Logo weiterlesen.de
Nicht jeder kann ein Kätzchen sein

Über dieses Buch

Nicht jedes Lebewesen vermag mit hübschen Äußerlichkeiten zu punkten. Dabei haben weniger ansehnliche Tiere den schönen Kreaturen einiges voraus: Der hässliche Axolotl kennt das Geheimnis ewiger Jugend. Der reizlose Bombardierkäfer wehrt sich mit einer Kanone im Hintern. Und das Bärtierchen sieht zwar aus wie ein mit Anabolika aufgepumptes Gummibärchen, übersteht aber Temperaturen von minus 260 Grad. Unterhaltsam und wissenschaftlich fundiert portraitiert Naturexperte Mario Ludwig die 55 hässlichsten Tiere, die die Evolution hervorgebracht hat – und zeigt, was wir Menschen von ihnen lernen können.

Über den Autor

Mario Ludwig lebt als Biologe und Naturbuchautor in Karlsruhe. Er hat bislang 22 Bücher zum Thema Natur und Tiere veröffentlicht, die insgesamt in fünf Sprachen übersetzt wurden. Er schreibt Kolumnen für die Berliner Morgenpost und Europas größter Tierzeitschrift ein Herz für Tiere. Außerdem moderiert er einmal in der Woche fürs Deutschlandradio Wissen die Sendung Tiergespräch, in der er außergewöhnliche Erkenntnisse aus der Wissenschaft präsentiert. Wenn deutsche Talkshows nach einem fachkundigen Gast suchen, dann wenden sie sich an ihn, Ludwig saß bereits bei TV Total, Johannes B. Kerner und 3nach9. Kein Wunder also, dass die BILD ihn als »Deutschlands führender Zooexperte« bezeichnet. Mehr auf www.mario-ludwig.de.

Mario Ludwig

Nicht jeder kann
ein Kätzchen
sein

Warum in der Natur die hässlichen
Tiere die Nase vorn haben

BASTEI ENTERTAINMENT

Hässlich, aber erfolgreich

Nicht alle Tiere sind das personifizierte Kindchenschema und betören mit flauschigem Fell oder mit niedlichen ­Kulleraugen, nicht alle Tiere besitzen die imponierende Eleganz eines Königs­tigers oder die Majestät eines Steinadlers. Und obwohl Schönheit ja bekanntermaßen im Auge des Betrachters liegt, haben es manche Tierarten durchaus schwer, unsere Zuneigung zu erlangen. Zumindest rein optisch gesehen. Ihrem teilweise grotesken Aussehen zum Trotz stoßen vermeintlich unansehnliche Arten jedoch immer wieder auf großes Interesse. So wurde im Jahr 2013 der sogenannte Blobfisch ( S. 119), ein Tiefseebewohner, zum hässlichsten Tier der Welt gewählt und wird seitdem häufiger gegoogelt als zum Beispiel Pseudo­blennius percoides, sein wesentlich hübscherer Artverwandter. Gerade skurrile Tierarten sind oft wesentlich erfolgreicher und haben für uns Menschen einen deutlich größeren Unterhaltungswert als die normal aussehenden oder gar gut aussehenden. Und mitunter sind ihre Fähigkeiten und Eigenschaften genauso erstaunlich wie ihr Aussehen.

Zahlreichen Umfragen zufolge liegt der Nacktmull ( S. 42) beispielsweise im Skurrilitäten-Ranking weit vorne und gilt nicht nur als das »hässlichste Säugetier überhaupt«, sondern kann auch mit einer äußerst ungewöhnlichen Kon­stitution punkten: Nacktmulle sind völlig schmerzunempfindlich, sie bekommen keinen Krebs und können ihre Nagezähne einzeln bewegen. Auch das soziale Miteinander ist – zumindest für Säugetiere – bemerkenswert: Nacktmulle bilden unterirdische Staaten, die von einer Königin regiert werden, die nicht nur ihre Untertanen massiv mobbt, sondern sich obendrein einen männlichen Harem hält.

Oder nehmen wir den Axolotl ( S. 143), einen mittel­amerikanischen Lurch und ebenfalls nicht gerade eine Schönheit, der sein optisches Manko mit einer unglaublichen Re­ge­nera­tionsfähigkeit und dem Geheimnis ewiger Jugend wettmacht.

Manchmal sind es auch bestimmte Körperteile, die die Skurrilität eines Tieres ausmachen. So besitzt beispielsweise die See­gurke ein zahnbewehrtes Gesäß und der Schützenfisch eine kör­pereigene Wasserspritzpistole. Der Bombardierkäfer verfügt sogar über eine Kanone im Hintern. Höchst interessant ist auch der »Dracula der Meere«, der Vampirkrake, der in der Lage ist, Leuchtkugeln zu verschießen. Oder Bärtierchen, winzige Lebewesen, die aussehen wie mit Anabolika aufgepumpte, achtbeinige Gummibärchen, die Temperaturen jenseits von minus 260 Grad Celsius überstehen und sogar im Weltraum überleben.

Oder betrachten wir den amerikanischen Rotrückensala­man­der, der bei den Damen mit einem besonders gelungenen Kot­häufchen Eindruck schinden will. Höchst interessant auch der Tigerschnegel, eine Schnecke, die Sex am Trapez bevorzugt. Außerdem wären da noch Zombieschaben, Hasselhoff-Krabben oder die berühmte Käsemilbe. Eine Liste, die sich nahezu beliebig fortsetzen lässt.

Und selbst der Mensch hat seinen eigenen Beitrag zu den skurrilsten Tieren der Welt geleistet: Einigen Gentechnikern ist es gelungen, Fische zu züchten, die nachts leuchten. Und wer den passenden Bausatz im Internet kauft, kann zu Hause eine stinknormale Kakerlake in einen Cyborg verwandeln.

Übrigens: Sogar Wissenschaftler, so eine brandneue Studie der australischen Murdoch University, fallen auf optische Reize herein und widmen sich lieber Arten, die kuschelig oder anmutig aussehen, als solchen, die, um es vorsichtig zu formulieren, wenig »attraktiv« sind. Will heißen: Panda oder Koala werden mit deutlich größerer Intensität erforscht als Tüpfelhyäne oder Ochsenfrosch.

Dabei haben auch sie, wie bereits erwähnt, aus den unterschiedlichsten Gründen unsere volle Aufmerksamkeit verdient. Und genau deshalb sollen sie in diesem Buch einmal etwas genauer vorgestellt werden: die hässlichen, die skurrilen, aber auch die nur vermeintlich »langweiligen« Arten. Arten, die uns das Tierreich in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen. Faszination ist schließlich oft eine Frage des Standpunkts. Apropos Standpunkt: Die tierischen B-Promis werden nach Wohngebiet vorgestellt. Aufgrund der Artenvielfalt oder Art des Lebensraums kann dieses natürlich manchmal größer ausfallen, was die Trennschärfe etwas verwässert. In diesen Fällen wurden besonders häufige Aufkommensorte gewählt.

5632.jpg
4069-004.tif
  • Bartgeier
  • Bombardierkäfer
  • Tigerschnegel
  • Käsemilbe
  • Gletscherfloh
  • Schiffsbohrwurm
  • Bärtierchen

Ein schwuler Kidnapper? (Bartgeier)

5704.jpg

Geier haben einen schlechten Ruf, was hauptsächlich mit den doch ziemlich unappetitlichen Ernährungsgewohnheiten der Vögel zusammenhängt. Geier sind Leichenfledderer, die sich als klassische Aasfresser vor allem von toten Tieren ernähren. Kein Wunder, dass sie in vielen Kulturen als Symbol von Tod und Verfall gelten. Und auch rein optisch erzielen Geier, die immer etwas räudig aussehen, kaum Sympathiepunkte. So beschrieb der wohl berühmteste amerikanische Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, Mark Twain, einen Geier wie folgt: »Kahl, rot, seltsam geformter Kopf, federlose Stellen hier und da am Körper, intensive, große, schwarze Augen mit ungefiederten Rändern aus entzündetem Fleisch.«

Die europäischen Bartgeier litten außerdem unter dem Irrglauben, dass es sich bei den riesigen Vögeln um blutrünstige Bestien handle, die junge Schafe und sogar kleine Kinder raubten. Ein Verdacht, der dazu führte, dass man die übelbeleumdeten Vögel im Volksmund »Lämmergeier« nannte. Vor allem im Alpenraum zirkulierten noch im 19. Jahrhundert reichlich Schauergeschichten von Bartgeiern, die kleine Kinder vor den Augen ihrer Eltern gekidnappt, zum hoch in den Felsen gelegenen Nest getragen und dort an ihren Nachwuchs verfüttert haben sollen.

Geschichten, an deren Wahrheitsgehalt selbst zeitgenössische Wissenschaftler fest und lange glaubten. So behauptete etwa der damalige Leiter der Zoologischen Staatssammlung München, Gotthilf Heinrich von Schubert, 1834 in seinem Lehrbuch der Naturgeschichte für Schulen und zum Selbstunterricht: »Der Geier raubt auch manchmal kleine Kinder, und ein Bauer, der einem, der ihm sein sechsjähriges Mädchen weggetragen hatte, mit Lebensgefahr nachgeklettert war auf seinen Felsenhorst, konnte das arme Kind doch nicht mehr retten, sondern es starb nach wenigen Stunden an den Misshandlungen des jungen Geiers.«

Klar, dass bei einem derart schlechten Leumund Bartgeier bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Alpen ausgerottet wurden. Mit viel Mühe konnten sie inzwischen zwar wiederangesiedelt werden, doch der heutige Bestand von rund einhundert Brutpaaren ist durchaus noch ausbaufähig.

Dabei handelt es sich bei den Storys von Kindesraub um hanebüchenen Unsinn. Zum einen ist ein Kind viel zu schwer, um von einem Bartgeier »weggetragen« zu werden, und zum anderen sind Bartgeier fast reine Aasfresser, die sich vor allem von den Knochen toter Tiere ernähren. Mit einer kleinen, aber höchst interessanten Ausnahme. Im Mittelmeerraum haben sich Bartgeier auf Landschildkröten als Nahrung spezialisiert. Die schleppen die Vögel tatsächlich in die Luft und lassen sie dann, um den harten Panzer der Reptilien zu knacken, einfach aus großer Höhe auf Felsen fallen. Ein Verhalten, dem Gerüchten nach auch der griechische Tragödiendichter Aischylos 456 v. Chr. auf Sizilien zum Opfer gefallen sein soll. Der Legende nach starb der Künstler nämlich durch eine herabfallende Schildkröte. Offensichtlich hatte ein Bartgeier die Glatze des Dichters mit einem Felsen verwechselt und als sogenannte Knochenschmiede genutzt …

In Sachen Sex sind Bartgeier ebenfalls höchst interessante Tiere. Die großen Vögel sind nämlich – legt man menschliche Maßstäbe an – äußerst tolerant, was den Sexualpartner angeht. Ihnen ist es egal, welches Geschlecht der Liebesgefährte hat. So besteht bei den größten Greifvögeln Europas rund ein Drittel aller Partnerschaften nicht aus einer Zweierbeziehung, sondern aus einer »Ménage à trois«, in der zwei Geierherren nicht nur mit einer gemeinsamen Geierdame Sex haben, sondern oftmals zusätzlich eine homosexuelle Beziehung miteinander eingehen. Ein Beziehungsgeflecht, das dem Nachwuchs zugutekommt, weil sich alle drei Partner gemeinsam um Brutgeschäft und Aufzucht der Jungen kümmern. Patchwork von seiner besten Seite!

Kanone im Hintern (Bombardierkäfer)

Über die wahrscheinlich ungewöhnlichste, aber auch effektivste Defensivwaffe im Tierreich verfügt der Bombardierkäfer. Der Name ist Programm: Dieses Krabbeltier hat, man glaubt es kaum, eine Kanone im Hintern. Und was für eine! Es handelt sich um eine echte Multifunktionswaffe, die nicht nur mit einem lauten Knall feuert, sondern auch noch eine bis zu hundert Grad heiße und obendrein ätzende und fies riechende Flüssigkeit versprüht.

Sieht sich ein Bombardierkäfer, bei dem übrigens schon der wissenschaftliche Name Brachinus explodens auf seine speziellen Fähigkeiten hinweist, durch einen Fressfeind bedroht, richtet er seinen Hinterleib auf den Aggressor. Ist das Ziel erfasst, wird zum Abschuss des körpereigenen Geschützes ein ziemlich komplizierter chemischer Vorgang in Gang gesetzt. Zunächst produziert der Bombardierkäfer in zwei in den After mündenden Drüsen die beiden chemisch äußerst reaktiven Substanzen Hydrochinon und Wasserstoffperoxid. Diese beiden Stoffe reagieren in einer sogenannten Explosionskammer ziemlich heftig mit den Enzymen Peroxidase und Katalase. So heftig, dass dabei jede Menge Wärme frei wird und die im Reaktionsprozess entstandenen Benzochinone und der ebenfalls gebildete Wasserdampf mit gewaltigem Druck durch eine Spezialdüse nach außen geschleudert werden. Die Reichweite des körper­eigenen Geschützes ist dabei mit über zwanzig Zentimetern exorbitant. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Bombardierkäfer selbst es gerade mal auf eine Größe von 1,5 Zentimetern bringt.

Bei der Kanone im Hintern handelt es sich übrigens um eine Schnellfeuerwaffe, die bei hartnäckigen Verfolgern, wie etwa einer Kröte, auch mal auf Dauerfeuer eingestellt werden kann. Möglich macht dies ein ausreichender Chemikalienvorrat im Inneren des Käfers, der bis zu zwanzigmal sofortiges Nachladen erlaubt. Die Feuergeschwindigkeit reguliert der Bombardierkäfer durch ein blitzartiges Zusammenziehen und Entspannen einer Membran, die sich im Explosionsapparat befindet.

Überdies ist die Kanone schwenkbar. Ein extrem beweg­licher Hinterleib erlaubt es dem Bombardierkäfer, in nahezu alle Richtungen zu feuern, ohne die eigene Position zu verändern. Dank einer kleinen anatomischen Besonderheit sind sogar Schüsse um die Ecke möglich. Unmittelbar neben der Spritzdrüse befindet sich nämlich, sowohl auf der rechten als auch auf der linken Seite, ein kleiner scheibenförmiger Reflektorschild, mit dem der Bombardierkäfer seinen Spritzstrahl leicht in die gewünschte Richtung umlenken kann.

Bei solchen armierungstechnischen Raffinessen ist es kein Wunder, dass die Hinterleibskanone des Bombardierkäfers das Interesse der Wissenschaft weckt und längst Einzug in die Bionik gehalten hat: So entwickelten schweizer Wissenschaftler nach dem Vorbild des Explosionsapparates des kleinen Käfers eine raffinierte Schutzfolie, die aus winzigen kleinen Kammern besteht, die abwechselnd mit Wasserstoffperoxid und Mangandioxid befüllt sind. Wird die Folie beschädigt oder gar zerstört, mischen sich die beiden äußerst reaktionsfreudigen Chemikalien, und es bildet sich ein heißer, ätzender Schaum. Mit der »Bombardierkäferfolie« können Geldkassetten und andere wertvolle Behälter vor unerlaubtem Zugriff geschützt werden.

Seit einigen Jahren treibt sich der Bombardierkäfer sogar in der Weltraumforschung herum. Raumfahrtingenieure des Bremer Zentrums für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation tüftelten nämlich nach Vorbild der Bombardierkäferkanone einen Raketenantrieb aus. Da sieht man mal, was man mit einem gut ausgestatteten Hinterteil im Leben alles erreichen kann.

Eine Luftnummer (Tigerschnegel)

5733.jpg

Schneckensex ist entsetzlich langsam und langweilig – wer das behauptet, kennt den Tigerschnegel nicht! Die Fortpflanzung dieser etwa zwölf Zentimeter großen Nacktschnecken findet nämlich ziemlich untypisch für Schnecken in der Luft statt. Und hier zeigt der Tigerschnegel Fähigkeiten, mit denen er als Luftseilakrobat im Zirkus sofort sein Publikum finden würde.

Seinen Namen verdankt der Tigerschnegel seinem Raubtierlook, da der Körper des Weichtiers meist mit charakteristischen schwarzen Längsstreifen versehen ist. Manchmal kommt so ein Tigerschnegel allerdings auch getupft daher, eine Eigenschaft, die ihm seinen englischen Namen leopard slug (= Leopardennacktschnecke) eingebracht hat.

Bei uns in Deutschland ist der Tigerschnegel vor allem in Parks, Gärten und auf Friedhöfen zu finden. Wie alle an Land lebenden Schnecken sind auch sie Hermaphroditen, also weder Männchen noch Weibchen, sondern »beides« und mit beiderlei Geschlechtsorganen ausgestattet. Treffen zwei Tigerschnegel aufeinander, kommt es zunächst einmal zu einem ziemlich außergewöhnlichen Vorspiel, einer ritualisierten Verfolgungsjagd, die ein Tigerschnegelexperte einmal wie folgt beschrieben hat: »Die jagen sich wie die Eichhörnchen, nur halt im Schneckentempo.«

Geradezu spektakulär wird es aber dann, wenn es »richtig« zur Sache geht. Die beiden Sexualpartner in spe klettern dazu nämlich in luftige Höhen und suchen sich einen geeigneten Platz wie etwa einen Ast oder einen Mauervorsprung. Von dort seilen sich beide mittels eines selbst produzierten Schleimfadens et­­­wa einen halben Meter ab, um dann frei baumelnd den eigentlichen Akt auszuführen. Dazu umschlingen sich die Schnegel mit ihren Körpern und bilden mit ihren Penissen eine »blumige Struktur«, in der der Austausch der Samenpakete, der sogenannten Spermatophoren, stattfindet. Das ganze Prozedere erinnert stark an eine Trapeznummer im Zirkus.

Apropos, wenn es bei Fortpflanzungsorganen tatsächlich auf die Länge ankommt, dann steht der Tigerschnegel nicht gerade schlecht da. Vor allem, wenn man die Penislänge in Relation zur Körperlänge setzt. Bei einer Körperlänge von rund zwölf Zentimetern erreicht sein Geschlechtsorgan nämlich stolze fünf Zentimeter – also fast die Hälfte seiner Körperlänge. Wenn ein Mensch da mithalten wollte, müsste er eine Penislänge von sechzig bis achtzig Zentimeter aufweisen können!

Nach dem Sex trennen sich die Wege der beiden Sexualpartner noch in der Luft. Ein Schnegel kriecht am Schleimfaden wieder hoch und frisst diesen teilweise auf – man will schließlich keine wertvollen Ressourcen verschwenden. Der zweite Tigerschnegel lässt sich einfach auf den Boden fallen.

Warum der Tigerschnegelsex in der Luft und nicht wie bei anderen Schnecken am Boden stattfindet, konnte bisher noch nicht geklärt werden.

Wenn der Partner fehlt, kann sich ein Tigerschnegel übrigens auch mal selbst befruchten. Eine Tatsache, die möglicherweise damit zusammenhängt, dass Tigerschnegel nicht gerade häufig vorkommen. Da ist Selbstbefruchtung manchmal die einzige Möglichkeit, die Art zu erhalten.

Milbenkäse (Käsemilbe)

Die kleinsten Käsehersteller der Welt leben in Sachsen-Anhalt, sind gerade mal 0,3 Millimeter groß und hören auf den wissenschaftlichen Namen Tyroglyphus casei. Käsemilben, die bei der Produktion des sogenannten »Würchwitzer Milbenkäse« einen wichtigen Beitrag leisten. Nicht etwa, dass, wie der Name suggeriert, die winzigen Milben gemolken und deren Milch dann zu Käse verarbeitet würde. Nein, Milbenkäse wird, wie die meisten anderen Käsesorten auch, aus Kuhmilch hergestellt. Allerdings mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass man zur Reifung des Käses nicht wie sonst üblich Bakterien oder Schimmelpilze verwendet, sondern eben Milben.

Um den durchaus gewöhnungsbedürftigen Käse herzustellen, wird zunächst ein ausgiebig entwässerter und für ein paar Tage bei niedrigen Temperaturen getrockneter Labquark mit Salz und Kümmel gewürzt. Anschließend wird der Käse zu kleinen Stangen oder Kugeln geformt und mehrere Monate lang in einer Kiste gelagert, in der bereits mehrere Millionen Käsemilben warten, die den Käse reifen lassen sollen. Eine Aufgabe, der die Milben auf eine nicht gerade besonders appetitliche Art und Weise nachkommen. Es sind nämlich der Kot und der Speichel der kleinen Krabbeltiere, der den Käse zur Reife bringt und ihm sein spezielles Aroma verpasst. Zur zusätzlichen Ernährung der Milben gibt man Roggenmehl zu, das verhindert, dass die Milben den Käse selbst allzu stark abfressen.

Übrigens futtern die Milben nicht nur Käse und Roggenmehl, sondern betätigen sich ab und an auch non-vegetarisch, ja sogar kannibalistisch: Tote Artgenossen werden nämlich genauso gern verspeist.

Nach rund drei Monaten Milbenbehandlung ist der Käse ausgereift und kann verzehrt werden. Wie man ihn genießt, kommt auf die persönliche Vorliebe – und den persönlichen Mut – an. Die meisten Konsumenten essen den Käse zusammen mit den Milben. Weniger wagemutige kratzen die Tierchen vor dem Verzehr lieber ab. Und wer ganz hartgesotten ist, nutzt allein die Milben als leckeren Brotaufstrich.

Zu Beginn des Käsemilbenkonsums gab es wegen der Hygiene natürlich heftige Bedenken. Lebendige und tote Milben zu essen – ist das nicht schrecklich ungesund? Allerdings konnten im Milbenkäse bei Untersuchungen des Biologisch-Chemischen Instituts Hoppegarten keinerlei schädliche Keime gefunden werden, sodass einer Zulassung der Käsemilbenherstellung durch die zuständige Lebensmittelüberwachungsbehörde nichts mehr im Wege stand.

Preiswert ist das Vergnügen, sich an der exotischen Speise delektieren zu dürfen, allerdings nicht gerade. Für gerade mal hundert Gramm normalen Milbenkäse muss man mit einem Preis von sechs Euro rechnen. Für die gleiche Menge der Premiumversion, die sogenannte »Würchwitzer Himmelsscheibe«, ein halbes Jahr in Milben gereifter Ziegenkäse, muss man stolze zehn Euro berappen.

Milbenkäse ist jedoch keineswegs ein neumodischer Firle­fanz irgendwelcher Gourmetfreaks, sondern hat im Osten Deutschlands eine lange Tradition, die im letzten Jahrhundert mehr und mehr in Vergessenheit geriet. Anfang der 1990er-Jahre belebte schließlich ein in Würchwitz ansässiger Biologie- und Chemielehrer das traditionelle Verfahren der Milbenkäseproduktion wieder und machte den Käse weit über die Grenzen von Würchwitz hinaus bekannt.

So kommt es, dass die Würchwitzer Käsemilbe wahrscheinlich die einzige Milbe weltweit ist, die man mit einem Denkmal geehrt hat. Und mit was für einem: Vor einigen Jahren errichteten die Würchwitzer zu Ehren ihrer Käsemilbe mitten im Dorfzentrum ein ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Nicht jeder kann ein Kätzchen sein" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen