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Neuigkeiten aus dem Paradies

Über den Autor

Andrea Camilleri, 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle (Provinz Agrigento) geboren, arbeitete lange Jahre als Essayist, Drehbuchautor und Regisseur sowie als Dozent an der Accademia d’arte drammatica Silvio D’Amico in Rom. Dort lebt er mit seiner Frau Rosetta in dem Stadtteil Trastevere im Obergeschoss eines schmucken Palazzo, wobei er seinen Zweitwohnsitz in Porto Empedocle in Sizilien nie aufgegeben hat. Sein literarisches Werk, in dem er sich vornehmlich mit seiner Heimat Sizilien auseinandersetzt, umfasst mehrere historische Romane, darunter »La stagione della caccia«, 1992, »Il birraio di Preston«, 1995, und »La concessione del telefono«, 1998, sowie Kriminalromane. In seinem Heimatland Italien bricht er seit Jahren alle Verkaufsrekorde und hat auch bei uns ein begeistertes Publikum gefunden. Mit den Romanen um den Commissario Salvo Montalbano eroberte er auch die deutschen Leser im Sturm, und seine Hauptfigur gilt inzwischen weltweit als Inbegriff für sizilianische Lebensart, einfallsreiche Kriminalistik und südländischen Charme und Humor.

Andrea Camilleri

Neuigkeiten aus dem Paradies

Ansichten eines Sizilianers

Aus dem Italienischen von Christiane v. Bechtolsheim

Inhalt

  1. Sechs Beine hat das Huhn
  2. Die schnelle Warteschlange
  3. Genüsslich eidechseln
  4. Lasst uns armen Alten wenigstens die Laster
  5. Die Jahreszeiten haben keine Manieren mehr
  6. Wenn Krieg eine Frage der Manneskraft ist
  7. Umschwung unter der Bettdecke
  8. 8. März oder Der falsche Liebreiz der Mimosen
  9. Die Zigeunerjungen in Agnellis Schrank
  10. Der 1. Mai und die Mafia
  11. Glanz und Elend des Pistolero-Barons
  12. Je heißer, je lieber
  13. Ein sizilianisches Doppelleben
  14. Was ich Simenon zu verdanken habe
  15. Montalbano und die Realität: Wie meine Krimis entstehen
  16. In Italien haben auch Detektive eine Seele
  17. Scalfaro, der Leinwandheld im Nudelkrieg
  18. Als die Toten nicht mehr nach Hause fanden
  19. Ein Loblied auf alte Schmugglerzeiten
  20. Der Spion im Handy
  21. Und das Rentier nahm den Weihnachtsmann auf die Hörner
  22. Nachwort
  23. Bibliographische Hinweise
  24. Anmerkungen zu den Texten

SECHS BEINE HAT DAS HUHN

Vor vielen Jahren musste der kleine Neffe eines Freundes als Hausaufgabe einen Aufsatz schreiben, dessen Thema in etwa lautete: »Erzählt von eurer Katze«. Was tun? Trotz allen Bettelns und Jammerns hatte der Junge keine Haustiere haben dürfen (zu dieser Spezies gehörten anscheinend auch seine Klassenkameraden, denn er durfte nie draußen spielen). Mit Papier und Stift ausgerüstet, von der Mutter vom Balkon aus überwacht, ging der Kleine auf die Straße und machte sich Notizen über eine streunende Katze, die gerade des Weges kam. Am Ende stand in dem Aufsatz, seine Katze habe drei Beine, ein Ohr, einen angenagten Schwanz und sei stark räudig. Das hatte er gesehen, und das hatte er geschrieben.

In der Familie sorgte der Aufsatz lange Zeit für große Heiterkeit. »Das waren noch Zeiten!«, rufe ich jetzt. Denn der Junge hatte eigentlich nichts anderes getan, als ein Porträt »nach der Natur« zu zeichnen, wie man früher sagte, also auf die Natur bezogen, an der Wirklichkeit orientiert. Doch von Tag zu Tag wird deutlicher, dass das Gefälle zwischen dem Leben in der Stadt und dem in der Natur nicht dramatisch, sondern tragisch ist. Es gibt ein Beispiel von heute, das ich erschreckend finde. Eine Agentur wollte mit einer Umfrage unter römischen Kindern herausfinden, ob sie wissen, wie ein Huhn aussieht. Die Mehrheit der Kinder, die, wenn ich mich recht erinnere, zwischen drei und acht Jahre alt waren, antwortete, es gebe keine natürlichen Hühner, sie würden in Spezialfabriken hergestellt, seien also »künstlich«. So künstlich, dass die Fabrik zwei Sorten auf den Markt bringe: rohes Hähnchen (falls jemandem einfiele, es beispielsweise auf Jägerart zuzubereiten) und Grillhähnchen.

Über die Anzahl der Schenkel, die ein Huhn besitzt, waren sich die Kinder ziemlich uneins, manche meinten, es hätte sechs, manche schworen Stein und Bein, es besäße acht. Nur ein Kind erklärte, dass ein Huhn zwei Schenkel habe, aber die anderen fielen über das Kind her und lachten es aus. Noch strittiger war die Anzahl der Flügel: Immerhin kamen die Kinder einvernehmlich zu dem Ergebnis, dass ein Huhn auf jeden Fall viel weniger Flügel als Beine haben müsse, schließlich kämen mehr Beine als Flügel auf den Tisch. Doch die Tragödie (gestatten Sie mir, diesen Zustand ohne jede Ironie so zu nennen) war schon vor ein paar Jahren zum ersten Mal deutlich geworden, als Stadtkinder, die Fischarten aufzählen sollten, auch die »Fischstäbchen« dazurechneten. Glauben Sie mir, der kalte Schweiß bricht mir aus, während ich dies schreibe, denn hier tut sich ein tiefer Abgrund auf. Ich könnte wetten, dass Kinder, sollten sie in nicht allzu ferner Zukunft, sagen wir in zehn Jahren, erneut zu dem Thema befragt werden, antworten werden: »Der Fisch ist ein virtuelles Tier, das in den virtuellen Gewässern des Internet schwimmt. Er ist unter der Adresse www.zyfisch.wzyx zu finden.« Was für ein furchtbarer Gedanke: Wenn ein Kind meint, ein Lebewesen werde maschinell hergestellt, dann ist sein kindliches Gehirn in meinen Augen auf die schlimmste Weise vergiftet und entstellt. Denn auf diese Art gewöhnen wir es langsam, aber sicher an das Schrecklichste. Und was ist das Schrecklichste? Wenn in zwanzig Jahren ein Großvater (nicht ich – bis dahin werde ich mich glücklich verabschiedet haben) sein Enkelkind nach den Namen seiner Klassenkameraden fragt und zu hören bekommt: »Antonio, Antonio, Antonio, Antonio …«, wenn er fragt: »Wie bitte? Heißen die alle gleich?«, und das Kind sich über die Frage wundert: »Aber Großvater, die sind doch geklont!«

DIE SCHNELLE WARTESCHLANGE

Es geht das Gerücht, bald werde eine Verordnung erlassen, die den mehr oder weniger langen Warteschlangen in den Ämtern den Garaus machen soll. Dann muss jeder Angestellte alle Dinge in einer bestimmten Zeit erledigt haben: Wird diese Zeit überschritten, wird das Büro umstrukturiert. Bekanntermaßen ist »Umstrukturierung« ein bedrohliches Wort. Wahrscheinlich habe ich die Verordnung nicht besonders gut erklärt, aber so habe ich sie zumindest verstanden. Und das bisschen reicht, um sagen zu können, dass ich die ganze Geschichte höchst utopisch (nennen wir es mal so) finde.

Meiner Meinung nach wird hier der Amtsschimmel am Schwanz aufgezäumt. Es wäre sinnvoller, Verordnungen, Stempelmarken, Unterschriften zu streichen, eben all die Amtshandlungen, zu denen der Angestellte verpflichtet ist und die die Erledigung jeder noch so belanglosen Angelegenheit unglaublich in die Länge ziehen. Und um das Kind beim Namen zu nennen: Ich muss gestehen, dass ich gegen diese Verordnung bin, ich bin für die Erhaltung der Warteschlangen.

Die Reformer sollten sich das gut überlegen. Je länger die Warteschlange, umso förderlicher ist sie zwischenmenschlichen Beziehungen: Ich weiß von Witwen, die in der Schlange vor der Pensionskasse Witwer kennen gelernt und später geheiratet haben, von Leuten, die Freunde wurden, von Menschen, die nicht freiwillig, sondern schicksalsbedingt einsam waren und eine neue Familie gefunden haben. Die Schlangen fördern auch die Kultur: Man liest Zeitung oder unterhält sich über das, was man im Fernsehen gesehen hat. Ein junger Freund von mir, ein Doktor der Rechte, der als Bote arbeiten muss, hat vor einem Bankschalter den gesamten Proust gelesen. Und schließlich hilft die Warteschlange, Spannungen abzubauen: Müdigkeit, Nervosität, das Wissen um die verlorene Zeit verwandeln die Warteschlängler (so könnte man sie nennen) in fluchende, heulende Wesen. Und damit erledigt sich alles hier, innerhalb der vier Wände einer Amtsstube. Stellen Sie sich vor, die Warteschlängler ließen ihre Wut an der Familie aus oder reagierten sich auf der Straße ab! Im Vergleich dazu nähme sich die Französische Revolution wie ein Kindermärchen aus.

GENÜSSLICH EIDECHSELN

Früher fehlte in keinem Haus ein Barometer: Unseres war eine Art Wanduhr, natürlich viel kleiner, in einem hölzernen Jugendstil-Rahmen. Auf dem Zifferblatt standen viele Zahlen, deren Bedeutung kein Familienmitglied jemals zu enträtseln vermochte; wichtig waren nur die Aufschriften von »schön und beständig« bis »Unwetter«, über die ein dünner Zeiger wanderte. Jeden Abend, den der liebe Gott uns schenkte, klopfte meine Mutter mit dem Zeigefinger leicht auf das Glas des Barometers und beobachtete sehr aufmerksam die winzigste Schwankung des Zeigers, sagte dann »na ja« und ging ins Bett.

Der Sinn dieser Bemerkung, in der eine gewisse Skepsis gegenüber den Prognosefähigkeiten des Instruments lag, erschloss sich mir erst, als ich schon größer war und eines Tages ein schreckliches Unwetter niederging; meine Großmutter hatte sich, wie immer in einem solchen Fall, in eine fensterlose Kammer eingeschlossen und auf einen Holzstuhl gesetzt, von Kopf bis Fuß in eine Wolldecke gehüllt. Zu hören war nur ihre erstickte Stimme, die Stoßgebete zum Himmel schickte und Rosenkränze betete. Mitten in dem Tohuwabohu fiel mein Blick auf das Barometer: Es stand ungerührt auf »schön und beständig«.

Als das Unwetter vorüber war, sagte ich zu meiner Mutter, das Barometer sei kaputt. Sie antwortete, das sei nicht der Fall. Ich entgegnete, ich hätte es beobachtet und es habe sich bei dem Getöse nie von »schön und beständig« wegbewegt. Sie erklärte, sie habe vor Urzeiten den Zeiger in dieser Stellung fixiert. »Warum denn?«, fragte ich. Sie antwortete, so könne sie beruhigt schlafen gehen, und dieses »na ja« bedeute nur, dass sie wisse, wie die Dinge wirklich stünden.

Nun beschleicht mich nach etlichen Tagen »schön und beständig«

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