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Irmgard Weth

NEUKIRCHENER BIBEL
DAS ALTE TESTAMENT

neu erzählt und kommentiert

Vorwort

„Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise

geredet hat zu den Vorfahren durch die Propheten,

hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn.“

Hebr 1,1

Was ist das Geheimnis der Bibel? Worin liegt ihre eigentümliche Faszination? Warum werden Menschen bis heute von ihrer Botschaft ergriffen? Es ist das Zeugnis von dem Einen Gott, der auf vielfache Weise zu Menschen gesprochen hat und spricht. Es ist das eine Wort Gottes, das verborgen die ganze Geschichte der Menschheit durchzieht und in Jesus Christus seine Mitte hat. Alle Erfahrungen der Menschen, Freude und Leid, Hoffnung und Enttäuschung, Zeiten der Gottesnähe und Zeiten der Gottesferne, sind von diesem Wort umschlossen.

Das ist die verheißungsvolle Botschaft, die das Alte Testament für uns bereithält. Zu Unrecht trägt dieser Teil der Bibel den Namen „Altes“ Testament. Er ist durch das Neue Testament weder überholt noch widerlegt. Vielmehr führt er uns an den Anfang und auf den Grund unseres Glaubens zurück und lädt dazu ein, die Botschaft der Bibel ganz neu und von Anfang an zu buchstabieren. Dabei werden wir die überraschende Entdeckung machen, dass der Gott des Alten Testaments – entgegen vielen Vorurteilen gegenüber dem sog. „alttestamentarischen Gott“ – ein Gott der Liebe ist. „Wo ist solch ein Gott, wie du bist?“, ruft der Prophet Micha aus, überwältigt von Gottes vergebender Liebe (Mi 7,18). Und staunend bekennt die Gemeinde in den Psalmen: „Wer ist wie der Herr, unser Gott, der oben thront in der Höhe und der den Geringen aufrichtet aus dem Staub?“ (Ps 113,5–7). Es ist das Staunen über den Weg Gottes, der in die Tiefen der Menschheit herabsteigt und den Menschen nahekommt. Das ist die gute Nachricht, das „Evangelium“ des Alten Testaments, das zu Recht auch das „Erste Testament“ genannt wird. Es ist der verborgene Schatz, den es in diesem alten Buch neu zu entdecken gilt. Der Vater Jesu Christi ist kein anderer Gott als der, „der Himmel und Erde geschaffen hat“, und der sich seinem Volk als „der Herr, dein Gott“ offenbart hat (Ex 20,2).

Der vorliegende Band möchte die Leserinnen und Leser mit auf den Weg nehmen, den die Schriften des Alten Testaments selbst vorgeben. Auf diesem langen, aber lohnenden Weg will er uns die Botschaft dieses alten Buchs neu erschließen. In Entsprechung zu den drei großen Kapiteln des Alten Testaments – Geschichtsbücher, Prophetische Bücher und Lehrbücher – beschreibt er den Weg des Wortes Gottes in drei Schritten: (1) Gottes Wort in der Geschichte seines Volkes, (2) Gottes Wort im Wort der Propheten, (3) Gottes Wort in der vielstimmigen Antwort der Gemeinde auf sein Wort.

Dabei sind vorweg zwei grundlegende Fragen zu klären:

(1) Wie soll in diesem Band von Gott geredet werden? Gott hat sich Mose mit seinem Namen offenbart (Ex 3,14) und bleibt doch der Unfassbare, der sich dem Zugriff des Menschen entzieht. In jüdischer und auch in christlicher Tradition wird dem dadurch Rechnung getragen, dass der Gottesname JHWH nicht ausgesprochen, sondern durch die Anrede „Herr“ (hebr. „adonaj“ ) ersetzt wurde. Als Ausdruck der Ehrerbietung gegenüber dem heiligen Gott wird sie in dieser Ausgabe bewusst beibehalten und nicht durch andere Gottesnamen ersetzt.

(2) Wie können die Texte der Bibel in die Sprache unserer Zeit übersetzt werden und dennoch ihrem eigenen Anspruch als verbindliches Wort gerecht werden? Voraussetzung dafür ist, dass wir den Texten zutrauen, dass sie in jeder Zeit und zu allen Menschen sprechen, dass wir sie ausreden lassen und ihnen nicht ins Wort fallen. Dies gilt auch für die Textfassungen in diesem Band. Sie sind aus dem ständigen Dialog mit den biblischen Originaltexten hervorgegangen und möchten diese in unserer Zeit neu zum Klingen bringen.

Dabei folgt die vorliegende Ausgabe des Alten Testaments nachstehenden Leitlinien:

Alle Bücher des Alten Testaments

kommen in ihrer Vielstimmigkeit zur Sprache. Die Auswahl und der Umfang der Texte richtet sich nach ihrem jeweiligen Inhalt. Durch sie soll sich ein repräsentatives Bild des Ersten Testaments und seiner besonderen Botschaft ergeben. Ergänzende Texte aus den apokryphen Schriften konnten nur in Ausnahmen berücksichtigt werden.

Der jeweiligen Textfassung

liegen neben der hebräischen Textvorlage verschiedene Übersetzungen zu Grunde. Die Texte orientieren sich aber vorzugsweise an der revidierten Fassung der Lutherbibel (1984). Zum einen, weil die Sprache Martin Luthers in ihrer Dichte, in ihrer Ausdruckskraft und in ihrem Sprachrhythmus Maßstäbe gesetzt hat, an der sich die eigene Textfassung zu messen hat. Zum andern, weil sich die Neukirchener Bibel in der Tradition Martin Luthers versteht und vertraute Texte auch bei behutsamen Veränderungen wiedererkennbar bleiben sollten. Bei der Gestaltung der Texte wurde vor allem auf den Sprachfluss und auf den Rhythmus der Sprache geachtet. Dabei war die eigene Erfahrung leitend, dass sich die Texte der Bibel oft erst bei lautem Lesen und bei fortlaufender Lesung voll erschließen.

Die Einführungen

zu den einzelnen Büchern stellen den jeweiligen geschichtlichen Zusammenhang her und zeigen die inhaltlichen Schwerpunkte ihrer Botschaft auf. Sie sind vor allem als Hilfe zum eigenen Bibelstudium zu verstehen.

Die Kommentare

im Anschluss an die biblischen Texte möchten einen eigenen Zugang zu den Textaussagen erschließen. Dies gilt insbesondere für jene Texte, die uns fremd und widersprüchlich erscheinen.

Die Psalmen

bilden einen eigenen Schwerpunkt in dieser Ausgabe. Zum einen sind sie den Erzähltexten zugeordnet, wo immer es die Psalmtexte selbst nahelegen. Zum anderen werden am Ende des Buches ausgewählte Psalmgebete aus dem Psalter vorgestellt. Die dazugehörigen Meditationen möchten dazu anregen, eine eigene Antwort auf die Psalmen zu formulieren.

Dieser Band wäre ohne intensive Begleitung nicht zustande gekommen. Zuerst danke ich meinem Mann, Dr. Rudolf Weth, der das Projekt von Anfang an unterstützt, beraten und begleitet hat. Ferner danke ich dem Verlag für seine vielfache Unterstützung, und stellvertretend für viele andere danke ich Nicole Rupschus für die sorgfältige und theologisch fundierte Durchsicht des Manuskripts. Mein Dank gilt aber vor allem Birgit Schubert, Mitarbeiterin im Neukirchener Kalenderverlag. Durch ihren unschätzbaren Einsatz, ihre kontinuierliche Begleitung und kompetente Beratung hat sie entscheidenden Anteil an der Gestaltung und Fertigstellung dieser Buchausgabe.

Allen, die sich auf den Weg machen wollen, das Alte Testament neu zu entdecken, wünsche ich, dass sie sich von dessen einzigartiger Botschaft fesseln lassen. Denn:

„Unwiderlegbar, unzerstörbar, nie abgenutzt durch die Zeit wandert die Bibel durch die Zeitalter. Ohne Zögern schenkt sie sich allen Menschen. In 3000 Jahren ist sie nicht um einen Tag gealtert. Ihre Kraft wird nicht geringer. Tatsächlich steht sie erst am Anfang ihrer Wirksamkeit. Noch heute ist es, als sei sie nie angerührt worden, als hätten wir nicht einmal damit begonnen, sie zu lesen.“

Abraham Joshua Heschel

Neukirchen-Vluyn, im September 2014

Irmgard Weth

Inhaltsverzeichnis

  1. I. Die Botschaft der Geschichtsbücher
    1. Der Anfang
      1. Die Urgeschichte – Genesis 1–11
        1. Im Anfang – Das 1. Buch Mose / Genesis 1
        2. Vom Ursprung der Menschheit – Genesis 2–11
          1. Mann und Frau (Gen 2)
          2. Der Fall des Menschen (Gen 3)
          3. Kain und Abel (Gen 4)
          4. Noah (Gen 6–9)
          5. Der Turm (Gen 11)
      2. Vom Ursprung des Volkes Gottes – Das 1. Buch Mose / Genesis 12–50
        1. Abraham – Vater vieler Völker – Genesis 12–24
          1. Abram und Sarai (Gen 12)
          2. In Ägypten (Gen 12)
          3. Lot (Gen 13)
          4. Melchisedek (Gen 14)
          5. Nacht (Gen 15)
          6. Hagar (Gen 16)
          7. Der Bund (Gen 17)
          8. Der Besuch (Gen 18)
          9. Sodom (Gen 19)
          10. Abimelech (Gen 20)
          11. Ismael (Gen 21)
          12. Isaak (Gen 22)
          13. Hebron (Gen 23)
          14. Isaak und Rebekka (Gen 24)
          15. Isaak und die Philister (Gen 26)
        2. Jakob – Stammvater Israels – Genesis 25–49
          1. Jakob und Esau (Gen 25)
          2. Der Betrug (Gen 27)
          3. Bethel (Gen 28)
          4. Rahel und Lea (Gen 29)
          5. Jakobs Söhne (Gen 29,31ff)
          6. Israel (Gen 32f)
          7. Dina (Gen 34)
          8. Juda und Tamar (Gen 38)
        3. Josef und seine Brüder – Genesis 37–50
          1. Josef (Gen 37)
          2. In Ägypten (Gen 39)
          3. Im Gefängnis (Gen 40)
          4. Josef vor Pharao (Gen 41)
          5. Die Brüder (Gen 42)
          6. Die Versöhnung (Gen 43ff)
          7. Josef lebt! (Gen 46)
          8. Jakob in Ägypten (Gen 47)
          9. Jakobs Segen (Gen 48f)
          10. Jakobs Tod (Gen 50)
    2. Der Weg in die Freiheit
      1. Der Auszug aus Ägypten – Das 2. Buch Mose / Exodus 1–15
        1. Israel in Ägypten (Ex 1)
        2. Mose (Ex 2)
        3. Mose in der Wüste (Ex 2)
        4. Moses Berufung (Ex 3f)
        5. Mose und Aaron (Ex 4ff)
        6. Die Plagen (Ex 7ff)
        7. Passa (Ex 11ff)
        8. Durch das Schilfmeer (Ex 14/15)
      2. Der Bund am Sinai – Das 2. Buch Mose / Exodus 15–40
        1. Mara (Ex 15,22ff)
        2. Manna (Ex 16)
        3. Feinde (Ex 17)
        4. Jitro (Ex 18)
        5. „Ich bin der Herr, dein Gott“ (Ex 19–24)
        6. Das goldene Kalb (Ex 32)
        7. Moses Fürbitte (Ex 33–34)
        8. Das Zelt (Ex 25ff/35ff)
    3. Rechte und Ordnungen – Das 3. Buch Mose / Levitikus
      1. Das Priesteramt (Lev 8ff)
      2. Der Versöhnungstag (Lev 10/16)
      3. „Ihr sollt heilig sein!“ (Lev 19/25)
      4. „Ich will unter euch wohnen.“ (Lev 26)
    4. In der Wüste – Das 4. Buch Mose / Numeri
      1. Aarons Segen (Num 6,22ff)
      2. Aufbruch (Num 10,11ff)
      3. Das verdrossene Volk (Num 11)
      4. Aufstand (Num 13f)
      5. Korach (Num 16f)
      6. Kadesch (Num 20)
      7. Schlangen (Num 21)
      8. Bileam (Num 22)
      9. Bileams Segen (Num 23f)
    5. Moses Vermächtnis – Das 5. Buch Mose / Deuteronomium
      1. Rückblick (Dtn 1ff)
      2. Ausblick (Dtn 12ff)
      3. Heute! (Dtn 26ff)
      4. Moses Segen und Tod (Dtn 31–34)
      5. Das Lied Moses (Dtn 32,4ff)
    6. Die Frühzeit Israels
      1. Einzug ins Land – Das Buch Josua
        1. Josua (Jos 1)
        2. Rahab (Jos 2)
        3. Durch den Jordan (Jos 3ff)
        4. Jericho (Jos 6)
        5. Ai (Jos 7f)
        6. Gibeon (Jos 9f)
        7. Die zwölf Stämme (Jos 12ff)
        8. Josuas Vermächtnis (Jos 23/24)
      2. Die Zeit der Richter – Das Buch der Richter
        1. Die Richter (Ri 1f)
        2. Debora (Ri 5f)
        3. Gideon (Ri 6ff)
        4. Gideon und die Midianiter (Ri 7–8)
        5. Jotam (Ri 9)
        6. Jeftah (Ri 10)
        7. Simson (Ri 13)
        8. Simson und die Philister (Ri 14f)
        9. Simsons Fall (Ri 16)
        10. Simsons Ende (Ri 16)
      3. Ende und Neuanfang – Das Buch Rut
        1. Noomi (Rut 1)
        2. Rut und Boas (Rut 2/3)
        3. Die Lösung (Rut 4)
    7. Die Anfänge des Königtums
      1. Samuel – Wegbereiter der Könige – 1. Samuel 1–12
        1. Samuels Geburt (1. Sam 1)
        2. Das Lied der Hanna (1. Sam 2)
        3. Samuel in Silo (1. Sam 2)
        4. Samuels Berufung (1. Sam 3)
        5. „Ikabod“ (1. Sam 4)
        6. Die Bundeslade (1. Sam 5f)
        7. Eben-Ezer (1. Sam 7)
        8. „Gib uns einen König!“ (1. Sam 8)
      2. Saul – der erste König – 1. Samuel 9–31
        1. Die Salbung (1. Sam 9f)
        2. Die Wahl (1. Sam 10)
        3. Sauls erster Sieg (1. Sam 11)
        4. Samuels Vermächtnis (1. Sam 12)
        5. Saul und die Philister (1. Sam 13)
        6. Saul und Jonatan (1. Sam 14)
        7. Sauls Fall (1. Sam 15)
      3. David – der künftige König – 1. Samuel 16–30
        1. Die Salbung (1. Sam 16)
        2. David bei Saul (1. Sam 16)
        3. David und Goliat (1. Sam 17)
        4. David am Hof des Königs (1. Sam 18f)
        5. David und Jonatan (1. Sam 20)
        6. David auf der Flucht (1. Sam 21f)
        7. David in der Höhle (1. Sam 24)
        8. David und Abigajil (1. Sam 25)
        9. Letzte Begegnung (1. Sam 26)
        10. Sauls Ende (1. Sam 28–31)
    8. Das Königreich Davids
      1. König David (2. Sam 1–5)
      2. Die Bundeslade (2. Sam 6)
      3. Der Davidbund (2. Sam 7)
      4. David und Mefi-Boschet (2. Sam 8)
      5. David und Batseba (2. Sam 11)
      6. David und Nathan (2. Sam 12)
      7. Amnon und Tamar (2. Sam 13)
      8. Absalom (2. Sam 15)
      9. Absaloms Ende (2. Sam 16–19)
      10. Neuanfang (2. Sam 24)
    9. Die Geschichte der Könige
      1. König Salomo (1. Kön 1–3)
      2. Salomos Weisheit (1. Kön 3,16ff)
      3. Salomos Friedensreich (1. Kön 4f/10)
      4. Der Bau des Tempels (1. Kön 5–8)
      5. Salomos Ende (1. Kön 9/11)
      6. Das geteilte Königreich – 1. Kön 12 – 2. Kön 17
        1. Die Reichsteilung (1. Kön 11f)
        2. Jerobeam (1. Kön 12–14)
        3. Ahab (1. Kön 16/18)
      7. Der Prophet Elia – 1. Kön 17 – 2. Kön 2
        1. „Dein Sohn lebt!“ (1. Kön 17)
        2. „Der Herr ist Gott!“ (1. Kön 18)
        3. In der Wüste (1. Kön 19)
        4. Nabot (1. Kön 21)
        5. Ahabs Ende (1. Kön 22)
      8. Der Prophet Elisa – 2. Könige 4–9
        1. Elisa (2. Kön 2)
        2. Die Witwe (2. Kön 4,1ff)
        3. Die Frau aus Schunem (2. Kön 4,8ff)
        4. Naaman (2. Kön 5)
        5. Das Friedensmahl (2. Kön 6,1ff)
        6. Samaria (2. Kön 6,24ff)
        7. Jehu (2. Kön 9–10)
        8. Das Ende des Königreichs Israel (2. Kön 11–17)
    10. Die Könige Judas – Das 1./2. Buch der Chronik
      1. Abija (2. Chron 13)
      2. Asa (2. Chron 14ff)
      3. Joschafat (2. Chron 17ff)
      4. Atalja und Joasch (2. Chron 22ff)
      5. Hiskia (2. Chron 29ff)
      6. Josia (2. Chron 33ff)
      7. Das Ende des Königreichs Juda (2. Chron 36)
    11. Unter persischer Herrschaft
      1. Das Buch Esra
        1. Heimkehr (Esra 1–2)
        2. Der neue Tempel (Esra 3–5)
        3. Esras Reform (Esra 7–10)
      2. Das Buch Nehemia
        1. Nehemia (Neh 1–2,10)
        2. Die Mauer (Neh 2f)
        3. Widerstand (Neh 4–6)
        4. Das Fest (Neh 8–13)
        5. Das Bußgebet der Gemeinde (Neh 9)
    12. Das Buch Ester
      1. Das Fest des Königs (Est 1)
      2. Ester (Est 2–3)
      3. Esters Bitte (Est 4)
      4. Die Wende (Est 5–7)
      5. Das Purimfest (Est 8–10)
  2. II. Die Botschaft der prophetischen Bücher
    1. Die Propheten im 8. Jahrhundert v.Chr.
      1. Der Prophet Amos
        1. Die Visionen des Amos (Am 7)
        2. Amos in Samaria (Am 1–3)
        3. Amos in Bethel (Am 4–6)
        4. Ausblick (Am 8–9)
      2. Der Prophet Hosea
        1. Hurenkinder (Hos 1–2)
        2. Treuebruch (Hos 2,7ff)
        3. Reuige Rückkehr (Hos 3)
        4. Gottes Klage (Hos 4–10)
        5. „Wie kann ich dich preisgeben?“ (Hos 11ff)
      3. Der Prophet Micha
        1. „Klagen muss ich“ (Mi 1–3)
        2. „Er wird der Friede sein“ (Mi 4–5)
        3. „Es ist dir gesagt, Mensch“ (Mi 6)
        4. „Wo ist ein Gott wie du?“ (Mi 7)
      4. Der Prophet Jesaja 1–39
        1. Texte aus der Frühzeit: Jerusalem und sein König – Jesaja 1–12
          1. „Hört, der Herr redet!“ (Jes 1)
          2. Der Weinberg (Jes 5)
          3. Die Berufung (Jes 6)
          4. „Immanuel“ (Jes 7)
          5. „Uns ist ein Kind geboren“ (Jes 8–9)
          6. Der Friedenskönig (Jes 10–11)
        2. Texte aus der Spätzeit: Jerusalem im Völkersturm – Jesaja 13–39
          1. Barfuß und nackt (Jes 20)
          2. Der Drohbrief (Jes 36–37)
          3. Schonfrist (Jes 38–39)
        3. Visionen der Heilszeit – Jes 2/11/19/25f/35
          1. Das neue Gottesvolk (Jes 2)
          2. Das Friedensreich des Messias (Jes 11)
          3. Heilung der Völker (Jes 19)
          4. Festmahl auf dem Zion (Jes 25f)
          5. Heimkehr nach Zion (Jes 35)
    2. Die Propheten im 7./6. Jahrhundert v.Chr.
      1. Der Prophet Jeremia
        1. Die Berufung (Jer 1)
        2. „Ich denke an deine Liebe“ (Jer 2–4)
        3. Der Prüfer (Jer 5–6)
        4. Die Tempelrede (Jer 7 und 26)
        5. „Was kann mich noch trösten?“ (Jer 7–9)
        6. In Anatot (Jer 11–12)
        7. Der Gürtel (Jer 13–15)
        8. Der Krug (Jer 18–20)
        9. Die Schriftrolle (Jer 36/22f)
        10. Das Joch (Jer 27–28)
        11. Der Brief (Jer 29)
        12. Gefangen (Jer 21/37)
        13. In der Zisterne (Jer 38)
        14. Der Acker (Jer 32/38)
        15. Nach Ägypten (Jer 39–45)
        16. Die künftige Heilszeit – Jeremia 30–33
      2. Die Propheten Zefanja/Nahum/Habakuk/Obadja
        1. Der Prophet Zefanja – Zefanja 1–3
        2. Der Prophet Nahum – Nahum 1–3
        3. Der Prophet Habakuk – Habakuk 1–3
        4. Der Prophet Obadja
      3. Die Klagelieder
        1. „Wie verlassen liegt die Stadt“ (Klgl 1)
        2. „Gottes Güte hat kein Ende“ (Klgl 3/5)
    3. Die Propheten in der Exilszeit
      1. Der Prophet Hesekiel (Ezechiel)
        1. Die Berufung (Hes 1–3)
        2. Der Wächter (Hes 3)
        3. Die Zeichen (Hes 4–5)
        4. „Du sollst leben!“ (Hes 16)
        5. „Kehrt um!“ (Hes 18)
        6. „Ich bin der Herr, euer Gott!“ (Hes 20)
        7. „Ich will das Verlorene suchen“ (Hes 34)
        8. Ein neues Herz (Hes 36)
        9. Neues Leben (Hes 37)
        10. Die neue Stadt (Hes 40–48)
      2. Jesaja 40–55
        1. „Tröstet, tröstet mein Volk!“ (Jes 40,1–11)
        2. „Er gibt dem Müden Kraft“ (Jes 40,12–31)
        3. „Fürchte dich nicht!“ (Jes 41)
        4. „Ich habe dich erlöst“ (Jes 43)
        5. „Ihr seid meine Zeugen“ (Jes 44,1–23)
        6. „Ich, ich bin der Herr“ (Jes 44,24–48,22)
        7. „Der Herr tröstet Zion“ (Jes 49–54)
        8. Ein „ewiger Bund“ (Jes 55)
        9. Die Lieder vom Knecht Gottes
          1. Erwählt (Jes 42)
          2. Berufen (Jes 49)
          3. Angefeindet (Jes 50,4ff)
          4. Erniedrigt und erhöht (Jes 52,13–53,12)
    4. Die Propheten in nachexilischer Zeit
      1. Jesaja 56–66
        1. „Macht Bahn! Macht Bahn!“ (Jes 57)
        2. „Steh auf! Werde licht!“ (Jes 58/60)
        3. „Frohe Botschaft den Armen!“ (Jes 61)
        4. „Reiß den Himmel auf!“ (Jes 62/63)
        5. Ausblick (Jes 65/66)
      2. Die Propheten Haggai und Sacharja
        1. Der Prophet Haggai
          1. „Mein Geist soll unter euch bleiben“ (Hag 1f)
        2. Der Prophet Sacharja – Sacharja 1–8
          1. „Ich will bei dir wohnen“ (Sach 1ff)
          2. Ausblick (Sach 8)
      3. Der Prophet Maleachi
        1. „Ich habe euch lieb“ (Mal 1–2)
        2. „Siehe, er kommt!“ (Mal 3)
        3. Epilog (Mal 3,22ff)
      4. Der Prophet Joel
        1. Der „Tag des Herrn“ (Joel 1–4)
      5. Das Buch Jona
        1. Der Prophet Jona (Jona 1–2)
        2. Jona in Ninive (Jona 3–4)
      6. Das Buch Daniel
        1. Daniel in Babylon (Dan 1)
        2. Der Traum des Königs (Dan 2)
        3. Das Standbild des Königs (Dan 3)
        4. Wahnsinn (Dan 4)
        5. Mene Tekel (Dan 5)
        6. In der Löwengrube (Dan 6)
        7. Visionen der Zukunft
          1. Der Menschensohn (Dan 7)
          2. Daniels Bußgebet (Dan 9)
          3. Ausblick (Dan 11/12)
  3. III. Die Botschaft der Lehrbücher
    1. Das Buch der Sprüche
      1. Wege zur Weisheit (Spr 1–7)
      2. Vom Geheimnis der Weisheit (Spr 8)
      3. Lebensweisheiten (Spr 10–22)
      4. Am Ende (Spr 30/31)
    2. Das Buch des Kohelet (Prediger)
      1. Alles Leben ist nichtig (Koh 1–2)
      2. Alles hat seine Zeit (Koh 3–4)
      3. Was ist Weisheit? (Koh 6–8)
      4. Freue dich am Leben! (Koh 9–12)
    3. Das Hohelied
      1. Hochzeitslied (Hld 4–5)
    4. Das Buch Hiob
      1. Hiob (Hiob 1)
      2. Hiobs Leiden (Hiob 2)
      3. Hiobs Klage (Hiob 3)
      4. Hiob und die Freunde (Hiob 4–19)
      5. Hiobs letzte Rede (Hiob 27–31)
      6. Die Antwort (Hiob 38–42)
    5. Der Psalter
      1. Glückwunsch – Psalm 1
        1. Psalm 1
        2. Glückwunsch
      2. Mein Gott, warum? – Psalm 22
        1. Psalm 22
      3. Der Herr ist mein Licht und mein Heil – Psalm 27
        1. Psalm 27
        2. Mein Trost
      4. Meine Zeit in Deinen Händen – Psalm 31
        1. Psalm 31
        2. Meine Zeit in deinen Händen
      5. Ich will den Herrn loben allezeit – Psalm 34
        1. Psalm 34
        2. Schmeckt und seht!
      6. Wo ist nun dein Gott? – Psalm 42 / 43
        1. Psalm 42 / 43
        2. Gott, wo bist du?
      7. Herr, ich vertraue auf dich! – Psalm 71
        1. Psalm 71
        2. Gebet im Alter
      8. Wie liebe ich deine Wohnung! – Psalm 84
        1. Psalm 84
        2. In Gottes Nähe
      9. Köstlich ist es, dem Herrn zu danken – Psalm 92
        1. Psalm 92
        2. Mein Danklied
      10. Lobe den Herrn, meine Seele! – Psalm 103
        1. Aus voller Kehle
      11. Dankt dem Herrn, denn er ist gut! – Psalm 118
        1. Psalm 118
      12. Reisesegen – Psalm 121
        1. Psalm 121
        2. Der Herr behüte dich!
      13. Du bist da – Psalm 138 / 139
        1. Psalm 138
        2. „Du erhörst mein Gebet“
        3. Psalm 139
        4. „Deine Hand hält mich“
      14. Dich will ich loben immer und ewig – Psalm 145
        1. Psalm 145
      15. Halleluja! – Psalm 150
        1. Halleluja
      16. Ausklang
        1. Freude an Gottes Wort – Psalm 119
  4. Karten
  5. Zeittafel

Psalmenverzeichnis

Psalmen, die den Texten in diesem Buch zugeordnet sind:

  1. Psalm 2
  2. Psalm 8
  3. Psalm 10
  4. Psalm 11
  5. Psalm 14
  6. Psalm 21
  7. Psalm 23
  8. Psalm 48
  9. Psalm 51
  10. Psalm 55
  11. Psalm 56
  12. Psalm 57
  13. Psalm 59
  14. Psalm 69
  15. Psalm 72 (1)
  16. Psalm 72 (2)
  17. Psalm 74
  18. Psalm 75
  19. Psalm 77
  20. Psalm 79
  21. Psalm 81
  22. Psalm 89
  23. Psalm 95
  24. Psalm 100
  25. Psalm 103
  26. Psalm 104
  27. Psalm 105
  28. Psalm 106
  29. Psalm 107
  30. Psalm 111
  31. Psalm 113
  32. Psalm 115
  33. Psalm 116
  34. Psalm 118
  35. Psalm 122
  36. Psalm 124
  37. Psalm 126
  38. Psalm 132
  39. Psalm 139 (1)
  40. Psalm 139 (2)
  41. Psalm 146

I. Die Botschaft der Geschichtsbücher

„Was wir gehört und erfahren haben,

und unsere Vorfahren uns erzählt haben,

das wollen wir ihren Nachkommen

nicht verschweigen.

Wir verkünden ihnen die großen Taten,

die Gott getan hat.“

nach Psalm 78,3ff

Die Geschichtsbücher des Alten Testaments enthalten das vielstimmige Zeugnis von der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Sie umfassen einen Zeitraum von über 1000 Jahren, der von den ältesten überlieferten Texten bis zur endgültigen Festlegung der Bücher des Alten Testaments reicht. Ihr verbindendes Thema ist die Geschichte Israels im Horizont der Weltgeschichte. Im Unterschied zu profaner Geschichtsschreibung erfassen die Geschichtsbücher des Alten Testaments nur einen verschwindend kleinen Ausschnitt der Weltgeschichte. Und doch haben ihre Zeugnisse die Geschichte der Menschheit bleibend geprägt, weil in ihnen Gott als der Herr aller Geschichte bezeugt wird.

Das macht die Eigenart der Geschichtsbücher des Alten Testaments aus: Sie sind ganz in der Geschichte verwurzelt – und gehen doch in ihr nicht auf. Sie konzentrieren sich in ihrer Darstellung auf einen begrenzten Raum in der Geschichte – und doch sprengt ihre Geschichte Raum und Zeit, weil sie sich zu dem einen Gott als dem Herrn aller Menschen bekennen, dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehören. Sie enthalten Zeugnisse aus vielen Jahrhunderten – und doch wollen sie nicht nur als historische und literarisch wertvolle Zeugnisse wahrgenommen werden, sondern als Gottes Wort, vermittelt durch Menschen, die sein Wort und Wirken in der Geschichte erfahren haben. Sie alle stehen in einer Kette von Zeugen, an deren Anfang nicht nur ein Name steht. Vielmehr sind sie Ausdruck des vielstimmigen Chors der Gemeinde aus vielen Jahrhunderten.

Dies gilt insbesondere für die 5 Bücher Mose, die in den christlichen Bibeln nüchtern als „Pentateuch“ (wörtl. die in fünf Krügen aufbewahrten Schriftrollen) bezeichnet werden. Ganz anders dagegen die Hebräische Bibel: Nach jüdischem Verständnis sind sie nicht nur als Geschichtsbücher zu verstehen. Sie enthalten vielmehr das Herzstück der Bibel, die Tora, Gottes Weisung und Wort, wie sie im Ersten Gebot zusammengefasst ist: „ICH bin der Herr dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ (Ex 20,1). Dieses Wort bildet die heimliche Mitte der 5 Bücher Mose. Von dieser Mitte aus wird die Geschichte des Volkes Gottes von seinen Anfängen bis zum Einzug ins Land Kanaan entfaltet.

Auf dieser Grundlage bauen auch die folgenden Bücher auf. Sie werden in den christlichen Bibelausgaben, abweichend von der Hebräischen Bibel, als zweiter Teil der Geschichtsbücher bezeichnet. Zu ihnen gehören die Bücher Josua, Richter, das 1. und 2. Buch Samuel und die beiden Bücher der Könige. Alle diese Bücher sind Teil eines großen Geschichtswerks, das den Aufstieg und Niedergang des Königtums in Israel, einschließlich ihrer Vorgeschichte beschreibt. Ihre Leitfrage lautet: Wie hat das Volk Gottes im Lauf seiner Geschichte seinen Glauben in der Auseinandersetzung mit anderen Völkern bewahrt?

Die letzten Geschichtsbücher Esra, Nehemia und Ester. beschreiben die Zeit nach der Heimkehr des Volkes aus dem babylonischen Exil. An ihnen wird die Treue Gottes erkennbar, der trotz Israels Versagen an seinem Volk und an seiner Zusage festhält und seinem Volk im Land der Verheißung einen Neuanfang schenkt.

Das 1. Buch Mose / Genesis

Der Anfang

„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ So vielsagend beginnt das erste Buch der Bibel. Damit bekundet es gleich zu Anfang, von wem in diesem Buch die Rede sein soll. Es ist der Eine Gott, der schon vor allem Anfang an da war, noch ehe die Welt geschaffen war, der Anfang und Ende der Zeit umschließt und der darum auch am Anfang allen Nachdenkens über Gott und die Welt steht. Er ist es, der durch sein Wort alles geschaffen hat und sich in der Geschichte der Menschheit auf vielfache Weise offenbart hat.

Das ist das große Thema, das sich von Anfang bis Ende durch alle Bücher der Bibel zieht. Es ist aber in besonderer Weise das Thema des ersten Buches. Wie schon sein Name „Genesis“ anzeigt (dt. Ursprung, Anfang), erzählt es von den Anfängen der Welt, der Menschheit und des Volkes Gottes, die alle ihren Ursprung in Gott haben. Durch sein Wort ist die Welt und der Mensch geschaffen. Durch dasselbe Wort wurde Gottes Volk ins Leben gerufen und zum Segen für die ganze Menschheit gemacht.

Mit diesem Bekenntnis zu Gott als dem alleinigen Ursprung allen Lebens begegnet das Genesisbuch gleich zu Anfang dem Missverständnis, als enthalte dieses erste Buch nur Mythen und alte Geschichten aus grauer Vorzeit. Vielmehr befasst es sich mit den grundlegenden und bleibend aktuellen Menschheitsfragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wozu lebe ich? Wohin treibt unsere Welt? Das Genesisbuch entfaltet diese Fragen in Form einer fortlaufenden Erzählung. In ihr verdichtet sich eine Fülle menschlicher Erfahrungen, die in ihrer ungeschönten Menschlichkeit alle Höhen und Tiefen des Menschseins ausloten. Aber gerade als solche gibt sie Zeugnis von Gottes offenbarem und verborgenen Wirken in, mit und durch Menschen.

Diese Erzählung ist das Ergebnis eines langen mündlichen und schriftlichen Überlieferungsprozesses. Ursprünglich selbständige Überlieferungen, meist an bestimmte Orte gebunden und dort über Jahrhunderte mündlich überliefert, sind mit frühen schriftlichen Zeugnissen zusammengewachsen und stellen in ihrer Endgestalt eine einzigartige Gesamtkomposition dar, die auf vielfache Weise Gottes Wort und Wirken in der Geschichte bezeugt. Aber alle Geschichten des Genesisbuches kreisen letztlich um das eine große Thema: Gottes Volk im Horizont der Völkerwelt. In den ersten 11 Kapiteln entwirft es zunächst ein umfassendes Bild der Welt- und Menschheitsgeschichte, das mit dem gängigen Begriff „Urgeschichte“ nur unzureichend beschrieben ist. In diesem weiten Horizont beschreibt es im zweiten Teil (12-50) den Anfang der Geschichte des Volkes Gottes, der wiederum mit dem Begriff „Vätergeschichte“ nur unzureichend erfasst ist. Es zeigt vielmehr den Weg auf, den Gott mit Abraham und seinen Nachkommen zum Heil der ganzen Welt begann.

Genesis 1–11

Die Urgeschichte

(1) Das erste Kapitel lenkt zuallererst den Blick auf Gott und sein Schöpfungswerk, das den ganzen Kosmos umfasst. Der Mensch ist in ihm nur Teil der Schöpfung, mit allen anderen Geschöpfen zu Gottes Lob geschaffen.

(2) Erst im 2. und 3. Kapitel steht der Mensch als Geschöpf Gottes im Fokus. Auf die uralte Menschheitsfrage: Was ist der Mensch? wird in diesen Kapiteln eine zweifache Antwort gegeben:

Der Mensch – ein Meisterwerk Gottes, geschaffen zu seinem Bild (1,27) und von Gott mit allen Gaben ausgestattet (2,7ff);

Der Mensch – ein Rebell gegen Gott, der gleich zu Anfang aus seiner ursprünglichen Beziehung zu Gott heraus fällt und eigene Wege geht.

(3) Die folgenden Kapitel beschreiben die fatalen Folgen des „Sündenfalls“ und den Weg der Menschheit, der zunehmend zur Entfremdung gegenüber Gott und den Mitmenschen führt und in der Sintflutkatastrophe endet.

Das negative Bild, das die Urgeschichte von den Anfängen der Menschheit zeichnet, hebt die Notwendigkeit eines radikalen Neuanfangs hervor. Der Grund zum Neuanfang wird durch Gottes Bund mit Noah gelegt. Er bildet das Herzstück der Urgeschichte und zugleich die Voraussetzung für Gottes Geschichte mit Abraham und seinen Nachkommen, die einen radikalen Neuanfang in der Geschichte der Menschheit markiert. Sie ist das große Thema im zweiten Teil des Genesisbuches.

Im Anfang

Genesis 1–2,4

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

Aber die Erde war öde und ohne Leben.

Dunkelheit bedeckte die Erde.

Und Gottes Geist

schwebte über den Wassern.1,1f

Und Gott sprach:

„Es werde Licht!“

Da geschah es, wie Gott gesagt hatte:

Licht brach aus dem Dunkel hervor

und erhellte die Erde.

Und Gott sah das Licht an

und sah, dass es gut war.

Da trennte er das Licht von dem Dunkel

und nannte das Licht Tag.

Das Dunkel aber nannte er Nacht.

So wurde aus Abend und Morgen

der erste Tag.1,3ff

Und Gott sprach:

„Über der Erde

soll ein Gewölbe entstehen.“

Da geschah es, wie Gott gesagt hatte:

Gott spannte ein Dach über die Erde

und nannte es Himmel.

So wurde aus Abend und Morgen

der zweite Tag.1,6ff

Und Gott sprach:

„Alles Wasser auf der Erde soll weichen!“

Da geschah es, wie Gott gesagt hatte:

Auf der Erde floss das Wasser zusammen

und trockenes Land

trat aus dem Wasser hervor.

Und Gott nannte das Trockene Land.

Das Wasser aber nannte er Meer.

Und Gott sah an, was er gemacht hatte,

und sah, dass es gut war.1,9f

Und Gott sprach:

„Die Erde bringe

Gras und Kräuter hervor!“

Da geschah es, wie Gott gesagt hatte:

Aus der Erde wuchsen Pflanzen hervor,

die Samen trugen in ihren Früchten.

Und Gott sah an, was da wuchs,

und sah, dass es gut war.

So wurde aus Abend und Morgen

der dritte Tag.1,11ff

Und Gott sprach:

„Lichter sollen am Himmel leuchten,

die Tag und Nacht scheiden

und die Zeiten bestimmen.“

Da geschah es, wie Gott gesagt hatte:

Gott setzte Lichter an den Himmel,

ein großes Licht für den Tag

und ein kleines Licht für die Nacht,

dazu viele Sterne.

Und Gott sah an, was er gemacht hatte,

und sah, dass es gut war.

So wurde aus Abend und Morgen

der vierte Tag.1,14ff

Und Gott sprach:

„Das Wasser und die Luft

sollen mit Leben erfüllt sein.“

Da geschah es, wie Gott gesagt hatte:

Gott schuf mächtige Meerestiere

und alles,

was im Wasser wimmelt und lebt,

dazu auch alle gefiederten Vögel,

alle Tiere nach ihrer Art.

Und Gott sah an, was er gemacht hatte

und sah, dass es gut war.

Da segnete Gott die Tiere und sprach:

„Seid fruchtbar und mehrt euch!

Erfüllt alles mit Leben,

die Luft und das Meer.“

So wurde aus Abend und Morgen

der fünfte Tag.1,20ff

Und Gott sprach:

„Das Land soll mit Leben erfüllt sein.“

Und so geschah es, wie Gott gesagt hatte:

Gott schuf die Landtiere,

wilde und zahme,

jedes Tier nach seiner Art.

Und Gott sah an, was er gemacht hatte,

und sah, dass es gut war.1,24f

Zuletzt aber sprach Gott:

„Ich will Menschen machen, mir gleich.

Über alle Tiere will ich sie setzen.“1,26

Und Gott schuf den Menschen

nach seinem Bild.

Nach Gottes Bild schuf er ihn

und schuf sie als Mann und Frau.1,27

Und Gott segnete sie und sprach:

„Seid fruchtbar und mehrt euch!

Breitet euch aus

und macht euch die Erde zu Eigen!

Alles auf dieser Erde

vertrau ich euch an:

die Feldfrüchte,

die Fische und Vögel

und auch die Landtiere.

Alles soll euch gehören.

Aber ihr sollt mir gehören.“1,28ff

Und Gott sah alles an,

was er gemacht hatte:

Es war alles sehr gut.

So wurde aus Abend und Morgen

der sechste Tag.1,31

Am siebten Tag aber ruhte Gott

von seinen Werken.

Und Gott segnete den siebten Tag

und er sprach:

„Dieser Tag soll mein Tag sein.

Mir allein soll er gehören.

Solange die Erde besteht,

soll man den siebten Tag ehren.

Alle Arbeit soll ruhen an diesem Tag.“2,1ff

So schuf Gott Himmel und Erde

durch sein mächtiges Wort.

Alles, was in dieser Welt lebt,

kommt von ihm

und ist zu seinem Lob geschaffen.2,4

– – –

Lobe den Herrn, meine Seele,

Herr, mein Gott, Schöpfer des Lichts,

Ursprung des Lebens,

wie groß und mächtig bist du!

Licht ist dein Kleid, das du anhast.

Du breitest den Himmel aus

wie einen Teppich.

Du hast das Erdreich gegründet,

dass es fest bleibt, immer und ewig.

Du lässt Wasser quellen in Tälern.

Alle Tiere kommen und trinken sich satt.

Darüber fliegen die Vögel des Himmels

und singen unter den Zweigen ihr Lied.

Du feuchtest die Berge von oben

und füllst mit Früchten das Land.

Du hast den Mond geschaffen,

der die Zeiten bestimmt

und die Sonne,

die ihren Auf- und Untergang kennt.

Herr, mein Gott,

wie groß sind deine Werke!

Du hast ihnen allen

eine Ordnung gegeben.

Himmel, Erde, Meer und was darin lebt,

das hast du alles geschaffen.

Halleluja!

aus Psalm 104

So überraschend anders als erwartet setzt das erste Kapitel ein: Nicht mit einem Schöpfungs- „bericht“, sondern mit einem großartigen Schöpfungsgedicht, das in sieben Strophen Gott als den alleinigen Schöpfer und Urheber allen Lebens preist. Sein Thema lautet nicht, wie die Welt entstanden ist, sondern wer sie geschaffen hat und wem sich alles Leben auf dieser Erde allein verdankt. Genau betrachtet, handelt es sich um einen Hymnus, den großen Schöpfungshymnen im Psalter vergleichbar (Ps 8 / 19 / 104 / 148). Durch ihn werden wir gleich zu Anfang aufgerufen, an erster Stelle dem die Ehre zu geben, der „Himmel und Erde gemacht hat“.

Unüberhörbar ist der feierliche Ton dieses Gedichts. Die litaneiartig wiederkehrenden Aussagen erinnern an eine gottesdienstliche Liturgie. Sie schaffen einen „Raum der Ehrfurcht“, der sich erst im lauten bzw. lauschenden Lesen erschließt. Dabei fällt die strenge Form auf, in der das Sieben-Tage-Werk in Strophen entfaltet wird. Da ist kein Wort überflüssig. Jeder Satz verrät dichte Reflexion im Staunen über Gottes weise Schöpfungsordnung – in bewusster Konzentration auf Gott selbst und sein schöpferisches Tun:

Gott „spricht“ – und es geschieht. Damit wird ausgesagt: Die Welt ist allein durch sein wirkmächtiges Wort „geschaffen“ (hebr. bara – ein Wort, das einzig für Gottes Schaffen steht).

Gott „trennt“ Licht und Dunkel, Tag und Nacht, Land und Meer und schafft damit einen Lebensraum für seine Geschöpfe.

Aber auch die Bereiche, die bedrohlich erscheinen, wie z.B. die Nacht oder das Meer, unterstehen seiner Schöpfermacht. Gott „nennt“ sie mit Namen und bekundet damit seine Herrschaft über sie.

Gott „ordnet“ sein Schöpfungswerk. Er verwandelt das Chaos in einen wohl geordneten Kosmos und gibt ihm für alle Zeit eine feste Ordnung.

Gott „baut“ sein Schöpfungswerk in klar gegliederter Abfolge der „Schöpfungstage“. Das heißt: Seine Schöpfung ist das Ergebnis eines Prozesses, an dessen Ende die Erschaffung des Menschen steht.

Gott „sieht an“, was er gemacht hat, und befindet es für „gut“. Das bedeutet: Gott bleibt seiner Schöpfung zugewandt und spricht mit seinem „Es war gut“ sein JA über ihr aus.

Dieses Ja Gottes bildet den Grundton des Schöpfungshymnus in Gen 1. Es beinhaltet zugleich auch ein klares Nein gegenüber allen anderen Mächten, die die alleinige Schöpfermacht Gottes infrage stellen wollen, seien es Fruchtbarkeitsgötter wie Baal oder die Gestirngottheiten im babylonischen Weltreich. Nicht Baal lässt Wachstum aus der Erde sprießen, sondern Gottes Schöpferwort (1,11). Und nicht die Gestirne bestimmen über das Schicksal der Menschen. Vielmehr sagt ihnen der Schöpfungshymnus ausdrücklich den Kampf an, indem er sie erst am vierten Schöpfungstag erwähnt und sie zu schlichten Leuchtkörpern am Himmel degradiert (1,17). Dies ist zum Trost für alle gesagt, die sich anderen Mächten ausgeliefert sehen.

Als Krönung der Schöpfung beschreibt Gen 1 die Erschaffung des Menschen. Auf ihn zielt Gottes Schöpferhandeln von Anfang an. Aber nicht sein hoher Rang hebt den Menschen aus der übrigen Schöpfung heraus, sondern allein die Würde, die Gott ihm verleiht, verbunden mit seinem besonderen Schöpfungsauftrag. Als Gottes „Gegenüber“ und in der Ausrichtung auf ihn darf er seinen Auftrag in dieser Welt wahrnehmen, als Sachwalter Gottes und seiner Schöpfung, die er dem Menschen anvertraut hat (1,27ff).

Vom Ursprung der Menschheit | Genesis 2–11

Mann und Frau

Genesis 2

So schuf Gott den Menschen:

Er formte ihn aus Erde

und hauchte ihm

den Atem des Lebens ein.

Darum heißt der Mensch Adam,

das heißt Erdling,

weil er aus Erde gemacht ist.

Durch Gottes Lebensatem

wurde er ein lebendiger Mensch.2,7

Und Gott pflanzte für den Menschen

einen Garten im Land Eden.

Darin wuchsen vielerlei Bäume

mit köstlichen Früchten.

Der Mensch durfte ihn pflegen

und seine Früchte ernten.

Und vom Garten ging ein Strom aus,

der teilte sich in vier Arme

und machte das ganze Land fruchtbar.

In diesem Garten

durfte der Mensch leben.2,8ff

Aber mitten im Garten stand ein Baum,

der gehörte allein Gott:

der Baum der Erkenntnis.

Wer von diesem Baum aß,

wusste, was gut und was böse ist.

Darum sprach Gott zum Menschen:

„Von allen Bäumen darfst du essen.

Aber vom Baum der Erkenntnis

sollst du nichts essen.

Denn wenn du davon isst,

wirst du sterben.“2,16f

Und weiter sprach Gott:

„Es ist nicht gut,

dass der Mensch allein bleibt.

Ich will ihm ein Gegenüber schaffen,

das ihm entspricht,

das ihn versteht und mit ihm spricht.“2,18

Darauf brachte Gott die Tiere zu ihm,

die er geschaffen hatte.

Und der Mensch gab ihnen Namen,

jedem Tier seinen eigenen Namen.

Aber unter allen Tieren

fand sich kein Tier,

das dem Menschen entsprach.

Mit keinem konnte er sprechen.

Und keines

konnte den Menschen verstehen.2,19f

Da ließ Gott den Menschen

in einen tiefen Schlaf sinken.

Und als er aufwachte, sah er:

Eine Frau stand vor ihm.

Gott hatte sie ihm

als sein Gegenüber gegeben,

ihm gleich, aus seiner Rippe geformt,

und dennoch ein eigener Mensch,

von Gottes Händen geschaffen.2,21f

„Da ist sie ja“, rief der Mensch froh,

„sie, die zu mir gehört!

Der Mensch, der mir gefehlt hat!“

Und Adam nannte sie Eva,

das heißt: Leben.3,20

Darum wird ein Mann

Vater und Mutter verlassen

und seiner Frau angehören.

Und sie werden eins sein,

Mann und Frau, Frau und Mann.

Gott hat sie füreinander geschaffen. 2,24

– – –

Herr, unser Herrscher,

wie herrlich ist dein Name!

Wenn ich den Himmel betrachte,

das Werk deiner Hände,

den Mond und die Sterne,

die du gemacht hast:

Was ist der Mensch,

dass du an ihn denkst,

und was ist des Menschen Kind,

dass du dich seiner annimmst?

Du hast ihn wenig niedriger

als Gott gemacht.

Mit Ehre und Schmuck

hast du ihn gekrönt.

Du hast den Menschen

über das Werk deiner Hände gesetzt.

Alles hast du ihm unterstellt:

Schafe und Rinder,

dazu auch die wilden Tiere,

die Vögel unter dem Himmel

und die Fische im Meer.

Herr, unser Herrscher,

wie herrlich ist dein Name!

aus Psalm 8

Was ist der Mensch? Sobald der Mensch ins Blickfeld rückt, fängt das Genesisbuch an zu erzählen. Es erzählt vom ursprünglichen Einssein des Menschen mit Gott und seiner Schöpfung, von seinem Schöpfungsauftrag und von seiner geschöpflichen Bestimmung als Mann und als Frau. Im Unterschied zum einleitenden Schöpfungshymnus wird hier ganz schlicht und ganz menschlich von Gott erzählt und von den Gaben und Aufgaben, die er dem Menschen zugeteilt hat. Aber gerade darin ist diese scheinbar so altertümliche Erzählung zeitlos. Sie zeigt auf, wodurch aus biblischer Sicht der Mensch seine einzigartige Würde, aber auch seine Begrenzung erfährt:

Gott formt den Menschen aus Erde, d.h. aus einem Klumpen Lehm. Das bedeutet: Der Mensch ist ein Meisterwerk Gottes, jeder einzelne Mensch ein Unikat, geformt von Gottes Hand, kein namenloses Massenprodukt. Aber auch das andere gilt: Der Mensch, ein „Erdmensch“ (das bedeutet der Name Adam, abgeleitet von adamah = Ackerboden), ist aus vergänglichem Material geschaffen (vgl. 3,19: „Staub bist du und zum Staub wirst du zurückkehren“). Daraus folgt für den Menschen ein klares Ja zu seiner Leiblichkeit, aber zugleich auch die Einsicht in seine Vergänglichkeit.

Gott haucht den Odem des Lebens in seine Nase. Das heißt: Der Mensch erhält sein Leben nicht aus sich selbst, sondern aus dem Lebensgeist Gottes. So erfährt sich der Mensch, wie auch alle anderen Lebewesen, mit jedem Atemzug von Gott abhängig. So drückt es auch der 104. Psalm aus. „Du sendest aus deinen Lebensgeist, so werden sie geschaffen. Nimmst du weg ihren Lebensgeist, so kommen sie um und werden wieder Staub“ (104,30.29).

Gott gibt dem Menschen Lebensraum und Arbeit. Er setzt ihn in den Garten Eden, den er bewohnen und bearbeiten darf. Der Garten ist kein Schlaraffenland, sondern ein Ort, den der Mensch durch seiner Hände Arbeit pflegen und gestalten kann. Er wird auch nicht als jenseitiges Paradies vorgestellt, sondern als ein besonderer Ort mitten in unserer Welt, der von Gott für den Menschen geschaffen ist, ein Ort, von dem alles Leben auf dieser Erde ausgeht. Dies zeigen die vier Paradiesströme an: Sie kommen von Gott und bewässern unsere Erde. Bei ihm ist die Quelle des Lebens (Ps 36,10). Ohne dieses Wasser gäbe es kein Leben auf der Erde.

Gott überträgt dem Menschen die Verantwortung für die Tierwelt. Er darf die Tiere „benennen“, das heißt: Er darf über sie bestimmen, aber er hat kein Recht, sie auszubeuten oder sie nur auf ihren Nutzwert hin zu betrachten. Die Tiere sind dem Menschen vielmehr als eigenständige Geschöpfe Gottes an die Seite gestellt (vgl. auch Ps 8,7ff).

Aber das kostbarste Geschenk ist der Mitmensch, den Gott dem Menschen an die Seite stellt. Gott schafft ihm ein „Gegenüber“, sein Ebenbild, das ihm entspricht (2,18). Erst im Du, in der Gleichheit und Verschiedenheit von Mann und Frau, findet der Mensch zu seiner wahren Identität (hebr. isch und ischah). Ein großes Geheimnis liegt über der Erzählung von der Erschaffung der Frau. Feinsinnig vermeidet sie jeden Verdacht auf männliche Vorherrschaft, wie sie in patriarchalischen Gesellschaftsformen üblich war. Stattdessen heißt es: Gott lässt den Menschen in einen tiefen Schlaf fallen (2,21). Damit wird ausgedrückt: Der Mensch ist bei der Erschaffung seines Gegenübers selbst nicht beteiligt. Sein Gegenüber ist zwar aus seiner Rippe genommen – Zeichen der Gleichwertigkeit –, aber es ist Gottes ureigenes Schöpfungswerk und nicht nur seine Kopie (2,22). Hochzeitliche Freude liegt über dieser Szene: Wie der Brautvater die Braut dem Bräutigam zuführt, so führt Gott die Frau dem Mann entgegen (2,22b). Beide, Mann und Frau, dürfen einander als Gottes Gabe annehmen.

Doch über allem steht das Gebot Gottes, das dem Menschen eine klare Grenze setzt: Alles ist dem Menschen von Gott übergeben. Nur eines ist ihm verwehrt: Er darf sich nicht an Gottes Stelle setzen und sich anmaßen, über gut und böse zu entscheiden, was allein Gott zusteht. Daran erinnert der „Baum der Erkenntnis“. Das Verbot Gottes, von diesem Baum zu essen, ist aber nicht als Einschränkung des Menschen zu verstehen, sondern als Ausdruck seiner besonderen Stellung innerhalb der Schöpfung: Als mündiger Mensch ist er aufgerufen, in Freiheit sein Ja zu Gottes Gebot zu sagen.

Damit unterstreicht dieses Kapitel: Am Anfang allen Nachdenkens über den Menschen steht Gottes Ja zu seinem Geschöpf. Die Antwort des Menschen auf die ihm verliehene Würde kann nur dankbares Staunen sein, wie es in Psalm 8 ausgedrückt wird: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst? … Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Hoheit hast du ihn gekrönt“ (Ps 8,5f).

Der Fall des Menschen

Genesis 3

Adam und Eva wohnten im Garten Eden.

Sie lebten dort im Frieden

mit Gott und seinen Geschöpfen.

Aber unter den Tieren,

die Gott geschaffen hatte,

war auch die Schlange.

Sie war listiger als alle anderen Tiere,

die Gott geschaffen hatte.

Heimlich machte sie sich

an die Frau heran und flüsterte ihr zu:

„Wie? Hat Gott wirklich gesagt:

Von allen Bäumen im Garten

dürft ihr nichts essen?“3,1

„Nein!“, entgegnete Eva.

„Von allen Bäumen des Gartens

dürfen wir essen.

Nur von dem Baum in der Mitte

dürfen wir keine Frucht essen.

Gott hat uns geboten:

Esst ja nichts davon!

Rührt auch keine Frucht an!

Sonst werdet ihr sterben.“3,2f

Doch die Schlange erwiderte:

„Nein, nein! Ihr werdet nicht sterben.

Gott weiß genau, warum er das sagt.

Denn wenn ihr davon esst,

werdet ihr sein wie Gott

und erkennen, was gut und böse ist.“3,4f

Da sah die Frau den Baum an.

Seine Früchte lachten sie an.

Sie streckte die Hand aus,

pflückte eine Frucht, biss hinein

und gab sie ihrem Mann.

Der nahm die Frucht

und aß auch davon.3,6

Da gingen den beiden die Augen auf.

Mit Schrecken erkannten sie,

dass sie nackt waren.

Schnell rissen sie sich

ein paar Feigenblätter vom Baum

und flochten Lendenschurze daraus.3,7

Schon kam der Abend heran.

Da hörten die beiden Gott kommen.

Erschrocken versteckten sie sich

unter den Bäumen im Garten.

Aber Gott rief Adam: „Wo bist du?“

Zitternd kam Adam aus seinem Versteck.

„Ich hörte dich kommen“, stammelte er.

„Ich fürchtete mich und versteckte mich,

weil ich nackt bin.“3,10

„Adam“, fragte Gott,

„wer hat dir gesagt, dass du nackt bist?

Hast du von der Frucht gegessen?“

„Ja“, gestand Adam, „ich habe es getan.

Aber die Frau, die du mir gabst,

die war schuld daran.

Sie gab mir die Frucht.“3,11f

„Was hast du getan?“,

sprach Gott, zu Eva gewandt.

Die aber wich aus:

„Ich war nicht schuld daran!

Die Schlange war schuld.

Sie hat mich betrogen.“3,13

Da sprach Gott zu der Schlange:

„Verflucht sollst du sein

und verstoßen von allen Tieren,

weil du solches getan hast.

Kriechen sollst du auf der Erde,

und ewige Feindschaft soll sein

zwischen dir und den Menschen.“3,14f

Und zu Eva sprach Gott:

„Du wirst Kinder bekommen,

aber sie werden dir viel Kummer

und Schmerzen bereiten.

Du wirst dich nach deinem Mann sehnen.

Er aber wird dich beherrschen.“3,16

Und zu Adam sprach Gott:

„Du hast getan,

was dir verboten war,

darum sei dein Acker verflucht.

Nur mit Mühe wirst du dich

von ihm ernähren.

Dornen und Disteln

werden dort wuchern.

Und deine Arbeit

wird dich viel Schweiß kosten,

bis du wieder zur Erde wirst,

aus der du gemacht bist.

Denn du bist Erde

und sollst wieder zu Erde werden.“3,17ff

So sprach Gott zu Adam und Eva.

Darauf wies er sie aus dem Garten.

Kein Weg führte dorthin zurück.

Engel mit feurigen Schwertern

bewachten den Zugang zum Garten.3,23f

Aber auch in Zukunft

ließ Gott seine Menschen nicht los.

Er erhielt sie am Leben und gab ihnen,

was sie zum Leben brauchten:

Kleider aus Fellen,

die sie vor Kälte schützten,

und Früchte des Feldes,3,21

die ihren Hunger stillten.1,29

Gott sorgte für sie

wie ein Vater für seine Kinder.

– – –

Herr, du siehst mich und kennst mich

Ob ich sitze oder aufstehe –

du weißt es.

Du kennst meine Gedanken von ferne.

Ob ich am Boden liege

oder weglaufe vor dir,

du bleibst mir auf der Spur.

Du siehst alle meine Wege.

Du weißt alles, was ich rede und denke.

Von allen Seiten umgibst du mich.

Ich kann deiner Hand nicht entkommen.

Herr, du siehst mich und kennst mich.

Sieh, ob ich auf verkehrtem Weg gehe

und leite mich auf dem Weg,

der zurück führt zu dir.

nach Psalm 139

Was ist der Mensch? Die Antwort dieser Geschichte verschlägt einem fast den Atem: der Mensch – ein Rebell gegen Gott. Kaum ist er geschaffen, löst er sich von seinem Ursprung und verfehlt seine geschöpfliche Bestimmung, einer, der sich über Gottes Gebot hinwegsetzt, der selbst sein will „wie Gott“ und sich dabei immer mehr von Gott entfernt. Das ist das Drama, von dem diese Geschichte erzählt, in dem der Mensch zum Täter und Opfer seiner Tat wird, scheinbar ein alter Mythos aus grauer Vorzeit und doch so erschreckend realistisch und unheimlich nah, dass man sich selbst in diesem Drama wiedererkennt. Es ist der „Fall“ des Menschen schlechthin, der hier in zwei Akten aufgerollt wird:

Der erste Akt beschreibt den Einbruch der Sünde (3,1–6) als einen Prozess, der sich schleichend im Innern des Menschen abspielt. Damit wird deutlich: Der Mensch ist für sein Tun allein verantwortlich. Er kann die Schuld für seinen Absturz weder Gott noch einer anderen Macht zuschreiben. (Die Schlange wird auffällig zurückhaltend nur als „listiges“ Geschöpf, nicht aber als teuflische Gegenmacht vorgestellt.)

Subtil und psychologisch einfühlsam entfalten die ersten Verse, wie es aus dem anfänglichen bloßen Gedanken am Ende zur Tat kommt. Es ist vor allem der verführerische Gedanke „Ihr werdet sein wie Gott“, der in beiden, Mann und Frau, das Verlangen weckt, sich über Gottes Gebot zu stellen, und sie am Ende zur gemeinsamen Tat verführt.

Der zweite Akt zeigt die unwiderruflichen Folgen der Tat auf (3,7ff). Kaum ist die Entscheidung gegen Gottes Gebot gefallen, müssen die beiden erkennen, dass sich ihre Absicht ins Gegenteil verkehrt hat:

– Sie wollten sein wie Gott. Aber ihr Streben treibt sie immer weiter von Gott weg. Auf ihr Versteckspiel folgt am Ende die Trennung von Gott.

– Sie suchten Gemeinschaft als Mann und als Frau. Aber schon ihre erste gemeinsame Aktion führt zur schleichenden Entfremdung zwischen beiden. Der Mann gibt der Frau die Schuld (mit dem vielsagenden Zusatz „die Frau, die du mir gabst“). Und diese wälzt wiederum die Schuld auf die Schlange ab. Erste Machtansprüche zeichnen sich ab. (Bezeichnend wird erst an dieser Stelle – abweichend von Gen 2,23f – die Herrschaft des Mannes über die Frau erwähnt!) Menschlich betrachtet, ein hoffnungsloser Fall mit katastrophalen Folgen!

Aber mitten in dieser dunklen Geschichte leuchtet Gottes Erbarmen mit seinen Geschöpfen auf: Gott überlässt die Menschen nicht sich selbst. Er geht ihnen nach, er ruft sie aus ihrem Versteck und stellt sie als ihr Richter zur Rede (3,11). Sein richterliches Urteil hört sich hart an, aber in Wahrheit will es die Menschen vor noch größerem Unheil bewahren. Trotz seiner Ankündigung „Ihr werdet sterben“ (2,17) erhält Gott sie am Leben und gibt ihnen Zukunft, wenn auch unter Mühsal und Schmerzen (3,16ff). Und schließlich versorgt Gott sogar seine Menschen mit Kleidung und Nahrung. Am Ende steht das Bild eines fürsorglichen Vaters, der seine rebellischen Kinder nicht preisgibt.

Die Geschichte vom Fall des Menschen hat immer wieder Menschen dazu veranlasst, über den Ursprung des Bösen und das Wesen der Schlange zu spekulieren. Aber in Wahrheit verweigert sich diese Erzählung solchen Spekulationen. Stattdessen ruft sie den Menschen auf, zu Gott umzukehren und ihn, wie in Psalm 139, im Gebet zu suchen.

Kain und Abel

Genesis 4

Adam und Eva hatten zwei Söhne.

Der ältere hieß Kain,

der jüngere Abel.

Kain wurde ein Bauer,

Abel aber wurde ein Hirte.

Von Zeit zu Zeit brachten beide

Gott ein Dankopfer dar.

Dazu wählte Abel ein Lamm

aus seiner Schafherde aus

und verbrannte es auf dem Altar.

Und Gott sah sein Opfer gnädig an.

Kain aber nahm von seinen Feldfrüchten,

legte sie auf den Altar

und zündete sie an.

Aber es schien,

als sehe Gott sein Opfer nicht an.4,1–4

Da verfinsterte sich Kains Gesicht.

Grimmig sagte er sich:

„Gott liebt nur Abel.

Mich liebt er nicht.“

Aber Gott sprach zu Kain:

„Warum bist du erzürnt?

Warum weichst du mir aus

und senkst deinen Blick?

Ist es nicht so:

Hast du Gutes vor,

dann kannst du deinen Blick frei erheben.

Hast du aber Böses im Sinn,

dann gib acht, dass du nicht sündigst.“4,6f

Doch Kain hörte nicht mehr auf Gott.

Er lockte seinen Bruder aufs Feld.

Dort fiel er über ihn her

und schlug auf ihn ein,

bis er tot war.4,8

Auf einmal war es totenstill

auf dem Feld.

Reglos lag Abel in seinem Blut.

Da hörte Kain, wie Gott rief:

„Kain, wo ist Abel, dein Bruder?“

„Wie soll ich das wissen?“,

gab Kain trotzig zurück.

„Soll ich denn meinen Bruder hüten?“4,9

Aber Gott sprach zu ihm:

„Was hast du getan?

Das Blut deines Bruders

schreit zum Himmel.

Es klagt dich an.

Verflucht seist du auf der Erde,

die du mit seinem Blut getränkt hast.

Dein Acker wird dir künftig

keinen Ertrag geben.

Du kannst nicht länger hier leben.

Fliehen musst du.

Doch wohin du auch fliehst,

nirgendwo kannst du bleiben.“4,10ff

Da begriff Kain erst,

was er getan hatte.

Seinen eigenen Bruder

hatte er umgebracht!

Nicht Abel, er hätte den Tod verdient!

Erschrocken antwortete er:

„Die Strafe ist mir zu schwer.

Ich kann sie nicht tragen.

Du vertreibst mich von hier.

Ich muss vor dir fliehen.

Ruhelos muss ich

von Ort zu Ort ziehen.

Doch nirgendwo bin ich sicher.“4,13f

Aber Gott sprach zu Kain:

„Nein! Sondern wer Kain tötet,

wird siebenfache Strafe empfangen.“

Und Gott machte ein Zeichen an Kain.

das ihn vor Rache schützte,

sodass niemand wagte,

Hand an ihn zu legen.4,15

So zog Kain weg

und wohnte im Osten,

jenseits von Eden.4,16

– – –

Herr, du siehst mich und kennst mich.

Wohin soll ich fliehen vor dir?

Ich kann dir nirgends entkommen.

Steige ich in Himmelshöhen hinauf,

so bist du da.

Verstecke ich mich tief unten im Grab,

so bist du auch da.

Fliege ich mit der Morgenröte

und bleibe am fernsten Meer,

so wird auch dort deine Hand

mich führen und halten.

Herr, du siehst in mein Herz.

Sieh, was ich plane und denke.

Und lass mich nicht weglaufen von dir.

nach Psalm 139

Der Stein ist ins Rollen geraten. Das Unheil nimmt seinen Lauf und immer schlimmere Ausmaße an. Unmittelbar auf die Geschichte vom „Sündenfall“ folgt die Geschichte vom Brudermord. Sie zeigt, wie das maßlose Streben des Menschen, „sein zu wollen wie Gott“, in der nächsten Generation noch eskaliert, indem sich der Mensch zum Herrn über Leben und Tod macht. Und wie in Gen 3, so geht auch hier der Tat eine innere Geschichte voraus:

Ausgangspunkt ist das Opfer beider Brüder. Ausgerechnet an dieser frommen Handlung entzündet sich die Sünde, die zunächst nur im Innern des Menschen schwelt. Aus dem Vergleich beider Opfer folgt Eifersucht und Hass, der am Ende zum Brudermord führt. Kain sieht sich von Gott nicht geliebt. Er kann nicht anerkennen, dass seine Verbindung zu Gott gar nicht abgerissen ist, solange Gott noch zu ihm spricht. Stattdessen kündigt er eigenmächtig die Beziehung zu Gott auf. Er wendet sich von ihm ab („senkt“ den Blick) und beseitigt den Bruder, Gottes Warnung zum Trotz. Und als Gott ihn zur Rede stellt, verweigert er jede Verantwortung gegenüber seinem Bruder: „Soll ich denn meinen Bruder hüten?“ Aus anfänglicher Rivalität zwischen den Brüdern ist offene Rebellion gegen Gott geworden. Sie treibt Kain immer weiter von Gott weg („jenseits von Eden“, 4,16).

Aber auch diese Geschichte durchzieht Gottes bewahrende Gnade, die hier sowohl dem Täter wie auch dem Opfer gilt: Gott tritt für Abel ein, der selbst nicht mehr für sich sprechen kann. Das Blut Abels, das die Erde aufgesogen hat, „schreit“ zu ihm. Als Anwalt des Ermordeten und Richter des Mörders stellt er Kain zur Rede. Aber er fordert nicht den Tod des Mörders als Sühne, sondern erhält ihn am Leben und gibt ihm sogar ein Zeichen, das ihn vor der Rache der Menschen bewahren soll.

Das Kapitel endet mit dem Ausblick auf Kains Nachkommen. Dabei wird deutlich: Die Spirale der Gewalt dreht sich immer weiter. Sie findet ihren Ausdruck in dem Lied des Lamech: „Einen Mann erschlug ich für meine Wunde … Kain soll siebenmal gerächt werden und Lamech siebenundsiebzigmal“ (4,23f). Das anfängliche Familiendrama weitet sich zunehmend zum Drama der ganzen Völkerfamilie aus. Der Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt nimmt immer drastischere Ausmaße an. Er kann vom Menschen nicht mehr durchbrochen werden. Aber die gute Nachricht am Ende des Kapitels lautet: Gott schafft im Verborgenen die Voraussetzung für einen Neuanfang durch die Geburt Sets, der nun die Stelle des ermordeten Bruders einnimmt (4,25). Sets Nachkommenschaft lässt neue Hoffnung aufkommen (5,1ff). Aus ihr geht am Ende Noah hervor (5,29). Mit ihm setzt Gott einen Neuanfang in der Geschichte.

Noah

Genesis 6–9

Bald erfüllte sich,

was Gott den Menschen zugesagt hatte.

Sie mehrten sich und füllten die Erde.

Aber je mehr sie an Zahl wuchsen,

desto größere Schuld häuften sie auf.

Kains Kinder trieben es noch schlimmer

als ihr Ahnvater Kain,

der seinen Bruder ermordet hatte.

Sie schmiedeten Waffen aus Eisen4,22

und säten Feindschaft unter den Völkern.4,23

Sie scheuten auch nicht

vor Kriegen zurück.

Und als Held galt,

wer die andern besiegte.6,4b

Als aber Gott sah,

dass die Menschheit von Grund auf

verdorben war und auch alles,

was sie in ihrem Herzen erdachte,

da war es ihm leid,

dass er die Menschen geschaffen hatte.

Und tief bekümmert sprach er

zu sich selbst: „Es reut mich,

dass ich die Menschen gemacht habe.

Ich will sie wieder von der Erde nehmen,

mitsamt allen Tieren.“6,5ff

Nur einer, Noah, fand Gnade bei Gott.

Er hielt sich zu Gott und hörte auf ihn.

Ihn wollte Gott am Leben erhalten.6,8f

Er sprach zu Noah:

„Bau dir ein Schiff!

Denn bald wird eine Flut

die ganze Erde heimsuchen.

Und alles, was lebt,

wird in den Fluten ertrinken.

Aber dich will ich am Leben erhalten.

Mit dir will ich meinen Bund schließen.“6,14ff

Da hörte Noah auf Gott.

Und er baute die Arche,

einen riesigen Kasten,

drei Stockwerke hoch,

mit zahllosen Kammern,

mit Tür und Fenster

und darüber mit einem Dach,6,15f

wie Gott ihm geboten hatte.6,22

Und Gott sprach zu Noah:

„Nun geh in die Arche mit deiner Frau,

deinen drei Söhnen und ihren Frauen.

Und wähle von allen Tieren ein Paar aus.

Bringe sie in die Arche hinein!

Auch sie will ich am Leben erhalten.“6,18f

Da hörte Noah auf Gott.

Er wählte von allen Tieren ein Paar aus

und brachte sie in die Arche.

Und Noah schaffte für sie

gewaltige Mengen an Futter herbei.

Darauf ging er selbst in die Arche,

mit seiner Frau, mit seinen drei Söhnen

und ihren Frauen.

Und Gott schloss die Tür hinter ihm zu.7,7ff

Sieben Tage lang

blieb es noch still auf der Erde.

Danach verschwand die Sonne

hinter den Wolken.

Der Himmel wurde ganz schwarz.

Ein furchtbarer Regen brach los.

Es schüttete. Es goss in Strömen.

Sogar aus den Tiefen der Erde

stieg das Wasser empor.7,10f

Die Fluten überschwemmten das Land.

Bald stand das ganze Land unter Wasser.

Menschen und Tiere ertranken.

Und immer noch goss es in Strömen.

Das Wasser stieg höher und höher,

bis zu den höchsten Bergen empor.

Schließlich war nichts mehr zu sehen,

nur Wasser – ein endloses Meer.

Aber die Arche trieb ruhig

auf dem Wasser dahin. 7,17ff

Hundertundfünfzig Tage lang

hielt der gewaltige Regen an.7,24

Da dachte Gott an Noah

und setzte dem Regen ein Ende.

Aber noch war alles Land

von den Fluten bedeckt.8,1

Tage und Wochen vergingen.

Das Wasser sank nur ganz langsam.

Die Arche trieb immer noch ziellos

auf dem Wasser dahin.

Endlich, nach Wochen, stieß die Arche

unter Wasser an eine Bergspitze.

Und bald darauf traten

auch die Berge wieder hervor.8,3f

Da öffnete Noah das Fenster der Arche

und ließ eine Taube hinausfliegen.

Aber die Taube kam am Abend zurück.

Sie hatte kein Futter gefunden.8,8f

Da wartete Noah noch eine Woche.

Danach ließ er die Taube

noch einmal hinausfliegen.

Und wieder kam sie zurück.

Doch diesmal hielt sie ein Blatt

vom Ölbaum im Schnabel,

als wollte sie sagen: Seht doch,

die Bäume tragen schon wieder Blätter!8,10f

Noch eine Woche verging.

Danach ließ Noah die Taube

noch einmal hinausfliegen.

Doch nun kam sie nicht mehr zurück.

Da deckte Noah das Dach ab und sah:

Das Land war überall trocken!8,12f

„Noah“, sprach Gott,

„nun geht aus der Arche,

du und deine Frau, deine drei Söhne

mit ihren Frauen, dazu alle Tiere!“

Da machte Noah die Tür weit auf.

Menschen und Tiere stürmten hinaus.

Noah aber baute zuerst einen Altar.

Darauf brachte er ein Dankopfer dar.

Gott hatte sein Versprechen gehalten.

Er hatte alle, Menschen und Tiere,

am Leben erhalten.

Aber noch lag ihre Zukunft im Dunkeln.8,15ff

Da sprach Gott zu Noah:

„Ich will in Zukunft nie mehr

die Erde verfluchen.

Und wenn die Menschen künftig

alles Leben auf der Erde zerstören,

so will ich dennoch die Erde erhalten.

Solange die Erde steht,

soll nicht aufhören

Saat und Ernte, Frost und Hitze,

Sommer und Winter, Tag und Nacht.“8,21ff

Und Gott sprach weiter zu Noah

und seinen Söhnen:

„Heute schließe ich meinen Bund

mit euch und euren Nachkommen:

Nie mehr soll eine Sintflut wie diese

die Erde heimsuchen.

Seht, meinen Bogen habe ich

in die Wolken gesetzt.

Der soll das Zeichen des Bundes sein

zwischen mir und der Erde.

Und wenn in Zukunft wieder

ein schweres Unwetter kommt,

dann blickt auf zum Himmel!

Dort steht in den Wolken mein Bogen.

Niemals will ich vergessen,

was ich euch zugesagt habe.

Mein Bund mit euch

und mit allen Geschöpfen

bleibt ewig bestehen.“9,8ff

Da schöpfte Noah Mut und fing an,

das verwüstete Land neu zu bestellen.

Er säte und pflanzte,

legte Äcker und Weinberge an.

Und Gott ließ wachsen und reifen,

was er gepflanzt hatte.9,20

– – –

Gott spricht:

Ich habe dich

einen kleinen Augenblick verlassen,

aber mit großer Barmherzigkeit

will ich dich sammeln.

Ich habe mein Angesicht

im Augenblick des Zorns

ein wenig vor dir verborgen,

aber mit ewiger Gnade

will ich mich über dich erbarmen.

Ich halte es wie zur Zeit Noahs.

Damals schwor ich,

dass die Wasser nicht mehr

über die Erde kommen sollten.

Denn Berge mögen einstürzen

und Hügel einfallen,

aber meine Gnade

soll nicht von dir weichen

und mein Friedensbund

soll nicht zerstört werden.

aus Jesaja 54

Gottes Bund mit Noah bildet das Herzstück der Urgeschichte. Es ist die Antwort Gottes auf die verhängnisvolle Entwicklung der Menschheit, die unausweichlich zur globalen Katastrophe führt. Mit der Sintflut droht Gottes gute Schöpfung gleich zu Anfang wieder ins Chaos zurückzufallen. Ihr geht in den vorangehenden Kapiteln ein langer Prozess voraus, der durch die Verkettung einzelner Geschichten zunehmend an Schärfe gewinnt und mit dem Menschen die ganze Schöpfung in den Abgrund zu reißen droht. Was anfänglich mit einer einzelnen Tat zweier Menschen begonnen hat (3,1ff), zieht mit Kains Nachkommenschaft immer weitere Kreise (4,17ff) und übersteigt am Ende alle menschliche Vorstellungskraft. (So z.B. in 6,1ff, wo, gleichsam als Auftakt zur Sintfluterzählung, die übermenschlichen Folgen menschlicher Maßlosigkeit aufgezeigt werden.) Je mehr Menschen auf der Erde leben, desto mehr Schuld häufen sie an und verwandeln so Gottes Segen (s. 1,28: „Seid fruchtbar und mehrt euch!“) ins Gegenteil. Nun lässt sich die Sünde des Menschen nicht mehr an einzelnen Taten auflisten, vielmehr gilt ganz grundsätzlich: „Das Dichten und Trachten des Menschen“ ist von Grund auf verdorben (6,5; 6,11ff). Insofern muss sich der Mensch auch selbst die Schuld an der Zerstörung der Schöpfung zuschreiben. Was sich auf den ersten Blick als gnadenloses Strafgericht Gottes liest, erweist sich in Wahrheit als unerbittliche Konsequenz dessen, was die Menschen auf der Erde angerichtet haben.

Umso erstaunlicher, was die Sintfluterzählung über Gott aussagt! Schon die einleitenden Verse in 6,4ff zeigen an: Gott ist kein Despot, der aus sicherer Distanz gnadenlos mit seinen Menschen verfährt, sondern selbst im Gericht bleibt er seinen Menschen ganz nah. Es ist ihm nicht gleichgültig, was aus seinen Geschöpfen wird, sondern es „bekümmert ihn in seinem Herzen“, ja, es „reut“ ihn, dass er die Menschen gemacht hat (6,6). Mit ganz menschlichen Zügen wird Gottes Schmerz über den Irrweg seiner Geschöpfe beschrieben. Damit wird bereits in der Einleitung angezeigt: Nicht Vernichtung, sondern Bewahrung seiner Schöpfung ist das Ziel der Wege Gottes, auch durch das Gericht hindurch.

Das ist die frohe Botschaft dieser sonst so bedrückenden Geschichte. Sie findet ihren sichtbaren Ausdruck in dem Bild der Arche (in Wirklichkeit nichts anderes als ein riesiger schwimmender „Kasten“), die mitten in der Zerstörung die Hoffnung auf Gottes Neuanfang wachhält. Diese Hoffnung wird im Verlauf der Erzählung immer wieder durch Sätze wie diese erinnert: „Aber Noah fand Gnade bei Gott“ (6,8). „Der Herr schloss (die Arche) hinter ihm zu“ (7,16b). „Gott gedachte an Noah“ (8,1). Damit wird der Ernst des Gerichtes, das mit der Sintflut ergeht, nicht aufgehoben. Aber mitten im Gericht leuchtet Gottes Gnade und Fürsorge auf. Sie ist allein in Gottes Treue begründet.

Dass Gott dennoch am Menschen festhält, trotz seines Versagens, das ist das Wunder, von dem auch das Ende der Geschichte erzählt: Gott schenkt der Menschheit einen Neuanfang und besiegelt ihn durch seinen Bund mit Noah und dessen Nachkommen. In diesen Bund ist die ganze Schöpfung mit eingeschlossen. Als sichtbares Zeichen seines Bundes setzt Gott seinen Bogen in die Wolken. Der Bogen erinnert viele Ausleger an einen Kriegsbogen. Als solcher hat er ein für allemal ausgedient. Gott erklärt mit diesem Zeichen seiner Schöpfung für immer den Frieden. Als Regenbogen wird er in Verbindung mit Gottes Zusage zum Zeichen der Hoffnung über einer zerstörten Erde. Durch ihn sollen nicht nur die Menschen an Gottes Versprechen erinnert werden, sondern Gott bindet sich selbst an dieses Zeichen seiner unverbrüchlichen Treue. Er „gedenkt“ an seinen Bund (hebr. sachar, 9,15). Das bedeutet im Klartext: Mögen auch die Menschen vergessen, was Gott versprochen hat – Gott vergisst nicht und hebt niemals auf, was er ein für allemal zugesagt hat!

Der Turm

Genesis 11

Dies sind die Namen der Söhne Noahs:

Sem, Ham und Jafet.

Ihre Nachkommen breiteten sich

über die ganze Erde aus.

Sie entwickelten mit der Zeit

verschiedene Kulturen und Sprachen.10,1ff

Doch zu Anfang zogen sie

gemeinsam von Ort zu Ort

und sprachen alle

ein und dieselbe Sprache.

In jenen Tagen, so erzählt man,

trug es sich zu, dass die Menschen

im Osten ein Land fanden,

Schinar genannt,

ein weites und ebenes Land.

Da sagten sie zueinander.

„Hier wollen wir bleiben.

Auf! Lasst uns aus Lehm

Ziegel formen und brennen

und daraus Häuser bauen!“

Und so nahmen sie Ziegel als Steine

und fügten sie mit Erdharz zusammen.11,3

Aber die Menschen wollten noch mehr:

Sie riefen: „Auf! Lasst uns

eine große Stadt bauen!

Dann bleiben wir für immer zusammen.

Sonst werden wir

in alle Länder zerstreut.“

Und sogleich fingen sie an

und bauten die große Stadt Babel

mit einer mächtigen Mauer ringsum.11,4

Aber die Menschen wollten noch mehr.

Sie riefen: „Auf! Lasst uns

einen hohen Turm bauen,

dessen Spitze bis an den Himmel reicht.

Dann sind wir die Größten.

Und alle Welt rühmt unseren Namen.“

Und sogleich fingen sie an,

und setzten einen Stein auf den andern.

Der Turm wuchs von Tag zu Tag.

Er wurde höher und höher.

Bald ragte er über die ganze Stadt.

Aber die Menschen riefen:

„Höher! Viel höher!

So hoch wie der Himmel!“11,4

Doch Gott im Himmel

sah auf den Turm herab.

Und er sprach zu sich selbst:

„So sind die Menschen.

Sie kennen keine Grenzen

und wollen immer höher hinaus.

Und dies ist erst der Anfang

ihrer Vorhaben.

Bald wird ihnen nichts mehr

unmöglich erscheinen.

Auf! Lasst uns herabfahren

und ihre Sprache vermischen,

sodass keiner mehr den andern versteht.“11,5ff

Und so geschah es.

Bald verstanden sich

die Menschen nicht mehr.

Sie hörten nicht mehr aufeinander

und sprachen nicht mehr miteinander.

Bald sprachen sie nur noch

ihre eigene Sprache.

Da ließen die Menschen

von ihrem gemeinsamen Vorhaben ab.

Nach und nach verließen alle die Stadt

und zerstreuten sich über die Erde.

Der Turm aber blieb unvollendet zurück,

als Mahnmal für künftige Zeiten.

Babel – Verwirrung,

so lautet der Name der Stadt.

Er erinnert bis heute daran,

wie Gott dem Wahn der Menschen

für alle Zeit eine Grenze gesetzt hat.11,9

– – –

Warum treten die Völker

zum Aufstand gegen Gott an?

Warum schmieden sie gemeinsam

vergebliche Pläne?

Ihr Tun führt doch am Ende zu nichts.

Die Herrscher dieser Welt

verschwören sich und lehnen sich auf.

Sie sprechen zueinander:

Auf! Wir wollen

die Fesseln zerreißen

und die Stricke,

die uns angelegt wurden!

Aber Gott im Himmel

lacht über ihre nichtigen Pläne.

Er hält seinen Spott nicht zurück.

So nehmt endlich Verstand an,

ihr Mächtigen auf Erden,

Lasst euch warnen!

Ihr haltet über andere Gericht.

Aber Gott ist Richter auf Erden.

Beugt euch vor ihm

und seid ihm in Ehrfurcht ergeben,

damit sein Zorn

nicht über euch kommt!

Wer auf ihn baut,

ist glücklich zu preisen.

aus Psalm 2

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel bildet den Abschluss der Urgeschichte. Sie erzählt von dem gescheiterten Versuch der Menschheit, einen gemeinsamen Neuanfang aus eigener Kraft zu schaffen. Statt des erwarteten Neuanfangs, zeigt sie an einem letzten Beispiel auf, wohin die Menschheit steuert, wenn ihr nicht Einhalt geboten wird.

Ausgangspunkt ist die Erfindung des Ziegelsteins als Voraussetzung für den Städtebau. Damit ist auch der Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftwerdung und zur Gründung von weltlichen Machtzentren angezeigt. Mit ihnen ist eine höhere kulturelle Stufe der Menschheit erreicht. Das Streben des Menschen nach mehr Wissen und Können hat ihm tatsächlich erkennbare Fortschritte beschert (vgl. dazu auch 4,21.22; 9,20). Aber es fördert zugleich auch seinen Allmachtswahn und sein Verlangen, sich selbst an Gottes Stelle zu setzen. Dies wird hier eindrucksvoll am Beispiel der Stadt Babel aufgezeigt. Babel gilt in der Bibel als Inbegriff einer gottlosen und selbstherrlichen Stadt, deren Herrscher sich gottgleich über andere Völker hinweggesetzt haben (vgl. z.B. Ps 2 und Dan 4,27). In dem gigantischen Projekt des Turmbaus von Babel kommt das grenzenlose Verlangen des Menschen zum Ausdruck, sich selbst an Gottes Stelle ein Denkmal zu setzen (wörtl. „sich einen Namen machen“, 11,4). Aber die Erzählung in Gen 11 zeigt: Das Projekt des Menschen kann nicht gelingen, auch nicht mit gewaltigen gemeinsamen Anstrengungen. Im Gegenteil: Der Himmel – hier ein Bild für die Welt Gottes – bleibt für den Menschen unerreichbar. Die Tatsache, dass bei diesem Turm auch die Erinnerung an den berühmten babylonischen Tempelturm (Zikkurat) mitschwingt, verschärft noch die Aussage dieser Erzählung: Auch die größten gemeinsamen Leistungen der Menschheit, und seien es Tempeltürme oder andere sakrale Monumente, verfehlen letztlich ihr Ziel, wenn sie den Menschen dazu dienen, sich selbst „einen Namen“ zu machen.

Die stilisierte Form der Erzählung unterstreicht deren Dynamik noch zusätzlich. Im ersten Teil ist es der dreifache Selbstaufruf der Menschen, der ihr Vorhaben und ihre ungeheuerliche Vermessenheit von Satz zu Satz steigert, wobei Gott nicht einmal erwähnt wird. Ein Ausdruck extremer Gottvergessenheit!

Erst im zweiten Teil wird der Blick auf Gott gelenkt. Analog zum Selbstaufruf der Menschen spricht Gott: „Auf, lasst uns herabfahren.“ Sein Wort beschreibt die gegenläufige Richtung: So tief muss sich Gott herabbeugen, um den Turm überhaupt wahrzunehmen. So lächerlich und verschwindend klein ist das menschliche Machwerk aus göttlicher Perspektive!

Am Ende erreichen die Menschen genau das, was sie befürchtet haben: Sie können nicht zusammen bleiben. Die Urgeschichte endet mit einer unausgesprochenen Frage: Kann es für diese zerrissene Menschheit überhaupt noch Zukunft und Hoffnung geben?

Das 1. Buch Mose / Genesis 12–50

Vom Ursprung des Volkes Gottes

Mit der Geschichte von Abraham und seinen Nachkommen beginnt eine neue Phase in der Geschichte der Menschheit. Sie erzählt von Gottes Weg mit Abraham, Isaak, Jakob und seinen Söhnen, den „Vätern“ und Müttern des Volkes Israel. Ganz im Verborgenen beginnt diese Geschichte mit dem Auszug eines einzelnen Menschen aus seiner Sippe. Aber am Anfang dieser Geschichte steht Gottes Segensverheißung: „Ich will dich segnen … und du sollst ein Segen sein. … Und durch dich sollen alle Völker der Erde gesegnet werden“ (12,2f). Diese Segenszusage bildet das Kontinuum durch alle Erzählungen hindurch, angefangen vom Auszug Abrahams bis hin zum Segen Jakobs, den er am Ende des Genesisbuches (49,1ff) an seine Söhne weitergibt. Mit dieser Segenszusage ist ein Zweifaches ausgesagt:

(1) „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“

Das heißt: Gott segnet ohne Vorleistung. Sein Segen entspringt allein aus Gottes freiem Willen. Gott verheißt Abraham Land und Nachkommen. Aber der verheißene Segen beinhaltet für Abraham und seine Nachkommen nicht nur das Privileg der Erwählung, sondern vor allem einen Auftrag. Im Vertrauen auf Gottes Verheißung soll Abraham den Weg wagen, auf den Gott ihn gerufen hat, obwohl die Erfüllung der Verheißung noch aussteht und Abraham auf seinem Weg in immer neue Glaubenskrisen geraten wird. Wird Gott seine Verheißung erfüllen? Und wenn ja, wann und wie wird er es tun? Das ist die Frage, die sich verborgen durch die ganze Geschichte Abrahams und seiner Nachkommen zieht. Es ist eine Geschichte voller Ungewissheit und Hindernisse. Abraham muss viele Umwege gehen. Er wartet mit Sara viele Jahre vergeblich auf den verheißenen Nachkommen und bleibt sein Leben lang ein Fremder im Land der Verheißung. Und dennoch zweifelt er nicht daran: „Was er (Gott) verheißen hat, kann er auch tun“ (Röm 4,21). So segnet Gott seinen Erwählten und macht ihn durch Leid und Entbehrung zum Segen für andere.

(2) „In dir sollen alle Völker gesegnet werden.“

Gottes Segensverheißung an Abraham und seine Nachkommen schließt von Anfang an auch die Geschichte der ganzen Menschheit mit ein. Das drückt sich schon im Namen „Abraham“ aus (das bedeutet: Vater vieler Völker), der ihm von Gott verliehen wird (17,5), während sein ursprünglicher Name „Abram“ lautet. Mit ihm ist schon das Ziel der Wege Gottes angezeigt: Zwischen den Völkern soll nicht ewig Feindschaft herrschen, Gott wird sich am Ende sein Volk aus all den vielen Völkern sammeln, die jetzt noch als Feinde des Volkes Gottes betrachtet werden. Die ganze Völkerwelt ist in den Segen Abrahams mit eingebunden. Diese Hoffnung klingt schon innerhalb der „Vätergeschichte“ an. Meist sind es die eher unbekannten Erzählungen im Genesisbuch, die uns den Blick für Gottes universalen Heilsweg öffnen können, der schon in der Geschichte Abrahams und seiner Nachkommen aufleuchtet.

Überblick über Genesis 12–50:

Die Geschichte der Väter und Mütter Israels

(1) Abraham – Vater vieler Völker

Sein Weg im Glauben an die Verheißung (12–25)

(2) Jakob – Stammvater Israels

Sein Weg im Ringen um die Verheißung (25–36)

(3) Josef und seine Brüder

Ihr Weg nach Ägypten – Gefährdung der Verheißung (37–50)

Abraham – Vater vieler Völker | Genesis 12–24

Abram und Sarai

Genesis 12

Dies ist die Geschichte von Abram

und seiner Frau Sarai.

Abram stammte aus Ur in Chaldäa.

Von dort war er mit seiner Sippe

nach Haran gezogen,

das auf halbem Weg nach Kanaan liegt.

Abram und Sarai waren sehr reich.

Sie hatten Knechte und Mägde

dazu viele Schafe, Ziegen und Rinder.

Aber Kinder hatten sie nicht.11,27ff

Da kam Gottes Wort zu Abram:

„Geh, Abram, geh!

Verlass deine Heimat!

Verlass deine Sippe

und das Haus deines Vaters!

Und zieh in ein Land,

das ich dir zeigen werde.

Dort will ich ein großes Volk

aus dir machen.

Ich will dich segnen

und will dir einen Namen machen.

Und du sollst ein Segen sein.

Gesegnet soll sein,

wer dich segnet,

und verflucht, wer dir flucht.

Und durch dich sollen alle Völker

dieser Erde gesegnet werden.“12,1ff

Da machte sich Abram auf,

mit seiner Frau Sarai,

mit Knechten und Mägden

und mit all seinem Vieh.

Lot, der Sohn seines Bruders,

begleitete sie.12,4f

Wochenlang waren sie unterwegs,

bis sie in das Land Kanaan kamen,

ein weites und fruchtbares Land.

In Sichem, im Herzen des Landes,

schlugen sie ihre Zelte auf.

Dort sprach Gott zu Abram:

„Sieh, dieses ganze Land will ich

deinen Nachkommen geben.“

Da baute Abram einen Altar,

und dankte seinem Gott,

der ihm in Sichem erschienen war.12,7

Aber Abram war schon 75 Jahre alt,

zu alt, um noch auf Kinder zu hoffen.

Und seine Frau war auch schon alt.

Außerdem war das Land schon

von Kanaanitern bewohnt.

Diese lebten in befestigten Städten.

Von dort aus herrschten sie

über das ganze Land.12,4.6

Doch Abram hörte auf Gott.

Er machte sich auf

und zog weiter nach Süden,

bis er nach Bethel kam.

Auch dort baute er

für Gott einen Altar.

Im heißen Südland

schlug er sein Zelt auf

und wartete darauf,

dass sich Gottes Verheißung erfüllte.12,8f

So leise und unspektakulär beginnt die Geschichte von Abram, die doch den Anfang der Geschichte Gottes mit seinem Volk markiert. Sie liest sich wie ein Gegenentwurf zum Turmbau von Babel, dem Finale der Urgeschichte. Dort schloss sich die Masse der Menschen zu einer gemeinsamen Aktion zusammen, hier ist es ein einzelner Mensch, zudem ein Nomade, den Gott aus der Gemeinschaft seiner Sippe herausruft. Dort hieß es von den Menschen selbstherrlich: „Wir wollen … uns einen Namen machen.“ Hier ist es Gott, der Abram verheißt: „Ich will ein großes Volk aus dir machen … und dir einen großen Namen (d.h. dich berühmt) machen.“ Dort wollten die Menschen um jeden Preis zusammenbleiben, hier wagt ein Mensch auf Gottes Wort hin den Aufbruch in Neuland, ohne den Rückhalt und Schutz seiner Sippe. Dort wollten die Menschen einen Turm bauen, hier errichtet Abram als erstes „Bauwerk“ einen Altar und ruft den Namen des Herrn an (12,8). Damit übereignet Abram gleichsam das Land von Anfang an seinem Gott, der ihn in dieses Land geführt hat.

In dieser ersten Erzählung wird nichts darüber ausgesagt, wie Gott zu Abram gesprochen hat. Auch die Frage, ob Abram Gott schon vorher gekannt hat, bleibt offen. Entscheidend ist allein, dass Gott durch sein Wort eine neue Geschichte beginnt, und sich in dieser Geschichte als der „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ offenbaren wird.

Eigentlich beginnt Abrams Geschichte schon viel früher. In Gen 11,31 wird berichtet, dass Abram ursprünglich mit der Sippe seines Vaters von Ur (im südlichen Zweistromland) nach Kanaan aufgebrochen war, sich dann aber auf halbem Weg in Haran niederließ (vgl. Jos 23,2). Aber erst mit Gottes Ruf an Abram erhält diese Geschichte eine neue Qualität als „Heils“-geschichte. Von nun an steht seine Geschichte ganz im Zeichen von Gottes Verheißungswort, das weit über Abram und seine Nachkommen hinaus Gottes Weg zum Heil aller Menschen offenbart.

In Ägypten

Genesis 12,10ff

Bald darauf brach im Südland

eine schwere Hungersnot aus.

Der Regen blieb aus.

Die Quellen versiegten

und das Gras auf der Weide verdorrte.

Da machte sich Abram

mit Sarai, seiner Frau, auf

und mit allem, was er besaß,

und zog nach Ägypten.12,10

Als sie nicht mehr weit

von Ägypten entfernt waren,

sagte Abram zu seiner Frau:

„Ich weiß, du bist schön.

Wenn die Ägypter dich sehen,

werden sie sagen:

Das ist seine Frau!

Dann töten sie mich,

aber dich lassen sie leben.

Darum sag einfach,

du seist meine Schwester,

dann verlierst du mich nicht,

und ich bleibe am Leben.“12,11ff

Doch kaum hatten sie Ägypten erreicht,

wurde Pharao, dem König, gemeldet:

Ein Fremder ist in unser Land gekommen.

Er hat seine schöne Schwester bei sich.

Da überlegte der Pharao nicht lange.

Er ließ Sarai sofort

in seinen Palast holen.

Abram aber sandte er reiche Geschenke,

Knechte und Mägde,

Schafe und Rinder,

Esel und Eselinnen

und viele Kamele.

Denn er sagte sich:

„Er ist ihr Bruder.

Er soll einen Brautpreis

für seine Schwester bekommen.“12,14ff

Da begriff Abram erst,

was er angerichtet hatte.

Sarai, seine eigene Frau, hatte er

an den Pharao von Ägypten verraten.

Seine Hoffnung auf Nachkommen

schien nun für immer dahin.

Endlich, nach bangen Wochen,

wurde Abram zum Pharao gerufen.

„Was hast du mir angetan?“,

rief dieser empört.

„Warum hast du von Sarai gesagt:

Sie ist meine Schwester?

Darum nahm ich sie zu mir.

Aber nun weiß ich genau:

Sie ist deine Frau.

Denn seitdem sie am Hof lebt,

kommt nur Unglück

über mein Königshaus.

Da hast du deine Frau wieder.

Auf, verlasst dieses Land!

Meine Soldaten werden euch

Schutzgeleit geben.“12,18ff

Aber Abram ahnte nicht,

dass Gott den Pharao

mit Plagen heimgesucht hatte,

sodass er von Sarai ablassen musste.12,17

Dankbar kehrte er mit Sarai

in das Land Kanaan zurück,

das Gott seinen Nachkommen

versprochen hatte.

Und er wartete weiter mit Sarai,

bis sich Gottes Verheißung erfüllte.

Mit dieser Geschichte beginnt eine Reihe von Erzählungen, die die Gefährdung der Verheißung zum Thema haben. Schon die Berufungsgeschichte lässt mit zwei kleinen Nebensätzen die Schwierigkeiten erahnen, die der Verwirklichung der Land- und Nachkommen-Verheißung im Weg stehen (12,4: „Abram aber war 75 Jahre alt“ und 12,6: „Es wohnten aber die Kanaaniter im Land“).

Nun aber kommt ein neues Problem in den Blick: Die Gefährdung Sarais als künftige Mutter der Verheißung und die zusätzliche Frage, ob das verheißene Land seine Bewohner überhaupt ernähren kann. Abram sieht sich gezwungen, das Land der Verheißung zu verlassen, obgleich er dazu keinen ausdrücklichen Befehl Gottes hat. Dadurch begibt er sich und seine Frau in große Gefahr. Als Fremder ist er in Ägypten rechtlos. Seine Sorge gilt aber nicht nur dem eigenen Überleben, sondern auch Sarai, die im Fall seiner Ermordung völlig schutzlos wäre (12,13b). So versucht Abram, Sarai und sich durch eine Halbwahrheit zu retten (denn Sarai ist nach Gen 20,12 wirklich seine Halbschwester), aber in Wahrheit erreicht er nur das Gegenteil. Erst durch Gottes Eingreifen tritt die Wende ein. Gott lässt nicht zu, dass die Mutter der Verheißung im Harem des ägyptischen Königs verschwindet. Auch der gottgleiche Pharao untersteht seiner Macht!

Diese Szene stellt ein eindrucksvolles Präludium zur Befreiung Israels aus Ägypten im Exodusbuch dar. Aber während dort das Herz des Pharao verhärtet bleibt, lässt sich in dieser Szene der heidnische König von Gott bewegen, seine Kinder freizugeben (vgl. Ex 8,28). Schon hier leuchtet das Ziel der Wege Gottes auf: dass einst alle Völker zu Gott umkehren und gemeinsam mit Israel Gott anbeten werden (vgl. z.B. Jes 19,19ff).

Lot

Genesis 13

Abram und Lot zogen gemeinsam

mit ihren Viehherden durchs Land.

Sobald sie einen Brunnen fanden,

machten sie Halt, schlugen die Zelte auf

und gaben ihren Tieren zu trinken.13,1ff

Inzwischen besaß auch Lot

so viele Schafe, Ziegen und Rinder,

dass es für die Tiere nicht mehr genug

Wasser und Weideland gab.

Darüber brach ein erbitterter Streit aus

zwischen Lots und Abrams Hirten.13,5ff

Als aber Abram sah,

wie die Hirten sich stritten,

sagte er zu Lot, seinem Neffen:

„Wir sind doch blutsverwandt

und gehören wie Brüder zusammen.

So lass keinen Streit zwischen uns sein.

Lieber trennen wir uns.

Sieh, das ganze Land steht dir offen.

Sag, wo willst du wohnen?

Du kannst wählen.

Gehst du nach links,

dann geh ich nach rechts.

Gehst du nach rechts,

dann geh ich nach links.“13,8f

Da blickte Lot um sich

und sah das Jordantal zu seinen Füßen,

reich an Wasser und so verlockend grün

wie der Garten Eden.

„Dort will ich wohnen!“, rief er.

Und sogleich machte er sich auf

mit allem, was er besaß,

und zog hinunter ins Tal.

Dort ließ er sich in Sodom nieder,

einer reichen und blühenden Stadt.

Doch ihre Bewohner

waren von Grund auf verdorben.13,10f

Abram aber blieb im Bergland zurück.

Da sprach Gott zu Abram:

„Schau auf! Blick um dich!

Sieh, dies ganze Land will ich dir

und deinen Nachkommen geben.

Euch soll es für immer gehören.

Wie der Staub auf der Erde,

so viele Nachkommen

wirst du bekommen.

So mache dich auf!

Durchzieh das Land

in seiner Länge und Breite.

Ich will es dir geben.“

Da hörte Abram auf Gott

und machte sich erneut auf den Weg,

um das ganze Land zu erkunden.

Im äußersten Süden des Landes

schlug er sein Zelt auf

und wartete weiter darauf,

dass sich Gottes Verheißung erfüllte.13,14ff

Die Trennung von Lot bedeutet eine erneute Infragestellung der Land- und Nachkommen-Verheißung. Da nun Lot als potenzieller Erbe ausscheidet und nach der Trennung für Abram und seine Herden nur das karge Bergland bleibt, stellt sich für ihn die Frage verschärft: Ist dies wirklich das Land, das Gott ihm verheißen hat? Oder hätte er besser die fruchtbare Jordanebene wählen sollen, die er seinem Neffen überlassen hat? Menschlich betrachtet, hat Abram die schlechtere Wahl getroffen. Aber am Ende bestätigt Gott seine Wahl durch seine erneute Verheißung, die hier sogar noch erweitert und konkretisiert wird. Außerdem deutet der Hinweis auf die Bewohner von Sodom an, dass Abram durch diese Entscheidung vor großem Unheil bewahrt bleibt. Im Vertrauen auf Gottes erneute Zusage macht sich Abram auf den Weg und durchzieht das Land, das Gott seinen Nachkommen zugesprochen hat. Damit bekennt er zeichenhaft, dass dieses Land in Wahrheit Gott allein gehört.

Melchisedek

Genesis 14

Abram wohnte im Hain Mamre

nicht weit von der Stadt Hebron entfernt.

Dort lebte er im Frieden

mit all seinen Nachbarn

und genoss hohes Ansehen

bei den Bewohnern des Landes.14,13b

Und Gott schenkte Abram

großen Reichtum an Silber und Gold.13,2

Und die Zahl seiner Hirten und Herden

nahm immer mehr zu.

So herrschte lange Zeit Frieden im Land.

Doch eines Tages jagte ein Bote heran.

Entsetzt meldete er Abram:14,13

„Drunten im Jordantal

tobt ein furchtbarer Krieg.

Vier Könige aus dem Osten

sind in das Land eingefallen.

Sie haben Sodom geplündert

und alles mitgenommen,

was sie dort fanden.

Auch Lot wurde verschleppt.“14,1ff

Da sammelte Abram

alle seine Knechte um sich,

318 an der Zahl,

eilte mit ihnen hinunter ins Tal

und jagte den Feinden nach.

Und als es Nacht wurde,

fiel er mit seinen Knechten über sie her,

nahm ihnen die reiche Beute ab

und befreite Lot, seinen Neffen,

mitsamt allen anderen,

die verschleppt worden waren.14,14ff

Im Siegeszug kehrten sie heim,

mit reichen Schätzen beladen.

Doch als sie noch unterwegs waren,

kam ihnen Melchisedek,

der König von Salem, entgegen,

gefolgt vom König von Sodom.

Feierlich schritt Melchisedek

auf Abram zu

und brachte ihm Brot zum Gruß

und eine Schale mit Wein.

„Ich bin Melchisedek“, sprach er,

„Priester des höchsten Gottes.

Gesegnet bist du, Abram,

von Gott, dem Höchsten,

der Himmel und Erde schuf.

Gelobt sei der Höchste,

der dir den Sieg geschenkt hat.“14,16ff

Da holte Abram seine Schätze hervor

und legte sie in die Hände des Priesters.

Von allem gab er den zehnten Teil ab.

Die restliche Beute gab er

dem König von Sodom zurück.

Aber der König von Sodom

wollte nichts nehmen.

„Behalte die Beute für dich!

Gib mit nur meine Leute zurück.“14,20f

„Nein, nichts nehme ich an“,

erwiderte Abram.

„Bei Gott, dem Höchsten,

der Himmel und Erde erschuf.

Ich schwöre dir:

Nicht einen Faden,

nicht einen einzigen Schuhriemen,

fasse ich an.

Sonst sagst du am Ende,

du hättest mich reich gemacht.“14,22ff

So gab Abram dem König alles,

was er erbeutet hatte, zurück.

Mit leeren Händen kehrte er

zu seinen Zelten zurück.

Aber der Segen Gottes ging mit ihm

und ruhte auf ihm.

Von diesem Tag an

herrschte wieder Frieden im Land,

solange Abram lebte.

Auf den ersten Blick erscheint diese Erzählung wie ein Fremdkörper im Rahmen der Abrahamsgeschichte. Vermutlich handelt es sich auch um eine ursprünglich selbstständige Überlieferung. Aber durch ihre Einbindung in den Kontext der Abrahamsgeschichte wird die universale Dimension der Segensverheißung deutlich („Durch dich sollen alle Völker der Erde gesegnet werden“; 12,3). Die ungewöhnlich detaillierte Erzählung vom Krieg der vier Könige aus dem Osten stellt Abrams Familiengeschichte in den Horizont der Völkergeschichte, wie sie bereits durch die Völkertafel in Gen 10 vorgezeichnet war. Aber anders als dort verwandelt sich hier der Fluch, der auf der Urgeschichte lag, in eine Segensgeschichte. Abram wird nicht nur zum Segen für die heidnischen Bewohner des Landes, sondern auch umgekehrt: Durch einen heidnischen (!) Priesterkönig wird Abram der Segen des „höchsten Gottes“ zuteil. Es bleibt offen, wer dieser „höchste Gott“ ist, dem Melchisedek dient. Aber Abram nimmt seinen Segen an und ehrt ihn als Priester Gottes, indem er ihm den Zehnten von seiner Beute abgibt, wie es in späterer Zeit den Priestern in Israel zustand (vgl. Ex 29,28; Num 18,20ff). Der Gott, „der Himmel und Erde geschaffen hat“, ist auch sein Gott, der „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“. Im Namen dieses einen Gottes kann Abram im Frieden mit den Bewohnern des Landes leben.

Nacht

Genesis 15

Es war Nacht.

Abram lag wach in seinem Zelt.

Er fand keine Ruhe.

Seit Jahren wartete er mit Sarai darauf,

dass sich Gottes Verheißung erfüllte.

Aber wie lange noch?

Da war es ihm auf einmal,

als hörte er Gottes Stimme:

„Fürchte dich nicht, Abram!

Ich bin dein Schild und dein Lohn.

Du wirst Großes von mir empfangen.“15,1

„Ach Herr, mein Gott!“,

wandte Abram ein.

„Was willst du mir geben?

Du hast uns bis heute

kein Kind geschenkt.

Und bald werde ich sterben.

Dann wird Eliëser, der Knecht,

der mir am nächsten steht,

meinen ganzen Besitz erben.“15,2f

Aber Gott sprach:

„Nein, nicht dein Knecht,

sondern dein eigener Sohn

wird dein Erbe sein.“

Und er fuhr fort:

„Komm vor dein Zelt

und schau auf zum Himmel!

Siehst du die Sterne?

Kannst du sie zählen?

Wie die Sterne am Himmel,

so viele Nachkommen

will ich dir geben.“15,4f

Da vertraute Abram auf Gott

und glaubte seinem Versprechen.

Und Gott nahm seinen Glauben an

und sah ihn als gerecht an.15,6

Und weiter sprach Gott zu Abram:

„Ich bin der Herr,

ich habe dich aus Ur in Chaldäa geführt,

damit ich dir dieses Land gebe.“

„Ach Herr“, antwortete Abram,

„woran kann ich erkennen,

dass ich es wirklich bekomme?“15,7f

In jener Nacht schlief Abram unruhig.

Angst und Schrecken fielen auf ihn.

Da hörte er im Schlaf,

wie Gott zu ihm sprach:

„Schon jetzt lasse ich dich wissen,

was deine Nachkommen

künftig erleiden müssen:

Vierhundert Jahre lang werden sie

Sklaven in einem fremden Land sein.

Aber ich werde sie befreien,

und in dieses Land zurückbringen.

Du aber wirst im Frieden hier sterben.“15,12ff

Da wachte Abram auf.

Ein neuer Morgen brach an.

An diesem Tag schloss Gott

mit Abram einen Bund

und bekräftigte sein Versprechen

feierlich mit einem Schwur:

„Deinen Nachkommen

will ich dieses Land geben.

Ja, das ganze Gebiet

vom Nil bis zum Euphrat

mit all seinen Bewohnern

soll ihnen gehören.“15,18ff

Dieses Kapitel erzählt von zwei Nachterfahrungen im Leben Abrams. Nacht ist es um ihn, und Nacht ist es in ihm. Zum ersten Mal erfahren wir von den inneren Kämpfen Abrams, von seinen Zweifeln und Anfragen an Gottes Verheißung.

In der ersten Szene geht es um die Verheißung der Nachkommenschaft. Es scheint, als habe Abram bereits resigniert. Er erwägt offenbar, seinen obersten Knecht und engsten Vertrauten durch Adoption zum Erben einzusetzen. Es entwickelt sich ein Dialog auf Augenhöhe zwischen Gott und Abram, wobei sich Gott ganz auf Abrams Zweifel und Fragen einlässt, zugleich aber seine Zusage erneuert und sogar noch konkretisiert: Nicht durch Adoption wird Abram Nachkommen erhalten, sondern durch seinen leiblichen Sohn. So verwandelt sich diese Nachtstunde in eine Sternstunde in Abrams Leben.

In der zweiten Szene geht es um die Verheißung des Landes. Das Land der Verheißung ist schon bewohnt, ja, auch die umliegenden Gebiete „vom Nil bis zum Euphrat“ sind in der Hand zahlreicher Völker. Wie kann da die Verheißung jemals in Erfüllung gehen? Sie wird zusätzlich durch die nächtliche Offenbarung künftiger Fremdherrschaft und Unterdrückung (in Ägypten) verdunkelt. Aber am Ende wird die Verheißung nicht nur erneuert, sondern es wird offenbar: Gottes Zukunft mit Abrams Nachkommen übersteigt alle menschliche Vorstellung (15,18ff).

Vieles bleibt in dieser Nachtszene rätselhaft und nur schwer zu erschließen (so etwa der archaische Ritus in Vers 9–11, der hier nicht ausdrücklich einbezogen wird). Aber umso heller leuchtet mitten in dieser dunklen Geschichte der Satz auf, den Paulus im Römerbrief – und in seinem Gefolge auch Martin Luther – als Kernsatz des Evangeliums so formuliert hat: „Abraham glaubte dem Herrn und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit“(15,6; vgl. Röm 4,3). Das hebräische Wort für Glauben heißt aman. Es erinnert an unser Wort „Amen“ und bedeutet so viel wie: sich festmachen in der Treue Gottes, der unverbrüchlich zu seiner Verheißung steht.

Das hebräische Wort für gerecht, Gerechtigkeit hingegen lautet „zedaqa“. Es bezeichnet weder die Gerechtigkeit im juristischen Sinn noch die Gerechtigkeit, die sich der Mensch durch eigene Leistung verdienen kann, sondern meint die von Gott geschenkte Gemeinschaft mit ihm, die hier feierlich bekräftigt wird. Es ist dies die Mitte reformatorischer Botschaft, die hier erstmals ausdrücklich formuliert wird: Allein durch den Glauben wird der Mensch vor Gott gerecht. Und Paulus fügt hinzu: (allein) „durch den Glauben an Jesus Christus!“ (Röm 3,22.28).

Hagar

Genesis 16

Jahr um Jahr verging.

Zehn Jahre gingen ins Land.

Doch nichts geschah.

Noch immer hatte Sarai kein Kind.

Da sagte Sarai zu Abram:

„Worauf wartest du noch?

Sieh mich an! Ich bin zu alt,

um noch ein Kind zu bekommen.

Darum schlage ich vor:

Geh zu meiner Magd Hagar,

die ich aus Ägypten mitgebracht habe,

und nimm sie zur Nebenfrau!

Vielleicht kann sie dir ein Kind schenken.“16,1ff

Da hörte Abram auf seine Frau

und schlief mit Hagar an Sarais Stelle.

Und wirklich: Hagar wurde schwanger.

Sarai merkte es sofort.

Denn Hagar benahm sich

auf einmal ganz anders.

Stolz sah sie auf Sarai herab,

so, als sei sie die Herrin

und Sarai die Magd.16,4

Da hielt es Sarai nicht länger aus.

Sie beschwerte sich bitter bei Abram:

„Sieh doch, wie mir Unrecht geschieht!

Denn seitdem Hagar schwanger ist,

hat sie nur noch Verachtung für mich.

Aber du tust, weiß Gott, nichts dagegen!“

„Gut“, sagte Abram,

„ich überlasse dir Hagar.

Mach mit ihr, was du willst.

Sie ist in deiner Macht.“16,5f

Da beschloss Sarai, sich zu rächen.

Aber Hagar kam ihrer Herrin zuvor.

Als sie erfuhr, was Sarai vorhatte,

machte sie sich auf und davon

und floh in die Wüste.

Sie lief immer weiter,

bis sie zu einer Wasserstelle kam.

Dort ließ sie sich erschöpft fallen.16,7

Doch plötzlich –

rief da nicht jemand ihren Namen?

Erschrocken blickte Hagar sich um.

Da stand ein Engel vor ihr.

„Hagar“, sprach er, „du Magd Sarais.

Woher kommst du? Und wohin willst du?“

„Ach“, brach es aus Hagar hervor,

„ich bin vor meiner Herrin geflohen.“16,7f

Aber der Engel sprach zu ihr:

„Geh nur wieder zurück

und tu, was deine Herrin befiehlt!

Aber höre, was Gott zu dir spricht:

Du wirst einen Sohn bekommen,

den sollst du Ismael nennen,

das bedeutet: Gott hört!

Denn Gott hat deine Klagen gehört.

Wie ein Wildesel,

so wild wird dein Sohn sein.

Er wird mit allen in Streit geraten,

aber dennoch nicht unterliegen.

Ja, er wird sich gegen alle behaupten,

die sich ihm widersetzen.

Und er wird so viele Nachkommen haben,

dass niemand sie zählen kann.“16,9ff

Da ahnte Hagar,

wer zu ihr gesprochen hatte.

Staunend bekannte sie:

„Du bist ein Gott, der mich sieht.“

Und sie fügte hinzu: „Ja, gewiss!

Er hat mich in meinem Elend gesehen.

Ich durfte ihm hinterhersehen.“

Darum heißt der Ort:

Brunnen des Lebendigen, der mich sieht.

Und so heißt er bis heute

und erinnert daran, dass Gott

an diesem Ort Hagar begegnet war.16,13f

Danach kehrte Hagar zu Sarai zurück.

Und bald darauf wurde ihr Sohn geboren.

Abram nannte ihn Ismael,

wie der Engel gesagt hatte.

86 Jahre alt war Abram,

als Ismael geboren wurde.

Von diesem Tag an richtete sich

alle Hoffnung auf Hagars Sohn.16,15f

Diese Geschichte zeigt eindrücklich auf:

Wo immer ein Mensch versucht, die Verheißung selbst zu verwirklichen, droht er zu scheitern, selbst dann, wenn wie hier, solches Vorgehen durchaus üblich war. Hagar soll nach Sarais Plan die Rolle einer „Leihmutter“ übernehmen. Das heißt konkret: Wird das Kind der Leibmagd auf dem Schoß der Herrin geboren, wird es als voll berechtigtes Glied der Familie anerkannt. Aber Sarais Plan geht nicht auf. Denn Hagar lässt sich nicht als Leihmutter gebrauchen, nur weil sie als Sklavin und Leibmagd Sarais nicht über sich entscheiden kann. Menschlich betrachtet, erscheint die Situation ausweglos und ist durch immer neue gegenseitige Demütigungen gekennzeichnet. Erst durch Gottes Eingreifen erfolgt die Wende. Der Engel, durch den Gott selbst zu Hagar spricht, gibt ihr, der ägyptischen Sklavin und Leibmagd, die Würde zurück, die ihr die Menschen vorenthalten.

So nimmt Hagar im Rahmen der Genesiserzählungen eine herausragende Rolle ein. Sie ist die erste Frau in der Bibel, die Gott durch seinen Boten persönlich anspricht und die eine ausdrückliche und umfassende Segensverheißung erhält. Die Ankündigung der Geburt des Sohnes hebt sie auf eine Ebene mit Hanna, der Mutter Samuels (1. Sam 1,17) und seine Namensgebung durch den Engel verbindet sie mit Maria, der Mutter Jesu (Lk 1,31). Wie diese Frauen, so wird auch Hagar zur Zeugin der Barmherzigkeit Gottes, indem sie, die Ausländerin und Sklavin, Gott einen besonderen Namen gibt („Gott, der mich sieht“, hebr. el roi) und mit dem Namen des Brunnens („Brunnen des Lebendigen, der mich sieht“) einen Ort der Erinnerung schafft, an dem Israel künftig seinen Gott als den bezeugen wird, der auf das Elend der Verachteten und Entrechteten „sieht“ und sich ihrer annimmt. Dass der Engel Gottes Hagar wieder an den Ort ihrer Demütigung zurückschickt, erscheint für heutige Ohren kaum erträglich. Aber es ist der Ort, an dem Ismael einzig als legitimer Sohn Abrams seine Anerkennung finden wird. So betrachtet, bedeutet der Befehl zur Rückkehr keine erneute Demütigung, sondern Aufwertung und Rehabilitierung Hagars und ihres Sohnes.

Die Geschichte von Hagar und Ismael, die in Gen 21 ihre Fortsetzung findet, macht deutlich, wie eng die Segensgeschichte Israels mit der Geschichte derer verbunden ist, die sich von Ismael ableiten. Als Kinder Abrams stehen auch sie unter Gottes besonderem Schutz und Segen.

Der Bund

Genesis 17

Viele Jahre gingen ins Land.

Inzwischen zählte Abram

schon fast 100 Jahre.17,1

Und auch sein Sohn Ismael

war nun kein Kind mehr.

Aber noch immer wusste Abram nicht,

ob Ismael wirklich der Sohn war,

den Gott ihm verheißen hatte.

Er wartete auf ein Zeichen von Gott.

Doch nichts geschah.

Endlich, nach Jahren des Wartens,

erschien Gott Abram und sprach zu ihm:

„Ich bin Gott, der Allmächtige.

Bleibe auf meinem Weg

und weiche nicht von mir ab.“17,2

Stumm verneigte sich Abram

vor Gott bis auf die Erde und lauschte.

Er spürte: Gott war ihm ganz nah.17,3

Da sprach Gott zu Abram:

„Sieh, ich schließe mit dir einen Bund.

Und das soll mein Bund mit dir sein:

Nicht mehr Abram, sondern Abraham,

sollst du heißen.

Das soll dein Name für immer sein.

Denn ich will dich zum Vater

vieler Völker machen.

Und deine Nachkommen

werden sehr zahlreich sein.

Auch Könige werden von dir kommen.

Und mein Bund mit dir

und deinen Nachkommen

soll ewig bestehen.

Ich will für immer euer Gott sein.

Und ich will dir

und deinen Nachkommen

das Land geben, in dem du jetzt noch

als Fremder lebst.

So haltet nun meinen Bund,

du und alle deine Nachkommen,

von Generation zu Generation.“17,4ff

Abraham war sprachlos:

Was für ein gewaltiges Versprechen

hatte Gott ihm gegeben!

Aber woran sollte er erkennen,

dass Gottes Bund für alle Zeit galt,

dass auch seine Nachkommen

dazugehörten?

Gott sprach:

„Ich will dir ein Zeichen geben,

das soll dich und deine Nachkommen

immer daran erinnern, wem ihr gehört.

Und das ist das Zeichen des Bundes

zwischen mir und euch:

Ihr sollt jeden Jungen am achten Tag

nach seiner Geburt beschneiden,

und ebenso auch alle Knechte,

die zu dir gehören.“17,10ff

Und Gott sprach weiter:

„Auch deine Frau Sarai

soll ein sichtbares Zeichen bekommen.

Ich will sie segnen

und ihr einen Sohn schenken.

Nicht mehr Sarai soll sie heißen,

sondern Sara soll ihr Name sein.

Denn auch sie will ich segnen.

Sie wird die Mutter vieler Völker werden.“17,15f

Da warf sich Abraham vor Gott nieder

und verbarg sein Gesicht.

Er lachte im Stillen und dachte bei sich:

Wie soll das geschehen?

Sara ist 90 Jahre alt.

Sie kann kein Kind mehr bekommen.

Es ist gewiss nur ein Scherz.

„Ach Herr!“, bat Abraham.

„Lass Ismael leben vor dir.

Lege doch deinen Segen auf ihn!“17,17f

Aber Gott sprach:

„Nein, sondern deine Frau Sara

wird dir einen Sohn schenken,

den sollst du Isaak nennen.

Mit ihm will ich

einen ewigen Bund schließen.

Auch Ismael will ich segnen

und ein großes Volk aus ihm machen.

Doch meinen Bund will ich

mit Saras Sohn schließen.

Nächstes Jahr um diese Zeit

wird er geboren.“17,19ff

So sprach Gott.

Doch als Abraham aufschaute,

war er nicht mehr bei ihm.

Da rief er seinen Sohn Ismael

und alle seine Knechte

und beschnitt sie noch am selben Tag,

wie Gott geboten hatte.17,23

So trat Abraham in den Bund Gottes ein,

mit allen, die zu ihm gehörten.

Von nun an gehörte ihr Leben

für immer dem lebendigen Gott.

Er hatte einen ewigen Bund

mit ihnen geschlossen.

Eine ungewöhnliche Feierlichkeit liegt über dieser Szene. Der heilige Gott „erscheint“ Abraham. Kein Wort wird darüber verloren, wie man sich die Erscheinung vorstellen soll. Es heißt nur ganz lapidar am Ende: „Gott fuhr auf“ (17,22), eine Formulierung, die häufig im Zusammenhang mit Opferhandlungen begegnet (z.B. Ri 13,20). An ihr wird die himmelweite Distanz zwischen Gott und dem Menschen deutlich. Die Offenbarung seines Gottesnamens El schaddai (dt. der „allmächtige Gott“) zeigt die Einzigartigkeit und Heiligkeit Gottes an, wie bei der Gottesoffenbarung am Sinai (Ex 19,1ff). Aber anders als dort, offenbart sich Gott hier nicht durch Feuer oder Erdbeben, sondern allein durch sein Wort. Gottes Bundeszusage, die in Gen 15 nur mit einem Satz geheimnisvoll angedeutet wurde (15,18), wird hier in einer langen Gottesrede umfassend entfaltet.

Wie zuvor mit Noah, so richtet nun Gott seinen Bund mit Abraham auf. Aber sein Versprechen gilt nicht nur ihm, sondern auch ausdrücklich Sara. Es schließt alle Völker und alle kommenden Generationen mit ein. Ein immerwährender Bund wird es sein. Zur Bekräftigung seiner Zusage gibt Gott den beiden neue Namen: nicht mehr Abram, sondern Abraham und nicht mehr Sarai, sondern Sara (d.h. „Fürstin“). Gottes Zusage gipfelt in der konkreten Ankündigung von Isaak, Saras Sohn. An dieser Stelle kann Abraham nicht stumm bleiben. Sein Lachen (von dem Namen Isaak abgeleitet) ist Ausdruck ungläubigen Staunens. Aber die entscheidende Antwort auf Gottes Bundeszusage ist die Beschneidung. Sie ist von Gott selbst angeordnet als sichtbares Zeichen der bleibenden Zugehörigkeit zu Gott. Mit dem Vollzug der Beschneidung an allen männlichen Gliedern des Hauses, auch den fremden Sklaven im Haus, wird der Bund mit Gott rechtsgültig geschlossen. Auf das große Ja Gottes darf der menschliche Bundespartner mit seinem Ja antworten und wird damit in den von Gott gestifteten Bund aufgenommen.

Der Besuch

Genesis 18

Danach suchte Gott

noch einmal Abraham auf.

Aber Abraham erkannte ihn nicht:

Es war ein heißer Tag.

Abraham saß vor seinem Zelt

im Hain Mamre und ruhte sich aus.

Da sah er drei Männer kommen.

Sie blieben vor seinem Zelt stehen.

Sogleich stand Abraham auf,

lief ihnen entgegen und

verneigte sich vor ihnen

bis auf die Erde und sprach:

„Willkommen, ihr Herren!

Geht nicht vorüber!

Gefällt es euch, so seid meine Gäste!

Setzt euch unter den Baum

und ruht euch ein wenig aus!

Man hole Wasser

für eure staubigen Füße!

Ich aber will euch

einen Bissen Brot bringen,

damit ihr gestärkt weiterzieht.“18,1ff

Dann eilte er zu Sara ins Zelt

und rief ihr zu:

„Nimm vom feinsten Mehl.

Knete einen Teig und backe Brot daraus.“

Dann lief er zu den Rindern,

suchte ein zartes Kalb aus

und gab es seinem Knecht.

Der bereitete daraus

ein köstliches Festmahl zu.

Er selbst aber holte

Milch und Butter herbei

und bediente die Gäste.

Aber Abraham wagte nicht

sie zu fragen, wer sie waren.

Stumm stand er vor ihnen,

während sie schweigend aßen.18,6ff

Nachdem sie gegessen hatten,

fragte einer der Gäste:

„Wo ist deine Frau Sara?“

„Drinnen im Zelt“,

antwortete Abraham verwundert.

Woher wusste dieser Fremde,

wie seine Frau hieß?

„Hör zu!“, sagte dieser.

„Ich bringe gute Nachricht für euch.

In einem Jahr komme ich wieder.

Dann wird Sara einen Sohn haben. “18,9f

Das hörte Sara im Zelt.

Sie hatte hinter der Tür gelauscht.

Unmöglich, dachte sie bei sich

und lachte leise in sich hinein.

Ich soll noch ein Kind bekommen?

In meinem Alter?

„Warum lacht Sara?“, fragte der Gast.

„Glaubt sie etwa,

sie kann kein Kind mehr bekommen?

Sollte Gott etwas unmöglich sein?“18,10ff

„Nein!“, wehrte sich Sara erschrocken,

„ich habe gar nicht gelacht.“

„Doch“, sagte der Fremde,

„du hast wirklich gelacht.“18,15

Da ahnten Abraham und Sara,

wer zu ihnen gekommen war:

Gott der Herr,

begleitet von seinen Engeln,

hatte ihnen die gute Nachricht gebracht.

– – –

Bald darauf brachen die Gäste auf.

Abraham gab ihnen das Geleit.

Als sie schon ein Stück weit

gegangen waren, sprach Gott:

„Wie kann ich Abraham etwas verbergen?

Denn ihn habe ich vor anderen erwählt.

Ich will ihn zum großen Volk machen.

Und durch ihn sollen

alle Völker der Erde gesegnet werden.

Darum will ich Abraham sagen,

wohin wir nun gehen: Wir wollen prüfen,

was in Sodom und Gomorra geschieht.

Denn die Menschen dort

sind von Grund auf verdorben.

Ihre Gräueltaten schreien zum Himmel

und ihre Sünde wiegt schwer.“18,16f

Erschrocken blieb Abraham stehen.

Wollte Gott etwa diese Städte zerstören?

In Sodom wohnte doch Lot!

Was würde aus ihm?

„Ach Herr“, fragte Abraham,

„willst du denn zulassen,

dass alle Menschen dort sterben?

Vielleicht wohnen in Sodom

auch Menschen, die auf dich hören.

Vielleicht fünfzig, Herr?“18,22ff

Da sprach Gott:

„Wenn ich dort fünfzig finde,

die auf mich hören,

will ich die Stadt nicht zerstören.“18,26

Aber wenn es nun weniger waren?

Abraham versuchte es noch einmal:

„Wenn es aber fünf weniger sind?“

Gott sprach: „Dann will ich

die Stadt auch nicht zerstören.“18,27f

„Vielleicht sind es aber nur vierzig?“,

wandte Abraham ein.

Gott sprach: „Auch dann will ich

die Stadt nicht zerstören.“18,29

„Und wenn es nur dreißig sind?“

„Auch dann nicht“, sprach Gott.

„Ach Herr“, bat Abraham,

„erlaube, dass ich noch einmal frage:

Wenn es nur zwanzig sind,

die auf dich hören?“

Gott sprach: „Auch dann will ich

die Stadt nicht zerstören.“

„Wenn es aber nur zehn sind?“

„Auch dann nicht“, sprach Gott.18,31f

Da wagte Abraham nicht mehr

weiterzufragen.

Und als er aufschaute,

war Gott nicht mehr bei ihm.

Doch in der Ferne

sah er die beiden Engel.

Sie liefen auf Sodom zu.

Da ahnte Abraham,

was Gott mit Sodom vorhatte.

Still kehrte er zurück zu Sara ins Zelt.18,33

Ein deutlicher Szenenwechsel findet hier statt. Auf den feierlichen Bundesschluss in Kap. 17 folgt diese so liebevoll und detailliert beschriebene Szene im Hain Mamre, Abrahams Wohnsitz. Ein anschauliches Beispiel orientalischer Gastfreundschaft und liebenswerter Menschlichkeit. Man spürt in dieser Erzählung förmlich die Freude Abrahams an den fremden Gästen und zugleich auch eine leise Vorahnung, dass sich in dieser Szene Großes ankündigen wird. So menschlich nah erscheint hier Gott in der Alltagswelt von Abraham und Sara, um den beiden die Geburt des lang ersehnten Sohnes anzukündigen: „Sollte Gott etwas unmöglich sein?“

Das ist die gute Nachricht, die Abraham und Sara in dieser geheimnisvollen Begegnung ganz konkret an sich selbst erfahren. Es ist dieselbe Erfahrung, die an späterer Stelle Hanna, die Mutter Samuels (1. Sam 1), und im Neuen Testament auch Elisabeth, die Mutter des Johannes, und vor allem Maria, die Mutter Jesu, machen werden, als ihnen die Geburt ihres Sohnes angekündigt wird. Sie alle erfahren am eigenen Leib: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich“ (Lk 1,37). Inmitten einer Welt, die gezeichnet ist von Gewalt und Unrecht, beginnt Gott im Verborgenen mit einem kleinen Kind, das noch gar nicht gezeugt, geschweige denn geboren ist, eine neue Hoffnungsgeschichte. Und wo Menschen selbst mit ihren Möglichkeiten am Ende sind und nur ihre eigene Ohnmacht bekennen können, da setzt Gott sein mächtiges „möglich“ dagegen. Dies haben zuerst Abraham und Sara erfahren. Alle bisherigen Versuche, auf andere Weise Gottes Verheißung zu verwirklichen, sind gescheitert. Nun, da Sara endgültig alle Hoffnung aufgegeben hat, fordert Gott sie und auch Abraham zu einem neuen Glaubenswagnis heraus.

In scharfem Kontrast zu dieser Ankündigung, die neues Leben verheißt, folgt im zweiten Teil die Ankündigung des Gerichts über Sodom und Gomorra. Beide Städte gelten als Inbegriff einer dekadenten und selbstzerstörerischen Welt, die auf ihren sicheren Untergang zutreibt. Aber Abraham weiß sich auch dieser gottfeindlichen Welt verpflichtet. Abraham ringt mit Gott im Gebet.

In seiner Fürbitte für Lot ist auch die ganze Stadt Sodom in ihrer Verdorbenheit mit eingeschlossen. Sechsmal trägt er – demütig und beharrlich zugleich – Gott seine Bitte vor. Und Gott lässt sich auf einen Dialog mit ihm ein. Sechsmal ist er bereit, das Gericht über Sodom zurückzuhalten, sofern nur einige wenige Menschen darin leben, die auf Gottes Gebote hören. Aber am Ende steht fest: Nicht einmal zehn Gerechte – die kleinste Einheit – leben in Sodom!

In diesem Gebet erscheint Abraham als Mittler zwischen Gott und den Menschen. Als solcher steht er in einer Reihe mit Mose und den großen Propheten, die den Auftrag hatten, vor Gott in Fürbitte für ihr Volk einzutreten.

Sodom

Genesis 19

Es war bereits Abend,

als die beiden Engel Sodom erreichten.

Lot sah sie kommen

und lief den Männern entgegen.

Er verneigte sich vor ihnen

bis auf die Erde

und begrüßte sie freundlich:

„Kommt in mein Haus!

Seid meine Gäste

und ruht euch über Nacht aus.

Morgen früh könnt ihr weiterziehen.“19,1f

Sie aber erwiderten:

„Nein, wir kehren nicht ein.

Wir übernachten hier draußen.“

Aber Lot drängte sie so lange,

bis sie ihm in sein Haus folgten.

Dort bereitete er ihnen ein Mahl zu

und setzte ihnen gebackenes Brot vor.

Doch kaum hatten sie gegessen,

hörten sie draußen wildes Geschrei.

Vor dem Haus

tobten die Männer von Sodom.

Sie umringten das Haus,

schlugen an die Tür und schrien:

„Lot, mach uns auf!

Gib sofort die Fremden heraus!

Wir wollen uns an ihnen vergnügen.“19,2f

Aber Lot ging zu ihnen hinaus

und bat sie inständig:

„Ach, liebe Freunde, bitte, hört auf!

Lasst meine Gäste in Frieden!

Tut ihnen nichts Böses an!

Eher gebe ich meine Töchter heraus.

Aber meine Gäste liefere ich nicht aus.“

Aber die Männer schrien noch mehr:

„Weg mit dir! Was willst du hier?

Spielst du dich als Richter über uns auf?

Du bist ja selbst ein Fremder

in unserer Stadt. Warte nur!

Dir ergeht es noch schlimmer!“

Und schon machten sie sich über Lot her.

Aber die Engel zogen ihn

schnell ins Haus

und schlossen die Tür wieder zu.

Doch als die Männer von Sodom

die Tür stürmen wollten,

sahen sie auf einmal nichts mehr.

Hilflos tappten sie im Dunkeln umher.19,6ff

Endlich wurde es draußen still.

Da erzählten die Engel,

warum sie gekommen waren.

„Auf“, drängten sie Lot,

„flieh mit deiner Frau

und deinen zwei Töchtern,

bevor es zu spät ist!

Denn Gott wird Sodom zerstören.“

Da lief Lot zu den Männern,

die mit seinen Töchtern verlobt waren

und rief ihnen zu:

„Flieht schnell aus der Stadt!

Denn Gott wird Sodom vernichten!“

Sie aber lachten ihn aus.19,12ff

Schon wurde es draußen hell.

Der Morgen brach an.

„Auf, eil dich!“, drängten die Engel.

„Sonst kommst du auch um.“

Sie nahmen Lot an die Hand

und mit seiner Frau und den Töchtern

flohen sie aus der Stadt.

Und sie hielten nicht an,

bis sie Sodom hinter sich hatten.

„Nun lauft allein weiter!“,

befahlen die Engel.

„Flieht in die Berge!

Bleibt ja nicht stehen!

Dreht euch nicht um!“19,15ff

Und schon brach das Unheil

über Sodom herein.

Die Erde bebte und dröhnte.

Feuer fiel vom Himmel

und ließ alles in Flammen aufgehen,

die Häuser, die Mauern, die Menschen.

Nichts blieb von der Stadt übrig,

nur Schutt und Asche.19,24f

Da packte Lot seine Töchter

und lief um sein Leben.

Aber Lots Frau blieb stehen.

Da war es um sie geschehen.

Sie drehte sich um – und erstarrte.19,26

Am selben Morgen

stand Abraham früh auf.

Er stieg auf einen Hügel,

um nach Sodom zu schauen.

Aber von der Stadt

war nichts mehr zu sehen.

Nur eine Rauchwolke

stieg aus dem Tal auf.

Da wusste Abraham:

Nicht einmal zehn Menschen

hatten in Sodom auf Gott gehört.19,27ff

Aber noch ahnte Abraham nicht:

Lot und seine Töchter waren gerettet.

Gott hatte ihr Leben verschont.

Mit der Geschichte vom Untergang Sodoms gewinnen wir einen Eindruck vom Leben in den Städten Kanaans, von hemmungslosen Exzessen und von brutaler Gewalt. Es stellt das Gegenbild zum Leben Abrahams als Halbnomade dar (Abraham hat zwar einen festen Wohnsitz, aber wohnt noch immer in Zelten). Lot repräsentiert in seiner Person beide Welten: zum einen lässt er sich vom Glanz und Reichtum Sodoms faszinieren und hat seine Rolle als Viehhirte mit der eines Städters eingetauscht (Gen 13). Zum andern aber erfährt er nun die grausame Kehrseite dieser brillierenden Welt: eine Welt, die das alte Gastrecht missachtet und die die Fremden als Freiwild betrachtet, die selbst Lot, ihren langjährigen Mitbürger, als Fremden ausgrenzt (obwohl dieser sie als „Brüder“ anspricht, 19,7), eine Welt, in der nur das Recht des Stärkeren gilt und offenbar alles erlaubt ist, die keine Tabus kennt und auch vor sexuellen Übergriffen nicht zurückschreckt.

Diese Welt, so zeigt die Geschichte, ist nicht erst durch die drohende Naturkatastrophe, sondern durch menschliche Schuld dem Untergang geweiht. Sodom gilt daher als Inbegriff moralischer Dekadenz und sexueller Verirrung (vgl. 2. Petr 2,7). Sogar Lot ist in seinem Handeln nicht davon frei. Er ist in seiner Not sogar bereit, seine eigenen Töchter dem Mob von Sodom auszuliefern, um die Fremden zu retten (19,8).

Aber mitten durch diese bedrückende Geschichte, die in einem apokalyptischen Inferno endet, zieht sich Gottes Rettungsaktion. Lot kann als einziger „Gerechter“ (18,32) zwar nicht seine Stadt retten, aber Gott rettet ihn und seine Töchter aus dieser Hölle und macht ihn zum Stammvater der Moabiter und Ammoniter (19,36ff). Am Ende wird offenbar: Gottes Rettungshandeln reicht über Israel hinaus und schließt auch die Nachbarvölker mit ein.

Abimelech

Genesis 20

Danach machte sich Abraham auf

und zog weiter nach Süden

bis ins Nachbarland Gerar.

Dort regierte ein heidnischer König,

Abimelech mit Namen.

Als dieser erfuhr,

dass ein Fremder in seiner Stadt war,

schickte er Boten zu Abraham

und ließ Sara an seinen Hof holen.

Denn Abraham hatte verkündet:

Sie ist meine Schwester.20,1f

Aber in der Nacht hatte der König

einen schlimmen Traum.

Ihm träumte, Gott stünde vor ihm

und klagte ihn an:

„Abimelech, du musst sterben.

Denn du hast dir die Frau genommen,

die einem anderen gehört.“

Aber Abimelech hatte Sara

noch nicht berührt.20,3f

„Ach Herr!“,

erwiderte der König erschrocken.

„Willst du mein Volk so hart bestrafen,

obwohl es doch unschuldig ist?

Als ich die Frau zu mir nahm,

dachte ich mir nichts Böses dabei.

Ich wusste ja nicht,

dass sie Abrahams Frau ist.

Hat er nicht gesagt,

sie ist seine Schwester?

Und hat sie nicht selbst gesagt,

er sei ihr Bruder?

Ich hab es ohne böse Absicht getan.“20,4f

„Ich weiß wohl“, sprach Gott,

„du hast es ehrlich gemeint.

Darum habe ich dich davor bewahrt,

dass du dich an ihr vergehst

und eine schwere Schuld auf dich lädst.

So gib Abraham seine Frau wieder.

Denn dieser Mann ist ein Prophet.

Sag ihm, er soll für dich beten,

damit du am Leben bleibst.“20,6f

Da stand der König

am nächsten Morgen früh auf

und beriet sich mit seinen Vertrauten.

Diese hörten erschrocken,

was der König geträumt hatte.

Der König aber ließ Abraham holen

und stellte ihn vor allen zur Rede:

„Warum hast du mir das angetan?

Was habe ich dir denn getan,

dass du solch schwere Schuld

über uns bringen wolltest.“20,8ff

„Ich dachte mir“, stammelte Abraham,

„in diesem Land glaubt niemand an Gott.

Niemand fürchtet ihn

und hält sich an sein Gebot.

Darum glaubte ich:

Sie werden mich töten,

wenn sie meine Frau sehen.

So gab ich vor,

sie sei meine Schwester.

Ja, sie ist auch meine Halbschwester.

Denn wir haben beide denselben Vater.“20,11ff

Darauf gab der König Sara

wieder an Abraham zurück

und bot ihm an:

„Mein ganzes Land steht dir offen.

Du kannst bei uns wohnen,

wo immer es dir gefällt.“

Und zu Sara sprach er:

„Ich habe deinem Mann

1000 Silbermünzen gegeben.

Sie sind ein Geschenk an dich,

damit deine Ehre wieder

hergestellt wird.“20,14ff

So ließ König Abimelech

die beiden in Frieden ziehen,

sodass niemand wagte,

ihnen ein Leid zuzufügen.

Abraham aber betete für den König.

Und Gott segnete ihn

und schenkte ihm Kinder,

die ihm zuvor verwehrt waren.20,17f

Unmittelbar vor der Geburt des verheißenen Sohnes wird Gottes Verheißung noch einmal ernsthaft infrage gestellt. Dadurch erhöht sich die Spannung zwischen der Ankündigung des Sohnes (18,10) und ihrer Erfüllung nach vielen Jahren vergeblichen Wartens (21,1ff). Es ist zwar nur schwer vorstellbar, dass Sara im Alter von 90 Jahren noch Gefallen bei Abimelech findet. Aber das Gewicht liegt in dieser Erzählung vor allem auf der Gegenüberstellung von Abraham und Abimelech:

Abraham, der Vater des verheißenen Sohnes, gefährdet gleichsam in letzter Minute die Erfüllung der Verheißung, indem er sich und seine Frau durch eine Halbwahrheit zu retten sucht. Dadurch macht er sich nicht nur an seiner Frau schuldig, sondern auch an Abimelech, dem er unterstellt, keine „Gottesfurcht“ zu haben, d.h. Gottes Gebot nicht zu achten und sie als rechtlose Fremde zu behandeln. Aber Abraham wird durch das noble Verhalten dieses heidnischen Königs widerlegt und beschämt.

Abimelech, der im folgenden Kapitel (21,32) als König der Philister bezeichnet wird, gilt als Repräsentant jenes Volkes, das Israel von jeher als seinen Erzfeind betrachtet hat. Aber hier wird der Philisterkönig in seiner Großmut und Gottesfurcht Abraham, dem Erzvater Israels, in seinem Kleinmut und seiner schuldhaften Verfehlung gegenübergestellt.

Dass Gott dennoch zu Abraham steht, dass dieser trotz seiner Schuld seinen prophetischen Auftrag wahrnehmen und in Fürbitte für den heidnischen König und seine Familie eintreten darf, verdankt er allein Gottes Gnade.

Diese Geschichte ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie sich Israel später selbstkritisch mit der eigenen Geschichte als Volk Gottes inmitten anderer Völker auseinandergesetzt hat.

Ismael

Genesis 21

Endlich war es so weit:

Sara gebar einen Sohn.

Hundert Jahre alt war Abraham,

als er geboren wurde.

Abraham gab ihm den Namen Isaak

und beschnitt ihn am achten Tag,

wie Gott ihm geboten hatte.

„Seht“, rief Sara,

als sie das Kind in den Armen hielt,

„Gott hat mich mit Lachen erfüllt.

Denn das bedeutet sein Name.

Und alle, die es hören,

werden auch lachen.

Denn wer hätte gedacht,

dass Abraham in seinem Alter

noch einen Sohn bekommt?“21,1f

So wuchs Isaak heran.

Er lernte laufen und sprechen.

Mit drei Jahren war er schon so groß,

dass er nicht mehr gestillt wurde.

Da machte Abraham für Isaak

ein großes Festmahl.

Auch Hagar und Ismael

nahmen an dem Fest teil.21,8

Doch mitten auf dem Fest

kam es zum Streit.

Denn als Ismael sah,

wie sein Bruder geehrt wurde,

setzte er diesem so zu,

dass Sara es nicht mehr ertrug.

Sie ging zu Abraham

und beklagte sich bitter:

„So geht es nicht weiter!

Wir können Hagars Sohn

nicht länger bei uns behalten.

Auf, schick ihn fort

mitsamt seiner Mutter.

Denn ich will nicht, dass Ismael

das Erbe mit meinem Sohn teilt.“21,9f

„Wie?“, erwiderte Abraham entsetzt,

„ich soll Ismael wegschicken?

Vergiss nicht: Er ist mein Sohn!“21,11

Aber in der Nacht

sprach Gott zu Abraham:

„Tu, was Sara dir sagt!

Denn Isaak wird der Stammvater

deiner Nachkommen sein.

Doch auch Ismael will ich

zum großen Volk machen,

weil er dein Sohn ist.“21,12f

Da hörte Abraham auf Gott.

Am nächsten Morgen stand er früh auf,

holte Brot und einen Schlauch,

der mit Wasser gefüllt war,

und legte beides auf Hagars Schultern.

Dann nahm er Abschied von Hagar

und seinem Sohn Ismael

und schickte sie fort.21,14

Nun waren die beiden

ganz allein auf sich gestellt.

Viele Stunden lang irrten sie

durch die endlose Wüste.

Das Wasser ging zu Ende.

Ismael konnte nicht mehr.

Und weit und breit

war keine Wasserstelle zu finden,

keine Quelle, auch keine Zisterne.

Da warf Hagar ihren Sohn

unter einen Strauch.

Sie aber lief noch ein Stück weiter,

bis sie Ismael nicht mehr hörte und sah.

Dort ließ sie sich fallen

und verzweifelt schluchzte sie:

„Ich kann nicht mit ansehen,

wie mein Sohn stirbt.“21,15f

Aber plötzlich –

rief da nicht eine Stimme?

Verwundert sah Hagar sich um.

Aber weit und breit

war niemand zu sehen.

Da hörte sie wieder die Stimme:

„Hagar, was hast du?

Fürchte dich nicht!

Gott hat gehört,

wie dein Sohn weint.

Darum steh auf!

Nimm deinen Sohn an die Hand!

Denn ich will ihn

zu einem großen Volk machen.“ 21,17f

Da merkte Hagar:

Gott hatte zu ihr gesprochen.

Er hatte seinen Engel

vom Himmel zu ihr gesandt.21,17

Plötzlich entdeckte sie einen Brunnen.

Wie war das nur möglich?

Vorher hatte sie ihn gar nicht bemerkt.

Sie lief zu dem Brunnen,

füllte ihren Schlauch mit Wasser

und gab ihrem Sohn zu trinken.21,19

Da kam auf einmal

wieder Leben in ihren Sohn.

Er öffnete seine Augen, stand auf,

und gestärkt setzten die beiden

ihren Weg fort.

– – –

So wuchs Ismael heran.

Und Gott war mit ihm,

wohin er auch ging.

Ismael wurde ein guter Schütze.

Er wohnte in der Wüste Paran

und nahm eine Ägypterin zur Frau.

Mit ihr zeugte er zwölf Söhne,

und seine Nachkommen

breiteten sich immer mehr aus,21,21/

wie Gott ihm verheißen hatte.25,12ff

Kaum ist der Sohn der Verheißung geboren, bahnt sich ein neuer Konflikt an. Ausgerechnet ein festlicher Anlass, das Fest der Entwöhnung, das den Übergang vom Säuglingsalter ins Kindesalter feiert, bringt ihn zum Ausbruch. Sara besteht darauf, dass ihr Sohn zum rechtmäßigen Alleinerben erklärt wird, obwohl nach Dtn 21,15ff dem Erstgeborenen der doppelte Anteil zusteht, selbst wenn dieser nur der Sohn der Nebenfrau ist. Dennoch muss sich Abraham der Forderung Saras fügen, angeblich mit göttlicher Billigung. Es folgt die Schilderung einer menschlichen Tragödie von unvorstellbarer Härte. Abraham verstößt seine Nebenfrau und mit ihr setzt er auch seinen erstgeborenen Sohn den tödlichen Gefahren in der Wüste aus. Aber ausgerechnet dort, wo, menschlich gesehen, kein Ausweg mehr scheint, tritt die Wende ein: Gott greift „vom Himmel her“ (21,17) ein. Er hört das Schreien des Sohnes (Ismael bedeutet „Gott hört“, 16,11) und beginnt mit ihm eine neue Hoffnungsgeschichte.

„Der Herr hört die Armen“ (Ps 69,34), die zu ihm schreien. Auch denen, die von Menschen verstoßen sind, gilt Gottes Zuwendung und Segen. Das ist die revolutionäre Botschaft dieser Erzählung, ähnlich wie in Gen 16. Durch die Wiederaufnahme des Themas in Gen 21 wird seine Bedeutung für Israel zusätzlich unterstrichen. Es nimmt den künftigen Konflikt zwischen den Nachkommen Ismaels und Isaaks schon vorweg. Aber auch den „Söhnen Ismaels“ gilt Gottes Verheißung. Auch sie stehen unter seinem besonderen Schutz und Segen. Erst bei Abrahams Begräbnis kommen beide Söhne wieder zusammen (25,8f). Ein versöhnliches Zeichen der Hoffnung!

Isaak

Genesis 22

Viele Jahre lang

mussten Abraham und Sara warten,

bis Gott ihnen den Sohn schenkte,

den er ihnen verheißen hatte.

Abraham liebte Isaak über alles.

Um nichts in der Welt hätte er

seinen Sohn wieder hergegeben.

Aber zuletzt wurde Abrahams Glaube

auf seine härteste Probe gestellt:

Eines Nachts hörte Abraham,

wie Gott zu ihm sprach:

„Abraham! Abraham!“

„Ja, hier bin ich“, antwortete Abraham.

Gott sprach: „Nimm Isaak,

deinen einzigen Sohn, den du lieb hast.

Geh mit ihm in das Land Morija

und opfere ihn dort auf dem Berg,

den ich dir zeigen werde.“22,1f

Abraham war sprachlos.

Wollte Gott wirklich

dieses Opfer von ihm haben?

Stumm wartete er,

bis der Morgen anbrach.

Dann stand er auf,

sattelte seinen Esel,

spaltete Holz für das Opfer,

weckte zwei seiner Knechte

und rief Isaak, seinen geliebten Sohn,

Danach machte er sich auf

und zog mit ihm ins Land Morija,

wie Gott gesagt hatte.22,3

Am dritten Tag

kamen sie endlich zu dem Berg,

von dem Gott geredet hatte,

Abraham und sein Sohn Isaak.

Da sagte Abraham zu den Knechten:

„Bleibt ihr hier mit dem Esel!

Ich gehe mit Isaak allein auf den Berg.

Und wenn wir dort geopfert haben,

kehren wir wieder zu euch zurück.“22,4f

Und Abraham nahm das Holz,

legte es Isaak auf die Schultern

und nahm selbst die Glut

und das Messer in seine Hand.

So gingen die beiden stumm

nebeneinander her.

Aber nach einer Weile

fragte Isaak: „Mein Vater?“

„Ja, was ist, mein Sohn?“

„Sieh, wir haben wohl Feuer

und Holz für das Opfer.

Aber wo ist das Schaf,

das wir opfern?“

„Mein Sohn“, antwortete Abraham,

„Gott wird es uns geben.“

Da fragte Isaak nichts mehr.

Still gingen die beiden miteinander,

bis sie auf dem Berg waren.

Dort baute Abraham

aus Steinen einen Altar,

schichtete das Holz darauf,

band Isaak, seinen geliebten Sohn,

und legte ihn auf den Altar.22,6ff

Doch plötzlich – rief da nicht jemand?

„Abraham! Abraham!“

„Ja, hier bin ich!“, antwortete Abraham.

Da hörte er wieder die Stimme:

„Rühr deinen Sohn nicht an!

Tu ihm nichts an.

Denn nun weiß ich,

dass du bereit bist,

Gott alles zu geben,

sogar deinen einzigen Sohn.

Aber Gott will dein Opfer nicht haben.“22,11f

Da blickte Abraham auf

und sah einen Widder,

der hing im Gestrüpp fest.

Schnell griff Abraham zu,

und opferte ihn an Isaaks Stelle.22,13

Nun war Abraham gewiss:

Gott hatte alles gesehen.

Er selbst hatte ihm Einhalt geboten.

Darum gab er dem Ort den Namen:

Der Herr sieht.22,14

Und Gott sprach weiter zu ihm:

„Du warst bereit, mir alles zu geben.

Sogar deinen einzigen Sohn

hast du nicht verschont.

So will ich dir noch viel mehr geben.

Ich will deine Nachkommen segnen,

und sie so zahlreich machen

wie die Sterne am Himmel

und wie der Sand am Meer.

Und durch deine Nachkommen sollen

alle Völker der Erde gesegnet werden.“22,15ff

Dankbar kehrte Abraham

mit Isaak zu Sara zurück.

Gott hatte ihnen den Sohn

aufs Neue geschenkt.22,19

Am Ende seines Lebens muss sich Abraham noch einmal auf den Weg machen. Es ist der letzte und schwerste Weg, den Gott ihm zumutet.

Schon der erste Satz der Erzählung baut eine schier unerträgliche Spannung auf: Gott stellt Abraham auf die Probe (wörtl. er „versucht“ ihn). Abraham soll seinen Sohn hergeben, den Sohn, der Abraham und Sara nach langen Jahren des Wartens endlich geschenkt wurde, den einzigen, der ihm nach der Trennung von Ismael noch geblieben ist, den Sohn der Verheißung, von dem allein die Zukunft des Volkes abhängt.

Die Forderung Gottes weckt beim Leser Widerspruch, ja geradezu Empörung. Man möchte im Namen Abrahams und Isaaks die Geschichte aufhalten oder zumindest eine Erklärung für den ungeheuerlichen Auftrag bekommen, der alles infrage zu stellen scheint, was bisher über Gottes Weg mit Abraham ausgesagt war. Aber die Erzählung schweigt sich darüber aus. Stattdessen zeigt sie, wie sich Abraham ohne Widerspruch auf den Weg macht, wie einst bei seinem Aufbruch aus Haran (12,4). Stumm geht er seinen Weg mit Isaak.

Unaufhaltsam und unerbittlich zeichnet die Erzählung seinen Weg nach, ohne dessen Härte mildern zu wollen. Im Gegenteil: Die Frage Isaaks steigert noch die Spannung. Abraham kann seinem Sohn nicht einmal erklären, was Gott vorhat. Nur ganz verhalten drückt sich die Beziehung zwischen den beiden in dem wiederholten Satz aus: „Und gingen die beiden miteinander“. Erst ganz am Ende ihres Weges wird offenbar: Gott war auf dem ganzen Weg mit ihnen. Er hat alles „gesehen“. (Der Name des Ortes „Gott sieht“ wird von dem Namen Morija und dessen vermutlicher Bedeutung abgeleitet.) Die Erzählung endet mit der Erneuerung und Überbietung der Verheißung Gottes.

Die Geschichte von „Isaaks Bindung“, wie sie in jüdischer Überlieferung heißt, gehört zu den herausragenden Texten des Alten Testaments. Viele Generationen haben sich an ihr wund gerieben. Mit Recht, denn sie erlaubt keine vorschnellen Erklärungen oder gar Rechtfertigung Gottes. Vielmehr nimmt sie uns mit auf den Weg, den Abraham gehen muss. Dieser Weg führt in immer größere Dunkelheit und scheinbare Gottesferne. Aber dennoch geht Abraham diesen Weg, im unbegreiflichen Festhalten an Gottes Zusage oder, wie es der Hebräerbrief deutet: Denn Abraham „dachte, dass Gott auch von den Toten erwecken kann“ (Hebr 11,19).

Diese Geschichte wurde im Lauf der Auslegungsgeschichte oft zum Anlass genommen, den „alttestamentarischen grausamen“ Gott gegen den liebenden Gott auszuspielen. Aber sowohl innerhalb der jüdischen wie auch in der christlichen Tradition nimmt gerade diese Geschichte einen unverzichtbaren Platz ein. Gott nimmt das Opfer Abrahams nicht an: Isaak wird „verschont“ (16b). Aber der Sohn Gottes geht den Weg der Selbsthingabe bis zum Tod am Kreuz. Ausdrücklich erzählt das Markusevangelium vom Tod Jesu am Kreuz, dass im Tempel der Vorhang zum Allerheiligsten zerriss (Mk 15,38). Der Tempel ist nach jüdischer Überlieferung genau an dem Ort errichtet worden, wo Isaak geopfert werden sollte (vgl. 2. Chr 3,1).

In der Zusammenschau beider Ereignisse wird das Geheimnis der Liebe Gottes offenbar, der diesen Weg gegangen ist – für uns! So heißt es bei Paulus – in deutlicher Anlehnung an Gen 22,16: „Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein? Welcher auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm 8,31f)

Hebron

Genesis 23

Ein Leben lang hatte Sara

an Abrahams Seite gelebt

und Freud und Leid mit ihm geteilt.

Mit 127 Jahren starb sie,

als Fremde in einem Land,

das immer noch anderen gehörte.23,1f

Als Abraham hörte,

dass seine Frau tot war,

ging er zu ihr ins Zelt

und hielt die Totenklage bei ihr.

Viele Tage lang

harrte er bei ihr aus,

in Sack und Asche gehüllt.

Aber noch hatte er für Sara kein Grab.

Er besaß noch nicht einmal

ein eigenes Stück Land.23,1f

Da stand Abraham auf

und machte sich auf den Weg

zur nahen Stadt Hebron.

Seine Bewohner gehörten

zum Volk der Hetiter.

Als Abraham dort ankam,

hatten sich gerade die Stadtoberen

am Stadttor versammelt

und berieten sich miteinander.

Abraham ging auf sie zu,

verneigte sich vor ihnen

und bat sie höflich:

„Erlaubt mir, dass ich meine Frau

bei euch begrabe.

Denn ich bin hier nur ein Gast

und lebe als Fremder bei euch.

So bitte ich euch:

Verkauft mir ein Stück Land

für eine Grabstätte.“23,4ff

Aber die Hetiter erwiderten:

„Edler Herr! Höre uns an!

Du bist ein Fürst Gottes,

den wir hoch achten.

Darum bieten wir dir

ein Fürstengrab an.

Dahin magst du deine Frau bringen.

Kein Mensch wird es dir verwehren.“23,5f

Doch Abraham verneigte sich

und antwortete feierlich:

„Wenn es euch recht ist,

dass ich meine Frau bei euch begrabe,

so hört mich an.

Bittet Efron, der unter euch ist,

dass er mir seine Höhle verkauft.“23,8ff

„Aber nein“, erwiderte Efron.

„Mein Herr, höre mir zu!

Ich schenke dir den Acker

und die Höhle dazu.

Diese Männer sind meine Zeugen.“23,10f

Doch Abraham entgegnete höflich:

„Ich bitte dich! Nimm das Geld an,

damit ich meine Frau

auf eigenem Land begraben kann.“23,12f

„Gut, wie du willst“, meinte Efron.

„Der Acker ist 400 Pfund wert.

Aber was bedeutet das schon

zwischen uns beiden?“23,14f

Da holte Abraham das Silber hervor,

legte es auf die Waage

und gab es Efron als Kaufpreis.

Danach bestattete er Sara

mit allen Ehren in der Höhle Machpela,

die er von Efron gekauft hatte,

und bestimmte sie zur Ruhestatt

für seine Nachkommen.23,16ff

Dies war das erste Stück Land,

das Abraham im Land Kanaan kaufte,

östlich von Hebron gelegen.23,19

Es war nur ein einziger Acker.

Aber dieses kleine Stück Land

war wie ein stummes Versprechen:

Einst würde der Tag kommen,

an dem Abrahams Nachkommen

das ganze Land bewohnten,

wie Gott Abraham verheißen hatte.

Diese Erzählung zeigt erneut die friedliche Koexistenz zwischen den sesshaften Bewohnern des Landes und dem Halbnomaden Abraham. Sie drückt sich hier in dem höflichen Umgang der Verhandlungspartner und in dem noblen Angebot der Einwohner Hebrons aus. Dennoch besteht Abraham auf dem rechtmäßigen Kauf des Ackers unter Zeugen. Die Höhle von Machpela und das dazugehörige Stück Land gelten für Abrahams Nachkommen als Garanten der Landverheißung. Es ist die Ruhestatt der Väter und Mütter Israels (Abraham und Sara, Isaak und Rebekka, Jakob und Lea; s. 49,30f / 50,13) und bis heute Pilgerstätte für Juden und Moslems, an der sich immer neu der Konflikt zwischen beiden Seiten entzündet.

Isaak und Rebekka

Genesis 24

Jahre vergingen.

Abraham war nun hoch betagt.

Und auch sein Sohn Isaak

war inzwischen bereits vierzig Jahre.

Aber er hatte noch keine Frau.25,20

Da bat Abraham seinen ältesten Knecht,

dem er am meisten vertraute:

„Mach dich auf und suche

für meinen Sohn Isaak eine Frau!

Aber schwöre mir bei Gott,

dass du keine von den Frauen wählst,

die hier in Land Kanaan wohnen.

Sondern zieh in meine Heimat

zu meinen Verwandten nach Haran.

Dort wirst du die Frau finden,

die Gott für Isaak bestimmt hat.“

„Wenn aber die Frau nicht mitgeht?“

„Gott wird dich führen“, sagte Abraham.

„Wie er mich geführt hat,

so wird sein Engel auch vor dir hergehen

und dir die richtige Frau zeigen.“24,2ff

Da nahm der Knecht

zehn Kamele mit sich,

mit reichen Geschenken beladen,

und machte sich auf den Weg.

Wochenlang war er unterwegs,

bis er Haran erreichte.

Es war gegen Abend,

≠als er dort ankam.

So wartete er draußen am Brunnen,

bis die Frauen aus der Stadt kamen,

um Wasser zu schöpfen.24,10f

„Ach Herr!“, betete er.

„Lass es mir heute gelingen!

Sieh, ich stehe hier am Brunnen.

Gleich kommen die Frauen,

um Wasser zu schöpfen.

Wenn ich eine von ihnen bitte:

Gib mir zu trinken!,

und wenn diese dann sagt:

Ja, trink nur!

Ich will deine Kamele auch tränken,

dann weiß ich: Das ist die Frau,

die du für Isaak bestimmt hast.“24,14ff

Doch als er noch betete,

sah er am Brunnen ein Mädchen,

jung und schön.

Der Knecht ging auf sie zu und bat:

„Lass mich ein wenig Wasser

aus deinem Krug trinken!“

„Ja, trink nur!“, sagte das Mädchen.

„Ich will deine Kamele auch tränken.“

Sogleich nahm sie den Krug

von der Schulter

und gab ihm zu trinken.

Dann eilte sie zu den Kamelen

und goss Wasser in ihren Trog.

Danach lief sie wieder zum Brunnen,

füllte den Krug noch einmal

und danach noch einmal,

bis alle Kamele genug hatten.

Der Knecht aber sah ihr staunend zu.

Nun war er gewiss:

Dies war die Frau,

die Gott für Isaak bestimmt hatte.24,15ff

Darauf gab er dem Mädchen

einen Stirnreif aus Gold

und zwei goldene Armreifen.

„Sag“, fragte er sie, „wie heißt du?

Und wie heißt dein Vater?

Habt ihr auch einen Schlafplatz

für mich und meine Begleiter?“

„Ich heiße Rebekka“, antwortete sie,

„und bin Betuëls Tochter.

Bei uns gibt es für alle Platz

und auch genug Stroh und Futter

für eure Kamele.“24,22ff

Da staunte der Knecht noch viel mehr.

Denn Betuël war mit Abraham verwandt.

„Gelobt sei Gott!“, rief er froh.

„Der Gott Abrahams, meines Herrn,

hat seine Güte nicht von mir gewandt.

Er ist es, der mich zu euch geführt hat.“

Rebekka aber lief nach Hause

und meldete allen:

„Draußen am Brunnen steht ein Mann.

Der kommt von Abraham,

unserem Verwandten.

Er fragt, ob er bei uns übernachten kann.“24,27f

Als aber Laban, ihr Bruder,

den goldenen Stirnreif sah

und hörte, was Rebekka erzählte,

lief er sofort zum Brunnen hinaus,

um den Fremden zu begrüßen.

„Sei willkommen!“, rief er ihm entgegen.

„Warum stehst du noch draußen?

Komm herein! Ich lade dich ein.

Es steht alles für dich bereit.“

Danach führte er ihn in sein Haus,

reichte ihm Wasser für die Füße

und setzte ihm ein festliches Mahl vor.24,30ff

Aber der Knecht wollte nichts essen.

Er bat: „Hört mich erst an!

Ich bin im Auftrag Abrahams hier.

Gott hat meinen Herrn reich gesegnet.

Dazu hat Sara ihm in hohem Alter

noch einen Sohn geschenkt.

Ihm hat er alle seine Güter vererbt.

Nun bin ich hier, um für Isaak,

seinen Sohn, eine Frau zu suchen.

Aber Gott hat sie schon ausgewählt:

eure Rebekka!“24,33ff

Danach erzählte Abrahams Knecht,

wie Gott ihn zu Rebekka geführt hatte.

Da staunten alle, die es hörten.

Und sie riefen:

„Das kommt von Gott!

Wie Gott will, so soll es geschehen:

Isaak soll unsere Rebekka bekommen.“

Der Knecht aber verneigte sich still

vor seinem Gott, der es so gefügt hatte.

Dann holte er seine Schätze hervor,

und gab sie Rebekka

und auch Rebekkas Mutter und Bruder:

goldene und silberne Ketten

und Kleider aus kostbarem Stoff.

Danach feierten sie miteinander

und aßen und tranken

bis tief in die Nacht.24,42ff

Am nächsten Morgen aber

stand Abrahams Knecht früh auf,

sattelte seine Kamele

und machte sich mit seinen Männern

zur Heimreise bereit.

„Bleib noch ein paar Tage hier!“,

baten ihn Rebekkas Bruder und Mutter.

„Lass dem Mädchen noch Zeit,

von allen Abschied zu nehmen!“

Er aber bat: „Haltet mich nicht zurück!

Denn Gott hat Gnade

zu meiner Reise gegeben.“24,54ff

Da fragten sie Rebekka:

„Willst du mit diesem Mann ziehen?“

„Ja, ich will es“, sagte Rebekka.

Da gaben sie Rebekka

feierlich ihren Segen.24,58ff

„Du unsere Schwester“, sprach Laban,

„wachse und werde

viel tausendmal tausend.

Deine Nachkommen mögen

sicher in dem Land wohnen,

in das du jetzt ziehst.“24,60

So machte sich Rebekka

mit Abrahams Knecht auf den Weg,

begleitet von ihren Mägden.

Nach vielen Wochen

waren sie endlich am Ziel.24,60f

Da sahen sie schon

von ferne Isaak kommen.

Er hatte gerade sein Zelt verlassen,

um sein Abendgebet

unter freiem Himmel zu sprechen.

„Wer ist das?“, fragte Rebekka.

„Das ist Isaak!“, antwortete der Knecht.

Schnell stieg Rebekka vom Kamel

und zog den Schleier über ihr Gesicht.

Der Knecht aber eilte auf Isaak zu.

Voller Freude berichtete er ihm,

wie Gott ihn zu Rebekka geführt hatte.24,62ff

Da glaubte auch Isaak:

Rebekka war die Frau,

die Gott für ihn bestimmt hatte.

Voller Freude führte er sie

ins Zelt seiner Mutter

und gewann sie sehr lieb.24,67

So wurde Rebekka Isaaks Frau.

Von ihr stammt das Volk ab,

das Gott vor allen Völkern erwählt hat.

Mit dieser Erzählung leitet die Geschichte der Erzväter zu Isaak über.

Im Vergleich zu den umfangreichen Überlieferungen über Abraham und Jakob tritt seine Person auffällig zurück. Selbst in dieser ersten Erzählung steht gar nicht Isaak im Zentrum, sondern Rebekka, seine künftige Frau, die, ähnlich wie einst Abraham, ihre Familie verlässt und in eine unbekannte Zukunft aufbricht. Aber anders als Abraham hat Rebekka kein ausdrückliches Wort Gottes, das sie auf den Weg ruft, sondern es ist Gottes verborgene Führung, die diese menschlich so anrührende und ungewöhnlich breit entfaltete Erzählung als Teil göttlicher Heilsgeschichte ausweist.

Das Wirken Gottes spiegelt sich vor allem in der demütigen Haltung von Abrahams Knecht, der mehr ist als ein gewöhnlicher Knecht, dem alle Vollmacht von Abraham übertragen wurde. Er erbittet im Gebet Gottes Führung und folgt seiner Weisung. (Sein Name wird in diesem Kapitel nicht ausdrücklich genannt, aber vermutlich ist er mit jenem Eliëser von Gen 15,2 identisch.) Durch den immer wiederkehrenden Leitsatz, „dass Gott Gnade zu seiner Reise gegeben“ habe, bzw. dass Gott es ihm „gelingen ließ“ und sein Vorhaben gesegnet hat, wird deutlich, wer in Wahrheit hier der Handelnde ist: Der Gott Abrahams ist auch der Gott Isaaks und Rebekkas, der zu seiner Verheißung steht und seinen Segen auch auf Abrahams Nachkommen legt!

Isaak und die Philister

Genesis 26

Isaak und Rebekka wohnten im Südland,

nah bei dem Brunnen des Lebendigen,

an dem Gott einst Hagar erschienen war.25,11

Aber in einem Jahr suchte

eine schwere Dürrezeit das Land heim.

Da machte sich Isaak mit Rebekka auf

und mit allem, was er besaß,

um ein anderes Land zu suchen,

das ihnen ein Leben in Frieden versprach.

So kamen sie schließlich nach Gerar,

ins Land der Philister.

Von dort aus wollte Isaak

nach Ägypten weiterziehen. 26,1

Aber in der Nacht sprach Gott zu Isaak:

„Zieh nicht nach Ägypten.

Bleibe im Land der Philister.

Ich will mit dir sein und dich segnen.

Dir und deinen Nachkommen

werden alle diese Länder gehören,

wie ich deinem Vater Abraham schwor.

Ich will deine Nachkommen mehren

und durch sie sollen alle Völker

der Erde gesegnet werden.“26,2ff

Da ließ sich Isaak in Gerar nieder,

wie Gott ihm geboten hatte.

Lange Zeit lebte er dort mit Rebekka,

als Fremder unter einem fremden Volk.

Und Gott segnete Isaak

und ließ ihm alles gelingen.

Seine Felder brachten mehr Ertrag

als alle anderen Felder.

Und auch seine Herden

wurden von Jahr zu Jahr größer.26,12ff

Als aber die Philister sahen,

wie Isaak alles gelang, packte sie der Neid.

So verstopften sie alle Brunnen,

die Abrahams Knechte gegraben hatten.

Auch ihr König Abimelech wollte Isaak

nicht länger in seinem Land dulden.

Er forderte Isaak auf:

„Zieh weg von hier!

Du bist uns zu mächtig geworden.“26,14f

Da ließ Isaak alles zurück,

was er mühevoll angelegt hatte

und zog mit seinen Hirten und Herden

in ein anderes Tal.

Aber wohin er auch zog –

nirgendwo fand er Wasser.

Denn die Philister hatten auch dort

alle Brunnen verstopft.

Doch Isaak befahl seinen Knechten:

„Legt alle Brunnen wieder frei!“

Und als sie anfingen zu graben,

da sprudelte auf einmal

frisches Wasser aus der Erde hervor.

Glücklich schöpften sie Wasser

und tranken sich satt,

Menschen und Tiere.26,17ff

Doch es dauerte nicht lange,

da eilten die Hirten von Gerar herbei.

„Weg da!“, schrien sie wütend.

„Der Brunnen gehört uns.

Er liegt auf unserem Gebiet.“

Da nannte Isaak den Brunnen ‚Zank‘,

weil sie sich mit ihm gezankt hatten.26,20

Danach gruben Isaaks Hirten

noch einen Brunnen im Tal.

Aber die Philister ließen sie

auch dort nicht in Frieden.

Da nannte Isaak den Brunnen ,Streit‘

und zog weiter mit seinen Herden.26,21

Bald darauf öffnete sich das Tal.

Da ließ Isaak noch einen Brunnen graben,

den nannte er ,Weiter Raum‘,

denn er sprach:

„Gott hat uns weiten Raum geschenkt.“26,22

Danach verließ Isaak wieder

das Gebiet der Philister

und zog zurück nach Beerscheba,26,23

woher er gekommen war.

Dort schlug er sein Zelt auf.

Aber noch war ungewiss,

was aus ihm und seiner Familie würde.

Da sprach Gott in der Nacht zu ihm:

„Fürchte dich nicht, Isaak!

Ich bin der Gott deines Vaters Abraham.

Ich bin auch mit dir.

Ich will dich segnen

und deine Nachkommen vermehren,

wie ich Abraham zugesagt habe.“26,24

Am nächsten Morgen stand Isaak früh auf,

baute einen Altar und dankte Gott

für sein großes Versprechen.

Und er befahl seinen Hirten:

„Auf, grabt noch einen Brunnen!

Denn hier wollen wir bleiben.“26,25

Aber nicht lange danach

kam Abimelech zu Isaak,

begleitet von seinen engsten Fürsten.

Isaak sah sie misstrauisch an.

„Was wollt ihr hier?

Warum kommt ihr zu mir?

Ihr hasst mich doch

und habt mich vertrieben.“

„Aber nein“, erwiderten sie.

„Wir haben mit eigenen Augen gesehen,

dass Gott mit dir ist.

Darum kommen wir heute zu dir.

Wir wollen einen Friedensbund

mit dir schließen. Versprich uns,

dass du uns nichts antust.

Denn auch wir haben dir

nur Gutes erwiesen,

so lange du bei uns gelebt hast.

Denn wir haben

mit eigenen Augen gesehen,

wie Gott dich gesegnet hat.“26,26ff

Da ließ Isaak für sie

ein festliches Mahl zubereiten.

Fröhlich aßen und tranken sie

miteinander bis tief in die Nacht.

Und als der Morgen anbrach,

schworen sie einander feierlich,

für immer Frieden zu halten.

So trennten sie sich im Frieden.

Am selben Tag meldeten Isaaks Hirten:

„Wir haben beim Graben

eine Quelle entdeckt.“26,32

Endlich hatten sie einen Ort gefunden,

wo sie in Frieden leben konnten.

Beerscheba nannte Isaak den Ort,

das heißt: Schwurbrunnen.

Denn an diesem Ort hatten sie

einander Frieden geschworen.26,33

Gen 26 ist das einzige Kapitel, das sich ausführlich mit Isaak und seiner Geschichte befasst. Anders als in der Erzählung von Rebekka oder auch in den nachfolgenden Jakob-Erzählungen steht er in dieser Geschichte allein im Mittelpunkt des Geschehens. Genau betrachtet setzt sie sich aus vielen einzelnen Geschichten zusammen, die verschiedene Stationen im Leben des Isaak aufzeigen. Wobei das durchgängige Thema der Brunnensuche die verschiedenen Szenen miteinander verbindet (26,12ff). Die Brunnensuche markiert nicht nur den Weg, den Isaak zurücklegen muss. Sie spiegelt auch Höhen und Tiefen im Leben dieses Verheißungsträgers wider. Dazu gehört insbesondere die leidvolle Erfahrung bei den Philistern. Diese wollen nicht zulassen, dass sich Isaak in ihrem Land sesshaft macht. In diesem Zusammenhang wird – ähnlich wie bei Sara (20,1ff; vgl. 12,10ff) – von Rebekkas Gefährdung durch König Abimelech erzählt (26,7ff). In diesem Fall ist es Isaak, der Rebekka als seine Schwester ausgibt. Aber trotz immer neuer Hindernisse steht auch Isaaks Weg unter Gottes Segensverheißung, die hier zweimal ausdrücklich bestätigt wird. Sie drückt sich zunächst in dem materiellen Segen aus, der auch den Philistern nicht verborgen bleibt, aber vor allem in dem Friedensschluss zwischen Isaak und dem Philisterkönig, der Isaaks Familie im Land der Verheißung endlich ein Leben im Frieden mit seinen Nachbarn ermöglicht. Dass in dieser Erzählung – ähnlich wie in Gen 20 – ein Philister dem Stammvater Israels den Frieden anbietet, muss für spätere Generationen wie eine Provokation geklungen haben. Aber trotz der massiven Bedrohung, die Israel im Lauf seiner Geschichte durch die Philister erfahren hat, lehren diese Erzählungen, dass auch die Philister ein Werkzeug Gottes sein können, durch die er an seinem Volk handelt.

Jakob – Stammvater Israels | Genesis 25–49

Jakob und Esau

Genesis 25,19ff

Dies ist die Geschichte von Jakob,

dem Stammvater Israels,

Isaaks und Rebekkas Sohn.

Lange Zeit hatten die beiden

vergeblich auf Kinder gewartet.

Endlich, nach zwanzig Jahren,

erhörte Gott ihr Gebet:

Rebekka wurde schwanger

und brachte Zwillinge zur Welt.

Esau, der Ältere, war rötlich und rau

und am ganzen Körper behaart.

Ihn liebte Vater Isaak,

weil er der Erstgeborene war.

Rebekka aber liebte Jakob,

den Jüngeren, mehr.

Denn als sie noch schwanger war,

stießen sich die Kinder im Mutterleib.

Da wurde ihr von Gott prophezeit:

„Zwei Völker stoßen sich in deinem Leib.

Und der Ältere

wird dem Jüngeren dienen.“25,19ff

So wuchsen beide Söhne heran.

Esau wurde ein Jäger.

Er streifte gern auf den Feldern umher,

jagte Tiere und brachte oft

ein Wildbret nach Hause.

Das mochte Vater Isaak sehr.

Jakob zog es dagegen vor,

bei den Zelten zu bleiben.

Auch deshalb zog ihn Rebekka

dem älteren Bruder vor,

obwohl Esau als Erstgeborener

der rechtmäßige Erbe war.25,27f

Eines Tages kam Esau von der Jagd

müde und hungrig nach Hause.

Da sah er, wie Jakob vor dem Zelt kochte.

Ein Topf mit Linsensuppe

dampfte über dem Feuer.

Esau roch den köstlichen Duft.

Das Wasser lief ihm

im Munde zusammen.

„Los, her mit der roten Brühe!“, rief Esau,

„ich bin todmüde

und habe furchtbaren Hunger.“

Doch Jakob erwiderte schlau:

„Sag erst: Was gibst du dafür?“

Esau überlegte nicht lange:

„Nimm, was du willst!

Aber gib mir endlich die Suppe!“

„Gut“, meinte Jakob listig,

„gib dein Versprechen:

Von jetzt an bin ich der Erste

und du bist der Zweite.“

„Was soll ’s!“, knurrte Esau,

„irgendwann sterbe ich doch.

Was soll mir dann

mein Erstgeburtsrecht?

Ich verspreche dir alles.

Also: Gib mir endlich die Suppe!“25,29ff

Da reichte ihm Jakob

Suppe und Brot.

Esau verschlang beides.

Danach kehrte er Jakob den Rücken

und machte sich auf und davon.

So verachtete Esau sein Erstgeburtsrecht

und überließ es dem jüngeren Bruder.25,33f

Die Geschichte von Jakob, dem Stammvater Israels, ist von Anfang an durch den Konflikt zwischen den Zwillingsbrüdern Esau und Jakob bestimmt. Ausgangspunkt ist die Frage: Wer von beiden „erbt“ den Segen, der Abraham und Isaak verheißen war? Esau oder Jakob? Esau hat als der Erstgeborene Anspruch auf rechtliche und wirtschaftliche Privilegien. Sein Name wie auch die Erwähnung der rötlichen Haut und der rötlichen Suppe weist auf seine Bedeutung als Stammvater der Edomiter hin (Edom bedeutet „rötlich“). Doch Jakob will seinem Bruder den Segen um jeden Preis abringen. Sei es durch List (25,29ff), sei es sogar durch offenkundigen Betrug (27,10ff). Der Konflikt zwischen beiden wird noch zusätzlich durch die Parteinahme der Eltern verschärft und durch das Orakel, das Rebekka schon vor der Geburt der beiden erhalten hat. Daraus entwickelt sich ein Familiendrama, das von Anfang an gekennzeichnet ist durch Rivalität, Hinterlist und Betrug und das den erhofften Segen in Streit und unversöhnlichen Hass verkehrt.

Dabei wird ein Zweifaches deutlich: Segen kann nicht einfach nach menschlicher Vorstellung vererbt werden, wie Isaak glaubt. Es ist allein Gottes Freiheit, den zu segnen, den er schon im Mutterleib erwählt hat (25,23). Der Mensch kann aber auch nicht einfach den Segen an sich reißen und über ihn verfügen, wie Jakob es versucht (27,1ff). Das wird ihm letztlich keinen Segen bringen. Es ist allein Gottes Treue, dass er dennoch an seiner Segensverheißung festhält und Jakob – trotz seiner Verfehlungen – zum Segensträger macht.

Der Betrug

Genesis 27

Jahre vergingen.

Vater Isaak war inzwischen

alt und gebrechlich geworden.

Und seine Augen waren so schwach,

dass er keinen Menschen erkannte.27,1

Da rief Isaak

seinen Sohn Esau zu sich und sagte:

„Bald werde ich sterben.

Dann sollst du alles erben,

was mir gehört.

So geh nun auf die Jagd

und bring mir ein Wildbret.

Dann mach mir ein Essen,

wie ich es gerne mag.

Danach will ich dich segnen

und dir alles übergeben,

ehe ich sterbe.“27,1ff

Aber Rebekka hatte alles gehört.

Schnell lief sie zu Jakob

und erzählte ihm alles.

„Auf, eil dich!“, drängte sie Jakob.

„Geh zur Weide

und hol mir zwei Böckchen!

Die will ich schlachten und braten.

Du aber bring den Braten zum Vater

und gib dich als Esau aus.

Dann wirst du

seinen Segen bekommen.“27,5ff

„Nein“, meinte Jakob erschrocken.

„Das geht nicht gut aus.

Sieh, meine Hände sind glatt.

Doch Esaus Hände sind rau.

Wenn mein Vater mich fühlt,

wird er merken, dass ich ihn betrüge.

Dann wird sich sein Segen

in Fluch verkehren.“

Aber Rebekka erwiderte.

„Den Fluch nehme ich auf mich.

Tu, was ich sage

und überlege nicht lange!

Sonst ist es zu spät.“27,11ff

Da lief Jakob zur Schafherde,

holte zwei Böckchen

und brachte sie seiner Mutter.

Die schlachtete sie eilig

und machte ein Festmahl,

wie es der Vater liebte.

Dann holte sie Esaus Festkleid hervor,

legte es Jakob um,

band ihm die Felle um Hände und Hals

und drückte ihm den Braten

und das Brot in die Hand.

So schickte sie ihn zu Isaak ins Zelt.24,14ff

„Mein Vater“, begrüßte ihn Jakob.

„Ja, hier bin ich“, antwortete Isaak.

„Aber wer bist du, mein Sohn?“

„Ich bin Esau, dein erstgeborener Sohn.

Ich bin wieder zurück von der Jagd

und hab alles ausgeführt,

wie du mir gesagt hast.

Komm, setz dich auf

und lass es dir schmecken!

Danach sollst du mich segnen.“

„Wie?“, fragte Isaak erstaunt.

„Du bist schon zurück?

Wie hast du deine Beute

so rasch gefunden?“

„Ganz einfach!“, log Jakob.

„Gott hat es mir gegeben.“27,18ff

Aber Isaak zögerte noch:

„Komm näher, mein Sohn!

Ich will erst wissen,

ob du auch wirklich Esau bist.“

Da reichte ihm Jakob die Hände.

„Wie sonderbar!“, sagte Isaak zu sich.

„Die Stimme klingt wie Jakobs Stimme,

aber die Hände sind rau

wie Esaus Hände.

„Sag, bist du wirklich mein Sohn Esau?“

„Ja“, antwortete Jakob, „ich bin es.“27,21ff

Da gab sich Isaak zufrieden.

Er aß von dem Braten

und trank den Wein,

den Jakob ihm reichte.

Darauf bat er Jakob: „Komm näher

und küss mich, mein Sohn!

Dann will ich dich segnen.“

Da beugte sich Jakob zu ihm herab

und küsste den Vater.

Als aber Isaak das Kleid roch,

das Esau gehörte,

segnete er Jakob und sprach:

„Siehe, der Geruch meines Sohnes

ist wie der Geruch des Feldes,

das Gott gesegnet hat.

Er gebe dir vom Tau des Himmels

und vom Reichtum der Erde

Fülle an Korn und Wein.

Völker sollen dir dienen

und sich vor dir verneigen.

Du wirst über deine Brüder gebieten

und sie werden sich vor dir beugen.

Gesegnet ist, wer dich segnet,

und verflucht ist, wer dich verflucht.“27,23ff

Nun war es geschehen.

Leise schlich sich Jakob hinaus.

Aber nicht lange danach

kam Esau zurück von der Jagd.

„Mein Vater“, rief er, „hier bin ich,

Esau, dein erstgeborener Sohn!

Ich habe einen guten Braten für dich.

Komm, setz dich auf

und lass es dir schmecken!“27,30

„Was?“, rief Isaak entsetzt.

„Du bist Esau?

Aber wer war der andere,

der soeben hier war?

Jakob war’s! Er hat dich betrogen!

Ich habe ihm

meinen Segen gegeben.

Er wird auch den Segen behalten.“27,30ff

Da schrie Esau laut auf und weinte:

„Er heißt mit Recht Jakob – Betrüger.

Denn er ist ein Betrüger.

Nun hat er mich

schon zweimal betrogen.

Sag, was wird nun aus mir?

Hast du nicht wenigstens

einen einzigen Segen für mich?

Segne mich, Vater!

Sonst bin ich verloren.“

Doch Isaak sagte traurig:

„Ich habe nur diese Botschaft für dich:

Vom Schwert wirst du leben

und vor deinem Bruder dich beugen.

Aber es kommt der Tag,

da wirst du dich von ihm befreien.“27,34ff

Von diesem Tag an

sann Esau nur noch auf Rache

und fand für seinen Bruder

kein freundliches Wort mehr.

Und er nahm sich fest vor:

Sobald der Vater tot ist,

bringe ich Jakob um.27,41

Eine unerhörte Geschichte, die alles Bisherige in den Schatten stellt! Unerhört ist nicht nur der raffinierte Betrug Jakobs wie auch die aktive Mithilfe der Mutter. Unerhört ist vor allem die Tatsache, dass dieser Familie eigentlich Gottes Segensverheißung gilt. Dazu kommt belastend die traditionelle Vorstellung hinzu, Segen sei wie materieller Besitz vererbbar und mache sich vor allem am materiellen Erfolg fest. Aber diese Geschichte zeigt an: So einfach kann über Gottes Segen nicht verfügt werden. Jakob kann sich als Segensträger nicht von eigener Schuld freisprechen. So muss er auch ein Leben lang die Folgen seiner Schuld tragen. Im Folgenden wird alles davon abhängen, ob Gott – trotz massiver Schuld des Menschen – dennoch zu seiner Verheißung steht.

Diese Betrugsgeschichte steht betont am Anfang von Jakobs Weg. Mit ihr hat das Volk Israel durch die Jahrhunderte hindurch die Erinnerung an die eigene Schuldgeschichte wachgehalten, von der auch der Erzvater Jakob nicht ausgenommen ist (vgl. Hos 12,3ff).

Bethel

Genesis 28

Endlich hatte Jakob sein Ziel erreicht.

Aber von nun an war Esau

sein erbitterter Feind.

Als Rebekka das sah,

rief sie heimlich Jakob zu sich.

„Du musst fliehen,“ drängte sie Jakob.

„Sonst bringt dich

dein Bruder noch um!

Auf, geh nach Haran

zu meinem Bruder Laban

und bleibe dort,

bis Esaus Zorn sich gelegt hat.“27,41ff

Da rief auch Isaak seinen Sohn Jakob

und schärfte ihm ein:

„Nimm dir ja keine Frau

von den Töchtern Kanaans,

die nicht an unseren Gott glauben.

Sondern geh nach Haran zu Laban

und nimm dir dort

eine von seinen Töchtern zur Frau!“28,1

Zum Abschied gab er Jakob

noch seinen Segen und sprach:

„Gott, der Allmächtige,

schenke dir viele Nachkommen

und gebe dir das Land,

das er Abraham zugesagt hat.“28,3f

Da ließ Jakob alles zurück, was er besaß

und machte sich auf nach Haran.

Nichts trug er bei sich

als seinen Wanderstab.32,11

So wanderte er ganz allein,

bis die Nacht hereinbrach.

Aber weit und breit

war keine Hütte zu sehen,

wo Jakob Schutz finden konnte.

Da legte er seinen Kopf auf einen Stein

und schlief bald darauf ein.28,10f

In dieser Nacht hatte Jakob

einen seltsamen Traum:

Er sah im Traum eine Treppe,

die reichte bis an den Himmel.

Engel stiegen hinauf und hinab.

Und Gott sah von oben auf Jakob herab.

Da hörte Jakob, wie Gott zu ihm sprach:28,12f

„Ich bin der Herr,

der Gott Abrahams und Isaaks,

der Gott deiner Vorfahren.

Dies Land, auf dem du jetzt liegst,

will ich dir

und deinen Nachkommen geben.

Wie der Staub auf der Erde,

so werden deine Nachkommen

das Land bedecken.

Und durch dich

und deine Nachkommen

werden alle Völker der Erde

gesegnet werden.

Sieh, ich bin mit dir

und will dich beschützen,

wohin du auch gehst.

Und ich will dich wieder

in dieses Land zurückbringen.

Verlass dich auf mich:

Ich verlasse dich nicht.

Mein Versprechen breche ich nicht.“28,13ff

Da wachte Jakob auf.

„Wahrhaftig!“, sprach er.

„An dieser Stätte wohnt Gott.

Aber ich wusste es nicht.

Wie heilig ist dieser Ort!

Hier ist das Haus Gottes.

Hier ist die Pforte des Himmels!“28,16f

Schon wurde es am Horizont hell.

Ein neuer Morgen brach an.

Da nahm Jakob den Stein,

auf dem er gelegen hatte,

richtete ihn auf, goss Öl darauf

und weihte ihn Gott.

Und Jakob nannte die Stätte Bethel,

das heißt: Haus Gottes,

weil ihm Gott

an diesem Ort erschienen war.28,18f

An diesem Morgen legte Jakob

feierlich dieses Gelübde ab:

„Wenn Gott erfüllt,

was er mir zugesagt hat,

wenn er mit mir geht

und mich beschützt,

wenn er mir Nahrung und Kleidung gibt

und wenn er mich heil zurückbringt,

dann soll der Gott Abrahams

auch mein Gott sein, dem ich diene.

Dieser Stein soll mir ein Heiligtum sein.“28,20ff

Jakob hat zwar vom Vater den ersehnten Segen bekommen. Aber er bringt ihm kein Glück. Als schutz- und rechtloser Flüchtling muss er alles zurücklassen, was ihm durch den Segensspruch des Vaters verheißen war. Er hat nichts in der Hand, was ihn als Gesegneten ausweist (vgl. 32,11) und ihm eine sichere Zukunft verheißt. Aber ausgerechnet in dieser dunkelsten Stunde seines Lebens begegnet ihm Gott im Traum und erneuert den Segen, den er Abraham und seinen Nachkommen verheißen hat. Diese Nachtstunde in Bethel markiert den Wendepunkt in Jakobs Leben. Zuvor hatte Jakob den Segen nur mittelbar durch seinen Vater empfangen. Nun spricht Gott selbst zu ihm. In dieser Stunde erfährt Jakob: Segen kann weder vererbt noch erworben werden. Es ist allein ein Akt freier Gnade, wenn Gott trotz massiver menschlicher Verfehlung zu seinem Wort steht und diesen Betrüger zu seinem Segensträger macht.

Rahel und Lea

Genesis 29

Danach brach Jakob von Bethel auf

und kam in die Gegend von Haran.

Dort traf er Hirten am Brunnen.

„Seid gegrüßt, Freunde!“, rief er.

„Sagt, wo kommt ihr her?“

„Aus Haran“, antworteten sie.

„Kennt ihr auch Laban?“

„Ja, gewiss!

Sieh, da kommt seine Tochter Rahel

mit ihren Schafen zum Brunnen.“29,1ff

Da lief Jakob auf Rahel zu,

umarmte und küsste sie

und weinte vor Freude.

„Ich bin Jakob“, sagte er,

„der Sohn von Rebekka.“

Und er lief zum Brunnen,

wälzte den schweren Stein weg,

der den Brunnen verschloss,

und gab ihren Schafen zu trinken.

Rahel aber rief schnell

ihren Vater Laban herbei.

Der eilte Jakob entgegen,

fiel ihm um den Hals und küsste ihn.

„Willkommen!“, rief er.

„Was führt dich hierher?

Komm und erzähle!“

Darauf führte er ihn in sein Haus

und ließ sich alles berichten,

was Jakob erlebt hatte.

„Wenn du willst“, sagte er,

„kannst du hier bleiben.

Du bist ja einer von uns.“29,10ff

So blieb Jakob bei Laban

und packte überall an,

wo er gebraucht wurde.

Laban aber hatte noch eine Tochter, Lea.

Beide Töchter waren so verschieden,

wie die Brüder Esau und Jakob.

Lea, die Ältere,

wirkte farblos und blass.

Niemand beachtete sie.

Niemand wollte sie zur Frau haben.

Rahel dagegen war eine Schönheit.29,16f

Nach einem Monat

sagte Laban zu Jakob:

„Du bist zwar mit mir verwandt.

Trotzdem sollst du Lohn

für deine Arbeit bekommen.

Sag, wie viel verlangst du?“29,15

„Ich will kein Geld“, erwiderte Jakob.

„Ich habe nur einen Wunsch:

Gib mir deine Tochter Rahel zur Frau.

Sieben Jahre will ich dir dafür dienen.“

„Gut“, meinte Laban.

„Dein Vorschlag gefällt mir.

Bleibe so lange hier!

Dann soll Rahel deine Frau werden.“29,18f

So blieb Jakob in Haran.

Sieben Jahre lang diente er

seinem Onkel als Knecht.

Doch Jakob wurde die Zeit nicht lang.

Sie verging wie im Fluge,

so groß war seine Liebe zu Rahel.29,20

Endlich nahte die Hochzeit.

Laban lud den ganzen Ort

zum Hochzeitsmahl ein.

Am Abend aber führte Laban

die verschleierte Braut zu Jakob hinein.

Der ahnte nichts Böses.

Aber am nächsten Morgen

sah er der Braut ins Gesicht.

Da sah er mit Schrecken:

Nicht Rahel war seine Frau,

sondern Lea, die ältere Schwester!29,21ff

Zornig stellte er Laban zur Rede:

„Was hast du mir angetan?

Du hast mir Lea zur Frau gegeben.

Hast du mir nicht Rahel versprochen?

Warum hast du mich betrogen?“

Doch Laban erwiderte schlau:

„Erst ist die Ältere dran.

Denn so will es der Brauch.

Darum ich rate dir:

Halte sieben Tage mit Lea aus.

Dann ist die Hochzeit zu Ende.

Danach will ich dir auch Rahel

zur Frau geben.“

Und listig fügte Laban hinzu:

„Dafür sollst du mir noch einmal

sieben Jahre lang dienen.“29,25ff

So blieb Jakob keine Wahl.

Er musste sich fügen.

Sieben Tage hielt er mit Lea aus.

Danach gab ihm Laban

auch seine Tochter Rahel zur Frau.

Und Jakob gewann Rahel

mit jedem Tag lieber.

Lea aber schenkte er keinen Blick.

Er sah nicht einmal, wie Lea sich grämte.29,28ff

Jakob, der Betrüger, wird selbst zum Betrogenen. Er, der sich listig zum Herrn über seinen Bruder gemacht hat, wird von seinem Onkel überlistet und muss Laban insgesamt mehr als 20 Jahre dienen, ohne Aussicht, jemals wieder heimkehren zu können. Aber Gott bleibt seinem Versprechen treu. Er segnet Jakob in der Fremde.

Jakobs Söhne

Genesis 29,31ff

Danach erbarmte sich Gott über Lea

und schenkte ihr einen Sohn,

den nannte sie RUBEN.

„Ich habe einen Sohn geboren!“, rief Lea.

„Gott hat mein Leid angesehen.

Nun wird mich mein Mann lieben.“29,31f

Danach wurde Lea erneut schwanger

und brachte noch einen Sohn zur Welt.

„Auch diesen Sohn“, sprach sie,

„hat Gott mir geschenkt.

Er hat gehört, dass ich ungeliebt bin.“

Und sie nannte ihn SIMEON.29,33

Und wieder wurde Lea schwanger

und brachte den dritten Sohn zur Welt.

„Nun habe ich meinem Mann

drei Söhne geboren“, sagte sich Lea.

„Nun wird er hoffentlich an mir hängen.“

Und sie nannte den dritten Sohn LEVI.29,34

Danach wurde Lea wieder schwanger

und brachte den vierten Sohn zur Welt.

„Nun will ich Gott danken“, sprach sie.

„Denn auch diesen Sohn

hat Gott mir geschenkt.“

Und sie nannte ihn JUDA.29,35

Danach schenkte Gott Lea

noch zwei weitere Söhne,

ISSACHAR und SEBULON

und auch eine Tochter,

DINA mit Namen.30,17ff

So wurde Lea in ihrem Leid getröstet.

Gott segnete sie und machte sie

zur Mutter des Volkes,

das Gott vor allen Völkern erwählt hat.

Noch weitere Söhne

wurden Jakob geschenkt.

Vier Söhne brachten die Mägde

der beiden Frauen zur Welt.

Und dies sind ihre Namen:

DAN, NAFTALI, GAD und ASSER.30,4ff

Aber Rahel hatte kein Kind.

Erst nach vielen Jahren

erbarmte sich Gott über sie

und schenkte auch ihr einen Sohn,

den nannte sie JOSEF.30,22ff

Dieser wurde der Liebling des Vaters,

weil er der Jüngste war

und der Sohn seiner geliebten Frau.37,3

Jahre später gebar Rahel

noch einen Sohn.

Aber seine Geburt war so schwer,

dass Rahel sie nicht überlebte.

Noch im Sterben

gab sie ihrem Sohn

den Namen BEN-ONI,

das heißt: Sohn meines Unglücks.

Doch Jakob nannte ihn BEN-JAMIN,

das heißt: Sohn des Glücks.

Denn er und sein Bruder Josef

waren Jakobs einziges Glück,

nachdem ihm Rahel genommen war.35,16ff

Dies sind die zwölf Söhne Jakobs,

die ihm Lea und Rahel

und seine zwei Nebenfrauen

geschenkt hatten.

Von diesen zwölf Söhnen

stammt das Volk Israel ab,

das Gott vor allen Völkern erwählt hat.

Jakobs Kindersegen ist ein sichtbares Zeichen, dass Gott mit ihm ist und sein Segen auf ihm ruht. Aber mit seinem Kindersegen bahnt sich bereits der nächste Konflikt zwischen den Söhnen Jakobs an (37ff), der sich schon in dem tragischen Konflikt zwischen den beiden Schwestern und in Leas verzweifeltem Werben um die Liebe Jakobs vorweg abzeichnet.

Israel

Genesis 32f

Über zwanzig Jahre lebte Jakob

bei seinem Onkel in Haran.

Er war inzwischen

ein wohlhabender Mann.

Seine Kinder wuchsen heran.

Und auch die Zahl seiner Tiere

wurde mit jedem Jahr größer.

Aber mit jedem Jahr

wuchs auch sein Heimweh.

Seit seiner Flucht hatte Jakob

nichts mehr von seinen Eltern gehört.

Er wusste nicht einmal,

ob ihm Esau noch grollte.

Schon längst wäre Jakob gerne

in seine Heimat zurückgekehrt,

aber Laban hielt ihn immer noch

wie einen Knecht bei sich fest.

Eines Nachts aber

sprach Gott zu Jakob im Traum:

„Ich bin der Gott,

der dir in Bethel erschienen ist.

Nun mach dich auf!

Zieh wieder heim.

Ich will mit dir sein.“31,13

Da sammelte Jakob heimlich

seine Frauen und Kinder um sich,

auch seine Knechte und Mägde

und alle Tiere, die er erworben hatte,

und machte sich auf den Weg.31,17ff

Viele Wochen war er unterwegs.

Seine Herden kamen nur langsam voran.

Endlich zeigten sich in der Ferne

die Berge von Kanaan.

Aber je näher Jakob herankam

desto mehr fürchtete er sich

vor dem Zorn seines Bruders,

den er so übel betrogen hatte.

Da schickte Jakob Boten voraus

und trug ihnen auf:

„Geht zu Esau und richtet ihm aus:

Jakob, dein Bruder, kehrt heim.

Er will sich mit dir versöhnen.“

Aber die Boten kamen

nach wenigen Tagen wieder zurück.

Sie meldeten Jakob:

„Dein Bruder zieht dir

mit 400 Mann entgegen.“32,4ff

Als Jakob das hörte,

wurde ihm angst und bange.

In aller Eile teilte er

seine Herden in zwei Lager,

um wenigstens einen Teil

vor Esaus Männern zu retten.

Danach warf er sich auf die Erde,

betete und schrie zu Gott:

„Du Gott Abrahams

und Gott Isaaks, meines Vaters!

Hast du nicht gesagt:

Zieh wieder heim?

Hast du mir nicht versprochen:

Ich will mit dir sein?

Ach Herr,

du hast mir so viel Gutes erwiesen.

Ich weiß, ich bin es nicht wert.

Ich hatte nur diesen Wanderstab,

als ich dies Land verließ.

Doch nun sind aus mir

zwei große Lager geworden.

Ich bitte dich, Herr:

Rette mich vor meinem Bruder!

Ich habe große Angst.

Sicher will er mich töten,

mitsamt meiner Familie.“32,8ff

Danach stellte Jakob eilig

ein Geschenk für Esau zusammen:

200 Ziegen und 20 Böcke,

200 Schafe und 20 Widder,

30 Kamele mit ihren Füllen,

40 Kühe und 10 Stiere,

20 Eselinnen und 10 Esel.

Und er befahl seinen Knechten:

„Geht uns voraus

und bringt die Tiere zu Esau.

Und wenn er euch fragt:

Wer schickt euch?

Wem gehören die Tiere?,

dann antwortet ihm:

Es ist ein Geschenk deines Bruders.“

Denn Jakob dachte bei sich:

Vielleicht kann ich Esau

mit diesem Geschenk versöhnen.32,14ff

So zog Jakob Esau entgegen.

Nur noch der Grenzfluss Jabbok

trennte ihn von seinem Bruder.

Voll Angst und Sorge dachte er

an den kommenden Tag,

an dem er Esau begegnen würde.

Schon brach die Nacht herein.

Da führte Jakob

seine Frauen und Kinder

durch eine Furt zum anderen Ufer.

Er selbst aber blieb allein

am Jabbok zurück.32,23ff

Doch plötzlich –

Jakob zuckte zusammen –

stand eine dunkle Gestalt vor ihm.

Sie sprang ihn an,

stürzte sich auf ihn

und hielt ihn im Griff.

Jakob wehrte sich.

Er schlug um sich,

krallte sich fest.

Da schlug der andere zu.

Er traf seine Hüfte.

Jakob spürte einen stechenden Schmerz.32,25f

Schon dämmerte es.

Ein neuer Morgen brach an.

Da dämmerte auch Jakob,

wer mit ihm gerungen hatte:

War es ein Engel Gottes?

Oder war es etwa Gott selbst?

„Lass mich gehen!“, sprach dieser.

„Die Morgenröte bricht an.“

Aber Jakob hielt ihn fest.

„Nein, ich lasse dich nicht.

Segne mich erst!“32,27

Er aber fragte:

„Wie heißt du?“

„Jakob heiße ich.“

Da sprach er:

„Ab heute sollst du

einen neuen Namen bekommen.

ISRAEL, ‚Gotteskämpfer‘,

soll man dich nennen.

Denn du hast mit Gott

und mit Menschen gekämpft –

und hast den Kampf bestanden.“

„Aber wie heißt du?“,

fragte Jakob zurück.

„Warum fragst du mich danach?“,

sprach jener.

Und er segnete Jakob.32,28ff

Da nannte Jakob den Ort Pnuël,

das heißt Angesicht Gottes.

Denn so sprach er:

„Ich habe Gott von Angesicht gesehen.

Und doch blieb mein Leben bewahrt.“

Nun hatte er Mut,

seinem Bruder entgegenzugehen.32,31

In diesem Augenblick

ging Jakob die Sonne auf.

In der Ferne sah er Esau

mit seinen Männern kommen.

Schnell stellte er Frauen und Kinder

in Reih und Glied auf.

Er selbst aber ging ihnen voran.

Getroffen vom Schlag auf die Hüfte

zog er hinkend Esau entgegen.

Siebenmal verneigte er sich

vor seinem Bruder bis auf die Erde.

Doch Esau eilte auf ihn zu,

fiel ihm um den Hals,

küsste ihn und weinte vor Freude.

Da brach auch Jakob in Tränen aus.

Nun glaubte auch er:

Sein Bruder hatte ihm alles vergeben.

Gott hatte sie miteinander versöhnt.33,1ff

Als aber Esau die Frauen und Kinder sah,

fragte er Jakob verwundert:

„Wer sind diese?

Und was bedeuten die vielen Tiere,

die du mir entgegen geschickt hast?“

„Die Tiere sind mein Geschenk.“

Doch Esau entgegnete:

„Behalte deine Tiere für dich.

Ich habe selbst genug.“

„Aber nein!“, entgegnete Jakob.

„Ich bitte dich herzlich:

Nimm mein Geschenk an!

Denn wie das Angesicht Gottes,

so freundlich blickst du mich an.“33,5ff

Danach trennten sich beide in Frieden.

Esau kehrte ins Südland zurück,

Jakob aber zog von dort aus

weiter nach Bethel,

wo Gott ihm vor Jahren erschienen war.

Dort befahl er seinen Leuten:

„Holt eure Festkleider hervor.

Trennt euch von anderen Göttern,

die ihr noch heimlich verehrt.“

Darauf baute er in Bethel einen Altar,

wie er vor Jahren gelobt hatte.28,22

So dankte er seinem Gott,

der ihn sicher an diesen Ort

zurückgeführt hatte.33,1ff

An diesem Tag

erneuerte Gott sein Versprechen:

„Jakob heißt du.

Aber nicht mehr Jakob,

sondern Israel soll man dich nennen.

So soll das ganze Volk heißen,

das von dir abstammt.

Ich, der Allmächtige, bin euer Gott.

Darum vermehrt euch!

Werdet ein großes Volk!

Dieses Land will ich dir

und deinen Nachkommen geben.“35,10ff

Da ließ sich Jakob

im Land Kanaan nieder,

samt allen, die zu ihm gehörten.

Und Jakob suchte Frieden

mit allen Bewohnern des Landes.35,5

Diese Szene beschreibt die zweite Nachterfahrung in Jakobs Leben. In ihr offenbart sich Gott Jakob aufs Neue, aber ganz anders als zuvor in Bethel (28). Buchstäblich überwältigend ist diese Begegnung, in der ihm Gott in den Weg tritt, erschreckend fremd und zugleich tröstlich nah. Wie ein Feind überfällt er ihn, oder wie ein Dämon, der im Fluss auf die Reisenden lauert. Erst im Rückblick, im Licht des anbrechenden Tages, wird offenbar, wer mit Jakob gerungen hat. Gott will nicht, dass Jakob gedankenlos der Begegnung mit dem Bruder entgegenstolpert. Dazwischen steht die schwere Schuld Jakobs, die auch nach zwanzig Jahren nicht verjährt ist. Der nächtliche Kampf zeigt an: Allein Gott kann diese Schuld aufheben. Jakob erfährt dies im Ringen mit Gott schmerzlich und heilsam zugleich. Nicht als stolzer Sieger geht er aus dem Kampf hervor, sondern als einer, der von Gott empfindlich verletzt worden ist (Jakob hinkt an seiner Hüfte!). Aber dennoch lässt er Gott nicht los, sondern klammert sich an ihn: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“ (32,27).

Das ist die Erfahrung des neuen Tages, die Jakob nach der Todeserfahrung der Nacht neu ins Leben zurückholt: Gott segnet den Verletzten. Aber dieser Segen unterscheidet sich von allem, was Jakob bisher als Gottes Segen empfangen hat: Weder seine Privilegien, die er seinem Bruder abgekauft hat, noch sein materieller Besitz, nicht einmal sein Kinderreichtum zeichnen ihn als Gesegneten aus, sondern allein Gottes Vergebung, die Jakob trotz seiner Schuld am Leben erhält und die ihn zum Segensträger für andere macht. Gott nimmt Jakob den alten Namen, der mit Schuld behaftet ist (Jakob – der Betrüger!) und gibt ihm den neuen Namen Israel, der ihn als Stammvater jenes Volkes ausweist, das Gott vor allen Völkern gesegnet hat.

So kann Jakob dem Bruder entgegengehen, nicht als einer, der mit Reichtum gesegnet ist und seinen Reichtum stolz vor sich herträgt, sondern als einer, der vom Kampf mit Gott gezeichnet ist. Dabei macht Jakob die wunderbare Erfahrung, dass Gott den Bruder ohne sein Zutun schon zur Versöhnung bereit gemacht hat.

Was für eine Geschichte! Mit ihr hat sich Israel zu allen Zeiten daran erinnert, worauf seine wahre Identität beruht. Es ist allein Gottes Gnade, die Jakob und seine Nachkommen trotz eigener Schuld zu Segensträgern für die Völkerwelt macht und Versöhnung schafft, wo, menschlich gesehen, keine Versöhnung mehr möglich scheint.

Dina

Genesis 34

Jakob hatte eine Tochter,

Dina mit Namen.

Sie war das jüngste Kind Leas30,21

und wuchs unter dem Schutz

ihrer sechs großen Brüder auf.

Diese waren streng darauf bedacht,

dass niemand ihrer Schwester schadete.

Doch eines Tages ging Dina allein

zur nahe gelegenen Stadt.

Da begegnete ihr Sichem,

der Sohn Hamors,

der über die Stadt regierte.

Als aber Sichem das Mädchen sah,

war es um ihn geschehen.

Er zog Dina mit Gewalt in sein Haus

und zwang sie, mit ihm zu schlafen.

So leidenschaftlich liebte er sie,

dass er sie nicht mehr freigeben wollte.

Er redete auf Dina ein,

lockte sie und warb um sie.

Doch Dina blieb stumm.34,1ff

Da ging Sichem zu seinem Vater,

drängte und bat ihn: „Hilf mir,

dass ich das Mädchen bekomme.

Ich muss sie unbedingt zur Frau haben.“34,4

So ging Hamor mit seinem Sohn

zu Jakob, um mit ihm zu reden.

Da kamen gerade Dinas Brüder

vom Feld nach Hause.

Als diese erfuhren, was Sichem

ihrer Schwester angetan hatte,

packte sie gewaltiger Zorn.

Dieser Kerl wagte es,

ihre Schwester zu schänden!

Für diese unerhörte Tat

gab es keine Gnade in ihren Augen!34,6f

Doch Hamor redete freundlich

mit ihnen: „So hört doch!

Mein Sohn liebt eure Tochter.

Er sehnt sich von Herzen nach ihr.

Bitte, gebt ihm Dina zur Frau!

Ich biete euch einen Tausch an:

Heiratet ihr unsere Töchter

und lasst euch für immer hier nieder.

Das ganze Land steht euch offen.

Dann bleiben wir im Frieden

miteinander verbunden.“

„Ja!“, mischte sich Sichem ein.

„Verlangt von mir, was ihr wollt!

Wenn ich nur das Mädchen bekomme!“34,8ff

Doch die Brüder dachten nur an Rache.

Hinterlistig erwiderten sie:

„Du kannst Dina nicht haben,

es sei denn, ihr lasst euch beschneiden,

alle Männer in eurer Stadt.

Dann wollen wir bei euch wohnen

und gemeinsam ein Volk bilden.“34,13ff

Das gefiel den beiden gut.

Sogleich machten sie sich auf,

gingen zu den Männern der Stadt

und überredeten sie,

dass sie sich beschneiden ließen.

Aber danach, am dritten Tag,

als alle noch ...

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