es, anerkannt zu werden. Daher bemühten sie sich mehr als ihre Mitschüler. Heute sind die besten Schüler in Israel Angehörige der christlichen Minderheit im Land. Die Juden, die in Israel nicht in der Minderheit sind, haben offensichtlich nicht mehr den Ansporn, den dort inzwischen eine andere Minderheit hat.

Auch Antisemitismus kenne ich nur aus Erzählungen, und er ist dadurch für mich eher eine intellektuelle als eine persönliche emotionale Erfahrung. Zwar wurde ich in einem Land geboren, das damals noch kein jüdischer Staat war, sondern ein Gebiet unter britischer Herrschaft. Offiziell war dieses Land seit 1922 britisches Mandatsgebiet im Auftrag des Völkerbunds, in Wirklichkeit aber war es eine regelrechte britische Kolonialherrschaft. Ich hatte in meiner Kindheit dennoch nicht das Gefühl, in einem fremden Land oder in einer fremden Gesellschaft aufzuwachsen – in meiner Schule, meinem Umfeld und meiner Stadt lebten fast nur Juden.

Die Briten waren ausländische Besatzer, sollten das aber nur für eine begrenzte Zeit sein. Unser Alltag, so habe ich das damals als Kind empfunden, wurde nicht wirklich von ihnen beeinflusst. Sie haben uns ab und zu belästigt und hin und wieder eine Ausgangssperre verhängt.

Ich kann mich vor allem erinnern, wie britische Soldaten unsere Wohnung durchsuchten und dabei an uns Kinder Schokolade verteilten. Während wir mit unseren Eltern draußen warteten und an unserer Schokolade knabberten, stahlen sie alle Uhren aus unserer Wohnung.

Auch die Erwachsenen waren zumindest im Alltag relativ ungestört von den Briten. Wir hatten unsere eigenen Behörden, die demokratisch gewählt wurden und fast den Anschein erweckten, das Land sei unabhängig. Wir bezahlten auch mehr oder weniger freiwillig Steuern an sie, zusätzlich zu denen, die wir den Briten zahlen mussten. Zwar waren diese Steuern an die Behörden nirgendwo gesetzlich geregelt, aber wehe dem, der den ungeschriebenen gesellschaftlichen Regeln nicht folgte und diese Steuern nicht zahlte.

Politisch sahen viele das natürlich anders, denn trotz der relativen Freiheit, die wir im Alltag hatten, entwickelten sich in der jüdischen Bevölkerung Palästinas drei Untergrundorganisationen gegen die Besatzung. Die große, die halb offiziell war und den jüdischen autonomen Behörden des Landes unterstellt, war die Hagana (»Verteidigung«) mit ihrer Palmach (»Sturmtruppe«). Etzel beziehungsweise Irgun (»Nationale Militärorganisation«) und Lechi (»Kämpfer für die Freiheit Israels«) waren weniger offiziell. Sie würde man heute als rechtsnationalistisch oder rechtsextrem bezeichnen. Ihren Kampf gegen die Briten, gelegentlich auch gegen die Araber, führten sie mit Methoden, die mehrfach als terroristisch beschrieben wurden. Aus allen drei Organisationen kamen später Regierungspolitiker und Ministerpräsidenten wie Yitzhak Rabin (Hagana-Palmach), Menachem Begin (Etzel) und Yitzhak Shamir (Lechi).

Uns Kinder faszinierten die Geschichten über die jüdischen Widerstandskämpfer sehr. Wurden Widerstandskämpfer, die von den Briten erwischt worden waren, erhängt, dann erfüllte uns das weniger mit Schrecken, als dass es unsere Fantasie beflügelte. Als Kinder haben wir viel gelesen, denn es gab kein Fernsehen und ins Kino konnte man nur selten gehen, weil es sehr teuer war. Daher verbrachten wir unsere Freizeit mit Fußballspielen oder Büchern. Wir lasen internationale Kinderbücher, meist deutsche, die ins Hebräische übersetzt worden waren: Karl May, Erich Kästner und ähnliche Autoren, die Märchen der Gebrüder Grimm oder von Hans-Christian Andersen. Kurzum: Wir lasen alles, was die Kinder in Westeuropa lasen. Aber auch Kinderbücher aus der jüdischen Geschichte verschlangen wir mit Leidenschaft. Die Autoren dieser Bücher, die in der wiederbelebten hebräischen Sprache des späten 19. Jahrhunderts schrieben, ließen ihre heroischen Geschichten selten in der Zeit des jüdischen Exils spielen, sondern bezogen sich auf die alten Israeliten aus der biblischen Zeit und aus der Zeit des zweiten Tempels. Es ging also um tausend Jahre politischer jüdischer Existenz im Heiligen Land. In diesen Jahren hatten die Israeliten unter anderem drei historische Kriege geführt: Im zweiten Jahrhundert vor Christus gab es den Aufstand gegen die Nachfolgekönigreiche Griechenlands, Ägypten und Syrien, die bei uns als das »böse Griechische Reich« bekannt waren. Während dieses langjährigen Aufstands durchlebten die Israeliten Erfolge und Rückschläge und gewannen schließlich, als sie das hellenistische Reich besiegten und das jüdische Königreich der Makkabäer gründeten. Der zweite große Krieg war der sogenannte Große Aufstand gegen die Römer, der im Jahr 66 nach Christus ausbrach und sieben Jahre lang andauerte – vier Jahre im ganzen Lande, vor allem in Jerusalem, und die letzten drei Jahre bei Masada, wo die Römer den Aufstand niederschlugen. Im Jahr 132 nach Christus gab es schließlich den vierjährigen Bar-Kochba-Aufstand gegen Rom, der so vernichtend niedergeschlagen wurde, dass man seitdem und bis zur Entstehung Israels im 20. Jahrhundert nicht von einer politischen Existenz der Juden in ihrem Land sprechen konnte.

Die ersten beiden Kriege wurden von dem großen Historiker Flavius Josephus detailliert beschrieben, vom dritten, der eigentlich der grausamste war, weiß man nur wenig, und das Wenige auch hauptsächlich aus Legenden. Alle diese Kriege dienten den neuen hebräisch schreibenden Autoren als Quelle. Sie verfassten unzählige Bücher über diese Kriege und Aufstände für Jugendliche und beschrieben in ihnen vor allem das Heldentum der kleinen Juden im Kampf gegen die Weltmächte: der Wenigen gegen die Zahlreichen, derjenigen, die mit Mut und Schläue den Feind überlisteten. Wir konnten gar nicht umhin, die zeitgenössischen Widerstandskämpfer gegen die Briten in unserer Fantasie mit den historischen Helden gleichzusetzen, die gegen die griechischen und römischen Besatzer unseres Landes gekämpft hatten.

In meinem Geburtsjahr war die Situation in Palästina also nicht gerade ruhig, für mich jedoch wesentlich glücklicher, als sie im Heimatland meiner Mutter gewesen wäre, die aus Frankfurt am Main stammte. 1935 war in Deutschland das Jahr der Nürnberger Rassegesetze. Ich wusste damals nichts von ihnen, weil ich, als diese Gesetze veröffentlicht wurden, kaum ein halbes Jahr alt war. Ich sollte auch noch sehr lange nichts von diesen Gesetzen erfahren – nicht nur wegen meines Alters, sondern vor allem, weil ich in Tel Aviv geboren wurde. Wäre ich wie meine Vorfahren in Deutschland, den Niederlanden oder den Ländern Osteuropas zur Welt gekommen, hätten mich diese Gesetze natürlich sehr schnell und direkt betroffen. Ein Grund mehr, der zionistischen Bewegung dankbar zu sein.

Im Gegensatz zu meiner deutschen Mutter wurde ich 1935 in Palästina als Palästinenser geboren. In meiner Geburtsurkunde steht unter Nationalität »Palästinenser« und in Klammern daneben: »Britischer Untertan«, auf Englisch »British subject«. So wurden wir alle damals klassifiziert, ganz gleich, ob wir Juden, Araber oder Angehörige einer anderen Minderheit waren. Wer als Zuwanderer ins Land kam, wie etwa meine Mutter, bekam die gleiche Staatsbürgerschaft und wurde ebenfalls Palästinenser und britischer Untertan. So stand es dann in Ausweis oder Pass.

Eine Schwester meines Vaters hatte 1939 die merkwürdige Idee, Urlaub in Polen zu machen. Sie hatte eine Freundin, eine jüdische Palästinenserin, die einen Polen geheiratet hatte und nach Polen gezogen war und die sie nun einlud, sie und ihren Mann zu besuchen. Offensichtlich machte man sich damals bei uns keine Sorgen um einen bevorstehenden Krieg, vor allem nicht in Polen. Man wusste zwar, was die Juden in Deutschland durchlebten, übertrug dies aber nicht auf Polen oder andere Länder außerhalb Deutschlands. Die meisten Juden Palästinas waren zudem so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie die Weltpolitik nur begrenzt interessierte. Dadurch wurde meine Tante im September 1939 von der Invasion Hitler-Deutschlands überrascht. Ihre Freundin und deren Mann wurden von den Nazis ermordet, sie selbst als Staatsangehörige eines verfeindeten Staates verhaftet – weil sie Palästinenserin und damit britische Untertanin war. Meine Tante kehrte später im Rahmen eines Gefangenenaustauschs zurück nach Palästina. Sie hatte Glück: Hier gab es eine aus dem 19. Jahrhundert stammende deutsche Gemeinde von Templern, die von den Briten verhaftet und gegen die von den Deutschen in Europa verhafteten Palästinenser ausgetauscht wurden.

Wir selbst nannten uns in jenen Jahren »Juden Palästinas«, und die Araber dieses Landes nannten sich »Araber Palästinas«. Auch sie wollten sich damals nicht Palästinenser nennen, weil dieser Name als Begriff der Kolonialherren belastet war und von uns als Erniedrigung betrachtet wurde. In Tel Aviv, wo ich geboren und aufgewachsen bin, war die Mehrheit um mich herum jüdisch und sprach Hebräisch. Die Araber Palästinas waren wie Nachbarn, von denen man in Tel Aviv, wohin sie als Krämer ab und an kamen, wenig sah. Unsere Nachbarstadt Jaffa, eine arabische Stadt, erschien uns Jugendlichen fast wie Ausland. Jaffa und Tel Aviv waren zwar Nachbarstädte, aber gefühlt eher Grenzstädte auf zwei Seiten einer internationalen Grenze. Jeder lebte auf seiner Seite: die Juden in Tel Aviv, die Araber in Jaffa. Die Situation damals ist vielleicht vergleichbar mit der griechisch-türkischen Grenze in Zypern heute, an deren einer Seite sich eine türkische Stadt befindet und auf der anderen eine griechische. Jeder lebt in seinem Bereich, hat seine eigene Sprache, Kultur und Religion, und gelegentlich besucht man sich als Tourist oder als Kaufmann. Ich kann mich nur daran erinnern, Jaffa ein einziges Mal mit meiner Familie besichtigt zu haben, als wir einen Tagesausflug in eine, wie es mir damals schien, fremde und exotische Stadt machten.

Als ich geboren wurde, lebten meine Eltern in einem Stadtteil von Tel Aviv namens Ramat Gan, in dem gleichen Vorort, in dem ich heute auch wieder wohne.

Meine Mutter erzählte mir, dass der 8. April 1935 ein Tag war, den wir in Israel »Hamsintag« nennen, also ein besonders heißer Tag. Sie scherzte, dass ich in dem Moment, als ich das Licht der Welt erblickte, »Das ist mir viel zu heiß, das kann ich nicht ertragen!« schrie und versuchte, zurück in ihren Bauch zu kriechen. Damit erklärte sie sich und mir, warum ich immer unter dieser Hitze gelitten, viel geschwitzt und immer die Kälte gesucht habe. Als ich in späteren Jahren in Europa lebte, musste ich immer wieder die Erfahrung machen, dass meine Gastgeber mich im Sommer zum Mittagessen in ein Restaurant einluden und für mich eine wundervolle Überraschung vorbereiteten: einen Tisch in der Sonne. Es ist mir bis heute nie überzeugend gelungen, zu erklären, dass das für mich kein Vergnügen ist.

Geboren wurde ich an diesem heißen Tag als Avraham-Aharon Halpern. Der Familienname Halpern stammt wahrscheinlich aus der Stadt Heilbronn, mein langer doppelter Vorname wurde meinen Eltern von meinen Großeltern als Erinnerung an einen verstorbenen Großonkel aufgezwungen. Meine Eltern haben diesen Namen nie gemocht und nannten mich deshalb von Anfang an Avi. Ich habe den Doppelnamen in späteren Jahren als Last empfunden, und sobald ich 18 Jahre alt wurde, habe ich meinen zweiten Namen, Aharon, im Innenministerium aus meinem Ausweis streichen lassen. Ich hätte auch den Namen Avraham streichen sollen, der mich bis heute stört, weil er so altmodisch ist.

Nach mir haben sich meine Eltern keine Namen mehr diktieren lassen. Sie nannten meinen 1937 geborenen Bruder Shimon, und meine beiden Schwestern, geboren 1940, wurden sehr zum Schrecken meiner Großeltern Adina und Ilana genannt, Namen, die damals als ultra-moderne hebräische Namen galten.

In späteren Jahren habe ich meinen Familiennamen hebräisiert, wie es damals üblich war. Unsere Behörden und vor allem David Ben-Gurion persönlich, der seinen eigenen Namen von »Grün« hebräisiert hatte, predigten dauernd, dass wir Israelis, um eine neue Nation zu werden, unsere Exilnamen hinter uns lassen müssten und neue, hebräische Familiennamen annehmen sollten. Womöglich wurde zuweilen auch Druck auf Menschen ausgeübt, dies zu tun, zum Beispiel im Falle von Regierungsbeamten, Mitarbeitern in Behörden, Angehörigen des Militärs oder Polizisten und sogar auf Fußballspieler. Auf mich musste man keinen Druck ausüben – ich war sowieso davon überzeugt, dass ich einen hebräischen Namen bräuchte. Allerdings hätte ich ohnehin keine Wahl gehabt, denn im Auswärtigen Amt hätte ich für meine erste Auslandsmission ohne hebräischen Namen keinen Diplomatenpass bekommen. All das sieht man heute weniger eng, und selbst die Diplomaten, von denen man immer noch verlangt, dass sie einen hebräischen Namen tragen, fügen ihrem ursprünglichen Namen oft lediglich einen hebräischen Namen hinzu und benutzen im Alltag nur ihren Originalnamen.

Ich habe lange überlegt, welchen Namen ich wählen soll, weil ich wollte, dass er sowohl auf Hebräisch verständlich als auch in Fremdsprachen leicht auszusprechen sei.

Mein heutiger Name »Primor« besteht aus zwei verschiedenen Worten: »Pri« und »Mor«. »Pri« heißt »Frucht«, und »Mor« ist eine biblische Pflanze, die wir heute nicht mehr kennen. Die Bibel berichtet uns aber, dass die Morfrucht zur Erzeugung von Qualitätsöl verwendet wurde, dem Öl, das man im Tempel benutzte. Bei der Wahl dieses Namens habe ich mich nur mit meiner damaligen Freundin beraten, die von dem Namen genauso begeistert war wie ich. Das war wichtig, da sie später meine erste Frau werden sollte und diesen Namen damit auch zu ihrem machte. Aber ich greife vor.

Nachdem ich mich also für meinen neuen Namen entschieden hatte, betrat ich eines Tages 1958 das Innenministerium als Avraham-Aharon Halpern und verließ es wieder als Avraham Primor. Meine Eltern habe ich im Unterschied zu meiner Freundin vor ein Fait accompli gestellt. Um nicht mit ihnen in Streit zu geraten, vermied ich es lange Zeit, sie zu sehen, und erzählte ihnen nur in einem Brief von meinem neuen Namen. Für meinen Bruder, dem ich im Voraus von meinem Plan erzählt hatte, war die Namensänderung ein Problem, da er konservativ war und auch heute noch streng religiös ist; er entschied sich später, bei seinem alten Namen zu bleiben. Für meine Schwestern machte es keinen Unterschied, da sie mit der Hochzeit ohnehin einen neuen Namen annehmen würden.

Als ich mir in den Fünfzigerjahren den Namen Primor wählte, blieb ich jahrelang der einzige Primor im israelischen Telefonbuch. Heute gibt es schon die dritte Generation der Primors: meine vier Enkel. Ich fühle mich wie der Feldmarschall von Napoleon, der vom Kaiser geadelt wurde und von einem Mitglied einer aristokratischen Familie herablassend gefragt wurde, wessen Nachkommen er sei. Er erwiderte: »Ich bin kein Nachkomme, ich bin ein Stammvater.«

Leider haben andere Leute auf der Suche nach einem hebräischen Namen später irgendwann auch den Namen Primor entdeckt, und heute gibt es Dutzende, wenn nicht noch mehr, die ihn tragen. Nervig wurde diese Sache für mich, als ein Fruchtsaftfabrikant diesen Namen für seine Firma wählte. Da er offensichtlich erfolgreich ist, kann er sich viel Werbung leisten, und so sieht man bis heute die Werbung für Primorsaft im Fernsehen, in den Zeitungen und auf Straßenplakaten. In den späten Neunzigerjahren, als ich noch in Deutschland lebte, erzählte man mir, dass der Saftunternehmer eine brillante Idee für seine Werbung gehabt hatte: In seinen Fernsehspots erschien ein junger Mann, der sich als »Avi von Primor« vorstellte und den Zuschauern die Vorteile des Primorsafts erklärte. Bis heute fragt man mich in Israel mit Bewunderung, ob ich Eigentümer des Primorsaftes sei – die Bewunderung gilt mir deshalb, weil ich dann ein reicher Mann wäre.

In Ramat Gan lebten wir in einem Haus, das etwa hundert Meter von der einzigen gepflasterten Straße der Nachbarschaft entfernt stand. Das hieß, dass wir von der Straße im tiefen Sand nach Hause gehen mussten. Im heißen, schwülen Sommer war das für die Erwachsenen eine Last, nicht jedoch für uns Kinder. Der Sand war zum Fußballspielen geeignet, und so konnten wir stundenlang spielen, selbst im August, in der Mitte des Tages und unter der glühenden Sonne. Im Eifer des Gefechts vergaß sogar ich, wie ungern ich mich in der Hitze aufhielt. Im Winter war dieser Weg zwischen unserem Haus und der gepflasterten Straße ein großes Schlammfeld, in dem wir alle nur noch mit Gummistiefeln herumlaufen konnten.

Schulen gab es in unserer Gegend weit und breit nicht. Um zur Schule zu kommen, mussten wir nach Tel Aviv fahren. Das bedeutete, einen Kilometer vom Haus bis zur Bushaltestelle zu laufen und dort zu warten – gelegentlich eine halbe Stunde, manchmal eine Stunde –, bis ein überfüllter Bus kam, mit dem wir dann die fünf Kilometer in die Stadt fuhren. Diese Fünf-Kilometer-Fahrt dauerte mindestens eine halbe Stunde, da der Bus unterwegs mehrfach anhielt. Von der Endstation aus mussten wir dann noch eine halbe Stunde zu Fuß laufen, teilweise im Sand. Insgesamt mussten wir das Haus also zwei Stunden vor Beginn des Unterrichts verlassen und waren am Nachmittag erst zwei Stunden nach Unterrichtsschluss zuhause. Oft waren wir zu faul, um so weit zu Fuß zu laufen, und so versuchten wir, per Anhalter zu fahren. In der Stadt gab es damals wenige Lastwagen, und der Güterverkehr wurde meist noch per Pferdekutsche und -karren durch die Stadt geführt. Das war ein permanentes Ringen zwischen den motorisierten Fahrzeugen und den von Zugtieren gezogenen Fuhrwerken. Wir versuchten, uns von hinten an die Fuhrwerke heranzuschleichen und uns auf die Deichsel zu setzen, ohne dass der Kutscher uns bemerkte. Das konnte gefährlich sein, nicht nur, weil man runterrutschen konnte, sondern auch, weil der Kutscher, sollte er uns doch bemerken, seine lange Peitsche benutzen würde, um uns zu vertreiben. Wir versuchten es dennoch immer wieder, nicht nur, weil wir faul waren, sondern auch, weil es uns immer ein Gefühl von Abenteuer gab. Erst in späteren Jahren zogen meine Eltern ins Zentrum von Tel Aviv, und das Problem des langen Schulwegs löste sich. Heute ist das Haus in Ramat Gan, das damals eine Insel im Sand und völlig isoliert war, schon lange keine Insel mehr. Alles um das Gebäude herum ist zugebaut. Dennoch sieht das Haus immer noch aus wie damals, weil es inzwischen unter Denkmalschutz steht.

Die Schule, die ich besuchte, war eine rein jüdisch-hebräische, zionistische Schule. In die Kolonialschulen der Briten gingen außer den Kindern der britischen Beamten zu dieser Zeit fast nur Araber. Die jüdischen Schulen waren von der Kolonialmacht unabhängig, waren aber dazu verpflichtet, die Fremdsprache Englisch zu unterrichten. Wir Kinder wussten nicht, warum dieser Englischunterricht eine solche Pflicht war. Wir wussten auch nicht, dass der Unterricht der französischen Sprache seit 1940 verboten war. Heute wirkt dieses Verbot wie ein merkwürdiges Element des Kolonialismus: Für den britischen Gouverneur Palästinas war der Erzfeind sein Nachbar, der französische Gouverneur von Syrien und Libanon. Nach dem Fall Frankreichs im Zweiten Weltkrieg hatte er verboten, dass in »seinem« Palästina Französisch gesprochen wurde.

Uns Kindern reichte es, dass die englische Sprache die des verhassten Besatzers war, um keinerlei Interesse an diesem Unterricht zu haben. Wir alle haben diese Sprache in der Schule nur widerwillig gelernt und auch nur, um keine schlechten Noten auf unserem Zeugnis zu haben. In keinem Klassenraum tobten die Kinder so wie im Englischunterricht.

Mein erster Englischlehrer war ein deutscher Jude, der einen kleinen Spitzbart hatte. Wir nannten ihn »Lehrer Bock«. Ich kann mich noch erinnern, wie amüsiert meine Mutter war, als sie ihn einmal in der Schule besuchte, sich mit ihm auf Deutsch unterhielt – in einer Sprache, die ich nicht verstehen konnte – und abends dann meinem Vater erzählte, wie peinlich es ihr gewesen war, als sie zu ihm kam und nicht wusste, wie sie ihn ansprechen sollte. Ihr war nur der Name »Ziegenbock« eingefallen, den sie von mir immer hörte. Sie berichtete, dass der Lehrer sich bei ihr beschwert hatte, wie schwierig es für ihn sei, den tobenden Kindern Englisch beizubringen, und wie ungerecht dies sei, da er schließlich kein Engländer oder Kolonialbeamter, sondern nur ein jüdischer Flüchtling aus Deutschland sei.

Es gibt jedoch eine Sache, die wir Schulkinder am Kolonialsystem mit Jubel begrüßten: die Feierlichkeiten zum Geburtstag des englischen Königs, für die uns die hebräischen autonomen Schulen freigeben mussten. An diesem einen Tag im Jahr waren wir Kinder überzeugte Monarchisten.

In den Jahren meiner Kindheit, als für uns in Palästina der Engländer der böse Feind war, den es irgendwann niederzuschlagen galt, tobte in Europa der Zweite Weltkrieg. Es hat lange gedauert, bis wir begriffen, dass in dieser Situation nicht England der Feind war, sondern dass England uns zumindest vorübergehend half, den eigentlichen Feind, Nazideutschland, zu besiegen.

Meine ersten, sehr verschwommenen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, an die Gefahr, die von den Nazis ausging, und an die Judenverfolgungen, stammen aus dem Jahr 1942, als ich etwa siebeneinhalb Jahre alt war. Selbst als Kind konnte ich spüren, wie äußerst düster die Stimmung um mich herum war. Ich verstand damals natürlich nicht, warum. Ich wusste nur, dass die Erwachsenen in einer für mich unbeschreiblich und auch unverständlich besorgten Stimmung waren.

Das erste Mal, dass ich vom deutschen Vormarsch in Nordafrika in Richtung Palästinas hörte – so erinnere ich mich zumindest heute –, war eigentlich ein jubelnder Aufschrei. Es ging um einen arabischen Namen, den ich damals nicht verstehen konnte: den Namen eines Ortes in Libyen, Bir Hakeim. In diesem kleinen Ort hatten sich etwa 4.000 französische Soldaten der entstehenden Armee von General de Gaulle unter dem Befehlshaber und späteren Nationalhelden General Pierre Koenig (den ich viel später in meinem Leben persönlich kennenlernen sollte) verschanzt. Ihr Befehl vom britischen Befehlshaber der Alliierten an dieser Front, General Montgomery, lautete, die deutschen Truppen von General Rommel so lange aufzuhalten, bis Montgomery seine Verteidigungslinien vorbereitet hatte. Dies gelang den Franzosen zwei Wochen lang, und dann schafften es die meisten der Soldaten, aus dem Kessel auszubrechen, sobald Montgomery ihnen das Zeichen gegeben hatte, sich den Engländern anzuschließen. All dies wusste ich natürlich nicht, ich hätte es in meinem Alter auch nicht verstehen können, wenn man mir davon erzählt hätte. Ich erinnere mich nur an diesen arabischen Namen, den alle Erwachsenen immer wieder erwähnten.

Dann aber herrschte wieder eine äußerst bedrückte und düstere Stimmung, die mich ebenfalls bedrückte, ohne dass ich sie verstand. Ich weiß nicht, was meine Eltern damals vom Schicksal der Juden in Europa wussten. Mein Vater hatte im Ausland keine Familie, und die Familie meiner Mutter war für uns ein Mysterium, weil sie zu ihr den Kontakt schon lange verloren hatte. Dass es den Juden unter den Nazis sehr schlecht ging, wussten alle, denn das hatte schon mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 begonnen. Dass eine Eroberung Palästinas durch die Nazis für uns also schlecht sein würde, war allen klar, auch wenn sich niemand ausmalen konnte, wie schlecht es sein würde. In Erinnerung blieb mir daher vor allem die große Freude nach El Alamein. Mit dem Sieg der britischen Truppen unter Montgomery über den deutschen General Rommel war der deutsche Vormarsch in Richtung Palästina endgültig beendet. Ich erinnere mich, dass meine Eltern mir erklärten, dass wir ein Wunder wie aus biblischen Zeiten erleben durften und Gott uns errettet habe.

Inzwischen war ich neugierig genug und versuchte, die Zeitungen zu lesen. Viel davon konnte ich nicht verstehen. Eines jedoch blieb mir in Erinnerung, weil auch dies Jubel bei uns auslöste: die riesige Schlagzeile in allen Zeitungen, dass die Alliierten, nachdem sie die Deutschen aus Nordafrika vertrieben hatten, die Invasion Europas in Sizilien begannen. Da war ich schon acht Jahre alt und begann mich ganz ernsthaft für den Krieg und Politik zu interessieren. In diesem Jahr, in dem die Alliierten in Sizilien landeten, dem Jahr, das allerdings auch das Jahr von Stalingrad war, der großen Schlacht, von der ich in meiner Kindheit nichts mitbekommen habe, habe ich zum ersten Mal von der Judenverfolgung gehört, und zwar in der Schule.

Unser Lehrer erklärte uns dort, dass wir zwei »Teherankinder« empfangen würden. Er bat uns, besonders nett zu diesen Kindern zu sein, weil sie aus der Hölle geflohen seien. Kinder, die nicht nur Waisenkinder seien, sondern auch selbst schrecklich gelitten hätten und auf die wir Rücksicht nehmen müssten. Die Geschichte, die folgte, ist mir nicht in Erinnerung geblieben – nur, dass diese Kinder Teil eines Flüchtlingstransports waren und aus den von den Deutschen besetzten Gebieten in Osteuropa nach Russland geflüchtet waren, von dort nach Teheran und von Teheran zu uns. Obwohl sie im Vergleich zu den Strömen, die danach kamen, nur ein Rinnsal waren, wurden die »Teherankinder« für uns ein Begriff und Symbol für Juden, die der Nazihölle entkommen waren.

Im selben Jahr, 1943, nachdem ich schon von den »Teherankindern« gehört hatte und noch bevor ich sie kennenlernte, war ich eines Nachts erkrankt. Meine Eltern beschlossen, den Hausarzt zu rufen, und wie es damals üblich war, musste meine Mutter dazu zu Fuß zu ihm gehen, eine ziemlich weite Strecke. Telefon hatten wir damals noch nicht, und von einem Auto konnte man nur träumen. Sie lief also zu ihm, klopfte an die Tür, um ihn zu wecken, und er kam zu Fuß mit ihr zu uns nach Hause. Nachdem er mich behandelt hatte, dachten die Erwachsenen offensichtlich, ich sei eingeschlafen, und blieben im Nebenzimmer, um noch etwas zu trinken und sich zu unterhalten. Ich aber war wach und konnte zuhören. Der Arzt war ein deutscher Jude: ein großer, dicker Mann mit einer riesengroßen Brille, der, obwohl er ein Flüchtling aus Deutschland war, gut Hebräisch sprach. Meine Eltern fragten ihn, was er zu den Gerüchten von den Gräueltaten der Nazis sage, die aus Europa durchsickerten. Ich kann mich nicht mehr an den Wortlaut erinnern, aber offensichtlich erzählten meine Eltern ihm mehrere Geschichten, die sie über die Verfolgung der Juden gehört hatten.

Der große, dicke Arzt schrie mit seiner hohen Falsettostimme auf. »Ich dachte, Sie wären eher intelligente Leute. Wie können Sie solche Dummheiten glauben? Das ist doch alles Kriegspropaganda, das sind doch alles Verleumdungen der Alliierten!«

Meine Eltern wandten ein, dass er aber doch aus Deutschland geflüchtet sei.

»Aber sicher«, sagte er, »uns Juden ging es schlecht. Aber die Geschichten, die Sie mir hier erzählen, sind derartige Übertreibungen, dass es nur Kriegspropaganda sein kann, die Fantasie der Alliierten ist wirklich unbegrenzt.«

Meine Eltern waren, so glaube ich, nicht überzeugt. Und von dieser Zeit an wurden die Schreckensgeschichten aus Europa auch uns Kindern zunehmend bekannt. Sie ließen uns nie wieder los, wir konnten sie nie wieder verdrängen, und das, obwohl wir zunächst keine klaren Bilder davon hatten und keine genauen Erklärungen bekamen, sondern nur das allgemeine Beklommenheitsgefühl spürten. Was auch immer wir taten – überall begleitete uns das Gefühl, dass wir noch sehr viel Schlimmes zu erwarten haben würden. In meiner Familie wurde es gegenüber uns Kindern nicht thematisiert, wahrscheinlich weil meine Eltern es als zu grausam empfanden.

War unser Hausarzt mit seiner Überzeugung eine Ausnahme? 1943 konnte ich es nicht einschätzen. Im Nachhinein weiß ich aber, dass er keineswegs eine Ausnahme war. Viele deutsche Juden wollten ihre deutsche Vaterlandsliebe nicht loslassen, wollten unbedingt an Deutschland glauben, sich weiterhin als Deutsche verstehen.

Viel später, als ich für meinen ersten Roman Süß und ehrenvoll über Juden im Ersten Weltkrieg recherchierte, stieß ich auf ein Interview, das ein berühmter deutscher Flüchtling in Amerika einer Zeitung gegeben hatte und das eben diese ungebrochene Vaterlandsliebe der jüdischen Flüchtlinge widerspiegelte. Es war ein Interview mit Erich Maria Remarque, der vor den Nazis hatte fliehen müssen und sich in Amerika niedergelassen hatte. Er wurde gefragt, ob er Sehnsucht nach Deutschland habe. »Nein«, sagte er, »warum sollte ich? Ich bin doch kein Jude.«

Schon damals sprach man bei uns viel über die Mentalität der deutschen Juden, deren Jugend tapfer gegen die Nazis kämpfte. Sie waren als britische Soldaten oder Teil der jüdisch-palästinensischen Brigade innerhalb der britischen Armee im Einsatz – und waren dennoch Deutschlandliebhaber. Als in den 1930er-Jahren die Flüchtlinge aus Deutschland nach Palästina kamen, fragte man sie deswegen oft: »Kommen Sie aus Überzeugung, oder kommen Sie aus Deutschland?«

Ein weiteres Beispiel sei erwähnt: 1947 rangen wir jüdischen und die arabischen Palästinenser in der UN in New York gegen die Briten, gegen die arabische Welt und deren Verbündete um das Ende des britischen Mandates und um die Teilung Palästinas in zwei Teile. Einer dieser Teile sollte uns angeboten werden, damit wir dort unsere Unabhängigkeit ausrufen konnten. Es ging nicht nur um das Prinzip des Teilungsplans, sondern letzten Endes auch um die genauen Grenzen des uns zugewiesenen Teils Palästinas. Weder wir noch die Araber Palästinas konnten alles haben, was wir wollten. Es waren auch Kompromisse hinzunehmen. Im Norden Palästinas, fast an der Grenze zum Libanon, befand sich beispielsweise eine kleine Stadt, die von jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland gegründet worden war, die Stadt Nahariya. Es gelang den Vertretern der autonomen jüdischen Behörden Palästinas nicht, Nahariya in den den Juden zugesprochenen Teil eingegliedert zu bekommen. In Jerusalem, dem Sitz der jüdischen Behörden Palästinas, herrschte daher eine verzweifelte Stimmung: Wie sollte man der Bevölkerung der Stadt Nahariya verständlich machen, dass sie nicht bei uns bleiben, sondern Teil des arabischen Palästinas werden sollten?

In dieser Situation erzählte man folgenden Witz: Jerusalem schickte eine Delegation nach Nahariya, um der Bevölkerung die Angelegenheit zu erklären. Sie bat den Bürgermeister, die Bevölkerung in den größten Saal der Stadt, den Kinosaal, einzuladen, damit die Delegation ihnen dort die Schwierigkeiten der Verhandlungen in New York unterbreiten könne. Nach langen Erklärungen bekam der Sprecher der Delegation den Eindruck, dass die Bevölkerung Nahariyas, die den Saal überschwemmte, seine Ausführungen ziemlich gleichgültig aufnahm. Er rief: »Ist es euch eigentlich egal, ob ihr Teil des jüdischen oder des arabischen Staates sein werdet?«

»Ja«, antworteten sie, »denn wie auch immer, was auch immer: Nahariya bleibt deutsch.«

Natürlich war dies nur ein Scherz; er war aber bezeichnend dafür, wie lange die deutschen Juden in ihren eigenen Vorstellungen noch deutsch blieben.

Bei meiner Mutter war das nicht der Fall. Sie kam nach Palästina, ohne darüber überhaupt im politischen Sinne nachgedacht zu haben. Sie kam nicht aus Überzeugung, da sie nicht in einem zionistischen Haushalt aufgewachsen war, und floh auch nicht aus Deutschland, weil es noch kein Nazideutschland und keinen Grund zur Flucht gab. 1932, als sie noch keine zwanzig Jahre alt war, machte sie vielmehr mit einer Jugendgruppe eine Mittelmeerreise, eine Schifffahrt. Unter anderem besichtigte die Gruppe, die keine jüdische Gruppe war, auch Tel Aviv. An diesem Tag lernte meine Mutter ganz zufällig ihren zukünftigen Ehemann, meinen Vater, kennen – und entschied sich spontan, nicht mit dem Schiff weiterzureisen, sondern stattdessen in einer kleinen Familienpension vor Ort zu bleiben. Kurz darauf heiratete sie meinen Vater und zog mit ihm zusammen. Ihre Eltern, die diese Entscheidung nicht verstanden, beantworteten ihren Brief mit dem wütenden Befehl, sie solle sofort zurück nach Hause kommen.

»Was soll das?«, schrieben sie: »Ein anständiges, bürgerliches deutsches Mädchen soll in der Wüste mit einem Wilden leben?«

Meine Mutter, die jung genug war, um mit einem frechen Brief zu reagieren, schrieb: »Ihr werdet mir nicht sagen, was ich tun soll.«

Damit brach sie die Beziehungen ab, und wie es sich herausstellte, sollte dies ihr letzter Kontakt zu ihrer Familie sein. Sie hörte nie wieder etwas von ihrer Familie, weil diese im Holocaust ermordet wurde. Meine Mutter erfuhr nie, wann oder wie. Auch in der Nachkriegszeit liefen ihre Nachforschungen ins Leere, weil die Stadtakten, unter denen sich auch ihre Familienakten befanden, verbrannt waren.

Ich selbst habe später mit Hilfe von zwei Frankfurter Bürgermeistern ebenfalls vergeblich versucht, etwas über das Schicksal meiner Verwandten mütterlicherseits herauszufinden. Das Einzige, was ich heute sicher weiß, ist, dass am Ende des Krieges keiner von ihnen mehr am Leben war.

Für meine Mutter ist diese Geschichte eine offene Wunde geblieben, unter der sie furchtbar gelitten hat. Sie hat sich selbst nie verziehen, dass sie in ihrer Jugend den Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen hat, und wollte deshalb nie wieder von Deutschland hören. Für sie gab es kein Deutschland mehr. Deutschland war für sie ein weißer Fleck auf der Landkarte. Auch wir durften Deutschland zuhause nicht erwähnen. Die deutsche Sprache und die deutsche Kultur waren meiner Mutter dennoch wichtig. Sie hatte deutschsprachige Freundinnen und las nach dem Krieg regelmäßig eine deutschsprachige Zeitung, jedoch keine deutsche Zeitung, sondern die Neue Züricher Zeitung. Erst viel später sollte sie sich mit Deutschland versöhnen. Aber eines hat sie den Deutschen nicht verziehen: wie schlecht sie heute Deutsch sprechen und wie viele Amerikanismen sie benutzen.

Wenn auch der Zweite Weltkrieg und der Holocaust zunehmend in unserem Bewusstsein Platz einnahmen, war meine Kindheit nicht allein davon geprägt. Insgesamt hatte ich eine sehr glückliche Kindheit, denn das Leben für ein Kind in Tel Aviv schien in den damaligen Jahren sorgenfrei zu sein. Weit von den europäischen Tragödien entfernt, vom Schicksal der Juden, von Antisemitismus so gut wie nichts mitbekommend, war Tel Aviv eine friedliche Stadt, eine Stadt, in der es kaum Verbrechen gab; oft schloss man nicht einmal die Türen der Wohnungen ab, weil Diebstahl eine Seltenheit war. Obwohl die meisten arm waren und der Lebensstandard bescheiden, waren die Menschen zuversichtlich und daher auch nicht unglücklich.

An das Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 1945 erinnere ich mich genau. Ich war zehn Jahre alt und von dem Jubel auf den Straßen Tel Avivs hellauf begeistert. Ich erinnere mich sogar an die Kapitulation Japans, bei der es weniger Jubel auf der Straße gab, über die aber überall viel gesprochen wurde. Zugleich begann das Ringen um einen unabhängigen Staat, um das Ende der britischen Kolonialherrschaft. Für uns Kinder war das das Hauptthema – nicht der Holocaust, nicht die Flüchtlinge aus Europa, und wenn, dann nur in Zusammenhang mit der Blockade des Landes durch die Briten, die die Überlebenden aus den Konzentrationslagern nicht ins Land ließen. In der Schule, in den Familien und vor allem unter uns Kindern haben wir fast nur von Politik gesprochen. Wir waren eine politisierte Kindergeneration, mit einer Leidenschaft für Politik.

Am 29. November 1947 beschloss die Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York endlich, das britische Mandat in Palästina zu beenden und das Land nach der UN-Teilungsresolution in zwei mehr oder weniger gleich große Teile zu teilen. Der eine Teil sollte den Juden Palästinas gegeben werden, damit sie dort ihre Unabhängigkeit ausrufen konnten, der andere den Arabern Palästinas für den gleichen Zweck. Diese Entscheidung fiel nach langen und erbitterten Diskussionen und Auseinandersetzungen, von denen uns regelmäßig in der Schule berichtet wurde. Auch wir Kinder hatten den Eindruck, dass wir in einer außergewöhnlichen, historischen Zeit lebten, die Aufregung war riesig und permanent.

Ich habe die jüdischen Untergrundorganisationen bereits erwähnt. In meiner Kindheit sendeten alle drei Organisationen illegale Radiosendungen, die man nicht immer empfangen konnte und wenn, dann auch nur über Kurzwellen, die nicht besonders klar waren. Wir Kinder, noch mehr als die Erwachsenen, haben dem Pathos der patriotischen Reden in diesen Radiosendungen mit Herzklopfen gelauscht und an die Heldengeschichten mit nahezu religiöser Inbrunst geglaubt. Sie berichteten davon, wie wenige Widerstandskämpfer große Einheiten angegriffen oder Polizeistationen ausgeraubt hatten, um an das Waffenarsenal zu kommen, und sie erzählten von Sabotageakten gegen die britische Eisenbahn, Infrastruktur und Militärfahrzeuge. Ausführlich wurde auch von einem Angriff der Widerstandskämpfer auf das große britische Gefängnis in Akko berichtet, bei dem sie ihre gefangenen Kollegen gewaltsam befreiten. In späteren Jahren erfuhr ich, dass dieser Angriff für den Untergrund katastrophal gewesen war: Viele wurden umgebracht, viele wieder festgenommen, vor allem aber wurden nur wenige Widerstandskämpfer befreit, stattdessen viele landläufige Verbrecher, unter denen sich wiederum nicht wenige Araber befanden. Damals wollten wir so etwas gar nicht wahrnehmen. In unserer Fantasie wurden die Geschichten noch bunter und aufregender als in den Reden aus dem Radio.

In der Nacht jenes 29. auf den 30. November hörte ich den Jubel all unserer Nachbarn, als sie im Radio erfuhren, dass der Teilungsplan die Zweidrittelmehrheit erzielt hatte. Am nächsten Morgen gab es in der Schule keinen Unterricht, stattdessen wurden wir alle in die Turnhalle gebracht, in der der Rektor uns mit großem Pathos von dem historischen Ereignis erzählte. »Ihr seid die Generation der Erlösung«, sagte er. »Zum ersten Mal nach 2.000 Jahren bekommen wir Juden endlich wieder einen Staat, eine Souveränität und unsere Würde zurück.«

Diese Sätze haben wir seither so oft gehört, dass man sie im Laufe der Jahre belächelt hat. Damals aber waren sie für mich nicht nur eine Floskel. Ich kann mich noch ganz genau an das Herzklopfen erinnern, das ich vor lauter Aufregung hatte. In späteren Jahren sollte ich nur noch selten so ein Herzklopfen haben und dann auch nur, wenn ich verliebt war, nicht wegen politischer Ereignisse.

Nach der feierlichen Veranstaltung wurden wir nach Hause geschickt. Doch es war mir und meinem Bruder fast unmöglich, nach Hause zu kommen. Die Straßen waren voll mit Menschen, die tanzten und sangen, und es herrschte eine ausgelassene Stimmung wie im Karneval. Nur war dieses Mal die Karnevalsstimmung nicht an der Kleidung der Menschen zu erkennen, sondern an ihrem Gesichtsausdruck. Alle Straßen der Stadt wurden zu Fußgängerzonen, es gab keinen Verkehr, auch keine Kutschen. Stundenlang wanderten wir durch die Straßen und kamen erst am Abend nach Hause, ausgehungert, aber aufgeregt wie selten.

Die Freude über den Teilungsplan legte sich sehr schnell und wandelte sich in eine düstere Stimmung. Sofort brachen »Unruhen« aus. Unruhen – diesen Begriff hatte man schon in den Zwanziger- und Dreißigerjahren verwendet, als es ab und zu arabische Aufstände gegeben hatte. Die waren oft gegen die Briten gerichtet gewesen, gelegentlich aber auch gegen die jüdischen Zuwanderer. 1947 lehnten die Araber Palästinas wie auch die gesamte übrige arabische Welt den UN-Teilungsplan ab. Anders als wir Juden Palästinas strebten sie keinen unabhängigen Staat für sich an. Sie betrachteten den gesamten Nahen Osten als arabischen Boden und hofften seit dem Ersten Weltkrieg auf die Entstehung eines arabischen Reiches, das sich über den gesamten Nahen Osten erstrecken sollte und in dem sich keine nicht arabischen politischen Einheiten befinden sollten. Ein politischer Fremdkörper wie der entstehende jüdische Staat hätte hier keinen Platz gehabt.

1947 war der Traum der arabischen Einheit längst eine Schimäre, da vorher bereits verschiedene unabhängige Staaten entstanden waren: Ägypten, Transjordanien (wie Jordanien damals hieß), Libanon, Syrien, Irak, Saudi-Arabien, Sudan und andere. Dennoch glaubten die Araber Palästinas, die zu den modernen arabischen Nationalisten zählten, weiterhin an den Traum des vereinten arabischen Reiches und vor allem an das Prinzip des arabischen Bodens, ganz besonders in Palästina, auf dem kein fremder Staat entstehen sollte. Sie entfesselten daher einen Krieg gegen ihren jüdisch-palästinensischen Nachbarn, mit dem ausdrücklichen Ziel, den jüdischen Staat im Keim zu ersticken. Als ihnen das nicht gelang, riefen sie nach dem Abzug der Briten aus dem Land am 15. Mai 1948 ihre »Brüder« in den arabischen Nachbarstaaten zu Hilfe. Damit begann die Invasion des entstehenden jüdischen Staates durch alle Nachbarstaaten, wiederum mit dem offen erklärten Ziel, Israel im Keim zu ersticken.

Einen Tag zuvor, am 14. Mai 1948, hatte David Ben-Gurion in einem Museumssaal in Tel Aviv die Unabhängigkeit des Landes ausgerufen. Dieses historische Ereignis fand nicht in Jerusalem, in der »ewigen historischen Hauptstadt des jüdischen Volkes« statt, und zwar aus zwei Gründen: Zum einen sollte Jerusalem laut UN-Teilungsplan weder zum jüdischen noch zum arabischen Staat gehören, sondern zehn Jahre lang einer internationalen Behörde unterstellt werden, bevor die Frage der Zugehörigkeit noch einmal erörtert werden sollte. Zum anderen wurde Jerusalem auch davon unabhängig immer wieder einmal von den Arabern belagert, wodurch eine jüdische Regierung vom Rest des Landes hätte abgeschnitten werden können. Der Umzug der Behörden von Tel Aviv nach Jerusalem begann, schrittweise, erst 1952 und ist bis heute nicht vollendet. Noch immer befinden sich mehrere Ministerien in Tel Aviv.

Die Ausrufung der Unabhängigkeit Israels war zu diesem Zeitpunkt keine Selbstverständlichkeit, denn die meisten Spitzenpolitiker der israelischen Behörden wollten sie aus Angst vor der bevorstehenden arabischen Invasion verhindern. Sie waren keine Feiglinge. Viele dachten, dass der entstehende jüdische Staat, der lediglich 600.000 Einwohner hatte, sich gegen eine Invasion der arabischen Staaten nicht würde verteidigen können. Und tatsächlich war es während der ersten Phase des allgemeinen Krieges fraglich, ob dieser sich noch in der Entwicklung befindliche Staat lebensfähig sein würde.

In den Monaten von Dezember 1947 bis Mai 1948 war die Aufregung überall groß, und dazu trugen auch die patriotischen Sendungen der Untergrundradiosender bei. Sie erzählten uns von den absolut bösen Feinden, gegen die heroisch gekämpft würde. Immer wieder wurde die Phrase »zum ersten Mal seit 2.000 Jahren« verwendet, um zu betonen, dass wir das erste Mal seit der Zerstörung des Tempels durch Rom wieder souverän waren und unsere Würde wiedergefunden hatten. Viele Jahre später bekam ich in den Archiven der Nationalbibliothek der Universität in Jerusalem die Möglichkeit, Aufzeichnungen dieser Sendungen noch einmal zu hören. Es war mir völlig unverständlich, wie ich mich damals von solchen Klischees, einem solch künstlichen Pathos, einer so oberflächlichen und unglaubwürdigen Propaganda derartig hatte hinreißen lassen. Ich versuchte mir zu sagen, dass ich damals noch keine dreizehn Jahre alt gewesen war, musste mir aber eingestehen, dass die Erwachsenen um mich herum ebenso begeistert und aufgewühlt gewesen waren wie ich. Bei dem, was ich heute grotesk finde, waren die meisten Leute damals voller Inbrunst dabei.

Ich wurde einmal gefragt, ob Juden – besonders israelische Juden – aus dem Holocaust eine humanitäre Lehre gezogen hätten. Ob wir wegen unserer Holocaust-Erfahrung Humanisten geworden seien, ob wir eine moralische Instanz seien oder sein könnten. Ich weiß nicht, wie ich diese Frage in meiner Jugend beantwortet hätte, aber Jahrzehnte später erwiderte ich klipp und klar: »Wenn wir eine Lehre aus dem Holocaust gezogen haben, dann hauptsächlich diese: Wir werden nie wieder wie Lämmer zur Schlachtbank gehen. Wir werden alles Mögliche tun, um uns zu verteidigen, und wenn wir sterben müssen, dann werden wir es ehrenvoll machen.« Auch das sind natürlich Klischees, Klischees aber, die für die Israelis bis heute eine reale und tief greifende Bedeutung haben und die ihre Politik oft in einer Art und Weise beeinflussen, die mir nicht gefällt.

Der Alltag in dieser ersten Kriegsphase verlief dennoch fast normal. Die Eltern gingen zur Arbeit, die Kinder zur Schule. Die Nachrichten über Kämpfe, Attentate und Überfälle auf Zivilisten beider Seiten machten zwar die Hauptthemen der täglichen Nachrichten aus. Aber was wir täglich zu spüren bekamen, war vor allem das Wenigerwerden der englischen Soldaten und das Verschwinden der Araber, die man nicht mehr sah, weder am Markt noch als Hausierer. Letzteres erlebte ich aus unmittelbarer Nähe.

Wenige Kilometer von unserem Haus entfernt gab es ein arabisches Dorf. Mit dessen Bewohnern gab es keinerlei Berührungspunkte, es sei denn, sie klopften bei uns an die Tür, um uns Erzeugnisse ihrer Höfe zu verkaufen: Gemüse, Eier oder Fische. Gelegentlich konnten wir ihre Kinder sehen, die zum kleinen Fluss Yarkon zum Fischen kamen, zum gleichen Fluss, in dem auch wir zu fischen versuchten. Zwischen uns Kindern gab es keine Reibereien, obwohl wir wenig miteinander sprachen, da wir keine gemeinsame Sprache hatten. Wir beneideten die arabischen Kinder, weil sie in den Fluss springen und in ihm schwimmen durften. Uns war das streng untersagt, damit wir uns keine Bilharziose einfingen. Die arabischen Kinder waren, so sagte man uns, immun gegen die Krankheit, weil sie mit diesem Wasser aufgewachsen waren und nicht nur darin schwammen, sondern es auch als Trinkwasser verwendeten. Nach Beginn der Unruhen aber blieben diese Kinder weg.

Als wir an einem Wochenende einmal wieder fischen gingen, kam ein Junge ganz aufgeregt auf uns zu und erzählte, er habe das arabische Dorf besuchen wollen, dort aber gebe es keinen Menschen mehr. Das menschenleere Dorf beeindruckte den Jungen weniger als die Tatsache, dass er auf dem Weg dorthin ein Feld durchqueren musste, in dem reifer Kohl stand, den niemand mehr erntete. Wir könnten doch dort hingehen, um einen Kohlkopf zu erbeuten, schlug er vor, und das taten wir auch mit der größten Begeisterung. Wir rannten zum Feld, und ich zog einen Kohlkopf aus der Erde, mit dem ich eine halbe Stunde lang nach Hause marschierte. Ganz stolz zeigte ich meinen Eltern und Geschwistern meine erste Kriegsbeute.

Was ich heute über den Krieg 1948 weiß, habe ich vor allem aus Büchern erfahren. Dennoch haben sich mir ein paar Erlebnisse eingeprägt. So endete die Ruhe abrupt am Freitag, den 14. Mai 1948. Wie von den meisten Politikern und Beobachtern befürchtet, begann unmittelbar nach der Ausrufung der Unabhängigkeit des neuen Staates Israel die Invasion aus allen Richtungen.

Ich bekam diese Invasion dadurch zu spüren, dass wir schon am selben Abend in einen Schutzkeller mussten, weil uns die ägyptische Luftwaffe bombardierte. Ich hatte große Angst und war mir ganz sicher, dass unser Haus getroffen worden war. Eltern und Nachbarn versuchten, uns zu beruhigen, und sagten, die Bomben erzeugten zwar riesigen Lärm und starke Druckwellen, seien aber weit weg von uns gefallen. Am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass das nicht der Fall war: Als wir aus dem Schutzkeller herauskamen, sahen wir die Krater, die die Bomben hinterlassen hatten, und ein Haus, das lediglich 50 Meter von unserem entfernt stand, war von Bomben getroffen worden.

In den Jahrzehnten danach haben wir regelmäßig Luftangriffe der Nachbarstaaten befürchtet, uns gegen diese aber sehr gut verteidigen können. Heute ersetzen Raketen die feindlichen Luftwaffen, aber auch gegen die hat Israel Verteidigungsmethoden entwickelt. Der größte Unterschied jedoch liegt darin, dass Israel heute größer und stärker ist und wir uns nicht mehr so verwundbar fühlen wie damals.

Die Ausrufung der Unabhängigkeit am 14. Mai und der darauf folgende 15. Mai 1948 waren mit der Verabschiedung der UN-Resolution am 29. November 1947 nicht vergleichbar. Obwohl im November 1947 lediglich ein Versprechen gegeben wurde, das dann am 14. Mai eingelöst wurde, gab es im Mai keine Feierlichkeiten wie im November zuvor. Die Menschen waren sich der Historizität und der Schicksalshaftigkeit der Erklärung Ben-Gurions bewusst, wussten aber gleichzeitig, dass sie in einen Krieg hineingerutscht waren, in dem die Chancen nicht die allerbesten waren.

Auch nach Beginn des Krieges musste das Leben weitergehen. Nach wie vor spielten wir Fußball und gingen schwimmen, nun aber mit dem unbestimmten Wissen, dass sich etwas Wesentliches verändert hatte. Mein Vater wurde in die entstehende Armee des jungen Staates eingezogen. Er erzählte uns Kindern nichts von seinen Erfahrungen. Ich vermute, dass er mit meiner Mutter darüber sprach, diese Erlebnisse aber nicht für den Stoff hielt, den Kinder hören sollten. Ich war natürlich empört, weil ich mich schon längst nicht mehr als Kind empfand. Schließlich hatte ich in diesem Jahr meine Bar Mitzwa gefeiert – eine Bar Mitzwa, die von Nahrungsmangel überschattet war.

Warum das? Obwohl die jüdische Bevölkerung Palästinas viel Landwirtschaft betrieb und darauf auch sehr stolz war, reichten die Erträge nie. Einen Teil der Nahrungsmittel hatten wir vor dem Krieg von unseren arabischen Nachbarn bekommen, einen weiteren Teil aus den Nachbarstaaten. Es ist mir vor allem in Erinnerung geblieben, dass wir im Sommer eine große Auswahl und Mengen von Obst hatten. All dies – das sollte ich viel später erfahren – importierten wir aus dem Libanon. Mit Beginn des Krieges im Mai 1948 gab es jedoch keinen Handel mit dem Libanon mehr, und so hatten wir schon in diesem Sommer kein Obst mehr. Erst im nächsten Winter bekamen wir wieder etwas: die Zitrusfrüchte, die damals der Stolz unserer Wirtschaft waren. Selbst diese wurden selten, da sie vorrangig für den Export bestimmt waren. Dieser Export war für uns lebenswichtig, weil wir keine ausländischen Devisen bekamen und nichts importieren konnten. Zwar verfügten die jüdischen Behörden in Palästina über große Geldreserven. Sie verwalteten ihren Haushalt sehr verantwortlich, sparten und hatten das Geld bei sicheren Banken angelegt. Diese Banken befanden sich allerdings in England, und die Konten waren nach der Ausrufung der Unabhängigkeit von den Engländern eingefroren worden, sodass der Staat Israel jahrelang nicht auf diese Reserven zurückgreifen konnte. Die Engländer, die uns feindlich gesinnt waren, brachten verschiedene Begründungen vor, um uns diese Gelder nicht zurückgeben zu müssen. Zum Beispiel hatten sie in den Nachkriegsjahren die sogenannten »illegalen Zuwanderer«, sprich: die Überlebenden aus den Konzentrationslagern, nicht ins Land gelassen, sondern sie abgefangen und mit Gewalt nach Zypern gebracht, wo sie bis 1949 in Lagern eingesperrt wurden. Nun behaupteten die Briten, der neue Staat Israel müsse sie für die Unterhaltskosten der Lager in Zypern entschädigen.

Warum hat mich das alles betroffen? Dass wir eine immer kleinere Auswahl an Nahrungsmitteln hatten und möglicherweise insgesamt weniger zu essen, hat uns Kinder nicht gestört. Kinder machen sich keine Sorgen um Gourmetessen, solange etwas auf den Tisch kommt, das sie satt macht, und es gab verschiedene Ersatzmittel, zum Beispiel anstatt Vollmilch Milchpulver und anstatt Eiern Eipulver. Zum Anlass meiner Bar Mitzwa mussten jedoch Gäste eingeladen werden. Was konnte man ihnen anbieten? Meine Mutter war regelrecht verzweifelt. Wie sollte sie ohne Eier, ohne Milch, ohne Butter, ohne Schokolade und mit nur wenig Mehl einen Kuchen backen?

Zwei Tage vor meiner Bar Mitzwa verschwand sie einfach. Etwa fünfzehn Kilometer entfernt von Tel Aviv lag Ramot HaSchavim, ein Dorf, das Landwirtschaft betrieb und hauptsächlich Hühner züchtete. Ich wusste damals nicht, dass dieses Dorf ausschließlich von deutschen Juden bewohnt war. Meine Mutter aber hatte sich gedacht, sie könnte dort hingehen, mit den Einwohnern Deutsch sprechen und würde schon zurechtkommen. Und tatsächlich erwiesen sich die deutsche Solidarität und der »deutsche Patriotismus« als Vorteil. Nach Ramot HaSchavim ging sie zu Fuß, weil es immer noch, und vor allem wegen der Kriegszeiten, nur wenige Busse gab. Zurück aber kam sie auf einem Fahrrad, mit vier lebendigen Hühnern beladen.

Mein verblüffter Vater fragte sie, woher das Fahrrad sei und seit wann sie Fahrrad fahren könne.

Verschmitzt antwortete sie: »Meine Landsleute haben gesehen, dass ich zu Fuß gekommen bin, und haben mir ein Fahrrad geliehen. Fahren kann ich es, weil, tja … Ich habe so oft auf einem Pferd gesessen, da musste das Fahrradfahren ja auch irgendwie funktionieren.«

Für uns waren vier Hühner natürlich ein Traum. Aber vier Hühner für so viele Gäste? Ich habe nie verstanden, wie meine Mutter es schaffte, dass sie alle von vier Hühnern satt wurden. Ich habe aber in Erinnerung, wie überrascht und begeistert alle von dem raren Hühnerfleisch waren.

Ich selbst allerdings war an diesem, meinem Feiertag nicht so glücklich. Als ich vor den Gästen erscheinen sollte, um eine kleine Rede vorzulesen, die mein Bar-Mitzwa-Lehrer für mich geschrieben und deren Vortrag ich wochenlang geübt hatte, war ich so aufgeregt und ängstlich, dass ich zögerte und erst mit einer kleinen Verspätung aus meinem Zimmer in den Raum mit den geladenen Gästen trat. Mein Vater, der sehr streng war und uns Kinder oft bestrafte, fand es angebracht, mir dafür vor allen Gästen eine Ohrfeige zu verpassen.

Ich wuchs, wie erwähnt, in einer Generation von Kindern auf, die sehr politisiert war. Unser Interesse galt vor allem der Entstehung des jüdischen Staates. Der Untergrundkrieg gegen die englische Besatzung und der sogenannte Unabhängigkeitskrieg gegen die arabischen Staaten beflügelte unsere Leidenschaft, obwohl wir, wie Kinder überall, auch gerne Fußball spielten. Im Gegensatz zu vielen Jugendlichen heute waren wir als stark politisierte und an der Zukunft interessierte Kinder auch schwer damit beschäftigt, uns zu überlegen, was wir als Erwachsene tun wollten. Jeder Einzelne von uns »wusste« ganz genau, welchen Beruf er würde ausüben wollen. Dass diese Vorstellungen sich meistens nicht verwirklichen würden, war nicht bedeutend. Wichtig war, dass wir uns damit beschäftigten.

Mir war klar, und damit stand ich bei Weitem nicht alleine, dass ich für den Staat arbeiten wollte. Den Staat zu verteidigen, ihn aufzubauen und ihm zu dienen – das war mein Ehrgeiz. Etwas anderes konnte ich mir gar nicht vorstellen. Ich wusste nur nicht genau, in welchem Bereich. Als Erstes fielen uns Kindern natürlich die Streitkräfte ein. Für den Staat zu kämpfen und eine militärische Karriere zu verfolgen, wäre das Edelste, meinten wir. Ich wollte wie die anderen in den Streitkräften dienen, ich wollte auch Frontsoldat sein, konnte mir aber nicht vorstellen, mein Leben lang in der Armee zu ...

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