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Neun ungewöhnliche Krimis Juni 2019 (Alfred Bekker XXL Thriller Paket)

Neun ungewöhnliche Krimis Juni 2019

Alfred Bekker XXL Thriller Paket

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker, 2019.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Neun ungewöhnliche Krimis Juni 2019

Copyright

Mord in der Liberei

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Nachbemerkung

Special Agent Owen Burke: Jack the Ripper II.

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Münster-Wölfe

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Büttners Totschlag

Kapitel 1 – Ein ganz normaler Tag

Kapitel 2 – Die Dinge geraten außer Kontrolle

Kapitel 3 - Überall Blut

Kapitel 4 - Flucht

Kapitel 5 - „Sie haben einen!“

Zum Schluss ...

Personen, die in der Geschichte vorkommen oder genannt werden und wirklich in Ruhlsdorf gelebt haben:

Chronik der Gemeinde Ruhlsdorf

Quellen

VON MORD ZU MORD

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Blumen auf das Grab

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Bluternte 1929 - Umgelegt in Chicago

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Requiem in Windy City

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Die Akte Poe - Gesamtausgabe

Die Akte Poe – Erster Teil

Kapitel 1: Tod in Baltimore

Kapitel 2: Der Untergang eines Hauses

Kapitel 3: Der Dschungel

Die Akte Poe – Zweiter Teil

Kapitel 4:  Der ewige Wanderer

Kapitel 5: Die seltsamen Erlebnisse des Richard A. Ziegler

Kapitel 6: Die Maske des Beckett

Epilog

Further Reading: 1000 Seiten Krimi-Paket Morde für den Strandurlaub 2019

About the Author

About the Publisher

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Neun ungewöhnliche Krimis Juni 2019

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von Alfred Bekker, Tomos Forrest, Carsten Zehm, Karl Plepelits, Robert W. Arndt, Hendrik M. Bekker, Pete Hackett

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1100 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende vier Krimis:

Tomos Forrest: Mord in der Liberei

Pete Hackett: Jack the Ripper II

Alfred Bekker: Münster-Wölfe

Carsten Zehm: Büttners Totschlag

Karl Plepelits: Von Mord zu Mord

Alfred Bekker: Blumen auf das Grab

Alfred Bekker: Bluternte 1929 – Umgelegt in Chicago

Robert W. Arndt: Requiem in Windy City

Hendrik M. Bekker: Die Akte Poe – Gesamtausgabe

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DER NACHTWÄCHTER DER Neustadt wird auf grausamste Weise vor der alten Liberei ermordet, als er anscheinend Diebe überrascht, die sich in der seit Kurzem nicht mehr öffentlich zugänglichen Bibliothek zu schaffen machen.

Leutnant Oberbeck, einst als Offizier der Braunschweiger Jäger im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und jetzt verantwortlich für die Jäger als Stadtwache mit Polizeiaufgaben wird hinzugerufen, um den Fall zu untersuchen. Als dann auch noch einer seiner Jäger mit durchschnittener Kehle aus der Oker geborgen wird, weisen die Spuren zu dem Palais am Hagenmarkt. Dort hat der Graf von Saint Germain, nach Meinung der Damen, ein überaus interessanter Mann, der zudem auch außerordentlich gut aussehend und dabei charmant sowie ein genialer Wissenschaftler ist, Unterkunft gefunden.

Aber ist es denkbar, dass dieser gebildete und weit gereiste Mann mit solchen grausamen Taten überhaupt in Verbindung gebracht werden kann? Oberbeck hat alle Hände voll zu tun, um die Ermittlungen voranzutreiben – und dabei alle höfischen Etikette zu wahren.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors, Cover: MARA LAUE

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Mord in der Liberei

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von Tomos Forrest

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Premierleutnant Oberbeck ermittelt;

ein Kriminalfall des 18. Jahrhunderts

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Kathrin Peschel, 2019

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

DER NACHTWÄCHTER DER Neustadt wird auf grausamste Weise vor der alten Liberei ermordet, als er anscheinend Diebe überrascht, die sich in der seit Kurzem nicht mehr öffentlich zugänglichen Bibliothek zu schaffen machen.

Leutnant Oberbeck, einst als Offizier der Braunschweiger Jäger im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und jetzt verantwortlich für die Jäger als Stadtwache mit Polizeiaufgaben wird hinzugerufen, um den Fall zu untersuchen. Als dann auch noch einer seiner Jäger mit durchschnittener Kehle aus der Oker geborgen wird, weisen die Spuren zu dem Palais am Hagenmarkt. Dort hat der Graf von Saint Germain, nach Meinung der Damen, ein überaus interessanter Mann, der zudem auch außerordentlich gut aussehend und dabei charmant sowie ein genialer Wissenschaftler ist, Unterkunft gefunden.

Aber ist es denkbar, dass dieser gebildete und weit gereiste Mann mit solchen grausamen Taten überhaupt in Verbindung gebracht werden kann? Oberbeck hat alle Hände voll zu tun, um die Ermittlungen voranzutreiben – und dabei alle höfischen Etikette zu wahren.

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1.

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Der Sturm fegte um die Andreas-Kirche, heulte und pfiff, rüttelte an Fensterläden und Türen, warf ein paar lose Dachziegel herunter, trieb Blätter und Müll vor sich her, schien für einen Moment schwächer zu werden, um gleich darauf mit neuer Wut heran zu jagen und alles mit sich reißen zu wollen.

Der alte Gerhard zog fröstelnd seinen fadenscheinigen Umhang fester um die hageren Schultern. Jede Windböe zerrte an dem Stoff, als gelte es, ihn in Streifen herunterzureißen. Den schäbigen, zerdrückten Dreispitz hielt ein dünner Schal fest, den sich der Nachtwächter um den Hut geschlungen und am Hals verknotet hatte. Gerhard stemmte sich dem Wind entgegen und war froh, als er nach mühseligen Gegenkämpfen endlich die Ecke der Kirche erreicht hatte und in die Kröppelstraße einbiegen konnte. Hier gab ihm der mächtige Kirchenbau etwas Schutz vor dem stürmischen Element, und der alte Nachtwächter richtete sich auf. Schmerz durchzuckte ihn vom Kopf bis zum Fuß, und unwillkürlich stöhnte der alte Mann. Dieses Wetter machte ihm immer besonders zu schaffen, und er sehnte sich nach einem wärmenden Feuer und einem trockenen Platz. Aber es hatte gerade erst zur Mitternacht geschlagen, und mühsam genug hatte Gerhard mit brüchiger Stimme seine Litanei ausgerufen, so, wie es die Bürger der Neustadt schon seit vielen Jahren gewohnt waren.

Hört, Ihr Herrn, und lasst euch sagen

unsere Glock’ hat zwölf geschlagen!

Zwölf, das ist das Ziel der Zeit

Mensch bedenk die Ewigkeit!

Gerhard versuchte, gegen das Wüten des Sturmes anzurufen, aber schon der zweite Teil seines Nachtwächterrufes ging im Heulen und Tosen hoffnungslos unter.

Menschen wachen kann nichts nützen

Gott muss wachen, Gott muss schützen

Herr, durch deine Güt’ und Macht

schenk uns eine gute Nacht!

Niemand konnte dem alten Mann jemals eine Pflichtvergessenheit nachsagen, auch wenn ihm seine Arbeit inzwischen sehr sauer wurde. Das schlechte Wetter trug mit dazu bei, dass ihm das Gehen durch den Neustadtbereich noch beschwerlicher wurde, und der Gedanke an die nur wenige Wochen zurückliegenden milden Sommernächte ließ Gerhard schwer aufseufzen.

Zwar hatte der Rat schon vor langer Zeit beschlossen, künftig einen zweiten Nachtwächter einzustellen, der dann seinen Dienst von Galli (Oktober) bis Georgi (April) übernehmen sollte und damit für den alten Gerhard die angenehmere Jahreszeit übrig blieb, aber dann war doch nichts daraus geworden, weil man keine geeignete, vertrauenswürdige Person fand.

Zwar mangelte es nicht an Bewerbern, denn auch der karge Jahreslohn von zehn Gulden, also zwanzig Talern, lockte viele Bewerber an, aber keiner der Bewerber hatte einen einwandfreien Leumund oder war über ein Jahr schon Bürger der Stadt. Der Krieg hatte allerlei Gesindel, fahrendes Volk, gestrandete Soldaten und Tagelöhner in die Mauern Braunschweigs gebracht, und viele konnten sich nur mit Bettelei und Diebstahl mühselig genug durchschlagen.

Die Zeiten nach dem großen Krieg waren auch im Herzogtum Braunschweig schlecht, und noch immer sparte Herzog Carl Wilhelm Ferdinand Gelder ein, wo es nur eben ging.

Der alte Gerhard war natürlich froh, dass man keinen anderen Nachtwächter fand, denn er hätte nicht gewusst, womit er seinen ohnehin ärmlichen Lebensunterhalt in der übrigen Zeit bestreiten sollte. Früher hatte er den einen oder anderen Groschen noch als Hirte verdient, aber auch das war lange vorbei. Niemand war bereit, einem alten Mann die Herde anzuvertrauen, wo es genügend Buben auf den Höfen gab, die diese Arbeit für eine warme Mahlzeit am Tag mit Freuden übernehmen würden.

Jetzt hatte Gerhard die Laterne erreicht, die ihm den schlechten Weg bis zur Liberei ein wenig ausleuchten sollte, aber er musste sich förmlich an der Kirchenmauer entlangtasten, weil die Laterne erloschen war. Bis hierher drang kein weiterer Lichtschein mehr, und die Fensterläden der umliegenden Bürgerhäuser waren zur nächtlichen Stunde und wegen des heftigen Sturmes, der heute über Braunschweig wütete, fest verschlossen. Gerhard lehnte seine Hellebarde an die Kirchenmauer und löste die Blendlaterne von seinem Gürtel.

Nur mühsam gelang es seinen klammen, gichtigen Fingern, den Strick zu öffnen und die Laterne in die Hand zu nehmen. Im Anschluss hatte er etwas Werg aus der Tasche gezogen, drehte sich mit dem Gesicht zur Kirchenmauer und versuchte, im Windschatten seines Körpers das Material an der geschützten Kerzenflamme zu entzünden. Mehrere Versuche schlugen fehl, bis der Sturm für einen kurzen Moment abflaute. Endlich gelang es, und Gerhard steckte das nur schwach brennende Werg auf die Spitze seiner Hellebarde. Kaum hatte er es an die Schale der Laterne gehalten, half ihm eine erneute Windböe, das Werg anzublasen und damit die Brennschale sicher zu entzünden. Zufrieden senkte der Nachtwächter die Hellebarde, trat das brennende Werg aus, knüllte den Rest in seiner Hand zusammen und schob es wieder in die Tasche seiner Kniebundhose.

Gerhard war dem Herzog dankbar für die Beleuchtung, die in ähnlicher Weise bereits durch den französischen Major Manguin während des Siebenjährigen Krieges in Braunschweig eingeführt wurde. Nach dem Abzug der Franzosen hatte man die an jeder Straßenecke und an jedem Brunnen hängenden Laternen wieder entfernt, weil man die Gefahr einer Feuersbrunst fürchtete. Doch seit dem Jahr 1764 wurden erneut Laternen in Braunschweig eingeführt, die an eisernen Wandarmen aufgehängt wurden. Der alte Herzog Carl I. hatte damit eine weitere Verbesserung in Braunschweig erreicht, nachdem er schon 1755 angeordnet hatte, dass die Fußgängerwege vor den Häusern mit Steinplatten belegt werden mussten und die Straßen gepflastert wurden.

Es war eigentlich nicht möglich, dass der starke Wind die Laterne ausgeblasen hatte, und Öl war auch genügend vorhanden, wie sich jetzt beim Wiederanzünden zeigte. Gerhard blieb noch einen Augenblick nachdenklich vor der Laterne stehen, dann befestigte er seine Blendlaterne erneut, griff die Hellebarde und nahm seinen Weg wieder auf.

Wieder hemmte eine heftige Windböe sein zügiges Vorwärtsschreiten, und der alte Mann taumelte sogar ein paar Schritte zurück. Er fluchte leise vor sich hin, mit einem scheuen Blick zum Kirchturm hinauf, dessen schier endlose Spitze in den düsteren Nachthimmel ragte. Schwarze Wolken wurden vom Wind getrieben, nur gelegentlich blitzte einmal ein Stern oder die dünne Mondsichel hindurch.

Der Nachtwächter ging jetzt stark nach vorn gebeugt gegen den Sturm an, aber jeder Schritt fiel ihm schwer. Nur wenige Schritte vor der Liberei traf ihn eine weitere, heftige Böe und zwang ihn zum Innehalten. Gerhard stützte sich an der Kirchmauer ab und warf einen zufälligen Blick auf das ehrwürdige Backsteingebäude, das schon im frühen 15. Jahrhundert als Bibliothek erbaut wurde und durch seine besondere Architektur noch heute von den gegenüberliegenden Fachwerkhäusern der schmalen Kröppelstraße auffiel.

Gerhard hatte etwas wahrgenommen, ohne gleich zu wissen, was seine Aufmerksamkeit fesselte. Das kleine, fast quadratische Haus wirkte im ungewissen Licht der einige Schritte zurückliegenden Laterne wie eine Kapelle auf dem Kirchengrund. Angestrengt starrte der Nachtwächter auf die Fensterreihe. Die vier paarweise angeordneten Fenster waren erwartungsgemäß dunkel, aber gerade jetzt blitzte etwas hinter ihnen auf, um gleich danach wieder zu verschwinden.

Der Nachtwächter fasste den Stiel seiner Hellebarde fester und starrte die Fenster an. Schon tränten ihm die Augen, denn der Wind blies ihm ständig entgegen, doch da – erneut ein Aufblitzen. Ganz deutlich erkannte Gerhard jetzt einen Lichtschein, der länger hin und her wanderte, um schließlich zu erlöschen.

Dann war es unverkennbar, in der Liberei bewegte sich jemand, der eine Laterne in der Hand trug. Nun fiel das Licht sogar so, dass Gerhard einen Schatten erkennen konnte, der sich an den Fenstern abzeichnete. Das Licht stand jetzt ruhig, ein matter Schein drang durch die Fenster herüber, ohne jedoch mehr als den schmalen Rahmen zu beleuchten.

Zögernd setzte sich der Nachtwächter in Bewegung, während ihm wirre Gedanken durch den Kopf schossen.

Wer konnte um diese Uhrzeit noch in der Liberei tätig sein? Er wusste, dass die Andreana, wie die Bibliothek früher auch genannt wurde, längst nicht mehr öffentlich zugänglich war, nachdem der Bücherdiebstahl erhebliche Lücken in die Buchreihen gerissen hatte.

Sollte der Pfarrer von St. Andreas um diese Zeit noch über alten Schriften brüten? Vielleicht arbeitete er ja seine Predigt aus? Doch weshalb brannte kein weiteres Licht, und auch die Laterne direkt über der Tür der Liberei schaukelte dunkel im steten Wind.

Hier konnte etwas nicht stimmen, und nun schritt Nachtwächter Gerhard entschlossen auf die kleine Pforte zu. Als er die kalte Klinke in der Hand spürte und sie behutsam herunterdrückte, öffnete sich die Tür lautlos. Gerhard zögerte, bevor er eintrat, und versuchte, seine Augen an die Dunkelheit im Inneren zu gewöhnen. Seine Blendlaterne wollte er nicht öffnen, um einen möglichen Dieb nicht vorzeitig zu warnen.

Ein dumpfer, muffiger Geruch schlug ihm entgegen, es roch nach altem Papier, Leder, aber auch nach Fäulnis und Schimmel. Den kleinen Raum hatte er schnell überblickt. Hier befand sich niemand.

Es gab nur eine Außentreppe in das obere Geschoss, die schmalen Fenster boten keinen Fluchtweg. Behutsam setzte der Nachtwächter einen Fuß auf die Treppe, verharrte lauschend für einen Moment, dann setzte er seinen Weg fort. Noch immer schimmerte ihm von oben der matte Schein einer Laterne entgegen und beleuchtete schwach die ausgetretenen Stufen. Als er vorsichtig weiter emporstieg, konnte er doch nicht vermeiden, dass der Schaft seiner Hellebarde gegen die Wand stieß und in der nächtlichen Stille einen Laut verursachte, der dem alten Mann selbst wie ein Schuss erschien.

Erschrocken verharrte er auf der Stufe und wagte kaum, auszuatmen. Fast gleichzeitig war das Licht erloschen, und Gerhard rief in die Dunkelheit:

„Hallo? Wer ist dort oben? Was geht hier vor?“

Seine Stimme klang merkwürdig krächzend, und als der Nachtwächter sich kräftig räusperte, hörte er hinter sich ein leises Rascheln. Noch ehe er sich auf der schmalen Treppe umdrehen konnte, fühlte er, wie ihn jemand am Kragen packte und nach hinten riss. Im nächsten Augenblick spürte er einen brennenden Schmerz am Hals, wollte schreien, aber er brachte nur noch ein Gurgeln heraus. Gerhards Hände ließen die Hellebarde fallen, seine Arme ruderten hilflos in der Luft und suchten Halt. Schließlich kippte der Nachtwächter nach hinten und war bereits tot, als er gegen seinen Mörder stieß. Gleich darauf erschien auf dem Treppenabsatz wieder ein Licht, und eine herrische Stimme erkundigte sich:

„Hast Du den Burschen erwischt?“

Statt einer Antwort kam nur ein unverständliches Grunzen von der kräftigen Gestalt, die soeben dem Nachtwächter den Hals mit einem schnellen Schnitt durchtrennt hatte.

„Gut, ich bin hier ohnehin fertig, wir können verschwinden.“

Wenig später verließen zwei Männer mit dunklen Umhängen und tief in die Stirn gedrückten Dreispitzen die kleine Bibliothek und wandten sich der Reichenstraße zu. Niemand beobachtete sie auf ihrem Weg zurück in die Stadt.

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2.

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Der Besucher hatte erst wenige Minuten im Antichambrierzimmer gewartet und dabei einen eher gleichgültigen Blick auf die Säulen und die Decken geworfen. Was er sah, bestätigte ihn in seinem Vorhaben. Der Braunschweiger Hof hatte nur bescheidene Mittel zur Verfügung. Die Säulen waren zwar durchaus kunstfertig bemalt, konnten aber das geübte Auge des Besuchers nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich eben nur um eine Malerei und nicht um echten Marmor handelte. Auch die sparsame Ausmalung der Zimmerdecken im Schloss, die im Antichambrierzimmer völlig fehlte, zeigte, dass das Herzogtum noch immer seine Geldausgaben gering halten musste.

Zwar förderte Herzog Carl Wilhelm Ferdinand die schönen Künste und vor allem die Wissenschaft am Collegium Carolinum, aber anders als sein stets großzügiger Vater Carl I. achtete er darauf, den Staatshaushalt nicht übermäßig zu strapazieren.

Die nahezu vollkommen leere Staatskasse, die er beim Antritt seiner Regentschaft vorgefunden hatte, füllte sich dank seiner weisen Entscheidung, dem Wunsch des englischen Gesandten nachzukommen. Hatte sein Vater noch starke Bedenken, so drängte ihn der Prinzregent schließlich erfolgreich, in den Subsidienvertrag mit England einzuwilligen, der eine Armee von etwa fünftausendzweihundert Mann zur Unterstützung der englischen Truppen im Aufstand der Kolonisten in Nordamerika aus dem Herzogtum entsandte. Allerdings hatte der alte Herr darauf bestanden, strengste Regeln für die Anwerbung der Soldaten zu erlassen, die bei hohen Strafen das Pressen der Rekruten verhinderte und dazu führte, dass sich überwiegend Ausländer, das heißt, Menschen, die nicht aus dem Herzogtum stammten, zum Dienste im fernen Amerika meldeten.

Dieses Subsidienheer füllte die herzogliche Kasse wieder auf erfreuliche Weise, und Herzog Carl Wilhelm Ferdinand konnte die größten Löcher innerhalb kurzer Zeit schließen.

Auch über diese Verträge wusste der heutige Besucher bestens Bescheid. Er wäre niemals auf die Idee gekommen, einem Herrscher seine Dienste anzubieten, wenn er sich nicht in dessen finanziellen Verhältnissen auskannte. Um seine Unabhängigkeit zu beweisen, kaufte er im Vorfeld seiner Recherchen auch gern einige Schuldscheine auf. Der Mann wirkte auf die anderen Wartenden im Raum ehrfurchtgebietend. Man sprach ohnehin nur im gedämpften Tonfall miteinander, aber niemand wagte es, das Wort an den Fremden direkt zu richten, nachdem er einen eiskalten Blick bei seinem Eintritt in die Runde geworfen hatte. Seine spöttisch verzogene Miene zeigte den bereits seit früher Stunde Versammelten, was dieser edel gekleidete Kavalier von ihnen hielt.

Der Fremde trug ein Justaucorps aus dunkelblauem Samt, dazu Weste und Kniebundhose aus gleichem Material, alles üppig mit Goldblitze bestickt und mit einer gewaltigen, goldglänzenden Knopfreihe besetzt. Seine weißen Seidenstümpfe waren in Knöchelhöhe kunstvoll bestickt, seine Schuhe von erlesener Qualität, die Schuhschnallen schienen wie mit kleinen, funkelnden Diamanten besetzt.

Jetzt blickte er auf, als zwei Kammerdiener die Doppeltür zum Nebensaal öffneten und einer von ihnen mit lauter, wohltönender Stimme ausrief:

„Graf von Saint Germain – der Kammerherr erwartet Euch.“

Der Fremde richtete sich langsam auf und strich dabei an seinen Rockschößen entlang. Mit raschen, federnden Schritten war er an den Wartenden vorbei und verschwand in dem Raum, während die anderen mit langen Hälsen versuchten, einen Blick auf den Kammerherrn zu erhaschen, der am Ende des mit hohen Bücherregalen geschmückten Raumes an einem gewaltigen Schreibtisch saß.

Aber im nächsten Moment schlossen die Diener die Türen bereits wieder, und im Antichambrierzimmer erhoben sich aufgeregte, nur noch Verhalten flüsternde Stimmen über diesen Fremden, der so offensichtlich vor allen anderen bevorzugt wurde.

„Der Graf von St. Germain? Nie gehört!“, stieß ein hagerer Mann mit altmodischer Allongeperücke aus. „Warum wird er so bevorzugt?“

„Sie haben noch nie vom Grafen gehört?“ Neben den Hageren stellte sich nun ein kleines Männchen in einem fast schon schäbig wirkenden Anzug. Einige hatten ihn trotz seines wenig anziehenden Auftrittes ehrfürchtig begrüßt, als er das Antichambrierzimmer betrat. Der hochgelehrte Herr Professor Anselm von Kleistenberg, der seit Jahren am hiesigen Collegium Carolinum lehrte, war vielen längst eine vertraute Gestalt bei Hofe. Der Wissenschaftler legte keinen Wert auf seine Kleidung, bewohnte nur eine einfache Mietwohnung am Bohlweg und hatte eine alte, krumme Magd, die ihm den Haushalt führte.

„Nein, Herr Professor, sollte ich?“, erkundigte sich der Hagere jetzt mit hochgezogenen Augenbrauen.

Der Professor nickte ihm freundlich zu.

„Ich denke schon. Der Mann ist schließlich seit vielen Jahren ein unerschöpflicher Lieferant für die tollsten Geschichten, die über ihn erzählt werden. Auch die Damen am Braunschweiger Hof haben schon von ihm geschwärmt.“

Der Hagere warf einen zweifelnden Blick auf die geschlossene Tür, kurz darauf zuckte er die Schultern.

„Nun, scheint mir ein Schönling zu sein, der seine Wirkung auf gewisse Kreise sicher haben wird, aber dass Sie von dem Menschen wissen, verwundert mich doch.“

„Ach wissen Sie, Herr Sekretarius“, antwortete der Professor achselzuckend, „man hört auch in Gelehrtenkreisen so einiges über den Grafen. Und dass er bei den Damen so beliebt ist, hat er sicher nicht nur seinem blendenden Aussehen zu verdanken. Vielmehr verfügt er zweifellos über ein ungeheures Wissen und hat sich bereits einen Namen gemacht. Insbesondere durch sein Aqua benedetta.“

„Sagten Sie Aqua benedetta? Der Graf von St. Germain hat ein Lebenswasser erfunden? Das ist doch unglaublich, Herr Professor – Sie als hoch geachteter Gelehrter ...“

Der Professor hob leicht die Hand und schnitt dem Hageren das Wort ab.

„Nicht so voreilig, lieber Freund. Die Wissenschaft unserer Zeit entdeckt ständig neue Dinge, die unser bisheriges Wissen über die Geheimnisse der Natur immer wieder infrage stellen. Und der Graf hat tatsächlich irgendein Wunderwässerchen zusammengestellt, dass den Damen – nun, sagen wir, wenn schon nicht ewige Jugend, so doch über lange Zeit eine sehr jugendliche Gesichtshaut verschafft.“

„Und damit handelt der Graf?“

Der Professor lächelte verschmitzt.

„Soweit mir bekannt, verschenkt er es für gewöhnlich an die Damen des Hofes.“

Der Hagere sah ihn verblüfft an, dann starrte er erneut auf die geschlossene Tür zum Kammerherrn, als wäre er in der Lage, sie nur durch die Kraft seines Willens jetzt weit aufzureißen.

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3.

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Als der Graf von St. Germain durch die Flügeltür eintrat, verharrte er nicht für einen Moment auf der Schwelle, sondern schritt rasch bis zu dem Schreibtisch. Mit keinem Blick streifte er die Porzellanfiguren auf ihren Stelen, ließ sich weder von den übervollen Buchregalen noch von den kostbaren Teppichen beeindrucken. Vielmehr hatte er diese Dinge alle gleichzeitig wahrgenommen und für sich gespeichert. Als er dem wichtigsten Mann am herzoglichen Hof gegenüberstand, genügte ein Blick in das Gesicht des Kammerherrn, um sich ein Urteil zu bilden. St. Germain war sofort bewusst geworden, dass er diesen Vertrauten des Herzogs kaum mit einer oberflächlichen Demonstration beeindrucken würde. Hier musste mehr und gründlichere Arbeit geleistet werden als bei seiner letzten Tätigkeit in St. Petersburg. Der Graf schmunzelte bei dem Gedanken, sich in dieser eher doch bescheidenen Metropole mit den Gelehrten des Herzogtums zu messen, die sich durch das Collegium Carolinum und das Juleum in Helmstedt einen großen Ruf erworben hatten.

Kammerherr Graf Florian von Osten-Waldeck lächelte seinem Besucher herzlich entgegen und wies ihn mit einer eleganten Handbewegung auf den großen Sessel vor seinem Schreibtisch.

St. Germain verbeugte sich förmlich und nahm dann Platz. Äußerlich machte er einen völlig entspannten Eindruck. Seine eher gleichgültige Miene ließ nichts davon erahnen, was sich hinter der hohen Stirn abspielte. Dank seiner Eigenschaft, auch Dokumente lesen zu können, die für ihn auf dem Kopf standen, hatte er beim Niedersetzen erkannt, dass der Kammerherr ein eng beschriebenes Papier vor sich liegen hatte, das seinen Namen als Überschrift trug.

Der Besucher saß kerzengerade auf dem Sessel, die Hände leicht auf die Lehnen gelegt. Kammerherr Graf Florian von Osten-Waldeck gab einem Diener einen Wink, und gleich darauf stand jeweils eine Tasse mit frisch angerührter Schokolade vor den beiden Männern. Graf St. Germain wartete ab, bis der Kammerherr seine Tasse hob, dann tat er es ihm nach und nahm einen kleinen Schluck. Die kalte Flüssigkeit hatte ein kräftiges Aroma, und offenbar hatte man den Geschmack der Schokolade noch auf angenehme Weise mit Gewürzen verstärkt.

„Aus Wien, eigens für den Braunschweiger Hof hergestellt“, bemerkte der Kammerherr und setzte seine geleerte Tasse wieder auf den Schreibtisch zurück.

„Superb, ganz ohne Frage“, antwortete Graf St. Germain und fuhr sich zur Bestätigung noch einmal mit der Zungenspitze über die Lippen. „Ich stelle fest, verehrter Graf, dass die Braunschweiger sich bestens über ihre Besucher informieren.“

Für einen winzigen Moment wirkte der Kammerherr verblüfft und warf unwillkürlich einen Blick auf das vor ihm liegende Dossier. Gleich darauf sah er seinen Besucher erneut lächelnd an.

„Ihr meint, ich hätte Euren Geschmack getroffen? Verehrter Graf – weit gefehlt. Hoheit selbst schätzt ebenso wie seine Gemahlin die Schokolade mit einem Hauch Muskatnuss gewürzt. Ein Vergnügen, das ich Ihnen höchst selbst bei entsprechenden Gelegenheiten im Schloss Richmond servieren darf.“

Graf St. Germain nickte und zeigte dabei ebenfalls ein leichtes Lächeln in seinem sonst verschlossenen Gesicht. Anders als viele Höflinge hatte der Graf auf Bleiweiß, Schönheitspflaster und ähnliche Modedinge vollkommen verzichtet. Seine Perücke war englisch frisiert, der Schnitt seines Justaucorps’ deutete ebenfalls auf einen englischen Schneider. Seine langen, eleganten Finger waren fast die einer Frau – oder eines Künstlers, wie der Kammerherr für sich feststellte, als sein Besucher erneut die Schokoladentasse hob und sie nun angelegentlich von allen Seiten betrachtete.

„Schade, sehr schade“, bemerkte er schließlich, als er sie auf dem Schreibtisch abstellte.

Der Kammerherr sah ihn nur mit einer hochgezogenen Braue an, und St. Germain verstärkte sein Lächeln.

„Ich meine die Arbeit, die sich der Porzellanmaler gemacht hat. Eine derart künstlerische Ausführung verdient wohl ein besseres Porzellan.“

Jetzt war es an dem Kammerherrn, sich mit einem Lächeln entspannt zurückzulehnen.

„Ihr kommt ohne Umschweife zum Thema, nehme ich an.“

„Nun, ich gehe einmal davon aus, dass ich dem Kammerherrn des Braunschweiger Herzogs nicht unnötig die Zeit stehlen darf. Dem höchsten Beamten bei Hofe und zudem Chef einer eigenen Polizeigruppe glaube ich zudem nichts mehr über meine Person erzählen zu müssen, was er noch nicht weiß.“

Diesmal reagierte der Kammerherr in keiner Weise. Er hielt dem forschenden Blick seines Gegenübers stand und wartete ab.

„Meine bisherigen Arbeiten sind durchaus vielversprechend, und ich bin sicher, dass ich sehr zur Verbesserung der Fürstenbergischen Erzeugnisse beitragen kann.“

„Wir werden sehen. Ihr könnt ab morgen ein Labor am Collegium Carolinum nutzen, ich habe bereits alles mit Professor Anselm von Kleistenberg arrangiert. Er kann Euch sogleich hinüberbringen.“

„Ihr überrascht mich, verehrter Graf von Osten-Waldeck, aber ich sehe, dass Ihr wirklich keine Zeit unnötig verstreichen lasst. Dann ist also alles, wie von mir in meinem Ankündigungsschreiben gewünscht, bereitgestellt?“

Statt einer Antwort nickte der Kammerherr nur leicht.

„Und die weiteren Bedingungen? Die Vergütung meiner Aufwendungen, meine absolute uneingeschränkte Nutzung der Möglichkeiten am Collegium und ...“

„Selbstverständlich alles nach Wunsch, Graf St. Germain. Oder ist Euch in Deutschland lieber der andere Titel – Graf Weldone – bequemer?“

Der Kammerherr hatte sein Wissen um den ebenfalls benutzten Namen des geheimnisvollen Besuchers vollkommen gelassen erwähnt, und sein Gegenüber schmunzelte erneut.

„Ich verbeuge mich vor Eurem Wissen. Nein, auch wenn ich für gewöhnlich in Deutschland meinen zweiten, rechtmäßig ererbten Titel verwende, so möchte ich doch bei Hof als St. Germain eingeführt werden.“

„Nun, das ist ein durchaus verständlicher Wunsch – schließlich verbinden die Damen damit ja auch einiges mehr als mit dem Namen Weldone. Habt Ihr noch Vorräte von Eurem Aqua benedetta oder müssen wir den Empfang auf einen späteren Termin setzen, damit Ihr genügend Zeit für die ausreichende Herstellung einer vernünftigen Menge habt? Seid gewiss, unsere Damen werden Euch allein schon deshalb lieben!“

„Ich würde es nicht wagen, ohne das Lebenselixier bei Hofe zu erscheinen, verehrter Kammerherr.“

„Nun, dann ist ja alles in bester Ordnung. Professor Kleistenberg wartet bereits auf Euch im Antichambrierzimmer.“

Damit betätigte der Kammerherr einen verdeckten Klingelzug, und gleich darauf öffnete sich erneut die Tür zu besagtem Raum. Die Audienz war beendet, Graf St. Germain erhob sich eilig, verbeugte sich kurz und gerade noch angemessen und hatte gleich darauf den Saal verlassen. Der Kammerherr sah ihm lächelnd nach. Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, war jedoch seine heitere Miene einem sehr besorgten Ausdruck gewichen. Erneut warf er einen Blick auf das Dossier und betätigte abermals den Klingelzug.

„Schafft mir Leutnant Oberbeck her, so schnell wie möglich. Ich brauche ihn hier, egal, womit er gerade beschäftigt ist,“, rief er dem Diener zu, der umgehend wortlos das Zimmer verließ, durch die Gänge des Schlosses eilte und ein wenig atemlos die Wachstube der Braunschweiger Jäger gleich am Portikus des Schlosses erreichte.

Er riss ohne Umstände die Tür auf und entdeckte nur zwei Jäger in der grün-roten Montur der Braunschweiger.

„Leutnant Oberbeck?“, rief er ohne weitere Umstände den Männern zu. Er hatte keinerlei Ambitionen, mit den gefürchteten Jägern, die in Braunschweig nach ihrem Einsatz in Nordamerika Polizeiaufgaben übernommen hatten, in näheren Kontakt zu treten. Außerdem kannte man ihn als einen der Leibdiener des Kammerherrn, dem selbst die rauen Jäger einen gewissen Respekt entgegenbrachten. – „Unterwegs in einer Ermittlung!“, antwortete einer der beiden Männer. „Es hat heute Nacht einen Mord gegeben.“

„Der Kammerherr erwartet ihn dringend und ohne jeden Aufschub“, lautete die kurze Antwort.

Einer der Jäger stand auf, stülpte sich den Dreispitz über und folgte dem Diener zu Tür.

„Na, der wird sich freuen. Mitten in der Beweisaufnahme der neuesten Bluttat, und der Herr Kammerherr belieben zu pfeifen. Wir werden sehen, was der Herr Premierleutnant davon hält.“

Der Diener hatte sich wortlos abgewandt und eilte in die Schlossräume zurück, während der Jäger zu den Ställen ging, sein bereits gesatteltes Pferd herausführte und gleich darauf in scharfem Galopp den Bohlweg hinab zum Hagenmarkt unterwegs war. Kopfschüttelnd sahen ihm ein paar Bürger nach, als er auf geradezu halsbrecherische Weise an ihnen vorüberschoss und das Pferd Schmutz und kleine Steine vom Pflaster aufwirbelte.

Der Sturm, der noch in der Nacht heftig gewütet und manches Dach in Mitleidenschaft gezogen hatte, hinterließ auch zahlreiche abgerissene Äste und noch mehr Herbstlaub auf den Straßen. Für einen raschen Ritt auf dem nassen Laub war der Pflasterbelag nicht gerade geeignet, aber dem Jäger schien das nichts auszumachen – und schon gar nicht die verängstigten Menschen, die ihm hastig auswichen.

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4.

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Leutnant Oberbeck hatte sich eine Reihe von Notizen gemacht und steckte jetzt den dünnen Stift aus gewalztem Blei in sein Notizbuch zurück. Ein paar Jäger hielten die neugierigen Gaffer zurück, die einen Blick in die Liberei werfen wollten, um vielleicht gar den Leichnam selbst zu sehen. Oberbeck hatte noch nie verstanden, was die Menschen bei solchen Anlässen anlockte – ähnlich wie bei den glücklicherweise kaum noch stattfindenden öffentlichen Hinrichtungen.

Schnell hatte es sich im Andreasviertel der Neustadt herumgesprochen, was geschehen war. Am frühen Morgen war Pastor Heinrich Timpe in die Liberei gegangen, um sich Unterlagen für seine Arbeit zu holen. Dabei hatte er auf der Treppe den ermordeten Nachtwächter gefunden. Die riesige Blutlache zeigte ihm nur zu deutlich, dass hier jede Hilfe zu spät kam. Trotzdem schickte er den Küster zu einem Arzt in der Nachbarschaft. Er selbst lief, so schnell ihn seine Füße trugen, zur Wache im Schloss, um dort Anzeige zu erstatten.

Der Leutnant richtete sich auf und sah dem Arzt entgegen, der soeben aus der Reichenstraße in die Kröppelstraße einbog und vor ihm stehen blieb.

„Medicus Meibaum persönlich – das ist ja großartig!“, rief er aus, als er den berühmten Mediziner erkannte.

Der stellte seine Tasche ab und drückte dem Offizier freundlich die Hand. „Herr Leutnant – wie ich sehe, kommt meine Hilfe wohl zu spät. Da ist jede medizinische Arbeit vergeblich.“

Er deutete bei seinen Worten auf die große dunkle Blutlache.

„Man hat dem armen Kerl von hinten die Kehle durchgeschnitten. Aber Pastor Timpe hat es gut gemeint und um ärztliche Hilfe gerufen, während er uns alarmierte.“ Der Medicus trat zu dem Leichnam, bückte sich über ihn und ergriff einen seiner Arme. Eine Weile drückte er daran herum, dann wandte er sich erneut an den Leutnant.

„Nach dem Zustand der Leichenflecken zu urteilen, ist er bereits seit gut acht Stunden tot. Die Tat könnte wohl um die Mitternacht geschehen sein, vielleicht etwas später. Der Schnitt ist mit einer sehr scharfen Klinge und unter größter Brutalität durchgeführt worden. Der Mörder muss Erfahrung haben, sonst hätte er die Klinge nicht so gleichmäßig und schnell durch den Hals gezogen. Wenn Ihr einmal hierher schaut, könnt Ihr unschwer erkennen, dass er ihm fast den Halswirbel dabei durchtrennt hat.“ Der Medicus wies auf die hässlich klaffende Halswunde. Wie ein riesiges Maul wirkte die Verletzung. Der Eindruck wurde noch verstärkt durch einen weißlich schimmernden Knochen, der im geronnenen Blut deutlich erkennbar war.

„Armer Kerl – wen mag er da überrascht haben? Das Wetter in der vergangenen Nacht war allerdings für ein Verbrechen günstig – bei dem Sturm war wohl niemand mehr freiwillig unterwegs.“

„Ist es Euch genehm, wenn ich den Toten in das Collegium überführen lasse? Ich würde im Anatomischen Institut gern noch ein paar Untersuchungen anstellen lassen.“

Verwundert blinzelte der Leutnant und warf einen irritierten Blick auf den Toten. „Was meint Ihr, Herr Medicus?“

Der Arzt hob abwehrend beide Hände und lachte verlegen.

„Nein, nichts zur Todesursache, das ist ja nun eindeutig. Aber ich nutze gern die Gelegenheit, anatomische Studien zu treiben. Wie Ihr ja wisst, ist es nicht mehr leicht, an entsprechende Objekte zu kommen. Die Kirche hat da doch immer noch Bedenken ...“ Medicus Meibaum ließ den Satz unvollendet, und Leutnant Oberbeck nickte nur. Er hatte verstanden – und natürlich gab es von seiner Seite keine Einwände. Der Offizier war davon überzeugt, dass es keine medizinischen Fortschritte geben würde ohne entsprechende Studien.

Vor einiger Zeit hatte ihm Medicus Meibaum, der aus einer berühmten Arzt-Familie stammte, voller Stolz das Anatomische Institut gezeigt. Oberbeck war beeindruckt, was der Medicus ihm über den menschlichen Körper erzählen konnte. Schon sein Vater, Brandanus Meibaum, galt als großer, medizinischer Gelehrter, und Heinrich Johann eiferte ihm nach. Die Talgdrüsen in den Augenlidern heißen seit ihrer Entdeckung Meibaumsche Drüsen.

Es dauerte nur kurze Zeit, und der tote Nachwächter wurde, in ein Tuch gehüllt, auf einen Leiterwagen geladen und fortgebracht.

Leutnant Oberbeck war zu diesem Zeitpunkt jedoch längst mit anderen Dingen beschäftigt. Er hatte Stufe für Stufe genau betrachtet und sich so langsam dem Bereich genähert, an dem offensichtlich die grausame Tat geschehen war. Hier befanden sich deutlich erkennbare Blutspritzer an der Wand. Aber der Jägeroffizier hatte etwas anderes entdeckt, griff erneut zu seinem Notizbuch und zog seinen Hirschfänger aus der Scheide.

Dann bückte er sich über eine Treppenstufe und legte den Hirschfänger neben einen deutlichen Stiefelabdruck in der Blutlache. Er markierte mit seinem Stift die Länge des Abdruckes, schob den Hirschfänger wieder zurück und begann anschließend, den Schuhabsatz abzuzeichnen.

Bei seiner Arbeit völlig konzentriert, achtete er nicht auf seine Umgebung und zuckte richtig zusammen, als ihn sein Sergeant ansprach.

„Herr Leutnant, der Pastor kann noch nicht sagen, ob etwas gestohlen wurde!“

Irritiert sah der Offizier seinen grauhaarigen Sergeanten an, dann ging ihm erst auf, was der Mann ihm mitteilte.

„Oh, gut, dann soll er seine Verzeichnisse durchgehen. Hier ist ein schweres Verbrechen verübt worden, da kann ein möglicherweise gestohlenes Buch Aufschlüsse auf den Täter geben.“

„Ihr meint, ein Bücherdieb hat den Nachtwächter ermordet? Weshalb? Nur weil der ihn auf frischer Tat erwischt hat? Das scheint mir doch sehr weit ...“

„Leutnant Oberbeck, Ihr müsst Euch diesen Raum einmal ansehen!“ Der Sergeant wurde von dem aufgeregten Pastor unterbrochen, der auf dem oberen Treppenabsatz erschien. Nachdem er die Wache alarmiert und mit ihnen zur Liberei zurückgegangen war, durfte er das Gebäude nicht mehr betreten. Nach dem Abtransport der Leiche konnte ihm niemand mehr den Zutritt verwehren, und scheu den Blutflecken ausweichend, eilte der Pastor in den oberen Raum der kleinen Bibliothek.

„Habt Ihr etwas entdeckt?“ Der Leutnant hoffte auf einen Hinweis durch den Geistlichen, aber der schüttelte nur traurig den Kopf.

„So, wie es hier aussieht, können wir erst in ein paar Tagen herausfinden, ob etwas fehlt.“

Die Jäger waren ihm gefolgt und blieben auf der Schwelle stehen. Der Raum sah aus, als sei eine wilde Horde plündernd durch die Bibliothek gezogen. Bücher waren aus den Regalen gerissen und lagen in einem chaotischen Durcheinander, zusammen mit zahlreichen Dokumenten und einigen Karten, auf dem Boden verstreut.

„Das sieht tatsächlich schlimm aus. Gibt es Inventarverzeichnisse der Andreana? Was ist hier überhaupt noch eingelagert – kamen nicht die kostbarsten Bände schon vor langer Zeit nach Wolfenbüttel?“

Pastor Timpe nickte.

„Das ist schon richtig, der Herzog hatte schon vor vielen Jahren dafür gesorgt, dass die wertvollen Bestände alle in die neue Bibliothek nach Wolfenbüttel kamen. Aber wir haben darauf bestanden, einige wichtige Werke zu unserer Verfügung zu halten. Es handelte sich dabei überwiegend um theologische Schriften und Kirchendokumente.“

„Was kann darunter so wichtig sein, dass es jemand um den Preis eines Menschenlebens haben will?“

Der Pastor zuckte hilflos mit den Achseln.

„Ich kann es mir beim besten Willen nicht denken, Herr Leutnant. Dies ist eine kleine Bibliothek, die zwar einst ihre Bedeutung als öffentliche Einrichtung hatte, aber heute interessiert sich kein Mensch mehr für die hier verwahrten Schriften.“

„Bis auf einen, der dafür sogar mordet!“, erinnerte der Leutnant.

Pastor Timpe seufzte schwer auf.

„Das ist unbegreiflich – ich kann es mir beim besten Willen nicht erklären.“

„Wann habt Ihr einen Überblick gewonnen?“

„Das kann ich in keinem Fall sagen. Wir werden sogleich mit dem Aufräumen beginnen, und zusammen mit dem Küster und dem Kirchendiener werden wir die Verzeichnisse durchgehen. Sobald ich etwas entdecke – ein fehlendes Buch oder ein Dokument – werde ich Euch benachrichtigen lassen.“

„Das wäre mir sehr lieb, und zwar je eher, desto besser. Wenn wir den Täter fassen wollen ... Wer kommt da jetzt?“

Der Leutnant schaute aus dem Fenster, als er den sich rasch nähernden Hufschlag vernommen hatte. Kaum entdeckte er den grün-rot gewandeten Jäger, als er auch schon die Stufen hinuntersprang und den Mann empfing.

„Nun, Müller, was gibt es so eilig? Brennt das Schloss?“

„Zum Glück nicht, Herr Leutnant. Aber der Kammerherr hat Euch augenblicklich zu sich befohlen – egal, was Euch gerade beschäftigt.“

„Der Kammerherr?“ Leutnant Oberbeck drückte den Dreispitz fest und schwang sich in den Sattel seines Pferdes, das von einem der anderen Jäger gehalten wurde. „Na, das hat mir zu meinem Glück gerade noch gefehlt – eine Eilorder zum Grafen und ein frischer Mord – ich hoffe nur, er hat davon nicht schon erfahren und erteilt mir wieder Anweisungen, wie ich vorzugehen habe, um niemand bei Hofe in Verruf zu bringen. Wissen Sie mehr, Müller?“

Es war seit der Zeit Friedrich II. üblich, dass die Jäger von den Offizieren gesiezt wurden. Auch damit hoben sie sich deutlich von den anderen Soldaten ab, bei denen die übliche Ansprache in der dritten Person erfolgte.

Jäger Müller verneinte, und der Leutnant trieb sein Pferd schon an, als er seinen Leuten zurief:

„Sergeant Eggeling und zwei Mann folgen mir, der Rest sichert die Liberei und lässt niemand hinein, der dort nichts zu suchen hat! Vorwärts, wir wollen den Kammerherrn nicht warten lassen!“

Gleich darauf sprengte der kleine Trupp in scharfem Galopp über die Reichenstraße, bog in die Lange Straße zum Hagenmarkt ein und war schon wenige Minuten später vor dem Portikus. Sein Pferd stand noch nicht richtig, als der Leutnant schon aus dem Sattel war und im Schloss verschwand.

Mit gemischten Gefühlen eilte er den langen Gang hinunter, der ihn zum Antichambrierraum und von dort in den Raum des Mächtigen führte. Er erinnerte sich in diesem Augenblick nur ungern daran, wie sich der Kammerherr bei dem letzten Fall verhalten hatte, der unter dem Titel Der Richmond-Mord zu den Akten gelegt wurde. Graf Florian von Osten-Waldeck hatte dem Leutnant untersagt, weiter zu ermitteln – für ihn waren die Zigeuner schuld am Tod des jungen Schafhirten. Nur der Hartnäckigkeit des Leutnants, der sich über diese Anweisung hinwegsetzte, war es zu verdanken, dass dieser Fall doch noch aufgeklärt wurde.

Als er die Tür zu dem Antichambrierraum öffnete, starrten ihm wohl zwanzig Augenpaare zugleich entgegen. Der Leutnant ignorierte die Blicke, durchquerte den Raum eilig und musste noch nicht einmal vor dem Diener warten, der bei seinem Anblick sofort einen Flügel der Tür aufriss und ihm Zeichen gab, unverzüglich einzutreten.

Das verstärkte die Befürchtungen des Offiziers noch, denn der Kammerherr schien nur darauf zu warten, ihm erneut Anweisungen für seine Arbeit zu geben.

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5.

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Doch Leutnant Oberbeck sollte sich getäuscht sehen. Wieder einmal empfing ihn der Kammerherr überaus freundlich, und zu seiner grenzenlosen Überraschung bot er ihm nicht nur einen Platz an, sondern ein Diener reichte gleich darauf eine fertig angerührte Tasse feinster Schokolade. Oberbeck wartete ab, bis der Kammerherr seine Tasse hob, und folgte ihm pflichtschuldigst. Als er den Schluck für einen Moment genussvoll im Mund behielt, verströmte die kalt angerührte Schokolade ihr Aroma, entwickelte in der Mundhöhle des Offiziers ein unglaubliches Geschmackserlebnis. Schokolade war sündhaft teuer, aber die einzige Leidenschaft Oberbecks. Nach diesem ersten Schluck fragte er sich allerdings auch gleich, ob der Kammerherr diese Leidenschaft kannte und ausnutzte, um den Offizier auf eine kommende, schwierige Aufgabe einzustimmen.

„Mein lieber Oberbeck“, begann der Kammerherr, als er mit einer gezierten Handbewegung – den kleinen Finger weit abgespreizt – die Tasse zurückgesetzt hatte, „Ihr habt mit Euren Leuten hervorragende Arbeit geleistet. Euer Dossier über den Graf von St. Germain lässt keine Fragen offen und zeigt mir vielmehr einen überaus intelligenten, gefährlichen und offenbar vollkommen skrupellosen Menschen auf.“

Der Offizier nutzte die Gelegenheit, als der Kammerherr innehielt, für eine verlegene Geste. „Ihr seid zu gütig, verehrter Graf, aber was wir an Nachrichten sammeln konnten ...“

Der Kammerherr unterbrach ihn mit einer raschen Handbewegung.

„Oberbeck, Ihr seid einfach zu bescheiden. Seit Eurer Rückkehr vom nordamerikanischen Kriegsschauplatz und der Übernahme von Polizeiaufgaben durch Eure Jäger ist schon so manches Unheil vom Herzogtum beizeiten abgewendet worden. Glaubt mir, ich weiß das zu schätzen.“ Erneut schwieg der mächtigste Mann am herzoglichen Hof, ergriff noch einmal seine Tasse, schwenkte sie kurz und leerte sie gleich darauf in einem einzigen Zug.

„Köstlich, was uns die Wiener Schokoladerie wieder geliefert hat, nicht wahr, Herr Leutnant? Ihr wisst doch durchaus zu schätzen, was man sich eigentlich als Premierleutnant nicht leisten kann.“

Oberbeck ließ sich nichts anmerken und sah den Kammerherrn nur schweigend an. Graf Florian von Osten-Waldeck hatte ein leutseliges Lächeln um die Lippen, und gerade das war es, was den Offizier erneut beunruhigte.

„Ich weiß, Ihr seid kein Freund höfischer Etikette und der Plänkelei, obwohl die Jäger als Plänkler ja hervorragende Arbeit geleistet haben, hahaha, köstliches Wortspiel ... Was ich eigentlich sagen wollte – es wird ein paar Änderungen geben, die Euch mit Sicherheit gefallen. Ich habe große Pläne mit Euch, die wir in Kürze umsetzen wollen.“

Leutnant Oberbeck rutschte unruhig in seinem Sessel, schwieg aber weiterhin.

„Es hat sich gezeigt, dass die Jäger als Polizei überaus effektiv sind. Dabei erscheint es mir als sehr sinnvoll, die militärischen Strukturen ein wenig zu verändern. Keine Sorge, lieber Oberbeck, alles zu Euren Gunsten“, fügte der Kammerherr schnell an, als er die bestürzte Miene seines Gegenübers sah. „Mit Durchlaucht bin ich einer Meinung, dass es sehr sinnvoll sein kann, wenn Eure Mannschaft nicht mehr einem militärischen Vorgesetzten untersteht, sondern einem ungleich ranghöheren Beamten bei Hofe. Um es kurz zu machen, denn ich sehe Euch an, wie betroffen Ihr von dieser doch guten Nachricht seid: Ab sofort sind die Jäger mir persönlich unterstellt – na, was sagt Ihr dazu?“

Oberbeck musste sich zusammenreißen, um nicht ein vollkommen entsetztes Gesicht zu zeigen. Nach all den Jahren unter dem Kommando General Riedesels, mit dem er auf Seiten der englischen Verbündeten gegen die aufständischen Amerikaner gekämpft hatte, wurde nun per Federstrich ihm ein Zivilist vor die Nase gesetzt? Geradezu undenkbar. Aber der Leutnant hütete sich wohlweislich, etwas gegen diese Maßnahme zu sagen.

„Nun – das kommt in der Tat etwas überraschend. Darf man nach den Gründen fragen?“

„Man darf, lieber Leutnant, man darf.“ Der Kammerherr schien diesen Augenblick zu genießen. Noch immer lächelte er unverändert und beobachtete den Offizier genau. „Der Grund für diese Veränderung ist eigentlich klar. Als Soldat mit Polizeiaufgaben seid Ihr immer gezwungen, Eure Montur zu tragen. Der Auftritt des doch – nun, sagen wir – zumindest interessanten Grafen von St. Germain bedingt aber, wie Eure Vorarbeit schon deutlich gezeigt hat, dass meine Polizei auch einmal ohne diesen prächtigen Rock im Einsatz sein kann. Mit anderen Worten – unter meinem Kommando könnt Ihr in ziviler Kleidung und damit erheblich unauffälliger Beobachtungen machen, ohne dass wir Euch dazu vom Dienst freistellen müssen. Das dürfte doch in Eurem Sinne sein, habe ich Recht?“

Leutnant Oberbeck ließ die angehaltene Luft geräuschlos aus. Die Gedanken wirbelten ihm durch den Kopf, rasch wog er ab, was diese Veränderung für ihn und seine Männer bedeutete. Schließlich nickte er bedächtig.

„Wie wir schon in den vergangenen Wochen deutlich erkennen mussten, war es nicht möglich, gewisse Nachrichten zu erhalten, wenn wir als Soldaten auftraten. Zweifellos wird die polizeiliche Arbeit für uns erleichtert, wenn wir uns entscheiden, in einem zivilen Rock aufzutreten. Aber dann fehlt uns auch die Legitimation, um entsprechende Verhaftungen vorzunehmen, um möglicherweise Häuser zu betreten und ...“

Wieder unterbrach ihn ein Handzeichen des Kammerherrn.

„Herr Leutnant – Ihr beleidigt mich ja beinahe. Keine Sorge – das ist natürlich alles geregelt. In dieser Mappe befinden sich entsprechende Urkunden für Euch und Eure Männer, versehen mit dem herzoglichen Siegel, die Euch nicht nur legitimieren, sondern jedermann auffordern, Euch bei Euren Arbeiten zu unterstützen – jederzeit, überall im Herzogtum. Ihr habt damit alle Freiheiten für eine Geheime Polizei.“

„Ich bin überrascht, Herr Graf, und ich denke, das wird meinen Leuten ...“

„Nur zu, ich habe Euch richtig eingeschätzt. Die Vorarbeiten Eurer Männer seit dem Eintreffen der Nachricht, dass der Graf von St. Germain in Bälde Braunschweig aufsuchen wird, waren bereits vielfach nur in ziviler Kleidung möglich. Dafür wurdet Ihr offiziell von General Riedesel vom Dienst befreit. Das ist nun nicht mehr nötig. Ihr, Herr Leutnant, entscheidet, wann Ihr die Montur ablegt, um Eure Arbeit nicht zu gefährden. Ihr seid mir der Garant für einen Erfolg und berichtet mir von heute an alle zwei Tage über jeden Schritt, den der Graf St. Germain in unserer Stadt zurücklegt. Wenn er nur zum Markt schreitet, um sich einen Apfel zu kaufen – ich will es wissen. Und noch etwas ...“ Der Graf beugte sich zurück, um eine Schreibtischlade aufzuziehen. Gleich darauf legte er einen kleinen Lederbeutel vor den Offizier.

„Ab sofort erhöhe ich Euren Sold um jährlich fünfzig Taler. Damit dürfte gewährleistet sein, dass Ihr Eure geliebte Schokolade aus bester Quelle beziehen könnt. Wenn Ihr mich jetzt entschuldigen wollt?“

Leutnant Oberbeck saß noch für einen ganz kurzen Augenblick wie benommen in seinem Sessel, dann riss er sich gewaltsam zusammen, sprang auf und salutierte.

„Herr Graf – wir werden Ihro Gnaden nicht enttäuschen. Ergebensten Dank!“ Mit einer raschen Handbewegung hatte Oberbeck den kleinen Ledersack aufgenommen und salutierte erneut.

Mit einem milden Lächeln und einer freundlichen Handbewegung war der Offizier entlassen. Rasch durcheilte er die Reihen der Wartenden im Antichambrierzimmer. Der Kopf dröhnte ihm, und er hatte das dringende Bedürfnis nach frischer Luft.

Kaum hatte er den Gang hinter sich gebracht und den Schlosshof erreicht, atmete er mehrmals tief ein und aus. Die kalte Herbstluft tat ihm gut, und nach einem Moment der Besinnung ging er zur Wachstube der Jäger hinüber, um die neuen Nachrichten zu verkünden.

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6.

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Im Lehrsaal des Collegium Anatomico-Chirurgicum am Rudolfsbollwerk hatte Medicus Heinrich Johann Meibaum gerade seine Arbeiten beendet. Die Studentenschaft applaudierte lange und anhaltend, dann erhob sich einer nach dem anderen und verließ in angeregtem Gespräch oder auch mit sehr nachdenklicher Miene das ehrwürdige Gebäude, das Herzog Carl I. 1750 gegründet hatte. Das Anatomiegebäude wurde 1767 noch um ein Entbindungshaus erweitert. Viele berühmte Mediziner hatten hier schon geforscht und gelehrt, und Medicus Meibaum gehörte zu den beliebtesten Medizinern bei seinen Studenten. Gerade hatte er seinem Assistenten noch einige Anweisungen gegeben, wie er die Instrumente zu reinigen habe und wollte persönlich den Körper auf dem Tisch zudecken, an dem er während der Vorlesung gearbeitet hatte, als er angesprochen wurde.

„Auf ein Wort, verehrter Herr Medicus“, vernahm er eine angenehme Stimme. Verwundert drehte er sich um und stand dem Grafen von St. Germain gegenüber. Der machte eine höfliche Verbeugung vor dem Wissenschaftler, die von diesem knapp erwidert wurde. „Gestattet, dass ich mich kurz vorstelle. Graf von St. Germain, für einige Zeit bei Hofe tätig, und heute überaus interessierter Zuhörer bei Euren Ausführungen.“

Der Mediziner musterte den gut gekleideten Mann, dessen Alter er nur vage einschätzen konnte. Der Graf von St. Germain zeigte keinerlei Falten in seinem ungeschminkten Gesicht, und wäre da nicht ein gewisser Ernst und eine erhabene Würde in seinem Auftreten, so hätte Meibaum ihn für einen seiner Studenten halten können – wenn auch aus höchsten Kreisen, wie die kostbaren Tuche seines Justaucorps schon bewiesen.

„Sehr erfreut, verehrter Graf – ich bin erstaunt, dass Ihr Euch für meine medizinischen Arbeiten interessiert.“

„Nun, das ist nicht weiter verwunderlich. Ich arbeite schon seit vielen Jahren auf allen Gebieten der Wissenschaften und bemühe mich auf meinen Reisen stets, Neues zu erfahren und mich mit den Gelehrten der Welt auszutauschen.“

„Na, da seid Ihr bei mir nicht am rechten Mann – ich bin nur ein einfacher Medicus“, antwortete Meibaum kurz. Er war ein Mensch, der sich aus den bei Hofe üblichen Schmeicheleien überhaupt nichts machte, ganz im Gegensatz zu dem alten Hofmedicus von Wernesrode, der trotz seines geradezu biblischen Alters noch immer jugendlich gekleidet und geschminkt bei Hof auftrat, und dabei sehr empfindlich war für die feinen Nuancen in der Einhaltung der Etikette.

Graf St. Germain lachte lauthals auf und drückte dem Mediziner kräftig die Hand.

„So bescheiden, verehrter Medicus, aber das kommt Euch nicht zu. Ich habe Eure Schriften über die Bestimmung des Todeszeitpunktes gelesen, Eure Abhandlungen über Gifte und ihre Wirkungen, sowie Eure geradezu genial zu nennende Arbeit über die Behandlung der kompliziertesten Brüche. Ich wäre Euch herzlich verbunden, wenn Ihr für mich einmal ein paar Stunden Zeit aufbringen könntet, damit wir uns austauschen. Hier – meine Karte – ich möchte Euch gern in mein bescheidenes Haus einladen, wann immer Euch der Sinn danach ist.“

Medicus Meibaum warf einen raschen Blick auf die Karte, die mit einer zierlichen Handschrift gefüllt war.

„Oh, man hat Euch das Haus von Madame Branconi überlassen – sehr großzügig.“

Meibaum konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

„In der Tat? Schade, dass ich die Dame nicht mehr persönlich kennenlernen durfte – man berichtet ja wahre Wunderdinge über ihre Schönheit. Nun, das Haus stand ja einige Zeit leer, und so war es wohl mehr eine Verlegenheit, dass mich der Herzog dort einquartierte. – Wie dem auch sei, wir müssen uns unbedingt einmal über Eure Arbeit unterhalten. Ich bin mir sicher, ich habe eine interessante Ergänzung für Euch, gerade in Bezug auf die Untersuchung gewisser Todesumstände.“

Meibaum runzelte die Stirn und sah den Grafen zweifelnd an. „Ihr macht mich sehr neugierig, Herr Graf – darf man fragen, auf was Ihr anspielt?“

„Die Blutgerinnung, verehrter Herr Medicus. Sie ist doch eine wichtige Angelegenheit, will man einigermaßen verlässlich den Todeszeitpunkt festlegen, wenn es sich – beispielsweise – um einen Mord handelt.“

„Zweifellos, das Blut mit seinen Ablagerungen nach dem Herzstillstand gibt uns viele Aufschlüsse anhand der Leichenflecken, die sich schon nach kurzer Zeit unter der Haut bilden.“

„Ganz richtig. Wir beide wissen, wovon wir reden. Und wir wissen auch, dass diese Flecken sich über einen Zeitraum verändern, wenn der Leichnam aufgenommen, transportiert und anderweitig bewegt wurde. Das kann Bedeutung haben im Falle eines Verdächtigen – da stimmt Ihr mir zu?“

„Unbedingt!“

„Nun – was haltet Ihr davon, wenn ich Euch beweise, dass die Blutgerinnung keineswegs ein zuverlässiger Zeitpunkt ist? Dass man durch eine gewisse Kenntnis von Mitteln sogar erreichen kann, dass möglicherweise ein Mörder sogar sein falsches Zeugnis über einen Aufenthalt damit belegen könnte?“

„Was meint Ihr? Ihr verwirrt mich, Graf – ein Mörder sollte die Blutgerinnung bei seinem Opfer verhindern? Wie soll das geschehen, und wie stellt Ihr Euch den Sinn einer solchen Veränderung vor, vorausgesetzt, das gelingt tatsächlich?“

Der Graf hatte sich schon bei seinen letzten Worten leicht abgewandt. Er lächelte dem Mediziner zu und eilte zum Ausgang.

„Auf Bälde, verehrter Medicus, auf Bälde in meinem Palais!“

Mit diesen Worten schloss er die Tür zum Hörsaal hinter sich. Der Medicus sah ihm einen Augenblick verblüfft nach, dann zuckte er die Schultern und wandte sich wieder dem Toten zu.

„Blutgerinnung verzögern? Blödsinn! Und wenn – welcher Mörder hätte ein solches Wissen und die geeigneten Mittel dazu?“

Kopfschüttelnd zog er das Tuch über den Körper auf dem Tisch des Hörsaales. Aus einer Porzellankanne goss er sich Wasser in die Handwaschschale und wusch sich gründlich die Hände.

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7.

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Die Braunschweiger Bürger achteten für gewöhnlich kaum noch auf die Kutschen, die vor dem Schloss vorfuhren. Bälle und große Gesellschaften waren viel zu oft nach ihrem Geschmack dort veranstaltet, und die adligen Herrschaften in ihren üppigen Roben lockten sie längst nicht mehr. Heute aber war das etwas anderes. Es hatte sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen, dass der geheimnisvolle Graf von St. Germain in der Stadt weilte und er am heutigen Tage während des Balles den Gästen vorgestellt werden sollte.

Schon bei Einbruch der Dämmerung drängten sich die Braunschweiger vor dem hohen Gitter, das den Schlossplatz einfasste. Das große Tor in der Mitte war weit geöffnet, und eine Kutsche nach der anderen ratterte vor und fuhr in den Schlosshof, um direkt vor dem erst kürzlich fertig gestellten Mittelbau zu halten. Die Wachen hatten große Mühe, die Bürger vor dem Zaun zu halten, denn immer wieder einmal setzte eine kecke Magd oder auch ein Dienstmädchen ihren Fuß durch das geöffnete Tor, um ein paar Schritte in den Hof zu wagen. Es nutzte ihnen nichts, unbarmherzig wurden sie alle zurückgetrieben.

Als jetzt die Dunkelheit vollkommen hereingebrochen war und überall die Laternen angezündet wurden, hatte sich die Menge vor dem Zaun auf einige hundert Neugierige gesteigert. Dabei war es ihnen nahezu unmöglich, auf die Entfernung über den Schlosshof auch nur zu erahnen, wer gerade aus einer der prächtigen Kutschen ausstieg, von den Dienern empfangen und in das Schloss geleitet wurde.

Da ging ein Raunen durch die Menge, und gleich darauf wurden Rufe laut, als eine schwarze Kutsche in schneller Fahrt den Bohlweg aus der Richtung des Hagenmarktes heranjagte. „Das ist er – seht nur die Pferde – ein wahrer Teufelskutscher, wie er sie nur antreibt!“ Tatsächlich hatte die Kutsche etwas Unheimliches – gezogen wurde sie von vier Rappen, der Kutscher hieb mit der Peitsche auf sie ein, obwohl sie schon fast den Vorplatz erreicht hatten. Entsetzt wich die Menge zurück, um die Fahrgasse freizuhalten, und gleich darauf raste das Fahrzeug auch schon an den Wachen vorbei. Gefährlich schwankend passierte es die Torflügel und vollführte gleich darauf einen weiten Bogen, bei dem der Kies auf dem Schlossplatz aufspritzte. Endlich fielen die Pferde aus ihrem rasenden Galopp in den Trab.

Als die Kutsche anhielt, standen die Tiere wild schnaubend und mit fliegenden Flanken. Der Kutscher zog die Bremse fest, die Diener rissen den Schlag auf, und mit einem kühnen Satz sprang der Graf von St. Germain heraus, um mit ein paar schnellen Schritten den Eingang des Schlosses zu erreichen.

Natürlich konnten die Zuschauer am Zaun keinen Blick auf seine imponierende Gestalt werfen, dazu war die Entfernung viel zu groß. Aber sein furioser Auftritt mit der rasenden, schwarzen Kutsche sorgte auch so für genügend Gesprächsstoff vor dem Schloss.

Immer zwei Stufen auf einmal nehmend eilte der Graf die Treppen hinauf, und kaum hatte der Marschall ihn angekündigt, betrat er nach allen Seiten lächelnd und höflich grüßend den Ballsaal.

Das Geraune im Saal konnte ihm kaum entgehen, als er durch die Reihen zum Herzogspaar schritt, aber er achtete nicht weiter darauf. Der Graf von Saint Germain war heute ganz in dunkelroten Samtstoff gekleidet, geschnitten nach der neuesten Mode, mit einem langen, weißen Baptist-Jabot um den Hals. Es war mit Spitze reichlich besetzt, ein üppiger Luxus, wie der Braunschweiger Hof sogleich bemerkte, denn zum Waschen musste die kostbare Spitze immer abgetrennt und anschließend wieder angenäht werden.

Neidvoll erkannten die Herren der Gesellschaft mit geübtem Auge den neuen Schnitt seines Oberteils. Das Justaucorps ließ vom Hals ab die Kanten nach hinten verlaufen, dadurch blieb die gesamte Vorderfront frei. Die sonst so beliebten seitlichen Falten verschoben sich weiter nach hinten und gaben der ganzen Erscheinung des Grafen etwas unglaublich Elegantes.

In Braunschweig trug bestenfalls noch Kammerherr Graf Florian von Osten-Waldeck diese neue Mode. Und so manche der anwesenden Damen bemerkte nicht nur, dass der Graf ungewöhnlich gut aussah, sondern mit einem Seitenblick auf ihren Gemahl, dass es wohl an der Zeit wäre, zum Beginn der Ballsaison den Schneider zu rufen – nicht ohne zuvor die neuesten Modeberichte aus Frankreich und England anzufordern.

Der Gast des Herzogpaares, über den natürlich auch bei Hof schon die tollsten Geschichten im Umlauf waren, hatte sich indessen elegant und der Etikette entsprechend vor dem Herzogpaar verbeugt und verhielt in seiner keineswegs demutsvoll wirkenden Haltung, bis Herzog Carl Wilhelm Ferdinand ihm huldvoll zuwinkte.

„Es ist eine Freude, verehrter Graf, Euch in Braunschweig und bei Hofe zu begrüßen. Ihr müsst mir so bald wie möglich von Euren Experimenten berichten. Ich platze vor Neugier und möchte zu gern wissen, ob es Euch gelingt, das Fürstenberger Porzellan zu verbessern.“

„Es wird mir eine besondere Freude sein, Durchlaucht schon in Kürze das Ergebnis meiner Arbeit vorzulegen. Ich bin überzeugt, dass es mir auf einfache Weise gelingen wird, die Qualität des herzoglichen Kaolins so zu verbessern, dass in naher Zukunft das Porzellan aus Fürstenberg dem aus Meißen gleich gestellt sein wird.“

„Das ist mein größter Wunsch, wie Ihr wisst, Graf. Alle dazu erforderlichen Mittel sollen für Euch bereit stehen, mein hochgeschätzter Kammerherr hat alles schon veranlasst. Er wird sich nachher mit Euch ins Benehmen setzen, um einen Zeitpunkt zu vereinbaren, an dem ich Ergebnisse erwarte. Aber nun – lasst uns die Erfrischungen probieren, bevor die Musik den Ball eröffnet – und ich bin sicher, dass die Damenwelt Euch gleich darauf in Beschlag nehmen wird.“

„Nur zu gern, Durchlaucht. Wenn Ihr mir indes zunächst erlaubt, Königliche Hoheit – ein kleines Präsent für Euch!“

Mit der verblüffenden Geschwindigkeit eines geübten Taschenspielers zog der Graf ein kleines Päckchen aus einer Tasche und überreichte es mit einer erneuten Verbeugung Augusta Friederike Luise von Hannover, Herzogin von Braunschweig-Lüneburg, Prinzessin von Großbritannien. Die hohe Dame war überrascht, nahm aber das Geschenk gern entgegen und schenkte dem Grafen ein bezauberndes Lächeln.

„Graf von St. Germain, Ihr macht mich neugierig. Sollte es sich bei Eurer Gabe etwa um das berühmte Aqua benedetta handeln, von dem man sich an allen europäischen Höfen wahre Wunderdinge erzählt?“

„Königliche Hoheit, es ist mir ein Vergnügen, Euch davon ein Flakon zu überreichen, obwohl Ihr bei Eurem zarten Teint derartiger Mittel nicht bedürft.“ Der Graf hatte ein gewinnendes Lächeln aufgesetzt und verbeugte sich wiederum.

„Sie schmeicheln mir, Graf“, lächelte die Prinzessin von England zurück. „Es gibt durchaus Menschen, die Eure Meinung nicht teilen würden.“ Ein rascher Seitenblick zu Ihrem Gemahl wurde von dem jedoch ignoriert, und die Prinzessin fuhr fort: „Ich bitte Euch um den ersten Tanz, lieber Herr Graf – es wird mir ein Vergnügen sein.“

„Ganz meinerseits, Königliche Hoheit, und eine unverdiente Auszeichnung. Ich bin nur ein mäßiger Tänzer und werde mich sehr zusammennehmen müssen, um Hoheit nicht zu blamieren.“

Wie auf ein heimliches Kommando begann in diesem Augenblick die Musik, und Augusta bot dem Grafen ihren Arm. Als das Paar auf die Tanzfläche schritt, verstummten alle Gespräche, und nur hinter den vorgehaltenen Fächern wurde hinüber und herüber gezischelt. Zu dem Menuett von Haydn bewegte sich bald alles, was nicht gerade von Gichtanfällen oder anderen Leiden geplagt sich lieber an die zahlreichen Erfrischungen hielt, die von den aufmerksamen Dienern stets neu gereicht wurden, sobald sich die Hand eines Durstigen danach ausstreckte.

Nach den ersten drei Tänzen war sich die Hofgesellschaft einig, dass der Graf von St. Germain nicht nur eine blendende Erscheinung war, sondern mit der Leichtigkeit und Perfektion eines Tanzmeisters über den Ballboden schwebte. Kaum hatte er die Herzogin auf ihren Platz geleitet, als er sich auch schon von einer aufgeregten Damenschar umgeben sah – und von einem Tanz zum anderen keine Pause machen durfte.

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8.

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Die Sonne hatte sich heute kaum sehen lassen, der Wind schien gegen Abend erneut aufzufrischen, und die ersten Lichter wurden in den Häusern entzündet, als noch ein später Handkarren über das Pflaster des Hagenmarktes gezogen wurde.

Die Räder rumpelten laut über die groben Steine, die auch hier verhinderten, dass man selbst bei starkem Regen im Matsch versackte.

Das war hier von nicht zu unterschätzender Bedeutung, war doch das Hoftheater ein wichtiger Anziehungspunkt des gesellschaftlichen Lebens, und auch das einfache Volk liebte die zahlreichen Redouten, bei denen es oft selbst für ein geringes Geld eine Maske leihen und sich unter die Gäste mischen durfte.

Gezogen wurde der Karren von einem Mann in einfacher, derber Kleidung. Unter dem dunklen Umhang schauten die schmutzigen Beine einer einst weißen Kniebundhose hervor, seine Waden waren trotz der kühlen Herbstzeit strumpflos, seine Füße steckten in plumpen Holzpantinen. Mit schlurfenden Schritten erreichte er das Palais an der Ecke des Hagenmarktes, in dem einst Madame Branconi gelebt hatte, über viele Jahre die Mätresse Herzog Carl Wilhelm Ferdinands. Längst war sie aus dem Herzogtum abgereist und lebte auf ihrem Gut Langenstein bei Halberstadt, nachdem der Herzog das Interesse an ihr verloren hatte und nunmehr die schöne Luise von Hertefeld bevorzugte.

Der Mann sah sich nach dem Eingang für Dienstboten um, öffnete ein kleines Tor und stand gleich darauf mit seinem Karren am Hintereingang. Auf sein Klopfen wurde ihm fast sofort geöffnet.

Eine alte, runzlige Magd mit einer mächtigen Haube musterte ihn kritisch von Kopf bis Fuß.

„Ja, und?“, krähte sie ihm schließlich aus einem zahnlosen Mund entgegen.

„Gott zum Gruße, gute Frau, bin ich hier richtig beim Grafen von Saint Germain?“

Der Mann hatte seinen zerdrückten, schmutzigen Dreispitz höflich abgenommen und drehte ihn nun in den Händen.

„Das ist wohl richtig, was willst du von ihm? Burschen wie dich wird er wohl kaum empfangen!“

Die alte Magd stieß ein gackerndes Lachen aus, und der Mann wartete geduldig, bis sich die Alte beruhigt hatte.

„Unsereiner wird von keinem Grafen empfangen. Ich bringe die bestellten Waren vorbei und will nur wissen, wo ich alles abstellen kann.“

Dabei deutete er im ungewissen Zwielicht des Hofes auf seinen Handkarren. Die Magd bemühte sich, etwas zu erkennen, entdeckte aber nur eine Menge Stroh, das aus dem Wagen nach allen Seiten hervor sah.

„Was hast du da drauf? Ich weiß von keiner Ware, die der Herr bestellt hat!“

„Das mag wohl sein, aber der Graf hat persönlich bei meinem Meister allerlei Geräte aus Glas und Porzellan bestellt, Phiolen, Glaskolben und Gefäße für seine Experimente. Sie sind leicht zerbrechlich und deshalb in Stroh gebettet. Ich kann sie nicht hier auf den Hof legen.“

„Schon recht, schon recht. Komm herein und bring das ganze Zeug in den Raum neben der Küche. Da hat der Herr seine Geräte stehen, für die er demnächst ein eigenes Zimmer im Haus einrichten will. Mich geht das alles nichts an, ich bin nur für die Küche zuständig.“

„Sonst niemand im Hause, der mir zur Hand gehen kann?“

Die Magd warf einen misstrauischen Blick auf den Mann.

„Wozu willst du das wissen? Willst doch wohl einer alten Frau nicht an den mühsam verdienten Groschen, und bist doch selbst jung genug, um deine Sachen tragen zu können, was? Ausfragen lasse ich mich jedenfalls von dir Bursche nicht!“

„Ist ja gut, ich wollte nur wissen, ob mir jemand hilft“, brummte der Tagelöhner missmutig und begann, die ersten Gegenstände vorsichtig aus dem Stroh herauszuholen. Behutsam trug er ein großes Kolbengefäß in den Flur.

„Puh, ist das hier dunkel, da muss man ja mächtig aufpassen, um nicht lang hinzuschlagen. Kannst du nicht ein Licht herschaffen, damit ich erkenne, wo ich entlanggehe?“

„Sonst noch etwas für den hohen Herrn?“, keifte die Magd und stemmte die Hände in die Hüften.

„Ich mein ja nur – der Graf wird sicher sehr böse, wenn ich etwas hier im Dunklen zerbreche!“

Die Alte knurrte etwas Unverständliches, schlurfte zum Herd in der Küche hinüber und entzündete eine kleine Lampe mit schlecht brennendem Talg, die sie gleich darauf auf die Dielenbretter des Flures stellte.

„Hier, wenn es dem Herrn so recht ist – und sieh zu, dass du mir hier nicht alles mit dem Stroh einsaust, ich habe heute schon gefegt!“

Der Lieferant kümmerte sich nicht weiter um die Alte, trug Stück für Stück herein und stellte alles ordentlich in dem noch leeren Raum ab. Dabei hatte er wirklich Mühe, etwas zu erkennen. Zwar waren die Läden vor diesem Zimmer noch nicht zugeklappt, aber die Dunkelheit war doch inzwischen vollkommen hereingebrochen, und die Talgfunzel auf dem Flur reichte kaum aus, die Umgebung unterscheiden zu können.

Als der Mann mit seiner Arbeit fertig war und das letzte Stück sorgfältig abgesetzt hatte, nahm er das Talglicht auf, hielt es hoch und sah sich rasch auf dem Flur um. Nur eine einzige Tür ging hier noch ab, am Ende des Ganges führte eine schmale Treppe in die oberen Räume. Er verharrte einen Moment und lauschte auf die Geräusche aus der Küche. Die alte Magd war offenbar dabei, die Geräte zu säubern und für den morgigen Tag vorzubereiten. Behutsam drückte er die Klinke herunter und probierte die Tür. Sie war unverschlossen und ließ sich geräuschlos öffnen. Der Mann hob sein Talglicht hoch, um etwas zu erkennen.

Er konnte nur einen flüchtigen Blick in das Innere werfen, das an den Wänden mit allerlei Kisten und Fässern vollgestellt war. Ein rascher Schritt brachte ihn an ein kleines Fass, und wieder lauschte er nach draußen. Er stieß dagegen und hörte eine Flüssigkeit schwappen. Der Deckel saß aber zu fest, um ihn ohne ein Werkzeug zu öffnen. Als er es näher untersuchte, nahm seine Nase einen seltsamen Geruch wahr, der dem Fass entströmte. Das nächste Fass hatte einen anderen Verschluss, der sich leicht öffnen ließ.

Der Tagelöhner hob den Deckel an und steckte vorsichtig seine Hand hinein. Dabei ertastete er eine steinartige Substanz, griff rasch zu und hatte das kleine Stück kaum in seinen Hosenbund gesteckt, als er die Alte rufen hörte. Im nächsten Augenblick war der Deckel wieder auf dem Fass, ein Schritt zurück zur Tür, auf den Flur und die Tür hinter sich zugedrückt. Aufatmend stellte er fest, dass die Alte ihm aus der Küche etwas zugerufen hatte, ohne nach ihm zu sehen.

„Ich bin fertig und ziehe wieder los. Mein Herr wird in den nächsten Tagen selbst vorbeikommen und dem Grafen die Rechnung übergeben.“

„Schon recht. Dann kann ich endlich zur Ruhe gehen, der Herr vergnügt sich ja heute auf dem Schlossball.“

„Die hohen Herrschaften führen doch ein beneidenswertes Leben“, seufzte der Mann und nickte der Magd zu. „Da möchte man so manches Mal Mäuschen sein, um auch einmal etwas anderes zu erleben als tagein, tagaus seine Plackerei.“

„Wem sagst du das, unsereiner ist ja froh, ein warmes Bett direkt am Herd zu haben. Nun aber gute Nacht, ich will das Haus verschließen.“

Mit diesen Worten drängte sie den Mann hinaus auf den kleinen Hof. Als er seinen Handkarren wieder aufnahm, hörte er noch, wie ein Holzriegel vorgeschoben wurde.

Ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen, als er den Dreispitz wieder aufstülpte, den Karren ergriff und über den Hagenmarkt zurückkehrte. Allerdings führte ihn sein Weg nicht in die Werkstatt des Meisters in der Wilhelmstraße, sondern direkt in die Schenke Zum Löwen, wo er sich die nächsten Stunden aufhalten wollte – allerdings nicht wie so viele andere Tagelöhner und Feldarbeiter, die dort ihre wenigen Pfennige und Groschen vertranken. Er stellte seinen Karren in einer kleinen Gasse hochkant an die Hausmauer und betrat das verräucherte Lokal, um sich ein Glas Most geben zu lassen. Damit setzte er sich als stummer Beobachter des Treibens in die hinterste Ecke, den Rücken gegen die Wand gelehnt, und scheinbar gleichgültig gegen alles, was dort lautstark in seiner Umgebung erzählt wurde.

Eine Gruppe saß um einen Tisch, trank und würfelte dabei lauthals, es wurde geflucht, gelacht und geschrien, aber unser Mann schien alles nicht zu beachten. Vielmehr legte er schon nach kurzer Zeit seinen Kopf auf die Unterarme auf dem Tisch und schien zu schlafen.

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9.

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Am späten Nachmittag desselben Tages erschien Pastor Heinrich Timpe von St. Andreas auf der Wache im Residenzschloss. Sein kummervolles Gesicht wies Leutnant Oberbeck schon darauf hin, dass der Geistliche mit einer schlechten Nachricht zu ihm kam.

Seine ersten Worte bestätigten dann auch diese Annahme. Kaum hatte der Pastor ihn entdeckt, als er ausrief:

„Herr Leutnant, es ist einfach schrecklich, ganz schrecklich – ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht! Dieses Verbrechen hat alles durcheinandergewirbelt, in der gesamten Andreasgemeinde wird über nichts anderes mehr geredet, und jetzt auch noch dieser Verlust, es ist einfach schrecklich.“

Ermattet sank der Pastor auf einen der einfachen Holzschemel, die in der Wachstube standen.

„Ihr wisst nun also, welches Buch gestohlen wurde? Ist es sehr wertvoll?“

Der Pastor sah mit kummervollem Gesicht zu dem Offizier auf.

„Wertvoll? Ihr fragt im Ernst, ob es ein wertvolles Buch ist, das aus den Beständen der Andreana gestohlen wurde? Herr Leutnant, muss ich Euch darauf hinweisen, dass es für den Dieb so wertvoll war, dass er darüber zum Mörder wurde?“

Leutnant Oberbeck legte dem Pastor beruhigend eine Hand auf die Schulter.

„Nein, daran müsst Ihr mich nicht erinnern. Natürlich war es ein wertvolles Buch, ohne Frage. Aber erklärt mir doch bitte, was den Wert ausmachte. Wenn es einen mit Edelsteinen besetzten Einband aufwies, wäre es die Beute eines einfachen Diebes gewesen. Ist es dagegen vom Inhalt her wertvoll, kommen ganz andere Täter in Betracht.“

„Da habt Ihr ganz recht vermutet, Herr Leutnant!“, rief der Pastor aus. „Es handelt sich um eine Abschrift, und ist eigentlich nur ein ganz schmales Bändchen gewesen, deshalb konnte ich es auch nicht sogleich benennen, als ich mir dieses Durcheinander besah, das der Dieb in der Bücherei hinterlassen hatte. Ja, ich wäre noch nicht einmal auf den Gedanken gekommen, dass sich jemand für dieses Buch interessiert hätte, es ist viel zu spezifisch, um das Interesse eines einfachen Bücherdiebes zu erwecken. Nein, Herr Leutnant, ich habe keine Ahnung, was der Dieb mit diesem Werk beabsichtigt, aber er hat es ganz gewiss in unserer Bücherei vermutet und ist deshalb eingebrochen.“

„Um was handelt es sich also bei diesem besonderen Buch, Pastor Timpe?“

Der Geistliche seufzte tief auf, dann stand er von seinem Schemel auf und sah dem Offizier ernst ins Gesicht.

„Es handelt sich um eine Schrift, die ein Rezept für flüssiges Feuer enthält. Eigentlich ist es eine Abschrift, aber trotzdem sehr, sehr selten. Das Buch heißt Liber ignium und stammt von Marcus Graecus. So, jetzt wisst Ihr alles und müsst unbedingt handeln, es kann viel davon abhängen, den Mörder und Bücherdieb so rasch wie möglich zu finden!“

Der Pastor hatte erregt gesprochen und jetzt seinerseits den rechten Arm des Leutnants gegriffen und fest gedrückt.

Leutnant Friedrich Oberbeck sah den Pastor einen Moment verblüfft an, dann schüttelte er den Kopf.

„Liber ignium? Bester Herr Pastor, ich habe weder davon noch jemals von einem flüssigen Feuer gehört. Was soll das sein?“

„Entschuldigt mein Temperament, Herr Leutnant, ich hatte vorausgesetzt, dass jedermann darüber Bescheid weiß. Man nennt es auch ‚Griechisches Feuer‘ oder bezeichnet es als die ‚Geheimwaffe der Byzantiner‘. Ich bin kein Alchemist oder Wissenschaftler, aber der Überlieferung nach hatten die Byzantiner bereits eine fürchterliche Waffe, die mit einem Siphon dieses Feuer auf Schiffe oder auch in Städte warf und sie damit dem sicheren Untergang weihte.“

Der Leutnant lächelte, als er den aufgeregten Geistlichen betrachtete.

„Nun, davon habe ich in der Tat schon gehört, aber das sind doch alles alte Legenden. Ein flüssiges Feuer, das mit einem Gerät über Mauern geschossen werden kann oder von einem Schiff zum anderen – mit Verlaub, das ist einfach Unsinn. Keine Waffe ist in der Lage, ein flüssiges Feuer zu transportieren. Wie sollte das funktionieren? Geschosse wie Kugeln aus Pistole, Gewehr oder Kanone benötigen Schwarzpulver, um zu fliegen – und das Pulver verträgt sich sehr schlecht mit jeder Art von offenem Feuer, das dürft Ihr einem erfahrenen Offizier wohl glauben. Und mittelalterliche Katapulte wollen wir wohl doch nicht mehr verwenden.“

„Da mögt Ihr nicht Unrecht haben, Leutnant. Doch trotzdem: Die Byzantiner haben eine solche Waffe gehabt, da besteht keinerlei Zweifel. Zu vielseitig sind die Berichte über ihre Waffe, aber niemand hat überliefert, wie sich dieses flüssige Feuer zusammensetzt – nur Marcus Graecus überlieferte das Rezept. So ist es durchaus möglich, dass ein Verbrecher es gestohlen hat, um damit seine nächsten Untaten zu verüben. Es ist einfach unvorstellbar, was geschieht, wenn ihm das gelingen sollte.“ Der Pastor rang verzweifelt seine Hände und sah den Offizier flehentlich an. Aber der Leutnant hatte längst den Ernst der Situation erkannt.

Ein Rezept zur Herstellung einer in früherer Zeit erprobten Waffe? Womöglich noch mit allen Angaben, wie man sie effektvoll einsetzen kann? Nicht auszudenken, was man damit alles erreichen konnte!

„Wie ist es denn möglich, dass ein solch gefährliches Buch überhaupt noch in Eurer kleinen Bibliothek aufbewahrt wird? Hätte es nicht längst in den Bestand nach Wolfenbüttel gehört, oder besser noch, in die Hände unseres Herzogs?“

„Nun, Herr Leutnant, Ihr werdet Euch vielleicht wundern“, entgegnete der Pastor, indem er sich aufrichtete und seinen schlichten, schwarzen Rock glatt strich. „Vor gut zehn Jahren habe ich schon darauf hingewiesen, dass sich dieses Büchlein in unserem Bestand befindet. Es wurde von mehreren Wissenschaftlern des Collegium Carolinum angesehen und als unwichtige Kopie einer Phantasie aus dem Altertum an mich zurückgegeben. Mehr noch, man behandelte mich, als wäre ich ein Narr, nur weil ich auf die Gefährlichkeit dieser Schrift hingewiesen habe.“

„Es wurde überprüft und für ungefährlich gehalten? Das ist ja unvorstellbar, verehrter Herr!“

Leutnant Oberbeck schüttelte nachdenklich den Kopf.

„Obwohl – wenn ich es recht bedenke, erscheint es mir nach wie vor recht unglaubwürdig. Und wenn die hohen Herren es überprüft haben, kann es nicht so gefährlich sein, wie Ihr vermutet. Indes kommt es durch die Bluttat, die mit seinem Diebstahl verbunden ist, in ein ganz anderes Licht. Jedenfalls danke ich Euch für diese rasche Information, ich weiß nun, dass wir es mit einem besonderen Täter zu tun haben und keineswegs nur mit einem Einbrecher, der bei seiner Tat überrascht wurde. Der Täter wusste genau, was und wo er suchte – und es war ihm egal, dafür zu töten. Das macht die Suche nach ihm vielleicht leichter.“

„Glaubt Ihr denn, eine Spur zu finden, die Euch zu ihm führt?“

Jetzt lächelte der Leutnant wieder leicht, als er antwortete.

„Nun, Pastor Timpe, eine Spur vielleicht noch nicht, nur einen Verdacht oder einen Gedanken. Aber Ihr könnt Euch darauf verlassen, dass wir alles versuchen werden, um den Mörder zu finden. Ihr hört wieder von mir, wenn ich etwas in Erfahrung gebracht habe. Inzwischen werde ich mich einmal am Collegium erkundigen, ob die Herren es tatsächlich für möglich halten, das flüssige Feuer herzustellen. Das wäre in der Tat schrecklich.“

Damit begleitete der Leutnant Pastor Timpe hinaus und eilte gleich über den Bohlweg, um die gewünschte Auskunft im Collegium Carolinum einzuholen.

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10.

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Die Glocke von St. Katharinen hatte einmal ausgehoben und einen kräftigen, dumpf über den Hagenmarkt klingenden Ton erzeugt. Überall herrschte tiefe Stille, nur die Stimme des jungen Nachtwächters aus dem Hagen war aus weiter Entfernung zu vernehmen.

Hört, Ihr Herrn, und lasst Euch sagen

unsere Glock' hat eins geschlagen!

Eins ist allein der ewige Gott,

der uns trägt aus aller Not!

Menschen wachen kann nichts nützen

Gott muss wachen, Gott muss schützen

Herr, durch deine Güt´ und Macht

schenk uns eine gute Nacht!

Eine dunkle Gestalt löste sich aus dem tiefen Schatten der kleinen Gasse und überquerte den Hagenmarkt. Als sie die Pforte zu dem Hof erreichte, blieb sie einen Augenblick lauschend stehen, dann öffnete sie die Tür und war gleich darauf im Inneren verschwunden. Der dünne Schein einer Blendlaterne richtete sich auf die Holztür, die zum Hof führte. Die Gestalt zog einen langen, dünnen Gegenstand hervor und machte sich an der Tür zu schaffen. Der hölzerne Riegel, der von innen die Tür verschloss, verursachte nur wenig Mühe. Er konnte angehoben werden, und als die Tür leicht nach innen schwang, verharrte die vermummte Gestalt erneut. Gleich darauf war sie im Haus verschwunden und drückte leise die Tür zu.

Zur Orientierung genügte dem Mann ein kurzer Moment, in dem er den dünnen Strahl der Blendlaterne in den Flur richtete. Er fand sofort die Tür und war mit wenigen Schritten direkt davor. Zu seinem großen Erstaunen ließ sich diesmal die Tür jedoch nicht öffnen. Als er die Klinke behutsam niederdrückte, fand er sie verschlossen. Der Mann griff in seine Tasche und zog einen Haken hervor. Danach richtete er die Laterne auf das Türschloss und probierte den Dietrich aus.

Er bewegte den Dietrich in verschiedene Richtungen und vernahm gleich darauf ein leichtes, knackendes Geräusch. Erneut hielt der Mann inne und lauschte in das stille Haus hinein. Dann öffnete er die Tür nur so weit, dass er sich hineindrücken konnte und schloss sie wieder. Der Schein der Blendlaterne huschte an den Kisten und Fässern entlang, bis er fand, wonach er suchte. Als er den Deckel einer größeren Truhe anhob, gab es ein Geräusch, das ihn in der Stille der Nacht förmlich zusammenzucken ließ. Eine volle Minute wagte er nicht, sich zu rühren, und atmete nur verhalten aus.

Als alles still blieb, öffnete er den Deckel weiter und leuchtete in das Innere. Da – erneut ein leises, kaum vernehmbares Geräusch! Die dunkel gewandete Gestalt löschte den Schein der Blendlaterne vollkommen und verharrte erneut. Kein Zweifel, ein leises, schabendes Geräusch konnte seinem geschulten Ohr nicht entgehen. Aber noch bevor er sich darüber im Klaren war, was es zu bedeuten hatte, wurde er von zwei kräftigen Fäusten am Hals gegriffen. Sein Gegner versuchte, ihm die Luft abzudrücken, und der Mann wehrte sich mit aller Kraft, die ihm zur Verfügung stand. Während seine Hände versuchten, unter die Fäuste zu gelangen und die tödliche Bedrohung von seinem Hals abzuwenden, machte er eine halbe Drehung. Sein Bein stieß gegen ein anderes, und im nächsten Augenblick hatte er seinen Gegner ausgehebelt. Er spürte, wie sich der Griff um seinen Hals erst lockerte, dann war der Druck vollständig verschwunden. Mit dumpfem Keuchen krachte ein Körper auf die Dielenbretter, und der Mann sprang auf seinen Gegner, drückte ihn mit seinem ganzen Gewicht hinunter und hielt ihn fest. Mit einer Hand tastete er nach seiner Blendlaterne, die ihm entfallen, aber nicht erloschen war. Als er den Schieber beiseiteschob und den schmalen Lichtschein auf die Gestalt vor sich richtete, erkannte er seinen Angreifer.

„Ihr? Aber wieso seid Ihr nicht ...“

Weiter konnte der Mann nicht sprechen. Ein Schlag traf seinen Kopf, und noch im Fallen nach vorn spürte er, wie ihn jemand an der Kleidung zurückriss. Verzweifelt fuhren seine Arme herum und griffen ins Leere. Dann spürte er eine kalte Klinge am Hals, und ein Schauder lief ihm den Rücken hinunter, der ihn seine Bemühungen verdoppeln ließ.

Es war vergeblich. Wie eine eiserne Klammer hielten ihn starke Hände fest, und im nächsten Augenblick schoss ihm glühend heiß ein Schmerz durch den Hals, der sein Leben auslöschte. Mit dem Blutschwall, der seinen Atem erstickte, sank er röchelnd auf seinen ersten Gegner zurück. Für einen winzigen Moment herrschte völlige Ruhe in dem Lagerraum. Dann bewegte sich ein Körper, und eine Stimme flüsterte:

„Das war in letzter Minute. Wen haben wir hier erwischt? Ich glaube nicht an einen zufälligen Einbrecher. Durchsuch ihn gründlich, Justus, bevor er aus dem Haus kommt. Du weißt, der Okerarm fließt nur wenige Meter von unserem Haus entfernt. Du musst ihn sofort dort hineinwerfen, hörst du? Leuchte mir hier herüber, damit ich die Kerzen entzünden kann, und dann müssen wir sofort alle Spuren beseitigen, bevor wir unangenehmen Besuch erhalten oder die Alte etwas bemerkt. Mein Gott, befreie mich endlich von diesem Kerl, dieses warme Blut ist einfach widerlich – konntest du ihn nicht später noch aufschlitzen?“

Statt einer Antwort kam wieder nur ein dumpfes, tierähnliches Grunzen. Einen Augenblick später flammte ein Licht auf, und die kleine Kammer enthüllte ihr schreckliches Geheimnis. Zwei Männer waren blutverschmiert, ihr Opfer lag ausgestreckt auf den Dielenbrettern. Eine riesige Blutlache breitete sich stetig aus.

Nur wenig später schleppte eine Gestalt einen Handkarren heran und holte einen Körper aus dem Haus, warf ihn achtlos auf den Karren und schob ihn die kurze Entfernung bis zum Okerarm. Nur einen scheuen Blick warf die Erscheinung über die Schulter, dann kippte sie ihre Last in die leise vorbeirauschende Oker.

Noch einmal sah sich der Mörder um, dann lief er zurück und verschwand im Innenhof eines größeren Anwesens.

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11.

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Friedrich Oberbeck eilte den Gang hastig hinunter, achtete nicht auf die zahlreichen Diener, die ebenfalls geschäftig hin- und hereilten und wäre um ein Haar mit einem von ihnen zusammengestoßen. Dann stand er vor der Tür seines neuen Vorgesetzten, atmete einmal tief durch, zog seine Montur straff und griff nach der Türklinke. In diesem Augenblick wurde die Tür stürmisch aufgerissen, und Herzog Carl Wilhelm Ferdinand stürmte heraus. Der Leutnant konnte gerade noch einen Schritt zurückweichen, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Er verbeugte sich tief, als er auch schon den Herzog laut ausrufen hörte:

„Ah, der Leutnant – ausgezeichnet, ausgezeichnet, guter Mann, wirklich. Moment doch, wo ich Euch so selten zu sehen bekomme ...“

Der Herzog war stehen geblieben und musterte den verlegenen Offizier mit einem freundlichen Gesicht. Seine Hände durchwühlten die Seitentaschen seines dunkelblauen Rockes, kurz darauf fand er offenbar, wonach er gesucht hatte, und das Lächeln in seinem kräftigen, leicht geröteten Gesicht verstärkte sich noch.

„Wirklich gute Arbeit, die Ihr leistet, bin sehr zufrieden.“

Damit drückte er dem jetzt völlig Verdatterten eine Münze in die Hand, drehte sich auf dem Absatz um und stapfte den Flur hinunter, gefolgt von einer ganzen Gruppe diensteifriger Lakaien, die respektvoll wartend hinter ihm gestanden hatten.

Einen Moment später war der ganze Zug wieder verschwunden, und Oberbeck warf einen raschen Blick auf die Münze, als er die Tür hinter sich schloss.

Donnerwetter, der Herzog ist nobel!, schoss es ihm durch den Kopf, als er den Harzgold-Dukaten blinken sah. Diese Münzen wurden im Herzogtum seit 1710 geprägt und in Anlehnung an den französischen Louisdor herausgegeben. Oberbeck konnte sich nicht erinnern, jemals ein solches Geldstück in Händen gehalten zu haben.

Aber nun erwartete ihn die nächste Überraschung. In einem bequemen Sessel saß der Graf von St. Germain, hielt ein Glas mit dunklem Wein in der Hand und plauderte mit dem Kammerherrn. Verwirrt blieb der Leutnant hinter der Tür stehen. Erst die Begegnung mit dem Herzog, und jetzt befand sich dieser fremde Graf hier – offenbar ein gemeinsames Treffen. Aber wie war es möglich, dass der Herzog höchstpersönlich in die Räume des Kammerherrn ging?

„Ach, lieber Leutnant, schön, dass Ihr schon eingetroffen seid!“, räumte der Kammerherr alle Zweifel beiseite, dass der Leutnant vielleicht ungelegen kam. „Ich hatte Euch rufen lassen, weil Ihr einmal von den neuesten Erkenntnissen des Grafen von St. Germain erfahren sollt. – Graf, dies ist der Kommandeur der Braunschweiger Jäger, eine vorzügliche Gruppe, die zudem seit ihrem Einsatz in Nordamerika in Braunschweig Polizeiaufgaben übernommen hat. Und, wie ich anmerken kann, sehr effizient arbeitet.“

Der Graf musterte mit einem einzigen scharfen Blick die Gestalt des Offiziers, ließ sich aber nicht anmerken, ob ihn der Mann mit dem wettergebräunten Gesicht in der grün-roten Uniform der Jäger beeindruckte. St. Germain verzog vielmehr keine Miene, sondern nickte nur kurz und knapp.

Leutnant Oberbeck verbeugte sich vor dem Grafen, knickte aber nur so knapp ein, dass eine Verbeugung gerade noch erkennbar war. Höflich wäre etwas anderes gewesen, aber instinktiv lehnte der Offizier sein Gegenüber ab, der bislang für ihn das Objekt monatelanger Recherche war. Nun befanden sich die beiden Männer Auge in Auge gegenüber, und den Leutnant beschlich ein unangenehmes Gefühl.

„Der Graf von St. Germain hat dem Herzog gerade eine Probe seines Porzellans gezeigt. Ihm ist ein Verfahren gelungen, das im Ergebnis die Qualität des Produktes erheblich steigert. Das lässt für unsere Manufaktur in Fürstenberg hoffen.“

„Tatsächlich? Erstaunlich, was die Wissenschaft zu leisten vermag. Da wird unser Herzog ja wirklich sehr zufrieden sein.“ Oberbeck hatte einen eher gleichgültigen Tonfall angeschlagen, aber der Graf warf ihm trotzdem einen scharfen Blick zu.

„Und unser hoch geschätzter Gast hat zudem einen interessanten Vorschlag zur Verbesserung unserer Straßenbeleuchtung unterbreitet. Dazu wollte ich auch Euren Rat hören, Leutnant.“

Oberbeck zog erstaunt die Augenbrauen hoch. „Meinen Rat zur Straßenbeleuchtung? Mit Verlaub, davon verstehe ich nur wenig, wie soll ich da ...“

Der Kammerherr hob die Hand und unterbrach den Leutnant.

„Wir alle wissen, dass die Straßenbeleuchtung, die von den Franzosen eingeführt wurde, nicht gerade ideal war. Immer mussten Brandwachen Ausschau halten, ob von diesen unsicheren Laternen nicht eine Feuersbrunst drohte. Seit einigen Jahren haben wir nun die eisernen Wandarme, an denen die Laternen hängen und damit weit genug von brennbarem Material. Aber der Graf von St. Germain hat auch hier eine Idee, wie wir erhebliche Kosten beim Brennmaterial einsparen können.“

Leutnant Oberbeck warf einen verwunderten Blick zu dem Gast hinüber. Aber St. Germain lehnte sich mit einer gleichgültigen Miene zurück und nahm einen Schluck von seinem Wein.

„Er hat einen Brennstoff in Amerika gefunden, der nicht nur erheblich preiswerter ist, und das trotz der erhöhten Transportkosten – sondern zudem auch noch wesentlich länger brennt. Nicht genug, gibt sein Brennmaterial auch noch eine hellere Flamme.“ Der Leutnant nickte nachdenklich, sah den Kammerherrn gespannt an und schwieg.

„Das Material kann in jeder gewünschten Menge geliefert werden, man findet es in den ehemals englischen Kolonien ohne große Mühe, wie uns der Graf berichtete. Und da kommt nun Ihr ins Spiel, Leutnant. Habt Ihr solche Felder in Amerika gesehen, auf denen das Erdöl ganze Flächen bedeckte?“

„Das ist richtig, Herr Graf. Die Indianer führten uns einmal zu einer Stelle, die eine klebrige, schwarze Masse bedeckte. Sie holten sich von diesem Zeug, schmierten es an Äste und entzündeten sie anschließend als Fackeln. Es brannte tatsächlich sehr hell und diente oft in der kalten Jahreszeit als willkommener Feuerentzünder, insbesondere, wenn wir nur feuchtes Holz nach langen Regenfällen zur Verfügung hatten.“

„Ausgezeichnet, Leutnant. Das trifft genau die Aussage unseres Gastes. Er hat schon vor längerer Zeit ein größeres Feld mit diesem Erdöl entdeckt und beabsichtigt, davon größere Mengen nach Europa zu bringen und hier für die Laternenbefeuerung als wohlfeiles Brennmaterial zu verkaufen.“ Der Kammerherr lehnte sich mit einem sehr zufriedenen Gesichtsausdruck zurück und sah den Leutnant an.

„Nun – das könnte wohl möglich sein, dazu verstehe ich zu wenig von diesen Dingen. Ich weiß nur, dass dieses Erdöl wohl gut brennt, aber ich habe keine Ahnung, wie man die doch sehr schmierige und klebrige Masse in eine Laterne bringen will. Ich könnte mir vorstellen, dass die Laternenknechte nicht mehr mit Kannen herumziehen, sondern mit Fässern, aus denen sie das Zeug herauskratzen und in die Laternen schmieren.“

„Darüber macht Euch keine unnützen Gedanken“, warf der Graf von St. Germain gleichgültig ein. „Ich kann nicht erwarten, dass ein Jägerleutnant die Grundlagen der Alchemie beherrscht. Nur so viel, verehrter Herr, es ist bestens und preiswert zu verarbeiten. Man kannte dieses Wissen bereits im Altertum. Auch der Leuchtturm auf Pharos musste ständig befeuert werden, und was die Menschen damals kannten und nutzten, wird in von mir verbesserter Form wohl gute Dienste leisten.“

Seine Stimme triefte vor Hohn, als er den Leutnant ansprach, und seinem hochmütigen Gesicht war deutlich anzusehen, was er von dem Offizier hielt.

„Nun – die Gelehrten an unserem hoch geschätzten Collegium Carolinum haben so zahlreiche Dinge herausgefunden – warum soll es nicht auch gelingen, diese pechartige Substanz für Lampen zu verwenden. Vielleicht ist es Euch ja bereits gelungen, daraus ein Flüssiges Feuer zu bereiten?“, warf Oberbeck ein.

Der Graf von St. Germain zuckte für einen winzigen Moment zusammen, und als er seinen Kopf erneut zum Leutnant drehte, erkannte dieser, wie mühsam sich der Mann beherrschen musste. „Flüssiges Feuer? Was meint Ihr mit diesem Begriff?“

Der Leutnant zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Mir ist dieser Begriff erst kürzlich untergekommen, und ich habe mich mit jemandem darüber unterhalten, der einiges über die alten Griechen wusste. Soweit ich erfahren habe, wussten schon die Byzantiner, wie man ein Material so veränderte, dass es als Flüssiges Feuer eine unglaubliche Waffe bildete.“

Der Graf hatte sich jetzt wieder vollkommen unter Kontrolle und zeigte ein spöttisches Lächeln.

„Nun, in der Tat tauchen immer wieder einmal in alten Legenden solche Dinge auf. Aber ein Gelehrter wie ich hat da natürlich ganz andere Quellen, auf die er seine Forschungen aufbaut. Und die praktische Anwendung des aus der Erde hervortretenden Öls wird sich in Kürze im Herzogtum durchsetzen. Ich werde noch einige Arbeiten vornehmen müssen, dann kann ich bald und sicher zugleich mit dem neuen Porzellan, eine Probe davon geben.“ Oberbeck warf dem Kammerherrn einen fragenden Blick zu, und der nickte leicht. „Der Dienst ruft Euch, Leutnant, Ihr könnt uns nun verlassen. Berichtet mir, wenn Ihr in Euren Ermittlungen weitergekommen seid.“

Mit einer eleganten Verbeugung gegen die beiden hohen Herren zog sich der Offizier zurück. Gedankenschwer eilte er in die Wachstube, um dort mit seinem Sergeanten zu besprechen, wie sie in der Mordsache weiter vorgehen wollten. Doch ihn sollte eine weitere Überraschung erwarten.

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12.

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Als er die Wachstube betrat und die anwesenden Jäger sich sogleich erhoben, um den Vorgesetzten mit einer Meldung zu begrüßen, winkte er kurz ab.

„Guten Morgen, Jäger, steht bequem. Eggeling, Ihr macht ein so sorgenvolles Gesicht, dass ich ein neues Unglück befürchten muss.“

„Das vielleicht nicht, Leutnant“, antwortete der alte Sergeant und kratzte sich ausgiebig am Hinterkopf. „Trotzdem mache ich mir so meine Gedanken, weshalb Bernhard heute nicht zum Dienst erschienen ist.“

Der Leutnant stutzte. Bernhard Müller war einer der altgedienten Jäger, die seit dem Einsatz in Nordamerika mit dabei waren. Zuverlässig und erfahren waren die Begriffe, die der Leutnant mit diesem Mann verband. Wenn der Sergeant also sorgenvoll sein Fehlen beim morgendlichen Dienstbeginn vermerkte, dann war das nicht einfach eine Lässlichkeit eines bequemen Soldaten, sondern schon ein ungewöhnlicher Vorfall.

„Bernhard wollte sich doch im Palais umsehen, richtig? Was hatte er für eine ausgefallene Idee? Richtig – er war beim alten Schikowsky vorstellig geworden, der für den Grafen eine Reihe von Gefäßen und Kolbengläsern zu liefern hatte. Was ist daraus geworden, Eggeling?“

„Bernhard Müller meldete sich am frühen Vormittag bei mir ab. Er wollte mit Schikowsky reden, wann die Lieferung fertig sei, und dann versuchen, als Bote in das Haus zu gelangen.“

„Danach hat er sich nicht wieder gemeldet? Das bedeutet, Bernhard ist möglicherweise in das Palais gegangen und hat dort die Waren abgeliefert?“

Eggeling nickte. „Als er heute Morgen nicht eintraf, hatte ich gleich ein ungutes Gefühl. Deshalb habe ich zwei Mann losgeschickt, die zunächst im Quartier nach ihm sehen sollten. Da niemand ihn dort am Abend oder heute Morgen gesehen hat, ist einer von ihnen zu Schikowsky geritten, der andere direkt zum Palais. Hier, Jäger Behrens, hat den alten Schikowsky angetroffen und von ihm erfahren, dass Bernhard tatsächlich die Ware von ihm in einem Handkarren übernommen und ausgeliefert hat. Wenn Jäger Hoffmann zurück ist, werden wir erfahren, ob er auch am Palais eingetroffen ist.“

Oberbeck fand diese Nachrichten äußerst beunruhigend. Wenn Bernhard unvorsichtig bei seinen Erkundigungen war und dabei entlarvt wurde, konnte die ganze Mission gefährdet sein. Es blieb die Hoffnung, dass der erfahrene Jäger den heutigen Vormittag noch nutzte, um aus einem Versteck heraus weitere Beobachtungen zu führen.

Gleich darauf traf auch Jäger Hoffmann ein und berichtete von seinem Besuch am Hagenmarkt.

„Eine mürrische Alte, die wohl die Küche unter ihrer Fuchtel hat, bestätigte, dass gestern allerlei Waren für den Grafen angeliefert wurden. Nach ihrer Beschreibung war der Lieferant tatsächlich unser Bernhard. Aber er ist nach dem Ausladen gleich wieder abgezogen, hat kein Gespräch weiter mit der Alten geführt und sich danach auch nicht mehr sehen lassen.“

„Dann kann er nur aus einem Versteck heraus weitere Beobachtungen machen. Ich bin froh, dass er das Palais wieder verlassen hat und die Alte ihn gehen sah. Wir müssen also abwarten, was Bernhard herausgefunden hat, auch wenn mir das Warten überhaupt nicht gefällt.“

„Er wird sich noch verborgen halten, Herr Leutnant. Dafür spricht auch, dass der alte Schikowsky sich darüber beschwerte, dass sein Handkarren noch nicht zurückgebracht wurde. Er will ja gern unsere Ermittlungen unterstützen, möchte aber doch sein Gerät zurückhaben“, berichtete Jäger Behrens.

Oberbeck zögerte einen Moment mit einer Antwort. Als ein eintreffender Jäger die Tür zur Wachstube stürmisch aufriss, fuhren alle herum.

„Schnell, folgt mir – sie haben Bernhard gefunden!“, stieß der Mann hervor.

„Gefunden? Was heißt das, Mann?“

Der Jäger sah seinen Vorgesetzten mit entsetztem Gesicht an.

„Er wurde aus der Oker gezogen – mit durchtrennter Kehle.“

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13.

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Leutnant Oberbeck scheuchte seine Jäger auseinander. Fassungslos hatten sie auf die Leiche ihres Kameraden gestarrt, bis er auf einem Leiterwagen abtransportiert wurde. Was der Offizier jetzt nicht gebrauchen konnte, war eine tatenlose Gruppe, die vor Schreck und Trauer um den Toten gelähmt war. Er befahl ihnen, unverzüglich das Okerufer auf beiden Seiten abzusuchen und jeden noch so kleinen Hinweis zu beachten.

Er selbst begab sich mit seinem Sergeanten zum Hagenmarkt und suchte dort sofort das Ufer der Oker auf. Träge, braun und mit einem gerade noch erträglichen Geruch floss hier die Oker vorüber, schlängelte sich in Richtung Reichenstraße.

Im Jahre 1779 hatte sie hier eine neue Brücke erhalten, die diesmal aus Stein gefertigt wurde. An dieser Stelle begannen die beiden Männer ihre Suche, jeder von ihnen schritt das schlammige Okerufer auf einer Seite ab.

„Herr Leutnant, hier drüben!“, rief Eggeling und deutete auf eine Stelle zu seinen Füßen. Der Leutnant sah überrascht auf, gleich darauf lief er zur Brücke und war nach wenigen Schritten neben dem Sergeanten.

„Das muss die Stelle sein, wo unser Bernhard in die Oker geworfen wurde. Seht selbst – hier, und hier auch!“ Eggeling deutete bei seinen Worten auf die feuchte, braune Erde, und der Leutnant hockte sich neben ihn.

„Abdrücke von Schuhen. Hier herüber ist jemand gegangen, und hier.“ Der Leutnant erhob sich und untersuchte ein Stück Erdreich vor dem Beginn der Straßenpflasterung. „Hier sind noch Räderspuren erkennbar. Kein Zweifel, der Mörder hat Bernhard auf einem Karren zum Okerufer gefahren und ihn dort hineingeworfen. Eggeling, fällt Euch etwas an den Abdrücken auf?“

Der alte Sergeant hatte den Dreispitz in den Nacken geschoben, hockte vor den beiden Abdrücken nieder und zog sein Notizbuch hervor. Genau wie sein Leutnant hatte auch er sich die Maße notiert, die sie in der Blutlache beim ermordeten Nachtwächter gefunden hatten.

„Für mich sieht es so aus, als handele es sich um den gleichen Täter, Herr Leutnant. Größe und Art des Abdrucks scheinen völlig übereinzustimmen. Und schließlich wurde dem armen Bernhard ja auch die Kehle durchgeschnitten. Verflucht noch einmal, was ist das für ein Kerl? Aber warte, ich kriege dich, du Lump!“

Eggeling knirschte vernehmlich mit den Zähnen, als er sich wieder aufrichtete. Leutnant Oberbeck hielt ebenfalls sein Büchlein in der Hand und verglich die angefertigte Skizze mit dem Abdruck.

Schließlich nickte er seinem Sergeanten zu und erhob sich wieder.

„Wir müssen in Erfahrung bringen, ob Bernhard noch irgendwo gesehen wurde, nachdem er das Palais verlassen hatte. Gib den Auftrag an die Männer weiter, dass alle Wirtshäuser der Umgebung befragt werden, ob sie sich an Bernhard erinnern können. Vielleicht erfahren wir so, wo er sich aufgehalten hat und vermutlich auf seinen Mörder traf.“

Eggeling nickte ihm zu, der Leutnant drehte sich wortlos um und ging mit großen Schritten am Hoftheater vorbei, um anschließend in Richtung auf das Anatomische Institut zu marschieren. Er hatte noch keine Ahnung, was er von Medicus Meibaum erfahren wollte. Selbst die Bestätigung des Arztes, dass der tödliche Halsschnitt genau wie beim Nachtwächter durchgeführt wurde, wäre ein Mosaiksteinchen mehr zur Überführung des brutalen Täters.

Er traf den Medicus noch bei seiner Arbeit an, als er den Lehrsaal betrat. Meibaum arbeitete hier nur mit einem Assistenten, Studenten hatte er für diese Arbeit nicht zugelassen. Als der Leutnant eintrat und Meibaum unwirsch über diese Störung herumfuhr, verharrte der Offizier für einen Moment unter der Tür.

Jäger Bernhard Müller lag nackt auf dem großen Tisch, seine Haut war seltsam weiß, und für einen Moment fühlte sich der Leutnant an einen großen Fisch erinnert, zumal die langen Haare des Toten, die einst vorschriftsmäßig zu einem Zopf geflochten waren, noch nass über den Tischrand hingen.

„Oberbeck, kommt ruhig näher. Ich hatte befürchtet, dass wieder einer meiner ungeduldigen Studenten mehr über den Toten wissen wollte. Wenn Ihr mich fragt, so handelt es sich um denselben Täter wie beim Nachtwächter. Bei dem Jäger wurde der gleiche, brutale Schnitt durchgeführt, der von großer Körperkraft zeugt. Auch bei ihm wurde der Kopf fast abgetrennt. Ich habe aber noch etwas für Euch, das Euch möglicherweise weiterhelfen kann.“

Damit trat der Arzt zu einem Kleiderbündel und bückte sich.

„Euer Jäger war nicht mit seiner Montur bekleidet, aber das wisst Ihr ja vielleicht schon. Als wir seinen Leichnam entkleideten, fiel dieser weiße Stein aus seiner Hose.“

Mit diesen Worten ließ der Medicus einen kleinen, kieselsteingroßen weißen Stein in die offene Hand des Leutnants fallen. Der warf einen Blick darauf und sah den Arzt irritiert an.

„Bernhard hatte diesen Stein eingesteckt? Er stammt nicht etwa aus der Oker?“

„Das ist vollkommen unmöglich. Er hatte ihn offenbar in den Hosenbund gesteckt, nicht in eine seiner Taschen. Und es ist alles andere als ein gewöhnlicher Feldstein. Für mich sieht er auf den ersten Blick wie ein Stück Ton oder auch Feldspat aus, wenn Ihr mich fragt. Wenn Ihr mehr darüber wissen wollt, müsst Ihr einen Alchemisten befragen.“

Leutnant Oberbeck steckte den Stein ein und blieb noch für einen Augenblick unschlüssig stehen. Der Medicus hatte sich wieder über den toten Jäger gebeugt und betrachtete offenbar das Gespräch für beendet.

Mit einem letzten Blick auf den Toten drehte sich der Leutnant ab und verließ das Institut, um zurück zur Wache zu gehen. Auf dem Weg zum Schloss kam ihm ein Gedanke.

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14.

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Luise von Hertefeld sprang mit einem Satz auf, sodass ihre Zofen erschrocken zurückfuhren und sich die gerade kunstvoll zusammengesteckten Haare wieder in zahlreiche lange Strähnen auflösten und wirr um ihr Haupt hingen, als sie jetzt wie eine Furie auf eines der Mädchen losging.

„Du ungeschicktes Bauerntrampel!“, schrie sie mit hoher Stimme, die dabei drohte, in ein Kreischen umzuschlagen. „Zu nichts bist du zu gebrauchen, zu gar nichts! Geh mir aus den Augen, verschwinde, und lass dich nie wieder auch nur in meiner Nähe sehen.“

Als die verschüchterte Zofe sich rückwärts zur Tür zog, dabei versuchte, noch eine Verbeugung zu machen, flog ihr ein Schuh hinterher und verfehlte sie nur knapp. Rasch wandte sich das Mädchen um und riss die Tür auf, um sich auf den Flur zu retten. Zwei Dinge geschahen dabei nahezu gleichzeitig. Sie prallte in der Türöffnung mit einem kräftigen Mann zusammen, und der zweite Schuh polterte gegen den Türpfosten und fiel zu Boden.

„Hoho, hier geht es ja toll zu!“, rief eine Stimme fröhlich aus, und zu ihrem grenzenlosen Schrecken erkannte die Zofe, mit wem sie da zusammengeprallt war.

Herzog Carl Wilhelm Ferdinand hatte sie gerade noch mit einem Arm gehalten, sonst wäre sie bei dem Zusammenprall gestürzt.

„Verzeihung – Verzeihung, Durchlaucht!“, stammelte sie nur mit hochrotem Kopf und wand sich aus seinem Halt. „Verzeihung!“, hauchte sie noch einmal, drehte sich um und lief den langen Gang im Schloss hinunter, als wäre sie von allen Teufeln gehetzt.

Lachend sah ihr der Herzog nach, dann trat er ein.

„Ist es erlaubt, meine Liebe, oder muss ich auch unter Eurer Laune leiden?“, rief der Herzog neckend seiner Mätresse zu. Luise von Hertefeld und ihre Zofen versanken in eine tiefe Referenz.

„Durchlaucht – das hätte nicht ungünstiger sein können“, hauchte Luise von Hertefeld und spürte, wie auch ihr die Röte ins Gesicht schoss. Meine Güte, dass der Herzog aber auch gerade in diesem Augenblick hereinkommen musste! Er kam doch sonst nie so früh in ihre Gemächer, und gerade jetzt ...

„Madame scheinen sehr erregt zu sein“, sagte der Herzog, noch immer lächelnd. Er war zu seiner Herzensdame getreten und hob sie aus der tiefen Verbeugung. „Ah – ich sehe – Ihr könnt schon wieder lächeln. So gefallt Ihr mir viel besser, Madame!“

„Verzeiht, Durchlaucht, dass Ihr Zeuge dieser Szene werden musstet. Aber dieses – dieses Bauerntrampel brachte mich so in Rage, dass ich mich vergaß.“

Erneut funkelten die Augen der Ersten Hofdame wütend und sie starrte der davongelaufenen Zofe hinterher, als überlege sie, ihr nachzusetzen.

„Nun, ich bin sicher, dass bei einer Tasse Schokolade und meiner Gesellschaft Euer Zorn restlos verfliegen wird, meine Teuerste!“

Der Herzog hielt noch immer ihre kleine, weiße Hand, und hauchte nun einen zarten Kuss darauf.

„Ach, Durchlaucht, Ihr seid als Mann in der beneidenswerten Lage, nicht ständig auf Euer Äußeres bedacht sein zu müssen. Wir armen Frauen dagegen sind gehalten, die Natur in ihrem Wirken zu unterstützen. Wie froh war ich über die Gabe, die mir der Graf von St. Germain bei seinem kürzlichen Besuch überlassen hatte – sein unvergleichliches Aqua benedetta. Es macht die Haut wie einen Pfirsich, und diese dumme Trine ließ sie herunterfallen, sodass das kleine Fläschchen zersprang. Schaut nur – dort liegen noch die Scherben, und es fehlt nicht viel, und ich ...“

„Madame, ich bin erstaunt!“, antwortete der Herzog säuselnd und zog dabei ihre Hand in seinen Arm. „Eine Dame wie Ihr benötigt doch keine Hilfsmittel, um noch schöner zu sein! Eure Haut ist ohnehin pfirsichgleich, Eure Lippen kirschrot, und Eure Haare ...“

Als der Herzog die auseinandergefallene Frisur betrachtete, wurde Luise von Hertefeld bewusst, in welchem Zustand sich die unvollendete Frisur befinden musste. Erschrocken fuhren ihre Hände nach oben, aber Herzog Carl Wilhelm Ferdinand zog sie erneut lächelnd an sich.

„Madame – Euer Anblick verzaubert mir stets den Tag – lasst es so, wie es ist. In diesem Moment möchte ich selbst Eure Zofe sein.“

Die Erste Hofdame hatte ihren Zofen hinter dem Rücken des Herzogs ein Zeichen gegeben, aber das war nicht mehr nötig. Mit einer tiefen Verbeugung standen sie bereits in der Tür und ließen im nächsten Moment das Paar allein, gerade rechtzeitig, als der Herzog erneut den Arm um seine Mätresse legte und sie zu sich heranzog.

Mit einem leisen Seufzer ließ sich Madame in seine Arme sinken und erwiderte gleich darauf seinen Kuss auf leidenschaftliche Weise. So war ihr heutiger Tag doch noch gerettet, dachte sie, als die kräftigen Hände an ihrem Rücken entlangstrichen und die Kleiderhaken lösten.

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15.

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Der große Saal war angefüllt mit Menschen, die alle durcheinanderredeten. Das mächtige Stimmengewirr erfüllte die abgestandene Luft, die ein Gemisch aus Schweiß, Puder und undefinierbaren Gerüchen bildete. Gelehrte der Braunschweiger Institute, sowohl vom Collegium Carolinum wie vom Anatomischen Institut, aber auch zahlreiche Höflinge, adlige Nichtstuer und Neugierige drängten sich um einen Tisch mit allerlei Gerätschaften, Materialproben verschiedener Steine und Erden, dazu Formen, teils geschlossen, teils geöffnet, Porzellanbrände in verschiedenen Stadien und einiges mehr, das sich dem neugierigen Auge nicht sofort erschloss.

Als einer der letzten Gäste traf Leutnant Friedrich Oberbeck ein. Schon auf dem Gang hatte er das gewaltige Stimmengebraus wahrgenommen, und als sein Auge suchend über die versammelte Menge schweifte, stellte er fest, dass sich nicht nur der gesamte Hof eingefunden hatte, sondern offenbar auch zahlreiche Honoratioren der Stadt und Mitglieder des Rates.

Oberbeck stellte sich in der Nähe des Einganges so, dass er alles überschauen konnte. Schlagartig trat Ruhe ein, als sich eine Nebentür öffnete und der Graf von St. Germain, auffällig und sehr modisch gekleidet wie immer, eintrat. So auffallend war die plötzliche Stille, dass man jeden der Schritte des Grafen wie Donnerschläge vernahm, als er jetzt mit weit ausgreifenden, schnellen Schritten den Raum durchmaß.

Dabei warf er nach allen Seiten freundliche Blicke, eilte hinter den langen Tisch und widmete sich dort seinen Geräten. Leise setzten diesmal die Gespräche wieder ein, verstummten aber erneut, als sich eine andere Tür öffnete und Herzog Carl Wilhelm Ferdinand in Begleitung seines Kammerherrn den Saal betrat. Ihnen folgte in kurzem Abstand, schon arg gebückt und auf einen Stock gestützt, Johann Georg von Langen, nicht nur Forst- und Oberjägermeister des Herzogs, sondern auch der eigentliche „Vater des Porzellans aus Fürstenberg“, wie ihn der Herzog gern nannte.

Johann Georg von Langen war es nicht nur geglückt, hinter das Geheimnis der Porzellanherstellung zu kommen, sondern darüber hinaus bewies er mit dem Bau des ersten Brennofens in Fürstenberg an der Weser seine Kenntnis bei der Porzellanherstellung. In den Jahren 1747 bis 1753 verbesserte er seine Verfahren noch wesentlich und lieferte in dieser Zeit das erste Porzellan aus der neuen Manufaktur. Und noch immer galt darüber hinaus sein Interesse dem Wald. Seine Denkschrift von 1755 wies darauf hin, dass neben einer gemischten Anpflanzung von Bäumen insbesondere die Fichten zu setzen wären. Auch um den Kartoffelanbau im Harz hatte sich der jetzt greise von Langen verdient gemacht und stand daher auch im hohen Alter noch immer in allerhöchster Gunst beim Herzog.

Die Anwesenden erwiesen dem Herzog ihre Referenz, indem sie ihn mit den nach oben gekehrten, offenen Händen und der vorschriftsmäßigen Fußhaltung nebst einem geneigten Haupt erwarteten. Auf ein Zeichen von ihm lösten sich alle aus ihrer erstarrten Haltung, und der Herzog begrüßte die Anwesenden leutselig.

„Wir haben heute den Grafen von St. Germain zu Gast, der uns versprochen hat, Mittel und Wege zu kennen, um das in Fürstenberg erzeugte Porzellan erheblich in seiner Qualität zu verbessern. An unserer Seite der überaus verdienstvolle Oberjägermeister Johann Georg von Langen, dem wir die Manufaktur überhaupt verdanken. Es wird für uns alle ein historischer Tag werden, wenn wir erleben, wie uns der Graf von St. Germain zeigen wird, dass auch unser Fürstenberger Porzellan die gleiche Qualität wie das aus Meißen erreichen kann. Graf – bitte beginnt mit Eurer Präsentation!“

Die drei hohen Herren hatten unmittelbar am Tisch Platz genommen und warteten nun ab, was der Gast ihnen bieten würde. Alle drängten sich so dicht heran, wie es nur ging, und vor allem – wie es die Etikette bei Hof erlaubten, denn die Rücksichtnahme auf die Anwesenheit des Herzogs erforderte doch eine geziemende Distanz zum Tisch.

Der Graf begann nun mit schneller Rede auf die Vorzüge eines reinen, zarten Porzellans einzugehen, pries die Möglichkeiten, die Mutter Natur bot mit ihren reichen Vorräten an Feldspat, Kaolin und Quarz. Danach ging er ausführlicher darauf ein, dass die vorhandenen Stoffe in unterschiedlicher Qualität auftraten und dementsprechend das Endprodukt, also das Porzellan, nur von verschiedener Art sein konnte.

„Mit anderen Worten, Durchlaucht – es ist nicht möglich, aus jedem Kaolin das beste Porzellan zu gewinnen. Die Alchemie hat längst erbracht, dass die Zusammensetzung der vorhandenen Mineralien eine entscheidende Rolle dabei spielt, ebenso wie die richtige Sinterung. Nicht nur der Zeitpunkt der Schmelze im Brennofen, die Verbindung des Feldspats mit dem Quarz und dem Kaolin, sondern ein harmonisches Zusammenspiel aller Komponenten, als da sind: Mineralreiches Material, richtige Brenntemperatur und glücklich erfolgte Sinterung können ein Produkt allerhöchster Güte erzeugen.“

Herzog Carl Wilhelm Ferdinand begann, ein wenig unruhig auf seinem weichen Sessel herumzurutschen, und der Graf war klug genug, dieses erste Zeichen richtig zu deuten.

„Was den hohen Gelehrten des Collegium Carolinum vertraut sein mag, wird uns anderen jedoch eher unwichtig sein. Voilà, hier also das Ergebnis meiner letzten Experimente – ein Porzellan allerfeinster Güte, hergestellt aus Kaolin und Feldspat, so wie es an der Weser vorkommt und in der Manufaktur verarbeitet wird – angereichert mit meiner Mineralienmischung, gebrannt nach meinem verbesserten Verfahren, das selbstverständlich“ – damit verbeugte er sich tief vor von Langen – „auf dem von Euch entwickelten Brennverfahren basiert und von mir nur aufgrund neuester Erkenntnisse, langjähriger Studien und zahlreicher Experimente verbessert wurde. Diese erste Tasse weihe ich natürlich Euch, allergnädigste Durchlaucht, aber das zweite Stück würde ich gern, mit Eurer gütigen Erlaubnis, dem hochverehrten Meister von Langen überreichen.“

Mit diesen Worten umrundete der Graf den Tisch, verbeugte sich tief vor Herzog Carl Wilhelm Ferdinand und händigte ihm eine schneeweiße Porzellantasse aus. Einen Moment, in dem er zusah, wie der Herzog die Tasse prüfend gegen das Licht hielt und ein breites Lächeln seine Zufriedenheit ausdrückte, wartete er ab. Anschließend überreichte er dem greisen von Langen ein weiteres Exemplar.

„Erstaunlich, wirklich erstaunlich, und so zart wie ein Engelshaar“, nickte der alte Manufakturgründer, als er die Tasse dicht vor seine Augen hielt und dann bewundernd mit einer Hand über die Form strich. „Das ist die Qualität, wie man sie bislang nur aus Meißen kennt, Durchlaucht.“

„Ich bin überaus zufrieden, Graf, überaus. Mit dieser Probe habt Ihr meine Erwartungen bei Weitem übertroffen. Damit steht auch der Finanzierung Eurer Arbeiten nichts mehr im Wege. Im ersten Zuge werden wir Euch die fünfzigtausend Taler anweisen lassen, die wir im Falle unserer Zufriedenheit zugesichert haben. Nicht wahr, verehrter Kammerherr, es ist doch alles bereits vorbereitet?“

Mit diesen Worten hatte sich der Herzog zu seinem Kammerherrn umgedreht, der ebenfalls gerade einen Blick auf die Porzellantasse geworfen hatte.

Graf Florian von Osten-Waldeck warf einen raschen Blick zum Graf von St. Germain, dann antwortete er dem Herzog:

„Alles, wie Ihr es angeordnet habt, Durchlaucht. Der Graf kann in wenigen Tagen über diese Summe verfügen.“

„Ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet. Und wann könnt Ihr uns mit der ersten größeren Porzellanlieferung versehen, Graf?“

„Durchlaucht, Ihr seid überaus großzügig, es ist eine Freude, mit Euch Geschäfte zu machen. Ich erwarte schon in den nächsten Tagen eine größere Ladung Kaolin, die ich dann in meinem Labor aufbereiten werde. Danach wird das verbesserte Material nach Fürstenberg weitergehen und in die nächste Produktion kommen. Für die Überwachung des Brennprozesses werde ich mich persönlich in die Manufaktur begeben und nicht eher die Stätte verlassen, als bis eine fertige Produktion erfolgreich abgeschlossen ist.“

„So wollen wir es halten, mein Lieber. Wir erwarten dann die erste größere Lieferung zum Ende des Monats. Wir dürfen in keinem Fall den Termin der November-Messe verpassen, um entsprechende Verkäufe zu erzielen – das wird doch kein Problem werden, oder?“

Der Graf von St. Germain beeilte sich, mit einer weiteren Verbeugung, zu versichern:

„Alles, wie Durchlaucht befiehlt. Es wird mir geradezu eine Wonne sein, die erste Lieferung zur Braunschweiger Messe persönlich zu begleiten und mich vom guten Erfolg zu überzeugen.“

„Ausgezeichnet, lieber Graf, ausgezeichnet.“ Der Herzog war die verkörperte gute Laune in Person, als er sich jetzt an das versammelte Auditorium wandte.

„Meine Herren, überzeugen Sie sich von der Qualität dieser Arbeit und feiern Sie mit mir den Erfolg des Grafen, der einem Triumph der Wissenschaft nahe kommt. Die Zeiten, wo wir gegen Meißen einen schweren Stand hatten, gehören nunmehr der Vergangenheit an!“

Der Herzog klatschte in die Hände, und auf dieses Zeichen öffneten sich alle Türen zu dem großen Saal, und Diener eilten herbei, um den Gästen Gläser mit Champagner zu reichen.

In der allgemeinen Aufregung, die jetzt wieder zu lautstarker Unterhaltung bei den Anwesenden führte, nutzte Leutnant Oberbeck die Gelegenheit, sich wie unbeabsichtigt zum Grafen von St. Germain zu begeben. Der prominente Gast stand noch immer bei seinem Tisch und unterhielt sich mit mehreren Gelehrten des Collegium Carolinum. Der Offizier tat, als interessiere er sich für die aufgebauten Geräte, Töpfe und Brennformen.

Als er zu einem seltsamen Gerät griff, hörte er die Stimme des Grafen direkt neben sich.

„Bitte um absolut behutsame Behandlung, Herr Leutnant. Es wäre ein nicht abzusehender Schaden, wollte Euch dieses Mikroskop aus den Händen gleiten.“

„Ein Mikroskop? Wie überaus interessant!“, antwortete Oberbeck und stellte den Messingzylinder zurück auf den Tisch. „So hatte ich mir die Erfindung des Holländers gar nicht vorgestellt.“

„Ich bin überrascht, dass Ihr davon gehört habt. Als Soldat ist man ja nicht unbedingt der Wissenschaft verbunden. Umso mehr freut mich Euer Interesse, aber was Ihr hier seht, hat auch mit der Erfindung des Antoni van Leeuwenhoek nur entfernt noch etwas gemein. Auch wenn der gute Mann weit über fünfhunder Mikroskope baute, so waren sie doch nur sehr begrenzt verwendungsfähig. Nein, seine wie auch die Arbeiten seines Vorgängers Hans Lipperhey stammen aus dem vergangenen Jahrhundert und wurden inzwischen durch mich bedeutend verbessert. Schon Galileo Galilei hatte da hoch interessante Vorarbeiten geleistet, die mir bei meinen Studien sehr geholfen haben. Schaut einmal auf diesen Zylinder. Ich kann ihn mithilfe eines Zahnrädchens in der Höhe verändern und Dank der ausgezeichneten Arbeit einiger Linsenschleifer die verwendeten Linsen nicht nur miteinander kombinieren, sondern auch durch die Verwendung eines Objektträgers aus Glas die untersuchten Dinge besser durchleuchten – seht ihr – hier ist zudem noch ein kleiner Spiegel angebracht, und das zusammen ergibt ganz bedeutende Vergrößerungen, weit entfernt von den ersten Versuchen dieser Art.“

Der Graf von St. Germain hatte plötzlich seine stets distanzierte Haltung gegenüber dem Jägerleutnant aufgegeben und sich warm geredet. Vielleicht war er wirklich von dem Interesse des Leutnants überrascht, vielleicht wollte er ihn aber auch nur beeindrucken.

Leutnant Oberbeck hielt sein Auge über den Zylinder und richtete das Mikroskop so neben einem Kerzenleuchter aus, dass er genügend Licht hatte, um ein buntschillerndes Objekt zu betrachten, nachdem sich sein Auge an die ungewohnte Sichtweise gewöhnt hatte.

„Beeindruckend, Herr Graf, und was ist es, das ich dort sehen kann?“

Der Graf hatte sich aufgerichtet und sah den Leutnant in der gleichen, spöttischen Weise wie zuvor an.

„Das, Herr Leutnant, ist ein Stückchen Haut, menschlicher Haut, wohlgemerkt. Ich habe mein Mikroskop gerade Medicus Meibaum vorgestellt, um ihm zu beweisen, dass er für seine medizinischen Studien künftig nicht mehr ohne ein solches Gerät auskommen wird.“

„Menschliche Haut? Das interessiert mich natürlich sehr“, antwortete der Leutnant und warf einen zweiten Blick durch das Gerät. Wie beiläufig, und ohne den Grafen anzusehen, zog er ein kleines Stück Stein aus der Tasche seiner Kniebundhose und hielt es dem Graf auf der offenen Handfläche entgegen. „Kann man eine Probe davon auch untersuchen, oder könnt Ihr mir als Gelehrter schon so sagen, um was es sich hierbei handelt?“

Ohne zu zögern griff sein Gegenüber den weißen Stein, warf einen kurzen Blick darauf und reichte ihn dem Leutnant zurück.

„Bei diesem Stück handelt es sich ohne Frage um Kaolin, warum fragt Ihr danach? Was für eine Bewandtnis hat es damit, stammt es hier von meinem Tisch?“

Der Leutnant lächelte verschmitzt. „Kann man denn mithilfe des Mikroskops erkennen, vorher dieses Kaolin stammt? Ich meine, lässt sich damit sagen, ob es aus Meißen oder aus Fürstenberg stammt?“

„Nein, das halte ich für ausgeschlossen. Eine Orts- oder Herkunftsbestimmung ist damit nicht möglich, aber warum wollt Ihr das wissen?“

„Rein wissenschaftliches Interesse, Herr Graf. Entschuldigt mich jetzt, mich ruft die Pflicht, und ich muss dringend in unsere Wachstube zurück. Wir haben noch zwei ungelöste Mordfälle.“

„Zwei Fälle?“, rief der Graf erschrocken aus. „Meiner Treu, Braunschweig scheint mir ein gefährliches Pflaster zu sein, Herr Leutnant. Sind Eure Männer denn nicht in der Lage, das Gesindel aus der Stadt herauszuhalten?“

„Das Gesindel?“, antwortete der Leutnant schon im Gehen mit einem merkwürdigen Blick auf den Grafen. „Es wäre einfach, wenn man es immer gleich erkennen könnte.“

Damit ließ er seinen Gesprächspartner stehen und eilte aus dem Saal zurück in die Wachstube der Jäger.

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16.

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Ich für meine Person halte jedenfalls gar nichts von dieser Idee“, raunzte Sergeant Eggeling und hieb mit der flachen Hand auf den Tisch der Wachstube. „Wäre Bernhard in Montur gewesen, wie es sich für einen Jäger im Dienst gehört, hätte niemand es gewagt, Hand an ihn zu legen.“

Ein paar der umstehenden Männer nickten zustimmend, aber ihr Offizier war damit nicht einverstanden.

„Die grün-rote Montur der Jäger ist keineswegs ein Schutz vor heimtückischen Anschlägen. Natürlich ist er in dieser Gewandung eine Respektperson, die in der Bevölkerung geachtet wird. Auch mancher Spitzbube wird vielleicht zurückschrecken, wenn er einen von uns sieht. Aber eine heimliche Beobachtung von verdächtigen Personen ist damit vollkommen ausgeschlossen. Wie hätte sich Bernhard denn Zutritt zu dem Palais verschaffen sollen?“

„Und was hat es uns genutzt? Er ist ermordet worden, aufgeschlitzt wie ein Schlachtvieh, und wir wissen noch nicht einmal, was er möglicherweise herausgefunden hat“, knurrte der alte Sergeant erneut.

„Da bin ich ganz anderer Meinung, Eggeling. Das hier hat man bei unserem toten Kameraden gefunden. Es handelt sich um Kaolin.“

Der kleine, weiße Steinbrocken wurde bei diesen Worten auf die Tischplatte gelegt. Aber der griesgrämige Sergeant zuckte nur mit den Schultern.

„Das hilft uns auch nicht weiter, Leutnant. Wir sind in dieser Angelegenheit keinen Schritt vorangekommen, und langsam bezweifle ich, dass wir noch eine Spur des Mörders finden.“

„Oh nein, Sergeant. Durch die Nachfragen der Jäger in den umliegenden Schenken am Hagenmarkt wissen wir, dass ein Mann, auf den Bernhards Beschreibung passt, bis zum Schließen des Lokals im Löwen gesessen hat. Der Wirt meinte, er hätte ihm noch nachgesehen, als er sein Haus abschloss und ist sicher, dass Bernhard zum Hoftheater hinüberging.“

„Zum Theater? Was wollte er denn dort zu später Stunde?“

„Ich habe nicht gesagt, dass er zum Theater wollte. Denkt doch einmal nach – sein Weg führte ihn in gerader Linie vom Löwen am Theater vorbei – welches Gebäude liegt dort an der Straßenecke?“

„Nun – das einst von Madame Branconi bewohnte Palais natürlich. Es stand lange Zeit leer.“

„Richtig, und wie wir alle wissen, wird es seit seiner Ankunft vom Grafen von Saint Germain bewohnt. Und eben dort hatte Bernhard als angeblicher Gehilfe des alten Schikowsky ja am frühen Abend seine Ware abgeliefert. Wie nun, wenn er dabei etwas entdeckte und zu später Stunde zurückkehrte, um weitere Nachforschungen anzustellen?“

„Ihr meint doch nicht etwa, dass unser Bernhard von einem der Diener des Grafen überrascht und ermordet wurde?“ Der Sergeant sah seinen Vorgesetzten mit ungläubig aufgerissenen Augen an.

Der Leutnant zuckte nur gleichgültig die Schultern.

„In jedem Fall ist nun ein Besuch im Palais erforderlich, und zwar ein sehr gründlicher, bei dem wir uns alles ansehen werden, was irgendwie von Interesse sein könnte. Das heißt also, alle Abstellräume und mögliche Kellergelasse. Zu diesem Zweck habe ich mir bereits die Genehmigung durch den Kammerherrn schriftlich erteilen lassen.“

Sergeant Eggeling pfiff durch die Zähne.

„Dann habt Ihr einen konkreten Verdacht, Herr Leutnant?“

„Dazu ist es noch zu früh, ich hoffe aber, wir erhalten Aufschluss vor Ort. Es bleibt nur ein Mann für die Wachstube zurück, wie viele Stadtstreifen sind noch unterwegs, Eggeling?“

„Zu dieser Tageszeit nur zwei, Herr Leutnant, alle anderen Jäger sind hier oder im Stall beschäftigt.“

„Das trifft sich gut. Ruft alle zusammen und lasst hier vor der Wachstube antreten. Die Waffen sind alle zu überprüfen und werden nur in geladenem Zustand mitgeführt, wohl gemerkt, das Pulver bereits auf der Pfanne. Ich möchte keinerlei Risiko eingehen, verstanden, Sergeant?“

„Jawohl, Herr Leutnant!“ Der alte Soldat war aus einer Lethargie erwacht und beeilte sich, die Männer zu sammeln. Nach einer knappen Viertelstunde marschierte die Gruppe der grün-rot-gewandeten Jäger vom Schloss zum Hagenmarkt.

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17.

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Der große Zug der Jäger vom Schloss zum Hagenmarkt blieb nicht ohne Aufsehen. Die Bürger wurden aufmerksam, als die Soldaten im langsamen Gleichschritt angerückt kamen und sahen verwundert aus ihren Häusern. Ein paar Müßiggänger folgten ihnen sogar in kurzem Abstand, und gleich hatte sich auch eine Horde Gassenjungen versammelt, die den Zug umschwärmten und versuchten, etwas von den eisern schweigenden Marschierenden zu erfahren.

Schließlich hielten die Männer vor dem Palais am Hagenmarkt, Gewehrkolben stießen auf das Pflaster, als sie Aufstellung nahmen.

„Zwei Mann hier vorn als Wache, zwei Mann nach hinten zum Hofausgang. Sergeant, Ihr werdet Euch mit der Hälfte der Männer die unteren Räume vornehmen, die andere Hälfte folgt mir durch die anderen Räume. Denkt daran: nichts übersehen, nichts auslassen. Jede noch so kleine Spur kann uns weiterführen. Jetzt vorwärts!“

Die Posten nahmen Aufstellung, der Leutnant schritt seinen Männern voran und ließ gleich darauf den schweren Türklopfer mehrfach herunterfallen. Das Klopfen hallte im Inneren des Hauses nach und es sollte nicht lange dauern, bis die Tür von einem livrierten Diener geöffnet wurde.

Der Mann sperrte Maul und Nase auf, als er die Jäger vor der Tür erblickte, und brachte keinen Ton heraus.

„Melde uns beim Grafen an, wir haben es eilig!“, herrschte ihn der Leutnant an.

„Der ... der Graf ist abwesend. Was wollt Ihr denn.“

„Tretet zur Seite, wir werden das gesamte Haus durchsuchen. Wie viele Diener hat der Graf und wer ist davon im Haus anwesend?“

Der Diener schluckte und starrte den Leutnant noch immer fassungslos an. Als er den ungeduldigen Offizier hereindrängen sah, antwortete er:

„Außer mir ist nur die Köchin im Haus, ich bin für alles verantwortlich, sonst leben hier nur der Graf und sein Adlatus.“

„Wann erwartet man sie zurück?“

Der Diener zuckte nur die Schultern und rollte verzweifelt die Augen, als ihn die Soldaten jetzt kurzerhand beiseite drängten und das Haus betraten.

Auf das Geratewohl öffnete der Leutnant die Tür zum nächsten Raum, der sich als vollkommen leer erwies. Trotzdem erhielten zwei Mann den Auftrag, die Wände genau nach geheimen Türen abzusuchen und die Dielenbretter näher zu untersuchen.

Das nächste Zimmer erwies sich als das Arbeitszimmer des Grafen. Hier hatte er nicht nur einen großen Schreibtisch in Fensternähe aufgestellt, auf dem sich unglaublich viele Bücher, Dokumente und einzelne Blätter häuften, sondern auch seine Bibliothek eingerichtet. Die Regale waren ebenso vollgestopft mit Büchern und Dokumenten.

„Hier werde ich mich persönlich genauer umsehen. Ihr anderen macht mit den anderen Zimmern weiter, danach untersucht die obere Etage.“

Leutnant Oberbeck ging langsam an den Buchreihen entlang und versuchte, etwas von den Rückenbeschriftungen zu entziffern. Die meisten Bücher waren offensichtlich in Latein geschriebene wissenschaftliche Werke und Abhandlungen, aber etwas anderes hatte er auch nicht erwartet bei einem Menschen wie dem Grafen von St. Germain.

Ab und zu griff er sich einen Buchrücken, zog das Exemplar heraus und stellte es wieder zurück. Die Bände standen so dicht beieinander, dass er oftmals Mühe hatte, überhaupt einen davon herauszuziehen.

Nachdem er die Regale nach Auffälligkeiten abgesucht hatte, ging er zu dem Schreibtisch hinüber. Ein flüchtiger Blick über das scheinbare Chaos ließ ihn leise seufzen, aber dann kam ihm der Zufall zu Hilfe.

Er umrundete mehrere Bücherstapel, um auf die andere Seite des Schreibtisches zu gelangen. Dabei stieß die Spitze seines Hirschfängers gegen einen der wackligen Türme, und als sich der Leutnant zu dem Hindernis umdrehte, warf er mit der Bewegung alles um. Unter dem Papierhaufen schaute ein schmaler Band hervor. Oberbeck konnte nicht sagen, was seine Neugierde erregte, aber instinktiv bückte er sich danach und zog ihn hervor.

Der Einband war abgegriffen und schmutzig und wies keinerlei Titel oder Verfasser auf. Als er jedoch den Deckel aufschlug, stockte ihm der Atem. Marcus Graecus las er deutlich über dem lateinischen Titel in sehr verschnörkelter Handschrift, und darunter konnte er aus dem umfangreichen Titel zweifelsfrei Liber ignium herauslesen. Das musste das gestohlene Buch aus der Liberei sein, Ursache für den Mord am Nachtwächter, schoss es ihm durch den Kopf. Aufatmend erhob sich der Leutnant. Das war der erste, deutliche Hinweis und bestätigte seine Vermutung, dass der Graf von St. Germain etwas mit dieser Tat zu tun hatte.

In diesem Augenblick hörte er seinen Sergeanten rufen, der gleich darauf das Bibliothekszimmer betrat.

„Leutnant, wir haben interessante Spuren gefunden, die Ihr Euch unbedingt ansehen müsst – könnt Ihr gleich mitkommen?“

Der Leutnant warf noch einen unschlüssigen Blick auf das schmale Buch in seinen Händen, dann legte er es behutsam in die Mitte des Schreibtisches auf die anderen Dokumente und folgte seinem Sergeanten.

Die Jäger standen vor einem Raum neben der Küche, und eine alte Frau sah ihm kopfschüttelnd entgegen.

„Ich weiß nicht, was das alles soll, Herr Offizier. Der Graf ist doch ein hochgestellter Gast unseres Herzogs, und da dringt Ihr einfach in sein Haus ein und stellt alles auf den Kopf? Meiner Treu, man ist ja vor nichts mehr sicher, wenn die Soldaten aber auch alles machen dürfen!“ zeterte die Alte.

Leutnant Oberbeck schenkte ihr keine Beachtung, sondern folgte dem Sergeanten in einen vollkommen leeren, dunklen Raum. Obwohl die schweren Fensterläden weit aufgestoßen waren, hatten die Männer zusätzlich mehrere Kerzen auf dem Boden aufgestellt, und Eggeling deutete auf eine Stelle.

„Hier haben Dinge gestanden, die erst vor einiger Zeit fortgeschafft wurden, denn nirgends gibt es einen Staubabdruck. Aber wenn Ihr einmal ganz dicht an die Wand tretet, Herr Leutnant, werdet Ihr ein weißes Pulver bemerken, das hier verstreut ist.“

Oberbeck ging in die Hocke, um sich die Stelle genauer anzusehen und erkannte eine ganz feine, dünne Linie, die ein kleines Stück von der Wand in den Raum führte, als ob ein undichter Behälter aufgenommen und fortgetragen wurde.

„Eigenartig, was mag das sein?“ Oberbeck feuchtete seinen Zeigefinger etwas an, tippte ihn auf das Pulver und roch daran.

„Nur ein ganz schwacher Geruch wie von Erde, aber das kann auch hier an der Kammer liegen. Moment mal, Sergeant, haltet einmal die Kerze hier ein wenig näher, wo die Türzapfen sind. Seht ihr die feinen Tropfen auf dem Zapfen?“ Der Leutnant wies auf ein paar winzige Flecken, die spritzerartig auf dem Holzzapfen verteilt waren.

„Das sieht aus wie – ja, natürlich, das sind kleine Blutspritzer, da wette ich meinen Monatssold drauf, Leutnant. Sollte Bernhard etwa hier ...?“

Er ließ den Satz unvollendet und sah sich wütend um. Sein Vorgesetzter antwortete nicht, sondern rief über die Schulter:

„Heda, Frau Köchin, was wurde hier gelagert? Lebensmittel für den Grafen oder andere Dinge?“

Die alte Köchin war in der Tür stehen geblieben und starrte die Männer wütend an.

„Hier waren bis gestern noch die Dinge gelagert, die der Graf für seine Experimente brauchte, wie er mir erklärt hat. Ich hatte da nichts zu suchen und war nur mit dabei, als neulich ein Mann allerlei Kram geliefert hat.“

„Glaskolben, Mörser, Porzellangefäße und dergleichen?“

„Mag sein“, brummte die Alte mürrisch, „ging mich nichts an und interessierte mich auch überhaupt nicht. Die Jäger hatten mich ja schon danach gefragt. Ich habe mich nur um das Essen gekümmert und da wenig genug zu tun, da der Graf oft nicht daheim war.“

„Auch über Nacht nicht? Wo hielt er sich da auf, hat er Euch nichts hinterlassen?“

„Ich weiß überhaupt nichts, Herr Offizier. Ich bekam meine Waren in die Küche gebracht und hatte alles zuzubereiten, abzuwaschen und aufzuräumen. Die anderen Räume habe ich nie betreten, und das Essen wurde immer von diesem unheimlichen Begleiter des Grafen abgeholt.“

„Unheimlich? Was ist denn an dem Adlatus des Grafen so unheimlich?“

„Also, wenn der große Kerl plötzlich ganz leise bei mir in der Küche auftauchte, habe ich mich jedes Mal fürchterlich erschrocken. Er ist bestimmt zwei Meter groß und kräftig wie ein Bär. Dabei spricht er nie, sondern grunzt immer nur wie ein Tier. Und Augen hat der, wenn er einen anschaut, da läuft es mir immer ganz eiskalt über den Rücken. Wäre der Graf nicht so großzügig mit seiner Bezahlung, hätte ich schon nach unserer ersten Begegnung gekündigt.“

„Leutnant, schaut doch mal hier zur Tür herüber!“, kam eben eine Stimme vom Hof. Gefolgt vom Sergeanten, begab sich der Leutnant zu den zwei Männern, die sich auf dem Hof aufhalten sollten.

„Hier sind im Holz ganz frische Kratzspuren. Jemand muss mit einem spitzen Messer diesen Spalt genutzt und den Riegel dahinter angehoben haben. Seht Ihr – auch in diesem Holzritz sieht man eine frische Spur.“

Der Leutnant warf einen prüfenden Blick auf die einfache Tür und ihre Verriegelung. Kein Zweifel, hier war vor Kurzem von außen eingebrochen worden.

„Sehr gut gemacht, das ist für mich der eindeutige Beweis, dass Bernhard in der Nacht zurückgekommen ist und sich Zutritt zum Haus verschaffte. Er muss dabei überrascht worden sein und wurde ermordet.“

Sergeant Eggeling knirschte deutlich hörbar mit den Zähnen.

„Wenn ich den Burschen erwische, werde ich ihn mir persönlich vornehmen, das dürft Ihr mir glauben ...“

„Zunächst einmal müssen wir wissen, wer für die Tat im Haus in Betracht kommt – dem Grafen traue ich das nicht zu, eher wohl seinem Adlatus, so, wie ihn die Köchin schildert. Aber jetzt gilt es zunächst, einen Plan für die Rückkehr des Grafen zu machen. Hört mir zu, Sergeant, und erklärt den Männern dann das weitere Geschehen. Kehrt St. Germain zurück, darf er nicht den geringsten Verdacht haben, dass wir etwas in seinem Haus entdeckt haben. Aus diesem Grund werden wir jetzt wie folgt vorgehen.“

Die Jäger traten näher an ihren Leutnant heran, als er mit leiser Stimme seine Anweisungen gab.

Kaum eine halbe Stunde später sah man keine Posten mehr vor dem Haus, alles schien friedlich und ruhig zu sein, bis die Dämmerung schließlich hereinbrach und die Lampenwächter überall am Hagenmarkt dafür sorgten, dass die Laternen ordnungsgemäß entzündet wurden.

Im Palais brannte nur ein schwaches Licht über dem Eingang, die Fenster lagen völlig dunkel und verrieten nichts von der Anwesenheit der Jäger.

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18.

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Von St. Katharinen schlug es eben die elfte Stunde, als sich ein Fuhrwerk in rascher Fahrt dem Palais näherte. Gleich darauf vernahm der Leutnant, wie der Schlag laut zugeworfen wurde. Erneut fuhr die Kutsche an, wendete offenbar, und die Geräusche vom Hof verrieten, dass sie nun dort abgestellt wurde.

Als die schwere Eingangstür zuschlug, entzündete der Leutnant eine Kerze und stellte sie von sich entfernt auf die Ecke des Schreibtisches. Anschließend lehnte er sich entspannt zurück, die Hand mit der großkalibrigen Pistole im Schoß.

Schritte wurden auf dem Gang laut, gleich darauf stürmte eine dunkle Gestalt heran und blieb in der raschen Bewegung wie erstarrt in der Tür stehen, als sie den Leutnant am Schreibtisch sitzend sah.

„Guten Abend, Herr Graf. Bitte, treten Sie doch näher, ich habe Sie schon lange erwartet.“

„Leutnant, Ihr überrascht mich schon wieder. So groß ist Euer Wissensdurst, dass Ihr meine Bibliothek benutzt?“

Der Graf warf mit einer achtlosen Bewegung seinen Dreispitz in eine Ecke, zog sich den schwarzen Umhang von den Schultern und ließ ihn zu Boden gleiten.

Danach ergriff er Stahl und Zunder von einem großen Leuchter und machte sich damit zu schaffen. Während er Funken schlug und gleich darauf die erste Kerze an dem Brennmaterial entzündet wurde, sprach er im leichten Plauderton weiter.

„Habt Ihr eigentlich keine Sorge, dass ich Euer Verhalten Herzog Carl Wilhelm Ferdinand mitteilen werde? Ihr beleidigt einen Gast Eures Herzogs, indem Ihr in seiner Abwesenheit in sein Haus eindringt, und dann sitzt Ihr hier in aller Ruhe und erschreckt mich zu Tode, als ich schließlich nach einem arbeitsreichen Tag – und zwar für Euren Herzog! – zurückkomme. Unglaubliches Benehmen, das muss ich wirklich sagen.“

Der Graf hatte nun mehrere Kerzen entzündet, die den großen Raum etwas erhellten.

„Nun, das wird meine geringste Sorge sein, Herr Graf. Sollte unser Herzog irgendeinen Grund haben, Eurer Beschwerde zuzuhören, dann werde ich mich selbstverständlich in aller Form entschuldigen. Aber vorher, so glaube ich doch, müssen wir ein paar Dinge klären.“

Der Graf stand jetzt vor dem Schreibtisch und warf einen Blick auf das schmale Bändchen, dass der Leutnant entdeckt und deutlich sichtbar auf den Tisch gelegt hatte.

„Ach, die alte Schrift ist doch zu interessant, was meint Ihr, Graf?“, sagte der Leutnant ironisch und deutete mit seiner unbewaffneten Hand auf das Buch.

Der Graf von St. Germain zuckte nur gleichgültig die Schultern und ging nun ein paar Schritte weiter, um sich neben eine Säule zu stellen, auf der sich eine große Schale befand. Misstrauisch folgte der Leutnant seinen Bewegungen, jederzeit bereit, auf eine verdächtige Bewegung des Mannes zu reagieren.

„Interessant ist kaum der richtige Ausdruck, Herr Leutnant. Das griechische Feuer ist so unglaublich, dass es alles vergessen lässt, was man jemals über Brandsätze gehört oder gelesen hat. Die Gelehrten des Altertums haben damit eine Entdeckung gemacht, die in ihrer Anwendung fürchterlich effektiv ist. Leider ist vieles von dem Wissen über die Jahrhunderte verloren gegangen. Es war mühselige Forschungsarbeit erforderlich, um alles zusammenzutragen, was jemals über diese Waffe veröffentlicht wurde. Und es galt auszusortieren, was davon Legende ist und was weiterverfolgt werden konnte.“

„Ich nehme doch stark an, dass Ihr nicht nur die Rezeptur zur Verbesserung des Porzellans gefunden habt, sondern auch beim griechischen Feuer Fortschritte erzielt?“

„Ganz richtig erkannt, Leutnant, und ich möchte Euch dazu einladen, an meinen Versuchen teilzunehmen. Ihr sollt sehen, was es mit dem griechischen Feuer auf sich hat.“

Jetzt überstürzten sich plötzlich die Ereignisse, und Leutnant Oberbeck verblieb kaum Zeit, zu reagieren.

Der Graf stieß gegen den Ständer mit der Schale, die darauf gegen den Kerzenleuchter schwappte. Mit einer einzigen, fließenden Bewegung hatte der Graf sich weiter gedreht und die Hand gehoben.

Als Oberbeck sich hinter den Schreibtisch fallen ließ, hörte er, wie das Messer hinter ihm gegen das Fenster klirrte. Noch ahnte er nichts von der Katastrophe, die der Graf mit seiner Tat verursachte. Hinter dem Schreibtisch liegend, sah er den Grafen zur Tür laufen, und hob die Pistole. Mit mächtigem Krachen löste sich der Schuss, aber er konnte nicht erkennen, ob er den fliehenden Grafen getroffen hatte, der schon im nächsten Moment die Tür von außen zudrückte und einen Schlüssel umdrehte.

Oberbecks Aufmerksamkeit galt unmittelbar nach dem Schuss einer lodernden Flammenwand, der er hilflos gegenüberstand. Die in der Schale befindliche Flüssigkeit hatte sich entzündet, und mannshohe, blaue Flammen schlugen auf, breiteten sich in einer irrsinnigen Geschwindigkeit auf dem Fußboden aus, erfassten Bücher und Dokumente, fraßen sich quer durch den Raum und verwehrten dem Leutnant die Flucht durch die Tür.

Fassungslos warf er einen kurzen Blick auf das flammende Inferno, gleich darauf drehte er sich zu dem Fenster um, öffnete es und war einen Augenblick später mit einem Sprung auf dem Pflaster.

Ringsumher liefen Menschen durch die Dunkelheit, Schreie wurden laut, Schüsse peitschten plötzlich durch die Nacht und gaben der ganzen Szene etwas Gespenstisches, wenn die dunklen Gestalten der Soldaten durch den Feuerstrahl ihrer Büchsen für kurze Zeit sichtbar wurden. Der Leutnant lief zum Hof des Palais hinüber, als er die Kutsche herannahen hörte.

Das schwere Gespann schaukelte in rasender Fahrt gefährlich um die Ecke direkt auf den Hagenmarkt, für einen Moment sah es aus, als würde sie umstürzen, als sich ein Rad bereits hob. Dann krachte der Kasten wieder herunter, und nur mit einem kühnen Satz konnte sich der Leutnant vor den herandonnernden Hufen retten. Er rollte auf dem harten Pflaster zur Seite und fluchte über den flüchtenden Verbrecher, als er drei Schatten bemerkte, die hinter der Kutsche auf die Straße sprangen. Dann erkannte er, wie die Männer kurz hielten, und gleich darauf krachte eine Gewehrsalve hinter der Kutsche her.

Aber mit unverminderter Geschwindigkeit hielt sie jetzt auf das Fallersleber Tor zu. Oberbeck rappelte sich auf und bemerkte aus dem Augenwinkel, wie weitere Jäger aus dem Haus stürzten und der Kutsche nachliefen.

Jetzt schien es ihm, als hätte die Kutsche für einen Moment ihre rasende Fahrt verringert, und tatsächlich schien sie in der Dunkelheit der Straße plötzlich zu stoppen. Im ungewissen Licht der Straßenbeleuchtung erkannte der Leutnant, wie eine dunkle Gestalt auf das Dach der Kutsche kletterte, gleich darauf nahm sie erneut Fahrt auf und war bereits nach ganz kurzer Zeit in der Höhe des Tores.

Schwer atmend blieben die Jäger stehen, es hatte keinen Sinn mehr, die Kutsche zu verfolgen. Oberbeck wünschte sich nichts mehr als ihre Pferde, aber die Tiere wären natürlich vor dem Palais aufgefallen und hätten den Grafen vorzeitig gewarnt. So hatte der Leutnant alles auf den Überraschungseffekt gesetzt und nicht damit gerechnet, dass der Graf sein Palais rücksichtslos in Brand stecken würde.

Während einige Jäger noch auf der Fallersleber Straße zu dem Ort unterwegs waren, an dem die Kutsche ihre Fahrt verlangsamt hatte, erkannte ihr Offizier, dass sich die Bürger aus der Nachbarschaft eingefunden hatten und bereits eine lange Eimerkette zum Okergraben bildeten, um die großen Flammen zu bekämpfen, die aus dem unteren Stockwerk des Palais gierig herausleckten.

Jetzt musste zunächst der Schaden begrenzt und die benachbarten Häuser vor einer möglichen Feuersbrunst bewahrt werden. Die auf dem Hagenmarkt versammelten Jäger stellten ihre Waffen zusammen und reihten sich in die Eimerkette ein. Es gelang ihnen erst nach Stunden, nachdem die Trümmer der brennenden Balkenkonstruktion gelöscht wurden und das Griechische Feuer aufgrund von Nahrungsmangel allein verlöschte, größeren Schaden von der Nachbarschaft abzuwenden.

Als sie sich erschöpft bei dem Posten neben ihren Gewehren versammelten und sich kurzerhand für eine Erholungspause auf das Pflaster hockten, sagte Sergeant Eggeling:

„Die Männer sind die Fallersleber Straße noch abgegangen und haben am Okergraben in Höhe der Wilhelmstraße einen weiteren Toten gefunden.“

Der Leutnant sah ihn erstaunt an.

„Einen weiteren Toten? Etwa den Grafen?“

Eggeling schüttelte den Kopf und deutete auf einen Handkarren, der im Dunkel an der Mauer des Hoftheaters stand.

„Nein, es muss sich wohl um seinen Kutscher handeln, den wir mit einer Kugel getroffen haben. Ein unglaublich großer, kräftiger Kerl. Hat ihm aber nicht viel genutzt, eine von den Kugeln ist ihm durch den Rücken und vorn wieder ausgetreten. Sieht nicht besonders gut aus, der Mann.“

„Das war also der Grund für die Verringerung der Fahrt. Der Graf Muss erkannt haben, dass sein Kutscher tödlich getroffen war, ist aus der Kutsche geklettert und hat die Pferde erneut angetrieben – und seinen treuen Diener hier zurückgelassen.“

Oberbeck warf einen Blick auf den Toten, besah sich seine Schuhe und wandte sich angeekelt ab. „Nicht nur das Loch in der Brust, auch sein Kopf bietet einen unangenehmen Anblick. Vermutlich stürzte er direkt von der Kutsche herunter. Ich vermute mal, dass dieser Handlanger auch für die beiden Morde verantwortlich ist. Wenn wir unsere Zeichnungen mit seinen Schuhen vergleichen, werden wir die Bestätigung dafür haben. – Lasst die Männer in das Quartier abrücken, Sergeant.“

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19.

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Am nächsten Morgen fegten erneut Stürme unter einem bleigrauen Himmel über Braunschweig hinweg. Leutnant Oberbeck hatte Mühe, seinen Dreispitz festzuhalten und bewegte deshalb sein Pferd nur langsam zurück vom Hagenmarkt. Er hatte noch einmal nach dem Palais gesehen. Die zerborstenen Scheiben und die geschwärzte Fassade machten einen trostlosen Eindruck, und für einen flüchtigen Moment dachte der Leutnant daran, wie oft dort wohl rauschende Feste und Empfänge gefeiert wurden, als noch die erste Mätresse des Herzogs, Maria Antonia Pessina von Branconi das Palais bewohnte.

Die Bibliothek des Grafen, in der er das Feuer gelegt hatte, war vollkommen ausgebrannt, die Bücher, Dokumente und Aufzeichnungen rettungslos verloren – auch das Buch aus der Liberei war verbrannt. Weder der Diener noch die alte Köchin konnten irgendetwas aussagen, das den Jägern Hinweise auf einen möglichen Aufenthaltsort des Grafen nach seiner Flucht gab. Trotzdem hatte der Leutnant an diesem Morgen seine übermüdeten Jäger nicht geschont, sondern sie in alle Richtungen ausgeschickt, um bei den Gasthöfen auf den Landstraßen Erkundigungen einzuziehen, ob man etwas über den Verbleib des Grafen und seiner Kutsche wusste.

Bei seiner Rückkehr zum Schloss führte er seinen Braunen in den Stall, sattelte ihn selbst ab, rieb sein Fell trocken und machte sich anschließend auf den Weg zum Kammerherrn, um ihm Bericht zu erstatten. Damit hatte er es nicht sonderlich eilig, und als er schließlich bei dem hohen Beamten eintrat, sah er an dessen Miene, dass er bereits von den nächtlichen Ereignissen erfahren haben musste.

Nach seiner Schilderung blieb der Leutnant abwartend sitzen, während der Kammerherr schon nach den ersten Sätzen aufgesprungen war und seitdem wie ein gefangener Löwe in seinem Salon auf und ab ging.

„Von dem griechischen Feuer hatte er dem Herzog natürlich vorgeschwärmt. Im Zusammenhang mit der neuen Straßenbeleuchtung wollte er dem Hof und insbesondere dem versammelten Militär demonstrieren, wie fürchterlich eine solche Waffe war, wenn man die brennbare Flüssigkeit versprühte. Nach seinen Worten konnte man damit innerhalb kurzer Zeit eine ganze Stadt in Brand stecken. Durchlaucht war jedoch nicht sonderlich interessiert, er wollte zunächst einmal die Ergebnisse bei der Porzellanherstellung abwarten. Das versprach in jedem Fall ein Geschäft zu werden, und seine Leidenschaft gilt nun einmal, wie bei so vielen Fürsten unserer Zeit, dem edlen, durchschimmernden Material. Wir können vielleicht noch von Glück sagen, dass der Graf von St. Germain erst in einigen Tagen das Geld zur Verfügung gehabt hätte. Nicht auszudenken, wenn das durch seine Flucht auch noch verloren wäre!“

Der Kammerherr schlug die rechte Faust auf seine flache linke Hand. „Ich muss den Herzog so schonend wie möglich mit der Lage vertraut machen. Sein Traum von Fürstenberg zerplatzt damit wie eine Blase.“

„Wenn ich mir noch eine Anmerkung dazu erlauben darf, Graf?“

„Nur zu, Leutnant, jetzt kann mich nichts mehr erschüttern.“

„Es ist zwar nur ein vager Verdacht, aber ich glaube, dass dieser angebliche Graf von St. Germain gar nicht in der Lage gewesen wäre, das Kaolin zu verbessern.“

„Nanu – weshalb denn nicht? Er hat doch allen das Ergebnis vorgeführt – das Porzellan war von allerhöchster Güte, das er uns lieferte. Was bringt Euch darauf, dass er uns alle täuschen wollte?“

„Nun, wie gesagt – ein vager Verdacht, aber nach den Erlebnissen, verbunden mit zwei Morden, traue ich dem Grafen alles zu. Der Nachtwächter musste sterben, weil er sonst den Bücherdiebstahl gemeldet hätte. Und mein Jäger starb, weil er etwas im Haus des Grafen entdeckt hatte. Er ist in der Nacht zurückgekehrt, muss dabei entdeckt und ermordet worden sein.“

„Das mag ja alles sein, aber vielleicht war es auch nur eine unglückliche Verkettung der Umstände, als man ihn entdeckte und es einen Kampf mit dem mutmaßlichen Einbrecher gab, Leutnant.“

Der Jägeroffizier schüttelte heftig den Kopf.

„Ihm wurde in der gleichen Weise der Hals durchgeschnitten, wie dem Nachtwächter; mit großer Kraft und von hinten. Das war kein Kampf, das war Mord. Und Medicus Meibaum fand in seiner Hose ein Stück Kaolin.“

Der Kammerherr war auf seiner Wanderung stehen geblieben und sah den Leutnant erstaunt an.

„Der Jäger hatte Kaolin bei sich? Warum? Was beabsichtigte er damit?“

„Ich vermute, Bernhard hat sich beim Abladen der Laborgeräte im Haus umgesehen und das Kaolin entdeckt. Er muss es für so wichtig gehalten haben, dass er es als Beweismittel eingesteckt hat. Für mich lässt das nur einen Schluss zu: Der Graf hatte in seinem Haus genügend Kaolin für seine Probebrände, und das war bestimmt nicht aus Fürstenberg.“

„Aber warum sollte er ... Ihr meint, er wollte den Herzog um das Geld betrügen und gab nur vor, das Kaolin verbessern zu können?“ Der Kammerherr ließ sich schwer in seinen Sessel fallen.

„Ich weiß es natürlich nicht, ich bin nur ein einfacher Soldat und verstehe von den gelehrten Dingen nichts. Aber so könnte es gewesen sein. Als wir gestern das Haus durchsuchten, war nichts vorhanden, weder Kaolin noch Feldspat oder ein anderes Material, was man für das Porzellan benötigte. In einem Raum entdeckten wir nur ein weißes Pulver, und diesen Raum muss auch der unglückliche Bernhard entdeckt haben – denn auf einem Türzapfen entdeckten wir schwache, aber noch erkennbare Blutspuren. Dieser Fund und das gestohlene Buch in seiner Bücherei ist für mich der Anlass gewesen, den Grafen in seinem eigenen Nest zu erwarten. Leider konnte er uns durch seinen Feuerzauber entkommen, was ich sehr bedaure.“

Der Kammerherr sah ihn nachdenklich an, schließlich nickte er leise.

„So könnte es gewesen sein. Das ist auch eine Variante, die ich zu Protokoll nehmen werde, um sie dem Herzog zu vermitteln. Ob Eure Vermutungen zutreffen, ist dabei nicht so wichtig. Wichtig ist, dass Herzog Carl Wilhelm Ferdinand sieht, dass er offenbar auf einen Schwindler hereingefallen ist, wir ihm aber seine fünfzigtausen Taler retten konnten.“

„Dank der Ermittlungen durch die Jäger, Herr Graf“, antwortete der Leutnant, ohne die Miene zu verziehen.

„Ganz gewiss, und dafür gebührt Euch auch der Dank, Leutnant. Aber Ihr werdet auch verstehen, dass wir diesen Fall unter Verschluss halten müssen, bis wir einen möglichen Aufenthaltsort des Grafen ausfindig gemacht haben. Vielleicht gelingt es Euren Jägern, ihn in seinem Versteck aufzuspüren und zurückzubringen. Sollte er allerdings das Herzogtum verlassen haben, sehe ich keine Chance, seiner noch habhaft zu werden.“

Kammerherr Graf von Osten-Waldeck erhob sich mit einer raschen Bewegung.

„Ich werde nicht länger zögern, und den Herzog informieren. Wenn es Neuigkeiten gibt, erwarte ich Eure sofortige Information.“

„Selbstverständlich, Herr Graf.“

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20.

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Alle Mühe der Verfolgung blieb jedoch vergeblich. Erst nach Monaten kam die Nachricht in das Herzogtum, dass man den Grafen von St. Germain erneut am russischen Zarenhof erblickt hatte. Die nächste Spur führte dann nach Schleswig, und zur großen Überraschung des Leutnants erhielt er aus sicherer Quelle die Nachricht, dass der Graf von St. Germain am 27.2.1784 in Eckernförde an einer Lungenentzündung verstorben sei.

––––––––

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ENDE

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Nachbemerkung

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Das 18. Jahrhundert ist für mich eine faszinierende Zeit. Entdeckungen in vielen Bereichen der Wissenschaft, große Komponisten und Schriftsteller, Fürsten, die einerseits noch absolutistisch herrschen, andererseits die Wissenschaft und die schönen Künste fördern, dazu der furchtbare, sogenannte Siebenjährige Krieg, der durch die Ereignisse in Nordamerika, bekannt unter der Bezeichnung French and Indian War, ein erster Weltkrieg war und nicht nur unzählige Opfer unter den Soldaten und der Bevölkerung forderte, sondern auch mit seinen Nachwirkungen über viele Jahre die Menschen finanzielle Not leiden ließ.

So verwundert es eigentlich auch nicht, dass nach mehreren Missernten bei der Aufstellung eines neuen Heeres im Jahre 1776, gedacht zur Unterstützung des englischen Königs Georg III. in den aufständischen amerikanischen Kolonien, sich viele alte Soldaten erneut meldeten, um für überdurchschnittlich hohen Lohn in einem ihnen unbekannten Land zu kämpfen.

Ein Überbleibsel aus dieser Zeit, die Jäger, werden in meiner fiktiven Handlung nun sinnvoll in Braunschweig als Polizeitruppe eingesetzt und sorgen unter dem Premierleutnant Friedrich Oberbeck für die Einhaltung von Recht und Gesetz. Oberbeck, einst zusammen mit seiner Frau als einfacher Jäger nach Nordamerika gegangen, verlor in den Wirren des Krieges seine Frau. Aufgrund seiner Verdienste beförderte ihn General Adolf Friedrich Riedesel zu Lauterbach zum Premierleutnant. Da er nicht adlig war, konnte er allerdings auch nicht weiter im Rang steigen, was ihm im Übrigen auch völlig egal war.

Die Ereignisse führen uns in das Braunschweig des 18. Jahrhunderts, und ich habe mich bemüht, die Örtlichkeiten so genau wie möglich zu schildern, wobei ich lediglich das ehemalige Palais der Madame Branconi von der Ecke Wilhelmstraße–Katharinenstraße etwas näher an den Hagenmarkt verlegt habe.

Der Graf von St. Germain war eine von Geheimnissen umgebene Person. Bewandert in der Alchemie, aber auch in vielen anderen Gebieten und sogar als Komponist tätig, sah man ihn an zahlreichen Fürstenhöfen mit allerlei Laboratorien umgeben, die mit zur starken Legendenbildung um den mysteriösen Grafen beitrugen. Seine Herkunft wie auch sein genaues Geburtsdatum blieben ungeklärt – überliefert ist nur sein Todestag. Chronisten behaupteten, dass der Graf über Jahrzehnte immer wie ein Fünfzigjähriger wirkte und tatsächlich nicht zu altern schien. In jedem Falle eine interessante Persönlichkeit, die sich dem regierenden Herzog anbot und behauptete, das Porzellan aus Fürstenberg verbessern zu können.

Ihr Thomas Ostwald alias Tomos Forrest

***

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Special Agent Owen Burke: Jack the Ripper II.

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Gesamtausgabe

Krimi von Pete Hackett

Der Umfang dieses Buchs entspricht 80 Taschenbuchseiten.

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Am Montag, dem 14. September, wurde im Central Park die Leiche einer Prostituierten namens Hildred Turner aufgefunden. Wie drei jungen Frauen vor ihr – ebenfalls Prostituierte - war ihr Leib aufgeschlitzt und ihr das Herz entnommen worden. Der Leichenfund sorgte in den Medien für Schlagzeilen. In der New York Times, die vor Special Agent Owen Burke auf dem Schreibtisch lag, hieß die Schlagzeile: ‚Jack the Ripper II. hat wieder zugeschlagen‘.

Der Special Agent las den Bericht durch.

Da war von einem Serienmörder die Rede. Ähnliche Morde, hieß es in dem Bericht, waren in den vergangenen Wochen in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis geschehen. Der Verfasser des Artikels wandte jedoch ein, dass nicht ein und derselbe Täter am Werk gewesen sein konnte, da zwei Morde zur selben Zeit in Indianapolis und New York geschehen waren, und zwar am 23. August.

Es war auch von möglichen Ritualmorden die Rede. Das schloss der Journalist der New York Times aus der Tatsache, dass den Frauen jeweils die Herzen herausgeschnitten worden waren.

War eine Sekte am Werk?

Teufelsanbeter vielleicht und waren die Ladies Opfer schwarzer Messen geworden?

Owen Burke sprach mit seinem Kollegen Ron Harris darüber, und der sagte: „Eines ist Fakt: Es wurden nur Frauen vom Straßenstrich ermordet. In New York hier sind alle vier Ladies in Harlem verschwunden. Dass es sich um ein und denselben Täter handelt, dürfte keine Frage sein. Entweder es ist einer, der die Morde in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis nachahmt, oder es handelt sich um eine Gruppe von Leuten, die in mehreren Städten gleichzeitig aktiv ist.“

„Eine Sekte“, stieß Owen Burke hervor.

„Möglich. Wir sollten vielleicht mal mit der Mordkommission Verbindung aufnehmen.“

Owen Burke rief beim Police Department an. Detective Lieutenant James Howard, der mit der Sache betraut war, erklärte, dass es keinen Hinweis auf den oder die Mörder gebe. Dass immer derselbe Täter am Werk gewesen war, stand zur Überzeugung des Kollegen jedoch fest. „Warum interessiert dich der Fall?“, fragte Howard abschließend.

„Weil es in einigen anderen Staaten ähnliche Morde gab“, versetzte Burke. „Es könnte also ein Fall für das FBI werden.“

„Darüber habe ich auch schon nachgedacht, Kollege“, sagte der Detective Lieutenant. „Zumindest hätte ich ihn dann vom Tisch.“

„Weißt du, was das Schöne an dir ist?“, fragte Owen Burke mit einem Anflug von Sarkasmus.

„Sicher, alter Freund. Ich bin überhaupt nicht egoistisch.“ Howard lachte und auch Owen Burke grinste, dann bedankte er sich bei dem Kollegen und beendete das Gespräch.

„Vielleicht sollten wir mal mit dem Chef drüber sprechen“, schlug Ron Harris vor.

„Keine schlechte Idee. Ich schätze aber, dass es unser Fall ist, sobald wir den AD wieder verlassen.“ Burke verzog das Gesicht. „Das bedeutet, dass wir vor dem Rätsel stehen werden, vor dem im Moment noch die Mordkommission steht.“

„Rätsel sind da um gelöst zu werden“, versetzte Ron philosophisch.

„Alter Optimist.“ Burke rief Amalie Shepard an und ließ sie – also ihn und Ron – beim Assistant Director anmelden.

Wenig später saßen sie am Besuchertisch im Büro ihres Vorgesetzten. Es gab keine Debatten. Der AD war damit einverstanden, dass die beiden Agents den Fall übernahmen. Nachdem es sich wahrscheinlich um einen Täterkreis handelte, der in verschiedenen Staaten sein Unwesen trieb, war es Bundessache und damit Sache des FBI.

Tags darauf hatten sie auch die Ermittlungsakten von den vier New Yorker Mordfällen auf dem Tisch. Der Eintritt des Todes bei Hildred Turner war den Feststellungen der Gerichtsmedizin zufolge Sonntag, der 13. September. Am 10. September war die junge Frau spurlos verschwunden.

Die beiden Special Agents studierten die Akten ausgiebig. Ron Harris sagte dazwischen einmal: „Ist dir eigentlich schon aufgefallen, dass die Frauen jeweils an einem Donnerstag entführt werden? Der Mörder schlägt seit dem 23. August im Wochentakt zu.“

„Und der Tod ist laut Gerichtsmedizin jeweils an einem Sonntag eingetreten.“

„Das bedeutet, dass am 17. September wieder eine Frau entführt werden wird.“

„Die Frauen wurden auch nie dort ermordet, wo sie aufgefunden worden sind. Man hat sie nach Eintritt des Todes zu den jeweiligen Fundorten gebracht. Leider konnte niemand Angaben darüber machen, was es für Fahrzeuge waren, in die die Ladies gestiegen sind.“

„Wann geschahen die Morde in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis?“, fragte Ron.

Eine halbe Stunde und drei Telefongespräche später wussten es die Agents. Die Mordserie begann am 23. August. Die Frauen wurden an unterschiedlichen Tagen entführt, die Morde jedoch wurden jeweils an einem Sonntag verübt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um Ritualmorde handelte, nahm Formen an. Die Agents waren sich einig, dass irgendwelche Teufelsanbeter für die Morde verantwortlich waren, die jeweils an den Sonntagen schwarze Messen abhielten, sowohl in Baltimore, Cincinnati und Indianapolis als auch in New York.

Blutiger Satanskult! Anders war es nicht erklärbar, dass den Frauen die Herzen herausgeschnitten worden waren. Es konnten nur Satansjünger sein, die in verschiedenen Städten ihrem schrecklichen Glauben frönten und die miteinander in Verbindung standen.

Die Agents waren sich einig: Es handelte sich um Ritualmorde. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass sie mit Satanskult konfrontiert wurden.

Die Frage war, wo sie ansetzen sollten. Sie gingen ihre Möglichkeiten durch, das Ergebnis war allerdings nicht besonders zufriedenstellend, denn es lief im Endeffekt darauf hinaus, dass sie einschlägig Vorbestrafte überprüfen mussten.

Owen Burke klickte sich in den Zentralcomputer des FBI ein, Ron versuchte sein Glück im Zentralcomputer des Police Department, zu dem das FBI Zugang hatte.

Nach einiger Zeit hatten sie einige Namen und Adressen von Leuten, die sich in der Szene des Okkultismus einen Namen gemacht hatten. Sie sortierten jene Leute aus, die nicht in New York wohnten oder die sich derzeit in Haft befanden. Übrig blieben:

Miguel Sola, peruanischer Abstammung, lebte seit zwölf Jahren in New York. Seine derzeitige Adresse war Greene Street, SoHo.

Yul Bennan, wohnhaft in East 38th Street, Murray Hill. Bennan hatte wegen Körperverletzung mit Todesfolge sieben Jahre auf Rikers Island verbracht.

Ed Allister, er wohnte in der 77th Street, Upper West Side. Er hatte wegen Totschlags 12 Jahre hinter Gittern gesessen und war auf Bewährung frei.

Wesley Cohan, 42 Jahre alt. Er war wegen Hausfriedensbruchs und Körperverletzung vorbestraft. Cohan wohnte in Staaten Island, 1465 Rockland Avenue.

Diese vier Männer pickten sich die Agents heraus, denn jeder von ihnen hatte irgendwann einmal einem Satanszirkel angehört.

Ron sprach aus, was Owen Burke dachte: „Damit haben wir vier potentielle Täter, Owen, die aber nur für die Morde in New York in Frage kommen. Es wurden aber – zum Teil zeitgleich -, in Cincinnati, Baltimore und Indianapolis Morde nach demselben Muster verübt. Das Täterprofil ist dasselbe. Die Leichen der Frauen waren immer auf dieselbe Art verstümmelt.“

„Kümmern wir uns erst einmal um unsere vier Kandidaten“, versetzte Owen Burke. „Sollte einer dabei sein, der sich verdächtig macht, bleiben wir solange an ihm dran, bis wir ihn haben. Und dann löst sich vielleicht der Rest des Rätsels von selbst.“

„Vielleicht könnten wir einen schnelleren Erfolg erzielen, wenn wir ihm einen Köder hinwerfen würden?“, kam es von Harris.

„Du denkst an eine Frau?“

„An eine Agentin.“

Owen Burke grinste. „Sind Agentinnen keine Frauen?“

„Es sind besondere Frauen“, knurrte Ron.

Burke dachte kurz nach, dann meinte er: „Keine schlechte Idee, Kollege. Aber zunächst sollten wir mal die vier Gentlemen unter die Lupe nehmen. Mal sehen, ob sie Alibis für die Tage haben, an denen die Ladies verschwanden.“

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2

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Zunächst fuhren Burke und Harris in die Greene Street, wo Miguel Sola wohnte. Der Stadtteil SoHo war nur einen Katzensprung von der Federal Plaza entfernt. Von einer Nachbarin erfuhren die Agents, dass sich Sola in der Arbeit befand. Er fuhr eine Straßenkehrmaschine. Die Lady nannte den Agents auch den Namen des Betriebes, bei dem Sola angestellt war. Sie ließen Sola eine Vorladung zurück, wonach er am folgenden Tag um 8 Uhr im Federal Building vorsprechen sollte. Ron Harris vermerkte seine Zimmernummer auf der Vorladung.

Als nächstes statteten die Agents Yul Bennan in der 38th Street einen Besuch ab. Er war zu Hause und bat die G-men – nachdem sie sich ausgewiesen hatten -, in seine Wohnung. Bennan war nur mit einem grauen, ausgewaschenen T-Shirt und einer abgewetzten Jeans bekleidet. Er hatte sich seit mindestens drei Tagen nicht mehr rasiert. Übler Geruch stieg den G-men in die Nasen und in dem Apartment sah es aus wie in einem Schweinestall. Auf der Couch im Wohnzimmer lag eine Decke, auf dem Tisch stand eine halbleere Flasche billigen Weines, und der Aschenbecher quoll über. Ein Blick in Bennans gerötete Augen sagte Burke, dass der Bursche schon am helllichten Vormittag ...

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