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Nicht von hier

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Inhaltsverzeichnis

  • Nicht von hier
  • Copyright
  • Louise Cooper: DAS BUCH DER PARADOXE
  • Vorwort
  • Erstes Kapitel: Der Magier (verkehrt)
  • Zweites Kapitel: Die Hohepriesterin
  • Drittes Kapitel: Die Herrscherin
  • Viertes Kapitel: Der Herrscher
  • Fünftes Kapitel: Der Hohepriester
  • Sechstes Kapitel: Die Liebenden (verkehrt)
  • Siebtes Kapitel: Der Triumphwagen (verkehrt)
  • Achtes Kapitel: Kraft
  • Neuntes Kapitel: Der Einsiedler
  • Zehntes Kapitel: Das Rad des Schicksals (verkehrt)
  • Elftes Kapitel: Gerechtigkeit (verkehrt)
  • Zwölftes Kapitel: Der Hängende (verkehrt)
  • Dreizehntes Kapitel: Tod (verkehrt)
  • Vierzehntes Kapitel: Selbstbeherrschung
  • Fünfzehntes Kapitel: Der Teufel (verkehrt)
  • Sechzehntes Kapitel: Der Turm
  • Siebzehntes Kapitel: Der Stern
  • Achtzehntes Kapitel: Der Mond
  • Neunzehntes Kapitel: Die Sonne (verkehrt)
  • Zwanzigstes Kapitel: Urteil
  • Einundzwanzigstes Kapitel: Die Welt
  • Zweiundzwanzigstes Kapitel: Der Narr
  • Gordon R. Dickson: DER AGENT
  • 1.
  • 2.
  • 3.
  • 4.
  • 5.
  • 6.
  • 7.
  • 8.
  • 9.
  • 10.
  • 11.
  • 12.
  • 13.
  • 14.
  • 15.
  • 16.
  • 17.
  • 18.
  • Joan D. Vinge: LADYHAWKE – DER TAG DES FALKEN
  • Kapitel 1
  • Kapitel 2
  • Kapitel 3
  • Kapitel 4
  • Kapitel 5
  • Kapitel 6
  • Kapitel 7
  • Kapitel 8
  • Kapitel 9
  • Kapitel 10
  • Kapitel 11
  • Kapitel 12
  • Kapitel 13
  • Kapitel 14
  • Kapitel 15
  • Kapitel 16
  • Kapitel 17
  • Kapitel 18
  • Kapitel 19
  • Kapitel 20
  • Kapitel 21
  • Epilog

Nicht von hier



Sammelband Science Fiction & Fantasy – 20 Jahre Edition Bärenklau

Drei Romane großer Autoren in deutscher Übersetzung.


Dieses Buch enthält folgende Geschichten:


Louise Cooper: Das Buch der Paradoxe

Gordon R. Dickson: Der Agent

John D. Vinge: Der Tag des Falken




Das Buch der Paradoxe stellt die Reise des Narren dar, wie sie durch die einzelnen Tarockkarten vorgezeichnet ist. Varkas schicksalhafte Suche nach der Geliebten führt, wie der Tarock selbst, ihn und den Leser durch viele seltsame, fremde Länder und bringt Begegnungen mit vielen seltsamen, fremden Menschen.



Louise Cooper: DAS BUCH DER PARADOXE

Original-Titel: The Book Of Paradox

Übersetzung: Christiane Kashin und Christian Dörge


Mit freundlicher Genehmigung des Apex-Verlags (www.apex-verlag.de)






Vorwort




Wie fast alle magischen Hilfsmittel hat der Tarock sehr vielschichtige Funktionen. In seiner niedrigsten Form stellt er nur ein Päckchen Karten dar, das zum Voraussagen der Zukunft verwendet wird; in seiner esoterischsten gilt er als ein System mnemotechnischer Karten, die den Zugang zu inneren, geistig-seelischen Bereichen erschließen und in einer Beziehung zu den Archetypen C. G. Jungs stehen.

Der Ursprung des Tarocks liegt im Dunkeln, und über seine Herkunft haben die gelehrtesten Okkultisten die verschiedensten Thesen aufgestellt. So soll er ursprünglich aus China stammen, aus Indien, aus der hebräischen Kabbala. Die meistvertretene Meinung ist, dass seine Wurzeln im alten Ägypten und bei seinen Magiern zu suchen sind.

Es gibt verschiedene Tarocksysteme, sie alle bieten breite Interpretationsmöglichkeiten und weichen auch in ihrem Symbolgehalt voneinander ab. Nicht alle haben achtundsiebzig Karten, man hat sich aber auf die Zahl achtundsiebzig als oberste Grenze geeinigt. Der Tarock besteht aus den zweiundzwanzig Großen Arcana (die als Kapitelüberschriften in diesem Buch verwendet werden) und den sechsundfünfzig Kleinen Arcana, die sich im Lauf der Zeit zu unserem heutigen Kartenspiel aus zweiundfünfzig Spielkarten zurückgebildet haben. Hinzu kommt noch der Narr aus den Großen Arcana, den wir heute Joker nennen.

Wer sich intensiv mit dem Tarock beschäftigen will, dem stehen in aller Welt zahlreiche Bücher über diesen Gegenstand zur Verfügung. Wie der Tarock funktioniert (denn das tut er und sogar sehr präzise), darüber sind die mannigfaltigsten Vermutungen geäußert worden, doch das steht auf einem anderen Blatt.

Das Buch der Paradoxe stellt die Reise des Narren dar, wie sie durch die einzelnen Tarockkarten vorgezeichnet ist. Varkas schicksalhafte Suche nach der Geliebten führt, wie der Tarock selbst, ihn und den Leser durch viele seltsame, fremde Länder und bringt Begegnungen mit vielen seltsamen, fremden Menschen.



- Gary R. Cooper






Erstes Kapitel: Der Magier (verkehrt)




Aloethe schrie. Es war ein grauenhafter Laut, der in Varkas Ohren dröhnte.

Taumelnd wich sie zurück, vom Messer fort. Ihr Körper drehte sich langsam um sich selbst, und ihre Füße schleiften verkrümmt über den Boden. Dann sank sie zu Boden. Zwischen ihren Brüsten quoll Blut auf, von dem ein roter Nebel aufzusteigen und Varkas Blick zu verschleiern schien. Schwindel erfasste ihn.

Erst nach einer Weile wich die Verwirrung, und Varka sah Dinmas im Zimmer stehen. Er zitterte, und die Klinge des Messers in seiner Hand war unbefleckt. Varkas Dolch aber war blutrot verschmiert, und das gleiche Rot befleckte seinen Arm und sein Hemd: Aloethes Blut.

Der Körper des Mädchens lag wie eine Schranke zwischen ihnen und schlug sie wie in einen heiligen Bann: Keiner der beiden Männer vermochte sich zu rühren. Doch ihre Blicke trafen sich - voll Hass und Grauen. Endlich brach Varka das Schweigen, doch das Wort, das er aus seiner trockenen Kehle presste, klang halb erstickt.

»Mörder!«, stieß er hervor.

Dinmas gab keine Antwort. Er taumelte zwei Schritte zurück, wandte sich dann um, rannte blindlings zur Tür, riss sie auf und stolperte hinaus.

Varka war nun mit Aloethe allein. Doch das erbarmungswürdige Ding, das dort lag und ihn mit blicklosen Augen anstarrte, hatte nichts mehr mit dem frischen, zarten Mädchen gemein, das er gekannt hatte. Sie anzuschauen, war ihm schier unerträglich, doch er zwang sich, neben ihr niederzuknien und ihr ins Gesicht zu sehen.

Er konnte noch immer kaum glauben, dass sich all das zugetragen hatte, und mit kalter Beharrlichkeit versuchte er sich zu erinnern. Der Wettstreit zwischen Varka und Dinmas um Aloethes Gunst hatte sich schon seit langem immer mehr zugespitzt. Doch erst heute, an diesem Nachmittag, war er zu einer tödlichen Auseinandersetzung ausgeartet. Als Dinmas, rasend vor Wut und einen langen Dolch in der Hand, auf ihn zugetreten war, hatte Varka plötzlich die Gewissheit erfüllt, dass einer von ihnen sterbend oder schwer verwundet daliegen würde, noch bevor der Tag zur Neige ging. Dinmas war als erstgeborener Sohn eines hohen Beamten der Stadt daran gewöhnt, seinen Willen durchzusetzen, und er blieb nie bei Halbheiten stehen. Aber Aloethe... nicht Aloethe!

Zärtlich sprach er ihren Namen und fasste ihre schlaffe, blasse Hand.

So fanden ihn die Männer der Stadtwache, als sie, von Dinmas und Aloethes Vater geführt, hereinstürzten. Ein düsteres Bild bot sich ihnen: Der junge Mann kniete leise schluchzend neben der Leiche und schien mit seinem blutverschmierten Arm, dem Hemd und dem Dolch auf eine Verurteilung zu warten.

Dinmas holte tief Luft und deutete mit dem Finger auf Varka. »Mörder!«, sagte er mit kalter Stimme.

Das weckte Varka aus seiner düsteren Träumerei. Er schaute auf, und in seinen Augen spiegelte sich außer Kummer auch Verwunderung. Tonlos sagte er: »Ich - ich - habe es - nicht getan...«

Die Männer der Stadtwache warfen Dinmas einen unsicheren Blick zu.

»Warum zögert ihr?«, rief Dinmas. »Ihr habt einen Mörder vor euch!«

Dem Sohn des einflussreichsten Mannes der Stadt zu widersprechen, war nicht ratsam Zwei Männer der Wache packten Varka grob an den Armen und zogen ihn hoch. Doch als sie ihn von Aloethe fortzerren wollten, wehrte er sich.

»Aloethe!«, schrie er. »Aloethe! Ich habe sie nicht berührt - er hat sie getötet, er hat sie ermordet! Gebt mir mein Messer, und ich werde ihn dafür töten!«

Dinmas schaute auf den Anführer der Wache und schüttelte langsam den Kopf. Einen Herzschlag lang sah Varka Aloethes Vater in die Augen. Sein Blick war leer und ausdruckslos. »Der junge Mann redet irre«, sagte er heiser. »Er hat den Verstand verloren. Schafft ihn fort.«

Als man Varka zur Tür zerrte, mied Dinmas seinen Blick und hielt die Augen gesenkt.

Und nun saß er hier, in diesem Rattenloch von einer Zelle, und wartete.

Das Gericht hatte den Worten des Sohnes eines hohen Beamten natürlich mehr geglaubt als denen eines jungen Mannes von zweifelhaftem Charakter und unbekannter Abstammung. Varkas wahrheitsgemäßer Bericht war einfach vom Tisch gewischt worden. Es sei ein Verbrechen aus Leidenschaft gewesen, sagte Dinmas, Varka habe das Mädchen, das er liebte, lieber töten als einem andern überlassen wollen. Varka protestierte und rief, Dinmas sei für das Verbrechen verantwortlich, nicht er! Doch noch während er sprach, sah er in den Augen der Anwesenden die Verachtung und die Feindseligkeit. Der wahre Mörder verließ das Gericht als freier Mann, und Varka, den die Richter für schuldig befunden hatten, wartete nun auf sein Urteil.

Er hatte versucht, alles zu erklären: Aloethe hatte sich an diesem Tag für Varka entschieden und versprochen, seine Frau zu werden. Doch Dinmas wollte Aloethes Geständnis nicht hören und sich auch von Varka nicht beschwichtigen lassen; er forderte Varka zum Kampf auf und schwor, ihn zu töten.

Varka blieb nichts anderes übrig, als sein langes Messer zu ziehen, eine Waffe, mit der er hervorragend umzugehen wusste, und sich und seine Liebe zu verteidigen.

Aber die Richter weigerten sich, Varka anzuhören, und so blieb die Wahrheit ungesagt: Als Dinmas erkannte, dass er den Kampf verlieren würde, hatte er Aloethe kaltblütig in Varkas Dolch gestoßen.

So kam es, dass Varka die letzten Stunden seines Lebens in diesem Kerker verbringen musste. Sein Schicksal berührte ihn merkwürdig wenig. Es gab für ihn nun eigentlich nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnte. Immerhin hätten die Richter sich eine bessere Strafe ausdenken können, als ihn Darxes, dem Gott der Unterwelt, zu opfern.

Als Varka an den Tempel des Darxes auf dem hohen Hügel und an die grausigen Erzählungen dachte, die sich um seinen Herrn rankten, schauderte ihn plötzlich. Seine stoische Einstellung geriet ins Wanken. Er schlug die Hände vors Gesicht, da er sich der Tränen schämte, die aus seinen Augen quollen.

»Aloethe!«, schluchzte er. »Oh, Aloethe!«

Eine Stunde vor Sonnenuntergang wurde Varka in einen anderen Raum gebracht. Dort musste er ein heißes Bad nehmen, und seine wilde blonde Mähne wurde gewaschen. Dann wurden ihm die Hände auf den Rücken gefesselt. Es war Zeit zum Aufbruch.

Nackt wurde er nach draußen geführt und musste auf einen Planwagen steigen, der sich alsbald mit ungeheurer Geschwindigkeit in Bewegung setzte und durch die Stadt zu den Hügeln raste.

Unterwegs bemühte sich Varka, nicht an den Tempel des Darxes zu denken und nicht darauf zu achten, dass das Gelände zunehmend anstieg, da der Wagen sein Tempo verlangsamte. Doch es gelang ihm nicht, und als der Wagen hielt und seine zwei Wächter ihn zum Rasen hinunterstießen, war ihm übel vor Furcht.

Kein Freund war da, um ihm in seiner letzten Stunde beizustehen. Seine einzigen Begleiter waren die beiden Wächter und der Kutscher, der in den Strahlen der warmen Abendsonne vor sich hin döste.

Der eine Wächter schaute gedankenverloren eine Weile auf den Sonnenuntergang. Dann sagte er: »Wozu länger warten als nötig. Los, steig hinauf.«

Varkas Blick wanderte zum Hügel hinauf, über die steilen, schmalen Stufen, die in den Stein gehauen waren. Hoch oben sah er die beiden steinernen Wächter am Tempeltor, die sich schwarz vom Himmel abhoben.

»Geh«, sagte der Wächter wieder.

Varka begann die Treppe hinaufzusteigen.

Vom Gipfel des Tempelhügels bot sich ein meilenweiter Blick über den Küstenstrich, der sich wie eine farbige Karte ausbreitete. Im Westen glitzerte das Meer in den Strahlen der untergehenden Sonne, und winzige weiße Schaumstreifen schwammen lautlos heran und zerspritzten am Fuß der hohen Klippen.

Während Varka zum Tempel des Darxes hinaufstieg, schaute er aufs Meer. Neben der Treppe breitete sich, mit winzigen Blumen betupft, der weiche Rasen des Hügels aus, der immer steiler abfiel, bis zu dem ruhigen Wasser einer geschützten und unzugänglichen Grotte. Varka liebte das Meer, und sein Herz hob sich, als er darüber hin schaute und die gleichmäßige Brise sein Haar verwehte. In Gedanken sagte er dem funkelnden Meer Lebewohl.

Schließlich gelangten sie zu dem hohen Tempeltor. Die strengen Gesichter der beiden Wächter aus Sandstein, die zu schwindelnder Höhe über ihm aufragten, ließen ihn schaudern, dennoch konnte er die Augen nicht von ihnen wenden, als er mit seinen Begleitern unter dem gewaltigen Tempelbogen hindurchschritt und den Tempelhof betrat.

Die Wächter hatten Auftrag, ihren Gefangenen im Tempelhof zurückzulassen und unverzüglich zur Stadt zurückzukehren. Einen Blick auf die geweihten Priester des Darxes zu werfen, galt als ein schlechtes Omen. So überließen die wortkargen, aber nicht unfreundlichen Männer Varka sich selbst.

Eine Zeitlang stand er hilflos da. Dann glaubte er, auf der andern Hofseite eine Bewegung wahrgenommen zu haben, und drehte sich um. Eine Gruppe von Tempelpriestern kam auf ihn zu. Im ersten Augenblick glaubte er, sie könnten keine menschlichen Wesen sein. Alles an ihnen war grau, von der pergamentenen Haut und dem spärlichen Haar bis zu ihren langen, mit roten Schärpen umgürteten Gewändern.

Als die Priester näher kamen, brach Varka der Schweiß aus. Er blickte sie der Reihe nach an, und überall stieß er auf einen Ausdruck unpersönlicher Verachtung. Die Priester bildeten einen Kreis um ihn. Als sie ihm die Handschellen abgenommen hatten, führten sie ihn zu einer großen Tür, die den offenen Mund eines dämonischen Antlitzes bildete, das in die Mauer gehauen war. Sie durchschritten eine Reihe von Gängen, so viele, dass Varka die Übersicht verlor. Doch alle führten abwärts. Sie waren von düsteren Fackeln erhellt, die weit auseinander standen. Die Wandmalereien waren Illustrationen der blutrünstigen Legenden, die sich um die Götter der Unterwelt rankten.

Niemand sprach. Varkas Herz hämmerte, und ihm war übel. Mehrmals gaben seine zitternden Beine unter ihm nach, doch stets hob ihn einer der Priester wieder auf. Endlich war das Labyrinth der Gänge zu Ende, und sie betraten einen kleinen Raum, dessen einzige Besonderheit eine hohe Tür war, in die, rund um eine grauenhafte Todesmaske, Hieroglyphen geschnitzt waren. Die Priester begaben sich auf die eine Seite des Raumes, und aus dem Dunkel traten drei weitere Priester hervor und gesellten sich zu ihnen. Einen kurzen und schrecklichen Augenblick lang glaubte Varka, diese drei seien Bewohner der Unterwelt, denn jeder von ihnen trug eine gewaltige Maske mit den gleichen bizarren Gesichtszügen wie die Schnitzerei auf der Tür. Zwei von ihnen trugen Speere, einer trug eine Fackel. Sie nahmen Varka in die Mitte und schoben ihn vorwärts, bis er vor der Tür stand.

Nun verlor Varka endgültig die Fassung. »Im Namen der Barmherzigkeit!«, rief er. »Was soll mit mir geschehen?«

Der maskierte Priester, der die Fackel trug, neigte den Kopf. »Du wirst Darxes, unserem Herrn, geopfert werden, Elender«, sagte er. »Vielleicht tötet dich der Sturz in die Grube. Wenn nicht, wirst du am Hunger oder am Irrsinn sterben. Das ist nicht mehr, als du für dein Verbrechen verdienst.«

Die Priester des Darxes standen in einem Halbkreis um ihn. Der Fackelträger trat ein paar Schritte vor und begann zu sprechen. Seine Stimme klang wie eine klagende Glocke, und von Zeit zu Zeit antworteten die anderen Priester mit rauen Schreien auf seinen Singsang. Varkas Sinn war so voll von wilden, verworrenen Gedanken, dass er nicht aufnahm, was der Priester sagte, bis plötzlich ein scharfes Wort in sein vernebeltes Bewusstsein drang.

»Missetäter!«

Varka schüttelte den Kopf.

»Missetäter!«

Sie sprachen zu ihm - doch er hatte nichts Unrechtes

getan, er hatte Aloethe nicht getötet.

»Missetäter, sieh auf das Antlitz Unseres Herrn Darxes!«

Langsam hob Varka den Kopf und starrte auf die kalten Obsidian-Augen des geschnitzten Kopfes.

»Oh, Darxes, Herr der Unterwelt, sieh auf diesen Übeltäter, der vor dir steht!«

Die kalten Augen des geschnitzten Antlitzes schienen Varka zu hypnotisieren. Ihm schwindelte.

»Darxes, Herr des Todes, wir bringen dir ein Opfer, indem wir diesen Mann seiner gerechten Strafe zuführen!« Der Boden unter Varkas nackten Füßen bebte, Varka fiel auf die Knie. So blieb er zusammengekauert liegen und warf verzweifelte Blicke auf die finsteren Priester.

»Oh, Darxes, König der Nacht, strafe ihn für sein Verbrechen!«

Varka wollte schreien, doch seine Stimme versagte. »Überantworte diesen Mann den ewigen Qualen, oh, Darxes, Herrscher über die Toten!« Einer der Priester streckte die Hand zur Mauer aus. »Nimm unser Opfer an!« Varka warf den Kopf zurück. »Nein!«, schrie er, und seine Stimme hallte im Raum wider. »Nein!«

Ein kratzendes, gleitendes Geräusch ertönte. Der Boden unter Varkas Füßen glitt fort. Eine Ewigkeit lang schien er in der Luft zu schweben, dann fiel er wie ein Stein von einer Klippe - hinab in wirbelnde, eisige Finsternis.





Zweites Kapitel: Die Hohepriesterin





Von irgendwo drang wahnsinniges Kreischen an Varkas Ohren. Dunkle Farben tanzten vor Varkas Augen wild durcheinander. Undeutlich drang die Wahrnehmung einer festen Masse in sein Bewusstsein, die ihm widerstand, als er sich immer wieder gegen sie warf.

Er taumelte und stieß hart gegen eine Mauer. Plötzlich hörte das Schreien auf, und da wurde ihm mit Entsetzen klar, dass die halb wahnsinnige Stimme, die er gehört hatte, seine eigene war.

Wie eine kalte Sturzflut kehrte sein Bewusstsein zurück. Schmerz durchflutete ihn. Er versuchte sich zu bewegen, doch sein zerschlagener Körper wollte ihm nicht mehr gehorchen, und er brach vornüber auf dem kalten, steinernen Boden zusammen.

Er war noch am Leben.

Plötzlich wurde ihm klar, was das bedeutete. Er hatte den Sturz überlebt, war um den raschen Tod, auf den er gehofft hatte, betrogen worden, war hier in der Grube gefangen, wo er schreien und betteln konnte, bis der Tod sich seiner erbarmte.

Panik erfasste Varka. Abermals schrie er auf, und - seine Stimme brach sich hoch oben an der unsichtbaren Decke und kehrte als spöttisches Echo zu ihm zurück. Ein krampfartiges Schluchzen schüttelte ihn, und er schlug die Hände vors Gesicht.

Quer über seine Stirn lief eine lange, tiefe Schramme, und als er sie berührte, stöhnte er auf.

Blut rann über seine Augenbraue und tropfte auf seine Wange. Welches Schicksal war schlimmer - rasch zu sterben oder langsam zu verhungern und in endlosen, qualvollen Stunden auf das Ende zu warten? Eine Antwort auf diese Frage erübrigte sich. Er hätte sich bereitwillig das Messer ins Herz gestoßen, um sein Ende zu beschleunigen, aber man hatte es ihm fortgenommen.

Doch dann schüttelte er diese trüben Gedanken ab. Er schaute nach oben. Irgendwo war dort die Falltür, durch die er hinabgestürzt war, irgendwo dort oben waren die Priester des Darxes, zweifellos davon überzeugt, dass ihr Werk vollbracht war. Sie hatten ihn verdammt und dem Tode überantwortet - aber es war doch möglich, dass es noch einen anderen Ausgang aus der Grube gab. Möglich war es...

Schwankend stand Varka auf. Nun erst wurde er seiner zahllosen Schnitte und Schrammen gewahr, seines übel verschrammten Arms, der verzerrten Muskeln, die ihm kaum gehorchten. Sein Kopf dröhnte, und ihm war schwindlig, doch er stützte sich an die Mauer und machte ein paar vorsichtige Schritte vorwärts.

So stolperte er blindlings an der Mauer entlang, die kein Ende zu nehmen schien. Ihm kam es vor, als habe er sich eine Ewigkeit lang vorwärts getastet, doch in Wirklichkeit war er erst ein paar Meter weit gekommen, als eA mit etwas zusammenstieß, das lautlos zu Boden fiel.

Zitternd blieb er stehen. Schließlich überwand er sich und bückte sich, um das Hindernis zu ergründen. Er griff in ein grobes Gewebe, das ihm unter den Fingern zerbröckelte und einen weißen, menschlichen Arm enthüllte. Verwesende Fleischreste und einige Strähnen dünnen, brüchigen Haars verrieten, dass diese unglückliche Frau erst vor kurzem gestorben war. Als er ihr konturloses Gesicht betastete, schrie er auf, denn plötzlich stand ihm wieder Aloethe vor Augen, wie sie in ihrem Blut vor ihm gelegen hatte.

Eine plötzliche Übelkeit stieg in Varka auf. Er lehnte sich an die Mauer und würgte, bis sich alles um ihn drehte, doch sein Magen war leer, und als der krampfartige Brechreiz endlich verging, war ihm nicht wohler.

»Ich verfluche dich, Dinmas!«, flüsterte er heiser. »Du bist schuld an allem - oh, bei allen Mächten, ich verfluche dich!«

Bei dem Gedanken an Dinmas stieg eine Welle der Wut und der Bitterkeit in Varka auf. »Ich verfluche euch!«, schrie er zur Decke hinauf. »Ich verfluche euch alle!« Er stieß furchtbare Verwünschungen gegen die Priester des Darxes aus, beschwor den Zorn der ganzen Unterwelt auf Dinmas' Haupt, verfluchte diejenigen, die ihn verurteilt und diesem Schicksal ausgeliefert hatten. Er trommelte mit den Fäusten an die Mauer, brüllte, bat, flehte. Endlich sank er erschöpft auf die Knie und streckte sich auf dem Boden aus.

Roter Nebel wallte vor seinen Augen, und die Zeit verschwamm, bis endlich eine ganz schwache Wahrnehmung in sein Bewusstsein drang.

Er glaubte eine Stimme gehört zu haben, ein tiefes, undeutliches Flüstern, das ganz aus der Nähe zu ihm drang. Jemand rief seinen Namen.

»Varka... Varka...«

Varka hob den Kopf. Er konnte nichts erkennen, und als er zu antworten versuchte, brannte seine Kehle, und er brachte nur ein Krächzen hervor.

Hier bin ich, wollte er rufen. Es kümmerte ihn nun nicht mehr, wer dieses unbekannte Wesen sein mochte, und wenn es Darxes selbst war - er war nicht mehr fähig, Angst zu empfinden. Das Flüstern schien vom anderen Ende der Grube zu kommen. Angestrengt starrte er in die Dunkelheit, und nun begann sich wie ein schwankendes Irrlicht ein blasses Etwas zu materialisieren. Nach und nach nahm es Gestalt an, und ein kaltes weißes Licht ging von ihm aus, das durch die Dunkelheit strahlte und die Umrisse der Grube zeigte. Es erhellte auch die Falltür im Dach. Sie war so hoch oben, dass Varka nur wie durch ein Wunder bei dem Sturz mit dem Leben davongekommen war.

Doch darauf achtete Varka nicht. Er beobachtete, wie das lichtumstrahlte Etwas Gestalt annahm, und begann am ganzen Körper zu zittern. Er musste wahnsinnig sein. Das war die einzig mögliche Erklärung. Sie konnte nicht dort stehen und ihn anschauen - sie war tot. Er selbst hatte sie sterben sehen.

Aber das von dunklem Haar umrahmte Antlitz war unverkennbar - unverkennbar waren auch ihre feuchten Augen, selbst hinter dem dünnen Schleier, den sie trug.

Varka fand seine Stimme wieder. »Aloethe?«

Die schimmernde Vision lächelte und machte eine Bewegung, als wolle sie ihn umarmen.

»Oh, Aloethe!« Er stand auf und ging wie ein Schwimmer, der in tiefes Wasser watet, auf sie zu.

Die Erscheinung - denn nur das konnte es sein - wartete, bis er nur noch wenige Schritte vor ihr stand, dann begann sie zu verblassen. Varka bat sie stammelnd zu bleiben, aber schon hatten sich die Konturen verwischt, und kurz darauf war alles verschwunden.

Unglücklich starrte Varka die Wand an, vor der sie gestanden hatte. Ob die Wand sich geändert hatte oder ob seine Augen ihm einen Streich gespielt hatten, wusste er nicht - doch an der Stelle, wo Aloethe gestanden hatte, war nun in der Mauer ein glattes, symmetrisches Loch, gerade hoch und breit genug für einen Mann seiner Größe.

»Varka... Varka...«

Die Stimme rief ihn aus dem Tunnel jenseits der Mauer. Voll ängstlicher Erwartung trat Varka auf das Loch zu und schaute hindurch. Der Tunnel ging einen Abhang hinunter, der ebenso dunkel wie die Grube war. Von unten stieg ein warmer Lufthauch auf, der prickelnd über Varkas Gesicht strich. In einiger Entfernung stand Aloethe und schaute ihn unverwandt an. Sie hob die Hand und winkte ihm, dann drehte sie sich um und ging den Tunnel hinab.

Varka lief ihr nach.

Je tiefer der Tunnel in den Felsen führte, desto abschüssiger und rauer wurde der Weg. Der steinige Boden schnitt in Varkas Füße, und einmal stürzte er und schlitterte den Hang hinunter, bis er an einer Kurve des Tunnels gegen die Mauer stieß. Während er sich mühte, wieder auf die Beine zu kommen, wartete die gespenstische Gestalt, die stets in gleicher Entfernung von ihm zu schweben schien, auf ihn, winkte ihm dann wieder und ging weiter. Varka stolperte hinter ihr her, und nach einer Weile fiel ihm auf, dass die Atmosphäre im Tunnel sich nach und nach unmerklich verändert hatte, obwohl er nicht sagen konnte, in welcher Weise. Licht kam nur von der Erscheinung vor ihm, der Tunnel schlängelte sich noch immer abwärts - und dennoch war irgendetwas eindeutig anders; er konnte es in der dumpfen Luft fast riechen. Diese neue, verwirrende Erkenntnis beschäftigte Varka so sehr, dass seine Schritte sich unwillkürlich verlangsamten, und als er schließlich wieder nach vorn schaute, war die Gestalt von Aloethe verschwunden.

Varka verwünschte seine Nachlässigkeit und rannte ihr nach. Sie war vor kurzem um eine Kurve des Tunnels gebogen - doch als er selbst dort ankam, war niemand zu sehen. Aloethe war spurlos verschwunden, und vor ihm lag nicht ein weiterer endloser Gang, sondern eine Tür.

Die Tür war aus dem gleichen Naturstein gehauen, aus dem auch der Felsen um den Tunnel bestand, und war nur angelehnt. Unter ihr sickerte Licht durch, und die Luft war hier viel frischer.

Varka holte tief Atem Die Tür sah schwer aus, und er hatte nur noch wenig Kraft. Aber Aloethe musste diesen Weg gegangen sein... Er stemmte sich mit aller Kraft gegen die Felsplatte und verlor fast das Gleichgewicht, als sie augenblicklich aufschwang. Vor ihm lag ein Gemach.

Strahlendes Licht blendete ihn, und er kniff die Augen zu. Der Raum, eine Art Höhle, war riesig, doch mehr konnte er mit seinen geblendeten Augen nicht erkennen. Unsicher ging er weiter. Er wurde sich nur dumpf einer Farbenpracht bewusst, wie er sie nie zuvor gesehen hatte. Milde Wärme umschmeichelte seinen zerschlagenen Körper. Seine verschrammten Füße hinterließen auf dem schimmernden Boden Blutspuren.

Weiter vorn konnte er breite, flache Stufen erkennen, die zu einer Plattform führten. Darauf stand ein Tisch, der mit Speisen geradezu überladen war.

Seine Beine waren bleischwer und wollten ihm kaum gehorchen. Er stolperte bis zur ersten Stufe, brachte es aber nicht fertig, den Fuß zu heben. Er ließ sich auf alle viere nieder und versuchte hinaufzukriechen - doch die Treppe schien meilenweit hinaufzuführen, und die Zeit verrann. Die Höhle um ihn begann sich zu drehen, schneller und schneller, und Varka verlor das Bewusstsein.





Drittes Kapitel: Die Herrscherin




Als Varka wieder zu sich kam, merkte er, dass er auf einer harten Fläche lag, die sich wie Stein anfühlte. Ihm war leer und dumpf im Kopf, und er hätte gern noch viele Stunden so dagelegen und die Wärme genossen. Doch das sollte offenbar nicht sein, denn auf seine geschlossenen Augen fiel ein Schatten, und eine Stimme, die ihm bekannt vorkam, sprach zu ihm.

»Varka?«

Es war dieselbe Stimme, die in der Grube nach ihm gerufen hatte, doch nun war sie nicht mehr so hässlich verzerrt. Es war eine tiefe und ungewöhnlich musikalische Stimme. Varka öffnete die Augen.

Er war auf alles Mögliche gefasst, nur nicht darauf, dass an dem Mann, der neben ihm stand, nichts Sonderbares war. Er hatte schwarzes Haar und einen schwarzen Bart und blickte teilnahmsvoll auf ihn hinab.

Das Licht schmerzte; Varka schloss die Augen wieder. »Ich fühle mich, als hätte man mir den Kopf gespalten!«, stöhnte er.

»Das überrascht mich nicht«, sagte der Fremde mit einem Lächeln. »Du hast dir einige hässliche Verletzungen zugezogen, als du in die Grube fielst.«

Verletzungen? Die Grube? Langsam kehrte die Erinnerung zurück; Varka dachte an das Gericht, das Grauen im Tempel des Darxes... Er hätte längst tot sein müssen!

Verwirrt versuchte er sich aufzusetzen. »Wo bin ich hier?«, fragte er. »Warte ich immer noch auf meine Hinrichtung? Bin ich immer noch im Tempel?«

Der andere hob ein wenig spöttisch die Augenbrauen. »Wohl kaum«, sagte er. »Du meinst wohl die Vollstreckung des Urteils vor der Grube? Oh, ja, das hat stattgefunden, doch nun ist es vorbei. Du hast nichts mehr zu befürchten.«

»Dann bin ich also tot?« Varka schauderte.

»Nein«, sagte der Fremde. Varka blickte ihn verwundert an. »Du bist lebendig - zumindest so lebendig, wie ein menschliches Wesen hier sein kann.«

»Hier - was - was für ein Ort ist das?«

Der Fremde lächelte. »Es sieht wie eine Höhle aus, nicht wahr?«

Zornig schlug Varka mit der Hand auf die Steinplatte, auf der er lag. Ihm war eingefallen, dass er gesehen hatte, wie man Leichen auf ähnliche Platten legte. »Ich will endlich wissen, wer du bist!«, rief er.

Der Fremde wurde ernst. »Ich bin Darxes, der Herr der Unterwelt, der König der Nacht und so weiter. Du kennst meine anderen Titel.«

»Darxes! Bei allen...«

Darxes unterbrach ihn. »Ich bitte dich, überlege dir gut, was du sagst. Ich bin im Augenblick zu einer Auseinandersetzung mit launenhaften Sterblichen nicht aufgelegt.«

Varka war sprachlos. Er zweifelte zwar nicht daran, dass dieser Mann wirklich Darxes war, aber er hatte eine imposante, schreckliche Gestalt mit donnernder Stimme und grimmigem Blick erwartet, eben jenen Gott, dessen Legenden seit vielen Generationen den Gläubigen Ehrfurcht und Angst eingeflößt hatten. Der gutmütige, fast alltägliche Mann vor ihm passte ganz und gar nicht in dieses Bild.

Vorsichtig versuchte er das Darxes zu erklären. Dieser lachte.

»Ich fasse das als großes Kompliment auf, Varka. Du musst wissen, ich liebe das Paradoxe, und es gefällt mir, den andern als das Gegenteil von dem zu erscheinen, was ich wirklich bin. Verstehst du, was ich sagen will?«

Varka runzelte die Stirn. Er war nun ganz wach und auf der Hut. »Das ist ein Paradox in sich«, sagte er. »Denn es ist durchaus möglich, dass du mir ebendiesen Streich spielst.«

»Ah - du kannst meinen komplizierten Denkprozessen sogar folgen!« Darxes lachte wie über einen guten Scherz. »Komm nun, steig von dieser Felsplatte herunter und erfrische dich an den Köstlichkeiten, die ich dir bieten

kann.«

Varka erhob sich und verzog schmerzhaft das Gesicht, als er seine verkrampften Muskeln und die vielen Schnitte und Schürfungen an seinem Körper spürte. Darxes blickte ihn an.

»Hast du Schmerzen?«

Varka lächelte mühsam »Im Vergleich mit dem, was ich früher erlitten habe, ist es nichts.«

»Offenbar aber noch schlimm genug. Komm, folge mir.«

Sie durchschritten die Höhle. Erst jetzt war Varka imstande, seine Umgebung wirklich aufzunehmen, und betrachtete tief beeindruckt die farbigen Wände und die Decke. Mit etwas Phantasie konnte man die phantastischen Farbwirbel auf der domartig gewölbten Decke für himmlische Wolkengebilde halten. Überall an den Wänden waren geheimnisvolle kleine Treppen, die mitten in der Luft jäh zu enden schienen, es gab versteckte kleine Teiche, die ihr Wasser aus kristallklar sprudelnden Springbrunnen empfingen und doch nicht überflossen, und der Boden der Höhle hob und senkte sich zu verschiedenen Plateaus.

Darxes führte Varka zu einer Grotte, wo eine glasklare Quelle in einen großen, muschelförmigen Teich sprudelte.

»Erfrische dich und lass dir Zeit«, sagte Darxes und deutete auf den Teich. »Es wird deinen Wunden guttun.«

Er entfernte sich durch einen niedrigen, mit einem Vorhang versehenen Torbogen. Varka stieg in den Teich. Das Wasser war warm und wohltuend; unter der Quelle wusch er den Schmutz der Grube ab und kühlte seine brennenden Wunden.

Nach einiger Zeit kehrte Darxes zurück. Er trug eine silberne Schale mit Früchten und biss in eine saftige Orange, die er in der anderen Hand hatte. Er setzte sich an den Rand des Teiches und reichte Varka die Schale.

»Bediene dich«, sagte er.

Dankend nahm Varka eine Orange und begann sie zu schälen. Es fiel ihm schwer, seine Neugier zu verhehlen. Darxes schien das gleiche sorglose Müßiggänger-Leben zu führen wie die jungen Leute, unter denen Varka gelebt hatte. Verstohlen musterte er den Herrn der Unterwelt, der sich gerade eine neue Orange nahm Seine Kleidung war unglaublich. Die vielen Farben seiner Gewandung kleideten ihn gar nicht übel, doch in einer anderen Umgebung hätten sie gar nicht gepasst. Sein Wams war kunstvoll bestickt - die Gold- und Silberfäden waren wahrscheinlich echt -, und sein Hemd war von feinster Seide. Er trug keine Stiefel, sondern ging barfuß, und an seinen Fingern blitzten viele Ringe. Sein schwarzes Haar, das von einem gravierten Diadem gehalten wurde, war mindestens so lang und üppig wie Varkas.

Nur eins verriet, dass Darxes kein menschliches Wesen sein konnte - seine Augen. Darxes' Augen mit den schweren Brauen und den dichten, dunklen Wimpern waren von einer unbeschreiblichen, undurchdringlichen Tiefe, und sein Blick verriet eine Weisheit, die sehr viel älter war als die Menschheit.

Als Darxes sich von seiner Fruchtschale abwandte und sah, dass Varka ihn fasziniert betrachtete, lachte er. »Tauche wieder auf aus deiner Träumerei!«, sagte er. »Du wirst noch darin ertrinken.«

Varka fuhr zusammen, dann lachte auch er und schüttelte sich das Wasser aus dem Haar. Darxes lehnte sich an einen Felsen und wies auf den mit einem Vorhang verhängten Eingang zu der Nische, aus der er gekommen war. »Da drin wirst du etwas zum Anziehen finden.«

Varka nickte ihm dankend zu, schwamm zum Teichrand, kletterte hinaus und schlug den samtenen Vorhang beiseite.

In dem kleinen Raum lagen auf einer Plüschcouch ausgebreitet ein weiches Baumwollhemd, Kniehosen, ein kunstvoll verziertes Lederwams und Stiefel. Vor ihm stand ein langer Spiegel mit rauchigem Glas. Varka blieb einen Augenblick lang davor stehen und betrachtete sich, begutachtete die Wunde auf seiner Stirn und die vielen blaugefärbten Schrammen auf seinem Körper, dann nahm er das Hemd und zog es an.

Da hörte er ein scharrendes Geräusch und drehte sich hastig um. Er riss die Augen auf, denn in diesem Augenblick stiegen aus dem Spiegel, sich immer deutlicher materialisierend, zwei dunkelhaarige Frauen, die ihn aufreizend anlächelten. Er trat einen Schritt zurück.

»Was...? Wer...?«

»Unser Herr wünscht, dass wir dir behilflich sind«, sagte die eine Frau, die nun deutlich erkennbar vor dem Spiegel stand. Ihre Begleiterin kicherte leise.

Varka schluckte. »Darxes hat euch geschickt?«

»Ja. Wir sollen dir helfen.«

»Nun, ich weiß nicht, ob das schicklich ist«, murmelte Varka.

Die Frauen musterten ihn. Die eine trat auf ihn zu und half ihm, das Hemd anzuziehen. Ihm fiel auf, dass sie ungewöhnlich lange Fingernägel hatte. Und dann sah er mit Entsetzen, dass ihre Augen weder Iris noch Pupillen hatten, sondern rötlichschwarze Punkte waren, die unruhig brannten. Er fuhr zurück.

Das Mädchen öffnete seine sinnlichen roten Lippen und sagte: »Ich will dir dein Hemd zubinden.«

Varka warf einen Blick auf das andere Mädchen. Sie hatte die gleichen Augen, und als sie lachte, entblößte sie scharfe, spitze Zähne. Beide Mädchen erinnerten Varka an die gefürchteten Harpyien, wie der alte Aberglaube sie schilderte.

Das Mädchen band die Schnur, die sein Hemd zusammenhielt, und ihre Gefährtin brachte ihm die Kniehosen. Als sie ihm die Hosen reichte, presste sie sich mit ihrem sinnlich-üppigen Körper an ihn und streichelte seine Hüften und Schenkel. Doch Varka fühlte sich davon abgestoßen und schob sie fort. Sie fuhr sich mit der Zunge über die vollen Lippen.

»Gefalle ich dir nicht?«, fragte sie verführerisch.

Varka zwang sich zu einem Lächeln. »Ich habe im Augenblick andere Dinge im Kopf. Bitte geht.«

Schmollend gingen die Mädchen zum Spiegel. Sie verließen den Raum auf die gleiche Weise, wie sie gekommen waren, und verschwammen mit wiegenden Bewegungen im Glas wie prächtige, aber tödliche Schlangen. Noch einen Augenblick lang betrachtete Varka den leeren Spiegel. Dann zuckte er die Schultern und kleidete sich rasch an.

Als er wieder aus der Nische trat, wartete Darxes noch auf ihn. »Fühlst du dich jetzt besser?«

»Ja.« Varka warf einen Blick über die Schulter. »Diese beiden Frauen da drin - wer war das?«

»Du meinst, was war das.« Darxes lachte.

»Die Art, wie sie aufgetaucht sind, war so...«

»Ach, an dergleichen wirst du dich bald gewöhnen. Diese Frauen haben kein wirkliches, eigenes Leben, aber sie sind mir nützlich.«

»Sind es Elementargeister?« Varka erinnerte sich an manche abergläubischen Erzählungen, die er früher gehört hatte.

»In gewisser Weise.« Das klang ausweichend. »Achte nicht auf sie - komm mit mir und iss.«

Er führte Varka zu dem Tisch, den er schon vorher bemerkt hatte. Üppige, exotische Speisen, die er noch nie gesehen hatte, standen darauf.

Als Darxes sah, wie begeistert Varka war, lächelte er. »Ich verwöhne meine Gäste gern. Nimm Platz. Wir haben viel zu bereden.«

Varka ließ sich in einem bequemen Stuhl nieder und entspannte sich. Er hatte gebadet, trug neue Kleider und saß nun vor einem Tisch mit wahrhaft göttlichen Speisen. Was will ich mehr? dachte er, und dann stieg Lachreiz in ihm auf. Seine Lage war absurd. Man hatte ihn hingerichtet, ihn in eine Grube gestoßen - und nun saß er hier, verwöhnt und beschenkt, am Tisch derselben Gottheit, der man ihn geopfert hatte! Einen flüchtigen Augenblick lang überlegte er, dass es vielleicht nur die Wahnvorstellungen eines dem Irrsinn verfallenen Gemüts waren.

Darxes beobachtete ihn scharf. »Du hast ein quecksilbriges Gemüt, mein Freund«, sagte er plötzlich. »Innerhalb der letzten Sekunden hat dein Gesicht die verschiedensten Gefühle gespiegelt. Was denkst du?«

Varka lachte verlegen. »Oh - du musst mir verzeihen, ich versuche noch immer, mir über meine seltsame Lage klarzuwerden«, erklärte er. »Als ich verurteilt und hingerichtet wurde, war ich in dem festen Glauben, einem grausamen Tod entgegenzugehen. Und nie und nimmer hätte ich erwartet, all dies zu erleben!«

Darxes lächelte. »Ich verstehe, was du meinst. Und ich muss zugeben, Varka, dass ich zunächst nicht die Absicht hatte, persönlichen Anteil an deinem Schicksal zu nehmen.«

Überrascht blickte Varka ihn an. »Was...«

»Was meinen Sinn geändert hat?« Darxes pflückte einige Weintrauben von einer ganzen Traube ab und steckte sich eine in den Mund. »Man könnte es einen Anfall von Gewissenbissen nennen. Das plagt mich gelegentlich. Siehst du, trotz meiner Vorliebe für Paradoxe bin ich auch stolz auf meinen Sinn für Fairness und Gerechtigkeit. Und als ich die genauen Umstände deiner Verurteilung erfuhr, wurde mir klar.«

Er stockte, als er merkte, dass Varka ihm nicht zuhörte. Er starrte an Darxes vorbei zum anderen Ende der Höhle. Darxes drehte sich um und erblickte nun auch die geisterhafte Gestalt, die neben einem Springbrunnen im Schatten aufgetaucht war.

Langsam stand Varka auf. Sein Blick war verschleiert, und ein Ausdruck tiefer Freude lag auf seinem Gesicht.

»Aloethe!«, sagte er.

Es war also wahr. Keine Vision hatte ihn von der Grube hierher geleitet, sondern Aloethe selbst.

Ohne zu merken, dass Darxes ihm die Hand auf den Arm gelegt hatte, um ihn zurückzuhalten, begann er um den Tisch zu gehen. Doch starke Finger hielten ihn fest, und Darxes' Stimme riss ihn aus seiner Selbstvergessenheit. Verwirrt blickte er Darxes an, und nun sah er, dass der Gott traurig war.

»Varka, das ist nicht Aloethe. Ich weiß, es ist hart für dich, aber du musst mir vertrauen. Aloethe ist tot - das ist sie nicht.«

Varka schluckte hart. »Tot - aber...«

»Setz dich wieder hin, Varka«, sagte Darxes sanft, »ich werde es dir beweisen.«

Varka gehorchte stumm. Darxes wandte sich wieder zu der Gestalt um, die ruhig neben dem Springbrunnen stand, und winkte ihr.

Schweigend und mit einem Lächeln ging sie auf ihn zu. Varkas Blick war unverwandt auf sie gerichtet, doch als sie näher kam, runzelte er die Stirn. Ihr Haar war schwarz und üppig wie Aloethes, aber sie hatte ein ganz anderes Gesicht! Der letzte Funke irrationaler Hoffnung erlosch, als das Mädchen neben Darxes stand. Die Sehnsucht hatte seinen Blick verzerrt - wie hatte er sie nur einen Augenblick lang für Aloethe halten können?

Unglücklich wandte er den Blick ab, und Darxes lächelte das schweigsame Mädchen an. »Geh jetzt«, sagte er zu ihr. »Geh - deine Aufgabe ist erfüllt.«

Sie neigte den Kopf. Dann schien sie zu erzittern und löste sich in nichts auf.

Darxes lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Lange Zeit betrachtete er Varka, bevor er wieder sprach. Schließlich sagte er: »Sie ist fort. Nun iss etwas.«

Varka hob den Kopf und schaute auf die Speisen. »Verzeih mir - aber ich kann nicht.«

»Hast du wirklich geglaubt, es sei Aloethe?«

Varka nickte. »Ich glaubte, du - du könntest sie wieder zum Leben erwecken und herbeirufen.«

Darxes antwortete nicht gleich. Schließlich sagte er nur kurz: »Du hast noch eine Menge zu lernen.«

Beide schwiegen. Varka konnte keinen Gedanken fassen, und Darxes kämpfte einen heftigen Kampf zwischen seinem Sinn für strenge Gerechtigkeit und seinem Gewissen.

Sein Gewissen trug den Sieg davon.

»Varka, ich bin nicht allmächtig. Ich bin nur unsterblich. Aber wenn - ach, die Dinge sollen sich selbst erklären! Komm mit.« Er sprach so abgehackt, dass Varka erschrak. Doch er stand gehorsam auf und folgte dem Gott, als er die Stufen hinunter und durch die Höhle schritt bis zu einer Treppe, die im Zickzack an der Felswand emporführte und auf halber Höhe plötzlich endete.

Darxes zeigte auf die Treppe. »Steig bis zur letzten Stufe hinauf, Varka, und warte dort.«

Verwirrt tat Varka wie geheißen. Er war etwa fünf Stufen hinaufgestiegen, da begann das Licht schwächer zu werden. Dämmerung und schließlich völlige Finsternis umgaben ihn, als er höher hinaufstieg; das Rauschen der Springbrunnen verklang, und dann stand er auf der obersten Stufe, in völligem Schweigen und tiefer Dunkelheit, und wartete.

Plötzlich tauchte in gleicher Höhe mit seinem Kopf ein ovales, milchiges Licht vor ihm auf. Zuerst war es noch verschleiert, dann wurde es klarer, und ein Bild zeigte sich ihm.

Auf einer schmucklosen Bahre lag, von Dunkelheit umgeben, ein Mädchen mit fließendem schwarzem Haar. Ihre Hände waren auf der Brust gekreuzt, und auf ihrem Mieder waren getrocknete Blutflecke. Ihre Augen waren geschlossen, aber auf ihrem Antlitz lag kein Ausdruck des Friedens.

Varka bedeckte seine Augen mit einer Hand, drehte sich um und stolperte blindlings die Treppe wieder hinab. Als er Darxes erreicht hatte, der am Fuß der Treppe auf ihn wartete, war die Finsternis verschwunden und die Höhle wie vorher.

»Nun?«, sagte Darxes. »Was hast du gesehen?«

Varka blickte ihn an.

»Warum hast du mir so etwas gezeigt?«, rief er. »Hältst du das für einen Scherz? Bei allen hohen Mächten - genügt es denn nicht zu wissen, dass sie tot ist, musst du mich unbedingt noch daran erinnern?«

»Varka, beruhige dich!« Darxes fasste ihn bei der Schulter. »Varka, ich hatte nicht vor, dich zu verhöhnen. Ich wollte dir nur zeigen, wo Aloethe jetzt ist.«

»Soll das heißen, dass sie hier ist?« Varkas freudige Erregung war unverhohlen. Darxes seufzte und schüttelte den Kopf.

»Ich wünschte, sie wäre es. Dann wäre alles so viel einfacher. Doch selbst ich kann sie nicht herbringen, denn sie ist in Limbo.«

Varka kannte diese Legende. »Limbo? Die Welt des Übergangs zwischen Leben und Tod?«

»Ja. Dort ist sie.«

»Oh...« Varka setzte sich auf die unterste Treppenstufe. »Dann gibt es keine Hoffnung, sie wieder zurückzuholen. Das ist sogar noch aussichtsloser, als wenn sie wirklich tot wäre - oh, ihr Götter, nein!«

»Warte!« Darxes hob die Hand. »Hör mich erst an, Ziehe keine voreiligen Schlüsse, sonst wirst du nur feststellen, dass du in einem falschen Glauben gelebt hast.« Als er Varkas Miene sah, runzelte er leicht die Stirn. »Ich hatte eigentlich nicht vor, es dir zu erzählen, aber mein Gewissen quält mich wieder, und ich weiß, ich werde keinen Frieden finden, solange du die Wahrheit nicht kennst.

Es gibt einen Weg, wie du Aloethe in Limbo befreien kannst, aber er ist mit furchtbaren Gefahren gespickt, Wenn du versagst, gefährdest du nicht nur deinen Körper, sondern auch deine Seele.«

Bei den letzten Worten sprang Varka auf und rief: »Meine Seele! Es gibt nichts, was ich für sie nicht opfern würde! Du beleidigst mich!«

»Ach, das ist der Mut des Narren. Du bist noch jung... Nein, sieh mich nicht so an, ich wollte dich nicht kränken. Aber du springst in den Brunnen, ohne erst nachzusehen, wie tief er ist. Woher willst du wissen, ob die Gefahren deine Kräfte nicht übersteigen?«

Das war eine Herausforderung, und Varka war sich klar darüber. »Was für Gefahren es auch sein mögen, ich werde sie überwinden. Was muss ich tun?«

»Nur eins. Du musst Limbo finden.«





Viertes Kapitel: Der Herrscher





Das Selbstvertrauen und die Sicherheit, die sich in Varkas Miene spiegelten, waren plötzlich wie weggewischt. Überrascht schaute er Darxes an.

»Das meinst du doch nicht ernst?«

»Oh, doch. Es ist nicht unmöglich, aber wie ich schon sagte, ist es außerordentlich schwierig und gefährlich.«

»Aber Limbo existiert doch gar nicht wirklich!«

»Für euch nicht«, belehrte ihn Darxes, »aber für mich wohl. Limbo existiert auf seiner sonderbaren eigenen Ebene. Und für dich ist es durchaus möglich, dorthin zu gelangen, obwohl du ein Mensch bist.«

»Aber wenn ich Limbo suchen soll, kann ich das nicht allein zuwege bringen«, sagte Varka. »Ich habe nicht die leiseste Verstellung, wo ich beginnen, ja wonach ich eigentlich Ausschau halten soll.«

»Das weiß ich. Doch in Wirklichkeit hast du mit der Suche bereits begonnen, einfach dadurch, dass du hier bist. Von der Welt der Sterblichen aus wäre eine solche Reise unmöglich, aber hier liegen die Dinge anders.« Er lächelte. »Und ich kann dir helfen. Ich habe ein Geschenk für dich, das für dich von größerem Wert ist, als du dir vorstellen kannst, vorausgesetzt, du machst den richtigen Gebrauch davon.«

»Und was ist das?« Es schien Varka, als ziehe Darxes sich nun in eine orakelhafte Verschlossenheit zurück, und dieses Empfinden verstärkte sich, als der Gott auf seine Frage nicht einging, sondern ihn nur bat, zu seinem Platz am Tisch zurückzukehren und dort auf ihn zu warten.

Als Darxes schließlich wiederkehrte, trug er einen kleinen, in schwarzen Stoff gewickelten Gegenstand. Er legte ihn vor sich auf den Tisch.

»Was ist das?«, fragte Varka.

In Darxes' Stimme schwang Ehrfurcht, als er das Tuch zurückschlug. »Dies ist das Buch der Paradoxe. Es enthält alles, was du wissen musst, um den Weg nach Limbo zu finden. Wenn du Erfolg haben sollst, musst du es als deinen ständigen Führer betrachten.«

Mit diesen Worten enthüllte er ein kleines, schmales, in grünes Leder gebundenes Buch. Deckel und Rücken waren leer, kein Titel, keinerlei Inschrift.

Darxes reichte Varka das Buch. »Nimm es. Es ist jetzt dein rechtmäßiges Eigentum. Mache guten Gebrauch davon, und es wird dir seinen Wert erweisen.«

Varka nahm das Buch und schlug die erste Seite auf. Er runzelte die Stirn. Er blätterte das Buch durch und schaute dann Darxes an. In seinem Blick mischten sich Verwirrung, Ungläubigkeit und aufkeimender Zorn. »Aber es steht ja nichts darin!«, rief er. »Kein einziges Wort!«

»So ist es«, erwiderte Darxes ruhig. »Du musst das Buch der Paradoxe selbst schreiben.«

Varka schlug das Buch mit einem Knall zu. Mühsam kämpfte er seinen Zorn nieder. Bei den Hörnern von Baalberith , dachte er, er hat mich zum Narren gehalten!

»Nein, ich habe dich nicht betrogen.« Als Darxes das sagte, war Varka gerade im Begriff aufzustehen, doch der Gott winkte ihm, sich wieder zu setzen. »Ich weiß, was du denkst. Aber wenn du in solchen Dingen erst besser bewandert bist, wirst du verstehen, dass das, was ich gesagt habe, kein Paradox war und dass es auch nicht außerhalb deiner Macht liegt.«

Varka sank auf seinen Stuhl zurück.

»Um das Buch der Paradoxe zu schreiben«, fuhr der Gott fort, »musst du schauen, hören und lernen. Auf deiner Reise wirst du viele Leute treffen, manche werden dir freundlich gesinnt sein, manche nicht. Doch du sollst allen die gleiche Aufmerksamkeit schenken. Sie werden dir - vielleicht nicht in direkter Weise - sagen, was du schreiben sollst. Ihre Worte werden dir widersinnig und daher unmöglich erscheinen, doch bevor du deine Reise fortsetzen kannst, musst du jedes Paradox lösen. Beginnst du nun zu begreifen?«

Varka zuckte hilflos die Schultern. »Ich verstehe, was ich tun muss, ja - aber... Darxes, geschieht all dieses wirklich , oder bin ich verrückt? Das ist der Stoff, aus dem Mythen und Legenden entstehen!«

»Ja.« Darxes lächelte freundlich. »Vielleicht ist es so. Vielleicht führt es auch zu nichts. Dann wirst du für alle Zeiten vergessen sein. Und was die Frage betrifft, ob du verrückt bist - nun, das kannst nur du beantworten. Außerdem ist Wahnsinn etwas Relatives.«

»Darxes, mir dreht sich der Kopf!«

Darxes lachte laut auf. »Umso besser! Dann kannst du ihn dort anhalten, wo du es für richtig hältst. Varka, mein armer Freund, vergib mir! Ich bin ein abscheulicher Gastgeber. Ich sollte mich nicht über dich lustig machen. Ernsthaft - hast du deine Entscheidung getroffen? Willst du dem Weg folgen, auf den dich das Buch der Paradoxe führt, und Limbo suchen?«

»Wenn ich es tue - kann ich denn sicher sein, dass ich es finde?«

Der Gott verschränkte seine Hände ineinander und betrachtete seine Daumen. »Ich kann nichts versprechen. Dein einziges Kriterium kann nur dein eigener Verstand sein.«

»Dann werde ich gehen«, antwortete Varka entschlossen.

Darxes schaute auf. Er lächelte und fasste Varkas Hände. »Wohlgesprochen! Dann stärke dich erst, und wenn du gegessen hast, werde ich dir zeigen, wo du deine Reise beginnen musst.«

»So bald schon?«

»Warum Zeit vergeuden, wenn die Zeit keinen Inhalt hat? Und jetzt iss etwas.«

Sie begannen nun endlich zu essen und unterhielten sich dabei über Belanglosigkeiten. Doch ganz tief innen quälte Varka eine brennende Frage, die ihn nicht zur Ruhe kommen ließ, und schließlich platzte er damit heraus.

»Darxes«, fragte er, »warum hast du all das für mich getan? Du sagtest, es sei zunächst nicht deine Absicht gewesen, dich einzumischen, als die Priester mich in die Grube warfen - warum hast du deine Meinung geändert?«

»Du bist für ein Verbrechen zur Verantwortung gezogen worden, das du nicht begangen hast. Dein Urteil war barbarisch und unmenschlich und roch förmlich nach Korruption. Als ich davon erfuhr, war ich empört, dass die Priester, die angeblich meine Gesetze hüten, ohne die geringsten Gewissensbisse so handeln konnten.« Er lächelte verlegen. »Ich konnte die Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen, denn das wäre ebenso schlimm gewesen, wie wenn ich ihre Handlungsweise gebilligt hätte. Da hat sich wieder mein Gewissen eingemischt - eines Tages wird es noch mein Verderben sein!«

»Für dich bedeutet es vielleicht Verderben«, sagte Varka bewegt, »für mich war es die Rettung!«

Darxes seufzte. »Arme Aloethe... so unschuldig. Ich werde sonderbar traurig, wenn ich an sie denke, Varka, und ich weiß nicht, warum. Es ist, als ruhe etwas in meinem Gedächtnis, das nicht ans Tageslicht kommen will - irgendeine Parallele, die ich vergessen habe Er schüttelte den Kopf. »Aber das kann nicht wichtig sein. Varka, ich sehe, dass du nicht mehr ißt. Bist du satt?«

»Ja, völlig.«

»Gut! Dann wollen wir es nicht mehr länger aufschieben. Komm mit mir, irgendwelche Vorbereitungen sind nicht vonnöten. Ich werde dir zeigen, wohin du gehen musst.«

Sie verließen den Tisch und gingen die Treppe hinunter. Als sie durch die weite Höhle schritten, ergriff Varka plötzlich eine Erregung, die sich mit unbestimmten Ahnungen mischte. In der Hand hielt er das Buch der Paradoxe, doch erst jetzt machte er sich Gedanken, was dieses Buch eigentlich vermochte. Darxes hatte gesagt, es würde von unschätzbarem Wert für ihn sein, doch nur, wenn er die Paradoxe, mit denen er konfrontiert wurde, mit Hilfe seines Verstandes zu lösen wusste. Mache einen guten Gebrauch davon, hatte Darxes zu ihm gesagt, und es wird dir seinen Wert erweisen. Und wenn ihm das nicht gelang? Eine zweite Chance würde es für ihn nicht geben.

Varkas Sorgen wurden plötzlich in den Hintergrund gedrängt, als er sah, wie Darxes eine Tür öffnete; er wusste, dass es für eine Umkehr nun viel zu spät war. Durch die Tür sah er einen roh in den Felsen gehauenen dunklen Tunnel, und er erkannte, dass es dieselbe Tür war, durch die er die Höhle betreten hatte. Das schien eine Ewigkeit zurückzuliegen.

Sie betraten den Tunnel, und Darxes schloss die Tür. Sie standen wieder im Dunkeln.

»Gehen wir zur Grube zurück?«, fragte Varka nervös. »Nein. Dieser Tunnel führt, wohin ich will. Wir gehen zu einem ganz anderen Ort.«

Darxes schritt den schmalen Tunnel entlang, und Varka folgte ihm zögernd. Es war stockfinster, und als Varka sich mühselig vorwärts tastete, stolperte er plötzlich über eine Unebenheit des Bodens und blieb fluchend stehen.

Aus dem Dunkel drang Darxes' Stimme zu ihm. »Bist du verletzt?«

»Nein - aber ich sehe die Hand nicht vor den Augen!«

»Ach, ich habe nicht daran gedacht, dass du ein Sterblicher bist. Du brauchst wohl eine Fackel?« Und unvermittelt erschien in Varkas Hand eine lodernde Pechfackel, die flackerndes Licht auf die Wände warf. Varka fuhr heftig zusammen. »Ich - ich danke dir!«

»Nicht nötig. Komm, es ist nicht weit.«

Varka umklammerte die Fackel fest mit der einen Hand und, das Buch der Paradoxe in der andern, folgte er Darxes den nun abschüssigen Gang entlang.

Plötzlich weitete sich der Tunnel, und sie standen auf einem langen, breiten Felsstück, das über einen dunklen See hinausragte. Die Felsendecke über ihnen war schwarz, der See riesig, und an der Wand, vor der sie standen, flackerten in Abständen weitere Pechfackeln, die am Felsen befestigt waren. Zu ihrer Rechten ragten Stalagmiten wie schattenhafte Büschel aus dem Wasser. Es war ein unheimlicher Ort, und ein Schauder überlief Varka.

»Was für ein See ist das?«, flüsterte er Darxes zu. »Muß ich ihn überqueren?«

Darxes antwortete mit einer weiteren Frage: »Bist du ein guter Seemann? Dort ist dein Schiff.«

Er deutete nach unten. Als Varka über den Rand des Felsens spähte, sah er ein kleines Boot, das sich in der trägen Dünung wiegte und immer wieder an eine Treppe stieß, die von dem Felsen zu dem dunklen See hinunterführte.

»Dieses Boot wird dich zur ersten Station deiner Reise bringen«, erklärte Darxes. »Du wirst darin einen Umhang und einige Vorräte finden. Du schaust unschlüssig drein, Varka. Hast du Angst?«

Varka wurde rot. »Nein - nein, ich habe keine Angst.« Er zitterte.

»Dann muss ich dir noch etwas sagen. Das Boot wird dich zu einem Fluss bringen, und an diesem Fluss wirst du einen alten Mann treffen, der angelt. Lass dein Boot dort zurück und geh zu ihm ans Ufer. Frage ihn, wo es nach Limbo geht, und folge dem Weg, den er dir zeigt. Das ist alles, was ich dir sagen kann - von nun an muss das Buch der Paradoxe dein Führer sein. Lass es keine Sekunde aus den Augen, Varka, denn sein Wert ist unschätzbar.«

»Ich versichere dir, ich werde es nicht aus den Augen lassen.«

Darxes legte eine Hand auf Varkas Schulter und hielt ihn so eine lange Zeit fest. »Ich wünsche dir alles Gute, mein Freund.«

Varka murmelte einen Dank. Er war fast traurig. Zwar hatte er nun neue Hoffnung, Aloethe zu finden, empfand aber inzwischen eine fast brüderliche Zuneigung für Darxes und bedauerte, dass sie sich trennen mussten.

Er stieg die Stufen zum Boot hinab. Es schwankte stark, als er einstieg. Er setzte sich in die Mitte des Bootes. Er steckte die Pechfackel in einen Halter am Bug und schob das Buch der Paradoxe unter seinen Arm.

In dem flackernden Licht wirkte Darxes' Gestalt auf dem Felsvorsprung fast unwirklich. Varka löste die Leine und schaute nach oben.

»Werden wir uns wiedersehen?«

»Ich glaube, ja. Leb wohl, Varka, und mögest du rasch ans Ziel gelangen!«

Eine plötzliche Strömung ergriff das Boot, dass es sich im Kreise drehte, und zog es von seinem Ankerplatz fort auf den See hinaus. Es folgte der Strömung und fuhr gleichmäßig dahin.

Darxes stand noch immer auf dem Felsen, eine Hand zum Gruß erhoben. Varka schaute nach ihm aus, bis die hochgewachsene Gestalt des Gottes von der zunehmenden Düsternis verschluckt wurde.






Fünftes Kapitel: Der Hohepriester




Allmählich schwand auch das letzte schwache Licht um den Felsen. Varka wurde kalt, und er fühlte sich unendlich einsam Er tastete den Boden des Bootes ab und fand tatsächlich einen Umhang - ein schweres, dickes Ding aus irgendeinem Pelz; er hielt es für einen Wolfspelz. Er wickelte sich hinein und nahm das Buch der Paradoxe in die Hand. Und nach einer Weile begann er sich besser zu fühlen.

Wenige Minuten später fiel das Licht der Fackel auf eine Felswand, die unmittelbar vor ihm aufragte. Varka hielt den Atem an, denn es sah so aus, als ob das rasch dahingleitende Boot an ihr zerschellen müsste, doch im letzten Augenblick drehte es bei und fuhr wie suchend an ihr entlang.

Und das Boot fand, was es suchte - eine Öffnung in der Wand, einen Tunnel, in den die Strömung schäumend floss und in den auch das Boot eintauchte.

Es war eine ungestüme Fahrt. Die Fahrrinne war schmal, und die heftige Strömung warf das Boot alle Augenblicke mit Krachen und Scharren gegen die Felswände, und schon bald wurde Varka seekrank. Das Licht der Fackel huschte zerrissen über die zerklüfteten Felswände, von denen ein schwacher, phosphoreszierender Schimmer ausging.

Wieder erschauerte er, doch diesmal nicht vor Kälte. Das scharfe Licht der Fackel warf in der Finsternis groteske Schatten, die vom Uferstreifen der Fahrrinne auf ihn zu hüpften und tanzten. Das heißt, er war nicht ganz sicher, ob es Schatten waren...

Varka verwies sich derartige Gedanken, setzte sich tiefer ins Boot und hielt den Blick nur noch geradeaus gerichtet. Er schrak zusammen, als es neben ihm klatschte, sagte sich dann aber, es sei nur ein plötzlicher Strudel oder ein Fisch. Gab es denn Fische oder irgendeine Art von Lebewesen in diesem Fluss?

Mit einer fast perversen Faszination versuchte er sich vorzustellen, welche Lebensformen in dem Fluss, auf dem er fuhr, wohl zu finden sein mochten. Falls es Lebewesen darin gab, wovon ernährten sie sich? Wahrscheinlich fraßen sie sich gegenseitig auf oder machten sich über die Reisenden her, die sich auf diesen Weg verirrt hatten...

Plötzlich scholl aus dem dunklen Tunnel vor ihm eine Stimme an seine Ohren.

»He, Fremder!«

Hastig setzte Varka sich auf, zögerte aber zu antworten.

»He, du da! Fahr langsamer! Langsamer, sage ich!«

Allmählich erkannte Varka in der Dunkelheit eine Stelle, wo der Uferstreifen ein wenig ins Wasser hineinragte, und dort kauerte ein alter Mann. Er winkte dem Boot heftig abwehrend entgegen - Varka erkannte den schwachen silbrigen Schimmer einer Angelrute, die von der Strömung straff gespannt war. In wenigen Augenblicken musste das Boot auf sie stoßen.

»Halt dein Boot an!«, schrie der alte Mann. »Dummkopf, du wirst meine Rute zerreißen!«

Varka stand auf, lehnte sich vorsichtig über den Bootsrand und hielt sich an einem vorspringenden Felsbrocken fest. Das Boot schwang heftig herum und krachte an den Rand der Fahrrinne. Varka sprang hinaus, auf den schlüpfrigen Felsen. Einen Augenblick lang schaukelte das Boot hin und her, dann fuhr es unter der Angelrute durch und sauste weiter den Fluss entlang. Die kostbare Fackel und Vorräte nahm es mit.

Varka zog seinen Umhang fester um die Schultern und trat auf den alten Mann zu, der vorwurfsvoll aufschaute.

»Was soll man dazu sagen!«, rief er. »Und wenn du meine Angelrute zerrissen hättest - wo hätte ich wohl eine neue hernehmen sollen, eh?«

Er trug eine schmutzige graue Kutte, und sein Gesicht war halb von der Kapuze verdeckt. Ein struppiger weißer Bart fiel bis auf seine Brust.

»Wenn du schon da bist«, fuhr er verdrießlich fort, »dann steh nicht glotzend herum. Setz dich!«

Varka ließ sich neben ihm auf den glitschigen Felsen nieder. Das wird schwierig, dachte er. Der alte Mann war offensichtlich nicht gerade bester Laune, und möglicherweise weigerte er sich, Varkas Frage zu beantworten. Varka versuchte, in ein freundliches Gespräch mit ihm zu kommen.

»Wonach angelst du?«, fragte er liebenswürdig. »Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten!« Varka versuchte es nochmals: »Ich hätte nicht geglaubt, dass es in diesem Wasser viele Fische gibt.«

Der alte Mann kicherte. »Gibt es auch nicht. Wer bist du, Dummkopf? Weißt du denn nichts über diesen Fluss?«

»Ich bin fremd hier«, erwiderte Varka entschuldigend. »Aha! Hab' ich's mir doch gedacht! Woher kommst du?«

Darauf zu antworten, war nicht leicht. Varka machte zweimal einen stockenden Anlauf. Der alte Mann schüttelte sich vor Lachen.

»Dummkopf! Das bist du! Jedenfalls - ich habe keine Zeit, mit schafsköpfigen Neulingen zu reden. Mach, dass du wegkommst!«

Mühsam bezwang Varka seinen aufsteigenden Zorn. »Ich will dich nicht aufhalten, Alter«, sagte er kühl. »Sag mir nur eins: Wo ist der Weg nach Limbo?«

»Was? Wo? Limbo?«

»Limbo, ja. Kennst du den Weg?«

»Das schon. Aber warum sollte ich ihn dir sagen?«

»Weil es ungeheuer wichtig für mich ist, dass ich dort hinkomme!«, rief Varka.

»Wichtig für dich vielleicht«, erwiderte der Alte. »Aber nicht für mich. Und deshalb sage ich es dir nicht. Nein, ich sage es nicht!« schloss er dickköpfig.

Varka stand auf; er wäre auf dem schlüpfrigen Uferstreifen fast ausgeglitten. »Du seniler alter Narr!«, schrie er, nicht mehr fähig, seine Wut zu zügeln. »Ich würde dir am liebsten deinen mageren Hals umdrehen!«

Der Alte kicherte wieder. »Und warum tust du's nicht? Nur - wenn ich tot bin, kann ich dir den Weg nicht mehr sagen, nicht wahr? Vielleicht wäre es ganz interessant, zu sterben... Ja, ich glaube, es würde mir Spaß machen!«

Varka starrte ihn an. »Du bist verrückt!«, sagte er.

Der alte Mann lachte, dass es im Tunnel widerhallte.

»Habe ich dir nicht gesagt, wonach ich hier angle? fragte er, als er wieder zu Atem gekommen war.

»Nein«, antwortete Varka, und ihm wurde plötzlich unbehaglich.

»Soso!« Der alte Mann rutschte noch tiefer in sein Kutte; listig blinzelten seine Augen aus der Kapuze »Nun ja - ich angle hier nach meinem Verstand!«

Ihre Blicke trafen sich, und als Varka auf dieses hagere Gesicht mit den kleinen, glitzernden Augen schaute, wusste er, dass der Alte verrückt war.

Er trat zur Tunnelwand zurück. Plötzlich packte ihn furchtbare Verzweiflung. Er saß hier, so nah und doch so weit von seinem Weg entfernt, in der Falle. Mit einem senilen Wahnsinnigen, der ihm den Weg nicht zeigen wollte oder konnte. Fieberhaft schaute er den Tunnel entlang, konnte aber keine Abzweigung entdecken.

Als er den Schrei des alten Mannes hörte, fuhr er herum. Die Gestalt in der Kutte machte am Uferrand wilde Freudensprünge, denn die Angelrute, die sie in der Hand hielt, hüpfte und zuckte unregelmäßig.

»Ich hab' ihn!«, kreischte der Alte. »Hilf mir!«

Varka lief zu ihm und packte die zuckende Angel. Wenn der verrückte Alte die Wahrheit gesagt hatte, konnte er den Weg vielleicht doch noch finden...

Gemeinsam zerrten sie an der Angel, doch unten im Wasser zog etwas mit gleicher Kraft und hätte sie um ein Haar in den Fluss gezogen. Sie stemmten sich dagegen und begannen langsam, Stück um Stück, die Angelschnur aufzuwinden.

Immer wieder rief der alte Mann ein Wort, das wie Magalan klang, aber Varka wusste nicht, was es bedeutete. Und dann begann der Fluss zu brodeln und zu schäumen - es klang wie siedendes Wasser in einem riesigen Kessel.

»Magalan!«, schrie der alte Mann wieder, und als dieses Wort in dem allgemeinen Getöse unterging, taucht ein riesiger Körper aus der schaumbedeckten Wasseroberfläche auf.

Varkas Schreckensschrei ging in dem markerschütternden Gebrüll, das die Luft erfüllte, unter. Ein formloser Kopf, zweimal so groß wie ein Menschenkopf tauchte auf. Er hatte einen krummen Schnabel, mit dem er wütend schnatterte, und ein einziges rotes Auge, das suchend über die Tunnelwände glitt, um die zu entdecken, die ihn gestört hatten.

Varka stand wie versteinert an der Felswand und beobachtete hilflos, wie erst ein großer Fangarm aus dem Wasser schnellte und wütend an die Mauer schlug, dann ein zweiter, dann ein dritter...

»Magalan!«, schrie der alte Mann, sprang am Ufer hin und her und gestikulierte wild vor einem vierten Fangarm, der sich drohend erhoben hatte. »Magalan, du gottloser Schleimbewohner! Gib zurück, was mir gehört!«

Das Ding brüllte wieder, und Varka sah, dass die Spitze des vierten Fangarms um ein kleines, schwarzes Eisenkästchen gewunden war, dessen Anblick den alten Mann unsäglich aufregte. Varka sah, dass Magalans einziges Auge sich auf den Alten heftete; der Schnabel öffnete sich noch weiter. Er wollte dem Alten ein paar warnende Worte zurufen, aber sie blieben ihm in der Kehle stecken.

»Magalan, du Abschaum des Abschaums - gib mir das Kästchen!«

Varka sprang vor.

Der alte Mann war sich der Gefahr, in der er schwebte, als ein Fangarm sich von der Wand auf ihn zubewegte, nicht bewusst, doch Varkas hastige Bewegung lenkte Magalan ab. Das Auge richtete sich auf ihn, und blitzschnell sauste der Fangarm herüber und umschlang Varka in der Mitte.

Er schrie auf; das Buch der Paradoxe wurde ihm aus der Hand geschleudert und landete ein paar Meter weiter auf dem Felsen. Magalan knurrte bösartig und wickelte den Fangarm immer fester um Varka.

»Hilf mir!«, stieß Varka keuchend hervor.

Der alte Mann drehte sich um Mit wenigen Sätzen war er bei Varka und zog ein kurzes Schwert aus seiner Kutte. Mit wüsten Verwünschungen gegen das Flussungeheuer schlug er blindlings zu, wobei er den Fangarm jedoch verfehlte und fast Varkas Arm abgeschlagen hätte. Die anderen Fangarme peitschten das Wasser, und heulend vor Wut schleuderte Magalan das schwarze Kästchen auf seine Feinde.

Der Kasten traf Varka am Kopf, so hart, dass der Tunnel sich um ihn drehte. Er wollte wieder um Hilfe rufen, aber der Fangarm presste ihm die Luft ab, er brachte keinen Ton heraus.

Der alte Mann hatte sich auf den Kasten gestürzt und schlug mit seinem Schwert darauf ein. Varkas verzweifelten Versuchen, seine Aufmerksamkeit zu erregen, schenkte er keine Beachtung. Rote Flecke tanzten vor Varkas Augen, Übelkeit stieg in ihm auf; er bekam keine Luft mehr, und seine Knochen krachten.

Unter Triumphgeschrei brach der Alte den Kasten auf, doch Varka hörte es nicht mehr. Noch wenige Augenblicke, und er würde nur noch ein zerquetschter, blutender Klumpen sein. »Darxes«, stieß er mit letzter Kraft hervor, »Darxes - hilf mir!«

Da blitzte ein Schwert über dem Fangarm, und schwarzes Blut sprudelte aus einer tiefen Wunde. Varka öffnete die Augen und sah, dass der alte Mann abermals das Schwert schwang, und Magalans furchtbarer Schmerzensschrei dröhnte ihm in den Ohren.

Wieder blitzte das Schwert auf, Blut spritzte Varka ins Gesicht und die unbarmherzige Klammer lockerte sich. Der Fangarm war halb durchgetrennt.

Noch ein Schwertstreich, abrupt ließ Magalan Varka fallen. Wie betäubt sank er aufs Ufer.

In seinem Schmerz und seiner Wut peitschte Magalan das Wasser schaumig auf. Vor ihm stand der alte Mann; die Kapuze war abgeglitten, und in den Händen schwenkte er das von schwarzem Blut befleckte Schwert hoch über dem Kopf.

»Magalan!«, schrie er. »Du übelstes Geschöpf aus dem Abschaum des Weltalls, der du alles hasst, was edel und rein ist! Ich befehle dir, zu deinem Schlamm zurückzukehren! Geh zurück in die Finsternis, aus der du aufgestiegen bist! Bei Ator, Athor, Aarlegor!«

Magalan stieß einen Schrei aus, der allmählich verebbte und sich in ein Wimmern wandelte. Die Fangarme zogen sich zurück. Mit einem letzten enttäuschten Heulen versank Magalan im Wasser und ließ nur eine ölige Schicht dicken, blutigen Schaumes zurück.

Als der Alte sich über Varka beugte, bewegte er sich nicht, sondern schaute ihn nur an.

Der Wahnsinn war geschwunden - freundliche braune Augen blickten auf Varka herab.

»Mein Freund, ich bin in deiner Schuld - und bitte dich, mir zu verzeihen. Ich hätte dir früher zu Hilfe kommen müssen, aber solange der Kasten nicht geöffnet war, hatte es keinen Zweck.«

Varka musterte ihn argwöhnisch. »Spielst du mir wieder einen Streich?«

»Nein - bitte - ich bin nicht mehr verrückt. Ich erinnere mich nicht mehr, was sich zwischen uns zugetragen hat, aber ich lese in deinem Gesicht, dass ich dich erzürnt habe. Es tut mir leid.«

Mühsam richtete Varka sich auf. »Der schwarze Kasten«, sagte er. »War das...«

»Ja, es war das, wonach ich so lange gesucht habe. Nun bin ich wieder ich selbst.« Er streckte eine knochige Hand aus und half Varka auf. »Du bist in einem üblen Zustand«, sagte er. »Bist du schwer verletzt?«

»Nein, ich glaube nicht. Und ich danke dir für deine Hilfe. Das Biest hätte mich um ein Haar erwürgt.«

»Magalan ist ein abscheuliches Untier. Doch glücklicherweise gibt es drei mächtige Namen, denen er gehorcht. Leider wusste ich die Namen erst wieder, als ich das Kästchen aufgebrochen hatte. Und nun erinnere ich mich... ich erinnere mich sehr gut.«

Voll Abscheu betrachtete Varka das dunkle fließende Wasser. »Das freut mich für dich. Gibt es hier viele Ungeheuer?«

»Ein paar, aber die meisten sind friedlich. Doch höre, mein Freund - wir sind einander zu Dank verpflichtet, und ich weiß nicht einmal deinen Namen. Ich heiße Haemiron. Man nennt mich einen Klausner.«

Varka nahm die Hand, die Haemiron ihm entgegenstreckte. »Mein Name ist Varka.«

»Ich sehe, Varka, dass du hier fremd bist. Was hat dich zu diesem Fluss geführt?«

Und wieder stellte Varka seine Frage, diesmal mit mehr Hoffnung und Zuversicht: »Ich suche den Weg nach Limbo.«

»Nach Limbo?« Haemiron war überrascht. »Ein sonderbares Verlangen! Wie ich gehört habe, ist das kein gastfreundlicher Ort.«

»Aber ich habe einen zwingenden Grund, warum ich ihn finden muss. Kannst du mir helfen?«

»Das kann ich - denn du musst selbst wissen, was du tust. Doch erst musst du dich waschen. Dein Gesicht ist verschmiert von Magalans Blut.«

Varka fasste an seine Wange; sie fühlte sich klebrig an. Er beugte sich über den Uferrand und spritzte sich das eiskalte Wasser über Gesicht und Arme, bis alle Spuren seines Kampfes mit dem Ungeheuer getilgt waren.

Als er sich aufrichtete, stand Haemiron einige Schritte von ihm entfernt. Er hielt das Buch der Paradoxe in der Hand und betrachtete es eingehend. Beim Anblick des kostbaren Buches spürte Varka einen schuldbewussten Stich. Haemiron schien das zu merken, denn er schaute auf.

»Gehört das dir?«

»Ja.«

»Das habe ich mir gedacht.« Haemiron lächelte und reichte Varka das Buch. »Da ist etwas, was ich dir sagen muss, Varka, und du kannst daraus machen, was du willst.«

»Was ist es denn?« Varkas Haut prickelte vor Erregung, als ihm Darxes' Worte einfielen: »Du wirst viele Leute treffen - allen sollst du die gleiche Aufmerksamkeit schenken, denn sie werden dir sagen, was du schreiben sollst...«

Haemiron schaute mit durchdringendem Blick auf das

Buch. »Nur dies: Den Prinzen, der ohne Königreich ist, wird man für etwas kennen, was er nicht ist.« Er seufzte. »Ich habe das seit langem gewusst. Du musst selbst entscheiden, was es bedeutet.«

Varka antwortete nicht. Langsam öffnete er das Buch der Paradoxe, und seine Finger, die sich nach ihrem eigenen Willen zu bewegen schienen, blieben auf der ersten leeren Seite liegen. Laut wiederholte er Haemirons Worte, und während er sie aussprach, begannen sie sich auch vor seinen Augen zu bilden, bis sie schließlich in kühnen Schriftzügen vollständig auf der Seite geschrieben standen.

»Den Prinzen, der ohne Königreich ist, wird man für etwas kennen, was er nicht ist.«

Das Buch der Paradoxe klappte zu; das riss Varka aus seinen Gedanken.

Haemiron beobachtete ihn. »Kannst du dir einen Vers darauf machen?«, fragte er.

»Nein.« Varka schüttelte den Kopf. »Noch nicht. Aber ich habe Zeit. Zeigst du mir jetzt den Weg?«

Haemiron wandte sich um und ging ein paar Schritte am Ufer entlang. Bei einem Felsüberhang blieb er stehen und deutete auf eine schmale Spalte in der Tunnelwand, gerade breit und hoch genug, dass Varka sich hindurchzwängen konnte.

»Schau durch den Spalt«, sagte Haemiron, »dann siehst du den Weg.«

Varka trat auf den Spalt zu und schaute hindurch. Überrascht sah er auf der andern Seite eine weite, freie Landschaft. Er war überzeugt gewesen, dass der Fluss unterirdisch verlief. Doch es war eine öde, graue Winterlandschaft; über ihr wölbte sich ein drückender Wolkenhimmel, und der ausgetretene Pfad, der von dem Spalt fortführte, sah aus, als führe er nirgendwo hin.

Voller Zweifel wandte er sich zu Haemiron um »Das soll der Weg sein?«

»Ja. Er sieht vielleicht nicht so aus, aber er wird dich zu deinem Ziel führen.«

Es muss ein sehr einsamer Weg sein, dachte Varka. »Willst du mich nicht begleiten, Haemiron? Hier hält dich doch nichts mehr.«

Der Einsiedler schüttelte traurig den Kopf. »Ich fürchte, ich kann nicht mit dir kommen. Es wartet noch Arbeit auf mich. Das Land jenseits der Mauer ist nicht der rechte Ort für mich.« Er drehte sich um, hob den schwarzen Kasten auf und betrachtete ihn mit einem Ausdruck tiefen Bedauerns. Dann schien er zu einem Entschluss zu kommen und drückte den Deckel fest zu.

»Was tust du?«, rief Varka, von unerklärlicher Furcht erfüllt. Haemiron wandte den Kopf. Ein falsches Lächeln verzerrte seine Züge, und seine Augen glitzerten hässlich.

»Was wohl?«, sagte er mit schmeichlerischer Sanftheit.

»Ich gehe angeln!« Er holte weit aus und schleuderte das schwarze Kästchen in hohem Bogen in den Fluss. »Ich gehe angeln!«, kreischte er, und sein Schrei wandelte sich zu einem gackernden Gelächter, das von den Wänden widerhallte und in ein grauenhaftes Schluchzen überging, als er tränenüberströmt auf die Knie fiel.

Entsetzt wich Varka zurück, als Haemiron, noch immer schluchzend, mit der Faust an den Felsen schlug und alle Götter und Geister unter und über der Erde verfluchte. Dieser Anblick war Varka unerträglich, und er schrie auf. Hastig stieg er in den Spalt, quetschte sich hindurch, bis er das öde Moorland auf der anderen Seite erreicht hatte.

Er begann zu laufen. Er wusste nur, dass er, wenn er nicht selbst den Verstand verlieren wollte, vom Fluss und von Haemiron fort musste. Er zwang sich, nicht über die Gründe nachzudenken, die hinter Haemirons Handlungsweise steckten und ihn zu diesem furchtbaren, ewigen Schicksal verdammten - falls es in diesem widersinnigen Land überhaupt Gründe gab -, und rannte nur immer weiter.

Als er endlich seine Schritte verlangsamte und zurückschaute, war von dem Felsen nichts mehr zu sehen. Weit und breit erstreckte sich nur das Moorland, das sich in der Ferne mit den tiefhängenden Wolken vermischte.






Sechstes Kapitel: Die Liebenden (verkehrt)




Varka wusste nicht, wie lange er gewandert war. Da die Sonne nicht schien, hatte er jedes Zeitgefühl verloren, und nur seine schmerzenden Beine und wunden Füße sagten ihm, dass er viele Meilen zurückgelegt hatte.

Die Landschaft um ihn war unverändert. Graues, kümmerliches Gras breitete sich zu beiden Seiten des Weges auf dem welligen Gelände aus, nur hie und da von einem Geröllhaufen unterbrochen oder von einem schäbigen, niedrigen Busch, der sich gegen den bitterkalten Wind zu behaupten suchte. Kein Vogel flatterte unter der gleichmäßigen, dichten Wolkendecke dahin, und das einzige Tier, auf das er traf, war der halbverweste Kadaver eines Wildschweines, der neben dem Weg lag.

Er hatte lange über die sonderbaren Worte nachgedacht, die nun im Buch der Paradoxe geschrieben standen, war aber zu keinem Schluss gekommen. Wenn dieses offensichtlich unlösbare Paradox nur ein Vorgeschmack des Kommenden war, so waren seine Aussichten, Limbo zu finden, wahrhaftig gering. Doch er hatte diese Reise nun einmal begonnen, und nun musste er sie bis zum Ende durchführen oder untergehen.

Der Wind pfiff durch seinen Umhang, und er zog ihn enger um sich. Um warm zu werden, schritt er rascher aus. Nahm dieser Pfad denn nie ein Ende?

Schließlich tauchte in der Ferne eine niedrige Hügelkette auf. Das Tageslicht begann zu verblassen, die Dämmerung kam herangekrochen und mit ihr kalter Regen. Es war nur ein kurzer Schauer, der zu den Hügeln weiterzog, doch als er aufhörte, war Varka durchnässt, erschöpft und verzagter denn je.

Die Hügel rückten immer näher, und er sah nun, dass der Pfad auf eine Senke zulief, die durch die Hügelkette führte. Aber als er sich so weit genähert hatte, dass die ersten Gipfel bereits zu seiner Rechten und Linken in die Wolken stießen, war das letzte Tageslicht geschwunden und die Dunkelheit hereingebrochen. Der Pfad war nur noch ein schmales Band, das sich zwischen den Hügeln hindurchwand. Wie ein Schlafwandler folgte Varka den Windungen und bemerkte das Haus daher auch dann noch nicht, als er schon fast auf gleicher Höhe mit ihm war. Erst als aus einem kleinen Fenster gelbes Licht an seine Augen drang, blieb er stehen und blickte hinüber.

Das Haus war klein und stand so tief in den Hügeln verborgen, dass es fast mit ihnen zu verschmelzen schien. Von dem gelben Kerzenlicht abgesehen, war das einzige Lebenszeichen eine dünne Rauchsäule, die schwankend vom Kamin aufstieg.

Varka stand lange Zeit zögernd da. Er hätte gern an die niedrige Tür geklopft und um ein Nachtlager gebeten, aber ihm fiel ein, dass die Bewohner das Auftauchen eines zerzausten Fremden zu so später Stunde mit Misstrauen betrachten würden. Doch andererseits -was hatte er bei einem Versuch zu verlieren? Es wurde immer kälter, die Aussicht, im Freien zu schlafen, war nicht verlockend.

Varka trat zur Tür und klopfte.

Es verging einige Zeit, bis endlich der Riegel klirrte, dann öffnete sich die Tür um einen Spalt, und eine Frau lugte hindurch.

»Ja?«, sagte sie gedehnt.

Varka räusperte sich. »Es... es tut mir leid, dass ich euch zu so später Stunde störe, aber ich brauche eine Unterkunft für die Nacht. Ich habe kein Gasthaus gefunden.

Die Tür öffnete sich noch um ein weniges, und die Frau musterte ihn in dem Licht, das vom Innern des Hauses kam Sie war in mittlerem Alter, hatte grobe Gesichtszüge und dichtes schwarzes Haar. Sie schien zu erschrecken, trat einen Schritt zurück und rief über ihre Schulter: »Gestrios! Komm schnell!«

Durch den Türspalt sah Varka, dass sie sich mit einem braunhäutigen Mann beriet, der offenbar ihr Ehemann war. Geduldig wartete er, bis die beiden an die Tür kamen.

Auch der Mann starrte nun Varka an, dann riss er plötzlich die Tür weit auf. »Mein Prinz!«, rief er und fiel auf ein Knie.

Verwundert bat Varka ihn, aufzustehen. Er versuchte zu erklären, dass er kein Prinz, sondern nur ein gewöhnlicher Reisender sei, doch sie hörten nicht auf ihn. Sie führten ihn in das Wohnzimmer und schoben ihm einen Stuhl neben das Holzfeuer. Sie nahmen ihm den nassen Umhang von den Schultern und brachten ihm einen hölzernen Hocker für die Füße. Und noch immer nahmen sie von seinen Versuchen, den Irrtum aufzuklären, keine Notiz, ja überschütteten ihn mit Entschuldigungen, weil ihr Haus kein besserer Aufenthalt für ihn war.

»Mein Prinz«, sagte der Mann schließlich, »ich bin Gestrios und arbeite hier als Förster. Mein Haus ist bescheiden, mein Mahl einfach, aber ich tue mit Freuden, was ich kann, um es dir bequem zu machen. Hast du noch einen Wunsch?«

Varka wollte endlich - und endgültig - klarstellen, dass ein Irrtum vorlag, aber irgendetwas hielt ihn davon ab, die Worte wollten ihm nicht aus dem Mund kommen. Dann fiel es ihm wieder ein.

»Den Prinzen, der ohne Königreich ist, wird man für etwas kennen, was er nicht ist.«

Das Paradox begann einen Sinn zu bekommen. »Ich - ich danke dir, Gestrios«, sagte er ernst, »deine Gastfreundschaft ist alles, was ich mir nur wünsche.«

Das dunkle, grob geschnittene Gesicht des Försters verzog sich zu einem Lächeln. »Ich danke dir, Prinz! Darf ich dir nun mein Weib vorstellen, Darima...«

Die Frau machte einen linkischen Knicks und murmelte: »Es ist mir eine Ehre, mein Prinz.«

»Und meine Tochter Katja«, fügte Gestrios hinzu. Erst jetzt bemerkte Varka, dass sich noch eine vierte Person im Zimmer befand. Auf den Wink ihres Vaters erhob sie sich nun, trat aus ihrer dunklen Ecke, näherte sich unsicher und knickste vor Varka. Sie war jung, hatte eine olivfarbene Haut und ebenso grobe Züge wie ihre Eltern, und ihr glattes, schwarzes Haar umrahmte ein Gesicht, dessen ehrfurchtsvoll blickende Augen viel zu groß waren.

»Mein Prinz«, flüsterte sie und zog sich dann wieder in ihre Ecke zurück, als fürchte sie sich, so nah bei ihm zu stehen.

Gestrios setzte sich auf eine Holzbank an der andern Seite des Feuers und stocherte in dem Holz, bis es heller brannte.

»Bitte verzeih uns unsere Verwirrung, Herr«, sagte er entschuldigend, »doch obwohl wir viel über deine Wanderschaft gehört haben, waren wir nicht darauf gefasst, dich je zu sehen oder gar die Ehre zu haben, dich beherbergen zu dürfen. Kommst du von weit her?« Der Mann schien mehr über ihn zu wissen als er selbst, und Varka lag nichts daran, sich als Scharlatan zu entlarven. Das war auch offenbar nicht der Rat, den das Buch der Paradoxe ihm gab.

Rasch überlegte er. »Ich habe einen weiten, anstrengenden Weg hinter mir, Gestrios. Darf ich deine Gastfreundschaft in Anspruch nehmen und mir den Staub der Reise vom Körper waschen?«

Gestrios sprang auf. »Oh, Herr, wo war ich nur mit meinen Gedanken! Katja, hol heißes Wasser! Darima -zeig unserm Herrn das Schlafzimmer oben!« Und zu Varka gewandt: »Mein Prinz, es ist nur ein armseliges Zimmer, aber einigermaßen bequem, und es ist alles, was ich dir bieten kann.«

»Ich bin sicher, es ist so angenehm, wie ich es mir nur wünschen kann«, erwiderte Varka. Eine Kerze in der Hand, führte ihn Darima über eine hölzerne Leiter zum oberen Stockwerk, in ein kleines, niedriges Zimmer, das ein Bett, einen Stuhl, einen Tisch und einen zersprungenen Spiegel enthielt. Katja folgte ihnen mit einer Holzschüssel voll dampfenden Wassers. Dann gingen die beiden Frauen knicksend hinaus und ließen ihn allein.

Endlich hatte er Zeit, sich zu sammeln und nachzudenken. Varka ging zu dem Spiegel hinüber und betrachtete sich darin. Sein Haar war nass und zerzaust, sein Gesicht von Schmutz und Staub des Moorlands verschmiert, die Kleider von dem Kampf am Fluss fleckig und zerknittert - einen fürstlichen Anblick bot er wahrhaftig nicht. Als er die Hände in das warme Wasser tauchte, dachte er: Die Lage, in der ich mich jetzt befinde, ist ebenso lächerlich, wie sie zuvor schon einmal war. Er warf einen Blick auf das Buch der Paradoxe. Nun ja, dachte er, was habe ich erwartet? Menschliche Vorstellungen und Werte auf diese seltsame Welt zu übertragen, war sinnlos; sie gehörten nicht hierher.

Als er Gesicht und Hände gesäubert hatte, setzte er sich auf das Bett, das quietschend protestierte, nahm das Buch zur Hand und öffnete es, um nochmals die Inschrift zu lesen. Doch es klappte bei der zweiten Seite auf, und zu seiner Überraschung stand dort nun noch mehr in der gleichen klaren Handschrift zu lesen. Die Überschrift lautete: »Die Legende vom Untergang der Stadt Kaih.«

Varka lächelte vor sich hin. Das Buch lieferte ihm nicht nur die einzelnen Glieder der Kette, die ihn zu Aloethe führen würde, sondern schien auch seine unausgesprochenen Fragen zu beantworten.

»In alten Zeiten besaß das Königreich Kaih große Macht. Kaih herrschte über alle und alles; über die Völker der Berge und die des Tieflands, über die verwunschenen Wälder des Jhamin, über die Küsten und Häfen mit ihren Kaufleuten und Sklavenhändlern. In der Stadt am gläsernen Meer regierten große Könige das Land mit Weisheit und Güte, und dort wurde auch Ranamar geboren, ein Königssohn, der seinem Vater rechtmäßig auf dem Thron folgte.

Doch Ranamar empfand Verachtung für die Art, wie seine Vorfahren geherrscht hatten, denn er war stolz und habsüchtig, und seine Untertanen hassten ihn. Unter seiner Herrschaft fiel das Königreich dem Chaos und der Zerstörung anheim, unter den einzelnen Ländern flammte Streit auf, und schließlich empörte sich Ranamars einziger Sohn gegen seinen Vater und stellte sich an die Spitze eines Bauernaufstands. Der junge Prinz wurde in einer blutigen Schlacht an den Ufern des gläsernen Meeres geschlagen und floh vor der Rache seines Vaters aus dem Königreich.

Doch mit ihm verließ auch das Glück endgültig das Land. Das Königreich und die umliegenden Länder fielen der völligen Zerstörung anheim, und Kaih, die Stadt am gläsernen Meer, wurde von ihrem wahnsinnigen Herrscher verwüstet. Als Ranamar starb, sprach er einen Fluch über seinen Sohn aus: Er solle durch die Länder ziehen und keinen Frieden mehr haben, bis er zu der Stadt zurückgekehrt sei, aus der er verbannt worden war. Diese Verwünschung stieß er im Namen des UNAUSSPRECHLICHEN aus, und es heißt, die Kräfte, die er damit entfesselte, waren so ungeheuerlich, dass die Welt aus dem Gleichgewicht geriet und Kaih und das gläserne Meer verschwanden.

Doch der zu ewiger Wanderschaft verdammte Prinz, der einzige Überlebende von Kaih, streift noch immer umher auf der Suche nach der Stadt, die er vor der Zerstörung retten wollte, und noch immer kennt er nicht Rast noch Ruhe, sondern nur Kummer und Sorgen. Ihn zu treffen, gilt als ein Omen, und jedermann, auch der Ärmste, soll dem Prinzen alles geben, was er besitzt. Nimmt er es an, wird sich alles zum Guten wenden; lehnt er es ab, wird Unheil über den Gebenden und sein Geschlecht kommen. Der Prinz ist schon von vielen gesehen worden, und es heißt, dass man ihn an seinem seltsamen, fremden Aussehen, dem hellen Haar und den schwarzen, gespenstischen Augen erkennen kann.

Die Stadt Kaih ist heute vergessen; in welcher Gegend sie gelegen hat, weiß niemand mehr, und unbekannt ist auch die Dimension, in der sie sich befindet. Doch die Legende berichtet, dass ihre Steine erst dann zu Staub zerfallen werden, wenn der ewig wandernde Prinz seine Heimat wiedergefunden hat und mit seinen Vätern vereint ist. Erst dann werden der Prinz und die Stadt Frieden finden.«

Hier endete der Text. In Gedanken verloren, ließ Varka das Buch sinken. Gestrios und seine Familie hatten ihn also für den Prinzen dieser Legende gehalten. Das erklärte auch, warum sie so außerordentlich besorgt um sein Wohl gewesen waren. Aber warum hatten sie ihn so bereitwillig für den Prinzen gehalten? Zwar hatte er helles Haar und schwarze Augen, aber wie ein Verfluchter, der die Sorgenlast von vielen tausend Jahren trug, sah er nicht aus.

Er empfand Mitleid für den echten Prinzen und sann darüber nach, ob er seine verlorene Stadt wohl je wiederfinden würde. Vielleicht bestand zwischen ihnen doch mehr als nur eine flüchtige Ähnlichkeit.

Mit einem Seufzer steckte Varka das Buch der Paradoxe in seinen Gürtel. Es schien sich an seine Hüfte zu schmiegen, als er aufstand, sein Wams glattzog und das niedrige Zimmer verließ, um wieder bei seinen Gastgebern zu sein.

Als er den unteren Raum betrat, war schon eine Mahlzeit für ihn bereitgestellt. Sie war einfach - knuspriges Brot mit Käse und Fleisch und ein Krug frisch gebrautes Bier. Doch nach seiner mühseligen Wanderung durch das Moorland erschien es Varka als ein königliches Mahl.

Nach dem Essen räumten Darima und ihre Tochter den Tisch ab, und die beiden Männer ließen sich vor dem Feuer nieder.

Varka hielt seine kalten Hände an die Glut. »Du sagtest, du seist ein Förster, Gestrios, aber ich habe keinen Wald gesehen. Wo arbeitest du?«

»Jenseits der Hügel, Herr, erstrecken sich Wälder nach Norden und Westen. Sie sind wild und ungastlich, aber ich kann sie nicht hassen, denn wir leben von ihnen.«

»Und was liegt hinter den Wäldern?«

Der Förster zuckte die Schultern. »Ich weiß es nicht. Die Wälder erstrecken sich viele Meilen weit, und über sie hinaus habe ich mich nie gewagt.« Stirnrunzelnd fügte er hinzu: »Niemand aus dieser Gegend geht tief in den Wald hinein. Er ist gefährlich, und man sagt, dass im dunklen Waldinnern seltsame Geschöpfe hausen.«

Varka überlegte, ob wohl die Legenden die Furcht der Leute vor dem Wald genährt hatten oder ob es sich umgekehrt verhielt. Laut sagte er: »Gestrios, ich bin auf der Suche nach einem bestimmten Weg. Solltest du ihn kennen, so wäre ich dankbar, wenn du ihn mir zeigtest.«

»Welcher Weg ist es denn?«

»Der Weg nach Limbo.«

Gestrios riss die Augen auf. »Limbo! Bei den Göttern, Herr, da bist du auf der Suche nach einem sehr seltsamen Weg!«

»Ich weiß, aber ich muss ihn finden. Weißt du, wo er ist?«

»Ich glaube schon, Herr«, antwortete der Förster. »Im nördlichen Wald gibt es einen Pfad, der erst zu einer wilden Gegend und von da nach Limbo führen soll. Ich kann dir sagen, wo er beginnt, aber mehr weiß ich nicht.« Stirnrunzelnd dachte er eine Zeitlang nach und fuhr dann fort: »Der Pfad liegt nördlich von diesen Hügeln, etwa eine halbe Tagesreise von hier entfernt, am Waldsaum zu beiden Seiten stehen zwei hochragende Steine.«

Varka stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. »Ich danke dir, Gestrios! Du hast mir alles gesagt, was ich wissen muss.«

Gestrios lächelte unsicher. »Darf ich fragen, Herr, warum du dahin gehen willst?«

»Oh... dafür habe ich meine Gründe. Man könnte sagen, es ist ein Weg, der mich zum Ziel führt.« Und das ist im Grunde sogar die Wahrheit, dachte Varka.

Der Förster nickte. »Ja, natürlich... vergib mir, Herr, falls ich ein unliebsames Thema angeschnitten habe.«

Varka winkte ab, hoffte aber insgeheim, dass der Förster keine solchen Fragen mehr stellen werde. »Keine Ursache«, sagte er und gähnte plötzlich. Darima warf ihrem Mann einen Blick zu.

»Der Prinz ist müde, Gestrios. Hör auf zu schwätzen und lass ihn ruhen.«

Varka lächelte ihr zu. »Ich danke dir, Darima, aber ich habe mich gern mit deinem Mann unterhalten. Allerdings bin ich tatsächlich müde.« Er gähnte wieder.

Gestrios stand auf. »Dann wünsche ich dir nun eine gute Nacht, Herr. Erlaube mir nur noch eine Frage: Wirst du uns morgen verlassen?«

»Ja, morgen früh.« Varka stand auf.

»Dann muss ich eine Warnung aussprechen, Herr. Wenn du aufstehst, werde ich wahrscheinlich schon fort und bei der Arbeit sein, daher will ich es jetzt sagen. Sobald du den Wald betreten hast, darfst du unter keinen Umständen stehenbleiben, sondern musst weitergehen, bis du zum anderen Ende gelangt bist.«

»Ich verstehe. Und was geschieht, wenn ich stehenbleibe?«

»Das weiß ich nicht, Herr. Aber du darfst auf keinen Fall rasten, auch nicht für kurze Zeit. Es bedeutet Unglück«, fügte er unbestimmt hinzu.

Varka ging zur Leiter. »Ich werde deinen Rat beherzigen und danke dir dafür. Gute Nacht, Gestrios, gute Nacht, Darima...« Er blickte sich nach Katja um, aber sie war nicht da, so lächelte er nur und kletterte müde die Leiter zu seinem Zimmer hinauf.

Er ließ seine Kleider einfach zu Boden fallen und legte sich auf das hölzerne Bett. Alles tat ihm weh vor Müdigkeit, aber trotz seiner Erschöpfung konnte er nicht einschlafen. Düstere Gedanken gingen ihm durch den Kopf.

Endlich fiel er in einen Halbschlaf, in dem seine Gedanken zu unruhigen Träumen wurden. Und mitten in diesem Zustand zwischen Wachen und Träumen sagte ihm plötzlich eine warnende Stimme tief innen, dass er nicht allein im Zimmer war.

Sofort war er hellwach und versuchte in der Dunkelheit den Eindringling zu erkennen. Es war vollkommen still, doch ein gewisses Etwas, das in der Luft lag, verriet ihm, dass sein Instinkt ihn nicht getäuscht hatte. Langsam tastete er nach seinem Messer...

Plötzlich unterbrach eine Stimme das Schweigen. »Herr, bist du wach?«

»Bist du es, Katja?« erwiderte Varka.

Er hörte das schabende Kratzen eines Feuersteins. Der Zunder knisterte, und ein winziges Licht erglühte, das aufflammte, als Katja die Kerze beim Spiegel anzündete. Die Balken an der Decke warfen tiefe Schatten, und als Katja auf Varka zutrat, fiel ihr Schatten über das Bett. Ihr sorgfältig gebürstetes Haar schimmerte, und sie hatte ihre Arbeitskleidung mit einem Kleid vertauscht. Sie wirkte nervös.

»Katja«, sagte Varka mit strenger Miene, »weiß dein Vater, dass du hier bist?«

Sie nickte. »Er hat mich zu dir geschickt, Herr. Ich soll dich fragen, ob - ob du noch etwas wünschst.«

Er lächelte. »Danke, ich habe alles, was ich brauche. Aber es ist sehr aufmerksam von dir. Gute Nacht, Katja.«

Aber Katja ging nicht. Sie blickte eine Weile auf ihre Füße, bemüht, die richtigen Worte zu finden. Schließlich schaute sie auf und sagte: »Ich bin hier, um zu fragen, ob - ob du mich willst, Herr. Es ist der Wunsch meines Vaters - und auch meiner.«

Varka war überrascht. Wollte Gestrios wirklich, dass seine Tochter die Nacht im Bett eines Fremden verbrachte? Bot er sie denn jedem Reisenden an, der zufällig bei ihm Unterschlupf suchte? Wenn es so war, was waren seine Beweggründe? Eine Heirat? Plötzlich dachte Varka an Aloethe, und das Herz tat ihm weh. Er hatte sich nicht auf die Suche nach der einzigen Frau gemacht, die er liebte, nur um sie mit einer anderen zu betrügen. Selbst wenn die Suche erfolglos blieb und er sie nie wiedersah, konnte nie eine andere ihren Platz einnehmen.

»Katja«, sagte er, »geh wieder zu deinen Eltern. Du bist ein gutes, liebes Mädchen, aber ich möchte die Großzügigkeit deiner Eltern nicht so schamlos ausnutzen.«

Verzweifelt schlug Katja die Hände vors Gesicht. »Ach, Herr, stoße mich nicht zurück!«, rief sie. »Die Legende sagt...« Unvermittelt brach sie ab.

Nun war ihm alles klar. Hatte er es nicht selbst vor wenigen Stunden gelesen? »Jedermann, auch der Ärmste, soll dem Prinzen alles geben, was er besitzt. Nimmt er es an, wird sich alles zum Guten wenden; lehnt er es ab, wird Unheil über den Gebenden und sein Geschlecht kommen.« Und da Gestrios wenig materielle Güter besaß, bot er dem Prinzen stattdessen seine Tochter an.

Varka stand vor einer schweren Entscheidung. Eine Ablehnung bedeutete, dass diese Familie, die so gut zu ihm gewesen war, von da in ständiger Furcht vor dem Unheil leben würde. Doch nahm er es an, so betrog er Aloethe.

Betrog er sie wirklich? Das Buch der Paradoxe hatte ihn hierhergeführt, und es hatte ihm geraten, sich für den zu ewiger Wanderschaft verdammten Prinzen auszugeben. Das konnte nur bedeuten, dass er diese Rolle bis zu Ende spielen musste. Vielleicht erhielt er gerade dadurch einen weiteren wichtigen Hinweis, den Katja ihm unbewusst geben sollte.

Dennoch war sein Herz schwer, als er die Hand nach ihr ausstreckte. »Sei nicht traurig, Katja«, sagte er. »Du sollst heute Nacht bei mir liegen.«

Stunden waren vergangen, doch Varka bemühte sich nicht mehr, einzuschlafen. Er lag auf dem Rücken, mit offenen Augen, aber ohne etwas wahrzunehmen, und horchte auf Katjas gleichmäßigen Atem Er hatte ihren Wunsch und den ihres Vaters erfüllt, und nun lastete die Reue schwer auf ihm. Katja hatte an seinen Zärtlichkeiten und dem, was darauf folgte, Gefallen gefunden, er jedoch nicht. In ihm hatte sich eine seelische Schranke aufgerichtet, die ihm nicht erlaubt hatte, in ihrer Vereinigung etwas anderes zu sehen als einen mechanischen Vorgang. Danach hatten sich eine derartige innere Leere und ein solches Gefühl der Verzweiflung eingestellt, dass er kalt und gefühllos dagelegen hatte.

Er drehte sich um und starrte aus dem Fenster. Der Himmel war noch immer tiefschwarz und die Nacht stumm wie der Tod. Gewiss waren es bis Tagesanbruch noch viele Stunden. Teils sehnte er sich nach dem Morgenlicht, teils wünschte er, der Tag möge nie anbrechen.

Einsam und mit bitteren Gedanken lag er da, bis endlich Friede in seine Seele einzog und sein erschöpfter Körper dem Wunsch nach Schlaf nachgab.

Noch einmal wachte er im Lauf der Nacht auf, und wie vorher, als Katja das Zimmer betreten hatte, spürte er augenblicklich, dass sich in der Atmosphäre etwas geändert hatte. Es war, als sei die Luft schwerer geworden; seine Haut prickelte, als er sich umschaute.

Katja war fort. Und die Kerze war heruntergebrannt und erloschen; der Raum lag nun in völliger Dunkelheit. Varka fragte sich, ob er vielleicht schlief und träumte, und in diesem Augenblick hörte er die Stimme eines Mädchens.

S

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