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Nicht wie die anderen

1.

 

Philipp wachte mit einem schrecklichen Gefühl auf. Dem Gefühl, Julian sei nicht bei ihm, Julian habe ihn verlassen, Julian habe ihm gesagt, wie sehr er ihn verachte.

Du bist eben doch wie die anderen, hörte er Julian sagen.

Draußen prasselte der Regen gegen das Fenster. Gleichmäßig, monoton, einschläfernd. Sein Herz raste, seine pelzige Zunge klebte am Gaumen, Philipp konnte seinen Mundgeruch schmecken. Scheiß Alkohol. Ein leichter Kopfschmerz kündigte den Kater an. Vorsichtig richtete Philipp sich auf. Er atmete tief durch und dachte an Niklas. Was für ein irrer Traum. In der Ferne zuckte ein Blitz über den Himmel. Von einer Windbö gedrückt, wurde das Prasseln des Regens auf der Scheibe stärker. Das Aluminium des Fensterrahmens ächzte.

Wie die anderen

Im Partykeller des Wohnheims hatte wieder einmal ein kollektives Besäufnis stattgefunden. Die Erstsemesterparty im Frühherbst, als die Nächte länger und die Regenschauer häufiger wurden und die neuen Studenten zum Beginn des Wintersemesters seine Ein-, Zwei- und Vier-Zimmer-Apartments im Wohnheim bezogen. Sein Mitbewohner Michael, mit dem Philipp außer Küche und Bad nichts teilte, überredete ihn zu einem Bier. Neue Leute kennen lernen, wiederholte er gebetsmühlenartig. Neue Leute waren nicht Philipps Problem, es waren enge Hemden, tief hängende Jeans und unrasierte Wangen.

Sag dreimal nein und du meinst es ehrlich.

Nach der zweiten Frage bellte Philipp ihm ein Ja entgegen. Irgendwann musste er sich den Reizen stellen. Julian war eine Stunde zuvor für das Wochenende zu seiner Familie ins Sauerland gefahren, um seine Schwester zu sehen, die nach einem Jahr in Australien zu Besuch gekommen war.

»Fahr allein«, hatte Philipp gesagt. »Ihr habt euch so viel zu erzählen. Da störe ich nur.«

»Rufst du mich an?«

»Ruf du mich an, wenn du angekommen bist.«

Nach einer festen Umarmung hatte sich Julian in sein Auto gesetzt.

 

Der Partyraum im Erdgeschoss des Wohnheims war verräuchert und mit Menschen zugestellt, die Philipp irgendwann und irgendwo schon einmal gesehen hatte. Es roch nach Bier, Zigaretten und Studentenschweiß. Bunte Scheinwerfer simulierten müde blinkend eine Lichtorgel. Aus großen Lautsprechern auf Ständern donnerten Nirvana das Lied von der übersättigten Jugend. Wie passend und wie unverstanden.

Schon lange standen die Fenster, die aus Lärmschutzgründen nicht geöffnet werden sollten, auf kipp. Spätsommerlich warme Luft zwängte sich durch den Spalt. Ein Hoch hatte die Stadt ein letztes Mal zum Schwitzen gebracht. Die Kaltfront hingegen war bereits angekündigt.

Einem Bier im Pfandbecher folgte rasch noch eins. Michael stand längst mit einer blonden Schönheit an der Tür und schob ihr seine Zunge in den Hals. Wozu hatte er mich überhaupt mitgenommen?, dachte Philipp.

Er kannte viele wenig und wenige besser. Die Gespräche blieben an der Oberfläche. So viele Menschen und nichts zu sagen. So viele Gesichter, hinter denen sich nichts verbarg. Mit den wenigsten von ihnen konnte Philipp etwas anfangen, doch der größte anzunehmende Unfall wäre Julians Bekannter Niklas gewesen.

Philipp mochte Niklas so wenig wie kaum einen anderen Menschen, mit dem er so viel Zeit verbrachte. Seine Stimme, seine Mimik und Gestik und alles, was er sagte und wie er es sagte, störten ihn.

Niklas war ein Kommilitone von Julian und der schlechtgelaunteste Mensch im ganzen Wohnheim. Julian hatte ihm einmal im Vertrauen erzählt, dass Niklas, oder Nick, wie er sich selbst nannte, häufiger die Vorlesungen sausen ließ und sich in seinem Ein-Zimmer-Apartment in der sechsten Etage verkroch. Sein langjähriger Freund holte in seiner Heimatstadt irgendwo im Badischen das Abitur nach und besuchte ihn zu selten.

Niklas sah immer sehr müde aus. Ringe unter den Augen, unrasiert, wirres Haar. Morgens war er nicht ausgeschlafen, mittags bereits fertig von der Uni und abends machte sich sein Schlafmangel aus der Nacht zuvor bemerkbar.

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