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Nicht ohne dich

Über die Autorin

Leslie Erika Wilson wurde als Tochter einer Deutschen und eines Engländers in Nottingham geboren. Deutschland und die (Nach-)Kriegsjahre haben in ihrem Leben stets eine große Rolle gespielt und tun es auch in den Büchern, die sie schreibt. »Nicht ohne dich« ist ihr zweiter Jugendroman, der in Großbritannien auf der Auswahlliste der Carnegie Medal stand. Leslie Erika Wilson ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.

LESLIE ERIKA WILSON



NICHT OHNE DICH

Übersetzung aus dem
Englischen von
Christa Prummer-Lehmair und
Katharina Förs

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Kathy – in Liebe

Prolog

Mädchenkonzentrationslager Uckermark, Frühjahr 1944

Wir waren dabei, einen Kuhstall auszumisten, zehn an der Zahl, in dünnen, gestreiften Kattunröcken und -jacken. Wir waren Mädchen ohne Namen, wir froren und litten Hunger und waren zu jeder Tageszeit todmüde.

Sie hatten uns alte, verbeulte Schaufeln gegeben, von denen der dünnflüssige Dung immer wieder hinunterglitt, ehe wir ihn in die Schubkarre befördern konnten. Sobald eine voll beladen war, suchte die Kerner eines der Mädchen aus, das die schwankende Fracht wegbringen musste, hinaus zu dem dampfenden Misthaufen im Hof. Wenigstens stieg aus der Kuhscheiße ein bisschen Wärme auf.

Eine Kuh kackte und ein Teil davon ergoss sich in meinen Holzschuh. Es fühlte sich warm an und weich, aber ich wusste, dass es schnell erkalten würde. Da kippte mir der wacklige Haufen Mist von der Schaufel. O Gott, dachte ich. Nein. Und die Kerner zog mir den Knüppel so fest sie konnte über den Rücken.

»Blöde Schlampe!«, schrie sie.

Innerlich weinte ich wie ein geschlagenes Kind, aber ich biss die Zähne zusammen und blieb ruhig. Ich wusste, beim kleinsten Mucks riskierte ich einen weiteren Hieb. Zitternd und mit schmerzendem Rücken bückte ich mich und lud meine Schaufel erneut voll. Da öffnete sich knarrend die Tür und ein eisiger Luftzug drang in den Stall. Die Bäuerin kam, um nach dem Rechten zu sehen. Die Kacke an meinem Fuß erkaltete am Rand und meine nassen Kleider fühlten sich an wie Eis.

Ich war nicht so dumm, die Bäuerin anzusehen. Stattdessen hievte ich meine Schaufel hoch und kippte den Mist in die Schubkarre. Am liebsten hätte ich ihn der Kerner ins Gesicht geschleudert.

»Die arbeiten gut«, sagte die Frau zur Kerner. »Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn Sie mir nicht ausgeholfen hätten. Mein Sohn ist einberufen worden und meine Franzosen haben die Grippe, alle beide. Ich bekomme erst in ein paar Tagen neue geschickt …«

Sie brach ab. Als ich es wagte aufzublicken, bemerkte ich, dass sie mich anstarrte. Mein Kopftuch war verrutscht und entblößte mein Haar. Es war kürzer geschoren als bei den meisten Jungs. Ein leiser Schauder überlief sie.

»Gott sei Dank haben Sie momentan keine Franzosen hier«, sagte die Kerner. »Dieser Abschaum hier ist ja wie der Teufel hinter den Männern her. Deswegen sind die meisten auch ins Lager gekommen. Haben sich mit dreckigen Fremdarbeitern eingelassen, sich prostituiert. Die hier zum Beispiel, 610« – sie deutete auf mich.

Ich stieß die Schaufel in den Mist; sie kratzte auf dem Zementboden, dass mir von dem Geräusch die Zähne schmerzten. Immer noch drang der schneidende Wind durch die geöffnete Stalltür herein, und ich verfluchte die Bauersfrau dafür, dass sie sie offen gelassen hatte. Ihr machte die Kälte ja nichts aus, mit ihrem dicken Mantel und den Handschuhen. Auch die Kerner trug Handschuhe.

»Sie hat mit weiß Gott wie vielen Männern herumgehurt, aber das war ja auch nicht anders zu erwarten, wenn man bedenkt, aus was für einer Familie sie stammt. Ein richtiges Kriminellennest ist das, die sind nicht mal in die Partei eingetreten, haben nie einen Finger gerührt für die Kriegsanstrengungen.«

Ich hätte ihr am liebsten die Schaufel über den Kopf gezogen, wegen meinem Bruder Karl. Und wegen Papa, der in einem amerikanischen Kriegsgefangenenlager saß. Aber im Grunde stimmte es ja. Keiner von uns hatte je einen Beitrag für Hitlers Krieg leisten wollen.

»Entartet sind die«, fuhr die Kerner fort. »Außerdem waren sie«, sie senkte die Stimme, »dick befreundet mit Juden.«

»Die ist aber ziemlich mager«, meinte die Frau zweifelnd zur Kerner.

»Das Essen ist für alle knapp«, entgegnete die Kerner mit schneidender Stimme. »Sie schafft das schon, machen Sie sich keine Sorgen. Und für die Arbeit im Freien bekommen sie eine Extraration.«

Ich fragte mich, was sich die Bäuerin wohl darunter vorstellte. Ein großes Glas Milch vielleicht, frisches Bauernbrot, Fruchtmarmelade? O ja, unser Frühstück war besser gewesen als sonst, aber das hieß nicht viel. Es hatte nicht gereicht, um unsere knurrenden Mägen zu füllen. Plötzlich verspürte ich unglaublichen Heißhunger auf fette Würstchen und einen Berg Bratkartoffeln. Heiß und sättigend. Richtige, würzige Würstchen, dazu knusprig braun gebratene Kartoffeln. Als die Kerner sich der Bäuerin zuwandte, nutzte Erna die Gelegenheit und verzog das Gesicht zu einer mitfühlenden Grimasse. Hinter ihr ballte Luise wütend die Hand zur Faust.

»Oh, natürlich«, entgegnete die Bäuerin rasch. »Ich bin sicher, Sie behandeln sie besser, als sie es verdienen.«

Luise verdrehte die Augen. Ich tat es ihr nach, dann sah ich schnell weg, bevor die Kerner es mitbekam. Und fühlte mich ein wenig besser.

»Diese kleinen Flittchen hier kommen aus dem Aufnahmeblock«, erklärte die Kerner. »Da bleiben sie erst mal sechs Monate zur Beobachtung. Die Neuen müssen Socken für die Soldaten stricken – für die meisten das erste Sinnvolle, was sie im Leben tun.«

Sie grinste boshaft, und ich bemerkte, wie sich Luises Hand wieder zur Faust ballte.

Die Kerner fuhr fort: »Gar nicht so schlecht, dass sie mal in die Landarbeit hineinschnuppern. Dazu werden wir die meisten später sowieso abstellen, die hoffnungslosen Fälle. Letzten Endes sind es nur ein paar wenige, mit denen wir vielleicht was anfangen können. Nur ein paar. Die schicken wir in die Rüstungsfabrik – bring die Schubkarre raus zum Misthaufen, 610, aber ein bisschen dalli!«

Ich zog mir das Kopftuch wieder über die Haare, legte die Schaufel nieder, nahm die Griffe der Schubkarre und machte mich auf den Weg. Sie war fast zu schwer für mich und schwankte gefährlich hin und her, kurz dachte ich sogar, sie würde umkippen und alles herausfallen, aber ich schaffte es gerade noch.

Die Bäuerin bedachte mich mit einem strengen Blick, als ich an ihr vorbeiging. Sie hatte ihr Mitleid für mich ausgeknipst. Und ich war fast froh darüber. Ich verabscheute sie für ihre Bemerkung darüber, wie mager ich war. Dass ich viel zu dünn war, wusste ich selbst, ich sah doch meine Arme und Beine, und vor zwei Wochen in Grendels Unterkunft hatte ich mein Gesicht im Spiegel angeschaut. Ein Gespenst hatte mir entgegengeblickt, mit riesigen Augen in dunklen Höhlen, einem spitzen, ausgemergelt schmalen Kinn und geschorenen Häftlingshaaren, die matt vor Schmutz und Fett waren.

Die Grendel hatte gelacht, als ich vor meinem Spiegelbild zurückgezuckt war.

Jetzt hasste ich die Bäuerin, wie ich die Kerner und die Grendel hasste. Der Hass loderte so heftig in mir, dass mir davon fast warm wurde. Ich dachte: Tief drinnen in dieser halb verhungerten, verängstigten Sklavin, die diese Mistweiber in mir sehen, steckt eben doch ein Mädchen. Nicht Nummer 610. Sondern Jenny Friedemann. Ich rief mir meine Familie und Freunde ins Gedächtnis, die mich liebten, und einen Jungen, der mich ebenfalls geliebt hatte. Der mir gesagt hatte, dass ich schön sei. Aber diese Erinnerung schob ich beiseite, sie war zu gefährlich.

Plötzlich vernahm ich ein Motorengeräusch. Es klang nach einem Auto. Solange die Kerner an der Kuhstalltür Wache stand und mit ihrem lederbehandschuhten Finger über den Knüppel strich, konnte ich mich allerdings nicht länger hier herumdrücken, um mehr zu sehen. Ich leerte die Schubkarre auf den Misthaufen und schob sie zurück in den Stall.

»Lass die Tür auf, Mädchen«, befahl die Kerner.

Als ich die Schaufel wieder hochhob, hörte ich das Auto näher kommen. Mit dem Bauernhof konnte es nichts zu tun haben, denn die Bäuerin wirkte überrascht. Wieder begegnete ich Luises Blick und einen kurzen Augenblick teilten wir unsere Angst. Wenn etwas Ungewöhnliches passierte, bedeutete das für uns normalerweise schlechte Nachrichten. Ich wusste, dass es allen so ging wie mir, wir lauschten, horchten, wie der Motor erstarb und sich eine Autotür öffnete, und hielten den Atem an.

Es war die Grendel, das erkannte ich an der Art, wie sie über den gepflasterten Hof marschierte. Im Lager lernte man rasch, die Aufseherinnen zu unterscheiden, sie waren immer da, beobachteten uns, schlugen uns, schrien uns an. Nun trat sie durch die offene Tür, der Knüppel baumelte an ihrem Gürtel. Die Kerner war brünett und von eckiger, knochiger Statur. Die Grendel dagegen hatte blonde Haare und unter ihrer Uniform ließen sich Kurven erahnen. Man hätte sie als hübsch bezeichnen können, wenn man nicht wusste, was wir über sie wussten.

»610!«, bellte sie. »Stell deine Schaufel in die Ecke und komm mit!«

Mir schnürte sich die Kehle zu, als hätte sich von hinten eine Schlinge um meinen Hals gelegt, aber ich gehorchte. Unverzüglich stellte ich die Schaufel beiseite und folgte der Grendel nach draußen. Im Vorbeigehen bemerkte ich, dass mir die Bäuerin mit leerem Blick nachstarrte, sie glotzte wie eine ihrer Kühe. Ein Hauch von Hoffnung regte sich in mir, doch ich war zu verängstigt, um weiter darauf zu achten.

Im Hof stand ein großes graues Auto. Die Grendel öffnete die hintere Tür, schob mich hinein und setzte sich neben mich. Der Fahrer ließ den Motor an und wir rumpelten über den Feldweg davon.

Ich griff nach dem ledernen Halteriemen, der vom Dach baumelte, und hielt mich daran fest. Die Grendel saß so dicht neben mir, dass ich ihren Schweiß roch und das billige Parfüm, mit dem sie ihn zu überdecken versuchte. Als sie mir einen kalten Blick zuwarf, erstarb der Hoffnungsfunke in mir.

Ich starrte aus dem Fenster. Die Felder und Bäume verschwammen vor meinen Augen. Wie dumm war ich doch gewesen zu glauben, ich könnte sie dazu bringen, mir zu helfen. Nur weil ich eine englische Großmutter hatte, nur weil ich ihr eine Geschichte über die Beziehungen meiner Familie aufgetischt hatte, nur weil Deutschland dabei war, den Krieg zu verlieren – ich war mir so schlau vorgekommen, und dabei musste sie sich die ganze Zeit über mich kaputtgelacht haben.

Ich konnte mir genau vorstellen, was sie mit meinem Brief an Tante Grete gemacht hatte. Sie hatte ihn sofort an die Lagerleiterin weitergegeben und die hatte ihn gelesen. All die Dinge, die ich über das Lager geschrieben hatte. Dass ich meine Tante gebeten hatte, mich rauszuholen. Und es war nur logisch, dass sie bis heute gewartet hatten, um zuzuschlagen. Bis ich meine Rolle in ihrem Puppentheater erfüllt hatte.

Das Auto bog vom Feldweg ab. Wie weit war es bis zum Lager? Zehn Kilometer? Sie würden mich töten. Sie töteten gern Menschen dort. Letzten Monat hatten sie ein Mädchen umgebracht, das fliehen wollte.

Ich stemmte die Hacken in den Boden, als könnte ich dadurch das Auto bremsen, langsamer machen, zum Anhalten bringen. Meine Hand hielt sich krampfhaft am Lederriemen fest, ich glaubte ihn nie wieder loslassen zu können. Ich war nur noch ein Häufchen Elend, jede Faser angespannt und voller Todesangst. Eine Stimme in mir jammerte unablässig: Helft mir, bitte, warum hilft mir denn keiner? Ich will zu meiner Mama.

Das waren die Worte des getöteten Mädchens gewesen, das hatte sie laut herausgeschrien, bevor sie sie umgebracht hatten. Jetzt war ich an der Reihe. Sie würden die Hunde auf mich hetzen, dann würden sie mir mit ihren Knüppeln die Knochen zerschlagen und mich an einen Pfahl binden, um mich langsam verbluten zu lassen. Außer, die Leiterin hatte etwas anderes mit mir vor. Vielleicht noch etwas Schlimmeres.

Als das Auto um eine Kurve bog, wurde ich gegen die Grendel geschleudert. Sie versetzte mir einen Schlag und stieß mich mit dem Knüppel zurück. Ich drückte mich an die Autotür. Sie war natürlich verriegelt. Rausspringen ging nicht. Könnte ich mich doch nur klein machen, dachte ich, winzig klein wie eine Maus, dann fände ich schon irgendwo in der Karosserie ein Loch, um mich zu verkriechen, und sie würde mich niemals finden, keiner von ihnen würde mich je finden. Sofort schalt ich mich eine Närrin, weil ich mir so etwas Unmögliches ausmalte. Ich war in jeder Hinsicht eine Närrin. Außerdem musste ich aufs Klo, ich würde mir gleich in die Hosen machen.

»Jenny, du hast es wenigstens versucht«, hörte ich Papas Stimme, als wäre er bei mir.

Ich würde Papa nie wiedersehen, mich nicht einmal von ihm verabschieden können, auch von Mama nicht. Oder von Raffi – aber nein, ich durfte mich nicht dazu hinreißen lassen, an Raffi zu denken.

Das Auto stoppte. Die Grendel umrundete es, kam zu meiner Tür und entriegelte sie.

Ein bleigrauer, düsterer Himmel erstreckte sich über den gedrungenen, hässlichen Lagerbaracken und der Wind wehte mir einen Graupelschauer ins Gesicht. Wir befanden uns außerhalb des Zauns. Ich stolperte in meinen klobigen Holzschuhen voran.

Die Grendel schlug mir mit dem Knüppel von hinten auf den Schenkel.

»Was fällt dir ein?«, fuhr sie mich an. »Trödle nicht herum wie eine Schwachsinnige.«

Wir steuerten den Block an, in dem sich das Büro der Lagerleiterin befinden musste. Die Grendel klopfte. Keine Antwort. Die Grendel runzelte die Stirn. Dann kam eine Frau mit einem Stapel brauner Akten aus einer Nebentür. Sie trug eine Hornbrille und hatte die Haare streng zurückgekämmt. Eine Sekretärin.

Sie schien nicht überrascht, uns zu sehen. »Oh«, sagte sie. »Sie musste weg. Sie können das Mädchen in die Arrestzelle bringen, bis sie zurückkommt.«

Die Fenster in der engen Arrestzelle waren vergittert, es gab eine hölzerne Pritsche zum Sitzen und einen nach Chlor stinkenden Eimer, den ich sofort benutzte. Während ich pinkelte, kamen die Erinnerungen an Raffi zurück, jene, die ich tief in mir versiegelt hatte, damit sie nicht hervorsprudelten, wenn mich die Gestapo verhörte.

Nein, sagte ich mir. Ich muss an die anderen denken. An Papa und Mama und Karl und Paula. Und an Muffi. Um Raffis Bild zu vertreiben, rief ich mir meinen Hund ins Gedächtnis, mit seinen schwarzen Zotteln, zwischen denen nur die glänzenden Knopfaugen und die rosarote Zunge hervorlugten. Aber es funktionierte nicht, Raffi blieb präsent und sah mich mit seinen graublauen Augen an, fragend, unverwandt. Ich spürte, wie seine Finger mit meinen spielten. Ich hörte seine Stimme, hörte ihn »Jenny« sagen.

Ich sehnte mich so sehr nach ihm, danach, sein Gesicht in meine Hände zu nehmen und zu streicheln. Ich wollte ihn küssen und spüren, wie sich sein Körper an meinen presste. Ich antwortete ihm in Gedanken: Oh Raffi, Raffi, Raffi.

Kapitel Eins

Berlin-Charlottenburg: Oktober bis November 1935

Es war ein windiger Oktobertag. Ich war ein kleines achtjähriges Mädchen, Raffi war zehn. Mit einer Stinkwut im Bauch stapfte ich die Hintertreppe hinunter in den Hof unseres Wohnblocks. Karl war mit seinem Freund Fritz unterwegs. Mama half Papa unten in der Werkstatt, und unser Hausmädchen Katrin ließ mich keinen Kuchen backen, weil sie die Küche putzen wollte.

Aber meine Laune besserte sich, als ich unten im Hof Raffi sah und er mich angrinste. Wenn Raffi einen angrinste, musste man einfach lachen, sogar wenn man ihn gerade noch hauen wollte. Er meinte, das funktioniere sogar bei wütenden Lehrern, und ich glaubte ihm.

»Kommst du mit Rad fahren?«, fragte er.

Wir holten unsere Fahrräder aus dem Schuppen im Hof und schoben sie durch die Passage zwischen den Geschäften unserer Eltern auf die Straße.

Charlottenburg war damals eine saubere, freundliche Gegend mit hell getünchten fünfgeschossigen Wohnhäusern. An jenem Tag war gerade die Straße frisch gefegt und mit Wasser abgespritzt worden. Der Wind riss die gelben Blätter von den Bäumen und ließ sie in schrägen Winkeln auf den Boden trudeln, wo sie auf der nassen Straße kleben blieben. Die Trambahn fuhr vorbei und man konnte durch alle Scheiben ins Innere sehen; es war noch nicht nötig, sie zu verdunkeln, weil ja noch kein Krieg herrschte.

Raffi radelte davon, seine hellen Haare glänzten in der Sonne und seine Jackenschöße flatterten im Fahrtwind wie zwei graue Stoffflügel. »Komm schon!«, rief er. »Es sind deutsche Straßenmeisterschaften und wir führen das Feld an!«

Ich stellte den Fuß auf den Boden, stieß mich ab und trat, um ihn einzuholen, so kräftig ich konnte in die Pedale. Wir fuhren die Straße rauf und runter und steuerten dabei die ordentlichen Blätterhaufen an, die die Straßenkehrer zum Einsammeln aufgehäuft hatten. Wenn wir durchsausten, raschelte es und Staub und Blätter stoben auf.

Plötzlich hielt Raffi so abrupt an, dass ich beim Bremsen fast vom Rad fiel. »Mama hat einen Apfelkuchen gebacken«, sagte er. »Der ist jetzt bestimmt fertig. Lass uns nach Hause fahren und ihn essen.«

Im Hinterhof, wo ich mein Fahrrad abstellte, trat er neben mich und fragte: »Hast du schon mal einen Jungen geküsst?«

Auf einmal war ich verlegen. »Ich habe Karl geküsst«, antwortete ich.

»So doch nicht«, meinte er verächtlich. »Der ist doch dein Bruder.«

Eigentlich wusste ich ja, was er meinte.

»Willst du mich küssen?«, fragte er. »Um zu sehen, wie das ist?«

Anstatt einer Antwort hob ich den Kopf, und er legte seine Arme um mich und zog mich so fest an sich, dass ich kaum noch Luft bekam. Dann drückte er mir einen Kuss auf meine zusammengekniffenen Lippen.

»Hat es dir gefallen?«, fragte er, als er mich losließ.

»Nicht besonders«, entgegnete ich. Das war gelogen. Es hatte sich gut angefühlt und jetzt war ich etwas verwirrt.

»Vielleicht solltest du noch ein bisschen üben«, fügte ich hinzu.

»Oh«, sagte er. Dabei wirkte er so niedergeschlagen, dass ich schon einwenden wollte, es habe mir doch gefallen. Aber da hörte ich, wie jemand näher kam. Es war Katrin.

»Komm ins Haus«, sagte sie. »Deine Eltern möchten dich sehen.«

Ihre Stimme klang erschreckt und zitterte. Ich begriff gar nichts. Ohne ein Wort zu Raffi, der nur dastand und Katrin anstarrte, zog sie mich in Richtung Werkstatt.

Meine Eltern waren nicht sauer, aber Papa wirkte bekümmert und sichtlich nervös.

»Jenny«, begann er, »ich muss dir etwas erklären.«

Ich senkte den Blick auf die neue Marionette, die er angefangen hatte, sie lag auf der Werkbank. Es war ein Wolf mit drohend gefletschten Zähnen. Er droht mir, dachte ich, und wollte weg. Meine Füße wurden ganz zapplig, so sehr wollten sie mich wegbringen. Meine Eltern hatten mich erwischt, wie ich Raffi geküsst hatte, und das war etwas Ungezogenes – oder warum sollte mich Papa sonst so ansehen?

Papa legte mir die Hände auf die Schultern. »Jenny«, sagte er, »Raffi und Onkel Markus und Tante Edith sind für uns ganz besondere Freunde, sie gehören fast zur Familie. Aber – sie sind Juden.«

»Ich weiß«, sagte ich und wünschte, er würde mich loslassen.

»Jenny«, mischte sich Mama ein. Ihre Stimme klang nervös. »Hör deinem Vater zu.«

»Das Problem ist, dass die Menschen, die jetzt an der Macht sind und die Gesetze machen, die Juden hassen. Natürlich kann dieser Zustand nicht von Dauer sein, aber solange es so ist – Jenny«, sagte Papa hastig, »ihrem Gesetz nach darfst du Raffi nicht küssen.«

Meine Haut prickelte vor Angst und ich fing an zu weinen. Ich wusste, wie schlimm es war, das Gesetz zu brechen. »Ihr lasst doch nicht zu, dass mich die Polizei abholt und ins Gefängnis steckt, oder?«, sagte ich.

Papa schloss mich ganz fest in die Arme. »Bestimmt nicht«, antwortete er. »Aber sie könnten Raffi und Onkel Markus und Tante Edith etwas antun. Oder auch Mama und mir, weil wir es nicht verhindert haben. Und wir müssen doch besonders vorsichtig sein, Jenny, weil ich Quäker bin.«

Wieder fletschte die Wolfspuppe drohend die Zähne. Plötzlich war mir, als hätte die ganze Welt scharfe, grausame Kanten bekommen. Ich wusste, dass Papa Quäker war. Er ging doch zu den Andachten in diesem schäbigen Haus in Berlin-Mitte; dort saßen alle ganz ruhig da, und hin und wieder stand einer auf und sagte etwas. Papa nannte es »Redebeitrag«; jeder, der sich danach fühlte, konnte etwas sagen. Das sei grundverschieden von anderen Kirchen, wo die Leute Gebete aus Büchern ablasen, sagte Papa, aber wir besuchten keine anderen Kirchen. Zu den Quäkerandachten kam der Rest der Familie allerdings ebenfalls nicht allzu häufig mit. Meistens fand ich es dort langweilig, obwohl die Stille auch etwas Besonderes hatte, denn es war keine normale Stille. Wenn man sich darauf einließ, hatte man das Gefühl, in kühles Wasser zu waten.

»Warum?«, fragte ich – und merkte selbst, wie schrill und ängstlich ich klang. »Warum musst du vorsichtig sein, weil du Quäker bist?«

»Weil uns an Menschen etwas liegt, die die Nazis nicht mögen«, antwortete Papa.

Ich wollte von all diesen schrecklichen Dingen nichts mehr hören. »Ich werde ein braves Mädchen sein, Papa, versprochen«, sagte ich.

Papa antwortete mit zitternder Stimme: »Nein, du musst kein braves Mädchen sein, Jenny. Du hast nichts Schlimmes getan, aber wir leben in einer schlimmen Zeit.«

Nach diesem Gespräch wollte ich nicht mehr mit Raffi reden, und auch er war mir gegenüber gehemmt, aber dann grinste er mich eines Tages an, und ich musste einfach wieder gut mit ihm sein. Das mit dem Küssen ließen wir allerdings sein. Wir hatten unsere Lektion gelernt.

Kapitel Zwei

1938

Drei Jahre später, es war halb sechs Uhr morgens, saßen Raffi und ich nebeneinander auf dem Sofa in unserem Wohnzimmer und hörten mit an, wie eine Bande von Nazischlägern die Wohnung der Jakobis demolierte. Onkel Markus hielt Tante Edith in den Armen. Sie zitterte heftig, als würde jemand sie schütteln. »Unser Zuhause, Markus«, sagte sie immer wieder. »Unser Zuhause.«

Raffi stand auf und ballte die Fäuste.

»Ich könnte sie umbringen«, sagte er.

Onkel Markus nickte.

Als sie gehört hatten, wie die Männer die Schaufenster ihres Ladens einwarfen und unser Hund zu bellen anfing, hatten sie gerade noch ein paar Kleidungsstücke zusammenraffen können. Raffi trug eine Hose und einen Pullover, war jedoch barfuß. Onkel Markus hatte Schuhe an, aber keine Socken, und unter der Jacke trug er ein Hemd ohne Kragen. Tante Edith war im Morgenmantel. Ihre große, glänzende schwarze Handtasche lag zusammengeknautscht neben ihren Füßen, die in Hausschuhen steckten.

Und ich hatte solche Angst. Ich sagte: »Kann es nicht sein, dass sie auch zu uns kommen, Papa?«

»Wenn sie hierherkommen«, wandte sich Papa an Onkel Markus, »bringen wir euch drei über die Hintertreppe raus.«

Er dachte nur an die Sicherheit unserer Freunde; es war ihm gar nicht in den Sinn gekommen, dass sie auch unsere Wohnung verwüsten könnten. Ich schämte mich meiner Feigheit, aber mir krampfte sich immer noch der Magen zusammen vor Angst. Ich wollte zu Mama, doch die besuchte Omi, die die Grippe hatte. Und Karl übernachtete bei Fritz.

Nebenan polterte und klirrte es, und ich sah kurz vor mir, wie ein Mann Tante Ediths beste Tassen und Untertassen aus ihrem Geschirrschrank fegte. Ich begriff das einfach nicht. Sicher, ich hatte es im Unterricht gehört: »Die Juden sind unser Unglück«, behaupteten die Lehrer. Aber nicht Onkel Markus und Tante Edith, das wusste ich genau, sie waren unser Glück und wundervolle Freunde, und all das war einfach entsetzlich.

Zu meinen Füßen knurrte Muffi. Ich hätte am liebsten geweint, doch wir mussten still sein, und deshalb legte ich Muffi die Hand über die Schnauze und sagte: »Nein, Muffi.« Ich dachte die ganze Zeit: Warum? Das Wort schien in meinem Schädel widerzuhallen, immer wieder dröhnte es: Warum, warum, warum?, bis es wehtat.

»Lass sie ruhig bellen«, meinte Katrin. »Bei dem Spektakel, das die veranstalten, hören sie sie sowieso nicht.« Nervös zupfte sie an den Stoffstreifen, die sie sich immer über Nacht in die Haare drehte, damit sie lockig wurden. Sie sollte damit aufhören.

Onkel Markus ergriff das Wort. »Ich habe für Deutschland gekämpft, ich habe mein Blut für mein Land vergossen, und wenn jetzt Kerle, die sich Patrioten nennen, meine Lebensgrundlage zerstören …«

»Hör auf, Markus!«, fiel ihm Tante Edith mit schriller, verängstigter Stimme ins Wort.

»Du kommst nicht gegen sie an, Markus«, mahnte Papa.

Raffi stand immer noch mitten im Zimmer. Erbittert sagte er: »Wir sind also machtlos, oder? Das halt ich nicht aus.«

»Ich mache uns allen was Heißes zu trinken«, erbot sich Katrin und stand auf. »Der Junge hat ja schon ganz blaue Füße vor Kälte. Es ist eine Schande …«

Sie eilte in die Küche und kam nach einer Weile mit Kaffee für die Erwachsenen und heißer Schokolade für mich und Raffi zurück. Eigentlich wollte keiner von uns etwas trinken, aber sie bestand darauf.

Schließlich war der Krach zu Ende und wir hörten, wie die Männer die Treppe hinuntertrampelten. »Ich schau mal nach, ob sie wirklich fort sind«, sagte Papa. »Falls noch jemand da ist, erzähle ich ihm einfach, wir hätten Lärm gehört und uns gefragt …«

Onkel Markus sagte: »Ich sollte dich eigentlich begleiten …«, aber Tante Edith hielt ihn am Arm zurück.

»Sie sind weg«, teilte uns Papa mit, als er zurückkam. »Macht euch auf etwas gefasst. Es ist kein schöner Anblick. Und Jenny, schließ Muffi ein, sie würde sich die Pfoten an den Scherben schneiden.«

»Raffi …«, setzte Tante Edith mit einem Blick auf seine nackten Füße an.

»Zieh ein Paar von Karls Schuhen an«, sagte Papa.

Die Wohnungstür lag geborsten im Eingangsflur. Jemand hatte sie mit der Axt zerhackt. Die Männer hatten die Bilder von den Wänden gerissen und zertreten, der Schrank im Flur war zertrümmert. Den Geschirrschrank im Wohnzimmer hatten sie ebenfalls zerschlagen, überall lagen Glas- und Porzellanscherben. Vom Sofa war nur noch ein Durcheinander aus verbogenen Federn, Bündeln von Pferdehaar, Baumwollwatte und Brokatfetzen übrig. Die Wohnung war kein Zuhause mehr. Am schlimmsten jedoch waren der widerliche, scharfe Gestank in der Luft und die feuchten Spuren auf dem Wohnzimmerteppich. Ich konnte es nicht glauben, aber die Männer hatten tatsächlich auf den Teppich gepinkelt wie Hunde auf die Straße.

»O Gott«, seufzte Tante Edith. »O Gott.«

»Ich könnte sie umbringen«, sagte Raffi noch einmal. Seine Stimme zitterte.

Hinter den Überresten des Sofas sah ich einen Arm hervorragen. Da ist ein Kind, dachte ich, sie haben ein Kind getötet und dagelassen, aber dann begriff ich.

»Theresia!«, rief ich aus. Es war Tante Ediths große Porzellanpuppe, die sie als Kind bekommen hatte. Ich hatte so gerne mit Theresia gespielt. Aber damit war es jetzt vorbei. Jemand hatte ihr den Kopf eingetreten. Er war nur mehr ein Gewirr aus braunen Haaren und scharfen Porzellanscherben.

Als ich das sah, musste ich schluchzen, denn Theresia mit ihren großen braunen Augen, ihrem weichen Echthaar und ihrem kleinen, schüchternen Lächeln war für mich wie ein Mensch gewesen. Ich hatte sie geliebt und diese Männer hatten sie getötet. Tante Edith legte die Arme um mich. Auch sie weinte. Draußen auf der Straße fuhr eine Trambahn vorbei, und ich fragte mich, wie die Trambahnen einfach weiterfahren konnten, als wäre nichts geschehen.

»Diese Schweine«, sagte Raffi. »Diese dreckigen Mistschweine.«

Wir gingen ins Geschäft hinunter. Sie hatten die Bücherregale mit einer Axt bearbeitet und auf die ledergebundenen Bände eingehackt. Onkel Markus hob eines der ruinierten Bücher vom Boden auf. Der Rücken war gebrochen. Einige Seiten flatterten heraus wie aufgescheuchte Vögel, aber sie trudelten zu Boden.

»Goethe«, sagte Onkel Markus. Der Bartschatten auf seinen Wangen ließ sein Gesicht dünner und grimmiger erscheinen. »Deutschlands größter Dichter. Das haben deutsche Männer vollbracht, Dietrich. Und ich war einst stolz, ein Deutscher zu sein.«

Papa legte Onkel Markus die Hand auf die Schulter. »Ich bin stolz, dich meinen Landsmann nennen zu dürfen.«

»Aber ich bin nicht dein Landsmann, Dietrich«, widersprach Onkel Markus. »Jetzt nicht mehr. Die Gesetze der Nazis haben mich zu einem Subjekt gemacht, ich bin kein Bürger mehr. Sie haben mich aus dem Schachverein geworfen, weil ich Jude bin. Wir mussten das Hausmädchen entlassen, weil sie Arierin ist und ich dreckiger Jude mich vielleicht an ihr vergreifen könnte …«

»Markus!«, mahnte Edith. »Die Kinder!«

»Tut mir leid, Edith. Aber ich habe eine Beleidigung nach der anderen geschluckt und gehofft, es würde schon wieder besser werden. Ich war ein Narr, Dietrich.«

Ich hatte das Gefühl, als wäre er böse mit uns. Tante Edith umarmte mich erneut und ich schmiegte mich an sie.

»Du hast recht, Papa«, stimmte ihm Raffi bei. »Wir werden auswandern müssen.«

Da klammerte ich mich an Tante Ediths Hand. Ich wollte nicht, dass sie uns verließ, was war ich noch kindisch damals. Sie ließ mich gewähren, dann sagte sie: »Jenny, du solltest dich anziehen. Ihr müsst in die Schule, du und Raffi …«

»Nein«, sagten wir wie aus einem Mund.

Die Erwachsenen erhoben keine Einwände, ich glaube, sie waren immer noch zu geschockt. »Wir können alle Hände gebrauchen, um den Laden wieder in Ordnung zu bringen«, stellte Papa fest. »Hätte bloß Karl nicht bei Fritz übernachtet, jetzt wird er von dort direkt in die Schule gehen …«

»Papa«, sagte ich, »Fritz’ Eltern haben ein Telefon, du kannst ihn anrufen. Karl ist bestimmt noch nicht weg.«

Er ging zum Telefonieren in unsere Werkstatt, kam aber schnell zurück.

»Es funktioniert nicht«, sagte er. »Sie müssen die Telefonleitungen durchtrennt haben, als sie eingebrochen sind.«

Ich bot an, Karl bei Fritz zu Hause abzuholen, und Raffi wollte mich begleiten.

»Sollten wir nicht Mama Bescheid geben?«, fragte ich.

»Später«, sagte Papa. »Sie macht sich schon genug Sorgen wegen eurer Großmutter, diese Nachricht kann warten.«

Wir hatten keine Vorstellung davon, was sich da draußen abspielte, keiner von uns.

Kapitel Drei

Als Raffi und ich auf die Straße traten, stand vor Silbermanns Antiquitätenladen eine Menschenmenge. In den Schaufensterscheiben klafften gezackte Löcher.

»Hier waren sie auch«, sagte Raffi, während er so schnell ausschritt, dass ich trippeln musste, um mithalten zu können. In der Kehle hatte ich noch den süßen Nachgeschmack der heißen Schokolade und mir wurde übel davon. Dann kam ein Krankenwagen mit heulender Sirene. Er hielt vor dem Laden, zwei Männer sprangen heraus und luden eine Trage aus. Die Menschen machten Platz, um sie zur Tür durchzulassen.

Die Ambulanz kam vom Jüdischen Krankenhaus.

Raffi deutete in die Menge. »Da ist Frau Janke.« Wir bahnten uns unseren Weg durch die Leute zur Frau des Hausmeisters.

»Rafael, Jenny«, begrüßte sie uns. »Der alte Herr Silbermann hatte einen Herzanfall, das ist ja auch kein Wunder nach dem, was sie hier angerichtet haben – und was habt ihr beiden hier eigentlich zu suchen?« Aber sie gab uns keine Gelegenheit zu antworten, sondern beugte sich ganz nah zu Raffi und raunte ihm zu: »Verrate bloß niemandem, dass du ein Jude bist.«

»Warum nicht?«, fragte Raffi laut.

Sie schüttelte den Kopf und flüsterte weiter, ich konnte sie kaum verstehen. »Hast du schon gehört, dass ein Jude einen Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Paris erschossen hat?«

Ich wusste nichts davon, aber Rafael offenbar schon.

»Tja, ich habe zwar keine Ahnung, was der alte Herr Silbermann oder deine Familie damit zu tun haben sollen, aber es wird behauptet, dass alle deutschen Juden dahinterstecken …«

»Was?«, zischte Raffi.

»Sie verwüsten sämtliche jüdischen Geschäfte. Auf dem Kurfürstendamm ist es besonders schlimm.«

Raffi und ich starrten einander an, dann drehten wir uns um und liefen die Straße rauf. Ich konnte nicht glauben, was da passierte, und offenbar ging es Raffi genauso.

Es gab einiges zu sehen. Als wir um die Ecke bogen, rannten wir fast in eine Gruppe von Männern hinein, die freudestrahlend mit ausgebeulten Taschen aus einem zerstörten Juwelierladen traten. Glas splitterte und ich sah, wie einige Schlägertypen das Schaufenster eines Schuhladens mit einem Vorschlaghammer zertrümmerten; es war ein nobles Geschäft, wie alle hier in der Gegend. Die Männer trugen Zivil, aber man sah, dass sie zur SA gehörten, diese Typen, die immer durch die Straßen marschierten und dabei eingängige Nazilieder sangen. Einer griff vorsichtig durch die zerbrochene Scheibe und holte ein Paar Krokodillederpumps heraus, ohne einen Kratzer abzubekommen. Vielleicht wollte er sie für seine Freundin oder seine Frau. Hoffentlich hatte er die falsche Größe erwischt und sie schlug sie ihm um die Ohren. Plötzlich plumpste von oben etwas Großes auf uns herab. Raffi packte mich und zog mich weg.

Eine Hand krallte sich in meine Schulter, es war nicht Raffis Hand.

Raffis Griff um meinen Arm verstärkte sich. »Er ist tot«, sagte er. Seine Stimme war sehr leise.

»Was? Wer hat mich da angefasst?«, fragte ich.

Dann sah ich ihn. Direkt neben mir lag ein Mann auf dem Pflaster, die Gliedmaßen verdreht wie bei einer Marionette. Sein Gesicht war auf einer Seite gequetscht und sein Schädel seltsam eingedrückt. Blut lief ihm aus dem Mund und ergoss sich in einem Rinnsal auf die Straße. Es dampfte ein wenig in der kalten Luft.

Raffi sagte: »Er wollte sich an dir festhalten. Er war noch am Leben, als …«

»Nein«, unterbrach ich ihn. »Hör auf.«

Dann hörte man vom Balkon in der zweiten Etage jemanden rufen. Als wir aufblickten, sahen wir einen stämmigen Mann, den Arm zum Hitlergruß gereckt.

»Wieder so ein dreckiger Jude abgekratzt«, bellte er. »Das ist ein spontaner Racheakt des deutschen Volkes!«

Ein adrett gekleideter Herr ging achtlos an der Leiche und dem krakeelenden Mann vorbei, seine Körpersprache war eindeutig: Das geht mich alles nichts an. Ich muss zur Arbeit. Aber ein drahtiger Bursche im gefleckten Maleroverall blieb stehen und bemerkte: »So spontan wie du mich mal kannst, Freundchen.« Er murmelte es nur, und als eine weitere Gruppe Schlägertypen auf uns zukam, machte er sich schnell aus dem Staub. Auch Raffi zog mich weiter.

Kaum befanden wir uns außer Hörweite der Braunhemden, sagte er: »Das hätte Papa sein können.«

Da musste ich weinen, ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.

»Und wir hätten heute zur Schule gehen sollen«, sagte Raffi. »Was hätte das für einen Zweck gehabt?«

Er ließ mich los, dabei wäre es mir lieber gewesen, wenn er mich weiter an der Hand gehalten hätte. Mit dem Ärmel wischte ich mir die Augen und die Nase ab. »Raffi, das ist ein richtiger Albtraum«, sagte ich.

»Ja«, pflichtete er mir bei. Seine Miene war grimmig. »Ein Albtraum, den jemand anders träumt und in dem man uns jetzt zu leben zwingt.«

»Gehen wir Karl abholen«, sagte ich.

Zu Fritz’ Wohnung mussten wir vom Kurfürstendamm abbiegen; und da sahen wir die brennende Synagoge. Die Flammen flackerten und züngelten um die Fenster und eine Rauchwolke verdunkelte den Morgenhimmel. Die Braunhemden hatten auf dem Trottoir vor der Synagoge ein Feuer entfacht. Sie verbrannten heilige Gegenstände der Juden: Ich sah das Ende einer Thorarolle aus den Flammen ragen. Es waren auch Feuerwehrleute da, aber sie spritzen nur die Nachbargebäude nass, nicht die Synagoge.

Doch das überraschte mich nicht, jetzt nicht mehr.

Ein älterer Mann im Mantel sagte: »Wenigstens sorgen sie dafür, dass kein arischer Besitz beschädigt wird.« Er klang erleichtert, fast schon zufrieden.

Dann entdeckte ich meinen großen Bruder. Er stand etwa einen Meter entfernt von uns, in seiner Schulkleidung und mit dem Lederranzen in der Hand, und er funkelte den Mann, der gerade gesprochen hatte, finster an.

»Karl!«, begrüßte ich ihn. Ich trat zu ihm, und er umarmte mich, aber auch er konnte mir das Gefühl, dass das alles ein wahnwitziger Albtraum war, nicht nehmen.

Als wir nach Hause kamen, gingen Karl und Raffi sofort in den Buchladen. Ich stieg hinauf in die Wohnung der Jakobis. Katrin war bereits dort und schrubbte, vor sich hin murmelnd, den Teppich.

»Aus den Betten haben sie Kleinholz gemacht«, berichtete Katrin. »Aber ich habe Frau Jakobi gesagt, dass die ganze Familie bei uns schlafen kann. Und hast du die Tapeten gesehen? Die sind auch vollgepinkelt. Einfach ekelhaft. Habt ihr Karl gefunden?«

»Sie haben alle jüdischen Wohnungen und Geschäfte verwüstet«, erzählte ich.

Tante Edith kam herein, ihre Hände waren ganz schwarz. »Meinen besten Mantel haben sie in den Küchenofen gesteckt«, sagte sie. »Ich wollte ihn rausholen, aber er ist nicht mehr zu retten. Er kann ebenso gut verbrennen. Wenigstens haben sie ein paar meiner Kleider unversehrt gelassen. Es würde sich wohl nicht gut machen, wenn eine Jüdin draußen nackt herumliefe.«

Es tat mir weh, wie hart und bitter ihre Stimme klang.

»Anscheinend waren Sie nicht die Einzigen, Frau Jakobi«, bemerkte Katrin. »Jenny hat gerade erzählt, was draußen los ist.«

Ich berichtete, was Raffi und ich gesehen hatten, nur das mit dem Mann, der aus dem Fenster gefallen war, ließ ich weg; ich brachte es nicht fertig, darüber zu reden.

»Sie haben die Synagoge angezündet?«, fragte Tante Edith. »Und die Feuerwehr hat tatenlos zugeschaut?«

»Ach du lieber Gott, du lieber Gott«, sagte Katrin und machte sich wieder daran, den Teppich zu bearbeiten. Ich sah den Schaum unter ihrer Bürste hervorquellen. »Diesen Hitler würd ich am liebsten hängen sehen«, murmelte sie. »Ich konnte ihn noch nie ausstehen, diesen abscheulichen, hetzerischen …«

Tante Edith wandte sich an mich: »Jenny, ich weiß nicht, was ich mit Theresia machen soll.« Ihre Stimme zitterte. »Ich habe die Scherben aufgesammelt, aber ich möchte sie nicht in den Mülleimer werfen.«

»Nein, das geht nicht«, stimmte ich ihr zu, und mir wurde es ganz eng in der Kehle. »Weißt du, Papa könnte ihre Haare bestimmt noch für eine Marionette verwenden. Dann würde wenigstens etwas von ihr weiterleben.«

»Das wäre schön«, sagte Tante Edith.

»Vielleicht hat Papa ja auch eine Idee, was wir mit den übrigen Teilen anfangen können«, fügte ich noch hinzu.

»Wir werden ihn fragen. Aber jetzt muss ich weitermachen.«

Ich arbeitete Seite an Seite mit ihr, räumte auf, gab die zerbrochenen Stücke ihres besten Services in einen Eimer und leerte ihn in die Mülltonne im Hof. Die silberne Teekanne und das silberne Milchkännchen hatten die SA-Männer gestohlen. Janke war im Hof und blickte stirnrunzelnd auf den Eimer. »Diese Dreckschweine«, sagte er, und ich war froh, dass es noch andere Leute gab, die so dachten wie wir.

Als ich wieder raufkam, hatte sich Frau Janke zu uns gesellt. Sie tat ihr Bestes, um die Flecken auf der Tapete zu beseitigen. Wenige Minuten später klingelte es. Es war Frau Tillmann, die den Porzellanladen neben unserer Werkstatt betrieb und über uns wohnte. Sie hatte einen Korb in der Hand.

»Geben Sie mir etwas zu tun, Frau Jakobi«, sagte sie. »Und – ich dachte mir, Sie können ein paar Tassen und Teller gebrauchen …«

Tante Edith brach in Tränen aus. Ich umarmte sie und Frau Tillmann gab beschwichtigende Laute von sich. Frau Janke warf ihren Lappen hin und wetterte gegen die SA-Männer, Katrin ging für Tante Edith Kaffee kochen.

»Ich danke euch allen«, sagte Tante Edith. Sie nahm meine Hand in ihre. »Ihr seid so gut zu mir.«

»Gut?«, schnaubte Frau Janke. »Eine Schlägerbande hat Schande über unser Land gebracht, und Sie reden von Güte? Wir schulden Ihnen unsere Hilfe, Frau Jakobi.«

»Was ist schon ein bisschen Porzellan?«, meinte Frau Tillmann.

Ich streichelte Tante Ediths Hand, die ich fast so gut kannte wie die Hand meiner Mutter. Die schmalen Finger, den kleinen Topasring, den sie immer trug. Diese Hand hatte mich so oft getätschelt, getröstet, liebkost. Tante Edith war nie ungeduldig mit mir geworden wie Mama manchmal. Wenn ich sie besuchen kam, hatte sie mir Theresia zum Spielen gegeben; wir hatten zusammen klebriges Mohnkonfekt gemacht, und Raffi hatte mir geholfen, es aufzuessen. Sie hatte mir die Fotografien auf der großen Anrichte gezeigt und mir die Geschichten dazu erzählt.

»Tante Edith«, sagte ich, »deine Fotos!«

Ihre Gesichtszüge verkrampften sich. »Ach Gott, wie konnte ich die nur vergessen?«

Die Bilder lagen verstreut auf dem Parkett neben der eingeschlagenen Anrichte. Tante Edith und ich gingen auf die Knie und sammelten sie auf. Ich fischte das Foto ihrer Mutter aus seinem zerbrochenen Rahmen.

»Vorsicht, Jenny«, sagte sie. »Das Glas ist scharf.«

»Es ist nur in zwei Hälften zerbrochen. Schau, das Bild ist unversehrt.«

Tante Edith hob bekümmert das Hochzeitsfoto von Onkel Markus’ Eltern auf. Das Glas war zersplittert und auf dem Bild prangte ein Stiefelabdruck. Onkel Markus’ Eltern waren tot und Raffi hatte sie nie kennengelernt. Ich konnte mich auch nicht mehr an Papas Eltern erinnern oder an den Vater meiner Mutter. Es gab nur noch meine Omi, die in England geboren war, aber jetzt in Berlin lebte.

Ich entdeckte das Bild von Raffis Onkel Herbert. Es war völlig zerfetzt, das würde man nicht mehr kleben können. Dann sah ich, wie Tante Edith nach einer anderen Fotografie griff. Ich wusste, welche es war. Die von Ursula. Bitte, bitte, dachte ich.

Als sie das Bild hochhob, atmete ich erleichtert auf. Es war heil geblieben, nur das Glas war gesprungen. Ich betrachtete das kleine Mädchen mit Tante Ediths welligen braunen Haaren und den schönen Augen, Raffis ältere Schwester. Sie war im Alter von sechs Jahren, kurz vor meiner Geburt, an Scharlach gestorben. Ich hatte mir immer gewünscht, sie wäre noch am Leben, dann hätte ich eine Art Schwester gehabt.

»Da muss nur das Glas erneuert werden«, sagte ich. Dann reichte ich ihr die anderen Fotos. »Was ist mit den Alben?«

»Die sind unversehrt«, entgegnete sie. »Sie hatten keine Zeit, alles kaputt zu machen; wir waren nur ein Punkt in ihrem Programm.«

Kurz versuchte ich mir vorzustellen, wie jemand eine Liste erstellt hatte; doch das wollte ich mir gar nicht ausmalen. Katrin kam mit dem Kaffee.

»Jetzt machen Sie mal Pause und trinken Ihren Kaffee, Frau Jakobi«, sagte sie. »Die Fotos können Sie mit zu uns nehmen.« Sie betrachtete Ursulas Bild. »Sie war so ein hübsches Mädchen, und gescheit! Ich habe ihre Stimme noch im Ohr, wie sie mit mir sprach, klar und deutlich. Damals war sie bestimmt höchstens anderthalb. ›Guten Morgen, Tatrin. Wie geht’s?‹, hat sie immer zu mir gesagt.«

Tante Edith lächelte Katrin zaghaft zu. Ich drückte sie noch einmal und küsste sie auf die Wange, und ich hasste die Männer, die ihr so wehgetan hatten.

Später ging Katrin weg, um das Mittagessen für uns zuzubereiten. Sie lud auch Frau Tillmann und Frau Janke ein, aber die mussten beide für ihre Männer kochen. Ich sollte im Laden Papa, Onkel Markus und die Jungs holen.

Papa sah von dem Bücherregal auf, an dem er gerade arbeitete. »Wenigstens das hier kriegen wir wieder hin«, meinte er, »und auch einige Bücher sind noch in gutem Zustand.«

»Katrin hat Suppe gekocht, und ich soll euch von Tante Edith bestellen, dass ihr zum Essen kommen sollt«, sagte ich.

»Gleich«, entgegnete Papa. »Wenn wir das Regal hier geklebt haben.«

»Dafür reichen zwei Leute, Raffi«, meinte Onkel Markus. »Geh du schon mal hoch und mach Katrin glücklich. Ich weiß nicht, wann Karl zurückkommt, Jenny, er besorgt noch ein paar Schrauben.«

Raffi kam mit mir nach oben. »Herr Tillmann will uns auch helfen nach Ladenschluss.«

»Wenigstens gibt es noch ein paar gute Menschen«, sagte ich.

»Aber nicht genug«, wandte Raffi ein.

Plötzlich brach es aus mir heraus: »Ich wünschte, ich würde aufwachen.«

Er wusste, was ich meinte. »Ich auch. Habt ihr was Neues von Omi gehört, Jenny?«

Omi war irgendwie auch Raffis Großmutter. Wir waren alle wie eine große Familie, und nun mussten sie wegziehen, weil die Nazis sie nicht haben wollten.

»Ja«, sagte ich. »Ihr Hausmädchen war hier. Es geht ihr besser, aber noch nicht so gut, dass Mama sie allein lassen kann.« Doch auf einmal hatte ich schreckliche Angst, dass Omi vielleicht sterben würde.

»Ich wüsste zu gern, was sie zu alldem sagt.« Raffi ballte die Hände zu Fäusten. »In England würde so was nicht passieren, oder?«

Ich schüttelte den Kopf und dachte an England. Ich war noch nie dort gewesen, weil wir es uns nicht leisten konnten, ins Ausland zu reisen. Dorthin würde Raffi nun vielleicht ziehen. Wenn wir doch nur alle in England leben könnten, dann wäre alles wieder gut.

Auf dem Tisch stand eine Schüssel Hühnerbrühe mit Eierspätzle.

»Wo bleiben bloß die Männer?«, grummelte Tante Edith.

»Die kommen bestimmt bald«, beruhigte ich sie.

»Dann ist aber die Suppe kalt«, beklagte sich Katrin. An Tante Edith gewandt sagte sie: »Frau Jakobi, haben diese Dreckskerle auch Ihren Schmuck gestohlen?«

»Einen Teil davon«, antwortete Tante Edith. »Aber die besten Stücke haben wir in einem Versteck unter den Fußbodendielen aufbewahrt. Die haben sie nicht gefunden.«

»Gott sei Dank, wenigstens das …«, setzte Katrin an.

Dann hörten wir es. Ein großes Auto, vielleicht war es auch ein Lastwagen, kam rasch die Straße rauf. Mit quietschenden Bremsen stoppte es vor unserem Haus. Muffi begann zu bellen.

»Was …!«, rief Raffi. Keine Minute später standen wir alle am geöffneten Fenster und blickten hinunter auf die Straße.

Es war tatsächlich ein Lastwagen, so einer, wie er zum Transport von Kohlesäcken benutzt wurde. Drei Männer stiegen aus und gingen in den Laden. Sie trugen Ledermäntel, Schirmmützen und hohe glänzende Stiefel.

Tante Edith schnappte nach Luft, als hätte ihr jemand ein Messer in den Leib gestoßen. »Die Gestapo«, sagte sie.

Ich starrte auf die Gefangenen, die auf der Ladefläche kauerten, es waren ungefähr zehn. Sie hatten aschfahle Gesichter, manche waren verletzt und mit ihrem eigenen Blut beschmiert. Mein Herz begann heftig zu pochen.

Und dann stieß einer der Männer Onkel Markus aus dem Laden. Papa kam ihnen in Hemdsärmeln nachgelaufen. Er protestierte, versuchte den Gestapomann aufzuhalten und redete auf ihn ein: »Was hat mein Freund verbrochen? Er war sein Leben lang ein guter Bürger, er hat im Krieg für Deutschland gekämpft. Er hat das Eiserne Kreuz, hören Sie? Sie dürfen ihn nicht verhaften.« Entsetzt hielt ich den Atem an. Mit der Gestapo legte man sich besser nicht an.

Ich sah, wie der zweite Gestapomann ganz beiläufig hinter Papa trat und ihm von hinten in die Kniekehlen trat. Papa sackte auf den Bürgersteig. Dann spuckte der Mann Papa an und traktierte ihn mit Tritten in die Rippen. Ich hatte das Gefühl, als träfe jeder Tritt mich. Papa versuchte sich zu schützen, indem er sich zusammenkrümmte, er schrie gellend vor Schmerz. Ich öffnete den Mund, doch ehe ich einen Laut von mir geben konnte, schob sich Katrins Hand davor. Trotzdem brüllte ich: »Lassen Sie meinen Papa in Ruhe! Tun Sie ihm nicht weh!« Katrins harte, nach Seife riechende Hand erstickte alles.

»Jennylein«, zischte mir Katrin ins Ohr, »sei still, du machst alles nur noch schlimmer.«

Ich sah, wie Onkel Markus sich loszureißen versuchte, vielleicht um Papa zu helfen, und wie der Grobian, der ihn festhielt, ihm einen Schlag ins Gesicht versetzte. Er taumelte, Blut lief ihm aus der Nase.

Tante Edith flüsterte verzweifelt: »Warum sind sie bloß nicht zum Essen raufgekommen, als wir sie gerufen haben?«

»Ich gehe jetzt runter«, sagte Raffi.

»Nein«, protestierte Tante Edith. »Nein, Raffi, um Himmels willen. Ist nicht schon alles schrecklich genug?«

Das hörten die Männer. Sie blickten alle drei zu uns herauf und dann fingen sie zu lachen an. Die Leute, die vorbeikamen, wechselten die Straßenseite, um nicht hineingezogen zu werden, und einen Augenblick sah ich das Ganze mit ihren Augen, wie einen kurzen Filmschnipsel: zwei Männer und die Gestapoleute, die sie fertigmachten, und dazu wir am Fenster, die alles mit kalkweißen Gesichtern mit ansahen. Ein Bild, das sie so schnell wie möglich wieder vergessen wollten, damit es ihnen beim Abendessen nicht den Appetit verdarb.

Die Männer hievten Papa unsanft auf die Ladefläche wie einen Sack Kartoffeln. Ich wimmerte in Katrins Hand hinein. Nach ihm bugsierten sie Onkel Markus hinauf. Als sie wegfuhren, sah ich Karl mit einer Papiertüte in der Hand die Straße entlangkommen.

Ich lief Karl in den Flur entgegen und warf mich in seine Arme. Er drückte mich so fest an sich, dass sich seine Finger in meinen Rücken bohrten, aber ich sagte ihm nicht, dass es wehtat. Das war jetzt nicht wichtig.

»Schweinehunde«, sagte Karl. »Dreckige, stinkende Schweinehunde.« Er ließ mich los und wir gingen ins Esszimmer.

Tante Edith stand immer noch am Fenster, ganz starr und mit bleicher Miene. Raffi streichelte ihren Rücken. Seine Kiefermuskeln waren angespannt.

»Was können wir bloß tun?«, fragte ich Karl.

»Zu Onkel Hartmut gehen«, antwortete er.

Das verstand ich nicht. »Der ist doch ein Nazi.«

Aber Katrin nickte zustimmend. »Er ist einer ihrer reichen Geldgeber«, sagte sie. »Du bist ein kluger Kopf, Karlchen.«

»Er hat Beziehungen«, erklärte mir Karl. »Vielleicht kann er erreichen, dass sie freigelassen werden.«

»Ich komme mit«, sagte ich.

»Ich auch«, schloss sich Raffi sofort an.

»Wir gehen alle«, entschied Tante Edith. »Nein, ich lasse mich nicht abhalten, Karl. Wenn ich hierbleiben und auf euch warten muss, drehe ich durch.«

Kapitel Vier

Tante Edith wollte, dass wir uns alle fein anzogen. »Vielleicht hilft es etwas«, meinte sie. Katrin gab ihr Mamas Mantel mit dem Pelzkragen. Raffi zog seinen besten blauen Anzug an, den hatten die SA-Männer heil gelassen. Ich musste mein Sonntagskleid tragen. Ich fand es schrecklich, dass wir uns noch auftakelten, es kam mir vor, als würden wir wertvolle Zeit verschwenden.

Wir nahmen die Schmalspurbahn hinaus nach Wannsee, wo mein reicher Onkel Hartmut und Papas Schwester Tante Grete direkt am Seeufer wohnten. Eine Allee führte zu ihrer Gartenpforte und von dort gingen wir über die zu beiden Seiten von kleinen blauen Weihnachtsbäumchen gesäumte Auffahrt zu ihrer großen protzigen Villa mit dem Fachwerkgiebel. Karl betätigte die polierte Messingkuhglocke. Ich hörte Schnucki, ihre Hündin, bellen. Sie klang wie Muffi, was nicht verwunderte, da sie doch Muffis Mutter war.

Das Hausmädchen Minna öffnete die Tür. Sie riss erstaunt die Augen auf, knickste jedoch höflich und bat uns herein. Tante Grete kam uns, in eine schwere Moschuswolke gehüllt, entgegen, gefolgt von Schnucki. Als sie zwei Juden in ihrer Eingangshalle sah, bewegten sich ihre gezupften Augenbrauen nach oben.

»Wo ist deine Mutter?«, fragte sie Karl. Er antwortete, Mama sei bei Omi, weil diese krank sei.

»Verstehe«, entgegnete sie, als wäre Omi absichtlich krank geworden, um sie zu ärgern. Tante Grete und Onkel Hartmut mochten Omi nicht – was auf Gegenseitigkeit beruhte –, weil Omi aus England kam und an die Demokratie glaubte.

»Tante Grete«, fing Karl an, »Papa ist verhaftet worden. Und Onkel Markus auch, und wir haben gehofft …«

Ihr entfuhr ein leiser Schrei. »Verhaftet? O nein.« Sofort wurde sie aktiv. Sie ging zum Telefon und ich hörte, wie sie zu Onkel Hartmuts Sekretärin sagte, er müsse sofort nach Hause kommen. Es sei dringend.

Dann mussten wir im Salon, wie Tante Grete ihn nannte, auf Onkel Hartmut warten. Eine halbe Ewigkeit. Angst und Ungeduld nagten an mir. Ich hörte das Ticken der großen Standuhr aus Walnussholz, die jede halbe Stunde dröhnend schlug. Die wuchtigen Möbel ragten vom Parkettboden auf wie klippengesäumte Inseln in einem gelben Ozean. Schnucki lag auf einem riesigen Orientteppich, ihre schwarzen Zotteln umgaben sie wie die Fransen eines viel kleineren schwarzen Teppichs. Sie beachtete uns nicht weiter. Das tat sie nie.

»Sie ist größer als Muffi«, bemerkte Raffi mit einem Blick auf Schnucki.

Tante Grete hob die Augenbrauen, als hätte er besser den Mund gehalten, antwortete aber trotzdem darauf. »Ja, weil sie ein reinrassiger Ungarischer Puli ist. Muffis Vater hingegen kennen wir nicht. Es ist erstaunlich, dass Muffi ihrer Mutter so ähnlich geworden ist.«

Sie rieb uns immer unter die Nase, dass Schnucki viel mehr wert war als ihre gemischtrassige Tochter, aber heute war mir das ganz egal. Heute ging es nur um Papa und Onkel Markus. Die Uhr tickte und tickte.

Plötzlich rappelte sich Schnucki auf die Füße, lief zur Tür und begann erneut zu bellen. Einen Augenblick später läutete es. Meine Cousinen Hildegard und Kunigunde kamen von der Schule nach Hause wie an einem ganz normalen Tag.

»Was machen die denn hier?«, erkundigte sich Hildegard. Sie stand in der Tür und starrte mich und Karl an, und auch Raffi. »Wer sind diese Leute? Oh nein, Mama, das sind ihre jüdischen Freunde.«

Sie war ein Jahr älter als ich, ihre arisch blonden Zöpfe hingen ihr über den Rücken.

»Sei still«, sagte Tante Grete. »Sie stecken in Schwierigkeiten.«

»Schwierigkeiten?«, echote Hildegard mit hoher, verächtlicher Stimme. »Den Juden geschieht es ganz recht, was ihnen passiert ist. Wir mussten uns heute in der Turnhalle versammeln und die Direktorin hat es uns erklärt.«

Tante Edith schloss die Augen und Raffi funkelte Hildegard finster an. Sie stierte mit schmalen Augen zurück. Kunigunde nahm Schnucki auf den Arm und drehte ihr die Ponyfransen nach oben, sodass man ausnahmsweise einmal ihre Augen sah. Das ließ die Hündin sich eine Weile lang gefallen, ehe sie sich losstrampelte und das Weite suchte. Kunigunde war zwei Jahre jünger als ich, ein kleines Monster mit blonden Rattenschwänzchen.

»Sind sie etwa zu euch nach Haus gekommen und haben alle Fenster eingeschlagen?«, fragte sie Tante Edith mit einem boshaften Grinsen.

»Sei still«, befahl Tante Grete noch einmal. »So etwas sagt man nicht, Kunigunde.«

»Ich schon«, widersprach Kunigunde. Aber selbst die Schadenfreude in ihrer Stimme war nichts gegen das, was die Gestapo vielleicht mit Papa und Onkel Markus anstellte.

Minna kam mit einem Silbertablett, auf dem Kaffee, Kakao und eine Keksschale standen. Ich wollte nichts. Es hätte sowieso nur nach Tante Gretes ekelhaftem Parfüm geschmeckt. Kunigunde lockte Schnucki mit einer Zitronenwaffel, die sich den Keks schnappte und dann schnell wieder verzog. Tante Grete klopfte mit ihren Plateausohlen auf den Boden und nestelte nervös an ihren Perlenohrclips herum. Dann hörte wir, wie draußen ein großes Auto hielt. Onkel Hartmut war nach Hause gekommen.

Er zitierte uns in sein Arbeitszimmer, bot aber keinem von uns einen Stuhl an. An Karl gewandt sagte er: »Und was soll ich jetzt bitte schön tun? Dein Vater hat sich die Grube, in die er hineingefallen ist, selbst gegraben. Jeder hat es kommen sehen. Und was den Juden betrifft …«

So sagte er es. »Den Juden.« Während Tante Edith und Raffi danebenstanden.

Onkel Hartmut war von stämmiger Statur, und er wirkte erbost, wie er in seinem Anzug hinter dem riesigen polierten Schreibtisch saß. »Ich kann nicht fassen, dass du mich deswegen aus der Arbeit geholt hast«, sagte er zu Tante Grete.

Hildegard und Kunigunde lehnten am Türrahmen, Hildegard hatte Schnucki hochgenommen und drückte sie an sich.

Karl ergriff das Wort. »Onkel Markus ist Papas bester Freund, da hat er natürlich versucht, seine Verhaftung zu verhindern.«

»Dein Vater ist eine Schande für mich«, sagte Onkel Hartmut. »Sein bester Freund ist Jude und er selbst einer von diesen Quäkern, diesem Haufen Unruhestifter. Wie viele von denen gibt es wohl? Ein paar Hundert in Deutschland? Hast du eigentlich eine Vorstellung davon, welche Gräuelgeschichten sie im Ausland über uns verbreiten?«

Ich jedenfalls wusste Bescheid. Zwar nicht von Papa selbst, weil er Karl und mich nicht mit den gefährlichen Dingen, die er tat, belasten wollte. Aber er und Mama redeten heimlich über solche Sachen, wenn sie glaubten, dass wir nicht zuhörten, und wir hüteten uns, es irgendwem weiterzuerzählen. Ich hatte gehört, dass Quäker aus England und Amerika nach Berlin kamen, um sich ein Bild von den Zuständen zu machen.

Karl hob an zu sprechen, und ich war sicher, dass er gleich sagen würde, das seien keine Gräuelgeschichten, das wüssten wir nach allem, was heute passiert war. Ich spürte wieder die Hand des Mannes an meiner Schulter, ich sah seinen toten Körper auf dem Straßenpflaster, sah, wie sie Papa traten. Plötzlich war mir eiskalt und ich schlang die Arme um mich. Aber Onkel Hartmut war noch nicht fertig. »Der Führer tut das Richtige für unser Land, hört ihr, Karl, Jenny? Wer in einem Konzentrationslager landet, hat es auch verdient, und das Schlimmste, was denen dort passiert, ist, dass sie ein bisschen schwere Arbeit verrichten müssen. Ganz egal, was du von deinem närrischen Vater auch gehört haben magst. Was weiß ein Puppenmacher schon davon? Und was die Juden betrifft – später einmal werden uns die Menschen auf der ganzen Welt für das dankbar sein, was wir heute tun. Trotzdem verschicken diese elenden Quäker in diesem Augenblick Briefe, in denen steht, dass wir brutal vorgehen – aber geht denn nicht auch ein Chirurg, der seinem Patienten den Krebs herausschneidet, brutal vor?«

Tante Edith konnte ihn nicht länger ansehen. Ich streckte meine kalte Hand nach ihrer aus, die ebenso eiskalt war. Wir waren völlig umsonst gekommen.

Er fuhr fort: »Die Juden haben nur eines im Sinn, Deutschland zu ruinieren, indem sie einerseits kommunistische Unruhen anzetteln und andererseits die Finanzmärkte in Amerika manipulieren – wir werden an zwei Fronten angegriffen.«

»Mein Vater ist 1917 mit seiner Kompanie ins Niemandsland vorgestoßen, und nach einer Stunde waren nur noch zehn Männer am Leben, aber sie haben ein französisches Maschinengewehrnest ausgehoben. Dafür wurde ihm das Eiserne Kreuz verliehen. Klingt das nach einem Mann, der sein Land ruinieren möchte?«, brach es aus Raffi heraus.

Onkel Hartmut wirkte, als habe er es nicht gehört. Doch Hildegard flüsterte Kunigunde zu: »Er ist ganz niedlich, findest du nicht? Wenn er kein Jude wäre, könnte er mir gefallen.«

Das hörte Onkel Hartmut allerdings. Er erhob sich vom Schreibtisch, trat auf sie zu und verpasste ihr eine schallende Ohrfeige. Sie kreischte auf.

Es war alles einfach entsetzlich.

Tante Grete schien es nicht zu stören, dass er Hildegard geschlagen hatte, aber sie sagte: »Hartmut, Dietrich ist mein Bruder.«

»Wozu ist ein solcher Bruder schon gut?«, fragte Onkel Hartmut zurück – und in diesem Moment zerbrach etwas in mir. Ich begann zu schluchzen, Tränen und Rotz liefen mir übers Gesicht. Ich schämte mich schrecklich deswegen, aber ich konnte nichts dagegen tun, und ich schrie Onkel Hartmut fast an, dass die Männer Papa getreten und Onkel Markus mit der Faust bearbeitet hatten und warum er ihnen nicht helfen wollte?

Tante Grete nahm meine Hand und schob ein kleines Seidentaschentuch hinein. Ich wollte es benutzen, aber es schimmerte so schön, deshalb wischte ich mir die Nase am Ärmel ab.

»Bitte, Hartmut …«, flehte Tante Grete. Jetzt war sie es, die in Tränen ausbrach.

»Weiber«, knurrte er und bedachte jedes weibliche Wesen im Raum mit einem bösen Blick, sogar Schnucki mit ihrem Wuschelfell. »Das könnt ihr gut, auf Kommando heulen, was? Das hält der stärkste Kerl nicht aus. Na schön, Grete, ich werde sehen, was ich für deinen Bruder tun kann. Aber dem Juden kann und will ich nicht helfen.«

Wir warteten zitternd auf dem Bahnsteig, bis der Zug kam. Niemand sagte ein Wort.

Wir bekamen gegenüberliegende Plätze. Raffi saß neben Tante Edith und hielt ihre Hand, Karl saß neben mir. Der Zug rumpelte dahin. Draußen schien die Nachmittagssonne durch die letzten rostroten Blätter der Bäume im Grunewald.

»Also, ich finde es ungeheuerlich«, meinte eine dünne ältere Dame auf der anderen Seite des Ganges zu einer jungen Frau mit einem kleinen Kind. »Und sie hatten Listen. Es war alles im Vorfeld organisiert.«

»Jetzt bringen sie die jüdischen Männer in Konzentrationslager«, entgegnete die junge Mutter, die sich an ihrer Handtasche festhielt und erschauderte. »Das sind doch keine Kriminellen.«

Ich dachte daran, was Onkel Hartmut über die Lager erzählt hatte. »Das Schlimmste, was denen dort passiert, ist, dass sie ein bisschen schwere Arbeit verrichten müssen.« Wenn das stimmte, warum hatten dann alle solche Angst, ins Lager zu kommen? Aber ich kannte die Wahrheit sowieso von Papa und Mama. In den Lagern starben Menschen.

Vom Weinen fühlte ich mich innerlich ganz hohl und wund, und schrecklich müde.

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