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Neumondkälte

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Kapitel 21
  29. Kapitel 22
  30. Kapitel 23
  31. Kapitel 24
  32. Kapitel 25
  33. Kapitel 26
  34. Kapitel 27
  35. Kapitel 28
  36. Kapitel 29
  37. Danksagung

Weitere Titel der Autorin

Vollmondfieber

Halbmondnacht

Über dieses Buch

Eine Wölfin beißt sich durch …

Jessica McClain gilt als Bedrohung. Denn sie ist die einzige weibliche Werwölfin der Unterwelt. Deshalb wird sie von anderen Gestaltwandlern, Hexen und Dämonen gejagt. Als hätte sie damit nicht schon genug Ärger, wird auch noch ihre beste Freundin, die Hexe Marcy, entführt. Um sie zu retten, geht Jessie einen unheilvollen Pakt ein – mit niemand Geringerem als der gefährlichen Vampirkönigin höchstpersönlich …

eBooks von beHEARTBEAT – Herzklopfen garantiert.

Über die Autorin

Amanda Carlson wurde in Minnesota geboren und begann bereits während ihrer Highschool-Zeit mit dem Schreiben von Geschichten. Richtig ernst wurde es ihr damit erst später, nach der Geburt ihres zweiten Kindes. Sie stürzte sich in die Literaturszene und besuchte diverse Schreibkurse. Ihre Liebe zur Fantasy entdeckte sie durch die Romane von Kresley Cole. Von diesem Moment an wusste sie, dass sie Urban Fantasy schreiben wollte ... und tat es. Bei beHEARTBEAT ist ihre Trilogie um Jessica McClain lieferbar, die einzige weibliche Werwölfin der Welt. Homepage der Autorin:

https://www.amandacarlson.com/.

Amanda Carlson

NEUMONDKÄLTE

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch
von Frauke Meier



Für Bill,
meinen Partner in allen Lebenslagen

Kapitel 1

Runter!« Tallulah Talbot, die mächtigste Hexe des ganzen Landes, packte meinen Arm und riss mich mit sich, hinein ins nächste dichte Gebüsch. Sekunden später explodierte etwas mit der Gewalt eines Meteors. Ich versuchte, Gesicht und Körper abzuschirmen, so gut es ging, als es Steine auf uns herunterhagelte. Kaum war es vorbei, streckte ich mich und rollte auf die Seite. Versuchsweise schlug ich die Augen auf, ehe ich mich zum Aufstehen entschloss. Hustend und Dreck spuckend stemmte ich mich hoch auf die Knie.

Ich spähte durch das Gebüsch hinaus auf den Parkplatz vor meinem Büro. »Sehen Sie, was ich sehe?« Ich zeigte auf einen Krater von der Größe eines Stadtbusses. Der Lärm hatte meine Trommelfelle arg gebeutelt, aber davon abgesehen ging es mir gut. Ich stand auf und klopfte mich ab. Tally rappelte sich gleich neben mir auf. »Was, um Himmels willen, war das denn für eine Explosion?«

Eine, die wie Blitz und Donnerschlag aus heiterem Himmel über uns gekommen war.

Ehe Tally mir antworten konnte, stand Rourke plötzlich vor mir. Sein Hemd war gleich an mehreren Stellen zerfetzt, aber die kleinen Wunden, die ihm der Steinhagel zugefügt hatte, hatten sich bereits wieder geschlossen. Mit seinen großen Händen nahm er mich bei der Taille und zog mich aus dem Gebüsch.

»Jessica, alles in Ordnung?« Er musterte mich eingehend vom Scheitel bis zur Sohle.

»Mir geht’s gut.« Ich legte ihm die Hand auf die Brust, spürte seine Wärme, seinen Herzschlag. Ihn anfassen zu können war beruhigend, und Beruhigung konnte ich gut brauchen.

Nach der Tortur, die die Auseinandersetzung mit Selene für uns bedeutet hatte, war es um mein inneres Gleichgewicht immer noch nicht sonderlich gut bestellt, und ich war schnell nervös zu machen. Die Mondgöttin hatte uns einen harten Kampf geliefert, aber am Ende war es mir gelungen, ihr lang genug ihre Unsterblichkeit zu nehmen, um sie in die Unterwelt zu schicken. Ich spürte das leise Knurren, das aus Rourkes Brustkorb aufstieg, wie ein Beben unter meinen Fingern. Er war genauso unruhig und schnell zu beunruhigen wie ich. Fünf Minuten, ohne dass irgendjemand versuchte, mich umzubringen, wären schon eine verdammt große Hilfe gewesen.

»Das war keine normale Bombe.« Rourke drehte sich zum Parkplatz um. »Seht euch den Schaden an. Das Loch muss an die fünf Meter tief und genauso breit sein.«

»Das war eine Maskensphäre.« Tally, komplett in Schwarz gekleidet, trat hinter uns aus dem Gebüsch und richtete ihre Mütze, unter der sie jetzt wieder das weiße Haar säuberlich versteckt trug. Flachbrüstig wie sie war, wirkte sie mit ihren eins zweiundfünfzig eher wie ein zwölfjähriger Junge und nicht wie eine beinahe allmächtige Hexe. »So ein Ding sucht sich sein Ziel, und wenn es das gefunden hat, geht alles hoch. Das ist ein altbekannter magischer Trick der Zauberer, einer, den sie immer in der Hinterhand haben. Diese Jungs haben halt nur ein paar Tricks auf Lager und neigen deshalb dazu, sich ständig zu wiederholen.« Sie feixte. »Diese Maskensphären lassen sich nicht aufspüren. Man bemerkt sie erst zwei Sekunden vor ihrer Detonation, wenn sie ein leises Pfft von sich geben. Das ist die einzige kleine Schwachstelle in ihrer Magie. Und ihr seid gerade zu den größten Glückspilzen auf Erden geworden, weil ich ständig einen eingebauten Detektor bei mir habe.« Sie klopfte sich mit der Hand aufs Hinterteil.

Tyler kam angerannt, dicht gefolgt von Danny und Nick. Alle waren noch in einem Stück. Gott sei Dank waren Übernatürliche auch übernatürlich schnell, denn die meisten von uns hätten sich von den Auswirkungen einer Explosion wie dieser tatsächlich nicht erholen können.

Kaum dass Tally ihre Warnung gebrüllt hatte, hatten sie sich auch schon alle in Bewegung gesetzt und Distanz zwischen sich und die Bombe gebracht.

»Wir müssen hier weg«, meinte Tyler und trieb uns vor sich her. »Der Hummer ist gepanzert. Mit dem können wir zum gesicherten Versteck fahren und uns unseren nächsten Zug überlegen. Ich warte jedenfalls nicht darauf, dass noch eins von diesen Dingern hochgeht!«

»Gäbe es noch eins, dann wäre es längst hochgegangen«, widersprach Tally. »Die Maskensphäre wurde hier als eine Art Visitenkarte hinterlassen und hätte hochgehen sollen, als ihr angekommen seid.« Mit einem Nicken deutete sie auf mich, denn im Grunde wussten wir alle, dass der Attentatsversuch mir galt. »Diese Dumpfbacken müssen die Sphäre mit dem Vordereingang gekoppelt haben, um sie zu aktivieren; also hat es ein bisschen gedauert, bis das Ding Sie gefunden hat … alles in allem also ein echter Glücksfall!« Sie bückte sich und klopfte sich den Schmutz von der Jeans. »Aber jetzt, wo die Sphäre explodiert ist, weiß man, dass Sie hier sind. Also wäre es nicht ratsam, länger zu bleiben.«

Ich sah meine Mitstreiter an. Wir hatten uns hinter dem Gebäude versammelt, in dem unsere Büros lagen. Gerade erst hatten wir erfahren, dass James Graham, der Stellvertreter meines Vaters, von dem wir gedacht hatten, er wäre abtrünnig geworden, die Verfolgung von Marcy Talbot aufgenommen hatte, meiner Sekretärin und Tallys Nichte. Tally hatte uns außerdem eröffnet, dass Marcy vor Kurzem von Zauberern entführt worden sei, eben jenen netten Zeitgenossen, die für das neue klaffende Loch in meinem Parkplatz verantwortlich waren. Es gab keinen Grund, an Tallys Schlussfolgerungen hinsichtlich der Entführer zu zweifeln. Sie wusste offensichtlich genau, worüber sie sprach, umso mehr, als sie einen Maskensphärendetektor an ihrer Kehrseite herumtrug.

»Tja, wir werden jedenfalls bestimmt nicht bleiben, um abzuwarten, ob sie auftauchen!«, verkündete Tyler. »Also, wie gesagt: Lasst uns von hier verschwinden!«

»Einverstanden«, stimmte Nick zu. »Besser, wir hauen schnell ab.«

Dagegen gab es nichts einzuwenden. Wir setzten uns in Richtung Auto in Bewegung, was uns geradewegs an dem gewaltigen Loch im Asphalt vorbeiführte. Der Schadensbereich war begrenzt: Abgesehen von dem, was in Steinhagelreichweite gewesen war, war nichts in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Wagen standen immer noch in ihren Parkbuchten am Rande des Kraters. Normale Sterbliche würden sich bei diesem Anblick sicher perplex am Kopf kratzen. Ich selbst war noch nie einem Zauberer begegnet, insofern wusste ich nicht so recht, wie Angehörige dieser Zunft agierten, aber offenkundig schien es in die Richtung zu gehen, erst Dinge hochzujagen und anschließend Fragen zu stellen.

Wir gingen zu dem kanariengelben Hummer, der in der nächtlichen Dunkelheit leuchtete wie ein scheußliches, phosphoreszierendes Gespenst. Die Explosion hatte ihm nicht den kleinsten Schaden zugefügt, was wirklich schade war; Beulen und Kratzer hätten ihn allenfalls aufpeppen können. »Wenn wir das sichere Versteck erreicht haben, können wir planen, wie wir uns Marcy zurückzuholen«, sagte ich, als ich mich daranmachte, den Wagen zu umrunden. Doch ich hatte den ersten Schritt noch nicht getan, da packte Tally mich bei der Schulter und riss mich zurück.

Ich stolperte, fing mich aber augenblicklich wieder.

»Sie und ich gehen nicht in Ihr sicheres Versteck

Für eine wie ein Bügelbrett gebaute Hexe von gerade eins zweiundfünfzig war sie unglaublich stark.

Rourke, Danny und Tyler rückten gleichzeitig vor, um dazwischenzugehen.

»Stopp!« Ich hob die Hand, den Blick starr auf Tally gerichtet. »Ich will keine Gewalt.« Ich war müde. Wir waren die ganze Nacht gefahren. Ich hatte gerade erst einen monumentalen Kampf gegen eine geisteskranke Göttin hinter mir, gefolgt von einem Zusammenstoß mit einem Dämonen-Lord, der mich über einen Gerichtstermin in der Unterwelt in Kenntnis gesetzt hatte, den ich wahrzunehmen hätte. Ich sollte mich für die Verbrechen verantworten, die ich ungewollt begangen hatte. Mich mit einer Hexe anzulegen wäre kontraproduktiv, sowohl für meine Gesundheit als auch für unser neues Vorhaben, das da wäre, Marcy unversehrt zurückzuholen.

Sie war meine beste Freundin, und ich war bereit zu tun, was immer nötig war – wozu auch gehörte, mich einer wütenden Hexe gegenüber ruhig zu verhalten.

Rourke, der meine Stimmung ahnte, schaltete widerstrebend einen Gang runter. Er war ein starker Alpha, und ich wusste, es musste schwer für ihn sein, sich meiner Führung unterzuordnen, ganz besonders, nachdem er so viele Jahre allein gewesen war. Umso mehr schätzte ich in diesem Moment seine Bereitschaft, es zu versuchen. Meine Wölfin bellte anerkennend in meinem Geist. Tyler und Danny waren immer noch sprungbereit, und mit ihrem Blut brodelte ihre Aufregung durch meine Adern, als Tally und ich einander anstarrten. Danny hatte mir erst kürzlich die Treue geschworen und mich zu seinem Alpha gemacht, und seine Pflicht, mich um jeden Preis zu beschützen, vernebelte sein Urteilsvermögen, ganz besonders in dieser enorm stressgeprägten Umgebung. Ich versuchte, ihm ein besänftigendes Gefühl zu vermitteln, hatte aber keine Ahnung, wie ich irgendetwas auch nur entfernt Alphamäßiges anstellen sollte und ob es funktionieren würde.

Tally schien von der Demonstration werwölfischen Aggressionspotenzials völlig unbeeindruckt.

Stattdessen bohrte ihr steinerner Blick ein Loch in meine Seele. Sie verschränkte die Arme, wartete. »Vor drei Minuten wären wir beinahe alle in Fetzen gerissen worden.« Ich erwies ihr den Gefallen und versuchte auch weiterhin, die Situation zu entschärfen. »Soweit ich es beurteilen kann, haben wir alle dasselbe Ziel. Wir wollen Marcy wiederhaben. Also sollten wir vielleicht anfangen, uns so zu benehmen, als stünden wir auf derselben Seite.« Tallys Macht kribbelte auf meiner Haut. Meine Wölfin knurrte und schnappte, dass ihre Kiefer aufeinanderklappten, alles wegen der deutlich spürbaren Magie, die uns bedrängte. Ich drehte mich nun vollends zu Tally um, um ihr Kooperationsbereitschaft zu signalisieren, und sagte das auch. »Wie wollen Sie vorgehen? Sie können sich auf uns in dieser Sache verlassen.« Unnötig ›bis zu einem gewissen Punkt‹ hinzuzufügen, denn das war so oder so klar.

Übernatürliche tolerierten einander für kurze Zeitabschnitte, wenn es zum beiderseitigen Nutzen war. Tally gab mir die Schuld für Marcys Verschwinden, und das musste ich ihr zugestehen. Ich hätte gewissenhafter sein müssen. Ich konnte nicht einfach herumlaufen und so tun, als wäre die Prophezeiung nicht real und kein Übernatürlicher würde sich um mich scheren. Meine Nachlässigkeit hatte Leute, die ich liebte, in Gefahr gebracht, und ich war es Marcy schuldig, mit ihrer Tante zu kooperieren.

»Mir ist egal, wo die hingehen.« Mit einer Kopfbewegung deutete Tally auf meine Begleiter. »Aber Sie kommen mit mir. Wir gehen zurück zu meinem Zirkel und sammeln Informationen, auch über den Wolf, von dem Sie behaupten, dass er Marcys Spur folgt. Gleich was wir finden, wir werden uns in zwei Stunden auf den Weg machen. Ich werde meine Nichte nicht länger als unbedingt nötig in den Händen der Glatzen lassen!«

Nick, so gefasst wie immer, trat vor. »Ms. Talbot, ich bin sicher, wir finden irgendwo neutralen Boden – einen Ort, an dem wir uns treffen können und der nicht innerhalb Ihrer oder unserer Einflussbereiche liegt.« Auf Nicks Sachlichkeit konnte ich immer zählen. Tallys Heim wäre ein enormer Nachteil für mich, sollten wir uns über die weitere Vorgehensweise nicht einigen können. Ich lächelte Nick zu, um ihm meine Zustimmung zu zeigen. Wie hatte ich seine braunen Locken, seine goldenen Augen und das süße Lächeln vermisst! Es gab wirklich keinen netteren Kerl auf Erden.

Tally schüttelte den Kopf. »Das ist zu gefährlich. Die Zauberer werden unsere Spur aufnehmen, sobald sie hier eintreffen. Unsere Signaturen sind über den ganzen Parkplatz verteilt. Wir können nicht an irgendeinem ungeschützten Ort herumlungern, oder wir machen uns angreifbar, denn ich habe nicht die Zeit, um die notwendigen Bannsprüche zu wirken und uns abzusichern. Wir gehen zu meinem Zirkel, wo bereits alle Schutzmaßnahmen vorhanden sind. Keine Kompromisse.«

Rourke trat einen Schritt vor. »Erst garantieren Sie uns unsere Sicherheit; anderenfalls wird keiner von uns Sie begleiten, Hexe.«

»Natürlich, klar«, entgegnete Tally schnippisch. »Was glaubt ihr denn, das ich tue – eure Körperteile für meinen brodelnden Kessel ernten? Solange die Rettung meiner Nichte meine Priorität genießt, dürft ihr euch sicher fühlen.«

Guter Punkt.

Da die Zauberer wussten, dass wir angekommen waren, lag es auf der Hand, dass wir Schutz brauchten. Trotzdem wäre es gut, ein paar von uns blieben vor dem Hexenzirkel, für den Fall, dass im Zirkel etwas schiefginge. »Gut, wir drei gehen mit Ihnen.« Ich deutete auf Rourke, Nick und mich. »Tyler und Danny begeben sich in das sichere Versteck.« Ich nickte den beiden zu. »Versucht, so viel wie möglich über James’ Verbleib herauszufinden. Ich erwarte in weniger als zwei Stunden euren Anruf, ob ihr etwas erfahren habt oder nicht. Nimm Kontakt zu Dad auf«, fügte ich an Tyler gewandt hinzu. »Sag ihm, was los ist. Danach treffen wir uns an einem vereinbarten Ort außerhalb des Hexenzirkels und machen uns auf den Weg.«

»Jess …«, setzte Tyler an.

Ich schnitt ihm auf geistiger Ebene das Wort ab.

Tyler, wir haben keine Wahl. Wenn ich mich weigere, Tally zu begleiten, provoziert das mehr Ärger, als wir jetzt brauchen können. Und Marcy hat Priorität.

Das gefällt mir nicht. Diese Hexe kann dir in diesem Haus tausenderlei Dinge antun, ganz zu schweigen davon, dass sie dich – das ist noch keine Stunde her – gegen Marcy austauschen wollte.

Tallys ursprünglicher Plan war gewesen, mich den Zauberern auszuliefern, was immer noch eine Möglichkeit war, sollten wir sie nicht aufspüren können. Ich hätte mich sogar selbst, ohne mit der Wimper zu zucken, gegen Marcy austauschen lassen, aber nicht ohne einen vernünftigen Plan. Das musste Tyler aber nicht unbedingt wissen, und wenn wir überhaupt Erfolg haben wollten, mussten wir so oder so auf Tallys Wissen über die Zauberer zurückgreifen. Ich verstehe dich ja, aber du musst mir in diesem Punkt vertrauen. Wir werden alle notwendigen Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, und ich habe eine wütende Katze an meiner Seite, die nicht zulassen wird, dass irgendetwas schiefgeht.

Tyler knurrte, klang dabei aber resigniert.

»Gib mir die Schlüssel«, bat ich laut. Widerstrebend griff Tyler in seine Tasche und zog sie hervor. Das sichere Versteck war nur ein paar Meilen entfernt, die könnten Danny und er zu Fuß in wenigen Minuten hinter sich bringen. Vergiss nicht, uns bleibt immer noch das. Ich tippte mir an die Schläfe und gab mein Bestes, um ihn zu beruhigen. Dann sah ich mich nach Rourke um, der Tally misstrauisch fixierte.

Sie erwiderte seinen finsteren Blick, die Arme immer noch vor der Brust verschränkt.

»Ehe wir gehen, will ich, dass Sie einen Eid ablegen, Hexe«, verlangte Rourke. »Oder die Sache ist gelaufen. Hexenzirkel sind berüchtigte Fallen, und gegen mehrere Lagen Bannsprüche, gewirkt von diversen Hexen, anzukommen, ist nahezu unmöglich.«

»Ich schwöre, ich werde euch nicht gegen euren Willen festhalten«, bekundete Tally mit ruhiger Stimme. »Aber im Gegenzug verlange ich, dass ihr mir schwört, alles zu tun, was wir für notwendig erachten, um meine Nichte zurückzuholen, einschließlich eines Austauschs, für den Fall, dass euer Wolf sie nicht aufspüren kann.« Sie kniff die Augen zusammen. »Tut ihr das nicht, riskiert ihr einen Krieg gegen uns.«

Ehe Rourke aufbegehren konnte, sagte ich: »Ich schwöre, wir werden tun, was wir können, um Ihre Nichte zu finden. Was immer notwendig ist.«

Tally nickte einmal, um mir zu verdeutlichen, dass sie mich beim Wort nehmen würde.

»Dann verlier mal nicht den Kopf, Jessica«, witzelte Danny und zerrte einen unglücklichen Tyler hinter sich her, immer schön von uns weg. »Wir haben die Absicht, euch bald wiederzusehen.« Er zwinkerte noch kurz, dann verschwanden die beiden in die Dunkelheit.

Als sie losrannten, sprudelte ihre aufsummierte Unsicherheit durch meine Adern. Alpha zu sein, und sei es nur für eine kurze Zeit, war kein leichter Job. Die Verantwortung für ihr Wohlergehen lastete schwer auf mir. Wir mussten rasch meinen Vater finden, damit er erneut ihr Treuegelöbnis empfangen und die Sache in Ordnung bringen könnte.

Ich konzentrierte mich auf Tally. »Ich fahre, denn in Ihren Wagen passen wir auf keinen Fall.«

Sie erhob keine Einwände. Ihr silberner, zweitüriger Camaro stand immer noch schräg eingeparkt in der Nähe der Hintertür, und zwar an exakt der Stelle, an der sie offenbar etwas zu abrupt gebremst hatte. Der Wagen war dem Chaos, das die Sphäre ausgelöst hatte, ebenfalls entgangen, obwohl es anders sein müsste. Wahrscheinlich war er durch einen Bann vor Beschädigungen geschützt, denn er hatte nicht einen Kratzer.

Mit Nick auf den Fersen ging ich zur Fahrertür des Hummers.

»Ich hatte noch keine Gelegenheit, dir das zu sagen«, sagte er und griff nach mir, um mich fest zu umarmen, »aber ich bin unglaublich froh, dich wiederzusehen. Es ist ziemlich still hier ohne dich. Und wie sicher ich auch war, dass du heimkommen würdest, festzustellen, dass du nicht tot, kaputt oder übel zugerichtet bist, ist das schönste Geschenk, das ich mir wünschen kann.«

»Ich freue mich auch sehr, dich zu sehen«, entgegnete ich ernst und erwiderte die Umarmung. Nick war während meiner Kindheit und Jugend im Wolfshabitat mein bester – und einziger – Freund gewesen. Im Habitat war Kraft gleichbedeutend mit Status, und wir hatten beide keine nennenswerte Kraft gehabt. Als Kinder hatten wir eine enge, feste Bindung zueinander aufgebaut, und ich war sehr glücklich, ihn zu sehen. »Ich erzähle dir alle Einzelheiten, sobald ich kann, aber Selene wird auf jeden Fall lange fort sein, an einem Ort, von dem aus sie uns nichts mehr tun kann.«

In der Unterwelt, um genau zu sein.

»Ich wusste, du würdest sie schlagen.« Nick gluckste und öffnete die hintere Tür. »Daran habe ich keine Sekunde gezweifelt.« Er legte den Kopf ein wenig schief und stieg ein. »Na ja, vielleicht hatte ich den einen oder anderen verirrten Gedanken, aber die haben sich rasch wieder verkrümelt.«

Grinsend rutschte ich auf den Fahrersitz. »Der Kampf war hart und nicht sonderlich schön.« Rourke knurrte zustimmend, als er neben Nick Platz nahm. Selene hatte ihn ausgeweidet, entschlossen, uns beiden den größtmöglichen Schmerz zuzufügen. Bilder drängten sich mir auf, und meine Wölfin grollte leise. Zeit, das Szenario zu wechseln. »Nick, wenn wir Marcy gefunden haben, wird es Zeit, dass wir uns auf New Orleans vorbereiten.« Wir hatten uns verpflichtet, in drei Wochen für die Vampirkönigin Wachdienst zu leisten, und wir durften auf keinen Fall unvorbereitet hingehen. »Ich will nicht, dass Eudoxia die Oberhand gewinnt.«

Tally glitt auf den Beifahrersitz und knallte die Tür zu. Dann sah sie mich an und zog eine Braue hoch, sagte aber nichts. Unsere Angelegenheiten gingen sie nichts an, was sie mit einem kleinen Nicken verdeutlichte.

Die Bitte der Vampirkönigin, sie zu bewachen, war bestenfalls albern. Aber ich hatte einen verpflichtenden Eid geleistet, was bedeutete, dass, sollte ich nicht tun, was verabredet war, schlimme Dinge geschehen würden. Es bestand kein Zweifel daran, dass Eudoxia Hintergedanken hegte, wenn sie mich auf ihrem Territorium haben wollte, und darum mussten wir vorbereitet sein. Dass Naomi in meinem Team spielte, war mein Ass im Ärmel, und ich hoffte, dass Nick und sie genug Informationen beschaffen könnten, um den Vampiren mindestens einen Schritt voraus zu sein.

Ich war erst seit kurzer Zeit ein Wolf, aber das rein praxisorientierte Training, das ich seitdem absolvierte, hatte meine Fähigkeiten während der letzten paar Wochen exponentiell verbessert. Ich war ziemlich sicher, dass ich Marcy zurückholen und meinen Aufenthalt bei der Vampirkönigin überleben könnte.

Wenn nicht, dann erwarteten mich bald extrem interessante Zeiten.

Ich drehte den Schlüssel, und das dieselbetriebene Ungetüm erwachte zum Leben.

»Übrigens, wo ist Ray?«, fragte Nick und beugte sich vor. Raymond Hart, der Detective, der so lange der Fluch meines Lebens gewesen war, hatte uns auf der Suche nach Rourke begleitet. Als ich gegen Selene gekämpft hatte, war er von einem Vampir brutal angefallen worden, und im Moment hatte ich keine Ahnung, ob er tot war oder lebendig.

»Ray ist … im Wandel«, griff ich zu einem mehrdeutigen Wort und warf einen Seitenblick auf Tally. »Das ist eine Geschichte, für die man weiter ausholen müsste.«

Ich hatte Ray in Naomis fähigen Händen gelassen. Naomi war unsere Vampirführerin gewesen, die nicht nur aufgrund eines unerwarteten Blutaustauschs an mich gebunden war, sie war mir auch Freundin und Verbündete geworden. Rays Wunden mochten zu schlimm für irgendeine Art der Wandlung sein, aber ich hatte zugestimmt, dass sie es versuchte. Ich fand, das wäre ich Ray schuldig. Meiner Ansicht nach hatte er das Recht, selbst über seinen Tod zu entscheiden. Eamon, Naomis Bruder, hatte ihn grausam zugerichtet – es war eine entsetzliche Art, so zu sterben.

Nick nickte einmal, ohne nachzuhaken. Er kannte mich gut genug, um zu verstehen; ob es ihm gefiel oder nicht, war jedoch schwer zu sagen. Er lehnte sich mit nachdenklichem Gesicht auf seinem Sitz zurück. Ray war als Mensch hartnäckig und zäh gewesen, nicht notwendigerweise der Typ, den man dazu auswählt, zum Übernatürlichen zu werden. Sicher, Ray war bisweilen grob und unleidlich, aber Nick hatte nicht gesehen, was er während unserer Reise geleistet hatte. Ich schon. Am Ende hatte Ray mich verteidigt, und zwischen uns hatte sich so etwas wie ein widerwilliger, gegenseitiger Respekt entwickelt. Ich hoffte zutiefst, dass er, wenn er zum Übernatürlichen würde, endlich imstande wäre, die Dinge aus unserem Blickwinkel zu sehen.

Wenn nicht, hatten wir alle einen holprigen Weg vor uns, aber ein Zurück gab es nun nicht mehr.

Ich fuhr an. »Wohin?«

Kapitel 2

Tally dirigierte mich an einer Reihe von Seen innerhalb der Stadt vorbei und halb um den Lake of the Isles herum. Dort deutete sie auf eine große Villa am Ende einer Halbinsel, die ich schon tausendmal gesehen hatte. »Fahren Sie hinten herum«, wies sie mich an. »Das Tor weiß, dass ich es bin.«

Ich hatte nicht die Absicht, die Fähigkeiten des Tors in Zweifel zu ziehen.

Die lange Auffahrt mündete in eine enge Kurve hinter dem Haus. Kaum hatte das Fahrzeug die Straße verlassen, pulsierte reine Energie durch meinen Körper. Starke Banne schützten das Gelände, und hätten sie uns nicht gemocht, dann wären wir heftig abgewatscht worden. Etwa so, wie eine Fliegenklatsche einem lästigen Insektenproblem ein Ende macht.

Durch das Haupttor fuhren wir in den Garten hinter dem Haus. Ich folgte der Auffahrt nach links. Hohe Sträucher säumten den Garten und schirmten ihn vollständig vor neugierigen Blicken ab. Die Auffahrt endete vor einer großen Garage mit drei Einstellplätzen. Tally machte vor der Windschutzscheibe eine knappe Bewegung aus dem Handgelenk und schoss Energie wie in feinen Fäden, federzart und fast nicht wahrnehmbar, aus ihren Fingerspitzen.

Das rechte Garagentor öffnete sich.

»Fahren Sie da rein.«

Ich manövrierte das Ungetüm von einem fahrbaren Untersatz mit gerade ein paar Zentimetern Platz auf jeder Seite in seinen Stall. In dem Moment, in dem ich den Automatikhebel auf Parken stellte, fing der Boden unter uns an zu rucken und zu rumpeln, und das Fahrzeug sank in die Tiefe. »Ich nehme an, wir stehen in einem Fahrstuhl.« Ich lehnte den Kopf an die Kopfstütze und wandte Tally das Gesicht zu. »Entweder das, oder die Erdbeben haben es nun doch noch in den nördlichen Mittelwesten geschafft.«

Nick wollte sein Fenster herunterkurbeln, aber es rührte sich nicht. »Das ist eine unterirdische Höhle.« Ich hörte eine Spur von Ehrfurcht in seiner Stimme und wusste, er verkniff sich gerade mühsam einen Batman-Witz. So etwas Geniales hatte es in den Wäldern des Nordens, wo ich aufgewachsen war, nicht gegeben. Es gibt aber auch keinen Bedarf an unterirdischen Höhlen, wenn man durch Tausend Morgen Land vom Rest der Welt getrennt ist.

»Natürlich ist der Eingang unter der Erde«, sagte Tally. »Das ist schließlich ein Hexenzirkel, noch dazu einer der größten im ganzen Land. Wir schützen uns gut.«

Der hydraulische Lift kam geräuschvoll und ein bisschen abrupt zum Stehen, und der Hummer hüpfte kurz auf seinen riesigen Reifen.

Der Raum, der nun vor uns lag, war hell erleuchtet und, was nicht überraschen konnte, von einem Dutzend Hexen bevölkert.

Wandler und Hexen waren keine Freunde, aber auch keine Feinde. Tally hatte bereits angedeutet, dass sie gewusst hatte, wer mein Vater war, ehe sie ihrer Nichte gestattet hatte, für mich zu arbeiten. Also war der Gedanke, diese Hexen hier könnten wissen, wer ich bin, nicht so weit hergeholt. Mich ärgerte das, denn ich hatte während der letzten sieben Jahre geglaubt, ich hätte mir eine perfekte Tarnung zugelegt. Niemand hatte auch nur eine Augenbraue hochgezogen oder Zweifel an mir geäußert. Ich hatte angenommen, mein Alias wäre narrensicher. Aber ich hatte Fehler gemacht.

Die übernatürlichen Gemeinden waren mir auf der Spur gewesen, möglicherweise sogar von Anfang an. Dass sie mich schon länger im Visier hatten, wusste ich nun, denn schon einen Tag, nachdem ich zum ersten weiblichen Wolf der Welt geworden war, war ich brutal überfallen worden. Dieser Angriff eines Abtrünnigen war eine geplante Tat gewesen, und sollte das nicht Beweis genug sein, war da ja auch noch der Umstand, dass sich mein Hausmeister, wie ich schon bald hatte feststellen müssen, ebenfalls als Übernatürlicher entpuppt hatte. Wir versuchten immer noch, herauszufinden, wer er war und für wen er gearbeitet hatte, denn es war sicher kein Zufall, dass man ihn für diesen Job ausgewählt hatte.

»Wir betreten keinen Raum voller Feinde«, sagte Rourke mit leiser Stimme, die keinen Widerspruch zuließ.

»Jetzt blasen Sie sich mal nicht so auf.« Tally öffnete die Tür. »Die sind harmlos, solange ich ihnen keinen anderslautenden Befehl erteile.«

»Ich kann ihre Macht bis hier spüren«, entgegnete er, »und die ist alles andere als harmlos. Sie sind gerüstet und bereit, zuzuschlagen. Sagen Sie ihnen, sie sollen sich zurückhalten, oder wir rühren uns nicht vom Fleck.«

Ich sah mich zu Rourke um und zog eine Braue hoch. Ich hatte nicht die Absicht, mit ihm zu streiten, aber ich konnte die Bedrohung nicht wahrnehmen. Ich inhalierte, zog die Luft sanft über meine Zunge. Ihre vereinte Macht kollidierte mit meinen Sinnen, weckte aber keinen internen Alarm, anders als seinerzeit Selene oder der Dämonen-Lord. Meine Wölfin hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Umgebung zu erforschen, nachdem der Fahrstuhl angehalten hatte. Übersehe ich etwas?, fragte ich meine Wölfin. Sie hob die Schnauze und schnüffelte gelangweilt. Also gut. Weißt du, wir können es uns nicht leisten, ständig in Schwierigkeiten zu geraten, nur weil wir glauben, wir wären über jegliche Bedrohung erhaben. Ich muss alles im Auge behalten, und wenn wir die nötigen Informationen haben, dann können wir gemeinsam eine sachkundige Entscheidung treffen. Sie war mein interner Radar, mein übernatürlicher Sensor, und sie hatte keinen Alarm ausgelöst, als Tally in mein Büro eingebrochen war, und Tally bedeutete definitiv Gefahr. Weißt du, dass wir stark sind, heißt nicht …

Eine Hexe mit langem, goldenem Haar platzte zu einer Tür auf der anderen Seite des Raums herein und eilte auf uns zu. »Magdalene hatte gerade eine Vision«, rief sie Tally zu. »Sie will dich sprechen.« Dann verzog sie das Gesicht. »Und sie hat gesagt, du sollst diesen … weiblichen Wolf mitbringen.«

Tally nickte, trat einen Schritt vor, knallte die Wagentür zu und zog sich die Mütze vom Kopf. Weißes Haar wallte ihr den halben Rücken hinab, länger, als ich angenommen hatte und tatsächlich recht hübsch. Plötzlich sah sie Jahrzehnte jünger aus.

Damit hatte ich nicht gerechnet.

»Haltet eure Finger bereit, Ladys«, befahl sie. »Von jetzt an gilt gelber Alarm. Die Zauberer sind auf der Jagd. Dies hier sind meine Gäste.« Mit dem Daumen deutete sie hinter sich. »Ihnen darf kein Leid geschehen … es sei denn, natürlich, sie lassen sich zuerst zu Feindseligkeiten hinreißen.« Sie schaute in den Wagen. »Reicht Ihnen das?«

Rourke setzte eine düstere Miene auf, öffnete aber seine Tür.

Nick und ich folgten seinem Beispiel.

Ich ging um den Wagen herum, die internen Fühler trotz des Desinteresses meiner Wölfin ausgestreckt. Dieser Hexenzirkel hatte Marcy nicht akzeptiert. Obwohl ihre Tante die mächtigste Hexe des Landes war – und den Hexenzirkel leitete –, war Marcy nicht aufgenommen worden. Von Hexen wurde erwartet, dass sie immer exakt arbeiteten. Ihre Rituale und Initiationsriten waren legendär. Marcy war schon eine enorm mächtige Hexe, neigte aber dazu, unter Druck zu patzen. Tally hätte sich vielleicht über die anderen hinwegsetzen und Marcy aufnehmen können, wäre Marcys letzte Aufgabe nicht so spektakulär zum Desaster geworden. Im Laufe der Jahre, bei einer jener seltenen Gelegenheiten, zu denen wir gemeinsam einen gehoben hatten, hatte sie mir unzusammenhängend die Bruchstücke einer sicher spektakulären Geschichte geliefert – irgendetwas mit einem örtlichen Donutladen, nackten Studentinnen und einem toten Gockel.

Unnötig zu betonen, dass ich mit diesen Hexen nicht gerade auf freundschaftlichem Fuß stand.

Wir folgten Tally an den neugierigen Beobachterinnen vorbei, die ein wenig zurückgewichen waren, um uns Platz zu machen. Rourke hatte auf mich gewartet und schob mich nun nach vorn, als Erste an ihnen vorbei. Nick übernahm die Nachhut.

»Beachtlich, die Pluspunkte, Katze«, gackerte eine der Hexen. »Die Tattoos rocken.«

»Sie fühlt sich nicht so stark an. Ich könnte mit ihr fertigwerden.«

»Sie riecht nach Mülltonne.«

Ich trug eine reisegeschädigte Leggins und ein zerknittertes T-Shirt und hatte in den letzten paar Tagen nur einmal geduscht. Meine Wölfin knurrte. Jetzt regst du dich auf?

»Dafür ist die Katze richtig sexy.«

Rourke ignorierte die Damen heldenhaft, die Hände auf meinen Hüften, und ich spürte seine Macht prickeln wie Funken, selbst durch mein Shirt hindurch.

»Den mit den braunen Haaren mag ich auch. Was ist er?«

»Riecht für mich wie ein echter Fuchs. Heiß.«

All diese Bemerkungen gingen eigentlich an meine Adresse. Diese Hexen forderten mich nicht, was meinen Rudelstatus anging, heraus, trotzdem provozierten sie mich. Meine Wölfin stellte sich auf die Hinterbeine und wurde von Sekunde zu Sekunde unruhiger.

»Die ist mit ein paar appetitlichen Kerlen unterwegs. Mir egal, wenn der Typ wie eine räudige Katze riecht – ich würd’s trotzdem mit ihm treiben.« Mehrere Hexen fingen an zu kichern.

»Ich würde ihn bewusstlos fic…«

Es brauchte gerade einmal einen Lidschlag, und ich war nur noch Zentimeter vom erschrockenen Gesicht der Sprecherin entfernt.

Vor ihrer Nase schnappte ich mit den Kiefern und lächelte dann breit, zeigte ihr all meine perlweißen Zähne. Mein Knurren war leise und kehlig, und sie wich hastig zurück. Ihre schockierte Reaktion war höchst befriedigend. Meine Wölfin gab ein belustigtes Schnauben von sich. »Wenn du es mit meinem Mann treiben willst, musst du erst an mir vorbei«, sagte ich mit angespannter Kiefermuskulatur. »Und nachdem ich Selene bezwungen habe, schätze ich, dir in den Arsch zu treten wäre Kinderkram und alles andere als ein fairer Kampf.«

Wie ich es vorhergesehen hatte, setzte sofort aufgeregtes Getuschel ein.

Selene, die Mondgöttin, die ich gerade zur Hölle geschickt hatte, war unter Hexen sagenumwoben. Sie war selbst einmal eine Hexe gewesen, ehe sie zur Göttin aufgestiegen war. Die Drude, die vor mir stand, versuchte Haltung zu bewahren. Sie war jung und noch nicht sehr mächtig, nach ihrer schwachen Signatur zu schließen. Aber mit ihrem glatten, schwarzen Haar und den mandelförmigen Augen sah sie toll aus. Und ich hatte sie gerade in einem Raum voller Standesgenossinnen gezwungen, Farbe zu bekennen. Sie schäumte vor Wut, und ihre Züge verzerrten sich. »Mir machst du keine Angst mit deinem großen Maul, Köter! Du hast ganz bestimmt nicht mit Selene gekämpft und sie dann auch noch besiegt. Du bist eine Lügnerin!«

Mich als Köter zu bezeichnen war Alltag, aber mich Lügnerin zu nennen war eine schlimme Kränkung. Die Ehre eines anderen in Frage zu stellen, erzwang eine sofortige Herausforderung. Ich musste reagieren, doch gegen sie zu kämpfen würde mehr auslösen, als ich wollte. »An deiner Stelle wäre ich verdammt viel vorsichtiger. Es macht mich nervös, wenn man mich als Lügnerin beschimpft.« Ich ballte eine Faust. »Meine Wölfin bettelt darum, dass ich dir ein paar von unseren neuen Fähigkeiten demonstriere.«

»Na los doch!« Sie kniff die Augen zusammen.

Tally drehte sich an der Tür um und sprach mit herrischer Stimme: »Genug, Angie! Was sie sagt, ist wahr. Selenes Anwesenheit auf diesem Planeten ist permanent beendet. Maggie zufolge ist das vor über einem Tag geschehen. Ich habe jetzt keine Zeit, die Schiedsrichterin bei einem Ego-Wettbewerb zu spielen, also verlange ich von dir, dich zurückzuhalten!«

Die Schöne entspannte sich so weit, dass ihre Augen nicht mehr zu schmalen Schlitzen verengt waren. Ich erlaubte mir daraufhin, meine Faust wieder zu öffnen.

Ich wusste bar jeden Zweifels, dass Marcy dieser Hexe glühenden Hass entgegenbrachte. Von ihrem aufgeblasenen Ego, das nur auf ihrer Schönheit basieren konnte (denn Macht besaß sie keine), musste einem ja auch schlecht werden. Und wenn ich raten sollte: Angie war bestimmt die treibende Kraft gewesen, die dafür gesorgt hatte, dass die Hexen gegen Marcys Aufnahme in den Zirkel gestimmt hatten. Schon aus Solidarität meiner Freundin gegenüber hätte ich am liebsten ein Stück aus dieser Schnepfe herausgebissen.

Stattdessen begnügte ich mich damit, wieder genau vor ihrer Nase in die Luft zu schnappen.

Sie fuhr vor mir zurück, und ihr Hinterkopf machte unerquicklich Bekanntschaft mit der Wand.

Ohne auf ihren mordlüsternen Blick zu achten, raunte ich ihr grinsend zu: »Ich gewinne.«

»Du hast keine Ahnung, wozu ich fähig bin!«, kreischte sie mir hinterher, als ich mich abwandte und ging. »Pass bloß auf!«

»Sei still, Angie«, meinte eine der anderen Hexe leise. »Gib einfach Ruhe.«

»Ja, Angie«, sagte ich, ohne mich umzudrehen. »Gib Ruhe. Wenn wir kämpfen, verlierst du.«

»Ich werde nicht verlieren«, rief sie. »Das kann ich dir versprechen. Und wenn ich mit dir fertig bin, dann …«

Rourke schlang mir den Arm um die Taille und trug mich zur Tür hinaus.

Nick knallte sie hinter uns zu und dämpfte so Angies übrige Drohungen, zu denen auch eine bildreich deftige Beschreibung ihrer horizontalen Talente gehörte. »Ganz ruhig, Jess«, sagte Nick, als er meinen Gesichtsausdruck sah. »Einfach ignorieren. Sie hat den Mund zu voll genommen und konnte nicht mehr zurück.«

»Mir egal«, gab ich hitzig zurück. »Das hat sie sich selbst eingebrockt: Eine Herausforderung ist eine Herausforderung! Du kannst nicht von mir erwarten, dass ich das einfach ignoriere.« Wölfe drückten sich nie vor einem Kampf. Niemals.

Tally stand am Fuß einer Treppe, die Hände in die Hüften gestemmt. »Angie ist keine Gefahr für Sie, ihre Schwester schon. Lassen Sie die Sache ruhen. Wenn Magdalene eine Vision hat, dann müssen wir sofort zu ihr, ehe sie verloren ist. Jessica, Sie vergeuden wertvolle Zeit.«

Rourke bedeckte meine Lippen mit einem raschen Kuss, löste sich mit einem tiefen kehligen Laut von mir, beugte sich dann nahe heran und flüsterte: »Ich mag es, wenn du eifersüchtig bist.« Er leckte mir über das Ohrläppchen, und mir jagte ein Schauer über das Rückgrat. »Das ist verflucht sexy.«

Tally tappte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden.

Grinsend löste ich mich von ihm. Ich würde ihm nicht erzählen, dass nicht Eifersucht die Motivation hinter meiner Reaktion war, denn ›verflucht sexy‹ hörte sich in meinen Ohren ziemlich gut an. Nicht in der Lage zu sein, etwas Zeit allein mit meinem Gefährten zu verbringen, stellte meine Willenskraft in jedem Punkt auf eine harte Probe. Die Fahrt nach Hause war emotional gesehen Folter gewesen. Ich war bis Oberkante Unterlippe voller Gefühle, die wir samt und sonders nicht ausleben konnten, also war ich nun bereit, zu nehmen, was immer ich kriegen konnte. Sexy, eifersüchtig, Liebhaber. Passt. Widerwillig riss ich mich von diesem Blick aus klaren, grünen Augen los, von diesem warmen Körper, dem anziehenden Drei-Tage-Bart, und drehte mich um, um den langen Gang hinunterzugehen. »Nur aus Neugier, wer ist Angies Schwester?«, fragte ich Tally.

»Ceres.«

Mein Kopf ging die wenigen Informationen durch, die ich über sie gespeichert hatte. »Die Göttin des Ackerbaus?«, fragte ich. Feldfrüchte kamen mir nicht sonderlich beängstigend vor.

»Fruchtbarkeit. Und wenn Sie Ihren Gefährten behalten wollen, dann halten Sie sich fern von ihr. Sie ist eine launische Göttin. Angie ist ihre einzige Blutsverwandte. Sie ist nicht wie Selene. Sie spielt nicht mit ihrer Beute, sondern lässt sie mit einem Fingerschnipsen schreiend und endgültig tot zurück.«

Herr im Himmel! »Gut zu wissen.«

Wir gingen kreuz und quer durch das Anwesen, passierten einen mit exklusiven Teppichen und kunstvollem Mobiliar eingerichteten Raum nach dem anderen. Das Haus war eine sonderbare Mischung aus mediterranem Stil und Tudor, ausgestattet mit unzähligen Giebeln und dunklem Holz, das wiederum mit großen, luftigen Fenstern kontrastierte. Es verströmte eine angenehme Atmosphäre. Zwei Treppen später betraten wir einen kleinen Raum im Dachgeschoss. Ich zog den Kopf ein, als ich durch die niedrige Tür trat. Die Jungs mussten sich regelrecht bücken.

Dort, auf einem mit weißer Chenille bezogenen Bett, saß ein Kleinkind, nicht älter als drei.

»Maggie«, gurrte Tally, »Mommy ist da!«

Kapitel 3

Das ist ein Kind.« Besagter Dreikäsehoch streckte die moppeligen Arme nach seiner Mutter aus. Tally hob das Mädchen aus dem Bett und ließ es bequem auf ihrer Hüfte reiten. Die Kleine schien gerade mit geröteten Wangen aus dem Schlaf erwacht. Ihr zartes, blondes Haar klebte an den roten Wangen, was verriet, dass sie geweint hatte.

»Allerdings«, entgegnete Tally. »Sie ist zwei.« Liebevoll strich Tally ihrer Maggie das Haar aus dem Gesicht und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.

Ein wahrsagendes Kleinkind? Des Namens wegen, mit dem Tally die Kleine angesprochen hatte, ging ich davon aus, dass dieses Kind das Orakel sein musste, von dem vorhin die Rede gewesen war.

»Das ist Ihre Tochter?«, fragte ich. Ich wollte nicht unhöflich sein, aber Tally war alt, aus welcher Perspektive man es auch betrachten mochte – ob ihr Gesicht aussah wie das einer Dreißig- oder Vierzigjährigen, tat nichts zur Sache. Ihrer Machtfülle nach zu urteilen, musste sie schon mehrere Jahrhunderte alt sein. Die Macht ging wie ein Strahlenkranz von ihr aus; so etwas vermochte nur hohes Alter hervorzubringen. Das Durchschnittsalter von Hexen war mir nicht bekannt, aber ich wusste, dass sie, wie wir, langsam alterten. Kein Übernatürlicher war wirklich unsterblich: Wenn wir keine Göttlichkeit erlangten, konnten wir auf diverse Arten getötet werden, beispielsweise, indem man uns köpfte oder uns bei lebendigem Leib verbrannte. Die durchschnittliche Lebensspanne eines Übernatürlichen lag jedoch bei Tausenden von Jahren. »Ich meine …« Ich räusperte mich, als sie nicht gleich auf meine Frage reagierte. »Nicht, dass sie nicht auch biologisch Ihre Tochter sein könnte, aber ich weiß, dass Hexen häufig Kinder adoptieren.« Viele Gemeinden wurden durch legale Adoptionen aufgestockt.

»Sie ist meine Tochter«, antwortete Tally. »Eine Hexe ist ihr Leben lang einmal im Jahr fruchtbar. Wir werden aus der Erde geboren und regenerieren uns jedes Jahr. Problematisch ist nur, einen kompatiblen Partner zu finden – nicht anders als bei den meisten anderen Gemeinden auch. Es war … schwierig. Maggie ist erst mein zweites Kind, und sie ist ein Geschenk. Und wenn wir uns nicht beeilen, dann ist die Information, die sie für uns hat, verloren.« Sie drehte sich um und gurrte: »Maggie, wir spielen jetzt das Sag’s-der-Mommy-Spiel, ja?« Das Kind nickte, stach mit einem Stummelfinger in Mommys Frisur und wickelte sich eine Haarsträhne darum. »Nehmen wir die Malkreide, was meinst du? Dieses Mal machen wir bunte Bilder. Na, wie klingt das?«

Marcy hatte nie eine Cousine ihres Alters erwähnt, also war Tallys erstes Kind vielleicht nicht mehr am Leben. Kinder von Anführern waren aus vielerlei Gründen verletzbar, aber ich hatte nicht vor, Tally danach zu fragen. Wir folgten den beiden in den Nebenraum, bei dem es sich unverkennbar um ein Spielzimmer handelte. Tally setzte das Kind an einen kleinen weißen Tisch, der mit rosaroten Blumen geschmückt war, und holte eine Schachtel mit Malutensilien aus einem nahen Regal. Zwei weitere Hexen warteten bereits in dem Zimmer.

»Maggie, hast du heute deine Tante Marcy in deinen Träumen gesehen?«, schmeichelte Tally und legte eine Reihe von Kreiden und mehrere Bögen weißen Papiers auf den Tisch, ehe sie sich neben das Kind kniete.

Das Mädchen nickte, griff nach einer braunen Kreide und fing an, Kreise auf eines der Blätter zu zeichnen.

»Wie hat sie ausgesehen?«

»Junge«, murmelte das Kind leise.

»Sie war bei einem Jungen?«

Die Kreide hörte auf, sich zu bewegen, als die Lider des Kindes flatterten, und es legte den Kopf in den Nacken. Als es uns wieder das Gesicht zukehrte, waren die Augäpfel vollständig weiß, keine Iris, keine Pupille zu sehen – ein bisschen so, als würde man mit gesenktem Blick die Augenlider hochziehen, um einen Freund zu erschrecken.

Maggies Augen aber blieben weiß.

Ich schlug die Hand vor den Mund, um einen Aufschrei zu ersticken, was mir nicht besonders gut glückte. Meine Wölfin bleckte in meinem Kopf die Zähne, und wir wichen einen Schritt zurück. Ich prallte gegen Rourke.

Tally bedachte uns mit einem finsteren Blick.

»Tut mir echt leid«, quäkte ich.

Nick stand leichenblass auf der anderen Seite des Raums. Wandler waren handfeste Kreaturen. Jede Art von Hexerei machte uns zu schaffen. Rourke stand direkt hinter mir, und ein leises Grollen entstieg seiner Brust. Wir standen alle kurz davor, auszuflippen. Nicht, weil das Kind uns etwas tun könnte, sondern weil das, was es tat, uns so unheimlich und widernatürlich schien.

»Ihr müsst still sein«, schimpfte Tally. »Sie hat nur Visionen, wenn in unserer Welt etwas Wichtiges passiert. Das hat etwas zu bedeuten. Und es ist kein Zufall, dass sie nach dem weiblichen Wolf verlangt hat. Sie könnte die Antwort auf die Frage kennen, wo sich meine Nichte befindet, was bedeuten würde …«

»Junge. Er hilft ihr. Sie sind entkommen«, unterbrach Maggie sie mit ihrer zarten Stimme.

Das war eine tolle Neuigkeit. ›Sie sind entkommen‹ konnte nur bedeuten, dass James Marcy aufgespürt hatte und sie außer Gefahr waren. Ich atmete hörbar auf. »Fragen Sie sie, wo sie sind, damit wir sie abholen können«, drängte ich Tally.

Die warf mir einen bitterbösen Blick zu, und ich hielt den Mund.

Wir alle sahen zu, wie das Kind erneut Kreise zeichnete, die sich bald auch auf die Tischfläche ausbreiteten. Als es eine Kreide weglegte und eine andere nahm, beugte ich mich vor. Allmählich kristallisierte sich aus dem Gekrakel etwas heraus, das vage wie ein Wolf aussah. Auf jeden Fall hatte das Etwas spitze Ohren, also lag es zumindest im Bereich des Möglichen. Dann malte Maggie ein Strichmännchen, das die Hand des Wolfs hielt. Das Männchen hatte langes Haar und lächelte. Das mussten James und Marcy sein.

Die Augen des Kindes fielen zu und der Kopf nach vorn, als wäre es ganz plötzlich eingeschlafen.

»Willst du uns sagen, dass es Tante Marcy gut geht, Magdalene?«, spornte Tally das Kind mit liebevoller, geduldiger Stimme an.

»Sie laufen.« Maggie hob den Kopf, und ich nahm mit Erleichterung zur Kenntnis, dass ihre Augen wieder normal aussahen.

»Folgt ihnen jemand?«

»Böse Männer.«

»Wird Marcy nach Hause kommen?«, fragte Tally.

Kurze Pause.

Wir alle hielten den Atem an.

Das Kind nickte. »Tante Marcy. Wieder daheim.«

Puh. »Fragen Sie sie, wann«, drängte ich, ich konnte einfach nicht anders. Ein Kleinkind Visionen produzieren zu sehen, war schon verrückt, aber wenn dabei gute Nachrichten für uns heraussprangen, kam es mir tatsächlich gleich viel vernünftiger vor.

Das Kind wandte mir das schmale Gesichtchen zu, und sein Blick heftete sich wie festgetackert an meine Augen.

Ich schauderte.

Ich sah zu, wie sich seine Augen erneut verdrehten, bis nur noch das Weiße zu sehen war. Ich fuhr erschrocken zusammen, blieb aber zumindest stumm. Mir zu meiner Großtat zu gratulieren, war weder Raum noch Zeit. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, krampfhaft meine Finger zu verschränken und wie verrückt darauf zu hoffen, ihre Augäpfel würden eine Botschaft aus ihrem Hirn empfangen, durch die sie uns Marcys Aufenthaltsort verraten könnte. Rourke zog mich an sich, tröstete mich wieder einmal, indem er seine Arme um mich schlang.

Maggie zeigte auf mich. Ihre Augen waren immer noch im Beängstigend-Modus. »Findet dich.«

»Marcy findet mich?«, fragte ich voller Hoffnung. »Wann?«

»Orakel nennen keine Zeitpunkte.« Tally schüttelte den Kopf, als wäre ich ein absoluter Schwachkopf. »Dinge verändern sich. Entscheidungen werden getroffen, die alles in Fluss halten. Weissagungen enthalten niemals einen Zeitrahmen.«

Das klang einigermaßen logisch.

Abrupt wandte sich Maggie wieder dem Tisch zu und griff mit kleinen, kurzen Fingern nach der nächsten Kreide. Dieses Mal zeichnete sie gleich auf der Tischplatte.

Was sie malte, war die vereinfachte Darstellung eines Gesichts. Eines Gesichts mit spitzen Zähnen.

Sie ließ die Kreide fallen und griff nach einer roten.

»Soll das Blut sein?«, flüsterte ich, als Maggie anfing, wie wild zu kritzeln. Sie fügte noch mehr spitze Zähne und noch mehr Rot hinzu. »Ein Vampir, Maggie? Malst du Vampire?«

Tally beugte sich schützend über ihre Tochter. »Sie weiß noch nicht, was ein Vampir ist. Das wäre höchst unwahrscheinlich …«

»Ja«, sagte Maggie schlicht. »Vampire.« Undeutlich, aber auch unverkennbar. Was für ein enormes Wissen für eine Zweijährige.

Es brach mir fast das Herz.

Tallys Miene war die Überraschung anzusehen. Ganz Wachsamkeit, beobachtete sie, wie sich ihre Tochter dieser Tortur unterzog. Dies war ihr kleines Mädchen. Zu wissen, dass Maggie diesen Visionen ihr Leben lang nicht entkommen würde, musste schwer für eine Mutter sein.

»Ist Marcy bei den Vampiren?«, fragte ich. Das wäre nicht gerade ideal, aber mein Magen entspannte sich ein wenig in dem Wissen, dass James bei ihr war.

»Sie kommen.« Dieses Mal klang ihre zarte Stimme unheilverkündend. Sie blickte mich an. Ihre Augen waren wieder normal, und mir fiel zum ersten Mal auf, dass sie strahlend blau waren.

Wir sprachen nicht mehr über Marcy.

Sämtliche Haare an meinen Armen und meinem Hals gingen in Habachtstellung. Nick hustete, und Rourke knirschte mit den Zähnen.

Maggie griff nach einer weiteren Kreide, dieses Mal mit der linken Hand, und fing an zu zeichnen, was sie in der Vision sah, die von ihr Besitz ergriffen hatte. Ihre Lider flatterten, und sie wiegte sich auf ihrem Stuhl vor und zurück und sang dabei vor sich hin: »Lauf, lauf, lauf, lauf.«

Wir scharten uns jetzt näher um den Tisch, verdrehten uns die Hälse, um alles mitzubekommen – sogar die beiden Hexenammen. Diesem Kind würde schon in ungefähr zwei Sekunden die Puste ausgehen.

»Was zeichnet sie da?«, flüsterte ich. »Schnell, wir müssen es herausfinden, bevor sie aufhört.«

Auf der Zeichnung war ein Durcheinander aus Strichmännchen zu sehen, alle übereinander geschichtet. Darunter gab es noch mehr Wölfe mit spitzen Ohren; manche – wenn man’s recht besah, sogar jede Menge – schienen etwas auszuspucken.

»Ich glaube, das da ist die Vampirkönigin«, raunte Rourke mir ins Ohr und zeigte auf ein Strichmännchen mit Fangzähnen und einem langen Kleid. Nachvollziehbar, diese Idee.

»Was macht sie denn da?«

»Sie beißt«, lautete Rourkes Vermutung.

Genau danach sah es aus, so als versuche die Königin, jemanden zu beißen. Dieser Jemand könnte, wild drauflosgeraten, durchaus ich sein. Denn das Opfer hatte langes Haar wie ich – und es schrie.

Na, fantastisch.

Maggie richtete ihr Augenmerk plötzlich auf etwas ein wenig rechts von den Strichmännchen, und sie fing an, wieder und wieder einen Kreis darum zu ziehen, der langsam immer größer wurde. Dann sprach sie ein letztes Wort.

»Dämon.«

Es hörte sich eher wie Denim an, aber wir wussten alle, dass sie nicht von Jeans redete.

Tally bückte sich und hob ihre Tochter von dem Stuhl. Maggie sackte in sich zusammen, schien erleichtert, die Kreide fiel aus ihrer Hand, und sie schmiegte den Kopf an die Schulter ihrer Mutter. »Schon gut, mein Liebes.« Tally küsste ihren verschwitzten Hals. »Das hast du toll gemacht. Jetzt ist es Zeit, dass wir eine Pause machen. Tante Meryl bringt dich runter und gibt dir Milch und Kekse.« Eine der Hexen trat mit ausgestreckten Armen näher.

Mühsam hob Maggie den Kopf. Sie war erschöpft. »Okay, Mommy.« Wangen und Stirn waren jetzt noch geröteter als zuvor schon. Als Tally sie Meryl übergeben wollte, wandte mir Maggie noch einmal das Gesicht zu.

»Böse Männer kommen …« Sie zeigte mit ihrem kleinen Finger auf mich. »Sie wollen dich holen.«

Tally ging über einen stark abgenutzten orientalischen Teppich zu einem großen Panoramafenster, das auf den See hinausging. Rourke und ich saßen dicht beieinander auf einer antiken Chaiselongue, deren Platzangebot kaum für uns beide reichte. Der Raum, in dem wir uns befanden, umfasste eine gut ausgestattete Bibliothek und schien darüber hinaus als Tallys Büro zu fungieren. Tausende von Büchern säumten die Wände, und die abgegriffenen Einbände aus brüchigem Leder verrieten, dass viele von ihnen schon sehr alt sein mussten. Nick saß auf der anderen Seite des Raums auf einem Stuhl mit einer hohen Lehne, die Hände im Schoß gefaltet, und seine kurzen, braunen Locken umrahmten ein sorgenvolles Gesicht. Der Tag hatte nicht besonders gut angefangen, und dabei dämmerte gerade erst der Morgen herauf.

»Sie können hier nicht bleiben. Nicht, wenn ein Dämonen-Lord hinter Ihnen her ist«, verkündete Tally.

Da Maggie das Dämonenproblem hinaustrompetet hatte, war Leugnen zwecklos. Also hatte ich jetzt einen abschließenden Bericht über das liefern dürfen, was in Selenes Höhle nach dem Auftauchen des Dämonen-Lords passiert war. »Ich verstehe Ihre Sorge, aber Sie sind die Einzige, die uns helfen kann, herauszubekommen, wie wir ihn schlagen. Wir wissen sehr wenig über Dämonen oder ihre Gesetze«, setzte ich ihr entgegen. »Er hat gesagt, ich hätte einen Gerichtstermin in der Unterwelt. Es muss eine Möglichkeit geben, dem zu entgehen, oder zumindest Informationen, die mir bei meinem Problem helfen könnten.«

»Es tut mir leid, aber Ihnen zu helfen kommt nicht in Frage. Hexen und Dämonen sind Todfeinde. Unsere magischen Künste liegen seit Anbeginn der Zeiten im Kampf miteinander. Unsere Macht ist die der Erde, ihre die des Bluts.« Sie wandte sich vom Fenster ab, ging zu dem großen Schreibtisch in der Mitte des Raums und nahm Platz. »Wenn ich mich in Ihre Schwierigkeiten einmische, ziehe ich das ganze Hexenhaus und möglicherweise jeden einzelnen Hexenzirkel auf Erden in Ihren Kampf hinein. Das werde ich nicht tun, also bitten Sie mich nicht noch einmal darum!«

Ich rutschte etwas vor, bis ich nur noch auf der Kante des Sofas saß. »Wie wäre es mit einem schlichten Informationsaustausch? Niemand muss erfahren, dass Sie mit mir gesprochen haben, und um das ganz klar zu sagen, ich bitte Sie nicht darum, sich in diesem Kampf auf meine Seite zu schlagen. Ich suche nur nach Informationen, nach irgendetwas, das mir helfen kann, das es mir ermöglicht, meine Chancen, einen Rechtsstreit zu gewinnen, zu verbessern oder der Sache gleich ganz aus dem Weg zu gehen. Und wir wissen beide, der einzige Weg, das zu erreichen, besteht darin, mehr über die Dämonen und ihre Gewohnheiten zu erfahren – zumal ich darüber derzeit praktisch gar nichts weiß.«

Sie legte die Hände auf den Schreibtisch und beugte sich vor. »Welche Art von Informationen könnten Sie wohl haben, die mir wichtig genug wären, meinen Hexenzirkel in Gefahr zu bringen?«

Das war ein Argument. Informationen über Übernatürliche waren bei mir Mangelware. »Okay«, sagte ich, während sich meine Gedanken überschlugen. »Was wäre, wenn die Hexen ein formelles Bündnis mit den Wölfen eingingen? Dann hätten Sie Zugriff auf alle Information des Rudels. In einem angemessenen Rahmen.« Es war nicht ohne Beispiel, dass übernatürliche Gemeinden in schweren Zeiten zusammenarbeiteten, wenn es zum beiderseitigen Nutzen war. In diesen seltenen Fällen mussten formelle Vereinbarungen unterschrieben werden; aber mein Vater hätte den Hexen ganz sicher etwas zu bieten, das für sie von Wert war, und ich war überzeugt, er wäre einverstanden, wenn er mich so vor der Unterwelt bewahren könnte. »Die Hexen könnten außerdem von zusätzlichem Schutz profitieren. Tally, Sie wissen, das ist meine einzige echte Chance. Nur Informationen können mir helfen, einem Urteil zu entgehen.«

Auf unserem langen Weg nach Hause hatte Rourke mich in das Wenige eingeweiht, das er über Dämonen und ihre Wortklaubereien wusste. Wir waren übereinstimmend der Meinung, dass das, was ich zu meiner Verteidigung vorzubringen gedachte, perfekt formuliert sein musste. Gelänge es mir dann, genug übergreifende Übernatürlichengesetze zu meinen Gunsten aufzutreiben, hätte ich eine kleine Chance, mich herauszuwinden – und mich rauszureden wäre endlos viel einfacher als mir den Weg aus der Unterwelt freizukämpfen, was, soweit es uns betraf, Plan B war.

Tally musterte mich so forschend, dass sich ein Band aus magischer Energie zwischen uns spannte. »Es tut mir leid, aber ich kann mich nicht mit Ihnen verbünden. Täte ich das, so würden die Dämonen uns als Komplizen bei Ihren Verbrechen ansehen.«

Ich barg das Gesicht in den Händen. Plötzlich fühlte ich mich furchtbar müde. »Aber es wurden gar keine echten Verbrechen begangen, also haben sie eigentlich auch keinen Fall.« Ich nahm die Hände herunter und schloss dann für einen Moment die Augen. »Alles, was ich getan habe, war rechtmäßig. Ich habe mich verteidigt – ja, auf Kosten ihrer Kobolde und Schoßtiere, aber ich habe unanfechtbare Beweise dafür, dass die zuerst angegriffen haben. Der erste Kobold hatte einen menschlichen Teenager an einem öffentlichen Ort verschleppt. Das verstößt – und zwar zweifelsfrei! – gegen das Hohe Recht der Übernatürlichen. Der Zweite hat mir ein Messer an die Kehle gehalten.« Alle Übernatürlichen mussten sich dem Hohen Recht beugen, das, wenn es darum ging, uns Menschen gegenüber zu offenbaren, äußerst strikte Regeln umfasste. Darüber hinaus hatte jede Gemeinde ihre eigenen, internen Gesetze, die befolgt sein wollten.

Tally erhob sich von ihrem Stuhl und fing an, im Raum auf und ab zu gehen. Das war ein Verhalten, das ich von meinem Vater kannte, und bei dem Gedanken an ihn krampfte sich mir das Herz zusammen. Ich hatte schon so lange nichts mehr von ihm gehört. »Das ändert nichts. Die Dämonen haben Sie ins Visier genommen, aus welchem Grund auch immer. Das Risiko kann ich nicht eingehen.«

Ich beugte mich ihrer Entscheidung und nickte einmal kurz.

Rourke regte sich neben mir auf dem bisschen Platz, das wir auf der Chaiselongue hatten, und seine Stimme klang voll und tief: »Wir haben eine Idee, warum die Dämonen hinter Jessica her sein könnten«, wechselte er das Thema. »Der Kobold, der sie auf dem Parkplatz angegriffen hat, hat Andeutungen gemacht, dass sie die Herrschaft über deren Krone erlangen wolle. Aber in dem Zusammenhang ergibt es überhaupt keinen Sinn, dass die Zauberer sich einmischen. Indem sie Ihre Nichte entführt haben, haben sie den Wölfen und den Hexen den Krieg erklärt.« Er veränderte seine Körperhaltung, ich passte mich an. »Das kommt mir vor, als hätten sie eine übereilte Entscheidung getroffen. Sie werden immerhin von einem Rat regiert, nicht von einem Einzelnen, der sie führt. Nach allem, was ich weiß, sind sie, soweit es ihre Rituale betrifft, geradezu mönchisch, und sie besitzen bekanntermaßen weniger Macht und Kraft als die meisten anderen Gemeinden. Warum sollten sie einen Krieg anfangen, den sie nicht gewinnen können?«

»Sie wollen, was sie immer wollen.« Tally blieb hinter dem Schreibtisch stehen und zuckte mit den Schultern.

»Und was genau soll das sein?«, fragte ich und beugte mich vor.

»Mehr Macht.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Ihre Magie ist erdgeboren wie unsere, aber sie haben einen viel schwächeren Genpool. Darum wollen sie Ihre Macht, Jessica.« Mit einem Nicken deutete sie auf mich. »Sie sind stets auf der Jagd nach Kinkerlitzchen, die angeblich die ›ultimative Macht‹ freizusetzen imstande sind, und sie sind bereit, alles dafür zu riskieren, ganz gleich, wie ihre Chancen auch stehen mögen. Das macht sie berechenbar.«

»Aber ich habe keine Kinkerlitzchen, die sie mir stehlen könnten! Wenn sie meine Macht stehlen wollen, dann müssen sie das abzapfen, was in meinem Körper lebt«, sagte ich. »Ist das überhaupt möglich?« Wollte ich das überhaupt wissen?

»Es gibt drei Methoden«, sagte sie. »Aber keine von ihnen ist auf lange Sicht sonderlich effektiv. Das ist einfach ein Haufen Narren.« Sie wedelte herablassend mit der Hand und zog sich den Stuhl heran, um erneut Platz zu nehmen. »Sie müssen sich keine Sorgen machen. Die haben keinen Erfolg, bestimmt nicht.«

Ein Trost war das nicht gerade für mich, im Gegenteil. Jemandem reine, ungezügelte Energie abzusaugen musste höllisch wehtun. Aber wie lästig die Zauberer auch sein mochten, die Dämonen stellten für mich derzeit immer noch die größte Bedrohung dar. »Die Dämonen sind immer noch das größte …«

Eine Explosion fegte durch den Vorgarten und erschütterte das Haus bis in die Grundfesten.

Augenblicklich warfen wir alle uns zu Boden.

Bücher fielen aus den Regalen, Lampen krachten auf den Boden. Die Explosion fühlte sich an wie ein Erdbeben. Schützend legte ich die Hände über den Kopf, aus Furcht, die große Glasscheibe des Fensters könnte bersten und in den Raum hineinsplittern, aber sie hielt stand.

Tally war als Erste wieder auf den Beinen. »Das war eine Sphäre. Die Zauberer haben Sie hierher verfolgt. Das ging schneller, als ich dachte. Dass sie sich so rasch sammeln können, hätte ich ihnen gar nicht zugetraut!«

Ich sprang auf. Rourke und Nick standen bereits. »Können die hier rein?«

»Natürlich nicht«, schnaubte Tally. »Aber sie werden es versuchen.«

Draußen im Gang herrschte der Geräuschkulisse nach offenkundig geschäftiges Treiben. Panik aber gab es nicht, dafür Schadenfreude. Mehrfach war ein eindeutiges: »Na los doch, ihr Glatzen!« zu hören. Alle Zauberer rasierten sich die Köpfe. Den Gerüchten zufolge war das eine Art von magieverstärkender Tradition – was, wie ich nun wusste, gar kein Gerücht war. Die Stärkung ihrer Magie musste ihr vorrangiges Ziel sein.

»Zauberer sind von Natur aus feige«, erklärte Tally und ging in Richtung Fenster. »Diese Sphäre kam aus etwas weniger als zwanzig Kilometern Entfernung, anderenfalls hätten wir sie gespürt und unsere Alarmsysteme wären ausgelöst worden. Aber die Zauberer werden zweifellos bald kommen. Das ist eure Chance, den Zirkel zu verlassen.« Sie drehte sich um und sah mir in die Augen. »Ich bin auf eine Belagerung vorbereitet, aber wir könnten wochenlang in einem Patt gefangen sein, wenn Sie bleiben. Die geben nicht so einfach auf, diese sturen Mistkerle, auch wenn sie nur von Weitem angreifen. Wenn Sie jetzt gehen, haben Sie eine Chance, ihnen zu entkommen.« Als ich mich nicht gleich rührte, zeigte sie zur Tür. »Ihr Zeitfenster, um handlungsfähig zu bleiben, ist jetzt! Ich schlage vor, Sie nutzen Ihre Chance.«

Mehr Ansporn brauchte ich wirklich nicht, also wandte ich mich zum Gehen. Wir konnten es uns nicht leisten, wochenlang hier festzusitzen, und nun, da wir wussten, dass Marcy in Sicherheit war, hatte sich auch die Situation zwischen Tally und uns verändert. Würde ich bleiben, so würde ich ihren Hexenzirkel unnötig in Gefahr bringen. Rourke war vor mir, und Nicks Hand ruhte auf meiner Schulter. Ehe ich zur Tür hinausging, schaute ich mich noch einmal um.

Sie begegnete meinem Blick und nickte knapp. »Marcy vertraut nicht vielen Leuten, aber sie hat sich entschlossen, Ihnen zu trauen«, sagte Tally. »Ich werde über Ihre Bitte um Informationsaustausch nachdenken. Mehr kann ich nicht tun.«

»Danke«, sagte ich, und wir verließen den Raum.

Tally rief uns nach: »Laufen Sie hinunter zur Garage, steigen Sie in einen Wagen und fahren Sie so weit weg von hier, wie es geht! Das Netzwerk der Zauberer ist recht klein. Wenn Sie die Stadt rasch verlassen, sollten Sie Ihnen einen guten Schritt voraus bleiben können.«

Wir rannten durchs Haus und sahen uns nicht ein einziges Mal mehr um.

Während wir rannten, um zur Tiefgarage zu gelangen, erschütterte eine weitere Explosion das Anwesen. Die Hexen schienen begierig auf einen Kampf zu sein. In der Zeit, die zwischen den beiden Detonationen vergangen war, hatten sie sich militärisch gerüstet: Westen, Stiefel, Schusswaffen, Messer und Bogen. Die Bewohner des Hauses hatten sich in nicht einmal drei Minuten in eine Miliz verwandelt.

Merke: Niemals mit Hexen anlegen.

Wir folgten unserer eigenen Geruchsspur, und Rourke kam schlitternd vor der Kellertür zum Stehen. Er riss sie auf, und wir hasteten die Stufen zu der unterirdischen Garage hinunter, doch als wir hineinstürmten, fanden wir den hydraulischen Lift verlassen vor.

Von einer Hexe abgesehen.

Angie schürzte angewidert die Lippen. Mein eigener Widerwille stand ihrem bestimmt in nichts nach.

Ich ballte die Fäuste, zwang mich, mit allem, was ich aufzubieten hatte, sie zu ignorieren, und drehte mich einmal um die eigene Achse, aber der Raum war total leer. Kein Hummer und keine anderen Fahrzeuge in Sicht.

»Suchst du was?«, höhnte sie und lehnte sich an die Betonwand, sichtlich zufrieden über das, was sie für ihren großen Moment hielt.

Ich drehte mich zu Rourke um, der keine weitere Aufforderung benötigte und einmal kurz nickte, ehe er drohend einen Schritt auf Angie zuging, die Schultern gestrafft und leise knurrend. Ihre Augen weiteten sich, aber sie rührte sich nicht vom Fleck.

»Hör zu, du …«, sagte ich, während Rourke sich ihr weiter näherte.

Ehe ich die Worte herausbringen konnte, hob Nick abwehrend die Hände, um mich zum Schweigen zu bringen. Meine Brauen zuckten gen Haaransatz. Nick wandte sich an die Hexe. »Ich weiß, es sieht nicht so aus, aber wir würden das lieber ohne Gewalt regeln.« Angie sah mit jeder Sekunde verunsicherter aus, was uns zum Vorteil gereichte. »Aber nur, wenn du kooperierst. Tallulah, die Herrin deines Hexenzirkels, hat uns angewiesen, uns einen Wagen zu nehmen. Wenn wir hierbleiben, setzen die Zauberer ihre Angriffe fort. Gehen wir, dann werden sie … irgendwann verschwinden. Sie will, dass wir gehen, und wie es scheint, bist du die Einzige, die uns dabei helfen kann.«

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